Wie lange noch, Michael?

Wie lange noch, Michael?

Der Zustand von Hertha BSC ist erschreckend. Eine Glosse.

Es läuft nicht in der Hanns-Braun-Straße. Der Lutter & Wegner Sekt, Mampe und der Kaviar aus dem KaDeWe – nach dem Einstieg Tennors noch in rauen Mengen geordert – sind längst aufgebraucht. Die neue Lieferung, die eigentlich für die Herbstmeisterschaftsfeier ankommen sollte, wurde heimlich still und leise abbestellt. 16 Punkte aus 15 Spielen. Nur die Bilanz von WireCard ist weiter von Anspruch und Wirklichkeit entfernt, als die der alten Dame aus Berlin.

Dass es so weit kommen konnte, ist auch der Verdienst des Michael P. Während seiner 11-Jährigen Amtszeit sind seine Haare grauer geworden. Sinnbildlich für die Entwicklung des Vereins, für den er als Geschäftsführer Sport die Verantwortung trägt. Nun kann man Haare färben, Punkte aber nicht. Seit einiger Zeit bewegt sich die technisch limitierten, aber im Strafraum hocheffektiven Stürmer-Ikone immer weiter ins Abseits. Das Berlins begabtester Shopping-King dort steht, ist auch selbstverschuldet. Mit Bruno L. und Arne F. wurden zwei kompetente Gehilfen geholt, die dem GFS nicht nur in Sachen Ausstrahlung und PK-Präsenz den Rang ablaufen, sondern ihn auch, wenn es darum geht, den attraktivsten Hertha-Funktionär zu identifizieren, auf die hinteren Plätze verweisen. Als Hertha-Fan betet man nach jedem verkorksten Spieltag und der Corona-konformen, einsam durchzechten Frustsaufnacht, zum Fußballgott, auf dass der neue starke Mann Carsten S. den erlösenden Abseitspfiff endlich ertönen lasse mögen.

Elf Jahre ohne nennenswerte Fortschritte. Findige ÖRR-Kabarettisten würden an dieser Stelle launige Vergleiche mit dem BER anstellen. Die müden Rentner in den ersten drei Reihen hätten gelacht und ihren Freunden beim Zoom-Canasta-Abend vom „Klasse Auftritt“ erzählt, den sie letztens erlebt haben. Wie schön wäre es, dieses Prädikat auch mal wieder und vor allem regelmäßig bezüglich Hertha anbringen zu dürfen. Deuteten die Vorzeichen vor neuen Saison noch auf ein Live-Spektakel à la Superbowl-Show hin, fanden sich Mannschaft und Fans schnell in einem Zustand wieder, der eher an den Auftritt von Helene Fischer beim DFB-Pokal 2017 erinnerte.

Apropos Pokal. Wunder sind möglich. Doch als Hertha-Fan klagt man den Fußball-Gott auch diese Saison wie schon so oft an, warum er einen den verlassen hat. Will man keine Affäre mit der kultigen, aber ein bisschen zu sehr nach 2,50€ Brautwurst und Berliner Pilsner riechenden, Dame von „Drüben“ anfangen, bleibt dem krisenerfahrenen Verehrer der Charlottenburger Möchtegern-GILF nur die andere Wange hinzuhalten oder der Rückzug in den Stoizismus. Vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

O Zeiten, O Sitten. Die Fans bemerken es, doch der Präsident schweigt und genießt. Wie lange unsere Geduld noch missbraucht werden soll, weiß nur er selbst. Doch eins ist sicher: Offiziell ist‘s, wenn der Lange nicht mehr twittert.

Typisch Hertha oder: Ich sehe was, was ich sehen will

Typisch Hertha oder: Ich sehe was, was ich sehen will

„Das ist so typisch Hertha“ dürfte ein Spruch sein, der uns allen schon mal über die Lippen gegangen ist. Tatsächlich offenbart so eine Aussage eine Menge darüber, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Zusammen begeben wir uns auf eine Spurensuche in der kognitiven Psychologie und werden sehen, dass sowohl Spieler, als auch Fan ihre Umwelt ähnlich verarbeiten.

Der Zyklus der Wahrnehmung

Kurzer Exkurs in die Geschichte der Psychologie: Fast jedem dürften Sigmund Freud und C.G. Jung ein Begriff sein. Diese Pioniere der Psychologie würde man heute der Tiefenpsychologie zurechnen. Vereinfacht gesagt geht es hierbei um individuelle und unbewusste Konflikte, die meist in der Kindheit zu verorten sind. Wenn man sich mehr mit der Psychologie beschäftigt hat, kennt man vielleicht auch Namen, wie B.F. Skinner oder J.B. Watson. Beides waren sogenannte Behavioristen, eine Schule der Psychologie, die das sichtbare Verhalten mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden streng objektiv zu erforschen suchte. Dabei interessierte sie das Innenleben ihrer Versuchspersonen wenig, da sie davon ausgingen, dass das eh nicht valide erfasst werden könnte.

