Die große Chance einen Albtraum zu beenden

Die große Chance einen Albtraum zu beenden

Die Stimme weg, Tränen in den Augen und vollkommen am Ende mit den eigenen Kräften. Am Montagabend um 22:25 Uhr traf das wohl auf den größten Teil aller Hertha-Fans zu. Das Team der Berliner hatte soeben mit einem Riesenspiel in der Relegation in Hamburg den Klassenerhalt gesichert. Ein Kraftakt einer Mannschaft, deren Charaktere zum Teil die Spiele ihrer Karriere absolvierten.

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(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Es war das passiert, was sich ein jeder im blau-weißen Trikot gewünscht hatte – Hertha produzierte Szenen für die Ewigkeit. Eine Initialzündung für die nächste Saison ist möglich. Die Fans und der Verein haben die einmalige Chance, aus einem schier endlos laufenden Albtraum zu erwachen. Eine Einordnung, was dieser Klassenerhalt bedeutet.

Drei Jahre Albtraum – die Chance zu erwachen

Ich vermute, dass viele Menschen einen Albtraum haben, der sich in irgendeiner Form gerne in schlechten Nächten in den Schlaf schleicht und einen das Leben erschwert. Bei mir zum Beispiel gibt es das sich gerne wiederholende Szenario, dass mir Menschen, die mir lieb sind, sagen, dass sämtliche Prüfungen aus Schul – und Unizeiten nachträglich als ungültig erklärt wurden und mir dementsprechend auch die Abschlüsse wieder entzogen wurden. Was mir diese Träume sagen sollen, weiß ich nicht, darum geht es jetzt glücklicherweise aber auch nicht. Als Hertha-Fan erwacht man gerade zum dritten Mal aus einem Albtraum, der sich seit drei Jahren in feiner Regelmäßigkeit wiederholt. Die Sommerpause ist wieder einmal des Herthaners bester Freund.

In den letzten drei Jahren ist so viel rund um Hertha BSC passiert, dass ein Buch nötig wäre, um all das aufzuzählen und einzuordnen. Wieder einmal gelingt der Klassenerhalt und wieder einmal in einer hochdramatischen Art und Weise. Während man 2020 unter Bruno Labbadia fast schon unspektakulär über dem Strich blieb und sich letztendlich im Tabellenmittelfeld stehend in die Sommerpause verabschiedete, war das Szenario 2021 von der Spannung und Dramatik her kaum zu toppen. Die Corona-bedingte Pause, sechs Spiele in wenigen Wochen und am Ende ein feierndes Team um Pal Dardai. Doch was dieses Jahr passieren sollte, ist definitiv unvergleichbar und hätte knapper kaum sein können. Wieder einmal kann die Hertha im buchstäblich letzten Moment dem Tod von der Klinge springen.

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(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Doch was in den jeweiligen Momenten Freude und Erleichterung bringt und eine Form von Glückseligkeit, die sich nicht einmal der aktuelle DFB-Pokalsieger erkaufen kann, freisetzt, folgt erst auf eine dramatische und nervenaufreibende Leidenszeit. Da sind wir wieder beim Albtraum. Die Zeit, in der man nachts wach wird bzw in der das Team in der Sommerpause ist, scheint die genießbarste Zeit auf Erden zu sein. Sobald man die Augen schließt und die Mannschaft in die Saison startet, geht der Schrecken von vorne los. Doch das Potential und die Chance sind da, dass man dieses Mal keine Angst vor einem Albtraum haben braucht.

Hertha BSC braucht Ruhe und Führung   

Um das möglich zu machen, braucht Hertha BSC vor allem Ruhe. Sämtliche Nebenkriegsschauplätze müssen geklärt werden. Aktuell wird der Verein in seinen Grundfesten erschüttert und treibt relativ führungslos daher. Nach dem Spiel gegen den HSV wurde bekanntgegeben, dass Finanzvorstand Ingo Schiller seine Koffer packen würde. Damit zieht der zweite große Chef nach Carsten Schmidt zum Ende dieser Saison die Reißleine. Die Tage von Präsident Werner Gegenbauer sind gezählt, sein Rücktritt scheint ebenfalls beschlossene Sache. Auch das Präsidium steht auf der Kippe. Zusätzlich wird ein neuer Trainer gesucht und viele Vertragssituationen von Personalien im sportlichen Bereich, wie Marcel Lotka, Kevin-Prince Boateng und vielen weiteren Akteuren sind bisher ungeklärt. Weiterhin ist der starke Mann Sportvorstand Fredi Bobic, dem ein Gegenspieler oder zumindest eine ernsthafte Kontrollinstanz im Verein fehlt.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Vereinslegenden wie Pal Dardai, Zecke, Michael Hartmann und zuletzt Arne Friedrich wurden unwürdig aus dem Verein entlassen bzw. getrieben. Auch das Verhältnis zur Ultraszene ist nach den vielen Auseinandersetzungen in dieser Saison nicht komplett geklärt. Ebenso muss eingehend besprochen werden, wie man sich zukünftig gegenüber dem Investor Lars Windhorst und seiner Tennor-Holding verhalten möchte. Die Mitgliederversammlung am Sonntag wird richtungsweisend sein, was die Führung des Vereins betrifft. Ein riesen großer Scherbenhaufen muss aufgefegt werden. Und eigentlich nicht nur den dieser Saison. Sondern den der letzten drei Jahre. Denn Transfer-Altlasten wie Dodi Lukebakio, Eduard Löwen oder Deyovaisio Zeefuik gilt es ebenso zu klären.

Man muss sich in gewisser Weise eingestehen, dass die legendären Tagebücher von Jürgen Klinsmann Einblicke gewehrt haben, die anscheinend wirklich zutreffend waren. Mittlerweile wurde zu großen Teilen in die damals geforderte Richtung gehandelt. Weiterhin befindet sich der Verein in einem Umbruch. Ebenso der Kader. Am Ende werden nur wenige Spieler den dritten Umbruch im Verein überlebt haben. Auf die handelnden Personen und insbesondere Fredi Bobic kommt ein Berg an Arbeit zu. Doch nun ist Sommerpause und sie haben die Zeit, all die Baustellen anzugehen. Was das alles für Hertha BSC bedeutet, wird in den nächsten Tagen und Wochen eingeordnet werden.

Ein Genuss legendärer Erlebnisse – Und die Jahre der Mahnung

In der Retrospektive wird man in einigen Wochen, Monaten und Jahren auf die Zeit schauen und wieder einmal unvergessliche Szenen und Erlebnisse ausgraben und besprechen. Es werden schlechte dabei sein, das ist klar. Drei Derbys zu verlieren, nagt am Selbstverständnis eines Jeden, der es mit der Hertha hält. Die schwarze Zeit mit Tayfun Korkut als Trainer. Die Geschichten um Pal Dardai und Arne Friedrich wirken bis heute unfair und machen betroffen. Doch beide sind dank ihrer Vergangenheit mit Hertha positiv verbunden. Dardai war vor wenigen Wochen im Amateurstadion zu Besuch um seinen Sohn Bence im U17-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart spielen zu sehen. Arne Friedrich kommentierte den Klassenerhalt auf Twitter mit blau-weißen Herzen.

Der Saisonendspurt hat sich in die Köpfe eingebrannt. Ob es der Befreiungsschlag gegen Hoffenheim war, der frenetische Jubel im Olympiastadion nach dem 2:0 gegen den VfB Stuttgart, die drei verpassten Matchbälle oder junge Spieler, wie Marcel Lotka, Oliver Christensen oder Linus Gechter, die sich für die Hertha begeistern konnten und einen riesigen Beitrag zum Klassenerhalt leisteten. Die Leistungsexplosion längst aufgegebener Leistungsträger, wie Kevin-Prince Boateng und Marvin Plattenhardt, die das Rückspiel gegen den HSV auf phänomenale Art und Weise an sich rissen und ein Tor für die Ewigkeit schossen.

