BVB – Hertha BSC: Letzte Runde

BVB – Hertha BSC: Letzte Runde

Nach dem verpassten Punktgewinn im Heimspiel gegen Mainz sowie dem anschließenden Unentschieden zwischen dem FC Bayern und dem VfB Stuttgart muss Hertha am letzten Spieltag doch noch einmal um den Ligaverbleib zittern. Im Spiel beim BVB wird die Alte Dame dabei von 4.200 mitreisenden Herthaner:innen unterstützt werden, um den Klassenerhalt zu sichern.

Unser Artikel zur Pressekonferenz vor dem Spiel.

Krankheitswelle dünnt Hertha-Kader aus

Nachdem unter der Woche bereits zu vernehmen war, dass sich Davie Selke im Training leicht verletzt hatte, ließ sich Trainer Felix Magath nicht nehmen, zu Beginn der Pressekonferenz zunächst einmal die Personallage zu referieren. So stehen neben den verletzten Alexander Schwolow, Lukas Klünter, Dong-jun Lee und Kelian Nsona auch die erkrankten Linus Gechter, Niklas Stark und Anton Kade nicht zur Verfügung. Die angeschlagenen Spieler um Marton Dárdai, Stevan Jovetic, Marvin Plattenhardt und eben Selke sind wieder fit. Gleiches gilt für die zwischenzeitlich ebenfalls erkrankten Myziane Maolida sowie Kapitän Dedryck Boyata. Angesprochen auf die sich häufenden Erkrankungen verrät Magath: „”Das sind alles Erkältungskrankheiten. Es sieht so als hätte der eine mal den anderen angesteckt.“ Ob es sich dabei eventuell sogar um Covid-Erkrankungen handeln könnte, umschifft er dabei geschickt.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Vielmehr beschäftigt er sich mit seinem Kader für das anstehenden Spiel. „Ich habe mir Anfang der Woche ein paar Sorgen gemacht“, so Magath angesichts der Erkrankungen von Linus Gechter, Niklas Stark und Dedryck Boyata mit Hinblick auf die Besetzung der Innenverteidigung, „aber Dedryck macht mittlerweile wieder einen guten Eindruck. Er will unbedingt spielen und ich gehe davon aus, dass er mit von der Partie ist.“

In der Offensive hingegen stehen Magath neben dem wiedergenesenen Stevan Jovetic mit Ishak Belfodil und voraussichtlich auch Davie Selke nunmehr alle nominellen Mittelstürmer zur Verfügung. Man habe im Sturm jetzt eine sehr gute Situation. Jovetic sei nach seiner Verletzungspause zwar noch nicht bereit für 90 Minuten, aber einsatzbereit und gut in Form. „Ich kann aus dem Vollen schöpfen!“, freut sich Herthas Trainer.

Lotka nach BVB-Wechselposse und Patzer im Fokus

Ein besonderer Fokus dürfte derweil auch auf dem jungen Torhüter Marcel Lotka liegen. Dessen Sommertransfer ausgerechnet zum BVB schien bereits beschlossene Sache. Magath lässt aber trotz der ungeklärten Situation und des folgenschweren Patzers keine Zweifel an seinem polnischen Schlussmann aufkommen. Gedanken an einen Torwartwechsel angesichts der Situation des Keepers schiebt er einen Riegel vor: „Auf gar keinen Fall! Dass auch er mal einen Fehler macht, ist doch völlig normal. Er hat den Fehler schon während des Spiels gut weggesteckt“, zeigt sich Magath weiterhin begeistert von Lotka, „Ich habe vollstes Vertrauen in Marcel und er genießt auch das Vertrauen der Mannschaft. Es gibt hier niemanden, der anzweifeln würde, dass er momentan unsere Nummer Eins ist.“

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(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Somit dürften sich bis auf den voraussichtlich zur Verfügung stehenden Plattenhardt auf der Linksverteidiger-Position sowie einem möglichen Einsatz des genesenen Marco Richter keine weiteren Änderungen in der Startelf ergeben.

Klassenerhalt oder Relegation? Magath ist vorbereitet

Dem kommenden Gegner blickt Magath mit gebührendem Respekt entgegen: „Wir spielen am Samstag gegen den Vizemeister, die zweitbeste Mannschaft in Deutschland. Natürlich ist Borussia Dortmund klarer Favorit. Wir wollen uns so gut und so teuer wie möglich verkaufen.“ Nach dem Erreichen des Minimalziels mit der Vermeidung des direkten Abstiegs wolle man nun auch den direkten Klassenerhalt erreichen. „Wir haben wieder die Stimmung, dass wir uns auch zutrauen, in Dortmund etwas zu erreichen. Und mit dieser Gewissheit, dass wir 90 Minuten kämpfen können, fahren wir auch dahin“, ist Magath zuversichtlich.

Mit Blick auf den Abstiegskonkurrenten Stuttgart und dessen um die Europa League-Teilnahme kämpfenden Gegner Köln möchte Magath sich nicht auf andere verlassen: „Es hilft nicht, wenn ich mir irgendwas ausmale. Wir kümmern uns nur um uns. Wir müssen alles dafür tun, dass wir aus Dortmund auch etwas mitnehmen.“

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Nichtsdestotrotz ist Magath auch auf alle Eventualitäten vorbereitet: „Ich plane immer noch mit der Relegation. Ich muss damit planen, weil das eine Möglichkeit ist. Und darauf bin ich selbstverständlich vorbereitet.“ Eine solche Relegation könnte den Hertha-Trainer an alte Wirkungsstätte führen. Zurzeit liegt der Hamburger SV in Liga Zwei auf dem Relegationsrang. „Ich habe in dieser Saison viele Zweitliga-Spiele gesehen, vor allem vom Hamburger Sportverein – zufällig!“, verrät Magath eine Vorliebe für seinen Ex-Verein. Natürlich habe er auch Darmstadt öfters gesehen. „Als Fußballfan habe ich am Wochenende um die Uhrzeit selten andere Termine“, fügt er dabei schmunzelnd hinzu.

