Drei Thesen zu: Mainz 05 gegen Hertha

Drei Thesen zu: Mainz 05 gegen Hertha

Nach einem beeindruckenden 2:2 gegen Bayer 04 Leverkusen, dass nur durch einen klaren, aber nicht gegebenen Handelfmeter getrübt wurde, steht für Hertha BSC am Freitag die nächste Bewährungsprobe an. Gegen den Tabellensechsten Mainz 05 kann und sollte gepunktet werden. Drei Thesen zum Spiel.

These 1: Eingelöste Versprechen

Während Sommerzugang Chidera Ejuke im letzten Spiel seinen ersten Scorerpunkt sammelte, können Teamkollegen Wilfried Kanga und Ex-Mainzer Jean-Paul Boëtius noch nichts Zählbares vorweisen. An Talent und Einsatz mangelt es beiden sicher nicht. Auch die Formkurve zeigt eher nach oben, als nach unten. Der Konkurrenzdruck ist dieses Jahr bei Hertha aber durchaus hoch, sodass die beiden neuen Hoffnungsträger ordentlich ranklotzen müssen.

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(Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

Boëtius und Kanga, die nach den Ausfällen von Suat Serdar und Davie Selke gute Chancen auf einen Startelfeinsatz haben, werden dieses Spiel aber nicht ungenutzt lassen und ihrer ersten Tore beziehungsweise Vorlagen sammeln.

These 2: Hertha hat Flügelspieler! Wirklich!

Es klingt fast unglaublich, aber bei Hertha gibt es endlich wieder fähige Flügelspieler. Der schon erwähnte Chidera Ejuke spielt sich langsam warm, Marco Richter konnte seine überstandene Krebserkrankung mit gleich zwei Toren feiern und auch das ewige Sorgenkind Dodi Lukebakio schafft es immer konsistenter seine Leistungen abzurufen. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, äußerte sich der Belgier in einem jüngsten Sport BILD Interview selbstkritisch, aber auch positiv über die Zeit bei Hertha. Die Beziehung zu Trainer Sandro Schwarz sei gut, er spüre das Vertrauen. Ein 1A Defensivspieler wird aus Dodi sicher nicht mehr, trotzdem wird er uns auch am Freitag zusammen mit Ejuke Freude bereiten und vielleicht das ein oder andere Tor für Kanga auflegen.

These 3: Nochmal alles geben für die Länderspielpause

Für viele Spieler ist es das Größte, einmal ihr Land in einem Fußballspiel repräsentieren zu dürfen. Da ändern auch die hochgezogenen Augenbrauen mancher Fans, die sich oft fragen, ob es wirklich so klug war, dass der angeschlagene Spieler für ein Freundschaftsspiel einmal um die halbe Welt jettet, nichts. Das man sich bei Hertha durchaus ins Schaufenster spielen kann, bezeugen Marvin Plattenhardt und teilweise jetzt-Bremer Niklas Stark. Auch Javairo Dilrosun, inzwischen bei Feyenoord Rotterdam, spielte sich in seiner Debütsaison für Hertha einst schnell zu einer Nationalmannschaftsnominierung.

(Photo credit should read YURI CORTEZ/AFP via Getty Images)

Bei Herthas Torwart Oliver Christensen hat es bereits geklappt: Er wurde erneut in die dänische Nationalmannschaft berufen. Gut möglich, dass andere Spieler ermutigt werden, am Freitag nochmal eine Schippe drauf zu legen um sich für ihre Länderauswahl zu empfehlen. Wenn nicht bei Hertha, dann mit dem eigenen Land!

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Was Hertha jetzt braucht – Drei Thesen zur Präsidentschaftswahl

Was Hertha jetzt braucht – Drei Thesen zur Präsidentschaftswahl

Am Sonntag wählt Hertha BSC einen neuen Präsidenten. Es scheint auf einen Showdown zwischen zwei Kandidaten hinauszulaufen. Namen sind nicht bedeutend. Was zählt, ist der Inhalt und ob der neue Präsident Hertha das geben kann, was die in Jahre gekommene Dame braucht.

Zu allererst ein Disclaimer: Ich bin am Sonntag nicht stimmberechtigt. Trotzdem beobachte ich die Situation von Hertha seit Jahren und mit zunehmender Sorge.

Hertha steht erneut an einem Scheideweg. Werner Gegenbauers Rücktritt nach 14 Jahren an der Spitze des Vereins hat ein Machtvakuum hinterlassen, in das verschiedene Kräfte hineinzuströmen versuchen. Die Nerven liegen blank. Die Kandidaten rechtfertigen sich öffentlich oder schlagen gleich wild um sich. Solch ein Verhalten steht dem, was Hertha jetzt braucht, diametral gegenüber. Am Sonntag sollte es nicht um reine Namen und Geschichten, sondern um Inhalte gehen. Darum, welcher der Kandidaten Hertha befrieden und dem Verein helfen kann.

