Wie lange noch, Michael?

Wie lange noch, Michael?

Der Zustand von Hertha BSC ist erschreckend. Eine Glosse.

Es läuft nicht in der Hanns-Braun-Straße. Der Lutter & Wegner Sekt, Mampe und der Kaviar aus dem KaDeWe – nach dem Einstieg Tennors noch in rauen Mengen geordert – sind längst aufgebraucht. Die neue Lieferung, die eigentlich für die Herbstmeisterschaftsfeier ankommen sollte, wurde heimlich still und leise abbestellt. 16 Punkte aus 15 Spielen. Nur die Bilanz von WireCard ist weiter von Anspruch und Wirklichkeit entfernt, als die der alten Dame aus Berlin.

Dass es so weit kommen konnte, ist auch der Verdienst des Michael P. Während seiner 11-Jährigen Amtszeit sind seine Haare grauer geworden. Sinnbildlich für die Entwicklung des Vereins, für den er als Geschäftsführer Sport die Verantwortung trägt. Nun kann man Haare färben, Punkte aber nicht. Seit einiger Zeit bewegt sich die technisch limitierten, aber im Strafraum hocheffektiven Stürmer-Ikone immer weiter ins Abseits. Das Berlins begabtester Shopping-King dort steht, ist auch selbstverschuldet. Mit Bruno L. und Arne F. wurden zwei kompetente Gehilfen geholt, die dem GFS nicht nur in Sachen Ausstrahlung und PK-Präsenz den Rang ablaufen, sondern ihn auch, wenn es darum geht, den attraktivsten Hertha-Funktionär zu identifizieren, auf die hinteren Plätze verweisen. Als Hertha-Fan betet man nach jedem verkorksten Spieltag und der Corona-konformen, einsam durchzechten Frustsaufnacht, zum Fußballgott, auf dass der neue starke Mann Carsten S. den erlösenden Abseitspfiff endlich ertönen lasse mögen.

Elf Jahre ohne nennenswerte Fortschritte. Findige ÖRR-Kabarettisten würden an dieser Stelle launige Vergleiche mit dem BER anstellen. Die müden Rentner in den ersten drei Reihen hätten gelacht und ihren Freunden beim Zoom-Canasta-Abend vom „Klasse Auftritt“ erzählt, den sie letztens erlebt haben. Wie schön wäre es, dieses Prädikat auch mal wieder und vor allem regelmäßig bezüglich Hertha anbringen zu dürfen. Deuteten die Vorzeichen vor neuen Saison noch auf ein Live-Spektakel à la Superbowl-Show hin, fanden sich Mannschaft und Fans schnell in einem Zustand wieder, der eher an den Auftritt von Helene Fischer beim DFB-Pokal 2017 erinnerte.

Apropos Pokal. Wunder sind möglich. Doch als Hertha-Fan klagt man den Fußball-Gott auch diese Saison wie schon so oft an, warum er einen den verlassen hat. Will man keine Affäre mit der kultigen, aber ein bisschen zu sehr nach 2,50€ Brautwurst und Berliner Pilsner riechenden, Dame von „Drüben“ anfangen, bleibt dem krisenerfahrenen Verehrer der Charlottenburger Möchtegern-GILF nur die andere Wange hinzuhalten oder der Rückzug in den Stoizismus. Vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

O Zeiten, O Sitten. Die Fans bemerken es, doch der Präsident schweigt und genießt. Wie lange unsere Geduld noch missbraucht werden soll, weiß nur er selbst. Doch eins ist sicher: Offiziell ist‘s, wenn der Lange nicht mehr twittert.

Typisch Hertha oder: Ich sehe was, was ich sehen will

Typisch Hertha oder: Ich sehe was, was ich sehen will

„Das ist so typisch Hertha“ dürfte ein Spruch sein, der uns allen schon mal über die Lippen gegangen ist. Tatsächlich offenbart so eine Aussage eine Menge darüber, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Zusammen begeben wir uns auf eine Spurensuche in der kognitiven Psychologie und werden sehen, dass sowohl Spieler, als auch Fan ihre Umwelt ähnlich verarbeiten.

Der Zyklus der Wahrnehmung

Kurzer Exkurs in die Geschichte der Psychologie: Fast jedem dürften Sigmund Freud und C.G. Jung ein Begriff sein. Diese Pioniere der Psychologie würde man heute der Tiefenpsychologie zurechnen. Vereinfacht gesagt geht es hierbei um individuelle und unbewusste Konflikte, die meist in der Kindheit zu verorten sind. Wenn man sich mehr mit der Psychologie beschäftigt hat, kennt man vielleicht auch Namen, wie B.F. Skinner oder J.B. Watson. Beides waren sogenannte Behavioristen, eine Schule der Psychologie, die das sichtbare Verhalten mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden streng objektiv zu erforschen suchte. Dabei interessierte sie das Innenleben ihrer Versuchspersonen wenig, da sie davon ausgingen, dass das eh nicht valide erfasst werden könnte.

Diese Beiden Schulen werden gerne als Antagonisten präsentiert, auf der einen Seite diejenigen, die unbedingt alles Innere herausfinden wollen, während man auf der anderen Seite das Seelenleben bewusst unter den Tisch fallen ließ.
In den 60er Jahren wurde jedoch ein neuer Spieler verpflichtet. Der Psychologe Ulric Neisser begründete die sognannte „Kognitive Psychologie“. Ihr Fokus? Informationen und wie wir sie verarbeiten. Im Grunde genommen untersucht die Kognitive Psychologie, wie wir denken und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Die so identifizierten Prinzipien und aufgestellten Theorien sind meist vielfältig anwendbar und über die meisten Menschen generalisierbar.

Eine dieser breiten Theorien ist der „Wahrnehmungszyklus“ vom schon erwähnten Ulric Neisser. Überraschenderweise beschreibt dieser Zyklus unsere Wahrnehmung und lässt sich auf eine Hautpaussage zusammendampfen: Was wir wahrnehmen, ist stark von unseren Erfahrungen, aber auch Erwartungen geprägt.

Der Zyklus hat drei Hauptbestandteile: Erstens, unsere Umwelt. Das soll in unserem Beispiel das Olympiastadion sein. Auch wenn wir alle lange nicht mehr da waren, wissen wir ungefähr noch wie es aussieht. Eine Aussage von Neisser ist nun: Die allen Besucher:innen zur Verfügung stehenden Informationen sind invariant. Der Informationsbegriff ist hier sehr physikalisch gemeint, sprich zum Beispiel das Licht, was von allen Objekten reflektiert beziehungsweise ausgestrahlt wird. Diese Informationen nehmen wir nun durch unsere Augen auf. Licht ist nur ein Beispiel, man kann auch Töne oder Gerüche nehmen. Diese Informationen verändern nun etwas, was Neisser „Schema“ nennt. Das kann man sich als individuelle kognitive Karte der Welt vorstellen. Schemata enthalten zum Beispiel die Information, in welche Richtung man sich im Stadion drehen muss um das Spielfeld zu sehen, aber auch das Wissen darum, dass die nach der Halbzeit die Seite wechselt. Letzteres ist ein gutes Beispiel: Stellt euch vor, ihr bekommt den Münzwurf nicht mit und guckt von der Ostkurve auf das Spielfeld. Ihr seht, dass im Tor vor euch Schwolow steht. Diese Information verändert das Schema dieses Spiels: „Hertha spielt auf weiter entfernte Tor“.

(Photo by STEFANIE LOOS/AFP via Getty Images)

Unsere Schemata steuern nun unser Explorationsverhalten. Das heißt: Je nachdem, welche Mannschaft im Ballbesitz ist, orientieren wir unseren Kopf in Richtung des jeweils anderen Tores. Es wäre ja ziemlich sinnlos weiter auf das Hertha-Tor zu starren, wenn gerade ein eigener Konter läuft. Wenn wir unseren Kopf allerdings in Richtung gegnerisches Tor wenden, sehen wir bestimmte Dinge nicht mehr, einfach weil sie außerhalb unseres Blickfeldes sind. Somit bestimmt das Explorationsverhalten, welche Informationen wir aus unserer Umwelt ziehen können und der Wahrnehmungszyklus ist geschlossen.

Nun läuft das nicht alles starr nach Schema-F ab. Wir können unsere Wahrnehmung bewusst steuern, zum Beispiel, wenn unsere Erfahrungen nicht ausreichend sind oder unsere Erwartungen enttäuscht werden. Stellt euch vor, dass es euer erstes Fußballspiel ist. Ihr kommt nach der Halbzeit zurück und richtet euren Blick auf der Tor vor der Ostkurve, in der Erwartung, dort Schwolow stehen zu sehen. Schließlich stand er da ja auch die letzten 45 Minuten. Doch da steht plötzlich jemand anderes! Eure Schema deckt diesen Fall nicht ab. Es muss modifiziert werden. Fieberhaft startet ihr eurer Explorationsverhalten und sucht panisch das Stadion ab. Wo ist Schwolow? Neben euch? In der VIP-Loge? Ah, gefunden! Im anderen Tor! Euer Schema wird durch diese Information modifiziert, sodass ihr beim nächsten Spiel nach den ersten 45 Minuten euren Blick auf das korrekte Tor richten könnt.