Für den Fall der Fälle betont Magath, sei das Saisonziel Klassenerhalt eben auch über die Relegation noch zu erreichen: „Natürlich freue ich mich auf die beiden Relegationsspiele und auch auf den Vergleich mit einer Spitzenmannschaft der Zweiten Liga.“ Doch zunächst gilt der Fokus nur dem BVB-Spiel: „Nervös? Ich bin immer nervös vor Spielen. Das gehört für mich dazu“, führt Magath aus und liefert den Grund direkt hinterher: „Ich will immer gewinnen.“

Na dann – auf geht’s Hertha, Kämpfen und Siegen!

[Titelbild: Daniel Kopatsch/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Der nächste Offenbarungseid

Herthaner im Fokus: Der nächste Offenbarungseid

Nachdem am Samstag bereits Herthas Zweite (1:2 bei Chemie Leipzig) und Herthas U17 (1:1 gegen RaBas U17) gegen Leipziger Teams Federn lassen mussten, kamen Herthas Bundesligakicker zum Abschluss des Leipzig-Wochenendes ordentlich unter die Räder. Trotz acht coronabedingter Ausfälle wollte man die 0:6-Hinspielniederlage, höchste Pleite in Herthas Bundesliga-Historie, sowie die Schlechtleistung und Nullnummer gegen den Tabellenletzten Fürth in der letzten Woche nun vor 10.000 Zuschauer:innen im heimischen Olympiastadion vergessen machen. Das klappte dann aber eher mäßig.

Wir blicken auf einige Herthaner bei dieser 1:6-Heimpleite.

Innenverteidigung – 8 x 2 = 6 ?

Nachdem Marc Oliver Kempf nach überstandener Corona-Infektion ins Mannschaftstraining zurückkehren konnte, fiel neben sieben anderen Corona-Fällen auch Herthas Vize-Kapitän Niklas Stark mit einem positiven Test aus, sodass der Winterneuzugang Kempf gemeinsam mit Youngster Linus Gechter bereits das achte Innenverteidiger-Duo der Saison bildete. Dennoch funktionierte das Zusammenspiel der beiden zunächst ordentlich. Blieben sie im Aufbau eher glanzlos und unauffällig, zeigte sich das neuformierte Pärchen defensiv aufmerksam, klärte einige Hereingaben von den Seiten und zeigte eine ordentliche Zweikampfführung.

So eigentlich auch in der 20. Minute, als Gechter RaBa-Stürmer Yussuf Poulsen den Ball im Strafraum zunächst noch wegspitzelte, Vladimir Darida aber nicht in den folgenden Zweikampf kam und Poulsen so auf der rechten Berliner Abwehrseite den freien Benjamin Henrichs bediente. Dessen scharfer zweiter Versuch nach Parade von Alexander Schwolow fälschte Gechter so unglücklich ab, dass der Ball ins eigene Tor gelenkt wurde. Dem 17-Jährigen ist dabei kein Vorwurf zu machen, nichtsdestotrotz ist die Situation bezeichnend für den Herthaner Abstiegskampf. Neben Unvermögen kommt auch noch Pech dazu.

In der Folge stabilisierte sich Hertha zusehends, zu Beginn der zweiten Hälfte folgte eine Druckphase, in der Hertha zum Ausgleich kam und auch defensiv überzeugte. Und dann kam die 62. Spielminute. Einen Moment unaufmerksam ließ Kempf den antrittstarken Christopher Nkunku an sich vorbeidrehen, hängte sich im wahrsten Sinne des Wortes an ihn und brachte ihn schließlich im Strafraum zu Fall – klare Sache: Elfmeter und rote Karte.

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(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Mit dem erneuten Rückstand und der Unterzahl waren die Berliner gebrochen. Auf den vakanten Platz in der Innenverteidigung rückte Lucas Tousart, der bis dahin ein eher unauffälliges Spiel gezeigt hatte und in der Folge mächtig Probleme mit der Leipziger Offensive hatte. Beim 1:4 klärte er hart angegangen den Ball direkt in den Fuß eines Leipzigers, hob dann noch mit den Folgen des Zweikampfes beschäftigt das Abseits auf und kam nicht hinterher, als der Ball zu seinem Gegenspieler kam. Auch abseits dieser Szene wirkte Tousart im Abwehrzentrum völlig verloren, was sicherlich auch an generellen Auflösungserscheinungen im Berliner Mittelfeld lag. Jedenfalls bewarb sich der Franzose nicht für den freigewordenen Platz in der Innenverteidigung für nächste Woche.

Und dann wird wieder gepuzzelt, denn das Personal ist knapp. Rotsünder Kempf wird dank des verwandelten Elfmeters nur ein Spiel fehlen. Kapitän Dedryck Boyata und Márton Dárdai fallen noch länger aus, Lukas Klünter ist frisch positiv getestet und in der Viererkette ohnehin nicht als Innenverteidiger vorgesehen. Die Hoffnungen liegen also darauf, dass sich Niklas Stark rechtzeitig freitesten kann. Ansonsten könnte Trainer Tayfun Korkut tatsächlich auf Tousart zurückgreifen müssen oder einem der beiden kaderauffüllenden Amateurspieler Cimo Röcker oder Christalino Atemona zum Bundesliga-Debüt verhelfen.

Die Konstante in dieser Rechnung heißt Linus Gechter. In wenigen Einsätzen hat sich der junge Berliner mit unaufgeregten soliden Leistungen zu einem Stabilitätsfaktor entwickelt. Seine Entwicklung erinnert an jene von Márton Dárdai  in der letzten Saison. Nichtsdestotrotz sollte man einem 17-Jährigen nicht die Hoffnung im Abstiegskampf aufbürden, zumal auch er sich in der Vergangenheit verletzungsanfällig gezeigt hat und man das große Talent weder körperlich noch mental verheizen darf.

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(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Immerhin dürften Stark und Kempf nach dem nächsten Spiel wieder zur Verfügung stehen, sodass sich die Personallage dann leicht entspannt. Aber bis dahin muss noch das wichtige Spiel in Freiburg überstanden werden…

Fredrik André Bjørkan – Eine Nummer zu groß

Der norwegische Winterneuzugang gab nach den coronabedingten Ausfällen des formstarken Maxi Mittelstädt sowie Marvin Plattenhardt sein Startelfdebüt als Linksverteidiger in Herthas Viererkette.