Hertha braucht … einen Plan

Durchwurschteln ist nicht mehr. Hertha muss planvoll und zukunftsorientiert agieren. Aktionismus muss gegen Strategie getauscht werden. Der neue Präsident muss eine klare Agenda vorlegen, die Mitglieder, Fans, Mitarbeiter:innen und Spieler berücksichtigt. Die nächste Präsidentschaftswahl ist bereits 2024. Bis dahin muss der Verein so ausgerichtet sein, dass finanzieller und sportlicher Erfolg nicht mehr von einzelnen Namen abhängig sind. Dazu muss ein solides Fundament gegossen und nachhaltig darauf gebaut werden. Das nunmehr versandete Projekt „Goldelse“ sollte das in der Profi-Abteilung leisten, hing aber leider zu sehr an der Personalie Carsten Schmidt. Ein neuer Präsident muss darauf hinwirken, dass der Verein sich eigenständig und aus innen heraus stabilisieren und tragen kann.

Ein „Weiter-so“ hat den Verein fast ruiniert. Hertha braucht einen planvollen Wandel.

Hertha braucht … Identifikation

Das Tischtuch zwischen Mannschaft und Fans, es ist gerade so notdürftig geflickt, dass es zum Klassenerhalt gereicht hat. Alle Bestandteile von Hertha müssen miteinander versöhnt werden. Grabenkämpfe, Klüngeleien und Ränkespielchen schaden dem Verein. Der neue Präsident muss das verkörpern, wofür Hertha steht. Er muss Herthaner durch und durch sein. Gleichzeitig muss er klar machen, dass Hertha mehr ist als ein Sportverein. Erfolgreiche Aktionen, wie „Spendet Becher, rettet Leben“, „1892 hilft“ oder „Aktion Hertha Kneipe“ spiegeln die blau-weiße Seele des Vereins wieder. Sie müssen kommunikativ in den Vordergrund gerückt werden. Nicht aus PR-Gründen, sondern um den engagierten Fans die Ehre teil werden zu lassen, die ihnen gebührt. Hertha ist kein Klub von Investors Gnaden, die Fans sind die Stars.

Hertha ist mehr als (Blinden)Fußball, Kegeln, Tischtennis, Boxen oder E-Sports. Hertha braucht jemanden, der das Wesen des Vereins verkörpert.

Hertha braucht … Erfahrung

Mühe allein genügt nicht. Leidenschaft ist das eine, Kompetenz ist das andere. Ein neues Stadion will gebaut werden. Der neue Präsident muss im Gewirr der Berliner Lokalpolitik Herthas Interessen vertreten. Hertha kann es sich nicht leisten wertvolle Zeit zu verlieren. Die Herausforderungen, denen sich der Verein gegenüber steht, müssen sofort angegangen werden. Klar ist aber auch, dass das nur im Team geht. Alle Gremien und Organe müssen an einem Strang ziehen. Ein neuer Präsident muss hier moderieren, darf sich aber nicht von externen Akteuren zu abhängig machen. Ein Auge muss dabei auf dem Geschäft, das andere auf den Mitgliedern und Fans ruhen. Wer eines der beiden nicht versteht, wird keinen Erfolg haben.

Hertha muss schnell geholfen werden. Hertha braucht einen erfahrenden Versöhner.

Eure Wahl

Allen Emotionen zum Trotz, eins sollte klar sein: Am Sonntag entscheiden weder Geld noch Vereinsgremien. Die Fans haben das sagen. Ich bin mir sicher, dass sie im Sinne des Vereins abstimmen werden.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]

Danke für Nichts (und Alles)! –  Briefe an die Väter

Danke für Nichts (und Alles)! – Briefe an die Väter

Das erste Mal ins Stadion mitgenommen zu werden, ist für viele der Beginn einer Fan-Beziehung mit Höhen und Tiefen. Die “Taufe” – oft geschlechtsklischeehaft vom Vater übernommen – führt insbesondere bei Hertha nicht unbedingt zu Ektase und Jubel, sondern zu Tränen, Wut und Leid. Unsere Autoren erinnern sich und fragen ihre Väter: “Wie konntest du mir das nur antun?!”

Briefe an die Väter

Johannes

Lieber Papa,

was hast du mir angetan? Was hast du deinem kleinen, unschuldigen und naiven, neunjährigen Sohn angetan, als er damals mit dir die Sportschau sah und diesem blonden und schreienden Torwart von den Bayern bei glanzvollen Paraden zugesehen hat? Oliver Kahn hieß der, oder? Und der kleine Junge wollte den Typen mal live sehen. In so einem Stadion, wo die immer Fußball spielen. Aber der spielte ja damals bei den Bayern und wir lebten in Berlin. Egal, unsere Stadt hat ja sicherlich auch einen Verein. Hertha hieß der oder? Komischer Name, aber eigentlich auch passend, schließlich sind in der Hauptstadt ja immer alle härter. Also fragte ich dich, fast schon beschämt, ob wir nicht einmal in solch ein Stadion gehen könnten, wusste ich doch, dass so ein Besuch sicherlich nicht billig werden würde.

Du sagtest mir zu, dass wir das demnächst sicherlich sehr gerne mal machen könnten. Die nächsten Wochen zogen ins Land und wir haben weiterhin gemeinsam Fußball geguckt und es war der Wahnsinn, wie du dafür gesorgt hattest, dass ich in diesen Bann dieses famosen Spiels gezogen wurde. In der Schule hatte ich damals mit meinen Freunden in den Pausen immer Fußball gespielt, ich wollte so sein wie der Brasilianer von Hertha, der mit den bunten Haaren, dieser Marcelinho, der war toll!!!

