Herthaner im Fokus: TSG Hoffenheim – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: TSG Hoffenheim – Hertha BSC

Nach der unschön anzusehenden, doch im Ergebnis so wichtigen Partie gegen Köln duellierte sich unsere Alte Dame am letzten Spieltag der Saison 2020/2021 mit der TSG Hoffenheim in Sinsheim um die Goldene Ananas. Während auf anderen Plätzen die Kämpfe ums internationale Geschäft und den Klassenerhalt gefochten wurden, konnte Hertha zwar die Ungeschlagen-Serie seit dem 13. März 2021 nicht weiterführen, aber immerhin die obligatorische Klatsche mit vier Toren Differenz zum Saisonabschluss vermeiden.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei dieser sportlich irrelevanten 1:2-Auswärtsniederlage. Dabei nehmen wir vor allem die Spieler in den Fokus, die sich am Samstag (höchstwahrscheinlich) von Hertha BSC verabschiedet haben.

Peter Pekarik – Mr. Zuverlässig

Herthas ewiger Rechtsverteidiger startete auch im letzten Spiel der Saison rechts in einer Viererkette. In der chancenreiche Anfangsphase war auch der Slowake vorne zu finden und legte in der 17. Minute eine gute Chance für Jessic Ngankam auf, der am Hoffenheimer Keeper Pentke scheiterte. Als das Spiel immer mehr verflachte und kaum Möglichkeiten bot, tauchte Pekarik plötzlich wieder im Hoffenheimer Strafraum auf. In der 41. Minute brachte er von der Grundlinie aus einen Pass in den Rückraum, wo sich Ngankam und Nemanja Radonji nicht einig wurden und die Schusschance verpuffte.

In der 43. Minute hatte sich der Hertha-Verteidiger wieder nach vorne geschlichen und die Defensive der Gastgeber aufgemischt. Auf der anderen Seite des Spielfelds tankte sich Marvin Plattenhardt durch und brachte eine passgenaue Flanke auf den Fünfmeterraum, wo Vladimir Darida den von Pekarik geschaffenen Freiraum nutzte und unbedrängt zur 1:0-Führung einköpfte.

Foto: IMAGO

Auch wenn der 34-jährige Slowake nicht direkt am Tor beteiligt war, so zeigte sich auch hier sein in dieser Saison neu gewonnener Torriecher, der ihn zum fünftbesten Torschützen bei Hertha in dieser Spielzeit machte. Unter seinen drei Bundesliga-Treffern waren dabei auch so wichtige Tore wie das zum 1:1 beim 3:1-Hinspiel-Sieg gegen Union Berlin wie auch das 2:0 beim 3:0-Erfolg im Nachholspiel gegen den SC Freiburg.

Zu Beginn der zweiten Hälfte zeigte sich Pekarik dann aber wie seine Defensiv-Kollegen nach einer Riesenchance für Vladimir Darida zu unaufmerksam und ließ Ryan Sessegnon auf der rechten Abwehrseite zu viel Raum und Platz. Dessen scharfe Hereingabe konnte Sargis Adamyan in der Mitte zum 1:1-Ausgleich verwerten. Diese Unaufmerksamkeit konnte Herthas Rechtsverteidiger aber nicht auf sich sitzen lassen und so warf sich Mr. Zuverlässig in der 52. Minute in höchster Not in einen Schuss von Andrej Kramaric und konnte so noch eben den nächsten Einschlag verhindern.

Danach bewegte sich das Spiel wieder in ruhigere Fahrwasser und Hertha kam lange nicht mehr wirklich in Bedrängnis – wie immer auch ein Verdienst von Peter Pekarik. Nachdem mit der Khedira-Auswechslung endgültig die Sommerpause eingeleitet schien, tröpfelte das Spiel größtenteils vor sich hin. Als die Partie beinahe schon abgepfiffen schien, kamen die Hoffenheimer doch noch spät zu einem verdienten 2:1-Sieg durch den Treffer von Andrej Kramaric.

Ob Peter Pekariks Vertrag noch einmal verlängert wird, ist zweifelhaft. Die Zuverlässigkeit in Person ist seit 2012 bei Hertha, hat in der zweiten Liga, aber auch in der Europa League gespielt. Er hat Pal Dardai kommen, wieder gehen und wieder kommen sehen. Und der stets unscheinbare Slowake war immer dabei.

Danke, Peter!

Mathew Leckie – Internationale Schnelligkeit

Der Australier durfte wie bei seinem Debüt für Hertha gegen den damaligen Aufsteiger VfB Stuttgart im Sommer 2017 auf der rechten Seite im heut wie damals von Dardai favorisierten 4-2-3-1 beginnen.

Doch anders als einst, als Mathew Leckie den Linksverteidiger Ailton des VfB schwindlig spielte und mit einem unvergessenen Ronaldo-Chop links liegen ließ, um zum Doppelpack einzuschieben, konnte Leckie diesem Spiel seinen Stempel nicht aufdrücken. Er fiel zwar auch nicht ab, konnte aber keine entscheidenden Szenen initiieren. Dass der Moderator eines Bezahlsenders bei Leckies Auswechslung dennoch von einer guten Leistung sprach, ist wohl bezeichnend für die Leistungen, die Leckie bei Hertha größtenteils zeigte. Ebenso, dass der für ihn eingewechselte Daishawn Redan, wenngleich glücklos, schon kurz nach seiner Einwechslung für mehr Wirbel sorgte, als Leckie in seinen gesamten Saisoneinsätzen zusammen.

Foto: IMAGO

Hatte Leckie mit seinem Doppelpack beim Debüt 2017 noch Träume geschürt, zeigte sich danach relativ schnell, dass die Skepsis der Hertha-Anhänger:innen wie auch die 2173 Minuten andauernde Torflaute vor dem ersten Treffer gegen die Stuttgarter doch begründet waren. Leckie fehlte es nie am Einsatz, er zeigte allerdings auch keinerlei Torgefahr. Mehr als die von Dardai so heißgeliebte internationale Schnelligkeit konnte der Australier nie vorweisen. Und so verkam er wie schon sein ehemaliger Teamkollege Alexander Esswein immer mehr zum Meme.

Rückblickend wird ihm das nicht gerecht. Leckie fightete immer, soweit ihn seine Füße trugen, war mit Herz und Leidenschaft dabei und beklagte sich nie, wenn ein Trainer seine limitierten Fähigkeiten erkannte und andere Spieler vorzog. Der sympathische Australier deutet die Zeichen der Zeit richtig und bricht trotz einiger Einsatzminuten in dieser Saison seine Zelte in Berlin ab.

Auch wenn Mathew Leckie in seiner Hertha-Zeit selten Wunderdinge vollbrachte, hat er sich Anerkennung und einen warmen Abschied verdient. Und auch der Autor dieser Zeilen wird sich mit einem Lächeln zurückerinnern an den flinken Rechtsaußen und diesen Samstag im Olympiastadion im August 2017.

Danke, Mathew!

Sami Khedira – Der verlängerte Arm des Trainers

Sami Khedira führte im letzten Spiel seiner Karriere Hertha erstmals als Kapitän auf den Platz. Im Dardai‘schen 4-2-3-1 besetzte er die Doppelsechs mit Eduard Löwen, der zu seinem Startelfdebüt in dieser Saison kam. Während sich Löwen anfangs mit einigen Läufen in die Tiefe anbot, bot Khedira wieder den Ballverteiler dar. Die ordnende Hand im Spielaufbau mit dem richtigen Auge für freie Räume und ordentlichem Timing zeigte, wie wichtig Khedira auch sportlich für Hertha hätte sein können. Doch gerade defensiv offenbarten sich auch die bekannten Geschwindigkeitsdefizite, die von wendigen schnellen Stürmern allzu leicht ausgenutzt werden können.

So wurde etwa Hoffenheims Sargis Adamyan nach unentschlossenem Zweikampfverhalten von Marvin Plattenhardt im Strafraum freigespielt, der daraufhin sowohl von Niklas Stark als eben auch Sami Khedira mit einem kleinen Schlenker ausspielte und wuchtig knapp neben das Tor schoss. Mit zunehmender Spielzeit verflachte Herthas Spiel zusehends, auch Khedira konnte sich nicht gegen die drohende Schläfrigkeit der Hertha Mannschaft stemmen, auch wenn der zu diesem Zeitpunkt überraschende Führungstreffer noch vor der Pause fallen sollte.

In der zweiten Hälfte durfte Khedira dann neben dem eingewechselten Santiago Ascacíbar seine Abschiedsvorstellung weiterführen. Und in der 48. Minute war dieses Duo direkt im Mittelpunkt. Der eingewechselte Argentinier schickte am Sechzehner in Manier seines bekannten Landsmannes vom FC Barcelona drei Hoffenheimer ins Leere, Khedira spitzelte gedankenschnell den Ball aus dem Zentrum nach links zum freistehenden Darida, der sich die Zeit ließ, den Ball anzunehmen und mit etwas zu viel Auge ans rechte Gestänge zu schnörkeln. Auf der Gegenseite trauerte die Hertha-Mannschaft der vergebenen Großchance wohl noch zu sehr hinterher und musste den Ausgleich durch Adamyan fressen.

