Porträt – Wer ist Tayfun Korkut?

Porträt – Wer ist Tayfun Korkut?

Mit Tayfun Korkut hat Hertha am Montag den sechsten Trainer in rund 2,5 Jahren vorgestellt. Der gebürtige Stuttgarter war als Spieler hauptsächlich in der Türkei und Spanien aktiv und als Trainer zuletzt drei Jahre arbeitslos. Seine bisherigen Bundesliga-Tätigkeiten zeigen, dass Korkut Teams recht schnell positiv beeinflussen kann. Sie zeigen aber auch, dass nach Diesen Hochphasen teils verheerende Abstürze folgten.

Korkut: Eng mit Joachim Löw verbunden

Tayfun Korkut wuchs als Sohn türkischer Gastarbeiter in einem Vorort von Stuttgart auf. Fußballerisch wurde er bei den Stuttgarter Kickers ausgebildet. Bei den „Kickers“ schaffte es Korkut mit 20 Jahren in die erste Mannschaft, die damals in der Regionalliga kickte. Zur damaligen Zeit traf er erstmals auf seinen neuen Chef: Fredi Bobic – drei Jahre älter als Korkut – spielte zwischen 1992 und 1994 in der Profimannschaft der Stuttgarter Kickers, bevor er zum Stadtrivalen VfB Stuttgart wechselte.

Korkuts Karriere nahm einen anderen Lauf. Schon sehr früh wechselte der damals 21-Jährige in die Türkei zu Fenerbahce Istanbul. Der Deutschtürke wurde im defensiv-zentralen und rechten Mittelfeld eingesetzt und zum Stammspieler in Istanbul. In 145 Spielen schoss er zwölf Tore für Fenerbahce. Ebenfalls 1995 bestritt er sein erstes Spiel für die Nationalmannschaft der Türkei. 41 weitere Einsätze im Trikot der Türkei sollten mit insgesamt zwei Treffern folgen, unter anderem bei der EM in England (1996) und der EM in Belgien/den Niederlanden wirkte er mit.

Foto: Mark Thompson /Allsport

In seiner Zeit in der Türkei machte Korkut die Bekanntschaft eines Trainers, zu dem er bis heute ein „sehr enges“ Verhältnis hat, wie er berichtet. Joachim Löw. Der spätere Weltmeistertrainer trainierte Fenerbahce in der Saison 1998/99. Gemeinsam gewannen Löw und Korkut den türkischen Pokal und schrammten nur knapp an der Meisterschaft vorbei.

Warum musste Pal Dardai gehen? Ist Tayfun Korkut die richtige Wahl? Wie ist die Arbeit von Fredi Bobic bislang zu bewerten? Jetzt unsere Analyse zum Trainerwechsel im Hertha BASE Podcast hören!

Korkuts Sprach-Kenntnisse könnten Hertha helfen

Im Jahr 2000 wechselte Korkut dann nach Spanien, wo er zunächst drei Jahre bei Real Sociedad San Sebastian und später für ein Jahr bei Espanyol Barcelona spielte. Aus Hertha-Sicht sind diese knapp vier Jahre in Spanien von großer Bedeutung: Wie in unser Sprach-Analyse bereits berichtet, sprechen viele Hertha-Spieler romanische Sprachen, wie beispielsweise Spanisch und Französisch.

Auf der heutigen PK betonte auch Bobic, dass Korkuts Sprachkenntnisse in der Kommunikation mit der Mannschaft von Vorteil sein könnten. Bis heute fühlt sich Korkut in Spanien zuhause, sagte er vor einigen Jahren in einem Interview. Nach einer weiteren Station bei Besiktas Istanbul beendete Korkut seine Spielerkarriere schließlich im Jahr 2006 bei Genclerbirligi Ankara.

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Korkuts Trainerkarriere begann im Jugendbereich. Zunächst trainierte er die A-Jugend von San Sebastian, bevor er zurück nach Deutschland kehrte, um die B-Jugend der TSG Hoffenheim zu übernehmen. In Hoffenheim verbrachte Korkut zwar nur eine Saison, machte hier aber auch dort wichtige Bekanntschaften. Profi-Trainer war damals Ralf Rangnick, A-Jugend-Trainer war Markus Gisdol und in seiner Mannschaft spielten unter anderem Seat Kolasinac und Kenan Karaman. Korkut belegte den achten Bundesliga-Platz der Staffel Süd/Südwest mit seiner Mannschaft.

Erste Trainerstationen gemeinsam mit Bobic und Aracic

Nach dieser Saison kam es zum zweiten Aufeinandertreffen mit Bobic. Herthas heutiger Geschäftsführer war im Juli 2010 zum Sportdirektor des VfB Stuttgart berufen worden. Eine seiner ersten Tätigkeiten: Tayfun Korkut für die A-Jugend des VfB abwerben. Auch hier war Korkut wieder erfolgreich und wurde in seiner Bundesliga-Staffel Vierter.

Wie schon als Spieler wechselte Korkut im Januar 2012 dann aber auch als Trainer zunächst ins Ausland, um als Co-Trainer der türkischen Nationalmannschaft seinen ersten Profi-Vertrag im Trainerbereich zu unterzeichnen. Die Türkei hatte wenige Wochen zuvor die Qualifikation für die EM 2012 verpasst. Gemeinsam mit Abdullah Avci sollte Korkut die Türkei zur WM 2014 führen – diese Mission missglückte allerdings. Weil das Team in der Qualifikation schon früh hinter den Erwartungen zurückblieb, wurden Avci und Korkut entlassen.

Nur wenige Wochen später, im Dezember 2013, sollte Korkut dann aber seinen bislang erfolgreichsten Trainerposten antreten – bei Hannover 96 in der Bundesliga. Dort lernte er auch Herthas heutigen Kaderplaner Dirk Dufner kennen. 96 stand mit 18 Punkten zum damaligen Zeitpunkt auf dem 13. Tabellenplatz. In der Rückrunde schaffte es der Deutschtürke dann allerdings, dem Team neues Leben einzuhauchen. 24 Punkte holte Hannover in der Rückrunde und wurde Zehnter. Die Hinrunde der darauffolgenden Saison verlief mit erneuten 24 Zählern ebenso erfreulich.

Dann allerdings begann eine Niederlagenserie: Am vorletzten Spieltag stand Korkuts Mannschaft mitten im Abstiegskampf und musste um den Ligaerhalt zittern. Nur drei Tage vor Saison beurlaubte der Verein Korkut. Nach einem Jahr ohne Anstellungen heuerte Korkut dann beim damaligen Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern an. Schon nach der Hinrunde ging man aber getrennte Wege: Der FCK befand sich damals nur wenige Punkte entfernt von den Abstiegsrängen.

Fan-Austritte nach Korkut-Verpflichtung in Stuttgart

Im März 2017 übernahm Korkut dann eine ähnliche Aufgabe wie nun bei Hertha. Bis zum Saisonende sollte er die Mannschaft von Bayer 04 in höhere Tabellenregionen führen. Bayer hatte kurz zuvor Roger Schmidt als Trainer entlassen, weil sich die Werkself rund um den 10. Tabellenplatz festgespielt hatte – zu wenig für Leverkusener Ansprüche. Mit Korkut wurde es allerdings noch schlechter: Am letzten Spieltag konnte man Hertha zwar mit 6:2 besiegen, landete aber schlussendlich auf Rang 12. Korkuts kurzer Vertrag wurde nicht verlängert.