Und eines Tages bist du nach Hause gekommen und sagtest mir, du hättest eine Überraschung für mich… Mit großen Augen wartete ich gespannt auf das kleine Päckchen, was du mir überreichen wolltest. Ein Marcelinho-Trikot. Ein Marcelinho-Trikot von Hertha BSC. Dieses berühmte dunkelblau-weiß gestreifte Trikot. Es war fantastisch, bis heute ikonisch.

Direkt am nächsten Tag ging ich damit zur Schule und war der Star meiner Klasse. Man war das cool. In der Pause spielten wir dieses Mal “Weltmeister”. Jeder gegen jeden auf ein Tor. Und ich war gut, ich war richtig gut! Schließlich war ich Marcelinho und die anderen allerhöchstens Francesco Totti von Italien. Ich war hochgradig in diesen Verein verliebt. Ich war der Meinung, Hertha wäre das Nonplusultra im europäischen Fußball. Und du hast zusammen mit mir Tabellen studiert und mir Szenarien erklärt, wie es Hertha in die Champions League schaffen würde. Und dann war es endlich soweit. Du hast dein Versprechen eingelöst und wir sind zum Spiel Hertha BSC gegen den SV Werder Bremen ins Olympiastadion gegangen. Davor durfte ich mir sogar einen Schal aussuchen. Jenen Schal besitze ich selbstverständlich bis heute und wie es das ungeschriebene Gesetz so will, hab ich diesen natürlich bis heute nie gewaschen. Die paar Ketchup-Flecken gelten als schöne Erinnerungen an viele Fanjahre.

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(Photo credit should read TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Der erste Blick durch den Eingang ins Stadion, in der Ferne sieht man die ersten Fans und dann der Eintritt in eine andere Welt. Dieses laute Toben, die vielen zehntausenden Menschen, ich war wie neugeboren. Und so ging das über viele Jahre. Es wurde nie schlechter. Aber irgendwann distanziertest du dich vom Fußball. Irgendwie hast du mich allein gelassen, du sorgtest dafür, dass ich von nun an alleine leiden musste, du hast die Spiele höchstens noch vorm Fernseher verfolgt. Aber aus dem Neunjährigen war mittlerweile ein Vierzehnjähriger geworden und der hatte Freunde, mit denen er regelmäßig ins Stadion ging. Viele Jahre später – ich war schon weit über 20 – überredete ich dich nochmal mitzukommen. Dieses Mal waren die Rollen also vertauscht. Und es war wunderbar. Ein tolles Vater-Sohn-Erlebnis.

Doch Papa, ich frage dich ein weiteres Mal. Was hast du mir angetan? Hättest du damals dem neunjährigen Jungen einfach gesagt, dass ein Stadionbesuch aus welchem Grund auch immer aktuell nicht möglich ist, wäre es vielleicht nie zu meiner Verliebtheit gekommen und dem alljährlichen Leid. Ich würde nicht jedes Wochenende zittern, ich würde mich nicht unter der Woche leer, wütend oder unrealistisch hoffnungsvoll fühlen. Ich müsste nicht an die Grenzen des Verstands gehen und mir die Nachspielzeit einer hochdramatischen Relegation vorm Fernseher zitternd und mit Hanteln in der Hand zur psychischen Ablenkung, ansehen. Ich müsste mir nicht ständig irgendwelche Sprüche anhören, was denn Die Hertha schon wieder für einen Mist bauen würde. Ich müsste auf der Arbeit gegen die Unioner Kollegen nicht dreimal innerhalb einer Saison der Depp sein, dessen Team sich bis auf die Knochen blamiert. Ich müsste so vieles nicht. Doch nun ist es so und es ist eine Lebenseinstellung. Papa, was hast du mir angetan?

Dein Johannes

 

Niklas

Lieber Papi,

Wenn du gewusst hättest, was du anrichtest. Hättest du es dennoch getan? 30. September 2000. Du willst deinen Kinder (5 & 9) etwas Gutes tun und nimmst die ins damals noch nicht vollständig überdachte Olympiastadion mit. Es sollte sich lohnen, die zu diesem Zeitpunkt schon alte, aber quicklebendige Dame gewinnt 4:2 gegen Köln. Alex Alves verwandelt vom Mittelpunkt. Hertha schließt die Saison auf dem fünften Platz ab. Europa. Gute Vorzeichen für eine langjährige Beziehung.