Gegen spielstarke Leipziger wirkte er dabei aber von Beginn an überfordert. So rückte er häufig etwas zu zentrumsorientiert in die Mitte ein und ließ auf außen Platz für den hoch aufrückenden Nordi Mukiele, der so in der 9. Minute bereits zu einer Großchance kam. Auch in der Folge kamen immer wieder gefährliche Angriffe über Bjørkans Seite, der dabei kaum Flanken oder Hereingaben zu verhindern wusste und auch im Dribbling das ein oder andere Mal zu einfach ausgespielt wurde. So verlor er beim 1:3 Vorlagengeber Dani Olmo aus den Augen und leitete auch das 1:5 in der 81. Minute mit einer unzureichenden Klärungsaktion ein.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Offensiv konnte Bjørkan keine nennenswerten Aktionen initiieren, er brachte ab und an den Ball aus der Defensivreihe zu Ishak Belfodil oder Stevan Jovetić, startete selbst aber kaum einmal eigene Offensivläufe, was im Spiel gegen den bis dato Rückrunden-Zweiten mit einem Fokus auf die Defensive allerdings verständlich ist.

Kein gutes Spiel des Norwegers, aber auch kein katastrophales. Bjørkan braucht noch Zeit, um in der Bundesliga und bei Hertha anzukommen. RaBa war da eine Nummer zu groß für den Anfang. Sofern Mittelstädt sich bis zum nächsten Wochenende noch nicht freitesten kann, wird Bjørkan eine weitere Bewährungschance erhalten und sich gegen Freiburg beweisen können. Auch mit Mittelstädt wäre ein Einsatz nicht ausgeschlossen, dann vermutlich hinter dem Berliner Eigengewächs, das Bjørkan defensiv mehr Unterstützung bieten dürfte als er im 4-3-3 gegen Leipzig erhielt.

Tayfun Korkut – Wo bleiben die Lösungen?

Herthas Trainer stellte nach den wenig überzeugenden Auftritten zuletzt und den zahlreichen coronabedingten Ausfällen rückte er von seiner üblichen 4-2-2-2–Formation ab und stellte diesmal in einem 4-3-3 auf. Der Plan schien, die Leipziger Dreierkette im Aufbau unter Druck zu setzen und diese durch die drei Offensivspieler gemeinsam anzulaufen.

Was bei Erfolg als guter „Matchplan“ hätte gelten können, ging allerdings nicht wirklich auf, weil sich die Leipziger insgesamt ziemlich problemlos aus dem gelegentlichen Pressing lösen konnten und bei überspielen der ersten Pressingreihe kein Konzept der restlichen Mannschaft für diese Situation ersichtlich war und sich dort große Räume insbesondere zwischen Dreiermittelfeld und Abwehrkette ergaben.

Und so war es kein Zufall, dass genau aus einer solchen Situation das erste Tor fiel. Nachdem die Pressinglinie überspielt war, bekam Hertha im Mittelfeld keinen Zugriff und der Ball konnte in gefährlicher Position in den Strafraum gespielt werden, wo Gechter zunächst noch aufmerksam den Ball wegspitzeln konnte, das Kunstleder dann aber über Umwege doch noch im Tor landete. Nachdem Hertha dann etwas mehr vom Ball sah, plätscherte das Spiel bis zur Pause etwas vor sich hin. Korkuts Halbzeitansprache fruchtete dann offenbar, kurz vor Betreten des Platzes holte er die Mannschaft sogar noch einmal für eine kurze Ansprache zusammen.

Jovetić ließ sich etwas tiefer fallen und holte sich die Kugel häufig auf der Zehnerposition ab, um ihn dann ins Angriffsdrittel zu treiben, wo sich Belfodil als Anspielstation in vorderster Linie anbot. Aus einer solchen Situation fiel auch der glückliche Ausgleich. Und plötzlich war Hertha wie verwandelt. Während die Leipziger leichte Unsicherheiten zeigten, spiele Hertha mit Selbstbewusstsein und Selbstverständnis und wusste den Platz im Zentrum endlich zu nutzen. Über gut vorgetragene Angriffe kam man so plötzlich zu zwei ordentlichen Chancen auf den Führungstreffer durch Jovetić, die aber nicht verwertet werden konnten.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Und so kam es wie es kommen musste, die individuelle Qualität der Leipziger schlug gepaart mit Kempfs Unaufmerksamkeit zu. Nach einem Ballgewinn war Gechter mit über die Mittellinie gegangen, die Hertha-Abwehr daraufhin schlecht formiert und unsicher, Kempf unaufmerksam und das Unheil nahm seinen Lauf. Nach dem Spiel zeigte sich Korkut wie auch Fredi Bobic im Interview mit der Leistung bis zur Elfmeterszene um Kempf zufrieden. Doch auch in der ersten Hälfte war Hertha lange sehr passiv und wartete im Grunde nur auf das Gegentor. Sicherlich ist eine Niederlage gegen Leipzig kein Beinbruch, nichtsdestotrotz ist ein Beschönigen der Leistung Augenwischerei. Zehn ordentliche Minuten nach der Pause reichen in der Bundesliga einfach nicht.

Dass man dann in Unterzahl einbricht, ist nachvollziehbar, aber auch der taktischen Herangehensweise geschuldet. Natürlich hatte Korkut nur unerfahrene defensive Alternativen auf der Bank, dennoch entschloss er sich aktiv dafür, ausschließlich in der Dreier-Sturmreihe zu wechseln und diese auch nicht aufzulösen oder deutlich defensiver zu formieren, sodass das Zentrum in Herthas 4-2-3 zur Spielwiese der Leipziger Ballkünstler wurde und man sich die Tordifferenz weiter verhagelte und auch mental nochmal einen ordentlichen Knacks mitnahm. Die Punkte müssen in anderen Spielen geholt werden, aber die Analyse der gestrigen Partie lässt nicht hoffen, dass der Ernst der Lage erkannt ist und man Lösungsansätze für die kommenden Partien hat.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Gut sah man unter Korkut fast nur gegen stärkere Gegner aus, wenn Herthas individuell starke Offensivspieler phasenweise gefährliche Konter fahren konnten. Diese Herangehensweise wird aber nur selten zu Punktgewinnen reichen. Gegen direkte Konkurrenten oder Mannschaften, die vermeintlich auf Augenhöhe mit Hertha sind, reicht es bisher nicht – eine fatale Mischung im Abstiegskampf. Bei aller spielerischen Limitation des Kaders muss Korkut schnell Ergebnisse liefern. Sonst wird es nicht nur für ihn, sondern insbesondere für Hertha ganz eng.

