Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende

Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende

Viele Baustellen, viel Kapital, viele Erwartungen. Das Transferfenster schien die ideale Gelegenheit zu sein den langersehnten großen Sprung nach vorn zu tun. Was bleibt ist verbrannte Erde, verspieltes Vertrauen und ein Kader, der noch schlechter aufgestellt ist als letzte Saison

Große Namen, kleine Ergebnisse

Wie immer in der post Windhorst Zeit, war Hertha in der Transferzeit mit großen und mittleren Namen des Fußballgeschäfts in Verbindung gebracht worden. Neu hingegen war, dass sich Investments erstmals auch ausgezahlt haben. Cunha und Cordoba wurden beide gewinnbringend verkauft und sorgten für ein sattes Transferplus. Corona hin oder her, die 50 Millionen, die so erzielt werden konnten in Kombination mit der letzten Tranche des Tennor-Investments mussten dringend in neue Spieler investiert werden. Das war dringend nötig. Und ist es leider immer noch.

Keine Flügelspieler, Außenverteidiger ohne taktische oder technische Finesse, eine Offensive mit gewaltigem Potential, aber ohne Konstanz. Dazu ein Kreativitätsdefizit und der schon fast traditionelle Abgang eines jungen, vielversprechenden Talents. Der Kader von Hertha wies mehr Baustellen auf als ganz Berlin. Und wie es nun mal Usus in der Hauptstadt ist, baulich, wie auch sportlich: Millionen werden investiert; Verbessern tut sich nichts.

Täglich grüßt das Umbruchtier

In Erinnerung bleibt der Ladebalken, dessen Verharren bei 22% man nur mit der Inkompetenz der Verantwortlichen oder ausgeprägten sadistischen Neigungen der Selbigen erklären kann. Ist man sich nicht sicher, ob der Computer gerade abgestürzt ist, hat man wenigstens noch die Wahl über STRG +  ALT + ENTF einen Neustart einzuleiten.

Hertha-Fans begeben sich nun panisch auf die Suche das Äquivalent dieser Tastenkombination bei ihrem Verein zu finden, nur um schockiert festzustellen, dass sie sich seit nunmehr drei Saisons in einer Zeitschleife von misslungen (Deadline)Transfers, gescheiterten Umbrüchen und zerstörten Hoffnungen befinden.

Koan neuer Leader

Investor Lars Windhorst ließ immer verlauten, dass er eine langfristige Partnerschaft mit Hertha anstrebe. Das diese Worte nur etwas wert sind, wenn sportlicher Erfolg dahintersteht, dürfte jedem klar sein. Langfristiger Erfolg bedeutet auch, dass man nachhaltig investiert. Spieler holt, die eine Mannschaft auf Jahre hin prägen können.

Stattdessen bediente man sich in der Riege der Alt-Herrenmannschaft. Das kann kurzfristig helfen, wenn man aber parallel seinen ganzen Kader ausverkauft, bleibt die Frage, welche Spieler überhaupt noch von der Erfahrung der Alt-Stars profitieren können.

Peinlich und enttäuschend

Der verkorkste Social-Media-Auftritt Herthas hat das Versagen der sportlichen Führung eindrucksvoll für die Nachwelt festgehalten. Man kann jetzt schon die Gehirne der Redakteure rattern hören. Welche gehässige Schlagzeile wird von der katastrophalen Misskommunikation Kunde tun? „Big-Ladebalken-Club“ oder doch „22 Prozent jagen einem Spieler hinterher“? Vielleicht hat Hertha ja auch seine Millionen in Anteile von WUMMS und FUMS gesteckt und liefert deshalb so zuverlässig Content für diese Satire-Seiten.

Unterm Strich kann man eigentlich gar nicht sauer auf Hertha sein. Man muss eher wütend das eigene Spiegelbild anschreien, warum man zugelassen hat, erneut enttäuscht zu werden.  Man wähnt sich wie in einer dieser Sitcoms, in denen über 16 quälend lange Staffeln zwei Charakter immer wieder knapp aneinander vorbei leben, obwohl es klar ist, dass sie füreinander geschaffen sind. Das geschieht nicht aus dramaturgischen Gründen, sondern weil man auch noch den letzten Cent aus der Aufmerksamkeit der Fans herausquetschen will. Es ist klar, dass nach sieben Staffeln die Zuschauer:innen schon soviel investiert haben, dass sie jetzt unbedingt wissen wollen, wie es ausgeht.

Die Enden dieser Serien sind meist enttäuschend, unbefriedigend und schlecht konstruiert. Man hat also die freie Entscheidung, ob man sich statt „The Big Bang Theory“ nicht einfach den Kader von Hertha und seinen Entstehungsprozess anguckt.

