Es ist soweit

Es ist soweit

Noch nie geriet die Herthaner Gefühlswelt in der Amtszeit von Pal Dardai so ins Wanken wie in den vergangenen Wochen. Noch nie waren die Zweifel an dem Ungar so groß, die Fragen so zahlreich, die Tristesse so bleiern – es folgt die Kolumne eines Redakteurs, der an einem für ihn neuen Punkt der “Ära Dardai” steht.

Für mich ist es zur Routine geworden, am Tag nach einem Hertha-Spiel auf den Blog von Marxelinho, einer Galionsfigur seines Faches, zu wandern und mir seine klugen und wohl formulierten Gedanken zu dem beobachteten Spiel durchzulesen. Nach dem vergangenen gegen Fortuna Düsseldorf konnte ich das nicht. Der Link zur PK nach dem Spiel und die Worte “Pal Dardai kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Dann bleibt eigentlich nur der, dass er sie betreut. Michael Hartmann sollte für die letzten sechs Spiele in dieser Saison diese Aufgabe übernehmen” waren sein ganzer Blog-Eintrag zu dem enttäuschenden 1:2. Ernüchterung, Frustration, Leere und weitere Adjektive beschreiben seine Gefühlswelt und die vieler weiterer Herthaner Anhänger.

Auch wenn ich es nicht so drastisch wie mein geschätzter Kollege formulieren würde, macht sich auch in mir eine Lustlosigkeit breit, die ich in dieser Form seit wohl fünf Jahren nicht mehr gespürt habe. Bereits nach der herben 0:5-Klatsche gegen RB Leipzig umgab mich eine massive Ratlosigkeit, die dazu führte, dass ich nicht wie gewohnt eine Einzelkritik zu diesem Spiel schrieb. Dieses Format betreibe ich nun schon seit vielen Jahren, fasziniert davon, in wie vielen Blickwinkeln man auf ein Spiel schauen kann und welche Nuancen bei jedem Akteur auf dem Feld zu erkennen sind, die den Unterschied machen können. Seit einigen Wochen geht es bei Hertha aber nicht mehr um Nuancen, sondern um grundsätzliche Aspekte. Einen Artikel zu schreiben, der mich einen halben halben Tag kosten und letztendlich keinem Leser Spaß bereiten würde, erschien mir sinnlos. Da hat niemand etwas von und glücklicherweise handelt es sich bei Hertha BASE weiterhin um einen Blog, auf dem nur Dinge passieren, wozu die Redaktion Lust hat.

Ich wollte diesen Text bereits am Sonntag anfangen zu schreiben, verbrachte den Tag aber lieber spontan mit Freunden im Treptower Park. Ein herrlicher Frühlingstag, der die ganze Schönheit Berlins offenbart und zur Aktivität eingeladen hat. Vier oder fünf Stunden verbrachte ich mit meinen Freunden – essend, spielend, lachend und nicht an Hertha denkend. Es tat gut, sich nicht mit seinem Verein zu befassen, regelrecht gedrückt habe ich mich davor und das kann sowohl als Fan als auch als Blogger kein gutes Zeichen sein.

Nein, Hertha nervt aktuell. Mehr als sonst.

Blau-weiße Tristesse

Bereits vor dem Spiel gegen Düsseldorf herrschte bei mir und meinem Umfeld große Ernüchterung. Das 0:5 in Leipzig stand wie ein großes hässliches Symbol stellvertretend für Herthas anhaltenden „Rückrunden-Fluch“, für das Gemüt erschwerend kam der geplatzte Stadionplan der Vereinsführung für das Olympiagelände hinzu. Auf einmal war Hertha nicht mehr der aufstrebende Verein, dem die Zukunft gehört, sondern dem zunächst einmal die Gegenwart gehörig um die Ohren fliegt.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Einmal mehr schafft es die Mannschaft nicht, eine Saison konstant gestalten. Einmal mehr bricht Hertha in der Rückrunde auseinander und lässt die Spielzeit mit einem mehr als faden Beigeschmack ausfasern. Hierbei geht es keinesfalls im Partien wie gegen Werder Bremen (1:1) oder Bayern München (0:1), die unglücklich ausgingen, in denen aber der Wille zu spüren war. Nein, erschreckend waren die Partien gegen den SC Freiburg (1:2), RB Leipzig (0:5) und Fortuna Düsseldorf (1:2). Auch der Sieg gegen Mainz 05 (2:1) fußte keinesfalls auf einer starken Vorstellung des Teams, sondern wurde von seinem Ausgang beschönigt.