Und dann war da noch:

Jovedil, die ein weiteres Mal zeigten, dass sie Herthas beste Fußballer sind. Die beiden ballsicheren und dribbelstarken Aktivposten konnten über Einzelaktionen in Herthas guten zehn Minuten nach der Pause mehrmals Gefahr für das Leipziger Tor erzeugen. Nach Jovetićs Tor in der 48. Minute verpasste der Montenegriner nach schönen Kombinationen in den Folgeminuten gleich zwei Mal den Führungstreffer.

Anton Kade, der in der 76. Minute zu seinem Bundesliga-Debüt kam. Der 18-jährige Bruder von Julius Kade, der mit Hertha 2019 Deutscher A-Jugend-Meister wurde, hatte in der 83. Minute noch die große Chance auf ein Erfolgserlebnis zum Debüt, scheiterte mit seinem zu zentralen Schuss aber am Leipziger Schlussmann. Gerade mit Blick auf die dünne Personallage auf den Außenbahnen dürfte er schon in dieser Saison zu weiteren Minuten kommen.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Marco Richter, der in der 25. Minute bei seiner Grätsche gegen den Leipziger Kapitän mit Gelb noch gut bedient war und sonst wie immer viel unterwegs war, diesmal aber wenig Zählbares erreichte. In der 34. Minute tauchte er nach schöner Ballstafette und Pass von Darida beinahe gefährlich vor dem Leipziger Tor auf und konnte nur durch ein Foul von Joško Gvardiol gebremst werden.

[Titelbild: Stuart Franklin/Getty Images]

Berliner Übergangssaison Verein

Berliner Übergangssaison Verein

Diese Saison ist für Hertha BSC schon lange das, was die Fans spätestens seit dem verkorksten letzten Tag der Sommertransferperiode befürchteten – die nächste Übergangssaison. Nachdem Klublegende Pal Dárdai mangels Weiterentwicklung der Mannschaft und Einigkeit über den zu beschreitenden Weg im Herbst durch Tayfun Korkut ersetzt wurde, stabilisierte sich die Mannschaft zwar zunächst, spielt aber dennoch gegen den Abstieg.

Wie haben Korkuts Maßnahmen bisher gefruchtet? Wird die Herangehensweise durch die Winterneuzugänge noch einmal verändert? Und was bringt die Rückrunde?

Neuer Trainer, alte Probleme

Direkt nach seiner Installation etablierte Korkut sein favorisiertes 4-4-2 mit zwei Sechsern. Und schon im ersten Spiel seiner Amtszeit zeigte sich ein offensiver Spielfluss, der zuletzt unter Dárdai schmerzlich vermisst wurde. Und das lag in erster Linie am neuen „Traumduo“ am Hertha-Himmel – Stevan Jovetic und Ishak Belfodil, boulevardesk teils als „Jovedil“ betitelt, wirbelten clever umeinander herum, erspielten sich in teils sehenswerten Kombinationen Torchancen und zeigten jeweils, dass sie fußballerisch in einer anderen Liga als Herthas sonstige Offensivkräfte anzusiedeln sind.

Womit auch schon ein Problem der neuen Formation zutage tritt. Fehlt einer der beiden, zuletzt häufig Jovetic, verletzt, kann der Ersatz nicht mit dem gleichen Spielwitz und derselben Spielintelligenz aufwarten, sei es Myziane Maolida, Marco Richter oder Davie Selke.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Kommen aus dem Sturmduo heraus keine ernstzunehmenden Offensivimpulse, lahmt Herthas Offensivspiel sichtlich. Mangels Flügelspielern im Kader kommen über die Außen kaum einmal gefährliche Flankenläufe. Aus dem Mittelfeld kann nur eine Einzelleistung von Suat Serdar für Überraschung in der Defensivreihe des Gegners sorgen.

Und so sahen die letzten Wochen und Spiele leider wieder verdächtig nach Dárdai-Ball aus, die Offensivbemühungen waren zu ausrechenbar und ungefährlich und verliefen so im Sande. Und defensiv wurde die eigentlich vorhandene Grundstabilität von einzelnen individuellen und kollektiven Schnitzern konterkariert.

Neue Gesichter im Kader – neues System?

Als kleiner Lichtblick der vergangenen Hertha-Wochen kann das Debüt von Winterneuzugang Fredrik André Bjørkan gegen den FC Bayern herangezogen werden. Zwar hatte Maxi Mittelstädt seine Sache zuletzt ordentlich gemacht, etwas Druck in der Problemzone Linksverteidiger kann aber nicht schaden.

Bjørkan erzeugte bei seinen wenigen Spielminuten gegen Bayern mehr Offensivpower und belebte Herthas Angriffsbemühungen. Setzt Korkut in den nächsten Spielen vermehrt auf ihn, könnte Mittelstädt auch eine Position nach vorne rücken und als linker Mittelfeldspieler etwas mehr bewegen als die zurzeit aushelfenden Notnägel aus dem zentralen Mittelfeld wie Vladimir Darida oder Suat Serdar, der zentral dringender benötigt wird.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Auch abseits der Bjørkan-Verpflichtung war wieder viel Bewegung im Hertha-Kader. So kamen neben dem norwegischen Linksverteidiger noch Dongjun Lee, ein 24-jähriger Rechtsaußen, sowie der Innenverteidiger Marc Oliver Kempf aus Stuttgart. Quasi positionsgetreu verließen dafür Jordan Torunarigha auf Leihbasis sowie Dennis Jastrzembski den Verein. Dazu wurden auch Deyovaisio Zeefuik und Krzysztof Piątek mit Kaufoptionen verliehen. Dem Vernehmen nach möchte Hertha auf genau diesen Positionen im Winter nochmal nachlegen und hat noch einen Rechtsverteidiger sowie einen Mittelstürmer im Visier.

Angesichts dessen liegt es nahe, dass Korkut an seinem 4-4-2 festhalten wird, wenngleich eine Umstellung auf Dreierkette mit dem vorhandenen Personal ebenfalls möglich wäre. So schickte Korkut gegen Bayern eine defensiv eingestellte Mannschaft mit Fünferkette auf das Feld, die den Tabellenführer aber auch kaum aufhalten konnte. Das etwas biedere 4-4-2 sorgt für eine stabile Defensive, bringt aber nur begrenzt Offensivgefahr mit sich.