[Titelbild: IMAGO]

Alte Liebe rostet

Alte Liebe rostet

Wieder hat ein junger Spieler den Verein, trotz hervorragender Aussicht auf Spielzeit verlassen. Wieder bleibt man als Fan ratlos zurück und fragt sich: Woran hat es gelegen? Über das Zusammenspiel von Geld, Jugend und all jenen, die davon profitieren. 

Warum wird man Fan?

Warum wird man Fan? Viele von uns können an dieser Stelle sicherlich die klassische „Papa-hat-mich-eines-Tages-ins-Stadion-mitgenommen“ Geschichte erzählen, die dazu führte, dass man sein Herz an die alte Dame aus Charlottenburg verlor. Das so begründete Fan-Sein, es schein ein Bund fürs Leben zu sein, eine Verbindung, von der man sich nie ganz lösen kann und die sich gerade dadurch auszeichnet auch in schlechten Zeiten seinen Verein zu unterstützen. Einmal Herthaner, immer Herthaner.

Dieses Motto wird nicht nur von vielen Herthanern eindrucksvoll gelebt, sondern findet sich aktuell auch in der Struktur des Vereines wider. Wir haben an dieser Stelle schon viel über die selbstverschriebene „Hertha-Kur“ gesprochen. Fest steht: Aus der Geschäftsstelle in der Hanns-Braun-Straße weht nicht nur der Wind der Veränderung, sondern auch ein gehöriger Stallgeruch.

Neue Spieler, alte Probleme

Dárdai, Bobic, Friedrich, Prince, Zecke, Mittelstädt, Torunarigha und neuerdings auch Dirkner, Werthmüller oder Michelbrink. All das sind Namen von ehemaligen und aktiven Spielern, die eine besondere Bindung zum Verein haben. Entweder, weil sie von ihm ausgebildet wurden und hoffnungsvolle Talente waren/sind oder weil nach anderen Stationen sich dazu entschieden haben, zu Hertha zurückzukehren. Im Verein herrscht auf jeden Fall ein riesiges Identifikationspotential. Das gilt sowohl für die Fans, die sich in Zeiten des modernen Event-Fußballs an Beispielen realer Vereinstreue erfreuen können, aber auch für junge Spieler, die aufgrund von einer gewissen Durchlässigkeit, die Chance haben für den Verein zu spielen, zu dessen Spiel sie ihr Vater irgendwann mal mitgenommen hat.

Vor diesem Hintergrund kommen andere Namen einem wesentlich schwerer über die Lippen. Ich spreche von Netz, Samardzic, Schorch, Regäsel und noch vielen weiteren Beispielen, bei denen die Identifikationskraft scheinbar nicht ausgereicht hat, um sie im Verein halten zu können. Die Liste ist lang und die Geschichte scheint sich oft zu wiederholen. Letztlich kann man über die genauen Hintergründe dieser Abgänge von jungen Talenten oftmals nur spekulieren.

hertha netz
Foto: IMAGO

Selten äußern sich die Verantwortlichen so deutlich, wie jüngst im Fall Netz und selbst wenn bleibt beim beobachtenden Fan stets der schale Geschmack im Mund zurück: Wenn ich mich für meinen Verein bedingungslos aufopfere, warum tun das nicht auch die Spieler, besonders die, die Hertha so viel zu verdanken haben?

Man hat nur eine Karriere

An dieser Stelle muss man erstmal auf eine gewisse Asymmetrie im Vereinsverhältnis hinweisen. Natürlich können Jugendspieler Fan ihres Heimatvereins sein und schon ewig in der viel zitierten Vereinsbettwäsche geschlafen haben. Über diesen Teil ihrer Identität hinaus, sind sie jedoch auch Angestellte eben jenes Vereins und ihr Job ist nicht der des Ticketverkäufers, sondern der des Profifußballers, mit all seinen Tücken und Spielarten. Es muss nun abgewogen werden. Zwischen den positiven Gefühlen, Erinnerungen und Träumen „seinem“ Verein gegenüber und zwischen klugen Karriereentscheidungen auf der anderen Seite.

Natürlich möchte man seinem Verein etwas zurückgeben, verfolgt man aber das ehrgeizige Ziel Profifußballer zu werden, muss man viele harte und einschneidende Schritte gehen. Liebe und Erfolg schließen sich hier teilweise aus. Das das nicht immer so sein muss und sich trotzdem seiner Wurzeln bewusst sein kann, zeigen die Beispiel der Bender-Zwillinge, die nach ihrer Profikarriere für ihren Heimatverein in der Kreisklasse auflaufen oder das von Ilkay Gündogan, der seinem ersten Verein einen neuen Kunstrasenplatz spendete.