Bei seiner nächsten Trainerstation in Stuttgart (ab Januar 2018) zeigte sich ein ähnliches Muster wie in Hannover. Korkut übernahm den VfB im unteren Tabellendrittel und führte das Team direkt zum Erfolg: Aus den verbleibenden 14 Spielen holte er damals 31 Punkte, darunter ein 4:1-Sieg in München. Stuttgart verpasste nur knapp die europäischen Ränge, Korkuts Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert. Auch in diesem Fall folgte dann aber ein Absturz: In der Folgesaison sammelten Korkut und der VfB aus den ersten sieben Ligaspielen nur fünf Zähler, der VfB war Letzter, Korkut wurde entlassen. Insgesamt war Korkuts Tätigkeit für den VfB ein Wechselbad der Gefühle. Kurz nach seiner Einstellung kündigten zahlreiche Fans ihre Mitgliedschaft – auch weil sie nicht davon überzeugt waren, dass Korkut nach recht erfolglosen Stationen in Hannover und Leverkusen den Klassenerhalt schaffen würde.

korkut hertha
(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

In den vergangenen drei Jahren war Korkut ohne Trainerjob. Auf der heutigen Hertha-Pressekonferenz erklärte er, dass er sich in dieser Zeit viel um seine drei Kinder gekümmert habe, aber auch „ohne Druck“ dem Ligageschehen gefolgt sei. Er starte den neuen Job nun „voller Energie“. „Es tut gut, hier zu sitzen“, so Korkut wörtlich. Welche fußballerischen Strategien der Deutschtürke bei Hertha einschlagen wird, wollte Korkut nicht verraten. Nur so viel: „Der Ansatz ist immer gleich: Spiele gewinnen!“ Bei seinen erfolgreichen Trainerstationen zeichnete sich Korkut allerdings dadurch aus, dass er jeweils brüchige Abwehrketten stabilisierte. Interessant ist auch, dass er insbesondere beim VfB des Öfteren zwei Strafraumstürmer aufstellte, was bei Hertha in der Regel nicht praktiziert wird.

Herthas personifizierter Derby-Albtraum wird Co-Trainer

Beachtenswert ist übrigens auch die Einstellung von Ilja Aracic, der ab sofort Co-Trainer bei Hertha ist. Aracic fügte Hertha im Jahr 1998 eine der empfindlichsten Derby-Niederlagen zu – im Trikot von Tennis Borussia. Im DFB-Pokal-Viertelfinale schoss er beim 4:2 für TeBe zwei Tore.

Kurze Zeit später wechselte er dann aber zu Hertha und spielte dort unter Jürgen Röber zwei sehr erfolgreiche Saisons, unter anderem in der Champions League. Korkut und Aracic lernten sich 2012 beim VfB Stuttgart kennen – Aracic übernahm nach Korkuts Abgang in die Türkei die A-Jugend des VfB.

Am kommenden Wochenende steht für Herthas neue Trainingsleiter somit gleich ein besonderes Spiel ins Haus: Denn nach wie vor wohnt ein Großteil seiner Familie in unmittelbarer Nähe zum Stuttgarter Stadion.

[Titelbild: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images]

Von Dardai zu Korkut: Der nächste Versuch, ein normaler Bundesligist zu werden

Von Dardai zu Korkut: Der nächste Versuch, ein normaler Bundesligist zu werden

Am heutigen Morgen schlug das Thema ein wie eine Bombe. Pal Dardai ist nicht mehr länger Trainer von Hertha BSC. Mit einer Meldung auf der Homepage kamen die Berliner mit dieser Nachricht um die Ecke. Im selben Atemzug wird Tayfun Korkut als Nachfolger präsentiert. Ein Mann, der das letzte Mal 2018 einen Job im Fußball-Business hatte. Es stellen sich viele Fragen, ob Antworten gefunden werden, muss die Zukunft sagen.

Hertha BSC und der Berliner Winter: Zu viele Gemeinsamkeiten

Die Zeiten sind grau, kalt und es wirkt wie eine schier unendliche Periode, die nicht enden mag. Die Berliner Millionenstadt wird zunehmend stiller und ungemütlicher, am Wochenende gesellte sich zu den eisigen Temperaturen auch noch der erste Schneefall dazu.

Als jemand, der in Berlin lebt, hat man hier aktuell nicht viel zu lachen. Irgendwie wirkt alles etwas betäubter und dunkler als sonst. Als Fan von Hertha BSC prasseln diese Gefühle praktisch doppelt ein. Der Klub macht seit mittlerweile zwei Jahren einen nicht wirklich zielführenden Eindruck. Um den Verein herrscht eine dunkle Stimmung, die niemand so wirklich im Stande zu sein scheint, aufzuhellen.

(Photo by Thomas Eisenhuth/Getty Images)

Am heutigen Morgen erlangte all das ein neuen unrühmlichen Höhepunkt. Hertha BSC trennte sich mit sofortiger Wirkung von Trainer Pal Dardai und seinen Co-Trainern Andreas „Zecke“ Neuendorf und Admir Hamzagic. Haben der Alten Dame zuvor bereits Kopf und Gesicht gefehlt, wurde nun das Herz entfernt.

Fredi Bobic: Mehr Business als Feingefühl

Am frühen Morgen teilte Geschäftsführer Sport Fredi Bobic Pal Dardai und dem Trainerteam mit, dass sie mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben freigestellt sein würden. Die Nachfolge war schnell, dem Vernehmen nach schon vor der Entlassung, gefunden. Mit Tayfun Korkut und dem ehemaligen Herthaner Ilija Aracic (von 1999 – 2000 25 Bundesligaspiele für Hertha BSC) als Co-Trainer präsentierte Fredi Bobic ein Team, welches streitbar ist und zunächst mit immens kritischen Augen von der Fanbase und der Medienwelt gesehen wird.

Fredi Bobic zeigte auf der Vorstellungspressekonferenz ein gefasstes und überzeugtes Gesicht. Er bedankte sich beim scheidenden Trainerteam und sprühte vor Optimismus und war bemüht Tayfun Korkut als neuen starken Mann zu präsentieren.

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(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Es zeigt, wie sehr sich der Wind in der Hauptstadt gedreht hat. Während noch vor einem Jahr Michael Preetz als emotionaler Mann die Geschicke leitete, sich zunehmend emotional in Pressekonferenzen gab und seine Liebe zur Hertha nicht leugnete, vermittelt sein Nachfolger einen Eindruck als fokussierter, aber eiskalter Manager.

Nach einer denkwürdigen Transferphase im Sommer ist es die nächste Situation, in der Fredi Bobic im Mittelpunkt steht und nicht gerade mit Sympathiepunkten überhäuft wird. Doch das scheint ihm egal zu sein. Seine Überzeugung steht über dem Bedürfnis, beliebt bei den Fans zu sein.

Jetzt unsere Podcast-Folge mit Hertha-Präsident Werner Gegenbauer hören, in der wir u.a. über die bislang mangelhafte Kommunikation zwischen Verein und Investor sprechen!

Tayfun Korkut: Ungewöhnliche Wahl, aber möglicherweise unterschätzt

Die unpopuläre Entscheidung, Tayfun Korkut zum neuen Cheftrainer zu machen, sorgt im kurzlebigen Fußballgeschäft zunächst für Häme und Spott. Doch das interessiert Fredi Bobic nicht, der seit mehreren Wochen seine Entscheidung Pal Dardai zu entlassen, getroffen zu haben scheint.

Und wie schon in der Transferphase sorgen seine Entscheidungen keinesfalls für Luftsprünge und Aufbruchsstimmung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das überhaupt nötig ist. Auch laut Fredi Bobic sei die Mannschaft in Takt, brauche lediglich nur Orientierung. Entscheidend ist also, dass die neue Lösung viel mehr nach innen, als nach außen wirkt. Tayfun Korkut hat sich über die Jahre in Fußball-Deutschland einen Namen gemacht. Leider keinen guten. Stationen bei Hannover und Kaiserslautern waren praktisch zum Scheitern verurteilt, bei Leverkusen gelangen ihm in elf Bundesligaspielen lediglich zwei Siege.

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Hoffnung bietet allerdings seine letzte Station in der Bundesliga. Nämlich beim VfB Stuttgart. 2018 übernahm Korkut den VfB nach 20 Spieltagen auf Platz 14 und im tiefen Abstiegskampf. Mit 31 Punkten aus 14 Spielen starteten er und die Mannschaft eine furiose Aufholjagd, die am Ende beinahe mit der Qualifikation zur Europa League endete. Wobei auch hier viele VfB-Fans einordnend behaupten, dass wenig Plan und viel Glück von großer Bedeutung waren.

Fazit: Eine Patrone, die ein Risiko birgt und sitzen muss

Fredi Bobic geht ein enormes Risiko. Die Mannschaft, die auch nach seinen eigenen Worten intakt ist, muss sich in einer brenzligen Situation auf etwas neues einstellen. Versteckte Energien könnten freigesetzt werden. Genauso besteht allerdings das Risiko, dass die Verkrampfung im Hertha-Spiel vertieft und eine Weiterentwicklung blockiert.

