Politik rein in die Stadien!

Politik rein in die Stadien!

Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?

Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?

“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”

So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:

„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

  • jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
  • jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
  • jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
  • jegliche diskriminierende Organisation,
  • jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
  • jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
  • Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“

Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.

Politik ja, aber nur das was wir wollen.

Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.

Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.

Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.

Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.

Fußball als politisches Vakuum?

Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.

Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.

Sport war, ist und bleibt ein Politikum

Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.

Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt. 

Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.

Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)

Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.

Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?

An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.

Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.

Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.

Auch Hertha geht wählen

Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.

Foto: IMAGO

Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.

Welchen Umgang wollen wir finden?

Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.

Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.

Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.

Fußball nicht nur Rückzugsort

Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?

Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.

Foto: IMAGO

Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.

Das Private ist politisch

Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.

Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.

Poldolski hatte Recht

„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.

(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)

Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.

Worauf es ankommt

Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.

Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: FC Augsburg – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: FC Augsburg – Hertha BSC

Das Warten hat ein Ende. Nach einer fünf Spiele andauernden Durststrecke sichert sich Hertha drei Punkte und den zweiten Sieg in der noch jungen Saison. Eine starke Teamleistung bringt ein 3:0 gegen den FC Augsburg ein. Mit gestärkten Rücken blickt man jetzt Richtung Länderspielpause. Bevor wir unseren Nerven aber eine wohlverdiente Pause gönnen, schauen wir nochmal genauer auf die Leistung einzelner Herthaner.

Matteó Guendouzi – Das fehlende Puzzlestück

Nach dem vielversprechenden Auftritt gegen Wolfsburg startete der junge Franzose nun das erste Mal von Beginn an. Auch weil Landsmann Lucas Tousart verletzt ausfiel.

Erneut überzeugte der Mittelfeldspieler. Guendouzi brachte nicht nur 90% seiner Pässe an den Mann (Hertha-Bestwert), sondern gewann auch 75% seiner Zweikämpfe. Dazu kommen 68 Ballkontakte. Dass die Arsenal-Leihgabe nicht so sehr herausstach, wie noch letztes Wochenende, könnte daran liegen, dass das gesamte Team allgemein sehr aktiv und der Kontrast daher niedriger war. Zumal für einen zentralen Mittelfeldspieler oftmals der Leitsatz gilt: Macht er alles richtig, fällt er kaum auf.

Foto: IMAGO

Guendouzi könnte ein enorm wichtiger Bestandteil in Herthas System werden. Unter Trainer Bruno Labbadia kippen die zentralen Mittelfeldspieler gerne mal diagonal ab und beteiligen sich am Spielaufbau während die Außenverteidiger hochschieben. Ein starkes Passspiel und Pressingresistenz ist hier von Vorteil – beides bringt Guendouzi trotz seines jungen Alters mit. Im Umschaltspiel und auch kurz vor dem letzten Drittel wirken sich diese beiden Faktoren zusammen mit einem guten Dribbling ebenfalls positiv aus. Herthas Nummer 8 fungiert hier als Verbindung zwischen den Linien und kann den Ball in die wichtigen Räume tragen. Angesichts der Leihe von Arne Maier ist Guendouzi vielleicht das Versprechen, was von Maier (noch) nicht ganz eingelöst werden konnte. Selbst wenn beide nicht exakt derselbe Spielertyp sind, wird doch deutlich, wie gut Hertha ein spielstarkes und in sich ruhendes Mittelfeld tut.

Mattheus Cunha – Entwicklung zum Teamspieler

Wenn es den Fußballgott wirklich gibt, dann ist klar, dass er eher dem Liebesleben der antiken griechischen Götter pflegt, als dem Single-Dad Dasein, seines christlichen Verwandten. Hertha soll es recht sein, denn von den so entstanden Kinder hat sich eines in die Hauptstadt verirrt.

Foto: IMAGO

Technisch stark, um jeden Ball kämpfend und leidenschaftlich: Wer Cunha nicht gerne zusieht, hat den Fußball nie geliebt. Ein Tor und eine Vorlage konnte der Brasilianer gegen Augsburg auf seinen Bierdeckel schreiben. Vier Schüsse, drei Schlüsselpässe und zwei abgefangene Bälle runden das Bild ab. Die langersehnte Konstanz des Hoffnungsträgers, sie scheint in greifbarer Nähe. Cunha spielt zusehends mannschaftsdienlicher. In der 64. Minute bekam er an der rechten Strafraumkante den Ball unter Kontrolle, entschied sich dann aber für den Pass. Den nachfolgenden Schuss setze Krzystof Piatek dann allerdings an den Pfosten.

Dieses Spiel ist ein weiterer Grund sich über die kolportiere frühzeitige Vertragsverlängerung des Offensiv-Mannes zu freuen.

Krzystof Piatek – Das ersehnte Erfolgserlebnis

Apropos Piatek: Der Pole bekam aufgrund der Verletzung von Jhon Córdoba die Chance sich über 45 Minuten zu beweisen. Zuerst auffällig wurde er dabei in der 52. Minute. Von den Augsburgern weitestgehend ignoriert, spielte er eine präzise Flanke aus dem Halbfeld direkt in den Lauf von Dodi Lukebakio. Der Ball wurde zwar noch leicht abgefälscht, der Belgier konnte dennoch verwandeln und  sich so seinen zweiten Treffer und Piatek seine zweite Vorlage der Saison sichern.

In der 64. traf der Pole nach starkem Pass von Cunha nur den Pfosten, in der 73. zögerte er beim Abschluss zu lange und in der 84. brauchte er im Prinzip nur noch quer zu legen. Sein kläglicher Pass landete aber in den Armen von Augsburgs Keeper Rafał Gikiewicz. Wäre es bei dieser Leistung geblieben, Piatek hätte sich wohl nicht als Alternative zum eigentlich gesetzten Córdoba empfehlen können.