Foto: IMAGO

Nach diesem furiosen Auftakt in die zweite Hälfte verflachte die Partie zusehends, einzig Redan brachte noch etwas Unruhe in die Hoffenheimer Defensive.

Die Szene des Spiels hatte dann aber wenig mit dem Sportlichen zu tun. In der 74. Spielminute verließ Sami Khedira unter dem Beifall seiner Mannschaftskollegen den Platz. Alle Herthaner vor Ort hatten sich in Trikots der ehemaligen Stationen des Deutschen, Spanischen und Italienischen Meisters vor der Bank aufgestellt, um ihn zum Abschluss seiner Karriere in Empfang zu nehmen. Arne Friedrich ließ es sich nicht nehmen, Khedira in seinem Weltmeister-Trikot des Jahres 2014 in den Arm zu nehmen und ihm noch einige warme Worte mitzugeben. Ein wenig ging unter, dass mit dem eingewechselten Jonas Dirkner ein weiteres Talent der Hertha-Bubis sein Bundesliga-Debüt feierte.

In der Folge lief das Spiel aus und Hertha der Sommerpause entgegen. Die letzte Entschlossenheit fehlte und Hoffenheim kam so noch zu einigen Chancen bis es in der 90. Spielminute dann tatsächlich so weit war – nach einer Hereingabe von rechts stand Topstürmer Andrej Kramaric blitzeblank auf Höhe des Elfemeterpunkts und verwandelte eiskalt ins links untere Eck zum 1:2-Endstand.

Das Ergebnis blieb jedoch nebensächlich. Aus Hertha-Sicht wird der emotionale und gelungene Abschied von Sami Khedira im Gedächtnis bleiben. Trotz verletzungsbedingt nur neun absolvierter Spiele für Hertha, kann man an den Äußerungen der Verantwortlichen seinen Anteil am Klassenerhalt ablesen. Auf dem Platz der erfahrene Lenker war er abseits des Platzes für das so auseinandergedriftete Mannschaftsgefüge Gold wert. Neben seiner Erfahrung und natürlichen Autorität konnte er auch mit seinen Sprachkenntnissen und vorgelebten Professionalität Bindeglied und Vorbild sein.

Sami Khedira wusste im Winter genau, worauf er sich einlässt. Und er hat sich für Hertha entschieden.

Danke, Sami!

Und da war da noch:

Nemanja Radonjić, der insbesondere zu Beginn der Partie als Aktivposten seine Schnelligkeit und Dribbelstärke bewies, das ein oder andere Mal gefährliche Strafraumszenen initiierte und auch selbst zum Abschluss kam. Wieder einmal zeigte sich allerdings seine Schwäche in der Entscheidungsfindung. Mit zunehmender Spielzeit tauchte er wie die meisten seiner Mannschaftskollegen weitestgehend ab. Auch Radonjićs Leihvertrag endet nach diesem Spiel, Hertha soll aber an einer Weiterverpflichtung zu vernünftigen Konditionen interessiert sein. Sicherlich eine sinnvolle Überlegung, ist Hertha doch gerade auf den offensiven Außenpositionen dünn besetzt. Soweit es menschlich passt und man Vertrauen in Dárdais Fähigkeiten hat, den Serben weiterzuentwickeln, dürfte eine Lösung mit seinem Stammverein Olympique Marseille zu finden sein.

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Nils Körber, der seit Rune Jarsteins Corona-Infektion als Herthas Nummer Zwei auf der Bank saß. Seit 2011 im Verein, seit 2015 mit 3-jähriger Leihunterbrechung noch ohne Einsatz für Hertha bei den Profis. Dem Vernehmen nach läuft sein Vertrag aus, eine Ausweitung des Vertrags erscheint aber nicht unmöglich. Nach Jarsteins Verlängerung bleibt aber vorerst weiterhin nur die Perspektive als Nummer Drei, fraglich ob das dem sicherlich zweitligareifen Torhüter in den nächsten Jahren ausreicht.

Mattéo Guendouzi, der das letzte Saisonspiel aufgrund seines gegen Freiburg erlittenen Mittelfußbruchs verpasste und so einen unwürdigen Abschied seines wilden Leihjahres bei Hertha fand. Der Lockenkopf stand beinahe sinnbildlich für das zu selten abgerufene Potenzial der Mannschaft, das ewige Auf und Ab. Konnte er zu Beginn seiner Leihe noch begeistern, trieb er die Fans zwischendurch zur Weißglut, nur um am Ende wieder eine wichtige Stütze im Dardai‘schen System zu sein. Ob er nun tatsächlich in der nächsten Saison bei Arsenal seine Schuhe schnürt, erscheint allerdings eher fraglich. Sicher ist nur („Stand jetzt“), dass eine Verpflichtung für Hertha nicht möglich ist und wir Guendouzi nach der Sommerpause in einem anderen Trikot sehen werden.

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Vorschau: Hertha BSC – FC Bayern München: Mach‘s noch einmal, Pál

Vorschau: Hertha BSC – FC Bayern München: Mach‘s noch einmal, Pál

Trotz im Ergebnis verdienter Niederlage hat Pál Dárdai schon im Spiel gegen Eintracht Frankfurt gezeigt, dass die von Nostalgie angefeuerte Euphorie der Hertha-Fans nicht ganz unberechtigt war. Das Auftreten der Mannschaft gegen formstarke Frankfurter machte durchaus Hoffnung für die Zukunft. Aber Herthas größter Feind scheint jetzt der Spielplan. Denn in den nächsten Spielen trifft man auf die großen Namen des deutschen Fußballs und RaBa Leipzig. Am Freitagabend wartet zu ungewöhnlicher Anstoßzeit schon um 20 Uhr der FC Bayern München.

Wir haben Bayern-Experte Justin Kraft von FC-Bayern-Blog Miasanrot.de gefragt, wie es um den FC Bayern steht und wo sich Hertha Chancen bieten könnten.

„Formschwach“ zur Meisterschaft

30-maliger Deutscher Meister, mittlerweile 20-facher Pokalsieger, amtierender Champions League-Sieger. Viel mehr braucht es nicht, um den FC Bayern München zu beschreiben. Auch in dieser eng getakteten Corona-Saison stehen die Bayern schon wieder mit sieben Punkten Vorsprung uneinholbar an der Spitze, es winkt die neunte Meisterschaft in Folge.

Dabei war in den letzten Wochen und Monaten doch immer wieder von einer Formschwäche die Rede? Davon weiß die Tabelle nichts. Neben zugegeben glanzloseren, aber eben doch siegreichen Partien, wurden zuletzt die Gegner aus Herthas Tabellenregion auch wieder etwas deutlicher in die Schranken gewiesen.

(Photo by Adam Pretty/Getty Images)

Bayern-Experte Justin Kraft sagt dazu: „Es stimmt, dass die letzten Gegner nicht zu den Top-Teams der Liga gehören. Hertha gehört im Moment aber auch nicht dazu. Demnach erwarte ich schon, dass die Bayern dieses Spiel mit viel Raumkontrolle und einem klaren Chancenplus abschließen werden. […] Gegen Hoffenheim gab es einige Momente, in denen das Spiel hätte anders laufen können.“

„Und warum sollte Hertha das nicht auch gelingen? Bayern ist zwar auf gutem Wege, sich in eine Art Flow zu spielen und Stück für Stück das nötige Selbstverständnis zurückzuerlangen, um Spiele (auch deutlich) zu gewinnen, aber sie sind noch ein Stück entfernt von der Souveränität des vergangenen Sommers, wo sie in nahezu keinem Bundesliga-Spiel Momente aufkamen ließen, in denen der Gegner sich ernsthafte Hoffnungen machen konnte.“

Unruhen? Ärger?! Spannungen?!? Eher nicht

Im neuen Jahr begleiten den Verein dazu (vermeintliche) Unruhen. So tauchte Corentin Tolisso mitten im Lockdown plötzlich mit einem neuem Tattoo auf – das kommt Hertha-Fans doch bekannt vor. „Selbstverständlich ist die Aktion von Tolisso […] mehr als ärgerlich. Ein Klub wie der FC Bayern wird damit aber umgehen können und das auch verkraften“, sieht Justin keine atmosphärischen Probleme.

