Politik rein in die Stadien!

Politik rein in die Stadien!

Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?

Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?

“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”

So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:

„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

  • jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
  • jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
  • jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
  • jegliche diskriminierende Organisation,
  • jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
  • jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
  • Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“

Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.

Politik ja, aber nur das was wir wollen.

Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.

Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.

Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.

Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.

Fußball als politisches Vakuum?

Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.

Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.

Sport war, ist und bleibt ein Politikum

Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.

Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt. 

Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.

Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)

Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.

Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?

An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.

Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.

Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.

Auch Hertha geht wählen

Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.

Foto: IMAGO

Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.

Welchen Umgang wollen wir finden?

Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.

Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.

Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.

Fußball nicht nur Rückzugsort

Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?

Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.

Foto: IMAGO

Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.

Das Private ist politisch

Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.

Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.

Poldolski hatte Recht

„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.

(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)

Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.

Worauf es ankommt

Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.

Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.

[Titelbild: IMAGO]

Das entrückte Spiel

Das entrückte Spiel

Gigantische Geldbeträge, intransparente Strukturen, Korruptionsfälle und Spiele in Risikogebieten. Der Fußball scheint sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Hat er noch das Potential seine Fans mitzunehmen?

Der Ball ist zwar immer noch rund, aber der Fußball hat sich trotzdem verändert. War er früher noch handgenäht aus schwerem Leder, ist das heutige Spielgerät ein High-Tech-Objekt samt implantierten Chip. Er besteht längst aus 100% synthetischen Materialien und ein spitzzüngiger Beobachter könnte nun behaupten, dass seine Entwicklung sehr ähnlich zu der des Spiel, in dem er benutzt wird abgelaufen ist. Wo man früher bei Wind und Wetter auf engen Holzbänken seinem Team zugejubelt hat, stehen längst überdachte Werbe-Locations, in denen manchmal auch gespielt wird. Ablösesummen aus den 70er Jahren sind inzwischen oft nur noch ein Monatsgehalt und Fair-Play scheint zum bedeutungslosen Buzz-Word degradiert worden zu sein. Einzelne Vereine der höchsten europäischen Liga mögen dem zwar marketingwirksam die Fackel des Anti-Kommerz entgegenhalten, aber die schnellen Autos, Mykonos Urlaube und Spielbankaufenthalte der Spieler lassen sich sicher nicht mit Fußballromantik bezahlen.

Fußball ist tot, wir haben ihn getötet!

Wer trägt Schuld daran? Es wäre ein leichtes, raffgierige Piranhas, abgehobene Jugendliche oder korrupte Funktionäre als Königsmörder auszumachen. Doch so einfach ist es nicht. Das Geld im Fußball muss von irgendwoher kommen. Trikots, Eintrittskarten und neue FIFA-Editionen werden von den Fans gekauft und bereitwillig konsumiert. Im Laufe von fast 150 Jahren Geschichte wurde das Produkt so immer weiter perfektioniert. Was unsere Eltern gesäht haben, dürfen wir jetzt ernten. Das Investment der vergangenen Generationen an Fans, die die jetzt so herbeigesehnte Fußballromantik noch hautnah miterleben durfte, hat eine Rendite erbracht, von denen Großanleger nur träumen können. Alle verdienen an diesem Spiel. Fans bekommen das ultimative Spektakel und den ihren wöchentlichen Schuss. Spieler, Berater und Funktionäre das große Geld und kleine Kinder einen Traum zum hinterhereifern. Eine klassische Win-Win-Loose Situation, denn der, der am Ende die Zeche zahlt, ist der Fußball an sich.

(Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Doch was ist dieser „Fußball“ überhaupt? Ist es die Bratwurst für 2,50€, die ihren Preis vielleicht nur mit der zweifelhaften Herkunft aus einer Nordrheinwestfälischen-Großschlachterei rechtfertigen kann? Die Unmengen an Alkohol, die wir uns zu Gemüte führen, weil wir manche Spiele nur knapp diesseits der Bewusstlosigkeit ertragen können? Das Tragen von Trikots von Spielern, deren Lebensrealität so gut wie gar nichts mit der derer zu tun hat, die ihnen von den Rängen zujubeln? Sind es Figuren, wie Jürgen Klopp, die eine nahbare Authentizität ausstrahlen, obwohl er längst Haare und Zähne hat machen lassen und Teil eines Unternehmens ist, dass letzte Saison 600 Millionen Euro Umsatz erzielt hat? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch das wohlige Gefühl, als die Eltern einen das erste Mal ins Stadion mitnahmen und man von den Schultern des Vaters alle überragte. Der Glücksrausch, als man sein erstes Tor im Verein erzielte. Der Vorwand, in die alte Heimat zurückzukehren oder die schwüle Sommernacht, als sich ganz Deutschland in den Armen lag, weil Mario Götze das Ding machte.

Was der Fußball für einen bedeutet, kann letztendlich nur jeder selbst für sich entscheiden. Fest steht jedoch, dass wir alle unseren Teil dazu beigetragen haben, dass sich die Situation so entwickelt hat, wie wir sie jetzt vorfinden. Natürlich nicht jeder gleichermaßen, doch die Verfehlungen des modernen Event-Fußballs liegen derart offen, dass niemand, der ihn verfolgt ernsthaft von sich behaupten kann, dass er von nichts gewusst hätte. Wir wären natürlich alle gerne im Widerstand, doch die Realität zeigt eher, dass es die meisten Fans zwar virtuell aufregt, doch die nächste wöchentliche Dosis sehnlichst erwartet wird. Boykottaufrufe, wie der zur EM 2012 über die Behandlung ukrainischer Oppositioneller, zur WM 2018 ob der politischen Situation in Russland oder zum Turnier in Katar verhallen ungehört oder gehen im kollektiven Jubel oder der geteilten Empörung des Landes unter.

Wenn wir so inkonsequent sind, dann ist die Entwicklung des Spiels nicht besonders verwunderlich, sondern eigentlich gerade zu logisch. Und um das vorne angebrachte Nietzsche-Zitat nicht alleine stehen zu lassen, noch eines von Friedrich Dürrenmatt hinterher, welches die Gedanken all jener, die durch unsere Gunst verdienen treffend zusammenfassen scheint: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell!“

Ist der König gar ein Demokrat?