Abgänge muss man sich verdienen

Vereine und Fans sind durchaus gewollt, einen jungen Spieler gehen zu lassen und auch stolz darauf, dass ein potentieller Weltstar bei ihnen das erste Mal gegen einen Ball getreten hat. Doch für diesen Passierschein muss der Spieler sich erstmal um den Verein verdient gemacht haben. Es sollte eine einfache Rechnung sein: Der Spieler ruft seine Leistungen ab, wird dafür üppig bezahlt und bejubelt, wenn der Verein dem Spieler zu klein geworden ist, wird er mit Handkuss und möglichst gewinnbringend verabschiedet. Das Ganze läuft solange geschmeidig, insofern sich jede Partei an ihre Rolle hält. Fans jubeln, Spieler spielt gut, Verein bezahlt.

hertha netz
Foto: IMAGO

Diese Vereinbarung ist allerdings sehr fragil, weil einseitig aufkündbar. Was folgt ist meist Irritation und Zorn. Besonders in Zeiten, in denen Ablösesummen und Gehälter immer weiter steigen, reicht der Wink mit dem Euroschein um die Mé·nage-à-trois aus Verein, Spieler und Fans zu zerstören. Dass das so einfach ist, hängt mit der schon erwähnten Asymmetrie zusammen. Man stelle sich vor, dass einem mehr Geld für den gleichen Job geboten wird. Wer würde da Nein sagen? Klar, Idealisten gibt es immer wieder und Umzüge in andere Städte sind lästig, aber Fußballromantik alleine zahlt nicht die Tankfüllung vom AMG. Das der Mercedes dabei nicht unbedingt vom Spieler selbst gefahren werden muss, sondern auch seine Familienmitglieder und Berater vom Talent der Sportler profitieren wollen, ist die eigentliche Obszönität des Ganzen.

Von fremden Träumen profitieren

Es liegt nahe, den ganzen Zorn beim Spieler zu lassen, sich darüber zu ärgern, dass er auf schlechte Berater und gierige Hintermänner hereingefallen wäre oder sich einfach zu wichtig nimmt. Tritt man jedoch einen Schritt zurück, dann sieht man die Absurdität des Ganzen Systems, in dem 17,18,19-Jährigen, die teilweise nicht mal Autofahren oder Alkohol trinken dürfen, die Verantwortung übertragen wird, die finale Verantwortung millionenschwere Entscheidungen zu treffen. Bei aller nachvollziehbaren Wut: diese Spieler sind jung und bekommen ein Maß an Aufmerksamkeit und Geld, das eine gehörige Portion Reife, Erfahrung und Stabilität erfordert. Sie machen Fehler. Auf und neben dem Platz.

Wir haben hier junge Menschen, die ihren Traum leben und dafür absurd gut bezahlt werden, die allerdings auch die Hoffnungen und Erwartungen ihrer Familien schultern müssen und seit frühster Kindheit darauf getrimmt werden, konstant Leistungen zu erbringen. Es gibt genug Geschichten, in denen Eltern ihren Beruf freiwillig aufgegeben haben, nur um ihr Kind in seiner Sportkarriere zu unterstützen. Es wird bewusst in Kauf genommen, dass junge Spieler eine gewisse Form- und Beeinflussbarkeit haben, die im Zweifelsfall böswillig ausgenutzt werden kann und sich auch gnadenloser Selbstüberschätzung niederschlägt.

Der schale Abgang

Fans sind keine Spieler und Spieler, die zwar Fans sind, sind vorrangig nun mal Spieler. Auch wenn sich viele Fans nach Fußball-Romantik sehnen und sie auch noch vereinzelt auffindbar ist: Das System ist von innen verfault und es ist dieses verfaulte System, in dem Identifikation mit Geld aufgewogen wird. Eine gewisse Portion Realismus ist deshalb angebracht, auch wenn es weh tut. Selbst wenn Geld nicht stinkt, den Stallgeruch scheint es trotzdem zu übertünchen. Dieses Phänomen ist enorm frustrierend.

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Es bleibt der schale Nachgeschmack. Abgänge junger Talente, die durchaus eine Zukunft im Verein hatten sind auf mehreren Ebenen schade. Schade, weil ihnen die Chance genommen wurde zur Vereinslegende zu werden. Schade, weil der Ruf des Geldes ihnen mitunter eine vielversprechende Karriere verbaut. Schade für kleine Verein mit guter Jugendarbeit, weil sie nicht von ihrer harten Arbeit profitieren können. Es ist schade für einen Sport, in der Jugend zur Ware wird und vor Allem ist es schade für die Fans, weil es zunehmend schwerer wird, diesem Spiel guten Gewissens seine Zeit und Energie zu opfern. Warum sollte ich jemandem zu jubeln, der beim nächsten Scheck weg ist?

