Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Ja, Hertha BSC befindet sich mitten im Abstiegskampf. Ja, die Mannschaft bräuchte Ruhe und sollte sich aufs Sportliche konzentrieren. Aber die neuerliche, rassistische Entgleisung von Jens Lehmann lässt keinen anderen Schluss zu: Dass Hertha-Investor Lars Windhorst nun handelt und Lehmann aus dem Hertha-Aufsichtsrat kickt, ist nicht nur richtig sondern war längst überfällig. Ein Kommentar.

Lehmann und Hertha: Man hätte es wissen können

Vor knapp einem Jahr hat Deutschlands ehemaliger Nationaltorhüter Jens Lehmann Jürgen Klinsmann im Aufsichtsrat der Hertha BSC KG beerbt. Seitdem hat Lehmann nur Unheil, dümmliche Vorschläge und Negativ-Schlagzeilen über den Verein gebracht. Jüngstes Beispiel ist die rassistische Beleidigung, die Lehmann anscheinend unabsichtlich Sky-Experte und Ex-Profi Dennis Aogo zukommen ließ. Aogo kommentierte für den Pay-TV-Sender am gestrigen Dienstagabend das Champions League-Spiel Manchester City vs. Paris St. Germain. Nach seinem TV-Auftritt postete Aogo auf seinem Instagram-Kanal eine WhatsApp-Nachricht von Lehmann, in der der Hertha-Aufsichtsrat fragte: „Ist Dennis jetzt euer Quotenschwarzer?“.

hertha windhorst lehmann
Foto: IMAGO

Es ist nicht der erste unakzeptable Fehlgriff des Ex-Nationaltorhüters. Schon vor seiner Tätigkeit für Hertha fiel Lehmann immer wieder durch schräge Vorschläge und Kommentare auf. Vor etwa sieben Jahren äußerte er sich abschätzig zum Coming-Out von Ex-Mitspieler Thomas Hitzlsperger, in den Medien wurden Vorwürfe bezüglich einer möglichen Steuerhinterziehung gehen ihn bekannt und der Ex-Schalker und -Dortmunder musste sich schon vor Gericht wegen Beihilfe zur Unfallflucht rechtfertigen. Klar ist also: Alleine Lehmanns Berufung in den Aufsichtsrat war damals ein riesiger Imageschaden für den gesamten Verein, wie Hertha-BASE-Autor Simon schon im Mai 2020 kommentierte.

Lehmann schadete Hertha letztendlich nur

Doch auch während seiner Zugehörigkeit zu Hertha änderte sich wenig an Lehmanns Verhalten. Kurz nach seinem Einstieg erklärte er beispielsweise, dass jüngere Menschen wie Profifußballer mit dem Coronavirus „zurechtkommen“ müssten, außerdem verharmloste er das Virus mehrfach. Auch sportlich-fachliche Kommentare des Ex-Profis waren eher kontraproduktiv. In einem großen Interview forderte Lehmann die schnellstmögliche Qualifikation für den europäischen Fußball – in einer Situation in der Hertha schon damals ums Erstliga-Überleben kämpfte. Hinzu kam ein recht merkwürdiger Auftritt im „Doppelpass“, bei dem er Hertha-Boss Werner Gegenbauer als „guten Berliner Typen“ und „ein bisschen anders“ bezeichnete und auf die Frage, was Union besser mache als Hertha, eine unprofessionell ausweichende Antwort gab. Kurzum: Über die gesamte Dauer seiner Tätigkeit für Hertha hatte Lehmann keine Bindung zu den operativ Handelnden im Verein. Ganz im Gegenteil: Mit seinem Verhalten behinderte er sogar deren Bemühen um Herthas sportliche Zukunft.

hertha windhorst lehmann
Foto: nordphotox/xEngler/IMAGO

Lars Windhorst hat in Interview immer bekundet, dass er sich für Klinsmann und später auch Lehmann im Aufsichtsrat bemüht habe, weil ihm der fußballerische Sachverstand fehle. Blickt man auf Lehmanns Post-Profi-Karriere, ist allerdings die Frage berechtigt, ob dieser fußballerische Sachverstand jemals vorhanden war. Als TV-Experte bei Spielen der Nationalmannschaft wurde er jedenfalls nicht zum Sympathieträger und bekam auch keinen Anschlussjob im Fernsehen. Übrigens: Auch aus diesem Grund ist Lehmanns Kommentar gegenüber Dennis Aogo deplatziert. Denn im Gegensatz zu Lehmann ist Aogo ein aufgeweckter, sympathischer und inhaltlich fundierter TV-Experte – was dafür spräche, dass Lehmann bei seiner Äußerungen nichts als der bloße Neid trieb. Aber auch auf Management-Ebene sind seine Schritte im Profibereich überschaubar: Nach nur drei Monaten als Co-Trainer des FC Augsburg wurde Lehmann von seinem Ex-Verein freigestellt – bis heute folgten keine weiteren Tätigkeiten im Trainerbereich.

Petry, Lehmann – Hertha handelt konsequent

Nach dem Rausschmiss von Torwart-Trainer Zsolt Petry, der sich in einem ungarischen Interview kürzlich homophob und rassistisch äußerte, ist Lehmanns Entlassung der zweite Mini-Skandal, der Hertha mitten im Abstiegskampf beschäftigt. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft das Chaos, das den Verein in dieser Saison nicht loszulassen scheint, ignorieren kann.

Aber selbst wenn Hertha am Ende der Saison absteigen sollte – dass die Tennor Holding Lehmann aus dem Aufsichtsrat geschmissen hat, ist nicht nur richtig, sondern überfällig. Denn Werte wie Toleranz und Offenheit, mit denen sich Hertha richtigerweise offensiv schmückt, dürfen unter keinen Umständen kompromittiert werden.

[Titelbild: IMAGO]

Fredi Bobic: Der neue starke Mann an der Spree

Fredi Bobic: Der neue starke Mann an der Spree

Rund zwei Wochen ist es nun her, dass eine Meldung offiziell verkündet wurde, die auf der einen Seite erwartbar und auf der anderen Seite gleichzeitig doch komplett überraschend kam. Fredi Bobic wird ab der kommenden Saison Geschäftsführer Sport bei Hertha BSC. Dass diese Nachricht die Fußballwelt nicht in ihren Grundfesten erschüttert hat, liegt daran, dass sie, seitdem Bobic Anfang März bekanntgab, Eintracht Frankfurt, wo er noch bis zum 31. Mai als Vorstand Sport angestellt ist, verlassen zu wollen, allerseits längst prognostiziert wurde. Zu eng waren die Verbindungen zu dem Verein, bei dem er seit 2005 Mitglied ist, zu spannend die Herausforderung und zu verlockend die Möglichkeit, endlich wieder bei der in Berlin wohnhaften Familie zu sein. Der Überraschungsfaktor rührt daher, dass der einstige deutsche Nationalspieler auf den ersten Blick mindestens einen Schritt zurück geht. Von einem Champions League-Aspiranten hin zu einem Verein, dessen Ligazugehörigkeit Stand jetzt noch nicht einmal geklärt ist. Doch die Tinte ist trocken, unabhängig von Ober-oder Unterhaus, wie Bobic selbst bestätigte.

Und somit ist es höchste Zeit, einen Blick auf den baldigen Nachfolger von Michael Preetz zu werfen und zu beleuchten, worauf sich Hertha-Fans einerseits freuen dürfen, wo aber gegebenenfalls auch Reibungspotenziale bestehen.

Um Bobics bisherige Karriere als Sportfunktionär unter die Lupe zu nehmen, haben wir im Vorfeld mit Experten von Bobics zwei Manager-Stationen in Deutschland – Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart – gesprochen. Für den VfB hat uns Martin, unter anderem bekannt durch den Podcast BrustringTalk Rede und Antwort gestanden. Auf Frankfurter Seite haben wir mit Marvin vom HR und Fußball 2000 gesprochen.

Kapitel 1: Die ersten Schritte in der Ferne

Dass Fredi Bobic heute zu einem der angesagtesten Fußballmanager des Landes zählt, war zu Beginn seiner Funktionärskarriere nicht unbedingt zu erwarten. Seine Reise begann im März 2009 im bulgarischen Burgas. Dort sollte er als Geschäftsführer in den Bereichen Sport und Marketing den von seinem ehemaligen Sturmpartner Krassimir Balakov – Stichwort magisches Dreieck – trainierten Klub unter der Mithilfe eines investitionsfreudigen Präsidenten zu höheren Sphären führen und dem Verein vor allem Strukturen geben. Der sportliche Erfolg bewegte sich im Rahmen. Nachdem man die Saison 08/09 auf Platz sechs beendete, stand im Folgejahr – dem ersten unter Bobics kompletter Verantwortung – Rang fünf zu Buche.

Fredi Bobic während seines ersten Managerjobs in Bulgarien. (Imago images via Getty Images)

Doch insbesondere neben dem Platz gelang es Bobic, den Verein zu verändern. So wurden die Strukturen in der Kommunikations- und Merchandising-Abteilung auf professionelle Beine gestellt. Zudem initiierte er den Bau eines neuen Trainingszentrums inklusive Campus und trug die Vision des schwerreichen Eigentümers Mitko Sabev mit, aus dem Stadion – überspitzt gesagt – eine Einkaufshalle mit Fußballplatz zu machen.