Konntest du ahnen, was 22 Jahre später geschieht? Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Ich gehe nach längerer Pause wieder in Stadion, befasse mich intensiver mit Hertha als je zuvor, doch statt Europa und Traumtoren finde ich nur Schmerz und Verwüstung vor. Du kennst das. Bist schließlich seit fast 50 Jahren Hertha-Fan. In deinem ersten Spiel kickte noch Ete Beer im Blau-Weißen Dress. Du hast die Hertha-Frösche erlebt und eiskalte Spiele mit 8.000 Zuschauern. Hättest du es nicht besser wissen müssen? Ich bin mir sicher, du wolltest damals nur das Beste, doch wurdest du Teil der anti-mephistophelischen Fußball-Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Hertha hat mal wieder gegen den Abstieg gespielt. Emotionen machen zwar den Fußball aus, ich ertappe mich trotzdem dabei neidisch auf die Rot-Weiße Front zu schielen, an der die Valenz-Grenze klar verläuft. Du konntest nicht ahnen, was an diesem Tag im September geschieht. Meine Schwester hat es immerhin nicht so stark erwischt. Für mich war aber seit diesem Tag klar: In Berlin nur Hertha.

Geschah es im erzieherischen Interesse? Emotionsregulation und Belohnungsaufschub sind wichtige Fähigkeiten. Selten werden sie verlässlich eingeübt und auf die Probe gestellt, wie an den 34. Spieltagen der Hertha. „Die Leiden des jungen Niklas“ nach einer Idee seines Vaters.

Vielleicht verhält es sich ja ähnlich wie zur geliebt-gehassten Schullektüre. Frustriert über die Ausgüsse meist älterer weißer Herren, verwarf man das Lesen zwecks subjektiv sinnvollerer Beschäftigungen und beäugte neidisch die Bücher, die andere Klassen vorgesetzt bekamen. Erst Jahre später verstand man dankbar des Pudels Kern.

In diesem Sinne: danke für Nichts und danke für Alles. Lieber mit dir von den Rängen leiden, als im Wachkoma die 10. Meisterschaft in Folge performativ über sich ergehen lassen. Lieber alte Dame statt alter Liebe. Und lieber nicht nach Hause, als nach Köpenick.

Dein Niklas

P.S. Die Mutter wusste es auch nicht besser und bestärkt mich im Fan-Sein immer wieder.

 

Chris

Lieber Papa,

wie oft man es doch feststellen muss, auch als erwachsener Mensch, dass der Vater am Ende Recht behält … hätte ich bloß auf dich gehört. Dann würde mir der ganze Mist heute egal sein und ich hätte nicht all diese Tränen vergossen.

Dabei hattest du mich vorgewarnt. Nicht umsonst hast du Fußball gemieden, nicht umsonst war vor mir in der Familie kein Mensch auf die Idee gekommen, Fußballfan zu werden. „Alles Vollidioten im Fußball“, sagtest du damals. Außerdem sei es doch gefährlich, bei all diesen verrückten im Stadion. Das letzte was du wolltest, ist dein Sohn da mittendrin zu sehen.

Fast schon gezwungen habe ich dich, mich ins Olympiastadion zu bringen. Widerwillig hast du mich dorthin begleitet. Immerhin brachtest du mich zu richtigen Stadion: als Franzosen in Berlin hatten wir auch falsch abbiegen können, um aus Versehen bei Union zu landen. Doch schon im allerersten Spiel hätte ich es erkennen sollen: gegen den Fußballclub aus Gelsenkirchen gab es direkt eine Niederlage.

Doch dein Herz für dein Sohn war zu groß. Du sahst mich leiden und dachtest dir: zumindest einen Sieg möchte ich ihm schenken. Du nahmst mich also nochmal mit, dieses Mal gegen den Tabellenletzten aus Köln. „Typisch Hertha“ lernte ich an dem Tag, als gegen jede Erwartung Poldis Kölner unsere Hertha komplett auseinandernahmen.

Als es dann endlich soweit war, Auswärts in Frankfurt, Raffael aus spitzem Winkel die Führung erzielte und Marko Pantelic (Fußballgott!) den Sieg perfekt machte, war es schon zu spät. Ich war endgültig in diesem Wahn gefangen, zu tief um wieder herausgeholt zu werden. Für mich sollten noch viele Auswärtsfahrten und Heimspiele folgen, gemeinsam mit neuen Hertha-Freunden.

(Photo credit should read ARIS MESSINIS/AFP via Getty Images)

Du musstest weiterhin aus Liebe zu mir mitleiden. Wir sprachen über die „Flitzpiepen“ bei Hertha und wie sie mich Jahr für Jahr enttäuschten. Du hattest schon vor zehn Jahren gesagt: „Sie müssten eigentlich alle rauswerfen und wieder bei null anfangen!“. Und ich lachte nur und dachte mir, ich wisse es doch besser. Wie stolz und naiv man als Sohn sein kann.

Aber das verrückte an der ganzen Sache ist: ich bereue es nicht. Ich würde jedes Mal nochmal mit dir ins Olympiastadion gehen, diese Treppen hochlaufen und diese Emotionen verspüren. Hertha-Fan zu sein ist viel mehr als das, was auf dem Platz passiert. Eine Leidenschaft zu haben ist eine Bereicherung, egal wie schmerzhaft sie sein kann. Und ich bin mir sicher, dass ich mich in zehn Jahren immer noch mit dir gemeinsam über die „Flitzpiepen“ ärgern werde.
[Vermerk: „Flitzpiepen“ wurde hier als Ersatz für ein politisch nicht ganz korrektes französisches Schimpfwort benutzt, das aber ironisch/liebevoll und keineswegs beleidigend oder gar diskriminierend gemeint ist.]”