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(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Der Abschied vom langjährigen Herthaner Niklas Stark, der nicht wie verdient gewesen im Olympiastadion stattfand, sondern in abgespeckter, aber nicht minder emotionaler Art und Weise vor den mitgereisten Fans in Hamburg. Die Geschichten wurde geschrieben und nun gilt es sie in irgendeiner Form einzuordnen und zu verstehen.

Es darf selbstverständlich kein „Weiter so“ geben. Das wird es auch nicht, das zeigen die vielen personellen Konsequenzen in den letzten Stunden. Die letzten drei Jahre müssen ein Mahnmal sein. Nicht nur für Hertha, sondern für den gesamten deutschen Fußball. Erfolg lässt sich nicht einfach so kaufen. Mit keinem Geld der Welt. Es gehören gut arbeitende Menschen dazu, die auch mit den vielen Millionen etwas sinnvolles anstellen und daran ist der Verein seit dem Einstieg von Lars Windhorst krachend gescheitert. Beinahe so deutlich, dass der Abstieg kaum noch abzuwenden gewesen wäre. Nach 34 Spieltagen hätte sich kein Mensch beschweren können, wenn es dazu gekommen wäre. Es gilt mit Bedacht und klaren und freien Köpfen zu handeln. Keiner fordert Wunderdinge. Schon gar nicht, dass nächste Saison das Ziel Europa ausgerufen wird. Wenn man sich in den sozialen Medien so umschaut, reicht eigentlich schon eine entspannte, ja fast schon langweilige Mittelfeld-Saison. Und daran sollte man sich orientieren. Es geht nicht um den Wunsch und das Image eines windigen Investors, der von dem Geschäft rein gar keine Ahnung hat. Es geht um die vielen, zehntausenden Fans, die mit dem Verein durch jedes noch so übel lodernde Feuer gehen und ihm die Treue bis in alle Ewigkeiten schwören. Ein Verein und die Fans müssen gemeinsam wachsen, die Ansprüche ebenso. Und das braucht Zeit. Die Sinnkrise und Selbstfindungsphase des Vereins ist noch lange nicht vorbei, doch mit dem Klassenerhalt konnte ein großer Schritt in die richtige Richtung gegangen werden, um diese Phase irgendwann zu beenden.

Aufwachen und die Chancen nutzen

Die Chancen für einen Neuanfang sind da, nie waren sie größer und sie dürfen dieses Mal nicht vergeben werden. Die Reaktionen der Spieler nach dem Spiel zeigen, was solche Abstiegsschlachten psychisch mit Menschen machen. Ein weiteres Jahr in diesen Tabellengefilden wäre schwerer denn je. Fredi Bobic und co. müssen nun einen schlagkräftigen Kader zusammenbauen um Hertha nächste Saison ein ruhiges Jahr zu schenken und einen gesicherten Weg in die Zukunft zu ebnen.

Nur dann gelingt es endgültig aus einem jahrelangen Albtraum zu erwachen.

[Titelbild: RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images]

Das Problem mit Profiverträgen für Jugendspieler

Das Problem mit Profiverträgen für Jugendspieler

In der vergangenen Woche unterzeichnete Youngster Linus Gechter seinen ersten Profivertrag bei Hertha BSC. Der 18-jährige Innenverteidiger ist wahrscheinlich DIE Entdeckung bei der „Alten Dame“ in diesem Jahr. Nachdem mit Lazar Samardzic (2020 zu RaBa Leipzig) und Luca Netz (2021 zu Mönchengladbach) die letzten beiden Eigengewächse sehr früh wechselten, war die Befürchtung groß, dass auch der nächste Nachwuchsstar den Verein für eine vergleichsweise kleine Ablöse verlässt. Doch warum musste Hertha Spieler wie Samardzic und Netz eigentlich trotz bestehendem Vertrag so einfach ziehen lassen, obwohl man sie gerne behalten hätte?

Disclaimer: Wir haben keinen Einblick in die Interna oder Verträge der Spieler. Es kann natürlich sein, dass die genaue Rechts- und Vertragslage anders aussah, als wir sie hier beschreiben. Dieser Artikel stützt sich auf die allgemeinen (verbands-)gesetzlichen Regelungen zum Thema von Verträgen bei Jugendspielern.

Toptalente bei Hertha – der Sprung zu den Profis klappt oftmals nicht

Hertha BSC bildet schon seit Jahren regelmäßig gute und sehr gute Jugendspieler aus. Vor allem die „Goldene Generation“ des Jahrgangs 1999, die im Jahr 2018 den ersten deutschen Meistertitel der A-Junioren für Hertha gewonnen hat, sorgte für viel Aufsehen. In der Bundesliga oder einer anderen Top-Liga konnte sich von ihnen jedoch keiner von ihnen nachhaltig durchsetzen. Der bis heute prominenteste Spieler ist wahrscheinlich Arne Maier, der in diesem Jahr nach Augsburg verliehen ist und noch immer auf den wirklich großen Durchbruch wartet. Auch Jessic Ngankam (momentan an Fürth verliehen) und Dennis Schmarsch (spielt beim FC St. Pauli) konnten bisher nur bedingt Spuren hinterlassen. Andere gepriesene Talente wie Muhammed Kiprit und Palko Dardai spielen im Ausland oder unterklassigen Ligen.

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(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

Groß war daher die Freude bei den Fans, als man mit Lazar Samardzic (Fritz-Walter-Medaille in Bronze 2019) und Luca Netz (Fritz-Walter-Medaille in Bronze 2020) in den Folgejahren erneut einige der Toptalente Deutschlands im eigenen Verein hatte. Vielleicht würde es ja diesmal anders laufen als mit der „Goldenen Generation“ und der Sprung der Youngster zu den Profis endlich mal klappen. Doch die Chance dazu sollte sich nicht einmal ergeben: Beide wechselten in zwei aufeinanderfolgenden Sommern zu größeren Vereinen, bevor sie versuchten sich bei Hertha endgültig durchzusetzen.

Trotz bestehender Verträge bei den Blau-Weißen lag es nicht in der Macht der Verantwortlichen, Netz und Samardzic zu halten und man musste beide für vergleichsweise geringe Ablösesummen ziehen lassen. Dass man es in diesem Jahr geschafft hat, Rohdiamant Gechter langfristig zu binden, dürfte die Fans von Hertha BSC daher sehr glücklich stimmen.

Die Gesetzeslage in Deutschland bezüglich der Verträge Minderjähriger

Doch warum genau konnten Netz und Samardzic so einfach wechseln? Durften sie als minderjährige Nachwuchsspieler keine langfristigen Profiverträge unterschreiben, die Hertha im Falle eines Wechselwunsches eine stärkere Position gegeben hätten? Gemäß §106 des BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) ist ein Minderjähriger ab dem 7. Geburtstag sogenannt „beschränkt geschäftsfähig“. Er darf daher mit Hilfe von Sonderregeln Geschäfte tätigen und dementsprechend auch Verträge abschließen.

Eine dieser Sonderregeln findet sich in §107 BGB: So bedarf es für den Abschluss eines Vertrages grundsätzlich der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters. Dies sind im Normalfall die Eltern des Minderjährigen. Sobald diese einem Vertragsschluss zustimmen bzw. genehmigen, steht der Wirksamkeit dieses Vertrages quasi nichts im Weg. Die Art des Vertrages und der wirtschaftliche Umfang spielen dabei keine Rolle. Eine minderjährige Person dürfte mit der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters theoretisch ein Haus kaufen, eine Megajacht mieten oder ein Arbeitsverhältnis abschließen.

Und da Profiverträge zwischen Spielern und Vereinen im Grunde genommen auch nur Arbeitsverträge darstellen, dürfte auch ein minderjähriger Spieler ein langfristiges Arbeitspapier bei einem Fußballklub abschließen, solange die Eltern oder ein entsprechender anderer gesetzlicher Vertreter dem Ganzen zustimmt. Die Gesetzeslage ließe ein solches Vorgehen in Deutschland also zu.

