Die Zukunft gehört dem Berliner eSport?

Die Zukunft gehört dem Berliner eSport?

50 Jahre nach der ersten Konsole für zuhause, ist eSport ein wirtschaftliches und kulturelles Epizentrum. Auch Hertha investiert in diesen Bereich. In diesem Artikel nehmen wir das Berliner Konzept und seine Akteure unter die Lupe. Hat Hertha hier die Chance auf den sportlichen Erfolg, der ihr auf dem realen Rasen bislang verwehrt blieb?

Wer sich Mitte August eines der neuen Hertha-Trikots sichern wollte, stand zeitweise vor geschlossenen Online-Türen. Nichts ging mehr, der Shop war unter der schieren Anzahl der Anfragen zusammengebrochen. Grund war nicht das ansprechende Design der Jerseys oder die Tatsache, dass sie zeitweise ohne Brustsponsor verfügbar waren, sondern ein ganz bestimmter Spielerflock. Doch wer Stars wie Matheus Cunha oder Lucas Tousart hinter dem Ansturm erwartete, rieb sich verwundert die Augen. Nicht die Namen jüngsten Rekordtransfers zwangen den Shop in die Knie, sondern ein Spieler, den man noch nie auf dem Rasen des Olympiastadions bewundern durfte.

Elias „EliasN97 / Eligella“ Nerlich (22) dürfte trotzdem Einigen ein Begriff sein. Der junge Berliner ist Kapitän des eSport FIFA-Teams von Hertha BSC. Die alte Dame investiert nämlich schon seit 2018 verstärkt in diesen aufstrebenden Wirtschaftszweig. Die Strategie umfasste dabei laut eigenen Angaben ein aufwendiges Talent-Scouting, sowie die Gründung der ersten eSport-Akademie der Bundesliga. Neben EliasN97 stehen noch vier weitere Talente bei Hertha unter Vertrag. Eligella scheint aber der schillernde Mittelpunkt der Akademie und des Marketingkonzepts zu sein. Neben der Tätigkeit als FIFA-Profi und Streamer, wird der Berliner, der mit Profis, wie Eigengewächs Jordan Torunarigha (23) und Ex-Herthaner Sidney Friede (22) gut befreundet ist, regelmäßig in die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins miteinbezogen.

So sammelte der eSportler in einem Spenden-Stream 6000€ für Beschäftigte der Charité und wirkte in Werbekampagnen von EDEKA mit. Der Erfolg dieser Vermarktung spricht durch den eingangs erwähnten Ansturm auf die limitierten Trikots für sich.  

Das Milliardengeschäft mit den Spielen

Kompetitive Computerspiele sind ein weltweites Milliardengeschäft, was sich auch in Deutschland zu lohnen scheint. Das Beratungsunternehmen „Deloitte“ prognostizierte 2016 eine jährliche Umsatzsteigerung von fast 30 Prozent. Von 50 Millionen Euro im Jahr 2016 sollte sich der deutschlandweite Umsatz 2020 auf 130 Millionen Euro entwickeln und damit Handball, Basketball und Eishockey hinter sich lassen. Das Prognosen schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, zeigt sich an der realen Marktentwicklung. Sagte Deloitte 2016 für 2018 noch einen Umsatz von 90 Millionen Euro voraus, waren es am Ende nur 70. Nichts destotrotz ist der virtuelle Sport ein potenter Markt und zieht vermehrt Interessenten aus der ganzen Welt an.

Photo by Clive Rose/Getty Images

So hat unteranderem Nationaltorwart Bernd Leno ein eigenes eSports-Team und auch NBA Franchises wie die Golden State Warriors haben eigene virtuelle Ableger ins Leben gerufen. Anfängliche Einwände, wie vom damaligen FC Bayern Präsidenten Uli Hoeneß:  “Es wäre totaler Schwachsinn, wenn der Staat nur einen Euro dazugeben würde. Junge Leute sollen Sport auf dem Trainingsplatz treiben.”, wurden angesichts des Potentials dieses Phänomens zurückgestellt. Seit Anfang dieses Jahres haben die Münchener eine eigene eSport Abteilung. Dabei umfasst dieses Engagement eine mit kolportierten 15 Millionen Euro dotierte Partnerschaft mit dem Spieleentwickler KONAMI (Pro Evolution Soccer).

Der BVB hingegen, dessen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, das ganze Thema 2016 noch als „komplett scheiße“ abtat, plant auch nach aktuellem Stand nicht mit dem Aufbau einer eigenen Abteilung. Angesichts der steigenden Umsatzzahlen gibt es hier sicher noch viel Gelegenheit diese Haltung zu überdenken. 

Schalke mal ganz vorne

In Deutschland war Schalke 04 einer der ersten Profivereine, der den Sprung ins kalte Wasser des virtuellen Sports wagte. Jedoch begannen sie ihr Engagement nicht mit FIFA, sondern mit dem Platzhirsch des eSports: dem Multiplayer Online Battle Arena (MOBA) Spiel „League of Legends (LoL)“. Nach einem desaströsen, mit dem Abstieg endenden ersten Jahr in dieser Disziplin, kämpften sich die Gelsenkirchener in den darauf folgenden Spielzeiten in die höchste LoL-Liga zurück. Hier zählen sie nicht unbedingt zu den Top-Mannschaften, aber liegen stabil im Mittelfeld – etwas, das sich sich die Fußballer auf dem Platz für diese Saison wohl ebenfalls wünschen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Paris Saint-Gemain. Als vielversprechendes Projekt gestartet, löste der französische Hauptstadtklub sein LoL-Team nach nur einem Jahr wieder auf.

Schalke hingegen weitete sein Engagement schrittweise aus. Neben einem LoL-Team, stellen die Knappen inzwischen auch ein FIFA und Pro Evolution Soccer Team. Das Ziel hierbei ist: „das Kerngeschäft Fußball mit einem nachhaltigen und profitablen Engagement [zu] unterstützen.“

Quo vadis, Hertha eSport?

