Liebesbriefe an legendäre Derbyhelden

Liebesbriefe an legendäre Derbyhelden

Am Wochenende startet die 60. Saison der Fußball-Bundesliga. Und diese Jubiläumssaison beginnt natürlich für Hertha BSC mit einem absoluten Kracher. Zum Auftakt geht es nach Köpenick zum Derby gegen den 1. FC Union Berlin. In der Vergangenheit gab es legendäre Spiele im Stadion an der Alten Försterei, genauso im Berliner Olympiastadion. Und auch wenn die letzten Derbys für die Alte Dame alles andere als gut endeten, können auch Hertha-Fans auf tolle Erlebnisse gegen den Stadtrivalen zurückschauen. Zeit, den Protagonisten dieser Spiele unsere Liebe zu gestehen.

Sandro Wagner, Maik Franz und Ronny: Wisst ihr noch damals?

Lieber Sandro, lieber Maik, lieber Ronny,

könnt ihr euch an jene Nacht am 3. September 2012 erinnern? Ja es ist schon zehn Jahre her und doch fühlt es sich noch frisch an. Es waren harte Zeiten. Wir waren zuvor in einem nervenaufreibenden Relegationsdrama in Düsseldorf gescheitert und die ersten Wochen der Saison liefen auch nicht so, wie wir es uns wünschten. Jos Luhukay meckerte gar auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Und nun ging es schon am 4. Spieltag nach Köpenick. Wir hatten Druck. Ihr hattet Druck. Wir Fans hatten Sorgen. Wollten wir doch so schnell es geht, wieder zurück in die Bundesliga. In dem Hexenkessel im Stadion an der Alten Försterei ist es für Gegner niemals einfach. Doch ihr habt gezeigt, wer die Nummer 1 in Berlin ist.

Sandro, mit uns war es nicht immer einfach. Strenggenommen hast du dir nie wirklich was zu Schulden kommen lassen, das müssen wir so festhalten. Doch mit uns hat es nie so richtig geklappt, in den drei Jahren damals konntest du leider nicht oft überzeugen, doch in jener Nacht hast du dich unvergesslich gemacht. Als du den Ball im Strafraum von Peer Kluge zugespielt bekommen hast, hast du all dein Selbstbewusstsein und Mut genommen und gebündelt. Du hast es gemacht wie ein Stürmer, wie ein eiskalter Goalgetter, du hast geschossen, du hast getroffen. Du hast gejubelt, ja du hast auch ein wenig die Heimfans provoziert, aber das war okay, so bist du nun einmal. Wir führten plötzlich in Köpenick und für einen Moment war dieser Teil Berlins mucksmäuschenstill. Nie war unsere Liebe heißer, als in diesem Moment.

Lieber Maik, man, was warst du für ein Kämpfer. Irgendwo da draußen wirst du immer noch sein. Du warst damals oft verletzt und hast uns in vielen Situationen bitter gefehlt, doch an jenem Montag hast du gekämpft. Du warst der heiß geliebte Iron-Maik. Du warst nicht der Ballkünstler, du warst der Mann für das Grobe. Du warst der, den man für ein Derby brauchte. Du warst für Derbys geboren. Du warst das Derby. Bis heute schau ich mir liebend gern die Szenen an, als du Unions Stürmer Silvio an der Eckfahne in den letzten Sekunden des Spiels zusammenschreist. Die gelbe Karte für dich war das Zeichen deines unermüdlichen Einsatzes. Du hast gezeigt, wie viel dir das bedeutet, bis heute zeigst du es. Mit uns hat es gepasst, Maik, wir waren füreinander bestimmt in der damaligen Zeit. Es war wundervoll, es war einzigartig und es war eine goldene Liebe, die ewig brennt.

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Geliebter Ronny, es war dieses eine wundervolle Jahr. Es war nicht nur diese eine besondere Nacht, ja, sie war eine der intensivsten, genau wie ein halbes Jahr später im winterlichen Treiben im Olympiastadion. Du und dein linker Fuß, das war Liebe. Das war kraftvolle Liebe, ja fast schon brachiale Liebe. Und wir alle gemeinsam, du und dein linker Fuß und wir Fans, wir waren eine unzerstörbare Gemeinschaft. Wir brauchten einander und wir schenkten einander. Wir genossen, wir feierten, wir hatten heiße Momente. Dieses eine Jahr. Ronny, du hast 18 Tore geschossen, 14 weitere vorgelegt. Erinnere dich an jene Nacht in Köpenick. Der Ball lag genau da, wo du ihn haben wolltest. Vor dem Strafraum, relativ zentral. Mit Wucht zimmertest du das Spielgerät in die Maschen. Und erinnere dich an den folgenden Februar. Wie wir gemeinsam im weiten Rund des Olympiastadions gefeiert haben. Gemeinsam lagen wir schon mit 0:2 gegen die Köpenicker zurück. Und dann bist du zur Ecke angetreten und hast den Ball auf deinen Kumpel Adrian Ramos geflankt, der das machte, was er immer tat. Ein Tor erzielen. Und Ronny, dann sollte ein weiterer Höhepunkt unserer Liebe folgen. Als du in der 86. Minute einen deiner vielen Freistößen mit Kraft und Gefühl verwandelt hast, ist in uns allen etwas explodiert, was mehr als grenzenlose Liebe war. Du feiertest mit uns zusammen. Du jubeltest, wir jubelten, du stürztest im zusammengefegten Berliner Schnee und verletztest dich an der Hand. Für uns, für dich, für Hertha BSC. An diesem Abend, in jener Nacht waren wir nicht nur dein linker Fuß, wir waren nicht nur deine verletzte Hand, wir waren alle eins. Eins mit dir. Geliebter Ronny.

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Vedad Ibisevic, Matheus Cunha, Krzystof Piatek: Die Erinnerungen bleiben für immer

Oh Vedad, my Vedad. Bzw. Oh Captain, my captain. Denn das warst du. Du warst der Boss, du warst der Anführer, du warst unser Kapitän. Mit dir an unserer Seite fühlten wir uns über Jahre sicher. Du und dein graumeliertes Haar, du und deine spielerische Ruhe, du und deine Lust auf den Krawall mit Gegenspielern und Schiedsrichtern. Du hast dich für uns eingesetzt, du hast alles investiert, du hast so viel gegeben, wir haben versucht dir diese Liebe zurückzugeben. Bis heute gehören wir zusammen und schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Der damalige Abend. Du warst der Herbergsvater dieser Truppe, die sich nach einer brachialen Sturm und Drang Phase auf dem Transfermarkt gefunden hatte. Du bist geblieben, du wolltest den gemeinsamen Aufstieg, du hättest den gemeinsamen Abstieg mitgemacht. Und an jenem Abend, einem vorsommerlichen Mai-Tag, führtest du uns zu einem fulminanten Derby-Sieg. Du zeigtest, mit wem zu rechnen war. Du wolltest uns zeigen, wie sehr die Liebe und Kraft noch in dir brennt. Du zeigtest den jüngeren den Weg. Du warst es, der uns in der zweiten Halbzeit nach einer langen Geduldsprobe in Führung brachte, du hast deinen Mitspielern die Chancen und Tore aufgelegt. Du hast Dodi Lukebakio geschickt, du hast Matheus Cunhas am Vorabend der Geburt seines Kindes einen Dribbeltanz ermöglicht, gemeinsam habt ihr im leeren Olympiastadion gefeiert. Damals waren wir an den Bildschirmen dabei, wir feierten, wir brannten für euch. Irgendwie waren auch wir dabei. Zumindest in deinem Herzen.