Verbandsregeln von DFB und FIFA im Verhältnis zu den staatlichen Gesetzen

Das genaue Verhältnis vom Verbandsrecht des DFB und der FIFA zum allgemeinen vom Staat gesetzten Recht und dem Europarecht ist äußerst komplex. Im Rahmen dieses Beitrags wird daher nur auf die folgenden, stark vereinfachten Grundsätze eingegangen: Die vom Gesetzgeber erlassen Regelungen stellen meist nur den „äußersten Rahmen“ der Regeln unseres Zusammenlebens dar. Private Akteure (egal ob natürliche oder juristische Personen) sind vielfach in der Lage, strengere Normen als die vom Gesetz geforderten aufzustellen.

So ist beispielsweise der Verkauf von starkem Alkohol grundlegend erst an volljährige Personen (sprich ab dem 18. Geburtstag) gestattet. Ein Kioskbesitzer könnte theoretisch dennoch beschließen, dass er seine alkoholischen Produkte erst an Personen ab dem 21. Lebensjahr verkauft. Ob dies auf seinen Umsatz bezogen eine gute Idee von ihm ist, mag dahinstehen und ist schlussendlich seine Entscheidung. Er kann allerdings von niemandem gezwungen werden, seine alkoholischen Produkte an einen 19-jährigen zu veräußern. Daher kann der DFB als Verein strengere Vorschriften als die allgemeinen Regeln des BGB aufstellen.

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Des Weiteren ist der DFB aufgrund des Grundrechts der Vereinigungsfreiheit gem. Art. 9 des Grundgesetztes im Rahmen der sog. „Verbandsautonomie“ berechtigt, innerhalb des Verbands Sonderregeln aufzustellen. Die DFL (und damit Hertha BSC) wiederum hat sich im Rahmen diverser Vereinbarungen, unter anderem des „Grundlagenvertrag zwischen DFB und DEL e.V.“ den Regelungen des DFB unterworfen.

Aufgrund dieser Verbandsautonomie ist es dem DFB beispielsweise gestattet, die Teilnahme an seinen Wettbewerben an gewissen Regeln wie dem Lizensierungsverfahren der Profiklubs zu knüpfen. Er kann seine Mitglieder zu bestimmten Verhaltensweisen, wie zum Beispiel einem sportlichen Verhalten auf dem Spielfeld, anweisen und das Nichtbefolgen unter Strafen stellen. Gleichzeitig muss der DFB sich als Mitglied der FIFA den Regeln ebenjener unterordnen. Aus diesem Grund müssen die Mitgliedsvereine der DFL Regeln wie die Abstellungspflicht für Länderspiele akzeptieren und dürfen Nationalspieler die Reise zu den entsprechenden Spielen nicht verwehren.

Das „3+2“-Modell der Profivereine

Einige mögen sich jetzt fragen, was die ganze Thematik denn mit Profiverträgen für Jugendspieler zu tun hat. Die Antwort ist sehr simpel: Der DFB hat in §22 Nr. 7.1 seiner Spielordnung (der sich die Vereine wie oben bereits beschrieben unterordnen müssen) geregelt, dass mit minderjährigen Spielern lediglich Förderverträge abgeschlossen werden dürfen. Aufgrund von §22 Nr. 1 der Spielordnung ist die Laufzeit eines Vertrags mit einem Spieler unter 18 Jahren zusätzlich auf maximal drei Jahre beschränkt. Für alle volljährigen Spieler beträgt die maximale Laufzeit hingegen fünf Jahre.

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Herthas frischester Profi: U19-Kapitän Mesut Kesik, der im Sommer zu den Profis stoßen wird. (Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Die gängige Praxis der deutschen Profivereine ist daher, das sogenannte „3+2“-Modell zu nutzen. Dies bedeutet, dass mit dem Spieler ein dreijähriger Fördervertrag mit der Option auf einen zweijährigen Anschlussvertrag ab Eintritt in die Volljährigkeit geschlossen wird. Mit Blick auf die Regeln des BGB zum Minderjährigenschutz (siehe oben) ist dieses Vorgehen wie bereits auch dargestellt auch zulässig, solange der gesetzliche Vertreter diesem Vertrag zustimmt.Es ist stark zu vermuten, dass sich Hertha BSC ebenfalls dieses Modelles bedient. Mit den Spielern der Akademie wird also mit Eintritt in die U15 bzw. U16 ein solcher Fördervertrag inkl. Anschlussvertrag unterschrieben, der sie im Regelfall bis zum Saisonende der Saison, in der sie 20 Jahre alt werden an den Verein bindet.

Damit wäre jedoch noch immer nicht geklärt, warum Hertha Spieler wie Netz und Samardzic bereits kurz nach ihrem 18. Geburtstag ziehen lassen musste. Bei zwei Jahren verbleibender Vertragszeit haben Verein üblicherweise die Karten in der eigenen Hand und können eine deutlich höhere Ablösesumme verlangen, als dies bei einer einjährigen Restlaufzeit der Fall wäre.

Der Bruch des DFB mit den FIFA-Regeln

Hier kommt jedoch das Reglement der FIFA ins Spiel, welches im Falle einer Kollision mit den Verbandsregeln des DFB den Vorzug erhalten würde. Das bedeutet konkret: Die FIFA stellt in Artikel 18.2 ihres Regelwerkes eindeutig klar: „Für Spieler unter 18 Jahren beträgt die maximale Laufzeit eines Vertrags drei Jahre. Klauseln mit längerer Laufzeit werden nicht anerkannt.“

Dies hat zur Folge, dass das „3+2“-Modell streng genommen einen Rechtsbruch gegenüber den Regeln der FIFA darstellt, da der zweijährige Anschlussvertrag als eine “Klausel mit längerer Laufzeit“ zu interpretieren ist. Dies ist dem DFB, der DFL und den Vereinen natürlich bewusst. Die Nachwuchskicker haben demzufolge ein starkes Instrument an der Hand, um einen Wechsel kurz nach Eintritt in die Volljährigkeit zu forcieren.

Sollte ein Verein auf Erfüllung des zweijährigen Anschlussvertrages bestehen, könnte ein Jugendspieler diesen vermutlich mit großer Erfolgsaussicht im Rahmen eines Rechtsstreits beseitigen können. Um ein solches Szenario und die Erschaffung eines Präzedenzfalls zu vermeiden, nehmen die Vereine in diesem Fall lieber Abstand von diesem fragwürdigen Vertragskonstrukt und lassen die Spieler für eine vergleichsweise geringe Ablöse ziehen.

Perspektive bieten statt angreifbare Verträge abschließen

Der Grund für Erzwingung der Wechsel von Spieler wie Samardzic und Netz findet sich also recht klar im Reglement des Fußballweltverbandes. Die Vereine haben dadurch rechtlich eher wenig Macht über den Verbleib ihrer ausgebildeten Talente. Im Sinne des Schutzes der minderjährigen und von allen Seiten leicht beeinflussbaren Jugendspieler vermutlich eine sinnvolle Regelung, um einer Übervorteilung durch die Vereine entgegen zu wirken. Dass dadurch andere Vereine oder von finanziellen Interessen getriebene Eltern und Berater in eine starke Verhandlungsposition rücken, ist leider die Kehrseite der Medaille.

Den Ausbildungsvereinen wie Hertha bleibt jedoch ein anderes Mittel, die Spieler zu halten: Durch das Aufzeigen einer klaren Perspektive und einer aktiven Einbindung in den Profikader. Sofern der Spieler die Aussicht auf eine sportlich zielführende Weiterbildung im Ausbildungsvereine sieht, gibt es für ihn deutlich weniger Gründe zu wechseln, als wenn er die Befürchtung hat nicht auf die Einsatzzeiten zu kommen, die gerade für einen jungen Spieler so eminent wichtig sind. Und nach den Entwicklungen der Talente rund um die „Goldene Generation“ kann es durchaus nachvollziehbar sein, dass Samardzic und Netz ungeachtet der finanziellen Gründe auch einen sportlichen Anreiz hatten, Hertha BSC zu verlassen.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Es liegt damit in der Verantwortung der sportlichen Leitung, des Managements und auch der Trainer, Talente an den Verein zu binden und eine Perspektive aufzuzeigen. Bei Linus Gechter und auch Spielern wie Marton Dardai war dieses Vorgehen anscheinend mit Erfolg gekrönt. Es bleibt zu hoffen, dass der Staff rund um Fredi Bobic und Pablo Thiam (Leiter der Akademie) diesen Weg weiter ebnet und ausbaut. Denn nur in diesem Fall werden sich die kommenden Toptalente für ein langfristiges Engagement auch über den 18. Geburtstag hinaus bei Hertha BSC begeistern können.