Zu guter Letzt kamen Gerüchte zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Trainer Hansi Flick[1]  auf. Hasan vs. Hansi – hapert‘s heftig? Eher nicht, verrät uns Justin: „Wie so oft wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Ich bin ganz sicher, dass Salihamidzic und Flick unterschiedliche Ansichten haben, was den Kader angeht. Das liegt größtenteils auch an der Perspektive. Natürlich schaut der eine eher auf die wirtschaftlichen Aspekte, während der andere vor allem auf das sportliche Geschehen schaut. Dafür ist man schließlich auch ein Team: […] Wichtig ist, dass beide trotzdem in eine Richtung arbeiten und ich habe nicht das Gefühl, dass das beim FC Bayern aktuell nicht der Fall ist. […] Den Umständen entsprechend macht der FC Bayern aber einen richtig guten Job. Ich rechne deshalb nicht damit, dass die kleinen Reibereien zu größeren Konsequenzen führen.“

Foto: Maik Hölter/TEAM2sportphoto/IMAGO

Also doch keine störenden Unruhen beim FC Hollywood. Dafür schürten die Münchner bei den Hertha-Fans kurzzeitig Panik, als bekannt wurde, dass die Bayern auf die Idee gekommen seien, dass mit dem Herthaner Eigengewächs Luca Netz ein guter Fang für die Zukunft gelingen könne.

Doch das scheint vorerst vom Tisch, weiß auch Justin: „Netz ist ein toller Spieler und hat das Talent, es weit zu bringen. Dass der FC Bayern da interessiert ist, wundert mich nicht. Mit Torben Rhein konnte man ja vor einigen Jahren schon einen talentierten Herthaner abwerben. […] Aus meinem Berliner Umfeld höre ich schon seit einigen Wochen, dass Netz‘ Vertrag kurz vor der Verlängerung stehe und meinen Informationen nach ist Bayern schon mal bei ihm abgeblitzt. Aber so ist das Geschäft. Bayern wird nicht jeden Spieler verpflichten können und das ist auch gut so. Ich denke, Netz wird bei Hertha gute nächste Schritte machen.“ Vielleicht auch schon wieder gegen den FC Bayern.

Bayern scheint sportlich also aus dem kleineren Tal gelangt zu sein und auch von Unruhe dürfte angesichts des kürzlich vollzogenen Komplettaustauschs der handelnden Personen eher bei Hertha etwas zu spüren sein. Darf man sich dennoch Hoffnung auf Zählbares gegen die Bayern machen?

Angstgegner Dárdai?

Rückkehrer Dárdai konnte der Alten Dame trotz Niederlage gegen Frankfurt durchaus schon wieder Leben einhauchen. Außerdem sieht seine Bilanz gegen den FC Bayern gar nicht mal so schlecht aus – in vier der letzten sechs Partien verließ Hertha dabei nicht als Verlierer den Platz. Bayern-Experte Justin: „Das ist eine interessante Statistik, die ich so zunächst gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Allerdings muss man einschränken, dass Dárdai aus seinen zehn Duellen mit Bayern nur eines gewinnen konnte und die letzten beiden verloren wurden. Der Angstgegner-Ruf muss also neu bewiesen werden. Grundsätzlich sind Spiele bei Hertha BSC aber fast immer kompliziert gewesen für die Bayern.“

Dardais Fußball stand in der Vergangenheit für Solidität statt Spektakel. Das sieht auch Justin so: „Aggressivität, defensive Stabilität, schnörkelloses Umschaltspiel und mitunter eine absurde Effizienz vor dem Tor. Teilweise hat Hertha aus 0 Abschlüssen ein Tor gemacht – Hoffenheim lässt grüßen. […]

Foto: IMAGO

Bayern darf die Qualität Herthas keinesfalls unterschätzen. Es wird darum gehen, den kompakten Block des Gegners ständig in Bewegung zu halten. Ein Schlüsselspieler dafür ist Thomas Müller, der mit seinen Läufen und Pässen aktuell nahezu jede Defensive fast im Alleingang aushebeln kann. Er wird auch gegen Hertha viel unterwegs sein, immer wieder Räume für sich selbst oder seine Mitspieler öffnen und dann kommt es darauf an, mit welcher Schärfe und Präzision die Bayern diese bespielen.“ Für den Primus bahnt sich also ein Geduldspiel an. Für Hertha wird es auf der anderen Seite darum gehen, die Konzentration hochzuhalten und so möglichst keine Fehler zu machen.

Offensiv dürfte Hertha wie schon gegen Frankfurt größtenteils auf Konter über die schnellen Stürmer setzen. Damit hatte die Bayern-Abwehr in der Hinrunde ab und an Probleme und auch Dodi Lukébakio dürfte sich mit einem Lächeln an eine vogelwilde Münchener Hintermannschaft zu Düsseldorfer Zeiten erinnern.

Bayerns Abwehrprobleme – Ein Prozess

Justin fasst mögliche Schwächen der bajuwarischen Defensive zusammen: „Es gab eine Phase in der Hinrunde, da war die ganze Mannschaft nicht gut aufeinander abgestimmt und dementsprechend kam es auch zu Missverständnissen in der Innenverteidigung. Das lag aber auch an der ständigen Rotation. Seit Flick wieder auf das Duo Alaba/Boateng setzt, hat sich das reduziert. Beide werden meinem Eindruck nach von Spiel zu Spiel stabiler und sind für sich genommen in guter Verfassung.

Viel problematischer sehe ich die Außenverteidiger-Positionen. Hier sind Pavard und Davies nach wie vor in einer Formkrise. Gegen Hoffenheim schafften die Bayern es kaum, auch nur eine Flanke oder Kombination von außen im Ansatz zu verteidigen. Wenn dann in 90 Minuten der Ball zehn Mal gefährlich in deinen Strafraum fliegt, hast du als Innenverteidiger zwangsweise irgendwann einen schwachen Moment. Egal, ob du Alaba, van Dijk oder Beckenbauer bist.

Foto: Preiss/Witters/Pool/Witters/IMAGO

Es ging von Anfang an darum, die Mannschaft zu stabilisieren und dann sehen die Innenverteidiger automatisch wieder besser aus. Zu diesem Prozess zählt, dass einer der beiden Außenverteidiger (meistens der Rechtsverteidiger) nun konsequenter in einer Art Dreierkette absichert. Dadurch gab es weniger Momente, in denen ein langer Ball die ganze Abwehr ausgehebelt hat. Für Hertha wird es demnach vor allem darauf ankommen, die Außenverteidiger in Eins-gegen-eins-Duelle zu bringen und von den Flügeln nach innen durchzubrechen oder per Flanke erfolgreich zu sein. Drei-Tore-Lukébakio kann mit seinem Tempo, seiner Physis und seinem Gespür für Tore gegen die Bayern natürlich trotzdem eine große Gefahr darstellen.“

Aussichtslos ist die Lage für Hertha also auch nicht. Zugutekommen könnte dabei auch der Corona-bedingte Ausfall Leon Goretzkas.

Wie wird Goretzka ersetzt?

Wird Goretzka wie in der letzten Woche wieder von Sommer-Verpflichtung Marc Roca vertreten oder darf Tolisso nach seinem Tattoo-Fauxpas ran? Und wie schlagen sich die anderen Sommerneuzugänge?

Justin hat für uns eine ausführlichere Antwort auf diese Fragen gefunden: „Gegen Hoffenheim konnte Roca durchaus überzeugen – allerdings im Kontext seiner aktuellen Situation. […] Mit 24 Jahren ist er immer noch ein junger Spieler, von dem man nicht uneingeschränkt erwarten sollte, dass er sofort ankommt. […] Roca hat vor allem gegen den Ball Probleme, sich an Intensität und Laufwege anzupassen. Er rückt oft zu schnell oder zu langsam heraus, verpasst es, Druck auf den Ball auszuüben oder lässt sich einfach überrennen. Das liegt nicht daran, dass er es nicht besser kann, sondern schlicht daran, dass ihm und Flick die Zeit fehlen. […]

Tolisso konnte als Goretzka-Ersatz zwar auch nicht überzeugen, hat aber immerhin die wichtigsten taktischen Abläufe verinnerlicht und macht weniger Fehler, was die Orientierung gegen den Ball und in Umschaltmomenten angeht. Das wird den Unterschied gemacht haben. Gegen Hertha könnte Roca aber tatsächlich erneut eine Chance bekommen, wenn Tolisso nach seinem Tattoo-Gate zurückkehren sollte.

Bayerns Neuzugänge – Noch nicht angekommen

Was für Roca gilt, gilt natürlich für alle Neuen. Je mehr Zeit vergeht, umso besser funktionieren auch einzelne Abläufe. […] Nüchtern betrachtet hat keiner von den Last-Minute-Einkäufen bisher funktioniert. Das ist für den Status-quo ein großes Problem, weil Flick nur dann unbesorgt im größeren Stil wechseln kann, wenn seine Mannschaft hoch führt. Mittelfristig sollte man Spieler wie Roca oder Choupo-Moting aber nicht fallen lassen. Letzterer ist ohnehin nur für die wenigen Augenblicke gedacht, in denen Lewandowski mal pausiert, während ersterer sich noch weiterentwickeln wird.