Und so wabert die “alte Dame” einmal mehr irritierend motivationslos durch die Rückserie einer eigentlich vielversprechenden Spielzeit. Kein Feuer, kein Wille, kein Kampf, kein Aufbäumen, kein Stemmen gegen Hindernisse – das Ergebnis ist aktuell Platz elf, jenseits von gut und böse, das Niemandsland der Tabelle. Platz neun, also das formulierte Minimalziel (“einstelliger Tabellenplatz” beinhaltet nun einmal noch acht weitere Plätze) des Vereins ist mit sieben Punkten Abstand nicht mehr zu erreichen, Platz 14 mit neun Punkten Differenz ebenso wenig in Reichweite.

Dardais Krisenmanagement in der Krise

Ebenso irritierend wie die jüngsten Vorstellungen der Mannschaft ist das aktuelle öffentliche Auftreten von Pal Dardai. Der Berliner Trainer wirkt angeknockt, verrennt sich in Kleinkriege mit Medien oder Spielern und scheint die Wahrheit beinahe zu leugnen.

“Wenn ich die Statistik sehe, kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Zweikampfwerte, Ballbesitz, Torschüsse – das ist Hertha BSC”, sagte Dardai auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Zuvor beantwortete der Ungar im sky-Interview die Frage nach den Gründen für diese erneut miese Rückrunde mit “Das muss man den lieben Gott fragen”. Wer nach solch einem enttäuschenden Auftritt wie dem gegen Düsseldorf wirklich sagen kann, er habe ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen und dass es keine objektiven Gründe für das erneute Einbrechen der Mannschaft gibt, dem muss man eine gewisse Ratlosigkeit attestieren. Nein, Pal, das war kein gutes Spiel, nicht einmal ein mittelmäßiges. Und nein, Pal, da geht die Frage nicht an Gott, sondern an den Trainer selbst.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Aber laut dem Trainer gilt: “Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC.” Wenn vier Niederlagen infolge, elf Punkte aus den bisherigen Rückruckenspielen und damit das Verpassen des erklärten Saisonziels Hertha BSC sind, dann muss die Frage nach der Anspruchshaltung von Dardai gestellt werden. Realismus ist eine wichtige Eigenschaft im Fußballgeschäft, da er einen vor einem tiefen Fall bewahren kann, doch scheint der 43-Jährige momentan weniger realistisch, als vielmehr unverbesserlich zu sein.

Anstatt eine inhaltliche Debatte über die derzeitige sportliche Lage zu führen, reagiert Dardai bei leisester Kritik ungewöhnlich gereizt. Ohnehin sei das Umfeld daran Schuld, wenn die Mannschaft nun den Ansprüchen nicht gerecht werden würde. “Wir dürfen die Erwartungen nicht hochschrauben, das habt ihr gemacht“, sagte Dardai am Sonntag zu den Journalisten. Der europäische Wettbewerb: “Das war nie realistisch, das kommt von außen.” Wer das nicht einsehe, der lüge. “Das ist wahrscheinlich so genannter geplanter Mord”, griff Dardai sogar zu sehr martialischer Sprache, denn die Medien würden Hertha bewusst in den Himmel heben, um den Verein dann wieder grillen zu können. “Ab und zu habe ich das Gefühl, ihr lebt von der Schadenfreude. Das ist nicht gut. Wahrscheinlich war euch langweilig”, beendete Dardai seine Medienkritik – unsachlich, gereizt, fast schon verschwörerisch und dem ansonsten so konstruktiv argumentierenden Trainer überhaupt nicht ähnlich. So hat man Dardai noch nicht erlebt und das spricht zusätzlich dafür, in welch prekärer Lage er sich befindet.

Es wird nicht am gleichen Strang gezogen

Prekär deshalb, weil Dardai in seiner Argumentationslinie auch im Verein alleine zu sein scheint. Sowohl einzelne Spieler als auch Geschäftsführer Sport Michael Preetz üben deutlich mehr Kritik, sodass öffentlich keine Einheit zu erkennen ist.