Wer sich für viele weiteren Themen der rechtlichen Grundlagen rund um die Bundesliga bzw. Profifußball generell interessieret, dem kann ich übrigens diesen Beitrag auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung wärmstens empfehlen.

[Titelbild: Frederic Scheidemann/Getty Images]

Felix Magath – Altmeister trifft auf „Alte Dame“

Felix Magath – Altmeister trifft auf „Alte Dame“

Es sind wilde Zeiten bei Hertha BSC. Trainer Tayfun Korkut wurde nach nur nach nur 14 Spielen entlassen. Mit Felix Magath kehrt ein alter Hase zurück auf die Trainerbank in der Bundesliga. Eine Lösung, mit der wohl niemand gerechnet hat. Fredi Bobic muss derweil endlich zeigen, dass er die richtigen Entscheidungen trifft, sonst wird man im Sommer vor der Mission „Direkter Wiederaufstieg“ stehen.

Unsere erste Einschätzung nach Magaths Antritts-Pressekonferenz

Ein kleines mediales Beben

Es war DIE Meldung in Fußballdeutschland am späten Sonntagabend: Trainerlegende Felix Magath kehrt in die Bundesliga zurück. Er soll die abstiegsbedrohte „Alte Dame“ vor dem Gang in die zweite Liga bewahren und damit Stand jetzt ein kleines Fußballwunder bewirken. Dies ist Magath natürlich auch bewusst: „Es geht darum, dass der Klub in einer Situation ist, wo er breite Unterstützung braucht.“ Dabei nimmt er einerseits die Mannschaft, andererseits aber auch das gesamte Umfeld inklusive Fans in die Pflicht: „Jeder muss da mitmachen. Jeder sollte in den letzten acht Spielen mithelfen, dass dieser Verein in der Bundesliga bleibt.

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(Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images)

Der erste Eindruck von Magath selbst ist durchaus ein positiver: Entspannt und schmunzelnd sitzt er da, vielleicht genießt er auch ein klein wenig den Rummel um seine Person nach Jahren der Abstinenz in Deutschlands höchster Spielklasse. Dass die Rückkehr nicht unbedingt geplant war, gibt Magath unumwunden zu. Gleichzeitig stellt er aber klar: „Ich kann nicht anders. Ich bin Fußballer, ich will Fußball, ich liebe Fußball“. Er habe sein gesamtes Leben fast nichts anderes gemacht. Vielleicht braucht die Mannschaft nach dem zwar sympathischen und netten, aber eben nicht gerade emotionalen Korkut genauso so einen Typ.

Mannschaft erfährt von Magath aus den Medien

Wie die erste Reaktion ebenjener Mannschaft auf die Verkündung ihres neuen Cheftrainers war, kann man nur ahnen. Manager Bobic teilte den Spielern am Sonntagvormittag mit, dass ab der kommenden Woche ein neuer Übungsleiter auf dem Schenckendorffplatz das Sagen haben würde, wer genau das sein wird, ließ er dabei jedoch noch offen. „Schaut immer auf eure Handys, weil da guckt ihr oft rauf“ waren die Worte, mit denen er denen er sie anschließend in den trainingsfreien Montag schickte.

Nach der Verkündung dürfte dann vor allem das Handy von Peter Pekarik geglüht haben. Der Routinier arbeitete bereits 2009 mit Felix Magath zusammen, damals wurde man Deutscher Meister. „Ich denke mal, dass sich der ein oder andere Spieler jetzt schon bei ihm erkundigt hat, wie schön das in den nächsten Tagen wird“ vermutet auch Magath, der sich nach diesem Satz süffisant schmunzelnd zurücklehnte. Eine Verhaltensweise, die bei der Mannschaft in der näheren Zukunft sicher nicht auftreten wird.

Diese Trainerentscheidung von Bobic muss sitzen

Nach der dringend benötigten Trennung von Tayfun Korkut muss Bobic sich zunehmend die Frage stellen lassen, ob er die richtigen Entscheidungen trifft. „Man kennt sich natürlich über die Jahre“ ist beim Sportvorstand der „Alten Dame“ ein Muster, dass sich auch in der Verpflichtung von Magath findet.

Dass der neue Trainer jedoch ein ganz anderer ist als der letzte, steht nicht zur Debatte. „Wir brauchen einen Trainer mit einer starken Persönlichkeit, jemand der sich für Disziplin einsetzt und eine klare und harte Hand zeigt“, erläutert Bobic. Charaktereigenschaften die wohl auf keinen so sehr zutreffen, wie auf Felix Magath.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Doch klar ist auch, sollte auch der bereits zweite Trainerwechsel der laufenden Saison scheitern, muss sich der Manager damit auseinandersetzen, dass er der Verein in die zweite Liga geführt und damit auch seinen letzten verbliebenen Kredit bei den Fans vollständig verspielt hat.

Die berüchtigten Trainingsmethoden des Felix M.

Von Medien und Fans zum Teil „Quälix“ genannt, gibt es kaum einen Trainer, der mehr auf körperliche Arbeit und Disziplin setzt als Felix Magath. Er rechtfertigt diesen Ansatz: „Disziplin gehört halt nun mal zum Sport, das habe ich doch nicht erfunden. Und wenn man Mannschaftssport betreibt, dass muss man halt auf den Mitspieler Rücksicht nehmen.“ Und er schiebt nach: „Die Spieler müssen begreifen, dass Disziplin zum Mannschaftssport gehört.“

Mit Blick auf den von außen gesehen gefühlt immer noch fehlenden Mannschaftsgeist bei Hertha könnte Magath eventuell genau der Trainer sein, den es braucht, um dieses Problem zu beheben. Auf die Nachfrage, welchen Wert er auf die Infrastruktur des Trainingsgeländes legt, antwortet der neue Übungsleiter: „Es war mir immer völlig egal, ob nur ein Hang oder eine Treppe da war oder ob dann ein Hügel gebaut wurde. Es ging immer nur darum, die Spieler optimal zu trainieren.“ Eins scheint aber klar zu sein: genau wie die Spieler bei seinen vergangenen Stationen werden sich auch die Herthaner auf kräftezehrende Einheiten einstellen dürfen.

Mark Fotheringham wird Co-Trainer unter Magath

Unterstützt wird Magath dabei von Mark Fotheringham, den er aus seiner Zeit beim FC Fulham noch kennt: „Ich habe bei der Auswahl Wert darauf gelegt, dass ich einen Mann an meiner Seite habe, der ein bisschen jünger als ich ist und näher an den Spielern dran ist.“ Fotheringham könne aufgrund seiner bisherigen Co-Trainer Station in Karlsruhe und Ingolstadt außerdem perfekt deutsch sprechen.

Man darf also auf das erste Spiel unter dem neuen Trainer am kommenden Wochenende gegen die TSG Hoffenheim gespannt sein, auch mit einem Punkt wäre Magath für den Beginn zufrieden. Ob in der anschließend stattfindenden Länderspielpause ein Trainingslager stattfindet, überlässt der Coach, erneut mit einem Schmunzeln, derweil den Akteuren auf dem Feld: „Wenn die Spieler mich darum bitten, dann würde ich das machen.“ Die Fans würden das den Spielern nach den letzten Auftritten sicherlich gönnen.