Außerdem stellt sich die Frage, ob die Zeit in Stuttgart nur eine Nebelkerze war oder sich Korkut in seiner Karriere weiterentwickelt hat und nun die Chance nutzen kann, endgültig aus der Schublade des chronisch erfolglosen Trainers zu steigen. Sollte das klappen, haben Hertha-Fans im Berliner Winter eine Sorge weniger.

Titelbild: [Christian Kaspar-Bartke/Getty Images]

“Hertha wärmt” – Einblicke in eine soziale Fan-Initiative

“Hertha wärmt” – Einblicke in eine soziale Fan-Initiative

Seit vielen Jahren und immer umfangreicher ist Hertha BSC sozial aktiv und wird damit seiner Verantwortung zumindest auf dieser Ebene zunehmend gerechter. Doch nicht nur der Verein selbst, auch oder vor allem viele Fans sind nicht untätig und engagieren sich ehrenamtlich. Ein Beispiel ist die Aktion „Hertha wärmt“, die auf eine Initiative der Harlekins Berlin ́98 zurückgeht und dieses Jahr bereits zum zehnten Mal und seit langer Zeit auch in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtmission stattfindet.

Wir haben mit Cody von den Harlekins und mit Sabine und Veikko von der Berliner Stadtmission gesprochen, um Einblicke in die Aktion zu sammeln, Hintergründe zu erfahren und das Miteinander der beiden Partner kennenzulernen.

Harlekins Berlin ́98 – Herthas älteste Ultragruppe

Die seit mittlerweile 23 Jahren bestehende Ultra-Gruppe der Harlekins Berlin ́98 hat den Anspruch bei möglichst allen Spielen der „Alten Dame“ anwesend zu sein. Die aktuelle Corona-Situation mit eingeschränkter Stadionkapazität und den dazugehörigen Maßnahmen bildet gerade natürlich eine Ausnahme. Das ist jedoch noch einmal ein eigenständiges Thema und soll hier nicht behandelt werden.

Laut Cody versteht sie sich dabei als Motor der Kurve, ist laut, kreativ und manchmal auch unbequem. Die Mitglieder sind zu großen Teilen dafür verantwortlich, was in der Kurve passiert, engagieren sich federführend im Förderkreis Ostkurve und organisieren Auswärtsfahrten, Choreos und alles, was dazu gehört. All ihre Aktionen machen sie dabei nach dem eigenen Verständnis stets für den Verein und Traditionen sowie ihre Werte sind elementare Bestandteile.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Das soziale Engagement war dabei nicht von Beginn an Teil der eigenen Arbeit. Angefangen hat alles mit dem an Leukämie erkrankten und verstorbenen Mitglied Benny. Cody erzählt, dass sie zwar einen Freund verloren, aber im Rahmen der Blutspende- und allen sonstigen Aktionen gelernt hätten, was alles möglich sei und dass sie diese Energie irgendwie beibehalten wollten.

Aus einer kleinen Sammelaktion wird „Hertha wärmt“

Eine Form, wie dieses Vorhaben umgesetzt wurde, ist die Aktion „Hertha wärmt“. Sie ist ursprünglich als eine kleine Sammlung unter Freunden gestartet und mittlerweile ein „Selbstläufer“ geworden. Seit mehreren Jahren werden in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtmission mehrere LKW mit den Spenden der Hertha-Fans gefüllt und an Obdachlose in der Stadt verteilt.

Vor dem Spiel gegen den FC Augsburg am 27.11.2021 wird auch dieses Jahr zwischen 12 und 15 Uhr auf dem Olympischen Platz am Osttor gesammelt. Nach Codys Meinung ist es auch gar nicht schwer, den Bedürftigen Menschen, die zum Teil nicht einmal die Möglichkeit haben die Nacht in einer warmen Unterkunft zu verbringen, unter die Arme zu greifen. Immerhin leben wir in einem absoluten Überfluss.

Lest jetzt unsere Drei Thesen zum Spiel gegen den FC Augsburg! Zeigt Hertha eine Reaktion aufs Derby? Und was, wenn nicht?

Ein verlässlicher Partner in der Berliner Stadtmission

Nachdem die Harlekins in den ersten beiden Jahren von „Hertha wärmt“ mit dem mob e.V. (bekannt für den „Straßenfeger“) zusammen arbeiten konnte, musste im Jahr 2014 ein neuer Partner gefunden werden. Aufgrund eines persönlichen Kontaktes wurde dies die Berliner Stadtmission, die seitdem verlässlich und durch viele positive Erfahrungen geprägt, mit den Harlekins zusammenarbeitet. Wer mehr über das Zustandekommen der Partnerschaft erfahren möchte, kann das Interview zwischen Cody und Hertha BSC lesen.

Die Berliner Stadtmission ist eine evangelische Organisation, die sich in den Bereichen Mission, Diakonie, Bildung und Begegnung in Berlin und darüber hinaus engagiert. Insbesondere die Arbeit mit Menschen, die oft übersehen sehen werden, ist dabei zentraler Bestandteil. Dies betrifft unter anderem Obdachlose, Geflüchtete und Straffällige, die auf dem Weg zurück in die Gesellschaft sind. Die wahrscheinlich bekanntesten Projekte der Stadtmission sind der Kältebus und die Bahnhofmission. Sabine und Veikko freuen sich vor allem, dass die Hertha-Fans genau das spenden, was gebraucht wird (warme, saisonale Männerkleidung und Schuhe der Größe 41-50). Sie betonen, dass sich mit Cody mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hat.

Durch die Arbeit der Stadtmission konnten im Jahr 2020 über 17.000 obdachlose Personen eingekleidet werden – und auch „Hertha wärmt“ trägt einen Teil dazu bei. Wer mehr über die Stadtmission sowie besonders dringend benötigte Kleidung und Sachspenden erfahren möchte, kann sich auf der Website unter dem Punkt „Sachspenden“ informieren.

Die soziale Verantwortung von Hertha BSC – und was der Verein mehr tun könnte

Sowohl Sabine und Veikko als auch Cody freuen sich selbstverständlich darüber, dass Hertha BSC sozial engagiert ist und Aktionen wie „Hertha wärmt“ unterstützt. Trotzdem wünschen sich beide, dass der Bundesligist noch stärker aktiv wird. Auch wenn Cody berechtigterweise einwirft, dass der Verein in erster Linie natürlich im Profifußball zu Hause und keine Hilfsorganisation ist. Fakt sei dennoch, dass die „Alte Dame“ seit fast 130 Jahren fest in der Stadt verankert sei und sich immer wieder der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst wird.

hertha wärmt
(Photo by Michael Sohn – Pool/Getty Images)

Alle drei meinen, schon die Reichweite der Aufmerksamkeit, die Hertha über die sozialen Netzwerke besitzt, helfe viel. Denn dadurch ließe sich so manche kleine Aktion zu einer „Riesensache“ machen. Hertha könnte daher noch aktiver soziale Projekte öffentlichkeitswirksam bewerben und mehr Menschen erreichen. Ganz persönlich wünscht sich Cody, dass gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien stärker integriert und gefördert werden. Als Beispiele nennt er Freikarten für Heimspiele und Jugendclubs in sozialen Brennpunkten. Der Aufwand für diese Dinge dürfe nicht so groß sein und kaum etwas kosten, doch der darauf resultierende Effekt sei immens.

Und auch die Zusammenarbeit zwischen Hertha BSC und der Stadtmission soll ausgebaut werden. Der Kontakt bestehe bereits, so Sabine und Veikko. Zum Abschluss betont Cody, gemeinsam sei man bekanntlich stärker und gerade die Pandemie habe gezeigt, was für tolle Aktionen entstehen können.

[Titelbild: Photo by Soeren Stache – Pool/Getty Images]

Eine kleine Berliner Derbygeschichte: Die heißesten Duelle

Eine kleine Berliner Derbygeschichte: Die heißesten Duelle

Am kommenden Samstag steht in Köpenick das neunte Pflichtspiel-Derby zwischen Union und Hertha an. Doch Berliner Derbys haben eine viel längere Geschichte: Insbesondere in den 80er- und 90er-Jahren gab es in beiden Stadtteilen spannende Duelle. Wir haben uns ein paar Highlights aus den vergangenen 43 Jahren herausgesucht.