“Ich habe die Schnauze voll davon. (…) Es gibt keine Ausreden. Es ist einfach irgendwas drin in der Mannschaft, dass sich Leute denken, es geht vielleicht um nichts mehr. Diese letzten paar Prozente, sich reinzubeißen, keine Ahnung, vielleicht will sich keiner verletzen. Wie gesagt, wir sind alle Angestellte des Vereins, wir sollen uns bis zur letzten Sekunde der Saison den Arsch aufreißen”, positionierte sich Valentino Lazaro im kicker deutlich und somit gänzlich anders als sein Trainer. Der Österreicher war einer der vielen Spieler, die vor und während der Saison öffentlich von ihrem Traum, mit Hertha den europäischen Wettbewerb zu erreichen, erzählten. Der Wunsch, großes in dieser Saison zu erreichen, wurde also von den Spielern in die Mannschaft hineingetragen, nicht von den Medien, wie Dardai es behauptet hatte.

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Während Dardai von einem “sehr guten” Spiel seiner Mannschaft gegen Fortuna Düsseldorf sprach, konstatierte Michael Preetz: “Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das zu wenig ist. Da ist jeder angesprochen – in erster Linie die, die auf dem Platz stehen” – deutliche Kritik also von Preetz, der nicht auf einer Linie mit seinem Trainer zu sein scheint. “Das ist nicht einfach so hinzunehmen, dass wir immer in der Rückrunde einbrechen”, betonte der 51-Jährige. “Es gibt da auch keinen logischen Zusammenhang. Es sind jetzt noch sechs Spiele, wo es genug Punkte gibt. Da will ich jetzt eine Reaktion sehen.” Es ist nicht das erste Mal in der laufenden Saison, dass die Vorstellungen von Dardai und Preetz auseinanderdriften. Immer wieder ließ sich erkennen, dass die beiden Vereinsverantwortlichen verschiedene Anspruchshaltungen und Visionen für die Zukunft haben, wobei Dardai meist auf die Bremse tritt und Preetz hoch hinaus will. Intern soll es auch gerne zu Reibungen kommen, ein Diskurs ist immer wichtig, doch nach außen sollte der Verein als Einheit auftreten und das ist aktuell sowohl im Verhältnis von Trainer zur Mannschaft wie auch zum Manager nicht der Fall. So wirkt es, als würde Dardai langsam die Souveränität entgleiten.

Die Gretchenfrage

Doch was heißt das alles nun? Ist Pal Dardai nicht mehr der richtige Trainer für Hertha BSC und dessen Zukunft? Hat er sich aufgebraucht?

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Die klare Antwort darauf: Ich weiß es nicht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie so große Zweifel daran hatte, wie jetzt. Schaut man stumpf auf Herthas Tabellenpositionierung der letzten Jahre (sechs, zehn, ?), wird sich der Hauptstadtverein im zweiten Jahr infolge verschlechtern. Das kann keinesfalls der Anspruch sein, nicht mit diesem ambitioniert zusammengestellten Kader. Man kann 0:5 in Leipzig verlieren, solch ein Katastrophenspiel passiert jeder Mannschaft (ich schiele leicht Richtung Dortmund), doch wichtig ist dann die Reaktion darauf und dann die Reaktion auf diese Reaktion. In beiden Fällen ist es wohl zum Wort-Case-Szenario gekommen. Die Mannschaft konnte sich gegen Düsseldorf nicht aufraffen und Dardai wütete daraufhin wie ein provozierte Bulle durch die Medien. Es könnte der Anfang vom Ende gewesen sein. Dardai wirkt ausgelaugt und es stellt sich die Frage, ob er sich aufgebracht hat, oder ob ein neuer Co-Trainer an seiner Seite und gewisse Neuverpflichtungen zum Ausgleich der personellen Unwucht (zu junger Kader, kein Mittelblau von 25-28-Jährigen, die Hertha als ihren Zenit ansehen) nicht den entscheidenden Unterschied machen können.

