„Wenn Corona vorbei ist…“

„Wenn Corona vorbei ist…“

Ein sehnsuchtsvoller Blick in die Zukunft – Worauf sich die Hertha-BASE-Redaktion freut, wenn die Pandemie endlich rum ist.

Alex Jung: Die Mannschaft zum Sieg brüllen

Mittlerweile ist es in meinem Freundeskreis zum running gag geworden. Wann immer neue Corona-Beschlüsse kommen, ist mein erster Kommentar: „Und wann machen die Stadien endlich wieder auf?“ So witzig es klingt und natürlich auch angesichts wesentlich wichtigerer Probleme, die es zuvorderst zu lösen gilt, scherzhaft gemeint ist, so sehr wohnt dieser Frage dennoch die nicht zu verleugnende Wahrheit inne, dass ich es wahnsinnig vermisse.

Nicht die Enttäuschung, mir mit allem drum und dran rund drei Stunden den Arsch in der Ostkurve abzufrieren, während Hertha mal wieder gegen so spannende Vereine wie Leipzig oder Hoffenheim fünf Buden eingeschenkt bekommt. Auch nicht die bemitleidenden bis spöttischen Blicke der Union-Fans, wenn ich in blau-weißer Montur den Walk of Shame nach Hause gen Treptow-Köpenick antrete. Nein, darauf kann ich getrost verzichten.

Was fehlt, ist vor allem die Möglichkeit, die Mannschaft, die es gerade so nötig hätte, zu unterstützen. Als Mitglied dieses, trotz aller (aus meiner Sicht) falschen Entwicklungen der letzten Jahre, so einzig- und großartigen Vereins, tut es mir im Herzen weh, meinem Klub in der schwersten Phase seit Jahren nicht im Stadion helfen zu können, sich aus der Bredouille zu befreien.

Foto: xFlorianxGaertner/photothek.netx

Natürlich sind wir alle keine Fußballprofis und können nur mutmaßen, welchen Einfluss der Support von den Rängen tatsächlich auf das Spielgeschehen hat. Aber wenn ich diese Illusion, dass meine Stimme einen (Teil-)Ausschlag über Sieg und Niederlage geben kann, nicht aufrechterhalten würde, dann könnte ich das Ganze auch gleich bleiben lassen. In meiner romantisch verklärten Vorstellung von Fußball sind Mannschaft und Fans immer noch gleichermaßen Teil eines Vereins. Und welche Kräfte freigesetzt werden, wenn beide an einem Strang ziehen, durfte man auch als Herthaner:in schon unzählige Male beobachten. Nie werde ich vergessen, wie 2010 nach dem ersten Abstieg, den ich mit damals 14 Jahren erleben musste, 48.000 Fans gegen den Fußballgiganten Rot-Weiß Oberhausen ins Olympiastadion strömten. Es war der Auftakt für eine Saison, die ich nie vergessen werde und die letzten Endes mit der Zweitligameisterschaft ihren krönenden Abschluss fand. 

Auch wenn eine Wiederholung derartiger emotionaler Stadionmomente aktuell noch fern ist, rettet mich die Gewissheit durch die Pandemie, mit meinen Freunden, wann immer das sein mag, beim ersten Spiel nach Corona im Block zu stehen und voller Inbrunst Hertha zum Sieg zu singen. Oder es zumindest zu versuchen.

Niklas Döbler: „Unzählige Kacars, Marcelinhos, Pantelics, Dardais, Plattenhardts (…) stehen beisammen“

13:30 Uhr Bundesplatz auf meinen Vater warten. Die ersten Fans sind schon da und steigen in die Ringbahn. Freue mich auf das Spiel gegen Bremen, hoffentlich spielt Jordan, den ich stolz auf meinem roten Sondertrikot aus der letzten, unseligen Corona-Saison trage. Vater kommt zeitgleich mit der S-Bahn an. Weiter zum Westkreuz und dann hoffentlich den Direktzug zum Olympiastadion erwischen. Wie immer tun mir die Fahrgäste, die einfach nur woanders hin wollen, ein bisschen leid, wenn zehntausende Schulle trinkende Hertha-Fans die Öffis belagern.

Je näher wir dem Stadion, desto mehr steigt die Vorfreude. Ob Selke heute gegen uns spielt? 12 Mio hat der Transfer eingebracht. Die wurden in gute neue Zugänge investiert. Die ersten Spiele der Saison hat man gewinnen können. Ich hab ein gutes Gefühl. Es könnte sich gelohnt haben extra für das Spiel nach Berlin gekommen zu sein.

Als wir Olypiastadion aussteigen, fällt mein Blick wie immer auf das Corbusierhaus. Muss echt geil sind in Laufdistanz zum Stadion zu wohnen. An den ersten Bier- und Würstchenständen vorbei. Die anderen Fans entsorgen ihre Bierflaschen in einem der zahlreichen Einkaufswagen. Die Polizeihundertschaft guckt böse. Zwischen der blau-weißen Menschenwelle blitzt manchmal ein grün-weißes Werdertrikot durch. Arcor, Homeday, bet-to-win, TEDI, O.tel.o, trigema und Continetale begleiten uns zum Stadion. Unzählige Kacars, Marcelinhos, Pantelics, Dardais, Plattenhardts, Okoronkwos, Raffaels und Gilbertos stehen beisammen, lachen, trinken oder verschwinden kurz zwischen den Bäumen. Die Stimmung ist gut. Hoffentlich hält sich das.

Foto: imago/Martin Hoffmann

Durch die Ticketkontrolle und von gelangweilten Securities abtasten lassen. Danach der traditionelle Rundgang ums Stadion. Egal wie leer oder wie leise. Für mich immer noch das schönste Deutschlands. Das Gewinnspiel vom RS2 Wagen schallt herüber, der Sky-Stand verspricht Sondertarife. Was folgt ist die Stadionwurst und der Bierbecher. Dann zum Platz. Unterrang auf der Höhe der Mittellinie. Top-Plätze. Wetter ist auch genial. Strahlend blauer Himmel und 20 Grad.

Inzwischen ist die Aufstellung draußen. Die Kicker-App verrät: Cunha, Piatek und Dilrosun in der Startelf, dazu Luca Netz, der inzwischen das begehrteste Talent Deutschlands ist. Arne Maier hat die Leihe auch gutgetan. 3 Vorlagen stehen ihm schon zu Gesicht. Auf dem Rasen scherzen sie beim Aufwärmen. Am Spielfeldrand gibt Arne ein Interview.

Der Anpfiff rückt näher, die Spannung steigt. Langsam beginnt das Stadion zu erwachen. Mit der Aufstellung und als die Hymne ertönt, erheben sich Zehntausende. Schals, die in die Luft gehalten werden. Frank Zander ist da. Alle singen mit. Egal ob alt, jung, Frau, Mann, Divers oder Mensch mit Behinderung; für die nächsten 90 Minuten sind alle gleich Hertha.

Ein letztes Mal holt das Stadion Luft. Egal wie das Spiel ausgeht. Danach bin ich mit den Jungs von Hertha BASE in der Kneipe verabredet. Ich bilde mir ein, Alex in der Ostkurve zu erspähen, doch bevor ich näher hingucken kann, wird zum Anstoß gepfiffen. Jubel. Jetzt: Pure Emotionen, 90 Minuten lang. Endlich wieder.