Das ist alles eine sehr vereinfachte Darstellung, lässt sich aber mit einiger Übung auf fast alle Wahrnehmungsprozesse anwenden.

Quelle: https://www.researchgate.net/profile/Sarah-Churng/publication/300015484/figure/fig1/AS:348711382208512@1460150680052/Ulric-Neissers-Perceptual-Cycle-Source-Redrawn-from-Ulric-Neissers-Cognition-and_W640.jpg

Typisch Hertha

Der Wahrnehmungszyklus lässt sich auch problemlos auf unsere tägliche Beschäftigung mit Hertha und dem Fußball an sich anwenden. Das könnte sich zum Beispiel darin äußern, dass man während eines Spiels nur auf bestimmte Szenen oder Aktionen achtet, weil man sie erwartet. Plattenhardt benutzt nur den linken Fuß, Cunha lamentiert etc. Eine Ebene höher kann man das aber auch auf das Geschehen um den Verein beziehen. Tendenziöse Berichterstattung oder allgemeine negativ Schlagzeilen fallen natürlich eher auf, wenn aktiv nach ihnen gesucht wird. Unser Explorationsverhalten bestimmt, welches Bild wir von Hertha bekommen. Wer sich nur auf Doppelpass und BILD verlässt, kriegt einen anderen Eindruck vom Verein, als diejenigen, die sich mit der aktiven Fanszene befassen und umgekehrt. Das ist besonders auffallend für all diejenigen, die außerhalb der Bubble eines bestimmten Vereins stehen. Wäre die „Aktion Herthakneipe“ nicht prominent als Brustsponsor beworben worden, hätten es wohl viel weniger Fußballbegeisterte abseits von Hertha mitbekommen.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

„Typisch Hertha“ bekommt damit eine individuelle Komponente, da es sich hier im Grunde genommen um ein kognitives Schema handelt. Ist „Typisch Hertha“ ein 28.000 Zuschauer 0:0 gegen Hannover bei Schneeregen? Oder ist es das soziale Engagement der Fans? Müssen wir das wirklich einfach so akzeptieren, wie es ein ehemaliger Cheftrainer so oft verlautbaren hat lassen oder können wir da was dran ändern?

Es wurde schon erwähnt, dass wir in der Lage sind den Wahrnehmungszyklus zu beeinflussen. Schließlich können wir frei darüber entscheiden, wohin wir unseren Kopf drehen. Wir können Blogs lesen, Hintergrundinfos einholen oder uns einfach selbst ein Bild machen, sofern das wieder möglich ist. Darüber hinaus haben wir auch die Möglichkeit, die Welt selbst zu verändern. Das geht über die reine Wahrnehmung hinaus, zeigt aber, dass ein Verein und seine Fans durch ihre Handlungen das Bild nachhaltig beeinflussen können, auch wenn nicht immer positiv.

Hertha ist das, was man draus macht

Der Wahrnehmungszyklus lehrt uns also, dass unsere Erwartungen und Erfahrungen eine große Rolle in der Bildung unserer Realität spielen. Wir sind dem aber nicht hilflos ausgeliefert. Natürlich können wir manche Sachen nicht ändern, aber ihre Gewichtung wird durch uns bestimmt. Das passiert teilweise automatisch, kann aber auch direkt gesteuert werden. Wenn Cunha 80% seiner Dribblings erfolgreich abschließt, werden wir das anders bewerten, als wenn es nur 20% sind. Wenn eines dieser 20% aber zu einem Tor führt, ist das schon wieder eine ganz andere Nummer.

Es gibt daher nicht das eine „Typisch Hertha“, vielmehr hat jeder Fan seine ganz eigene Beziehung zu diesem Verein. Die Summe dieser individuellen Schemata bildet dann so etwas wie ein kollektiv-emergentes Bild der alten Dame, welches sich dann wieder auf die individuellen Vorstellungen niederschlägt.

Für ein möglichst realistisches Bild auf den Verein sollte man daher seine Schemata hinterfragen und gegebenenfalls modifizieren. Es ist nicht immer alles schlecht, gleichzeitig ist der Verein auch nicht unfehlbar und nicht alle Aktionen – Fans und Geschäftsführung gleichermaßen angesprochen – sind gut.

Exkurs für Klugscheißer

An dieser Stelle könnte man den Artikel wunderbar beenden, wer die Übertragung der Theorie von Neisser auf diese individuelle Ebene aber als zu gewollt empfindet oder wer einfach noch mehr darüber wissen will, dem sei ein anderes Beispiel an die Hand gegeben: Der Wahrnehmungszyklus findet sich nicht nur in der Wahrnehmung des Fußballs, sondern auch im Spiel selbst wieder.

Stellt euch folgendes vor: Ihr seid Stürmer bei Hertha. Es ist Derby. 1:1, die 89. Minute ist grade angebrochen. Ihr seid grade durch die Abwehrreihen von Union gebrochen, als ihr rüde von den Beinen geholt werdet. Elfmeter. Natürlich lasst ihr es euch nicht nehmen, selbst zu schießen. Das Tor vor euch mit dem Unioner Keeper erscheint auf eurer Netzhaut. Das ist die Welt samt ihrer Information. Euer Gehirn gleicht diese Information mit eurem Schema eines Elfmeters ab. Ihr wisst, dass dieser Torhüter meist nach Links springt. Ihr orientiert euren Blick auf seine Beine und seht, dass er sein Gewicht aber auf den rechten Fuß zu verlagern scheint, was für einen Sprung nach rechts sprechen würde. Euer Schema dieser Situation wird angepasst und nochmals mit den Informationen abgeglichen. Dieser Zyklus könnte nun beliebig oft durchlaufen werden, aber schließlich wird er vom Pfiff der Schiedsrichterin unterbrochen. Ihr müsst nun handeln und diese Handlung basiert auf eurem Schema, denn natürlich werdet ihr so schießen, dass ihr eure Torchance maximal erhöht.

Foto: IMAGO

Auch das ist eine krasse Verallgemeinerung. Kann aber für Nachwuchstrainer:innen und Spieler:innen wichtig sein. Es zeigt nämlich warum Spieler, die sich unvorhersehbar bewegen so schwer zu verteidigen sind. Ihre unerwarteten Bewegungen und Aktionen stehen in Konflikt zu den Schemata der Verteidiger. Nicht umsonst wird im heutigen Trainingsbetrieb viel Wert auf die Spielvorbereitung gelegt. Es geht darum, die Schemata vor dem Spiel anzupassen und nicht erst im Spiel. Gleichzeitig zeugt es aber von hoher Flexibilität, wenn Spieler ihr Schema im Spiel rasch an die aktuelle Situation anpassen können. Das erfordert aber Aufmerksamkeit. Was man nicht mitbekommt, kann auch nichts verändern.

Ecce Hertha!

Ob direkt im Spiel, im Stadion oder vor dem sonntäglichen Doppelpass. Unsere Wahrnehmung läuft überall nach ähnlichen Prinzipien ab. Das erlaubt uns zuverlässig Gegenzusteuern, wenn wir zum Beispiel merken, dass das, was wir da sehen uns nicht gut tut oder nicht zielführend ist. Sich aufregen kann zwar als befreiend erlebt werden, Hertha spielt davon aber nicht besser. Wenn es aber darum geht, was „Typisch Hertha“ ist, kann es auch hilfreich sein seine Aufmerksamkeit auf die vielen sozialen Aktionen neben dem Platz zu richten. Hier besteht fast eine Gewissheit, dass sich Fans für Fans und andere Menschen einsetzen. Und das ist für mich „Typisch Hertha“.

Jahresrückblick: Teil 3 – Eine unmögliche Vorbereitung

Jahresrückblick: Teil 3 – Eine unmögliche Vorbereitung

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Im dritten Teil des Rückblicks geht es um eine wohl noch nie derart erlebte Sommerpause. Wir erinnern uns zurück an eine suboptimale Vorbereitung, durch die sich Bruno Labbadias Team quälen musste.

