Ausgelastete Labore – Wie geht es mit den Coronatests in der Bundesliga weiter?

Ausgelastete Labore – Wie geht es mit den Coronatests in der Bundesliga weiter?

Die Medizinlabore sind in der zweiten Pandemiewelle komplett ausgelastet. Pro Woche wurden zuletzt knapp 1,7 Millionen Coronatests durchgeführt. Auch die Bundesliga ist auf die Labore angewiesen: Das Hygienekonzept der DFL sieht bei den Profis mehrere Tests pro Woche vor. Um die Labore zu entlasten, sollen jetzt nur noch in seltenen Fällen Symptomlose getestet werden. Müssen sich die Clubs also neue Testmöglichkeiten suchen? Eine Lösung wäre in Aussicht. Ein Überblick.

Das Coronavirus breitet sich weiter rasant aus in Deutschland. Zuletzt gab es bis zu 23.000 Neuinfektionen pro Tag. Nachgewiesen werden diese Infektionen durch sogenannte PCR-Tests – das sind sehr, sehr zuverlässige Tests, die im Schleimhausekret das Vorhandensein von Virus, also eine aktuelle Infektion nachweisen. PCR-Tests sind der Goldstandard aller Testverfahren – sie haben eine Genauigkeit (Spezifität) von mehr als 99,9 Prozent. Sie sind jedoch auch nicht leicht zu analysieren und müssen in Laboren geprüft werden.

Bisher lautete die Strategie des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass auch Menschen mit leichteren Erkältungssymptomen und Kontaktpersonen einen PCR-Test erhalten sollen. Doch auf diese Weise sind die knapp 170 testenden Labore in Deutschland an ihre Grenzen gekommen: Bei rund 1,7 Millionen durchgeführten Tests ist zuletzt auch der Rückstau an Proben immer weiter gestiegen. Heißt konkret: Man muss immer länger auf sein Ergebnis warten, die Analysen und Tests auf andere Krankheiten sind dadurch auch beeinträchtigt. Deswegen haben das RKI und das Bundesgesundheitsministerium nun eine andere Teststrategie kommuniziert: Grundsätzlich kommen nur nach Menschen mit ausgeprägten Covid-19-Symptomen in Frage oder solche, die Symptome nach direktem Kontakt mit einem bestätigten Covid-19-Fall zeigen. Symptomlos oder bei leichten Beschwerden soll niemand mehr getestet werden.

Was bedeutet das für die Bundesliga?

Bei hohen Inzidenzzahlen sieht das Hygienekonzept der DFL, an das sich alle Proficlubs halten, zwei Tests pro Spieler und Woche vor. Laut DFL werden für die 1. Und 2. Liga pro Woche derzeit zwischen 3000 und 3600 Tests benötigt – das entspricht einem Anteil von etwa 0,2 Prozent an allen Tests. Das ist nicht viel, könnte man meinen. Aufgrund der Auslastung der Labore und mit Blick auf die Pandemielage stellt sich trotzdem die Frage: Warum sollen symptomlose Profifußballer getestet werden, um am Wochenende spielen zu können, wenn „normale“ Patienten tagelang auf ihre Testresultate warten müssen?

Foto: IMAGO

Hertha BASE hat der Presseabteilung der DFL unter anderem diese Frage gestellt – keine Reaktion. Auf ihrer Internetseite hat die DFL zur Test-Thematik allerdings kürzlich ein Statement veröffentlicht. Dort heißt es: „Die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) haben (…), dass der Anteil der Tests im Profifußball im Promillebereich liege und dadurch keine Gefährdung der medizinischen Versorgung entstehe.“ Die DFL argumentiert ferner, dass die Berufsausübung der Fußballer und der weiteren Beschäftigten der Klubs von den Tests abhänge. Zudem habe man das Hygienekonzept dahingehend geändert, dass die Teams vor einem Auswärtsspiel mehr Zeit für die Tests bekommen.

Hertha zieht mit

Hertha-Pressesprecher Marcus Jung teilte gegenüber Hertha BASE mit, dass auch Hertha „alle die laut DFL Hygienekonzept erforderlichen Testungen durchführen“. Jung wies auch auf die Aussagen der DFL und der Labore hin, dass die Tests im Profifußball keinen wesentlichen Anteil an der Auslastung hätten. Er fügte hinzu: „Wir haben großes Vertrauen in die Arbeit der DFL Task Force Sportmedizin haben, die mit diesem Konzept, welches zudem stetig überprüft und an die Entwicklungen angepasst wird, weltweit hohe Anerkennung genießen.“

Foto: IMAGO

Im Corona-Testbetrieb zeichnet sich derzeit eine deutliche Entspannung ab. Grund dafür sind die sogenannten Antigentests, die nachweisen, ob im Körper Antigene des Sars-Cov2-Virus sind. Die Tests sind zwar nicht ganz so genau wie die PCR-Tests. Sie haben aber einen ganz entscheidenden Vorteil: Antigentests kann man in der Regel selbst durchführen. Sie müssen nicht im Labor analysiert werden und liefern innerhalb von etwa 15 Minuten ein Ergebnis. In Pflegeheimen und Kliniken werden die Tests schon massenhaft angewendet, um Krankenhausinfektionen zu vermeiden und die Labore mit den Massentests nicht zu überlasten.

Antigentests für die Bundesliga?

Für die Bundesliga würden Antigentests aufgrund ihrer einfachen und schnellen Funktionsweise sicherlich auch Sinn ergeben. Zudem könnten die Klubs die Labore entlasten. Selbst wenn der Ligabetrieb nur einen minimalen Anteil an der Auslastung der Labore hat – ein schönes Signal wäre es dennoch, wenn die Klubs hier auf ihren eigenen Beinen stünden. Zudem würden sie sich weniger angreifbar machen.

[Titelbild: IMAGO]

Politik rein in die Stadien!

Politik rein in die Stadien!

Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?

Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?

“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”

So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:

„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

  • jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
  • jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
  • jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
  • jegliche diskriminierende Organisation,
  • jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
  • jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
  • Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“

Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.

Politik ja, aber nur das was wir wollen.

Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.

Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.

Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.

Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.

Fußball als politisches Vakuum?

Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.

Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.

Sport war, ist und bleibt ein Politikum

Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.

Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt. 

Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.

Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)

Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.

Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?

An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.

Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.

Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.

Auch Hertha geht wählen

Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.

Foto: IMAGO

Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.

Welchen Umgang wollen wir finden?

Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.

Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.

Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.

Fußball nicht nur Rückzugsort

Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?

Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.

Foto: IMAGO

Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.

Das Private ist politisch

Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.

Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.

Poldolski hatte Recht

„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.

(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)

Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.

Worauf es ankommt

Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.

Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.