Die geschaffene Abhängigkeit als Krankheit, der wir nicht entfliehen können. Ich habe es schon erwähnt; diese Sichtweise wäre zu einfach. Es ist eine faszinierende Ironie der politischen Inszenierung des Sports, dass die ihr zugrundeliegenden Prinzipien fundamental demokratisch sind. Das bedeutet, dass selbst autoritäre Herrscher, die sich der vermeintlichen apolitischen Natur des Sportes bedienen wollen, darauf angewiesen sind, dass das Volk beziehungsweise die Fans, bei diesem Vorhaben mitziehen. Es versteht sich von selbst, dass der Sport auch Opium für das Volk sein kann, aber dennoch: Ohne Zuschauer:innen gibt es kein Spektakel.

Gleichzeitig ist der moderne Fußball nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen tausende eingetragene Vereine, die mit den Giganten wie PSG, Manchester City und Bayern München ungefähr so viel zu tun haben, wie Artur Wichniarek mit der Torjägerkanone. Zehntausende Ehrenamtliche und unterklassige Spieler:innen, die sich ganz ohne Millionengehälter für ihren Verein den Arsch aufreißen und natürlich die Fans, die kein Kreisklassenspiel versäumen und lieber einem 110 Kilo schweren Libero zujubeln als Neymar.

Fußball ist keine Droge, denn anders als jene können wir das Produkt aktiv gestalten. Wir sind nicht auf den kleinen Straßendealer angewiesen, der uns gestrecktes Zeug für einen schlechten Kurs verkauft. Wir können uns unseren eigenen Stoff herstellen. Alles was wir dazu brauchen, ist ein Tor und ein Ball. Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob der moderne Event-Fußball eine Droge ist. Ich würde dagegenhalten und erwidern, dass wir es hier eher mit einem extrem gut auf die Bedürfnisse der Konsumenten zugeschnittenen Produkt zu tun haben. Das ist Heroin natürlich auch, aber anders als bei Heroin ist es beim Fußball wesentlich einfacher die Bedürfnisse und damit das Produkt zu ändern.

Der König ist tot, lang lebe der König!

Im Grunde genommen weist der moderne Event-Fußball frappierende Ähnlichkeit zum europäischen Adel auf. Er entführt uns in eine fremde Welt voller Glanz und Glamour, Skandalen und Triumphen. Es gibt die Nerds, die dir die Mannschaftsaufstellung von Hertha-Bayern aus der Hinrunde 02/03 ebenso im Schlaf herunterbeten können, wie den Ur-Ur-Ur-Enkel der Queen. Genau wie in den europäischen Königsfamilien haben langwierige Vetternwirtschaft und inzestuöse Beziehungen ihre Spuren am Gesicht des Fußballs hinterlassen. Und irgendwann endet alles damit, dass eine Hand voll Menschen auf einem Balkon stehen und sich von der Menge hofieren lassen.

Doch nur, weil man einen Monarchen hat, bedeutet das nicht, dass man sich auch von ihm regieren lässt. Zwar sehnt manch einer zurück in die wilhelminische Zeit, doch in den europäischen Ländern, in denen der Adel noch existiert, hat er entweder keine Macht mehr oder eher repräsentative Funktionen. Diese Entwicklung ist auf politische Änderungen, maßgeblich getragen vom jeweiligen Volk, zurückzuführen.

(Photo by Alex Burstow/Getty Images)

Wir haben also die Macht den König zu stürzen und durch einen neuen, einen unserer Gnaden, zu ersetzen. Ich will damit nicht sagen, dass der moderne Event-Fußball abgeschafft werden soll. Diese skurrile Welt hat seinen Charme und seine Berechtigung. Genauso  wie es vollkommen in Ordnung ist, wenn sich Millionen Menschen eine königliche Hochzeit angucken, ist es nachvollziehbar, dass es beim Fußball gleich ist. Wir sollten uns jedoch klarmachen, dass das, was da auf dem Bildschirm in London, Budapest und Katar passiert nicht die reale Welt ist.

Gleichzeitig müssen wir jedoch auch im Hinterkopf behalten, dass Fußball mehr als das alles ist. Es ist gut Rückzugsorte zu haben, in denen man die Sphären der Realität mal verlassen kann. Diese Utopien werden aber von uns geschaffen und sind auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. Diese Bedürfnisse anzupassen, bedeutet sich zu fragen, ob ich lieber den Sensationsjournalismus des Doppelpass oder ähnlicher Medien verfolgen will oder gut recherchierte Hintergrundgeschichten. Ob ich hunderte Euro für den Stadionbesuch ausgebe oder nicht vielleicht eher mit Freunden das Spiel im heimischen Garten verfolge. Ob es wirklich jede Woche Bundesliga sein muss oder nicht auch mal der lokale Kleinverein und ob ich klaglos hinnehme, dass das Verfolgen der Spiele immer schwieriger wird, da die Rechte immer weiter zersplittern.

Revolution!?

Ob es einem Wert ist sich in diese Richtung zu engagieren muss jeder selbst für sich entscheiden. Wir dürfen unser Ideal vom Fußball niemanden aufzwingen, es ist ein Spiel, was stückweit allen gehört, auch wenn es schmerzt das bei manchen Personen zuzugeben. Dieser Fakt befreit aber nicht von der Verantwortung darüber nachzudenken, inwiefern man zum Status Quo beiträgt. Als Hertha-Fan ist man hierbei in einer schwierigen Lage. Der lange Tennor-Schatten fällt auf jeden, der sich für einen nachhaltigen Wandel einsetzt. Prinzipiell erkenne ich allerdings nicht, wie Geld alleine einen Verein zur Ausgeburt des Bösen macht. Die Fans und Mitglieder haben immer noch Einfluss und wo sie ihn verlieren, müssen sie ihn zurückfordern oder es einvernehmlich geschehen lassen. Hertha ist zugleich ein Traditionsklub und keine Summe der Welt vermag diese Geschichte auszuradieren. Im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, muss außerdem nicht schlecht sein. Aktionen wie „We-Kick-Corona“ oder die jüngste Hertha-Kooperation mit der DKMS entfalten ihr Potential eben nur, weil hier prominente Multiplikatoren beteiligt sind.

Die Gretchenfrage an den Fußball bleibt deshalb: „Nun sag mir, wie hast du’s mit deinen Wurzeln?“ Während das moderne Spektakel die emotionale Wirkung des Spiels potenziert, darf man nicht die Bodenhaftung verlieren. Das bedeutet keine Flüge von Stuttgart nach Basel, sondern konsequenter Klimaschutz. Keine finanziell motivierten Forderungen nach Stadionöffnungen unter dem Deckmantel der Fanbeteiligung, sondern Demut ob der gesellschaftlich privilegierten Stellung. Keine Länderspiele um des Spielens willen, sondern Prioritätensetzung. Keine Steuerhinterziehung durch den Verkauf der eigenen Bildrechte, sondern soziale Investitionen. Für Hertha-Fans bedeutet das, der Vereinsführung nochmal genauer auf die Finger zu schauen und gegeben Falls auch zu hauen, falls die eigens auferlegten Werte ad absurdum geführt werden.