Viele Fragezeichen nach der Saison – Umbruch deutet sich an

Da war es endlich soweit: die so chaotische Saison 2019/20 war endlich zu ende und Hertha machte sich für den großen Umbruch im Sommer bereit. Bruno Labbadia hatte es also geschafft, den kompletten Absturz der „alten Dame“ zu verhindern. Der nächste Schritt sei klar: man wolle die Mannschaft gut zusammenstellen, einen Spielstil entwickeln. „So wie man ein Haus aufbaut, sollte man auch eine Mannschaft aufbauen. Vom Grundstock, denn ohne den kann kein Haus stehen bleiben“, erklärte Herthas Chefcoach zu Beginn der Vorbereitung. Anders ausgedrückt: die bereits im letzten Teil angesprochene zentrale Achse muss bis Saisonstart feststehen und die Basis für Herthas Spiel darstellen. Genau diesbezüglich stellten sich bereits nach der letzten Partie in Gladbach große Fragen.

Foto: IMAGO

Tatsächlich fielen aus der so wichtigen zentralen Achse mit Per Skjelbred, Marko Grujic und Vedad Ibisevic gleich drei (!) Spieler weg. Skjelbred wechselte zurück in die Heimat und der Vertrag mit Ibisevic wurde nicht verlängert. Eine „schwere Entscheidung“, wie Labbadia später erklärte, doch man habe sich bewusst für den „schwierigen Weg“ entschieden, eine junge Mannschaft zusammenzustellen.

Am Ende verließen im Sommer gleich acht Spieler, die eine geringe bis hochwichtige Rolle im Kader spielten, die „alte Dame“. Salomon Kalou, Marko Grujic, Per Skjelbred, Vedad Ibisevic, Alexander Esswein, Karim Rekik, Marius Wolf, Thomas Kraft und Arne Maier: dass es zu lange dauern würde, auf jeden dieser Spieler einzugehen, zeigt bereits, wie groß der Umbruch im Kader war. Um diese Abgänge aufzufangen, sollten neue Spieler auf folgende Positionen geholt werden: Tor, rechte Verteidigung, Achterposition, rechte Außenbahn und Sturm.

Vom „Performance Manager“ zum Sportdirektor

Eine große Aufgabe also im Sommer, für die jedoch nicht nur Michael Preetz und Bruno Labbadia verantwortlich werden sollten. Bereits Ende Juni wurde Arne Friedrich zum Sportdirektor bei Hertha BSC ernannt. Der ehemalige Kapitän der Blau-Weißen wurde endlich vom schwammigen Titel „Performance Manager“ befreit. Seine Ernennung sollte nach Angaben des Vereins gerade keine Entmachtung von Manager Michael Preetz sein. Der 41-Jährige sollte stattdessen ein Bindeglied zwischen Mannschaft und Geschäftsführung darstellen.

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Darüber hinaus sollte er mit in der Kaderplanung eingebunden werden. Er sei: „in Absprache mit dem Geschäftsführer mitverantwortlich für die sportliche Planung und die Kaderplanung, für strategische Themenfelder, die aufkommen, und auch für das Personal-Management.” Nach der unübersichtlichen und chaotischen Saison klang zumindest diese personelle Entscheidung sinnvoll. “Wir wollen im nächsten Jahr in ruhigere Fahrwasser, daran arbeiten wir”, meinte der neue Sportdirektor. Eine Aussage, die im Rückblick natürlich alles andere als prophetisch gelten kann.

Michael Preetz sollte jedoch in diesem Sommer jede Unterstützung gut gebrauchen können. Die Transferperiode gestaltete sich aufgrund der Corona-Situation besonders schwierig. Hertha musste außerdem wie auch andere Vereine in Deutschland, durch die fehlenden Zuschauereinnahmen in dieser und letzter Saison zweistellige Einnahmeverluste hinnehmen. Auch deshalb sollte die Botschaft am ersten Juli 2020 die Hertha-Verantwortlichen besonders erfreut haben. Die Tennor Holding B.V. stockte ihre Anteile auf und versprach die Zahlung von rund 150 Millionen Euro.

„Geldregen“ als Fluch und Segen

Eine gerade in Corona-Zeiten fast schon ungesund hohe Summe sollte also in Herthas Kasse fließen. Ein riesiger „Geldregen“ also für Hertha BSC. Der Investor-Club konnte wieder wie im Winter die großen Millionen raushauen und bereits in der Saison 2020/21 eine neue Macht in der Bundesliga darstellen. So zumindest klang es bundesweit in den Medien und in sozialen Netzwerken. Die Realität jedoch, war wie schon so oft eine völlig andere.

Foto: IMAGO

Im Sommer flossen von den 150 Millionen „nur“ 50. 100 weitere sollten im Oktober folgen, was jedoch, wie wir heute wissen, ausblieb. Michael Preetz konnte also nicht plötzlich 150 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben. Auf den Punkt brachte es Herthas Cheftrainer: „Wir haben ein Stück Geld bekommen, worüber wir sehr froh sind, aber wir brauchen eine Einordnung, es ist nicht so, dass wir uns damit eine Mannschaft aufbauen können“. Stattdessen wolle man „klug vorgehen und genau schauen, wer zu den Spielern, die schon hier sind, passt.” Die Abgänge würde man nicht durch große Stars ersetzen können “(…) es ist nicht so, dass wir fünf, sechs Top-Spieler holen können“, so Labbadia.

Doch diese Erkenntnis schien nicht überall angekommen zu sein. Tatsächlich gestaltete sich die Suche nach neuen Spielern umso schwieriger: Hertha galt für andere Vereine und Spieleragenten als „stinkreich“ und wurde vor horrenden Preisschildern gestellt. Verhandlungen schienen oft an zu hohe Erwartungen zu scheitern. Michael Preetz, der zu Beginn der Transferperiode noch optimistisch schien, musste schnell feststellen: „Wir spüren, dass eine andere Erwartungshaltung da ist.“

Gerüchtefestival und späte Transfers

Dies zeigte sich auch ganz besonders daran, dass es im Sommer einen regelrechten Gerüchtefestival rund um Herthas angebliche Neuzugänge gab. Kaum ein Tag verging ohne eine Meldung: Hertha BSC sei an diesen Topspieler interessiert. Es fielen Namen wie Draxler, Götze, Boateng, Trapp, Reine-Adelaide, Calhanoglu oder Jovic. Und auch wenn es teilweise konkrete Gespräche mit einigen Spielern gab, blieben die allermeisten Gerüchte gegenstandlos. Im Sommer hatten wir hier eine Übersicht über Transfergerüchte erstellt, die mit der Zeit auch recht lang wurde.

Foto: IMAGO

Preetz hatte mehrmals betont, dass der Markt gegen Ende der Transferperiode noch aktiver werden würde, und Hertha dort gute Chancen hat, zuzuschlagen. Am Ende blieb jedoch das Gefühl, er habe sich geirrt. Auch gegen Ende blieb der Transfermarkt vergleichsweise ruhig. Herthas Manager konnte die Transfers von Mario Götze, Reine-Adelaide und Marko Grujic nicht vollenden, musste auf Alternativen ausweichen.

Auf den bereits angesprochenen fünf gewünschten Positionen kamen nur vier Spieler: als Torhüter Alexander Schwolow, als rechter Verteidiger Deyovaisio Zeefuik, auf der Acht Mattéo Guendouzi und als Stürmer Jhon Córdoba. Ein Spieler für die Außenbahn wurde nicht geholt und ansonsten nur Spieler ersetzt (Eduard Löwen für Arne Maier, Omar Alderete für Karim Rekik). Vollkommen zufrieden war Cheftrainer Labbadia nach der Transferperiode jedenfalls nicht: „Wir haben eine andere Vorstellung gehabt“, sagte er zu den Transfers. „Aber wir haben noch das Bestmögliche daraus gemacht.“

Niederlagen und Torlosserie vor der Saison

Herthas neue zentrale Achse war also in der Sommervorbereitung erstmal nur Zukunftsmusik: mit Lucas Tousart kam bereits am 1. Juli ein wichtiger Neuzugang für das zentrale Mittelfeld, es folgten relativ zeitnah Deyo Zeefuik für die rechte Verteidigung und Alexander Schwolow, der immerhin die Torhüterdiskussion beendete. Letzterer wurde auch angeblich vor der Nase eines gewissen Ruhrpott-Vereins weggeschnappt, was im Hertha-Lager einige besonders freute. Spieler wie Mattéo Guendouzi oder Jhon Cordoba kamen allerdings erst nach Saisonbeginn, verpassten somit die gesamte Vorbereitung.