Dein Chris

 

Erinnerung an den Vater

 

Steven

Vor knapp 25 Jahren, am 8. November 1997, traf mein Vater eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Er nahm mich mit ins Olympiastadion. Hertha spielte gegen 1860 und gewann 2:0 nach zwei Standardtoren. Mein Vater sagte damals vor dem 2:0, welches zumindest in meiner Erinnerung nach einem Eckball entstand, dass Ecken immer gefährlich seien. Auch wenn ich aus heutiger Sicht massiv widersprechen würde, so sollte er zumindest an diesem Tag Recht behalten. Andreas Schmidt traf zum 2:0, die Fans tobten auf den damals noch im Olympiastadion verbauten Sitzbänken und ich war das erste Mal in meinem Leben verliebt.

Es hat einen Grund, warum Nick Hornbys Zitat, in welchem er die Entstehung der Liebe zu seinem Fußballverein beschreibt, fast schon inflationär genutzt wird, wenn es darum geht, eben jene Gefühle zu beschreiben.

Und wie auch Nick Hornby verschwendete ich keinen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit, die nun mein Leben begleiten sollten.

Mein Vater, das muss man ihm zugutehalten, hat so weit vermutlich gar nicht gedacht. Und auch das passt ja dann irgendwie zu diesem Verein, der fortan ein Teil von mir war.

Er wollte mit seinem Sohn zum Fußball gehen. Was man halt so macht, wenn der Sohn anfängt sich für Fußball zu interessieren und man als Vater, getrennt lebend von der Mutter, jedes zweite Wochenende den Jungen bei sich hat und irgendwas machen will, das klischeebedingt typisch Vater-Sohn ist. Und vermutlich auch die Mutter ein wenig provoziert. „Proletensport. Gefährlich. Die Asis in der U-Bahn.“ Ich liebte es, wenn die U-Bahn wippte, gesungen und gefeiert wurde.

Mein Vater, der eigentlich nicht so wirklich verbunden mit Hertha war, in den 90ern eher das magische Dreieck des VfBs bewunderte, nahm mich wohl auch deshalb mit, weil Hertha damals in die Bundesliga aufstieg. Mein Segen und Fluch. Für Hertha ging es steil bergauf. Champions League, ich sah Chelsea, Porto und Barcelona. Wobei – von Barcelona sah ich aus bekannten Gründen nicht viel. Sebastian Deisler war mein Held, mein erster Spielerflock war von ihm. Ein Glück hielt mein Vater mich davon ab, seine Trikots nach seinem feststehenden Abgang wegzuschmeißen. Meine Enttäuschung war grenzenlos.

Foto: Michael Cooper /Allsport

Dann die erste Dauerkarte mit ihm. Das war in der Saison 2002/03. Hertha hatte gerade Huub Stevens verpflichtet. Ich konnte ihn nicht leiden. Er war Schalker, das genügte damals. In Block P gab es zwei Dauerkarten zum Preis von einer, das war unser Glück. Mein Blick galt nicht nur dem Spielfeld, sondern immer intensiver auch dem Geschehen links von mir. Die Ostkurve faszinierte mich.

Meine Mutter, immer noch alles andere als ein Fan unseres damaligen Wochenend-Rituals, formulierte einen frommen Wunsch: „Bloß nicht in die Ostkurve“. Wie ein Hinweis auf einer Toilettentür: „Bemalen strengstens verboten!“. Wozu soll das bei einem renitenten Jungen führen? Natürlich in die Ostkurve! (Das Malen und Kritzeln habe ich mangels Talents übrigens meistens sein gelassen.)

Also ging ich mit 13 das erste Mal in die Kurve. Mein Vater war damals noch dabei. Irgendwann wollte ich mein eigenes Ding machen. Lernte eigene Leute kennen. Schrieb in den damals angesagten Fanforen im Internet unter Pseudonymen, die aus heutiger Sicht mindestens unangenehm sind, Analysen und Einschätzungen, welche wahrscheinlich ähnlich zur Fremdscham anregten, wie Kai Dittmanns Explosion beim Spiel der Hoffenheimer gegen den FC Bayern. Er stand auf für Dietmar Hopp, ich stand in der Ostkurve. Jetzt ohne meinen Vater, dafür mit Freunden und Leidensgefährten, die für einige Jahre meine Familie sein sollten. Mein Leben drehte sich um Hertha. Und bald auch um das Drumherum. Fahnen malen, Stellung beziehen. Während Hopps Hoffenheimer noch in der Regionalliga tingelten, begann bei mir ein Bewusstsein einzusetzen, sich für den Erhalt des Volkssports Fußball einzusetzen. Argumentativ damals vielleicht noch etwas unterkomplex, dafür mit voller Überzeugung. Fußball muss bezahlbar sein, Pro 15:30 und gegen den modernen Fußball. Mein Vater unterstützte mich. Zu diesem Zeitpunkt wohl weniger aus Zuneigung zu Hertha, sondern eher aus Zuneigung zu mir. Er zeigte mir, wie man Fahnen malt. Ohne Beamer und OH-Projektoren. Mit Rastermethode. Kästchen für Kästchen ein kleines Motiv vergrößern. Hätte ich nur einen Bruchteil meiner Energie und Leidenschaft für den Fußball in die Schule gesteckt, wäre mir wohl viel Ärger erspart geblieben.