22. Mai 1968, Union Berlin vs. Vorwärts Berlin (2:1)

Den 1. FC Union gibt es in seiner jetzigen Form erst seit 1966. Zuvor hatte es in Oberschöneweide mehrere Fusionen, Zusammenschlüsse aber auch Trennungen von Vereinen gegeben, die heute als Vorgänger-Klubs von Union gelten. Leicht hatte es der Verein in der DDR nicht, denn das Regime unterstützte mit aller Kraft Vorwärts Berlin. Die meisten begabten Spieler endeten in der Kaderschmiede von Vorwärts. Ohnehin mischte sich der Staat regelmäßig in den Profifußball ein – so wurden die protegierten Klubs einige Male einfach in eine andere Stadt verlegt. Vorwärts startete beispielsweise in Leipzig, wurde dann nach Berlin verlegt und später nach Frankfurt (Oder). Der heutige BFC Dynamo geht aus einem Ableger von Dynamo Dresden hervor.

Bildquelle: https://twitter.com/HBSCMuseum1892/status/1003203744723603456/photo/1

Union hingegen galt in der DDR von vorn herein als Verein des Volkes, als Anti-Establishment. Allerdings etablierten sich die Köpenicker schnell in der DDR-Oberliga und nur zwei Jahre nach der Klubgründung kam es zu einem der größten Erfolge der Vereinsgeschichte – dem Gewinn des DDR-Pokalwettbewerbs (FDGB-Pokal). Im Finale besiegte man den amtierenden DDR-Meister Carl-Zeiss-Jena. Zu einem Berlin-Derby kam es aber schon im Halbfinale, als Union gegen den Staatsklub Vorwärts im Halbfinale 2:1 gewann. Bis heute feiern die Köpenicker ihre Pokalhelden.

In den folgenden Jahrzehnten kam es in der DDR-Oberliga zu zahlreichen Derbys zwischen Union, dem BFC Dynamo sowie Vorwärts. Die meisten der Spiele wurden jedoch von Dynamo dominiert. Insbesondere in den 1970er und 1980er-Jahren profitierte Dynamo von der Unterstützung des Regimes und wurde quasi zum Serien-Meister der DDR. Union gelang es dagegen nie, die DDR-Oberliga zu gewinnen.

16. November 1974, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (0:3)

Auf westberliner Seite wurde Hertha in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg zur stärksten Berliner Mannschaft. In 1970er-Jahren kam es dann allerdings zum einzigen Berliner Derby auf Bundesliga-Ebene bis zum Unioner Aufstieg vor ein paar Jahren. In der Saison 1973/1974 hatte Tennis Borussia damals noch über die zweitklassige Regionalliga den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams sollte zum Spektakel werden: Eigentlich hätte TeBe ein Heimspiel gehabt, doch das Interesse in der Bevölkerung an dem Match war riesig – und so wurde die Partie ins Olympiastadion verlegt und fand vor 75.000 Zuschauern statt.

Bildquelle: https://twitter.com/HBSCMuseum1892/status/971887620853727232/photo/1

Gegen die in der Saison 1974/1975 extrem stark aufspielende Hertha hatte der Aufsteiger jedoch keine Chance – Hertha gewann 3:0, „Ete“ (Erich) Beer erzielte zwei der Treffer. Hertha hatte damals einen schlagkräftigen Kader zusammen: Neben Beer gehörten dem Team auch Spieler wie Wolfgang Sidka oder Uwe Kliemann an. Die Mannschaft wurde in dieser Saison sogar Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach. TeBe stieg als Vorletzter ab. Allerdings verbrachte die Mannschaft nur ein Jahr in der damals neu gegründeten 2. Bundesliga: Die Saison 1975/76 schloss TeBe als Tabellenführer ab, und so kam es 1976 und 1977 zu zwei weiteren Bundesliga-Derbys zwischen Hertha und Tennis Borussia – eines davon (16. April 1977) konnte Tennis Borussia sogar für sich entscheiden. Aber auch nach dieser Saison reichte es für TeBe nicht für den Klassenerhalt.

18. Februar 1984, SC Charlottenburg vs. Hertha BSC (1:0)

Nach der Saison 1982/1983 stieg auch Hertha aus der Bundesliga ab. Die kommenden Zweitliga-Jahre wurden für Westberliner Fußball-Fans ein reines Derby-Festival. Denn nicht nur Hertha und Tennis Borussia trafen mehrfach aufeinander. Vielmehr sorgte in den 80er-Jahren auch Blau-Weiß 90 für Aufsehen. Und – wer hätte es gedacht? – auch der SC Charlottenburg verbrachte ein Jahr in der 2. Bundesliga.

Gegen die frisch abgestiegenen Herthaner kam es im August 1983 zum ersten Derby der beiden Charlottenburger Teams, das 1:1 unentschieden endete. Im ausverkauften Mommsenstadion gab es in der Rückrunde dann die riesige Überraschung: Der SCC besiegte Hertha mit 1:0. Übrigens: Im Tor des SCC stand damals ein gewisser Andreas Köpke, der nach dem direkten Abstieg der Charlottenburger zu Hertha wechselte.

16. März 1985, Blau-Weiß 90 vs. Hertha BSC (0:2)

In der Saison 1984/1985 deutete sich dann erstmals die zwischenzeitliche Wachablösung im westberliner Fußball an. Das Mariendorfer Team Blau-Weiß 90 war zuvor in die 2. Liga aufgestiegen. Hertha war im zweiten Zweitliga-Jahr immer noch eines der finanzstärksten Teams der Liga und hatte mit Spielern wie beispielsweise Andy Köpke und Horst Ehrmanntraut auch einen absolut bundesligatauglichen Kader zusammen. Doch die Charlottenburger setzten sich während der Saison im Tabellenmittelfeld fest.

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In der Rückrunde kam es dann im schlecht besuchten Olympiastadion zu einem der letzten Siege der Herthaner dieser Saison, als Blau-Weiß mit 2:0 besiegt wurde. Für die Mariendorfer ging es anschließend bergauf, für Hertha bergab. Auf Platz 14 konnte man den Abstieg nur knapp vermeiden, Blau-Weiß wurde Siebter. In der darauffolgenden Saison sollte aber alles noch viel schlimmer kommen für Hertha.

8. Mai 1986, Blau-Weiß 90 vs. Tennis Borussia (1:2)

Drei Berliner Mannschaften in einer Profiliga – das hat es bislang nur in der Saison 1985/1986 gegeben. Tennis Borussia war zuvor gerade wieder aus der Regionalliga aufgestiegen, Hertha und Blau-Weiß 90 waren schon vorher in der 2. Liga. Blau-Weiß-90 war inzwischen aus der Mariendorfer „Rathausritze“ ins Olympiastadion gezogen, das man sich im 2-Wochen-Takt mit Hertha teilte. Tennis Borussia spielte im Mommsenstadion, wobei auch einige Derbys mit TeBe-Beteiligung ins Olympiastadion verlegt wurden.

Bildquelle: https://www.kicker.de/hertha-bsc/kader/2-bundesliga/1985-86#images

Was sich in der Vorsaison bereits angedeutet hatte, wurde in dieser Saison bitte Wahrheit. Hertha spielte eine schlechte Runde, obwohl man kein einziges Derby verlor. Blau-Weiß hingegen wurde im Saisonverlauf immer stärker und hatte am letzten Spieltag gegen Tennis Borussia die Chance, den direkten Aufstieg in die Bundesliga zu sichern. Das Spiel gegen das schon abgestiegene Team von TeBe verlor man zwar 1:2 – weil aber Fortuna Köln gegen den Karslruher SC nicht über ein Unentschieden hinauskam, stieg Blau-Weiß 90 direkt auf. Hertha hingegen kämpfte mit Freiburg im Fernduell um den Klassenerhalt. Da das eigene Spiel in Aachen allerdings mit 0:2 verloren ging, brachten alle Rechenbeispiele nichts mehr – Hertha war fortan drittklassig.