(Photo by Stefan Puchner – Pool/Getty Images)

Es sollte jedoch anders kommen. In der 85. Minute spielte Mattheus Cunha einen starken Vertikalpass, Piatek sicherte den Ball und beförderte das Spielgerät aus schwieriger Position und spitzen Winkel am Keeper vorbei und mithilfe des Pfostens ins Tor. Diese Aktion zeigte die ganze Qualität des Polen: Raum erkennen, in diesen unbemerkt hineinstoßen und eiskalt verwandeln. Sollte Córdoba längerfristig Ausfallen, kann Piatek auf dieser Leistung aufbauen. Trotz anfänglicher Unsicherheiten und viel Luft nach oben, machte dieser Auftritt Mut, von dem er hoffentlich eine Portion mitnehmen kann.

Dodi Lukebakio – Scorerpunkte sind nicht alles

Der belgische Flügelspieler ist wie der Klassenkamerad damals, der das ganze Schuljahr nur schlechte Noten schreibt, am Ende mithilfe eines Referats aber doch noch irgendwie auf eine Vier kommt.

(Photo by Stefan Puchner – Pool/Getty Images)

Nach einem katastrophalen ersten Durchgang voller falscher Entscheidungen und vertändelten Bällen, von Bruno Labbadia eigentlich schon angezählt, Verwandelte Lukebakio in der 52. die starke Flanke von Piatek zum 2:0. Danach war der Belgier sichtlich beflügelt, hängte sich mehr rein und arbeite auch verstärkt nach hinten mit. Er kann es, muss es aber nur wollen und im Moment will er es einfach zu wenig. Lukebakio wird so zum Risikofaktor und qualifiziert sich eher für Joker- anstatt Startelfeinsätze. Verhindern scheint das momentan lediglich, dass es im Kader keine wirkliche Alternative mit den gleichen physischen Anlagen wie Lukebakio zu geben scheint. Auch wenn er nach acht Spielen sechs Scorerpunkte sammeln konnte, es reicht einfach nicht nur dann zu liefern, wenn es kritisch wird.

Die Leistung der Berliner Nummer 11 muss sich hier noch auf konstant hohem Niveau einpendeln, wenn er zum Leistungsträger avancieren will. Tore und Vorlagen sind nicht alles und eine geringe Arbeitsrate und Zielstrebigkeit auf dem Platz wirkt sich schlussendlich auch auf die gesamte Mannschaft aus. So kann man nur hoffen, in den kommenden Wochen nur noch selten die “Dodi”-Rufe von Trainer Labbadia hören zu müssen.

Niklas Stark – Endlich wieder wichtig

Der Vize-Kapitän – erneut auf der 6er Position eingesetzt – kommt immer besser in die Saison. Der Auftritt des Nationalspielers war engagiert und durchaus vorzeigbar.

Das Spiel als defensiver Mittelfeldspieler ist meist eher unspektakulär. Räume wollen durch kluges Stellungsspiel geschlossen werden und spektakuläre Pässe darf man von Stark auch nicht erwarten. Dennoch verzeichnete der gelernte Innenverteidiger zwei Kopfbälle aufs Tor. Dadurch, dass mit Matteó Guendouzi gehörig Kreativität ins Berliner Mittelfeld Einzug gefunden hat, fällt die Diskrepanz Starks in diesem Fall nicht besonders auf. Gleichzeitig ist es auch klug von Trainer Bruno Labbadia, den einflussreichen Vize-Kapitän nicht allein für die Verteidigung einzuplanen. Den entsprechenden Konkurrenzkamp würde Stark momentan sicher verlieren, was zwangsläufig zu Bankdrückerei und Unzufriedenheit führen würde.

Foto: IMAGO

Die aktuelle Lösung mag daher nicht besonders spektakulär anzusehen sein, aber doch ein gewisses Potential aufweisen. So ist Stark nach vielen Monaten des Formtiefs endlich wieder auf einem guten Weg, wichtig für das Team zu sein.

Und dann war da noch:

Omar Alderete: 109 Ballkontakte, 87% Passgenauigkeit, drei abgefangene Bälle und drei klärende Aktionen. Die Formkurve des Neuzugangs aus Basel zeigt steil nach oben. Der Mann kann und will kicken und trägt so zur Stabilisierung wackligen Berliner Abwehr bei. Nur logisch, dass das Spiel gegen Augsburg den ersten zu-Null Sieg seit dem 20. Juni bedeutet.

Marton Dardaí: Der zweitälteste Sohn von Pal Dardaí durfte heute sein Bundesligadebüt feiern. Das wird hoffentlich mit Kalbschnitzel und Milchreis gefeiert.

Fazit

Einzelne Herthaner als besonders herausstechend zu identifizieren, fällt in diesem Spiel eher schwer, einfach weil der Auftritt des ganzen Teams durchweg couragiert war. Man erspielte sich geduldig Chancen und auch wenn es meistens am berühmten letzten Pass hapert, dieses Spiel offenbart erneut das Potential, was in dieser jungen Mannschaft schlummert und langsam zu erwachen scheint. Die jetzt folgende Länderspielpause ist vom Timing her nicht ideal, aber Bruno Labbadia ist erfahren genug, um sicherzustellen, dass seine Spieler von diesem überzeugenden Auftritt nicht nur tabellarisch sondern auch mental profitieren können.

[Titelbild: IMAGO]

Wer nicht spielt, der nicht gewinnt

Wer nicht spielt, der nicht gewinnt

Immer wieder hören wir von Fußballspielern, dass sie sich nicht haben durchsetzen können. Doch was bedeutet das und welche Tücken hat es, wenn man überhaupt nicht spielt?

Nicht nur der Fußball kennt Legenden, auch in der Wissenschaft gibt es Akteure, die das Feld nachhaltig beeinflusst haben. In der Psychologie ist einer dieser Koryphäen der Kanadier Albert Bandura (94). Auf ihn gehen einige der wichtigsten Theorien des letzten Jahrhunderts zurück. Eine davon ist die der Selbstwirksamkeitserwartung. Wir wagen deshalb mal einen Ausflug in die Untiefen des menschlichen Geistes um herauszufinden, was eventuell in den Köpfen der Fußballstars vorgeht.