Foto: IMAGO

Somit fehlten Spieler, die für das Offensivspiel und die Torgefahr eine zentrale Rolle übernehmen sollten. Das sollte auch im Laufe der Vorbereitung in Testspielen besonders spürbar werden. Zwar begannen die Blau-Beißen mit einem 2:0 Erfolg gegen Viktoria Köln. Es folgte aber eine torlose Testspiel-Niederlagenserie: 0:1 gegen Ajax Amsterdam, 0:4 gegen PSV Eindhoven. Zum Abschluss einer misslungenen Vorbereitung gab es noch ein 0:2 gegen den Hamburger SV. In diesen Spielen war deutlich zu spüren, dass noch ein sehr langer Weg für Labbadias Trainerteam zu gehen ist. Besonders die Spiele gegen die niederländischen Mannschaften deuteten darauf hin, dass Hertha noch sehr weit davon weg ist, ernste europäische Ambitionen haben zu dürfen.

Ein richtiger Rhythmus sollte erst gar nicht aufkommen für die Spieler von Bruno Labbadia. Noch vor dem ersten Testspiel gegen Köln wurde die Partie gegen Saint Étienne abgesagt. Der französische Erstligist hatte Corona-Fälle zu beklagen. Es sollte nicht das erste Testspiel bleiben, das abgesagt werden sollte. Auch das Spiel gegen PSV Eindhoven sollte ursprünglich zwei Mal 90 Minuten dauern. Daraus wurde nur eine Partie. So konnte Herthas Coach nicht wie geplant den Spielern die gewünschte Spielpraxis geben.

Länderspielpausen – Herthas Vorbereitungs-Killer

Auch das Aufbauen eines Teamgefühls und die Bildung einer echten „Mannschaft“ wurde durch die Corona-Lage erschwert. Eine Reise ins Sommertrainingslager war auch für Hertha BSC keine Option. Stattdessen verbrachten die Spieler die Vorbereitung auf dem Klubgelände, wo auch extra Schlafplätze eingerichtet wurden.

Immerhin konnte Matheus Cunha im Trainingspiel ein sehenswertes Tor mit Marcelinho-Vibe erzielen:

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Viel schwerwiegender wurde jedoch die Tatsache, dass Bruno Labbadia in den letzten zwei entscheidenden Wochen der Vorbereitung auf seine Nationalspieler verzichten musste. Die Länderspielpause Anfang September stellte die letzte große Hürde dar. Die berufenen Spieler wurden auch ohne große Rücksicht auf die Bedürfnisse des Vereins in Risikogebiete geschickt, und dort teilweise nicht einmal eingesetzt. Trotzdem mussten diese Spieler zunächst bei ihrer Rückkehr dem Teamtraining fernbleiben. So fehlte z.B. Krzysztof Piątek im Pokalspiel in Braunschweig.

Im letzten Test gegen Hamburg war sogar fraglich, ob Hertha überhaupt eine Mannschaft zusammenbekommt. „Wir hoffen, dass wir zumindest elf Spieler zusammen bekommen“, hieß es vom Coach. Auf diese Länderspielpause angesprochen wirkte bis heute Labbadia fast schon frustriert. Kein Wunder: schließlich konnte er beispielsweise erst am 22. September die Kapitänsfrage klären, da er zuvor wochenlang nicht alle Spieler beisammen hatte. Allein das zeigt bereits, wie viel Hektik und wie wenig Zeit es gab, um den von Hertha gestarteten Umbruch ordentlich umzusetzen.

Fazit der Vorbereitung – Schwierigkeitsgrad zu hoch

Foto: IMAGO

Abschließend muss man feststellen: das, was für jede Bundesligamannschaft eigentlich als Basis für die Saison dienen sollte, erwies sich für Hertha BSC diesen Sommer eher als eine zusätzliche Last. Am Ende stolperte man sich eher durch. Die von vielen erwartete Shopping-Tour mit Windhorst-Millionen blieb aus, die großen Namen ebenfalls. Der große Umbruch in der Mannschaft erfolgte allerdings trotzdem notgedrungen, durch die vielen Abgänge.

Sicherlich mussten alle Teams durch die Corona-bedingte außergewöhnliche Lage viele Komplikationen erleiden. Doch ein neuer Trainer, im neuen Kontext und mit einer Mannschaft im Umbruch, ist es noch eine größere Herausforderung gewesen. Was im „normalen“ Kontext bei Hertha so oder so eine schwierige Aufgabe gewesen wäre, schien im aktuellen Kontext noch eine Spur schwieriger zu sein. Vor allem, um diesen „nächsten Schritt“ zu gehen, den Hertha bereits vor anderthalb Jahren erreichen wollte.

Eines muss man jedenfalls feststellen: gut erholt, gut vorbereitet und ohne Zweifel im Gepäck kam die „alte Dame“ ganz sicher nicht in die neue Saison. Vielleicht hätte man den Schwierigkeitsgrad runtersetzen sollen.

[Titelbild: IMAGO]

Jahresrückblick: Teil 2 – Labbadia stabilisiert Hertha

Jahresrückblick: Teil 2 – Labbadia stabilisiert Hertha

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Im zweiten Teil des Rückblicks dreht sich alles um den Restart der Bundesliga und Herthas erste Monate unter Nouri-Nachfolger Bruno Labbadia.

Labbadia folgt auf Nouri

Es war der 9. April, als bei Hertha BSC einmal mehr eine Gezeitenwende in Form eines Trainerwechsels vorgenommen wurde. Nachdem Alexander Nouri den Stuhl von Jürgen Klinsmann übernommen hatte, gelang es der Interimslösung nicht ansatzweise, die wankende alte Dame zu stabilisieren. Nun sollte Bruno Labbadia eben jene Aufgabe übernehmen.

An einem Montag ist der 54-Jährige bei der Pressekonferenz in Berlin offiziell vorgestellt worden. Bis zunächst Sommer 2022 soll er die Profi-Mannschaft von Hertha BSC leiten. Eine große Überraschung war die Nachricht nicht völlig: der Name „Labbadia“ geisterte bereits bei der Entlassung von Ante Covic im vergangenen Winter, und sogar als die Amtszeit von Pal Dardai zu Ende war, durch die Medien. 

Labbadia kam zusammen mit seinem Staff bestehend aus Eddy Sözer, Günter Kern und Olaf Janßen in die Hauptstadt. Und das nicht erst im Sommer, sondern bereits in der Corona-bedingten Ruhephase der Saison, die Michael Preetz als „vorgezogene Sommerpause“ bezeichnete. Dass Interimstrainer Nouri nur noch die „Lame Duck“ war, war kein Geheimnis. Von der Klubführung wurde bereits deutlich gemacht, dass im Sommer ein anderer Fußballlehrer die Mannschaft leiten würde.

Hertha ist Labbadias “Wunschverein”

Zum Teil ließen sich auch aus Spielerinterviews Zeichen herauslesen, dass Nouri nicht mehr zu hundert Prozent bei der Sache war. Beispielsweise behauptete Maximilian Mittelstädt, sein Trainer hätte ihn während dessen Quarantäne nicht einmal kontaktiert. Jetzt herrscht wieder Klarheit und die Trennung mit Jürgen Klinsmanns Team ist endgültig vollzogen – bis auf Arne Friedrich ist kein Mitarbeiter mehr bei Hertha beschäftigt, der zusammen mit Klinsmann kam. Torwarttrainer Zsolt Petry, die Athletiktrainer Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben dem Hertha-Stab erhalten.

Labbadia bei seiner ersten Pressekonferenz bei Hertha: “Hertha war mein Wunschverein im Sommer, jetzt auch. Ich sehe in der Mannschaft und im Verein Potenzial. In meiner Situation ist mir wichtig, mit welchen Menschen ich arbeite. Ich muss nicht mehr alles machen. Die Gespräche mit Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer haben mir richtig gut gefallen. Auch die Menschen, die ich bisher hier getroffen habe.”

Foto: IMAGO

„Mein Team und ich freuen uns total auf diese Aufgabe“, sagte Labbadia, nachdem seine Verpflichtung offiziell wurde, und ergänzte: „Es liegt viel Arbeit vor uns“. Wohl wahr, denn schließlich übernahm das neue Trainerteam eine Mannschaft, die bereits zuvor drei verschiedene Trainer hatte, all das Chaos der Saison mit durchleben musste und in den letzten sechs Spielen nur einmal gewonnen hatte.

Labbadia übernahm zwar eine Mannschaft, die zu jenem Zeitpunkt auf dem 14. Tabellenrang stand und klar im Abstiegskampf steckte, doch Labbadia wollte es allen beweisen, dass er mehr kann, als nur zu retten. “Unser Spiel bedarf vieler Sprints und Tempoläufe. Wir werden in allen Bereichen arbeiten: Athletik, Organisation, Taktik. Das findet nicht nur auf dem Platz statt. Das wird sehr intensiv. Einige sagen, es ist zu intensiv. Aber das ist unser Spiel. Für mich ist es ein geiles Spiel. Ich habe Bock auf Fußball. Ich lasse mir die Freude am Fußball nicht mehr nehmen. Ich will das leben”, gab sich Labbadia bei seiner Antritts-PK hoch motiviert.