Diese Beiden Schulen werden gerne als Antagonisten präsentiert, auf der einen Seite diejenigen, die unbedingt alles Innere herausfinden wollen, während man auf der anderen Seite das Seelenleben bewusst unter den Tisch fallen ließ.
In den 60er Jahren wurde jedoch ein neuer Spieler verpflichtet. Der Psychologe Ulric Neisser begründete die sognannte „Kognitive Psychologie“. Ihr Fokus? Informationen und wie wir sie verarbeiten. Im Grunde genommen untersucht die Kognitive Psychologie, wie wir denken und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Die so identifizierten Prinzipien und aufgestellten Theorien sind meist vielfältig anwendbar und über die meisten Menschen generalisierbar.

Eine dieser breiten Theorien ist der „Wahrnehmungszyklus“ vom schon erwähnten Ulric Neisser. Überraschenderweise beschreibt dieser Zyklus unsere Wahrnehmung und lässt sich auf eine Hautpaussage zusammendampfen: Was wir wahrnehmen, ist stark von unseren Erfahrungen, aber auch Erwartungen geprägt.

Der Zyklus hat drei Hauptbestandteile: Erstens, unsere Umwelt. Das soll in unserem Beispiel das Olympiastadion sein. Auch wenn wir alle lange nicht mehr da waren, wissen wir ungefähr noch wie es aussieht. Eine Aussage von Neisser ist nun: Die allen Besucher:innen zur Verfügung stehenden Informationen sind invariant. Der Informationsbegriff ist hier sehr physikalisch gemeint, sprich zum Beispiel das Licht, was von allen Objekten reflektiert beziehungsweise ausgestrahlt wird. Diese Informationen nehmen wir nun durch unsere Augen auf. Licht ist nur ein Beispiel, man kann auch Töne oder Gerüche nehmen. Diese Informationen verändern nun etwas, was Neisser „Schema“ nennt. Das kann man sich als individuelle kognitive Karte der Welt vorstellen. Schemata enthalten zum Beispiel die Information, in welche Richtung man sich im Stadion drehen muss um das Spielfeld zu sehen, aber auch das Wissen darum, dass die nach der Halbzeit die Seite wechselt. Letzteres ist ein gutes Beispiel: Stellt euch vor, ihr bekommt den Münzwurf nicht mit und guckt von der Ostkurve auf das Spielfeld. Ihr seht, dass im Tor vor euch Schwolow steht. Diese Information verändert das Schema dieses Spiels: „Hertha spielt auf weiter entfernte Tor“.

(Photo by STEFANIE LOOS/AFP via Getty Images)

Unsere Schemata steuern nun unser Explorationsverhalten. Das heißt: Je nachdem, welche Mannschaft im Ballbesitz ist, orientieren wir unseren Kopf in Richtung des jeweils anderen Tores. Es wäre ja ziemlich sinnlos weiter auf das Hertha-Tor zu starren, wenn gerade ein eigener Konter läuft. Wenn wir unseren Kopf allerdings in Richtung gegnerisches Tor wenden, sehen wir bestimmte Dinge nicht mehr, einfach weil sie außerhalb unseres Blickfeldes sind. Somit bestimmt das Explorationsverhalten, welche Informationen wir aus unserer Umwelt ziehen können und der Wahrnehmungszyklus ist geschlossen.

Nun läuft das nicht alles starr nach Schema-F ab. Wir können unsere Wahrnehmung bewusst steuern, zum Beispiel, wenn unsere Erfahrungen nicht ausreichend sind oder unsere Erwartungen enttäuscht werden. Stellt euch vor, dass es euer erstes Fußballspiel ist. Ihr kommt nach der Halbzeit zurück und richtet euren Blick auf der Tor vor der Ostkurve, in der Erwartung, dort Schwolow stehen zu sehen. Schließlich stand er da ja auch die letzten 45 Minuten. Doch da steht plötzlich jemand anderes! Eure Schema deckt diesen Fall nicht ab. Es muss modifiziert werden. Fieberhaft startet ihr eurer Explorationsverhalten und sucht panisch das Stadion ab. Wo ist Schwolow? Neben euch? In der VIP-Loge? Ah, gefunden! Im anderen Tor! Euer Schema wird durch diese Information modifiziert, sodass ihr beim nächsten Spiel nach den ersten 45 Minuten euren Blick auf das korrekte Tor richten könnt.

Das ist alles eine sehr vereinfachte Darstellung, lässt sich aber mit einiger Übung auf fast alle Wahrnehmungsprozesse anwenden.

Quelle: https://www.researchgate.net/profile/Sarah-Churng/publication/300015484/figure/fig1/AS:348711382208512@1460150680052/Ulric-Neissers-Perceptual-Cycle-Source-Redrawn-from-Ulric-Neissers-Cognition-and_W640.jpg