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Matheus Cunha, was war das für eine heiße Zeit mit dir. Du hast Erinnerungen an alte Zeiten mit Marcelinho aufgefrischt. Wir waren verliebt. Nicht nur in die Vergangenheit, vielmehr in die Gegenwart und hoffentlich Zukunft. Du hast uns so viel bedeutet. Du hast eine Form von Spaß nach Berlin gebracht, den wir so lange nicht kannten. Du hast die Gegner zum Tanz aufgefordert, du hast gedribbelt, brilliert, ein Tor erzielt, du hast Spaß gehabt und Liebe verbreitet. Am Abend wurdest du Vater, du wolltest direkt nach deiner Auswechslung ins Krankenhaus zu deiner Frau. Wir wären sofort mitgekommen, hätten wir gedurft. Ein wahres Derby-Baby sollte zur Welt kommen. Doch Matheus, so heiß diese Liebe war, so kurz war sie. Wir waren zu klein für dich. Du wolltest in die weite Welt, du wolltest mehr und Neues kennenlernen. Und Matheus, das war okay. Wir haben dich in positiver Erinnerung, vielleicht denkst du auch ab und an noch an uns. Die Geburt deines Kindes wirst du immer damit verbinden, vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder.

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(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Krzystof, es ist kompliziert mit uns. Aber auch wir schätzen einander. Wir hatten im Winter 2020 große Lust aufeinander. Gemeinsam wollten wir unseren Spaß haben, wir wollten die große weite Welt erkunden, wir wollten einander wachsen und uns lieben. Doch es war schwierig mit uns. Aber lieber Krzystof, auch wenn es nicht immer einfach zwischen uns war, hatten wir diese eine Nacht. Diesen einen besonderen Moment im Olympiastadion. Als wir gemeinsam zu Derbyhelden werden wollten. Wir konnten wieder einmal nicht anwesend sein, doch wir haben dir genau zugeschaut. Wir haben deinen Kampf, deine Leidenschaft und deine Qualitäten bewundert, wir wollten mehr von dir. An jenem Abend hast du uns gezeigt, was möglich gewesen wäre mit uns. Wir haben das gesehen, wofür wir hofften bestimmt zu sein. Du erzieltest zwei tolle Tore. Du machtest uns zu Derbysiegern, du selbst wurdest zur Legende. Deshalb geliebter Krzystof, egal wie das zwischen uns endet, wir bereuen nichts. Du bist in unseren Herzen.

Was Hertha jetzt braucht – Drei Thesen zur Präsidentschaftswahl

Was Hertha jetzt braucht – Drei Thesen zur Präsidentschaftswahl

Am Sonntag wählt Hertha BSC einen neuen Präsidenten. Es scheint auf einen Showdown zwischen zwei Kandidaten hinauszulaufen. Namen sind nicht bedeutend. Was zählt, ist der Inhalt und ob der neue Präsident Hertha das geben kann, was die in Jahre gekommene Dame braucht.

Zu allererst ein Disclaimer: Ich bin am Sonntag nicht stimmberechtigt. Trotzdem beobachte ich die Situation von Hertha seit Jahren und mit zunehmender Sorge.

Hertha steht erneut an einem Scheideweg. Werner Gegenbauers Rücktritt nach 14 Jahren an der Spitze des Vereins hat ein Machtvakuum hinterlassen, in das verschiedene Kräfte hineinzuströmen versuchen. Die Nerven liegen blank. Die Kandidaten rechtfertigen sich öffentlich oder schlagen gleich wild um sich. Solch ein Verhalten steht dem, was Hertha jetzt braucht, diametral gegenüber. Am Sonntag sollte es nicht um reine Namen und Geschichten, sondern um Inhalte gehen. Darum, welcher der Kandidaten Hertha befrieden und dem Verein helfen kann.

Hertha braucht … einen Plan

Durchwurschteln ist nicht mehr. Hertha muss planvoll und zukunftsorientiert agieren. Aktionismus muss gegen Strategie getauscht werden. Der neue Präsident muss eine klare Agenda vorlegen, die Mitglieder, Fans, Mitarbeiter:innen und Spieler berücksichtigt. Die nächste Präsidentschaftswahl ist bereits 2024. Bis dahin muss der Verein so ausgerichtet sein, dass finanzieller und sportlicher Erfolg nicht mehr von einzelnen Namen abhängig sind. Dazu muss ein solides Fundament gegossen und nachhaltig darauf gebaut werden. Das nunmehr versandete Projekt „Goldelse“ sollte das in der Profi-Abteilung leisten, hing aber leider zu sehr an der Personalie Carsten Schmidt. Ein neuer Präsident muss darauf hinwirken, dass der Verein sich eigenständig und aus innen heraus stabilisieren und tragen kann.

Ein „Weiter-so“ hat den Verein fast ruiniert. Hertha braucht einen planvollen Wandel.

Hertha braucht … Identifikation

Das Tischtuch zwischen Mannschaft und Fans, es ist gerade so notdürftig geflickt, dass es zum Klassenerhalt gereicht hat. Alle Bestandteile von Hertha müssen miteinander versöhnt werden. Grabenkämpfe, Klüngeleien und Ränkespielchen schaden dem Verein. Der neue Präsident muss das verkörpern, wofür Hertha steht. Er muss Herthaner durch und durch sein. Gleichzeitig muss er klar machen, dass Hertha mehr ist als ein Sportverein. Erfolgreiche Aktionen, wie „Spendet Becher, rettet Leben“, „1892 hilft“ oder „Aktion Hertha Kneipe“ spiegeln die blau-weiße Seele des Vereins wieder. Sie müssen kommunikativ in den Vordergrund gerückt werden. Nicht aus PR-Gründen, sondern um den engagierten Fans die Ehre teil werden zu lassen, die ihnen gebührt. Hertha ist kein Klub von Investors Gnaden, die Fans sind die Stars.

Hertha ist mehr als (Blinden)Fußball, Kegeln, Tischtennis, Boxen oder E-Sports. Hertha braucht jemanden, der das Wesen des Vereins verkörpert.

Hertha braucht … Erfahrung

Mühe allein genügt nicht. Leidenschaft ist das eine, Kompetenz ist das andere. Ein neues Stadion will gebaut werden. Der neue Präsident muss im Gewirr der Berliner Lokalpolitik Herthas Interessen vertreten. Hertha kann es sich nicht leisten wertvolle Zeit zu verlieren. Die Herausforderungen, denen sich der Verein gegenüber steht, müssen sofort angegangen werden. Klar ist aber auch, dass das nur im Team geht. Alle Gremien und Organe müssen an einem Strang ziehen. Ein neuer Präsident muss hier moderieren, darf sich aber nicht von externen Akteuren zu abhängig machen. Ein Auge muss dabei auf dem Geschäft, das andere auf den Mitgliedern und Fans ruhen. Wer eines der beiden nicht versteht, wird keinen Erfolg haben.

Hertha muss schnell geholfen werden. Hertha braucht einen erfahrenden Versöhner.

Eure Wahl

Allen Emotionen zum Trotz, eins sollte klar sein: Am Sonntag entscheiden weder Geld noch Vereinsgremien. Die Fans haben das sagen. Ich bin mir sicher, dass sie im Sinne des Vereins abstimmen werden.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]

Danke für Nichts (und Alles)! –  Briefe an die Väter

Danke für Nichts (und Alles)! – Briefe an die Väter

Das erste Mal ins Stadion mitgenommen zu werden, ist für viele der Beginn einer Fan-Beziehung mit Höhen und Tiefen. Die “Taufe” – oft geschlechtsklischeehaft vom Vater übernommen – führt insbesondere bei Hertha nicht unbedingt zu Ektase und Jubel, sondern zu Tränen, Wut und Leid. Unsere Autoren erinnern sich und fragen ihre Väter: “Wie konntest du mir das nur antun?!”