Ein bisschen Auswärtsfahrt fürs Ohr – unsere Playlist

Als Fan seines Vereins verbindet man besonders die heimische Spielstätte mit ganz besonderen Emotionen und Erinnerungen. Das Fanerlebnis machen jedoch erst die Auswärtsfahrten so richtig rund. Mit mehreren Langzeit- und tausenden Wochenendsfreunden vor und nach dem Anpfiff durch eine fremde Stadt zu laufen, als gehöre sie einem; Sich bereits auf der Hinfahrt in eine solch große Euphorie zu hieven, dass die anschließenden 90 Minuten beinahe nur noch Beiwerk sind.

Das letztendliche Ergebnis des Spiels, für welches man durch die Republik gereist ist, spielt oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um das Erlebnis als solches. Das stundenlange ziellose Herumschlendern durch das graue Hannover wird aufgrund des Gemeinschaftsgefühls bis zum Maximum romantisiert – und das ist auch gut so.

Wir von Hertha BASE wollen euch daher ein wenig in eben jene Gefühlswelt versetzen. Was als Schnapsidee anfing, endete in stundenlangen wie hitzigen Diskussionen und mündete in etwas wundervollem. Redaktion und Freunde haben gemeinsam eine Auswärtsfahrt-Playlist auf Spotify zusammengestellt. Jeder durfte nur drei Songs auswählen – eine eigentlich unmögliche Aufgabe, doch sie wurde gemeistert.

Wir wünschen euch viel Spaß mit Daniel Rimkus (ein Muss), Herbert Grönemeyer, Die Atzen, Vengaboys, Oasis uvm.! Auf dass sie euch emotional in den Fanzug nach Hamburg, in welchem etwas zu viel Alkohol ausgeschenkt wird und die Manieren mit jedem Schluck weniger werden, versetzen.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – FC Augsburg

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – FC Augsburg

Endlich – man will es herausschreien – endlich hat Hertha BSC wieder ein Spiel gewonnen! Der 2:1-Heimsieg über den FC Augsburg war der erste Dreier nach neun sieglosen Partien infolge und damit ein echter Befreiungsschlag. Besonders imponierend war dabei, dass sich die Mannschaft von dem frühen 0:1 erholt und zurückgekämpft hat. Eine starke Moralleistung und ein hochverdienter Sieg. Wir wollen dabei wie immer über ausgewählte Auftritte einzelner Herthaner sprechen.

Lucas Tousart – Aufopferungsvoll im Abstiegskampf

In den vergangenen Wochen unter Pal Dardai zeigten einige Spieler eine deutliche Leistungssteigerung. Besonders war dies bei Lucas Tousart zu spüren. Der Franzose zeigte sich Woche für Woche selbstbewusster, konnte seine Stärken deutlich besser auf dem Platz zeigen als noch zu Saisonbeginn. So blieb er auch durchgehend in der Startformation, während seine Mitspieler im zentralen Mittelfeld rotierten. Das Vertrauen seines Trainers zahlte er jetzt auch zurück. Gegen den FC Augsburg war er einer der besten Herthaner auf dem Platz.

Zusätzlich zu seiner gewohnten Laufstärke (11,69 Kilometer) erlaubte sich der 23-Jährige kaum Fehler und zeigte auch gute Spieleröffnungen: Sechs seiner neun langen Bälle kamen an. Zudem war er mit 23 gewonnenen Zweikämpfe der zweikampfstärkste Spieler auf dem Platz (72% Zweikampfquote). Dabei musste der Mittelfeldmann einige Fouls und harte Zweikämpfe einstecken. Kein Hertha-Spieler wurde öfter gefoult (vier Mal). Davon ließ er sich jedoch nicht beeindrucken und lief keinem Duell aus dem Weg. Der Franzose blieb ruhig und strahlte nicht nur defensiv große Sicherheit aus. Im Zusammenspiel mit Santiago Ascacibar (erste Halbzeit) und Matteo Guendouzi (zweite Halbzeit) übernahm Lucas Tousart wie gewohnt zunächst den defensiveren Part.

Foto: IMAGO

Doch vor allem in der zweiten Halbzeit zeigte er sich deutlich mutiger nach vorne, traute sich den einen oder anderen Vorstoß zu. Mit einem dieser Vorstöße krönte er seine gute Leistung wenige Minuten vor Spielende und war direkt am entscheidenden 2:1 beteiligt. Von Lukas Klünter sehenswert in Szene gesetzt, lief er sich in Richtung gegnerischen Strafraum frei, wo er schließlich von Mads Pedersen am Fuß getroffen wurde. Anders als sein Mitspieler Matheus Cunha in der Vorwoche machte es der Franzose deutlich cleverer und fiel. Es gab den Elfmeter für Hertha, den Dodi Lukebakio zum erlösenden 2:1 verwandeln konnte.

Auf seine Leistung gegen Augsburg kann Tousart aufbauen. So ist er für Hertha in der aktuellen Situation sehr wertvoll. Es scheint so, als würde er eine wichtige Stütze in der zentralen Achse unter Pal Dardai werden. Umso bitterer also, dass sich der Franzose bei der entscheidenden Aktion im Strafraum am Fußgelenk verletzte. Die Schwere der Verletzung ist bisher noch unklar.

Jhon Cordoba – auch ohne Treffer wertvoll

Schon im zweiten Spiel nach seiner Rückkehr stand er wieder in der Startelf. Jhon Cordoba, in den ersten Spielen unter Pal Dardai noch mit Muskelfaserriss ausgefallen, durfte neben Sturmpartner Krzysztof Piatek angreifen. Die erste Halbzeit verlief jedoch alles andere als optimal für den Kolumbianer. Zu oft ließ er sich auf den Seiten abdrängen, war zu selten in zentraler Position zu finden.

Dazu litt auch Cordobas Performance unter der schwächeren Mannschaftsleistung der „alten Dame“ in der ersten Halbzeit. Ein gutes Beispiel ist die Szene in der 12. Spielminute, wo der bullige Angreifer den Ball von Piatek im Strafraum bekam und diesen nicht zurück anspielte, sondern einen harten Schuss aus spitzem Winkel auf den gegnerischen Torwart abgab.
Cordoba hatte also bis zur Pause Schwierigkeiten. Zu ungestüm, zu überhastet war sein Spiel in manchen Situationen. Dazu stand er oft zwei Gegenspielern gegenüber und ließ sich zu oft nach Außen ziehen. Das sah auch Cheftrainer Pal Dardai: „Die Stürmer waren übermotiviert, sollten die Box aber nicht verlassen und auf die Flanken warten.“ Viel besser funktionierte es in der zweiten Halbzeit.

Foto: IMAGO

Die langen Bälle verarbeitete Cordoba besser, auch sein Passspiel wurde deutlich genauer. Direkt nach Wiederanpfiff war er es, der die bis dahin beste Chance für Hertha hatte. Sein Schuss wurde aber noch gut von Rafal Gikiewicz pariert. Mit insgesamt vier Schüssen war der Kolumbianer der Spieler, der sein Glück am häufigsten versuchte. Ein Treffer sollte ihm, im Gegensatz zu Piatek, nicht gelingen. Den Elfmeter kurz vor Schluss hätte er zwar gerne geschossen, Dodi Lukebakio schnappte sich jedoch die Kugel.

So bleibt Cordoba zunächst bei fünf Treffern in 14 Partien. Doch wer am Ende in blau und weiß jubelt, wird in Berlin jedem egal sein. Ob als Torschütze oder als Arbeiter in der Offensive: Jhon Cordoba tut seiner Mannschaft gut. Seine kämpferische Natur und sein Torhunger machen ihn zu einer echten Waffe im Abstiegskampf. Sollte sein Zusammenspiel mit Piatek sich weiter positiv entwickeln lebt die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende dieser katastrophalen Saison weiter. Mit dem „Krieger“, wie ihn Dardai nannte, wurde nun die erste Schlacht gewonnen. Auf das weitere Siege folgen.