Wir können den Fußball wahrscheinlich nicht dahin zurückverwandeln, was er einmal war. Allein schon deshalb, weil niemand genau weiß was das genau bedeutet. Einen rückwärtsgewandten romantisierten Blick halte ich deshalb für nicht zielführend. Vielmehr brauchen wir einen modernen, an der Gesellschaft orientierten Fußball und kein entrücktes Spiel. Wir brauchen eine repräsentative Monarchie.

[Titelbild: FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images]

Kommentierende Analyse – Wie könnte sich Hertha unter Carsten Schmidt verändern?

Kommentierende Analyse – Wie könnte sich Hertha unter Carsten Schmidt verändern?

Mit Carsten Schmidt hat sich unsere Hertha einen der bekanntesten TV-Manager Deutschlands ins Boot geholt. Warum die oftmals beschriebene Entmachtung Michael Preetz‘ nicht zutreffend ist, in welchen Bereichen Schmidt Hertha helfen kann und was sich zum Negativen verändern könnte, beschreibt Benjamin Rohrer in einer Analyse.

Besonders in den heutigen Zeiten sehr wichtig zu erwähnen: Es handelt sich hierbei um eine Analyse, da journalistisch-investigativ gearbeitet wurde, allerdings steckt auch Meinung in diesem Artikel. Wir bitten, das zu berücksichtigen, da es bei unserem Artikel zu Jens Lehmann, der klar als Kolumne gekennzeichnet ist, zu Missverständnissen kam.

Schmidts Anfänge in der Branche

Hertha BSC hat einen neuen Chef. Carsten Schmidt heißt er und war zuletzt für den Fernsehkonzern Sky tätig. Aber wer ist dieser Carsten Schmidt eigentlich? Und wie könnte er Hertha BSC verändern? Dazu zunächst ein kleiner Blick in Schmidts Vergangenheit: Schmidt wurde 1963 im niedersächsischen Lüneburg geboren. Sein Abitur bewältigte er in Winsen an der Luhe, anschließend zog es ihn nach München, um einige Jahre später an der dortigen Fachhochschule sein Studium als Diplom-Betriebswirt abzuschließen.

Schmidt blieb in München und begann seine Karriere bei dem Sportmedien-Dienstleister Wide Media, wo er zwischen 1992 und 1999 Geschäftsführer für die Bereiche Marketing und Television war. Im Juli 1999 begann Schmidt seine Karriere im Sky-Konzern, der damals noch unter dem Namen Premiere firmierte. Zwischen 2006 und 2015 war er Geschäftsbereichsleiter und somit Vorstandsmitglied bei Sky, zuständig für die Ressorts Sport, Werbezeitenvermarktung und Internet zuständig. Als es 2015 den damaligen Sky-CEO Brian Sullivan zurück in die USA zog, wurde Schmidt zum neuen Konzernchef. Innerhalb des Vorstands verantwortete er den Bereich der Sportsender und des Sportrechteeinkaufs sowie wie Online-Aktivitäten und die Werbezeitenvermarktung.

“Liebe auf den ersten Blick”

In Interviews erklärte der heute 57-jährige Schmidt mehrfach, dass er den Sky-Konzern nicht mehr leiten wolle, wenn er 60 wird. Und so kam es wenig überraschend, dass er im vergangenen Jahr ankündigte, dass er die Konzernleitung zum Ende des Jahres 2019 abgeben wolle. Schmidt blieb dem Konzern allerdings als Berater erhalten. Doch wie sich nun herausstellte, hatte Schmidt in seiner neuen Funktion bei Sky auch schon länger Kontakt mit Hertha. Bei seiner Vorstellung erklärten er und Präsident Werner Gegenbauer, dass die Suche nach einem neuen Vereinsboss schon länger liefen und man auch mit Schmidt schon länger verhandelt habe. Schmidt, der seinen Job bei Hertha im Dezember antreten wird, sprach von einer „Liebe auf den ersten Blick“.

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Seine neue Position bei der Hertha ist der Vorsitz der Geschäftsführung. Somit wird er unmittelbarer Vorgesetzter der anderen Geschäftsführer Michael Preetz (Sport), Ingo Schiller (Finanzen), Thomas E. Herrich (Recht, Personal, etc.) sowie Paul Keuter (Kommunikation, Markenführung, etc.). Schmidts künftige Zuständigkeiten innerhalb der Chefetage liegen in den Bereichen Marketing, Vertrieb, Strategie, Unternehmenskommunikation und Internationalisierung. Somit fällt auf: Er wird gerade von Preetz und Keuter Aufgaben übernehmen. Schließlich war Preetz bislang auch für den Bereich Kommunikation/Medien verantwortlich. Auffällig ist die Deckungsgleichheit zwischen Keuters Arbeitsbereichen und Schmidts Kompetenzen. Wenn hier überhaupt von einer „Entmachtung“ die Rede sein kann, dann nicht für Michael Preetz. Schmidt ist kein Fußballexperte. Er weiß, wie man Großkonzerne leitet, wie man neue Geschäftsbereiche erschließt und (neue) Produkte aussichtsreich im Markt platziert. Eigenschaften, die Hertha BSC bitter nötig hat.

Konkrete Pläne für seine Zeit bei Hertha verriet der TV-Manager noch nicht. Schließlich wolle er die derzeit „sehr gut handelnden Kollegen“ nicht respektlos behandeln, so Schmidt. Alle Aussagen darüber, was Schmidt bei Hertha umgestalten könnte, sind daher Vermutungen. Allerdings lässt sich anhand seines Werdegangs abschätzen, wohin die Reise gehen könnte. Klar ist: Schmidt ist in der Fernseh- und Sportmedienbranche einer bekanntesten Manager Deutschlands. In seine Ägide als Sky-Chef fielen unter anderem der Senderstart von Sky Sport News HD, die Einführung neuer Marken wie Sky Q und die Produktion preisgekrönter Sky Originals wie etwa „Das Boot“ und „Babylon Berlin“. Schmidt hat es geschafft, aus einem reinen Fußballsender wie Premiere (Sky) einen Medienkonzern zu machen, der seinen Kunden ein extrem breites Entertainment-Angebot macht. Beispielsweise positionierte er Sky in den vergangenen Jahren im Wettbewerb mit den US-Konzernen Netflix und Amazon, die mit ihrem Serienprogramm in den vergangenen Jahren immer mehr Kunden gewinnen konnten. Unter Schmidts Leitung stieg Sky nicht nur in diesen Wettbewerb der TV-Serien ein, sondern begann auch eigene Serien-Produktionen.

