Die Zukunft gehört dem Berliner eSport?

Die Zukunft gehört dem Berliner eSport?

50 Jahre nach der ersten Konsole für zuhause, ist eSport ein wirtschaftliches und kulturelles Epizentrum. Auch Hertha investiert in diesen Bereich. In diesem Artikel nehmen wir das Berliner Konzept und seine Akteure unter die Lupe. Hat Hertha hier die Chance auf den sportlichen Erfolg, der ihr auf dem realen Rasen bislang verwehrt blieb?

Wer sich Mitte August eines der neuen Hertha-Trikots sichern wollte, stand zeitweise vor geschlossenen Online-Türen. Nichts ging mehr, der Shop war unter der schieren Anzahl der Anfragen zusammengebrochen. Grund war nicht das ansprechende Design der Jerseys oder die Tatsache, dass sie zeitweise ohne Brustsponsor verfügbar waren, sondern ein ganz bestimmter Spielerflock. Doch wer Stars wie Matheus Cunha oder Lucas Tousart hinter dem Ansturm erwartete, rieb sich verwundert die Augen. Nicht die Namen jüngsten Rekordtransfers zwangen den Shop in die Knie, sondern ein Spieler, den man noch nie auf dem Rasen des Olympiastadions bewundern durfte.

Elias „EliasN97 / Eligella“ Nerlich (22) dürfte trotzdem Einigen ein Begriff sein. Der junge Berliner ist Kapitän des eSport FIFA-Teams von Hertha BSC. Die alte Dame investiert nämlich schon seit 2018 verstärkt in diesen aufstrebenden Wirtschaftszweig. Die Strategie umfasste dabei laut eigenen Angaben ein aufwendiges Talent-Scouting, sowie die Gründung der ersten eSport-Akademie der Bundesliga. Neben EliasN97 stehen noch vier weitere Talente bei Hertha unter Vertrag. Eligella scheint aber der schillernde Mittelpunkt der Akademie und des Marketingkonzepts zu sein. Neben der Tätigkeit als FIFA-Profi und Streamer, wird der Berliner, der mit Profis, wie Eigengewächs Jordan Torunarigha (23) und Ex-Herthaner Sidney Friede (22) gut befreundet ist, regelmäßig in die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins miteinbezogen.

So sammelte der eSportler in einem Spenden-Stream 6000€ für Beschäftigte der Charité und wirkte in Werbekampagnen von EDEKA mit. Der Erfolg dieser Vermarktung spricht durch den eingangs erwähnten Ansturm auf die limitierten Trikots für sich.  

Das Milliardengeschäft mit den Spielen

Kompetitive Computerspiele sind ein weltweites Milliardengeschäft, was sich auch in Deutschland zu lohnen scheint. Das Beratungsunternehmen „Deloitte“ prognostizierte 2016 eine jährliche Umsatzsteigerung von fast 30 Prozent. Von 50 Millionen Euro im Jahr 2016 sollte sich der deutschlandweite Umsatz 2020 auf 130 Millionen Euro entwickeln und damit Handball, Basketball und Eishockey hinter sich lassen. Das Prognosen schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, zeigt sich an der realen Marktentwicklung. Sagte Deloitte 2016 für 2018 noch einen Umsatz von 90 Millionen Euro voraus, waren es am Ende nur 70. Nichts destotrotz ist der virtuelle Sport ein potenter Markt und zieht vermehrt Interessenten aus der ganzen Welt an.

Photo by Clive Rose/Getty Images

So hat unteranderem Nationaltorwart Bernd Leno ein eigenes eSports-Team und auch NBA Franchises wie die Golden State Warriors haben eigene virtuelle Ableger ins Leben gerufen. Anfängliche Einwände, wie vom damaligen FC Bayern Präsidenten Uli Hoeneß:  “Es wäre totaler Schwachsinn, wenn der Staat nur einen Euro dazugeben würde. Junge Leute sollen Sport auf dem Trainingsplatz treiben.”, wurden angesichts des Potentials dieses Phänomens zurückgestellt. Seit Anfang dieses Jahres haben die Münchener eine eigene eSport Abteilung. Dabei umfasst dieses Engagement eine mit kolportierten 15 Millionen Euro dotierte Partnerschaft mit dem Spieleentwickler KONAMI (Pro Evolution Soccer).

Der BVB hingegen, dessen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, das ganze Thema 2016 noch als „komplett scheiße“ abtat, plant auch nach aktuellem Stand nicht mit dem Aufbau einer eigenen Abteilung. Angesichts der steigenden Umsatzzahlen gibt es hier sicher noch viel Gelegenheit diese Haltung zu überdenken. 

Schalke mal ganz vorne

In Deutschland war Schalke 04 einer der ersten Profivereine, der den Sprung ins kalte Wasser des virtuellen Sports wagte. Jedoch begannen sie ihr Engagement nicht mit FIFA, sondern mit dem Platzhirsch des eSports: dem Multiplayer Online Battle Arena (MOBA) Spiel „League of Legends (LoL)“. Nach einem desaströsen, mit dem Abstieg endenden ersten Jahr in dieser Disziplin, kämpften sich die Gelsenkirchener in den darauf folgenden Spielzeiten in die höchste LoL-Liga zurück. Hier zählen sie nicht unbedingt zu den Top-Mannschaften, aber liegen stabil im Mittelfeld – etwas, das sich sich die Fußballer auf dem Platz für diese Saison wohl ebenfalls wünschen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Paris Saint-Gemain. Als vielversprechendes Projekt gestartet, löste der französische Hauptstadtklub sein LoL-Team nach nur einem Jahr wieder auf.

Schalke hingegen weitete sein Engagement schrittweise aus. Neben einem LoL-Team, stellen die Knappen inzwischen auch ein FIFA und Pro Evolution Soccer Team. Das Ziel hierbei ist: „das Kerngeschäft Fußball mit einem nachhaltigen und profitablen Engagement [zu] unterstützen.“

Quo vadis, Hertha eSport?

Dass gutes Marketing alleine noch keine Spiele gewinnt (bitte auch Paul Keuter und Michael Preetz sagen), zeigt ein Blick auf die Tabelle der virtuellen Bundesliga. Hier steht Hertha, vertreten von EliasN97 und Leon „HBSC Blackarrow“ Aussieker abgeschlagen auf dem 19. von 22. Tabellenplätzen. Angesichts von Herthas Herangehensweise auf junge Talente zu setzen und diese zu Vollblutprofis auszubilden, ist eine verzögerte Erfolgsentwicklung sicherlich nachvollziehbar. Es stellt sich aber die grundsätzliche Frage, welches Ziel der Verein mit seinem eSports-Team verfolgt.

Foto: IMAGO

Im Moment hat der Verein nur die Fußballsimulation FIFA im Programm. Ob weitere Disziplinen folgen sollen, ist unklar. Trotz der erwähnten Millionenumsätze sind Sportsimulationen nicht unbedingt das Zugpferd des eSport. Hier dominieren Shooter, (Counterstrike, Overwatch) und MOBAs (League of Legends, DOTA II). Erstere sind für gestandene Sportvereine jedoch ein schwieriges Thema. Die Clubs haben kein Interesse daran mit Spielen assoziiert zu werden, die Gewalt explizit darstellen. Die virtuelle Terroristenjagd ist nicht unbedingt familientauglich. Ob eine Fußballsimulation-Abteilung, also wirklich einen wirtschaftlich signifikanten Beitrag zu den Finanzen eines Bundesligisten leisten kann, ist fraglich und wenn überhaupt nur über Sponsorendeals, wie im Fall Bayern Münchens, zu realisieren.

Zur Einordung: Der Sieger der virtuellen Bundesliga erhält in diesem Jahr neben dem Titel des deutschen Meisters ein Preisgeld von 45.000 €. Zum Vergleich: Hertha erzielte 2018, also vor dem Einstieg TENNORs einen Umsatz von ca. 150 Millionen €, wovon 4,1 Millionen als Gewinn verbucht werden konnten.