Von Costa hat man sich eine Art Perišić-Effekt erhofft – also dass der Spieler ohne große Eingewöhnung sofort auf Bundesliga-Niveau funktioniert. Das trat nicht ein, aber die Leihe wird sowieso im Sommer beendet und dann redet kaum mehr jemand darüber. Vom vierten Flügelspieler ist der Erfolg des FCB nicht abhängig.

Sarr ist tatsächlich der einzige Transfer, der mich mit vielen Fragezeichen zurücklässt. Zwar bin ich nach wie vor der Meinung, dass auch er weiterhin eine faire Chance erhalten sollte, aber ich sehe noch nicht die nötige Qualität, die ein Rechtsverteidiger bei den Bayern braucht. Das ist deshalb so ärgerlich, weil Pavard schon länger in einem Formtief ist.

Sané ist der Neuzugang, den ich am unkritischsten sehe. […] Wenn das aktuell der Sané ist, der noch lange nicht bei 100 % ist, dann freue ich mich umso mehr auf den Top-Sané. […] Die meisten seiner Schwächen resultieren aus Momenten, in denen er eine falsche Entscheidung auf den Platz trifft. […] Bei den Bayern spielt er meist stark eingerückt im Halbraum, muss viele Bälle mit dem Rücken zum Tor kontrollieren und kann seltener sein Tempo von außen einbringen. Darüber hinaus fehlt ihm meist die Unterstützung eines hinter- oder vorderlaufenden Rechtsverteidigers. Ich denke, dass ihn die aktuelle Phase stärker und besser machen wird. […] Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist das auch Kritik auf sehr hohem Niveau. Seine Torbeteiligungsquote ist jetzt schon sehr stark und spätestens wenn er eine ganze Vorbereitung mit dem Team hatte, wird er einen Sprung nach vorn machen. Da bin ich sicher.“

Photo by Lukas Barth-Tuttas – Pool/Getty Images

Die meisten Bayern-Neuzugänge haben also noch nicht wirklich überzeugt, kommen aber so langsam ins Rollen.

Kurzfristig ist der bisher mäßige Erfolg aber ohnehin noch nicht ins Kontor geschlagen. Denn die Bayern-Achse der letzten Jahre liefert noch immer Spiel für Spiel ab – trotz anstehender Klub-WM auch gegen Hertha, vermutet Justin: „Flick hat im neuen Jahr recht konsequent an der Achse seines Teams festgehalten. Wenn er rotiert hat, dann auf den Außenbahnen. Hier könnte ich mir vorstellen, dass Hernández für Davies beginnt. Vorne wird vermutlich der Würfel darüber entscheiden, welcher der drei Flügelspieler startet und hinten rechts rechne ich eher mit Pavard als mit Süle, wobei letzterer bewiesen hat, dass er eine Option ist. Insbesondere die so wichtige Achse aus Neuer, Innenverteidigern, Kimmich, Müller und Lewandowski wird Flick tendenziell aber nicht verändern.“

Und bei Hertha?

Und wie geht Hertha die Partie an? Am Deadline Day wurden mit Sami Khedira und Leihspieler Nemanja Radonjić noch zwei Last-Minute-Neuzugänge präsentiert, die offensichtliche Schwachstellen beheben sollen. Während Radonjić aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls Javairo Dilrosuns der einzige gelernte Linksaußen im Kader ist, tummeln sich auf Khediras Position im zentralen Mittelfeld einige Konkurrenten. Der deutsche, spanische, italienische und Weltmeister könnte deswegen vor allem als Leader und Mentalitätsspieler gefragt sein.

Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Fraglich, ob die beiden Wintertransfers nach weniger als einer Trainingswoche schon gegen München beginnen dürfen. Abseits davon hat Dárdai eigentlich wenig Grund, System oder Personal zu wechseln. So fällt Jhon Córdoba weiterhin aus, weswegen Krzysztof Piątek seinen ordentlichen Auftritt gegen Frankfurt und die lobenden Worte Dárdais bestätigen darf. Auch Trainerliebling Marvin Plattenhardt fehlt weiter. Maxi Mittelstädt könnte diesmal gegenüber dem jungen und unerfahrenen Luca Netz den Vorzug und so die Möglichkeit bekommen, seine unglückliche Aktion in der Schlussminute des Hinspiels vergessen zu machen.

Die dárdaische Euphorie ist noch nicht verflogen, die Bayern scheinen in dieser Saison schlagbar und Dárdai sah gegen Bayern sowieso immer wieder gut aus. Aber es bleibt der FC Bayern. Und so warnt uns Justin eindrücklich: „Prozente rausnehmen werden die Bayern […] keinesfalls.“

[Titelbild: Photo by Sebastian Widmann/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Arminia Bielefeld – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: Arminia Bielefeld – Hertha BSC

Nach dem im Ergebnis doch recht überzeugenden 3:0-Heimsieg gegen die damaligen Tasmania-Jäger aus Gelsenkirchen in der Vorwoche wollte unsere Hertha gegen zuletzt harm- und zahnlose Bielefelder nachlegen und sich weiter von den Abstiegsrängen entfernen und auf Tuchfühlung mit den Mannschaften der oberen Tabellenhälfte gehen.

Doch davon war im Spiel nicht viel zu sehen. Nach einer unkreativen und recht ereignisarmen ersten Halbzeit verpatzte Bruno Labbadias Elf den zweiten Durchgang nach allen Regeln der Kunst und versagte eklatant auf ganzer Linie.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei dieser in allen Belangen enttäuschenden 0:1-Auswärtsniederlage.

Omar Alderete – Wieso Weshalb Warum?

Gegen die sieglosen Gäste aus Gelsenkirchen hatte Omar Alderete zu Beginn des Jahres noch ziemlich gut ausgesehen, sich so seine Startelfnominierung verdient und gezeigt, warum Bruno Labbadia ihn recht überraschend Jordan Torunarigha vorgezogen hatte.

Seine Zweikampfstärke mit dem richtigen Timing und der ordentliche Spielaufbau aus kreativeren und häufig vertikalen Bällen belebte das Hertha-Spiel.

Doch alles, was Omar Alderete gegen Schalke 04 ausgezeichnet hatte, ließ er nun in Bielefeld vermissen. Schon nach elf Sekunden (!) setzte er übermotiviert zu einem Roulette-Trick an und hatte Glück, dabei gefoult zu werden, um nicht direkt einem fatalen Ballverlust nacheilen zu müssen. In Sekunde 40 folgte direkt der erste unbedrängte Fehlpass ins Bielefelder Mittelfeld und ließ für das Spiel schon nichts Gutes erahnen.

Konnte Alderete in der ersten Hälfte trotz Unkonzentriertheit und Tollpatschigkeit noch einige Zweikämpfe für sich entscheiden und manche seiner langen Bälle bei Jhon Córdoba anbringen, ging es nach der Pause rapide bergab. Schon mit dem unbedrängten Fehlpass ins Seitenaus bei erstem eigenen Ballbesitz zeigte sich, dass die erste Hälfte hier wohl ein schlechtes Omen gewesen war.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

In der 48. Minute war Alderete dann mit dem Kopf wohl schon wieder beim Rausrücken, als er an einem in den Strafraum gespielten Ball dermaßen vorbeisäbelte, dass der völlig freie Bielefelder Sergio Córdova komplett überrascht war und den Ball schlussendlich nur an den rechten Außenpfosten setzen konnte.

Auch in der Folge kam der Innenverteidiger in keinen Zweikampf mehr, auch im Aufbau funktionierte nicht mehr viel und es häuften sich die langen Ball, die anders als in Halbzeit Eins nicht mal mehr den Stürmer ins Kopfballduell schickten, sondern direkt beim Gegner landeten. So scheint nach den mäßig konstanten Leistungen des Paraguayers als Torunarigha-Ersatz im November das Spiel gegen Schalke nur ein (positiver) Ausrutscher gewesen zu sein und der Sommerneuzugang noch zu sehr mit seiner Inkonstanz zu kämpfen.

Kaum vorzustellen, dass Omar Alderete nach dieser maximal unglücklichen Leistung im nächsten Spiel wieder in der Startelf steht. So dürfte also Eigengewächs Jordan Torunarigha zurückkehren und versuchen, seine unsicheren Auftritte nach der Corona-Erkrankung abzuschütteln und der Hertha-Abwehr wieder die Stabilität zu verleihen, wie er dies in der Rückrunde der letzten Saison unter Labbadia schon getan hatte.

Mattéo Guendouzi – Auf Tauchstation

Wie in den letzten Spielen ließ sich Mattéo Guendouzi zu Beginn im Aufbau im Wechsel mit Lucas Tousart zwischen die Innenverteidiger oder auf die freie linke Seite fallen, trieb den Ball dann mit großen Schritten den Blick über das Feld schweifend durch die eigene Hälfte und suchte seine Anspielstation.