So äußerte sich Bobic im Juni 2010 bei Spox zu dem Projekt: „Ein unheimlich faszinierendes Projekt, weil sie solche gigantischen Ausmaße hat. Unser jetziges Stadion mit Business-Bereich und anderen in Bulgarien ungewöhnlichen Annehmlichkeiten ist zwar bereits das modernste des Landes, aber die neue Arena soll in dem geplanten Mega-Komplex mit einer Sporthalle, Einkaufs-Mall und Bürogebäuden das absolute Highlight sein.“ Mit Fußballromantik hat diese Idee von Stadionerlebnis freilich wenig zu tun. Ein Aspekt, der sich auch durch spätere Äußerungen und Entscheidungen von Bobic durchziehen soll. Aber dazu später mehr.

Kapitel 2: Der Wurf ins kalte Wasser

Obwohl er laut eigener Aussage geplant hatte, den Verein erst zu verlassen, bis man ihn wie geplant zur Saison 2013/14 hin in der nationalen Spitze etabliert hatte, nahm er im Sommer 2010, weniger als eineinhalb Jahre nach Vertragsantritt in Bulgarien, das Angebot aus Stuttgart an. Hier, wo Bobic seine erfolgreichste Zeit als Spieler feierte, trat er das Erbe von Horst Heldt als Spotdirektor an. Der geringen Berufserfahrung zum Trotz setzten die Schwaben vor allem auf dessen Identifikation und die hohe Beliebtheit beim eigenen Anhang, wie Martin ausführt: „Mit Horst Heldt hatte den VfB der „Meistermanager“ verlassen, daher sollte die Position natürlich entsprechend klangvoll besetzt werden, mit Sicherheit auch ein bisschen, um die Fans zu besänftigen. […] Dazu genoss Bobic zu dem Zeitpunkt fast Legendenstatus bei den VfB Fans, als Bestandteil des magischen Dreiecks und Pokalsieger zusammen mit Balakov und Elber unvergessen. […] Wir alle kennen Fußballfans, das ist dann ein Bonus und Vertrauensvorschuss, welchen dann auch Bobic eben erhielt – trotz seiner nur im geringen Maße vorhandenen Erfahrung.“

Aus seiner Zeit beim VfB bleiben vor allem unglückliche Trainerentscheidungen in Erinnerung. (Imago images via Getty Images)

Ebenjener Vertrauensvorschuss wurde dann allerdings schnell auf eine harte Probe gestellt. Bereits am siebten Spieltag der Saison 2010/11 sah Fredi Bobic sich gezwungen, mit der Freistellung von Christian Gross seinen ersten Trainerwechsel vorzunehmen. Es folgte eine schier endlose Fehde an zweifelhaften Personalentscheidungen. In seinen etwas mehr als vier Jahren bei den Schwaben sah Bobic sechs Trainer kommen und gehen.

Kaum eine Entscheidung zeugte dabei von einem übergeordneten Plan, wie man Fußball spielen wolle oder welche Qualitäten ein Trainer mitbringen müsse. Es war eine Zeit, in der sich gefühlt jeder übliche Verdächtige vom Bundesliga-Trainerkarussel mal beim VfB ausprobieren durfte. „Eigentlich kann man sagen, dass es bei der Trainerauswahl nur einen Treffer gab – Bruno Labbadia. Aber auch hier muss man Fredi ein bisschen in Schutz nehmen, das Geld war knapp und Lösungen aus dem Verein, wie Keller oder Schneider natürlich bestimmt in den Gremien beim VfB ganz gerne gesehen.“, fasst Martin zusammen.

An diesem Punkt und auch bei weiteren Fehleinschätzungen während seiner Zeit in Stuttgart kann man bereits ablesen, wie wichtig ein funktionierendes Umfeld für Fredi Bobics Wirken ist. Beim VfB fand er dieses, anders als heute, nicht vor. So standen die Schwaben finanziell auf sehr wackeligen Beinen, wie Martin erklärt: “Heldt hatte viele gut ausgestattete Verträge hinterlassen und es musste gespart werden. So gab es einen Transfersommer mit einer Leihe von Tim Hoogland und der Verpflichtung von Tunay Torun. Als Einordnung, mit wie viel Geld Bobic arbeiten konnte.“

Bobic beim VfB: Zu viele Fehler

Gerade aufgrund dieser finanziellen Engpässe wäre es wichtig gewesen, die so hochtalentierten Spieler der VfB-Jugend verstärkt zu fördern. Doch auch hier bewies Bobic kein glückliches Händchen: „Das Scouting war nicht sonderlich gut ausgeprägt beim VfB und so war viel auf die Einschätzung von Fredi angewiesen – dazu gehörte auch die Leihe von Leno zu Leverkusen, den er besser als Sven Ullreich einschätze oder die Leihe von Joshua Kimmich zu Leipzig. Unverzeihlich bis heute. Die nicht ganz erfolglose VfB-Jugend wurde auch umgebaut. Leider so, dass wir die sehr erfolgreichen und langjährigen Verantwortlichen nach Leipzig verloren. Dazu gab es generell wenig Wertschätzung für die Eigengewächse und der VfB benötigte viele Jahre, hier die Schäden von Bobic wieder zu korrigieren.“ Auch an dieser Stelle fehlte es also wieder an einem Sparringpartner und weiterer sportlicher Kompetenz neben Fredi Bobic. Welche langfristigen Schäden dann entstehen können, wenn die gesamte sportliche Verantwortung in die Hände eines Einzelnen gelegt wird, wissen Hertha-Fans nur zu gut.

Doch kann man Fredi Bobic auch hier nicht von aller Schuld freisprechen. So war er zu Beginn seiner Managerkarriere nicht gerade der geborene Teamplayer. „Sein Temperament, welches viele noch vom Fußballfeld kennen, war wohl auch vereinsintern vorhanden, Widerworte, so sagt man, habe er ungern ertragen. Vor allem gegenüber von Leuten, die nicht selbst auf seinem Level Fußball spielten. Wenn jemand nach seiner Einschätzung also keine Ahnung hatte, dann war ein konstruktiver Austausch nicht wirklich möglich. Dazu kam eine fehlende Streitkultur oder allein Widerworte gab
es selten, da viele Stellen durch alte Weggefährten von Bobic besetzt waren. Auch hier, Jochen Schneider war kein guter sportlicher Partner auf Augenhöhe und ließ Bobic walten“, sagt Martin.

Nach vier Jahren und zahlreichen Fehlern musste Bobic in Stuttgart seinen Hut nehmen. (Imago images via Getty Images)

So kam die Trennung im September 2019 letzten Endes wenig überraschend. Zu zahlreich waren seine Fehler, denn auch im Bereich der Spielerverpflichtungen ließ er fernab des Transfers von Vedad Ibisevic sämtliches Geschick vermissen („Abdellaoue, Haggui und Rausch in einer Saison von Hannover 96 zu verpflichten, fasst seine Transfertätigkeit beim VfB eigentlich ganz gut zusammen“).

Während man ihm bei seiner Station in Bulgarien immerhin noch zugutehalten konnte, strukturell einiges vorangebracht zu haben, entfällt dieser Punkt in Bezug auf Stuttgart komplett. Im Gegenteil hat er, wie Martin erzählte, gerade im Bereich der Jugendarbeit durch seine Veränderungen gar nachhaltig Schaden angerichtet. Der eine rote Faden, der sich dabei durch Bobics vier Jahre im Ländle zieht, ist die fehlende Zusammenarbeit im Team. Zum einen selbstverschuldet, da Bobic anfangs oft zu beratungsresistent agierte. Zum anderen aber auch, weil die Strukturen ihm keinen meinungsstarken und durchsetzungsfähigen Akteur an die Seite stellten. Das sollte sich bei seiner nächsten Station ändern.

Kapitel 3: Der sukzessive Aufstieg

Etwas mehr als eineinhalb Jahre dauerte es, bis Fredi Bobic nach seiner Entlassung in Stuttgart wieder auf der Bildfläche auftauchte. Als Nachfolger des schier ewigen Heribert Bruchhagen unterschrieb Bobic zum 1. Juni 2016 einen Vertrag als Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt, nachdem diese einige Wochen zuvor erst haarscharf in der Relegation dem Gang in die zweite Liga entgangen waren. Eintracht-Experte Marvin fasst die verhaltene Begeisterung auf die Bekanntgabe folgendermaßen zusammen: „Die Reaktionen damals waren bestenfalls „gemischt“, aber im Grunde waren die meisten Fans gegen Bobic. Von ihnen wurde die Arbeit von Bobic in Stuttgart negativ bewertet. Zudem hatte Bobic zuvor keinerlei Berührungspunkte mit der Eintracht, was in dieser Kombination vielen nicht zusagte.“ Anders als beim VfB flogen ihm in der Mainmetropole also von Tag eins an keine Herzen entgegen, ganz im Gegenteil. Auch, als es insbesondere in der Hinrunde von Bobics erster Saison sehr gut lief (die Eintracht stand nach 17 Spieltagen auf Rang Sechs), blieb die Skepsis bestehen, inwieweit man diese Erfolge Bobic zuschreiben konnte.

