Hertha-Kader in der Analyse – Wat jibt’n dit jetz’?

Hertha-Kader in der Analyse – Wat jibt’n dit jetz’?

Nach dem unzufriedenstellenden ersten Deadline Day von Neu-Manager Fredi Bobic ist nun in der Länderspielpause Zeit, auf den vorhandenen Hertha-Kader zu schauen. Wer bleibt noch übrig? Wo drückt der Schuh? Wie kann man mit dem vorhandenen Personal taktisch aufstellen?

Wir blicken auf die Problemzonen in Herthas Kader und zeigen taktische Systeme auf, wie das vorhandene Personal aufgestellt werden könnte.

Problemzone Flügelspieler

Nachdem im Nachgang der letzten Saison insbesondere die unzureichende Besetzung der Flügelspieler als lodernder Gefahrenherd in Herthas Kader ausgemacht worden war, stehen wir seit dem Schließen des Transferfensters plötzlich mit weniger Flügeln da als noch zwei Tage zuvor. Neben Dodi Lukébakio verließ am Deadline Day auch noch Javairo Dilrosun den Verein. Neu stieß Myziane Maolida zu uns. Zuvor wurde bereits Offensivallrounder Marco Richter vom FC Augsburg verpflichtet.

Neben den beiden Neuzugängen gibt es mit Leihrückkehrer Dennis Jastrzembski also nur drei (!) echte Flügelspieler in Herthas Kader.

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Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO

„DJ“ wurde von den (wechselnden) Verantwortlichen mehrfach für (noch) nicht bundesligatauglich befunden. Richter klebt weniger an der Linie, sondern drängt Lukébakio-esk Richtung Tor und Maolida ist eine Wundertüte. Der Franzose war zuletzt viel verletzt und muss sein in Frankreich zwar ab und an gezeigtes, aber auch nicht konstant abgerufenes, Potenzial erst einmal auf den Rasen des Olympiastadions bekommen.

Das von Pál Dárdai in seiner ersten Amtszeit favorisierte 4-2-3-1 ist in dieser Saison kaum realisierbar.

Hertha ist auf dem Flügel katastrophal unterbesetzt

Jastrzembski wird keine ernstzunehmenden Startelf-Chancen haben. Die beiden Neuzugänge müssen sich zunächst sportlich beweisen und dabei insbesondere verletzungsfrei bleiben. Dass Dárdai wie in grauer Vorzeit auf den stets bemühten Vladimir Darida auf dem rechten Flügel zurückgreifen könnte, führt nicht gerade zu Freudensprüngen in der Fanszene.

Summa summarum bleibt die beängstigende Erkenntnis, dass Hertha auf den Flügeln quantitativ katastrophal unterbesetzt ist. Die am Deadline Day gescheiterte Verpflichtung von Samu Castillejo vom AC Milan kann nur das Ende einer fatalen Absagen-Serie von potenziellen Flügelspielern gewesen sein. So bleibt zu hoffen, dass das vorhandene Personal wenigstens weitestgehend verletzungsfrei bleibt.

Sollten (wider Erwarten) die beiden Neuzugänge 30 Bundesligaeinsätze abreißen können, bleibt noch immer ein großes Fragezeichen, ob sie den spielerischen Erwartungen gerecht werden können.

Problemzone Außenverteidiger

Schon in der Saisonvorschau zu Beginn der Vorbereitung hatten wir die Außenverteidiger auf beiden Seiten als Problemzone erkannt. Und nach dem Abgang von Toptalent Luca Netz brennt jetzt hinten links nachdrücklich der Baum.

Marvin Plattenhardt hat unter Coach Dárdai zwar wieder ein wenig an Standardstärke gewonnen, ansonsten seine mauen Leistungen aber nicht stabilisieren können und kommt bei Weitem nicht an die Leistungen in Dárdais erster Amtszeit heran, die ihm einst die Nominierung zur Nationalelf einbrachten.

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Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Nichtsdestotrotz erhält er weiter den Vorzug vor dem im Dauertief steckenden Maxi Mittelstädt, der vertretungsweise im Spiel gegen Bayern München starten durfte, aber seine dürftige Form und beinahe zu greifende Verunsicherung nicht ablegen konnte.

Plattenhardt, Mittelstädt und Pekarik reichen nicht mehr

In der momentanen Verfassung verkörpern beide Spieler maximal unteres Bundesliga-Niveau – das gibt zu denken.
Nachdem in den letzten Jahren stets das Argument war, Toptalent Netz mit einem Neuzugang nicht den Weg zu verbauen, muss man sich jetzt fragen, wie es auf dieser Position weitergehen soll. Einen anspornenden Zweikampf um die Position legen die beiden Akteure bereits seit Jahren nicht hin. Sofern nicht einer der beiden eine unerwartete Leistungsexplosion hinlegt, sollte man diese Dauerbaustelle in den nächsten Transferperioden dringend ins Auge nehmen.

Auf der rechten Abwehrseite hat es zwar seit Vorbereitungsbeginn keine personellen Veränderungen gegeben. Die ersten Saisonspiele haben aber gezeigt, dass auch dort nach wie vor keine optimale Besetzung gefunden ist. Langsam, aber sicher zeigt sich, dass auch vor Peter Pekarik übliche Alterserscheinungen nicht halt machen und ihm nicht die Zukunft gehört.

In den ersten Saisonspielen zeigte er in einer Viererkette ungewöhnlich schwache Leistungen. Der 34-Jährige war sowohl zu Fuß als auch im Kopf häufig zu langsam und ließ offensiv wie defensiv Konsequenz und Konzentration vermissen. Eine Fünferkette mit der laufintensiven und fürs Offensivspiel wichtigeren Schienenposition kommt seinen Stärken noch weniger entgegen.

Hertha-Hoffnungen liegen auf Zeefuik

Die Position auf der rechten Schiene bei Fünfer- respektive Dreierkette liegt Deyovaisio Zeefuik schon eher. Mit einem zusätzlichen Innenverteidiger hinter sich, kann Deyo Sicherheit gewinnen und seinen eigenen Offensivdrang ausleben, ohne den fatalen Konter über die eigene Seite befürchten zu müssen.

Nichtsdestotrotz bleiben auch bei ihm Hektik, Unkonzentriertheit und Ungenauigkeit, eine allgemeine Unsicherheit unübersehbar. Sollte sich Dárdai demnächst tatsächlich für die Dreierkette entscheiden, könnte Zeefuik wie schon zum Ende der letzten Saison etwas Sicherheit aufbauen. Bleibt es zunächst bei der Viererkette, ist der Niederländer mit individuellen Fehlern momentan ein Risiko. Nach einem schwierigen ersten Jahr ist dem Neuzugang des vergangenen Sommers noch Zeit zu geben. Es bleibt allerdings festzuhalten, dass sich bezüglich seiner anfänglichen Probleme auch nach einem Jahr noch keine signifikante Besserung eingestellt hat. Jetzt muss er liefern, sonst ist seine Hertha-Zeit im nächsten Sommer wohl schon wieder abgelaufen.

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Foto: Mladen Lackovic LakoPress/IMAGO

Lukas Klünter, einst als rechter Verteidiger geholt, ist nicht erst seit Dárdai keine Option für die rechte Abwehrseite. Weder offensiv- noch defensivstark kann Klünter trotz schnellem Antritt die Anforderungen an die Außenverteidigerposition nicht erfüllen. Als rechter Innenverteidiger in einer Dreierkette bleibt er eine Option.

Rechts wie links ist Hertha in der Abwehr qualitativ unterbesetzt. Weder für die Viererkette noch für die Dreierkette hat man eine sichere, stabile Besetzung parat. Die Hoffnung für die rechte Seite liegt darauf, dass Deyovaisio Zeefuik den Schlendrian los wird und sich stabilisiert. Auf links muss sich einer aus dem Duo Marvin Plattenhardt und Maxi Mittelstädt aus dem Formtief befreien. Somit müssten die Fans zumindest nicht mehr jeden Samstag zitternd den Namen des gegnerischen Rechtsaußen bei einschlägigen Suchmaschinen eintippen.

Problemzone Zielstürmer

Mit Jhon Córdoba, Matheus Cunha und Dodi Lukébakio hat man die Schützen von 19 der 41 Hertha-Tore aus der vergangenen Bundesliga-Saison abgegeben. Von der letztjährigen Offensive blieb nur Krzysztof Piątek zurück, der mittlerweile nach erlittenem Knöchelbruch wieder erste Gehversuche auf dem Rasen unternimmt.

Aber auch der Pole taugt nicht wirklich als Hoffnungsträger. Dafür blitzte sein Können in den letzten anderthalb Jahren zu selten auf. Auch, weil Herthas Offensivspiel weitestgehend lahmte und von Einzelaktionen abhängig war.

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Foto: SVEN SIMON/ Ottmar Winter/pool/IMAGO

Piątek aber ist kein Spieler für große Einzelaktionen, nicht besonders durchsetzungsstark oder dribblingversiert, auch im Kombinationsspiel liegt nicht seine Stärke. Stattdessen muss er mit Bällen gefüttert werden, um im Sechzehner direkt selbst zum Abschluss kommen zu können. Fraglich, ob Hertha den polnischen Nationalspieler diese Saison nahezu ohne Flügelspieler in diese Positionen bringen kann.

Auch Piątek-Ersatz und Leihrückkehrer Davie Selke fällt nach seiner im Spiel gegen Bayern München erlittenen Rippenverletzung vorerst aus. Selke ist in Herthas Kader neben Piątek noch der typischste Neuner, wird dazu regelmäßig für sein Defensivverhalten in vorderster Linie gelobt. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass die letzten Jahre für Selke sportlich zum Vergessen waren. Ob er sein Selbstbewusstsein wiederfindet und mit Toren zum sportlichen Erfolg beitragen kann, ist mehr als fraglich. Die Hoffnungen der Fans lasten jedenfalls nicht auf seinen Schultern. (Aber schieß bitte trotzdem die zehn Tore, Davie. Ich verliere diese Wette gerne!)

Schlagen Jovetic und Belfodil bei Hertha ein?

Neben den verletzten Selke und Piątek musste auch Neuzugang Stevan Jovetic im letzten Spiel angeschlagen ausgewechselt werden. Der Montenegriner ist dank internationaler Erfahrung mit allen Wassern gewaschen, aber kein wirklicher Zielspieler. Stattdessen gleicht er in seinem Spielstil eher Cunha als Córdoba oder Piątek. Er sucht häufiger die spielerische Lösung und das Dribbling, ist etwas kreativer und ordentlich im Kombinationsspiel, dabei aber naturgemäß auch auf die Mitspieler angewiesen.