Briefe an die Väter

Johannes

Lieber Papa,

was hast du mir angetan? Was hast du deinem kleinen, unschuldigen und naiven, neunjährigen Sohn angetan, als er damals mit dir die Sportschau sah und diesem blonden und schreienden Torwart von den Bayern bei glanzvollen Paraden zugesehen hat? Oliver Kahn hieß der, oder? Und der kleine Junge wollte den Typen mal live sehen. In so einem Stadion, wo die immer Fußball spielen. Aber der spielte ja damals bei den Bayern und wir lebten in Berlin. Egal, unsere Stadt hat ja sicherlich auch einen Verein. Hertha hieß der oder? Komischer Name, aber eigentlich auch passend, schließlich sind in der Hauptstadt ja immer alle härter. Also fragte ich dich, fast schon beschämt, ob wir nicht einmal in solch ein Stadion gehen könnten, wusste ich doch, dass so ein Besuch sicherlich nicht billig werden würde.

Du sagtest mir zu, dass wir das demnächst sicherlich sehr gerne mal machen könnten. Die nächsten Wochen zogen ins Land und wir haben weiterhin gemeinsam Fußball geguckt und es war der Wahnsinn, wie du dafür gesorgt hattest, dass ich in diesen Bann dieses famosen Spiels gezogen wurde. In der Schule hatte ich damals mit meinen Freunden in den Pausen immer Fußball gespielt, ich wollte so sein wie der Brasilianer von Hertha, der mit den bunten Haaren, dieser Marcelinho, der war toll!!!

Und eines Tages bist du nach Hause gekommen und sagtest mir, du hättest eine Überraschung für mich… Mit großen Augen wartete ich gespannt auf das kleine Päckchen, was du mir überreichen wolltest. Ein Marcelinho-Trikot. Ein Marcelinho-Trikot von Hertha BSC. Dieses berühmte dunkelblau-weiß gestreifte Trikot. Es war fantastisch, bis heute ikonisch.

Direkt am nächsten Tag ging ich damit zur Schule und war der Star meiner Klasse. Man war das cool. In der Pause spielten wir dieses Mal “Weltmeister”. Jeder gegen jeden auf ein Tor. Und ich war gut, ich war richtig gut! Schließlich war ich Marcelinho und die anderen allerhöchstens Francesco Totti von Italien. Ich war hochgradig in diesen Verein verliebt. Ich war der Meinung, Hertha wäre das Nonplusultra im europäischen Fußball. Und du hast zusammen mit mir Tabellen studiert und mir Szenarien erklärt, wie es Hertha in die Champions League schaffen würde. Und dann war es endlich soweit. Du hast dein Versprechen eingelöst und wir sind zum Spiel Hertha BSC gegen den SV Werder Bremen ins Olympiastadion gegangen. Davor durfte ich mir sogar einen Schal aussuchen. Jenen Schal besitze ich selbstverständlich bis heute und wie es das ungeschriebene Gesetz so will, hab ich diesen natürlich bis heute nie gewaschen. Die paar Ketchup-Flecken gelten als schöne Erinnerungen an viele Fanjahre.

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(Photo credit should read TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Der erste Blick durch den Eingang ins Stadion, in der Ferne sieht man die ersten Fans und dann der Eintritt in eine andere Welt. Dieses laute Toben, die vielen zehntausenden Menschen, ich war wie neugeboren. Und so ging das über viele Jahre. Es wurde nie schlechter. Aber irgendwann distanziertest du dich vom Fußball. Irgendwie hast du mich allein gelassen, du sorgtest dafür, dass ich von nun an alleine leiden musste, du hast die Spiele höchstens noch vorm Fernseher verfolgt. Aber aus dem Neunjährigen war mittlerweile ein Vierzehnjähriger geworden und der hatte Freunde, mit denen er regelmäßig ins Stadion ging. Viele Jahre später – ich war schon weit über 20 – überredete ich dich nochmal mitzukommen. Dieses Mal waren die Rollen also vertauscht. Und es war wunderbar. Ein tolles Vater-Sohn-Erlebnis.

Doch Papa, ich frage dich ein weiteres Mal. Was hast du mir angetan? Hättest du damals dem neunjährigen Jungen einfach gesagt, dass ein Stadionbesuch aus welchem Grund auch immer aktuell nicht möglich ist, wäre es vielleicht nie zu meiner Verliebtheit gekommen und dem alljährlichen Leid. Ich würde nicht jedes Wochenende zittern, ich würde mich nicht unter der Woche leer, wütend oder unrealistisch hoffnungsvoll fühlen. Ich müsste nicht an die Grenzen des Verstands gehen und mir die Nachspielzeit einer hochdramatischen Relegation vorm Fernseher zitternd und mit Hanteln in der Hand zur psychischen Ablenkung, ansehen. Ich müsste mir nicht ständig irgendwelche Sprüche anhören, was denn Die Hertha schon wieder für einen Mist bauen würde. Ich müsste auf der Arbeit gegen die Unioner Kollegen nicht dreimal innerhalb einer Saison der Depp sein, dessen Team sich bis auf die Knochen blamiert. Ich müsste so vieles nicht. Doch nun ist es so und es ist eine Lebenseinstellung. Papa, was hast du mir angetan?

Dein Johannes

 

Niklas

Lieber Papi,

Wenn du gewusst hättest, was du anrichtest. Hättest du es dennoch getan? 30. September 2000. Du willst deinen Kinder (5 & 9) etwas Gutes tun und nimmst die ins damals noch nicht vollständig überdachte Olympiastadion mit. Es sollte sich lohnen, die zu diesem Zeitpunkt schon alte, aber quicklebendige Dame gewinnt 4:2 gegen Köln. Alex Alves verwandelt vom Mittelpunkt. Hertha schließt die Saison auf dem fünften Platz ab. Europa. Gute Vorzeichen für eine langjährige Beziehung.

Konntest du ahnen, was 22 Jahre später geschieht? Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Ich gehe nach längerer Pause wieder in Stadion, befasse mich intensiver mit Hertha als je zuvor, doch statt Europa und Traumtoren finde ich nur Schmerz und Verwüstung vor. Du kennst das. Bist schließlich seit fast 50 Jahren Hertha-Fan. In deinem ersten Spiel kickte noch Ete Beer im Blau-Weißen Dress. Du hast die Hertha-Frösche erlebt und eiskalte Spiele mit 8.000 Zuschauern. Hättest du es nicht besser wissen müssen? Ich bin mir sicher, du wolltest damals nur das Beste, doch wurdest du Teil der anti-mephistophelischen Fußball-Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Hertha hat mal wieder gegen den Abstieg gespielt. Emotionen machen zwar den Fußball aus, ich ertappe mich trotzdem dabei neidisch auf die Rot-Weiße Front zu schielen, an der die Valenz-Grenze klar verläuft. Du konntest nicht ahnen, was an diesem Tag im September geschieht. Meine Schwester hat es immerhin nicht so stark erwischt. Für mich war aber seit diesem Tag klar: In Berlin nur Hertha.

Geschah es im erzieherischen Interesse? Emotionsregulation und Belohnungsaufschub sind wichtige Fähigkeiten. Selten werden sie verlässlich eingeübt und auf die Probe gestellt, wie an den 34. Spieltagen der Hertha. „Die Leiden des jungen Niklas“ nach einer Idee seines Vaters.

Vielleicht verhält es sich ja ähnlich wie zur geliebt-gehassten Schullektüre. Frustriert über die Ausgüsse meist älterer weißer Herren, verwarf man das Lesen zwecks subjektiv sinnvollerer Beschäftigungen und beäugte neidisch die Bücher, die andere Klassen vorgesetzt bekamen. Erst Jahre später verstand man dankbar des Pudels Kern.

In diesem Sinne: danke für Nichts und danke für Alles. Lieber mit dir von den Rängen leiden, als im Wachkoma die 10. Meisterschaft in Folge performativ über sich ergehen lassen. Lieber alte Dame statt alter Liebe. Und lieber nicht nach Hause, als nach Köpenick.

Dein Niklas

P.S. Die Mutter wusste es auch nicht besser und bestärkt mich im Fan-Sein immer wieder.