Krzysztof Piatek – Der Erlöser

Und plötzlich passte es einfach mal: Seit dem Tor von Luca Netz gegen den VfB Stuttgart hatte Hertha auf einen eigenen Treffer gewartet, obwohl man zwischenzeitlich so oft so nah dran gewesen war. Krzysztof Piatek hatte sogar seit seinem Treffer gegen Eintracht Frankfurt vom 30. Januar auf seinen nächsten Streich warten müssen.

Foto: IMAGO

Doch in der 62. Minute gegen den FC Augsburg war es dann so weit. Vladimir Darida brachte den Ball vom rechten Strafraumeck in die Mitte, wo Piatek goldrichtig stand und zum 1:1 einköpfte. Der Pole agierte in diesem Moment einmal mehr im Stile eines wahren Torjägers. Vor der Hereingabe löste sich Piatek hervorragend von seinen Bewachern, positionierte sich perfekt für die Vorlage nickte diese dann technisch sauber ein. In diesem Moment wurde wieder offensichtlich, was man sich in Berlin von dem 24-Millionen-Transfer erhofft – Tore. In seinem nun 40 Pflichtspiel für die „alte Dame“ war es der elfte Treffer – sicherlich ist die Quote noch ausbaufähig, doch in den letzten Wochen ist klar erkennbar, dass Piatek daran arbeitet, noch öfter in Abschlusssituationen zu kommen, aber auch über Tore hinaus wichtig für die Mannschaft zu sein.

So auch gegen den FCA. Piatek, seit seiner Ankunft als zu braver und spielerisch blasser Spieler verschrien, hat sich am vergangenen Samstag wirklich aufgerieben. Mit zwölf gelaufenen Kilometern war der Mittelstürmer laufstärkster Herthaner – eine absolute Seltenheit, dass man das jemanden seines Spielertyps sieht. Neben drei Abschlüssen kommen zwei Tacklings, ein abgefangener Ball und ein Schlüsselpass hinzu. Kurzum: Piatek war so aktiv wie selten zuvor. Wie bereits angemerkt, war der Aufwand teilweise etwas verschwendet, weil Piatek sich nicht den gebrauchten Zonen aufhielt, der Wille bleibt unbestritten. Um es etwas plakativ zu beschreiben: Pal Dardai bekommt den Kampf in den zuvor zu zaghaften und nicht genug widerstandsfähigen Piatek.

Piatek präsentiert sich seit Wochen deutlich kämpferischer und präsenter als in den vielen Monaten zuvor. Dardai scheint den Mittelstürmer immer besser in Berlin ankommen zu lassen. Wenn der Pole wie gegen den FC Augsburg dann auch noch trifft, kann endlich vollends zufrieden mit ihm sein.

Lukas Klünter – Erst Pechvogel, dann Matchwinner

Pal Dardai könnten nach dem Augsburg-Spiel hellseherische Fähigkeiten unterstellt werden. Nachdem Lukas Klünter die 0:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg mit seinem Eigentor eingeleitet hatte und daran beinahe verzweifelt wäre, baute Dardai den Abwehrspieler danach öffentlich auf. „Eigentor? Na, und! Vielleicht ist er beim nächsten Mal der Matchwinner“, sagte der Ungar – und wie Recht er behalten sollte.

Dabei begann die Partie für Klünter erneut unglücklich. Erneut als Teil der Berliner Dreierkette eingesetzt, verschätzte sich der 24-Jährige beim 0:1-Gegentreffer. Er ließ Torschütze Laszlo Benes viel zu viel Platz, sodass dieser per Drehschuss die Augsburger in Führung brachte. Diesen Fehler machte Klünter im Laufe der Begegnung aber allemal gut. Defensiv präsentierte er sich im Anschluss, auch wenn wenig gefordert, souverän. Er hatte nicht allzu viel zu verteidigen, klärte aber zwei Situationen und verhinderte durch seine Schnelligkeit ein paar Augsburger Konter.

Foto: IMAGO

Viel auffälliger als seine Abwehraktionen war tatsächlich sein Spiel mit dem Ball – eine Disziplin, in der Klünter bislang eher selten bestacht. Klünter leitete beide Hertha-Tore des Tages durch herausragende Steilpässe ein. Beim 1:0 schickte er Darida zur rechten Strafraumseite, von welcher der Tscheche das 1:1-Ausgleichstor auflegte. Auch Lucas Tousart, der den spielentscheidenden Elfmeter herausholte, hatte vor einen starken Ball von Quarterback Klünter erhalten.

„Wenn er solche Bälle nach vorn spielt, ist das schön. Klünti ist ein Prototyp an Fleiß und Professionalität“, sagte Dardai nach dem Spiel. Es ist beeindruckend, wie sich Klünter aus der Vergessenheit herausgearbeitet und mittlerweile zu einem Leistungsträger des Teams gemausert hat. Das Spiel gegen Augsburg hat seinen Wert für die Mannschaft noch einmal dick unterstrichen.

Und dann war da noch …

Dodi Lukebakio: Ausgerechnet, will man sagen. Ausgerechnet der seit Monaten formschwache Lukebakio hat Hertha den ersten Sieg seit dem Schalke-Spiel beschert. Der Belgier ist in der 65. Minute eingewechselt worden und war sofort präsent. Durch ein paar Dribblings und gute Vertikalläufe kurbelte er das Offensivspiel seiner Mannschaft noch einmal an und hatte in der 83. Minute per Kopf die Chance, Hertha schon früher auf die Siegerstraße zu bringen. Das holte er dann in der 89. Minute mit dem verwandelten Elfmeter nach. In dieser Drucksituation anzutreten und zu treffen, nötigt Respekt ab.

Deyovaisio Zeefuik: Zuvor vier Spiele nicht im Kader, stand Zeefuik nun schon zum zweiten Mal infolge in der Startelf – und er rechtfertige seinen Einsatz auch. Der Rechtsverteidiger machte auf seiner Seite erheblichen Betrieb, war für seine Gegenspieler nur schwer aufzuhalten. Durch seine Tempovorstöße, Dribblings und das regelmäßige Auftauchen im Strafraum sorgte Zeefuik stets für Gefahr. Defensiv fehlte ihm teilweise etwas die Kompromisslosigkeit, dennoch war es ein guter Auftritt des Niederländers.

Matteo Guendouzi: Es geht doch. Nach zuletzt enttäuschenden Auftritten legte Goendouzi gegen Augsburg einen deutlich verbesserten Auftritt hin. Nach seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit war der Franzose sofort präsent und fügte sich durch sauberes Passspiel und gute Übersicht ein. Mit Guendouzi lief das Spiel sichtbar flüssiger, seine Spielintelligenz half der Mannschaft. Darüber hinaus zeigte sich der Mittelfeldspieler deutlich resoluter als zuletzt, er setzte zwei starke Tacklings und führte Zweikämpfe sichtlich körperlicher. In dieser Form ist Guendouzi eine Hilfe für das Team.

[Titelbild: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO]

Jahresrückblick: Teil 2 – Labbadia stabilisiert Hertha

Jahresrückblick: Teil 2 – Labbadia stabilisiert Hertha

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Im zweiten Teil des Rückblicks dreht sich alles um den Restart der Bundesliga und Herthas erste Monate unter Nouri-Nachfolger Bruno Labbadia.