Ein ähnlicher Spielertyp wie Jovetic ist Ishak Belfodil. Dieser dürfte in den nächsten Spielen angesichts der Verletztensituation direkt zum Zug kommen. Aber auch er ist verletzungsanfällig und konnte in den letzten Jahren mit seinen Statistiken nicht mehr beeindrucken. Belfodil ist eher ein Spieler für die Breite und könnte in der Saison seine Momente haben. Dass er direkt funktioniert und einschlägt, ist leider eher nicht zu erwarten.

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Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Zusammengefasst hat man Qualität abgegeben und durch Verletzungsanfälligkeit ersetzt. Die taktische Herangehensweise bleibt angesichts der Spielertypen auf dieser Position unklar.

Wenn es endlich gelingt, Krzysztof Piątek ordentlich einzusetzen, kann der Pole sicherlich die Rolle des Torjägers einnehmen, die ihm seit dessen Transfer zugedacht war und die Abgänge vergessen lassen. Woher die plötzliche taktische Lösung kommen soll, bleibt aber schleierhaft. Die anderen Spieler im Sturmzentrum brauchen angesichts von Verletzungspausen, Eingewöhnung und absoluten Formtiefs Zeit, um sich zu beweisen.

Problemzone Identifikationsfigur auf dem Platz

Trust in Pal & Zecke & Arne & Fredi – was wie die Achse der 2005-er Hertha unter Falko Götz klingt, ist seit dieser Saison in allen sportlichen Bereichen abseits des Feldes verantwortlich für den Erfolg der Hertha.

Doch obwohl die handelnden Verantwortlichen nach mehr oder minder erfolgreicher Hertha-Vergangenheit die blau-weiße Fahne im Herzen tragen, bietet der Kader der Gegenwart immer weniger Identifikation mit Stadt und Verein. Sprach Bobic vor wenigen Wochen noch davon, in das Team wieder mehr Berliner Blut zu integrieren, gleicht diese Transferperiode vielmehr einem Berliner Aderlass.

Die großen Talente aus der eigenen Jugend Arne Maier und Luca Netz haben den Verein fluchtartig verlassen. Keeper Nils Körber, vor zwei Jahren beim Kicker noch notenbester Spieler der Dritten Liga, ist endgültig degradiert. Nach Alexander Schwolow wurde ihm mit Oliver Christensen jetzt der nächste externe Torwart vorgesetzt.

Auch Jordan Torunarigha, seit geraumer Zeit absoluter Publikumsliebling, wird immer weiter verprellt, spielt er doch seit seiner Corona-Erkrankung kaum noch eine Rolle. Dárdai wich im Spiel gegen Bayern München sogar von seinem eisernen Dogma ab, auf der linken Innenverteidiger-Position nur einen Linksfuß spielen zu lassen und ließ Torunarigha unberücksichtigt. Verständlich, dass sich Jordan auch in dieser Transferperiode wieder mit einem Abgang beschäftigt hat.

Reicht Boateng als Hertha-Anführer?

Auf der Seite der Neuzugänge steht über allem natürlich die Heimkehr von Kevin-Prince Boateng. Und der Berliner liefert auch die Emotionen, die man sich von ihm erhofft hat. Nichtsdestotrotz muss er das ganze aber auch mit Leistung untermauern, um auch mannschaftsintern wirklich vorangehen und mitreißen zu können.

Die anderen Neuzugänge daneben riechen so gar nicht nach Berliner Herzblut. Aber das kann ja noch werden.

Jetzt, wo die großen Einzelkönner ersatzlos weg sind, muss die Mannschaft über das Team funktionieren, um die Fans wieder abzuholen. Denn die Fans sind angesichts der Enttäuschungen der letzten Jahre und der schwindenden Anzahl ehemaliger Hoffnungsträger aus der Hertha-Jugend im Kader vorerst völlig zurecht misstrauisch.

Mögliche Aufstellungen

Welche taktischen Optionen ergeben sich nun mit dem vorhandenen Kader? Wir beleuchten Variationen mit Vierer- und Dreierkette, mit besonderem Fokus auf die unter Dárdai bereits praktizierten 4-2-3-1 und 3-5-2.

4-2-3-1 (respektive 4-3-3 bei offensiverer Positionierung)

Dieses System wurde überwiegend in Dárdais erster Amtszeit und auch zum Ende der letzten Saison immer wieder praktiziert. Spätestens seit der WM 2010 im Weltfußball beliebt, steht das System kurz gesagt für defensive Stabilität dank zweier Sechser und offensive Variabilität mit schnellen und dribbelstarken Außenspielern neben einem torgefährlichen Zehner und einem Abschlussstürmer.

An den Außenspielern hakt es aber bereits. Mangels Alternativen dürfen weder Myziane Maolida noch Marco Richter über einen längeren Zeitraum verletzt ausfallen oder im Formtief abtauchen. Abseits davon, ist Marco Richter nicht der typische Flügelspieler, sondern zieht gerne mit Ball ins Zentrum. Das aber könnten wiederum Suat Serdar und Deyovaisio Zeefuik ausnutzen, um die freiwerdende rechte Außenbahn offensiv zu besetzen.

Sollten Maolida oder Richter tatsächlich einmal nicht verfügbar sein, könnten Stevan Jovetic oder wie in der Vergangenheit ab und an Vladimir Darida auf den Außenbahnen aushelfen – mit deutlichem Qualitätsabfall. Für Schnelligkeit stehen beide bei aller Liebe nicht und auch im Eins-gegen-Eins wird man Darida wohl eher selten sehen. In einzelnen Spielen kann diese Notlösung vielleicht aber gezogen werden.

Auch hinter dem übrigen Personal stehen einige Fragezeichen. Jurgen Ekkelenkamp muss in seiner Debütsaison eigentlich von Beginn an als Ballverteiler funktionieren. Auf der Zehn könnten Stevan Jovetic oder Vladimir Darida aushelfen. Sie vereinen aber nicht die Qualitäten auf sich, die der Zehner in solch einem System mitbringen sollte. Suat Serdar könnte das möglicherweise besser, würde dann aber eine Position weiter hinten als Box-To-Box-Spieler fehlen, wo er höchsten sporadisch von Kevin-Prince Boateng vertreten werden könnte.

Den defensiven Part der Doppelsechs liegt Lucas Tousart wie maßgeschneidert. Angesichts seiner momentanen Formschwäche könnte aber auch Santiago Ascacibar als zwar spielschwächere, aber aggressivere und kämpferische Alternative Minuten sehen.

In der Viererkette bietet sich auf links zurzeit eher Marvin Plattenhardt an. In der Innenverteidigung setzte Dárdai gegen Bayern München auf Niklas Stark und Dedryck Boyata. Fraglich, ob sich Márton Dárdai gegen einen der beiden Platzhirsche durchsetzen kann, sobald er wieder einsatzfähig ist.

Hertha im 4-3-3 oder einer Raute?

Offensiver interpretiert könnte diese Formation auch als 4-3-3 dargestellt werden. Die höhere Positionierung dürfte aber defensiv insbesondere zulasten der Außenverteidiger gehen, die in der bisherigen Form aber ohnehin schon sehr anfällig für Fehler und verlorene Zweikämpfe sind.

Alternativ zu dieser Grundordnung könnte man es mangels Flügelspielern auch mit einem 4-4-2 mit enger Raute oder einem 4-2-2-2 mit zwei offensiven Mittelfeldspielern versuchen. Eine solche Grundordnung käme allerdings ziemlich überraschend, hat Hertha doch weder in den letzten Jahren noch in der Vorbereitung in einem solchen System gespielt.

Zudem sind auch hier nicht alle Probleme beseitigt. Stattdessen dürfte die Konzentration im Zentrum weiter zulasten der offensiven Durchschlagskraft gehen. Piątek wäre noch mehr auf sich allein gestellt als ohnehin schon.

In einem solchen System müssten die offensiven Mittelfeldspieler durch Lauf- und Dribbelstärke sowie Kreativität in der offensiven Räume schaffen und sehr dynamisch und flexibel agieren. Alles Eigenschaften, die dem Herthaner Offensivpersonal die dem Herthaner Offensivspiel in den letzten Jahren nicht wirklich zu entnehmen waren.

Liegt die Zukunft im 3-5-2?

Bereits zum Ende der letzten Spielzeit griff Dárdai häufig auf dieses System zurück, um defensive Stabilität zu erreichen, die unter Vorgänger Bruno Labbadia mit der Viererkette verlorengegangen war.

In diesem System hängt das Spiel mit Ball allerdings wesentlich von den beiden Schienenspielern auf der Außenbahn ab. Und dort liegt wie auch schon in der letzten Saison der Nachteil dieser Aufstellung. Denn schon in der letzten Saison hatten die Schienenspieler bei Hertha das Problem offensiv nicht durchsetzungsfähig und defensiv gelegentlich zu unaufmerksam zu sein.

Zwar wird der Außenbahnspieler von der Dreierkette noch zusätzlich abgesichert, ist aber natürlich trotzdem für die defensive Stabilität der Seite zuständig. Insbesondere aber offensiv lahmte das Flügelspieler in der letzten Saison bei Dreierkette noch mehr als sonst. Die Schienenspieler müssen möglichst bis zur Grundlinie durchstoßen (können), dann gefährliche Flanken oder Hereingaben schlagen oder ohne Ball auch einmal selbst nach innen bzw. zum Tor ziehen und Torgefahr ausstrahlen. Auf der linken Seite sind dort als Paradebeispiele sicherlich Robin Gosens oder Filip Kostic zu nennen.

Mit Blick auf Maxi Mittelstädt fällt die Vorstellung schwer, dass Hertha dort nennenswerte Power über die Seite entwickel. Nichtsdestotrotz sollte dem gebürtigen Berliner die Position besser liegen als Marvin Plattenhardt, der offensiv doch arg beschränkte Mittel zur Verfügung hat.

Auf der rechten Seite wäre Deyovaisio Zeefuik offensiv ab und an mehr Mut zu wünschen, defensiv oder im Spielaufbau leidet sein Spiel aber auch enorm an den Unkonzentriertheiten, die sich Zeefuik einfach viel zu oft leistet.

Offensiv könnte Jovetic um den Abschlussstürmer Piątek herum zwar für einige kreative Momente sorgen. Ohne größere Unterstützung aus dem Mittelfeld oder über außen dürfte das aber zu ausrechenbar bleiben.

Maolida und Richter im Doppelsturm?

Personell ist in der Dreierkette auch Lukas Klünter eine Option für die rechte Innenverteiger-Position. Jordan Torunarigha dürfte hier gegenüber Márton Dárdai, Niklas Stark und Dedryck Boyata das Nachsehen haben.