 

Chris

Lieber Papa,

wie oft man es doch feststellen muss, auch als erwachsener Mensch, dass der Vater am Ende Recht behält … hätte ich bloß auf dich gehört. Dann würde mir der ganze Mist heute egal sein und ich hätte nicht all diese Tränen vergossen.

Dabei hattest du mich vorgewarnt. Nicht umsonst hast du Fußball gemieden, nicht umsonst war vor mir in der Familie kein Mensch auf die Idee gekommen, Fußballfan zu werden. „Alles Vollidioten im Fußball“, sagtest du damals. Außerdem sei es doch gefährlich, bei all diesen verrückten im Stadion. Das letzte was du wolltest, ist dein Sohn da mittendrin zu sehen.

Fast schon gezwungen habe ich dich, mich ins Olympiastadion zu bringen. Widerwillig hast du mich dorthin begleitet. Immerhin brachtest du mich zu richtigen Stadion: als Franzosen in Berlin hatten wir auch falsch abbiegen können, um aus Versehen bei Union zu landen. Doch schon im allerersten Spiel hätte ich es erkennen sollen: gegen den Fußballclub aus Gelsenkirchen gab es direkt eine Niederlage.

Doch dein Herz für dein Sohn war zu groß. Du sahst mich leiden und dachtest dir: zumindest einen Sieg möchte ich ihm schenken. Du nahmst mich also nochmal mit, dieses Mal gegen den Tabellenletzten aus Köln. „Typisch Hertha“ lernte ich an dem Tag, als gegen jede Erwartung Poldis Kölner unsere Hertha komplett auseinandernahmen.

Als es dann endlich soweit war, Auswärts in Frankfurt, Raffael aus spitzem Winkel die Führung erzielte und Marko Pantelic (Fußballgott!) den Sieg perfekt machte, war es schon zu spät. Ich war endgültig in diesem Wahn gefangen, zu tief um wieder herausgeholt zu werden. Für mich sollten noch viele Auswärtsfahrten und Heimspiele folgen, gemeinsam mit neuen Hertha-Freunden.

(Photo credit should read ARIS MESSINIS/AFP via Getty Images)

Du musstest weiterhin aus Liebe zu mir mitleiden. Wir sprachen über die „Flitzpiepen“ bei Hertha und wie sie mich Jahr für Jahr enttäuschten. Du hattest schon vor zehn Jahren gesagt: „Sie müssten eigentlich alle rauswerfen und wieder bei null anfangen!“. Und ich lachte nur und dachte mir, ich wisse es doch besser. Wie stolz und naiv man als Sohn sein kann.

Aber das verrückte an der ganzen Sache ist: ich bereue es nicht. Ich würde jedes Mal nochmal mit dir ins Olympiastadion gehen, diese Treppen hochlaufen und diese Emotionen verspüren. Hertha-Fan zu sein ist viel mehr als das, was auf dem Platz passiert. Eine Leidenschaft zu haben ist eine Bereicherung, egal wie schmerzhaft sie sein kann. Und ich bin mir sicher, dass ich mich in zehn Jahren immer noch mit dir gemeinsam über die „Flitzpiepen“ ärgern werde.
[Vermerk: „Flitzpiepen“ wurde hier als Ersatz für ein politisch nicht ganz korrektes französisches Schimpfwort benutzt, das aber ironisch/liebevoll und keineswegs beleidigend oder gar diskriminierend gemeint ist.]”

Dein Chris

 

Erinnerung an den Vater

 

Steven

Vor knapp 25 Jahren, am 8. November 1997, traf mein Vater eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Er nahm mich mit ins Olympiastadion. Hertha spielte gegen 1860 und gewann 2:0 nach zwei Standardtoren. Mein Vater sagte damals vor dem 2:0, welches zumindest in meiner Erinnerung nach einem Eckball entstand, dass Ecken immer gefährlich seien. Auch wenn ich aus heutiger Sicht massiv widersprechen würde, so sollte er zumindest an diesem Tag Recht behalten. Andreas Schmidt traf zum 2:0, die Fans tobten auf den damals noch im Olympiastadion verbauten Sitzbänken und ich war das erste Mal in meinem Leben verliebt.

Es hat einen Grund, warum Nick Hornbys Zitat, in welchem er die Entstehung der Liebe zu seinem Fußballverein beschreibt, fast schon inflationär genutzt wird, wenn es darum geht, eben jene Gefühle zu beschreiben.

Und wie auch Nick Hornby verschwendete ich keinen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit, die nun mein Leben begleiten sollten.

Mein Vater, das muss man ihm zugutehalten, hat so weit vermutlich gar nicht gedacht. Und auch das passt ja dann irgendwie zu diesem Verein, der fortan ein Teil von mir war.

Er wollte mit seinem Sohn zum Fußball gehen. Was man halt so macht, wenn der Sohn anfängt sich für Fußball zu interessieren und man als Vater, getrennt lebend von der Mutter, jedes zweite Wochenende den Jungen bei sich hat und irgendwas machen will, das klischeebedingt typisch Vater-Sohn ist. Und vermutlich auch die Mutter ein wenig provoziert. „Proletensport. Gefährlich. Die Asis in der U-Bahn.“ Ich liebte es, wenn die U-Bahn wippte, gesungen und gefeiert wurde.

Mein Vater, der eigentlich nicht so wirklich verbunden mit Hertha war, in den 90ern eher das magische Dreieck des VfBs bewunderte, nahm mich wohl auch deshalb mit, weil Hertha damals in die Bundesliga aufstieg. Mein Segen und Fluch. Für Hertha ging es steil bergauf. Champions League, ich sah Chelsea, Porto und Barcelona. Wobei – von Barcelona sah ich aus bekannten Gründen nicht viel. Sebastian Deisler war mein Held, mein erster Spielerflock war von ihm. Ein Glück hielt mein Vater mich davon ab, seine Trikots nach seinem feststehenden Abgang wegzuschmeißen. Meine Enttäuschung war grenzenlos.

Foto: Michael Cooper /Allsport

Dann die erste Dauerkarte mit ihm. Das war in der Saison 2002/03. Hertha hatte gerade Huub Stevens verpflichtet. Ich konnte ihn nicht leiden. Er war Schalker, das genügte damals. In Block P gab es zwei Dauerkarten zum Preis von einer, das war unser Glück. Mein Blick galt nicht nur dem Spielfeld, sondern immer intensiver auch dem Geschehen links von mir. Die Ostkurve faszinierte mich.

Meine Mutter, immer noch alles andere als ein Fan unseres damaligen Wochenend-Rituals, formulierte einen frommen Wunsch: „Bloß nicht in die Ostkurve“. Wie ein Hinweis auf einer Toilettentür: „Bemalen strengstens verboten!“. Wozu soll das bei einem renitenten Jungen führen? Natürlich in die Ostkurve! (Das Malen und Kritzeln habe ich mangels Talents übrigens meistens sein gelassen.)

Also ging ich mit 13 das erste Mal in die Kurve. Mein Vater war damals noch dabei. Irgendwann wollte ich mein eigenes Ding machen. Lernte eigene Leute kennen. Schrieb in den damals angesagten Fanforen im Internet unter Pseudonymen, die aus heutiger Sicht mindestens unangenehm sind, Analysen und Einschätzungen, welche wahrscheinlich ähnlich zur Fremdscham anregten, wie Kai Dittmanns Explosion beim Spiel der Hoffenheimer gegen den FC Bayern. Er stand auf für Dietmar Hopp, ich stand in der Ostkurve. Jetzt ohne meinen Vater, dafür mit Freunden und Leidensgefährten, die für einige Jahre meine Familie sein sollten. Mein Leben drehte sich um Hertha. Und bald auch um das Drumherum. Fahnen malen, Stellung beziehen. Während Hopps Hoffenheimer noch in der Regionalliga tingelten, begann bei mir ein Bewusstsein einzusetzen, sich für den Erhalt des Volkssports Fußball einzusetzen. Argumentativ damals vielleicht noch etwas unterkomplex, dafür mit voller Überzeugung. Fußball muss bezahlbar sein, Pro 15:30 und gegen den modernen Fußball. Mein Vater unterstützte mich. Zu diesem Zeitpunkt wohl weniger aus Zuneigung zu Hertha, sondern eher aus Zuneigung zu mir. Er zeigte mir, wie man Fahnen malt. Ohne Beamer und OH-Projektoren. Mit Rastermethode. Kästchen für Kästchen ein kleines Motiv vergrößern. Hätte ich nur einen Bruchteil meiner Energie und Leidenschaft für den Fußball in die Schule gesteckt, wäre mir wohl viel Ärger erspart geblieben.