Was bringt uns dazu, etwas zu tun?

Die Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) beschreibt die Überzeugung, dass man ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen kann. Ein konkretes Beispiel wäre hier zum Beispiel ein Dribbling. Stellt euch vor, ihr habt den Ball und seht einen Gegenspieler auf euch zulaufen. Geht ihr ins Eins-gegen-Eins? Spielt ihr den Ball schnell ab? Ein wichtiger Aspekt in euerer Entscheidung ist eure inhärente Überzeugung, ob ihr zu den jeweiligen Verhaltensalternativen überhaupt in der Lage seid. Die SWE hängt mit ganz vielen wichtigen Outcomes unseres Lebens zusammen. Sie beeinflusst zum Beispiel, wieviel Ausdauer und Anstrengung wir in eine bestimmte Tätigkeit investieren, aber auch unsere psychische Gesundheit. Wir bleiben trotzdem in der Welt des Sports.

(Photo by Clive Rose/Getty Images)

Erinnert euch mal an die WM 2014 zurück. Achtelfinale gegen Algerien. Mitten zwischen den beinharten Gegnern und Per Mertesacker‘s Eistonne ein damals 28-Jähriger Manuel Neuer, der im Alleingang das Torwartspiel revolutionierte, indem er einfach mal auch den Libero mimte und zu waghalsigen Rettungsaktionen weit außerhalb des Strafraums ansetzte. Im Grunde genommen hat er dabei nichts bahnbrechend Neues gemacht. Ein Tackling ist erstmal ein Tackling, unabhängig davon, wer es ausführt. Allerdings lässt die Tatsache, dass er sich eine solche Aktion als Torwart und gleichzeitig letzter Mann zugetraut hat, auf eine enorme SWE schließen. Wenn er nicht zu fast 100 Prozent davon überzeugt wäre, dass er eine solche Aktion in puncto Geschwindigkeit und Timing hätte leisten können, er hätte es wohl gar nicht erst versucht.

Hierbei lässt sich ein weiterer wichtiger Punkt der Theorie Banduras erkennen, die sogenannte Ergebniserwartung. Das ist die Überzeugung, dass ein Verhalten zum gewünschten Ergebnis führen wird. Auch hier werden Alternativen gegeneinander abgewogen. Was bringt im obigen Beispiel mehr? Wenn ich am Gegner vorbeidribble oder wenn ich meine Mitspieler mit einem Pass in Szene setze? Bei Manuel Neuer bestanden die Alternativen zwischen mehreren Szenarien. Einmal außerhalb des Strafraums und ohne Zuhilfenahme der Hände und einmal im Strafraum, wo der Gegner allerdings teilweise in guter Schussposition gewesen wäre. Stellt man sich die Entscheidungsfindung als Flussdiagramm vor, stünde die SWE zwischen Person und Verhalten (Kann ich das überhaupt?) und die Ergebniserwartung zwischen Verhalten und Ergebnis (Bringt das was?). Die jeweilig getroffene Entscheidung kann man dann als Multiplikation beider Variablen verstehen. Wenn eine 0 ist, dann ist das Produkt auch 0 und die Alternative wird ausgeschlossen.

Erfahrung und Entscheidungsfindung

Erfahrung spielt jetzt eine wichtige Rolle. Wird die Erfolgschance eines bestimmten Verhaltens als zu hoch eingeschätzt, dann kann das Produkt mal schnell größer werden als die eigentlich sichere und objektiv bessere Variante. Es geht hierbei um die individuelle Überzeugung, die natürlich mit objektiver Wahrscheinlichkeit zusammenhängt (dazu gleich mehr), aber eben nicht damit identisch ist.

Ein Erfahrener Spieler kann seine Fähigkeiten und die Erfolgschancen seines Verhaltens viel besser einschätzen als ein „junger wilder“. Das kann man wunderbar an den Spielern sehen, die im Laufe ihrer Karriere ihren Spielstil komplett umgestellt haben (Ronaldo, Matthäus, Schweinsteiger). Das Wissen um altersbedingten physischen Abbau und die Anpassung daran kann aus einer Karriere noch einige gute Jahre herausholen.

Quellen der Selbstwirksamkeitserwartung

Wenn SWE jetzt so wichtig für spielerische Brillanz ist, warum trainiert man die dann nicht einfach jeden Tag und freut sich über den siebten CL-Titel in Folge? Es gibt hier leider keine Wunderpille. Aber dennoch hat SWE vier mögliche Quellen. Jede trägt – in aufsteigender Reihenfolge – mehr dazu bei, dass SWE aufgebaut wird:

  • Subjektive physiologische Zustände. Freust du dich, wenn du an eine bestimmte Aufgabe denkst oder hast du die Hosen voll? Sollte ersteres der Fall sein, dann trägt das zu deiner SWE bei, bei letzterem wird sie vermutlich eher drunter leiden. Frei nach dem Motto: „Da kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief´s ganz flüssig.“- Paul Breitner
  • Positiver Zuspruch. Lob und zu hören, dass man etwas schafft, erhöht tatsächlich die SWE. Deshalb sind geachtete Führungsspieler wichtig, denn von ihnen bedeutet das Lob viel mehr. Oder wollt ihr lieber vom dritten Torwart ermutigt werden, als von Zidane?
  • Stellvertretende Erfolgserfahrungen. Sehen wir, dass es bei anderen klappt, können wir denken: „Hey, das schaff ich auch!“. Das gewinnt besonders unter dem Aspekt des Teamsports an Bedeutung. Läufts bei allen, dann vielleicht auch bei dem, der eigentlich nicht so gut ist.
  • Eigene Erfolgserfahrungen. Die allerwichtigste Quelle von SWE. Wenn es einmal geklappt hat, dann klappt das auch ein zweites mal. Manuel Neuer hat es nicht bei einer waghalsigen Rettungsaktion belassen, sondern hat das ganze gleich mehrmals abgezogen. Hier spielt dann auch die objektive Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Entsprechendes Verhalten gelingt statistisch gesehen öfter und beeinflusst dann die subjektive Überzeugung.