Alles nur PR?

Was will Hertha also erreichen? Die Investitionen in FIFA könnten sich in einer allgemeinen Bindung an den Verein niederschlagen. Hier muss allerdings festgestellt werden, dass FIFA-Zuschauer*innen wahrscheinlich eh fußballbegeistert sind. Ob eine gute Inszenierung, bei (aktuell noch) nicht existentem sportlichen Erfolg, Fans ihrem Stammverein abspenstig macht, wird sich zeigen. Grundsätzlich bietet eine eSport-Abteilung dennoch einen potenziellen Anlaufpunkt für junge Herthaner-to-be.

Wie das aussehen könnte, zeigt sich wieder am Beispiel Eligella. Fast tägliche Streams (nicht auf Facebook), aktive Instagram- und Twitter-Auftritte erzeugen Nähe und Bindung. Die Interaktion mit den Zuschauer*innen macht ihn viel nahbarer als manchen Akteur der Lizenzspielerabteilung. Dabei nimmt er kein Blatt vor dem Mund und tätigt manche Äußerungen, die sich ein Bundesligaspieler niemals trauen würden. Aber vielleicht ist es auch diese Eigenart, die ihm eine so treue Fanbase sichert.

Dass Hertha im Bereich der Fangewinnung auch das long-game spielt, zeigen auch Aktionen, wie Kids4Free, bei dem Kinder unter 14 Jahren Spiele der alten Dame umsonst besuchen dürfen.

Die Erfahrungen im FIFA-Bereich könnten auch dazu genutzt werden, um andere Disziplinen nach und nach zu besetzen. Gleichzeitig bietet jeder eSports-Titel natürlich auch einen Prestigegewinn.

Hertha ist mehr als nur Fußball

Was allerdings gerne vergessen wird, ist, dass Hertha mehr als nur eine Fußballabteilung ist. Neben dem schönen Spiel erprobt sich die alte Dame auch im Tischtennis, Kegeln und Boxen und neuerdings sogar Blindenfußball. In keinem dieser Bereiche allerdings mit jüngsten Erfolgen auf Bundesebene.

Bei allen strategischen Überlegungen muss man deshalb anerkennen, dass es sich bei den Hertha-eSport-Athleten um junge Menschen handelt, die es geschafft haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen, was grundsätzlich unterstützenswert ist. Hier ist das von Hertha verfolgte ganzheitliche Trainingskonzept, inklusive Social Media und Ernährungsberatung samt Mentaltraining erstmal als vorbildlich zu bewerten. Auch wenn sportlicher Erfolg in allen Bereichen sicher großartig ist, darf man dabei seine Spieler nicht als bloßes Mittel zum Zweck ansehen.

Unterm Strich steht daher die Liebe zum (virtuellen) Sport und das Engagement eines Traditionsclubs. Beides könnte dazu beitragen, dass eSport sowohl von Sportfunktionären*innen, als auch Poliker*innen endlich ernst genommen wird. Die Ignoranz, die diesem Thema teilweise entgegengebracht wird, zeugt von einem erschreckend mangelhaften Verständnis der Lebensrealität von Jugendlichen.

Dass sich das ganze Projekt auch für die Spieler lohnt, konnte man zuletzt auf Elias‘ Instagram Account sehen. Stolz präsentierte das Berliner Aushängeschild seinen nagelneuen Mercedes AMG. Angesichts dessen, dass auch er Teil der Hertha-Familie ist, sei es ihm absolut gegönnt.

[Titelbild: IMAGO]

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

In wenigen Tagen beginnt die Bundesliga-Saison 2020/21. Bei vielen Hertha-Fans wird hierbei wieder das nervöse Zucken und die Schweißausbrüche anfangen – auch das Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig wird die Lust auf die kommende Spielzeit nicht unbedingt gesteigert haben. Die Hertha-BASE-Redaktion freut sich allerdings auf diese Saison, allerdings nur, wenn dabei auch zumindest Teile ihrer Wünsche erfüllt werden. Hierfür hat die Redaktion fünf Aspekte herausgearbeitet, die Hertha eine gute Saison und den Fans weniger schlaflose Nächte bereiten würden.

Ein Team sein – nicht nur auf dem Rasen

Es war der 11. Februar 2020, als eine Erklärung über Facebook-Fußball-Deutschland zunächst einmal ungläubig dreinblicken und danach kollektiv den Kopf schütteln ließ. Jürgen Klinsmann, der Held des Sommermärchens 2006, demontierte sich kurzerhand selbst, indem er mal eben sein eigenbestimmtes Ende als Hertha-Trainer bekanntgab. Eine Nachricht, die den ganzen Verein in totales Chaos stürzte. Doch neben den unzähligen, negativen Konsequenzen, die das Ganze für Hertha nach sich zog, gab es tatsächlich auch einen positiven Nebeneffekt. Denn zum ersten Mal in der abgelaufenen Saison zeigten alle handelnden Personen Einigkeit in der Öffentlichkeit. Von Preetz und Gegenbauer ist man dies nicht anders gewohnt. Doch seit dem vergangenen Sommer ist da noch eine dritte Person: Investor Lars Windhorst. Nicht wenige befürchteten, dass dessen vermeintliche Nähe zu Klinsmann nun auch zum Umdenken des einstigen „German Wunderkind“ führen und zusätzliches Wirrwarr in den Verein bringen könnte.

Sorgen wie diese traten auch zutage, weil sich Hertha – wie so oft – in der Außenkommunikation nicht gerade geschickt anstellte. Sprach Windhorst schon früh von Champions-League-Ambitionen, trat Preetz in der Öffentlichkeit immer wieder auf die Bremse. Umso wohltuender war es dann, als das angesprochene Trio infolge der Klinsmann-Posse gemeinsam vor die Presse trat und auch Lars Windhorst selbst klar machte, dass er und der Verein auf derselben Seite stünden und er mit Hertha ein „langfristiges Investment“ plane. Natürlich sind solche Sätze bei einem gewieften Geschäftsmann wie Windhorst immer mit Vorsicht zu genießen, doch auch er wird sich an diesen Worten messen lassen müssen, will er seinen Ruf nicht schädigen. Und dass ein Verein, der sich Verstärkung durch einen Investoren holt, nur dann erfolgreich arbeiten kann, wenn alle Parteien geeint auftreten, das zeigen Beispiele wie 1860 München und der Hamburger SV seit Jahren. Im Falle von Windhorst heißt das: es dürfen in der kommenden Saison gern ein paar weniger großspurige Aussagen getroffen werden. Vielleicht hilft ja ein Pokalaus gegen einen Zweitligisten dabei, etwas mehr Realismus walten zu lassen.

Alexander Jung

Foto: IMAGO

Endlich wieder Konstanz

Auch wenn der Saisonstart rund um die Testspiele und den DFB-Pokal alles andere als darauf schließen lässt, wünsche ich mir dieses Jahr: Konstanz. Konstanz in den individuellen Entwicklungen der Spieler, Konstanz auf der Trainerbank, Konstanz bei den Entscheidungen auf Management-Ebene und Konstanz nicht nur in einer Saisonhälfte. 

Die letzte Saison hat mit der wohl größtmöglichen Härte gezeigt, wie schnell sich aufgrund der neuen und im Verein noch unerfahrenen Investorensituation eine Krise zu einem bundesweiten Politikum entwickeln kann. Darum ist es diese Saison wichtiger denn je Konstanz zu entwickeln, dem Kader und vor allem den jungen Spielern zu vertrauen, Fehler zu akzeptieren und daraus langfristig und nachhaltig zu lernen.