[Titelbild: IMAGO]

Wer nicht spielt, der nicht gewinnt

Wer nicht spielt, der nicht gewinnt

Immer wieder hören wir von Fußballspielern, dass sie sich nicht haben durchsetzen können. Doch was bedeutet das und welche Tücken hat es, wenn man überhaupt nicht spielt?

Nicht nur der Fußball kennt Legenden, auch in der Wissenschaft gibt es Akteure, die das Feld nachhaltig beeinflusst haben. In der Psychologie ist einer dieser Koryphäen der Kanadier Albert Bandura (94). Auf ihn gehen einige der wichtigsten Theorien des letzten Jahrhunderts zurück. Eine davon ist die der Selbstwirksamkeitserwartung. Wir wagen deshalb mal einen Ausflug in die Untiefen des menschlichen Geistes um herauszufinden, was eventuell in den Köpfen der Fußballstars vorgeht.

Was bringt uns dazu, etwas zu tun?

Die Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) beschreibt die Überzeugung, dass man ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen kann. Ein konkretes Beispiel wäre hier zum Beispiel ein Dribbling. Stellt euch vor, ihr habt den Ball und seht einen Gegenspieler auf euch zulaufen. Geht ihr ins Eins-gegen-Eins? Spielt ihr den Ball schnell ab? Ein wichtiger Aspekt in euerer Entscheidung ist eure inhärente Überzeugung, ob ihr zu den jeweiligen Verhaltensalternativen überhaupt in der Lage seid. Die SWE hängt mit ganz vielen wichtigen Outcomes unseres Lebens zusammen. Sie beeinflusst zum Beispiel, wieviel Ausdauer und Anstrengung wir in eine bestimmte Tätigkeit investieren, aber auch unsere psychische Gesundheit. Wir bleiben trotzdem in der Welt des Sports.

(Photo by Clive Rose/Getty Images)

Erinnert euch mal an die WM 2014 zurück. Achtelfinale gegen Algerien. Mitten zwischen den beinharten Gegnern und Per Mertesacker‘s Eistonne ein damals 28-Jähriger Manuel Neuer, der im Alleingang das Torwartspiel revolutionierte, indem er einfach mal auch den Libero mimte und zu waghalsigen Rettungsaktionen weit außerhalb des Strafraums ansetzte. Im Grunde genommen hat er dabei nichts bahnbrechend Neues gemacht. Ein Tackling ist erstmal ein Tackling, unabhängig davon, wer es ausführt. Allerdings lässt die Tatsache, dass er sich eine solche Aktion als Torwart und gleichzeitig letzter Mann zugetraut hat, auf eine enorme SWE schließen. Wenn er nicht zu fast 100 Prozent davon überzeugt wäre, dass er eine solche Aktion in puncto Geschwindigkeit und Timing hätte leisten können, er hätte es wohl gar nicht erst versucht.

Hierbei lässt sich ein weiterer wichtiger Punkt der Theorie Banduras erkennen, die sogenannte Ergebniserwartung. Das ist die Überzeugung, dass ein Verhalten zum gewünschten Ergebnis führen wird. Auch hier werden Alternativen gegeneinander abgewogen. Was bringt im obigen Beispiel mehr? Wenn ich am Gegner vorbeidribble oder wenn ich meine Mitspieler mit einem Pass in Szene setze? Bei Manuel Neuer bestanden die Alternativen zwischen mehreren Szenarien. Einmal außerhalb des Strafraums und ohne Zuhilfenahme der Hände und einmal im Strafraum, wo der Gegner allerdings teilweise in guter Schussposition gewesen wäre. Stellt man sich die Entscheidungsfindung als Flussdiagramm vor, stünde die SWE zwischen Person und Verhalten (Kann ich das überhaupt?) und die Ergebniserwartung zwischen Verhalten und Ergebnis (Bringt das was?). Die jeweilig getroffene Entscheidung kann man dann als Multiplikation beider Variablen verstehen. Wenn eine 0 ist, dann ist das Produkt auch 0 und die Alternative wird ausgeschlossen.

Erfahrung und Entscheidungsfindung

Erfahrung spielt jetzt eine wichtige Rolle. Wird die Erfolgschance eines bestimmten Verhaltens als zu hoch eingeschätzt, dann kann das Produkt mal schnell größer werden als die eigentlich sichere und objektiv bessere Variante. Es geht hierbei um die individuelle Überzeugung, die natürlich mit objektiver Wahrscheinlichkeit zusammenhängt (dazu gleich mehr), aber eben nicht damit identisch ist.

Ein Erfahrener Spieler kann seine Fähigkeiten und die Erfolgschancen seines Verhaltens viel besser einschätzen als ein „junger wilder“. Das kann man wunderbar an den Spielern sehen, die im Laufe ihrer Karriere ihren Spielstil komplett umgestellt haben (Ronaldo, Matthäus, Schweinsteiger). Das Wissen um altersbedingten physischen Abbau und die Anpassung daran kann aus einer Karriere noch einige gute Jahre herausholen.

Quellen der Selbstwirksamkeitserwartung

Wenn SWE jetzt so wichtig für spielerische Brillanz ist, warum trainiert man die dann nicht einfach jeden Tag und freut sich über den siebten CL-Titel in Folge? Es gibt hier leider keine Wunderpille. Aber dennoch hat SWE vier mögliche Quellen. Jede trägt – in aufsteigender Reihenfolge – mehr dazu bei, dass SWE aufgebaut wird:

  • Subjektive physiologische Zustände. Freust du dich, wenn du an eine bestimmte Aufgabe denkst oder hast du die Hosen voll? Sollte ersteres der Fall sein, dann trägt das zu deiner SWE bei, bei letzterem wird sie vermutlich eher drunter leiden. Frei nach dem Motto: „Da kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief´s ganz flüssig.“- Paul Breitner
  • Positiver Zuspruch. Lob und zu hören, dass man etwas schafft, erhöht tatsächlich die SWE. Deshalb sind geachtete Führungsspieler wichtig, denn von ihnen bedeutet das Lob viel mehr. Oder wollt ihr lieber vom dritten Torwart ermutigt werden, als von Zidane?
  • Stellvertretende Erfolgserfahrungen. Sehen wir, dass es bei anderen klappt, können wir denken: „Hey, das schaff ich auch!“. Das gewinnt besonders unter dem Aspekt des Teamsports an Bedeutung. Läufts bei allen, dann vielleicht auch bei dem, der eigentlich nicht so gut ist.
  • Eigene Erfolgserfahrungen. Die allerwichtigste Quelle von SWE. Wenn es einmal geklappt hat, dann klappt das auch ein zweites mal. Manuel Neuer hat es nicht bei einer waghalsigen Rettungsaktion belassen, sondern hat das ganze gleich mehrmals abgezogen. Hier spielt dann auch die objektive Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Entsprechendes Verhalten gelingt statistisch gesehen öfter und beeinflusst dann die subjektive Überzeugung.