Allerdings: Auch für Blau-Weiß 90 sollte das Abenteuer Bundesliga schnell wieder zu einem bitteren Ende kommen. Mit einer miserablen Punktebilanz von 18:50 wurde man Letzter. Für viele Jahre musste die Bundesliga in der Folge wieder ohne Berliner Teams auskommen. Hertha jedenfalls blieb zwei Saisons lang drittklassig. Erst im Juni 1988 folgte der Wiederaufstieg in Liga 2, wo es erneut zu einigen Duellen mit Blau-Weiß 90 kam. Das folgende Youtube-Video gibt die Fußball-Stimmung im damaligen Westberlin ganz gut wieder:

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27. Januar 1990, Hertha BSC vs. Union Berlin (2:1)

Eigentlich haben wir uns hier bislang nur Pflichtspielen gewidmet. Es gibt allerdings ein Derby, das sowohl aufgrund seiner Geschichtsträchtigkeit als auch wegen der aktuellen Rivalität zwischen Hertha und Union erwähnt werden muss. Ende Januar 1990, nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, trafen sich Hertha und Union zu einem symbolischen Freundschaftsspiel im Olympiastadion vor rund 52.000 Zuschauern. Schon in den letzten Jahren vor der Wende hatte sich zwischen Hertha und Union über die Grenze hinweg eine tiefe Fan-Freundschaft entwickelt. Das Unioner Fanlager leibäugelte wohl nicht zuletzt wegen seiner Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime mit dem West-Klub. Als Hertha Ende der 1970er-Jahre Europapokal-Spiele in Osteuropa bestritt, reisten teilweise sogar Unioner an, um die Blau-Weißen zu unterstützen.

Das Spiel am 27. Januar geriet somit zur Nebensache. Fans beider Lager lagen sich in den Armen und feierten die Zusammenführung Berlins.

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8. Juni 1991, Union Berlin vs. FC Berlin (1:0)

Union hatte es schwer in den Jahren vor und nach der Wende. Aus der aufgelösten DDR-Oberliga gingen nur zwei Teams in die Bundesliga, die meisten Ost-Teams aus der Oberliga und der DDR-Liga (2. Liga) mussten in einer Qualifikationsrunde um insgesamt sechs Plätze in der 2. Bundesliga kämpfen. Union belegte in der letzten DDR-Liga-Saison den ersten Platz und sicherte sich somit die Beteiligung an der Relegation zur 2. Bundesliga. Im Juni 1991 folgten dann die Relegationsspiele, unter anderem trat Union gegen den FC Berlin an, die Nachfolger-Mannschaft des BFC Dynamo. Das erste Spiel gewann Union zwar knapp mit 1:0, im Rückspiel verloren die Köpenicker allerdings. Aufsteigen konnte keines der beiden Berliner Teams, vielmehr belegte Stahl Brandenburg Platz 1 der Relegationsgruppe.

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Die restlichen 1990er-Jahre waren eine harte Zeit für den FCU – sportlich und auch wirtschaftlich. Mehrfach verpasste man den Aufstieg in die 2. Liga. Trotz einer drohenden Insolvenz konnte sich das Team aber stetig in der Regionalliga halten, wo es in den 1990er Jahren zu mehreren Berlin-Duellen mit dem BFC Dynamo kam, der dann auch wieder seinen alten Namen trug. Erst 2009 stiegen die Köpenicker dann in die 2. Liga auf.

28. Oktober 1998, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (4:2)

In Westberlin deutete sich Ende der 1990er-Jahre für kurze Zeit nochmals eine neue, spannende Stadtrivalität auf Augenhöhe an. Tennis Borussia war in der Saison 1997/1998 mit Trainer Hermann („Tiger“) Gerland in die 2. Bundesliga aufgestiegen und spielte dort eine starke Saison. Im Oktober 1998 belegte TeBe zwischenzeitlich Platz 1 der 2. Liga – und genau zu dieser Zeit kam es im Achtelfinale des DFB-Pokals zum Berlin-Derby. Hertha war zu dieser Zeit ebenfalls gut unterwegs in der Bundesliga, am Ende der Saison belegte das Team von Jürgen Röber sogar Platz 3 und qualifizierte sich direkt für die Champions League.

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Doch an jenem 28. Oktober 1998 war TeBe schlichtweg zu gut für Hertha. Gerlands Mannschaft (u.a. mit Spielern wie Ilja Aracic und Francisco Copado) führte schon zur Halbzeit 2:1 und brachte den Sieg vor einer begeisterten Kulisse im Olympiastadion und nach einem Feuerwerk zu Beginn des Spiels sicher über die Ziellinie. Hertha musste allerdings nur ein Jahr warten, um sich zu revanchieren: Auch in der darauffolgenden DFB-Pokalsaison traf man auf Tennis Borussia, dieses Match entschied Hertha jedoch nach einer Nachspielzeit 3:2 für sich.

17. September 2010, Union vs. Hertha BSC (1:1)

Weil Hertha nach einer dramatisch schlechten Saison 2009/2010 abstieg, kam es im Herbst 2010 zum ersten Pflichtspiel zwischen Hertha und Union. Nach einer frühen Führung durch ein Kopfballtor von Peter Niemeyer entwickelte sich ein offenes, rassiges Spiel. Kurz vor Schluss erzielte Union dann per Fernschuss doch noch das 1:1. Das Rückspiel ging im Olympiastadion sogar 1:2 verloren. Bis heute kam es in Liga eins und zwei zu insgesamt sieben Derbys zwischen den Köpenickern und Hertha: drei Siege für Hertha, zwei für Union und zwei Unentschieden. Wie und woher sich die heute existierende tiefe Abneigung zwischen den beiden Fanlagern ergeben hat, kann wohl niemand vernünftig erklären.

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Schon im ersten Spiel, im Herbst 2010, war von der tiefen Freundschaft, die noch während der Wende-Jahre existierte, keine Spur. Herthas Anhänger zündelten mit Feuerwerkskörpern und nach dem Rückspiel feierte sich Union als „Stadtmeister“, was angesichts der Tabellensituationen der beiden Klubs natürlich eine reine Provokation war. Denn: Hertha stieg direkt in die Bundesliga auf, die Köpenicker mussten noch einige Jahre in der 2. Liga verweilen, bis es dann am 2. November 2019 zum ersten erstklassigen Duell der beiden Vereine kam.

2. November 2019, Union vs. Hertha BSC (1:0)

Tabellenvierzehnter Hertha hatte nur einen Punkt mehr als Union und lag auf Platz elf. Die Stimmung in der Stadt vor diesem Derby war angespannter als bei den Zweitligaspielen. Erstmals hatten wir Herthaner das Gefühl, dass Union leistungsmäßig nicht mehr meilenweit von uns entfernt ist. Der über Jahrzehnte antrainierte Abstand zwischen Hertha und Union war auf einmal nicht mehr da – mit einem Sieg konnten die Köpenicker sogar an Hertha vorbeiziehen. Für miese Stimmung im Vorfeld der Saison hatte zudem auch Unions Präsident Dirk Zingler gesorgt. Nach Herthas Vorschlag, das Berlin-Derby am Tag der Einheit auszurichten, reagierte Zingler mit ablehnend aggressiven Worten – es gehe um „Klassenkampf“ und „Stadtrivalität“, deswegen wolle man das Derby nicht. Eine britische Internet-Dokumentation, die ein paar Monate nach diesem ersten Bundesligaspiel veröffentlicht wurde, beschreibt die Stimmung, die seit damals in der Stadt herrscht, sehr gut.

Das Spiel selbst ist schnell wiedergegeben. Beide Mannschaften leisteten sich ein sehr kampfbetontes, Highlight-armes Match, in dem die Köpenicker kurz vor Schluss einen schmeichelhaften Elfmeter zugesprochen bekamen. Sebastian Polter verwandelte den Strafstoß, Union zog an Hertha vorbei. Die oben beschriebene, explosive Stimmung zeigte sich dann aber auch während des Spiels im Stadion. Erst schossen aus dem Hertha-Block Pyro-Raketen in Richtung Unioner Auswechselbank und später stürmten zahlreiche vermummte Köpenicker den Platz. Das Spiel musste mehrfach unterbrochen werden. Ein sportlich dünnes Derby, das für mehr Skandale als schöne Momente sorgte, endete mit 1:0 für die “Eisernen”.