Aber so funktionierte ich damals nicht. Ich wollte mehr. Das erste Auswärtsspiel. Heimlich in Rostock mit ein paar flüchtigen Bekannten. Regionalbahn. Es stapelte sich, war heiß. Ich hatte nicht mal eine Karte fürs Spiel. Ich sprach Kay Bernstein an. Den kannte ich. Das war der Typ, der damals mit Megaphon auf der Mauer stand und die Ostkurve anpeitschte. Eine Karte hatte er auch nicht, aber irgendwie regelte sich das. 5€ habe ich für den ermäßigten Stehplatz gezahlt. Vor dem Bahnhof warteten unglaublich viele Polizisten und ein paar Shuttle-Busse. Ich fuhr direkt im Ersten mit. Rostocker beschmissen den Bus mit Steinen, Scheiben gingen zu Bruch. Spätestens hier hätten vermutlich viele 15-Jährige gesagt, dass es das nicht sein muss. Ich wollte immer mehr, keine Ahnung warum. Meine Mutter erfuhr von alldem nichts. Mein Vater auch nicht immer alles. Dafür finanzierte er einen Teil der Fahrten. Es war mir wichtig, das genügte ihm. Auch wenn es dafür sorgte, dass wir immer seltener Zeit miteinander verbrachten.

Doch auch das sollte irgendwann vorbei sein. Sitzengeblieben, von der Schule geflogen und irgendwann in einem Alter, wo man mal klarkommen muss. Die Ausbildung als Hotelfachmann war so ziemlich das Letzte, was sich mit dem Fußball vereinbaren ließ. Vielleicht war das unterbewusst auch so gewollt. Der deutliche Bruch, weil ich alles andere nicht hinbekam. Meine Mutter war erstmal beruhigt. Ich zog es durch, auch wenn ich es teilweise hasste. Leidensfähigkeit hatte ich ja schon mit meinem Verein gelernt. Mein Vater wurde im gleichen Zeitraum schwer krank. Wenn es mein Dienstplan erlaubte, schaute ich fortan die Spiele nicht mehr im Stadion, sondern mit ihm vor dem Fernseher. Anfangs mit miserablen Streams in russischer Sprache auf meinem Röhrenmonitor. Aber da ich für alles, was mir wichtig ist, relativ schnell eine große Passion entwickeln kann, wurde irgendwann auch das Equipment besser. LigaTotal, Beamer und ein paar Kaltgetränke. Hertha war wieder unser Ding, so wie es früher war.

Einmal waren wir noch im Stadion. Luhukay war Trainer. Hertha spielte im kalten, halbleeren Olympiastadion gegen Nürnberg. 4. Minute. Eckball. Ronny auf Ramos, Kopfball, Tor. Logisch. Ecken sind ja gefährlich. Aber Hertha wäre natürlich nicht Hertha, wenn sie das Ding nicht noch in den Sand gesetzt hätten. 1:3 hieß es am Ende. Eine katastrophale Fehlentscheidung gegen Hertha und der Nürnberger Torhüter Raphael Schäfer, zu dem keiner meiner Gedanken abgedruckt werden sollte, komplettierten diesen verkorksten Abend. Meinem Vater war es körperlich zu viel. Es ging nicht mehr.

Wir schauten also die Spiele weiter zu Hause. Ich studierte mittlerweile und die Wochenenden waren wieder mein Highlight, wenn auch anders als früher. Irgendwann konnte er nicht mehr. Ich baute Fernseher und Rechner an seinem Krankenbett auf. Das letzte Spiel, welches wir gemeinsam sahen, war ein 1:4 von Hertha gegen Gladbach. Das war aber ebenso egal, wie die Tatsache, dass an diesem Tag nicht mal die Ecken gefährlich waren.

Seitdem gehe ich wieder häufiger ins Stadion, fahre ab und zu auswärts. Mein Sohn ist seit seiner Geburt Mitglied, wie auch mittlerweile viele meiner Freunde, die vor ein paar Jahren noch kaum was mit Hertha am Hut hatten. „Du bist schlimmer als die Zeugen Jehovas“ sagte letztens jemand, als ich wieder jemanden davon überzeugte, Mitglied bei Hertha zu werden. Wahrscheinlich wissen sie auch, dass es mich nur mit Hertha gibt. Mit allem, was dazugehört. Und bei all der Trauer, Freude, Frust, die damit verbunden sind, kann ich nur mit Dankbarkeit auf den 08. November 1997 zurückblicken. Hertha war unser Ding und es wird immer mein Ding bleiben.

Achja, meine Mutter? Die ist immer noch nicht so ganz begeistert …

Privat

 

[Titelbild: PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images]

 

Du kannst, denn du musst Hertha!

Du kannst, denn du musst Hertha!

Nach der peinlichen 1:4-Niederlage gegen Union Berlin sieht sich Hertha BSC am Rande des Abstiegs. Nur noch fünf Spiele bleiben, um auch nächste Saison in der Bundesliga spielen zu dürfen. Ein Weckruf.