Alle diese Aspekte kann man sicherlich durch Training beeinflussen. Wenn es da gut läuft, dann wahrscheinlich auch im Spiel. Letzteres ist aber natürlich die ultimative Bewährungsprobe eines jeden Spielers. Der Druck ist enorm und ein Fehler kann den Sieg kosten. Das kann auch erklären, warum manche Mannschaften sich einfach nicht trauen riskant aufzuspielen. Die Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten ist, wie schon erwähnt eine Multiplikation von SWE und Ergebniserwartung und auch wenn man prinzipiell zum schnellen Angriffsfußball in der Lage ist (SWE), gegen die Bayern klappt das vielleicht weniger als gegen den Tabellenletzten (Ergebniserwarung). Entscheidungsfindung ist also extrem dynamisch und hängt immer auch davon ab, was in der Vergangenheit schonmal zum Erfolg geführt hat. Daher ist es Aufgabe des Trainers seine Spieler zu bestärken (Quelle 2), wenn der eigentliche Matchplan mal nicht funktioniert hat und man nicht auf aktuelle Erfolgserfahrungen zurückgreifen kann.

Die situationale Komponente von SWE kann man wunderbar an Elfmetern sehen. Im „Finale Dahoam“ trauten es sich die etablierten Schützen, darunter Toni Kroos, teilweise nicht zu in dieser Situation das gewünschte Verhalten zeigen zu können. Manuel Neuer musste antreten. Im WM Finale 1990 verzichtete der Stammschütze Matthäus aufgrund unbequemer Schuhe und Uli Hoeneß trat 1976 zum Elfmeter an, obwohl er eigentlich nicht wollte und verschoß schließlich.

Erfolge hängen vom Spielen ab

Um Erfolge zu feiern, muss man die Gelegenheit haben, Erfolge zu erzielen. Was klingt wie ein Spielfeldinterview nach Verlängerung und Elfmeterschießen, offenbart die wichtigste Ressource, wenn es um die Entwicklung von Spielern geht: Einsatzzeit. Klar, um den Trainer für mich zu gewinnen, muss ich in Wettkampfsituationen zeigen, was ich drauf habe.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Darüber hinaus sind aber Erfolgserlebnisse wichtig, um meine Motivation aufrecht zu erhalten. Wenn ich eingewechselt werde, zwei Tore mache und das Spiel entscheide, dann werde ich eine Menge dafür tun, um wieder eingewechselt zu werden. Gleichzeitig führen Menschen mit hoher SWE Misserfolg eher auf ungenügende Anstrengung (leicht beeinflussbar), Menschen mit niedriger SWE auf mangelnde Fähigkeiten (schwer zu beeinflussen) zurück. Wenn ich also sieben Spiele hintereinander auf der Bank sitze, dann beginne ich mitunter, an mir selbst zu zweifeln, was sich negativ auf meine Motivation auswirkt, wodurch ich das Training schleifen lasse, was sich dann letztendlich negativ auf meine Einsatzchancen per se auswirkt.

Hier sind mentale Unterstützung und ein gesundes Selbstvertrauen notwendig, damit sich vor allem junge Spieler von einer entsprechenden Situation nicht unterkriegen lassen. Alle wollen spielen, und alle müssen spielen, damit sie weiter motiviert sind alles zu geben.

Das in guter Balance zu halten, ist Aufgabe des Trainers. Dieser ist aber natürlich auch ein Mensch, der Entscheidungen treffen muss und damit eine eigene SWE hat. Eine Mannschaftsaufstellung auszudrucken ist dabei vielleicht nicht so anspruchsvoll, wie ein 60-Meter-Pass, aber die Entscheidung sich zum Beispiel für ältere und konstantere Spieler zu entscheiden, weil die eher den Sieg einheimsen (Ergebniserwartung), hat klare Nachteile für junge Spieler, die sich in der Entwicklung befinden. Außerdem bleibt’s ja nicht beim Ausdrucken. Einen Matchplan aufzustellen und detailliert auszuarbeiten, ist keine universelle Fähigkeit, auch wenn das beim Public Viewing und in den sozialen Netzwerken schnell mal vergessen wird. Wenn man schlussendlich noch bedenkt, dass der Trainer auch Erwartungen darüber hat, ob Spieler das von ihnen erwartete Verhalten zeigen können und auch ihre SWE der Fremdbeurteilung unterliegt, ist das Chaos perfekt.

Viel zu beachten

Es wird deutlich, dass es viele Faktoren gibt, die uns, unser Verhalten und unsere Umwelt beeinflussen können. Bandura sprach deshalb vom reziproken Determinismus, einem Modell, indem Umwelt, Person und Verhalten in ständiger Interaktion zueinander stehen. Wer den Grund für die schlechte Performanz von Spielern einzig und allein in deren Person sucht, tut einer komplexen Dynamik damit unrecht.

Ob ein Spieler sich durchsetzt, hängt deshalb nicht nur von seiner eigenen Anstrengung, sondern auch von den äußeren Umständen ab. Ist ein Leistungsträger verletzt, mag mich der Trainer, kann ich meine SWE gut managen – das spielt alles eine Rolle.

Foto: IMAGO

Die Theorie der Selbstwirksamkeitserwartung ist dabei kein Allheilmitte. Ich werde nicht plötzlich zum nächsten Messi, nur weil man mich jeden Tag pusht. Sollte ich allerdings gar nicht davon überzeugt sein, dass ich es überhaupt schaffen kann, wird das wohl auch nichts.