Alle diese Aspekte kann man sicherlich durch Training beeinflussen. Wenn es da gut läuft, dann wahrscheinlich auch im Spiel. Letzteres ist aber natürlich die ultimative Bewährungsprobe eines jeden Spielers. Der Druck ist enorm und ein Fehler kann den Sieg kosten. Das kann auch erklären, warum manche Mannschaften sich einfach nicht trauen riskant aufzuspielen. Die Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten ist, wie schon erwähnt eine Multiplikation von SWE und Ergebniserwartung und auch wenn man prinzipiell zum schnellen Angriffsfußball in der Lage ist (SWE), gegen die Bayern klappt das vielleicht weniger als gegen den Tabellenletzten (Ergebniserwarung). Entscheidungsfindung ist also extrem dynamisch und hängt immer auch davon ab, was in der Vergangenheit schonmal zum Erfolg geführt hat. Daher ist es Aufgabe des Trainers seine Spieler zu bestärken (Quelle 2), wenn der eigentliche Matchplan mal nicht funktioniert hat und man nicht auf aktuelle Erfolgserfahrungen zurückgreifen kann.

Die situationale Komponente von SWE kann man wunderbar an Elfmetern sehen. Im „Finale Dahoam“ trauten es sich die etablierten Schützen, darunter Toni Kroos, teilweise nicht zu in dieser Situation das gewünschte Verhalten zeigen zu können. Manuel Neuer musste antreten. Im WM Finale 1990 verzichtete der Stammschütze Matthäus aufgrund unbequemer Schuhe und Uli Hoeneß trat 1976 zum Elfmeter an, obwohl er eigentlich nicht wollte und verschoß schließlich.

Erfolge hängen vom Spielen ab

Um Erfolge zu feiern, muss man die Gelegenheit haben, Erfolge zu erzielen. Was klingt wie ein Spielfeldinterview nach Verlängerung und Elfmeterschießen, offenbart die wichtigste Ressource, wenn es um die Entwicklung von Spielern geht: Einsatzzeit. Klar, um den Trainer für mich zu gewinnen, muss ich in Wettkampfsituationen zeigen, was ich drauf habe.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Darüber hinaus sind aber Erfolgserlebnisse wichtig, um meine Motivation aufrecht zu erhalten. Wenn ich eingewechselt werde, zwei Tore mache und das Spiel entscheide, dann werde ich eine Menge dafür tun, um wieder eingewechselt zu werden. Gleichzeitig führen Menschen mit hoher SWE Misserfolg eher auf ungenügende Anstrengung (leicht beeinflussbar), Menschen mit niedriger SWE auf mangelnde Fähigkeiten (schwer zu beeinflussen) zurück. Wenn ich also sieben Spiele hintereinander auf der Bank sitze, dann beginne ich mitunter, an mir selbst zu zweifeln, was sich negativ auf meine Motivation auswirkt, wodurch ich das Training schleifen lasse, was sich dann letztendlich negativ auf meine Einsatzchancen per se auswirkt.

Hier sind mentale Unterstützung und ein gesundes Selbstvertrauen notwendig, damit sich vor allem junge Spieler von einer entsprechenden Situation nicht unterkriegen lassen. Alle wollen spielen, und alle müssen spielen, damit sie weiter motiviert sind alles zu geben.

Das in guter Balance zu halten, ist Aufgabe des Trainers. Dieser ist aber natürlich auch ein Mensch, der Entscheidungen treffen muss und damit eine eigene SWE hat. Eine Mannschaftsaufstellung auszudrucken ist dabei vielleicht nicht so anspruchsvoll, wie ein 60-Meter-Pass, aber die Entscheidung sich zum Beispiel für ältere und konstantere Spieler zu entscheiden, weil die eher den Sieg einheimsen (Ergebniserwartung), hat klare Nachteile für junge Spieler, die sich in der Entwicklung befinden. Außerdem bleibt’s ja nicht beim Ausdrucken. Einen Matchplan aufzustellen und detailliert auszuarbeiten, ist keine universelle Fähigkeit, auch wenn das beim Public Viewing und in den sozialen Netzwerken schnell mal vergessen wird. Wenn man schlussendlich noch bedenkt, dass der Trainer auch Erwartungen darüber hat, ob Spieler das von ihnen erwartete Verhalten zeigen können und auch ihre SWE der Fremdbeurteilung unterliegt, ist das Chaos perfekt.

Viel zu beachten

Es wird deutlich, dass es viele Faktoren gibt, die uns, unser Verhalten und unsere Umwelt beeinflussen können. Bandura sprach deshalb vom reziproken Determinismus, einem Modell, indem Umwelt, Person und Verhalten in ständiger Interaktion zueinander stehen. Wer den Grund für die schlechte Performanz von Spielern einzig und allein in deren Person sucht, tut einer komplexen Dynamik damit unrecht.

Ob ein Spieler sich durchsetzt, hängt deshalb nicht nur von seiner eigenen Anstrengung, sondern auch von den äußeren Umständen ab. Ist ein Leistungsträger verletzt, mag mich der Trainer, kann ich meine SWE gut managen – das spielt alles eine Rolle.

Foto: IMAGO

Die Theorie der Selbstwirksamkeitserwartung ist dabei kein Allheilmitte. Ich werde nicht plötzlich zum nächsten Messi, nur weil man mich jeden Tag pusht. Sollte ich allerdings gar nicht davon überzeugt sein, dass ich es überhaupt schaffen kann, wird das wohl auch nichts.

Für eine oberflächliche und grobe Analyse der Spielerentwicklung oder -entscheidungsfindung eignet sich die Theorie jedoch allemal. Ein Spieler, der vielleicht die Erfahrung gemacht hat, dass Tricks ihn weiterbringen, wendet mehr Zeit darauf auf, diese Strategie zu perfektionieren. Jemand, der eher über seine Physis kommt geht, hingegen mehr Gewichte stemmen. Die grundlegende Gefahr besteht jedoch darin, zu falschen Überzeugungen bezüglich Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartung zu kommen. Junge Talente, die davon überzeugt sind, eh nicht trainieren zu müssen, weil sie schon alles können, werden ebenso scheitern, wie die Spieler, die glauben, dass der Schuss aufs Tor immer die beste Alternative ist.

Spieler als Menschen sehen

Man kann es eigentlich nicht oft genug betonen: Spieler sind auch nur Menschen. Sie treffen fehlerhafte Entscheidungen, leiden unter Selbstzweifeln oder sind enttäuscht. Gerade deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Taktik und Aufstellung das Eine sind, die Maschinerie Profimannschaft jedoch aus sensiblen Teilen besteht, die alle sorgsam gepflegt werden wollen. Ob sich ein Spieler letztendlich reinkniet und sich durchsetzt, hängt eben auch davon ab, ob man an ihn glaubt und ihm die Gelegenheit dazu gibt zu zeigen, dass er es kann.