Dass gutes Marketing alleine noch keine Spiele gewinnt (bitte auch Paul Keuter und Michael Preetz sagen), zeigt ein Blick auf die Tabelle der virtuellen Bundesliga. Hier steht Hertha, vertreten von EliasN97 und Leon „HBSC Blackarrow“ Aussieker abgeschlagen auf dem 19. von 22. Tabellenplätzen. Angesichts von Herthas Herangehensweise auf junge Talente zu setzen und diese zu Vollblutprofis auszubilden, ist eine verzögerte Erfolgsentwicklung sicherlich nachvollziehbar. Es stellt sich aber die grundsätzliche Frage, welches Ziel der Verein mit seinem eSports-Team verfolgt.

Foto: IMAGO

Im Moment hat der Verein nur die Fußballsimulation FIFA im Programm. Ob weitere Disziplinen folgen sollen, ist unklar. Trotz der erwähnten Millionenumsätze sind Sportsimulationen nicht unbedingt das Zugpferd des eSport. Hier dominieren Shooter, (Counterstrike, Overwatch) und MOBAs (League of Legends, DOTA II). Erstere sind für gestandene Sportvereine jedoch ein schwieriges Thema. Die Clubs haben kein Interesse daran mit Spielen assoziiert zu werden, die Gewalt explizit darstellen. Die virtuelle Terroristenjagd ist nicht unbedingt familientauglich. Ob eine Fußballsimulation-Abteilung, also wirklich einen wirtschaftlich signifikanten Beitrag zu den Finanzen eines Bundesligisten leisten kann, ist fraglich und wenn überhaupt nur über Sponsorendeals, wie im Fall Bayern Münchens, zu realisieren.

Zur Einordung: Der Sieger der virtuellen Bundesliga erhält in diesem Jahr neben dem Titel des deutschen Meisters ein Preisgeld von 45.000 €. Zum Vergleich: Hertha erzielte 2018, also vor dem Einstieg TENNORs einen Umsatz von ca. 150 Millionen €, wovon 4,1 Millionen als Gewinn verbucht werden konnten.

Alles nur PR?

Was will Hertha also erreichen? Die Investitionen in FIFA könnten sich in einer allgemeinen Bindung an den Verein niederschlagen. Hier muss allerdings festgestellt werden, dass FIFA-Zuschauer*innen wahrscheinlich eh fußballbegeistert sind. Ob eine gute Inszenierung, bei (aktuell noch) nicht existentem sportlichen Erfolg, Fans ihrem Stammverein abspenstig macht, wird sich zeigen. Grundsätzlich bietet eine eSport-Abteilung dennoch einen potenziellen Anlaufpunkt für junge Herthaner-to-be.

Wie das aussehen könnte, zeigt sich wieder am Beispiel Eligella. Fast tägliche Streams (nicht auf Facebook), aktive Instagram- und Twitter-Auftritte erzeugen Nähe und Bindung. Die Interaktion mit den Zuschauer*innen macht ihn viel nahbarer als manchen Akteur der Lizenzspielerabteilung. Dabei nimmt er kein Blatt vor dem Mund und tätigt manche Äußerungen, die sich ein Bundesligaspieler niemals trauen würden. Aber vielleicht ist es auch diese Eigenart, die ihm eine so treue Fanbase sichert.

Dass Hertha im Bereich der Fangewinnung auch das long-game spielt, zeigen auch Aktionen, wie Kids4Free, bei dem Kinder unter 14 Jahren Spiele der alten Dame umsonst besuchen dürfen.

Die Erfahrungen im FIFA-Bereich könnten auch dazu genutzt werden, um andere Disziplinen nach und nach zu besetzen. Gleichzeitig bietet jeder eSports-Titel natürlich auch einen Prestigegewinn.

Hertha ist mehr als nur Fußball

Was allerdings gerne vergessen wird, ist, dass Hertha mehr als nur eine Fußballabteilung ist. Neben dem schönen Spiel erprobt sich die alte Dame auch im Tischtennis, Kegeln und Boxen und neuerdings sogar Blindenfußball. In keinem dieser Bereiche allerdings mit jüngsten Erfolgen auf Bundesebene.

Bei allen strategischen Überlegungen muss man deshalb anerkennen, dass es sich bei den Hertha-eSport-Athleten um junge Menschen handelt, die es geschafft haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen, was grundsätzlich unterstützenswert ist. Hier ist das von Hertha verfolgte ganzheitliche Trainingskonzept, inklusive Social Media und Ernährungsberatung samt Mentaltraining erstmal als vorbildlich zu bewerten. Auch wenn sportlicher Erfolg in allen Bereichen sicher großartig ist, darf man dabei seine Spieler nicht als bloßes Mittel zum Zweck ansehen.

Unterm Strich steht daher die Liebe zum (virtuellen) Sport und das Engagement eines Traditionsclubs. Beides könnte dazu beitragen, dass eSport sowohl von Sportfunktionären*innen, als auch Poliker*innen endlich ernst genommen wird. Die Ignoranz, die diesem Thema teilweise entgegengebracht wird, zeugt von einem erschreckend mangelhaften Verständnis der Lebensrealität von Jugendlichen.

Dass sich das ganze Projekt auch für die Spieler lohnt, konnte man zuletzt auf Elias‘ Instagram Account sehen. Stolz präsentierte das Berliner Aushängeschild seinen nagelneuen Mercedes AMG. Angesichts dessen, dass auch er Teil der Hertha-Familie ist, sei es ihm absolut gegönnt.