Wandel zum Konzern?

In einem Interview mit dem „GQ Magazin“ sagte der TV-Manager einmal, dass er es bei Sky allen „Skeptikern und Pessimisten“ zeigen wolle, sodass aus „Mitleid Neid wird“. Bei Sky ist ihm das gelungen. Aber dieser Satz lässt sich auch sehr gut auf die Hertha beziehen. Auch das Unternehmen Hertha BSC benötigt in der Öffentlichkeit einen neuen Anstrich. Bei Hertha könnte Schmidt nicht nur – wie damals bei Sky – dafür sorgen, dass der Verein neue Produkte und somit neue Einnahmequellen generiert. Er könnte auch dazu beitragen, dass ein Verein, der insbesondere in den vergangenen Jahren aufgrund diverser interner Unruhen des Öfteren belächelt wurde, wieder in ruhigere Fahrwasser kommt.

Foto: IMAGO

Schmidts Fähigkeit, neue, „gesündere“ Themenschwerpunkte zu setzen, kann Hertha zweifelsohne helfen. Aber sie hat auch einen Preis. Denn machen wir uns nichts vor: Damit Hertha nicht noch einmal ein solches Skandaljahr wie das vergangene erlebt, müssen sich auch intern Strukturen ändern. Was Schmidt diesbezüglich unternehmen möchte, ist natürlich reine Spekulation. Aber auch hier ist ein Blick in seine Vergangenheit erlaubt, um mögliche Szenarien abzuschätzen. Schmidt hat bei Sky einen Konzern mit knapp 2000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 2 Milliarden Euro geführt. Unter seiner Leitung hat der Sky-Konzern allerdings aufgehört, viele Kennzahlen des Unternehmens zu kommunizieren. Die letztbekannten Entwicklungen der Kundenzahlen und des Umsatzes von Sky stammen beispielsweise aus dem Jahr 2016. Die Strategie dahinter ist klar: Möglichst wenig Angriffsfläche für negative Berichterstattung geben, wenn mal etwas schiefläuft.

Denkbar ist natürlich, dass Schmidt auch bei Hertha konzernähnliche Strukturen einzieht, um Diskussionen besser kontrollieren zu können. Konzernchefs sind in der Regel darauf fokussiert, möglichst wenig über das Innere ihres Unternehmens an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Auch bei Hertha kann also damit gerechnet werden, dass die Fans immer weniger über das wahre Innenleben des Clubs erfahren. Die nach außen kommunizierten Inhalte dürften abflachen und stetig aufgehübscht wirken. Man kann das Professionalisierung nennen, das Wort „Intransparenz“ wäre aber auch angebracht. Inwieweit sich das mit dem Modell als eingetragener Verein, der seine Mitglieder informiert halten muss, verträgt, muss abgewartet werden.

Bald kein Vereins-TV mehr?

Sehr spannend ist diesbezüglich aber auch eine weitere Aussage Schmidts in dem oben genannten Interview. Der TV-Manager sprach dort über die PR-Aktivitäten der Clubs. Konkret ging es darum, dass die Vereine immer mehr Nachrichten über sich selbst produzieren und diese auf den eigenen Medienkanälen ausspielen. Reine Sportsender, die insbesondere im Fußballbereich als Informationsquelle Nummer eins galten, ist das natürlich ein Strich durch die Marketing-Rechnung – erst recht, wenn man – wie Schmidt Sky Sports News – erst gerade einen teuren Nachrichtensender aufgebaut hat. Schmidt sagte dazu: „Unnachgiebig kritisch bin ich aber mit den Aktivitäten der Clubs, die zusehends selbst Programme entwickeln und dafür auch Zeit von ihren Spielern und Trainern abfordern. Da ist für mich eine Grenze überschritten, weil uns als wirtschaftlich ins Risiko gehenden Partner diese Zeit dann eben nicht mehr zur Verfügung steht und unsere Berichterstattung dadurch mehr und mehr eingeschränkt wird, indem wir weniger Zugang haben zu der journalistischen Betrachtung, die der Zuschauer unabhängig, nicht geprägt durch eine Vereinsbrille, erwartet und für die er zahlt. Dieser Trend gefällt mir nicht und er muss korrigiert werden.“

Als neuer Hertha-Chef dürften es aber genau diese selbst produzierten Inhalte sein, die ihm dabei helfen, die öffentliche Diskussion über Hertha BSC besser zu kontrollieren. Dazu passend sagte Schmidt auch bei seiner Vorstellung in der Hertha-Geschäftsstelle, er wolle weniger Anlass zu negativer und mehr Anlässe zu positiver Berichterstattung geben. Man darf gespannt sein, ob es Formate wie „Hertha TV“, das mit Lena Cassel gerade erst eine neue Moderatorin eingestellt und mit Formaten wie “Hertha030” groß aufgefahren hat, in ein paar Jahren noch gibt. Klar ist: Hertha BSC ist im Wandel und dieser wird durch eine Personalie wie Carsten Schmidt noch rasanter verlaufen.

[Titelbild: IMAGO]

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

In wenigen Tagen beginnt die Bundesliga-Saison 2020/21. Bei vielen Hertha-Fans wird hierbei wieder das nervöse Zucken und die Schweißausbrüche anfangen – auch das Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig wird die Lust auf die kommende Spielzeit nicht unbedingt gesteigert haben. Die Hertha-BASE-Redaktion freut sich allerdings auf diese Saison, allerdings nur, wenn dabei auch zumindest Teile ihrer Wünsche erfüllt werden. Hierfür hat die Redaktion fünf Aspekte herausgearbeitet, die Hertha eine gute Saison und den Fans weniger schlaflose Nächte bereiten würden.

Ein Team sein – nicht nur auf dem Rasen

Es war der 11. Februar 2020, als eine Erklärung über Facebook-Fußball-Deutschland zunächst einmal ungläubig dreinblicken und danach kollektiv den Kopf schütteln ließ. Jürgen Klinsmann, der Held des Sommermärchens 2006, demontierte sich kurzerhand selbst, indem er mal eben sein eigenbestimmtes Ende als Hertha-Trainer bekanntgab. Eine Nachricht, die den ganzen Verein in totales Chaos stürzte. Doch neben den unzähligen, negativen Konsequenzen, die das Ganze für Hertha nach sich zog, gab es tatsächlich auch einen positiven Nebeneffekt. Denn zum ersten Mal in der abgelaufenen Saison zeigten alle handelnden Personen Einigkeit in der Öffentlichkeit. Von Preetz und Gegenbauer ist man dies nicht anders gewohnt. Doch seit dem vergangenen Sommer ist da noch eine dritte Person: Investor Lars Windhorst. Nicht wenige befürchteten, dass dessen vermeintliche Nähe zu Klinsmann nun auch zum Umdenken des einstigen „German Wunderkind“ führen und zusätzliches Wirrwarr in den Verein bringen könnte.