Typisch Hertha

Der Wahrnehmungszyklus lässt sich auch problemlos auf unsere tägliche Beschäftigung mit Hertha und dem Fußball an sich anwenden. Das könnte sich zum Beispiel darin äußern, dass man während eines Spiels nur auf bestimmte Szenen oder Aktionen achtet, weil man sie erwartet. Plattenhardt benutzt nur den linken Fuß, Cunha lamentiert etc. Eine Ebene höher kann man das aber auch auf das Geschehen um den Verein beziehen. Tendenziöse Berichterstattung oder allgemeine negativ Schlagzeilen fallen natürlich eher auf, wenn aktiv nach ihnen gesucht wird. Unser Explorationsverhalten bestimmt, welches Bild wir von Hertha bekommen. Wer sich nur auf Doppelpass und BILD verlässt, kriegt einen anderen Eindruck vom Verein, als diejenigen, die sich mit der aktiven Fanszene befassen und umgekehrt. Das ist besonders auffallend für all diejenigen, die außerhalb der Bubble eines bestimmten Vereins stehen. Wäre die „Aktion Herthakneipe“ nicht prominent als Brustsponsor beworben worden, hätten es wohl viel weniger Fußballbegeisterte abseits von Hertha mitbekommen.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

„Typisch Hertha“ bekommt damit eine individuelle Komponente, da es sich hier im Grunde genommen um ein kognitives Schema handelt. Ist „Typisch Hertha“ ein 28.000 Zuschauer 0:0 gegen Hannover bei Schneeregen? Oder ist es das soziale Engagement der Fans? Müssen wir das wirklich einfach so akzeptieren, wie es ein ehemaliger Cheftrainer so oft verlautbaren hat lassen oder können wir da was dran ändern?

Es wurde schon erwähnt, dass wir in der Lage sind den Wahrnehmungszyklus zu beeinflussen. Schließlich können wir frei darüber entscheiden, wohin wir unseren Kopf drehen. Wir können Blogs lesen, Hintergrundinfos einholen oder uns einfach selbst ein Bild machen, sofern das wieder möglich ist. Darüber hinaus haben wir auch die Möglichkeit, die Welt selbst zu verändern. Das geht über die reine Wahrnehmung hinaus, zeigt aber, dass ein Verein und seine Fans durch ihre Handlungen das Bild nachhaltig beeinflussen können, auch wenn nicht immer positiv.

Hertha ist das, was man draus macht

Der Wahrnehmungszyklus lehrt uns also, dass unsere Erwartungen und Erfahrungen eine große Rolle in der Bildung unserer Realität spielen. Wir sind dem aber nicht hilflos ausgeliefert. Natürlich können wir manche Sachen nicht ändern, aber ihre Gewichtung wird durch uns bestimmt. Das passiert teilweise automatisch, kann aber auch direkt gesteuert werden. Wenn Cunha 80% seiner Dribblings erfolgreich abschließt, werden wir das anders bewerten, als wenn es nur 20% sind. Wenn eines dieser 20% aber zu einem Tor führt, ist das schon wieder eine ganz andere Nummer.

Es gibt daher nicht das eine „Typisch Hertha“, vielmehr hat jeder Fan seine ganz eigene Beziehung zu diesem Verein. Die Summe dieser individuellen Schemata bildet dann so etwas wie ein kollektiv-emergentes Bild der alten Dame, welches sich dann wieder auf die individuellen Vorstellungen niederschlägt.

Für ein möglichst realistisches Bild auf den Verein sollte man daher seine Schemata hinterfragen und gegebenenfalls modifizieren. Es ist nicht immer alles schlecht, gleichzeitig ist der Verein auch nicht unfehlbar und nicht alle Aktionen – Fans und Geschäftsführung gleichermaßen angesprochen – sind gut.

Exkurs für Klugscheißer

An dieser Stelle könnte man den Artikel wunderbar beenden, wer die Übertragung der Theorie von Neisser auf diese individuelle Ebene aber als zu gewollt empfindet oder wer einfach noch mehr darüber wissen will, dem sei ein anderes Beispiel an die Hand gegeben: Der Wahrnehmungszyklus findet sich nicht nur in der Wahrnehmung des Fußballs, sondern auch im Spiel selbst wieder.

Stellt euch folgendes vor: Ihr seid Stürmer bei Hertha. Es ist Derby. 1:1, die 89. Minute ist grade angebrochen. Ihr seid grade durch die Abwehrreihen von Union gebrochen, als ihr rüde von den Beinen geholt werdet. Elfmeter. Natürlich lasst ihr es euch nicht nehmen, selbst zu schießen. Das Tor vor euch mit dem Unioner Keeper erscheint auf eurer Netzhaut. Das ist die Welt samt ihrer Information. Euer Gehirn gleicht diese Information mit eurem Schema eines Elfmeters ab. Ihr wisst, dass dieser Torhüter meist nach Links springt. Ihr orientiert euren Blick auf seine Beine und seht, dass er sein Gewicht aber auf den rechten Fuß zu verlagern scheint, was für einen Sprung nach rechts sprechen würde. Euer Schema dieser Situation wird angepasst und nochmals mit den Informationen abgeglichen. Dieser Zyklus könnte nun beliebig oft durchlaufen werden, aber schließlich wird er vom Pfiff der Schiedsrichterin unterbrochen. Ihr müsst nun handeln und diese Handlung basiert auf eurem Schema, denn natürlich werdet ihr so schießen, dass ihr eure Torchance maximal erhöht.