Mit den neuen Kräften kann etwas frischer Wind in Herthas Spiel kommen. Man darf allerdings auch nicht zu viel erwarten und muss gerade bei den Verpflichtungen aus dem Ausland mit Anpassungsschwierigkeiten rechnen.

Richtungsweisende Wochen für Hertha

Hertha aber muss sofort liefern. In den nächsten beiden Spielen geht es mit Bochum und Fürth gegen die direkten Konkurrenten im Tabellenkeller. Immerhin ist mit Stevan Jovetic Herthas Schlüsselspieler wieder fit.

Unabhängig der Punkteausbeute aus den beiden Partien müssen wir uns auf eine lange Saison einstellen. Mit dem Pokal-Aus ist auch die letzte Chance auf eine versöhnliche Spielzeit vertan. Es wird bis zum Ende um den Nichtabstieg gehen. Hoffnung machen da insbesondere die schlechten Leistungen der direkten Konkurrenten. Aber man darf sich nicht auf andere verlassen.

Es bleibt zu hoffen, dass aus der nächsten Übergangs- diesmal keine Untergangssaison wird.

[Titelbild: PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images]

FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Drei Thesen zum Spiel

FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Drei Thesen zum Spiel

Nach zuletzt fünf sieglosen Spielen in Serie konnte unsere Hertha im Abstiegskampf mit dem Heimdreier gegen Arminia Bielefeld ein wichtiges Erfolgserlebnis einfahren und einen direkten Konkurrenten distanzieren. Doch auch andere Kellerkinder stockten ihr Punktekonto auf. Und so bleibt der Blick bei weiterhin nur zwei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz nach unten gerichtet. Umso wichtiger, nun den ordentlichen Start von Neu-Trainer Tayfun Korkut fortzusetzen und beim nächsten nominell ebenbürtigen Team zu punkten.

Dienstag ist die alte Dame in Mainz zu Gast und könnte mit einem Sieg sogar punktetechnisch zu den Nullfünfern aufschließen. Unsere drei Thesen zu diesem Duell.

These 1: Never change a running system

Zwei Spiele, vier Punkte – kaum ein Grund für Korkut, größere Anpassungen vorzunehmen. Und so wird er auch im Auswärtsspiel am Dienstagabend die erfolgsbewährte Grundformation des 4-4-2 beibehalten. Personell dürfte die selbe Elf beginnen wie zuletzt gegen Bielefeld. Ansonsten wird in einer englischen Woche gern durchgewechselt, doch es drängt sich der Eindruck auf, dass Korkut der erfolgreichen Elf vertraut.

Im Vergleich zum Stuttgart-Spiel setzte Korkut gegen Bielefeld im Vierer-Mittelfeld allerdings auf den genesenen Suat Serdar statt des glücklosen Myziane Maolida. So ersetzte er einen klaren Flügelspieler durch einen zentralen Mittelfeldmann.

Eine weise Entscheidung, war doch gegen Stuttgart Herthas Zentrale zu oft verwaist und gegen mehrere Angreifer auf sich allein gestellt. Dies zeigte sich insbesondere beim Konter zur zwischenzeitlichen 2:0-Führung der Stuttgarter.

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(Photo by Matthias Kern/Getty Images)

Mit der Hereingabe von Serdar kam nun ein weiterer zentral orientierter Spieler dazu, der dieses Problem beheben konnte. Der Plan, das Zentrum dicht zu machen, funktionierte zwar gegen wenig kreative und tempoarme Bielefelder. Es birgt aber das Risiko, dass ein clevererer Gegner über die nunmehr unterbesetzten Flügel Herthas Defensive zu knacken versuchen dürfte. Für die zentrumsorientierten Spieler bedeutet das hohe Laufarbeit, da sie sowohl defensiv als auch offensiv Mitte wie Außen abdecken müssen. So kann es auf den defensiven Außen häufiger mal zu Überzahlsituationen der gegnerischen Angreifer kommen.

Ein Umstand, den sich insbesondere das variable Mainzer Sturmduo aus Karim Onisiwo und Jonny Burkardt gegen die nicht besonders temporeichen Marvin Plattenhardt und Peter Pekarik oder den im Zweikampf häufig zu stümperhaften Zeefuik zunutze machen dürfte.

These 2: Auch gegen Mainz funktioniert der Oldie-Sturm

Es hatte sich gegen Stuttgart angedeutet und nun gegen Bielefeld fortgesetzt – Hertha hat ein neues Sturmduo. Stevan Jovetic und Ishak Belfodil harmonieren unverhofft gut und verleihen Hertha dabei so etwas wie Offensivgefahr. Und auch gegen Mainz werden sich die beiden gefährlich vor den gegnerischen Kasten durchkombinieren.

Stevan Jovetic lässt zurzeit die Herzen der Hertha-Fans höher schlagen. Hat er den Ball und führt ihn vor sich her am Fuß, scheint eine geniale Idee nicht weit. Dabei treibt sich Jovetic nicht nur im Sturmzentrum herum, sondern holt sich immer wieder auch Bälle auf den Außenpositionen. Oder er stößt in Freiräume zwischen den gegnerischen Verteidigungsketten, um mit dem Ball aufzudrehen und mit etwas Tempo auf den gegnerischen Verteidiger zuzudribbeln oder auch zielstrebig und clever den Abschluss zu suchen.

hertha mainz
(Photo by Matthias Kern/Getty Images)

Belfodil hingegen ist der etwas positionstreuere Zielspieler. Er kann nach Anspielen den Ball ordentlich festmachen und behauptet sich auch mit Gegenspieler im Rücken. Er kann, selbst wenn ihm das Tempo sichtlich fehlt, auch ein paar Schritte ins Dribbling gehen und auf den durchstoßenden Jovetic oder nachrückende Mittelfeldspieler wie Marco Richter, Suat Serdar oder Jurgen Ekkelenkamp ablegen und sie so in Abschlusssituationen bringen.