Hoffnung macht – neben den Fällen, in denen Geld egal zu sein scheint – dass auf jeden Abgang und jedes gescheiterte Talent, mindestens zwei Kinder kommen, die von ihren Eltern mit ins Stadion genommen werden, sich dort auf den Platz träumen und es irgendwann mal besser machen können.   

[Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO]

Boateng: Die Rückkehr des Königs

Boateng: Die Rückkehr des Königs

KPB. Drei Buchstaben, die Fan-Herzen höherschlagen lassen. Hertha bekommt eine Identifikationsfigur und Kevin-Prince Boateng nochmal die große Bühne. Was kann der neue alte Herthaner seinem Verein noch geben?

Zu welcher Leistung sich ein 34-jähriger, erfahrener Spieler aufraffen kann, konnte man in der Saison 18/19 an Vedad Ibisevic sehen. In 28 Spielen traf der Bosnier zehn mal und legte drei weitere Treffer vor. Doch in diesem Text geht es nicht um Ibisevic. Es geht um einen anderen 34-Jährigen. Es geht um einen verlorenen Sohn, der nach langer Reise zurück nach Hause kommt. Es geht um einen ehemaligen Straßenfußballer, der Hertha eine Portion Berlin verabreichen soll.

Die zwei Brüder

Manche würden Kevin-Prince Boateng für einen glücklosen Glücksritter halten. Ein Suchender, der in seiner Profikarriere für nicht weniger als 14 Vereine gespielt hat und selten mehr als 30 Spiele gemacht hat. Er konnte zwar einige Erfolge und Titel vorweisen, in Sachen Konsistenz blieb er aber immer hinter seinem nicht minder begabtem Bruder Jérôme zurück.

Zwei Brüder, beide in den Stahlkäfigen und Häuserschluchten Berlins aufgewachsen. Beide bei Hertha ausgebildet und zum Profi gereift. Beiden ist der Verein nicht groß genug, beide zieht es hinaus in die Welt. Doch während Jérôme bei Bayern den ersehnten sportlichen Erfolg gefunden zu haben scheint und sich ständig wieder ins Rampenlicht spielt, sogar Weltmeister wird, bleibt Kevin-Prince ein getriebener und rastloser. Nun, 14 Jahre nach seinem Abschied soll sich der Kreis schließen, seine Reise endlich zu Ende gehen. Die Erfahrung hat ihre Früchte getragen. Aus dem einstigen Prinzen ist so ein König geworden, der in der Stadt zurückkehrt, in der alles angefangen hat, und wo es auch enden soll.

Kevin Prince li. weist seinen jüngeren Bruder Jerome Boateng beide Hertha auf etwas hin

Die Gefährten

Dass es gerade jetzt soweit kommt, ist sicherlich kein Zufall. In Berlin warten zahlreiche Bekannte auf Boateng, allen voran seine ehemaligen Mannschafts- und Teamkollegen Pál Dárdai, Arne Friedrich, Zecke Neuendorf und Fredi Bobic. Während alle inzwischen die Stollenschuhe gegen die bequemen Buisness-Sneaker getauscht haben, will Boateng es nochmal auf dem Platz wissen. Ich habe es schon mal an anderer Stelle geschrieben:  Um Hertha zu helfen, verordnet sich Hertha eine Kur Hertha. In diesem Fall gibt es noch einen Berlin-Bonus mit drauf.

Hertha, so hat Fredi Bobic richtig festgestellt, spielt momentan nur um einen Titel: die Nummer eins in der Stadt zu werden. Derby-Siege sind das eine, Sympathie und Fankultur das andere. Während Union sich mit allerhand Neuzugängen eindeckt, die wenig bis gar keine Verwurzlung im Verein, geschweige denn der Stadt haben, hat Hertha hier einen echten Coup gelandet. Den Namen Boateng muss kein Hertha-Fan mehr lernen. Er sitzt tief verankert zwischen dem Text der Hymne und der Erinnerung an das Tor von Marcelinho gegen Freiburg.

Das Risiko

Bei aller Euphorie, bei allem Lob. Die Gretchenfrage bleibt: Was kann Kevin-Prince Boateng sportlich bei Hertha verbessern. Um das zu beantworten müssen wir uns verdeutlichen, dass Fußball auch mit dem Kopf gespielt wird und zwar nicht nur mit denen der Spieler, die gerade auf dem Platz stehen, sondern auch die die auf der Bank sitzen oder zuhause schmoren, weil sie im Kader nicht berücksichtigt wurden. Zum Anfang der letzten Saison gab es ein großes Leadership-Problem bei Hertha. Boateng kokettierte schon damals mit einer Rückkehr. Die damaligen Verantwortlichen lehnten ab. Das Problem erledigte sich allerdings nicht wie erhofft von selbst, sodass im Winter Sami Khedira als Stütze der Mannschaft verpflichtet wurde. Auch wenn der Weltmeister von 2014 nur acht Spiele im blau-weißen Dress absolvierte, war er zu jeder Zeit im Stadion und beim Training präsent. Den Anteil, den Khedira am Klassenerhalt hatte, er lässt sich nicht wegdiskutieren.