Unter seiner Ägide entwickelte sich Frankfurt vom Abstiegskandidaten zum Champions League-Anwärter. (Imago images via Getty Images)

Doch mit zunehmender Zeit wurde deutlich, dass Bobic aus den vergangenen Fehlern die richtigen Schlüsse gezogen hat. Ebenso wie in Stuttgart musste er auch in Frankfurt zunächst mit geringem Budget hantieren. Doch dieses Mal gelang es ihm, die begrenzten Mittel klug einzusetzen. So verstärkte er den Kader vor allem durch Leihen und scheute dabei auch nicht, Verhandlungen mit den ganz Großen der Branche aufzunehmen.

So kamen von Real Madrid Jesús Vallejo, der eine überragende Saison spielte und Omar Mascarell, den man für die bescheidene Summe von einer Million Euro sogar fest verpflichten konnte. Ebenso wurde Marius Wolf von Hannover 96 ausgeliehen, später fest verpflichtet und sollte in den zwei Jahren am Main in einer Verfassung aufspielen, von der man als Hertha-Fan einige Jahre später nur träumen konnte. Und ganz nebenbei war dann auch noch ein gewisser Ante Rebic unter der Riege derer, die man zunächst auf Leihbasis holte. Dessen Rolle bei der Eintracht in den Folgejahren dürfte bekannt sein.

Bobics erfolgreicher Kampf gegen Widerstände

Auch in den darauffolgenden Saisons ließ Bobics Händchen für kluge Entscheidungen nicht nach. In den nunmehr fünf Jahren am Main lotste er unter anderem Spieler wie Kevin-Prince Boateng, Sebastien Haller, Luka Jovic, Kevin Trapp, Filip Kostic und André Silva zur SGE. Immer wieder profitierte er hierbei von seinem starken Netzwerk. So sagt Marvin: „Bobic verfügt über herausragende Kontakte, hat ein großes Telefonbuch.“ Dazu zählt neben den guten Verbindungen zu Top-Klubs wie Real Madrid oder AC Mailand, mit denen er mehrere Deals abschloss auch ein gutes Auge für den kroatischen und serbischen Markt, wo Bobic einige Geschäfte, unter anderem die Verpflichtung von Luka Jovic, über die Agentur LIAN Sports Group abschloss, wie Marvin erläutert. Dass Bobic aufgrund der Wurzeln seiner Eltern serbokroatisch spricht, dürfte hierbei auch nicht von Nachteil gewesen sein.

Durch solche Verpflichtungen gelang es Bobic, die Eintracht auf ein neues Niveau zu heben. War man zu Beginn seiner Amtszeit noch auf Leihgeschäfte und Transfers im niedrigen einstelligen Bereich angewiesen, schaffte es Bobic aufgrund hoher Summen durch Weiterverkäufe (allein für Luka Jovic kassierte man rund 70 Millionen Euro), den Verein auf finanziell sehr gesunde Beine zu stellen und somit auch auf dem Transfermarkt in ganz anderen Sphären fischen zu können. Dabei bewies er immer wieder, dass er sich auch von wideren Umständen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Nach dem Pokalsieg 2018 sahen viele Expert:innen die SGE als einen der heißesten Anwärter auf den Abstieg in der Folgesaison.

Bobics bislang größter Erfolg: Der DFB-Pokalsieg 2018 in Berlin. (Imago images via Getty Images)

Nicht nur Trainer Niko Kovac verließ den Verein. Auch entscheidende Leistungsträger wie Boateng, Wolf und Mascarell kehrten Frankfurt den Rücken. Doch Bobic behielt die Ruhe, holte mit Adi Hütter genau den richtigen Trainer und schaffte es unter anderem, Kevin Trapp, Martin Hinteregger, Filip Kostic und Ante Rebic (war zuvor ausgeliehen) unter Vertrag zu nehmen. Was folgte, war eine Spielzeit, in der die SGE bis zum Schluss um die Champions League-Plätze mitspielte und sagenhaft bis ins Halbfinale der Europa League einzog.

Dabei begann die Saison alles andere als verheißungsvoll. Nach einer 0:5-Klatsche im Super-Cup gegen Bayern folgte das Pokalaus in der ersten Runde beim SSV Ulm. Der im Kontrast zu Niko Kovac ohnehin nicht allzu nahbare Adi Hütter drohte schnell, schon bevor die Saison richtig begonnen hatte, zu scheitern. Doch in dieser Phase zeigte sich eine weitere Qualität Bobics. „Er bleibt auch in schwierigeren Situationen ruhig“, wie Marvin erklärt. Anders als in Stuttgart, wo er gleich in der ersten schwierigen Phase Christian Gross „überstürzt“ entlassen hat, wie es Martin sagt, ließ er sich hier nicht zu vorschnellen Handlungen treiben. Der Erfolg gab ihm Recht.

Der Professionalisierer

Die aufgezeigten Leistungen machen deutlich, wieso man in Frankfurt, trotz des anfänglichen Fremdelns, alles andere als glücklich über den Abgang Bobics ist. Grund, deswegen in Panik zu verfallen, gibt es allerdings keineswegs. Dafür hat Bobic selbst gesorgt. Denn neben den Erfolgen der Mannschaft hat sich Bobic von Beginn an auch neben dem Platz vieles vorgenommen, das er vorantreiben wollte. Anders als beim VfB ist ihm dies in Frankfurt auf ganzer Linie gelungen: „Der Sprung unter seiner Regentschaft ist immens gewesen, auch weil er den Support des restlichen Vorstands hatte und die Aufgaben mit Hellmann, Frankenbach und auch Steubing gut verteilte. Immense Professionalisierung erfuhr die Eintracht insbesondere im Scouting, aber auch im mannschaftsnahen Staff, sei es Athletiktrainer, Videoanalysten etc. Man kann völlig berechtigt behaupten, dass er die Eintracht auf Jahre hin auf wesentlich stabilere Beine gestellt hat – und sie zudem gut durch die enorm schwierige Corona-Phase manövrierte“, fasst Marvin zusammen.

Im Verbund mit u.a. Bruno Hübner hat Bobic Eintracht Frankfurt in diversen Bereichen weiterentwickelt. (Getty Images)

Neben der Lernfähigkeit von Bobic selbst hat das auch ganz stark mit dem Umfeld zu tun, das er in Frankfurt vorfand. Mit Bruno Hübner hatte er jemanden an seiner Seite, der seit inzwischen zehn Jahren als Sportdirektor im Verein ist. Auch die weiteren Mitglieder des Vorstands sind um klare Worte und zielführende, konstruktive Diskussionen nicht verlegen. Gleichzeitig scheute sich Bobic aber auch in dieser Konstellation nicht, unbequeme Entscheidungen zu treffen.

So installierte er den bei den Fans äußerst unbeliebten Andreas Möller als Chef des Nachwuchsleistungszentrums. Unabhängig von dieser einen Personalie gelang es ihm in dem Bereich ebenso, die Eintracht im Wesentlichen voranzubringen. Die letzten fünf Jahre zeigen also: Selbst unter schwierigen Umständen, die er in Frankfurt nach dem Fast-Abstieg 2016 zunächst hatte, ist Bobic mit dem richtigen Umfeld zweifelsohne in der Lage, einen Verein nicht nur eine Stufe und nicht nur in einem Bereich nach oben zu hieven.

Kapitel 4: Frankfurt reloaded?

Stellt sich nun also die Frage, worauf man sich als Hertha-Fan freuen kann. Was den rein sportlichen Bereich, sprich die Kaderplanung angeht, steht außer Frage, dass Fredi Bobic zu den wohl am besten vernetzten Managern der Bundesliga gehört. Die klangvollen Namen wie Jovic, Silva und Haller beweisen das eindrucksvoll. Allein dafür dürfte sich die Verpflichtung schon bezahlt machen. Zudem braucht es nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Bobic auch fernab des Platzes keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Das Projekt Goldelse, mit dem Geschäftsführer Carsten Schmidt die neue Strategie vorstellen und Verbesserungspotenziale identifizieren will, dürfte Bobic genau in die Karten spielen. Was dies im Einzelnen für die Personalien im sportlichen Bereich (Arne Friedrich und Pal Dardai u.a.) bedeutet, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Nur so viel: Wenn sich Bobic entscheidet, mit Dardai und Friedrich weiterzuarbeiten, dann mit Sicherheit nicht, weil er dies für die populäre Entscheidung hält, sondern weil er davon überzeugt ist. Dass er auch unpopuläre Maßnahmen ergreift, wenn er davon überzeugt ist, hat der gerade geschilderte Fall Möller bewiesen.