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Herthas U23 – Wie schlägt sich Berlins Zukunft?

Herthas U23 – Wie schlägt sich Berlins Zukunft?

Während die erste Bundesliga bisher nur zum dritten Spieltag fortgeschritten ist, spielte die Truppe von Andreas „Zecke“ Neuendorf in der Regionalliga bereits gegen neun verschiedene Gegner aus dem Nordosten Deutschlands. Zeit für einen Blick auf den Saisonstart, den Kader und einige Einzelspieler der U23.

Noch läuft nicht alles

Bei der zweiten Mannschaft von Hertha BSC hat sicherlich die Weiterentwicklung der Jugendspieler Vorrang gegenüber dem sportlichen Erfolg. Dennoch wollen wir hier einen kurzen Blick auf die gesamtmannschaftliche Lage in der Anfangsphase der Regionalligasaison werfen.  Schaut man auf die Ergebnisse der ersten neun Spiele bis zur Länderspielpause, deutet sich ein recht durchwachsener Saisonbeginn an. Drei Siege, drei Niederlagen und drei Remis bei einem Torverhältnis von elf geschossenen zu viertzehn kassierten Toren konnte die U23 verbuchen. Anders als in der vergangenen Saison, in die man mit sechs Siegen aus den ersten sieben Spielen sehr erfolgreich gestartet war, glich die Anfangsphase dieser Saison eher einem Auf und Ab. Denn den zwei siegreichen ersten Spielen folgte eine Phase aus sechs Spielen in denen man sieglos blieb, darunter auch eine 2:5-Niederlage gegen den Berliner AK. Zuletzt konnte man sich wieder etwas fangen und die Spiele vor der Unterbrechung etwas erfolgreicher gestalten. Dennoch läuft in einigen Bereichen noch nicht alles wie gewünscht.

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Ein paar mögliche Ursachen und Umstände dafür, dass bei der Mannschaft von Andreas „Zecke“ Neuendorf noch nicht alles optimal läuft, lassen sich aber herausarbeiten. Ein Grund dafür mag sicherlich der Umbruch im Kader sein, der in diesem Jahr besonders groß war. Insgesamt sieben Spieler aus der U19 sind nun fester Bestandteil der zweiten Mannschaft und müssen sich teilweise erst an den Männerfußball in der Regionalliga gewöhnen. In der verkürzten Vorbereitung fehlte außerdem Zeit, um sich als Team besser zusammenzufügen und das Zusammenspiel zu verbessern. Das Resultat: in der Mannschaft fehlt es an Abstimmung und man ist auf dem Platz noch nicht so gut aufeinander eingespielt. Ganz ähnliche Probleme also wie in der Profimannschaft von Bruno Labbadia.

Dass viele junge Spieler die Vorbereitung nicht in der zweiten Mannschaft mitmachten, sondern zunächst bei den Profis trainierten und teilweise eher spontan zum Team stoßen, mag ein weitere Ursache für dieses Problem sein. Darunter litt auch das Offensivspiel der Mannschaft, bei dem viel Wert auf gut abgestimmte und schnelle Kombinationen gesetzt wird. Man zeigte zwar fast nie eine schlechte Leistung, doch die aus den vergangenen Jahren bekannte offensive Wucht und Dominanz konnte man bis jetzt kaum zeigen. Trotz mehr Ballbesitz blieb man oft zu ungefährlich und zeigte sich defensiv wiederum anfällig. Die Länderspielunterbrechung könnte der zweiten Mannschaft hier jetzt entgegenkommen. Zwar muss man auch einige Spieler für die Jugendnationalmannschaften abstellen, jedoch ist die Zahl der Spieler hier deutlich geringer als beim Team von Bruno Labbadia. So kann man die Trainingszeit gut nutzen, um besser als Team zusammenzuwachsen und die Abstimmung zu verbessern, sodass man in der Tabelle wieder etwas nach oben klettert.

Erwartbare Inkonstanz

Der kleinere Leistungseinbruch soll hier aber auch gar nicht größer gemacht werden, als er war. In einer Krise befindet sich die Mannschaft keineswegs und eine gewisse Inkonstanz war sogar zu erwarten. Denn die Mannschaft ist das jüngste Team der Liga und gleicht in vielen Teilen eher einer U21 als einer U23. So ist nach dieser ersten Saisonphase unter den zehn Spielern mit den meisten Einsatzminuten nur ein Spieler gewesen, der älter als 21 ist. Und das ist der 30-jährige Kapitän Tony Fuchs. 16 Spieler aus dem Kader sind 19 Jahre alt oder jünger. Ein so junges Team darf Fehler machen. 

Umso erstaunlicher ist es, dass man weiterhin nahezu jeden Gegner, was die Ballbesitz und Passzahlen angeht, dominiert. Und das gegen Spieler, die zum Teil zehn Jahre älter und körperlich deutlich weiter und robuster sind. Nur an offensiver Durchschlagskraft und Effizienz vor dem Tor mangelt es dem Team aktuell ein wenig. Aber auch das ist wenig überraschend, da der Toptorschütze der letzten Saison, Muhammed Kiprit, zum Drittligisten Uerdingen wechselte und Jessic Ngankam, Spieler mit den meisten Scorerpunkten in der letzten Saison, zuletzt vor allem bei den Profis zu finden war. Nachrückende Spieler benötigen meist etwas Zeit, um sich an das gesteigerte Niveau zu gewöhnen. Geduld ist gefragt und die bringt Trainer „Zecke“ Neuendorf mit.

Auffällige Einzelspieler

Abgänge und Umbruch bedeuten auch es gibt einige neue Gesichter, die sich nun in der Mannschaft von Zecke Neuendorf zeigen können. Wir wollen nun einen kurzen Blick auf einige Einzelspieler werfen, die über die letzten Wochen aufgefallen sind oder neu im Team sind.

Jonas Michelbrink

Michelbrink ist einer von nur drei Spielern, die bisher in jedem Spiel der Saison auf dem Platz standen. Diese Zeit nutzte er gut und machte mächtig auf sich aufmerksam. Michelbrink spielt in der U23 auf der Zehn und war in der letzten Saison Stammspieler in der U19. Dort stand er aber immer ein wenig im Schatten von Lazar Samardzic. Nun nutzte der 19-Jährige seine Chance und konnte besonders zu Saisonbeginn seine Stärken fantastisch auf den Platz bringen. Der gebürtige Hannoveraner bringt eine tolle Technik sowie eine gute und vor allem enge Ballführung mit. Das macht ihn für seine Gegenspieler schwer zu greifen und er kann sich auch im dicht besetzten Zentrum mit Ball am Fuß behaupten.