Sami Khedira (Juventus) Kevin Prince Boateng (Sassuolo) during the Italian Serie A match between Juventus 2-1 Sassuolo at Allianz Stadium on September 16 , 2018 in Torino, Italy. NOxTHIRDxPARTYxSALES. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY (85861648)

Boateng soll jetzt genau diese Rolle einnehmen. Der Leitwolf, der dem Rudel zeigt wo es lang geht, sie bei der Ehre packt und als verlängerter Arm des Trainers fungiert. Die Erfahrungen der letzten zwei Saisons haben uns nochmal vor Augen geführt, dass Geld und Talent alleine nicht ausreichen. Teure, hochbegabte Spieler mögen zwar das ein oder andere Tor schießen, gewinnen kann aber nur ein fest zusammengeschweißtes Team.

Über die von hohen Zäunen umrahmten Betonbolzplätze Berlins ranken sich viele Geschichten. Viele Spieler berichten stolz davon, dass man sich das Recht mitzuspielen teuer verdient haben müssen. Kevin-Prince Boateng muss sich nicht mehr verdienen mitzuspielen. Es sind die anderen Spieler, die sich verdienen müssen mit ihm zu spielen. Nicht für Geld, sondern für die Fans, für Hertha und für ganz Berlin.

[Titelbild: xEnricxFontcubertax/IMAGO]

Danke, Arne!

Danke, Arne!

Vom Performance Manager zum Interims-Geschäftsführer Sport. Arne Friedrich hat in dieser Saison alles für Hertha gegeben. Grund genug seine Leistung in diesem Artikel zu würdigen.

Der 3. Juli 2010 ist ein besonderer Tag für Arne Friedrich. Bei einem souveränen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien, trifft der Verteidiger zu seinem ersten und einzigem Länderspieltor. Die Freude ist ihm beim Torjubel anzusehen. Ich konnte mich damals nicht wirklich freuen. So gerne hätte ich gesehen, wie die Hertha-Legende dieses wichtige Tor macht, während er für die alte Dame spielt. Doch Friedrich hatte bereits einige Monate vorher klar gemacht, dass er in der zukünftigen Saison nicht das blau-weiße Dress tragen und stattdessen nach Wolfsburg wechseln wird. Zwei Millionen Euro für acht Jahre Leidenschaft und 288 Spiele. Ich bin ehrlich, ohne mich damals viel mit den Hintergründen und Zerwürfnissen auseinander gesetzt zu haben: Ich habe es Arne sehr übel genommen.

Die Zeit heilt alle Wunden

Mit der Zeit ist dieser Zorn verraucht. Es schien Wichtigeres zu geben. Herthas Weg in den letzten zwei Jahren war nicht immer eben und schön. Auf Höhen folgten Tiefen und während man selbst älter wurde, lernte man die Dinge ein wenig anders zu sehen und die Verdienste die einzelne Personen für den Verein erbracht haben mehr zu würdigen. Aus diesem Grund war ich auch extrem euphorisch, als ein gewisser J.K. Arne als Performance Manager aus dem Hut zauberte.

Die Professionalität, die Arne hier an den Tag legte war beeindruckend. Er war schließlich nie zuvor Performance Manager gewesen und hat sich nach seiner Karriere als aktiver Spieler alles selber beigebracht. Während nach und nach alle Klinsmann Vertrauten und Nachfolger entlassen wurden, stieg Arne vom Performance Manager zum Sportdirektor auf. Auch das ist sicher ein Zeichen für die Qualität seiner Arbeit. Nachdem Bruno Labbadia gehen musste und Dárdai als Nachfolger bekanntgegeben und das Trio Infernale durch Zecke Neuendorf komplettiert wurde, wartete eine Mammut-Aufgabe: Aus einem schlecht zusammengestellten, unerfahrenen und verunsicherten Kader musste schleunigst ein Team geformt werden.

friedrich hertha
Foto: nordphotox/xEngler/IMAGO

Theorie und Praxis

Glaubt man den Berichten und Insta-Stories, arbeite Arne hier wie ein Besessener. Zusätzlich zum Abstiegskampf übernahm er dazu sogar den Geschäftsbereich von Michael Preetz und fädelte die wichtigen Wintertransfers ein. Zwischenzeitlich musste er sogar das Training übernehmen und es würde mich nicht wundern, wenn er in der Zeit als alle Spieler in Quarantäne mussten, das ein oder andere Spinning-Bike selbst aufgebaut hätte.