Ob man dieses Bild in Zukunft öfter sieht, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. (Imago images via Getty Images)

Bislang ist lediglich bekannt, dass Bobic aus Frankfurt wohl seinen Chefanalysten Sebastian Zelichowski mitnehmen will. Mit ihm hatte er auch vor der gemeinsamen Zeit in Frankfurt schon beim VfB zusammengearbeitet. Bei den Hessen stellte dieser den kompletten Bereich des Scoutings und der Spielvorbereitung inklusive Gegner-Analyse auf digitale Beine und hat damit einen entscheidenden Anteil daran, dass die Eintracht hier inzwischen als Vorreiter gilt. Ben Manga, den Chef der Scouting-Abteilung Frankfurts, der ebenfalls auch schon in Stuttgart mit Bobic gearbeitet hat, wird es nicht nach Berlin ziehen. Dieser wird anstelle des ausscheidenden Bruno Hübner neuer Sportdirektor bei den Adlerträgern.

Es bleibt daher abzuwarten, wie sich der Verein in der sportlichen Führungsriege neben Fredi Bobic aufstellen will. Ob Arne Friedrich bei Hertha der starke Mann sein kann, der Bobic notfalls auch mal Contra gibt – genau so jemand hat ihm in Stuttgart gefehlt – wird auch von Friedrichs Vorstellungen in Bezug auf seine Zukunft abhängen. Als Bindeglied, um die Interessen der Fans mit denen des Vereins zu verbinden, könnte er definitiv von Nutzen sein. Denn bei all dem gerechtfertigten Lob für Bobic darf eines nicht unter den Teppich gekehrt werden: Als Freund der 50+1-Regel ist Bobic nicht bekannt. Auch seine Zeit in Bulgarien, in der er unter einem milliardenschweren Oligarchen gearbeitet hat, deuten darauf hin, dass er tendenziell eher dem Windhorst-Weg als der „alten Schule“ à la Dardai zugewandt ist. Wie sich das im tatsächlichen Geschäft auswirkt, wird die Zeit zeigen.

Was Stand jetzt festgehalten werden kann, ist, dass die Voraussetzungen unter der Prämisse, dass Hertha die Klasse hält, um ein Vielfaches besser sind als bei Frankfurt im Jahr 2016. Der Kader bietet trotz der nicht wegzudiskutierenden Unausgewogenheit einige Potenziale, finanziell ist Hertha bekanntermaßen potent und Bobic kann dank des langen Vorlaufs bereits jetzt im Hintergrund die ersten Planungen vorantreiben. Wie schnell sich der Erfolg einstellt, wird einmal mehr von Bobics Lernfähigkeit abhängen. Denn trotz seiner beinah endlosen Liste an erfolgreichen Transfers gibt Marvin zu bedenken: „Die Frage ist nun: Wie gut kann er mit einem vollen Geldbeutel umgehen? Nach den Verkäufen von Haller und Jovic war es da bei der Eintracht schwierig, es folgten einige Fehltransfers.“ Doch angesichts dessen, dass Bobic, vergleicht man seine Amtszeiten beim VfB und der Eintracht, keinen Fehler zweimal zu begehen scheint, muss man als Hertha-Fan auch in diesem Gesichtspunkt keine schlaflosen Nächte haben. In der aktuellen Konstellation könnte Bobic für Hertha tatsächlich das lang ersehnte ganz große Los werden.

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Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Das inzwischen vierte Berliner Erstligaderby verspricht wieder eine heiße Partie zu werden. Die beteiligten Mannschaften werden gerne als totale Gegensätze dargestellt. Dieser Text klärt die Frage, ob Union auch ohne Hertha funktioniert, welchen Herausforderungen sich die Köpenicker in der Zukunft gegenüber sehen und was die beiden Klubs beim gemeinsamen Kaffee-Date bestellen.

Union definiert sich darüber, was man nicht ist

Bestellt man in einer Berliner Kneipe ein „Herrengedeck“, kann es mitunter vorkommen, dass man nicht Bier und Schnaps, sondern Bier und Sekt gereicht bekommt. Die Logik dahinter: Bier für den Mann und der Sekt für seine weibliche Begleitung.

Bestellt man stattdessen ein Berliner Fußballderby, dann bekommt man im Grunde das Gleiche, inklusive der antiquierten Geschlechterrollen. Dennoch sind die Rollen beim kommenden Derby klar zugewiesen. Auf der einen Seite die bodenständigen Köpenicker, stellvertretenden für den authentischen Arbeiter, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen und sich über die Gesamtsituation auskotzen würde. Ihm gegenüber die mondäne „Alte Dame“, die beherzt das Geld ihres reichen Gönners ausgibt und nach dem dritten Glas Sekt ein bisschen zu laut und zu prahlerisch von ihren Bekanntschaften erzählt.

Foto: IMAGO

Beide Vereine, ihre Fans und die Medien haben jeweils mehr oder weniger zu diesem Bild beigetragen, es kultiviert oder auch versucht zu übermalen. Die Koketterie mit dieser augenscheinlichen Gegensatz ist nicht zu übersehen und auch wenn Union sich betont desinteressiert gibt, hat das Ganze dann doch eher den Anschein, als würde man versuchen sich weniger darüber zu definieren, was man ist, sondern, was man nicht ist, nämlich nicht Hertha.

Hertha und Union: Was wollen die Klubs?

Während Union allerdings noch vollends im modernen Event-Fußball, mitsamt seiner Dynamik, ankommen muss, steckt Hertha, siehe Windhorst, schon längst drin. Das bedeutet aber auch, dass Union sich einer wichtigen Frage stellen muss: Wen wollen sie eigentlich als Fans haben? Hertha hat diese Frage schon längst für sich beantwortet. Der Anspruch ist hier ganz Berlin mitzunehmen, also sowohl den ehrlichen Malocher aus Reinickendorf als auch die neureichen Yuppies aus Charlottenburg. Das der Verein hier manchmal übers Ziel hinaus schießt und die Zusammensetzung seiner Fanbasis anders bewertet, als sie eigentlich ist, steht dem Ursprungsgedanken nicht im Weg: Hertha will DER Berliner Klub sein.

Unions Lokalpatriotismus richtet sich zunächst erstmal auf den eigenen Bezirk, im nächsten Schritt auf den Ost-Teil der Stadt. Das ist marketingtechnisch sehr charmant, blendet die Realität aber gewieft aus. Union ist natürlich nicht mehr nur der Köpenicker Club, sondern genauso ein Unternehmen, wie Hertha und als eben dieses daran interessiert gut zu wirtschaften und auch mehr als die 280.000 Einwohner:innen von Treptow-Köpenick anzusprechen.

Foto: IMAGO

Während Union hier zurecht stolz auf das das Engagement der Fans in puncto Stadion und „Bluten für Union“ verweisen kann, stehen bei Hertha der Streit mit dem Senat über ein neues Stadion, ein Millionen-Investment und zweifelhafter sportlicher Erfolg zu buche. Der einzige Lichtblick scheint das außerordentliche Engagement von Herthas-Fanszene zu sein. Das wird von denen, die die Unterschiede zwischen den Clubs herauszustellen suchen, oft gerne bewusst vergessen. Dreht man die Uhr noch weiter zurück, erzählt Union gerne die Geschichte des Anti-Stasi-Clubs, während Hertha sich in den 70ern tief im Bundesliga-Skandal verwickelt sah.

Der Arbeiter als Marketingobjekt

Es sieht also nicht gut aus für die alte Dame. Die Öffentlichkeit hat sich festgelegt: Union steht für das, was Fußball einst war und Hertha für das, was er nie werden sollte. Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist eben dieses „Anders-Sein“, was Union die Fans einbringt, die mit dem ursprünglichen Gedanken wenig bis nichts zu tun haben. Was wir in Köpenick beobachten dürfen, ist ein gewisser positiver Klassismus-Sport-Tourismus. „Komm wir gehen mal zu Union, da sind Wurst und Bier noch zu bezahlen und von den Tribünen wird auch mal ein „Scheiße“ gerufen“. Versteht mich nicht falsch, ich zitiere hier nicht den langjährigen Unioner, sondern diejenigen, die jetzt, nachdem Union es in die erste Liga geschafft hat, ihre plötzliche Liebe zum Fußball entdecken. Das spiegelt sich auch in den Mitgliederzahlen wider. Hatte Union 2006, noch in der Oberliga spielend, 4200 Mitglieder, sind es 2021 und viele wichtige sportliche Erfolge später, knapp 38.000. Man könnte hier den Begriff „Erfolgsfans“ einwerfen und sich an den Reaktionen erfreuen, doch zurück zur Sachlichkeit.

Das Problem ist, dass der Fußball schon längst ein Lifestyle-Produkt geworden ist. Sicherlich gibt es Überbleibsel, die von seinen proletarischen Wurzeln zeugen, aber sowohl Boxing Day als auch „Werkself“ sind heute eigentlich nur noch Marketingfloskeln geworden. Mit diesem Umstand muss sich auch Union auseinandersetzen. Sollen sie ihre Kultigkeit und Authentizität weiter betonen und damit Gefahr laufen, die Menschen anzuziehen, die sich am Arbeitertum zu ergötzen suchen, bevor sie in ihre Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg zurückkehren oder sollen sie heimlich still und leise den Mahlsteinen der Kommerzialisierung hingeben?