Für eine oberflächliche und grobe Analyse der Spielerentwicklung oder -entscheidungsfindung eignet sich die Theorie jedoch allemal. Ein Spieler, der vielleicht die Erfahrung gemacht hat, dass Tricks ihn weiterbringen, wendet mehr Zeit darauf auf, diese Strategie zu perfektionieren. Jemand, der eher über seine Physis kommt geht, hingegen mehr Gewichte stemmen. Die grundlegende Gefahr besteht jedoch darin, zu falschen Überzeugungen bezüglich Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartung zu kommen. Junge Talente, die davon überzeugt sind, eh nicht trainieren zu müssen, weil sie schon alles können, werden ebenso scheitern, wie die Spieler, die glauben, dass der Schuss aufs Tor immer die beste Alternative ist.

Spieler als Menschen sehen

Man kann es eigentlich nicht oft genug betonen: Spieler sind auch nur Menschen. Sie treffen fehlerhafte Entscheidungen, leiden unter Selbstzweifeln oder sind enttäuscht. Gerade deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Taktik und Aufstellung das Eine sind, die Maschinerie Profimannschaft jedoch aus sensiblen Teilen besteht, die alle sorgsam gepflegt werden wollen. Ob sich ein Spieler letztendlich reinkniet und sich durchsetzt, hängt eben auch davon ab, ob man an ihn glaubt und ihm die Gelegenheit dazu gibt zu zeigen, dass er es kann.

[Titelbild: IMAGO]

Das entrückte Spiel

Das entrückte Spiel

Gigantische Geldbeträge, intransparente Strukturen, Korruptionsfälle und Spiele in Risikogebieten. Der Fußball scheint sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Hat er noch das Potential seine Fans mitzunehmen?

Der Ball ist zwar immer noch rund, aber der Fußball hat sich trotzdem verändert. War er früher noch handgenäht aus schwerem Leder, ist das heutige Spielgerät ein High-Tech-Objekt samt implantierten Chip. Er besteht längst aus 100% synthetischen Materialien und ein spitzzüngiger Beobachter könnte nun behaupten, dass seine Entwicklung sehr ähnlich zu der des Spiel, in dem er benutzt wird abgelaufen ist. Wo man früher bei Wind und Wetter auf engen Holzbänken seinem Team zugejubelt hat, stehen längst überdachte Werbe-Locations, in denen manchmal auch gespielt wird. Ablösesummen aus den 70er Jahren sind inzwischen oft nur noch ein Monatsgehalt und Fair-Play scheint zum bedeutungslosen Buzz-Word degradiert worden zu sein. Einzelne Vereine der höchsten europäischen Liga mögen dem zwar marketingwirksam die Fackel des Anti-Kommerz entgegenhalten, aber die schnellen Autos, Mykonos Urlaube und Spielbankaufenthalte der Spieler lassen sich sicher nicht mit Fußballromantik bezahlen.

Fußball ist tot, wir haben ihn getötet!

Wer trägt Schuld daran? Es wäre ein leichtes, raffgierige Piranhas, abgehobene Jugendliche oder korrupte Funktionäre als Königsmörder auszumachen. Doch so einfach ist es nicht. Das Geld im Fußball muss von irgendwoher kommen. Trikots, Eintrittskarten und neue FIFA-Editionen werden von den Fans gekauft und bereitwillig konsumiert. Im Laufe von fast 150 Jahren Geschichte wurde das Produkt so immer weiter perfektioniert. Was unsere Eltern gesäht haben, dürfen wir jetzt ernten. Das Investment der vergangenen Generationen an Fans, die die jetzt so herbeigesehnte Fußballromantik noch hautnah miterleben durfte, hat eine Rendite erbracht, von denen Großanleger nur träumen können. Alle verdienen an diesem Spiel. Fans bekommen das ultimative Spektakel und den ihren wöchentlichen Schuss. Spieler, Berater und Funktionäre das große Geld und kleine Kinder einen Traum zum hinterhereifern. Eine klassische Win-Win-Loose Situation, denn der, der am Ende die Zeche zahlt, ist der Fußball an sich.

(Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Doch was ist dieser „Fußball“ überhaupt? Ist es die Bratwurst für 2,50€, die ihren Preis vielleicht nur mit der zweifelhaften Herkunft aus einer Nordrheinwestfälischen-Großschlachterei rechtfertigen kann? Die Unmengen an Alkohol, die wir uns zu Gemüte führen, weil wir manche Spiele nur knapp diesseits der Bewusstlosigkeit ertragen können? Das Tragen von Trikots von Spielern, deren Lebensrealität so gut wie gar nichts mit der derer zu tun hat, die ihnen von den Rängen zujubeln? Sind es Figuren, wie Jürgen Klopp, die eine nahbare Authentizität ausstrahlen, obwohl er längst Haare und Zähne hat machen lassen und Teil eines Unternehmens ist, dass letzte Saison 600 Millionen Euro Umsatz erzielt hat? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch das wohlige Gefühl, als die Eltern einen das erste Mal ins Stadion mitnahmen und man von den Schultern des Vaters alle überragte. Der Glücksrausch, als man sein erstes Tor im Verein erzielte. Der Vorwand, in die alte Heimat zurückzukehren oder die schwüle Sommernacht, als sich ganz Deutschland in den Armen lag, weil Mario Götze das Ding machte.

Was der Fußball für einen bedeutet, kann letztendlich nur jeder selbst für sich entscheiden. Fest steht jedoch, dass wir alle unseren Teil dazu beigetragen haben, dass sich die Situation so entwickelt hat, wie wir sie jetzt vorfinden. Natürlich nicht jeder gleichermaßen, doch die Verfehlungen des modernen Event-Fußballs liegen derart offen, dass niemand, der ihn verfolgt ernsthaft von sich behaupten kann, dass er von nichts gewusst hätte. Wir wären natürlich alle gerne im Widerstand, doch die Realität zeigt eher, dass es die meisten Fans zwar virtuell aufregt, doch die nächste wöchentliche Dosis sehnlichst erwartet wird. Boykottaufrufe, wie der zur EM 2012 über die Behandlung ukrainischer Oppositioneller, zur WM 2018 ob der politischen Situation in Russland oder zum Turnier in Katar verhallen ungehört oder gehen im kollektiven Jubel oder der geteilten Empörung des Landes unter.