Im zentralen Mittelfeld ergeben sich wegen der hohen Variabilität der Spieler und Positionen allerlei Möglichkeiten aufzustellen. Lediglich einer des Duos Tousart/Ascacibar sollte zur defensiven Stabilisierung auf dem Feld stehen.

Offensiv können die Neuzugänge Marco Richter und Myziane Maolida anstelle von Stevan Jovetic andere Aspekte in den Doppelsturm einbringen. Die beiden könnten auch als dynamischer Doppelsturm beginnen, wobei es dann wieder an den spielerischen Elementen zur Erarbeitung von Torchancen fehlen könnte.

Insgesamt könnte die Dreierkette wie schon letzte Saison für mehr defensive Stabilität sorgen. Auch angesichts fehlender Flügelspieler stellt sie eine annehmbare Alternative dar. 

Allerdings dürfte die defensivere Einstellung das Offensivspiel gerade über die Flügel erlahmen, sodass auch hier in erster Linie das alte Problem der fehlenden Torgefahr durchschlagen dürfte.

Das U23-System ist auch bei den Profis denkbar

Eine sehr viel offensivere Alternative dazu könnte ein 3-4-3 sein, wie es beispielsweise zurzeit von den Hertha Bubis unter Ante Covic gespielt wird. Diese Ausrichtung könnte den vorhandenen „Flügelspielern“ entgegenkommen.

Sowohl Marco Richter als auch Stevan Jovetic und Ishak Belfodil könnten die Halbpositionen neben bzw. hinter der Sturmspitze problemlos besetzen und mit Dribblingansätzen und etwas Tempo im Zusammenspiel funktionieren.

Da in vorderster Reihe ein Spieler hinzukommt, müssen die verbliebenen zwei zentralen Mittelfeldspieler im Vergleich zum 3-5-2 die Arbeit von drei Zentrumsspielern übernehmen. Dafür müssen die zwei Spieler auf dem Feld beide sehr lauf-, pass- und zweikampfstark sein. Eine Aufgabe, die gerade Suat Serdar als etwas offensiv orientiertem Box-To-Box-Spieler neben dem defensivstarken Lucas Tousart zuzutrauen wäre. Doch dafür müssten beide in guter Form sein, zumal man bei den Alternativen in diesem System relativ deutliche Abstriche machen müsste und eine defensive Überforderung drohen würde.

Und das Problem der Schienenspieler bleibt. Über außen dürfte relativ wenig offensive Unterstützung zu erwarten sein. Und so könnten bei Ballung im Zentrum die Angriffsbemühungen Herthas mangels Kombinationsspiel und Dynamik zu zentrumsorientiert und leicht ausrechenbar sein.

Fazit

Trotz wirklich fragwürdiger Transferpolitik bleiben der Hertha noch einige taktische Varianten offen, von denen allerdings jede einzelne einige Problemzonen aufweist. Gerade offensiv hat man enorm viel Kreativität und Torgefahr verloren, selbst wenn man taktische Disziplin gewonnen haben sollte. Das Offensivkonzept war in den letzten Jahren kaum erkennbar, auch in dieser Saison wird angesichts des vorhandenen Personals die offensive Durchschlagskraft das große Problem bleiben.

Es bleibt zu hoffen, dass der von Bobic beschworene Teamgeist tatsächlich entwickelt wird und die qualitativen Schwächen ausgleichen kann. Das Maximum, das man sich als Herthaner:in für diese Spielzeit wünschen kann, ist wieder einmal nur eine sorgenfreie Saison.

[Titelbild:IMAGO]

Die nächste neue Hertha – Vorstellung der Neuzugänge

Die nächste neue Hertha – Vorstellung der Neuzugänge

Noch im Mai forderte Pál Dárdai, dass es keinen erneuten Umbruch geben dürfe. Zehn Zugänge, 13 Abgänge und einen enttäuschenden Deadline Day später steht Hertha mit einem rundum erneuerten Kader da. Zeit, die Gedanken zu sortieren und sich die neuen unbekannten Spieler einmal anzusehen.

Unser hausinterner Frankreich-Experte Christophe widmet sich demnächst in einem ausführlichen Artikel unserem Deadline Day  Neuzugang Myziane Maolida. Alle weiteren Neuzugänge des Sommers stellen wir hier in einem Kurzporträt vor

Jurgen Ekkelenkamp – Das fehlende Puzzleteil?

Herthas neue Nummer Zehn kam nach einigem Hin und Her von Ajax Amsterdam nach Berlin. Der 21-jährige Jurgen Ekkelenkamp war sich des Längeren mit Hertha über einen ablösefreien Transfer im Sommer 2022 einig, nun stößt er für etwa drei Millionen Euro schon in diesem Sommer zur Mannschaft.

Der Niederländer aus der Ajax-Jugend ist der sechste zentrale Mittelfeldspieler in Herthas Kader, dabei aber deutlich auf die offensiveren Positionen spezialisiert. Er kann als offensiver Achter in einem 4-3-3 oder als Zehner im bei Dárdai beliebten 4-2-3-1 agieren. Dabei ist er allerdings weniger der besonders kreative und dribbelstarke Offensivkünstler, als vielmehr ein passsicherer Ballverteiler, typisch für die Ajax-Schule.

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Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx

Neben seiner Übersicht und Passsicherheit tut sich Ekkelenkamp insbesondere ohne Ball am Fuß durch seine Läufe in den gegnerischen Strafraum vor, um eine weitere Anspielstation zu bieten und die Zuteilung der Defensive durcheinanderzuwürfeln wie es etwa ein Ilkay Gündogan in der letzten Saison bei Manchester City sehr erfolgreich gehandhabt hat. Ekkelenkamp bringt somit auch eine gewisse Torgefahr aus dem Mittelfeld mit und kann durch seine Tiefenläufe Abwehrreihen aufbrechen und Räume für Mitspieler kreieren – beides Dinge, die Hertha in den letzten Jahren beinahe völlig abgingen.

Hertha-Base Redakteur Simon hat in einem Twitter-Thread seine Sichtweise auf den Neuzugang erläutert und mit einigen Spielszenen untermalt:

Dass Jurgen Ekkelenkamp direkt mit der symbolträchtigen Rückennummer Zehn auflaufen wird, zeigt welche Hoffnungen die Verantwortlichen in ihn legen. Gerade nach den vielen Abgängen in der Offensive wird es spannend, ob der niederländische U21-Nationalspieler schnell zum Zug kommt, wie er sich in das Offensivspiel der Mannschaft einbringt und welche taktische Rolle Pál Dárdai ihm zugedenkt. In jedem Fall erweitert Jurgen Ekkelenkamp die offensiven Möglichkeiten der Hertha.

Oliver Christensen – Druck für Schwolow

Nachdem sich Rune Jarsteins Reha nach der schweren Corona-Erkrankung  noch eine Weile in die Länge zieht und Hertha offensichtlich Nils Körber die Rolle der Nummer Zwei nicht zutraut, wurden die Verantwortlichen um Fredi Bobic und Arne Friedrich in der dänischen Liga bei Odense BK fündig. Der 22-jährige Oliver Christensen, dänischer U21-Nationalkeeper, kommt für kolportierte drei Millionen Euro in die Hauptstadt und komplettiert das Torwart-Team.

Foto: IMAGO

Keeper-Analyst Sascha hat in einem Twitter-Thread die Stärken und Schwächen des Berliner Neuzugangs aufgezeigt (als dieser noch beim HSV im Gespräch war):

Dem Dänen wird also viel Potenzial attestiert. Er könnte somit nach kurzer Eingewöhnungszeit direkt in einen Zweikampf mit Alexander Schwolow treten, dessen unglückliche Debütsaison sich fortzusetzen scheint. So sah Schwolow bei den Toren zum 1:1 der Wolfsburger wie auch beim 2:0 in München nicht gut aus.

Schon in der letzten Saison hatte Chefcoach Pál Dárdai Schwolow wegen fehlenden Spielglücks auf die Bank beordert und Rune Jarstein bis zu dessen Corona-Erkrankung zur Nummer Eins gemacht. Zwar hieß es damals, die Zukunft gehöre Schwolow – angesichts der Ankunft des jungen hungrigen Konkurrenten könnte diese aber schon bald wieder vorbei sein.

Ishak Belfodil – Das Experiment

Mit Ishak Belfodil zauberte Hertha für die Offensive einen alten Bekannten aus der Bundesliga aus dem Hut, der dennoch etwas aus dem Blickfeld geraten war.

Der Algerier konnte in bisher 74 Bundesliga-Spielen 20 Tore und sieben Vorlagen erzielen – klingt soweit ganz ordentlich. Davon entfallen aber bereits 16 Tore und fünf Vorlagen auf seine stärkste Saison 2018/2019 bei Hoffenheim, gleichbedeutend mit einer Ausbeute von vier Toren und zwei Vorlagen in den übrigen 46 Spielen – ausbaufähig.

Der 29-Jährige hatte zu seiner Hoffenheimer Zeit mit Andrej Kramaric ein kongeniales Duo gebildet, verpasste dann aber wegen einer schweren Knieverletzung die gesamte Spielzeit 2019/2020, erkrankte anschließend an Corona und wurde im letzten Jahr vom neuen Coach und Ex-Herthaner Sebastian Hoeneß kaum noch berücksichtigt.

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Belfodil soll laut Pál Dárdai der Ersatz für Jhon Córdoba sein, ähnelt ihm in seiner Spielweise aber eigentlich kaum. Während Córdoba für den Prototyp bulliger Stürmer steht, ist Ishak Belfodil ein eher mitspielender Stürmer, der das Kombinationsspiel sucht, auch mal auf die Außen ausweicht, selbst Vorlagen geben kann, aber trotzdem einen ordentlichen Abschluss hat.

Mit einer Ablöse von 500.000 Euro geht man mit der Verpflichtung kaum ein finanzielles Risiko ein. Fraglich bleibt aber, ob Belfodil nach seiner schweren Verletzung und der langen Leidenszeit wieder das Level seiner starken Saison erreichen kann oder ob eher jene Saison ein Ausreißer nach oben war. Ein Eins-zu-Eins-Ersatz für Jhon Córdoba ist der Algerier mitnichten, er kann aber gerade im Zusammenspiel mit einem zweiten Stürmer Akzente in der Offensive setzen und ist als Option für die Kaderbreite in Ordnung.

Marco Richter – Herthas neuer Wirbelwind

Der 23-jährige Offensivallrounder kam vom FC Augsburg zu Hertha. Dabei ist er höchstwahrscheinlich insbesondere für die offensiven Außen rechts wie links eingeplant. Wenngleich sein übliches Einsatzgebiet die Außenpositionen sind, so ist er dennoch kein klassischer Flügelspieler.