Sorgen wie diese traten auch zutage, weil sich Hertha – wie so oft – in der Außenkommunikation nicht gerade geschickt anstellte. Sprach Windhorst schon früh von Champions-League-Ambitionen, trat Preetz in der Öffentlichkeit immer wieder auf die Bremse. Umso wohltuender war es dann, als das angesprochene Trio infolge der Klinsmann-Posse gemeinsam vor die Presse trat und auch Lars Windhorst selbst klar machte, dass er und der Verein auf derselben Seite stünden und er mit Hertha ein „langfristiges Investment“ plane. Natürlich sind solche Sätze bei einem gewieften Geschäftsmann wie Windhorst immer mit Vorsicht zu genießen, doch auch er wird sich an diesen Worten messen lassen müssen, will er seinen Ruf nicht schädigen. Und dass ein Verein, der sich Verstärkung durch einen Investoren holt, nur dann erfolgreich arbeiten kann, wenn alle Parteien geeint auftreten, das zeigen Beispiele wie 1860 München und der Hamburger SV seit Jahren. Im Falle von Windhorst heißt das: es dürfen in der kommenden Saison gern ein paar weniger großspurige Aussagen getroffen werden. Vielleicht hilft ja ein Pokalaus gegen einen Zweitligisten dabei, etwas mehr Realismus walten zu lassen.

Alexander Jung

Foto: IMAGO

Endlich wieder Konstanz

Auch wenn der Saisonstart rund um die Testspiele und den DFB-Pokal alles andere als darauf schließen lässt, wünsche ich mir dieses Jahr: Konstanz. Konstanz in den individuellen Entwicklungen der Spieler, Konstanz auf der Trainerbank, Konstanz bei den Entscheidungen auf Management-Ebene und Konstanz nicht nur in einer Saisonhälfte. 

Die letzte Saison hat mit der wohl größtmöglichen Härte gezeigt, wie schnell sich aufgrund der neuen und im Verein noch unerfahrenen Investorensituation eine Krise zu einem bundesweiten Politikum entwickeln kann. Darum ist es diese Saison wichtiger denn je Konstanz zu entwickeln, dem Kader und vor allem den jungen Spielern zu vertrauen, Fehler zu akzeptieren und daraus langfristig und nachhaltig zu lernen.

Der Glaube, man muss die Sterne vom Himmel spielen, um schnellstmöglich in die europäische Spitzenklasse zu kommen, ist trotz den finanziellen Mitteln und einem qualitativ hochwertigen Kader mehr Träumerei und Gefahr für die kurzfristigen Entwicklungsschritte des Vereins – vor allem mit einem sehr jungen Kader. Konstanz entwickelt sich durch Geduld und Geduld durch die Akzeptanz von Fehlern und die akribische Arbeit aus diesen zu lernen.

Marcel Rombach

Keine Trainer-Diskussion

“Die höchsten Anforderungen stelle ich an mich selbst.” Bruno Labbadia, Hertha-Trainer seit der Corona-Unterbrechung, hat sich insbesondere in seinen ersten Wochen als Cheftrainer der Blau-Weißen einen Namen gemacht. Die Siege gegen Hoffenheim und Union haben ihm bei den Hertha-Fans viel Anerkennung eingebracht. Das Vertrauen in Labbadia, der sich für seine Zeit in Berlin viel vorgenommen hat, sollte man nicht so schnell verlieren – unabhängig von einer weniger erfolgreichen Vorbereitung oder Ergebnistalfahrten. Labbadia kann sowohl Teams in schwierigen Situation anleiten als auch, wie im Wolfsburg bewiesen, ein Team entwickeln und eine Spielidee implementieren. Dass dies bei Hertha Zeit braucht, sollte jedem klar sein. Junge Spieler bringen viel Potenzial mit, aber auch starke Schwankungen.

Es wird eine Saison mit Hochs und Tiefs – Bruno Labbadia wird daran mal mehr, mal weniger Anteil haben. In jedem Fall sollte seine Arbeit aber immer über einen längeren Zeitraum beurteilt werden, und “Trainer raus!”-Rufe haben sich auch in Krisenzeiten nur selten als hilfreich erwiesen. Um sich aus dem Abstiegskampf herauszuhalten, ist Herthas Mannschaft allemal gut genug. Das Eruieren der Entwicklung der Spieler sowie des taktischen Systems sollte man derweil auf das Saisonende verschieben, nach der vergangenen Spielzeit kann ein wenig Ruhe und Konstanz in Form von Bruno Labbadia dem Team nur gut tun.

Simon

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Geduld statt Größenwahn

„Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“ – heißt es so schön und erinnert uns daran, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Aus dem Nichts kann man nicht in kurzer Zeit eine Weltstadt aufbauen, und aus einem Chaosclub entsteht nicht innerhalb eines Jahres ein solider, krisenfester Verein in der Top-7 der Bundesliga. Doch genau diese Tatsache scheinen viele vergessen zu haben. Gefühlt haben vor Anfang der neuen Saison mehr als die Hälfte der Deutschen Fußballfans Hertha BSC auf einen europäischen Tabellenplatz getippt. Und auch Hertha hat vor allem letzten Saison zu früh zu große Töne gespuckt.

Doch wie bereits in der Vorbereitung zu spüren war: der Aufbau der „neuen“ Hertha hat gerade erst begonnen. Alte Leistungsträger sind gegangen, neue junge unerfahrene Protagonisten dazugekommen. Neue Spieler kommen noch und eine interne Hierarchie hat sich noch nicht gebildet. Bruno Labbadia hat quasi als Chefkoch noch gar nicht alle Zutaten, und trotzdem erwarten viele bereits ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinbeilage. Wie es zuletzt der Chefkoch selbst betonte, wird der gewählte Weg von Hertha BSC alles andere als leicht sein. Fußballerische Entwicklungen dauern immer länger und sind erst viele Monate später wirklich spürbar.