Wenn wir so inkonsequent sind, dann ist die Entwicklung des Spiels nicht besonders verwunderlich, sondern eigentlich gerade zu logisch. Und um das vorne angebrachte Nietzsche-Zitat nicht alleine stehen zu lassen, noch eines von Friedrich Dürrenmatt hinterher, welches die Gedanken all jener, die durch unsere Gunst verdienen treffend zusammenfassen scheint: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell!“

Ist der König gar ein Demokrat?

Die geschaffene Abhängigkeit als Krankheit, der wir nicht entfliehen können. Ich habe es schon erwähnt; diese Sichtweise wäre zu einfach. Es ist eine faszinierende Ironie der politischen Inszenierung des Sports, dass die ihr zugrundeliegenden Prinzipien fundamental demokratisch sind. Das bedeutet, dass selbst autoritäre Herrscher, die sich der vermeintlichen apolitischen Natur des Sportes bedienen wollen, darauf angewiesen sind, dass das Volk beziehungsweise die Fans, bei diesem Vorhaben mitziehen. Es versteht sich von selbst, dass der Sport auch Opium für das Volk sein kann, aber dennoch: Ohne Zuschauer:innen gibt es kein Spektakel.

Gleichzeitig ist der moderne Fußball nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen tausende eingetragene Vereine, die mit den Giganten wie PSG, Manchester City und Bayern München ungefähr so viel zu tun haben, wie Artur Wichniarek mit der Torjägerkanone. Zehntausende Ehrenamtliche und unterklassige Spieler:innen, die sich ganz ohne Millionengehälter für ihren Verein den Arsch aufreißen und natürlich die Fans, die kein Kreisklassenspiel versäumen und lieber einem 110 Kilo schweren Libero zujubeln als Neymar.

Fußball ist keine Droge, denn anders als jene können wir das Produkt aktiv gestalten. Wir sind nicht auf den kleinen Straßendealer angewiesen, der uns gestrecktes Zeug für einen schlechten Kurs verkauft. Wir können uns unseren eigenen Stoff herstellen. Alles was wir dazu brauchen, ist ein Tor und ein Ball. Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob der moderne Event-Fußball eine Droge ist. Ich würde dagegenhalten und erwidern, dass wir es hier eher mit einem extrem gut auf die Bedürfnisse der Konsumenten zugeschnittenen Produkt zu tun haben. Das ist Heroin natürlich auch, aber anders als bei Heroin ist es beim Fußball wesentlich einfacher die Bedürfnisse und damit das Produkt zu ändern.

Der König ist tot, lang lebe der König!

Im Grunde genommen weist der moderne Event-Fußball frappierende Ähnlichkeit zum europäischen Adel auf. Er entführt uns in eine fremde Welt voller Glanz und Glamour, Skandalen und Triumphen. Es gibt die Nerds, die dir die Mannschaftsaufstellung von Hertha-Bayern aus der Hinrunde 02/03 ebenso im Schlaf herunterbeten können, wie den Ur-Ur-Ur-Enkel der Queen. Genau wie in den europäischen Königsfamilien haben langwierige Vetternwirtschaft und inzestuöse Beziehungen ihre Spuren am Gesicht des Fußballs hinterlassen. Und irgendwann endet alles damit, dass eine Hand voll Menschen auf einem Balkon stehen und sich von der Menge hofieren lassen.

Doch nur, weil man einen Monarchen hat, bedeutet das nicht, dass man sich auch von ihm regieren lässt. Zwar sehnt manch einer zurück in die wilhelminische Zeit, doch in den europäischen Ländern, in denen der Adel noch existiert, hat er entweder keine Macht mehr oder eher repräsentative Funktionen. Diese Entwicklung ist auf politische Änderungen, maßgeblich getragen vom jeweiligen Volk, zurückzuführen.

(Photo by Alex Burstow/Getty Images)

Wir haben also die Macht den König zu stürzen und durch einen neuen, einen unserer Gnaden, zu ersetzen. Ich will damit nicht sagen, dass der moderne Event-Fußball abgeschafft werden soll. Diese skurrile Welt hat seinen Charme und seine Berechtigung. Genauso  wie es vollkommen in Ordnung ist, wenn sich Millionen Menschen eine königliche Hochzeit angucken, ist es nachvollziehbar, dass es beim Fußball gleich ist. Wir sollten uns jedoch klarmachen, dass das, was da auf dem Bildschirm in London, Budapest und Katar passiert nicht die reale Welt ist.

Gleichzeitig müssen wir jedoch auch im Hinterkopf behalten, dass Fußball mehr als das alles ist. Es ist gut Rückzugsorte zu haben, in denen man die Sphären der Realität mal verlassen kann. Diese Utopien werden aber von uns geschaffen und sind auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. Diese Bedürfnisse anzupassen, bedeutet sich zu fragen, ob ich lieber den Sensationsjournalismus des Doppelpass oder ähnlicher Medien verfolgen will oder gut recherchierte Hintergrundgeschichten. Ob ich hunderte Euro für den Stadionbesuch ausgebe oder nicht vielleicht eher mit Freunden das Spiel im heimischen Garten verfolge. Ob es wirklich jede Woche Bundesliga sein muss oder nicht auch mal der lokale Kleinverein und ob ich klaglos hinnehme, dass das Verfolgen der Spiele immer schwieriger wird, da die Rechte immer weiter zersplittern.

Revolution!?