Richter klebt nicht an der Linie, dribbelt sich dann bis zur Grundlinie durch und bringt reihenweise butterweiche Flanken in den Fünfer. Vielmehr stößt er gerne selbst neben einem zentralen Stürmer über die Halbpositionen vor, zieht zielstrebig zum Tor und sucht schnell den Abschluss. Trotz dieser latenten Torgefahr kam Richter beim FCA in vier Saisons allerdings noch nicht über vier Saisontore hinaus. Auch mit seinen Dribblings kann er durchaus mal den ein oder anderen Gegenspieler stehen lassen, um selbst zum Schuss zu kommen oder einen Mitspieler einzusetzen.

Foto: xkolbert-press/ChristianxKolbertx/IMAGO

In seinem Spielstil gleicht er somit trotz unterschiedlicher körperlicher Anlagen Dodi Lukébakio, der insgesamt etwas dribblingslastiger allerdings seinerseits häufig zu kopflos die falschen Entscheidungen traf. Richter bringt darüber hinaus mit einer gewissen Wucht in Zweikampf, Dribbling und Torschuss eine Komponente mit, die Lukébakio häufig abging.

Ebenso war an den ersten Spieltagen bei seinen Kurzeinsätzen Galligkeit, Einsatzwillen und Ehrgeiz zu erkennen, den die Mannschaft in den letzten Jahren so schmerzlich vermissen ließ. Bleibt zu hoffen, dass Richter nicht wie so manch anderer Neuzugang in den Hertha-Trott verfällt, sondern die Mannschaft mit seinem Elan mitreißen kann. Angesichts der weiteren Abgänge von Dodi Lukébakio und Javairo Dilrosun praktisch konkurrenzlos auf dem Flügel sollte Richter das nun in Zukunft häufig in der Startelf zeigen können.

Stevan Jovetic – Erfahren wie talentiert, aber auch fragil

Mit Stevan Jovetic wurde ein echter Bobic-Transfer an Land gezogen. Einst ein großer Name, zuletzt aber in der Versenkung verschwunden – und natürlich von der LIAN Sports Group vertreten.

Vor acht Jahren war Jovetic sowas wie das nächste große Ding und wechselte damals nach einigen starken Saisons bei der AC Florenz für 26 Millionen Euro zu Manchester City, die schon damals ein Starensemble waren und am Ende der Saison die Meisterschaft holen sollten. Damals auch mit im Kader der Citizens übrigens ein gewisser Dedryck Boyata. Über Inter Mailand, den FC Sevilla und die AS Monaco kam der Montenegriner nun diesen Sommer nach Berlin und möchte nun beweisen, dass er das Tore schießen über all die Jahre und Stationen nicht verlernt hat.

Foto: IMAGO

Der 31-Jährige ist ebenfalls nicht der „typische“ Strafraumstürmer, sondern in der Offensive variabel einsetzbar, technisch stark, ordentlich im Dribbling und Abschluss und kann so durchaus Alleinunterhalter sein. Auch ihm könnte es aber noch besser liegen, einem Zielspieler im Sturmzentrum zuzuarbeiten bzw. um diesen herum als kreierender Part der Offensive zu agieren.

Doch dafür müsste er verletzungsfrei bleiben – seine Verletzungshistorie auf transfermarkt.de füllt bereits zwei Seiten. In den letzten vier Jahren absolvierte Jovetic lediglich 61 Spiele, blieb aber immerhin in der letzten Saison vergleichsweise verletzungsfrei.

Insofern kam es leider nicht ganz überraschend, als sich der Montenegriner nach 20 Minuten im Bayern-Spiel mit Wadenproblemen auswechseln lassen musste. Es bleibt zu hoffen, dass er schnell fit wird und dann gesund bleibt, um die kreative Lücke zu füllen, die die Abgänge von Matheus Cunha, aber auch Dodi Lukébakio und Javairo Dilrosun gerissen hat. Sein Spielwitz hat Hertha bereit gut getan – man will ihn nicht lange missen.

Suat Serdar – Schon nicht mehr wegzudenken

Schon frühzeitig festgemacht wurde der Transfer von Suat Serdar. Der ehemalige deutsche Nationalspieler soll die zentrale Rolle im Hertha-Spiel ausfüllen, die in den letzten Jahren behelfsweise mit den Leihspielern Marko Grujic und Matteo Guendouzi besetzt wurde. Als Strippenzieher und Taktgeber im Hertha-Mittelfeld soll Serdar das Spiel der Hertha denken und lenken.

Und in der Vorbereitung klappte das nach kurzer Zeit schon erstaunlich gut. Serdar ließ dabei insbesondere immer wieder Torgefahr aufblitzen, wenn er sich selbst dribbelnd ins letzte Gegnerdrittel vorwagte oder sich in Tornähe an einigen schönen Kombinationen mit Mitspielern versuchte.

Foto: nordphotoxGmbHx/xTreese/IMAGO

Daneben ließ er als Box-To-Box-Spieler seine Qualitäten in der Schaltzentrale aufblitzen. Seine dynamischen Antritte, das gute Auge und die Offensivläufe ließen hoffen, dass Hertha die kreative und verbindende Stelle im Zentrum endlich ordentlich und nachhaltig besetzt hat.

Umso überraschender, dass Pál Dárdai ihn im ersten Saisonspiel gegen den 1. FC Köln als Rechtsaußen beginnen ließ. Serdar fand auf der ungewöhnlichen Position überhaupt nicht ins Spiel und konnte keine Impulse setzen. Diese positionsfremde Aufstellung aus Mangel an Alternativen wurde zwar in den folgenden beiden Spielen korrigiert, Serdar konnte das Spiel aber nicht derart an sich reißen wie noch in der Vorbereitung. Die Verunsicherung der Mannschaft färbte in Teilen auf ihn ab und weckte vermutlich Erinnerungen an die letzte Saison Serdars in Gelsenkirchen.

Nichtsdestotrotz konnte er bereits andeuten, warum Hertha ihn geholt hat. Sofern sich die Mannschaft in den nächsten Spielen wieder etwas stabilisiert, wird Serdar seine Qualitäten zeigen können. Schon jetzt ist er aus Herthas zentralem Mittelfeld nicht mehr wegzudenken.

Rückkehrer Boateng und Quasi-Neuzugänge

Heimkehrer Kevin-Prince Boateng wurde von uns in der Vorbereitung bereits mit einem ausführlichen Porträt bedacht. Mit seiner Erfahrung und Mentalität ist er ein wichtiger Führungsspieler in der Mannschaft. Ob sein Körper mitmacht und er sportlich mithalten kann, steht auf einem anderen Blatt.

Neben Dennis Jastrzembski kehrte auch Davie Selke von seiner Leihe zurück. Nach starker Vorbereitung, die wir zum Anlass genommen haben, ihn noch einmal genauer zu beleuchten, verletzte er sich im Spiel gegen Bayern und fällt vorerst aus.

Obwohl Pál Dárdai im Mai noch davon sprach, dass man nicht erneut einen großen Umbruch vornehmen dürfe, stehen am Ende der Transferphase zehn Zugänge 13 Abgängen gegenüber. Ob damit jetzt die geforderte Mentalität und geschlossene Mannschaftsleistungen erreicht werden können, bleibt abzuwarten.

[Titelbild: IMAGO]

Kaderanalyse 2020/21 – Herthas Außenverteidiger

Kaderanalyse 2020/21 – Herthas Außenverteidiger

Endlich ist die Alptraum-Saison 2020/2021 vorbei. Nach einer hochemotionalen Schlussphase gab es doch noch ein „Happy End“ für Hertha BSC. Diese verrückte Spielzeit haben wir sehr ausführlich in unserer Saisonrückblick-Podcastfolge besprochen. Doch jetzt wollen wir uns der Kaderanalyse widmen. Dabei gehen wir nicht nur auf die abgelaufene Saison ein, sondern werfen auch einen Blick nach vorne. Welche Kaderstellen müssen Bobic, Dufner, Friedrich und co. noch dringend bearbeiten? Wo hat man Bedarf, welche Spieler werden wohl den Verein verlassen?

Nachdem wir bereits die Torhüter und die Innenverteidiger ins Visier genommen haben, widmen wir uns jetzt den linken und rechten Außenverteidigern.

Maxi Mittelstädt – Wo bleibt der nächste Schritt?

Diese Saison sollte endgültig der große Durchbruch Maxi Mittelstädts in der Bundesliga werden. Doch wie eigentlich bei der gesamten Mannschaft blieb der nächste Entwicklungsschritt aus.

Zwar kam der gebürtige Berliner auf 27 Einsätze, davon 22 von Beginn an, zeigte aber sehr wechselhafte Leistungen und konnte kaum ein überzeugendes Spiel abliefern. Zu Beginn noch gesetzt, im Pokal gegen Braunschweig sogar als zentraler Mittelfeldspieler, verlor er nach enttäuschenden Ergebnissen und einem folgenschweren Patzer in der Nachspielzeit des Spiels gegen Bayern München seinen Stammplatz schnell wieder an Marvin Plattenhardt und profitierte in der Folge insbesondere von dessen diversen Ausfällen.

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Zwar konnte sich Mittelstädt unter Pal Dárdai defensiv stabiliesieren. Das in der Vergangenheit häufiger angedeutete offensive Potenzial zeigte sich aber nur zu Beginn des Spieljahres, als Mittelstädt in den ersten drei Partien zwei Vorlagen lieferte. Im Verlauf der Saison blitzten kaum einmal Spielwitz oder fußballerischen Ideen auf, auch seine vermeintlichen Stärken gegenüber Konkurrent Plattenhardt beim Dribbling und Kombinationsspiel konnte er nicht zeigen. Seine wenigen Einsätze im linken (offensiven) Mittelfeld stellten da leider keine Ausnahme dar und machten deutlich, dass er in Zukunft keine ernsthafte Option (mehr) als Back-Up für die Offensive Außenbahn ist.

Trotzdem wird Maxi Mittelstädt auch diese Spielzeit wieder zum Ansporn nehmen, weiter an sich zu arbeiten und in jedem Spiel mit vollem Einsatz versuchen voranzugehen.

In der nächsten Saison wird Maxi Mittelstädt wieder mit Marvin Plattenhardt, der unter Dárdai seine fußballerisch beste Zeit erlebte, in einen offenen Zweikampf um den Stammplatz auf der linken Abwehrseite treten. Es bleibt zu hoffen, dass Dárdai bei beiden die richtigen Stellschrauben ausmacht und dieser sportliche Zweikampf nicht wie in der letzten Saison beide zu lähmen scheint, sondern sie sich gegenseitig zu guten Leistungen antreiben – und möglicherweise hat ja auch Luca Netz in der nächsten Spielzeit schon ein Wörtchen mitzureden.