[Titelbild: IMAGO]

Die Lust des Scheiterns

Die Lust des Scheiterns

Das Pokal-Aus in der ersten Runde ist absolut enttäuschend. Natürlich bedeutet das noch nicht den Untergang des Fußball-Abendlandes. Auch jene Forderungen nach personellen Konsequenzen – abgesehen von dringen notwendigen Transfers – kommt absolut verfrüht. Dennoch bietet das Pokalspiel am Freitag gegen Eintracht Braunschweig (4:5) eine wunderbare Gelegenheit einen Blick darauf zu werfen, warum wir den Fußball so lieben und warum wir trotz unzähligen Enttäuschungen unserer „Alten Dame“ nicht untreu werden können. Kurze Warnung: Es wird philosophisch.

Wer hat Fußball eigentlich zum König gekrönt?

Fußball ist ein Spiel, dem oft nachgesagt wird, dass wenig passiert. Tore sind im Vergleich zu Handball oder Eishockey eher selten. Schöne Spielzüge sind weniger von abschließendem Erfolg gekrönt als beim Football und neben Basketball wirkt die schönste Nebensache der Welt fast schon statisch. Trotzdem beherrscht „König Fußball“ die Welt. Gerade weil so wenig geschieht, gewinnt die einzelne Situation enorm an Bedeutung. Sie sticht heraus und geht nicht in der Gesamtheit des Spiels unter.

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Natürlich gibt es legendäre Begegnungen. 7:1 gegen Brasilien, 0:1 gegen die DDR oder das Wunder von Bern kann man hier aus deutscher Sicht aufzählen. Aber auch in unspektakulären und unwichtigen Spielen ereignet sich Großes. Erinnert ihr euch noch daran, als Marcelinho das Ding gegen Freiburg von der Mittellinie aus vollem Lauf reingemacht hat? Oder als Alex Alves gegen Köln das gleiche direkt nach dem Anstoß vollbracht hat? Die geteilten Erzählungen über legendäre Spiele und große Momente zementieren das kollektive Gedächtnis jedes Sports und damit auch des Fußballs.

Fußball scheint das Rezept hier perfektioniert zu haben. Einerseits gelingt gerade so wenig, dass einzelne Situationen und Aktionen im Gedächtnis blieben, andererseits sind es diese singulären Momente, die ein Spiel unvergesslich machen, aber eben auch für sich stehen können. Das lässt sich natürlich auch für andere Sportarten konstatieren, aber vielleicht ist es eben genau die exakte Mischung dieser Komponenten, die dieses Spiel zum weltweiten Erfolg verholfen hat.

Wir halten also fest: Fußball lebt vom Scheitern. Im Kontrast zum Nichterfolg gewinnt der Erfolg an Bedeutung. Gleichzeitig ist sichtbarer Erfolg relativ selten. Die Betonung liegt hier auf sichtbar. Erfolg des einen Teams ist gleichzeitig Nichterfolg des Anderen und umgekehrt. Eine kluge Raumdeckung und diszipliniertes Verschieben unterbindet Anspielstationen. Das ist allerdings nicht so spektakulär wie ein Tackle kurz vom Touchdown. Außerdem besteht eine direkte Beziehung zwischen den beiden Mannschaften. Man kann den Erfolg des Gegners unmittelbar beeinflussen und verhindern. Beim Darts etwa, geht das in diesem Maße nicht.

Die Welt ist riskant

Soweit so klassisch die Überlegungen zum „schönen Spiel“. Ich hatte euch ja am Anfang dieses Texts einen philosophischen Einschlag versprochen. Hier kommt er nun. Der belgische Philosoph Mark Coeckelbergh veröffentlichte 2013 ein Buch namens „Human Being @ Risk“. Darin stellte er die These auf, dass der Mensch, sobald er in Verbindung mit seiner Umwelt tritt – also im Prinzip ab dem Moment, in dem er beginnt zu existieren- Risiken ausgesetzt und daher verwundbar sei. Das Umgehen mit diesen Risiken und der Vulnerabilität bestimmt die menschliche Natur und seine Entwicklung. Das ist eine krasse Simplifizierung dieses Buches, in dem es natürlich nicht um Fußball geht, sondern um Transhumanismus und Human Enhancement. Beides sind eng mit einander verwandte Begriffe und kurz gesagt: es geht dabei um die künstliche Erweiterung des Potential des Menschen und seiner Fähigkeiten.

Coeckelbergh’s Ansatz ist dennoch aufschlussreich und im Rahmen des kleinen intellektuellen Gedankenspiels dieses Artikels wollen wir ihn uns zu Nutze machen. Denn laut Coeckelbergh versucht der Mensch zwar die Risiken, die ihn umgeben, zu minimieren, ist dabei aber nur bedingt erfolgreich. Anstatt die resultierende Verwundbarkeit zu eliminieren, transformiert er sie lediglich. Ein Beispiel: Ein Airbag im Auto hat klar das Ziel unsere Verwundbarkeit zu reduzieren. Doch mit der Existenz dieser Technologie entsteht plötzlich ein neues Risiko: nämlich, dass sie versagt. Gleichzeitig kann uns das Wissen um den Airbag dazu verleiten mehr Risiken einzugehen, da wir uns in trügerischer Sicherheit wägen. Man muss sich das Ganze wie eine Hydra vorstellen. Schlägt man einen Verwundbarkeits-Kopf ab, wachsen zwei neue nach.

Jetzt sind Airbags natürlich eine wunderbare Erfindung und haben eine Menge Leben gerettet. Sie minimieren also tatsächlich unsere Verwundbarkeit. Das ist auch im Einklang mit dem Ansatz von Coeckelbergh. Die Verwundbarkeit wird ja nur transformiert und nicht Eins-zu-Eins ersetzt. Was man dennoch im Hinterkopf behalten sollte ist, dass solange man als Mensch mit seiner Umwelt interagiert, man Risiken ausgesetzt, ergo verwundbar ist.