Aber so funktionierte ich damals nicht. Ich wollte mehr. Das erste Auswärtsspiel. Heimlich in Rostock mit ein paar flüchtigen Bekannten. Regionalbahn. Es stapelte sich, war heiß. Ich hatte nicht mal eine Karte fürs Spiel. Ich sprach Kay Bernstein an. Den kannte ich. Das war der Typ, der damals mit Megaphon auf der Mauer stand und die Ostkurve anpeitschte. Eine Karte hatte er auch nicht, aber irgendwie regelte sich das. 5€ habe ich für den ermäßigten Stehplatz gezahlt. Vor dem Bahnhof warteten unglaublich viele Polizisten und ein paar Shuttle-Busse. Ich fuhr direkt im Ersten mit. Rostocker beschmissen den Bus mit Steinen, Scheiben gingen zu Bruch. Spätestens hier hätten vermutlich viele 15-Jährige gesagt, dass es das nicht sein muss. Ich wollte immer mehr, keine Ahnung warum. Meine Mutter erfuhr von alldem nichts. Mein Vater auch nicht immer alles. Dafür finanzierte er einen Teil der Fahrten. Es war mir wichtig, das genügte ihm. Auch wenn es dafür sorgte, dass wir immer seltener Zeit miteinander verbrachten.

Doch auch das sollte irgendwann vorbei sein. Sitzengeblieben, von der Schule geflogen und irgendwann in einem Alter, wo man mal klarkommen muss. Die Ausbildung als Hotelfachmann war so ziemlich das Letzte, was sich mit dem Fußball vereinbaren ließ. Vielleicht war das unterbewusst auch so gewollt. Der deutliche Bruch, weil ich alles andere nicht hinbekam. Meine Mutter war erstmal beruhigt. Ich zog es durch, auch wenn ich es teilweise hasste. Leidensfähigkeit hatte ich ja schon mit meinem Verein gelernt. Mein Vater wurde im gleichen Zeitraum schwer krank. Wenn es mein Dienstplan erlaubte, schaute ich fortan die Spiele nicht mehr im Stadion, sondern mit ihm vor dem Fernseher. Anfangs mit miserablen Streams in russischer Sprache auf meinem Röhrenmonitor. Aber da ich für alles, was mir wichtig ist, relativ schnell eine große Passion entwickeln kann, wurde irgendwann auch das Equipment besser. LigaTotal, Beamer und ein paar Kaltgetränke. Hertha war wieder unser Ding, so wie es früher war.

Einmal waren wir noch im Stadion. Luhukay war Trainer. Hertha spielte im kalten, halbleeren Olympiastadion gegen Nürnberg. 4. Minute. Eckball. Ronny auf Ramos, Kopfball, Tor. Logisch. Ecken sind ja gefährlich. Aber Hertha wäre natürlich nicht Hertha, wenn sie das Ding nicht noch in den Sand gesetzt hätten. 1:3 hieß es am Ende. Eine katastrophale Fehlentscheidung gegen Hertha und der Nürnberger Torhüter Raphael Schäfer, zu dem keiner meiner Gedanken abgedruckt werden sollte, komplettierten diesen verkorksten Abend. Meinem Vater war es körperlich zu viel. Es ging nicht mehr.

Wir schauten also die Spiele weiter zu Hause. Ich studierte mittlerweile und die Wochenenden waren wieder mein Highlight, wenn auch anders als früher. Irgendwann konnte er nicht mehr. Ich baute Fernseher und Rechner an seinem Krankenbett auf. Das letzte Spiel, welches wir gemeinsam sahen, war ein 1:4 von Hertha gegen Gladbach. Das war aber ebenso egal, wie die Tatsache, dass an diesem Tag nicht mal die Ecken gefährlich waren.

Seitdem gehe ich wieder häufiger ins Stadion, fahre ab und zu auswärts. Mein Sohn ist seit seiner Geburt Mitglied, wie auch mittlerweile viele meiner Freunde, die vor ein paar Jahren noch kaum was mit Hertha am Hut hatten. „Du bist schlimmer als die Zeugen Jehovas“ sagte letztens jemand, als ich wieder jemanden davon überzeugte, Mitglied bei Hertha zu werden. Wahrscheinlich wissen sie auch, dass es mich nur mit Hertha gibt. Mit allem, was dazugehört. Und bei all der Trauer, Freude, Frust, die damit verbunden sind, kann ich nur mit Dankbarkeit auf den 08. November 1997 zurückblicken. Hertha war unser Ding und es wird immer mein Ding bleiben.

Achja, meine Mutter? Die ist immer noch nicht so ganz begeistert …

Privat

 

[Titelbild: PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images]

 

Die große Chance einen Albtraum zu beenden

Die große Chance einen Albtraum zu beenden

Die Stimme weg, Tränen in den Augen und vollkommen am Ende mit den eigenen Kräften. Am Montagabend um 22:25 Uhr traf das wohl auf den größten Teil aller Hertha-Fans zu. Das Team der Berliner hatte soeben mit einem Riesenspiel in der Relegation in Hamburg den Klassenerhalt gesichert. Ein Kraftakt einer Mannschaft, deren Charaktere zum Teil die Spiele ihrer Karriere absolvierten.

hertha

(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Es war das passiert, was sich ein jeder im blau-weißen Trikot gewünscht hatte – Hertha produzierte Szenen für die Ewigkeit. Eine Initialzündung für die nächste Saison ist möglich. Die Fans und der Verein haben die einmalige Chance, aus einem schier endlos laufenden Albtraum zu erwachen. Eine Einordnung, was dieser Klassenerhalt bedeutet.

Drei Jahre Albtraum – die Chance zu erwachen

Ich vermute, dass viele Menschen einen Albtraum haben, der sich in irgendeiner Form gerne in schlechten Nächten in den Schlaf schleicht und einen das Leben erschwert. Bei mir zum Beispiel gibt es das sich gerne wiederholende Szenario, dass mir Menschen, die mir lieb sind, sagen, dass sämtliche Prüfungen aus Schul – und Unizeiten nachträglich als ungültig erklärt wurden und mir dementsprechend auch die Abschlüsse wieder entzogen wurden. Was mir diese Träume sagen sollen, weiß ich nicht, darum geht es jetzt glücklicherweise aber auch nicht. Als Hertha-Fan erwacht man gerade zum dritten Mal aus einem Albtraum, der sich seit drei Jahren in feiner Regelmäßigkeit wiederholt. Die Sommerpause ist wieder einmal des Herthaners bester Freund.

In den letzten drei Jahren ist so viel rund um Hertha BSC passiert, dass ein Buch nötig wäre, um all das aufzuzählen und einzuordnen. Wieder einmal gelingt der Klassenerhalt und wieder einmal in einer hochdramatischen Art und Weise. Während man 2020 unter Bruno Labbadia fast schon unspektakulär über dem Strich blieb und sich letztendlich im Tabellenmittelfeld stehend in die Sommerpause verabschiedete, war das Szenario 2021 von der Spannung und Dramatik her kaum zu toppen. Die Corona-bedingte Pause, sechs Spiele in wenigen Wochen und am Ende ein feierndes Team um Pal Dardai. Doch was dieses Jahr passieren sollte, ist definitiv unvergleichbar und hätte knapper kaum sein können. Wieder einmal kann die Hertha im buchstäblich letzten Moment dem Tod von der Klinge springen.