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Außerdem verfügt er über eine gute Übersicht. Immer wieder gelingt es ihm mit seinem starken rechten Fuß seine Mitspieler gut einzusetzen und Gefahrensituationen zu kreieren. Wenn sich die Gelegenheit bietet, setzt Michelbrink auch gerne mal zu einem Dribbling an. Wie zum Beispiel am dritten Spieltag beim Auswärtsspiel gegen Chemie Leipzig als er mit einem tollen Dribbling an seinem Gegenspieler vorbeiging und so von links in den Strafraum eindringen konnte. Kurz vor dem Tor legte er dann überlegt zu Muhammed Kiprit rüber, der dann zum 1:0 verwandeln konnte.

In den letzten Spielen zeigte Jonas Michelbrink sich nicht mehr ganz so auffällig, gehörte aber definitiv zu den besseren Spielern im Team. Insgesamt ist Michelbrink aber ein Spieler, der das Offensivspiel der U23 mit seiner Kreativität beleben kann und dem zurzeit recht dezimierten Regionalligapublikum mit seinen Aktionen immer wieder ein Raunen entlockt. Schafft er es, sich auch in schwierigen Spielen noch mehr zu zeigen, kann man mit einer tollen Saison bei der U23 von ihm rechnen. Seine gute Leistung wurde nun auch von Cheftrainer Bruno Labbadia honoriert indem er Michelbrink während der Länderspielpause erste Trainingseinheiten bei den Profis mitmachen ließ.

Luca Netz

Netz gilt als eines der größten Talente bei Hertha und sogar in Deutschland. Hinter ihm liegt ein turbulenter Sommer mit einer Verletzung, einer Auszeichnung mit der Fritz-Walter-Medaille und seiner ersten Saisonvorbereitung bei den Profis. Als die Saison bei den dann Profis begann, sammelte Luca Netz seine ersten Einsätze bei der zweiten Mannschaft, um Spielpraxis zu bekommen. Netz ist der einzige Spieler aus dem 2003er-Jahrgang im Team von „Zecke“ Neuendorf und er könnte mit seinen 17 Jahren eigentlich noch bei der U17 spielen.

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Drei Spiele machte der Linksverteidiger bisher in der Regionalliga und konnte seine Qualitäten bereits recht gut einbringen. Er ist ein Linksverteidiger, der sich sehr gerne am Offensivspiel beteiligt und immer wieder tief in der gegnerischen Hälfte zu finden ist. Mit Ball sucht er gerne den direkten Weg in den Sechzehner, auch mal mit einem cleveren Dribbling, oder zur Grundlinie. So kommt er gut in Positionen aus denen er gefährliche Hereingaben ins Zentrum spielen kann. Besonders im Spiel gegen den Chemnitzer FC am 8. Spieltag konnte mehrfach solche Hereingaben von ihm beobachten. Halbherzige Halbraumflanken sieht man also von ihm eher weniger.

Um rechtzeitig wieder auf seine Position im Spiel gegen den Ball zu kommen, verfügt er über das nötige Tempo und ist außerdem recht laufstark. Er muss bei seiner Defensivarbeit aber noch etwas konsequenter werden. Die Regionalliga ist da sicher ein guter Zwischenschritt für ihn, um auch sein Zweikampfverhalten noch zu verbessern.

Ruwen Werthmüller

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Werthmüller kam genau wie Michelbrink dieses Jahr von der U19 zur zweiten Mannschaft von Hertha BSC und stand ebenfalls bisher in jedem Spiel auf dem Platz. Er spielt bevorzugt im Sturmzentrum oder auf der linken Außenbahn. Seine größte Stärke ist sicherlich seine hohe Endgeschwindigkeit gepaart mit einem guten Antritt. So kann er immer wieder zu gefährlichen Tiefenläufen ansetzten und sorgt besonders dann für Gefahr, wenn er mit hoher Geschwindigkeit auf das gegnerische Tor oder die Abwehr zu laufen kann. Wie zum Beispiel am ersten Spieltag, als Lok Leipzig in der Schlussphase noch einmal Druck machte, aber der eingewechselte Werthmüller bei einem Konter denn Ball entscheidend in Richtung des Strafraums trieb und so das entschiedene 3:1 vorbereitete.

Da Hertha jedoch sehr häufig gegen tiefstehende Gegner spielt, kommt es nicht allzu oft zu solchen Situationen. Das Kombinationsspiel und die Technik gehören nicht zu Werthmüllers größten Stärken. So gab es Spiele, in denen er kaum auffiel und wenig Gefahr ausstrahlte. Und auch vor dem Tor muss der Schweizer noch effizienter werden. Unter Trainer Neuendorf erhält die nötige Spielpraxis, um sich in diesen Bereichen noch zu verbessern und weiterzuentwickeln.

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Herthas Transfersommer: Anspruch und Wirklichkeit

Herthas Transfersommer: Anspruch und Wirklichkeit

Das Agieren der Hertha auf dem Transfermarkt wurde mit Spannung erwartet. Würde die alte Dame auf neureiche Shoppingtour gehen, wie im vergangenen Winter oder sich zwischen der harten Konkurrenz der internationalen Topklubs verspekulieren? Wir blicken genauer auf Herthas Transferschaffen und die Dynamiken des Transfermarktes.

Auf dem Markt gescheitert?

Die Umstände vor dem Transferfenster hätten für Hertha nicht besser sein können. Der prognostizierte, Corona bedingte Markteinbruch in Verbindung mit den Windhorst-Millionen sicherten den Berlinern schon im Vorfeld den Status als „Big-Player“. Nie waren die Erwartungen höher und nie waren die kolportieren Namen größer als in diesem Jahr. Doch die frühzeitige Freude wich bald der Ernüchterung der harten Realität. Von dem vorhergesagten Umbruch des Marktes war nichts zu spüren, wie Bruno Labbadia resigniert feststellen musste: “Es ist nicht mehr gesund. Egal, bei welchem Spieler du anfragst – selbst wenn er gerade ein halbes Jahr gespielt hat und du ein Talent in ihm siehst -, er kostet zehn, 15 Millionen – das ist einfach nicht normal.” Diese Einschätzung führte zu einer eher negativen Bilanz des Cheftrainers: „Wir haben uns die Transferperiode anders gewünscht, wir sind da gescheitert. Aber der Markt ist nicht aufgegangen.”