Marvin Plattenhardt – Renaissance unter Pal Dárdai?

War Marvin Plattenhardt zu Beginn der Saison unter Bruno Labbadia noch zweite Wahl, durfte er nach fünf sieglosen Partien ab dem siebten Spieltag als vermeintlich defensivstärkere Alternative auf der Linksverteidiger-Position beginnen und spielte sich trotz wechselhafter Leistungen zunächst fest.

Plattenhardt machte seine Sache defensiv nicht schlecht, konnte aber auch kaum positive Akzente setzen. Offensiv ging kaum etwas – seine Standardstärke scheint komplett verloren, seine Flanken fanden selten einen Abnehmer. Dazu kam das Verletzungspech, was Plattenhardt mit drei verschiedenen Blessuren durch die Saison begleitete. Nachdem mit Pal Dárdai sein Förderer zurück an der Seitenlinie war, stieg die Formkurve des Linksfußes wieder leicht an. Die Flanken kamen wieder etwas genauer, das Offensivspiel wurde etwas lebendiger. So konnte Plattenhardt – zwischenzeitlich noch einmal von einer Corona-Erkrankung ausgebremst –  in den letzten drei Spielen immerhin noch zwei Vorlagen verbuchen.

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Nichtsdestotrotz war die Saison für Marvin Plattenhardt mit nur 16 absolvierten Spielen und drei langfristigen Ausfällen eine Spielzeit zum Vergessen. Abhaken und unter Dárdai nochmal angreifen! Pal Dárdai kennt Plattenhardt gut, hat ihn in seiner ersten Amtszeit vom Ergänzungs- zum Nationalspieler geformt. Nicht unwahrscheinlich, dass Dárdai “Platte” wieder auf die Sprünge hilft und hoffentlich in die Nähe des Niveaus führt, dass Plattenhardt damals die Nationalelf-Nominierungen einbrachte. Insbesondere dessen Standards waren damals eine Waffe – und Hertha fiel in dieser Saison durch absolute Ungefährlichkeit nach Standards auf, erzielte bei 152 Ecken kein einziges Tor.

Gerade unter diesem Aspekt wäre ein Wiedererstarken des ehemaligen Nürnbergers also ganz besonders wichtig. Nichtsdestotrotz ist der Zweikampf mit Mittelstädt durch Förderer Dárdai noch nicht entschieden. Soweit beide in Form kommen, könnten sich die Einsätze auch an der gesamttaktischen Herangehensweise entscheiden – gegen tiefstehende Gegner könnte Mittelstädts offensive Flexibilität und Variabilität gefragt sein, während Plattenhardt möglicherweise gegen dominierende Gegner einen defensiv stärkeren Part einnehmen und mit einer spielentscheidenden Standardsituation für Punkte sorgen könnte.

Luca Netz – Der vielversprechende Herausforderer

Das Zukunftsversprechen  aus der Hertha-Akademie hat in dieser Saison erste Fußspuren hinterlassen. Nachdem Luca Netz zum Ende der letzten Saison unter Bruno Labbadia schon regelmäßig mit den Profis trainiere durfte, feierte er am 14. Spieltag gegen Gelsenkirchen sein Bundesligadebüt für Hertha BSC und reihte sich so als zweitjüngster Debütant Herthas in der obersten Spielklasse in die Geschichtsbücher ein. Und schon in seinen ersten Spielminuten zeigte er, warum Hertha ihm die Rolle eines modernen Außenverteidigers zutraut. Technisch stark mit enormem Offensivdrang, positioniert sich Netz auch ohne Ball am und im gegnerischen Sechzehner und sucht selbst den Abschluss.

Folgerichtig, dass Luca Netz schon in seinem siebten Einsatz erstmals traf – als jüngster Hertha-Torschütze in der Bundesliga. Beim emotional wichtigen Punktgewinn gegen den VfB Stuttgart sicherte er den Herthanern nach drei Niederlagen seit Dárdais Re-Installation das so wichtige Erfolgserlebnis mit seinem Tor zum Ausgleich in der 82. Minute. Schon Labbadia hielt wahnsinnig viel vom jungen Berliner. Auch Dárdai bezeichnet Netz als „Riesen-Rohdiamanten“ und so kam der Linksverteidiger in seiner Debütsaison zu elf Einsätzen bis ihn ein erneuter Mittelfußbruch für den Rest der Saison außer Gefecht setzte.

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So blieb dem Youngster nichts anderes übrig, als den Fokus auf die Zukunft zu legen. Dem Vernehmen nach gilt sein Vertrag seit seinem 18. Geburtstag bis 2023, intensive Gespräche über eine Verlängerung laufen aber bereits seit geraumer Zeit. Ein Versprechen für die Zukunft ist aber nunmal auch nicht zwingend ein Versprechen für die Gegenwart. Luca Netz wird auch in der nächsten Saison noch nicht der sofortige Heilsbringer sein.

So dürften Marvin Plattenhardt und Maxi Mittelstädt den Stammplatz auf der Linksverteidiger-Position zunächst unter sich ausmachen. Zwar stellen die beiden zurzeit sicherlich kein gehobenes Bundesliga-Niveau dar, Hertha wird aber mit Sicherheit Top-Talent Netz nicht den Weg verbauen und diesen Sommer somit keinen Linksverteidiger mit Stammplatzambitionen verpflichten.

Mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattet, muss sich Luca Netz nach seiner Verletzung nun erstmal in Ruhe wieder Matchfitness erarbeiten und kann dann seine stetige Entwicklung fortsetzen, um in (einer vielleicht gar nicht so fernen) Zukunft Druck auf die beiden Etablierten zu machen und  so vielleicht sogar schon im Laufe der Saison vorsichtig bei Pal Dárdai wegen Startelfeinsätzen anzuklopfen.

Deyovaisio Zeefuik – Doch noch die Lösung?

Deyovaisio Zeefuik wurde im Sommer 2020 nach langem Hin und Her verpflichtet, um der seit dem Abgang von Valentino Lazaro brach liegenden rechten Abwehrseite neue Kreativität und Durchschlagskraft zu verleihen. Und so blickte man hoffnungsvoll auf die ersten Einsätze des niederländischen U21-Nationalspielers.

Doch Zeefuik konnte zunächst kaum überzeugen. In Labbadias Viererkette präsentierte er sich immer nervös, bisweilen hektisch und unsicher. Im Zweikampf wirkte er häufig ungeschickt oder sorglos, im Spielaufbau fahrig und unkonzentriert und wurde so zu einem Unsicherheitsfaktor in Herthas Hintermannschaft. Besonders unglücklich sein Auftritt gegen Leipzig, als er sich innerhalb von fünf Minuten nach seiner Einwechslung zur Halbzeit den gelb-roten Karton abholte.

Nach dem Trainerwechsel war Zeefuik die ersten vier Spiele unter Dárdai überraschend nicht einmal im Kader und es schien sich ein teures Missverständnis anzubahnen. Noch überraschender dann aber die Startelfnominierung am 23. Spieltag gegen Wolfsburg, bei der Zeefuik in einer 3er-, respektive 5er-Kette durchaus funktionierte. Seine Schwächen in der Defensive wurden durch die zusätzliche Absicherung durch einen dritten Innenverteidiger gemildert, seine offensiven Fähigkeiten kamen durch die höhere Positionierung auf dem Feld besser zur Geltung. Zeefuik fühlt sich mit dem Ball am gegnerischen Sechzehner deutlich wohler als an der Mittellinie.

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Mit dieser für ihn wohltuenden Systemumstellung stieg Zeefuiks Formkurve langsam an und so belohnte er sich mit seinem Debüttreffer zum wichtigen 1:0 in der Partie gegen Bayer Leverkusen. Als rechter Schienenspieler blieb Zeefuik Dárdais erste Wahl. Spannend wird also, ob Dárdai bei diesem System bleibt oder in Zukunft wieder auf sein früher favorisiertes 4-2-3-1 setzen will.

Für dieses System müsste Dardai Deyo an die Hand nehmen, ihm Ruhe und Stabilität vermitteln. Und Zeefuik muss zeigen, dass er defensiv mehr drauf hat, als schnell sein. Er darf sich im Aufbauspiel auch nicht mehr andauernd verzetteln. Offensiv könnte er zusammen mit einem echten Flügelspieler durchaus für gefährliche Vorstöße sorgen, wenngleich er natürlich nicht die selben Qualitäten mitbringt wie ein spielmachender Außenverteidiger wie Valentino Lazaro.

Es ist davon auszugehen, dass Hertha Zeefuik nach der ordentlichen Rückrunde unter Dárdai nicht bereits wieder fallen lässt und ihm einen Neuzugang vorsetzt. Dennoch ist die Schonfrist jetzt vorbei und der Niederländer muss nach seinem insgesamt doch eher enttäuschenden ersten Jahr abliefern und zeigen, warum sich die Hertha-Verantwortlichen um Michael Preetz so intensiv um ihn bemüht haben.

Peter Pekarik – Der ewige Peter

Vor der Saison als Back-Up eingeplant, stand Peter Pekarik zum ersten Pflichtspiel der Saison schon wieder in der Startelf. Bei der ärgerlichen 4:5-Niederlage gegen Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal fand er sich sogar unter den Torschützen wieder.
Und auch zum Bundesligastart stand Pekarik wieder von Beginn an auf dem Platz – und traf schon wieder. Der Slowake war in Labbadias Viererkette erste Wahl und zahlte das Vertrauen auch zurück.

Mr. Zuverlässig ließ defensiv regelmäßig nix anbrennen und spielte seine Routine aus. Er zeigte sich aber dank klugem Stellungsspiel auch offensiv ab und an gefährlich in den gegnerischen Strafräumen. Nach den beiden Treffern zu Saisonbeginn ließ Pekarik im Saisonverlauf noch zwei weitere folgen, darunter das wichtige 1:1 gegen Union Berlin beim Derbysieg.

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Auch unter Dárdai war Pekarik in der Viererkette weitestgehend die erste Wahl, unter dem ungarischen Cheftrainer lief Hertha aber immer öfter mit 3er- bzw. 5er-Kette auf, in der Neuzugang Deyovaisio Zeefuik regelmäßig den Vorzug erhielt.
Der mittlerweile 34-jährige Rechtsverteidiger zeigte aber eindrücklich, dass immer auf ihn Verlass ist, wenn man ihn braucht. Und so steht man nun am gleichen Punkt wie im letzten Sommer und ist in Verhandlungen, den Vertrag mit Herthas dienstältestem Spieler noch einmal um ein Jahr zu verlängern.