Doch mit der Zeit wurde Guendouzi wie auch seine Mitspieler immer unauffälliger und erlaubte sich in der Offensive viele Unkonzentriertheiten, stemmte sich aber auch nicht gegen diesen unglückbringenden Verlauf. Bezeichnend auch ein Missverständnis mit Peter Pekarik in der 32. Minute, als den beiden ein Doppelpass misslang und Guendouzi gestisch relativ unmissverständlich klarmachte, dass er sich selbst nicht für den Schuldigen hielt.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

In der zweiten Halbzeit war von Guendouzi dann eigentlich gar nichts mehr zu sehen. Hertha gab den Spielaufbau komplett auf und kloppte die Bälle eigentlich nur noch hinten raus in die Bielefelder Abwehrkette. Von Vladimir Darida und Guendouzi war in dieser Phase kaum etwas zu sehen.

Erst in der Nachspielzeit, als Hertha schon eine unsägliche Halbzeit hinter sich hatte, riss Guendouzi das Spiel noch einmal an sich und zeigte einen Hauch kämpferischen Willens, den man zuvor komplett vermisst hatte. Auch wenn der junge Franzose ein Neuzugang und nur zur Leihe bei Hertha ist, muss er sich hinterfragen, wo dieser Wille weite Teile der ersten und die komplette zweite Hälfte gewesen war.

Bezeichnenderweise verendete in der letzten Aktion des Spiels seine Hereingabe in der 97. Minute nach starkem Dribbling dann auch recht kläglich in den Armen des Bielefelder Torwarts. Dieser Hertha-Auftritt hätte aber auch einfach kein Unentschieden verdient gehabt.

Natürlich ist es vermessen, Mattéo Guenduozi eine Führungsrolle aufzwingen zu wollen. Trotzdessen darf man auch von ihm Kampf und Willen erwarten, wenn es mal nicht so läuft. Guendouzi wird mit seiner spielerischen Klasse dennoch auch weiter eine wichtige Stütze im Hertha-Spiel bleiben und es bleibt zu hoffen, dass sich in der Mannschaft langsam aber sicher Wortführer finden, die das Team in einer solchen Phase in Spielen aufrütteln und mitreißen kann – sei es Guendouzi oder (gern auch) jemand anderes.

Hertha Bubis Jessic Ngankam und Luca Netz – Gebrauchter Abend & leise Hoffnung

Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Matheus Cunha stellte sich schon vor Spielbeginn die Frage, ob sich Jessic Ngankam nicht langsam aber sicher einen Startelf-Einsatz verdient hatte. Bruno Labbadia vertraute zunächst aber auf die erfahrenere und defensivstärkere Variante Maxi Mittelstädt.

Nach dem harmlosen ersten Durchgang war es dann aber soweit und Jessic Ngankam ersetzte Marvin Plattenhardt, sodass Maxi Mittelstädt auf die Position des Linksverteidigers rückte und Ngankam über die linke Seite in der Offensive mehr Betrieb machen sollte.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Doch wie so häufig blieb der Wunsch Vater des Gedanken. Ngankam kam in eine verunsicherte Hertha-Mannschaft, die gerade im Begriff war, sich ihrem Schicksal hinzugeben und ließ sich von dieser Atmosphäre anstecken. So fiel er in dem ohnehin schwachen Hertha-Spiel zunächst nur durch Ballverluste und Fehlpässe auf und ließ dann in der 56. Minute in Koproduktion mit Mittelstädt nach schwacher Zweikampfführung Ritsu Doan passieren, der Alexander Schwolow zu einer Parade zwang. Zu allem Überfluss verletzte sich Jessic Ngankam kurz danach und musste in der Folge schon in der 65. Minute das Feld wieder verlassen.

Kurze Zeit später wurde mit Luca Netz ein weiterer Nachwuchsspieler gebracht, der zuletzt gegen Schalke sein Bundesliga-Debüt feiern durfte. Etwas überraschend ordnete sich Netz nicht auf seiner angestammten Linksverteidiger-Position ein, sondern spielte den offensiven Part auf der linken Seite, während hinter ihm weiterhin Maxi Mittelstädt sein Glück versuchte.

Auch an Luca Netz ging die spürbare Verunsicherung der Mannschaft nicht spurlos vorbei. Sein Einsatz begann direkt mit einem ziemlich unnötigen Hackenfehlpass, der ihm in der Folge noch etwas nachhing, was sich in zwei, drei schwächeren defensiven und offensiven Aktionen zeigte.

Das 17-jährige Toptalent biss sich aber ins Spiel und traute sich mehr als seine Vorgänger auf der linken Seite. In der 83. Minute brach er nach Zusammenspiel mit Dodi Lukébakio bis zur Grundlinie durch, versuchte sich im Dribbling und konnte so wenigstens eine Ecke herausholen – die gefährlichste Hertha-Aktion von der linken Seite in den gesamten 90 Minuten.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Seinen insgesamt ordentlichen Auftritt rundete Netz durch Einleitung einer Schusschance von Krzysztof Piątekin der Nachspielzeit ab.

Ngankam konnte seine zuletzt stärkeren Joker-Auftritte nicht bestätigen und fällt nun möglicherweise auch noch aus – ein völlig gebrauchter Tag, der für ihn schon vorbei war, bevor es richtig angefangen hatte.
Luca Netz spielt zwar nicht die Sterne vom Himmel, fiel aber gegenüber seinen Konkurrenten auf der linken Seite unter keinem Aspekt ab und dürfte somit bald weitere Minuten bekommen – ob wieder im linken Mittelfeld oder auf seiner Stammposition als Linksverteidiger, wo derzeit weder Marvin Plattenhardt noch Maxi Mittelstädt vorzeigbare Leistungen abliefern.

Kampfgeist – VERMISST  – Bitte um Hinweise und Mithilfe

In Prä-Corona-Zeiten schallte es gerne mal durchs Olympiastadion: „Wie unser Gegner heißt ist scheißegal, denn wir wollen gewinnen – jedes Mal! Jeder singt so laut wie er nur kann, wir sind Herthas zwölfter Mann!“ Die erste Zeile dieses Herthaner Fangesanges kann sich momentan zweifelsohne nicht auf die Mannschaft beziehen. Wie schon die gesamte Saison über fehlte der Hertha-Elf gestern der Biss, der Wille, die „Mentalität“, der Kampfgeist oder wie man es sonst nennen mag.

Schon von Anpfiff weg gab es unnötige Ballverluste und einen kopflosen und unkonzentrierten Aufbau – und das äußerte sich direkt in der Körpersprache. Als sich nach etwa fünfzehn Minute zeigte, dass man Bielefeld wohl nicht herspielen würde, hingen die Köpfe mit jeder missglückten Aktion minütlich tiefer. Da hätte der Elfmeter für Bielefeld nach vermeintlichem Foul von Niklas Stark an Fabian Klos perfekt ins Bild gepasst, doch der Schiedsrichter kassierte die Entscheidung nach ellenlangen vier Minuten Korrespondenz mit dem VAR wieder, sodass sich das anbahnenden Unheil in die zweite Hälfte verschob.

Dann aber war es nicht mehr zu übersehen. Nach dem üblen Bock von Omar Alderete direkt nach der Halbzeit bahnte sich ein Bielefelder Tor immer mehr an. Das Mittelfeld wurde kampflos hergeschenkt. Die eigenen Defensive prügelte den Ball weg wie ein Sechstligist im Pokal, der in der Nachspielzeit noch das Unentschieden halten möchte. Alle Zweikämpfe, die nicht in letzter Linie geführt wurden, gingen verloren, das Stellungsspiel wurde schludrig, der Spielaufbau fahrig bis non-existent.

Und Bielefeld wurde zu Chancen eingeladen. In der 54. Minute konnte Lucas Tousart den Ball noch in höchster Not per Grätsche aus der Gefahrenzone entfernen. Auch Doans Schuss in der 56. Minute wurde noch glücklich überstanden.

Und in dieser Phase war (wieder einmal) kein Herthaner zu sehen, der die anderen wachrüttelt und anführt. Etwas auszunehmen ist dabei Alexander Schwolow, der schon die ganze Saison sowohl lautstark als auch von der Körpersprache her die richtige Einstellung an den Tag legt. Von der Torwart-Position fällt es aber naturgemäß schwer, die Mannschaft mitzureißen, soweit nicht einige Spieler auf dem Feld solche Ansagen aufnehmen und verkörpern.