Da, wo der Verein jahrelang in ein Loch gefallen und nur mit größter Mühe wieder herausgekraxelt ist, hat Pal Dardai ein erstaunlich solides Fundament gebaut. Das wird bleiben, ob er jetzt geht oder in ein paar Jahren, es wird ihn womöglich zum Vater etwaiger kommender Erfolge machen. Doch Hertha BSC will nicht nur ein Fundament haben, sondern in die Höhe bauen, um ein Wolkenkratzer zu werden, welcher der Stadt Berlin gerecht wird. Es muss analysiert werden, ob Dardai noch der richtige Architekt für dieses Großbauprojekt ist oder nicht. Dabei darf nicht zu kurzfristig gedacht werden. “Stürzt man sich Hals über Kopf in attraktive Affären, kostet die Höhenflüge in vollen Zügen aus und nimmt nach dem anschließenden Kater wieder Abstand? Oder wünscht man sich eher eine langlebige Ehe, erträgt die unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen und geht gemeinsam auch durch schlechte Zeiten, so wie etwa der SC Freiburg mit Trainer Christian Streich?”, formulierte es Morgenpost-Redakteur Jörn Lange sehr passend. Ich habe die Antwort auf diese Frage nicht – wie auch? Ich verlange nur, dass Dardai keine Nibelungentreue genießt und kritisch hinterfragt wird, dass die Angst vor etwas neuem und ungewissen nicht lähmt. Kommen die Verantwortlichen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass der ewige Herthaner Dardai auch weiterhin die Zukunft der Mannschaft gestalten soll, dann trage ich diese Entscheidung mit, denn so viel Kredit hat man sich über die letzten Jahre definitiv erarbeitet.

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Hertha BSC erlebt derzeit turbulente Zeiten – nicht nur wegen den Querelen, ob und wo das neue Stadion hinkommen soll. Auch bei der sportlichen Leitung stehen Umbrüche an, denn Co-Trainer Widmayer wird gehen. Auch diese Herausforderung muss Michael Preetz bewältigen.

Bereits länger offiziell: Co-Trainer Rainer Widmayer wird Hertha BSC zum Saisonende verlassen und zu seinem Heimatverein VfB Stuttgart wechseln. Sicherlich ist der Abgang von Widmayer mit seinen Fähigkeiten im taktischen Bereich ein Verlust. Er kann jedoch auch eine Chance für die Berliner sein. Hier muss Manager Michael Preetz einen geeigneten Nachfolger finden, der dem Trainerteam und damit der Mannschaft neue Impulse gibt und so die Entwicklung vorantreibt. Doch kann Michael Preetz Co-Trainer aussuchen?

Die derzeitige sportliche Situation ist enttäuschend

Nach der 5:0 Klatsche gegen Leipzig herrscht bei Hertha BSC große Ernüchterung. Das (heimliche) Ziel Europa ist in fast unerreichbare Weite gerückt und auch der aktuelle Trend (nur ein Sieg aus den letzten fünf Spielen) enttäuscht. Das Saisonziel “einstelliger Tabellenplatz” ist nur noch mit viel Mühe und Anstrengung zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Berliner einstellig abschließen, liegt zusammengerechnet bei 13%.

Tabelle von Goalimpact

In Reaktion auf die desaströse Niederlage gegen Leipzig hat Manager Michael Preetz an der Mannschaft Kritik geübt, aber auch gegenüber Pal Dardai die Zügel angezogen. Gegenüber dem Kicker sagte er:

Den vom Coach gern geäußerten Verweis auf die Zukunft (“Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, kann etwas entstehen.”) kontert Preetz: “Im Moment ist die Mannschaft zusammen. Da darf gern jetzt mehr kommen.” 

Bereits in der Winterpause – in Reaktion auf eine desolate Leistung in Leverkusen (1:3) – hat Preetz Dardai angezählt und ein besseres Abschneiden in der Rückrunde als in den vergangenen Jahren gefordert:

Den Namen Pal Dardai nannte der Manager nicht. Aber der Trainer sollte sich ebenfalls angesprochen fühlen. Für Einstellung und Fokussierung zu sorgen, ist elementarer Teil des Trainer-Handwerks. Das Verletzungspech, das Hertha zweifellos geplagt hat, lässt Preetz nur zum Teil gelten. […] Dann nimmt Preetz sowohl den Trainer als auch die Mannschaft in die Pflicht: „Wir sollten auch mal den Beweis antreten, dass wir in der Lage sind, eine bessere Rückrunde als Hinrunde zu spielen.“ Hintergrund: Hertha hat unter Pal Dardai in allen drei ­Saisons auf eine gute Hin- eine ­schwächere Rückserie ­folgen lassen.

Nicht nur neuer Co- sonder auch neuer Cheftrainer?