Foto: imago/Matthias Koch

Natürlich muss sich auch Hertha mit diesem Konflikt befassen, dadurch, dass ihre Fan-Strategie jedoch bewusst nicht klientelpolitisch aufgeladen wird, haben sie es zumindest ein wenig einfacher. Hertha und Union ist die spannendste Berliner Sport-Rivalität, die es momentan zu erleben gibt. Natürlich gibt es Animositäten zwischen dem BFC und Union, sportlich ist die Bundesliga jedoch nun mal am interessantesten. Union scheint sich hier als „Anti-Hertha“ durchaus zu gefallen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Doch das funktioniert eben nur solange es Hertha in dieser Form gibt.

Sich gegen Hertha zu stellen, klappt nur, solange Hertha eben auch einen kritikwürdigen Kurs fährt. Windhorst macht es hier jeder Fußballromantiker:in allerdings auch sehr einfach. Die Kritik hier nimmt manchmal auch zynische Züge an, wie wenn, das schon erwähnte, soziale Engagement der Hertha-Fans als Marketingaktion verkannt wird. Was bleibt, ist allerdings, dass die eigene Position umso stärker wird, desto stärker der Kontrast zwischen den beiden Vereinen wahrgenommen wird.

Kaffee und Fußball

Teil des Pakets „Union“ ist eben nicht nur, das was Union ist, sondern auch das, was es eben nicht ist und das was es nicht ist, wird hier stark in den Fokus gerückt. Um solche Beziehungen der Negation zu verdeutlichen greift der slowenische Philosoph Slavoj Žižek gerne auf einen Witz aus dem Film „Ninotschka“ vom großen Berliner Ernst Lubitsch zurück : „Ein Mann bestellt in einem Restaurant einen Kaffee ohne Sahne. Der Kellner kommt nach fünf Minuten zurück und sagt: „Tut mir leid, mein Herr, aber wir haben keine Sahne mehr, kann es auch ohne Milch sein?“ Obwohl das faktische Ergebnis in beiden Fällen das Gleiche ist, spielt das, was im Kaffee nicht drin ist eine ontologische Rolle. In anderen Worten: In beiden Fällen bekommt man einen Berliner Fußball Klub (schwarzer Kaffee), doch einmal ist dieser bewusst nicht Hertha (ohne Milch) und im anderen Fall nicht Union (ohne Sahne). Beides kann seinen Status jedoch nur behaupten, solange es eine Alternative gibt. 

Foto: imago/paulrose

Vor diesem Hintergrund schickt sich vielleicht eine andere Anekdote an. Tommi Schmitt, seines Zeichens, Gladbach-Fan, Co-Host von „Gemischtes Hack“ und Union-Sympathisant: „Union ist ein schöner bunter Fleck in dieser Liga. [..] Eigentlich genau das, was Hertha immer sein wollte.“ Er erzählte jüngst in einer Folge „Gemischtes Hack“, wie er versuchte in einem hippen Berlin-Mitte Café einen Kaffee mit Milch zu bekommen. Der klischeehaft stark tätowierte, Man Bun tragende Barista verwehrte ihm diesen Wunsch jedoch unter dem Verweis auf das Konzept des Cafés. Man schenke einfach keinen Kaffee mit Milch aus, das würde die Aromen kaputt machen.

Was das im Bezug auf das Derby und den vermeintlichen Clash zwischen „echt“ und „fake“ heißt, kann sich jeder selbst zusammenreimen.

[Titelbild: IMAGO]

Eine kleine Berliner Derbygeschichte – Die heißesten Spiele

Eine kleine Berliner Derbygeschichte – Die heißesten Spiele

Seit 2010 hat Berlin ein richtig feuriges Profifußball-Derby. Doch die Paarung Hertha BSC gegen Union ist nicht das erste spannende Hauptstadt-Duell. Vielmehr hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten der Stadt tolle Derbys gegeben. Union feierte kurz nach seiner Gründung gegen das vom DDR-Regime protegierte Vorwärts Berlin einen großen Erfolg und Hertha war an einer Zweitligasaison mit drei (!) Berliner Klubs beteiligt. Ein kleiner Rückblick auf wichtige Berlin-Duelle.

22. Mai 1968, Union Berlin vs. Vorwärts Berlin (2:1)

Den 1. FC Union gibt es in seiner jetzigen Form erst seit 1966. Zuvor hatte es in Oberschöneweide mehrere Fusionen, Zusammenschlüsse aber auch Trennungen von Vereinen gegeben, die heute als Vorgänger-Klubs von Union gelten. Leicht hatte es der Verein in der DDR nicht, denn das Regime unterstützte mit aller Kraft Vorwärts Berlin. Die meisten begabten Spieler endeten in der Kaderschmiede von Vorwärts. Ohnehin mischte sich der Staat regelmäßig in den Profifußball ein – so wurden die protegierten Klubs einige Male einfach in eine andere Stadt verlegt. Vorwärts startete beispielsweise in Leipzig, wurde dann nach Berlin verlegt und später nach Frankfurt (Oder). Der heutige BFC Dynamo geht aus einem Ableger von Dynamo Dresden hervor.

Hertha Union Berlin
Mannschaftsfoto des FC Vorwärts Berlin in der Oberliga-Saison 1966/67 (Foto: imago/Werner Schulze)

Union hingegen galt in der DDR von vorn herein als Verein des Volkes, als Anti-Establishment. Allerdings etablierten sich die Köpenicker schnell in der DDR-Oberliga und nur zwei Jahre nach der Klubgründung kam es zu einem der größten Erfolge der Vereinsgeschichte – dem Gewinn des DDR-Pokalwettbewerbs (FDGB-Pokal). Im Finale besiegte man den amtierenden DDR-Meister Carl-Zeiss-Jena. Zu einem Berlin-Derby kam es aber schon im Halbfinale, als Union gegen den Staatsklub Vorwärts im Halbfinale 2:1 gewann. Bis heute feiern die Köpenicker ihre Pokalhelden.

In den folgenden Jahrzehnten kam es in der DDR-Oberliga zu zahlreichen Derbys zwischen Union, dem BFC Dynamo sowie Vorwärts. Die meisten der Spiele wurden jedoch von Dynamo dominiert. Insbesondere in den 1970er und 1980er-Jahren profitierte Dynamo von der Unterstützung des Regimes und wurde quasi zum Serien-Meister der DDR. Union gelang es dagegen nie, die DDR-Oberliga zu gewinnen.

16. November 1974, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (0:3)

Auf westberliner Seite wurde Hertha in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg zur stärksten Berliner Mannschaft. In 1970er-Jahren kam es dann allerdings zum einzigen Berliner Derby auf Bundesliga-Ebene bis zum Unioner Aufstieg vor ein paar Jahren. In der Saison 1973/1974 hatte Tennis Borussia damals noch über die zweitklassige Regionalliga den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams sollte zum Spektakel werden: Eigentlich hätte TeBe ein Heimspiel gehabt, doch das Interesse in der Bevölkerung an dem Match war riesig – und so wurde die Partie ins Olympiastadion verlegt und fand vor 75.000 Zuschauern statt.

Hertha Union Berlin
Foto: imago/Werner Otto

Gegen die in der Saison 1974/1975 extrem stark aufspielende Hertha hatte der Aufsteiger jedoch keine Chance – Hertha gewann 3:0, „Ete“ (Erich) Beer erzielte zwei der Treffer. Hertha hatte damals einen schlagkräftigen Kader zusammen: Neben Beer gehörten dem Team auch Spieler wie Wolfgang Sidka oder Uwe Kliemann an. Die Mannschaft wurde in dieser Saison sogar Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach. TeBe stieg als Vorletzter ab. Allerdings verbrachte die Mannschaft nur ein Jahr in der damals neu gegründeten 2. Bundesliga: Die Saison 1975/76 schloss TeBe als Tabellenführer ab, und so kam es 1976 und 1977 zu zwei weiteren Bundesliga-Derbys zwischen Hertha und Tennis Borussia – eines davon (16. April 1977) konnte Tennis Borussia sogar für sich entscheiden. Aber auch nach dieser Saison reichte es für TeBe nicht für den Klassenerhalt.

18. Februar 1984, SC Charlottenburg vs. Hertha BSC (1:0)

Nach der Saison 1982/1983 stieg auch Hertha aus der Bundesliga ab. Die kommenden Zweitliga-Jahre wurden für Westberliner Fußball-Fans ein reines Derby-Festival. Denn nicht nur Hertha und Tennis Borussia trafen mehrfach aufeinander. Vielmehr sorgte in den 80er-Jahren auch Blau-Weiß 90 für Aufsehen. Und – wer hätte es gedacht? – auch der SC Charlottenburg verbrachte ein Jahr in der 2. Bundesliga.

Gegen die frisch abgestiegenen Herthaner kam es im August 1983 zum ersten Derby der beiden Charlottenburger Teams, das 1:1 unentschieden endete. Im ausverkauften Mommsenstadion gab es in der Rückrunde dann die riesige Überraschung: Der SCC besiegte Hertha mit 1:0. Übrigens: Im Tor des SCC stand damals ein gewisser Andreas Köpke, der nach dem direkten Abstieg der Charlottenburger zu Hertha wechselte.