Doch bei den Hertha-Spielern findet sich kein Wortführer, auch niemand der in solchen Momenten mit Leistung und Kampf vorangeht. Am ehesten kann man dieses Bemühen noch Lucas Tousart zugutehalten, der sich dafür aber im Gespräch mit seinen Teamkollegen auffallend zurückhält. Das Tor in der 64. Minute fiel dann folgerichtig. Während Jessic Ngankam an der Seitenlinie behandelt wurde, schafften die restlichen zehn Spieler es nicht, einen Einwurf zu verteidigen. Schon wieder ein Einwurf – man erinnere sich an das 2:1 der Freiburger.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Passend zur Leistung des Tages gingen Lucas Tousart und Omar Alderete gemeinsam zum Kopfball, behinderten sich gegenseitig, sodass der Ball von Tousarts Kopf zu Reinhold Yabo verlängert wurde. Der stellte seinen Körper hin, ließ Peter Pekarik daran abprallen und netzte dann zu seinem ersten Bundesliga-Tor ein. Ob man hier auf Foulspiel entscheiden kann, tut mit Hinblick auf Herthas Leistung insgesamt und auch in dieser Situation eigentlich nichts zur Sache.

Auch in der Folge hatte man zu keiner Zeit das Gefühl, dass Hertha noch zum Ausgleich kommen könnte. Kein Aufbäumen in der Mannschaft zu sehen. Bielefeld überließ Hertha in den letzten Minuten zwar noch einmal den Ball, wirklich gefährlich wurde es bis auf den abgepfiffenen Zufallstreffer von Piątek aber nicht mehr

Das Team ist keine Mannschaft, man sieht kein wirkliches Zusammenspiel. Auch ein funktionierendes taktisches Offensiv-Konzept ohne Alleinunterhalter Cunha, an dem sich die Spieler festhalten und aufrichten könnten, fehlt. Ein Team bildet sich nur über Zeit. Aber Zeit hatte diese Mannschaft jetzt schon – und noch immer hat sich kein Führungsspieler hervorgetan oder sich eine Geschlossenheit entwickelt.

Das hat zwar auch die Mannschaft selbst zumindest phrasenhaft erkannt. Aber auch das nicht zum ersten Mal. Und bisher hat sich da noch nicht viel getan. Besserung ist also nicht wirklich in Sicht. Kommt Zeit, kommt Rat? Wir können nur abwarten – und hoffen.

Und da war da noch:

Jhon Córdoba, der in Hälfte Eins noch einige Male zeigen konnte, dass er als Zielspieler in Labbadias System mehr taugt als sein polnischer Sturmkumpane. Blieb in der zweiten Halbzeit mangels Anspielen komplett unsichtbar. Der Kolumbianer kam nach der Einwechslung von Krzysztof Piątek häufiger über links und agierte noch unsichtbarer als vorher. Baute wie das gesamte Team mit fortschreitender Spielzeit immer weiter ab und konnte so seine ordentliche Leistung aus dem Schalke-Spiel nicht bestätigen.

Krzysztof Piątek, der nach seiner Einwechslung für den verletzten Jessic Ngankam in der 65. Minute im Rahmen des grauenhaft schlechten Offensivspiels noch so etwas wie Gefahr ausstrahlte. Traf nach einem abgefälschten Mittelstädt-Abschluss zum vermeintlichen Ausgleich. Nachdem der insgesamt wenig überzeugende Schiedsrichter noch auf Abseits entschieden hatte (war es nicht), konnte der VAR ein Handspiel Piąteks ausfindig machen, sodass das Tor regelkonform aberkannt wurde. Hertha hatte aber bei aller Liebe den Ausgleich in keinster Weiser verdient. Kurz später kam Piątek noch zu zwei Schusschancen, die aber das Tor nicht mehr ernsthaft gefährdeten.

Dodi Lukébakio, der nach dem verletzungsbedingten Cunha-Ausfall als Kreativspieler der Herthaner Offensive besonders im Fokus stand – und wieder einmal nicht abliefern konnte. Weder konnte Lukébakio die Offensive mit klugen Seitenverlagerungen steuern noch die Bielefelder Abwehr mit Tempodribblings vor Probleme stellen. Lukébakios Formtief nimmt trotz der unzweifelhaft vorhandenen Anlagen beängstigende Ausmaße an.

Maxi Mittelstädt, der Cunha auf dem linken Flügel vertrat und naturgemäß nicht ersetzen konnte. Das war auch nicht zu erwarten, nichtsdestotrotz hätte offensiv mehr von ihm kommen müssen. Immerhin konnte er sich in der ersten Hälfte mit zwei Ball-Rückeroberungen auszeichnen. Im zweiten Durchgang rückte er für Marvin Plattenhardt auf die Linksverteidigerposition, wurde dort von Gegenspieler Ritsu Doan immer wieder vor Probleme gestellt und reihte sich so nahtlos in die schwer enttäuschende Leistung der Hertha ein.

[Titelbild: (Photo by Stuart Franklin/Getty Images]

Jahresrückblick: Teil 1 – HaHoHe, euer Jürgen

Jahresrückblick: Teil 1 – HaHoHe, euer Jürgen

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Für den ersten Teil konnten wir unseren schwäbischen Ex-Trainer gewinnen, seine ganz exklusive Sicht auf die Dinge zu Beginn des Jahres zu präsentieren.
Viel Spaß!

Liebe Herthaner:innen,

was für ein Jahr liegt hinter uns.
Auch diesmal konnte ich mit meiner tollen Stiftung wieder viele Herzensprojekte anschieben und auch und gerade in diesem pandemiegeplagten Jahr viel wichtige Hilfe leisten. Wow, großer Care-Wert!

Ach ja und Hertha war ja auch noch!
Vor einem Jahr saß ich unter meiner kalifornischen Nordmanntanne und schrieb meinen Wunschzettel, den ich unserem Bremser Preetz für Weihnachten in die Schuhe schieben wollte.
Und ich hatte ganz konkrete Vorstellungen – so wie das bei einem Wunschzettel sein muss.

Zuerst sollte es natürlich jemand wie ich sein. Kein gutaussehender Mitvierziger (seh ich älter aus?!?), der schon alles gesehen hat und mit jeder Situation perfekt umgehen kann. Nein, ein waschechter Mittelstürmer!
Also habe ich dem „Hohen“, oder wie er nochmal genannt wird, meine Scouting-Ergebnisse notiert – ein polnischer Weltklasse-Mann, der aus einem halben Anspiel zwei Tore macht und für den Jubel dann seine Arme so überkreuzt.

Foto: IMAGO

Dazu brauchten wir einen Staubsauger vor der Abwehr. Einen quirligen, lauf- und zweikampfstarken Spieler, der schon alleine die Gegner defensiv im Griff hat. Einen, der immer ein nettes, unschuldiges Lächeln auf den Lippen hat. Einen französischen Nationalspieler. Die sind schließlich Weltmeister!
Als letztes hatte ich „Uns Michael“ noch meinen „Geheimtipp“ nahegelegt. Ein kleiner Argentinier, Nationalspieler, landläufig als Mega-Talent bekannt. Könnte in Anlehnung an seinen Namen auch als übermenschlich bezeichnet werden.

Na ja, ich denke, es ist klar, wen ich da auf dem Schirm hatte.
Deswegen habe ich dem Micha auch auf seine Nachfrage-SMS gar nicht erst geantwortet.
Und dann ganz große Augen bei mir, als plötzlich die Deals alle fix waren.

Ich musste natürlich gute Miene zum bösen Spiel machen und die Verpflichtungen von Krzysztof Piątek, Lucas Tousart und Santiago Ascacibar als absolute Top-Transfers darstellen. Dabei durfte ich nicht mal mit aufs Foto.

Im Trainingslager habe ich dann auch nochmal von diesen Fans gehört, die sich um ein neues Hertha-Stadion kümmern  wollen. Die stellten das ganze dann als „plumpe Idee“ dar. Seltsame, fast beleidigende Selbstbezeichnung. Ich hätte solch eine Idee ja nach einem ehemaligen eigenen Stadion des Vereins oder so benannt!

Immerhin begann die Rückrunde dann sportlich äußerst erfolgreich, als wir uns mit einer taktisch überaus disziplinierten Leistung beim großen und herrlichen FC Bayern mit einem achtbaren 0:4 aus der Affäre ziehen konnten. Auch das 0:0 und das knappe Ausscheiden im Pokal wenige Tage später gegen die so starken Schalker konnte man mir nicht anlasten. Mir war damals schon klar, dass dieses Schalker Top-Team eine glorreiche Zukunft vor sich haben würde. Und wir hatten sie am Rande einer Niederlage!
Zugegeben – den Tipp mit Pascal Köpke im Sturm hatte mir unser damaliger Torwart-Trainer schon kurz vor dem Jahreswechsel gegeben. Wahnsinn, der Andreas hat einfach ein Auge für Talente.
Zu dem traurigen rassistischen Vorfall in diesem Pokalspiel haben unsere tollen Fans im Hertha BASE Podcast damals und seitdem auch immer wieder schon alles gesagt.