“Sala, bitte lösch das!”

Labbadia habe sich eigentlich vorgenommen, “nicht mehr in den Abstiegskampf einzusteigen”, berichtete der neue Hertha-Trainer. “Aber beide Seiten mussten handeln, dann habe ich es gemacht, weil ich jetzt wahrscheinlich mehr Zeit habe als im Sommer.” Durch die Corona-bedingte Pause war es Labbadia und seinem Trainerteam möglich, ihre Ideen in einer Art Mini-Sommervorbereitung einstudieren zu lassen.

“Wir waren als einzige Mannschaft neben Eintracht Frankfurt 14 Tage in Quarantäne, die Mannschaft hatte zudem 14 Tage lang keinen Trainer. Das sind sehr ungewöhnliche Umstände. Aber es nützt ja nichts”, zeigte sich Labbadia damals pragmatisch. Wie alle anderen Bundesligisten musste auch Hertha unter besonderen Auflagen trainieren, zunächst konnten beispielsweise Übungen nur in Kleingruppen von bis zu acht Spielern absolviert werden – alles andere als normal, doch Labbadia wollte als dies nicht als Ausrede gelten lassen. Der Monat bis zum ersten Spiel sollte möglichst effizient und geräuschlos genutzt werden.

Foto: IMAGO

Fünf Tage vor Labbadias Amtsantritt hatte der Verein nämlich den jüngsten der so vielen Skandale dieser Spielzeit aushalten müssen. Nachdem der Verein den Klinsmann-Skandal abmoderiert hat, herrscht – auch aufgrund der Corona-bedingten Spielpause – zunächst einmal Ruhe. Bei dem nächsten Eklat ist einmal mehr Facebook der Handlungsort: Salomon Kalou hatte mit einem Live-Stream für große Unruhe gesorgt.

Das 25-minütige Video zeigte den Ivorer in den Spielerräumlichkeiten des Vereinsgeländes, vielmehr aber inwieweit die auferlegten Hygienevorschriften ignoriert wurden. Es war für die gesamte Öffentlichkeit sichtbar, wie sich Hertha-Spieler -und Betreuer die Hand geben, keinen Mindestabstand halten und auch die Corona-Testungen mangelhaft durchgeführt werden – in einer Zeit, in der Fußballdeutschland noch über die DFL-Konzepte zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs diskutiert hatte. Dieser Livestream sorgte dafür, dass sogar ein Markus Söder den Namen Kalous in den Mund nahm – 2020 hat wirklich einiges zu bieten. Kalou wurde aufgrund des unbefugten Aufnehmens vom laufenden Betrieb auf dem Vereinsgelände und seinen Teamkollegen suspendiert.

Labbadia gelingt ein herausragender Einstand

Die Schlagzeilen sollten also wieder auf dem Platz geschrieben werden und dort hatte Labbadia genug zu tun. Die damaligen Baustellen der Mannschaft sind nach drei Trainern schier endlos. Die mentale Verfassung und die Hierarchie des Teams wurden durch die Geschehnisse der letzten Monate zerrissen. Klinsmann und Nouri hatten den Kader fußballerisch heruntergewirtschaftet, nicht einmal mehr die zwischenzeitlich erreichte defensive Stabilität war mehr gegeben. Defensiv wie offensiv brannte es lichterloh.

In den Wochen vor dem ersten Spiel des Restarts gegen die TSG Hoffenheim musste also an zahlreichen Stellschrauben gedreht werden. Hertha musste sich die Basics wieder draufschaffen und ein klares System etablieren, an dem sich die Spieler aufrichten können. Auch das Errichten einer Achse war dringend notwendig, da die Mannschaften in den Monaten zuvor zu oft durchgeschüttelt wurde und nicht mehr wusste, woran sie denn ist.

Um etwas vorzuspulen: Labbadia und seinem Trainerteam gelang all dies in beeindruckender Weise, wie sich gegen Hoffenheim herausstellte. Bei seinem Debüt als Hertha-Coach konnte Labbadia einen größtenteils souveränen 3:0-Sieg einfahren. In jenem Spiel setzte der 54-Jährige auf ein grundsolides 4-2-3-1-System mit zahlreichen erfahrenen Führungsspielern, die von seinen Vorgängern teilweise aussortiert waren, in der Startelf. Rune Jarstein stand, nachdem er kurzzeitig von Thomas Kraft verdrängt worden war, wieder im Tor. Marvin Plattenhardt und Peter Pekarik besetzten die defensiven Flügel, Per Skjelbred das Zentrum und Kapitän Vedad Ibisevic den Strafraum.

Photo by Thomas Kienzle/Pool via Getty Images

All das sollte sich auszahlen, die vielen Führungskräfte verliehen Hertha eine nahezu ungewohnte Stabilität. Wie zu besten Dardai-Zeiten arbeitete das Team in Sinsheim aufopferungsvoll gegen den Ball und stand kompakt. Doch darüber hinaus war teilweise auffällig guter Fußball zu sehen, gepaart mit einer ungeheuren Effizienz. So war das Spiel gegen die TSG auch quasi die Geburtsstunde des Goalgetters Pekarik. Sein abgefälschter Schuss brachte die Berliner in Führung. Mit einem wahren Doppelschlag köpfte Ibisevic nach Flanke von Maxi Mittelstädt das 2:0 ein. Ein abermals herausragend aufgelegter Matheus Cunha sorgte mit einem starken Dribbling und ebenfalls gutem Abschluss dann für 3:0-Schlusspunkt. Ein rundum gelungener Auftakt in den Restart der Bundesliga.

Hertha verabschiedet sich vom Abstiegskampf

Der Auftakt war Labbadia und Hertha gelungen. Mit dem 3:0-Erfolg verabschiedete sich die “alte Dame” auch, wie in Retrospektive klar wird, bereits vom Abstiegskampf. Acht Punkte betrug der Abstand nun auf Platz 16, viel anbrennen sollte hier nicht mehr. Vom Auftaktsieg beflügelt ging es für Hertha mit dem Stadtderby gegen den 1. FC Union Berlin weiter. Das Hinspiel hatten die Blau-Weißen enttäuschend mit 0:1 verloren, diese Niederlage war womöglich der Anfang vom Ende des Ante Covic. Es stand also Wiedergutmachung an.

Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Und die lieferte die Mannschaft – wenn auch vor leeren Rängen im Olympiastadion. Ibisevic und Cunha trafen jeweils im zweiten Spiel infolge, zusammen mit Dodi Lukebakio und Dedryck Boyata sorgten sie für einen furiosen 4:0-Derbysieg, der zu keinem Zeitpunkt sonderlich gefährdet schien. Defensive Stabilität wurde mit mutigem wie schnellen Offensivfußball kombiniert, dem Union an jenem 27. Spieltag nichts entgegenzusetzen hatte. Es schien, als sei Labbadia der erste Trainer, der das theoretische Potenzial der Mannschaft zu 100 Prozent auf den Rasen bringen könnte. Die Defensive steht, das Mittelfeld ackert, Cunha und Lukebakio zaubern und Ibisevic zeigt sich eiskalt. Ein Derby ganz im Zeichen von “Warum denn nicht immer so?”

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Mit nun 34 Punkten nach 27 Spielen und damit zehn Zählern Abstand auf den Relegationsrang konnte Hertha befreit aufspielen. Und das taten die Hauptstädter auch. Die zwei Siege zum Restart-Auftakt sorgten für eine breite Brust, die Mini-Vorbereitung unter Labbadia hatte für eine gute Gesamtorganisation auf dem Feld gesorgt. Auf den Derbysieg folgte ein mehr als überzeugendes 2:2-Unentschieden gegen RB Leipzig, das auch hätte gewonnen werden können. Drei Punkte gab es jedoch danach beim 2:0 gegen den FC Augsburg. Hertha hatte sich in einen kleinen Rausch gespielt und zehn Punkte aus den letzten vier Spielen geholt – nur der FC Bayern war mit zwölf Punkten besser aus der Corona-Pause gekommen.

Ein leerer Tank und wenig Spielglück

Der Rausch sollte damit allerdings auch erst einmal wieder beendet sein. Nach vier Spielen ohne Niederlage musste sich Hertha gegen Borussia Dortmund knapp mit 0:1 geschlagen geben. Es war das erste Spiel, in dem klar wurde, dass der Mannschaft so langsam die Körner ausgingen. Von mangelndem Willen konnte keine Rede sein, doch das so intensive Spiel Labbadias forderte in den letzten Spielen der Saison, die es mit ein paar englischen Wochen nicht einfacher machte, seinen Tribut.