Foto: IMAGO

Auch das ist eine krasse Verallgemeinerung. Kann aber für Nachwuchstrainer:innen und Spieler:innen wichtig sein. Es zeigt nämlich warum Spieler, die sich unvorhersehbar bewegen so schwer zu verteidigen sind. Ihre unerwarteten Bewegungen und Aktionen stehen in Konflikt zu den Schemata der Verteidiger. Nicht umsonst wird im heutigen Trainingsbetrieb viel Wert auf die Spielvorbereitung gelegt. Es geht darum, die Schemata vor dem Spiel anzupassen und nicht erst im Spiel. Gleichzeitig zeugt es aber von hoher Flexibilität, wenn Spieler ihr Schema im Spiel rasch an die aktuelle Situation anpassen können. Das erfordert aber Aufmerksamkeit. Was man nicht mitbekommt, kann auch nichts verändern.

Ecce Hertha!

Ob direkt im Spiel, im Stadion oder vor dem sonntäglichen Doppelpass. Unsere Wahrnehmung läuft überall nach ähnlichen Prinzipien ab. Das erlaubt uns zuverlässig Gegenzusteuern, wenn wir zum Beispiel merken, dass das, was wir da sehen uns nicht gut tut oder nicht zielführend ist. Sich aufregen kann zwar als befreiend erlebt werden, Hertha spielt davon aber nicht besser. Wenn es aber darum geht, was „Typisch Hertha“ ist, kann es auch hilfreich sein seine Aufmerksamkeit auf die vielen sozialen Aktionen neben dem Platz zu richten. Hier besteht fast eine Gewissheit, dass sich Fans für Fans und andere Menschen einsetzen. Und das ist für mich „Typisch Hertha“.

Zurück in die Vergangenheit

Zurück in die Vergangenheit

Basierend auf einem Gedanken unseres Co-Gründers Marc Schwitzky, beleuchten wir in diesem Text die gute alte Zeit und wieso gerade die alte Dame dort Probleme hat.

Ein Tag im Herbst

Es ist der 30. September 2000, 15:30. 37714 Zuschauer:innen genießen, im damals noch nicht umgebauten Olympiastadion, bei wolkenlosen 17 Grad bestes Fußballwetter als Edgar Steinborn den 7. Spieltag der noch jungen Saison 2000/2001 anpfeift. Die Hertha um Trainer Jürgen Röber, Michael Preetz, Marko Rehmer, Dick van Burik und Supertalent Sebastian Deisler trifft auf den 1. FC Köln.

Das Spiel läuft nicht wirklich gut. Innerhalb von 5. Minuten schenkt der Effzeh der alten Dame zwei Tore ein, sodass es nach einer halben Stunde schon 0:2 steht. Die Fans im halb gefüllten Olympiastadion stellen sich auf eine erneute Niederlage ein (am Spieltag zuvor hatte man 2:5 gegen Unterhaching verloren). Doch dann kommt es anders. Alex Alves, der 15 Millionen Mark Königstransfer aus Brasilien, legt sich den Ball nach dem Anstoß zurecht und verwandelt aus 52 Metern zum 1:2. Hertha dreht das das Spiel und gewinnt mit 4:2 durch einen Treffer von Preetz und einem Doppelpack von Daruisz Wosz.

(Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images)

Einer der Zuschauer, die dieses Kunstwerk eines Tores miterleben durfte, war gerade einmal fünf Jahre alt und saß mit seinem Vater und seiner Schwester von der Ostkurve aus gesehen links im Oberring. Es war mein erstes Hertha-Spiel.

Legen-, wait for it, -dary

Wo wart ihr, an diesem Tag im Herbst? Mit wem habt ihr das WM-Finale 2014 geguckt und erinnert ihr euch noch, als wir vor Jahren die Bayern 2:0 zuhause geschlagen haben? Das immer wieder Erzählen der Vergangenheit gehört zum Sport einfach dazu. Viele Vereine kultivieren Heldengeschichten von Vereinsikonen und vergangene Erfolgen sorgsam. Die Erinnerungen bilden eine narrative Basis, die die Fanszene vereint. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob man selbst dabei gewesen ist.

Ich denke, dass mir fast jeder zustimmen wird, wenn ich Ete Beer und Hanne Sobek als Hertha-Legenden bezeichnen würde. Aber hat die einer von euch spielen gesehen? Was kennen wir von Ihnen, außer romantische, immer wieder am Tresen erzählte Geschichten und alte Statistiken? Doch es sind diese Geschichten, die die Bindung nicht nur zwischen Fans und Verein, sondern auch innerhalb der Fanszene ermöglichen. Das kann viele Formen annehmen. Zum Beispiel Rituale, Fangesänge, Vereinshymnen und historische Spielorte. All das erzeugt Verbundenheit, auch wenn man eigentlich überhaupt keine Ahnung hat, warum gerade ein alter Schlager von Frank Zander es vermag bei einem Gänsehaut zu erzeugen.

Nostalginho

Kollektive Erinnerungen sind das eine. Nostalgie hingegen das andere. Auch wenn beides zusammenhängen kann, Nostalgie beschreibt die Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst erlebt hat. Man kann zwar auch nostalgisch bezogen auf Zeiten sein, die man nur aus Erzählungen kennt, das Gefühl, was uns aber allen am bekanntesten sein dürfte, ist auf Zeiten bezogen, mit denen man Erfahrungen aus erster Hand verbinden kann.