[Titelbild: Jamie McDonald/Getty Images]

Ein Hauch von 2012

Ein Hauch von 2012

In Berlin wird es niemals langweilig und bei Hertha BSC dieser Tage sowieso nicht. Ein Kracher folgt auf den nächsten, der Verein scheint keine Chance zu haben, zur Ruhe zu kommen. Und selbständig scheint man dazu auch nicht mehr in der Lage zu sein. Nachdem am Sonntagvormittag Tayfun Korkut entlassen wurde und damit nur folgerichtig auf die letzten Entwicklungen reagiert wurde, schepperte es an der Hans-Braun-Straße direkt ein weiteres Mal. Mit Felix Magath wurde ein sehr prominenter Nachfolger verpflichtet. Ein Kommentar.

Parallelen zur Vergangenheit

Einen Trainer ohne sportliche Not entlassen, einen erfolglosen verpflichtet, fünf Niederlagen in Folge, eine Trainerentlassung, ein prominenter Nachfolger und am Ende steigt man ab. Genau so sah die Reihenfolge in der Saison 2011/2012 in Berlin aus. Und zumindest die ersten fünf Punkte haben sich nun bei Hertha BSC zehn Jahre später wiederholt. Es ist erschreckend und gleichzeitig faszinierend, wie sich gewisse Gesetzmäßigkeiten im Fußball und in der Bundesliga niemals zu ändern scheinen.

Erinnern wir uns an die Situation im Winter 2011/2012. Die Hertha war als Aufsteiger zurück in der Bundesliga und befand sich nach der Hinrunde auf einem akzeptablen 11. Platz. Doch die damals handelnden Personen um Michael Preetz und wohl weiteren Hertha-Funktionären überwarfen sich mit dem Aufstiegstrainer Markus Babbel und eine sportlich nicht zu rechtfertigende Entlassung war perfekt. Michael Skibbe sollte folgen und avancierte zum erfolglosesten Hertha-Trainer aller Zeiten. Nach vier Niederlagen in der Bundesliga und einer weiteren im Pokal durfte er nach wenigen Wochen wieder die Koffer packen. Otto Rehhagel folgte, brachte einen gewissen Glamour in die Hauptstadt und unterhielt insbesondere die Journalist*Innen auf den Pressekonferenzen mit seinem Humor.

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(Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Der sportliche Erfolg war überschaubar, am Ende stieg die Mannschaft nach einem legendären Relegationsdrama gegen Fortuna Düsseldorf ab. Zehn Jahre später lassen sich die Namen Babbel, Skibbe, Rehhagel und Preetz hervorragend durch Dardai, Korkut, Magath und Bobic ersetzen. Natürlich ist die Mannschaft noch nicht abgestiegen und immerhin kann man Korkut noch zusprechen, dass er vor seinen fünf Niederlagen in Folge, auf die seine Entlassung folgte, noch ein paar Punkte sammelte. Im Pokal schied allerdings auch er aus.

Das Hertha-Drama der letzten Wochen und Monate

Die Nachrichten, die sich nahezu im Stundentakt bei der Hertha überschlagen, sorgen für eine gewisse Schnelllebigkeit und lassen kaum zu, sich mit gewissen Themen noch einmal eingehend zu beschäftigen. Tayfun Korkut wird sehr wahrscheinlich keine Gemeinsamkeiten mehr mit Hertha BSC haben in der Zukunft und trotzdem ist er allgegenwertig. Auch wenn er nicht mehr in der Verantwortung steht.

Als ich Ende November 2021 ein Kommentar zum Einstieg von Tayfun Korkut verfasst habe, erwähnte ich, dass die Spieler eine Mannschaft seien und lediglich Orientierung benötigen. Außerdem, dass Tayfun Korkut die Chance hat, aus der Schublade des chronisch erfolglosen Trainers zu steigen. Einige Wochen später muss man konstatieren, dass die Mannschaft, die damals möglicherweise tatsächlich noch ein Team war, mittlerweile keins mehr ist. Und das liegt auch oder vielleicht sogar vor allem an Korkut. Aber nacheinander, es gibt einige Stellen, die Korkut brennend hinterlassen hat.

Personal und Teamhierarchie

Korkut hatte mit seinen Personalentscheidungen im großen Stil Leistungsträger, wie Marco Richter und Suat Serdar und zuletzt sogar den durchaus zu Recht in der Kritik stehenden Torhüter Alexander Schwolow abgesägt, nachhaltig frustriert und verunsichert. Ob Niklas Stark oder Dedryck Boyata Kapitän waren, war eigentlich vollkommen uninteressant, nach außen hin wurde nie einer der beiden von Korkut dahingehend unterstützt oder gar gestärkt.

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(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Spieler, die Leistungen gezeigt haben, wie Maximilian Mittelstädt, mussten wie gegen Gladbach plötzlich um Einsätze bangen. Selbiges bei Ishak Belfodil eine Woche zuvor gegen Frankfurt. Die einzige Konstante war mangels Alternativen Peter Pekarik, der nahezu konkurrenzlos die rechte Seite beackerte, aber mittlerweile Bundesliganiveau stark vermissen lässt. Wer weiß, ob er als einziger Deutscher Meister im Kader unter seinem ehemaligen Förderer und Meistertrainer aus Wolfsburger Tagen einen zweiten (oder eher zehnten) Frühling feiern kann.

Die Taktik

Korkut begann die ersten Spiele mit dem wohl einfachsten System, einem 4-4-2, respektive 4-2-2-2. Bis Weihnachten lohnte sich dieses System, bis auf einer deutlichen 0:4-Klatsche in Mainz sogar. Das fehlende Offensivspiel wurde endlich angekurbelt und die Qualitäten, die ja durchaus in der Mannschaft schlummern, konnten entfacht werden. In dieser Zeit spielte Hertha den attraktivsten und erfolgreichsten Fußball, mit dem krönenden Höhepunkt am 17. Spieltag gegen Dortmund.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Doch die Taktik und das System sind sicherlich ein netter Einstieg, aber keine Variante zur taktischen Weiterentwicklung. In keinem der Spiele 2022 war die Hertha in der Lage über mehr als eine Halbzeit zu überzeugen. Und das vor allem weil Korkut mit persönlichen Machtkämpfen gegen die Mannschaft beschäftigt war und taktisch zu limitiert, um der Mannschaft eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Im Endeffekt stehen 2022 neun Spiele in der Bundesliga zu Buche, in denen ganze zwei Punkte gesammelt werden konnten. Das Aus im Pokal kommt erschwerend hinzu.  

Auch die Außendarstellung hat Hertha geschadet

Ich möchte hier in keiner Weise etwas gegen die Privatperson Tayfun Korkut sagen. Der Mann könnte durchaus ein sehr sympathischer Kerl und witziger Zeitgenosse sein. Seine Außendarstellung seit seinem Amtsantritt in Berlin sorgte allerdings nie auch nur im Geringsten für Aufbruchsstimmung. Er wirkte meistens fahrig, überfordert und so, als wäre er gerne überall, nur nicht in Berlin.

Sicherlich wird das auch auf die Spieler abgestrahlt haben, die nur die Tage zählten, bis es vorbei war. Trauriger Höhepunkt war seine ins Fernsehen übertragende Trainingsrede aus einem wirren Mix aus Englisch und Deutsch. Wie fruchtbar diese Ansage war, sah man am kläglichen Auftritt in Mönchengladbach.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende

Ob die Entlassung von Tayfun Korkut zu spät kam, wird sich nach dem 34. Spieltag und möglicherweise sogar erst nach der Relegation zeigen. Die Hypothek durch Korkut ist gewaltig und die einzige Hoffnung ist, dass der Schaden, der hinterlassen wurde, reparabel ist. Die Mannschaft ist hochgradig verunsichert, vermutlich hapert es stark an Disziplin und es herrscht aufgrund vieler Vertragsungereimtheiten eine schwache Moral und kaum eine Hierarchie.

Felix Magath muss vermutlich auch psychisch viel Arbeit leisten. Warum und weshalb die Wahl auf Magath fiel werden auch wir in weiteren Texten ergründen müssen. Doch die aktuelle Situation zeigt auch, dass ein Klassenerhalt wohl kaum die Probleme rund um den Verein lösen wird. Das Gewitter um den Verein wütet seit über zweieinhalb Jahren und wird auf die unseriösesten und respektlosesten Arten nur noch mehr gepushed. Ein Abstieg wäre trotz allem katastrophal.