Fußball als Risikogeschäft

Kehren wir jetzt zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück: Fußball. Wir haben ja schon erfahren, dass Scheitern hier maßgeblich dazu gehört. Gleichzeitig steht viel auf dem Spiel: Abstieg, Meisterschaft oder einfach nur die Stimmung der Fans. Auch hier zeigt sich: durch unsere Wertschätzung gegenüber unserer Mannschaft gehen wir das Risiko der Verwundbarkeit ein. Würden wir uns nicht für Hertha interessieren, könnte Hertha uns auch nicht enttäuschen. Dinge zu wertschätzen bedeutet daher immer (!) sich verwundbar zu machen. Gleichzeitig müssen wir Dinge und Personen wertschätzen, da wir soziale Wesen und allein nicht überlebensfähig sind. Mit der Welt zu interagieren, bedeutet also auch mit Anderen zu interagieren. Das bedeutet Andere wertschätzen zu müssen, was schlussendlich Verwundbarkeit bedeutet. An diesem Beispiel kann man die Argumentation Coeckelberghs gut nachvollziehen.

Fußball ist ein Massenereignis und viel schöner, wenn man es zusammen, zum Beispiel im Stadion, mit Freunden oder beim Public Viewing erlebt. Wie schon erwähnt, machen wir uns durch unser Mitfiebern verwundbar und weil im Fußball eben so wenig gelingt, geschieht das in einem besonderen Maße. Beobachtet doch mal zum Spaß, wie sich eure Stimmung im Laufe eines einzelnen Spieltags verändert. Die Vorfreude, aber vielleicht auch das schlechte Gefühl in der Magengrube, dass was schiefgehen könnte. Dann die Hymne, das Gefühl mit allen Zuschauer*innen verbunden zu sein. Der Anpfiff. Die Enttäuschung über die erste leichtfertig vertane Großchance, die aber schnell vergessen ist, wenn der Ball endlich im Netz zappelt. Ich könnte noch ewig so weiterschreiben, aber ich denke, mein Punkt ist klar: Dadurch, dass Fußball uns wichtig ist, kann alles was um ihn herum passiert uns auch in einer emotionalen Weise verletzen. Wenn wir ihn spielen, kommt sogar noch das Potential der physischen Verletzung dazu.

Durch Fußball mit der eigenen Verwundbarkeit umgehen

Wenn es also das endlose Schicksal des Menschen ist, sich mit seiner eigenen Verwundbarkeit herumschlagen zu müssen, braucht es geeignete Transformationen. Coeckelbergh nennt Spiritualität, Religion, Technologie oder auch staatliche Organisation als Beispiele dieser Umwandlungen. Ich würde an dieser Stelle argumentieren, dass man auch den Sport in diese Liste aufnehmen kann.

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Im Wettkampf gibt es einen klar abgesteckten Rahmen, in dem man sich auf die gegenseitige Verwundbarkeit geeinigt hat. Regeln bestimmen, was erlaubt ist und was nicht. Gleichzeitig bieten soziale Skripte (prototypische Abläufe in bestimmten Situationen) Halt und Orientierung. Die eigene Verwundbarkeit wird also formalisiert und abstrahiert. In der Auseinandersetzung mit den existenziellen Risiken des Lebens haben wir uns so einen Raum geschaffen, in dem wir zwar noch verwundbar sind, aber natürlich in einer ganz anderen Art und Weise, als wir es zum Beispiel in einem Auto oder einer extrem gefährlichen Situation wären.

Fußball wird so zum Mittel um das ständige „Being-at-Risk“ zumindest für 90 Minuten zu transformieren und ertragbar zu machen. Selbst wenn der Verein für uns alles ist, wir unsere Tochter Hertha und unseren Sohn Hanne nennen: Die Qualität des Risikos einer Niederlage im Fußball ist niemals die Gleiche, wie die einen schweren Autounfall ohne Airbag zu erleben. Wir sehen hier also eine produktive Art und Weise Verwundbarkeit zu erfahren und mit ihr umzugehen.

Warum wir trotzdem gucken, obwohl es weh tut

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real

Mit diesen Zeilen aus dem Song „Hurt“ von Reznor, am ehesten bekannt durch das Cover von Johnny Cash, lässt sich die Erfahrung eines Spieltags aus Hertha-Sicht ziemlich treffend zusammenfassen. Zumindest in der letzten Spielzeit. Warum tun wir uns das also an? Warum werden wir nicht alle Bayern-Fans? Diese Frage lässt sich sicher aus der Perspektive vieler Vereine stellen. Warum wir Fans werden und auch bleiben, würden den Rahmen dieses Artikels endgültig sprengen. Dennoch lassen sich ein paar Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Gedanken ableiten.

Da wir uns unweigerlich mit unserer eigenen Verwundbarkeit auseinandersetzen müssen, suchen wir Kanäle, um das möglichst produktiv zu tun. Hier kommt der Sport ins Spiel. Fußball im speziellen, auch durch sein Dasein als globales Massenphänomen, bietet die Möglichkeit diese Verwundbarkeit im besonderen Maße auszutesten und eben auch mit extrem vielen Menschen zu teilen. Man könnte sich natürlich auch als Reitsport-Ultra versuchen, aber hier Mitstreiter*innen zu finden, ist im Vergleich zum Fußball eher schwer.

Dadurch, dass Fußball von so vielen Menschen geguckt, gespielt und geliebt wird, ist sein wahrgenommener Wert enorm groß. Dadurch steigt auch das Risiko der Verwundbarkeit. Was wir mehr wertschätzen, kann uns auch mehr wehtun.

Doch wenn sich am Samstag um 15:30 Uhr Millionen Menschen vor dem Fernseher und in den Stadien versammeln, steht zwar etwas extrem Wertvolles auf dem Spiel, aber dieser Wert ist sehr abstrakt. Wenn wir uns fragen, was uns unser eigenes Leben wert ist, haben viele eine konkrete Antwort, die auch mit dem Drang zur Selbsterhaltung zusammenhängt. Der große Wert des Fußballs hingegen ist biologisch nicht wirklich begründet. Wir würden auch weiterleben, wenn es ihn nicht gäbe. Selbst wenn es sehr schwer wäre.