16. März 1985, Blau-Weiß 90 vs. Hertha BSC (0:2)

In der Saison 1984/1985 deutete sich dann erstmals die zwischenzeitliche Wachablösung im westberliner Fußball an. Das Mariendorfer Team Blau-Weiß 90 war zuvor in die 2. Liga aufgestiegen. Hertha war im zweiten Zweitliga-Jahr immer noch eines der finanzstärksten Teams der Liga und hatte mit Spielern wie beispielsweise Andy Köpke und Horst Ehrmanntraut auch einen absolut bundesligatauglichen Kader zusammen. Doch die Charlottenburger setzten sich während der Saison im Tabellenmittelfeld fest.

In der Rückrunde kam es dann im schlecht besuchten Olympiastadion zu einem der letzten Siege der Herthaner dieser Saison, als Blau-Weiß mit 2:0 besiegt wurde. Für die Mariendorfer ging es anschließend bergauf, für Hertha bergab. Auf Platz 14 konnte man den Abstieg nur knapp vermeiden, Blau-Weiß wurde Siebter. In der darauffolgenden Saison sollte aber alles noch viel schlimmer kommen für Hertha.

8. Mai 1986, Blau-Weiß 90 vs. Tennis Borussia (1:2)

Drei Berliner Mannschaften in einer Profiliga – das hat es bislang nur in der Saison 1985/1986 gegeben. Tennis Borussia war zuvor gerade wieder aus der Regionalliga aufgestiegen, Hertha und Blau-Weiß 90 waren schon vorher in der 2. Liga. Blau-Weiß-90 war inzwischen aus der Mariendorfer „Rathausritze“ ins Olympiastadion gezogen, das man sich im 2-Wochen-Takt mit Hertha teilte. Tennis Borussia spielte im Mommsenstadion, wobei auch einige Derbys mit TeBe-Beteiligung ins Olympiastadion verlegt wurden.

Hertha Union Berlin
Foto: imago/Kicker/Eissner

Was sich in der Vorsaison bereits angedeutet hatte, wurde in dieser Saison bitte Wahrheit. Hertha spielte eine schlechte Runde, obwohl man kein einziges Derby verlor. Blau-Weiß hingegen wurde im Saisonverlauf immer stärker und hatte am letzten Spieltag gegen Tennis Borussia die Chance, den direkten Aufstieg in die Bundesliga zu sichern. Das Spiel gegen das schon abgestiegene Team von TeBe verlor man zwar 1:2 – weil aber Fortuna Köln gegen den Karslruher SC nicht über ein Unentschieden hinauskam, stieg Blau-Weiß 90 direkt auf. Hertha hingegen kämpfte mit Freiburg im Fernduell um den Klassenerhalt. Da das eigene Spiel in Aachen allerdings mit 0:2 verloren ging, brachten alle Rechenbeispiele nichts mehr – Hertha war fortan drittklassig.

Allerdings: Auch für Blau-Weiß 90 sollte das Abenteuer Bundesliga schnell wieder zu einem bitteren Ende kommen. Mit einer miserablen Punktebilanz von 18:50 wurde man Letzter. Für viele Jahre musste die Bundesliga in der Folge wieder ohne Berliner Teams auskommen. Hertha jedenfalls blieb zwei Saisons lang drittklassig. Erst im Juni 1988 folgte der Wiederaufstieg in Liga 2, wo es erneut zu einigen Duellen mit Blau-Weiß 90 kam. Das folgende Youtube-Video gibt die Fußball-Stimmung im damaligen Westberlin ganz gut wieder:

27. Januar 1990, Hertha BSC vs. Union Berlin (2:1)

Eigentlich haben wir uns hier bislang nur Pflichtspielen gewidmet. Es gibt allerdings ein Derby, das sowohl aufgrund seiner Geschichtsträchtigkeit als auch wegen der aktuellen Rivalität zwischen Hertha und Union erwähnt werden muss. Ende Januar 1990, nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, trafen sich Hertha und Union zu einem symbolischen Freundschaftsspiel im Olympiastadion vor rund 52.000 Zuschauern. Schon in den letzten Jahren vor der Wende hatte sich zwischen Hertha und Union über die Grenze hinweg eine tiefe Fan-Freundschaft entwickelt. Das Unioner Fanlager leibäugelte wohl nicht zuletzt wegen seiner Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime mit dem West-Klub. Als Hertha Ende der 1970er-Jahre Europapokal-Spiele in Osteuropa bestritt, reisten teilweise sogar Unioner an, um die Blau-Weißen zu unterstützen.

Das Spiel am 27. Januar geriet somit zur Nebensache. Fans beider Lager lagen sich in den Armen und feierten die Zusammenführung Berlins.

8. Juni 1991, Union Berlin vs. FC Berlin (1:0)

Union hatte es schwer in den Jahren vor und nach der Wende. Aus der aufgelösten DDR-Oberliga gingen nur zwei Teams in die Bundesliga, die meisten Ost-Teams aus der Oberliga und der DDR-Liga (2. Liga) mussten in einer Qualifikationsrunde um insgesamt sechs Plätze in der 2. Bundesliga kämpfen. Union belegte in der letzten DDR-Liga-Saison den ersten Platz und sicherte sich somit die Beteiligung an der Relegation zur 2. Bundesliga. Im Juni 1991 folgten dann die Relegationsspiele, unter anderem trat Union gegen den FC Berlin an, die Nachfolger-Mannschaft des BFC Dynamo. Das erste Spiel gewann Union zwar knapp mit 1:0, im Rückspiel verloren die Köpenicker allerdings. Aufsteigen konnte keines der beiden Berliner Teams, vielmehr belegte Stahl Brandenburg Platz 1 der Relegationsgruppe.

Die restlichen 1990er-Jahre waren eine harte Zeit für den FCU – sportlich und auch wirtschaftlich. Mehrfach verpasste man den Aufstieg in die 2. Liga. Trotz einer drohenden Insolvenz konnte sich das Team aber stetig in der Regionalliga halten, wo es in den 1990er Jahren zu mehreren Berlin-Duellen mit dem BFC Dynamo kam, der dann auch wieder seinen alten Namen trug. Erst 2009 stiegen die Köpenicker dann in die 2. Liga auf.

28. Oktober 1998, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (4:2)

In Westberlin deutete sich Ende der 1990er-Jahre für kurze Zeit nochmals eine neue, spannende Stadtrivalität auf Augenhöhe an. Tennis Borussia war in der Saison 1997/1998 mit Trainer Hermann („Tiger“) Gerland in die 2. Bundesliga aufgestiegen und spielte dort eine starke Saison. Im Oktober 1998 belegte TeBe zwischenzeitlich Platz 1 der 2. Liga – und genau zu dieser Zeit kam es im Achtelfinale des DFB-Pokals zum Berlin-Derby. Hertha war zu dieser Zeit ebenfalls gut unterwegs in der Bundesliga, am Ende der Saison belegte das Team von Jürgen Röber sogar Platz 3 und qualifizierte sich direkt für die Champions League.

hertha union berlin
Foto: IMAGO

Doch an jenem 28. Oktober 1998 war TeBe schlichtweg zu gut für Hertha. Gerlands Mannschaft (u.a. mit Spielern wie Ilja Aracic und Francisco Copado) führte schon zur Halbzeit 2:1 und brachte den Sieg vor einer begeisterten Kulisse im Olympiastadion und nach einem Feuerwerk zu Beginn des Spiels sicher über die Ziellinie. Hertha musste allerdings nur ein Jahr warten, um sich zu revanchieren: Auch in der darauffolgenden DFB-Pokalsaison traf man auf Tennis Borussia, dieses Match entschied Hertha jedoch nach einer Nachspielzeit 3:2 für sich.

17. September 2010, Union vs. Hertha BSC (1:1)

Weil Hertha nach einer dramatisch schlechten Saison 2009/2010 abstieg, kam es im Herbst 2010 zum ersten Pflichtspiel zwischen Hertha und Union. Nach einer frühen Führung durch ein Kopfballtor von Peter Niemeyer entwickelte sich ein offenes, rassiges Spiel. Kurz vor Schluss erzielte Union dann per Fernschuss doch noch das 1:1. Das Rückspiel ging im Olympiastadion sogar 1:2 verloren. Bis heute kam es in Liga eins und zwei zu insgesamt sieben Derbys zwischen den Köpenickern und Hertha: drei Siege für Hertha, zwei für Union und zwei Unentschieden. Wie und woher sich die heute existierende tiefe Abneigung zwischen den beiden Fanlagern ergeben hat, kann wohl niemand vernünftig erklären.

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Schon im ersten Spiel, im Herbst 2010, war von der tiefen Freundschaft, die noch während der Wende-Jahre existierte, keine Spur. Herthas Anhänger zündelten mit Feuerwerkskörpern und nach dem Rückspiel feierte sich Union als „Stadtmeister“, was angesichts der Tabellensituationen der beiden Klubs natürlich eine reine Provokation war. Denn: Hertha stieg direkt in die Bundesliga auf, die Köpenicker mussten noch einige Jahre in der 2. Liga verweilen, bis es dann am 2. November 2019 zum ersten erstklassigen Duell der beiden Vereine kam.