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(Photo by Martin Willetts/Getty Images)

Tayfun Korkut war insgesamt nur ein Symptom, nicht der Grund für die Talfahrt. Die Lage ist schlecht, sehr schlecht, aber noch ist sie nicht hoffnungslos.

[Titelbild: CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images]

Exklusive Doku-Einblicke: Lars Windhorst ist schuld

Exklusive Doku-Einblicke: Lars Windhorst ist schuld

Unter der Woche wurde bekannt, dass die viel besprochene Doku über das Engagement zwischen Hertha BSC und der Tennor-Holding von Lars Windhorst gestoppt wurde und nicht ausgestrahlt wird. Ein Grund soll gewesen sein, dass insbesondere über Windhorst selbst negativ und in „ehrabschneidender“ Form gesprochen wurde. Hertha BASE hatte das Glück, an die brisanten Aufnahmen zu kommen. Wir konnten das Videomaterial sichten, analysieren und haben bewusst darauf geachtet, ob der zu ehrende Lars Windhorst wirklich so schlecht bei wegkommt.

Mai 2020: Der geheime Raum von Windhorst

Deutschland hängt fest in den Klauen der Corona-Pandemie. Seit Monaten steht das Leben still und auch der Fußball muss eine nie dagewesene Krise bewältigen und ebenfalls pausieren. Das Filmteam, welches sich selbst so langsam unter Zugzwang sieht, darf zum ersten Mal die Geschäftsstelle an der Hans-Braun-Straße besuchen und seine Arbeit aufnehmen.

Pressesprecher Max Jung und der damalige Sportvorstand Michael Preetz empfangen das Team am Eingang. Nach einem kurzen Plausch will man keine Zeit verlieren und die Dreharbeiten in Form einer Home-Story beginnen. Michael Preetz führt das Team durch die Geschäftsstelle, ein Shake-Hand mit Ingo Schiller hier, ein Fistbomb mit dem zufällig durchs Bild huschenden Werner Gegenbauer da und auch der ein oder andere flotte Spruch in die Büros der Social-Media-Abteilung darf natürlich nicht fehlen. Der sonst so steife Preetz zeigt sich als extrem nahbarer Kumpeltyp und bemüht sich die Räumlichkeiten der Hertha so attraktiv wie möglich zu präsentieren.

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(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Die Geschäftsstelle wird durchleuchtet als wäre es ein Tag der offenen Tür. Nur ein Raum bleibt geschlossen. „Lars Windhorst und Jens Lehmann benötigen den Raum um an ihren Images zu arbeiten. Was darin geschieht weiß niemand. Vertraglich mussten wir versichern, dass der Raum geschlossen bleibt und von niemanden betreten werden darf.“, erwähnt Preetz nur kurz, während sich sein Gesicht verfinstert. „Ganz komisch, Jürgen Klinsmann hat sich in seiner Zeit praktisch durchgehend darin verbarrikadiert. Lediglich wimmernde Worte wie „Mehrwehrt“ und „Hahohe“ waren zu hören.“, fügt Max Jung geheimnisvoll hinzu.

Vereinzelt laufen Spieler durchs Bild, zeigen ihre Freizeiträume und geben erste Kommentare ab. Allgemein herrscht eine gelöste Stimmung. Alle scheinen happy zu sein, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund sieht man Salomon Kalou mit seinem Smartphone ein Video drehen. Ein Mitglied der medizinischen Abteilung kommt schnellen Schrittes auf ihn zu und gestikuliert mit einem Corona-Teststäbchen in der Hand. Es zeigt die lebendige Stimmung in Berlin. Dieser Tage gibt es nur positives zu berichten.

Party nach dem Derby-Sieg

Die Hertha ist extrem gut aus der Corona-Pause gekommen. Nach einem 3:0-Sieg in Sinsheim, nimmt die „Alte Dame“ den Lokalrivalen aus Köpenick in einem tollen und dominanten Spiel mit 4:0 auseinander. Matheus Cunha ist der neue große Star im Berliner Ensemble. In einer edlen Berliner Lokalität feiert das Team den Derby-Sieg.

Ausgerechnet Cunha nimmt an den Feierlichkeiten nicht teil. Er wird noch am selben Abend Vater und weilt deshalb bei seiner Freundin und seinem Neugeborenen im Krankenhaus. Das Filmteam ist derweil mitten drin auf der Party und nimmt brisante Szenen auf. Trainer Bruno Labbadia und Michael Preetz sind in ein Gespräch vertieft. Viel zu hören ist nicht, aber Wortfloskeln wie „Matheus‘ …nichts…Treffen mit … Frau wissen, okay Michael?“, sind deutlich zu vernehmen. Währenddessen zwinkert Labbadia Preetz vielsagend zu. Lars Windhorst ist auch für kurze Zeit zugegen, um dem Team seine Glückwünsche zu übermitteln.

Das gelingt ihm allerdings nur bedingt. Der DJ ist nicht bereit die Musik leiser zu stellen oder gar zu stoppen. Beleidigt zieht Windhorst ab und betont, es würde Konsequenzen für solch ein Verhalten geben. Lukas Klünter versucht ihn zu beruhigen und lädt zum Virtuosen-Treffen in den nächsten Tagen ein.

Karim Rekik hat Oberschenkelprobleme

Die Sommerpause läuft für Hertha mittelmäßig. Kaum ein Wunschtransfer kann ermöglicht werden. Auf der Geschäftsstelle herrscht Stress. Das Filmteam traut sich trotzdem die Kamera voll draufzuhalten. Am heutigen Tag wird Max Jung begleitet. Er zeigt, wie die Arbeit des Pressesprechers läuft. Das Mannschaftstraining ist durch und er, Michael Preetz und Bruno Labbadia auf dem Weg zur Spieltags-Pressekonferenz.

Auf dem Weg zur Pressekonferenz wird ihm von seinem Praktikanten auch noch ein kleiner Zettel zugesteckt. Anscheinend hatte der Berater von Abwehrspieler Karim Rekik den Transfer zum FC Sevilla finalisiert.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Max Jung, der auf dem Weg in den Presseraum tief grübelt und anscheinend keine Ahnung hat, wie er noch vor der Pressekonferenz Preetz und Labbadia auf diese Nachricht aufmerksam machen kann, muss improvisieren. Seine Ausrede, dass Karim Rekik für das folgende Spiel auf Grund muskulärer Probleme im Oberschenkel nicht zur Verfügung stehen würde, lassen Preetz und Labbadia verwundert aufhorchen, war doch Rekik gerade eben beim Training noch fit dabei.

Es ist nicht der Tag des Pressesprechers. Ausgerechnet heute sammeln sich die Pressemitteilungen auf dem Tisch von Max Jung. Und die Meldung zu Karim Rekik war nicht einmal die brisanteste. Ausgerechnet die Einladungen an Werner Gegenbauer, Paul Keuter, Michael Preetz und Bruno Labbadia von Lars Windhorst zum Dinner im Grill Royale verpasst er weiterzuleiten.

Pal Dardai wird überredet, wieder Trainer zu werden

In Berlin hat sich einiges getan. Die Mannschaft steckt in einer tiefen Krise. Der langjährige Sportvorstand Michael Preetz und Trainer Bruno Labbadia müssen gehen. CEO Carsten Schmidt und Arne Friedrich sitzen in Schmidts Büro und sprechen über einen möglichen Nachfolger.

„Ruf du an.“, sagt Friedrich zu Schmidt. „Nee, mach du mal bitte. Du kennst ihn viel besser, Arne.“, erwidert Schmidt fast schon flehend. Beiden ist anzumerken, dass es ihnen unangenehm ist auf einen Sonntag im Hause Dardai anzurufen. Aber sie tun es. Friedrich muss nicht viel sagen. Am anderen Ende der Leitung hört man nicht viel. Pal Dardai scheint allerdings emotional zu sein und aufbrausend. „…müssen… und… Investor…akzeptieren….keiner….Tagesform.“, ist zu hören.