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(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Doch was in den jeweiligen Momenten Freude und Erleichterung bringt und eine Form von Glückseligkeit, die sich nicht einmal der aktuelle DFB-Pokalsieger erkaufen kann, freisetzt, folgt erst auf eine dramatische und nervenaufreibende Leidenszeit. Da sind wir wieder beim Albtraum. Die Zeit, in der man nachts wach wird bzw in der das Team in der Sommerpause ist, scheint die genießbarste Zeit auf Erden zu sein. Sobald man die Augen schließt und die Mannschaft in die Saison startet, geht der Schrecken von vorne los. Doch das Potential und die Chance sind da, dass man dieses Mal keine Angst vor einem Albtraum haben braucht.

Hertha BSC braucht Ruhe und Führung   

Um das möglich zu machen, braucht Hertha BSC vor allem Ruhe. Sämtliche Nebenkriegsschauplätze müssen geklärt werden. Aktuell wird der Verein in seinen Grundfesten erschüttert und treibt relativ führungslos daher. Nach dem Spiel gegen den HSV wurde bekanntgegeben, dass Finanzvorstand Ingo Schiller seine Koffer packen würde. Damit zieht der zweite große Chef nach Carsten Schmidt zum Ende dieser Saison die Reißleine. Die Tage von Präsident Werner Gegenbauer sind gezählt, sein Rücktritt scheint ebenfalls beschlossene Sache. Auch das Präsidium steht auf der Kippe. Zusätzlich wird ein neuer Trainer gesucht und viele Vertragssituationen von Personalien im sportlichen Bereich, wie Marcel Lotka, Kevin-Prince Boateng und vielen weiteren Akteuren sind bisher ungeklärt. Weiterhin ist der starke Mann Sportvorstand Fredi Bobic, dem ein Gegenspieler oder zumindest eine ernsthafte Kontrollinstanz im Verein fehlt.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Vereinslegenden wie Pal Dardai, Zecke, Michael Hartmann und zuletzt Arne Friedrich wurden unwürdig aus dem Verein entlassen bzw. getrieben. Auch das Verhältnis zur Ultraszene ist nach den vielen Auseinandersetzungen in dieser Saison nicht komplett geklärt. Ebenso muss eingehend besprochen werden, wie man sich zukünftig gegenüber dem Investor Lars Windhorst und seiner Tennor-Holding verhalten möchte. Die Mitgliederversammlung am Sonntag wird richtungsweisend sein, was die Führung des Vereins betrifft. Ein riesen großer Scherbenhaufen muss aufgefegt werden. Und eigentlich nicht nur den dieser Saison. Sondern den der letzten drei Jahre. Denn Transfer-Altlasten wie Dodi Lukebakio, Eduard Löwen oder Deyovaisio Zeefuik gilt es ebenso zu klären.

Man muss sich in gewisser Weise eingestehen, dass die legendären Tagebücher von Jürgen Klinsmann Einblicke gewehrt haben, die anscheinend wirklich zutreffend waren. Mittlerweile wurde zu großen Teilen in die damals geforderte Richtung gehandelt. Weiterhin befindet sich der Verein in einem Umbruch. Ebenso der Kader. Am Ende werden nur wenige Spieler den dritten Umbruch im Verein überlebt haben. Auf die handelnden Personen und insbesondere Fredi Bobic kommt ein Berg an Arbeit zu. Doch nun ist Sommerpause und sie haben die Zeit, all die Baustellen anzugehen. Was das alles für Hertha BSC bedeutet, wird in den nächsten Tagen und Wochen eingeordnet werden.

Ein Genuss legendärer Erlebnisse – Und die Jahre der Mahnung

In der Retrospektive wird man in einigen Wochen, Monaten und Jahren auf die Zeit schauen und wieder einmal unvergessliche Szenen und Erlebnisse ausgraben und besprechen. Es werden schlechte dabei sein, das ist klar. Drei Derbys zu verlieren, nagt am Selbstverständnis eines Jeden, der es mit der Hertha hält. Die schwarze Zeit mit Tayfun Korkut als Trainer. Die Geschichten um Pal Dardai und Arne Friedrich wirken bis heute unfair und machen betroffen. Doch beide sind dank ihrer Vergangenheit mit Hertha positiv verbunden. Dardai war vor wenigen Wochen im Amateurstadion zu Besuch um seinen Sohn Bence im U17-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart spielen zu sehen. Arne Friedrich kommentierte den Klassenerhalt auf Twitter mit blau-weißen Herzen.

Der Saisonendspurt hat sich in die Köpfe eingebrannt. Ob es der Befreiungsschlag gegen Hoffenheim war, der frenetische Jubel im Olympiastadion nach dem 2:0 gegen den VfB Stuttgart, die drei verpassten Matchbälle oder junge Spieler, wie Marcel Lotka, Oliver Christensen oder Linus Gechter, die sich für die Hertha begeistern konnten und einen riesigen Beitrag zum Klassenerhalt leisteten. Die Leistungsexplosion längst aufgegebener Leistungsträger, wie Kevin-Prince Boateng und Marvin Plattenhardt, die das Rückspiel gegen den HSV auf phänomenale Art und Weise an sich rissen und ein Tor für die Ewigkeit schossen.

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(Photo by Joern Pollex/Getty Images)

Der Abschied vom langjährigen Herthaner Niklas Stark, der nicht wie verdient gewesen im Olympiastadion stattfand, sondern in abgespeckter, aber nicht minder emotionaler Art und Weise vor den mitgereisten Fans in Hamburg. Die Geschichten wurde geschrieben und nun gilt es sie in irgendeiner Form einzuordnen und zu verstehen.

Es darf selbstverständlich kein „Weiter so“ geben. Das wird es auch nicht, das zeigen die vielen personellen Konsequenzen in den letzten Stunden. Die letzten drei Jahre müssen ein Mahnmal sein. Nicht nur für Hertha, sondern für den gesamten deutschen Fußball. Erfolg lässt sich nicht einfach so kaufen. Mit keinem Geld der Welt. Es gehören gut arbeitende Menschen dazu, die auch mit den vielen Millionen etwas sinnvolles anstellen und daran ist der Verein seit dem Einstieg von Lars Windhorst krachend gescheitert. Beinahe so deutlich, dass der Abstieg kaum noch abzuwenden gewesen wäre. Nach 34 Spieltagen hätte sich kein Mensch beschweren können, wenn es dazu gekommen wäre. Es gilt mit Bedacht und klaren und freien Köpfen zu handeln. Keiner fordert Wunderdinge. Schon gar nicht, dass nächste Saison das Ziel Europa ausgerufen wird. Wenn man sich in den sozialen Medien so umschaut, reicht eigentlich schon eine entspannte, ja fast schon langweilige Mittelfeld-Saison. Und daran sollte man sich orientieren. Es geht nicht um den Wunsch und das Image eines windigen Investors, der von dem Geschäft rein gar keine Ahnung hat. Es geht um die vielen, zehntausenden Fans, die mit dem Verein durch jedes noch so übel lodernde Feuer gehen und ihm die Treue bis in alle Ewigkeiten schwören. Ein Verein und die Fans müssen gemeinsam wachsen, die Ansprüche ebenso. Und das braucht Zeit. Die Sinnkrise und Selbstfindungsphase des Vereins ist noch lange nicht vorbei, doch mit dem Klassenerhalt konnte ein großer Schritt in die richtige Richtung gegangen werden, um diese Phase irgendwann zu beenden.