Labbadia folgt auf Nouri

Es war der 9. April, als bei Hertha BSC einmal mehr eine Gezeitenwende in Form eines Trainerwechsels vorgenommen wurde. Nachdem Alexander Nouri den Stuhl von Jürgen Klinsmann übernommen hatte, gelang es der Interimslösung nicht ansatzweise, die wankende alte Dame zu stabilisieren. Nun sollte Bruno Labbadia eben jene Aufgabe übernehmen.

An einem Montag ist der 54-Jährige bei der Pressekonferenz in Berlin offiziell vorgestellt worden. Bis zunächst Sommer 2022 soll er die Profi-Mannschaft von Hertha BSC leiten. Eine große Überraschung war die Nachricht nicht völlig: der Name „Labbadia“ geisterte bereits bei der Entlassung von Ante Covic im vergangenen Winter, und sogar als die Amtszeit von Pal Dardai zu Ende war, durch die Medien. 

Labbadia kam zusammen mit seinem Staff bestehend aus Eddy Sözer, Günter Kern und Olaf Janßen in die Hauptstadt. Und das nicht erst im Sommer, sondern bereits in der Corona-bedingten Ruhephase der Saison, die Michael Preetz als „vorgezogene Sommerpause“ bezeichnete. Dass Interimstrainer Nouri nur noch die „Lame Duck“ war, war kein Geheimnis. Von der Klubführung wurde bereits deutlich gemacht, dass im Sommer ein anderer Fußballlehrer die Mannschaft leiten würde.

Hertha ist Labbadias „Wunschverein“

Zum Teil ließen sich auch aus Spielerinterviews Zeichen herauslesen, dass Nouri nicht mehr zu hundert Prozent bei der Sache war. Beispielsweise behauptete Maximilian Mittelstädt, sein Trainer hätte ihn während dessen Quarantäne nicht einmal kontaktiert. Jetzt herrscht wieder Klarheit und die Trennung mit Jürgen Klinsmanns Team ist endgültig vollzogen – bis auf Arne Friedrich ist kein Mitarbeiter mehr bei Hertha beschäftigt, der zusammen mit Klinsmann kam. Torwarttrainer Zsolt Petry, die Athletiktrainer Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben dem Hertha-Stab erhalten.

Labbadia bei seiner ersten Pressekonferenz bei Hertha: “Hertha war mein Wunschverein im Sommer, jetzt auch. Ich sehe in der Mannschaft und im Verein Potenzial. In meiner Situation ist mir wichtig, mit welchen Menschen ich arbeite. Ich muss nicht mehr alles machen. Die Gespräche mit Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer haben mir richtig gut gefallen. Auch die Menschen, die ich bisher hier getroffen habe.”

Foto: IMAGO

„Mein Team und ich freuen uns total auf diese Aufgabe“, sagte Labbadia, nachdem seine Verpflichtung offiziell wurde, und ergänzte: „Es liegt viel Arbeit vor uns“. Wohl wahr, denn schließlich übernahm das neue Trainerteam eine Mannschaft, die bereits zuvor drei verschiedene Trainer hatte, all das Chaos der Saison mit durchleben musste und in den letzten sechs Spielen nur einmal gewonnen hatte.

Labbadia übernahm zwar eine Mannschaft, die zu jenem Zeitpunkt auf dem 14. Tabellenrang stand und klar im Abstiegskampf steckte, doch Labbadia wollte es allen beweisen, dass er mehr kann, als nur zu retten. “Unser Spiel bedarf vieler Sprints und Tempoläufe. Wir werden in allen Bereichen arbeiten: Athletik, Organisation, Taktik. Das findet nicht nur auf dem Platz statt. Das wird sehr intensiv. Einige sagen, es ist zu intensiv. Aber das ist unser Spiel. Für mich ist es ein geiles Spiel. Ich habe Bock auf Fußball. Ich lasse mir die Freude am Fußball nicht mehr nehmen. Ich will das leben”, gab sich Labbadia bei seiner Antritts-PK hoch motiviert.

„Sala, bitte lösch das!“

Labbadia habe sich eigentlich vorgenommen, „nicht mehr in den Abstiegskampf einzusteigen“, berichtete der neue Hertha-Trainer. „Aber beide Seiten mussten handeln, dann habe ich es gemacht, weil ich jetzt wahrscheinlich mehr Zeit habe als im Sommer.“ Durch die Corona-bedingte Pause war es Labbadia und seinem Trainerteam möglich, ihre Ideen in einer Art Mini-Sommervorbereitung einstudieren zu lassen.

„Wir waren als einzige Mannschaft neben Eintracht Frankfurt 14 Tage in Quarantäne, die Mannschaft hatte zudem 14 Tage lang keinen Trainer. Das sind sehr ungewöhnliche Umstände. Aber es nützt ja nichts“, zeigte sich Labbadia damals pragmatisch. Wie alle anderen Bundesligisten musste auch Hertha unter besonderen Auflagen trainieren, zunächst konnten beispielsweise Übungen nur in Kleingruppen von bis zu acht Spielern absolviert werden – alles andere als normal, doch Labbadia wollte als dies nicht als Ausrede gelten lassen. Der Monat bis zum ersten Spiel sollte möglichst effizient und geräuschlos genutzt werden.

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Fünf Tage vor Labbadias Amtsantritt hatte der Verein nämlich den jüngsten der so vielen Skandale dieser Spielzeit aushalten müssen. Nachdem der Verein den Klinsmann-Skandal abmoderiert hat, herrscht – auch aufgrund der Corona-bedingten Spielpause – zunächst einmal Ruhe. Bei dem nächsten Eklat ist einmal mehr Facebook der Handlungsort: Salomon Kalou hatte mit einem Live-Stream für große Unruhe gesorgt.

Das 25-minütige Video zeigte den Ivorer in den Spielerräumlichkeiten des Vereinsgeländes, vielmehr aber inwieweit die auferlegten Hygienevorschriften ignoriert wurden. Es war für die gesamte Öffentlichkeit sichtbar, wie sich Hertha-Spieler -und Betreuer die Hand geben, keinen Mindestabstand halten und auch die Corona-Testungen mangelhaft durchgeführt werden – in einer Zeit, in der Fußballdeutschland noch über die DFL-Konzepte zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs diskutiert hatte. Dieser Livestream sorgte dafür, dass sogar ein Markus Söder den Namen Kalous in den Mund nahm – 2020 hat wirklich einiges zu bieten. Kalou wurde aufgrund des unbefugten Aufnehmens vom laufenden Betrieb auf dem Vereinsgelände und seinen Teamkollegen suspendiert.

Labbadia gelingt ein herausragender Einstand

Die Schlagzeilen sollten also wieder auf dem Platz geschrieben werden und dort hatte Labbadia genug zu tun. Die damaligen Baustellen der Mannschaft sind nach drei Trainern schier endlos. Die mentale Verfassung und die Hierarchie des Teams wurden durch die Geschehnisse der letzten Monate zerrissen. Klinsmann und Nouri hatten den Kader fußballerisch heruntergewirtschaftet, nicht einmal mehr die zwischenzeitlich erreichte defensive Stabilität war mehr gegeben. Defensiv wie offensiv brannte es lichterloh.

In den Wochen vor dem ersten Spiel des Restarts gegen die TSG Hoffenheim musste also an zahlreichen Stellschrauben gedreht werden. Hertha musste sich die Basics wieder draufschaffen und ein klares System etablieren, an dem sich die Spieler aufrichten können. Auch das Errichten einer Achse war dringend notwendig, da die Mannschaften in den Monaten zuvor zu oft durchgeschüttelt wurde und nicht mehr wusste, woran sie denn ist.