Der Glaube, man muss die Sterne vom Himmel spielen, um schnellstmöglich in die europäische Spitzenklasse zu kommen, ist trotz den finanziellen Mitteln und einem qualitativ hochwertigen Kader mehr Träumerei und Gefahr für die kurzfristigen Entwicklungsschritte des Vereins – vor allem mit einem sehr jungen Kader. Konstanz entwickelt sich durch Geduld und Geduld durch die Akzeptanz von Fehlern und die akribische Arbeit aus diesen zu lernen.

Marcel Rombach

Keine Trainer-Diskussion

“Die höchsten Anforderungen stelle ich an mich selbst.” Bruno Labbadia, Hertha-Trainer seit der Corona-Unterbrechung, hat sich insbesondere in seinen ersten Wochen als Cheftrainer der Blau-Weißen einen Namen gemacht. Die Siege gegen Hoffenheim und Union haben ihm bei den Hertha-Fans viel Anerkennung eingebracht. Das Vertrauen in Labbadia, der sich für seine Zeit in Berlin viel vorgenommen hat, sollte man nicht so schnell verlieren – unabhängig von einer weniger erfolgreichen Vorbereitung oder Ergebnistalfahrten. Labbadia kann sowohl Teams in schwierigen Situation anleiten als auch, wie im Wolfsburg bewiesen, ein Team entwickeln und eine Spielidee implementieren. Dass dies bei Hertha Zeit braucht, sollte jedem klar sein. Junge Spieler bringen viel Potenzial mit, aber auch starke Schwankungen.

Es wird eine Saison mit Hochs und Tiefs – Bruno Labbadia wird daran mal mehr, mal weniger Anteil haben. In jedem Fall sollte seine Arbeit aber immer über einen längeren Zeitraum beurteilt werden, und “Trainer raus!”-Rufe haben sich auch in Krisenzeiten nur selten als hilfreich erwiesen. Um sich aus dem Abstiegskampf herauszuhalten, ist Herthas Mannschaft allemal gut genug. Das Eruieren der Entwicklung der Spieler sowie des taktischen Systems sollte man derweil auf das Saisonende verschieben, nach der vergangenen Spielzeit kann ein wenig Ruhe und Konstanz in Form von Bruno Labbadia dem Team nur gut tun.

Simon

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Geduld statt Größenwahn

„Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“ – heißt es so schön und erinnert uns daran, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Aus dem Nichts kann man nicht in kurzer Zeit eine Weltstadt aufbauen, und aus einem Chaosclub entsteht nicht innerhalb eines Jahres ein solider, krisenfester Verein in der Top-7 der Bundesliga. Doch genau diese Tatsache scheinen viele vergessen zu haben. Gefühlt haben vor Anfang der neuen Saison mehr als die Hälfte der Deutschen Fußballfans Hertha BSC auf einen europäischen Tabellenplatz getippt. Und auch Hertha hat vor allem letzten Saison zu früh zu große Töne gespuckt.

Doch wie bereits in der Vorbereitung zu spüren war: der Aufbau der „neuen“ Hertha hat gerade erst begonnen. Alte Leistungsträger sind gegangen, neue junge unerfahrene Protagonisten dazugekommen. Neue Spieler kommen noch und eine interne Hierarchie hat sich noch nicht gebildet. Bruno Labbadia hat quasi als Chefkoch noch gar nicht alle Zutaten, und trotzdem erwarten viele bereits ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinbeilage. Wie es zuletzt der Chefkoch selbst betonte, wird der gewählte Weg von Hertha BSC alles andere als leicht sein. Fußballerische Entwicklungen dauern immer länger und sind erst viele Monate später wirklich spürbar.

Genau aus diesem Grund wünsche ich mir für die neue Saison eine Hertha-untypische Reaktion auf Misserfolg: Geduld statt Größenwahn. Ich wünsche mir, dass trotz Rückschläge, Häme und Spott nicht wieder so schnell der Aufschrei nach schnellen und unüberlegten Lösungen laut wird. Sowohl die junge Mannschaft als auch der Trainerstab hat sich eine echte Chance verdient, etwas aus diesen neuen Möglichkeiten zu machen. Vergangene Saison haben wir erlebt, was uns Größenwahn bringt. Ich möchte endlich sehen, was Hertha mit Geduld, Vernunft und Kompetenz erreichen kann.

Chris Robert

Jugendarbeit weiter fördern

Was in diesen modernen Fußballzeiten, in denen der Sport immer zum Geschäft wird und die Seele auf der Strecke bleibt, lässt das Fanherz weiterhin unverändert höher schlagen? Wenn ein Spieler aus der eigenen Akademie sich das erste Mal bei den Profis das Trikot seines Vereins überstreift und zu seinem Debüt auf der großen Fußballbühne kommt. Einer von uns! Ein Berliner Junge! Es gibt wohl nichts identitätsstiftenderes.

Hertha hat in den vergangenen Jahren oft für dieses Gefühl gesorgt: Jordan Torunarigha (seit 2006 im Verein), Maxi Mittelstädt (seit 2012), Arne Maier (seit 2008) haben in den letzten Jahren als wahre Eigengewächse ihren Durchbruch bei der “alten Dame” gefeiert, nachdem sie nahezu jede Station im Jugendbereich abgeklappert hatten. Alle drei sind mittlerweile etablierte Bestandteile des Profi-Kaders. Auch Talente wie Palko Dardai, Dennis Smarsch, Julius Kade oder Dennis Jastrzembski haben Bundesliga-Einsätze für “ihren” Verein absolviert. Zuletzt ließ Trainer Bruno Labbadia mit Jessic Ngankam und Lazar Samardzic (okay, mittlerweile kein allzu gutes Beispiel mehr) zwei weitere Eigengewächse debütieren, Spieler wie Luca Netz, Marton Dardai und Omar Rekik könnten alsbald folgen. Die Förderung der Jugend hat bei Hertha große Tradition – “Aus Berlin für Berlin” hieß einst die Kampagne, die mit Eigengewächsen wie Patrick Ebert, Kevin-Prince Boateng und Ashkan Dejagah auf ewig verbunden sein wird.

All diese vielen Namen lösen etwas im Hertha-Fan aus und stehen für einen Weg. Ein Weg, der den gesamten Verein durchzieht und Hertha sympatisch macht. Ein Weg, der Fans gnädig stimmt und Fehler verzeihen lässt. Einem “von uns” ist man halt nicht lange böse, schließlich hat er Gegensatz zu den ganzen “Söldnern” ja wirklich die blau-weiße Fahne im Herzen und gibt alles – sicherlich eine sehr romantisierte Sichtweise auf die Dinge, aber um in diesem Millionengeschäft mit all den Allüren eines Vereins mit mittlerweile großem Investor im Rücken nicht die Identität zu verlieren, muss Hertha diesen Weg weiter gehen. Die Arbeit mit der eigenen Jugend ist die Arbeit mit der eigenen Region – wenn ein echter Berliner/Brandenburger Junge sein Bundesliga-Debüt im blau-weißen Trikot feiert, ist das wirkungsvoller als jede Marketingkampagne. “Die Zukunft gehört Berlin” – ein Claim, der nur so stark wie seine Umsetzung ist.

Marc Schwitzky

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Von der grauen Maus zum Big-City-Club. Mit diesem vollmundigen Versprechen wurde den Hertha-Fans ein Platz an der europäischen Sonne versprochen. Doch hat die alte Dame überhaupt das Potential dazu? Das und die Frage wo man als junger Millionär am besten lebt, klären wir in diesem Artikel.

Schaut man sich den europäischen Spitzenfußball an, fällt auf, dass die Hauptstädte der jeweiligen Länder fast ausnahmslos Spitzenclubs beherbergen. Frankreich hat PSG, Italien die Roma wie zuletzt auch Lazio und Spanien mit Atlético und Real sogar zwei äußerst hochklassige Teams. Der Spitzenreiter ist allerdings London. Von den 20 Mannschaften der Premier League sind sieben in der englischen Hauptstadt oder dem direkten Umland beheimatet. Davon sind drei – Chelsea, Arsenal und Tottenham – regelmäßig in Europa und Champions League zu finden. Einzig und allein Deutschland scheint die Ausnahme dieser Regel zu sein. Während Berliner Basketball, Volleyball, Eishockey und Handball durchaus erfolgreich ist, scheint der Fußball eher mittelmäßig zu sein.