Genau aus diesem Grund wünsche ich mir für die neue Saison eine Hertha-untypische Reaktion auf Misserfolg: Geduld statt Größenwahn. Ich wünsche mir, dass trotz Rückschläge, Häme und Spott nicht wieder so schnell der Aufschrei nach schnellen und unüberlegten Lösungen laut wird. Sowohl die junge Mannschaft als auch der Trainerstab hat sich eine echte Chance verdient, etwas aus diesen neuen Möglichkeiten zu machen. Vergangene Saison haben wir erlebt, was uns Größenwahn bringt. Ich möchte endlich sehen, was Hertha mit Geduld, Vernunft und Kompetenz erreichen kann.

Chris Robert

Jugendarbeit weiter fördern

Was in diesen modernen Fußballzeiten, in denen der Sport immer zum Geschäft wird und die Seele auf der Strecke bleibt, lässt das Fanherz weiterhin unverändert höher schlagen? Wenn ein Spieler aus der eigenen Akademie sich das erste Mal bei den Profis das Trikot seines Vereins überstreift und zu seinem Debüt auf der großen Fußballbühne kommt. Einer von uns! Ein Berliner Junge! Es gibt wohl nichts identitätsstiftenderes.

Hertha hat in den vergangenen Jahren oft für dieses Gefühl gesorgt: Jordan Torunarigha (seit 2006 im Verein), Maxi Mittelstädt (seit 2012), Arne Maier (seit 2008) haben in den letzten Jahren als wahre Eigengewächse ihren Durchbruch bei der “alten Dame” gefeiert, nachdem sie nahezu jede Station im Jugendbereich abgeklappert hatten. Alle drei sind mittlerweile etablierte Bestandteile des Profi-Kaders. Auch Talente wie Palko Dardai, Dennis Smarsch, Julius Kade oder Dennis Jastrzembski haben Bundesliga-Einsätze für “ihren” Verein absolviert. Zuletzt ließ Trainer Bruno Labbadia mit Jessic Ngankam und Lazar Samardzic (okay, mittlerweile kein allzu gutes Beispiel mehr) zwei weitere Eigengewächse debütieren, Spieler wie Luca Netz, Marton Dardai und Omar Rekik könnten alsbald folgen. Die Förderung der Jugend hat bei Hertha große Tradition – “Aus Berlin für Berlin” hieß einst die Kampagne, die mit Eigengewächsen wie Patrick Ebert, Kevin-Prince Boateng und Ashkan Dejagah auf ewig verbunden sein wird.

All diese vielen Namen lösen etwas im Hertha-Fan aus und stehen für einen Weg. Ein Weg, der den gesamten Verein durchzieht und Hertha sympatisch macht. Ein Weg, der Fans gnädig stimmt und Fehler verzeihen lässt. Einem “von uns” ist man halt nicht lange böse, schließlich hat er Gegensatz zu den ganzen “Söldnern” ja wirklich die blau-weiße Fahne im Herzen und gibt alles – sicherlich eine sehr romantisierte Sichtweise auf die Dinge, aber um in diesem Millionengeschäft mit all den Allüren eines Vereins mit mittlerweile großem Investor im Rücken nicht die Identität zu verlieren, muss Hertha diesen Weg weiter gehen. Die Arbeit mit der eigenen Jugend ist die Arbeit mit der eigenen Region – wenn ein echter Berliner/Brandenburger Junge sein Bundesliga-Debüt im blau-weißen Trikot feiert, ist das wirkungsvoller als jede Marketingkampagne. “Die Zukunft gehört Berlin” – ein Claim, der nur so stark wie seine Umsetzung ist.

Marc Schwitzky

Die Lust des Scheiterns

Die Lust des Scheiterns

Das Pokal-Aus in der ersten Runde ist absolut enttäuschend. Natürlich bedeutet das noch nicht den Untergang des Fußball-Abendlandes. Auch jene Forderungen nach personellen Konsequenzen – abgesehen von dringen notwendigen Transfers – kommt absolut verfrüht. Dennoch bietet das Pokalspiel am Freitag gegen Eintracht Braunschweig (4:5) eine wunderbare Gelegenheit einen Blick darauf zu werfen, warum wir den Fußball so lieben und warum wir trotz unzähligen Enttäuschungen unserer „Alten Dame“ nicht untreu werden können. Kurze Warnung: Es wird philosophisch.

Wer hat Fußball eigentlich zum König gekrönt?

Fußball ist ein Spiel, dem oft nachgesagt wird, dass wenig passiert. Tore sind im Vergleich zu Handball oder Eishockey eher selten. Schöne Spielzüge sind weniger von abschließendem Erfolg gekrönt als beim Football und neben Basketball wirkt die schönste Nebensache der Welt fast schon statisch. Trotzdem beherrscht „König Fußball“ die Welt. Gerade weil so wenig geschieht, gewinnt die einzelne Situation enorm an Bedeutung. Sie sticht heraus und geht nicht in der Gesamtheit des Spiels unter.

Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

Natürlich gibt es legendäre Begegnungen. 7:1 gegen Brasilien, 0:1 gegen die DDR oder das Wunder von Bern kann man hier aus deutscher Sicht aufzählen. Aber auch in unspektakulären und unwichtigen Spielen ereignet sich Großes. Erinnert ihr euch noch daran, als Marcelinho das Ding gegen Freiburg von der Mittellinie aus vollem Lauf reingemacht hat? Oder als Alex Alves gegen Köln das gleiche direkt nach dem Anstoß vollbracht hat? Die geteilten Erzählungen über legendäre Spiele und große Momente zementieren das kollektive Gedächtnis jedes Sports und damit auch des Fußballs.

Fußball scheint das Rezept hier perfektioniert zu haben. Einerseits gelingt gerade so wenig, dass einzelne Situationen und Aktionen im Gedächtnis blieben, andererseits sind es diese singulären Momente, die ein Spiel unvergesslich machen, aber eben auch für sich stehen können. Das lässt sich natürlich auch für andere Sportarten konstatieren, aber vielleicht ist es eben genau die exakte Mischung dieser Komponenten, die dieses Spiel zum weltweiten Erfolg verholfen hat.

Wir halten also fest: Fußball lebt vom Scheitern. Im Kontrast zum Nichterfolg gewinnt der Erfolg an Bedeutung. Gleichzeitig ist sichtbarer Erfolg relativ selten. Die Betonung liegt hier auf sichtbar. Erfolg des einen Teams ist gleichzeitig Nichterfolg des Anderen und umgekehrt. Eine kluge Raumdeckung und diszipliniertes Verschieben unterbindet Anspielstationen. Das ist allerdings nicht so spektakulär wie ein Tackle kurz vom Touchdown. Außerdem besteht eine direkte Beziehung zwischen den beiden Mannschaften. Man kann den Erfolg des Gegners unmittelbar beeinflussen und verhindern. Beim Darts etwa, geht das in diesem Maße nicht.