Bislang konnte der Trainer und die Mannschaft in der Rückrunde nicht vollends überzeugen. Es ist auch mehr als fraglich, ob in den verbleibenden Spielen, in denen es für die Herthaner um nichts mehr geht, noch die große Trendwende geschafft wird. So ist überaus wahrscheinlich, dass Hertha BSC sportlich enttäuscht die Saison 2018/19 abschließen wird.

Der Super-GAU wäre jedoch, wenn die Mannschaft die verbleibenden sieben Spiele komplett abschenken würde. Sicherlich bieten sich die restlichen Partien dafür an, jungen Spielern Einsatzzeiten zu geben, aber darunter darf nicht der sportliche Erfolg leiden. Unter anderem geht es noch gegen Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Augsburg – Gegner bei denen Hertha BSC den Anspruch haben muss, zu gewinnen. Schafft es Dardai nicht, die Saison ordentlich und gesichtswahrend zu Ende zu bringen, könnte auch er – trotz Vertragsverlängerung im Dezember 2019 – in Frage gestellt werden.

In der Bundesliga kann immer alles passieren

Es gibt also die (aktuell sehr unwahrscheinliche) Möglichkeit, dass Michael Preetz am Ende der Saison nicht nur einen neuen Co-Trainer, sondern unter Umständen auch einen neuen Cheftrainer suchen muss. Das in der Bundesliga die komischsten Sachen passieren können, sieht man derzeit sehr gut bei Borussia Mönchengladbach, wo Dieter Hecking zum Saisonende gehen muss. Bevor aber voreilig ein Trainerwechsel auch bei Hertha BSC gefordert wird, sollte man sich anschauen, wie gut Michael Preetz überhaupt im Bereich “Trainerauswahl” ist.

Bislang hat Preetz neun Trainer eingestellt. Davon waren drei (Karsten Heine, Rainer Widmayer und René Tretschok) nur interimsweise eingesetzt. Sechs Cheftrainer hat Preetz bislang berufen und seine Erfolgsquote dabei kann durchaus als durchwachsen bezeichnet werden.

Funkel – unangefochten in den Abstieg

Nachdem Lucien Favre im September 2009 überraschend sich selbst entließ, holte Preetz Friedhelm Funkel, um die arg abstiegsgefährdeten Berliner zu retten. Funkel war insgesamt 270 Tage im Amt, hat die Berliner 33 Spielen (Liga und Europa League) betreut und dabei in der Bundesliga im Schnitt 0,94 Punkte pro Spiel geholt. Trotz sportlicher Talfahrt konnte Preetz sich nicht zu einem erneuten Trainerwechsel durchringen und hielt an Funkel fest. Konsequenz war dann der Abstieg als Tabellenletzter.

Funkel konnte den Abstieg nicht verhindern (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Babbel – sportlich erfolgreich, privat fraglich

Um einen Neustart in der 2. Bundesliga zu garantieren, wurde dann zur neuen Saison Markus Babbel geholt. Der damals noch junge Trainer war zuvor nur beim VfB Stuttgart als Co- und dann Cheftrainer tätig. Preetz ist mit dieser Personalie durchaus ins Risiko gegangen. Dies hatte sich jedoch gelohnt, da Babbel Aufbruchstimmung verbreitete und mit der Mannschaft den sofortigen Wiederaufstieg schaffte. Die Zusammenarbeit endete jedoch abrupt im Dezember 2011, kurz vor einer eigentlich schon sicheren Vertragsverlängerung. In Reaktion auf den Vorwurf der Lüge entließt Preetz den Trainer kurzerhand. Trotz eines wohl bewegten Privatlebens war Babbel mit den Berlinern sportlich durchaus erfolgreich. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung stand Hertha BSC als Aufsteiger auf einem soliden 11. Tabellenplatz mit vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. Insgesamt erzielte Babbel in seiner Amtszeit einen Punkteschnitt von 1,87.

Schaffte den direkten Wiederaufstieg: Markus Babbel (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Skibbe – kurz und schmerzvoll

Als Nachfolger von Babbel holte Preetz dann in der Winterpause “im Alleingang” Michael Skibbe. Preetz zahlte für Skibbe sogar eine Ablöse in Höhe von 250 000 Euro an den türkischen Klub Eskisehirspor. Der Gelsenkirchener konnte bis dahin eine solide Trainerkarriere ohne große Erfolge (Vize-Weltmeister 2002 als Co-Trainer und Türkischer Supercupsieger 2008 mit Galatasaray Istanbul) vorweisen. Als Vereinstrainer war er unter anderem bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt tätig, wurde dort jedoch jeweils entlassen.