Doch was meint Bruno Labbadia damit? Ein Blick auf die Zahlen. Hertha hat in dieser Transferperiode insgesamt fünf komplett neue Spieler verpflichtet und hat dafür 33,5 Millionen Euro ausgegeben. Darüber hinaus wurde Eduard Löwen vorzeitig aus Augsburg zurückgeholt. Diese sechs Neuzugänge sind die Spieler, mit denen vor der Transfperiode nicht gerechnet werden konnte. Leihe-Enden, wie die von Nils Körper und Daishawn Redan sind hier nicht mit einberechnet, da sie nicht das Agieren in der diesjährigen Transferperiode widerspiegeln. Auf der Gegenseite haben 13 Spieler die erste Mannschaft verlassen. Dazu kommen Abgänge von Spielern der U23, wie Muhammed Kiprit, Dennis Smarsch und Luis Klatte. Für nur vier dieser Abgänge wurden Transfereinnahmen generiert. So belief sich das Transfereinkommen auf 12,3 Millionen (alle Finanzangaben im Laufe des Artikels wurden von transfermarkt.de bezogen). In der Bilanz macht das also 21,2 Millionen Euro mehr Ausgaben als Einnahmen.

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Vergleichen wir das mit den letzten Jahren. In der Saison 19/20 holte der Verein zehn neue Spieler und gab dafür 110,7 Millionen aus. Hier fiel vor allem das Wintertransferfenster ins Gewicht. Beflügelt vom Einstieg des Investors gab Hertha hier 77 Millionen aus. Dem gegenüber standen neun Abgänge aus der ersten Mannschaft zuzüglich einiger Junger Spieler. Hertha nahm so 23,45 Millionen Euro ein, was unterm Strich ein Minus von 87,25 Millionen Euro ergibt. Das sind die beiden Saisons mit Lars Windhorst. In den Saisons davor waren die Einnahmen und Ausgaben wesentlich balancierter. 18/19 +0,9 Millionen, 17/18 +4, 16/17 -1,7. Hertha gibt also nicht nur wesentlich mehr aus, als sie einnimmt, sondern auch ein Vielfaches dessen, was sie in den Saisons vor dem Tennor Einstieg investiert hat. Das zeigt erstmal nur, dass das Geld auch tatsächlich in den Kader gesteckt wird.

Das vermeintliche Scheitern auf dem Transfermarkt bezieht sich also vermutlich eher darauf, dass nicht genügend Spieler verpflichtet werden konnten, um all die Abgänge angemessen kompensieren zu können. Das ist natürlich immer relativ zu den Spielern zu sehen, die den Verein verlassen haben. Die Not einen Alexander Esswein zu ersetzen ist geringer, als die einen neuen Leader, wie Vedad Ibisevic zu finden. Unabhängig davon wird das Ersetzen durch die von Bruno Labbadia angesprochenen Preise auf dem Transfermarkt in Kombinationen mit den Ambitionen des Clubs zusätzlich erschwert. Wurde die letzten Jahre immer mindestens ein Spieler ablösefrei verpflichtet, stürzte man sich dieses Jahr direkt ins Getümmel und bot fleißig mit. Die Tatsache, dass die finanzielle Potenz der Hertha allseits bekannt ist, half hier sicherlich nicht unbedingt weiter die Preise zu drücken. Das muss sich gar nicht bei den Ablösesummen äußern, sondern kann sich auch in den geforderten Gehältern und Handgeldern niederschlagen. Der schon fast sicher geglaubte Wechsel von Jeff Reine-Adélaïde soll, wenn man den unbestätigten Berichten Glauben schenken mag, letztendlich auch daran gescheitert sein, dass sein Berater und Bruder ein unverhältnismäßig hohes Honorar verlangt haben soll.

Die Rolle von Corona

Im Vorfeld der Wechselperiode wurde viel darüber spekuliert, wie sich die Pandemie auf die Preise auswirken würde. Es wurde angenommen, dass Vereine dringend Geld generieren müssten und Spieler deshalb besonders günstig von dannen ziehen lassen würde. Eine ideale Situation für eine finanzstarke Akteurin, wie Hertha. In der Tat scheint die aktuelle Situation viele Vereine hart zu treffen. Es ist wohl nur den Windhorst-Millionen zu verdanken, dass Hertha vergleichsweise gut durch die Krise kommt. So stellte Manager Michael Preetz klar, dass, wenn die aktuelle Geisterspielsituation anhielte, Hertha mit einem zweistelligen Millionenverlust rechnen müsse. Bei aller Euphorie darf man deshalb nicht vergessen, dass auch Hertha gut wirtschaften muss und nicht einfach das ganze Geld zum Fenster rausschmeißen darf.

Überhaupt scheint es so, als würde manch Verein an der falschen Stelle sparen. Der FC Arsenal kündigte unlängst seinem langjährigen Maskottchen, gab aber diese Periode 67,35 Millionen Euro mehr für Spieler aus, als es einnahm. Dass es aber auch wirklich Ernst werden kann, zeigt das Beispiel Schalke 04. Die Knappen (nomen est omen) gaben diese Saison nur 2 Millionen Euro für Transfers aus und konnten nur 4,5 Millionen Euro Einnahmen generieren (Allesamt aus der Leihgebühr von Weston McKennie). Gleichzeitig sahen sie sich zu drastischen Maßnahmen, wie den Kündigungen langjähriger Mitarbeiter*innen, genötigt.

Das sind alles allerdings nur die berühmten Einzelfälle. Spannender ist die Frage, inwieweit sich die Ausgaben insgesamt verändert haben. Im diesjährigen Sommertransferfenster gaben die Bundesligavereine insgesamt 320,4 Mio. Euro aus. Spitzenreiter war die Premier League mit 1,37 Milliarden Euro. Das ist ein krasser Unterschied zum letzten Jahr. Hier gaben die Bundesliga 1,07 Milliarden und die Premier League 2,93 Milliarden Euro aus. Im Jahr davor waren die Ausgaben noch höher. Die Premier League gab 4,38 Milliarden und die Bundesliga 1,55 Milliarden Euro für neue Spieler aus. Der Einfluss der Corona-Pandemie ist also direkt sichtbar. Anstatt ihre Spieler zu verschleudern, hielten die Vereine ihr Tafelsilber eher zusammen oder waren nur bereit sie für hohe Summen gehen zu lassen.

Was bleibt?

Auffällig ist, dass Hertha eine immer größere Rolle auf dem Transfermarkt einnimmt. Auch in Zeiten von Corona entfielen knapp 10% der Ausgaben der Liga auf die Spree-Athener. Im Ligavergleich gaben nur Bayern und Dortmund mehr Geld als wir aus. Dass die Verantwortlichen die Transferperiode dennoch als „gescheitert“ ansehen, hängt wohl eher mit der immensen Aufgabe und den eigenen Ansprüchen zusammen. Man muss dennoch beschwichtigend dagegenhalten, dass all zu hohe Erwartungen in dieser Saison eh fehl am Platz wären. Es soll eine Spielzeit des Umbruchs sein. Auf Teufel komm raus neue Spieler zu verpflichten, kann nicht im Sinne der langfristigen Strategie des Vereins sein. So wirken Notlösungen, wie die Rückholaktion um Eduard Löwen oder Last-Minute-Leihe von Matteo Guendouzi auf den ersten Blick etwas enttäuschend, andererseits bietet die aktuell mäßige Kaderbreite auch jungen Spielern die Gelegenheit sich beweisen zu können. Eigengewächs Jessic Ngankam wollte sich unbedingt ausleihen lassen, konnte aber im letzten Moment davon abgebracht werden. Das Inausichtstellen von Spielzeit könnte hier ein entscheidender Punkt gewesen sein.