Ob es einem Wert ist sich in diese Richtung zu engagieren muss jeder selbst für sich entscheiden. Wir dürfen unser Ideal vom Fußball niemanden aufzwingen, es ist ein Spiel, was stückweit allen gehört, auch wenn es schmerzt das bei manchen Personen zuzugeben. Dieser Fakt befreit aber nicht von der Verantwortung darüber nachzudenken, inwiefern man zum Status Quo beiträgt. Als Hertha-Fan ist man hierbei in einer schwierigen Lage. Der lange Tennor-Schatten fällt auf jeden, der sich für einen nachhaltigen Wandel einsetzt. Prinzipiell erkenne ich allerdings nicht, wie Geld alleine einen Verein zur Ausgeburt des Bösen macht. Die Fans und Mitglieder haben immer noch Einfluss und wo sie ihn verlieren, müssen sie ihn zurückfordern oder es einvernehmlich geschehen lassen. Hertha ist zugleich ein Traditionsklub und keine Summe der Welt vermag diese Geschichte auszuradieren. Im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, muss außerdem nicht schlecht sein. Aktionen wie „We-Kick-Corona“ oder die jüngste Hertha-Kooperation mit der DKMS entfalten ihr Potential eben nur, weil hier prominente Multiplikatoren beteiligt sind.

Die Gretchenfrage an den Fußball bleibt deshalb: „Nun sag mir, wie hast du’s mit deinen Wurzeln?“ Während das moderne Spektakel die emotionale Wirkung des Spiels potenziert, darf man nicht die Bodenhaftung verlieren. Das bedeutet keine Flüge von Stuttgart nach Basel, sondern konsequenter Klimaschutz. Keine finanziell motivierten Forderungen nach Stadionöffnungen unter dem Deckmantel der Fanbeteiligung, sondern Demut ob der gesellschaftlich privilegierten Stellung. Keine Länderspiele um des Spielens willen, sondern Prioritätensetzung. Keine Steuerhinterziehung durch den Verkauf der eigenen Bildrechte, sondern soziale Investitionen. Für Hertha-Fans bedeutet das, der Vereinsführung nochmal genauer auf die Finger zu schauen und gegeben Falls auch zu hauen, falls die eigens auferlegten Werte ad absurdum geführt werden.

Wir können den Fußball wahrscheinlich nicht dahin zurückverwandeln, was er einmal war. Allein schon deshalb, weil niemand genau weiß was das genau bedeutet. Einen rückwärtsgewandten romantisierten Blick halte ich deshalb für nicht zielführend. Vielmehr brauchen wir einen modernen, an der Gesellschaft orientierten Fußball und kein entrücktes Spiel. Wir brauchen eine repräsentative Monarchie.

[Titelbild: FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images]

Herthaner im Fokus: RB Leipzig – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: RB Leipzig – Hertha BSC

Was soll man noch zu diesem Saisonstart schreiben? Gegen Leipzig verlor die Hertha zum vierten Mal in Folge und findet sich auf einem temporären 15. Tabellenplatz wieder. Wir blicken auf die Leistung einzelner Herthaner nach diesem gebrauchten Tag, welcher allerdings auch ein paar positive Erkenntnisse hervorbrachte.

Omar Alderete – Durchwachsenes Debüt

Der paraguayische Nationalspieler gab gegen RB sein Startelf- und Hertha-Debüt. Hierbei agierte er zunächst unglücklich. Vor dem 1:1 in der 11. Spielminute klärte er zunächst zu Leipzigs Innenverteidiger Dayot Upamecano, Alderete setzte zwar nach, konnte aber vor dem entscheidenden Schuss den Ball nicht richtig abschirmen und verlor den Ball an den Torschützen Upamecano. Hier wurde ersichtlich, dass sich der Innenverteidiger noch an die Körperlichkeit und das Tempo der Bundesliga gewöhnen muss.

Foto: IMAGO

Die Leistung Alderetes kann man am ehesten mit „gut, aber noch Luft nach oben“ beschreiben. Zwei abgefangene Bälle, fünf klärende Aktionen und zwei geblockte Schüsse stehen einer 64% Passquote gegenüber. Das ist für die im Spielaufbau schwache Hertha einfach zu wenig. Hierbei muss allerdings auch erwähnt werden, dass sich der 23-Jährige auch die meisten langen Bälle aller Herthaner traute – ganze zwölf schlug er, um das Spiel schnell zu machen. Dass dabei nicht alle Pässe ankommen können ist klar und sein Mut ist löblich, dennoch muss sich die Quote noch bessern. Grundsätzlich stand der Paraguayer oft ein wenig zu weit vom Mann entfernt. So ließ er sich in der Nachspielzeit zu einfach von Christopher Nkunku täuschen, sodass der folgende Distanzschuss das Tor nur knapp verfehlte.

Auffällig war aber: Alderete kommuniziert und delegiert seine Mitspieler. Die Führungsspielerdebatte, die seit Anfang der Saison geführt wird, hat also mitunter einen neuen Akteur. Das ist dahingehend von Vorteil, dass man so auch bei einer gewissen Rotation immer jemanden auf dem Platz hat, der die Mannschaft antreibt. Die kommenden Spiele werden zeigen, welche Rolle unser neuer Innenverteidiger im Mannschaftsgefüge einnimmt und ob er sich als ernsthafte Alternative zum verletzen Jordan Torunarigha empfehlen kann.

Maximilian Mittelstädt – Die fehlenden letzten Prozente

Ein erster Knick in der Saison des Maximilian M. zeigt sich, als er in der 83. Minute ausgewechselt wurde. Absolvierte er noch jedes andere Spiel über die vollen 90 Minuten, entzog ihm Trainer Bruno Labbadia hier öffentlich das Vertrauen. Droht dem Youngster jetzt die Bank?