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Kaderplanung – Hat Hertha ein Problem mit Sprachen?

Kaderplanung – Hat Hertha ein Problem mit Sprachen?

Wenn man eine Fußballmannschaft neu zusammenstellt, muss eines stimmen: die Kommunikation. Denn das berühmte „blinde Verständnis“ kommt erst nach jahrelanger Abstimmung von Laufwegen. Bei Hertha BSC hat man es in einer neu aufgebauten Mannschaft offenbar versäumt auf die sprachliche Abstimmung auf dem Platz zu achten. So zumindest könnte sich das teils chaotische Vorgehen im Spiel erklären. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gäbe es aber einen Ausweg.

Fehlpässe ins Nichts, Gegentore durch Fehlabstimmungen beim Rauslaufen und Spieler, die gleichzeitig zum Kopfball gehen. Welcher Herthaner hat diese Situationen in der laufenden Saison nicht kennen und lieben gelernt? Ironie beiseite. Es gab Spiele in den vergangenen Monaten, in denen man sich fragen musste, ob diese Mannschaft überhaupt schon einmal miteinander trainiert hat. Aus sportlicher Sicht kann man hier sicherlich die verkorkste Kaderplanung der Herren Preetz, Klinsmann und später Labbadia verantwortlich machen.

Denn nach der vergangenen Saison wurden einige wichtige, erfahrene Spieler mit jungen Neueinkäufen ersetzt und somit tragende Säulen aus dem Team entfernt. Insbesondere im zentralen Mittelfeld zeigt sich, dass Herthas Kaderplanung der Weitblick seit Jahren fehlt. Denn weder Marko Grujic noch Matteo Guendouzi sind/waren langfristig an Hertha gebunden und auch die Entscheidungen in den Fällen Arne Maier und Eduard Löwen hinterlassen einige Fragezeichen.

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Aber das teils chaotische, unabgestimmte Auftreten der Mannschaft könnte noch eine weitere, nicht-sportliche Komponente haben. Denn klar ist: Das sind ja alles eigentlich sehr gute Fußballer, die Hertha da verpflichtet hat. Bei ihren Ex-Vereinen zeigten Lucas Tousart, Krzysztof Piatek oder auch Matheus Cunha großartige Leistungen – warum funktionieren sie nicht zusammen? Zumindest ein Teil der Antwort könnte in der Kommunikation liegen, also in der Sprache. Pal Dardai stellte zu Anfang seines erneuten Engagements als Hertha-Profitrainer fest: „Als ich in die Kabine kam, haben manche weder Deutsch noch Englisch gesprochen.“ Ohne Teamgeist und gemeinsame Sprache habe es aber gar keinen Sinn ergeben, über Taktik zu sprechen.

Herthas neuer Sprachfokus

Denn mit dem neuen Kader hat Hertha nicht nur einen bunten Mix an Fußball-Erfahrungen sondern auch ein komplett neu besetztes Sprachen-Orchester zusammengestellt. Für Sprachwissenschaftler und aus Zwecken der Völkerverständigung mag dies zwar toll sein. Aber wenn man innerhalb von Wochen eine Bundesliga-taugliche Fußballmannschaft aufbauen muss, kann dies hinderlich sein – insbesondere, wenn man seitens des Trainerteams den falschen, sprachlichen Ansatz wählt.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wäre es gut gewesen, sich zu Saisonbeginn wenigstens kurz mit der neuen Sprachstruktur der Mannschaft zu beschäftigen. Dann wäre Herthas Oberen aufgefallen, dass das Team inzwischen einen beachtlichen romanischen Sprach-Fokus hat. Die romanischen Sprachen gehören, wie beispielsweise die germanischen Sprachen, zur indogermanischen Sprachfamilie. Zu den romanischen Sprachen gehören beispielsweise Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Französisch. All diese Sprachen haben gemein, dass sie gewissermaßen eine Weiterentwicklung des (Vulgär-)Lateins sind. Zu dieser Sprechergruppe gehören in Herthas neuem Kader unter anderem Matheus Cunha, Lucas Tousart, Omar Alderete, Dodi Lukebakio, Santiago Ascacibar und Mattéo Guendouzi.

Nicht nur für Manager wichtig: Positive Transfers

Wie hätte diese Erkenntnis Hertha helfen können? In der Fremdsprachenforschung gibt es den Begriff des positiven Sprachtransfers (interlinguale Interferenz). Eine solche positive Übertragung zwischen zwei Sprachen liegt vor, wenn beispielsweise ein spanischer Muttersprachler wie Omar Alderete einen französischen Muttersprachler wie Mattéo Guendouzi versteht, wenn er „bon“ (deutsch: „gut“) sagt, denn die spanische Version („bueno“) ist dem nicht allzu fern. Kurzum: Selbst wenn Alderete in der Schule nie Französisch hatte, wird er Guendouzi oder Lukébakio verstehen, wenn sie auf dem Platz Wörter wie „bon“ oder „bien“ (als Adverb) benutzen.

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Solche positiven Transfers gibt es nicht nur im lexikalischen Bereich, also auf Wortebene, sondern auch auf grammatikalischer. Deutsche Muttersprachler lernen diese gutartigen Übertragungen kennen, wenn sie beispielsweise einzelne Worte im Niederländischen oder Englischen wiedererkennen – schließlich gehören diese Sprachen wiederum allesamt zur germanischen Sprachfamilie.

Natürlich wäre es falsch gewesen, zu Saisonbeginn Spanisch als Amtssprache auf Herthas Trainingsplatz einzuführen. Erstens wären dann alle anderen Mannschaftskameraden benachteiligt worden, zweitens muss es das Ziel sein, dass die Mannschaft zumindest auf dem Feld in einer Sprache kommuniziert und ihren Trainer versteht. Doch genau daran haperte es bei Hertha unter Bruno Labbadia. Labbadias Anweisungen (derzeit ja gut hörbar) waren konsequent deutsch. Spieler wie Tousart oder Guendouzi hatten vorher wenig bis gar keinen Kontakt zur deutschen Sprache – vielleicht ließ sich Labbadias Spielidee auch aus sprachlichen Gründen nicht so leicht in der Mannschaft verankern.

Labbadia scheiterte (u.a.) an der Kommunikation

Dabei hätte Labbadia als Sohn italienischsprachiger Eltern die besten Voraussetzungen gehabt, während des Spiels wichtige Anweisungen auch der romanischen Sprechergruppe bei Hertha verständlich zu machen. Denn das Italienische ist in der romanischen Sprachfamilie die Sprache, die der Ursprungssprache Latein noch am nächsten ist. So kommt es, dass spanisch-, französisch- oder portugiesisch Sprechende Italiener meistens ganz gut verstehen. In einem Interview mit dem NDR hat Labbadia allerdings vor vielen Jahren schon berichtet, dass er schon als Kind aufhörte Italienisch zu sprechen, weil ihn die deutschen Mitschüler dafür hänselten. Mal ganz davon abgesehen, dass das widerlich ist, ist es aus oben beschriebenen Gründen auch schade für den Fußballtrainer Labbadia, dem seine Muttersprache sicherlich in manchen Situationen helfen könnte.

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Als Labbadia noch Herthas Trainer war, wurde Michael Preetz von einem Journalisten sogar auf ein mögliches Sprachenproblem bei Hertha angesprochen. Herthas Ex-Manager wischte die Frage aber vom Tisch, indem er darauf verwies, dass Fußball doch die Macht habe auch ohne sprachliche Gemeinsamkeiten Menschen zu vereinen. Natürlich ist das richtig. Aber so wie der Fußball haben auch Sprachen eine vereinende Wirkung und vielleicht hat Hertha diese etwas unterschätzt. Pal Dardai hat nun kürzlich erklärt, dass bei ihm ebenfalls konsequent deutsch gesprochen werde im Training.

Mittlerweile dürften sich Herthas Neuzugänge auch die wichtigsten sprachlichen Signale beim Training und im Spiel in deutscher Sprache eingeprägt haben. Wenn nicht, wäre es bei Dardais Ansatz aber unabdingbar, dass die Profis abseits des Trainings ihr Deutsch in zusätzlichem Sprachunterricht verbessern.

Khedira als verbindendes Element

Klar ist, dass Dardai mit seiner Muttersprache keine positiven Sprachtransfers erzeugen kann. Denn Ungarisch gehört zu einer äußerst kleinen Sprachfamilie, den finno-ugrischen Sprachen. Zu dieser Familie gehören neben dem Ungarischen nur noch Finnisch, Estnisch und ein paar in Russland gesprochene Dialekte.

Allerdings macht eine andere Personalie Hoffnung, was eine mögliche Verbesserung der Kommunikation betrifft. Sami Khedira spielte in den vergangenen elf Jahren zunächst in Spanien, dann in Italien. Khedira dürfte nach diesen Auslandsaufenthalten ein nahezu perfektes Fußball-Spanisch bzw. -Italienisch sprechen. Als erfahrener Spieler und Weltmeister gilt er im Kader ohnehin als Ansprechpartner. Für Herthas neue Romanisten-Fraktion könnte er nun auch eine linguistische Brücke bauen.