Pekarik wird sich auch im nächsten Jahr mit der Back-Up-Rolle zufriedengeben – soweit es denn überhaupt dabei bleibt. Denn Deyovaisio Zeefuik fremdelte zu Saisonbeginn doch sehr in einer Viererkette, die Dárdai eigentlich präferiert. Mit Neuzugängen für die Außenverteidiger-Positionen ist aber eigentlich nicht zu rechnen, sodass die beiden Außenverteidiger-Duos plus Herausforderer Netz auch in der nächsten Saison die Seitenlinien beackern dürften.

Und wenn Herthas slowakischer EM-Fahrer wieder so eine Spielzeit hinlegen sollte, heißt es vielleicht auch nächsten Sommer wieder: Hertha und Pekarik sind in Gesprächen über eine einjährige Verlängerung.

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Herthaner im Fokus: TSG Hoffenheim – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: TSG Hoffenheim – Hertha BSC

Nach der unschön anzusehenden, doch im Ergebnis so wichtigen Partie gegen Köln duellierte sich unsere Alte Dame am letzten Spieltag der Saison 2020/2021 mit der TSG Hoffenheim in Sinsheim um die Goldene Ananas. Während auf anderen Plätzen die Kämpfe ums internationale Geschäft und den Klassenerhalt gefochten wurden, konnte Hertha zwar die Ungeschlagen-Serie seit dem 13. März 2021 nicht weiterführen, aber immerhin die obligatorische Klatsche mit vier Toren Differenz zum Saisonabschluss vermeiden.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei dieser sportlich irrelevanten 1:2-Auswärtsniederlage. Dabei nehmen wir vor allem die Spieler in den Fokus, die sich am Samstag (höchstwahrscheinlich) von Hertha BSC verabschiedet haben.

Peter Pekarik – Mr. Zuverlässig

Herthas ewiger Rechtsverteidiger startete auch im letzten Spiel der Saison rechts in einer Viererkette. In der chancenreiche Anfangsphase war auch der Slowake vorne zu finden und legte in der 17. Minute eine gute Chance für Jessic Ngankam auf, der am Hoffenheimer Keeper Pentke scheiterte. Als das Spiel immer mehr verflachte und kaum Möglichkeiten bot, tauchte Pekarik plötzlich wieder im Hoffenheimer Strafraum auf. In der 41. Minute brachte er von der Grundlinie aus einen Pass in den Rückraum, wo sich Ngankam und Nemanja Radonji nicht einig wurden und die Schusschance verpuffte.

In der 43. Minute hatte sich der Hertha-Verteidiger wieder nach vorne geschlichen und die Defensive der Gastgeber aufgemischt. Auf der anderen Seite des Spielfelds tankte sich Marvin Plattenhardt durch und brachte eine passgenaue Flanke auf den Fünfmeterraum, wo Vladimir Darida den von Pekarik geschaffenen Freiraum nutzte und unbedrängt zur 1:0-Führung einköpfte.

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Auch wenn der 34-jährige Slowake nicht direkt am Tor beteiligt war, so zeigte sich auch hier sein in dieser Saison neu gewonnener Torriecher, der ihn zum fünftbesten Torschützen bei Hertha in dieser Spielzeit machte. Unter seinen drei Bundesliga-Treffern waren dabei auch so wichtige Tore wie das zum 1:1 beim 3:1-Hinspiel-Sieg gegen Union Berlin wie auch das 2:0 beim 3:0-Erfolg im Nachholspiel gegen den SC Freiburg.

Zu Beginn der zweiten Hälfte zeigte sich Pekarik dann aber wie seine Defensiv-Kollegen nach einer Riesenchance für Vladimir Darida zu unaufmerksam und ließ Ryan Sessegnon auf der rechten Abwehrseite zu viel Raum und Platz. Dessen scharfe Hereingabe konnte Sargis Adamyan in der Mitte zum 1:1-Ausgleich verwerten. Diese Unaufmerksamkeit konnte Herthas Rechtsverteidiger aber nicht auf sich sitzen lassen und so warf sich Mr. Zuverlässig in der 52. Minute in höchster Not in einen Schuss von Andrej Kramaric und konnte so noch eben den nächsten Einschlag verhindern.

Danach bewegte sich das Spiel wieder in ruhigere Fahrwasser und Hertha kam lange nicht mehr wirklich in Bedrängnis – wie immer auch ein Verdienst von Peter Pekarik. Nachdem mit der Khedira-Auswechslung endgültig die Sommerpause eingeleitet schien, tröpfelte das Spiel größtenteils vor sich hin. Als die Partie beinahe schon abgepfiffen schien, kamen die Hoffenheimer doch noch spät zu einem verdienten 2:1-Sieg durch den Treffer von Andrej Kramaric.

Ob Peter Pekariks Vertrag noch einmal verlängert wird, ist zweifelhaft. Die Zuverlässigkeit in Person ist seit 2012 bei Hertha, hat in der zweiten Liga, aber auch in der Europa League gespielt. Er hat Pal Dardai kommen, wieder gehen und wieder kommen sehen. Und der stets unscheinbare Slowake war immer dabei.

Danke, Peter!

Mathew Leckie – Internationale Schnelligkeit

Der Australier durfte wie bei seinem Debüt für Hertha gegen den damaligen Aufsteiger VfB Stuttgart im Sommer 2017 auf der rechten Seite im heut wie damals von Dardai favorisierten 4-2-3-1 beginnen.

Doch anders als einst, als Mathew Leckie den Linksverteidiger Ailton des VfB schwindlig spielte und mit einem unvergessenen Ronaldo-Chop links liegen ließ, um zum Doppelpack einzuschieben, konnte Leckie diesem Spiel seinen Stempel nicht aufdrücken. Er fiel zwar auch nicht ab, konnte aber keine entscheidenden Szenen initiieren. Dass der Moderator eines Bezahlsenders bei Leckies Auswechslung dennoch von einer guten Leistung sprach, ist wohl bezeichnend für die Leistungen, die Leckie bei Hertha größtenteils zeigte. Ebenso, dass der für ihn eingewechselte Daishawn Redan, wenngleich glücklos, schon kurz nach seiner Einwechslung für mehr Wirbel sorgte, als Leckie in seinen gesamten Saisoneinsätzen zusammen.

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Hatte Leckie mit seinem Doppelpack beim Debüt 2017 noch Träume geschürt, zeigte sich danach relativ schnell, dass die Skepsis der Hertha-Anhänger:innen wie auch die 2173 Minuten andauernde Torflaute vor dem ersten Treffer gegen die Stuttgarter doch begründet waren. Leckie fehlte es nie am Einsatz, er zeigte allerdings auch keinerlei Torgefahr. Mehr als die von Dardai so heißgeliebte internationale Schnelligkeit konnte der Australier nie vorweisen. Und so verkam er wie schon sein ehemaliger Teamkollege Alexander Esswein immer mehr zum Meme.

Rückblickend wird ihm das nicht gerecht. Leckie fightete immer, soweit ihn seine Füße trugen, war mit Herz und Leidenschaft dabei und beklagte sich nie, wenn ein Trainer seine limitierten Fähigkeiten erkannte und andere Spieler vorzog. Der sympathische Australier deutet die Zeichen der Zeit richtig und bricht trotz einiger Einsatzminuten in dieser Saison seine Zelte in Berlin ab.

Auch wenn Mathew Leckie in seiner Hertha-Zeit selten Wunderdinge vollbrachte, hat er sich Anerkennung und einen warmen Abschied verdient. Und auch der Autor dieser Zeilen wird sich mit einem Lächeln zurückerinnern an den flinken Rechtsaußen und diesen Samstag im Olympiastadion im August 2017.

Danke, Mathew!

Sami Khedira – Der verlängerte Arm des Trainers

Sami Khedira führte im letzten Spiel seiner Karriere Hertha erstmals als Kapitän auf den Platz. Im Dardai‘schen 4-2-3-1 besetzte er die Doppelsechs mit Eduard Löwen, der zu seinem Startelfdebüt in dieser Saison kam. Während sich Löwen anfangs mit einigen Läufen in die Tiefe anbot, bot Khedira wieder den Ballverteiler dar. Die ordnende Hand im Spielaufbau mit dem richtigen Auge für freie Räume und ordentlichem Timing zeigte, wie wichtig Khedira auch sportlich für Hertha hätte sein können. Doch gerade defensiv offenbarten sich auch die bekannten Geschwindigkeitsdefizite, die von wendigen schnellen Stürmern allzu leicht ausgenutzt werden können.

So wurde etwa Hoffenheims Sargis Adamyan nach unentschlossenem Zweikampfverhalten von Marvin Plattenhardt im Strafraum freigespielt, der daraufhin sowohl von Niklas Stark als eben auch Sami Khedira mit einem kleinen Schlenker ausspielte und wuchtig knapp neben das Tor schoss. Mit zunehmender Spielzeit verflachte Herthas Spiel zusehends, auch Khedira konnte sich nicht gegen die drohende Schläfrigkeit der Hertha Mannschaft stemmen, auch wenn der zu diesem Zeitpunkt überraschende Führungstreffer noch vor der Pause fallen sollte.

In der zweiten Hälfte durfte Khedira dann neben dem eingewechselten Santiago Ascacíbar seine Abschiedsvorstellung weiterführen. Und in der 48. Minute war dieses Duo direkt im Mittelpunkt. Der eingewechselte Argentinier schickte am Sechzehner in Manier seines bekannten Landsmannes vom FC Barcelona drei Hoffenheimer ins Leere, Khedira spitzelte gedankenschnell den Ball aus dem Zentrum nach links zum freistehenden Darida, der sich die Zeit ließ, den Ball anzunehmen und mit etwas zu viel Auge ans rechte Gestänge zu schnörkeln. Auf der Gegenseite trauerte die Hertha-Mannschaft der vergebenen Großchance wohl noch zu sehr hinterher und musste den Ausgleich durch Adamyan fressen.

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Nach diesem furiosen Auftakt in die zweite Hälfte verflachte die Partie zusehends, einzig Redan brachte noch etwas Unruhe in die Hoffenheimer Defensive.