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Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob die jungen Wilden entsprechendes Vertrauen auch zurückzahlen können. Das das möglich ist, zeigt das Beispiel Chelsea. Mit einer Transferssperre belegt, blieb den Londoner in der Saison 2019/20 nichts anderes übrig als auf die eigene Jugend zu bauen. Der Erfolg konnte sich durchaus sehen lassen. Allerdings schien er der Clubführung nicht auszureichen. Mit diesjährigen Ausgaben von 247,2 Mio. Euro setzten die Blues sich an die Spitze der Ausgaben.

Die Corona-Pandemie hat den Berliner Verantwortlichen sicherlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gleichzeitig ist sie aber auch eine willkommene Ausrede, um die Erwartungen an den Verein auf ein gesundes Niveau zu regulieren. Niemand außerhalb Herthas kennt die selbstgesteckten Ziele dieser Transferperiode, also kann niemand Außenstehendes hier ein Urteil abgeben, inwieweit diese erreicht oder nicht erreicht wurden. Von außen wirken alle bisherigen Transfers dennoch gut durchdacht. Es scheiterte eher an der Quantität, als Qualität. Dass ein Marko Gruijic nicht erneut ausgeliehen werden konnte und jetzt für Porto aufläuft, ist ärgerlich, aber angesichts seiner schwankenden Form nicht allzu sehr zu bedauern. Mario Götze wäre ein schillernder Name gewesen, hätte aber nicht wirklich in das System Labbadias gepasst. Somit lässt sich in der aktuellen Situation aus der Not durchaus eine Tugend machen. Das endgültige Scheitern lässt sich spätestens nach der Hinrunde feststellen.

Will Hertha auch in den nächsten Jahren ein bedeutender Akteur auf dem Transfermarkt sein, heißt es mit Umsicht zu handeln. Bleibt der sportliche Erfolg aus, so zahlt sich das Investment nur langsam zurück. Geduld heißt das Zauberwort. Das betrifft alle Beteiligten. Spieler, wie Fans.

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Kommentierende Analyse – Wie könnte sich Hertha unter Carsten Schmidt verändern?

Kommentierende Analyse – Wie könnte sich Hertha unter Carsten Schmidt verändern?

Mit Carsten Schmidt hat sich unsere Hertha einen der bekanntesten TV-Manager Deutschlands ins Boot geholt. Warum die oftmals beschriebene Entmachtung Michael Preetz‘ nicht zutreffend ist, in welchen Bereichen Schmidt Hertha helfen kann und was sich zum Negativen verändern könnte, beschreibt Benjamin Rohrer in einer Analyse.

Besonders in den heutigen Zeiten sehr wichtig zu erwähnen: Es handelt sich hierbei um eine Analyse, da journalistisch-investigativ gearbeitet wurde, allerdings steckt auch Meinung in diesem Artikel. Wir bitten, das zu berücksichtigen, da es bei unserem Artikel zu Jens Lehmann, der klar als Kolumne gekennzeichnet ist, zu Missverständnissen kam.

Schmidts Anfänge in der Branche

Hertha BSC hat einen neuen Chef. Carsten Schmidt heißt er und war zuletzt für den Fernsehkonzern Sky tätig. Aber wer ist dieser Carsten Schmidt eigentlich? Und wie könnte er Hertha BSC verändern? Dazu zunächst ein kleiner Blick in Schmidts Vergangenheit: Schmidt wurde 1963 im niedersächsischen Lüneburg geboren. Sein Abitur bewältigte er in Winsen an der Luhe, anschließend zog es ihn nach München, um einige Jahre später an der dortigen Fachhochschule sein Studium als Diplom-Betriebswirt abzuschließen.

Schmidt blieb in München und begann seine Karriere bei dem Sportmedien-Dienstleister Wide Media, wo er zwischen 1992 und 1999 Geschäftsführer für die Bereiche Marketing und Television war. Im Juli 1999 begann Schmidt seine Karriere im Sky-Konzern, der damals noch unter dem Namen Premiere firmierte. Zwischen 2006 und 2015 war er Geschäftsbereichsleiter und somit Vorstandsmitglied bei Sky, zuständig für die Ressorts Sport, Werbezeitenvermarktung und Internet zuständig. Als es 2015 den damaligen Sky-CEO Brian Sullivan zurück in die USA zog, wurde Schmidt zum neuen Konzernchef. Innerhalb des Vorstands verantwortete er den Bereich der Sportsender und des Sportrechteeinkaufs sowie wie Online-Aktivitäten und die Werbezeitenvermarktung.

“Liebe auf den ersten Blick”

In Interviews erklärte der heute 57-jährige Schmidt mehrfach, dass er den Sky-Konzern nicht mehr leiten wolle, wenn er 60 wird. Und so kam es wenig überraschend, dass er im vergangenen Jahr ankündigte, dass er die Konzernleitung zum Ende des Jahres 2019 abgeben wolle. Schmidt blieb dem Konzern allerdings als Berater erhalten. Doch wie sich nun herausstellte, hatte Schmidt in seiner neuen Funktion bei Sky auch schon länger Kontakt mit Hertha. Bei seiner Vorstellung erklärten er und Präsident Werner Gegenbauer, dass die Suche nach einem neuen Vereinsboss schon länger liefen und man auch mit Schmidt schon länger verhandelt habe. Schmidt, der seinen Job bei Hertha im Dezember antreten wird, sprach von einer „Liebe auf den ersten Blick“.

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Seine neue Position bei der Hertha ist der Vorsitz der Geschäftsführung. Somit wird er unmittelbarer Vorgesetzter der anderen Geschäftsführer Michael Preetz (Sport), Ingo Schiller (Finanzen), Thomas E. Herrich (Recht, Personal, etc.) sowie Paul Keuter (Kommunikation, Markenführung, etc.). Schmidts künftige Zuständigkeiten innerhalb der Chefetage liegen in den Bereichen Marketing, Vertrieb, Strategie, Unternehmenskommunikation und Internationalisierung. Somit fällt auf: Er wird gerade von Preetz und Keuter Aufgaben übernehmen. Schließlich war Preetz bislang auch für den Bereich Kommunikation/Medien verantwortlich. Auffällig ist die Deckungsgleichheit zwischen Keuters Arbeitsbereichen und Schmidts Kompetenzen. Wenn hier überhaupt von einer „Entmachtung“ die Rede sein kann, dann nicht für Michael Preetz. Schmidt ist kein Fußballexperte. Er weiß, wie man Großkonzerne leitet, wie man neue Geschäftsbereiche erschließt und (neue) Produkte aussichtsreich im Markt platziert. Eigenschaften, die Hertha BSC bitter nötig hat.