In der Theorie war da ein 42-jähriger Ex-Spieler, ohne vorzeigenswerte Coaching- oder Funktionärserfahrung, der seinen Ex-Traditionsclub vor dem Abstieg und dem Spott der ganzen Liga retten musste. Die Chancen sahen schonmal besser aus. Doch Theorie und Praxis sind zwei unterschiedliche Dinge. Führt man sich Arnes Weg nach seiner aktiven Karriere vor Augen, stößt man auf Anekdoten, wie er in den USA zusammen mit Navy Seals trainierte und wie viel Kraft er aus der Bibel ziehe.

friedrich hertha
Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Das mag vielleicht etwas befremdlich wirken. Die „Bild“ titelte am Anfang von Arnes Zeit als Performance Manager: „Hertha will Gegner versenken: Arne Friedrich plant Torpedo Training.“ Solche einseitigen Fokussierungen übersehen den wichtigsten Aspekt der Erfahrung, die Arne aus seinen USA-Kontakten mitgenommen haben dürfte: Wie man aus wildfremden Menschen eine Einheit schmiedet, die im Zweifel bereit ist, füreinander zu sterben. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Aufgabe, aus Herthas Mannschaft ein Team zu formen, wie ein Kinderspiel.

Erfolg

Es ist unnötig zu erwähnen, dass Arne, Pal, Zecke, der gesamte Verein und die Spieler geliefert haben. Sie sind ein Team geworden. Haben sich nicht von zwei Wochen Quarantäne und einem vollen Spielplan aus der Bahn bringen lassen, sondern haben die Zeit genutzt um stärker zu werden. Wer wieviel dazu beigetragen hat, das lässt sich wahrscheinlich nie ganz klären. Fest steht aber: Ohne diese magische Konstellation, ohne das hoch professionelle Auftreten des Vereins nach Außen und Innen: Der Abstieg wäre wohl sicher gewesen.

Hertha-Fan zu sein ist sicher eine Ehre, aber selten ein Vergnügen. Umso wichtiger ist es, dass es jemanden gibt, bei dem man sich sicher aufgehoben fühlt. Dem man abnimmt, dass alles gut wird. Für mich persönlich hat Arne Friedrich, unabhängig vom aktuellen Trainer, immer genau das ausgestrahlt. Vielleicht war seine Person, in Kombination mit den anderen schon genannten Faktoren, der Grund, warum ich nie ernsthaft um den Abstieg besorgt war, beziehungsweise, dass ich mir sicher war, dass wenn Hertha absteigt und Arne im Verein bleibt, Hertha ganz schnell wieder erstklassig spielen würde.

Identifikationsfigur

Was mag die Zukunft bringen? Der Verein sieht sich dem dritten Umbruch in drei Jahren gegenüber. Erst der Einstieg Tennors, dann das Personalchaos diese Saison und jetzt die Neuorganisation der sportlichen Geschäftsführung. Wird Arne Friedrich nach seiner zukünftigen Platz bei Hertha gefragt, hüllt er sich in nebulöse Andeutungen.

friedrich hertha
Foto: IMAGO

Der Eindruck, dass Arne in den jüngsten stürmischen Zeiten eine wichtige Konstante und Identifikationsfigur für den Verein, seine Fans und Spieler war, lässt sich allerdings nicht wegdiskutieren. Es ist das perfekte Fußball-Märchen. Drei Ex-Spieler, machen zwischen Espresso und Rotwein aus, ihren Verein zu retten. Würde man jetzt einen Cut machen, das Happy End dieser emotionalen Achterbahnfahrt wäre auf ewig konserviert.

Aber das will ich gar nicht. Ich will das nicht, weil ich darauf vertraue, dass Hertha und Arne zusammen Erfolg haben werden. Jetzt aufzuhören, wäre wie einen Marathon nach 100 Metern abzubrechen, weil man sich ja zumindest mal motiviert hat loszulaufen. Ich glaube, dass Arne das Zeug hat diesen Marathon mit Hertha zu laufen. Ich glaube, dass es Hertha gut tun würde diesen Marathon mit Arne zu laufen. Ich glaube, dass Arne Bock hat diesen Marathon mit den Fans zu laufen.

Um den ersten Satz aus Francis Ford Coppolas Meisterwerk „Der Pate“ zu paraphrasieren: Ich glaube an Arne Friedrich.