Die Welt ist riskant

Soweit so klassisch die Überlegungen zum „schönen Spiel“. Ich hatte euch ja am Anfang dieses Texts einen philosophischen Einschlag versprochen. Hier kommt er nun. Der belgische Philosoph Mark Coeckelbergh veröffentlichte 2013 ein Buch namens „Human Being @ Risk“. Darin stellte er die These auf, dass der Mensch, sobald er in Verbindung mit seiner Umwelt tritt – also im Prinzip ab dem Moment, in dem er beginnt zu existieren- Risiken ausgesetzt und daher verwundbar sei. Das Umgehen mit diesen Risiken und der Vulnerabilität bestimmt die menschliche Natur und seine Entwicklung. Das ist eine krasse Simplifizierung dieses Buches, in dem es natürlich nicht um Fußball geht, sondern um Transhumanismus und Human Enhancement. Beides sind eng mit einander verwandte Begriffe und kurz gesagt: es geht dabei um die künstliche Erweiterung des Potential des Menschen und seiner Fähigkeiten.

Coeckelbergh’s Ansatz ist dennoch aufschlussreich und im Rahmen des kleinen intellektuellen Gedankenspiels dieses Artikels wollen wir ihn uns zu Nutze machen. Denn laut Coeckelbergh versucht der Mensch zwar die Risiken, die ihn umgeben, zu minimieren, ist dabei aber nur bedingt erfolgreich. Anstatt die resultierende Verwundbarkeit zu eliminieren, transformiert er sie lediglich. Ein Beispiel: Ein Airbag im Auto hat klar das Ziel unsere Verwundbarkeit zu reduzieren. Doch mit der Existenz dieser Technologie entsteht plötzlich ein neues Risiko: nämlich, dass sie versagt. Gleichzeitig kann uns das Wissen um den Airbag dazu verleiten mehr Risiken einzugehen, da wir uns in trügerischer Sicherheit wägen. Man muss sich das Ganze wie eine Hydra vorstellen. Schlägt man einen Verwundbarkeits-Kopf ab, wachsen zwei neue nach.

Jetzt sind Airbags natürlich eine wunderbare Erfindung und haben eine Menge Leben gerettet. Sie minimieren also tatsächlich unsere Verwundbarkeit. Das ist auch im Einklang mit dem Ansatz von Coeckelbergh. Die Verwundbarkeit wird ja nur transformiert und nicht Eins-zu-Eins ersetzt. Was man dennoch im Hinterkopf behalten sollte ist, dass solange man als Mensch mit seiner Umwelt interagiert, man Risiken ausgesetzt, ergo verwundbar ist.

Fußball als Risikogeschäft

Kehren wir jetzt zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück: Fußball. Wir haben ja schon erfahren, dass Scheitern hier maßgeblich dazu gehört. Gleichzeitig steht viel auf dem Spiel: Abstieg, Meisterschaft oder einfach nur die Stimmung der Fans. Auch hier zeigt sich: durch unsere Wertschätzung gegenüber unserer Mannschaft gehen wir das Risiko der Verwundbarkeit ein. Würden wir uns nicht für Hertha interessieren, könnte Hertha uns auch nicht enttäuschen. Dinge zu wertschätzen bedeutet daher immer (!) sich verwundbar zu machen. Gleichzeitig müssen wir Dinge und Personen wertschätzen, da wir soziale Wesen und allein nicht überlebensfähig sind. Mit der Welt zu interagieren, bedeutet also auch mit Anderen zu interagieren. Das bedeutet Andere wertschätzen zu müssen, was schlussendlich Verwundbarkeit bedeutet. An diesem Beispiel kann man die Argumentation Coeckelberghs gut nachvollziehen.

Fußball ist ein Massenereignis und viel schöner, wenn man es zusammen, zum Beispiel im Stadion, mit Freunden oder beim Public Viewing erlebt. Wie schon erwähnt, machen wir uns durch unser Mitfiebern verwundbar und weil im Fußball eben so wenig gelingt, geschieht das in einem besonderen Maße. Beobachtet doch mal zum Spaß, wie sich eure Stimmung im Laufe eines einzelnen Spieltags verändert. Die Vorfreude, aber vielleicht auch das schlechte Gefühl in der Magengrube, dass was schiefgehen könnte. Dann die Hymne, das Gefühl mit allen Zuschauer*innen verbunden zu sein. Der Anpfiff. Die Enttäuschung über die erste leichtfertig vertane Großchance, die aber schnell vergessen ist, wenn der Ball endlich im Netz zappelt. Ich könnte noch ewig so weiterschreiben, aber ich denke, mein Punkt ist klar: Dadurch, dass Fußball uns wichtig ist, kann alles was um ihn herum passiert uns auch in einer emotionalen Weise verletzen. Wenn wir ihn spielen, kommt sogar noch das Potential der physischen Verletzung dazu.

Durch Fußball mit der eigenen Verwundbarkeit umgehen

Wenn es also das endlose Schicksal des Menschen ist, sich mit seiner eigenen Verwundbarkeit herumschlagen zu müssen, braucht es geeignete Transformationen. Coeckelbergh nennt Spiritualität, Religion, Technologie oder auch staatliche Organisation als Beispiele dieser Umwandlungen. Ich würde an dieser Stelle argumentieren, dass man auch den Sport in diese Liste aufnehmen kann.

Foto: IMAGO

Im Wettkampf gibt es einen klar abgesteckten Rahmen, in dem man sich auf die gegenseitige Verwundbarkeit geeinigt hat. Regeln bestimmen, was erlaubt ist und was nicht. Gleichzeitig bieten soziale Skripte (prototypische Abläufe in bestimmten Situationen) Halt und Orientierung. Die eigene Verwundbarkeit wird also formalisiert und abstrahiert. In der Auseinandersetzung mit den existenziellen Risiken des Lebens haben wir uns so einen Raum geschaffen, in dem wir zwar noch verwundbar sind, aber natürlich in einer ganz anderen Art und Weise, als wir es zum Beispiel in einem Auto oder einer extrem gefährlichen Situation wären.