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4. Dezember 2020, Hertha BSC vs. Union (3:1)

Nach dieser ersten Niederlage hat Hertha in der Bundesliga nicht mehr gegen Union verloren. Im Rückspiel der Saison 2019/2020 gewann Hertha fulminant durch ein 4:0. Im Dezember 2020 stand dann ein Derby an, das wegen der Coronavirus-Pandemie im Olympiastadion leider ohne Zuschauer stattfinden musste. Die Clubführung hatte es sich zum Ziel gesetzt, das Derby näher heranzurücken an die Fans und startete wenige Tage vor dem Spiel eine Berlin-weite PR-Kampagne. Über Nacht wurden an fast allen Hauptverkehrsstraßen in Berlin blau-weiße Fahnen am Straßenrand aufgestellt. Außerdem wurde ein neuer Hertha-Somg veröffentlicht („Wo die Fahnen blau-weiß wehen“).

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Das Spiel hatte es in sich. Union ging recht früh in Führung. Nur wenige Minuten später flog allerdings Robert Andrich vom Platz, weil er Lucas Tousart per Karatekick attackierte. Widerlich ist übrigens, dass sich die Union-Fans für diesen Kick und die rote Karte im Anschluss des Spiels feierten. Schön wiederum ist, dass Hertha die Überzahl nutzte. Insbesondere Krzysztof Piatek trumpfte auf und verwandelte zwei Vorlagen, sodass Hertha das Spiel mit 3:1 gewann. Für ein besondere Highlight hatte aber schon zuvor Petr Pekarik gesorgt, der mit seinem 1:0 quasi das Bundesliga-Logo nachstellte.

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]

Herthas Hymnen-Historie

Herthas Hymnen-Historie

Wenn Hertha am kommenden Wochenende in Köpenick aufläuft, wird natürlich nicht unser Stadionsong „Nur nach Hause“ von Frank Zander gespielt. Trotzdem bieten Derbys immer die Gelegenheit, sich mit den Identifikationsfaktoren seines Vereins auseinanderzusetzen. Ein solcher Faktor ist die Vereinshymne, die Tausende gemeinsam singen, wenn das Team den Platz betritt. In Herthas Fall hat diese Hymne eine durchaus interessante Historie vorzuweisen, in der der Klub selbst nicht immer die beste Rolle spielte.

Nur nach Hause – so simpel wie emotional

Fragt man Herthafans nach ihren emotionalsten Stadion-Momenten, geht es oft gar nicht um das Spiel selbst, sondern das Auflaufen der Mannschaften auf den Rasen des Olympiastadions. Denn in diesem Moment singt das Stadion traditionell gemeinsam „Nur nach Hause“ von Frank Zander. Objektiv betrachtet hat der Song wenig Originelles: Schließlich ist es eine Cover-Melodie, die sich Zander bei Rod Stewart („We are Sailing“) abgeschaut hat. Und auch der Textinhalt ist nicht allzu komplex. Aber das Lied berührt uns Herthaner. Es spricht auf sehr emotionaler Ebene das an, was uns Herthaner zusammenhält. Dass man auch nach Niederlagen und sportlichen Krisen doch wieder zusammenkommt und noch ein gemeinsames Bier trinkt, bevor man irgendwann nach Hause geht.

(Photo by Thomas Eisenhuth/Getty Images)

Aber wie lange singen die Herthafans dieses Lied eigentlich schon? Wie ist es entstanden? Und welche Fan-relevanten Lieder gab es vorher und währenddessen? Klar ist, dass Herthas Hymnen-Historie vor „Nur nach Hause“ recht schnell erzählt ist. Denn: Nach 1961 gab es schlichtweg nur einen einzigen Song, der vor Hertha-Spielen im Olympiastadion ertönte, und zwar „Blau-weiße Hertha“ von den „Drei Travellers“.

Die „Travellers“ waren ein Berliner Trio, das in den Nachkriegsjahren entstand und sich bis tief in die 1970er-Jahre hinein als deutschlandweit bekannte Gesangs- und Kabarettgruppe einen Namen machte – insbesondere in den 1950er-Jahren fielen die drei Berliner durch zeitkritische, pazifistische Texte auf, weil sie sich beispielsweise in ihren Liedern gegen die Remilitarisierung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg aussprachen. Warum sich das Trio 1961 dann daran machte einen Song für Hertha zu komponieren, ist nicht bekannt. Aus Geschichtsbüchern geht aber hervor, dass dem Verein das Lied so gut gefiel, dass man „Blau-weiße Hertha“ noch im selben Jahr zur offiziellen Vereinshymne machte. Und obwohl in dem Lied noch von der Weddinger „Plumpe“, dem alten Hertha-Stadion gesungen wird, wird es heute noch im Olympiastadion gespielt.

„Eine Hymne entsteht, so etwas kann man nicht vorhersehen“

Doch dann kam das Jahr 1993 und der unglaubliche Auftritt der „Hertha-Bubis“ im DFB-Pokal. Während Herthas Profimannschaft im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Bayer Leverkusen ausschied, setzten sich die Amateure Runde für Runde durch, unter anderem gegen Bundesligisten wie den 1. FC Nürnberg, um dann im Halbfinale im Heimspiel gegen den Chemnitzer FC antreten zu müssen.

Vor diesem Spiel kontaktiere die damalige Klubführung den gebürtigen West-Berliner Frank Zander und bat ihn, vor dem Spiel vor der Ostkurve ein paar Lieder anzustimmen. Zander ist bekennender Herthafan und war Anfang der 1990er-Jahre durch seinen Song „Hier kommt Kurt“ bekanntgeworden. In Interviews beschreibt Zander, dass er „Nur nach Hause“ schon einige Jahre zuvor coverte und auch einen neuen Text für das Lied schrieb – allerdings noch ohne Hertha-Bezug.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images For European Athletics)

Erst in der Nacht vor dem Halbfinale texte er den Song dann nochmals um und dichtete die Zeilen, die wir alle bis heute im Stadion singen. Und Zander traf damit sofort die blau-weiße Seele: Noch während der Erstaufführung des Songs im Stadion streckten die Fans ihre Schals in die Höhe und sangen den Refrain mit.

„Eine Hymne entsteht, so etwas kann man nicht vorhersehen“, sagte Zander vor einigen Jahren in einem „Welt“-Interview. In diesem Moment im März 1993 ist im Berliner Olympiastadion genau das passiert. Der Rest ist Geschichte: Der Song wurde professionell aufgenommen und wird seitdem beim Einlaufen der Teams gesungen.

Eine andere Hymne Seeed eben nicht

Dass „Nur nach Hause“ auch heute noch der Fansong Nummer eins ist, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Denn komischerweise war es schon zweimal die Klubführung selbst, die den Song verbannen bzw. an den Rand stellen wollte. 2006 war es Herthas damaliger Manager Dieter Hoeneß, der in Interviews mit der Idee kokettierte, der Berliner Szene-Band Seeed den Auftrag zu erteilen, eine neue Fanhymne zu schreiben.

Schon damals beschwerte sich die Fanszene massiv – auch Zander zeigte sich enttäuscht, und so wurde der Plan wieder eingestellt. 2018 folgte dann ein erneuter Anlauf des Vereins, den Zander-Song zu entwerten. Herthas Marketing-Experte Paul Keuter kokettierte nicht nur mit einer Hymne von Seeed, sondern schaffte gleich Fakten. Vor dem ersten Heimspiel der Saison 2018/2019 teilte Hertha via Mail seinen Mitgliedern mit, dass man „Nur nach Hause“ ins Vorporgramm der Spiele lege, um „Dickes B“ während des Einlaufens zu spielen. In der Fanszene resultierte das in purer Entrüstung. Schon vor dem Spiel hissten die Ostkurven-Fans ein Banner mit der Aufschrift: „Nur nach Hause – Jetzt!“. Hertha musste reagieren und stellte das Programm wieder um – seitdem gab es keine Änderungen mehr.

“Hey, was geht ab?! Wir feiern die Meisterschaft!”

Nur ein einziges Mal in den vergangenen knapp 30 Jahren hätte es ein Lied fast geschafft, diesen von Frank Zander beschriebenen, magischen Moment zu knacken, um zur neuen Fanhymne zu werden. Frühjahr 2009: Hertha stand unter Lucien Favre etwa zehn Spieltage vor Saisonschluss auf Platz eins der Tabelle und hatte wirklich gute Aussichten auf die Meisterschaft.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Die Berliner Band „Die Atzen“ hatten kurz zuvor den Partyhit „Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht“ herausgebracht. Die Ostkurve dichtete den Song um und sang Spiel für Spiel „Hey, das geht ab! Wir holen die Meisterschaft!“. Die Situation eskalierte im April 2019, als die Atzen dann selbst IN die Ostkurve kamen, sich das Mikro schnappten und das Lied gemeinsam mit den Fans sangen. Pure Ekstase.