Michael Skibbe war bereits nach sechs Woche nicht mehr Trainer bei Hertha BSC (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Die Zeit bei Hertha BSC endete für Michael Skibbe bereits im Februar nach nur fünf Spielen. In vier Liga- und einem Pokalspiel kassierten die Berliner unter Skibbe nur Niederlagen. Preetz hatte hier aus der Abstiegssaison 2009/10 und dem zu langem Festhalten an Friedhelm Funkel gelernt und im Winter 2012 umso früher die Reißleine gezogen. Doch obwohl Preetz schnell handelte, kam damals Kritik am Manager auf. Ihm wurde vorgeworfen, dass er weder “Kenntnis der Branche noch [eine] stringente Strategie” habe.

Rehhagel – betreutes Absteigen

Um die Saison zu retten und das Minimal Klassenerhalt zu erreichen, wurde Trainer-Legende Otto Rehhagel (damals 73 Jahre alt) reaktiviert. Zu diesem Zeitpunkt war “König Otto” bereits zwei Jahre im Ruhestand und hatte seit zwölf Jahren keine Vereinsmannschaft mehr trainiert. Von 2001 bis 2010 hatte er die griechische Nationalmannschaft trainiert und dabei im Jahr 2004 wohl eines der größten Fußballwunder vollbracht: den Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland.

War in Berlin kein König mehr: Otto Rehagel (Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/GettyImages)

Mit Hertha BSC gelang Rehhagel – unterstützt vom Co-Trainergespann René Tretschok und Ante Covic – jedoch kein erneutes Fußballwunder. Die Saison endete im größten Schockerlebnis der jüngeren Hertha-Geschichte: der Abstieg in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf. Rehhagel holte in 14 Spielen nur drei Siege, drei Unentschieden und kassierte 8 Niederlagen (Punkteschnitt 0,86).

Luhukay – sicher und einfach

Nach dem Abstieg brauchte Hertha BSC dann wieder einen neuen Trainer. Diesen fand Preetz in Person von Jos Luhukay. Der Niederländer hatte zuvor in Augsburg seinen Vertrag gekündigt. Mit Luhukay konnte Preetz die lang ersehnte Kontinuität auf der Trainerposition herstellen – insgesamt 949 Tage war er bei Hertha BSC im Traineramt. Jos Luhukay hatte zuvor bereits mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg den Aufstieg in Liga 1 geschafft. Dies gelang ihm auch in Berlin.

Vor Dardai war Jos Luhukay der Trainer mit der längsten Amtszeit unter Preetz (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Auch in seiner ersten Bundesligasaison konnte Luhukay überzeugen. Er führte die Berliner mit einfachen taktischen Mitteln und einem Punkteschnitt von 1,21 pro Spiel auf einen soliden 11. Tabellenplatz am Ende der Saison. In seiner dritten Saison mit Hertha ging es sportlich allerdings bergab. Luhukays erfolgreicher Ansatz war mittlerweile von den Ligakonkurrenten entschlüsselt. Er konnte der Mannschaft auch im Wintertrainingslager 2015 keine neuen Impulse mehr geben. Luhukay holte in dieser Saison nur noch 0,95 Punkte pro Spiel. Es wurde schließlich am 19. Spieltag von Preetz entlassen, als Hertha auf einen direkten Abstiegsplatz abgerutscht war und in den ersten beiden Rückrundenspielen keinerlei spielerische Entwicklung deutlich wurde.