Um etwas vorzuspulen: Labbadia und seinem Trainerteam gelang all dies in beeindruckender Weise, wie sich gegen Hoffenheim herausstellte. Bei seinem Debüt als Hertha-Coach konnte Labbadia einen größtenteils souveränen 3:0-Sieg einfahren. In jenem Spiel setzte der 54-Jährige auf ein grundsolides 4-2-3-1-System mit zahlreichen erfahrenen Führungsspielern, die von seinen Vorgängern teilweise aussortiert waren, in der Startelf. Rune Jarstein stand, nachdem er kurzzeitig von Thomas Kraft verdrängt worden war, wieder im Tor. Marvin Plattenhardt und Peter Pekarik besetzten die defensiven Flügel, Per Skjelbred das Zentrum und Kapitän Vedad Ibisevic den Strafraum.

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All das sollte sich auszahlen, die vielen Führungskräfte verliehen Hertha eine nahezu ungewohnte Stabilität. Wie zu besten Dardai-Zeiten arbeitete das Team in Sinsheim aufopferungsvoll gegen den Ball und stand kompakt. Doch darüber hinaus war teilweise auffällig guter Fußball zu sehen, gepaart mit einer ungeheuren Effizienz. So war das Spiel gegen die TSG auch quasi die Geburtsstunde des Goalgetters Pekarik. Sein abgefälschter Schuss brachte die Berliner in Führung. Mit einem wahren Doppelschlag köpfte Ibisevic nach Flanke von Maxi Mittelstädt das 2:0 ein. Ein abermals herausragend aufgelegter Matheus Cunha sorgte mit einem starken Dribbling und ebenfalls gutem Abschluss dann für 3:0-Schlusspunkt. Ein rundum gelungener Auftakt in den Restart der Bundesliga.

Hertha verabschiedet sich vom Abstiegskampf

Der Auftakt war Labbadia und Hertha gelungen. Mit dem 3:0-Erfolg verabschiedete sich die „alte Dame“ auch, wie in Retrospektive klar wird, bereits vom Abstiegskampf. Acht Punkte betrug der Abstand nun auf Platz 16, viel anbrennen sollte hier nicht mehr. Vom Auftaktsieg beflügelt ging es für Hertha mit dem Stadtderby gegen den 1. FC Union Berlin weiter. Das Hinspiel hatten die Blau-Weißen enttäuschend mit 0:1 verloren, diese Niederlage war womöglich der Anfang vom Ende des Ante Covic. Es stand also Wiedergutmachung an.

Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Und die lieferte die Mannschaft – wenn auch vor leeren Rängen im Olympiastadion. Ibisevic und Cunha trafen jeweils im zweiten Spiel infolge, zusammen mit Dodi Lukebakio und Dedryck Boyata sorgten sie für einen furiosen 4:0-Derbysieg, der zu keinem Zeitpunkt sonderlich gefährdet schien. Defensive Stabilität wurde mit mutigem wie schnellen Offensivfußball kombiniert, dem Union an jenem 27. Spieltag nichts entgegenzusetzen hatte. Es schien, als sei Labbadia der erste Trainer, der das theoretische Potenzial der Mannschaft zu 100 Prozent auf den Rasen bringen könnte. Die Defensive steht, das Mittelfeld ackert, Cunha und Lukebakio zaubern und Ibisevic zeigt sich eiskalt. Ein Derby ganz im Zeichen von „Warum denn nicht immer so?“

Mit nun 34 Punkten nach 27 Spielen und damit zehn Zählern Abstand auf den Relegationsrang konnte Hertha befreit aufspielen. Und das taten die Hauptstädter auch. Die zwei Siege zum Restart-Auftakt sorgten für eine breite Brust, die Mini-Vorbereitung unter Labbadia hatte für eine gute Gesamtorganisation auf dem Feld gesorgt. Auf den Derbysieg folgte ein mehr als überzeugendes 2:2-Unentschieden gegen RB Leipzig, das auch hätte gewonnen werden können. Drei Punkte gab es jedoch danach beim 2:0 gegen den FC Augsburg. Hertha hatte sich in einen kleinen Rausch gespielt und zehn Punkte aus den letzten vier Spielen geholt – nur der FC Bayern war mit zwölf Punkten besser aus der Corona-Pause gekommen.

Ein leerer Tank und wenig Spielglück

Der Rausch sollte damit allerdings auch erst einmal wieder beendet sein. Nach vier Spielen ohne Niederlage musste sich Hertha gegen Borussia Dortmund knapp mit 0:1 geschlagen geben. Es war das erste Spiel, in dem klar wurde, dass der Mannschaft so langsam die Körner ausgingen. Von mangelndem Willen konnte keine Rede sein, doch das so intensive Spiel Labbadias forderte in den letzten Spielen der Saison, die es mit ein paar englischen Wochen nicht einfacher machte, seinen Tribut.

Hertha verlor auch die nächsten zwei Spiel gegen Eintracht Frankfurt (1:4) und den SC Freiburg (1:2), wobei letzteres einen weiteren Trend zeigte: Hertha ging das Spielglück abhanden. So hätten viele Szenen jener Spiele mit etwas Fortune auch für Hertha ausgehen und somit in Punktgewinnen enden können. So wurde z.B. das herausragende Tor Lukebakios gegen Freiburg aberkannt, weil vorher ein Foulspiel Daridas erkannt wurde – ob man das jedoch entscheiden musste, ist fraglich. So konnte keinesfalls gesagt werden, dass Hertha nach dem ersten Rausch schlechte Spiele machte, aber der immer leerer werdende Tank und das ausbleibende Spielglück ließen Punkt um Punkt verpassen.

(Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Dass die Mannschaft sich trotz unglücklicher Ergebnisse nicht hängen ließ, wurde zumindest mit dem 2:0-Sieg am 33. Spieltag gegen Bayer Leverkusen belohnt. Mit dem überzeugenden Heimerfolg durchbrach Hertha zudem die 40-Punkte-Marke – 41 Zähler und Platz zehn waren sicherlich nicht das, was man sich in Berlin vor der Saison als Ziel gesteckt hatte, unter den Gesamtumständen einer verrückten Saison allerdings wohl noch das Bestmögliche. Die Spielzeit endete mit 1:2-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach, die allerdings auch durch die großen personellen Probleme der Blau-Weißen bedingt war.

Fazit nach Restart

Ein Jahresrückblick hat an sich, dass man mit einem breiteten Horizont auf die Geschehnisse eines Jahres blicken kann, da man schließlich weiß, wie es weiterging. So ist das Fazit der ersten Wochen bzw. Monate unter Bruno Labbadia nach der Saison 2019/20 sicherlich positiver ausgefallen als es das mit heutigem Wissen über den bisherigen Verlauf der neuen Spielzeit tun würde.

Podcast #111 Saisonrückblick 19/20

So schien die Arbeit nach dem Bundesliga-Restart ein verheißungsvoller Anfang der Labbadia-Amtszeit zu sein. Er und sein Trainerteam haben Hertha BSC nicht nur stabilisiert, sondern in gewissen Aspekten beeindruckend schnell weiterentwickelt. Doch der Fußball, den man im Mai gegen Hoffenheim, Union oder Leipzig gesehen hat, hat sich in 20/21 noch sehr selten gezeigt.