Hertha verlor auch die nächsten zwei Spiel gegen Eintracht Frankfurt (1:4) und den SC Freiburg (1:2), wobei letzteres einen weiteren Trend zeigte: Hertha ging das Spielglück abhanden. So hätten viele Szenen jener Spiele mit etwas Fortune auch für Hertha ausgehen und somit in Punktgewinnen enden können. So wurde z.B. das herausragende Tor Lukebakios gegen Freiburg aberkannt, weil vorher ein Foulspiel Daridas erkannt wurde – ob man das jedoch entscheiden musste, ist fraglich. So konnte keinesfalls gesagt werden, dass Hertha nach dem ersten Rausch schlechte Spiele machte, aber der immer leerer werdende Tank und das ausbleibende Spielglück ließen Punkt um Punkt verpassen.

(Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Dass die Mannschaft sich trotz unglücklicher Ergebnisse nicht hängen ließ, wurde zumindest mit dem 2:0-Sieg am 33. Spieltag gegen Bayer Leverkusen belohnt. Mit dem überzeugenden Heimerfolg durchbrach Hertha zudem die 40-Punkte-Marke – 41 Zähler und Platz zehn waren sicherlich nicht das, was man sich in Berlin vor der Saison als Ziel gesteckt hatte, unter den Gesamtumständen einer verrückten Saison allerdings wohl noch das Bestmögliche. Die Spielzeit endete mit 1:2-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach, die allerdings auch durch die großen personellen Probleme der Blau-Weißen bedingt war.

Fazit nach Restart

Ein Jahresrückblick hat an sich, dass man mit einem breiteten Horizont auf die Geschehnisse eines Jahres blicken kann, da man schließlich weiß, wie es weiterging. So ist das Fazit der ersten Wochen bzw. Monate unter Bruno Labbadia nach der Saison 2019/20 sicherlich positiver ausgefallen als es das mit heutigem Wissen über den bisherigen Verlauf der neuen Spielzeit tun würde.

Podcast #111 Saisonrückblick 19/20

So schien die Arbeit nach dem Bundesliga-Restart ein verheißungsvoller Anfang der Labbadia-Amtszeit zu sein. Er und sein Trainerteam haben Hertha BSC nicht nur stabilisiert, sondern in gewissen Aspekten beeindruckend schnell weiterentwickelt. Doch der Fußball, den man im Mai gegen Hoffenheim, Union oder Leipzig gesehen hat, hat sich in 20/21 noch sehr selten gezeigt.

Das liegt auch recht wahrscheinlich daran, dass Labbadia mit Spielern wie Skjelbred oder Ibisevic eine echte Achse etablieren konnte, die durch den Umbruch im vergangenen Sommer nahezu vollständig weggebrochen ist. So schien die Mannschaft zum Amtsantritt Labadias weiter als sieben Monate später. In kürzester Zeit hat Labbadia es geschafft, das Team auf Kurs zu bringen und seine Spielidee erfolgreich umzusetzen. Hertha spielte nach dem Restart nicht nur soliden, sondern streckenweise wirklich ansehnlichen Fußball, ohne jemals die Grundtugenden zu vergessen. Darüber hinaus stellte Labbadia unter Beweis, nicht nur mit erfahrenen Spielern arbeiten, sondern dahinter auch Eigengewächse heranführen zu können. So feierten Jessic Ngankam und Lazar Samardzic vergangene Saison ihr Bundesliga-Debüt. Spieler wie Marton Dardai, Omar Rekik oder Luca Netz wurden zudem fester Bestandteil des Profi-Trainings und fanden einige Mal den Weg in den Spieltagskader.

Über Labbadias Arbeit von dessen Amtsantritt am 9. April bis zu Saisonende 2020 können also eigentlich nur positive Wort verloren werden. Nur in Hinblick auf den weiteren Verlauf des Kalenderjahres, welches mit Platz 14 beendet wurde, verliert seine Anfangszeit bei Hertha etwas an Wert. Doch all das wird in Teil drei und vier des Jahresrückblicks unter die Lupe genommen.

[Titelbild: THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images]

Jahresrückblick: Teil 1 – HaHoHe, euer Jürgen

Jahresrückblick: Teil 1 – HaHoHe, euer Jürgen

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Für den ersten Teil konnten wir unseren schwäbischen Ex-Trainer gewinnen, seine ganz exklusive Sicht auf die Dinge zu Beginn des Jahres zu präsentieren.
Viel Spaß!

Liebe Herthaner:innen,

was für ein Jahr liegt hinter uns.
Auch diesmal konnte ich mit meiner tollen Stiftung wieder viele Herzensprojekte anschieben und auch und gerade in diesem pandemiegeplagten Jahr viel wichtige Hilfe leisten. Wow, großer Care-Wert!

Ach ja und Hertha war ja auch noch!
Vor einem Jahr saß ich unter meiner kalifornischen Nordmanntanne und schrieb meinen Wunschzettel, den ich unserem Bremser Preetz für Weihnachten in die Schuhe schieben wollte.
Und ich hatte ganz konkrete Vorstellungen – so wie das bei einem Wunschzettel sein muss.

Zuerst sollte es natürlich jemand wie ich sein. Kein gutaussehender Mitvierziger (seh ich älter aus?!?), der schon alles gesehen hat und mit jeder Situation perfekt umgehen kann. Nein, ein waschechter Mittelstürmer!
Also habe ich dem „Hohen“, oder wie er nochmal genannt wird, meine Scouting-Ergebnisse notiert – ein polnischer Weltklasse-Mann, der aus einem halben Anspiel zwei Tore macht und für den Jubel dann seine Arme so überkreuzt.

Foto: IMAGO

Dazu brauchten wir einen Staubsauger vor der Abwehr. Einen quirligen, lauf- und zweikampfstarken Spieler, der schon alleine die Gegner defensiv im Griff hat. Einen, der immer ein nettes, unschuldiges Lächeln auf den Lippen hat. Einen französischen Nationalspieler. Die sind schließlich Weltmeister!
Als letztes hatte ich „Uns Michael“ noch meinen „Geheimtipp“ nahegelegt. Ein kleiner Argentinier, Nationalspieler, landläufig als Mega-Talent bekannt. Könnte in Anlehnung an seinen Namen auch als übermenschlich bezeichnet werden.

Na ja, ich denke, es ist klar, wen ich da auf dem Schirm hatte.
Deswegen habe ich dem Micha auch auf seine Nachfrage-SMS gar nicht erst geantwortet.
Und dann ganz große Augen bei mir, als plötzlich die Deals alle fix waren.

Ich musste natürlich gute Miene zum bösen Spiel machen und die Verpflichtungen von Krzysztof Piątek, Lucas Tousart und Santiago Ascacibar als absolute Top-Transfers darstellen. Dabei durfte ich nicht mal mit aufs Foto.

Im Trainingslager habe ich dann auch nochmal von diesen Fans gehört, die sich um ein neues Hertha-Stadion kümmern  wollen. Die stellten das ganze dann als „plumpe Idee“ dar. Seltsame, fast beleidigende Selbstbezeichnung. Ich hätte solch eine Idee ja nach einem ehemaligen eigenen Stadion des Vereins oder so benannt!

Immerhin begann die Rückrunde dann sportlich äußerst erfolgreich, als wir uns mit einer taktisch überaus disziplinierten Leistung beim großen und herrlichen FC Bayern mit einem achtbaren 0:4 aus der Affäre ziehen konnten. Auch das 0:0 und das knappe Ausscheiden im Pokal wenige Tage später gegen die so starken Schalker konnte man mir nicht anlasten. Mir war damals schon klar, dass dieses Schalker Top-Team eine glorreiche Zukunft vor sich haben würde. Und wir hatten sie am Rande einer Niederlage!
Zugegeben – den Tipp mit Pascal Köpke im Sturm hatte mir unser damaliger Torwart-Trainer schon kurz vor dem Jahreswechsel gegeben. Wahnsinn, der Andreas hat einfach ein Auge für Talente.
Zu dem traurigen rassistischen Vorfall in diesem Pokalspiel haben unsere tollen Fans im Hertha BASE Podcast damals und seitdem auch immer wieder schon alles gesagt.

Foto: IMAGO

Als wir eine Woche später im Heimspiel gegen bockstarke Mainzer immerhin ein Tor schießen, aber dem Topstürmer Robin Quaison wieder einmal nichts entgegensetzen konnten, wurde mir die Kritik an meiner Person zu bunt.
Im Schnitt 1,33 Punkte pro Spiel, das soll mir erst mal jemand nachmachen. Selbst der große Otto Rehhagel hat bei Hertha nur durchschnittlich 0,92 Punkte erreicht – und den würde schließlich niemand in Frage stellen! Oder?