Nachdem Belfodil gegen Stuttgart ein eigener Treffer noch vom VAR aberkannt wurde, könnte sein zweieinhalb Jahre währender Tor-Knoten jetzt endlich platzen. Allerdings – wer auflegt oder trifft, ist uns eigentlich egal. Ein Scorer aus dem Oldie-Duo wird aber dabei sein!

These 3: Und trotzdem coacht Bo Svensson Korkut aus

Unser abschließende Blick richtet sich auf den Gegner. Die Mainzer leisteten am Wochenende starke Gegenwehr bei Bayern München und unterlagen nach zwischenzeitlicher Führung und couragierter Leistung nur knapp mit 2:1. Kein Zufall, stellt Mainz doch gemeinsam mit Bayern die zweitbeste Defensive der Liga und steht auch sonst mit Platz acht ordentlich da.

In der 1. Bundesliga wohlgemerkt – ein Umstand, den sich selbst eingefleischte Mainz-Fans vor knapp einem Jahr kaum vorstellen konnten. Als Bo Svensson nach dem 14. Spieltag der letzten Saison die Nullfünfer übernahm, standen diese mit nur sechs Punkten abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz (noch hinter der rückblickend historisch schlechten Mannschaft aus Gelsenkirchen). Was folgte, war eine beispiellose Aufholjagd, die in der besten Rückrunde der Mainzer Bundesliga-Historie mündete und in dieser Saison seine Fortsetzung fand.

(Photo by Christof Koepsel/Getty Images)

Der Erfolg hängt eng mit Cheftrainer Svensson zusammen. Er setzt auf ein kompaktes System, fand für seine offensive Idee schnell die richtige Mischung an variablen Angreifern und bereitet seine Mannschaft optimal auf jeden Gegner vor. Er orientiert sich dabei effektiv an den Stärken und Schwächen des jeweiligen Kontrahenten und ärgert mit seinen cleveren Matchplänen auch den ein oder anderen großen Namen.

Ein Vorteil für Hertha dürfte aber darin bestehen, dass die Herangehensweise der Herthaner unter dem neuen Coach Korkut insgesamt noch recht unbekannt und wenig vorhersebar ist. Klar ist, dass Svensson in seiner Spielvorbereitung besonderes Augenmerk auf Jovetic und Belfodil legen dürfte. Und sich für die zwei etwas Kluges überlegt.

Mainz ist formstark und taktisch immer wieder optimal auf den Gegner eingestellt. Doch auch Hertha scheint unter Korkut eine bessere Balance zwischen defensiver Kompaktheit und offensiver Durchschlagskraft gefunden zu haben. Dennoch – aus Mainz nehmen wir höchstens einen Punkt mit.

[Titelbild: Alex Grimm/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Brustlöser in Bochum

Herthaner im Fokus: Brustlöser in Bochum

Nach einer chancenlosen Partie gegen Bayern München und einem ernüchternden Deadline Day galt es für Hertha BSC, die Länderspielpause zu nutzen und gegen den VfL Bochum die ersten Punkte dieser Saison einzufahren, um einen Katastrophenstart zu vermeiden. Das gelang immerhin. Spielerisch bot Hertha aber über die gesamten 90 Minuten magere Kost. Es wird wohl eine lange Saison…

Wir blicken auf einige Herthaner bei diesem wichtigen 3:1-Auswärtssieg.

Dennis Jastrzembski – DJ der leisen Töne

Der 21-jährige Leihrückkehrer war sicherlich die große Überraschung in der Hertha-Startelf gegen Bochum. Auf der linken Seite der Fünferkette erhielt er den Vorzug vor dem formschwachen Maxi Mittelstädt; Marvin Plattenhardt fehlte verletzt. Jastrzembski ist als gelernter Außenstürmer dabei sicherlich auch die offensivstärkere Option. Aber eben auch eine defensiv wackligere und so überraschte es kaum, dass die ersten Angriffsversuche der Bochumer über seine linke Seite kamen und direkt in einem gelbwürdigen Foul nach nicht einmal zwei Minuten mündeten.

Foto: IMAGO

In der Folge bekam Jastrzembski häufiger Unterstützung in der Defensivarbeit von Lucas Tousart, der dafür in der Mitte etwas mehr Platz anbieten musste. Auch Marco Richter half, der in potenziellen Umschaltmomenten dann ab und an selbst vorne fehlte.

Offensiv präsentierte sich Jastrzembski etwas beweglicher als die beiden Linksverteidiger-Alternativen Maxi Mittelstädt oder Marvin Plattenhardt. Er blieb aber trotz einiger zaghafter Anläufe insgesamt ohne Durchschlagskraft und entscheidende Ideen. Mit einem seiner weiten Einwurf leitete er immerhin das 2:0 durch Suat Serdar ein.

“Jatze” weder fatal, noch berauschend

Zur Halbzeit wurde Jastrzembski gegen Maxi Mittelstädt ausgetauscht, um defensiv mehr Sicherheit zu bewirken und die bis dato eher unverdiente 2:0-Führung über die Zeit zu bringen.

Alles in allem ein okayer Auftritt vom jungen Außenstürmer auf ungewohnter Position. Die defensiven Problemen waren erwartbar, werden in der Bundesliga von spielstärkeren Mannschaften aber auch deutlich härter bestraft.

Ob Pál Dárdai am Freitag im Olympiastadion gegen Fürth Jasztrembski wieder das Vertrauen schenkt und gegen den vermeintlich schwächsten Gegner auf mehr Offensivpower setzt, bleibt abzuwarten. Sein Auftritt war weder besonders berauschend, noch besonders fatal. Kontrahent Mittelstädt hat sich allerdings in Hälfte Zwei auch nicht aufdrängen können. Und da Plattenhardt nach wie vor verletzt ist, könnte diese ungewöhnliche Besetzung der linken Außenposition gegen Fürth seine Fortsetzung finden.

Suat Serdar – Der Goal-aus-dem-Nichts-Getter

Wie schon gegen Köln begann Suat Serdar für Hertha in Bochum als rechter Part eines Dreiersturms. Wie schon gegen Köln funktionierte das überhaupt nicht. Serdar bekam keine Bälle, weil Hertha das anfängliche Pressing der Bochumer kaum auflösen konnte. Darüber hinaus kamen Lucas Tousart und Vladimir Darida im Zentrum nicht wirklich ins Spiel. In der Folge hing eigentlich die gesamte Offensive in der Luft.