Ihr seid hart, wir sind Hertha

Die Hertha bietet – und da ist sie nicht allein – die Möglichkeit ein sehr hohes Risiko einzugehen. Hertha Saisons sind immer Wundertüten. Erst spielt man um die Meisterschaft mit, nur um dann nächste Spielzeit direkt abzusteigen. Das ständige Auf und Ab ist vielleicht das, was es so schwer, aber eben auch so faszinierend macht Fan von einem Verein, wie Hertha zu sein.

Foto: IMAGO

Das Meme der erfolgsverwöhnten Bayern-Fans hingegen,  trägt leider ein gewisses Körnchen Wahrheit in sich. Doch wo Erwartungshaltung und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen wie in Charlottenburg, wo Erfolg und Misserfolg so nah beieinander liegen, wie zwischen zwei Spieltagen bei Hertha, da liegt eben auch das Risiko nicht nur maximal enttäuscht zu werden, sondern auch maximal erleichtert und glücklich.

Hertha nimmt die existenzielle Komponente des Fußballs und potenziert sie um ein Vielfaches. In Hertha we trust, and by Hertha we’re failed. Oder wie es die Marketing-Abteilung ausgedrückt hat: „We try. We fail. We win.”

Hertha-Fans müssen eine enorme Leidensfähigkeit mitbringen. Eine Eigenschaft für die sie, eventuell, irgendwann kathartisch belohnt werden. Das trifft natürlich auf viele Vereine gleichermaßen zu, doch die Vereinsbrille, sei mir in diesem Fall vergönnt – es ist ja immerhin ein Hertha-Blog.

Was bleibt?

Fußball bietet nicht nur die Möglichkeit Erfolg und Misserfolg hautnah und eng beieinander zu erfahren, sondern diese Erfahrung auch zu teilen. Im Sport und speziell im Fußball können wir unsere eigene Verwundbarkeit produktiv verarbeiten. Hertha treibt dieses Prinzip auf die Spitze, was Erfolge zwar seltener, aber eben auch wertvoller macht. Dadurch steigt aber eben auch das Potential der Verwundbarkeit.

Das hier formulierte Gedankenspiel ist keinesfalls als abschließende Analyse zu verstehen. Mir ist bewusst, dass man über viele Punkte trefflich streiten kann. Was ich versucht habe, ist zu zeigen, dass wir Fußball auch deshalb verfolgen, weil wir – obwohl es nur eine Nebensache ist – für 90 Minuten das Gefühl haben können, als hinge das Schicksal der Welt vom Ausgang dieses Spiels ab. Wir simulieren einen existenziellen Konflikt und können so mit der realen existenziellen Gefahr der Welt besser umgehen.

Risiko, Scheitern und Erfolg. Angst, Freude und Enttäuschung. Liebe, Hass und Verzweiflung. Das alles wird in diesem magischen Spiel unmittelbar greifbar. Vielleicht sogar mehr als in jedem anderen.

Wahrscheinlich werden wir nie wissen, warum gerade Fußball so erfolgreich ist. Wir waren ja nicht dabei, als er erfunden wurde. Was wir jedoch wissen, ist dass, obwohl sich das jüngste Ausscheiden aus dem DFB-Pokal anfühlt wie ein Schlag in die Magengrube, sich die Welt morgen auch noch dreht. Wenn zum Glück auch teilweise um den Fußball.

[Titelbild: IMAGO]

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Von der grauen Maus zum Big-City-Club. Mit diesem vollmundigen Versprechen wurde den Hertha-Fans ein Platz an der europäischen Sonne versprochen. Doch hat die alte Dame überhaupt das Potential dazu? Das und die Frage wo man als junger Millionär am besten lebt, klären wir in diesem Artikel.

Schaut man sich den europäischen Spitzenfußball an, fällt auf, dass die Hauptstädte der jeweiligen Länder fast ausnahmslos Spitzenclubs beherbergen. Frankreich hat PSG, Italien die Roma wie zuletzt auch Lazio und Spanien mit Atlético und Real sogar zwei äußerst hochklassige Teams. Der Spitzenreiter ist allerdings London. Von den 20 Mannschaften der Premier League sind sieben in der englischen Hauptstadt oder dem direkten Umland beheimatet. Davon sind drei – Chelsea, Arsenal und Tottenham – regelmäßig in Europa und Champions League zu finden. Einzig und allein Deutschland scheint die Ausnahme dieser Regel zu sein. Während Berliner Basketball, Volleyball, Eishockey und Handball durchaus erfolgreich ist, scheint der Fußball eher mittelmäßig zu sein.

Vorteile einer Hauptstadt

Zwar sind mit Union nun zwei Berliner Teams in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten, doch ob die Köpenicker in den nächsten Jahren Champions League spielen werden, ist erstmal zu bezweifeln. Man könnte nun darüber spekulieren, warum es Hertha bisher nicht geschafft hat den vermeintlichen Hauptstadtbonus für sich zu nutzen. Wiederholte Ab- und Aufstiege, Fankonkurrenz durch starke andere Sportarten, allgemeine Klubvielfalt in Berlin und die grundlegende finanzielle Struktur der Bundesliga könnten Gründe sein. Die viel interessantere Frage ist jedoch nicht, woran es bisher gelegen hat, sondern ob es sich ändern kann.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hauptstädte besitzen kein mystisches Energiefeld, welches jeden Fußball schneller, stärker und abschlusssicherer macht. Was sie meist ausmacht, ist erstens eine lange Geschichte und zweitens eine große Anzahl an Einwohnern. Beides nutzt dem Fußball. Gibt es einen Verein sehr lange, ist die Chance höher, dass er eine gute Infrastruktur aufbauen kann und viele Fans hat. Viele Einwohner bedeuten, dass auch allgemein mehr Menschen Fußball spielen, was einerseits mehr Fans und damit Geld bringt, aber andererseits auch mehr Talente hervorbringt, die dann ausgebildet werden können. Hertha zum Beispiel profitiert enorm von dem dichten Netz von fast 400 Vereinen in der Stadt, die viele Talente in Herthas Nachwuchsbereich spülen.

Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Gehälter, Beratergebühren und Ablösesummen sind exponentiell gestiegen. Gleichzeitig entdecken viele Spieler die Bedeutung einer guten Selbstvermarktung. Ob Rückennummer-Akronyme à la CR7 (oder alternativ AE9), Urlaub auf Mykonos, patentierte Jubel, Slogans wie „Unleash the wolf“ oder sympathische Tik-Tok Auftritte: Ein gutes Image bringt nicht nur Werbedeals, sondern erhöht auch das Interesse der Vereine. Diese definieren sich über ihre Spieler und wollen auch abseits des Platzes Geld mit ihnen, etwa durch Trikots, verdienen. 

Lieber Paris als Chemnitz

Nun tritt ein weniger offensichtlicher Punkt der Vereinswahl in den Vordergrund: der Flair und die Lebensqualität der Stadt. Sind die Spieler nicht gerade mit Training, Instagram oder Spielen beschäftigt, sind sie erst einmal oftmals Millionäre in ihren 20ern. Natürlich wollen die meisten von ihnen ihre Tage nicht in der Gartenlaube bei Bitburger 0,0% und 1,99€ Nackensteaks verbringen. Sie wollen ihr Geld ausgeben und, im Falle einer dahingehenden Selbstvermarktung, müssen sie das sogar tun. Nun kann man einen Porsche in jeder Stadt der Welt fahren. Doch ist ein Loft in Madrid, Paris oder Rom sicherlich schöner als eines in Rostock oder Hull. Es sollte einen also nicht wundern, wenn neben der Aussicht auf sportlichen Erfolg und finanziellen Anreizen auch die Lebensqualität einer Stadt eine Rolle bei Transfers spielt.

In einer 2019 veröffentlichten Studie kürte die Unternehmensberatung Mercer zum wiederholten Mal die Städte mit der höchsten Lebensqualität. Wien lag auf dem ersten Platz, gefolgt von Zürich. Die erste deutsche Stadt des Rankings war München: Platz 3. Die erste französische Stadt? Paris (Platz 39 – dahinter Lyon). Spanien: Barcelona (43) und Madrid (46). Rom liegt auf Platz 56, ist aber nur die zweite italienische Stadt. Mailand ist lebenswerter und liegt hinter Lyon auf Platz 41. Was auffällt ist, dass all diese Orte topklassige Fußballvereine aufweisen: PSG, Olympique, Barca, die schon erwähnten Atlético und Real, sowie den AS Rom und Inter und AC Mailand.

(Photo credit should read OLIVIER MORIN/AFP via Getty Images)

Das ist erstmal nur eine Korrelation und keine Kausalität. Zudem ist die jüngste Erfolgsgeschichte von PSG eher den Petrodollar aus Quatar zu verdanken, als dem Café au Lait am Champs-Élysées. Aber auch hier gilt: Es ist besser ein auf Lifestyle bedachter Millionär in Paris zu sein, als einer in Chemnitz. Wichtig ist hierbei festzuhalten, dass dieser Faktor, wenn überhaupt vor allem in den letzten Jahren bedeutsam wurde. Um die Vorzüge des Millonärdaseins genießen zu können, muss man erstmal Millionen verdienen.

An dieser Stelle kommt das Potential Berlins ins Spiel. In den letzten 30 Jahren nach dem Mauerfall, hat diese Stadt sich zu einem multikulturellen Sehnsuchtsort entwickelt. Im Ranking von Mercer liegt die deutsche Hauptstadt deshalb auf Platz 13 und damit vor Paris, Madrid, Rom oder Hamburg. Berlin ist also sexy, aber die Hertha war arm. Somit konnte der Hauptstadt-Flair-Bonus nur bedingt ausgespielt werden. Er reichte jedoch um Stars wie Marcelinho und Salomon Kalou an die Spree zu locken. Legendär sind die Partynächte des ersten und wenn man in der Vergangenheit Kalous Instagram-Stories verfolgte und er nicht gerade die DFL blamierte, dann sah man ihn hier oft im Kreis seiner Freunde und Familie, die sich allesamt sehr wohl zu fühlen schienen.  

Durch Tennor nicht mehr nur sexy

Schaut man sich andere Vereine in Deutschland an, dann ist Bayern München der erfolgreichste Klub. Dank guten Marketings, besondere Fürsorge durch die CSU, dem hervorragenden Verhandlungsgeschick bei Sponsoren-Deals mit Quatar Airways und natürlich auch dem durch die vorherigen Punkte begünstigten sportlichen Erfolg ist dieser Klub nicht nur reich, sondern auch in einer sexy Stadt (Platz 3) dahoam. Borussia Dortmund ist auch erfolgreich und finanziell stark aufgestellt. Das Problem liegt allerdings in Dortmund. Auch wenn das Ruhrgebiet mal Kulturhauptstadt war und Essen das ein oder andere Weltkulturerbe aufzuweisen hat, besticht dieser Teil Deutschlands nicht unbedingt durch seine Schönheit. Im Ranking von Mercer taucht keine Stadt des Ruhrgebiets auf, was ziemlich bemerkenswert ist, liegt Bagdad hier doch auf dem letzten (231.) Platz. Vielleicht wurden diese Städte aber auch gar nicht erst untersucht.

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Durch den Einstieg von Tennor wurde aus Hertha nun aber plötzlich ein reicher Klub in einer sexy Stadt. Das ist eine vielversprechende Mischung. Unterm Strich bedeutet das jetzt nämlich, dass Hertha nicht nur mit einem attraktiven Lebensort um Spieler werben kann, sondern auch mit einem spannenden, finanzstarken Fußballprojekt. Somit ist das unsägliche Meme des „Big-City-Clubs“ vielleicht doch nicht ganz so weit hergeholt. Windhorst ist ein Geschäftsmann, der vom Sport nach eigenen Aussagen wenig Ahnung hat. Auch wenn sich jetzt viele Vereine beschweren, an bereitwilligen Abnehmern für sein Geld hätte es ihm wohl nicht gemangelt. Er wird sich daher ganz genau überlegt haben, welcher Standort in Kombination mit welchem Verein das größte Renditepotential bietet.