Dieser Umstand begrenzt den Personenkreis, die Nostalgie erleben können auf die, die zu dieser Zeit am Leben waren. Probiert es selbst aus. Denkt an die beiden Deutschen Meisterschaften 1930 und 1931 zurück. Wer wäre nicht gerne bei den beiden Endspielen gegen Holstein Kiel und TSV 1860 München dabei gewesen? Aber sehnt ihr euch in diese Zeit zurück? Wahrscheinlich nicht, außer ihr habt es selbst miterlebt und seid damit mindestens 95 Jahre alt.

Die persönliche Lebenszeit bestimmt also die Ereignisse, zu denen man eine nostalgische Bindung aufbauen kann. Ein weiterer Faktor ist das diese Zeit als positiv erlebt werden muss.  Gemeinsame Erinnerungen hin oder her, man denkt sicher nicht gerne an das verlorene Derby letzte Saison oder die 0:4 Klatsche gegen den KSC am letzten Spieltag der Spielzeit 2008/09 zurück.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

In diesem Punkt hat Hertha allerdings ein Problem. Es gibt kaum Erfolge. Der letzte „Titel“ ist der Intertoto Cup 2006, ein Wettbewerb, von dem ich bis zu diesem Text noch nie gehört habe. Ohne wirkliche Erfolge fehlt den Fans ein historischer Anker. Klar kann man stundenlang über Marcelinho und Pantelic schwärmen, aber diese großen Spieler sind nicht wirklich mit dem Gewinn eines Titels zu vergleichen. Auch Erfolge wie die Bundesliga-Aufstiege 2011 und 2013 sind nur bedingt geeignet. Das Selbstverständnis des Vereins war damals, dass der Erstklassigkeit und so gesehen, war das schon gut, aber eben auch nicht überraschend (der erstmalige Aufstieg von Union ist zum Beispiel was ganz anderes, dort war man eher an die zweite Liga gewöhnt).

Wie viel ist Erfolg wert?

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Vergleich mit anderen Vereinen. Fast alle von Ihnen konnten in den letzten Jahren relative Erfolge feiern. Ob der Pokalsieg von Frankfurt, Nürnberg oder die Meisterschaften von Stuttgart, Bremen, Wolfsburg oder Dortmund. Letztere habe mit Jürgen Klopp sogar einen Namen, der synonym für die „gute alte Zeit“ steht.

Ein Wort am Rande zu RB Leipzig. Auch wenn ich persönlich dem Investoren-Fußball nicht ganz so kritisch gegenüberstehe, solange er nicht an den Fans vorbei und nachhaltig gestaltet wird, zeigen die hier aufgeführten Schlüsse doch, dass sich eine auf der gemeinsamen Geschichte aufbauende Fanidentität bei den Leipzigern, wenn überhaupt, erst sehr langsam und spät aufbauen kann. Der Zeitpunkt, ab dem man über die Bezeichnung „Traditionsclub“ nachdenken könnte, fällt wahrscheinlich mit meinem Renteneintritt zusammen. Momentan ist der historische Kern dieses Clubs so leer, wie die Dosen seines Hauptsponsors nach einer feuchtfröhlichen Wodka-E-Dorfdisco-Nacht.

Dabei funktioniert der Erfolg über Kontrast. Kaiserslautern schaffte es vom Aufsteiger zum deutschen Meister und auch wenn es bei den Bayern ein bisschen schwer ist in der jüngsten Zeit ein Leistungstief zu finden, der Champions League Titel 2013 hätte wahrscheinlich weniger süß geschmeckt, wenn man nicht im Jahr zuvor so tragisch verloren hätte. Auch hier werden die Probleme bei RB deutlich. Wenn Erfolg vorprogrammiert ist, dann ist er eben auch weniger wert.

Erfolge schaffen Fans

Jetzt spielt uns unser Verstand allerdings einen Streich. Wir idealisieren die Vergangenheit. Wir erinnern sie positiver, als wir sie damals erlebt haben und wir sind oft nur auf das Ergebnis bedacht. Klar war es geil, als Hans Meyer uns 2003/2004 vor dem Abstieg gerettet hat. Aber fanden wir das damals berauschend, die ganze Saison nicht über den 12. Tabellenplatz hinaus zu kommen? Wir erinnern uns fast nur an die Erleichterung am Ende, nicht die Agonie davor.

Was Hertha also braucht sind richtige Erfolge. Versteht mich nicht falsch. Ich habe keine Angst, dass uns die Fans abhandenkommen. Ich bewundere die Fanszene für ihr beispielhaftes Verhalten und Leidensfähigkeit. Doch seien wir mal ehrlich, jedes Heimspiel im ausverkauften Olympiastadion zu erleben, wäre schon geil. Doch dazu müssen die Leute Hertha erstmal lieben lernen – wenn man nicht gerade von jemanden inauguriert wird, der schon Fan ist, funktioniert das am besten über die schon angesprochenen Erfolge. Sie bilden nicht nur eine potentielle nostalgische Basis, sondern wecken auch Interesse. Denn: eine weitere Eigenart des Menschen ist es, gerne auf der Gewinnerseite stehen zu wollen. Wer jetzt hinsichtlich der „Erfolgsfans“ pikiert die Nase rümpft, der möge sich klar werden, dass aus diesem anfänglich auf Erfolg beruhendem Interesse durchaus eine tiefe Bindung entstehen kann.