Am nächsten Montag stehen Pal Dardai, Zecke Neuendorf und Admir Hamzagic auf dem Trainingsplatz. Pal Dardai freut sich auf einen guten Schluck Rotwein in seinem Haus in Westend. Das Kamerateam begleitet ihn auf dem Heimweg. Vor der Tür steht eine Flasche des teuersten Chateau-Rotwein. Dardai sieht die Flasche, nickt relativ desinteressiert, während er sie zu seinem großen Depot im Keller legt und sich einen feinen Merlot genehmigt. Den Zettel mit „Alles Gute Herr Dardai, ihr L.W.“, übersieht er.

Die Corona-Pause sorgt nicht nur für Spielausfälle

Die Rückrunde läuft nicht wie gewünscht und die Mannschaft befindet sich weiterhin im Abstiegskampf. Zu aller Schrecken grassiert nun auch noch das Coronavirus direkt im Team. Die Beteiligten beraten, wie mit der Situation umzugehen ist. Sportdirektor Arne Friedrich muss das Training übernehmen, doch es klingt stark danach, als würde das Ganze noch größere Ausmaße annehmen.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Weil die Kette nicht mehr nachzuverfolgen ist, muss das gesamte Team in Quarantäne. Arne Friedrich und einzelne Spieler werden auf ihren Heimwegen vom Filmteam begleitet. Die Stimmung ist schlecht. die meisten sind genervt. Arne Friedrich, der meist perfekt organisiert ist, hatte in der Nacht zuvor vergessen den Akku seines Smartphones zu laden und kann deshalb nicht auf seinen Kalender zurückgreifen.

Auf dem Heimweg grübelt er immer wieder laut vor sich hin, dass heute Abend noch ein Termin anstehen würde. Welchen genau wisse er aus dem Kopf gerade nicht, aber er muss ihn noch dringend absagen. Doch direkt zuhause rein muss er sich dem Medienhagel widmen. Erst spät am Abend schafft es Friedrich sein Smartphone an die Ladestation zu schließen. Währenddessen sitzt Lars Windhorst allein im Borchardt und  hat durch die Medien erfahren, was los ist.

Der Klassenerhalt ist geschafft

Die Mannschaft, die sich mit einem Kraftakt und vielen Spielen in kürzester Zeit in der Bundesliga halten konnte, feiert in der Kabine. Das Filmteam ist wieder mitten drin. Lars Windhorst, der wieder einmal der Mannschaft seine Glückwünsche mitteilen will, versucht eine Live-Verbindung zum Team aufzubauen, da er persönlich nicht im Stadion sein konnte. Per Beamer soll die Rede in der Kabine übertragen werden.

(Photo by Filip Singer – Pool/Getty Images)

Doch die wilde und von Bier und Sekt durchtränkte Party zerstört die Technik schnell und macht die Übertragung unmöglich. Auf dem Handy verfolgt lediglich Lukas Klünter die Rede und verspricht Windhorst schon bald auf seiner Yacht mit feinem Piano-Spiel zu beglücken. Die Uhren, die der Investor als Belohnung dem Verein in die Kabine geschickt hat, vergisst das Team in der Kühltruhe für die Getränke. Am Abend geht die Feier in der Unterkunft in Grunewald weiter.

Der Sportstudio-Auftritt von Pal Dardai   

Das Filmteam wünscht sich ein exklusives Interview mit Pal Dardai. Am liebsten würde man ihn für O-Töne und weiteres gewinnen. Der Ungar, der bisher kein Interesse an diesem Projekt hatte und so gut es ging nichts mit dem Investor zu tun haben wollte, lässt sich überreden. Im Garten des Domizils sitzt er vor einem Monitor und kommentiert, erzählt und ordnet so seriös wie möglich die Szenen ein.

Doch der Trainer wirkt zu langweilig. Die Film-Crew überredet ihn ein weiteres Mal. Dieses Mal soll er sich eine der Zigarren anzünden, die ihm wenige Stunden zuvor Paul Keuter nach Feststehen des Klassenerhalts geschenkt hatte. Lars Windhorst hatte dem Filmteam gegenüber immer wieder erwähnt, dass er sich Szenen wünsche, die die Personen rund um die Doku in anderen, als den üblichen Situationen, festhalten. Szenen, die noch nie zuvor zu sehen waren und was ganz neues aufdecken. Pal Dardai wird also ausgestattet mit Rotwein und Zigarre und soll einen liebenswerten und feiernden Trainer darstellen, der sich nach den harten Wochen wohlverdient belohnt.

Bildquelle: Aktuelles Sportstudio

Lars Windhorst, der per Video zugeschaltet ist, ist stolz auf das, was geleistet wird. Kurz bevor das Interview startet, stürmt Pressesprecher Max Jung auf das Set zu. Das aktuelle Sportstudio will ihn jetzt sofort für ein Fernseh-Interview haben. Pal Dardai lässt sich nicht zweimal bitten. Wenige Sekunden später ist er mit dem Studio verbunden und wird in betont lässiger Pose und Rotwein und Zigarre ins Fernsehen übertragen. Ein Interview für die Ewigkeit, mit Szenen, die so noch niemand gesehen hat. Die Verbindung zu Lars Windhorst musste er für die Übertragung kappen.

[Titelbild: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images]

Abschied von Arne Friedrich: Die unromantische Realität

Abschied von Arne Friedrich: Die unromantische Realität

Die Woche ist gerade zur Hälfte rum und Hertha BSC hat schon wieder Schlagzeilen über Schlagzeilen produziert. Und dabei ist die Meldung, dass Arne Friedrich vorzeitig den Verein verlassen hat, nicht einmal die spektakulärste. Und doch die wohl emotionalste.

Ein letztes Mal Ehrlichkeit

Halbzeit im Berliner Olympiastadion. Arne Friedrich tritt recht zerknirscht zum Interview bei Sky an und versucht die mal wieder schwer enttäuschende Leistung der Hertha Mannschaft zu erklären. Hertha lag zu diesem Zeitpunkt 0:1 gegen Eintracht Frankfurt zurück. Seiner Forderung, dass die Mannschaft „endlich den Arsch hochkriegen müsse“, folgte keiner. Mit einer saftigen 1:4-Klatsche ging das Team wie so oft in den letzten Wochen unter. Der einzige, der „seinen Arsch hochkriegte“ war Arne Friedrich selbst. Und das zwei Tage später. Am Montag ging von mehreren Seiten die Meldung raus, dass er sein Engagement bei der Hertha vorzeitig abbrechen würde.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Friedrich selbst begründete via Social Media seinen vorzeitigen Abschied damit, dass sein Einfluss als Sportdirektor nicht mehr gegeben war. Fredi Bobic bestätigte das auf der am Dienstag angesetzten Pressekonferenz relativ nüchtern. Wie bereits erwähnt und hinlänglich bekannt, war der Abschied sowieso beschlossene Sache. Allerdings für den Sommer. Ob es einen neuen Sportdirektor geben würde, war noch nicht abschließend geklärt, wirkliche Gerüchte oder gar Meldungen gab es noch in keiner Weise. Und dennoch regt wieder einmal die Art und Weise, der Zeitpunkt und das komplette Bild, welches der Verein dieser Tage abgibt, zum tiefen Nachdenken an.

Friedrichs Engagement bei Hertha glich einer Zeitenwende

Hertha Ende November 2019: Seit dem Sommer war der Einstieg von Lars Windhorst und seiner Tennor-Holding beschlossene Sache, der Saisonstart verlief allerdings alles andere als zufriedenstellend und Trainer Ante Covic musste Platz machen. Jürgen Klinsmann, der zu dem Zeitpunkt als Berater von Lars Windhorst aktiv war, sollte als Nachfolger einspringen. Es begann eine der surrealsten Zeiten, die man als Hertha-Fan jemals kennenlernte. Facebook-Live-Auftritte, große Sprüche über die Champions League, Trainingslager in den USA, Treffen auf der Yacht von Lars Windhorst.