Vorteile einer Hauptstadt

Zwar sind mit Union nun zwei Berliner Teams in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten, doch ob die Köpenicker in den nächsten Jahren Champions League spielen werden, ist erstmal zu bezweifeln. Man könnte nun darüber spekulieren, warum es Hertha bisher nicht geschafft hat den vermeintlichen Hauptstadtbonus für sich zu nutzen. Wiederholte Ab- und Aufstiege, Fankonkurrenz durch starke andere Sportarten, allgemeine Klubvielfalt in Berlin und die grundlegende finanzielle Struktur der Bundesliga könnten Gründe sein. Die viel interessantere Frage ist jedoch nicht, woran es bisher gelegen hat, sondern ob es sich ändern kann.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hauptstädte besitzen kein mystisches Energiefeld, welches jeden Fußball schneller, stärker und abschlusssicherer macht. Was sie meist ausmacht, ist erstens eine lange Geschichte und zweitens eine große Anzahl an Einwohnern. Beides nutzt dem Fußball. Gibt es einen Verein sehr lange, ist die Chance höher, dass er eine gute Infrastruktur aufbauen kann und viele Fans hat. Viele Einwohner bedeuten, dass auch allgemein mehr Menschen Fußball spielen, was einerseits mehr Fans und damit Geld bringt, aber andererseits auch mehr Talente hervorbringt, die dann ausgebildet werden können. Hertha zum Beispiel profitiert enorm von dem dichten Netz von fast 400 Vereinen in der Stadt, die viele Talente in Herthas Nachwuchsbereich spülen.

Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Gehälter, Beratergebühren und Ablösesummen sind exponentiell gestiegen. Gleichzeitig entdecken viele Spieler die Bedeutung einer guten Selbstvermarktung. Ob Rückennummer-Akronyme à la CR7 (oder alternativ AE9), Urlaub auf Mykonos, patentierte Jubel, Slogans wie „Unleash the wolf“ oder sympathische Tik-Tok Auftritte: Ein gutes Image bringt nicht nur Werbedeals, sondern erhöht auch das Interesse der Vereine. Diese definieren sich über ihre Spieler und wollen auch abseits des Platzes Geld mit ihnen, etwa durch Trikots, verdienen. 

Lieber Paris als Chemnitz

Nun tritt ein weniger offensichtlicher Punkt der Vereinswahl in den Vordergrund: der Flair und die Lebensqualität der Stadt. Sind die Spieler nicht gerade mit Training, Instagram oder Spielen beschäftigt, sind sie erst einmal oftmals Millionäre in ihren 20ern. Natürlich wollen die meisten von ihnen ihre Tage nicht in der Gartenlaube bei Bitburger 0,0% und 1,99€ Nackensteaks verbringen. Sie wollen ihr Geld ausgeben und, im Falle einer dahingehenden Selbstvermarktung, müssen sie das sogar tun. Nun kann man einen Porsche in jeder Stadt der Welt fahren. Doch ist ein Loft in Madrid, Paris oder Rom sicherlich schöner als eines in Rostock oder Hull. Es sollte einen also nicht wundern, wenn neben der Aussicht auf sportlichen Erfolg und finanziellen Anreizen auch die Lebensqualität einer Stadt eine Rolle bei Transfers spielt.

In einer 2019 veröffentlichten Studie kürte die Unternehmensberatung Mercer zum wiederholten Mal die Städte mit der höchsten Lebensqualität. Wien lag auf dem ersten Platz, gefolgt von Zürich. Die erste deutsche Stadt des Rankings war München: Platz 3. Die erste französische Stadt? Paris (Platz 39 – dahinter Lyon). Spanien: Barcelona (43) und Madrid (46). Rom liegt auf Platz 56, ist aber nur die zweite italienische Stadt. Mailand ist lebenswerter und liegt hinter Lyon auf Platz 41. Was auffällt ist, dass all diese Orte topklassige Fußballvereine aufweisen: PSG, Olympique, Barca, die schon erwähnten Atlético und Real, sowie den AS Rom und Inter und AC Mailand.

(Photo credit should read OLIVIER MORIN/AFP via Getty Images)

Das ist erstmal nur eine Korrelation und keine Kausalität. Zudem ist die jüngste Erfolgsgeschichte von PSG eher den Petrodollar aus Quatar zu verdanken, als dem Café au Lait am Champs-Élysées. Aber auch hier gilt: Es ist besser ein auf Lifestyle bedachter Millionär in Paris zu sein, als einer in Chemnitz. Wichtig ist hierbei festzuhalten, dass dieser Faktor, wenn überhaupt vor allem in den letzten Jahren bedeutsam wurde. Um die Vorzüge des Millonärdaseins genießen zu können, muss man erstmal Millionen verdienen.

An dieser Stelle kommt das Potential Berlins ins Spiel. In den letzten 30 Jahren nach dem Mauerfall, hat diese Stadt sich zu einem multikulturellen Sehnsuchtsort entwickelt. Im Ranking von Mercer liegt die deutsche Hauptstadt deshalb auf Platz 13 und damit vor Paris, Madrid, Rom oder Hamburg. Berlin ist also sexy, aber die Hertha war arm. Somit konnte der Hauptstadt-Flair-Bonus nur bedingt ausgespielt werden. Er reichte jedoch um Stars wie Marcelinho und Salomon Kalou an die Spree zu locken. Legendär sind die Partynächte des ersten und wenn man in der Vergangenheit Kalous Instagram-Stories verfolgte und er nicht gerade die DFL blamierte, dann sah man ihn hier oft im Kreis seiner Freunde und Familie, die sich allesamt sehr wohl zu fühlen schienen.  

Durch Tennor nicht mehr nur sexy

Schaut man sich andere Vereine in Deutschland an, dann ist Bayern München der erfolgreichste Klub. Dank guten Marketings, besondere Fürsorge durch die CSU, dem hervorragenden Verhandlungsgeschick bei Sponsoren-Deals mit Quatar Airways und natürlich auch dem durch die vorherigen Punkte begünstigten sportlichen Erfolg ist dieser Klub nicht nur reich, sondern auch in einer sexy Stadt (Platz 3) dahoam. Borussia Dortmund ist auch erfolgreich und finanziell stark aufgestellt. Das Problem liegt allerdings in Dortmund. Auch wenn das Ruhrgebiet mal Kulturhauptstadt war und Essen das ein oder andere Weltkulturerbe aufzuweisen hat, besticht dieser Teil Deutschlands nicht unbedingt durch seine Schönheit. Im Ranking von Mercer taucht keine Stadt des Ruhrgebiets auf, was ziemlich bemerkenswert ist, liegt Bagdad hier doch auf dem letzten (231.) Platz. Vielleicht wurden diese Städte aber auch gar nicht erst untersucht.

Foto: IMAGO

Durch den Einstieg von Tennor wurde aus Hertha nun aber plötzlich ein reicher Klub in einer sexy Stadt. Das ist eine vielversprechende Mischung. Unterm Strich bedeutet das jetzt nämlich, dass Hertha nicht nur mit einem attraktiven Lebensort um Spieler werben kann, sondern auch mit einem spannenden, finanzstarken Fußballprojekt. Somit ist das unsägliche Meme des „Big-City-Clubs“ vielleicht doch nicht ganz so weit hergeholt. Windhorst ist ein Geschäftsmann, der vom Sport nach eigenen Aussagen wenig Ahnung hat. Auch wenn sich jetzt viele Vereine beschweren, an bereitwilligen Abnehmern für sein Geld hätte es ihm wohl nicht gemangelt. Er wird sich daher ganz genau überlegt haben, welcher Standort in Kombination mit welchem Verein das größte Renditepotential bietet.