Mehr Fans bedeutet mehr Unterstützung, mehr Unterstützung bedeutet mehr Geld, bessere Stimmung und auch mehr Siege. Es ist eine simple Rechnung und bei aller Fußballromantik: 2:0 gegen Bayern ist besser als 1:6 gegen Dortmund. 

Windhorstsche Zeiten

Bei all dem Trubel um den Investoreneinstieg, ist ein allgemeines Gefühl der Nostalgie nicht verwunderlich. Unser Co-Gründer Marc (dem ich die Inspiration zu diesem Artikel verdanke) hat eigens dazu zusammen mit Louis Richter den Twitter-Account Es war ein mal ein Pal aufgemacht. Manch einer wünscht sich die gute alte Zeit unter Pal Dardai zurück, als die brennenden Fragen noch die Qualität des Hoffenheimer Milchreis oder „richtig gute Kalbsschnitzel“ betrafen. Als alles noch einfacher schien und das größte Problem des Vereins die “Hintenrumscheiße” war.

(Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Das ist deshalb verständlich, als dass Nostalgie besonders dann wirkt, wenn ein Teil der aktuellen Identität bedroht ist. Man sucht also Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, um die Bedrohung der Gegenwart zu bekämpfen. Konkret zeichnet sich diese Bedrohung durch den erwähnten Einstieg des Investors ab. Hertha läuft Gefahr in einem Atemzug mit RB Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg genannt zu werden. Man wäre nicht mehr Fan eines Traditions-, sondern Kommerzklubs. Um diese Dystopie abzuwenden, sehnt sich manch einer in die Zeit zurück, als man zwar nicht gut, aber wenigstens ehrlich gekickt hat und Ingo Schiller wahrscheinlich persönlich das übrig gebliebene Becherpfand eingesammelt und für die Tilgung der Schulden verwendet hat.

Ihr merkt den zeitlichen Bezugsrahmen der Nostalgie. Die Ära Dardai ist nicht allzu lange her und damit die am weitesten verbreitete kollektive Erinnerung. Wenn man sich über sieben Kindl in der Herthakneipe verliert, dann hört man sicher auch die Geschichten über den Wiederaufstieg 1997. An Dardai erinnern sich aber einfach mehr Fans und daher ist diese Zeit einfach geeigneter. Dazu kommt der angesprochene Kontrast. Der Berliner Rekordspieler, die Altstars Kalou und Ibisevic und der im Hintergrund lauernde goldene 99er Jahrgang schreiben das schönere Fußballmärchen als ein Rekordtransferwinter à la Klinsmann.

Der Blick nach Vorne

„Mehr als die Vergangenheit, interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, sollt Albert Einstein mal gesagt haben. Und auch wenn man dem Nobelpreisträger vorsichtig hinsichtlich der Bedeutung der Vergangenheit widersprechen darf, trifft er einen wahren Kern. Der idealisierte Blick zurück, mag einem die wärmende Illusion der guten alten Zeit versprechen, doch je länger diese Zeit zurück liegt, desto schwächer, ungeeigneter und verklärter wird sie. Die nächsten Fangenerationen werden Pal Dardai nur noch aus Statistiken und von alten Arcor Trikots kennen.

Es ist einerseits wichtig, diese Ikonen nicht sterben zu lassen, aber auch, dass die Herthaner:innen der Zukunft ihre eigenen positiven Erfahrungen machen können. Das kann ein Titel sein. Vielleicht ist es auch der Wiederaufstieg nach Jahre langer Zweitklassigkeit oder einfach ein Sieg auswärts in München. Unabhängig dessen, freue ich mich über jeden Sieg, den ich mit anderen Herthaner:innen feiern kann. Diese Erlebnisse bauen das Fundament, auf dem der Verein und seine Geschichte weiterbesteht. Und wenn mich meine Kinder mal fragen, warum ich diesen Verein so liebe, dann erzähle ich ihnen nostalgisch die Geschichte von Alex Alves und hoffe, dass sie eine ähnliche erleben dürfen.

[Titelbild: Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images]

Politik rein in die Stadien!

Politik rein in die Stadien!

Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?

Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?

“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”

So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:

„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

  • jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
  • jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
  • jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
  • jegliche diskriminierende Organisation,
  • jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
  • jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
  • Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“

Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.

Politik ja, aber nur das was wir wollen.

Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.

Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.

Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.

Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.

Fußball als politisches Vakuum?

Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.

Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.

Sport war, ist und bleibt ein Politikum

Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.

Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt. 

Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.

Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)

Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.

Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?

An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.

Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.

Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.

Auch Hertha geht wählen

Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.

Foto: IMAGO

Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.

Welchen Umgang wollen wir finden?

Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.

Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.

Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.

Fußball nicht nur Rückzugsort

Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?

Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.

Foto: IMAGO

Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.

Das Private ist politisch

Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.

Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.

Poldolski hatte Recht

„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.

(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)

Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.

Worauf es ankommt

Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.

Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: FC Augsburg – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: FC Augsburg – Hertha BSC

Das Warten hat ein Ende. Nach einer fünf Spiele andauernden Durststrecke sichert sich Hertha drei Punkte und den zweiten Sieg in der noch jungen Saison. Eine starke Teamleistung bringt ein 3:0 gegen den FC Augsburg ein. Mit gestärkten Rücken blickt man jetzt Richtung Länderspielpause. Bevor wir unseren Nerven aber eine wohlverdiente Pause gönnen, schauen wir nochmal genauer auf die Leistung einzelner Herthaner.

Matteó Guendouzi – Das fehlende Puzzlestück

Nach dem vielversprechenden Auftritt gegen Wolfsburg startete der junge Franzose nun das erste Mal von Beginn an. Auch weil Landsmann Lucas Tousart verletzt ausfiel.

Erneut überzeugte der Mittelfeldspieler. Guendouzi brachte nicht nur 90% seiner Pässe an den Mann (Hertha-Bestwert), sondern gewann auch 75% seiner Zweikämpfe. Dazu kommen 68 Ballkontakte. Dass die Arsenal-Leihgabe nicht so sehr herausstach, wie noch letztes Wochenende, könnte daran liegen, dass das gesamte Team allgemein sehr aktiv und der Kontrast daher niedriger war. Zumal für einen zentralen Mittelfeldspieler oftmals der Leitsatz gilt: Macht er alles richtig, fällt er kaum auf.

Foto: IMAGO

Guendouzi könnte ein enorm wichtiger Bestandteil in Herthas System werden. Unter Trainer Bruno Labbadia kippen die zentralen Mittelfeldspieler gerne mal diagonal ab und beteiligen sich am Spielaufbau während die Außenverteidiger hochschieben. Ein starkes Passspiel und Pressingresistenz ist hier von Vorteil – beides bringt Guendouzi trotz seines jungen Alters mit. Im Umschaltspiel und auch kurz vor dem letzten Drittel wirken sich diese beiden Faktoren zusammen mit einem guten Dribbling ebenfalls positiv aus. Herthas Nummer 8 fungiert hier als Verbindung zwischen den Linien und kann den Ball in die wichtigen Räume tragen. Angesichts der Leihe von Arne Maier ist Guendouzi vielleicht das Versprechen, was von Maier (noch) nicht ganz eingelöst werden konnte. Selbst wenn beide nicht exakt derselbe Spielertyp sind, wird doch deutlich, wie gut Hertha ein spielstarkes und in sich ruhendes Mittelfeld tut.

Mattheus Cunha – Entwicklung zum Teamspieler

Wenn es den Fußballgott wirklich gibt, dann ist klar, dass er eher dem Liebesleben der antiken griechischen Götter pflegt, als dem Single-Dad Dasein, seines christlichen Verwandten. Hertha soll es recht sein, denn von den so entstanden Kinder hat sich eines in die Hauptstadt verirrt.

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Technisch stark, um jeden Ball kämpfend und leidenschaftlich: Wer Cunha nicht gerne zusieht, hat den Fußball nie geliebt. Ein Tor und eine Vorlage konnte der Brasilianer gegen Augsburg auf seinen Bierdeckel schreiben. Vier Schüsse, drei Schlüsselpässe und zwei abgefangene Bälle runden das Bild ab. Die langersehnte Konstanz des Hoffnungsträgers, sie scheint in greifbarer Nähe. Cunha spielt zusehends mannschaftsdienlicher. In der 64. Minute bekam er an der rechten Strafraumkante den Ball unter Kontrolle, entschied sich dann aber für den Pass. Den nachfolgenden Schuss setze Krzystof Piatek dann allerdings an den Pfosten.

Dieses Spiel ist ein weiterer Grund sich über die kolportiere frühzeitige Vertragsverlängerung des Offensiv-Mannes zu freuen.

Krzystof Piatek – Das ersehnte Erfolgserlebnis

Apropos Piatek: Der Pole bekam aufgrund der Verletzung von Jhon Córdoba die Chance sich über 45 Minuten zu beweisen. Zuerst auffällig wurde er dabei in der 52. Minute. Von den Augsburgern weitestgehend ignoriert, spielte er eine präzise Flanke aus dem Halbfeld direkt in den Lauf von Dodi Lukebakio. Der Ball wurde zwar noch leicht abgefälscht, der Belgier konnte dennoch verwandeln und  sich so seinen zweiten Treffer und Piatek seine zweite Vorlage der Saison sichern.

In der 64. traf der Pole nach starkem Pass von Cunha nur den Pfosten, in der 73. zögerte er beim Abschluss zu lange und in der 84. brauchte er im Prinzip nur noch quer zu legen. Sein kläglicher Pass landete aber in den Armen von Augsburgs Keeper Rafał Gikiewicz. Wäre es bei dieser Leistung geblieben, Piatek hätte sich wohl nicht als Alternative zum eigentlich gesetzten Córdoba empfehlen können.