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So ähnlich würde es klingen, wenn man mit vier Weizenbier im Doppelpass sitzen würde. Aber mal im Ernst. Der Linksverteidiger gehörte zu den auffälligsten Spielern dieses Samstagnachmittags. Er hatte nicht nur die zweitmeisten Ballkontakte hinter Torwart Alexander Schwolow, sondern schaltete sich auch oft ins Offensivspiel mit ein und spielte eine Reihe sehenswerter Pässe, darunter einen Vladimir Darida, der den Konter zum 1:0 in der 8. Minute einleitete. Hier wünscht man sich allerdings noch mehr intensive Läufe ins letzte Angriffsdrittel, Mittelstädt könnte in seinem Spiel mit Ball noch prägender sein.

Defensiv lief es wesentlich besser: vier abgefangene Bälle und sechs klärende Aktionen markieren jeweils den Bestwert unter allen Hertha-Spielern. Aber auch hier Licht und Schatten, In einigen Szenen fing Mittelstädt Bälle geistesgegenwärtig ab und gewann direkte Duelle gegen Gegenspieler Justin Kluivert höchst souverän. in anderen Momenten ließ er sich von ihm jedoch düpieren und musste hinterherrennen. Keinesfalls ein schlechter Defensivauftritt des 23-Jährigen, allerdings besteht auch hier noch Luft noch ab oben.

Das Berliner Eigengewächs entwickelt sich immer mehr vom Hoffnungs- zum Leistungsträger. Um diesen Status vollends zu verdienen muss er allerdings noch konstanter werden. Das große Vertrauen Labbadias und die daraus resultierenden vielen Einsatzminuten werden Mittelstädt dabei helfen.

Deyovaiso Zeefuik – Bitter

Zwei Fouls und zwei gelbe Karten sorgten dafür, dass der Niederländer schneller weg war als Jürgen Klinsmann. HaHoHe, euer Deyo.

Jhon Córdoba und Krzystof Piatek – Ein entschiedenes Duell?

Die zwei großen Lieben von Jhon Córdoba sind: der Ball und Alexander Schwolow. Anders kann man sich es kaum erklären, warum der Kolumbianer derart oft mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht und dabei aber dermaßen viele Bälle festmacht. Vier Schüsse feuerte der Stürmer zumindest in Richtung Leipziger Tor, einer davon saß.

Foto: IMAGO

Insgesamt also einer der aktivsten Berliner. Beim dritten Tor im  fünften Spiel kann man die vorsichtige Prognose wagen, dass sich dieser Transfer definitiv gelohnt hat. Leider egalisierte er seine gute Leistung mit einem verschuldeten Elfmeter. Um es mit dem Fußballspruch des Jahres 2018 zu sagen: „Stark! Ein Tor gemacht, eins vorbereitet.“

Apropos Transfer, was macht eigentlich der Berliner Lewandowski, Krzystof Piatek? Er ist leider mehr Berliner, als Lewandowski. Eingewechselt zur 83. Minute konnte er gerade einmal einen einzigen Ballkontakt vorweisen. Natürlich darf man jetzt keine Wunder erwarten, wenn man nur noch sieben Minuten zu spielen hat, aber die Tatsache, dass er überhaupt erst so spät eingewechselt wurde, zeigt wer im Konkurrenzkampf um die Sturmspitze momentan die kolumbianische Nase vorne hat. Hoffen wir, dass dieser teure Polenböller sich so verhält wie ein Billiger und ein Spätzünder ist.

Bruno Labbadia – Machtlos

Die „alte Dame“ versetzt den „schönen Bruno“ ein weiteres mal. Vermeidbare individuelle Fehler kosten ein weiteres Mal Punkte. Bei solchen Aussetzern kann auch der beste Trainer nichts machen. Nach den Toren wirkte Labbadia fassungslos und resigniert. Der Frust entlud sich schließlich in Richtung des Schiedsrichters, Tobias Stieler, der durch eine interessante „Leistung“ auffiel, und Labbadia schließlich auch mit Gelb verwarnte.

Grundsätzlich ist die Richtung, in die es unter Labbadia geht, durchaus erfolgsversprechend. Hertha hat, so unglaublich es klingt, die viertbeste(!) Offensive der Liga. Allerdings auch die dritt schlechteste Defensive. Wenn man dieses Problem also in den Griff bekommt, dann kann aus dieser Mannschaft durchaus was werden.

Wen gabs noch?

Alexander Schwolow: Bis jetzt auch als Transfererfolg zu verbuchen, hielt alles was zu halten war. Sieht allgemein bei Gegentoren selten unglücklich aus und macht seinem Namen als Mr. Konstanz alle Ehre.

Dedryk Boyata: Nach bisher durchwachsenen Leistungen präsentierte sich der Belgier sicher und aufmerksam. Gerne mehr davon!

Fazit

Unter Strich bleibt genau das, was sich die letzten Spiele auch gezeigt hat. Das spielerische Können der Hertha ist definitiv vorhanden. Die Mannschaft muss aber noch mehr zusammenwachsen. Abläufe müssen einstudiert und Automatismen verinnerlicht werden. Eine Passquote von gerade einmal 67% ist einfach zu wenig (wenn auch von der Unterzahl beeinflusst). Auffällig ist auch, dass Hertha den Ball in diesem Spiel fast ausschließlich knapp vor dem letzten Drittel verloren hat. Wir kommen also nicht wirklich vors Tor. An dieser Stelle wird das Fehlen eines kreativen Mittelfeldstrategen abseits von Matheus Cunha deutlich. Vielleicht kann Matteó Guendouzi mit seinem Einsatzwillen und der Zweikampfstärke hier Abhilfe schaffen.

Dumme Fehler, die sich zu einer Niederlage aufsummieren. So würde man diesen Saisonauftakt der Hertha dem Fußballgott pitchen. Zweiter Teil des Pitches wäre aber eine heldenhafte Wiederauferstehung, die dafür sorgt, dass es wieder Spaß macht Hertha zu gucken. Hoffen wir mal, dass dieser Wunsch erhört wird.

[Titelbild: Boris Streubel/Getty Images]