Dem Herthaner Mittelfeld fehlte ein Ballverteiler, ein Box-To-Box-Spieler, der das Spiel aufzieht und den Ball auch mal nach vorn treibt – also ein Spieler wie Serdar, der eigentlich auch für genau diese Aufgaben geholt worden war. Das sah wohl auch Pál Dárdai so und stellt Hertha Mitte der ersten Hälfte auf ein 3-5-2 um. Serdar bot er so zentraler auf einer Achterposition auf, um genau dieses Defizit zu beheben.

Folgerichtig, dass Serdar dann in Minute 37 nach einem schönen Ballgewinn von Niklas Stark mit seiner ersten Aktion des Spiels von der Achterposition aus den Ball aufnahm, Richtung Tor zog, schließlich mit einem Haken drei Bochumer Verteidiger stehen ließ und mit einem schönen Abschluss von der 16er-Linie ins lange Eck auf 1:0 stellte.

Foto: IMAGO

Die Bochumer waren angesichts des bisherigen Spielverlaufs zurecht konsterniert. Und ihr Unglück steigerte sich noch, als sich die Bochumer Hintermannschaft in der 43. Minute nach einem Einwurf Jastrzembskis derart dilettantisch anstellte, dass der Ball plötzlich unbegleitet im Fünfer frei vor Serdar lag und dieser nur noch einzuschieben brauchte.

So stand der 24-Jährige plötzlich unverhofft mit einem Doppelpack da, der sich nach Herthas Offensivvortrag in Hälfte eins eigentlich so gar nicht angedeutet hatte.

Schluss mit den Serdar-Experimenten

In der zweiten Hälfte konzentrierte sich Hertha gegen Bochum auf das Verteidigen dieses Vorsprungs. So tauchte auch Serdar wie die meisten seiner Kollegen weitestgehend ab und verrichtete vorrangig seine defensiven Aufgaben. Hertha konnte dadurch allerdings kaum einmal für Entlastung sorgen und der Bochumer Druck erhöhte sich umso mehr, als Simon Zoller in der 59. Minute zum Anschluss traf. Schlussendlich rettete eine weitere Einzelaktion von Myziane Maolida die glanzlosen, so wichtigen drei Punkte.

Nachdem das Experiment Serdar auf Rechtsaußen bereits zum zweiten Mal so gar keine Früchte trug, dürfte sich der ehemalige Gelsenkirchener gegen Greuther Fürth hoffentlich auf seiner angestammten Position im zentralen Mittelfeld wiederfinden. Die Fürther dürften als Tabellenletzter im Auswärtsspiel in Berlin wohl größtenteils auf eine stabile Defensive und Herthas fehlende Kreativität setzen, um Punkte aus der Hauptstadt zu entführen.

Entsprechend könnte Serdar die wichtige Rolle als Taktgeber und Ballverteiler zukommen. Darüber hinaus darf er gern auch in Einzelaktionen seine Torgefahr wieder aufblitzen lassen. Denn das sich Hertha gegen die Fürther Defensive reihenweise schön durchkombiniert, ist nach den letzten Spielen nicht zu erwarten.

Myziane Maolida – Ein Ballkontakt reicht

Der französische Neuzugang kam zwei Wochen nach seinem Deadline Day-Transfer erwartungsgemäß noch nicht von Beginn an zum Einsatz. In der 57. Minute war es dann aber soweit, Pál Dárdai erhoffte sich von dem Wechsel offensive Entlastung und brachte Myziane Maolida gegen Bochum so zu seinem Hertha-Debüt.

Zu einem denkbar undankbaren Zeitpunkt, denn Hertha hatte sich in Hälfte zwei immer weiter zurückgezogen, das Offensivspiel mehr oder weniger eingestellt und sah sich zunehmendem Bochumer Druck ausgesetzt.. Und so hing Maolida neben Belfodil erst einmal in der Luft und schaute seinen Teamkollegen beim unzureichenden Klären von Hereingaben zu.

Als endlich einmal ein Ball seinen Weg in die Bochumer Hälfte fand, nahm Maolida mit seinem gefühlt (und möglicherweise tatsächlich) ersten Ballkontakt in der 78. Minute Tempo auf, zog dribbelnd von rechts ins Zentrum Richtung Tor, schüttelte den offensichtlich angeschlagenen Armel Bella-Kotchap ab und wurde auch von den übrigen Bochumer Abwehrspielern nicht attackiert. Diese Chance ließ sich Maolida nicht nehmen und schloss aus zentraler Position 16 Meter vor dem Tor mit seinem schwachen linken Fuß ins rechte untere Eck ab.

Hertha Bochum
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Damit war der Deckel drauf. Die Partie verflachte in der Folge. Maolida durfte sich noch einige Male in Laufduelle stürzen und in der letzten Minute beinahe ein spektakuläres Distanztor von Lucas Tousart bestaunen. VfL-Keeper Manuel Riemann konnte seinen Annahme-Patzer aber auf der Linie noch ausbügeln.

Wie macht sich Maolida gegen tiefstehende Gegner?

Aus Maolidas Sicht ist ihm sein Debüt dank des Treffers gelungen. Abseits des Treffers war ehrlicherweise aber noch nicht so viel zu sehen, was insbesondere an dem Mangel an Zuspielen lag. In den knapp 30 Minuten auf dem Platz bekam er aber kaum einen Ball und war in der Offensive spätestens seit der Auswechslung Belfodils völlig allein auf weiter Flur.

Und so wird es spannend, wie er sich präsentieren kann, wenn Hertha nicht auf Konter setzt, sondern gegen einen kompakt verteidigenden Gegner das Spiel machen muss. Dribblingstärke, offensives Kombinationsspiel und Abschlussstärke kann er vermutlich schon beim Heimspiel gegen den neuen Tabellenletzten Greuther Fürth am Freitagabend unter Beweis stellen. Sollte es nicht für die Startelf reichen, wird er wohl wieder als Joker zum Zug kommen. Und so hoffentlich an den ordentlichen ersten Eindruck aus dem Bochum-Spiel anknüpfen.

System – Aufstellung, wechsel dich

Hertha begann in einem 3-4-3 mit Suat Serdar auf dem rechten Flügel und Dennis Jastrzembski auf der linken Schiene.