(Photo by Stefan Puchner – Pool/Getty Images)

Es sollte jedoch anders kommen. In der 85. Minute spielte Mattheus Cunha einen starken Vertikalpass, Piatek sicherte den Ball und beförderte das Spielgerät aus schwieriger Position und spitzen Winkel am Keeper vorbei und mithilfe des Pfostens ins Tor. Diese Aktion zeigte die ganze Qualität des Polen: Raum erkennen, in diesen unbemerkt hineinstoßen und eiskalt verwandeln. Sollte Córdoba längerfristig Ausfallen, kann Piatek auf dieser Leistung aufbauen. Trotz anfänglicher Unsicherheiten und viel Luft nach oben, machte dieser Auftritt Mut, von dem er hoffentlich eine Portion mitnehmen kann.

Dodi Lukebakio – Scorerpunkte sind nicht alles

Der belgische Flügelspieler ist wie der Klassenkamerad damals, der das ganze Schuljahr nur schlechte Noten schreibt, am Ende mithilfe eines Referats aber doch noch irgendwie auf eine Vier kommt.

(Photo by Stefan Puchner – Pool/Getty Images)

Nach einem katastrophalen ersten Durchgang voller falscher Entscheidungen und vertändelten Bällen, von Bruno Labbadia eigentlich schon angezählt, Verwandelte Lukebakio in der 52. die starke Flanke von Piatek zum 2:0. Danach war der Belgier sichtlich beflügelt, hängte sich mehr rein und arbeite auch verstärkt nach hinten mit. Er kann es, muss es aber nur wollen und im Moment will er es einfach zu wenig. Lukebakio wird so zum Risikofaktor und qualifiziert sich eher für Joker- anstatt Startelfeinsätze. Verhindern scheint das momentan lediglich, dass es im Kader keine wirkliche Alternative mit den gleichen physischen Anlagen wie Lukebakio zu geben scheint. Auch wenn er nach acht Spielen sechs Scorerpunkte sammeln konnte, es reicht einfach nicht nur dann zu liefern, wenn es kritisch wird.

Die Leistung der Berliner Nummer 11 muss sich hier noch auf konstant hohem Niveau einpendeln, wenn er zum Leistungsträger avancieren will. Tore und Vorlagen sind nicht alles und eine geringe Arbeitsrate und Zielstrebigkeit auf dem Platz wirkt sich schlussendlich auch auf die gesamte Mannschaft aus. So kann man nur hoffen, in den kommenden Wochen nur noch selten die “Dodi”-Rufe von Trainer Labbadia hören zu müssen.

Niklas Stark – Endlich wieder wichtig

Der Vize-Kapitän – erneut auf der 6er Position eingesetzt – kommt immer besser in die Saison. Der Auftritt des Nationalspielers war engagiert und durchaus vorzeigbar.

Das Spiel als defensiver Mittelfeldspieler ist meist eher unspektakulär. Räume wollen durch kluges Stellungsspiel geschlossen werden und spektakuläre Pässe darf man von Stark auch nicht erwarten. Dennoch verzeichnete der gelernte Innenverteidiger zwei Kopfbälle aufs Tor. Dadurch, dass mit Matteó Guendouzi gehörig Kreativität ins Berliner Mittelfeld Einzug gefunden hat, fällt die Diskrepanz Starks in diesem Fall nicht besonders auf. Gleichzeitig ist es auch klug von Trainer Bruno Labbadia, den einflussreichen Vize-Kapitän nicht allein für die Verteidigung einzuplanen. Den entsprechenden Konkurrenzkamp würde Stark momentan sicher verlieren, was zwangsläufig zu Bankdrückerei und Unzufriedenheit führen würde.

Foto: IMAGO

Die aktuelle Lösung mag daher nicht besonders spektakulär anzusehen sein, aber doch ein gewisses Potential aufweisen. So ist Stark nach vielen Monaten des Formtiefs endlich wieder auf einem guten Weg, wichtig für das Team zu sein.

Und dann war da noch:

Omar Alderete: 109 Ballkontakte, 87% Passgenauigkeit, drei abgefangene Bälle und drei klärende Aktionen. Die Formkurve des Neuzugangs aus Basel zeigt steil nach oben. Der Mann kann und will kicken und trägt so zur Stabilisierung wackligen Berliner Abwehr bei. Nur logisch, dass das Spiel gegen Augsburg den ersten zu-Null Sieg seit dem 20. Juni bedeutet.

Marton Dardaí: Der zweitälteste Sohn von Pal Dardaí durfte heute sein Bundesligadebüt feiern. Das wird hoffentlich mit Kalbschnitzel und Milchreis gefeiert.

Fazit

Einzelne Herthaner als besonders herausstechend zu identifizieren, fällt in diesem Spiel eher schwer, einfach weil der Auftritt des ganzen Teams durchweg couragiert war. Man erspielte sich geduldig Chancen und auch wenn es meistens am berühmten letzten Pass hapert, dieses Spiel offenbart erneut das Potential, was in dieser jungen Mannschaft schlummert und langsam zu erwachen scheint. Die jetzt folgende Länderspielpause ist vom Timing her nicht ideal, aber Bruno Labbadia ist erfahren genug, um sicherzustellen, dass seine Spieler von diesem überzeugenden Auftritt nicht nur tabellarisch sondern auch mental profitieren können.

[Titelbild: IMAGO]