Mitten drin einer, den Klinsmann mitbrachte, aber als alter Bekannter kein neuer war: Arne Friedrich. Als sogenannter „Performance Manager“ war sein Aufgabenbereich schwer zu definieren. Mal sollte der ehemalige Profi, der immerhin von 2002-2010 auf 288 Pflichtspiele für Hertha BSC kommt, die Verteidigung trainieren, mal versuchte er mit seinen Erfahrungen aus US-amerikanischen Tagen Einflüsse aus dem Militär im Training der Hertha einzubinden und wieder ein anderes Mal, sorgte er mit Q&A’s auf Instagram für Fannähe.

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(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Arne Friedrich gilt als attraktiv, eloquent, weltoffen und extrem wissbegierig. War er der Protagonist auf einer Pressekonferenz, konnten sich Journalist:innen über Offenheit und Warmherzigkeit freuen und zusätzlich über intelligente Aussagen. Friedrich strahlte eine riesige Professionalität aus, die neu war in Berlin. Bei Hertha hatte man sich mittlerweile an einen meist mies gelaunten Michael Preetz gewöhnt, der stets so wirkte, als hätte er sich lediglich dank des einen oder anderen Managementkurses ein etwas gehobenes Sprachniveau aneignen können. Von den polternden Pal-Dardai-Pressekonferenzen ganz zu schweigen. Jürgen Klinsmann wirkte dieser Tage auch mehr wie eine narzisstische und selbstverliebte Person, als ein gestandener ehemaliger Spieler und Trainer von Weltniveau.

Zusätzlich hatte Arne Friedrich schon in seiner aktiven Zeit in Berlin auf dem Platz einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ehemaliger Kapitän, Leistungsträger und noch dazu als Herthas erfolgreichster Spieler der deutschen Nationalmannschaft genießt er seit vielen Jahren in Berlin Legendenstatus.

Aus dem Schatten von Preetz an die Spitze

Als im Frühjahr 2021 Hertha wieder im tiefen Abstiegskampf stand und neben dem damaligen Trainer Bruno Labbadia auch Michael Preetz gehen musste und damit eine zwölf Jahre lange Ära endete, schlug Friedrichs Zeit. Seine Stelle war von nun an definiert. Vom Performance-Manager zum Sportdirektor. Zusammen mit dem neuen Vorstand Carsten Schmidt überzeugte er Pal Dardai von seiner Rückkehr und seinen alten Freund und Kollegen aus der Nationalmannschaft, Sami Khedira, von einer letzten Profi-Station. Es folgte eine Rückrunde, die mit dem Klassenerhalt, nach der mittlerweile legendären Corona bedingten Pause, beendet wurde. Arne Friedrich selbst leitete sogar für einen Tag lang das Training und bezeichnete sich später mit einem Augenzwinkern als Hertha-Trainer, mit der kürzesten Amtszeit.

(Photo by MICHAEL SOHN/POOL/AFP via Getty Images)

Doch diese goldene Zeit Friedrichs, die dem Verein so viel Professionalität verlieh, sollte enden, als mit Fredi Bobic der neue Vorstand Sport an der Spree die Zügel in die Hand nahm. Friedrich sollte seine Position als Sportdirektor behalten, allerdings sollte von nun an Fredi Bobic die öffentlichen Termine wahrnehmen. Er war der lang gesuchte und seit vielen Wochen ersehnte Sportvorstand. Aus Frankfurt war Bobic nach Berlin gekommen, wo er bereits von 2003 bis 2005 für zwei Jahre spielte. Er hatte sich über die Jahre in der Bundesliga einen mehr als respektablen Ruf erarbeitet. Aus dem ehemaligen Abstiegskandidaten Eintracht Frankfurt hatte er innerhalb kurzer Zeit einen Pokalsieger und Europa-League-Halbfinalisten gemacht. Er war für unpopuläre Entscheidungen bekannt, aber eben auch für Erfolg.

Bobics radikaler Umbruch fordert Opfer – Am Ende auch Friedrich

Ab dem Sommer 2021 änderte sich der Wind in Berlin komplett. Als neuer starker Mann installierte Bobic neue Leute, trieb einen radikalen Kaderumbruch an, war mutig genug, sämtliche Leistungsträger der letzten Saison zu verkaufen und zeigte sich regelmäßig vor den Berliner Medien als professioneller, aber eiskalter und nicht gerade nahbarer Manager.

Die Installation verschiedener neuer Personen im Kader forderte Opfer alter Wegbegleiter. Der langjährige Teammanager und als Vereinsikone beliebte Nello DiMartino wurde in die Jugend geschickt. Mit Benjamin Weber ging nach 18 Jahren der Akademie-Leiter, der erfolgreiche Jugendtrainer Michael Hartmann wird ihm wohl folgen. Für den Abschied von CEO Carsten Schmidt, der wie Arne Friedrich Professionalität und eine gewisse Form von Sympathie und Wärme versprühte, konnte Bobic nichts. Schmidt ging bekanntlich aus privaten Gründen.

Doch der Aufgaben– und Machtbereich Bobics sollte sich dadurch nur vergrößern. Es folgte die Entlassung Pal Dardais und die Einstellung von Tayfun Korkut auf der Trainerposition. Angeblich war Arne Friedrich in diese Entscheidung mit eingebunden.

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(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Doch wie tief Arne Friedrich noch ins Tagesgeschäft mit eingebunden war, muss hinterfragt werden. Mehr als das ein oder andere Feld-Interview vor Spielen oder in der Halbzeitpause bot Friedrich kaum noch. Er wurde zunehmend isoliert. Trotz allem stellte er sich bei der Konfrontation zwischen Mannschaft und Ultras zwischen die Parteien um zu vermitteln. In der Szene und beim Team beliebt, konnte er immer ein Bindeglied darstellen.

Der Abschied kommt nicht überraschend

Auch wenn Arne Friedrich stets betonte, dass er Herthaner und dem Verein dankbar sei, war es nie sein Plan, länger als nötig zu bleiben. Friedrich, der bekannt für seinen speziellen Lebensstil ist und seinen Lebensmittelpunkt eher in den USA sieht, kam zufällig in die Rolle bei Hertha. Doch er war bereit für die neue Herausforderung. Er hat sie zu jeder Tages- und Nachtzeit mit unfassbar viel Herzblut ausgefüllt und war ein Gesicht des Vereins, für viele sogar eine Identifikationsfigur.

Und Er hat dem Verein in der Außendarstellung unfassbar gut getan. Doch Friedrich ist keiner, der es nötig hat sich anzubiedern. Sobald man ihm zeigt, dass er nicht mehr gebraucht wird, macht er Platz. Eine neue Herausforderung für sein Leben findet er ohne große Schwierigkeiten.

Und nun?

Der Aderlass, den die Hertha in den letzten Monaten hinnehmen musste, war schwer zu verdauen. Bis heute ist er das nicht komplett. Im Verein herrscht seit viel zu langer Zeit eine Unruhe, die ihres gleichen sucht.

Wie man den Streit mit dem Investor beilegen soll, ist eine der großen zentralen Fragen in den nächsten Tagen und Wochen. Wie die Mannschaft die Klasse halten soll, die wohl größte und besorgniserregende. Mit Arne Friedrich ist der letzte große Kopf der Prä-Bobic-Ära nun weg. Mittlerweile ist es Fredi Bobic gelungen keinen nennenswerten Gegenspieler im Verein mehr zu haben und seine Leute in vielen Bereichen zu installieren. Seine Entscheidungen beäugt er selbst nach außen hin vollkommen unkritisch.

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(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Die kontroverseste war definitiv die des Trainers. Die Tage zeigen mal wieder, dass es im Fußball viel um Business und Stärke geht und Romantik und Vergangenes oft keinen Platz haben. Die Mannschaft steht dem Abstieg in die 2. Bundesliga extrem nahe und Machtkämpfe und Kritikunfähigkeit sind fehl am Platz. Und gerade jetzt wären Ruhe und Professionalität gefragt. Charakterzüge, die Arne Friedrich mit Bravour ausfüllen konnte.

[Titelbild: Stuart Franklin/Getty Images]