Anders als vom DAZN-Kommentator vehement behauptet, ist das grundsätzlich erstmal eine eher offensivere Aufstellung als das alternative 3-5-2, in dem sich ein zentraler Mitelfeldspieler mehr um defensive Absicherung kümmern kann. Dazu hatte mit DJ auf der linken Schiene ein gelernter Außenstürmer auch Defensivaufgaben zu verrichten.

Trotzdem lahmte Herthas Offensivspiel total. Das lag in erster Linie daran, dass die laufstarken Sechser Lucas Tousart und Vladimir Darida zwar viel unterwegs waren, aber nicht die richtigen Räume bespielten. So kam der Ball überhaupt nicht ins Angriffsdrittel. Hertha konnte sich häufig schon nicht in der Dreierkette nicht aus dem Bochumer Pressing befreien. Man versuchte sich in langen Bällen, die regelmäßig bei einem Bochumer Spieler landeten.

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So stellte Dárdai zur Mitte der ersten Hälfte auf ein 3-5-2 um und zog Suat Serdar auf die Achterposition zurück. Zwar dominierte Hertha das Spiel auch jetzt nicht und tat sich in offensiven Kombinationen noch immer sehr schwer, fand aber immerhin statt. Und kam so zwar insgesamt unverdient, aber vielleicht auch nicht ganz zufällig zu den zwei Treffern durch Serdar.

Bis auf drei Punkte kann Hertha wenig aus Bochum mitnehmen

Zur Halbzeit musste Dárdai auf den verletzungsbedingten Ausfall von Jordan Torunarigha reagieren. Er brachte den erst 17-jährigen Linus Gechter zu seinem Bundesliga-Debüt. Vielleicht auch deswegen wechselte Herthas Coach zusätzlich noch den defensiv anfälligeren Jastrzembski aus und brachte dafür den erfahreneren Maxi Mittelstädt. Das Team war in der Folge sehr darauf bedacht, das Ergebnis zu sichern und stellte die Offensivbemühungen praktisch ein. Die Bochumer fühlten sich mit dem Ballbesitz zunehmend wohler und so kam es in der 59. Minute, wie es kommen musste und der Anschlusstreffer fiel.

In der Folge wirkte Hertha stark verunsichert und der Ausgleich schien nur noch eine Frage der Zeit. Dárdai reagierte in der 73. Minute, indem er Ishak Belfodil vom Platz nahm und dafür Kevin-Prince Boateng brachte und so auf ein 5-4-1 umstellte. Das wohl defensivstmögliche System brachte nach vorne schließlich überhaupt keine Entlastung mehr. Bis Maolida das Spiel mit seiner Einzelaktion entschied und die Partie vor sich hinplätschernd auf das Ende zuging.

Hertha Bochum
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Dárdai sagte nach dem Spiel im Fernsehinterview, dass das Team in den letzten zwei Wochen mit vielen neuen Systemen und Anweisungen konfrontiert war und er dafür eigentlich zufrieden sei. Der Erfolg mag ihm recht geben, es kann allerdings nicht der Anspruch von Hertha BSC sein, sich mit Einzelaktionen und individuellen Fehlern des Gegners in Bochum zu einem Auswärtssieg zu zittern. Entsprechend muss sich Hertha gegen Greuther Fürth anders präsentieren.

Denn Fürth dürfte in fremdem Stadion deutlich passiver auftreten und Hertha das Toreschießen schwer machen. Anders als die Bochumer wird Fürth wohl auch kaum den Ball übernehmen und sich etwas locken lassen. Es heißt dann für Hertha, spielerische Lösungen zu finden. Woher die innerhalb einer Woche kommen sollen, bleibt eher fraglich. Myziane Maolida zeigte Ansätze, auch Hoffnungsträger Jurgen Ekkelenkamp dürfte wenigstens als Einwechselspieler zu seinem Debüt kommen. Ob das gegen bisher zugegeben ebenfalls sehr schwache Fürther reicht?

Und dann war da noch:

Marco Richter, der viel unterwegs war, offensiv wie seine Teamkollegen aber in der Luft hing. Mangels Anspielen und zur Unterstützung von DJ war Richter auch öfters defensiv zu finden, fehlte bei Ballgewinnen dann für den Umschaltmoment wieder in der Offensive. Nach einer etwas auffälligeren Anfangsphase wurde er immer unsichtbarer, umso mehr Bochum den Ball kontrollierte. Der Wille war deutlich zu erkennen, Laufbereitschaft und Elan stimmen. Sofern Herthas Offensivspiel demnächst etwas Fahrt aufnimmt, könnten auch seine spielerischen Qualitäten zum tragen kommen.

Ishak Belfodil, der im Sturmzentrum kaum Bälle erhielt und mit den wenigen, die ankamen, nicht viel anfangen konnte. Der Algerier wühlte vor dem 2:0 beim Einwurf im gegnerischen Sechzehner (Bochum-Trainer Thomas Reis sah ein „klares Foul“ – nein) und wurde in der 73. Minute der taktischen Maßgabe völliger Defensive geopfert und ausgewechselt. Gegen Fürth dürfte er mangels Alternativen wieder ein Startelfkandidat sein.

Linus Gechter, der 17-jährige Innenverteidiger, der nach der Pause für den verletzten Jordan Torunarigha ins Spiel kam und sein Bundesliga-Debüt feierte. Schon in der Vorbereitung war Gechter in allen Testspielen bis auf das abschließende gegen Gaziantep eingesetzt worden. Die Nervosität war ihm dennoch anzumerken, beim Gegentreffer sah auch er nicht gut aus. Nichtsdestotrotz ein Meilenstein und ein weiterer vielversprechender Spieler aus der Akademie. Glückwunsch und wir freuen uns auf mehr, Linus!

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Eduard Löwen, der von Hertha an Bochum verliehene „Standardspezialist“, der alle ruhenden Bälle bei den Bochumern zu verantworten hatte. Doch keinen einzigen davon konnte er halbwegs gefährlich an den eigenen Mann oder aufs Tor bringen. In einer Szene köpfte Maxi Mittelstädt nach Freistoßhereingabe des Leih-Herthaners beinahe ein Eigentor – bezeichnend.
Ansonsten lieferte Löwen ein ordentliches Spiel im zentralen Mittelfeld ab. An den Standards muss er aber dringend wieder etwas feilen.

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