Das liegt auch recht wahrscheinlich daran, dass Labbadia mit Spielern wie Skjelbred oder Ibisevic eine echte Achse etablieren konnte, die durch den Umbruch im vergangenen Sommer nahezu vollständig weggebrochen ist. So schien die Mannschaft zum Amtsantritt Labadias weiter als sieben Monate später. In kürzester Zeit hat Labbadia es geschafft, das Team auf Kurs zu bringen und seine Spielidee erfolgreich umzusetzen. Hertha spielte nach dem Restart nicht nur soliden, sondern streckenweise wirklich ansehnlichen Fußball, ohne jemals die Grundtugenden zu vergessen. Darüber hinaus stellte Labbadia unter Beweis, nicht nur mit erfahrenen Spielern arbeiten, sondern dahinter auch Eigengewächse heranführen zu können. So feierten Jessic Ngankam und Lazar Samardzic vergangene Saison ihr Bundesliga-Debüt. Spieler wie Marton Dardai, Omar Rekik oder Luca Netz wurden zudem fester Bestandteil des Profi-Trainings und fanden einige Mal den Weg in den Spieltagskader.

Über Labbadias Arbeit von dessen Amtsantritt am 9. April bis zu Saisonende 2020 können also eigentlich nur positive Wort verloren werden. Nur in Hinblick auf den weiteren Verlauf des Kalenderjahres, welches mit Platz 14 beendet wurde, verliert seine Anfangszeit bei Hertha etwas an Wert. Doch all das wird in Teil drei und vier des Jahresrückblicks unter die Lupe genommen.

[Titelbild: THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images]

Vorschau: Herthas theoretische Chance auf den Auswärtssieg in München

Vorschau: Herthas theoretische Chance auf den Auswärtssieg in München

Am Sonntagabend reist Hertha BSC nach München in die Allianz Arena, um dem FC Bayern weitere Punkte im Kampf um die neunte Meisterschaft in Folge zu klauen. Wir gehen unseren Vorbericht zu diesem Spiel mal anders an und überlassen Justin Kraft, Autor beim FC-Bayern-Blog Miasanrot.de, die Bühne. Er analysiert, wie der alten Dame ein Auswärtssieg in München gelingen kann.

Jahrelang galt die Reise nach München bei vielen Hertha-Fans als Sonderurlaub. Mal eben den einen oder anderen Biergarten mitnehmen und Teile der Stadt ansehen, anschließend eine Packung in der Allianz Arena abholen und wieder die lange Reise zurück in die Hauptstadt antreten. Zehn Heimspiele in Folge gewann der FC Bayern, teils sogar sehr deutlich. Der letzte Bundesliga-Sieg in München gelang Hertha im Jahr 1977 – einer von insgesamt zwei Erfolgen dort.

In der Allianz Arena gab es also noch keinen Sieg. Aber, und das macht die Reise diesmal vielleicht sogar lohnenswerter, in den letzten Jahren holte Hertha zumindest zwei Unentschieden aus drei Gastauftritten. 0:0, 0:1 und 2:2 lautet die Bilanz aus Sicht der Berliner. Nicht so schlecht, wenngleich gerade beim letzten Aufeinandertreffen auch einiges an Glück nötig war.

Die Vorzeichen auf einen weiteren Achtungserfolg stehen womöglich gar nicht mal so schlecht. Hertha wird nicht auf die übermächtigen Bayern treffen, die nach der Niederlage gegen Gladbach im Dezember 2019 nahezu jeden Gegner kurz und klein schossen. Sie treffen auf ein Team, das zuletzt etwas ins Straucheln geriet – wenn auch auf sehr hohem Niveau.

Der Rückblick zeigt: Bayern ist nicht unverwundbar

Schon gegen Sevilla deutete sich im UEFA-Supercup an, dass die Pause zwischen Champions-League-Finale und Saisonstart wahrscheinlich zu kurz gewesen ist. Kein Wunder also, dass die Münchner sich sehr darum bemühten, den eigentlichen Auftakt im Pokal gegen den 1. FC Düren zu verschieben. Eine Woche mehr, so wohl die Idee, würde die Köpfe nochmal frei machen. Das beeindruckende 8:0 gegen völlig desolate Schalker schien diesen Gedanken zu bestätigen: Die Angst vor einem weiteren Durchmarsch der Bayern wurde für viele zur Gewissheit. Wer soll diese Mannschaft denn überhaupt aufhalten?

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Sevilla war nah dran, schaffte es aber ebenfalls nicht. Was für die Bundesliga aber blieb, war der aggressive, kompakte und zugleich spielerisch überzeugende Ansatz der Spanier, der die Bayern nicht nur vor Probleme stellte, sondern ihnen innerhalb der 120 Minuten alles abverlangte. Sevilla verteidigte in einem sehr engen 4-3-3, das die bayerische Schaltzentrale um Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller aus dem Spiel nehmen sollte. Die Außenverteidiger der Bayern ließ die Mannschaft von Julen Lopetegui bewusst etwas offen, um bei einer Spieleröffnung auf sie sofort zupacken zu können. Gerade Benjamin Pavard konnte so zu einigen Fehlern gezwungen werden.

Nach rund 20 Minuten und Rückstand gelang es den Bayern aber zunehmend, die Kontrolle an sich zu reißen. Das Mittelfeld kam nun mit dem Pressing des Gegners zurecht, insbesondere der nun tiefer agierende Müller und Kimmich lösten zunehmend Situationen auf, wodurch Bayern auch zu Chancen kam, die größtenteils ungenutzt blieben.

Bayerns Spieleröffnung gilt es zu stören

Sevilla kam nur noch selten vor das Tor der Bayern, kurz vor Schluss durch eine Unaufmerksamkeit der Bayern aber fast entscheidend. Diese Unaufmerksamkeiten sollten sich wenige Stunden später dann gegen Hoffenheim häufen. Mit den 120 intensiven Minuten gegen Sevilla in den Beinen, vor allem aber der extremen Belastung im Kopf, gelang es den Münchnern nicht, die notwendige Präzision auf den Platz zu bekommen. Hoffenheim nutzte das gnadenlos aus. Hoeneß stellte seine Mannschaft optimal auf den Serienmeister ein: In einem 5-3-2 verschlossen die Hoffenheimer ebenso wie Sevilla das Zentrum und erzwangen Spieleröffnungen auf die Außenverteidiger, die dann durch ein kompaktes Herausschieben der gesamten Mannschaft angegriffen wurden. Wieder zeigte sich Pavard als Schwachstelle, aber auch Davies ließ sich zu Ballverlusten hinreißen.

Der große Vorteil im Vergleich zu Sevillas Ausrichtung lag aber in der Breitenverteidigung. Bayerns Seitenverlagerungen blieben oft nutzlos, weil die Fünferkette schnell genug am Gegenspieler war. Entscheidend dafür war aber auch die Dreierreihe im Mittelfeld. Mit sehr viel Laufarbeit, hoher Intensität und taktisch kluger Positionierung gelang es ihnen, einerseits die ballnahen Räume zu schließen, gleichzeitig aber auch schnell in ballferne Räume zu verschieben, wenn der Ball verlagert wurde.

Flick gab nach der Partie anerkennend zu, dass Hoffenheim schlicht exakt die Räume verteidigt hat, die sein Team bespielen wollte. Welche Räume sind das aber vor allem? Im Spielaufbau muss es dem Gegner gelingen, vor allem Kimmich einzuschränken – einerseits durch hohen Druck, andererseits durch die Verteidigung seiner direkten Anschlussoptionen. Rückpass, Balleroberung oder Fehlpass sind die einzigen Optionen, die dem Gegner hier helfen. Kann Kimmich aufdrehen oder gar andribbeln, ist es schon zu spät.