Aufwachen und die Chancen nutzen

Die Chancen für einen Neuanfang sind da, nie waren sie größer und sie dürfen dieses Mal nicht vergeben werden. Die Reaktionen der Spieler nach dem Spiel zeigen, was solche Abstiegsschlachten psychisch mit Menschen machen. Ein weiteres Jahr in diesen Tabellengefilden wäre schwerer denn je. Fredi Bobic und co. müssen nun einen schlagkräftigen Kader zusammenbauen um Hertha nächste Saison ein ruhiges Jahr zu schenken und einen gesicherten Weg in die Zukunft zu ebnen.

Nur dann gelingt es endgültig aus einem jahrelangen Albtraum zu erwachen.

[Titelbild: RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images]

Hertha BSC – Das Grab für jeden Optimisten

Hertha BSC – Das Grab für jeden Optimisten

Es ist 18:24, ich sitze von Bergen umringt an einem kleinen See auf ca. 1.500m Höhe in den französischen Alpen. Die Abendsonne scheint, man hört Vogelgezwitscher und die Welt scheint wunderbar und friedlich. Doch der Kontrast zwischen äußerer Umgebung und innerer Gefühlslage könnte größer nicht sein. Ein kleiner Text über den heutigen Spieltag, die Saison von Hertha und dem Leid eines Menschen, der sich selbst als Optimisten bezeichnen würde.

Hertha, du tust weh

Eigentlich hatte ich nicht geplant, in diesen Wochen einen Text für Hertha BASE zu schreiben. Befinde ich mich immerhin in meinen Flitterwochen und bereise Europa mit dem Wohnmobil. Daher kommt es auch, dass ich das letzte Saisonspiel meiner Hertha nicht gucken kann. Und wenn ich ehrlich bin, war ich froh drum. Ich wusste seit Tagen, dass das heute ein emotionaler Krimi wird, gänzlich unabhängig vom Ergebnis. Das hat Fußball halt so an sich und macht ihn besonders. Wir können mit ihm und durch ihn emotionale Höhen erleben, wie es kaum eine andere Sache auf der Welt vermag. Doch auf der anderen Seite kann er einem das Herz brechen, wie es ebenfalls nur wenige andere Dinge können. Und ein solcher Tag ist heute.

Sisyphos – nur anders

Wer mich ein wenig kennt, sei es über Twitter, die Podcastfolgen, den Blog hier oder auch persönlich, merkt schnell, dass ich ein tendenziell positiv gestimmter und optimistischer Mensch bin. Das hat so seine Vorteile: Man kann oft mit einem Lächeln und schönen Gedanken durch die Welt spazieren, viel Vorfreude empfinden und sich gut gelaunt fühlen. Doch dem Optimist-Sein findet sich inhärent ein großes Problem wieder: Oft ist die Welt eben nicht so positiv, wie man annimmt oder zumindest annehmen möchte. Und in solchen Momenten wird man regelmäßig enttäuscht, auf den Boden der Tatsachen zurück geschleudert und muss danach versuchen, erneut aufzustehen.

Hertha BSC versteht es so gut wie niemand anders, diesen Kreislauf in rasanter Geschwindigkeit Woche für Woche aufs Neue in Schwung zu bringen. Am Wochenende spielt die Alte Dame scheiße und verliert, oft verdient Man ist den Abend nach dem Spiel geknickt, doch schon ab Sonntagmorgen rede ich mir ein, dass es ja nicht so schlimm sei. Irgendeine Ausrede oder Begründung findet man immer: Der Gegner ist ein Top-6-Klub, der Schiri hat schlecht gepfiffen, man hatte Alu-Pech beim Abschluss oder der Gegner macht das Tor seiner Karriere (looking at you, Vogelsammer im DfB-Pokal). Montag, spätestens Dienstag dann fängt man an sich auf das Spiel am nächsten Wochenende zu freuen, dröhnt sich die Woche über mit Hertha-Content zu und wartet am Morgen des Spieltags gespannt auf den Anpfiff. Nur um wieder zu verlieren. Und wieder, und wieder, und wieder.

Hingeworfene Brotkrumen

Bis irgendwann ein gutes Spiel oder gar ein Sieg dabei ist. Beispielsweise das 3:2 gegen den BVB kurz vor Weihnachten oder ein 3:0 gegen einem zu diesem Zeitpunkt extrem starke TSG aus Hoffenheim, die in den Vorwochen 13 von möglichen 15 Punkten geholt hat. Und so steigt das gesamte Grundniveau des Optimismus sprunghaft an, nur um die Wochen danach Stück für Stück wieder abzusinken.

Dabei fing die Saison im weiteren Sinne doch so gut an. Der Sieg gegen Liverpool im Testspiel ließ mein Fan-Herz höher schlagen. Ich dachte mir: Klar, war nur ein Testspiel. Aber es war halt doch immerhin Liverpool, die nicht mit ihrer C-Elf, sondern Spielern wie van Dijk und Mane gespielt haben. Dieser Neuzugang bei uns, der Jovetic, Mensch ist der gut. Und auch Serdar, wieso hat der nur acht Millionen Euro gekostet? Ich war mir sicher, dass wir mit Pal Dardai an der Seitenlinie, dem emotional und sportlich extrem gut verlaufenem Saisonabschluss 2020/21 unter ihm und dem neuen Sportdirektor Fredi Bobic nach zwei Chaosjahren eine vergleichsweise entspannte Saison erleben dürfen.

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(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Doch schon die letzten Testspielen gegen Hannover 96 und St. Pauli ergaben nur Unentschieden, gegen Meppen quälte man sich 90 Minuten bis mich Davie Selke in der Nachspielzeit erlöste. Anschließend: Saisonauftakt gegen Köln. Die zwar einen neuen Trainer hatten, in der abgelaufenen Spielzeit jedoch erst in der Relegation die Klasse hielten, das Hinspiel gegen Kiel ging vor heimischem Publikum sogar verloren. Keine großen Sorgen also, man sollte das Spiel doch locker gewinnen können, dachte ich. Tja, ich lag falsch. Es sollte nicht das letzte Mal in dieser Saison bleiben.

Jovetic traf zwar bereits nach fünf Minuten zur Führung, doch das Spiel ging am Ende verdient und deutlich mit 1:3 verloren. Der Rest ist soweit bekannt, Derby-Niederlage, Dardai-Demission, Korkut-Installation, Derby-Niederlage, Korkut-Entlassung und Magath-Einstellung. Felix Magath. Das saß, ich brauchte mehrere Tage, um das wirklich zu verarbeiten. In meiner Kindheit Bayern-Trainer und Meistermacher bei Wolfsburg, in meinem Kopf war er eine Legende. Dieser Mann sollte MEINE Hertha trainieren? Unmöglich!

Aufschwung

Und Magath lieferte. Im ersten Spiel durch Corona verhindert und im Hotel, doch sein Co-Trainer Fotheringham war für ein paar Tage der Messias in Berlin. Ein Sieg gegen Hoffenheim und drei so dringend benötigte Punkte, gleichzeitig das erste gewonnene Spiel der Rückrunde. Der Optimist in mir erstrahlte. Die anschließend dritte und letzte Derby-Niederlage vor seit über zwei Jahren erstmals ausverkauftem Olympiastadion tat extrem weh und hinterließ tiefgehende Spuren im Verhältnis zwischen (sogenannten) Fans und Mannschaft. Es ist halt einfach so Hertha-like, das erste aufkeimende Gefühl der Hoffnung nach dem Sieg gegen die TSG unmittelbar im Anschluss niederzubrennen.

Sicher geglaubter Klassenerhalt

Das Spiel gegen Augsburg, das erste von drei Endspielen gegen direkte Konkurrenten ließ dann selbst mich staunend zurück. Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit ging ich fest von einer Niederlage aus. Und wurde dafür belohnt. Der große Vorteil eines Pessimisten, er kann nun mal im Worst Case bestätigt, im Best Case positiv überrascht werden. Gegen Stuttgart wählte ich einen ähnlichen Ansatz, wurde wieder belohnt. Und auf was für eine Art und Weise. Das 2:0 von Belfodil in der Nachspielzeit emotionalisierte mich und gefühlt das komplette Olympiastadion wie kaum ein anderes Tor der letzten Jahre. Es fühlte sich nach Klassenerhalt, nach Rettung an. Wie sollte Stuttgart nach diesem Spiel, lust- und kraftlos, jetzt zusätzlich endgültig gebrochen, noch einmal zurück kommen?