Man sollte den Faktor der Lebensqualität jedoch nicht überbewerten. Die Attraktivität des Standortes kann auch in der Fußball- und Fankultur liegen. Anthony Modeste zog die Kölner-Fanliebe dem chinesischen Geld vor und die Faszination des FC Liverpool liegt bestimmt nicht in den blühenden Landschaften dieser Industriestadt.

Auf Hertha bezogen bleibt jedoch festzustellen, dass auch wenn das Flanieren auf dem Ku’Damm die Spieler nicht unbedingt schneller macht: ein Loft in Charlottenburg ist für viele junge Spieler doch schöner als ein Einfamilienhaus in Köpenick.

[Titelbild: IMAGO]

“Zecke” Neuendorf – Seine Arbeit bei der U23

“Zecke” Neuendorf – Seine Arbeit bei der U23

Pal Dardai, Ante Covic, Michael Hartmann – in den vergangenen Jahren haben immer wieder ehemalige Hertha-Spieler ihr Handwerk als Trainer bei Hertha BSC gelernt. So auch seit ein paar Jahren Andreas „Zecke“ Neuendorf. Wir werfen einen Blick auf seine Arbeit bei der U23 und seine Perspektive.

Als Ante Covic am 1. Juli 2019 als neuer Cheftrainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, war das nicht nur für die Profimannschaft ein einschneidender Wechsel. Auch in der zweiten Mannschaft sollte nun nach sechs Spielzeiten unter Covic erstmals ein neuer Trainer an der Seitenlinie stehen. So übernahm Andreas Neuendorf, der zuvor die U17 trainiert hatte, das Amt des Cheftrainers der U23.

Erste Schritte als Trainer

Als Spieler absolvierte Neuendorf insgesamt rund 200 Bundesligapartien für Leverkusen und Hertha. Brilliert hat der Mittelfeldspieler jedoch nur selten. Über seine Zeit als Fußballprofi sagt er selbst: „Ich war nie der grandiose Spieler. Ich war ein ordentlicher Mitspieler“. Und tatsächlich bleiben bei einem Blick auf „Zecke“ Neuendorfs Spielerkarriere neben den sportlichen Erfolgen vor allem die Ereignisse und Geschichten abseits des Platzes im Kopf, die den Mann mit verschmitztem Grinsen und Berliner Schnauze zum Publikumsliebling machen.

Foto: IMAGO

Im Sommer 2014 startete Neuendorf dann seine Trainerkarriere und führte den damaligen Landesligisten BFC Preussen direkt im ersten Jahr überraschend zum Aufstieg. Ein Jahr später übernahm der Ex-Herthaspieler einen Trainerposten in der U15 der „Alten Dame“. Nach zwei Spielzeiten wechselte er zur U17 des Vereins und trainierte dort unter anderem die vielversprechenden Talente Marton Dardai, Omar Rekik und Lazar Samardzic. Zweimal in Folge landete er mit der U17 auf dem zweiten Tabellenplatz der B-Junioren Bundesliga. Im Sommer 2019 folgte der nächste Schritt in seiner Trainerkarriere. Er übernahm den Trainerposten bei der 2. Mannschaft von Hertha BSC und beerbte so Ante Covic. Seine erste Saison bei der U23 lief dabei auch recht erfolgreich. Insgesamt neun Spieltage stand man auf dem ersten Tabellenplatz der Regionalliga Nordost, spielte um den Aufstieg mit und schoss in 24 Spielen 59 Tore (Spitzenwert). Für den Aufstieg reichte es am Ende dennoch nicht und man landete auf einem soliden 5. Platz.

Neuendorf ist gleichzeitig auch als Karrierecoach tätig. Er soll die besten Jugendspieler auf dem Weg in die Profimannschaft fördern. Dabei kann „Zecke“ wohl auch von seinen Erfahrungen als Spieler zehren und aufzeigen, wie man es vielleicht auch nicht macht. Angesprochen auf die vier besten Spieler, mit denen Kevin-Prince Boateng jemals zusammengespielt hat, nannte der Berliner Junge überraschend auch Neuendorf. „Ohne Spaß. Er war unglaublich”, schwärmte der ehemalige Herthaner: “Es kann sich keiner vorstellen, was er im Training gezeigt hat. Er war vielleicht bei 20 Prozent. ‘Zecke’ hätte locker einer der besten deutschen Fußballer jemals werden können.” Solch Potenzial auszuschöpfen ist nun die Aufgabe des gereiften Neuendorfs, der sein Wissen an die Jugend weitergeben kann. Bereits Ante Covic sagte, dass er sich seine zu lockere Art als Spieler in der Entwicklung als Trainer ausgetrieben hatte und nun umso motivierter wäre, 100 Prozent aus sich und den Spielern herauszuholen.

U23: Zwischen Spielerentwicklung und jährlichem Umbruch

Die U23 fungiert bei Hertha BSC als eine Schnittstelle zwischen der Nachwuchsabteilung des Vereins und der Profimannschaft. Talente sollen sich hier auf höherem Niveau entwickeln können, sodass sie sich dem professionellem Männerfußball annähern. Häufig haben Jugendspieler nach ihrer Zeit bei der U19 noch Vertragszeit beim Verein und es steht noch nicht fest, ob es für den Profifußball reichen wird. Das entscheidet sich dann in häufig in der zweiten Mannschaft. Ein sehr aktuelles Beispiel hierfür ist Jessic Ngankam. Dieser überzeugte bereits während seiner Zeit in der U19, für den Sprung in die Profimannschaft war er aber noch nicht weit genug. Also sammelte er in der U23 Spielzeit und konnte sich dort weiter verbessern. Labbadia holte ihn daraufhin zur Profimannschaft, in der er nun vorerst fest eingeplant zu sein scheint.

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Die Aufgabe des Trainers der zweiten Mannschaft ist es also Talenten Spielzeit in einer stärkeren und körperlich robusteren Liga zu geben und sie weiterzuentwickeln. Es ist Unterschied, ob ich gegen 17- bis 19-Jährige spiele, oder aber gegen die erfahrene 30-jährige Regionalliga-Kante. Dazu müssen sie ihren Stärken entsprechend bestmöglich in die Mannschaft und das System eingebunden werden. Gleichzeitig soll der sportliche Erfolg nicht ausbleiben. Unterstützt wird Neuendorf bei seiner Arbeit von den Assistenztrainern Malik Fathi, der ebenfalls als Spieler bei Hertha aktiv war, und Levent Selim.

Eine zusätzliche Herausforderung stellt dabei die hohe jährliche Fluktuation im Kader dar. In den letzten vier Jahren verließen immer mindestens zehn Spieler die Mannschaft. Die meisten davon, weil sie keine sportliche Perspektive im Verein hatten. Die entstandenen Lücken im Kader werden dann zum größten Teil mit Spielern aus der eigenen Jugend gefüllt. In diesem Sommer kamen zum Beispiel Jonas Michelbrink und Jonas Dirkner zur Mannschaft und sind direkt gesetzt. Besteht dann für bestimmte Positionen immer noch Bedarf, schaut man sich nach externen Neuzugängen um. So kam für die Saison 2020/2021 zum Beispiel Cihan Kahraman vom Berliner AK als Verstärkung für das zentrale Mittelfeld. Drei erfahrene Spieler komplettieren aktuell den Kader der zweiten Mannschaft. Tony Fuchs (Kapitän), Bilal Cubuckcu und Rico Morack sollen die jungen Spieler an die Hand nehmen und der Mannschaft mit ihrer Erfahrung weiterhelfen.