Die Szene des Spiels hatte dann aber wenig mit dem Sportlichen zu tun. In der 74. Spielminute verließ Sami Khedira unter dem Beifall seiner Mannschaftskollegen den Platz. Alle Herthaner vor Ort hatten sich in Trikots der ehemaligen Stationen des Deutschen, Spanischen und Italienischen Meisters vor der Bank aufgestellt, um ihn zum Abschluss seiner Karriere in Empfang zu nehmen. Arne Friedrich ließ es sich nicht nehmen, Khedira in seinem Weltmeister-Trikot des Jahres 2014 in den Arm zu nehmen und ihm noch einige warme Worte mitzugeben. Ein wenig ging unter, dass mit dem eingewechselten Jonas Dirkner ein weiteres Talent der Hertha-Bubis sein Bundesliga-Debüt feierte.

In der Folge lief das Spiel aus und Hertha der Sommerpause entgegen. Die letzte Entschlossenheit fehlte und Hoffenheim kam so noch zu einigen Chancen bis es in der 90. Spielminute dann tatsächlich so weit war – nach einer Hereingabe von rechts stand Topstürmer Andrej Kramaric blitzeblank auf Höhe des Elfemeterpunkts und verwandelte eiskalt ins links untere Eck zum 1:2-Endstand.

Das Ergebnis blieb jedoch nebensächlich. Aus Hertha-Sicht wird der emotionale und gelungene Abschied von Sami Khedira im Gedächtnis bleiben. Trotz verletzungsbedingt nur neun absolvierter Spiele für Hertha, kann man an den Äußerungen der Verantwortlichen seinen Anteil am Klassenerhalt ablesen. Auf dem Platz der erfahrene Lenker war er abseits des Platzes für das so auseinandergedriftete Mannschaftsgefüge Gold wert. Neben seiner Erfahrung und natürlichen Autorität konnte er auch mit seinen Sprachkenntnissen und vorgelebten Professionalität Bindeglied und Vorbild sein.

Sami Khedira wusste im Winter genau, worauf er sich einlässt. Und er hat sich für Hertha entschieden.

Danke, Sami!

Und da war da noch:

Nemanja Radonjić, der insbesondere zu Beginn der Partie als Aktivposten seine Schnelligkeit und Dribbelstärke bewies, das ein oder andere Mal gefährliche Strafraumszenen initiierte und auch selbst zum Abschluss kam. Wieder einmal zeigte sich allerdings seine Schwäche in der Entscheidungsfindung. Mit zunehmender Spielzeit tauchte er wie die meisten seiner Mannschaftskollegen weitestgehend ab. Auch Radonjićs Leihvertrag endet nach diesem Spiel, Hertha soll aber an einer Weiterverpflichtung zu vernünftigen Konditionen interessiert sein. Sicherlich eine sinnvolle Überlegung, ist Hertha doch gerade auf den offensiven Außenpositionen dünn besetzt. Soweit es menschlich passt und man Vertrauen in Dárdais Fähigkeiten hat, den Serben weiterzuentwickeln, dürfte eine Lösung mit seinem Stammverein Olympique Marseille zu finden sein.

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Nils Körber, der seit Rune Jarsteins Corona-Infektion als Herthas Nummer Zwei auf der Bank saß. Seit 2011 im Verein, seit 2015 mit 3-jähriger Leihunterbrechung noch ohne Einsatz für Hertha bei den Profis. Dem Vernehmen nach läuft sein Vertrag aus, eine Ausweitung des Vertrags erscheint aber nicht unmöglich. Nach Jarsteins Verlängerung bleibt aber vorerst weiterhin nur die Perspektive als Nummer Drei, fraglich ob das dem sicherlich zweitligareifen Torhüter in den nächsten Jahren ausreicht.

Mattéo Guendouzi, der das letzte Saisonspiel aufgrund seines gegen Freiburg erlittenen Mittelfußbruchs verpasste und so einen unwürdigen Abschied seines wilden Leihjahres bei Hertha fand. Der Lockenkopf stand beinahe sinnbildlich für das zu selten abgerufene Potenzial der Mannschaft, das ewige Auf und Ab. Konnte er zu Beginn seiner Leihe noch begeistern, trieb er die Fans zwischendurch zur Weißglut, nur um am Ende wieder eine wichtige Stütze im Dardai‘schen System zu sein. Ob er nun tatsächlich in der nächsten Saison bei Arsenal seine Schuhe schnürt, erscheint allerdings eher fraglich. Sicher ist nur („Stand jetzt“), dass eine Verpflichtung für Hertha nicht möglich ist und wir Guendouzi nach der Sommerpause in einem anderen Trikot sehen werden.

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Vorschau: Hertha BSC – FC Bayern München: Mach‘s noch einmal, Pál

Vorschau: Hertha BSC – FC Bayern München: Mach‘s noch einmal, Pál

Trotz im Ergebnis verdienter Niederlage hat Pál Dárdai schon im Spiel gegen Eintracht Frankfurt gezeigt, dass die von Nostalgie angefeuerte Euphorie der Hertha-Fans nicht ganz unberechtigt war. Das Auftreten der Mannschaft gegen formstarke Frankfurter machte durchaus Hoffnung für die Zukunft. Aber Herthas größter Feind scheint jetzt der Spielplan. Denn in den nächsten Spielen trifft man auf die großen Namen des deutschen Fußballs und RaBa Leipzig. Am Freitagabend wartet zu ungewöhnlicher Anstoßzeit schon um 20 Uhr der FC Bayern München.

Wir haben Bayern-Experte Justin Kraft von FC-Bayern-Blog Miasanrot.de gefragt, wie es um den FC Bayern steht und wo sich Hertha Chancen bieten könnten.

„Formschwach“ zur Meisterschaft

30-maliger Deutscher Meister, mittlerweile 20-facher Pokalsieger, amtierender Champions League-Sieger. Viel mehr braucht es nicht, um den FC Bayern München zu beschreiben. Auch in dieser eng getakteten Corona-Saison stehen die Bayern schon wieder mit sieben Punkten Vorsprung uneinholbar an der Spitze, es winkt die neunte Meisterschaft in Folge.

Dabei war in den letzten Wochen und Monaten doch immer wieder von einer Formschwäche die Rede? Davon weiß die Tabelle nichts. Neben zugegeben glanzloseren, aber eben doch siegreichen Partien, wurden zuletzt die Gegner aus Herthas Tabellenregion auch wieder etwas deutlicher in die Schranken gewiesen.

(Photo by Adam Pretty/Getty Images)

Bayern-Experte Justin Kraft sagt dazu: „Es stimmt, dass die letzten Gegner nicht zu den Top-Teams der Liga gehören. Hertha gehört im Moment aber auch nicht dazu. Demnach erwarte ich schon, dass die Bayern dieses Spiel mit viel Raumkontrolle und einem klaren Chancenplus abschließen werden. […] Gegen Hoffenheim gab es einige Momente, in denen das Spiel hätte anders laufen können.”

“Und warum sollte Hertha das nicht auch gelingen? Bayern ist zwar auf gutem Wege, sich in eine Art Flow zu spielen und Stück für Stück das nötige Selbstverständnis zurückzuerlangen, um Spiele (auch deutlich) zu gewinnen, aber sie sind noch ein Stück entfernt von der Souveränität des vergangenen Sommers, wo sie in nahezu keinem Bundesliga-Spiel Momente aufkamen ließen, in denen der Gegner sich ernsthafte Hoffnungen machen konnte.“

Unruhen? Ärger?! Spannungen?!? Eher nicht

Im neuen Jahr begleiten den Verein dazu (vermeintliche) Unruhen. So tauchte Corentin Tolisso mitten im Lockdown plötzlich mit einem neuem Tattoo auf – das kommt Hertha-Fans doch bekannt vor. „Selbstverständlich ist die Aktion von Tolisso […] mehr als ärgerlich. Ein Klub wie der FC Bayern wird damit aber umgehen können und das auch verkraften“, sieht Justin keine atmosphärischen Probleme.

Zu guter Letzt kamen Gerüchte zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Trainer Hansi Flick[1]  auf. Hasan vs. Hansi – hapert‘s heftig? Eher nicht, verrät uns Justin: „Wie so oft wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Ich bin ganz sicher, dass Salihamidzic und Flick unterschiedliche Ansichten haben, was den Kader angeht. Das liegt größtenteils auch an der Perspektive. Natürlich schaut der eine eher auf die wirtschaftlichen Aspekte, während der andere vor allem auf das sportliche Geschehen schaut. Dafür ist man schließlich auch ein Team: […] Wichtig ist, dass beide trotzdem in eine Richtung arbeiten und ich habe nicht das Gefühl, dass das beim FC Bayern aktuell nicht der Fall ist. […] Den Umständen entsprechend macht der FC Bayern aber einen richtig guten Job. Ich rechne deshalb nicht damit, dass die kleinen Reibereien zu größeren Konsequenzen führen.“

Foto: Maik Hölter/TEAM2sportphoto/IMAGO

Also doch keine störenden Unruhen beim FC Hollywood. Dafür schürten die Münchner bei den Hertha-Fans kurzzeitig Panik, als bekannt wurde, dass die Bayern auf die Idee gekommen seien, dass mit dem Herthaner Eigengewächs Luca Netz ein guter Fang für die Zukunft gelingen könne.

Doch das scheint vorerst vom Tisch, weiß auch Justin: „Netz ist ein toller Spieler und hat das Talent, es weit zu bringen. Dass der FC Bayern da interessiert ist, wundert mich nicht. Mit Torben Rhein konnte man ja vor einigen Jahren schon einen talentierten Herthaner abwerben. […] Aus meinem Berliner Umfeld höre ich schon seit einigen Wochen, dass Netz‘ Vertrag kurz vor der Verlängerung stehe und meinen Informationen nach ist Bayern schon mal bei ihm abgeblitzt. Aber so ist das Geschäft. Bayern wird nicht jeden Spieler verpflichten können und das ist auch gut so. Ich denke, Netz wird bei Hertha gute nächste Schritte machen.“ Vielleicht auch schon wieder gegen den FC Bayern.

Bayern scheint sportlich also aus dem kleineren Tal gelangt zu sein und auch von Unruhe dürfte angesichts des kürzlich vollzogenen Komplettaustauschs der handelnden Personen eher bei Hertha etwas zu spüren sein. Darf man sich dennoch Hoffnung auf Zählbares gegen die Bayern machen?

Angstgegner Dárdai?