Schon wieder Abstiegskampf. Auf die letzten Spiele nochmal alle Kräfte bündeln, sich hinter der blau-weißen Fahne gemeinsam versammeln. Die nächste Stufe in Sachen Support und Willen zünden. Nach den gemütlichen Jahren im grauen Mittelfeld ist man so eine Belastung als Fan weder gewöhnt, noch ist man gewillt, sie zum Dauerzustand verkommen zu lassen.

Bevor Fans aber resigniert die Trikots ablegen (lassen), gilt es dennoch, sich zusammenzuraufen und dem Verein(!) die so dringend benötigte Unterstützung zukommen zu lassen. Frei nach dem, Imanuel Kant zugeschriebenen Ausspruch: „Du kannst, denn du sollst.“ Nur soll Hertha nicht nur den Abstieg verhindern, Hertha muss ihn verhindern.

Der so formulierte Anspruch gründet sich nicht aus den sportlichen Ambitionen eines Investors, nicht aus den Eitelkeiten eines Präsidenten und schon gar nicht aus den Visionen eines Sportdirektors. Hertha muss die Klasse halten, weil die Fans und Mitglieder es verdient haben, dass sich jeder Verantwortlicher und jede Verantwortliche den Arsch aufreißt, um dieses Ziel zu erreichen. Ein Vorhaben, was in genau diesem Fall von Erfolg gekrönt sein wird.

Die Pflicht, die Klasse zu halten, besteht nicht um der Pflicht willen. Selbstverständlichkeiten existieren im Fußball nicht. Sie entspringt vielmehr aus dem Engagement all jener Fans, die trotz zwei Jahren Pandemie immer zum Verein standen, die Hertha-Kneipen Retter:innen sind, die seit Jahren für ein neues Stadion kämpfen, und die ihre Freizeit dafür aufbringen, bedürftigen Menschen auf den Straßen Berlins zu helfen. Sie dürfen nicht enttäuscht werden.

Absteigen tut man immer zusammen. Die Klasse halten auch. Die Fans müssen alles geben. Der restliche Verein und die vor allem die Mannschaft müssen nachziehen. Sie können es. Hertha BSC kann es.

[Titelbild: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Offenbarungseid gegen Mainz

Herthaner im Fokus: Offenbarungseid gegen Mainz

Nach zwei durchaus ermutigenden Spielen und vier Punkten, musste die Elf um Cheftrainer Tayfun Korkut zum FSV Mainz 05 anreisen. Hertha wurde von einer Mannschaft erwartet, die letzte Saison nach einem Trainerwechsel wie ein Phoenix aus der Asche aufgestiegen war. Dass solch eine Entwicklung nicht selbstverständlich ist, erfuhren die Berliner am eigenen Leib. Mit vier Gegentoren und null Punkten wurde man nach Hause geschickt und muss sich ein ums andere Mal die Frage stellen, welche Strategie die Vereinsführung eigentlich verfolgt.

Im Westen nichts neues

Es ist traurig, aber eigentlich war die Leistung, die die Mannschaft der alten Dame auf den Rasen brachte, wenig überraschend. Wenig Kreativität, Abstimmungsfehler und kaum Zug zum Tor. Hoffte man auf einen vitalisierenden Trainer-Effekt, man wurde in dieser Nacht eines Besseren belehrt. Tayfun Korkut nahm im Vergleich zum Spiel gegen Bielefeld nur eine Änderung vor und ersetzte Marco Richter durch Lucas Tousart.

Damit wurden Torgefahr, Tempo und Offensivdrang gegen defensive Kompaktheit und Balleroberungen getauscht – zumindest in der Theorie. Dass der Plan von Korkut überhaupt nicht aufging und es Hertha allgemein an Synergien mangelt, zeigt sich am besten, wenn man den Blick nicht nur auf einzelne Spieler, sondern auf Spielerpaare wirft.

Lucas Tousart und Santigao Ascacibar – Defensive gewinnt keine Spiele

Die Qualitäten von Tousart, als auch Ascacibar liegen beileibe nicht im Offensivspiel. Das rächt sich insbesondere dann, wenn beide im zentralen Mittelfeld nebeneinander agieren und keinen Spielmacher vor sich haben, dem sie die Bälle zutragen können. Der Spielertyp des Wasserträgers ist relativ nutzlos, wenn es niemanden gibt, der weiß, was man mit dem Wasser anzufangen ist.

Passend dazu agierten Suat Serdar und Vladimir Darida auf der linken beziehungsweise rechten Seite des Mittelfelds. Entsprechende Verlagerungen auf diese Seite scheiterten aber daran, dass die Qualität von Herthas Außenverteidiger kein Hinterlaufen der eigenen Teamkollegen erlaubt und so aus solchen Situationen selten vielversprechende Aktionen erwachsen können.