Foto: IMAGO

Als wir eine Woche später im Heimspiel gegen bockstarke Mainzer immerhin ein Tor schießen, aber dem Topstürmer Robin Quaison wieder einmal nichts entgegensetzen konnten, wurde mir die Kritik an meiner Person zu bunt.
Im Schnitt 1,33 Punkte pro Spiel, das soll mir erst mal jemand nachmachen. Selbst der große Otto Rehhagel hat bei Hertha nur durchschnittlich 0,92 Punkte erreicht – und den würde schließlich niemand in Frage stellen! Oder?

Auch der Preetz schien irgendwie ganz anderer Ansicht zu sein als ich und forderte bessere Ergebnisse. Und wo war eigentlich der Arne? Ich hatte ihm doch gesagt: „Arne, du ergreifst jede Möglichkeit, da vorne mit ans Mikro zu treten. Der Preetz, der spürt deinen Atem, Arne, der spürt deinen Atem!“ Aber nichts von dem Arne zu sehen. Und der Lars hatte mir auch schon seit Wochen nicht mehr die Füße geküsst.
So konnte es doch nicht weitergehen!
Also habe ich dem Micha mal ordentlich die Meinung gegeigt. Und der Mannschaft. Und dem Lars – wobei, dem Lars schon ein bisschen früher.
Aber natürlich habe ich nach dem Lars erst meine treuen Fans auf Facebook von meinem Rücktritt unterrichtet. Muss ja auch nicht immer sein, dass der Verein als erstes von einer so wichtigen Personalie erfährt.

Wütend bin ich dann wieder in mein Hotelzimmer chauffiert worden und musste mir auf die Aufregung erstmal einen Beruhigungs-Smoothie andicken. Am nächsten Morgen vor dem Flieger nach Hause noch schnell den Pfand zurückbringen. Am Automaten dann der Schock – die Smoothies werden nicht genommen. Kein Mehrweg. Dann musste ich die Flaschen in die Tonne treten – äh, kloppen.

Apropos für die Tonne – bei unserer Hertha ging es ja nun mit dem ausgetüftelten Spielkonzept meines hochkompetenten Mitarbeiters Alexander Nouri weiter. Was habe ich der Hertha da für ein Goldstück loseisen können. Bei seiner beeindruckenden Vita und mitreißenden Spielweise hat mich ja ernsthaft gewundert, dass der Mann sich auf so ein Himmelfahrtskommando eingelassen hat.

Foto: IMAGO

Nach einem überzeugenden Sieg gegen aufmüpfige Paderborner, kassierte man leider gegen Köln die dritthöchste Heimniederlage der Herthaner Bundesligageschichte. Das muss dann einfach Pech gewesen sein.

Glaubt mir, auch mich hatte das Ergebnis bedrückt, sodass ich es mir eines Abends im netten Ambiente einer Hotel-Bar bequem gemacht hatte. In dieser Nacht kam ich ins Gespräch mit einem wahnsinnig netten Herrn, der mich nach meinem Gefühlsleben ausfragte. Schlussendlich wollte er sogar meine Tagebücher lesen, um sich besser in mich einfühlen zu können. Der Mann verstand mich einfach. Traurigerweise hat er sich danach nie wieder gemeldet. 🙁
Dafür fand ich meine intimsten Seeleneinblicke am nächsten Tag in der Zeitung wieder. Ohje, sowas wollte ich ja wirklich gar nicht!

Und auch für Hertha ging es in Düsseldorf einfach nur unglücklich weiter und man lag schon zur Halbzeit mit 0:3 hinten. Ein Glück kam nach überragend gecoachter zweiter Hälfte ein 3:3 dabei heraus. Hätten nicht Thomas Kraft & Co. die Halbzeitansprache übernommen, sondern den lieben Alex selbst reden lassen, wäre da sicherlich noch mehr bei rumgekommen!

Unverständlicherweise war nach dem sensationellen Punktgewinn gegen die auf Platz 17 liegenden Bremer nach frühem 0:2-Rückstand für den ehrenwerten Alex Schluss auf der Trainerbank. Kein Ehrwert von Preetz, wenn ihr mich fragt.

In der Folge hat dann wohl ein anderer Trainer die Hertha übernommen. Ich habe natürlich weiterhin wahnsinnig mit der Hertha mitgefiebert, die Restsaison aber doch nicht mehr so genau verfolgt.
Und wie ich mich auf die angekündigten Begegnungen in der Stadt gefreut habe. Nur getroffen habe ich dann irgendwie doch keine:n, komisch.

Foto: IMAGO

Nun ja, am Ende dieses langen Jahres sitze ich nun wieder unter der kalifornischen Sonne am Strand und lasse meinen Blick schweifen. Ich habe hier in Kalifornien schnell realisiert, was mir an Berlin auch unterbewusst immer gefehlt hat. Kein Meerwert.
Nichtsdestotrotz wird es im nächsten Jahr sicherlich weiter bergauf gehen.
Wie man hört, hat der Lars ja mit meinem Nachfolger im Aufsichtsrat wieder ein goldenes Händchen bewiesen.

Ich wünsche euch allen eine (blau-)weiße Weihnacht und einen guten Rutsch ins neue Hertha-Jahr.
Bleibt alle vernünftig und gesund!

HaHoHe
Euer Jürgen

Herthaner im Fokus: Bayer Leverkusen – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: Bayer Leverkusen – Hertha BSC

Nach der ernüchternden zweiten Hälfte bei der 2:5-Heimpleite gegen Borussia Dortmund galt es für unsere Hertha diesmal beim Drittplatzierten Bayer Leverkusen Wiedergutmachung zu leisten. In einem ereignisarmen Spiel am ersten Adventssonntag blieb wenigstens auch die Defensive fehlerlos, sodass sich Hertha zumindest mal wieder mit einem Punktgewinn in Richtung Derby aufmacht.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei diesem 0:0 der schlechteren Sorte.

Herthas Viererkette – Geht doch!

Die Berliner Abwehrreihe um Kapitän Dedryck Boyata bekam trotz verheerender zweiter Hälfte gegen Dortmund wieder das Vertrauen von Trainer Bruno Labbadia, sodass Hertha mit unveränderter Startaufstellung gegen Leverkusen begann.

Und siehe da – es geht doch! Ohne haarsträubende Ein-Mann-Abseitsfallen und dafür mit einer disziplinierten koordinierten Abwehrleistung konnte die Defensivabteilung der Hertha dichtmachen und ließ Leverkusen so nicht gefährlich vors Tor kommen. Auch die schnellen Leverkusener Außenspieler konnten Peter Pekarik und Marvin Plattenhardt keine Probleme bereiten. Etwas Gefahr ergab sich nur aus Fernschüssen und ruhenden Bällen, bei denen mit Alexander Schwolow und der nötigen Prise Glück die Null stehen blieb.

Foto: IMAGO

Und über die Kernkompetenz des Verteidigens hinaus, blitzte auch wenige Male offensive Kreativität auf. So leitete Boyata in der achten Minute eine der wenigen Hertha-Chancen durch Dodi Lukébakio mit einem schönen langen Ball ein, wenngleich diese belgische Koproduktion im Endeffekt auch nur in einem ungefährlichen Schüsschen resultieren sollte.

Auch Omar Alderete versuchte sich im Spielaufbau und spazierte in der 26. Minute in der Manier eines Jordan Torunarigha durch die Leverkusener Offensivabteilung und fasste sich schlussendlich ein Herz, um einen etwas zu motivierten Fernschuss weit über das Tor zu setzen. Da hätte es nach dem ordentlichen Raumgewinn vermutlich eher der Pass zum Mitspieler getan.

Aber auch sonst versuchte Alderete zeitweise schöne Schnittstellenpässe durchs Zentrum zu spielen, was allerdings mit der Zeit parallel zu Herthas Angriffsbemühungen immer mehr abnahm. Ehrlicherweise muss auch gesagt werden, dass der Neuzugang vom FC Basel bei seinen Pässen das ein oder andere Mal mit dem Feuer spielte.

In der 75. Minute schließlich ging es für Alderete mit einer augenscheinlichen Muskelverletzung nicht mehr weiter. Dafür durfte sich der mittlere Dárdai-Sohn Márton seine nächsten Bundesligaminuten abholen – und machte das ordentlich und unaufgeregt. Im Spiel gegen den Ball konnte er noch zwei wichtige Ballgewinne verzeichnen, mit dem Ball ließ er sich von pressenden Leverkusenern nicht aus der Ruhe bringen. Erst in der Nachspielzeit ließ er sich an der rechten Außenbahn etwas übertölpeln und wusste sich nur noch mit einem etwas plumpen Foul zu helfen. Und wie es dann halt immer ist, führte der anschließende Freistoß natürlich direkt zur größten Chance der Partie durch Lars Bender. Aber – auch das wurde überstanden und Márton Dárdai konnte seine ordentliche Leistung mit einem Punktgewinn feiern.