Man sollte den Faktor der Lebensqualität jedoch nicht überbewerten. Die Attraktivität des Standortes kann auch in der Fußball- und Fankultur liegen. Anthony Modeste zog die Kölner-Fanliebe dem chinesischen Geld vor und die Faszination des FC Liverpool liegt bestimmt nicht in den blühenden Landschaften dieser Industriestadt.

Auf Hertha bezogen bleibt jedoch festzustellen, dass auch wenn das Flanieren auf dem Ku’Damm die Spieler nicht unbedingt schneller macht: ein Loft in Charlottenburg ist für viele junge Spieler doch schöner als ein Einfamilienhaus in Köpenick.

[Titelbild: IMAGO]

Neue Leader für die Hertha

Neue Leader für die Hertha

Nach den Abgängen von Routiniers wie Vedad Ibisevic und Per Skjelbred klafft eine Führungslücke im Kader von Hertha BSC. Welche Spieler könnten nun Verantwortung übernehmen und was macht einen Führungsspieler überhaupt aus? Eine Analyse.

Nach der fast schon vernichtenden 0:4-Testspiel-Niederlage gegen die PSV Eindhoven blieben vor allem ratlose Gesichter zurück. Schließlich sollte nach der turbulenten vorherigen Saison alles anders und endlich die europäischen Qualifikationsplätze anvisiert werden. Auch wenn Testspiele nicht auf die Goldwaage zu legen sind, identifizierte Trainer Bruno Labbadia schnell eine Baustelle im Mannschaftsgefüge: „Das Krasseste fand ich, wie ruhig wir von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz waren.“ Mangelnden Kommunikation als Grund der Niederlage oder zumindest ihrer Höhe sollte ein Grund zum Nachdenken sein, denn während man ein Spielsystem schnell umstellen kann, ist das Fehlen eines Kommunikationsklimas oder eines Leaders, der dieses herstellt, etwas, was wesentlich schwieriger zu etablieren ist.

Kraft, Skjelbred, Kalou und Ibisevic hinterlassen Lücke

Unter den zahlreichen Abgängen der letzten Saison befanden sich mit Per Skjelbred, Salomon Kalou, Vedad Ibisevic und Thomas Kraft vier verdiente Hertha-Spieler, die unfassbar wichtig für diesen psychologischen Aspekt des Spiels waren.

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Skjelbred hat sich auf dem Platz stets aufgerieben. Kalou war nicht nur auf dem Feld mit den entscheidenden Toren zur Stelle, sondern auch wenn es um seine Mitspieler ging. Legendär seine Rolex-Tor-Wette mit Duda, die der Slowake verdient für sich entscheiden konnte. Ex-Kapitän Ibisevic war, auch wenn er zuletzt immer häufiger von der Bank kam oder nicht durchspielte, ein wichtiger spielerischer und mentaler Faktor. Das ging so weit, dass er Hoffnungsträger wie Davie Selke oder Krzysztof Piatek ihrerseits auf die Bank verwies. „Vedad Ibisevic war ein Achsenspieler, der einfach führt“, so Labbadia, „und genauso war Per Skjelbred ein Anstecker.” Auch Thomas Kraft trug seinerseits zum Klassenerhalt der Hertha bei. Von Klinsmann noch den fehlenden Mehrwert bescheinigt, coachte er im Rückspiel gegen Düsseldorf seine Mannschaft fast im Alleingang zum glücklichen 3:3 Unentschieden.

Diese vier Hertha-Veteranen haben also definitiv eine Lücke im Mannschaftsgefüge hinterlassen. Das wird noch deutlicher wenn man bedenkt, dass mit Ibisevic der amtierende Kapitän die Mannschaft verlassen hat. Bruno Labbadia steht also vor der Herausforderung die Mannschaft sowohl auf als auch neben dem Platz neu zu strukturieren.

Was macht einen Leader aus?

Zahlreiche Namen für die Kapitänsnachfolge geistern bisweilen durch die Medien. Die Sache scheint nicht so klar, auch wenn man bedenkt, dass zahlreiche der kolportierten Kandidaten beim Spiel gegen Eindhoven auf dem Platz standen und dort nur bedingt überzeugen konnten. Doch was zeichnet einen erfolgreichen Leader überhaupt aus?

Das Alter kommt einem zunächst in den Sinn. Doch das Lebensalter ist nie eine kausale Variable, sondern stets als bloße Orientierungsgröße zu verstehen. In der Tat erscheint Erfahrung die wichtigere Eigenschaft zu sein. Klar hängen Alter und Spielerfahrung oft zusammen, doch auch jungen Spielern wie Joshua Kimmich, die aber bereits vergleichsweise viele Spiele absolviert haben, wird eine gewisse Führungsqualität attestiert. Vereinszugehörigkeit ist selbstverständlich auch ein wichtiger Gesichtspunkt, doch es scheint Spieler zu geben, die sich auf Anhieb eingewöhnen und Verantwortung übernehmen.

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Dedryck Boyata ist an dieser Stelle als aktuelles Beispiel zu nennen. Die schnelle Adaptation des Belgiers zeigt, dass auch die Persönlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Nicht jeder Spieler ist dafür geeignet eine Führungsrolle zu übernehmen. Umgekehrt gibt es einzelne Spieler, die sobald sie auf dem Platz stehen, sofort zu den aktivsten Kommunikatoren gehören. In einem jüngst von der „Zeit“ veröffentlichen Transkript des Spiels Dortmund-Bayern fiel – neben der beeindruckenden Trivialität der Kommandos – auf, dass ein Spieler, wie Mo Dahoud, der eigentlich schon auf dem Abstellgleis geparkt war, anstandslos zu den lautesten Spielern zählte.