Auch der Preetz schien irgendwie ganz anderer Ansicht zu sein als ich und forderte bessere Ergebnisse. Und wo war eigentlich der Arne? Ich hatte ihm doch gesagt: „Arne, du ergreifst jede Möglichkeit, da vorne mit ans Mikro zu treten. Der Preetz, der spürt deinen Atem, Arne, der spürt deinen Atem!“ Aber nichts von dem Arne zu sehen. Und der Lars hatte mir auch schon seit Wochen nicht mehr die Füße geküsst.
So konnte es doch nicht weitergehen!
Also habe ich dem Micha mal ordentlich die Meinung gegeigt. Und der Mannschaft. Und dem Lars – wobei, dem Lars schon ein bisschen früher.
Aber natürlich habe ich nach dem Lars erst meine treuen Fans auf Facebook von meinem Rücktritt unterrichtet. Muss ja auch nicht immer sein, dass der Verein als erstes von einer so wichtigen Personalie erfährt.

Wütend bin ich dann wieder in mein Hotelzimmer chauffiert worden und musste mir auf die Aufregung erstmal einen Beruhigungs-Smoothie andicken. Am nächsten Morgen vor dem Flieger nach Hause noch schnell den Pfand zurückbringen. Am Automaten dann der Schock – die Smoothies werden nicht genommen. Kein Mehrweg. Dann musste ich die Flaschen in die Tonne treten – äh, kloppen.

Apropos für die Tonne – bei unserer Hertha ging es ja nun mit dem ausgetüftelten Spielkonzept meines hochkompetenten Mitarbeiters Alexander Nouri weiter. Was habe ich der Hertha da für ein Goldstück loseisen können. Bei seiner beeindruckenden Vita und mitreißenden Spielweise hat mich ja ernsthaft gewundert, dass der Mann sich auf so ein Himmelfahrtskommando eingelassen hat.

Foto: IMAGO

Nach einem überzeugenden Sieg gegen aufmüpfige Paderborner, kassierte man leider gegen Köln die dritthöchste Heimniederlage der Herthaner Bundesligageschichte. Das muss dann einfach Pech gewesen sein.

Glaubt mir, auch mich hatte das Ergebnis bedrückt, sodass ich es mir eines Abends im netten Ambiente einer Hotel-Bar bequem gemacht hatte. In dieser Nacht kam ich ins Gespräch mit einem wahnsinnig netten Herrn, der mich nach meinem Gefühlsleben ausfragte. Schlussendlich wollte er sogar meine Tagebücher lesen, um sich besser in mich einfühlen zu können. Der Mann verstand mich einfach. Traurigerweise hat er sich danach nie wieder gemeldet. 🙁
Dafür fand ich meine intimsten Seeleneinblicke am nächsten Tag in der Zeitung wieder. Ohje, sowas wollte ich ja wirklich gar nicht!

Und auch für Hertha ging es in Düsseldorf einfach nur unglücklich weiter und man lag schon zur Halbzeit mit 0:3 hinten. Ein Glück kam nach überragend gecoachter zweiter Hälfte ein 3:3 dabei heraus. Hätten nicht Thomas Kraft & Co. die Halbzeitansprache übernommen, sondern den lieben Alex selbst reden lassen, wäre da sicherlich noch mehr bei rumgekommen!

Unverständlicherweise war nach dem sensationellen Punktgewinn gegen die auf Platz 17 liegenden Bremer nach frühem 0:2-Rückstand für den ehrenwerten Alex Schluss auf der Trainerbank. Kein Ehrwert von Preetz, wenn ihr mich fragt.

In der Folge hat dann wohl ein anderer Trainer die Hertha übernommen. Ich habe natürlich weiterhin wahnsinnig mit der Hertha mitgefiebert, die Restsaison aber doch nicht mehr so genau verfolgt.
Und wie ich mich auf die angekündigten Begegnungen in der Stadt gefreut habe. Nur getroffen habe ich dann irgendwie doch keine:n, komisch.

Foto: IMAGO

Nun ja, am Ende dieses langen Jahres sitze ich nun wieder unter der kalifornischen Sonne am Strand und lasse meinen Blick schweifen. Ich habe hier in Kalifornien schnell realisiert, was mir an Berlin auch unterbewusst immer gefehlt hat. Kein Meerwert.
Nichtsdestotrotz wird es im nächsten Jahr sicherlich weiter bergauf gehen.
Wie man hört, hat der Lars ja mit meinem Nachfolger im Aufsichtsrat wieder ein goldenes Händchen bewiesen.

Ich wünsche euch allen eine (blau-)weiße Weihnacht und einen guten Rutsch ins neue Hertha-Jahr.
Bleibt alle vernünftig und gesund!

HaHoHe
Euer Jürgen

Zurück in die Vergangenheit

Zurück in die Vergangenheit

Basierend auf einem Gedanken unseres Co-Gründers Marc Schwitzky, beleuchten wir in diesem Text die gute alte Zeit und wieso gerade die alte Dame dort Probleme hat.

Ein Tag im Herbst

Es ist der 30. September 2000, 15:30. 37714 Zuschauer:innen genießen, im damals noch nicht umgebauten Olympiastadion, bei wolkenlosen 17 Grad bestes Fußballwetter als Edgar Steinborn den 7. Spieltag der noch jungen Saison 2000/2001 anpfeift. Die Hertha um Trainer Jürgen Röber, Michael Preetz, Marko Rehmer, Dick van Burik und Supertalent Sebastian Deisler trifft auf den 1. FC Köln.

Das Spiel läuft nicht wirklich gut. Innerhalb von 5. Minuten schenkt der Effzeh der alten Dame zwei Tore ein, sodass es nach einer halben Stunde schon 0:2 steht. Die Fans im halb gefüllten Olympiastadion stellen sich auf eine erneute Niederlage ein (am Spieltag zuvor hatte man 2:5 gegen Unterhaching verloren). Doch dann kommt es anders. Alex Alves, der 15 Millionen Mark Königstransfer aus Brasilien, legt sich den Ball nach dem Anstoß zurecht und verwandelt aus 52 Metern zum 1:2. Hertha dreht das das Spiel und gewinnt mit 4:2 durch einen Treffer von Preetz und einem Doppelpack von Daruisz Wosz.

(Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images)

Einer der Zuschauer, die dieses Kunstwerk eines Tores miterleben durfte, war gerade einmal fünf Jahre alt und saß mit seinem Vater und seiner Schwester von der Ostkurve aus gesehen links im Oberring. Es war mein erstes Hertha-Spiel.

Legen-, wait for it, -dary

Wo wart ihr, an diesem Tag im Herbst? Mit wem habt ihr das WM-Finale 2014 geguckt und erinnert ihr euch noch, als wir vor Jahren die Bayern 2:0 zuhause geschlagen haben? Das immer wieder Erzählen der Vergangenheit gehört zum Sport einfach dazu. Viele Vereine kultivieren Heldengeschichten von Vereinsikonen und vergangene Erfolgen sorgsam. Die Erinnerungen bilden eine narrative Basis, die die Fanszene vereint. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob man selbst dabei gewesen ist.

Ich denke, dass mir fast jeder zustimmen wird, wenn ich Ete Beer und Hanne Sobek als Hertha-Legenden bezeichnen würde. Aber hat die einer von euch spielen gesehen? Was kennen wir von Ihnen, außer romantische, immer wieder am Tresen erzählte Geschichten und alte Statistiken? Doch es sind diese Geschichten, die die Bindung nicht nur zwischen Fans und Verein, sondern auch innerhalb der Fanszene ermöglichen. Das kann viele Formen annehmen. Zum Beispiel Rituale, Fangesänge, Vereinshymnen und historische Spielorte. All das erzeugt Verbundenheit, auch wenn man eigentlich überhaupt keine Ahnung hat, warum gerade ein alter Schlager von Frank Zander es vermag bei einem Gänsehaut zu erzeugen.

Nostalginho

Kollektive Erinnerungen sind das eine. Nostalgie hingegen das andere. Auch wenn beides zusammenhängen kann, Nostalgie beschreibt die Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst erlebt hat. Man kann zwar auch nostalgisch bezogen auf Zeiten sein, die man nur aus Erzählungen kennt, das Gefühl, was uns aber allen am bekanntesten sein dürfte, ist auf Zeiten bezogen, mit denen man Erfahrungen aus erster Hand verbinden kann.

Dieser Umstand begrenzt den Personenkreis, die Nostalgie erleben können auf die, die zu dieser Zeit am Leben waren. Probiert es selbst aus. Denkt an die beiden Deutschen Meisterschaften 1930 und 1931 zurück. Wer wäre nicht gerne bei den beiden Endspielen gegen Holstein Kiel und TSV 1860 München dabei gewesen? Aber sehnt ihr euch in diese Zeit zurück? Wahrscheinlich nicht, außer ihr habt es selbst miterlebt und seid damit mindestens 95 Jahre alt.