[Titelbild: IMAGO]

Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Das inzwischen vierte Berliner Erstligaderby verspricht wieder eine heiße Partie zu werden. Die beteiligten Mannschaften werden gerne als totale Gegensätze dargestellt. Dieser Text klärt die Frage, ob Union auch ohne Hertha funktioniert, welchen Herausforderungen sich die Köpenicker in der Zukunft gegenüber sehen und was die beiden Klubs beim gemeinsamen Kaffee-Date bestellen.

Union definiert sich darüber, was man nicht ist

Bestellt man in einer Berliner Kneipe ein „Herrengedeck“, kann es mitunter vorkommen, dass man nicht Bier und Schnaps, sondern Bier und Sekt gereicht bekommt. Die Logik dahinter: Bier für den Mann und der Sekt für seine weibliche Begleitung.

Bestellt man stattdessen ein Berliner Fußballderby, dann bekommt man im Grunde das Gleiche, inklusive der antiquierten Geschlechterrollen. Dennoch sind die Rollen beim kommenden Derby klar zugewiesen. Auf der einen Seite die bodenständigen Köpenicker, stellvertretenden für den authentischen Arbeiter, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen und sich über die Gesamtsituation auskotzen würde. Ihm gegenüber die mondäne „Alte Dame“, die beherzt das Geld ihres reichen Gönners ausgibt und nach dem dritten Glas Sekt ein bisschen zu laut und zu prahlerisch von ihren Bekanntschaften erzählt.

Foto: IMAGO

Beide Vereine, ihre Fans und die Medien haben jeweils mehr oder weniger zu diesem Bild beigetragen, es kultiviert oder auch versucht zu übermalen. Die Koketterie mit dieser augenscheinlichen Gegensatz ist nicht zu übersehen und auch wenn Union sich betont desinteressiert gibt, hat das Ganze dann doch eher den Anschein, als würde man versuchen sich weniger darüber zu definieren, was man ist, sondern, was man nicht ist, nämlich nicht Hertha.

Hertha und Union: Was wollen die Klubs?

Während Union allerdings noch vollends im modernen Event-Fußball, mitsamt seiner Dynamik, ankommen muss, steckt Hertha, siehe Windhorst, schon längst drin. Das bedeutet aber auch, dass Union sich einer wichtigen Frage stellen muss: Wen wollen sie eigentlich als Fans haben? Hertha hat diese Frage schon längst für sich beantwortet. Der Anspruch ist hier ganz Berlin mitzunehmen, also sowohl den ehrlichen Malocher aus Reinickendorf als auch die neureichen Yuppies aus Charlottenburg. Das der Verein hier manchmal übers Ziel hinaus schießt und die Zusammensetzung seiner Fanbasis anders bewertet, als sie eigentlich ist, steht dem Ursprungsgedanken nicht im Weg: Hertha will DER Berliner Klub sein.

Unions Lokalpatriotismus richtet sich zunächst erstmal auf den eigenen Bezirk, im nächsten Schritt auf den Ost-Teil der Stadt. Das ist marketingtechnisch sehr charmant, blendet die Realität aber gewieft aus. Union ist natürlich nicht mehr nur der Köpenicker Club, sondern genauso ein Unternehmen, wie Hertha und als eben dieses daran interessiert gut zu wirtschaften und auch mehr als die 280.000 Einwohner:innen von Treptow-Köpenick anzusprechen.

Foto: IMAGO

Während Union hier zurecht stolz auf das das Engagement der Fans in puncto Stadion und „Bluten für Union“ verweisen kann, stehen bei Hertha der Streit mit dem Senat über ein neues Stadion, ein Millionen-Investment und zweifelhafter sportlicher Erfolg zu buche. Der einzige Lichtblick scheint das außerordentliche Engagement von Herthas-Fanszene zu sein. Das wird von denen, die die Unterschiede zwischen den Clubs herauszustellen suchen, oft gerne bewusst vergessen. Dreht man die Uhr noch weiter zurück, erzählt Union gerne die Geschichte des Anti-Stasi-Clubs, während Hertha sich in den 70ern tief im Bundesliga-Skandal verwickelt sah.

Der Arbeiter als Marketingobjekt

Es sieht also nicht gut aus für die alte Dame. Die Öffentlichkeit hat sich festgelegt: Union steht für das, was Fußball einst war und Hertha für das, was er nie werden sollte. Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist eben dieses „Anders-Sein“, was Union die Fans einbringt, die mit dem ursprünglichen Gedanken wenig bis nichts zu tun haben. Was wir in Köpenick beobachten dürfen, ist ein gewisser positiver Klassismus-Sport-Tourismus. „Komm wir gehen mal zu Union, da sind Wurst und Bier noch zu bezahlen und von den Tribünen wird auch mal ein „Scheiße“ gerufen“. Versteht mich nicht falsch, ich zitiere hier nicht den langjährigen Unioner, sondern diejenigen, die jetzt, nachdem Union es in die erste Liga geschafft hat, ihre plötzliche Liebe zum Fußball entdecken. Das spiegelt sich auch in den Mitgliederzahlen wider. Hatte Union 2006, noch in der Oberliga spielend, 4200 Mitglieder, sind es 2021 und viele wichtige sportliche Erfolge später, knapp 38.000. Man könnte hier den Begriff „Erfolgsfans“ einwerfen und sich an den Reaktionen erfreuen, doch zurück zur Sachlichkeit.