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„Wenn Corona vorbei ist…“

„Wenn Corona vorbei ist…“

Ein sehnsuchtsvoller Blick in die Zukunft – Worauf sich die Hertha-BASE-Redaktion freut, wenn die Pandemie endlich rum ist.

Alex Jung: Die Mannschaft zum Sieg brüllen

Mittlerweile ist es in meinem Freundeskreis zum running gag geworden. Wann immer neue Corona-Beschlüsse kommen, ist mein erster Kommentar: „Und wann machen die Stadien endlich wieder auf?“ So witzig es klingt und natürlich auch angesichts wesentlich wichtigerer Probleme, die es zuvorderst zu lösen gilt, scherzhaft gemeint ist, so sehr wohnt dieser Frage dennoch die nicht zu verleugnende Wahrheit inne, dass ich es wahnsinnig vermisse.

Nicht die Enttäuschung, mir mit allem drum und dran rund drei Stunden den Arsch in der Ostkurve abzufrieren, während Hertha mal wieder gegen so spannende Vereine wie Leipzig oder Hoffenheim fünf Buden eingeschenkt bekommt. Auch nicht die bemitleidenden bis spöttischen Blicke der Union-Fans, wenn ich in blau-weißer Montur den Walk of Shame nach Hause gen Treptow-Köpenick antrete. Nein, darauf kann ich getrost verzichten.

Was fehlt, ist vor allem die Möglichkeit, die Mannschaft, die es gerade so nötig hätte, zu unterstützen. Als Mitglied dieses, trotz aller (aus meiner Sicht) falschen Entwicklungen der letzten Jahre, so einzig- und großartigen Vereins, tut es mir im Herzen weh, meinem Klub in der schwersten Phase seit Jahren nicht im Stadion helfen zu können, sich aus der Bredouille zu befreien.

Foto: xFlorianxGaertner/photothek.netx

Natürlich sind wir alle keine Fußballprofis und können nur mutmaßen, welchen Einfluss der Support von den Rängen tatsächlich auf das Spielgeschehen hat. Aber wenn ich diese Illusion, dass meine Stimme einen (Teil-)Ausschlag über Sieg und Niederlage geben kann, nicht aufrechterhalten würde, dann könnte ich das Ganze auch gleich bleiben lassen. In meiner romantisch verklärten Vorstellung von Fußball sind Mannschaft und Fans immer noch gleichermaßen Teil eines Vereins. Und welche Kräfte freigesetzt werden, wenn beide an einem Strang ziehen, durfte man auch als Herthaner:in schon unzählige Male beobachten. Nie werde ich vergessen, wie 2010 nach dem ersten Abstieg, den ich mit damals 14 Jahren erleben musste, 48.000 Fans gegen den Fußballgiganten Rot-Weiß Oberhausen ins Olympiastadion strömten. Es war der Auftakt für eine Saison, die ich nie vergessen werde und die letzten Endes mit der Zweitligameisterschaft ihren krönenden Abschluss fand. 

Auch wenn eine Wiederholung derartiger emotionaler Stadionmomente aktuell noch fern ist, rettet mich die Gewissheit durch die Pandemie, mit meinen Freunden, wann immer das sein mag, beim ersten Spiel nach Corona im Block zu stehen und voller Inbrunst Hertha zum Sieg zu singen. Oder es zumindest zu versuchen.

Niklas Döbler: „Unzählige Kacars, Marcelinhos, Pantelics, Dardais, Plattenhardts (…) stehen beisammen“

13:30 Uhr Bundesplatz auf meinen Vater warten. Die ersten Fans sind schon da und steigen in die Ringbahn. Freue mich auf das Spiel gegen Bremen, hoffentlich spielt Jordan, den ich stolz auf meinem roten Sondertrikot aus der letzten, unseligen Corona-Saison trage. Vater kommt zeitgleich mit der S-Bahn an. Weiter zum Westkreuz und dann hoffentlich den Direktzug zum Olympiastadion erwischen. Wie immer tun mir die Fahrgäste, die einfach nur woanders hin wollen, ein bisschen leid, wenn zehntausende Schulle trinkende Hertha-Fans die Öffis belagern.

Je näher wir dem Stadion, desto mehr steigt die Vorfreude. Ob Selke heute gegen uns spielt? 12 Mio hat der Transfer eingebracht. Die wurden in gute neue Zugänge investiert. Die ersten Spiele der Saison hat man gewinnen können. Ich hab ein gutes Gefühl. Es könnte sich gelohnt haben extra für das Spiel nach Berlin gekommen zu sein.

Als wir Olypiastadion aussteigen, fällt mein Blick wie immer auf das Corbusierhaus. Muss echt geil sind in Laufdistanz zum Stadion zu wohnen. An den ersten Bier- und Würstchenständen vorbei. Die anderen Fans entsorgen ihre Bierflaschen in einem der zahlreichen Einkaufswagen. Die Polizeihundertschaft guckt böse. Zwischen der blau-weißen Menschenwelle blitzt manchmal ein grün-weißes Werdertrikot durch. Arcor, Homeday, bet-to-win, TEDI, O.tel.o, trigema und Continetale begleiten uns zum Stadion. Unzählige Kacars, Marcelinhos, Pantelics, Dardais, Plattenhardts, Okoronkwos, Raffaels und Gilbertos stehen beisammen, lachen, trinken oder verschwinden kurz zwischen den Bäumen. Die Stimmung ist gut. Hoffentlich hält sich das.

Foto: imago/Martin Hoffmann

Durch die Ticketkontrolle und von gelangweilten Securities abtasten lassen. Danach der traditionelle Rundgang ums Stadion. Egal wie leer oder wie leise. Für mich immer noch das schönste Deutschlands. Das Gewinnspiel vom RS2 Wagen schallt herüber, der Sky-Stand verspricht Sondertarife. Was folgt ist die Stadionwurst und der Bierbecher. Dann zum Platz. Unterrang auf der Höhe der Mittellinie. Top-Plätze. Wetter ist auch genial. Strahlend blauer Himmel und 20 Grad.

Inzwischen ist die Aufstellung draußen. Die Kicker-App verrät: Cunha, Piatek und Dilrosun in der Startelf, dazu Luca Netz, der inzwischen das begehrteste Talent Deutschlands ist. Arne Maier hat die Leihe auch gutgetan. 3 Vorlagen stehen ihm schon zu Gesicht. Auf dem Rasen scherzen sie beim Aufwärmen. Am Spielfeldrand gibt Arne ein Interview.

Der Anpfiff rückt näher, die Spannung steigt. Langsam beginnt das Stadion zu erwachen. Mit der Aufstellung und als die Hymne ertönt, erheben sich Zehntausende. Schals, die in die Luft gehalten werden. Frank Zander ist da. Alle singen mit. Egal ob alt, jung, Frau, Mann, Divers oder Mensch mit Behinderung; für die nächsten 90 Minuten sind alle gleich Hertha.

Ein letztes Mal holt das Stadion Luft. Egal wie das Spiel ausgeht. Danach bin ich mit den Jungs von Hertha BASE in der Kneipe verabredet. Ich bilde mir ein, Alex in der Ostkurve zu erspähen, doch bevor ich näher hingucken kann, wird zum Anstoß gepfiffen. Jubel. Jetzt: Pure Emotionen, 90 Minuten lang. Endlich wieder.

Ein bisschen Auswärtsfahrt fürs Ohr – unsere Playlist

Als Fan seines Vereins verbindet man besonders die heimische Spielstätte mit ganz besonderen Emotionen und Erinnerungen. Das Fanerlebnis machen jedoch erst die Auswärtsfahrten so richtig rund. Mit mehreren Langzeit- und tausenden Wochenendsfreunden vor und nach dem Anpfiff durch eine fremde Stadt zu laufen, als gehöre sie einem; Sich bereits auf der Hinfahrt in eine solch große Euphorie zu hieven, dass die anschließenden 90 Minuten beinahe nur noch Beiwerk sind.

Das letztendliche Ergebnis des Spiels, für welches man durch die Republik gereist ist, spielt oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um das Erlebnis als solches. Das stundenlange ziellose Herumschlendern durch das graue Hannover wird aufgrund des Gemeinschaftsgefühls bis zum Maximum romantisiert – und das ist auch gut so.

Wir von Hertha BASE wollen euch daher ein wenig in eben jene Gefühlswelt versetzen. Was als Schnapsidee anfing, endete in stundenlangen wie hitzigen Diskussionen und mündete in etwas wundervollem. Redaktion und Freunde haben gemeinsam eine Auswärtsfahrt-Playlist auf Spotify zusammengestellt. Jeder durfte nur drei Songs auswählen – eine eigentlich unmögliche Aufgabe, doch sie wurde gemeistert.

Wir wünschen euch viel Spaß mit Daniel Rimkus (ein Muss), Herbert Grönemeyer, Die Atzen, Vengaboys, Oasis uvm.! Auf dass sie euch emotional in den Fanzug nach Hamburg, in welchem etwas zu viel Alkohol ausgeschenkt wird und die Manieren mit jedem Schluck weniger werden, versetzen.

[Titelbild: IMAGO]