Im Kader der 2. Mannschaft gibt es also nahezu jedes Jahr einen größeren Umbruch und viele Personalwechsel. Dennoch schaffte man es in den letzten Jahren konstant in die obere Tabellenhälfte der Regionalliga Nordost. Aber auch innerhalb der Saison gibt es immer wieder Veränderungen im Kader. Häufig bekommen Spieler aus der Profimannschaft spontan Einsatzzeiten bei der U23, um im Spielrhythmus zu bleiben oder um nach einer Verletzung Spielpraxis zu sammeln. So machten Jordan Torunarigha und Alexander Esswein in der letzten Saison jeweils zwei Spiele für die Regionalligamannschaft. Genauso werden immer wieder Spieler aus der U19 für einige Spiele hochgezogen, um sich auf höherem Niveau ausprobieren zu können. Lazar Samardzic und Marton Dardai sind hier Beispiele aus der vergangenen Saison. So kommt es nur selten vor, dass in zwei aufeinanderfolgenden Spielen die gleiche Startelf auf dem Platz steht.

Variabel, mutig, offensiv

Diese Gegebenheit wirkt sich auch auf das Spielerische aus und erfordert eine hohe Flexibilität im System. Diese bringt Neuendorf mit und ließ seine Mannschaft in der Saison 2019/2020 in verschiedensten taktischen Formationen auflaufen. Man agierte zu Beginn der Saison häufig in einem System mit Dreierkette, zum Beispiel dem 3-5-2. Am häufigsten ordneten sich die Spieler über die Saison aber in einem sehr offensiven 4-4-2 an. Aber auch ein 4-2-3-1 oder ein 3-4-3 ließ der Ex-Herthaspieler spielen. Den Spielstil seiner Mannschaft bezeichnet Neuendorf als passend zu Berlin und als „frech und mutig“. Das trifft durchaus zu, denn gegen die zahlreichen etablierten Traditionsvereine in der Liga spielt man einen mutigen Offensivfußball. Man zeigt mit unter das beste Positions- und Ballbesitzspiel der Liga und ist den meisten Teams auch technisch weit überlegen. Gegen tiefstehende Gegner versucht man mit vielen Positionswechseln und Rochaden zu arbeiten. Gleichzeitig probiert man den Gegner zu locken und Lücken zu finden.

Unter Druck legt man viel Wert auf einen flachen und geordneten Spielaufbau. Selbst wenn man stark gepresst wird, versucht man sich noch spielerisch zu befreien und zeigt sich dabei recht kombinationssicher. Im späteren Spielverlauf fehlt der Mannschaft manchmal die Konzentration und Ausdauer, sodass sich hin und wieder Fehler einschleichen. Überspielt man die erste Linie geht es zumeist darum die schnellen Offensivspieler, die man mit Ngankam, Palko Dardai, Maurice Covic und Ruwen Werthmüller zur Verfügung hat/hatte, einzusetzen. Dabei sollen die Spieler immer wieder in Eins-gegen-eins-Situationen kommen, um die individuelle Überlegenheit des Kaders auszunutzen. Diese Stärken kann man auch im Umschaltspiel nach Ballgewinn immer wieder gut auf den Platz bringen.

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Schafft man es seinen Spielstil gut auf den Platz zu bringen, zeigt die Mannschaft einen sehr attraktiven und temporeichen Offensivfußball. Neuendorf scheut sich dabei auch nicht davor viel Offensivpersonal auf den Platz zu schicken. Das birgt jedoch immer ein gewisses Risiko und so konnte man in der letzten Saison zahlreiche Torspektakel beobachten. Man schoss in der letzten Saison zum Beispiel in vier Spielen fünf oder mehr Tore. Besonders zum Ende der Saison fehlte es der Mannschaft aber an Konstanz und Balance zwischen Offensive und Defensive. Immer wieder kassierte man Tore, nachdem man sehr weit aufgerückt war. Entweder nach einem Ballverlust, bei dem das Gegenpressing nicht erfolgreich war. Oder nachdem das eigene hohe Pressing überspielt wurde.

Gegen den Ball zeigen sich die Blau-Weißen nämlich ebenfalls sehr aktiv. Neuendorf möchte mit seinem Team frühe Ballgewinne erzielen und das Gegnerteam aus der eigenen Hälfte fernhalten. Spätestens ab der Mittellinie wird der Gegner unter Druck gesetzt und situativ wird hoch gepresst. Das auch meist sehr erfolgreich. Hin und wieder ist man jedoch gezwungen etwas tiefer zu stehen. Dort gelingt es der Mannschaft nicht immer Zugriff auf die Gegenspieler zu erhalten und ist etwas anfälliger.

Wie genau sich die Mannschaft taktisch ausrichtet, hängt stark von dem Personal ab, das auf dem Platz steht und natürlich auch vom Gegner. Zumeist wird aber ein sehr aktiver Ansatz gewählt. Neuendorf schafft es sehr gut seine Spieler sowohl zu fordern, als auch in Situationen zu bringen, die ihnen besonders gut liegen. So kann man seine Arbeit bisher positiv bewerten. Sportlich zeigt er sich mit seinen Teams stets erfolgreich und schaffte es auch Spieler weiterzuentwickeln und an den Profibereich heranzuführen. Dafür sprechen auch die zahlreichen Spieler, die zwar nicht bei der Hertha den Weg in Profibereich gefunden haben, sondern an anderer Stelle. Die aktuellsten Beispiele hierfür sind Dennis Smarsch (Wechsel zu St. Pauli), Luis Klatte (Wechsel zu Hansa Rostock) und Niko Bretschneider (Wechsel zum MSV Duisburg), die allesamt in der letzten Saison Spiele für die zweite Mannschaft gemacht haben.

Zu Beginn der neuen Saison gelang es nur teilweise seine Offensivstärke auf den Platz zu bringen. Dennoch zeigt man sich erneut recht erfolgreich und geht mit zwei Siegen und einem Unentschieden aus den ersten drei Spielen. Und das obwohl man sich laut Neuendorf eigentlich noch in der Vorbereitung befindet.

Pal Dardai, Ante Covic und bald „Zecke“ Neuendorf?

Der Karriereweg eines Trainers lässt sich in der Regel kaum voraussagen. Aktuell arbeitet Neuendorf an seinem Schein zum Fußballlehrer und hospitierte dafür unter anderem bei Bruno Labbadia in der ersten Mannschaft. Mit dieser Lizenz dürfte der ehemalige Herthaspieler dann auch eine Profimannschaften trainieren. Die Saison 2020/2021 wird Neuendorf definitiv auf der Trainerbank der zweiten Mannschaft verbringen. Aktuell ist davon auszugehen, dass er diese Position auch noch eine Weile bekleiden wird. Wo es Neuendorf langfristig hinführt, lässt sich schwer sagen. „Ich kann mir vorstellen, dass ich irgendwann bei einem Bundesligisten im Trainerteam bin“, sagte er vor zwei Jahren der „11 Freunde“. Ob das als Chef- oder Co-Trainer sein wird und bei Hertha oder bei einem anderen Verein, wird sich zeigen.

Neuendorf scheint jedoch fest in Berlin und bei Hertha BSC verankert zu sein. So unterstützte er zuletzt die Fan-Initiative „Aktion Herthakneipe“ und bezeichnet sich selbst als Herthafan. Gleichzeitig ist er bei den Fans des Hauptstadtklubs sehr beliebt und wird häufig als „echtes Original“ oder „richtiger Berliner“ gefeiert. Umso schöner wäre es, wenn er dem Verein möglichst lange erhalten bleibt.

Der direkte Sprung zum Cheftrainer von Hertha BSC wird Neuendorf, anders als einem Dardai oder Covic, in den nächsten Jahren wohl verwehrt bleiben. Nachdem sich Covic zuletzt als Fehlgriff herausstellte und die Ansprüche in Berlin seit dem Windhorst-Engagement stark gestiegen sind, wirkt eine interne Lösung für den Cheftrainerposten in Zukunft eher unrealistisch. Zudem hat Bruno Labbadia noch mindestens zwei Jahre Vertrag bei der Hertha. Neuendorfs nächste Station wird also vermutlich entweder bei einem anderen Verein liegen oder er wird eine Alternativposition zum Cheftraineramt bei Hertha übernehmen.