Einfach wird es trotz der Blaupause Hoffenheim nicht

Ist das Zentrum zu dicht, bleiben die beiden Außenverteidiger als kurze Option. Hier hat sich gerade Hoffenheim sehr klug verhalten, indem sie leicht diagonal angelaufen sind. Dadurch fehlte es Pavard und Davies jeweils an Optionen im Halbraum oder in der Spielfeldmitte. Normalerweise sind beide auf ihre Art sehr pressingresistent. Pavard löst Situationen gern über kurze Dribblings oder sein gutes Passspiel und Davies ist vor allem über seine langen Dribblings und mit Doppelpässen gefährlich. Spielt Hernández links, ist er quasi eine Mischung aus beiden. Auch er kann dribbeln, ist zusätzlich aber auch gut darin, mit Pässen den Druck aufzulösen.

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Diese Souveränität ging den Bayern zuletzt ab, weil einerseits der Druck der Gegner hoch war, andererseits aber auch die Form insbesondere bei Pavard, aber auch bei Davies nicht optimal zu sein scheint. Hertha kann das mit klugen Pressingbewegungen durchaus für sich nutzen, muss dann aber beim Herausschieben darauf achten, die Balance aus höherem Druck und einer gut organisierten Abwehrreihe zu halten. Schiebt die Abwehr nicht gut genug mit, öffnen sich zwischen den Linien Räume, die Bayern nahezu perfekt bespielen kann. Die Offensivspieler sind unglaublich laufintelligent, wissen exakt zu jedem Zeitpunkt, welche Zonen sie wie öffnen und erlaufen können.

Auch hier kann Hertha von Hoffenheim lernen: Die Hoeneß-Elf stand selbst bei höherem Pressing sehr kompakt. Alle Verteidiger schoben gut mit raus, achteten zugleich aber auf die gefährlichen langen Bälle der Münchner. Schalke beispielsweise lief teilweise komplett ins offene Messer, öffnete den schnellen Angreifern nicht nur die Türen und Fenster, sondern gleich alle Wände. Hoffenheim hingegen agierte hellwach und klug. Dieser Ansatz bedarf einer hohen Intensität bei gleichzeitig hoher Konzentration und Aufmerksamkeit – einfach geht anders, aber es ist eben ein Spiel gegen den Champions-League-Sieger.

Gelingt Hertha der ganz große Wurf?

Zusammenfassend muss Hertha also im Aufbauspiel sowohl Zentrum als auch Außenverteidiger unter Druck setzen, gleichzeitig die individuelle Klasse der Spieler sowie gefährliche Pässe zwischen die Linien verteidigen und auf hohe Bälle hinter die eigene Kette achten. Dann haben sie zumindest eine gute Chance auf Ballgewinne.

Doch so aussichtslos es scheint, dass eine Mannschaft all das schafft, so sehr dürfte es Hoffnung machen, dass die Bayern ihren Gegnern zuletzt nicht selten in die Karten spielten und sie bei diesem Vorhaben unterstützten. Kommt also etwas Glück hinzu, kann Hertha wohl auf den einen oder anderen guten Ballgewinn hoffen. Die Frage wird dann sein, ob sie es wie Hoffenheim schaffen, mit wenigen Kontakten zwei, drei Spieler ins Laufen zu bekommen. Hier dürfte die ganz große Hoffnung wahrscheinlich auf Matheus Cunha liegen, der mit seinen technischen Fähigkeiten dafür prädestiniert ist, der Schlüssel gegen Bayerns intensives Pressing zu sein.

Die Chance für Hertha ist an einen hohen theoretischen Anteil geknüpft. Wenn Hertha über sich hinauswächst, wenn Bayern ihnen etwas unter die Arme greift, weil sie zuletzt eine zu hohe Belastung auf mentaler und physischer Ebene hatten und wenn dann noch das Spielglück passt, dann ist ein Unentschieden, vielleicht sogar der große Wurf zum dritten Bundesliga-Erfolg in München möglich. Der einzige Wermutstropfen wäre dann, dass es diesmal keinen Sonderurlaub für Hertha-Fans in München gibt, bei dem man zumindest ernsthaft darauf hoffen darf, dass man erneut ein bisschen mehr mit in die Hauptstadt nehmen kann als Erfahrung.

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Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

In wenigen Tagen beginnt die Bundesliga-Saison 2020/21. Bei vielen Hertha-Fans wird hierbei wieder das nervöse Zucken und die Schweißausbrüche anfangen – auch das Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig wird die Lust auf die kommende Spielzeit nicht unbedingt gesteigert haben. Die Hertha-BASE-Redaktion freut sich allerdings auf diese Saison, allerdings nur, wenn dabei auch zumindest Teile ihrer Wünsche erfüllt werden. Hierfür hat die Redaktion fünf Aspekte herausgearbeitet, die Hertha eine gute Saison und den Fans weniger schlaflose Nächte bereiten würden.

Ein Team sein – nicht nur auf dem Rasen

Es war der 11. Februar 2020, als eine Erklärung über Facebook-Fußball-Deutschland zunächst einmal ungläubig dreinblicken und danach kollektiv den Kopf schütteln ließ. Jürgen Klinsmann, der Held des Sommermärchens 2006, demontierte sich kurzerhand selbst, indem er mal eben sein eigenbestimmtes Ende als Hertha-Trainer bekanntgab. Eine Nachricht, die den ganzen Verein in totales Chaos stürzte. Doch neben den unzähligen, negativen Konsequenzen, die das Ganze für Hertha nach sich zog, gab es tatsächlich auch einen positiven Nebeneffekt. Denn zum ersten Mal in der abgelaufenen Saison zeigten alle handelnden Personen Einigkeit in der Öffentlichkeit. Von Preetz und Gegenbauer ist man dies nicht anders gewohnt. Doch seit dem vergangenen Sommer ist da noch eine dritte Person: Investor Lars Windhorst. Nicht wenige befürchteten, dass dessen vermeintliche Nähe zu Klinsmann nun auch zum Umdenken des einstigen „German Wunderkind“ führen und zusätzliches Wirrwarr in den Verein bringen könnte.

Sorgen wie diese traten auch zutage, weil sich Hertha – wie so oft – in der Außenkommunikation nicht gerade geschickt anstellte. Sprach Windhorst schon früh von Champions-League-Ambitionen, trat Preetz in der Öffentlichkeit immer wieder auf die Bremse. Umso wohltuender war es dann, als das angesprochene Trio infolge der Klinsmann-Posse gemeinsam vor die Presse trat und auch Lars Windhorst selbst klar machte, dass er und der Verein auf derselben Seite stünden und er mit Hertha ein „langfristiges Investment“ plane. Natürlich sind solche Sätze bei einem gewieften Geschäftsmann wie Windhorst immer mit Vorsicht zu genießen, doch auch er wird sich an diesen Worten messen lassen müssen, will er seinen Ruf nicht schädigen. Und dass ein Verein, der sich Verstärkung durch einen Investoren holt, nur dann erfolgreich arbeiten kann, wenn alle Parteien geeint auftreten, das zeigen Beispiele wie 1860 München und der Hamburger SV seit Jahren. Im Falle von Windhorst heißt das: es dürfen in der kommenden Saison gern ein paar weniger großspurige Aussagen getroffen werden. Vielleicht hilft ja ein Pokalaus gegen einen Zweitligisten dabei, etwas mehr Realismus walten zu lassen.

Alexander Jung

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Endlich wieder Konstanz

Auch wenn der Saisonstart rund um die Testspiele und den DFB-Pokal alles andere als darauf schließen lässt, wünsche ich mir dieses Jahr: Konstanz. Konstanz in den individuellen Entwicklungen der Spieler, Konstanz auf der Trainerbank, Konstanz bei den Entscheidungen auf Management-Ebene und Konstanz nicht nur in einer Saisonhälfte. 