Dardai – von der Interims- zur Dauerlösung

Als kurzfristigen Ersatz nahm Michael Preetz dann den damaligen U15-Nachwuchstrainer Pal Dardai in die Pflicht. Dardai sollte die verunsicherte Mannschaft übernehmen und stabilisieren. Die Wahl von Vereinslegende und Rekordspieler Dardai war für Preetz durchaus riskant. Der junge Trainer hatte noch nicht einmal sein Trainerdiplom, weswegen ihm der erfahrene Rainer Widmayer an die Seite gestellt wurde. Ebenso war der Ungar auch noch nebenbei als Nationaltrainer seines Heimatlandes beschäftigt. Doch Dardai lieferte ab und verhinderte hauchdünn den Abstieg. Insgesamt schaffte er es, den schlingernden Verein in der Bundesliga fest zu verankern und mit geringen finanziellen Mitteln eine junge Mannschaft mit vielen Talenten und Eigengewächsen zu formen. Dardai baute kontinuierlich den Kader um, indem er Spielern, die er nicht mehr brauchte, rigoros den Abschied nahe legte. Seit Amtsantritt kommt Dardai in der Liga auf einen Schnitt von 1,39 Punkte pro Spiel. Nach Helmut Kronsbein und Jürgen Röber ist Dardai der Trainer mit der drittlängsten Amtszeit.

Seit 2015 sagt Dardai bei Hertha BSC wo es lang geht (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Dardai war für Preetz ein Glücksfall, denn der Erfolg des Duos Dardai/Widmayer war nicht vorhersehbar. Mit dem Ungarn herrscht seit vier Jahren Kontinuität auf der Trainerposition. Dabei ist der Trainer Dardai nicht mehr der gleiche wie 2015. Er hat es immer wieder durch seine Lern- und Wandlungsfähigkeit geschafft, sich weiterzuentwickeln. Dadurch konnte er auch immer wieder dem Team neue Impulse geben. So spielt Hertha BSC seit dieser Saison öfters mit Dreierkette und zeigt sich taktisch variabler, als in den vergangenen Spielzeiten. Sollte Dardai irgendwann an das Ende seiner Entwicklung als Trainer gelangen und deswegen dem Team keine neuen Impulse mehr geben können, droht der Stillstand. Und Stillstand ist im umkämpften Geschäft der Bundesliga quasi mit Rückschritt und Misserfolg gleichzusetzen.

Die Trainerbilanz von Preetz ist ausbaufähig

Sollte Preetz zu der Einschätzung kommen, dass Dardai am Ende seiner Entwicklung ist oder die aktuelle Saison in einem Desaster enden oder Dardai von selbst das Traineramt aufgeben, dann müsste ein neues Trainergespann gefunden werden. Die Suche wäre vornehmlich die Aufgabe von Preetz. Der Manager hat in solchen Situationen bislang ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Dabei ist seine Erfolgsbilanz eher gemischt. Zwei Mal konnte Preetz mit seinen Trainerentscheidungen nicht den Abstieg verhindern. Dafür hat er den direkten Wiederaufstieg mit zwei klugen (und teilweise mutigen) Besetzungen gesichert.

Preetz musste – oder durfte – bislang noch nie einen Trainer verpflichten, der in der ersten Liga den nächsten Entwicklungsschritt in einer weitgehend gefestigten Mannschaft vollziehen soll. Bislang hat er nur in Krisensituationen Trainer verpflichtet oder wenn es um den Neustart in der zweiten Bundesliga ging.

Kein gutes Auge für Trainer? (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Bei den Trainer-Entscheidungen gab es immer wieder Kritik, dass es Preetz an “Kenntnis der Branche [und einer] stringenten Strategie” mangelt. Inwieweit dies 2019 immer noch zutrifft, ist fraglich. Allen Trainerentscheidungen ist jedoch gemein, dass sie nicht im Lichte einer von der sportlichen Führung vorgegebenen Ausrichtung oder Spielidee getragen wurden. Alle Trainer konnte ihre eigenen Vorstellungen einbringen und bekamen auch die jeweils gewünschten Spieler. Dies wurde insbesondere unter Babbel, Luhukay und Dardai deutlich.

Vor der (Co-)Trainerfrage sollten andere Fragen beantwortet werden

Bevor also die Fragen diskutiert werden, ob Pal Dardai noch der richtige Trainer ist und wer als Nachfolger von Co-Trainer Rainer Widmayer am besten geeignet wäre, müssten zunächst auf der strategischen Ebene einige Fragen diskutiert und beantwortet werden. Welche Art von Fußball will Hertha BSC spielen? Darf es pragmatisch sein oder soll das Team offensiv-mitreißend spielen? Was ist die Anspruchshaltung des Vereins? Möchte Berlin nur Ausbildungsverein und Sprungbrett für potentielle Nationalspieler sein oder zukünftig auch mal Leistungsträger langfristig halten?