Foto: IMAGO

Insgesamt zeigte sich die Abwehrkette deutlich stabilisiert gegenüber der zweiten Halbzeit gegen Borussia Dortmund. Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass Bayer Leverkusen Herthas Defensive auch nicht vor die ganz großen Prüfungen gestellt hat. Nichtsdestotrotz wurde eine ordentliche Leistung gezeigt, auf der man grundsätzlich aufbauen kann. In der Offensive dürfen gerade die beiden Außenverteidiger gerne etwas mehr Akzente setzen. Klar ist aber, dass gegen ein spielstarkes Leverkusen das Augenmerk auf der Defensive lag und Hertha endlich einmal wieder ohne Gegentor bleiben wollte. Und das ist geglückt.

Zwar muss Bruno Labbadia seine Viererkette mit der neu gefundenen Stabilität im Derby am Freitag voraussichtlich wieder umbauen, sofern Alderete mit einer Muskelverletzung tatsächlich ausfällt. Dann sollte allerdings auch Jordan Torunarigha wieder einsatzbereit sein, der sich mittlerweile wieder im Mannschaftstraining befindet und so die Stammbesetzung in der Innenverteidigung wieder komplettieren könnte. Und das Eigengewächs dürfte für die Partie gegen Union Feuer und Flamme sein. Genau der richtige Zeitpunkt also für ein Comeback. Ob mit oder ohne Jordan – wir sind heiß, Union kann kommen!

Niklas Stark – Auf Nummer sicher

Kennern der Szene mittlerweile als „menschliche Stützräder“ bekannt, steht Niklas Stark für die sichere Nummer in der Defensive und arbeitet als Staubsauger im defensiven Mittelfeld. Gegen Bayer Leverkusen agierte er dabei relativ unauffällig – üblicherweise kein schlechtes Zeichen auf dieser Position.

So konnte er der spielstarken Leverkusener Zentrale immer wieder auf den Füßen stehen und hat diese dadurch nicht zur Entfaltung kommen lassen. Hier und da wurde auch mal ein sinnvolles Foul zur Störung des Spielflusses eingestreut.

Doch so solide der defensive Auftritt Starks geriet, so viel Luft nach oben blieb in seinen offensiven Aktionen. Wenn sich der Nationalspieler in die Offensive einschaltete, missrieten seine Abspiele derart, dass diese im Ansatz gefährlichen Situationen in der ersten Hälfte völlig verpufften.

Auch in der eigenen Hälfte zeigte Stark, dass er sich zurzeit ohne Ball wohler fühlt als mit. Als er in der 32. Minute von zwei Mann unter Druck geriet, konnte er sich nicht befreien, geschweige denn das Leder auf die Tribüne kloppen und ermöglichte Kerem Demirbay so, einen Flatterball auszupacken, den Alexander Schwolow glücklicherweise relativ unproblematisch über die Latte lenkte.

(Photo by Lars Baron/Getty Images)

Bezeichnend schließlich eine Szene in der 68. Minute, als Stark zunächst einen Ball nach aufmerksamem Einsteigen gewinnen konnte, im Angesicht des Drucks von zwei Gegenspielern im Umkreis von fünf Metern aber keinen geraden Pass mehr an den Mitspieler brachte und so den Ball direkt wieder verlor.

Auch wenn Niklas Stark es wieder einmal ordentlich gemacht hat, keimt zaghaft der Wunsch auf, die Position vor der Abwehr mit einem etwas spielstärkeren Sechser zu besetzen, der auch die Offensive bereichern kann. Und siehe da, mit Lucas Tousart steht ein passender Spielertyp eigentlich auch schon zur Verfügung. Der Franzose hatte in den ersten Spielen der Saison defensiv weitestgehend überzeugt, aber im Gegensatz zu Stark auch einige sehenswerte Spielverlagerungen an den Mann gebracht. Tousart stand nach einer kleineren Knieverletzung nun zum zweiten Mal wieder im Hertha-Kader, scheint aber noch nicht wieder auf absolutem Top-Niveau angekommen zu sein und blieb so noch einmal 90 Minuten auf der Bank.

Das könnte aber schon im Derby gegen Union Berlin anders sein und eine französische Doppelsechs gemeinsam mit Mattéo Guendouzi dem Spiel unserer Hertha eine neue Note hinzufügen.

Mattéo Guenduozi – Die ordnende Hand

Herthas Arsenal-Leihe lieferte in seinem erst dritten Spiel von Beginn an wieder eine überzeugende Partie ab.

Der Franzose besticht mit einer beeindruckenden Ruhe am Ball. Diese Ballsicherheit auch bei gegnerischem Pressing bringt eine Selbstverständlichkeit ins Zentrum, die zu Saisonbeginn noch schmerzlich vermisst wurde. Zwar wirkt Guendouzi mit seiner demonstrativen Ruhe manchmal geradezu sorglos, blieb dabei gestern aber trotzdem fehlerlos und konnte sich einige Male sehenswert aus Pressingsituationen befreien und offene Räume bespielen. So brachte er gute 83% seiner Pässe zum Mitspieler – zum Vergleich: bei Stark waren es nur 44%, bei Cunha 60%.

(Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images)

Etwas auffällig ist dabei, dass seine raumbringenden Chipbälle das Spiel regelmäßig auf die rechte Seite verlagerten. Das ist aber ganz einfach in Herthas Aufstellung begründet. Der nominelle Offensivspieler für die linke Seite, Matheus Cunha, bewegt sich eher im Bereich der Zehnerposition. Marvin Plattenhardt hielt sich dagegen gestern offensiv extrem zurück und wagte nur seltenst Ausflüge in die Leverkusener Hälfte. So konnte das Spiel über die Außen also nur über die rechte Seite initiiert werden.

Die ordnende Hand von Mattéo Guendouzi tut Hertha extrem gut. Schon jetzt ist er die erhoffte Verstärkung – und kann gemeinsam mit seinen Kollegen sicherlich noch eine Schippe drauflegen. Vielleicht demnächst neben dem spielstarken Abräumer Tousart?

Mit seiner buddhistischen Ruhe am Ball ist Mattéo Guendouzi jedenfalls schon in kürzester Zeit zum Schlüsselspieler in Herthas – Vorsicht – Zen-trale geworden.

Und dann war da noch:

Alexander Schwolow, der in der ersten Halbzeit bei Demirbays Flatterball auf dem Posten war und sich auch von Leon Baileys Versuch nicht übertölpeln ließ. In der zweiten Hälfte bekam er wie auch Lukas Hradecky auf Leverkusener Seite kaum mehr zu tun. Im Zuge eines intensiven Blickduells mit dem Spielgerät wünschte er sich Lars Benders Kopfball erfolgreich um den Pfosten herum und hielt so den Kasten in der Nachspielzeit sauber.

Matheus Cunha, der von Beginn an überhaupt nicht ins Spiel fand. Verzettelte er sich zunächst noch in Dribblings gegen zu viele ihm auf den Füßen stehende Gegenspieler, entschied sich der Brasilianer später auch in seinen anderen Offensiv-Aktionen für zu umständliche Lösungen und die sonst ab und an eingestreuten genialen Momente blieben aus. Ein Zusammenspiel mit den Sturmpartnern Krzysztof Piątek und Dodi Lukébakio fand kaum statt. Wenn sich einmal Räume öffneten, kamen die Pässe Cunhas nicht an. Ein gelinde gesagt durchwachsener Auftritt, der bereits in der 30. Minute mit der gelben Karte noch garniert wurde. Anscheinend haben auch Fußballgötter mal einen schlechten Tag.

Krzysztof Piątek, der wieder einmal sehr unglücklich agierte. Die alte Leier – er bekommt keine Bälle in Abschlusssituationen, allerdings kommt auch sonst im Spiel deutlich zu wenig von ihm.  Immerhin sah das Anlaufen und damit die Arbeit gegen den Ball ganz brauchbar aus. Offensiv war das aber wieder einmal sehr dünn. Bälle festmachen und weiterverteilen wird wohl nicht mehr seine Stärke. Aber auch sein Kombinationsspiel ist zurzeit einfach nicht das Gelbe vom Ei. So konnte er Herthas Spiel in keiner Szene irgendwie weiterhelfen. Der Pole wurde folgerichtig in der 70. Minute gegen Jessic Ngankam ausgetauscht, der ebenfalls viel arbeitete, aber auch kaum in Erscheinung trat. In der Nachspielzeit köpfte er den Ball zum einzigen Berliner Abschluss der zweiten Hälfte etwas zu unplatziert aufs Tor – hätte das Eigengewächs in der Situation durchgelassen, wäre der besser postierte Cunha zum Abschluss gekommen.

Hendrik Herzog, der sich in der Nachspielzeit nach lautstarken Protesten wohl als erster Hertha-Zeugwart in der Vereinsgeschichte den gelben Karton abholte.

[Titelbild: Lars Baron/Getty Images]