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Viva con Hertha

Viva con Hertha

Mit der Aktion „1892 Liter Wasser“ wollen Fans von Hertha BSC den Obdachlosen und Bedürftigen Berlins in den so heißen Sommerwochen dringend benötigtes Wasser, aber auch Hygiene-Artikel und Kleidung zukommen lassen.

Am vergangenen Freitag waren es 35 Grad in Berlin – Eine Nachricht, die nach den zuletzt schon so heißen Wochen womöglich für Stöhnen gesorgt hat. Neben dem regelmäßigen Aufsuchen eines schattigen Plätzchens war auch das Trinken von Wasser wichtig, um sich vor der Hitze schützen zu können. Letzteres ist den Obdachlosen und Bedürftigen der Stadt allerdings aufgrund eines akuten Wassermangels nicht ohne weiteres möglich gewesen. Für Abhilfe will „1892 Liter Wasser“ sorgen – eine Aktion, die von Fans des Berliner Bundesligisten Hertha BSC vor knapp über einer Woche ins Leben gerufen wurde und das Ziel hat, diesen Menschen Wasser zukommen zu lassen. „Ohne großen Apparat kann die Hilfe schnell und direkt ankommen. Das Ziel von 1892 Liter bezieht sich auf das Gründungsjahr von Hertha BSC, letztendlich sind wir alle Hertha-Fans. Diese Zahl stellt aber kein unbedingtes Ende dar, wenn wir mehr Wasser verteilen, umso besser“, erklären Rémi Dubail, Initiator der Aktion, und Inis Heidekrüger.

Auch Hertha hilft

„1892 Liter Wasser“ wurde vom Hertha-Fanklub „Axel Kruse Jugend“ ins Leben gerufen, mittlerweile haben sich 13 Helfer*innen für die Initiative gefunden. „Es ist zwar ein Projekt der Axel Kruse Jugend, wir sind aber offen für die Zusammenarbeit mit anderen Fanclubs. So unterstützt uns beispielsweise auch der Fanclub Fanhaus 1892 e.V.“, berichten Rémi und Inis. Auch der Bundesligist selbst greift unter die Arme: „Außerdem wurden von Hertha BSC z. B. T-Shirts, Shorts und Unterwäsche angeboten, die wir gleichzeitig mit dem Wasser verteilen können und werden.“ Darüber hinaus hat der Verein vor wenigen Tagen einen Transporter zur Verfügung gestellt. Neben dem Hauptziel, vor allem Wasser an die Bedürftigen zu verteilen, sind auch Sachspenden wie Hygiene-Artikel oder frische Kleidung sehr willkommen. Wie für den äußerst digital auftretenden Fanklub üblich wirbt die Aktion auch aktiv auf Social Media. Die Reaktionen seien „sehr positiv! Wir veröffentlichen unsere Arbeit als @1892literwasser auf Facebook, Twitter und Instagram. Manche begrüßen unsere Arbeit, weitere signalisieren ihre Bereitschaft zu helfen, andere wollen „anpacken“. Jede/r reagiert unterschiedlich, je nach den Möglichkeiten.“

Spenden von Privatpersonen und Geschäften

Aktuell stammen die Spenden vor allem von den Helfer*innen selbst, aber auch von „Getränkegeschäften wie ‚Mein HOFFI im Gräfekiez‘, das seine Unterstützung sofort zugesagt hat.“ Darüber hinaus sei man dabei, Sammelorte einzurichten, die bald über Social-Media-Kanäle bekannt geben werden. Hilfe kommt aber auch zufällig zustande, wie sich am vergangenen Dienstag zeigte: Die Helfer*innen wollten gerade in einem Lidl am Kottbusser Tor acht Sechserträger Wasser nachkaufen. Vor dem Eingang trafen sie einen Mann im Hertha-Trikot, dem sie von der Aktion erzählten, woraufhin dieser spontan die Acht Wasserträger bezahlte.

„Wie krass seid ihr denn?“

„Wir sind alle begeistert, wie schnell und wie viel innerhalb der kurzen Zeit auf die Beine gestellt wurde“, zeigen sich Rémi und Inis stolz. „Der Stein ist von Freiwilligen ins Rollen gebracht worden, jeder bringt sich je nach Zeit, Fähigkeiten und Möglichkeiten ein.“ Und das Angebot wird von den Obdachlosen und Bedürftigen dankend angenommen. „Einer sagte uns: „Wie krass seid ihr denn?“ – Das war schön und ist den Schweiß und die Mühe wert!“ Während Hertha-Fans bereits seit Jahren mit der Aktion „Hertha wärmt“ für die Bedürfnisse Obdachloser im Winter Spenden sammeln, hat sich mit „1892 Liter Wasser“ nun also auch das Sommer-Pendant gefunden. „Das Wichtigste für uns ist, wie diejenigen, denen wir helfen wollen, darauf eingehen. Die Funken in den Augen sind unser Lohn.“

„Wir sind alle begeistert, wie schnell und wie viel innerhalb der kurzen Zeit auf die Beine gestellt wurde“, zeigen sich Rémi und Inis stolz. „Der Stein ist von Freiwilligen ins Rollen gebracht worden, jeder bringt sich je nach Zeit, Fähigkeiten und Möglichkeiten ein.“ Und das Angebot wird von den Obdachlosen und Bedürftigen dankend angenommen. „Einer sagte uns: „Wie krass seid ihr denn?“ – Das war schön und ist den Schweiß und die Mühe wert!“ Während Hertha-Fans bereits seit Jahren mit der Aktion „Hertha wärmt“ für die Bedürfnisse Obdachloser im Winter Spenden sammeln, hat sich mit „1892 Liter Wasser“ nun also auch das Sommer-Pendant gefunden. „Das Wichtigste für uns ist, wie diejenigen, denen wir helfen wollen, darauf eingehen. Die Funken in den Augen sind unser Lohn.“

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Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Die Durchführung sozialer Projekte wie beispielsweise die Unterstützung der Berliner Tafel im April oder das Engagement im Rahmen der Initiative „Herthaner helfen“ gehört bei Hertha schon längst fest zum Vereinsprofil. Nun legt der Klub auch an einer bisher kaum beachteten Stelle nach – dem Klimaschutz.

Die Fanbewegung ist der größte Emissionsfaktor

Nicht Deyovaisio Zeefuik, nicht Weston McKennie und auch nicht Luka Jovic: Wenn man Herthas Website glauben schenken mag, heißt der erste Neuzugang für die Saison 2020/2021 „Klimaschutz“. Gemeinsam mit der Berliner Energieagentur hat der Verein seinen CO2-Fußabdruck für die Saison 2018/2019 bestimmt. Insgesamt 10.550 Tonnen Ausstoß an CO2 kamen in der letzten Dárdai-Saison zusammen. Dieser Wert ist schwierig zu beurteilen, da Hertha in der Bundesliga zwar keinesfalls der erste Klub ist, der sich für den Klimaschutz stark macht – aber nach dem VfL Wolfsburg ist Hertha erst der zweite Bundesligist, der transparent mit seinem CO2-Footprint umgeht.

Zur Einordnung lässt sich nun also lediglich der – gleichzeitig sehr umfassende – Nachhaltigkeitsbericht des VfL Wolfsburg heranziehen. Dort werden die ausgestoßenen Treibhausgase mit 10.049 CO2-Äquivalent in derselben Größenordnung wie bei Hertha beziffert. Interessant wird es dagegen beim Vergleich der einzelnen Emissions-Verursacher: Beim VfL Wolfsburg liegt der Anteil der Fanbewegung an den Emissionen bei rund 60% (ungefähr 6.045 Tonnen CO2), während er bei Hertha BSC mit 74% (ca. 7.800 t Emissionen) deutlich höher liegt. Bei beiden Vereinen nimmt die An- und Abreise der Fans also das Gros der Emissionen ein.