Konkrete Pläne für seine Zeit bei Hertha verriet der TV-Manager noch nicht. Schließlich wolle er die derzeit „sehr gut handelnden Kollegen“ nicht respektlos behandeln, so Schmidt. Alle Aussagen darüber, was Schmidt bei Hertha umgestalten könnte, sind daher Vermutungen. Allerdings lässt sich anhand seines Werdegangs abschätzen, wohin die Reise gehen könnte. Klar ist: Schmidt ist in der Fernseh- und Sportmedienbranche einer bekanntesten Manager Deutschlands. In seine Ägide als Sky-Chef fielen unter anderem der Senderstart von Sky Sport News HD, die Einführung neuer Marken wie Sky Q und die Produktion preisgekrönter Sky Originals wie etwa „Das Boot“ und „Babylon Berlin“. Schmidt hat es geschafft, aus einem reinen Fußballsender wie Premiere (Sky) einen Medienkonzern zu machen, der seinen Kunden ein extrem breites Entertainment-Angebot macht. Beispielsweise positionierte er Sky in den vergangenen Jahren im Wettbewerb mit den US-Konzernen Netflix und Amazon, die mit ihrem Serienprogramm in den vergangenen Jahren immer mehr Kunden gewinnen konnten. Unter Schmidts Leitung stieg Sky nicht nur in diesen Wettbewerb der TV-Serien ein, sondern begann auch eigene Serien-Produktionen.

Wandel zum Konzern?

In einem Interview mit dem „GQ Magazin“ sagte der TV-Manager einmal, dass er es bei Sky allen „Skeptikern und Pessimisten“ zeigen wolle, sodass aus „Mitleid Neid wird“. Bei Sky ist ihm das gelungen. Aber dieser Satz lässt sich auch sehr gut auf die Hertha beziehen. Auch das Unternehmen Hertha BSC benötigt in der Öffentlichkeit einen neuen Anstrich. Bei Hertha könnte Schmidt nicht nur – wie damals bei Sky – dafür sorgen, dass der Verein neue Produkte und somit neue Einnahmequellen generiert. Er könnte auch dazu beitragen, dass ein Verein, der insbesondere in den vergangenen Jahren aufgrund diverser interner Unruhen des Öfteren belächelt wurde, wieder in ruhigere Fahrwasser kommt.

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Schmidts Fähigkeit, neue, „gesündere“ Themenschwerpunkte zu setzen, kann Hertha zweifelsohne helfen. Aber sie hat auch einen Preis. Denn machen wir uns nichts vor: Damit Hertha nicht noch einmal ein solches Skandaljahr wie das vergangene erlebt, müssen sich auch intern Strukturen ändern. Was Schmidt diesbezüglich unternehmen möchte, ist natürlich reine Spekulation. Aber auch hier ist ein Blick in seine Vergangenheit erlaubt, um mögliche Szenarien abzuschätzen. Schmidt hat bei Sky einen Konzern mit knapp 2000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 2 Milliarden Euro geführt. Unter seiner Leitung hat der Sky-Konzern allerdings aufgehört, viele Kennzahlen des Unternehmens zu kommunizieren. Die letztbekannten Entwicklungen der Kundenzahlen und des Umsatzes von Sky stammen beispielsweise aus dem Jahr 2016. Die Strategie dahinter ist klar: Möglichst wenig Angriffsfläche für negative Berichterstattung geben, wenn mal etwas schiefläuft.

Denkbar ist natürlich, dass Schmidt auch bei Hertha konzernähnliche Strukturen einzieht, um Diskussionen besser kontrollieren zu können. Konzernchefs sind in der Regel darauf fokussiert, möglichst wenig über das Innere ihres Unternehmens an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Auch bei Hertha kann also damit gerechnet werden, dass die Fans immer weniger über das wahre Innenleben des Clubs erfahren. Die nach außen kommunizierten Inhalte dürften abflachen und stetig aufgehübscht wirken. Man kann das Professionalisierung nennen, das Wort „Intransparenz“ wäre aber auch angebracht. Inwieweit sich das mit dem Modell als eingetragener Verein, der seine Mitglieder informiert halten muss, verträgt, muss abgewartet werden.

Bald kein Vereins-TV mehr?

Sehr spannend ist diesbezüglich aber auch eine weitere Aussage Schmidts in dem oben genannten Interview. Der TV-Manager sprach dort über die PR-Aktivitäten der Clubs. Konkret ging es darum, dass die Vereine immer mehr Nachrichten über sich selbst produzieren und diese auf den eigenen Medienkanälen ausspielen. Reine Sportsender, die insbesondere im Fußballbereich als Informationsquelle Nummer eins galten, ist das natürlich ein Strich durch die Marketing-Rechnung – erst recht, wenn man – wie Schmidt Sky Sports News – erst gerade einen teuren Nachrichtensender aufgebaut hat. Schmidt sagte dazu: „Unnachgiebig kritisch bin ich aber mit den Aktivitäten der Clubs, die zusehends selbst Programme entwickeln und dafür auch Zeit von ihren Spielern und Trainern abfordern. Da ist für mich eine Grenze überschritten, weil uns als wirtschaftlich ins Risiko gehenden Partner diese Zeit dann eben nicht mehr zur Verfügung steht und unsere Berichterstattung dadurch mehr und mehr eingeschränkt wird, indem wir weniger Zugang haben zu der journalistischen Betrachtung, die der Zuschauer unabhängig, nicht geprägt durch eine Vereinsbrille, erwartet und für die er zahlt. Dieser Trend gefällt mir nicht und er muss korrigiert werden.“

Als neuer Hertha-Chef dürften es aber genau diese selbst produzierten Inhalte sein, die ihm dabei helfen, die öffentliche Diskussion über Hertha BSC besser zu kontrollieren. Dazu passend sagte Schmidt auch bei seiner Vorstellung in der Hertha-Geschäftsstelle, er wolle weniger Anlass zu negativer und mehr Anlässe zu positiver Berichterstattung geben. Man darf gespannt sein, ob es Formate wie „Hertha TV“, das mit Lena Cassel gerade erst eine neue Moderatorin eingestellt und mit Formaten wie “Hertha030” groß aufgefahren hat, in ein paar Jahren noch gibt. Klar ist: Hertha BSC ist im Wandel und dieser wird durch eine Personalie wie Carsten Schmidt noch rasanter verlaufen.

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