Leider nur war es dann die Mannschaft, die verhinderte, dass sich der Song etablierte. Denn wie wir alle wissen, verlor Hertha dien letzten Saisonspiele, rutschte Platz für Platz ab und verpasste am letzten Spieltag bei bereits abgestiegenen Karlsruhern sogar den Champions-League-Einzug. In der folgenden Saison spielte das Team dann ab Spieltag eins gegen den Abstieg – der auf die Meisterschaft bezogene Songtext ergab vor diesem Hintergrund keinen Sinn mehr. Nur in der Rückrunde der ersten Abstiegssaison gab es noch Versuche, den Song als “Hey, das(was) gebt ab, die Hertha steigt niemals ab!” weiterzutragen. Sollte Hertha doch nochmal in diese Tabellenregionen vorstoßen, kann es aber gut sein, dass genau dieses Lied ein Revival erfährt.

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]

Bald ein Hertha-Team in League of Legends?

Bald ein Hertha-Team in League of Legends?

Seitdem Lars Windhorst im Sommer 2019 bei Hertha BSC eingestiegen ist, hat der Verein Geld. Fast 380 Millionen Euro hat der Geschäftsmann in die “alte Dame” investiert. Dass das Geld nicht nur für die Aufbesserung des Kaders genutzt wird, ist hinlänglich bekannt. Neben der Bereinigung von Altlasten, dem Stopfen der Finanzlöcher, die durch die Coron-Krise entstanden sind und der (infra-)strukturellen Aufwertung des Vereins soll ein Teil des Geldregens laut wiederkehrenden Gerüchten auch dafür genutzt werden, in die E-Sport Szene des Computerspiels „League of Legends“ (kurz: LoL) einzusteigen. Doch lohnt sich das? Und was ist League of Legends? Dieser Text soll einen kleinen Einstieg in das Game und die dazugehörige Szene geben.

Der E-Sport wächst rasant

Mit der Installierung des neuen alten CEO Carsten Schmidt hat sich einiges bei unserer Alten Dame getan. Vor allem das Projekt „Goldelse“ diente dazu, einen umfassenden Plan mit konkreten Maßnahmen für die langfristige Entwicklung des Vereins in allen Geschäftsbereichen zu erstellen. Das Kerngeschäft Fußball macht dabei natürlich den Löwenanteil aus. Doch auch andere Stellschrauben sollen angepasst oder sogar neu entwickelt werden.

Eine dieser Stellschrauben ist eine Erweiterung des Engagements im Bereich des E-Sports. Bisher ist Hertha, so wie mittlerweile der Großteil der Vereine aus Liga 1 und 2, in der Fußballsimulation „Fifa“ vertreten. Bei einem Fußballverein ist dies natürlich auch naheliegend. Doch im E-Sport Business ist Fifa bei weitem nicht der größte Fisch im Teich. Andere Spiele wie Counterstrike, Dota 2, Valorant oder eben League of Legends haben im Schnitt wesentlich mehr Zuschauer und höhere Preisgelder. Das Finale der letztjährigen LoL-Weltmeisterschaft hatte zum Beispiel 3,8 Millionen Zuschauer und fast 15 Millionen geschaute Stunden. Die nicht veröffentlichen Zahlen aus China, dem größten Markt, sind dabei noch nicht einmal mit eingerechnet.

hertha e-sport
(Photo by Hu Chengwei/Getty Images)

Logischerweise sind diese Zahlen noch nicht mit denen vom Fußball zu vergleichen (das WM-Finale 2018 beispielsweise schauten sich über 1 Milliarde Menschen live an). Dafür sind die strukturellen Unterschiede noch zu groß. Betrachtet man die jeweilige Historie der Sportarten, verwundert das natürlich auch nicht. Der Fußball begeistert seit mittlerweile über 100 Jahren Menschen jeder Altersklasse. Die ersten Anfänge des E-Sport hingegen liegen gerade erst einmal 20 Jahre zurück, LoL gibt es seit mittlerweile gut 10 Jahren.

Bei einem Blick auf die Zuschauerzahlen von früheren League-Weltmeisterschaften verdeutlich jedoch das enorme Wachstum dieser Branche: Sahen sich 2013 noch 35 Millionen Menschen während des gesamten Turnierverlauf Spiele an, waren es 2017 schon 380 Millionen. Das ist eine Verzehnfachung in nur vier Jahren. Und auch wie im Fußball gilt: Je mehr Zuschauer, desto mehr Geld für die Beteiligten. Durch Sponsoren, Werbeeinnahmen, freiwillige Abonnements auf den Streaming-Plattformen und Reichweite generiert der E-Sports zunehmend mehr Geld. Spitzenspieler in LoL verdienen mittlerweile drei Millionen Euro und mehr pro Jahr. Zahlen, von denen selbst einige Bundesliga-Profis träumen dürften. Schon auf den ersten Blick wird damit klar: ein Einstieg in dieses Geschäftsfeld könnte sich für Hertha lohnen. Doch dazu später mehr.

So funktioniert League of Legends

Bevor wir uns die direkten Vor- und Nachteile eines Engagements anschauen, soll kurz erklärt werden, worum es in League of Legends überhaupt geht bzw. wie das Spiel von Entwickler “Riot Games” gespielt wird.

LoL gehört zur Klasse der sogenannten „MOBAs“ (Multi Online Battle Arena). Jedes Team besteht aus fünf Spielern. Jeder Spieler wählt zu Spielbeginn einen Helden (Champion) aus, der verschiedene Fähigkeiten mitbringt. Insgesamt gibt es mittlerweile über 150 verschiedene Champions. Aufgrund dieser Anzahl gleicht keine Partie LoL der anderen und es treten jedes Mal neue Situationen auf, die entsprechend gelöst werden müssen. Im Laufe des Spiels erhält jeder Spieler Gold, sei es über das Töten von Vasallen (Minions) und Champions oder Zerstören von Objekten wie zum Beispiel Türmen. Dieses Gold wird in Items investiert, um die Fähigkeiten des eigenen Champions zu verstärken.

hertha esport
Die Karte, auf der in LoL gespielt wird

Damit nicht alle planlos über die Karte rennen, ist diese in die zwei Basen der Teams aufgeteilt, welche über drei Linien (Lanes) erreichbar sind. Zwischen den Lanes liegt der Dschungel (Jungle). Räumlich getrennt werden die beiden Hälften der Teams vom Fluss (River). Das Spiel wird gewonnen, indem man zuerst das Hauptgebäude, den sogenannten Nexus, in der gegnerischen Basis zerstört oder aber der Gegner aufgibt.

Stürmer und Spielmacher in LoL

Mit Spielbeginn hat jeder Spieler eine fest zugewiesene Position auf einer der Lanes bzw. im Jungle. Innerhalb des Spiels kann man sich jedoch theoretisch frei auf der Karte bewegen. Ein kleiner Fußballvergleich: Die Außenverteidiger sind grundsätzlich in der Verteidigung angesiedelt, bei Angriffen verschieben sie aber mit auf die offensiven Seiten um eine Seite zu überladen.

Aufgrund der zugewiesenen Position und des jeweils ausgewählten Champions besitzt jeder Spieler feste Aufgaben innerhalb des Teams und des Spiels. Einige Spieler müssen den Schaden machen, andere heilen ihre Mitspieler und wieder andere sind dazu da, um Gegner zu betäuben oder einfach nur Schaden „wegzustecken“.

hertha e-sport
(Photo by Getty Images/Getty Images)

Auch hier der Querverweis zum Fußball: Der Mittelstürmer ist da um Tore zu schießen, der 10er soll Kreativität in der Offensive erzeugen, ein 6er soll abräumen und der Torwart muss Bälle halten. So oder zumindest so ähnlich sind auch die Rollen in LoL verteilt, und genauso wie beim Fußball verschieben sich bestimmte Aufgaben je nach Spielsituation (auch der 9er muss beim Gegenpressing helfen, der 6er treibt das Spiel zum Teil auch mit nach vorne an etc.).