Ein weitere wichtiger Faktor ist natürlich die Sprache auf dem Platz. Dabei ist es nicht unbedingt nötig, fehlerfrei Schiller rezitieren zu können, doch das Selbstbewusstsein eines Spielers und die Integration in die Mannschaft dürfte mit der Beherrschung der Sprache zusammenfallen. Das stellt insbesondere ausländische Transfers vor eine Herausforderung, wenn sie nicht, wie der bereits erwähnte Boyata Natural Born Leader oder des Englischen mächtig sind.

Was braucht die Mannschaft?

Bruno Labbadia muss seine Mannschaftsaufstellung also auch nach gruppenpsychologischen Gesichtspunkten gestalten. Dabei kann es zum Beispiel hilfreich sein Spieler aufzustellen, die schon lange zusammenspielen (Torunarigha/Maier/Mittelstädt), die gleiche Sprache sprechen (Redan/Zeefuik/Dilrosun/Rekik) oder sich um die Mannschaft verdient gemacht haben (Darida/Pekarik). Hinzukommt, dass die entsprechenden Spieler auch ein gewisses Maß an Leistung bringen müssen. Das betrifft im speziellen Niklas Stark. Der schon als Nachfolger von Ibisevic gehandelte Innenverteidiger hat eine Saison zum Vergessen hinter sich und seinen Stammplatz an Boyata und Torunarigha verloren. Vielleicht ist seine neue, ihm unter Labbadia zugedachte Position des tiefen Sechsers dazu geeignet, ihn zu alter Stärke und Präsenz zurückzuführen.

Eine unter professionellen Rugby-Spielern durchgeführte Studie konnte zeigen, dass ein Mannschaftskapitän ein vielfältiges Anforderungsprofil erfüllen muss (Cotterill & Cheetham, 2016). Neben seiner Rolle auf dem Platz muss er auch gewisse soziale Fähigkeiten mitbringen und als Schnittstelle zum Trainer und seinen Vorstellungen fungieren. Labbadia, der die Mannschaft erst seit kurzem trainiert und zudem in einer schwierigen Phase übernommen hat, tut also gut daran sich mit der Auswahl seines Kapitäns Zeit zu lassen bis er die Mannschaft vollkommen kennt.

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Dabei darf er aber nicht vergessen, dass eine Mannschaft ein komplexes Gefüge vieler Bedürfnisse ist. Eine andere Studie aus dem Jahr 2014 konnte zeigen, dass unter den circa 4.500 befragten Spielern und Coaches, der Kapitän einer Mannschaft nicht immer als Leader wahrgenommen wird (Fransen et al., 2014). Das hebt die Bedeutung der so wichtigen informellen Leader, gerne auch mal als „Kabinenspieler“ titulierten Akteure hervor. Lukas Podolski bei der WM 2014 ist hier sicher ein hervorragendes Beispiel. Ein weiteres Exemplar ist Thomas Müller, der nicht müde wurde bei der WM 2018 seine Mitspieler weiter anzutreiben, auch wenn man schon 0:2 gegen Südkorea zurücklag und das Ausscheiden so gut wie sicher war.

Besonders junge Spiele sind besonders pflegebedürftig und ruhen sich gerne mal auf ihren scheinbaren Erfolg aus. Will Hertha wirklich eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen, ist es umso wichtiger, dass es Spieler und Verantwortliche gibt, die einen guten Draht zu den Stars von Morgen haben und sie antreiben, ihr Potential auszuschöpfen. Hierbei ist eine unterstützende Haltung wesentlich besser geeignet als eine rüde und abweisende (Fransen et al., 2018). 

Geld allein reicht nicht

Will Hertha die hochgesteckten Ziele erreichen, reichen die Windhorst-Millionen alleine nicht aus. Sie müssen vielmehr in kluge und durchdachte Transfers investiert werden. Auf und neben dem Platz muss eine Mannschaft stehen, die die Vision des Vereins und des Trainers teilt und in der Lage ist, sich auch in schwierigen Zeiten selbst aus dem Sumpf zu ziehen. 

Dabei sind spezielle Stellen, wie die für Arne Friedrich (mittlerweile Sportdirektor) extra geschaffene Position des „Performance Managers“ sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Die wenigen Informationen über seine Arbeitsweise deutete daraufhin, dass die Bedürfnisse und Beziehungen der Spieler durchaus ernstgenommen wurden. Alles in allem ist es der Mannschaft und den vorrangig jungen Spielern zu wünschen, dass sie in einer unterstützenden und wachstumsorientierten Umgebung Fußball spielen können. Davon profitieren nicht nur die Spieler, sondern auch der Verein, der sein Image als sicherer Hafen für junge Talente weiter ausbauen kann. Hier baut Trainer Labbadia bereits vor, indem er immer wieder betont, eine “neue Achse” aufbauen zu müssen und dass dieser Prozess ein schwieriger wie langwieriger sei. Damit moderiert der Übungsleiter eine gesunde Erwartungshaltung und Geduld.

Die neue Spielzeit verspricht wegweisend für Hertha zu werden. Millionen wurden investiert, neue spannende Spieler und Trainer geholt und Erwartungen formuliert. Es ist nun an allen Beteiligten auf und neben dem Platz den Worten und dem Geld, Taten folgen zu lassen. Erfahrene und geachtete Spieler müssen das Heft in die Hand nehmen und anleiten. Es ist dabei am Trainerteam, die Stellschrauben so zu drehen, dass das möglichst ungehindert möglich ist. Ein wichtiger Schritt dabei ist der Etablierung einer offenen und konstruktiven Kommunikation. Die geschieht möglichst nicht über Facebook-Live und Sport Bild, sondern findet vorrangig dort statt, wo sie hingehört und wo die Spiele letztendlich auch entschieden werden: auf dem Platz.

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