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(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Dazu kommt, dass Tousart extrem tief stand und die Ballverteilung fast immer über Ascacibar lief, der mit dieser Position gegen kompakt stehende Mainzer sichtlich überfordert war. Die Heatmap der Spielerbewegung offenbart außerdem, dass Ascacibar überall auf dem Spielfeld aushelfen musste, um Lücken in Herthas Verteidigung zu stopfen. Tousart brachte insgesamt nur 50 Prozent seiner Pässe, sein argentinischer Mitspieler immerhin 64 Prozent an den Mann. Mit diesen Spielen kann aus dem Mittelfeld keinerlei Torgefahr ausgehen.

Dedryck Boyata und Niklas Stark – Die Berliner Mauer (1991)

Die Innenverteidigung, gebildet von Kapitän und Stellvertreter, gehörte zu den meistbeschäftigsten Abteilung in jener Nacht. Gleichzeitig gab sie ein erschreckendes Bild ab.

Bei fast allen Gegentoren stimmte die Zuordnung zu den Gegenspielern nicht. Die so entstehenden Räume wurden von Mainz gnadenlos genutzt. In der 58. Minute ging Stark in bester Kreisligamanier in den Mainzer Karim Onisiwo rein, dass dieser sichtlich angeschlagen ausgewechselt werden musste.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Mit dieser Leistung haben sich weder Stark noch Boyata für weitere Einsätze empfohlen. Die Verantwortlichen bei Hertha werden sich die Leistung von Stark ganz genau angucken und ihre Schlüsse ziehen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus und mit Marc-Oliver Kempf soll schon ein potentieller Nachfolger in den Startlöchern stehen.

Ishak Belfodil und Stevan „Nicht-so-tief“ Jovetic

Angesichts der eklatanten Kreativitätsdefizite im zentralen Mittelfeld musste sich Top-Torschütze Stevan Jovetic ein ums andere Mal tief fallen lassen um am Spiel teilnehmen zu können. Wie das Überbrücken des nun leeren Zehnerraumes angesichts tief stehender Teamkollegen und Geschwindigkeitsdefizite von Sturmpartner Belfodil gelingen sollte, wusste auch Jovetic nicht zu beantworten. 56 Prozent Passquote sprechen eine deutliche Sprache.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Dazu kam, dass der Stürmer aus Montenegro in der 30. Minute gegen den sichtlich engagierteren, aber ebenso glücklosen Davie Selke verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste. Bringt Jovetic wenigstens noch das Potential für spielentscheidende Einzelleistungen mit, sieht das bei Selke ganz anders aus. Spätestens nach diesem Wechsel war klar, dass hier spielerisch nicht mehr viel zu erwarten war.

Insgesamt konnte Hertha lediglich einen traurigen Torschuss verzeichnen. Die fünft schlechteste Offensive der Liga kommt also nicht von ungefähr.

Vladimir Darida und Deyovaisio Zeefuik – Es reicht

Nominal eigentlich voreinander angeordnet kamen sich Darida und Zeefuik immer wieder in die Quere. Das lag vor Allem daran, dass der niederländische Rechtsverteidiger es nicht schaffte, seine Seite ordentlich zu verteidigen. Von zwölf abgefangenen Bällen konnte nur einer auf der rechten Seite erobert werden. Darida war gezwungen, ständig nach hinten zu arbeiten und konnte so noch weniger am Offensivspiel der Mannschaft teilnehmen.

(Photo by Thomas Eisenhuth/Getty Images)

Dass er nach Auswechslung von Zeefuik auch noch den Rechtsverteidiger geben musste, ist ein Offenbarungseid für Herthas unausgewogenen Kader. Es stellt sich die Frage, was ein Zeefuik dem Spiel eigentlich geben kann. Was sind seine Qualitäten, die rechtfertigen, ihn aufzustellen? Er kann weder mit Offensiv- noch Defensivaktionen glänzen, von seiner mangelnden Konstanz ganz zu schweigen. Hat sich Hertha auf der linken Abwehrseite schon die dringend benötige Unterstützung geholt, wartet auf rechts die nächste Herausforderung für die Transferverantwortlichen. 

Was kann dieser Kader?

In der 88. Minute spielte sich eine Situation ab, die symptomatisch für das ganze Spiel war: Nach einem schnellen Konter hatte Myziane Maolida 18 Meter vor dem Tor die Möglichkeit sowohl zu Selke, als auch Krzysztof Piatek querzulegen. Er entschied sich allerdings für die denkbar schlechteste Alternative und jagte den Ball vier Meter über das Tor.

Das Spiel in Mainz erinnerte an dunkle und leider auch jüngere Tage der Hertha. Es ist keine Verbesserung sichtbar, keine Entwicklung. Die Lichtblicke, die sich ab und zu mal zeigen, verblassen angesichts von Schlechtleistungen am darauffolgenden Spieltag wieder. Der Kader ist so unausgewogen und flach zusammengestellt, dass eine konstante Leistung im Grunde genommen unmöglich ist. Man kann sich nur der verzweifelten Hoffnung hingeben, dass Fredi Bobic einen langfristigen Plan verfolgt, der eine weitere schlechte Saison zum elementaren Bestandteil hat.

Friedrich Nitzsche hat einmal gesagt: „Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden Bach des Lebens.“ Der Mann war kein Hertha-Fan. 

[Titelbild: Alex Grimm/Getty Images]