Das Problem ist, dass der Fußball schon längst ein Lifestyle-Produkt geworden ist. Sicherlich gibt es Überbleibsel, die von seinen proletarischen Wurzeln zeugen, aber sowohl Boxing Day als auch „Werkself“ sind heute eigentlich nur noch Marketingfloskeln geworden. Mit diesem Umstand muss sich auch Union auseinandersetzen. Sollen sie ihre Kultigkeit und Authentizität weiter betonen und damit Gefahr laufen, die Menschen anzuziehen, die sich am Arbeitertum zu ergötzen suchen, bevor sie in ihre Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg zurückkehren oder sollen sie heimlich still und leise den Mahlsteinen der Kommerzialisierung hingeben?

Foto: imago/Matthias Koch

Natürlich muss sich auch Hertha mit diesem Konflikt befassen, dadurch, dass ihre Fan-Strategie jedoch bewusst nicht klientelpolitisch aufgeladen wird, haben sie es zumindest ein wenig einfacher. Hertha und Union ist die spannendste Berliner Sport-Rivalität, die es momentan zu erleben gibt. Natürlich gibt es Animositäten zwischen dem BFC und Union, sportlich ist die Bundesliga jedoch nun mal am interessantesten. Union scheint sich hier als „Anti-Hertha“ durchaus zu gefallen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Doch das funktioniert eben nur solange es Hertha in dieser Form gibt.

Sich gegen Hertha zu stellen, klappt nur, solange Hertha eben auch einen kritikwürdigen Kurs fährt. Windhorst macht es hier jeder Fußballromantiker:in allerdings auch sehr einfach. Die Kritik hier nimmt manchmal auch zynische Züge an, wie wenn, das schon erwähnte, soziale Engagement der Hertha-Fans als Marketingaktion verkannt wird. Was bleibt, ist allerdings, dass die eigene Position umso stärker wird, desto stärker der Kontrast zwischen den beiden Vereinen wahrgenommen wird.

Kaffee und Fußball

Teil des Pakets „Union“ ist eben nicht nur, das was Union ist, sondern auch das, was es eben nicht ist und das was es nicht ist, wird hier stark in den Fokus gerückt. Um solche Beziehungen der Negation zu verdeutlichen greift der slowenische Philosoph Slavoj Žižek gerne auf einen Witz aus dem Film „Ninotschka“ vom großen Berliner Ernst Lubitsch zurück : „Ein Mann bestellt in einem Restaurant einen Kaffee ohne Sahne. Der Kellner kommt nach fünf Minuten zurück und sagt: „Tut mir leid, mein Herr, aber wir haben keine Sahne mehr, kann es auch ohne Milch sein?“ Obwohl das faktische Ergebnis in beiden Fällen das Gleiche ist, spielt das, was im Kaffee nicht drin ist eine ontologische Rolle. In anderen Worten: In beiden Fällen bekommt man einen Berliner Fußball Klub (schwarzer Kaffee), doch einmal ist dieser bewusst nicht Hertha (ohne Milch) und im anderen Fall nicht Union (ohne Sahne). Beides kann seinen Status jedoch nur behaupten, solange es eine Alternative gibt. 

Foto: imago/paulrose

Vor diesem Hintergrund schickt sich vielleicht eine andere Anekdote an. Tommi Schmitt, seines Zeichens, Gladbach-Fan, Co-Host von „Gemischtes Hack“ und Union-Sympathisant: „Union ist ein schöner bunter Fleck in dieser Liga. [..] Eigentlich genau das, was Hertha immer sein wollte.“ Er erzählte jüngst in einer Folge „Gemischtes Hack“, wie er versuchte in einem hippen Berlin-Mitte Café einen Kaffee mit Milch zu bekommen. Der klischeehaft stark tätowierte, Man Bun tragende Barista verwehrte ihm diesen Wunsch jedoch unter dem Verweis auf das Konzept des Cafés. Man schenke einfach keinen Kaffee mit Milch aus, das würde die Aromen kaputt machen.

Was das im Bezug auf das Derby und den vermeintlichen Clash zwischen „echt“ und „fake“ heißt, kann sich jeder selbst zusammenreimen.

[Titelbild: IMAGO]