Trotzdem liegt Hertha in dieser Kategorie vor dem VfL Wolfsburg – wenn man den Zuschauerschnitt bei der Einordnung dieser Zahlen berücksichtigt. Herthas Zuschauerschnitt 2018/2019 war beinahe doppelt so hoch wie derer der Wölfe 2017/2018. Trotzdem liegen die Reise-Emissionen der blau-weißen Fans nicht etwa doppelt so hoch, sondern lediglich 30% höher als die des VfL. Die Gründe für diesen Unterschied sind schnell gefunden: Das Berliner Olympiastadion ist deutlich besser an den ÖPNV angebunden als die Wolfsburger Volkswagen Arena.

Andere Emissions-Quellen und Herthas Ziele

Nach den Zuschauer-Emissionen folgen bei Hertha laut der Erhebung der Berliner Energieagentur (BEA) Geschäftsreisen (9%) und der Einkauf von Merchandise-Produkten (5%) auf den Plätzen zwei und drei. Auch der Verbrauch von Strom- und Wärmeenergie macht immerhin 959 t-CO2-Äquivalent aus. In allen drei Fällen sind Einsparungen denkbar – Strom könnte in Zukunft aus erneuerbaren Energien genutzt werden, Geschäftsreisen sollten möglichst nicht per Flugzeug, sondern mit Bus und Bahn angetreten werden – zumal die noch anhaltende Pandemie-Situation beweist, wie viele Konversationen auch in die digitale Welt verlagert werden können. Und auch bei der Herstellung und dem Einkauf von Merchandise-Produkten könnte Hertha sich theoretisch um eine fairere Produktion näher an Berlin kümmern – was aber unwahrscheinlich erscheint.

Aber was genau ist das Ziel in Sachen Klimaschutz? Laut Vereins-Website möchte der Verein auch beim Klimaschutz endlich Verantwortung übernehmen. „Als Hauptstadtklub und Teil der Berliner Stadtgesellschaft wollen wir […] unseren Beitrag dazu leisten, die Stadt bis 2050 klimaneutral zu machen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Das heißt: Bis spätestens 2050 müsste auch Hertha damit klimaneutral werden. Mit der Transparenz im Bereich der eigenen Emissionen geht der Klub jetzt schon einen Weg, der in der Bundesliga (noch) viel zu selten ist. Gleichzeitig ist die Ermittlung des CO2-Verbrauchs auch „eine der wichtigsten Voraussetzungen, um überhaupt Maßnahmen ergreifen und in Zukunft Emissionen vermeiden und kompensieren zu können“, so Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA.

Vorbilder Mainz und Hoffenheim?

Nach eigenen Angaben bereits einen Schritt weiter in Sachen Klimaschutz sind der FSV Mainz 05 und die TSG 1899 Hoffenheim: Beide Vereine schmücken sich mit dem Titel „klimaneutraler Bundesligist“. Neben diversen Einsparungsbemühungen gleichen beide Vereine ihre restlichen Emissionen durch den Erwerb von Klimaschutz-Zertifikaten aus. Insbesondere bei der Anreise der eigenen Fans, die nicht nur bei Hertha und Wolfsburg einen großen Teil der Emissionen ausmachen dürfte, haben die Vereine kaum direkten Einfluss – und müssen diese Emissionen anderweitig ausgleichen.

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Das ist auf verschiedensten Wegen möglich – der bequemste und meist auch günstigste Weg ist die Beteiligung an Aufforstungsprojekten oder Ähnlichem. Aber es geht auch anders, in Mainz speist man aus der Solaranlage auf dem Dach der Opel-Arena Strom ins öffentliche Netz ein und vermeidet damit ca. 470 Tonnen CO2-Emissionen.

Sowohl der FSV Mainz 05 als auch die TSG Hoffenheim haben gegenüber Hertha aber schon jetzt in einem Punkt das Nachsehen: Beide Vereine gehen nicht transparent genug mit ihrem Ausstoß und dem Ausgleich der Emissionen um, konkrete Zahlen gibt es bei beiden Bundesligisten nur selten zu finden. Beide Vereine nutzten zudem zu Saisonbeginn noch (kompostierbare) Einwegbecher, obwohl Mehrwegbecher nachgewiesenermaßen deutlich umweltschonender sind. In Hoffenheim wurde dieser Punkt mittlerweile korrigiert, in der Winterpause stellte der Verein auf ein Mehrweg-System um.

Verbesserungsbedarf bei der Alten Dame

Wo genau liegen nun aber Einsparmöglichkeiten für Hertha, in welchen Bereichen muss unbedingt nachgebessert werden? Beim Vergleich mit dem VfL Wolfsburg fällt auf, dass Hertha im Bereich Geschäftsreisen deutlich mehr CO2 emittiert als die Wölfe. Allerdings ergibt sich an dieser Stelle schnell ein Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Wettbewerbsfähigkeit: Eine Busreise zum SC Freiburg ist für die Spieler deutlich unkomfortabel als ein Flug in den Breisgau. Dieses Problem könnte man wohl nur mit einer ligaweit einheitlichen Regelung lösen.

Da die Fanbewegung den Großteil der Emissionen ausmacht, ist das auch der Punkt, an dem Hertha (noch) aktiver werden muss. Neben der hervorragenden ÖPNV-Anbindung des Olympiastadions könnten z. B. Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden. Und auch in Sachen Kommunikation könnte Hertha sich mehr für den Klimaschutz einsetzen – auf aktuelle Probleme und Entwicklungen hinweisen sollte ebenso Teil der Vereins-News sein wie regelmäßige Aufforderungen an die Fans, das Auto zu Hause stehen zu lassen und die Alternativen zu nutzen.

Eine weitere Verbesserungsmöglichkeit liegt für Hertha auch im Bereich der Fan-Verpflegung während Heimspielen. In der Saison 2018/2019 schnitt Hertha im Stadienranking der PETA als 17. Als zweitschlechtester Bundesligist ab, gefolgt nur von Borussia Mönchengladbach. Die Begründung: Bei Hertha gibt es zu wenige (vegane) Alternativen zur Stadionwurst. Während in anderen Stadien das Angebot an dieser Stelle deutlich größer und vielfältiger ist, gibt es im Olympiastadion nur die Klassiker (Süßkartoffel-)Pommes und Brezel zur Auswahl.

Stadion-Neubau unter Klimaschutz-Gesichtspunkten

Auch mit dem vom Verein und der Fan-Initiative Blau-Weißes Stadion befürworteten Stadionneubau sollte sich Hertha unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und des Klimaschutz noch einmal genau beschäftigen: Es stellt sich die Frage, inwieweit der Bau eines neuen Stadions mit der neuen Umweltpolitik Herthas vereinbar sein soll. Mit dem Olympiastadion würde dann ein großes Stadion verwaisen, das vor nicht allzu langer Zeit modernisiert und umgebaut wurde (2000 bis 2004).

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Hertha muss das Olympiastadion zwar keinesfalls nutzen – an dem Fakt, dass ein Stadionneubau bei existierender, renovierter und bis auf das Laufbahn-Problem idealer Infrastruktur schlichtweg nicht nachhaltig wäre, ändert das aber nichts. Natürlich könnte man bei einem Neubau die modernsten ökologischen Baustandards berücksichtigen, gleichzeitig könnten solche energieeffizienten Strukturen bei einem erneuten Umbau aber sehr wohl auch im Olympiastadion integriert werden.

Gleichzeitig würde ein Stadionneubau auch andere Probleme mit sich bringen: Falls das neue Stadion nicht auf dem Olympia-Gelände entstehen sollte, würde auch die ÖPNV-Frage neu entflammen. Mit einer schlechteren Anbindung an S- und U-Bahn-Netz würde wohl der Anteil der Fans, die mit dem Auto die Spiele besuchen, steigen – und gleichzeitig Herthas CO2-Fußabdruck.

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