Und ebenso wie im Fußball werden Spiele nicht grundsätzlich darüber gewonnen, indem man die besseren Einzelkönner hat. League ist gleichermaßen ein Mannschaftsspiel und es gewinnt regelmäßig das Team, welches besser zusammenarbeitet. Auch wenn Einzelkönner zu haben sicher nicht schadet, da diese ein Spiel natürlich trotzdem stark beeinflussen können.

Der E-Sport wird immer professioneller

Professionelle LoL Teams bzw. Spieler trainieren heutzutage bis zu zwölf Stunden am Tag. Es gibt ganze Trainerstäbe, Fitnessprogramme, Ernährungsberatung, Mentalcoaching, Vereine, Strukturen. Der E-Sport entwickelt sich in einem rasanten Tempo und wird immer professioneller. Fußball und andere Sportarten sind dabei sicher Vorbilder.

Womit wir zu der wohl interessantesten und wichtigsten Frage kommen: Lohnt sich ein Einstieg von Hertha BSC in League of Legends? Hierbei sollte einmal in rein finanzieller Hinsicht und einmal in Reichweite bzw. Stärkung der Marke (auch wenn dieser Begriff im Zusammenhang mit Hertha ja nicht mehr genutzt werden soll) unterschieden werden.

Schalke 04 als Vorbild?

Starten wir mit den finanziellen Aspekten. Wie zu Beginn dargestellt, fließt immer mehr Geld in den E-Sports. Europas höchste und wichtigste Liga, die LEC, funktioniert nach dem Franchise-System. Das heißt es gibt zehn permanente Teams, die sich ihren Spot innerhalb der Liga gekauft haben und dafür nun an den Gewinnen beteiligt werden. Ein sportlicher Auf- oder Abstieg ist nicht möglich.

Dass dieses System mit Vor- und Nachteilen behaftet ist, soll hier nicht weiter diskutiert werden. Schalke 04, Vorreiter in puncto E-Sport in Deutschland, hatte sich 2018 für kolportierte acht Millionen Euro in die LEC eingekauft. Aufgrund der schwierigen sportlichen Situation im fußballerischen Kerngeschäft und dem damit verbundenen Zwang möglichst schnell Geld zu generieren, wurde der Slot in diesem Jahr an eine andere Organisation verkauft. Der Betrag liegt laut Medienberichten bei ca. 25 Millionen Euro. Auch hier verdeutlicht sich noch einmal das Wachstum der Branche. Schalke 04 konnte so innerhalb von drei Jahren einen Gewinn von etwa 17 Millionen Euro erwirtschaften – Geld, das dem Verein gerade sichtlich hilft.

Hertha BSC wird jedoch keine 25 Millionen Euro in die Hand nehmen müssen. Unser Verein strebt dem Vernehmen nach eine Teilnahme in der deutschen „Prime League“ an. Diese funktioniert ähnlich wie die Bundesliga. Es gibt verschiedene Divisionen und zwischen diesen entsprechende Auf- und Absteiger, die über Relegationsspiele ermittelt werden. Die besten Teams aus den regionalen Ligen in den verschiedenen Ländern Europas spielen halbjährlich in den „EU Masters“, einer Art Champions League gegeneinander.

Ist ein LoL-Einstieg momentan finanziell sinnvoll?

Die regionalen Ligen bzw. die EU Master fungieren dabei als Nachwuchsschmieden, jährlich wechseln die besten Spieler dann in die Teams der LEC. Auch wenn Hertha „nur“ in der Prime League starten will, wird dies etwas kosten. Ein komplett neues Team samt Staff müsste gekauft werden, dazu die benötige Infrastruktur bereitgestellt werden. Dies bewegt sich jedoch innerhalb eine Rahmens, der für einen Bundesligisten moderat sein sollte. Zumindest wenn ein paar Millionen der Windhorst-Investition dafür bereitstehen.

Nach den neuerlich aufgetretenen Berichten um das 30-Millionen Transferplus, welches Bobic erwirtschaften musste, dem geplanten Stadionneubau und der weiterhin sicher notwendigen Stopfung der Corona-Löcher stellt sich dennoch die Frage, ob nicht jeder Euro für den sportlichen bzw. fußballerischen Bereich benötigt wird.

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Dass sich ein Lol-Einstieg irgendwann finanziell lohnen wird, ist wahrscheinlich unbestritten. Die Frage ist jedoch, wie lange das dauern wird und ob unter den aktuellen (finanziellen) Umständen bei Hertha dieser Schritt zum momentanen Zeitpunkt sinnvoll ist.

Im E-Sport ist, genauso wie im Fußball, der sportliche Erfolg natürlich maßgeblich. Je mehr man zu Beginn investiert, desto wahrscheinlicher ist es, dass relativ schnell viel Erfolg erzielt wird. Der andere Ansatz wäre, mit einem möglichst geringen Budget zu starten, Nachwuchsspieler zu entdecken, auszubilden und dann mit Gewinn zu verkaufen. Welchen Ansatz Hertha verfolgen will oder wird, liegt dabei in der Entscheidung der Geschäftsführung.

LoL als Marketing-Boost?

Nun zu den marketingtechnischen Aspekten: Es kann nicht oft genug wiederholt werden, die E-Sport Szene wächst. Sie bindet junge Menschen an sich und begeistert sie. Wer es also schafft, Menschen über den E-Sport mit dem eigenen Verein in Berührung zu bringen, schafft Werte. Dies beginnt bei Dingen wie Trikotkäufen (auch E-Sportler tragen die Trikots der Vereine, für die sie spielen) und endet bei der Bindung an den Verein.

Je mehr Leute Fans der E-Sport Marke „Hertha BSC“ werden, desto größer ist die Chance, dass sich diese auch für den Fußball von Hertha BSC interessieren. Dies betrifft zwar nur einen geringen Prozentsatz, doch der Name Hertha BSC wird zwangsläufig bekannter und für den einen oder anderen sicherlich auch positiver besetzt werden. Und in einer Welt, in der die Marke eines Fußballvereins zunehmend über den Fußball hinausgeht (zum Beispiel Juventus und PSG als Modeunternehmen), kann eine Erweiterung in andere, moderne Bereiche wie den E-Sport sicherlich nicht schaden. Hertha bemüht sich im Projekt Goldelse sehr darum, weitere Einnahmequellen zu schaffen und die Internationalisierung des Vereins voranzutreiben.

(Photo by Chung Sung-Jun/Getty Images)

Zusammengefasst würde sich ein Einstieg in League of Legends für Hertha wahrscheinlich lohnen, wenn und solange der sportliche Erfolg stimmt. Es wird in der Hand der Verantwortlichen bei Hertha BSC liegen, eine nachhaltige Strategie zu entwerfen, damit ein Team (bestehend aus Spielern, Trainern und Strukturen) aufgebaut werden kann. Diese Aufgabe liegt spätestens mit dem für alle Seiten bedauernswerten Rücktritt von Carsten Schmidt primär in der Hand von Daniel Mileg. Mileg wurde bereits im August in die Geschäftsleitung geholt (Dienstantritt 01.10.2021)und hätte eigentlich direkt unter Carsten Schmidt gestanden. Laut der Hertha-Website wird einer seiner Kernbereiche der E-Sport sein. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Personalie entwickelt.

Sofern Hertha BSC es schafft, entsprechend kompetente Leute an Bord zu holen und die E-Sport-Abteilung im Bereich League of Legends strukturiert aufzubauen, kann darauf basierend eine positive Ausstrahlung und eine solide sportliche Basis entwickelt werden. In diesem Fall spricht sehr viel für den Einstieg in LoL und sehr wenig dagegen. Schalke 04 kann hier sicher, entgegen zum fußballerischen Bereich, ein Vorbild liefern. Doch wenn auch im E-Sport so gearbeitet wird, wie die vergangenen Jahre im Fußball, hat dies das Potential eine weitere Verschwendung von dringend benötigten Geldern zu werden. Es liegt also an Hertha, die Zukunft gehört Berlin!


Ach Übrigens, wer mal einen Blick in das Spiel werfen möchte: Momentan findet zum 11. Mal die Weltmeisterschaft in LoL statt. Hier spielen die besten Teams aus jeder Region um den mit Abstand wichtigsten und prestigeträchtigsten Titel der Szene. Alle Informationen sowie die Übertragungen (in deutscher, englischer und vielen anderen Sprachen) findet man unter diesem Link.

Ein Gasttext von Benedict Puls

Titelbild: Woohae Cho/Getty Images