Die letzte Saison hat mit der wohl größtmöglichen Härte gezeigt, wie schnell sich aufgrund der neuen und im Verein noch unerfahrenen Investorensituation eine Krise zu einem bundesweiten Politikum entwickeln kann. Darum ist es diese Saison wichtiger denn je Konstanz zu entwickeln, dem Kader und vor allem den jungen Spielern zu vertrauen, Fehler zu akzeptieren und daraus langfristig und nachhaltig zu lernen.

Der Glaube, man muss die Sterne vom Himmel spielen, um schnellstmöglich in die europäische Spitzenklasse zu kommen, ist trotz den finanziellen Mitteln und einem qualitativ hochwertigen Kader mehr Träumerei und Gefahr für die kurzfristigen Entwicklungsschritte des Vereins – vor allem mit einem sehr jungen Kader. Konstanz entwickelt sich durch Geduld und Geduld durch die Akzeptanz von Fehlern und die akribische Arbeit aus diesen zu lernen.

Marcel Rombach

Keine Trainer-Diskussion

„Die höchsten Anforderungen stelle ich an mich selbst.“ Bruno Labbadia, Hertha-Trainer seit der Corona-Unterbrechung, hat sich insbesondere in seinen ersten Wochen als Cheftrainer der Blau-Weißen einen Namen gemacht. Die Siege gegen Hoffenheim und Union haben ihm bei den Hertha-Fans viel Anerkennung eingebracht. Das Vertrauen in Labbadia, der sich für seine Zeit in Berlin viel vorgenommen hat, sollte man nicht so schnell verlieren – unabhängig von einer weniger erfolgreichen Vorbereitung oder Ergebnistalfahrten. Labbadia kann sowohl Teams in schwierigen Situation anleiten als auch, wie im Wolfsburg bewiesen, ein Team entwickeln und eine Spielidee implementieren. Dass dies bei Hertha Zeit braucht, sollte jedem klar sein. Junge Spieler bringen viel Potenzial mit, aber auch starke Schwankungen.

Es wird eine Saison mit Hochs und Tiefs – Bruno Labbadia wird daran mal mehr, mal weniger Anteil haben. In jedem Fall sollte seine Arbeit aber immer über einen längeren Zeitraum beurteilt werden, und „Trainer raus!“-Rufe haben sich auch in Krisenzeiten nur selten als hilfreich erwiesen. Um sich aus dem Abstiegskampf herauszuhalten, ist Herthas Mannschaft allemal gut genug. Das Eruieren der Entwicklung der Spieler sowie des taktischen Systems sollte man derweil auf das Saisonende verschieben, nach der vergangenen Spielzeit kann ein wenig Ruhe und Konstanz in Form von Bruno Labbadia dem Team nur gut tun.

Simon

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Geduld statt Größenwahn

„Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“ – heißt es so schön und erinnert uns daran, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Aus dem Nichts kann man nicht in kurzer Zeit eine Weltstadt aufbauen, und aus einem Chaosclub entsteht nicht innerhalb eines Jahres ein solider, krisenfester Verein in der Top-7 der Bundesliga. Doch genau diese Tatsache scheinen viele vergessen zu haben. Gefühlt haben vor Anfang der neuen Saison mehr als die Hälfte der Deutschen Fußballfans Hertha BSC auf einen europäischen Tabellenplatz getippt. Und auch Hertha hat vor allem letzten Saison zu früh zu große Töne gespuckt.

Doch wie bereits in der Vorbereitung zu spüren war: der Aufbau der „neuen“ Hertha hat gerade erst begonnen. Alte Leistungsträger sind gegangen, neue junge unerfahrene Protagonisten dazugekommen. Neue Spieler kommen noch und eine interne Hierarchie hat sich noch nicht gebildet. Bruno Labbadia hat quasi als Chefkoch noch gar nicht alle Zutaten, und trotzdem erwarten viele bereits ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinbeilage. Wie es zuletzt der Chefkoch selbst betonte, wird der gewählte Weg von Hertha BSC alles andere als leicht sein. Fußballerische Entwicklungen dauern immer länger und sind erst viele Monate später wirklich spürbar.

Genau aus diesem Grund wünsche ich mir für die neue Saison eine Hertha-untypische Reaktion auf Misserfolg: Geduld statt Größenwahn. Ich wünsche mir, dass trotz Rückschläge, Häme und Spott nicht wieder so schnell der Aufschrei nach schnellen und unüberlegten Lösungen laut wird. Sowohl die junge Mannschaft als auch der Trainerstab hat sich eine echte Chance verdient, etwas aus diesen neuen Möglichkeiten zu machen. Vergangene Saison haben wir erlebt, was uns Größenwahn bringt. Ich möchte endlich sehen, was Hertha mit Geduld, Vernunft und Kompetenz erreichen kann.

Chris Robert

Jugendarbeit weiter fördern

Was in diesen modernen Fußballzeiten, in denen der Sport immer zum Geschäft wird und die Seele auf der Strecke bleibt, lässt das Fanherz weiterhin unverändert höher schlagen? Wenn ein Spieler aus der eigenen Akademie sich das erste Mal bei den Profis das Trikot seines Vereins überstreift und zu seinem Debüt auf der großen Fußballbühne kommt. Einer von uns! Ein Berliner Junge! Es gibt wohl nichts identitätsstiftenderes.

Hertha hat in den vergangenen Jahren oft für dieses Gefühl gesorgt: Jordan Torunarigha (seit 2006 im Verein), Maxi Mittelstädt (seit 2012), Arne Maier (seit 2008) haben in den letzten Jahren als wahre Eigengewächse ihren Durchbruch bei der „alten Dame“ gefeiert, nachdem sie nahezu jede Station im Jugendbereich abgeklappert hatten. Alle drei sind mittlerweile etablierte Bestandteile des Profi-Kaders. Auch Talente wie Palko Dardai, Dennis Smarsch, Julius Kade oder Dennis Jastrzembski haben Bundesliga-Einsätze für „ihren“ Verein absolviert. Zuletzt ließ Trainer Bruno Labbadia mit Jessic Ngankam und Lazar Samardzic (okay, mittlerweile kein allzu gutes Beispiel mehr) zwei weitere Eigengewächse debütieren, Spieler wie Luca Netz, Marton Dardai und Omar Rekik könnten alsbald folgen. Die Förderung der Jugend hat bei Hertha große Tradition – „Aus Berlin für Berlin“ hieß einst die Kampagne, die mit Eigengewächsen wie Patrick Ebert, Kevin-Prince Boateng und Ashkan Dejagah auf ewig verbunden sein wird.

All diese vielen Namen lösen etwas im Hertha-Fan aus und stehen für einen Weg. Ein Weg, der den gesamten Verein durchzieht und Hertha sympatisch macht. Ein Weg, der Fans gnädig stimmt und Fehler verzeihen lässt. Einem „von uns“ ist man halt nicht lange böse, schließlich hat er Gegensatz zu den ganzen „Söldnern“ ja wirklich die blau-weiße Fahne im Herzen und gibt alles – sicherlich eine sehr romantisierte Sichtweise auf die Dinge, aber um in diesem Millionengeschäft mit all den Allüren eines Vereins mit mittlerweile großem Investor im Rücken nicht die Identität zu verlieren, muss Hertha diesen Weg weiter gehen. Die Arbeit mit der eigenen Jugend ist die Arbeit mit der eigenen Region – wenn ein echter Berliner/Brandenburger Junge sein Bundesliga-Debüt im blau-weißen Trikot feiert, ist das wirkungsvoller als jede Marketingkampagne. „Die Zukunft gehört Berlin“ – ein Claim, der nur so stark wie seine Umsetzung ist.

Marc Schwitzky