Rückkehrer Dárdai konnte der Alten Dame trotz Niederlage gegen Frankfurt durchaus schon wieder Leben einhauchen. Außerdem sieht seine Bilanz gegen den FC Bayern gar nicht mal so schlecht aus – in vier der letzten sechs Partien verließ Hertha dabei nicht als Verlierer den Platz. Bayern-Experte Justin: „Das ist eine interessante Statistik, die ich so zunächst gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Allerdings muss man einschränken, dass Dárdai aus seinen zehn Duellen mit Bayern nur eines gewinnen konnte und die letzten beiden verloren wurden. Der Angstgegner-Ruf muss also neu bewiesen werden. Grundsätzlich sind Spiele bei Hertha BSC aber fast immer kompliziert gewesen für die Bayern.“

Dardais Fußball stand in der Vergangenheit für Solidität statt Spektakel. Das sieht auch Justin so: „Aggressivität, defensive Stabilität, schnörkelloses Umschaltspiel und mitunter eine absurde Effizienz vor dem Tor. Teilweise hat Hertha aus 0 Abschlüssen ein Tor gemacht – Hoffenheim lässt grüßen. […]

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Bayern darf die Qualität Herthas keinesfalls unterschätzen. Es wird darum gehen, den kompakten Block des Gegners ständig in Bewegung zu halten. Ein Schlüsselspieler dafür ist Thomas Müller, der mit seinen Läufen und Pässen aktuell nahezu jede Defensive fast im Alleingang aushebeln kann. Er wird auch gegen Hertha viel unterwegs sein, immer wieder Räume für sich selbst oder seine Mitspieler öffnen und dann kommt es darauf an, mit welcher Schärfe und Präzision die Bayern diese bespielen.“ Für den Primus bahnt sich also ein Geduldspiel an. Für Hertha wird es auf der anderen Seite darum gehen, die Konzentration hochzuhalten und so möglichst keine Fehler zu machen.

Offensiv dürfte Hertha wie schon gegen Frankfurt größtenteils auf Konter über die schnellen Stürmer setzen. Damit hatte die Bayern-Abwehr in der Hinrunde ab und an Probleme und auch Dodi Lukébakio dürfte sich mit einem Lächeln an eine vogelwilde Münchener Hintermannschaft zu Düsseldorfer Zeiten erinnern.

Bayerns Abwehrprobleme – Ein Prozess

Justin fasst mögliche Schwächen der bajuwarischen Defensive zusammen: „Es gab eine Phase in der Hinrunde, da war die ganze Mannschaft nicht gut aufeinander abgestimmt und dementsprechend kam es auch zu Missverständnissen in der Innenverteidigung. Das lag aber auch an der ständigen Rotation. Seit Flick wieder auf das Duo Alaba/Boateng setzt, hat sich das reduziert. Beide werden meinem Eindruck nach von Spiel zu Spiel stabiler und sind für sich genommen in guter Verfassung.

Viel problematischer sehe ich die Außenverteidiger-Positionen. Hier sind Pavard und Davies nach wie vor in einer Formkrise. Gegen Hoffenheim schafften die Bayern es kaum, auch nur eine Flanke oder Kombination von außen im Ansatz zu verteidigen. Wenn dann in 90 Minuten der Ball zehn Mal gefährlich in deinen Strafraum fliegt, hast du als Innenverteidiger zwangsweise irgendwann einen schwachen Moment. Egal, ob du Alaba, van Dijk oder Beckenbauer bist.

Foto: Preiss/Witters/Pool/Witters/IMAGO

Es ging von Anfang an darum, die Mannschaft zu stabilisieren und dann sehen die Innenverteidiger automatisch wieder besser aus. Zu diesem Prozess zählt, dass einer der beiden Außenverteidiger (meistens der Rechtsverteidiger) nun konsequenter in einer Art Dreierkette absichert. Dadurch gab es weniger Momente, in denen ein langer Ball die ganze Abwehr ausgehebelt hat. Für Hertha wird es demnach vor allem darauf ankommen, die Außenverteidiger in Eins-gegen-eins-Duelle zu bringen und von den Flügeln nach innen durchzubrechen oder per Flanke erfolgreich zu sein. Drei-Tore-Lukébakio kann mit seinem Tempo, seiner Physis und seinem Gespür für Tore gegen die Bayern natürlich trotzdem eine große Gefahr darstellen.“

Aussichtslos ist die Lage für Hertha also auch nicht. Zugutekommen könnte dabei auch der Corona-bedingte Ausfall Leon Goretzkas.

Wie wird Goretzka ersetzt?

Wird Goretzka wie in der letzten Woche wieder von Sommer-Verpflichtung Marc Roca vertreten oder darf Tolisso nach seinem Tattoo-Fauxpas ran? Und wie schlagen sich die anderen Sommerneuzugänge?

Justin hat für uns eine ausführlichere Antwort auf diese Fragen gefunden: „Gegen Hoffenheim konnte Roca durchaus überzeugen – allerdings im Kontext seiner aktuellen Situation. […] Mit 24 Jahren ist er immer noch ein junger Spieler, von dem man nicht uneingeschränkt erwarten sollte, dass er sofort ankommt. […] Roca hat vor allem gegen den Ball Probleme, sich an Intensität und Laufwege anzupassen. Er rückt oft zu schnell oder zu langsam heraus, verpasst es, Druck auf den Ball auszuüben oder lässt sich einfach überrennen. Das liegt nicht daran, dass er es nicht besser kann, sondern schlicht daran, dass ihm und Flick die Zeit fehlen. […]

Tolisso konnte als Goretzka-Ersatz zwar auch nicht überzeugen, hat aber immerhin die wichtigsten taktischen Abläufe verinnerlicht und macht weniger Fehler, was die Orientierung gegen den Ball und in Umschaltmomenten angeht. Das wird den Unterschied gemacht haben. Gegen Hertha könnte Roca aber tatsächlich erneut eine Chance bekommen, wenn Tolisso nach seinem Tattoo-Gate zurückkehren sollte.

Bayerns Neuzugänge – Noch nicht angekommen

Was für Roca gilt, gilt natürlich für alle Neuen. Je mehr Zeit vergeht, umso besser funktionieren auch einzelne Abläufe. […] Nüchtern betrachtet hat keiner von den Last-Minute-Einkäufen bisher funktioniert. Das ist für den Status-quo ein großes Problem, weil Flick nur dann unbesorgt im größeren Stil wechseln kann, wenn seine Mannschaft hoch führt. Mittelfristig sollte man Spieler wie Roca oder Choupo-Moting aber nicht fallen lassen. Letzterer ist ohnehin nur für die wenigen Augenblicke gedacht, in denen Lewandowski mal pausiert, während ersterer sich noch weiterentwickeln wird.

Von Costa hat man sich eine Art Perišić-Effekt erhofft – also dass der Spieler ohne große Eingewöhnung sofort auf Bundesliga-Niveau funktioniert. Das trat nicht ein, aber die Leihe wird sowieso im Sommer beendet und dann redet kaum mehr jemand darüber. Vom vierten Flügelspieler ist der Erfolg des FCB nicht abhängig.

Sarr ist tatsächlich der einzige Transfer, der mich mit vielen Fragezeichen zurücklässt. Zwar bin ich nach wie vor der Meinung, dass auch er weiterhin eine faire Chance erhalten sollte, aber ich sehe noch nicht die nötige Qualität, die ein Rechtsverteidiger bei den Bayern braucht. Das ist deshalb so ärgerlich, weil Pavard schon länger in einem Formtief ist.

Sané ist der Neuzugang, den ich am unkritischsten sehe. […] Wenn das aktuell der Sané ist, der noch lange nicht bei 100 % ist, dann freue ich mich umso mehr auf den Top-Sané. […] Die meisten seiner Schwächen resultieren aus Momenten, in denen er eine falsche Entscheidung auf den Platz trifft. […] Bei den Bayern spielt er meist stark eingerückt im Halbraum, muss viele Bälle mit dem Rücken zum Tor kontrollieren und kann seltener sein Tempo von außen einbringen. Darüber hinaus fehlt ihm meist die Unterstützung eines hinter- oder vorderlaufenden Rechtsverteidigers. Ich denke, dass ihn die aktuelle Phase stärker und besser machen wird. […] Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist das auch Kritik auf sehr hohem Niveau. Seine Torbeteiligungsquote ist jetzt schon sehr stark und spätestens wenn er eine ganze Vorbereitung mit dem Team hatte, wird er einen Sprung nach vorn machen. Da bin ich sicher.“

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Die meisten Bayern-Neuzugänge haben also noch nicht wirklich überzeugt, kommen aber so langsam ins Rollen.

Kurzfristig ist der bisher mäßige Erfolg aber ohnehin noch nicht ins Kontor geschlagen. Denn die Bayern-Achse der letzten Jahre liefert noch immer Spiel für Spiel ab – trotz anstehender Klub-WM auch gegen Hertha, vermutet Justin: „Flick hat im neuen Jahr recht konsequent an der Achse seines Teams festgehalten. Wenn er rotiert hat, dann auf den Außenbahnen. Hier könnte ich mir vorstellen, dass Hernández für Davies beginnt. Vorne wird vermutlich der Würfel darüber entscheiden, welcher der drei Flügelspieler startet und hinten rechts rechne ich eher mit Pavard als mit Süle, wobei letzterer bewiesen hat, dass er eine Option ist. Insbesondere die so wichtige Achse aus Neuer, Innenverteidigern, Kimmich, Müller und Lewandowski wird Flick tendenziell aber nicht verändern.“

Und bei Hertha?

Und wie geht Hertha die Partie an? Am Deadline Day wurden mit Sami Khedira und Leihspieler Nemanja Radonjić noch zwei Last-Minute-Neuzugänge präsentiert, die offensichtliche Schwachstellen beheben sollen. Während Radonjić aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls Javairo Dilrosuns der einzige gelernte Linksaußen im Kader ist, tummeln sich auf Khediras Position im zentralen Mittelfeld einige Konkurrenten. Der deutsche, spanische, italienische und Weltmeister könnte deswegen vor allem als Leader und Mentalitätsspieler gefragt sein.

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Fraglich, ob die beiden Wintertransfers nach weniger als einer Trainingswoche schon gegen München beginnen dürfen. Abseits davon hat Dárdai eigentlich wenig Grund, System oder Personal zu wechseln. So fällt Jhon Córdoba weiterhin aus, weswegen Krzysztof Piątek seinen ordentlichen Auftritt gegen Frankfurt und die lobenden Worte Dárdais bestätigen darf. Auch Trainerliebling Marvin Plattenhardt fehlt weiter. Maxi Mittelstädt könnte diesmal gegenüber dem jungen und unerfahrenen Luca Netz den Vorzug und so die Möglichkeit bekommen, seine unglückliche Aktion in der Schlussminute des Hinspiels vergessen zu machen.

Die dárdaische Euphorie ist noch nicht verflogen, die Bayern scheinen in dieser Saison schlagbar und Dárdai sah gegen Bayern sowieso immer wieder gut aus. Aber es bleibt der FC Bayern. Und so warnt uns Justin eindrücklich: „Prozente rausnehmen werden die Bayern […] keinesfalls.“

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