Die persönliche Lebenszeit bestimmt also die Ereignisse, zu denen man eine nostalgische Bindung aufbauen kann. Ein weiterer Faktor ist das diese Zeit als positiv erlebt werden muss.  Gemeinsame Erinnerungen hin oder her, man denkt sicher nicht gerne an das verlorene Derby letzte Saison oder die 0:4 Klatsche gegen den KSC am letzten Spieltag der Spielzeit 2008/09 zurück.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

In diesem Punkt hat Hertha allerdings ein Problem. Es gibt kaum Erfolge. Der letzte „Titel“ ist der Intertoto Cup 2006, ein Wettbewerb, von dem ich bis zu diesem Text noch nie gehört habe. Ohne wirkliche Erfolge fehlt den Fans ein historischer Anker. Klar kann man stundenlang über Marcelinho und Pantelic schwärmen, aber diese großen Spieler sind nicht wirklich mit dem Gewinn eines Titels zu vergleichen. Auch Erfolge wie die Bundesliga-Aufstiege 2011 und 2013 sind nur bedingt geeignet. Das Selbstverständnis des Vereins war damals, dass der Erstklassigkeit und so gesehen, war das schon gut, aber eben auch nicht überraschend (der erstmalige Aufstieg von Union ist zum Beispiel was ganz anderes, dort war man eher an die zweite Liga gewöhnt).

Wie viel ist Erfolg wert?

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Vergleich mit anderen Vereinen. Fast alle von Ihnen konnten in den letzten Jahren relative Erfolge feiern. Ob der Pokalsieg von Frankfurt, Nürnberg oder die Meisterschaften von Stuttgart, Bremen, Wolfsburg oder Dortmund. Letztere habe mit Jürgen Klopp sogar einen Namen, der synonym für die „gute alte Zeit“ steht.

Ein Wort am Rande zu RB Leipzig. Auch wenn ich persönlich dem Investoren-Fußball nicht ganz so kritisch gegenüberstehe, solange er nicht an den Fans vorbei und nachhaltig gestaltet wird, zeigen die hier aufgeführten Schlüsse doch, dass sich eine auf der gemeinsamen Geschichte aufbauende Fanidentität bei den Leipzigern, wenn überhaupt, erst sehr langsam und spät aufbauen kann. Der Zeitpunkt, ab dem man über die Bezeichnung „Traditionsclub“ nachdenken könnte, fällt wahrscheinlich mit meinem Renteneintritt zusammen. Momentan ist der historische Kern dieses Clubs so leer, wie die Dosen seines Hauptsponsors nach einer feuchtfröhlichen Wodka-E-Dorfdisco-Nacht.

Dabei funktioniert der Erfolg über Kontrast. Kaiserslautern schaffte es vom Aufsteiger zum deutschen Meister und auch wenn es bei den Bayern ein bisschen schwer ist in der jüngsten Zeit ein Leistungstief zu finden, der Champions League Titel 2013 hätte wahrscheinlich weniger süß geschmeckt, wenn man nicht im Jahr zuvor so tragisch verloren hätte. Auch hier werden die Probleme bei RB deutlich. Wenn Erfolg vorprogrammiert ist, dann ist er eben auch weniger wert.

Erfolge schaffen Fans

Jetzt spielt uns unser Verstand allerdings einen Streich. Wir idealisieren die Vergangenheit. Wir erinnern sie positiver, als wir sie damals erlebt haben und wir sind oft nur auf das Ergebnis bedacht. Klar war es geil, als Hans Meyer uns 2003/2004 vor dem Abstieg gerettet hat. Aber fanden wir das damals berauschend, die ganze Saison nicht über den 12. Tabellenplatz hinaus zu kommen? Wir erinnern uns fast nur an die Erleichterung am Ende, nicht die Agonie davor.

Was Hertha also braucht sind richtige Erfolge. Versteht mich nicht falsch. Ich habe keine Angst, dass uns die Fans abhandenkommen. Ich bewundere die Fanszene für ihr beispielhaftes Verhalten und Leidensfähigkeit. Doch seien wir mal ehrlich, jedes Heimspiel im ausverkauften Olympiastadion zu erleben, wäre schon geil. Doch dazu müssen die Leute Hertha erstmal lieben lernen – wenn man nicht gerade von jemanden inauguriert wird, der schon Fan ist, funktioniert das am besten über die schon angesprochenen Erfolge. Sie bilden nicht nur eine potentielle nostalgische Basis, sondern wecken auch Interesse. Denn: eine weitere Eigenart des Menschen ist es, gerne auf der Gewinnerseite stehen zu wollen. Wer jetzt hinsichtlich der „Erfolgsfans“ pikiert die Nase rümpft, der möge sich klar werden, dass aus diesem anfänglich auf Erfolg beruhendem Interesse durchaus eine tiefe Bindung entstehen kann.

Mehr Fans bedeutet mehr Unterstützung, mehr Unterstützung bedeutet mehr Geld, bessere Stimmung und auch mehr Siege. Es ist eine simple Rechnung und bei aller Fußballromantik: 2:0 gegen Bayern ist besser als 1:6 gegen Dortmund. 

Windhorstsche Zeiten

Bei all dem Trubel um den Investoreneinstieg, ist ein allgemeines Gefühl der Nostalgie nicht verwunderlich. Unser Co-Gründer Marc (dem ich die Inspiration zu diesem Artikel verdanke) hat eigens dazu zusammen mit Louis Richter den Twitter-Account Es war ein mal ein Pal aufgemacht. Manch einer wünscht sich die gute alte Zeit unter Pal Dardai zurück, als die brennenden Fragen noch die Qualität des Hoffenheimer Milchreis oder „richtig gute Kalbsschnitzel“ betrafen. Als alles noch einfacher schien und das größte Problem des Vereins die “Hintenrumscheiße” war.

(Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Das ist deshalb verständlich, als dass Nostalgie besonders dann wirkt, wenn ein Teil der aktuellen Identität bedroht ist. Man sucht also Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, um die Bedrohung der Gegenwart zu bekämpfen. Konkret zeichnet sich diese Bedrohung durch den erwähnten Einstieg des Investors ab. Hertha läuft Gefahr in einem Atemzug mit RB Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg genannt zu werden. Man wäre nicht mehr Fan eines Traditions-, sondern Kommerzklubs. Um diese Dystopie abzuwenden, sehnt sich manch einer in die Zeit zurück, als man zwar nicht gut, aber wenigstens ehrlich gekickt hat und Ingo Schiller wahrscheinlich persönlich das übrig gebliebene Becherpfand eingesammelt und für die Tilgung der Schulden verwendet hat.

Ihr merkt den zeitlichen Bezugsrahmen der Nostalgie. Die Ära Dardai ist nicht allzu lange her und damit die am weitesten verbreitete kollektive Erinnerung. Wenn man sich über sieben Kindl in der Herthakneipe verliert, dann hört man sicher auch die Geschichten über den Wiederaufstieg 1997. An Dardai erinnern sich aber einfach mehr Fans und daher ist diese Zeit einfach geeigneter. Dazu kommt der angesprochene Kontrast. Der Berliner Rekordspieler, die Altstars Kalou und Ibisevic und der im Hintergrund lauernde goldene 99er Jahrgang schreiben das schönere Fußballmärchen als ein Rekordtransferwinter à la Klinsmann.

Der Blick nach Vorne

„Mehr als die Vergangenheit, interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, sollt Albert Einstein mal gesagt haben. Und auch wenn man dem Nobelpreisträger vorsichtig hinsichtlich der Bedeutung der Vergangenheit widersprechen darf, trifft er einen wahren Kern. Der idealisierte Blick zurück, mag einem die wärmende Illusion der guten alten Zeit versprechen, doch je länger diese Zeit zurück liegt, desto schwächer, ungeeigneter und verklärter wird sie. Die nächsten Fangenerationen werden Pal Dardai nur noch aus Statistiken und von alten Arcor Trikots kennen.

Es ist einerseits wichtig, diese Ikonen nicht sterben zu lassen, aber auch, dass die Herthaner:innen der Zukunft ihre eigenen positiven Erfahrungen machen können. Das kann ein Titel sein. Vielleicht ist es auch der Wiederaufstieg nach Jahre langer Zweitklassigkeit oder einfach ein Sieg auswärts in München. Unabhängig dessen, freue ich mich über jeden Sieg, den ich mit anderen Herthaner:innen feiern kann. Diese Erlebnisse bauen das Fundament, auf dem der Verein und seine Geschichte weiterbesteht. Und wenn mich meine Kinder mal fragen, warum ich diesen Verein so liebe, dann erzähle ich ihnen nostalgisch die Geschichte von Alex Alves und hoffe, dass sie eine ähnliche erleben dürfen.

[Titelbild: Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images]