Magath mahnte

Trainer Magath zeigte sich schon vor Bielefeld vorsichtig, mahnte Fans und Presse und sagte, er habe schon die seltsamsten Dinge an den letzten Spieltagen erlebt. Ich war so blöd und glaubte ihm nicht, dachte mir: „jaja, lass ihn mal reden, wir schaffen das schon.“ Ich war wieder zum Optimisten geworden. Was danach folgte ist ein Saisonendspurt, wie ihn nur Hertha hinbekommt.

Führung in Bielefeld, Stuttgart gleichzeitig gegen Wolfsburg hinten. Der Klassenerhalt war rechnerisch sicher. Bin man in der Nachspielzeit ein Gegentor kassierte, zusätzlich glich Stuttgart in der 87. Minute ebenfalls aus. Heimspiel Mainz, schmeichelhaftes Unentschieden bis zu 82. Minute. Mir war scheißegal, dass der Punkt absolut unverdient gewesen wäre, was macht das in dieser Situation für einen Unterschied. Doch die Mannschaft zeigte sich erneut in den Schlussminuten unkonzentriert. Wie schon in Bielefeld. Wie schon gegen Augsburg in der Hinrunde. Und wie schon gegen Leverkusen in der Hinrunde.

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(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Dass Bayern nicht in der Lage ist, die Normalform gegen Stuttgart am nächsten Tag abzurufen? In Anbetracht der Umstände leider keine Überraschung, und dennoch massiv ärgerlich. Klar, man soll nicht auf die Konkurrenz hoffen, aber mal ehrlich, wer tut das nicht im Abstiegskampf? Denn wie gesagt, ob man Spiele am Ende verdient gewinnt oder verliert, verdient absteigt oder nicht, interessiert schlussendlich doch keinen.

Showdown in Dortmund und Stuttgart

Kommen wir zum Samstag. Und ich merke, dass der Text um einiges länger geworden ist als geplant. Wenn du, wenn Sie noch lesen, herzlichen Glückwunsch und vielen Dank.

Die Spieltage 32 und 33 haben mich konditioniert. So, wie jahrelang vor mir Hertha-Fans konditioniert wurden. Ich bin zum Pessimisten geworden. Alles andere als eine Niederlage beim BVB und gleichzeitigem Sieg der Stuttgarter gegen Köln hätte mich gewundert. Wie passend, ausgerechnet das Köln, welches uns am ersten Spieltag vor Augen geführt hat, dass auch diese Saison ein Krampf werden wird, hatte es mit in der eigenen Hand, ebenjene Saison für uns trotz aller Umstände tabellarisch zu retten. Das Führungstor von Belfodil kam überraschend, änderte jedoch nichts an meiner mentalen Verfassung, ich blieb pessimistisch. Auch weil Stuttgart zu diesem Zeitpunkt bereits führte.

Um die 60. Minute rum sagte ich zu meiner Frau, Köln hatte mittlerweile ausgeglichen: „Hey, es bräuchte noch drei Tore in 2 Spielen, damit wir in die Relegation müssen. Aber das wird auch passieren.“ Innerlich keimte dennoch eine Hoffnung auf. Wie so oft in dieser Saison. Tja, was folgte ist bekannt. 84. Minute Führung für Dortmund, 90+2 in Stuttgart erneute Führung für die Schwaben. Relegationsplatz für uns.

Zweite Liga, wir kommen!

Und ich? Ich hatte den großen Fehler begangen, für ein paar Minuten, insbesondere ab der 90. Minute in Stuttgart, zum Optimisten zu werden. Ich wollte es ein letztes Mal in dieser Saison sein, der Optimist. Vier Minuten? Ach das wird Köln schon hinbekommen. Wie gesagt, großer Fehler. Wäre ich Pessimist geblieben, vielleicht wäre der Fall nicht so tief gewesen. So habe ich eine Leere gespürt, die seit 2012 nicht mehr da war. Die vermutlich jeder Hertha-Fan gerade spürt. Wie soll man damit klar kommen? Ich weiß es momentan nicht und kann keine Lösung bieten. Ich kann nur darauf hoffen, dass die Zeit hilft die Wunden zu heilen.

(Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images)

Und so bleibe ich jetzt dabei und bin für die Relegationsspiele pessimistisch. Wir werden verlieren, egal gegen wen. Und wir werden in die zweite Liga gehen. Das steht für mich fest. Doch wir haben heute den Morgen nach dem Spiel. Ich kenne mich, leider. Ich werde spätestens ab Montag davon ausgehen, dass wir gewinnen. Ein ewiger Kreislauf, den Hertha auch noch ein letztes Mal in dieser Saison weiterführt. Und egal wie es ausgeht, ob 1. oder 2. Liga. Ich werde mich auf die neue Saison freuen. Und vom bestmöglichen Szenario ausgehen. Weil ich das nun mal bin. Und Hertha wird mir erneut wehtun und mich erneut enttäuschen. Und es wird ok sein. Wahrscheinlich. Denn es geht weiter immer weiter, wird für immer Hertha bleiben.

HaHoHe, auf eine bessere Zukunft!

Du kannst, denn du musst Hertha!

Du kannst, denn du musst Hertha!

Nach der peinlichen 1:4-Niederlage gegen Union Berlin sieht sich Hertha BSC am Rande des Abstiegs. Nur noch fünf Spiele bleiben, um auch nächste Saison in der Bundesliga spielen zu dürfen. Ein Weckruf.

Schon wieder Abstiegskampf. Auf die letzten Spiele nochmal alle Kräfte bündeln, sich hinter der blau-weißen Fahne gemeinsam versammeln. Die nächste Stufe in Sachen Support und Willen zünden. Nach den gemütlichen Jahren im grauen Mittelfeld ist man so eine Belastung als Fan weder gewöhnt, noch ist man gewillt, sie zum Dauerzustand verkommen zu lassen.

Bevor Fans aber resigniert die Trikots ablegen (lassen), gilt es dennoch, sich zusammenzuraufen und dem Verein(!) die so dringend benötigte Unterstützung zukommen zu lassen. Frei nach dem, Imanuel Kant zugeschriebenen Ausspruch: „Du kannst, denn du sollst.“ Nur soll Hertha nicht nur den Abstieg verhindern, Hertha muss ihn verhindern.

Der so formulierte Anspruch gründet sich nicht aus den sportlichen Ambitionen eines Investors, nicht aus den Eitelkeiten eines Präsidenten und schon gar nicht aus den Visionen eines Sportdirektors. Hertha muss die Klasse halten, weil die Fans und Mitglieder es verdient haben, dass sich jeder Verantwortlicher und jede Verantwortliche den Arsch aufreißt, um dieses Ziel zu erreichen. Ein Vorhaben, was in genau diesem Fall von Erfolg gekrönt sein wird.

Die Pflicht, die Klasse zu halten, besteht nicht um der Pflicht willen. Selbstverständlichkeiten existieren im Fußball nicht. Sie entspringt vielmehr aus dem Engagement all jener Fans, die trotz zwei Jahren Pandemie immer zum Verein standen, die Hertha-Kneipen Retter:innen sind, die seit Jahren für ein neues Stadion kämpfen, und die ihre Freizeit dafür aufbringen, bedürftigen Menschen auf den Straßen Berlins zu helfen. Sie dürfen nicht enttäuscht werden.

Absteigen tut man immer zusammen. Die Klasse halten auch. Die Fans müssen alles geben. Der restliche Verein und die vor allem die Mannschaft müssen nachziehen. Sie können es. Hertha BSC kann es.

[Titelbild: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images]