Fußball wird so zum Mittel um das ständige „Being-at-Risk“ zumindest für 90 Minuten zu transformieren und ertragbar zu machen. Selbst wenn der Verein für uns alles ist, wir unsere Tochter Hertha und unseren Sohn Hanne nennen: Die Qualität des Risikos einer Niederlage im Fußball ist niemals die Gleiche, wie die einen schweren Autounfall ohne Airbag zu erleben. Wir sehen hier also eine produktive Art und Weise Verwundbarkeit zu erfahren und mit ihr umzugehen.

Warum wir trotzdem gucken, obwohl es weh tut

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real

Mit diesen Zeilen aus dem Song „Hurt“ von Reznor, am ehesten bekannt durch das Cover von Johnny Cash, lässt sich die Erfahrung eines Spieltags aus Hertha-Sicht ziemlich treffend zusammenfassen. Zumindest in der letzten Spielzeit. Warum tun wir uns das also an? Warum werden wir nicht alle Bayern-Fans? Diese Frage lässt sich sicher aus der Perspektive vieler Vereine stellen. Warum wir Fans werden und auch bleiben, würden den Rahmen dieses Artikels endgültig sprengen. Dennoch lassen sich ein paar Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Gedanken ableiten.

Da wir uns unweigerlich mit unserer eigenen Verwundbarkeit auseinandersetzen müssen, suchen wir Kanäle, um das möglichst produktiv zu tun. Hier kommt der Sport ins Spiel. Fußball im speziellen, auch durch sein Dasein als globales Massenphänomen, bietet die Möglichkeit diese Verwundbarkeit im besonderen Maße auszutesten und eben auch mit extrem vielen Menschen zu teilen. Man könnte sich natürlich auch als Reitsport-Ultra versuchen, aber hier Mitstreiter*innen zu finden, ist im Vergleich zum Fußball eher schwer.

Dadurch, dass Fußball von so vielen Menschen geguckt, gespielt und geliebt wird, ist sein wahrgenommener Wert enorm groß. Dadurch steigt auch das Risiko der Verwundbarkeit. Was wir mehr wertschätzen, kann uns auch mehr wehtun.

Doch wenn sich am Samstag um 15:30 Uhr Millionen Menschen vor dem Fernseher und in den Stadien versammeln, steht zwar etwas extrem Wertvolles auf dem Spiel, aber dieser Wert ist sehr abstrakt. Wenn wir uns fragen, was uns unser eigenes Leben wert ist, haben viele eine konkrete Antwort, die auch mit dem Drang zur Selbsterhaltung zusammenhängt. Der große Wert des Fußballs hingegen ist biologisch nicht wirklich begründet. Wir würden auch weiterleben, wenn es ihn nicht gäbe. Selbst wenn es sehr schwer wäre.

Ihr seid hart, wir sind Hertha

Die Hertha bietet – und da ist sie nicht allein – die Möglichkeit ein sehr hohes Risiko einzugehen. Hertha Saisons sind immer Wundertüten. Erst spielt man um die Meisterschaft mit, nur um dann nächste Spielzeit direkt abzusteigen. Das ständige Auf und Ab ist vielleicht das, was es so schwer, aber eben auch so faszinierend macht Fan von einem Verein, wie Hertha zu sein.

Foto: IMAGO

Das Meme der erfolgsverwöhnten Bayern-Fans hingegen,  trägt leider ein gewisses Körnchen Wahrheit in sich. Doch wo Erwartungshaltung und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen wie in Charlottenburg, wo Erfolg und Misserfolg so nah beieinander liegen, wie zwischen zwei Spieltagen bei Hertha, da liegt eben auch das Risiko nicht nur maximal enttäuscht zu werden, sondern auch maximal erleichtert und glücklich.

Hertha nimmt die existenzielle Komponente des Fußballs und potenziert sie um ein Vielfaches. In Hertha we trust, and by Hertha we’re failed. Oder wie es die Marketing-Abteilung ausgedrückt hat: „We try. We fail. We win.”

Hertha-Fans müssen eine enorme Leidensfähigkeit mitbringen. Eine Eigenschaft für die sie, eventuell, irgendwann kathartisch belohnt werden. Das trifft natürlich auf viele Vereine gleichermaßen zu, doch die Vereinsbrille, sei mir in diesem Fall vergönnt – es ist ja immerhin ein Hertha-Blog.

Was bleibt?

Fußball bietet nicht nur die Möglichkeit Erfolg und Misserfolg hautnah und eng beieinander zu erfahren, sondern diese Erfahrung auch zu teilen. Im Sport und speziell im Fußball können wir unsere eigene Verwundbarkeit produktiv verarbeiten. Hertha treibt dieses Prinzip auf die Spitze, was Erfolge zwar seltener, aber eben auch wertvoller macht. Dadurch steigt aber eben auch das Potential der Verwundbarkeit.

Das hier formulierte Gedankenspiel ist keinesfalls als abschließende Analyse zu verstehen. Mir ist bewusst, dass man über viele Punkte trefflich streiten kann. Was ich versucht habe, ist zu zeigen, dass wir Fußball auch deshalb verfolgen, weil wir – obwohl es nur eine Nebensache ist – für 90 Minuten das Gefühl haben können, als hinge das Schicksal der Welt vom Ausgang dieses Spiels ab. Wir simulieren einen existenziellen Konflikt und können so mit der realen existenziellen Gefahr der Welt besser umgehen.

Risiko, Scheitern und Erfolg. Angst, Freude und Enttäuschung. Liebe, Hass und Verzweiflung. Das alles wird in diesem magischen Spiel unmittelbar greifbar. Vielleicht sogar mehr als in jedem anderen.

Wahrscheinlich werden wir nie wissen, warum gerade Fußball so erfolgreich ist. Wir waren ja nicht dabei, als er erfunden wurde. Was wir jedoch wissen, ist dass, obwohl sich das jüngste Ausscheiden aus dem DFB-Pokal anfühlt wie ein Schlag in die Magengrube, sich die Welt morgen auch noch dreht. Wenn zum Glück auch teilweise um den Fußball.

[Titelbild: IMAGO]

Jens Lehmann – der Richtige für den Job?

Jens Lehmann – der Richtige für den Job?

Drei Monate nach Jürgen Klinsmanns unrühmlichen Abgang hat Lars Windhorst nun dessen Platz im Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA neu besetzt – mit keinem geringerem als dem ehemaligen Nationaltorwart Jens Lehmann. Herthas Investor Windhorst bescheinigt dem ehemaligen Spieler des FC Arsenal auf der Vereinshomepage „ein hohes Maß an Erfahrung und Professionalität“. Doch ist Lehmann die richtige Wahl gewesen?

Erfahrung bringt Lehmann sicherlich reichlich mit – er war als Spieler u. a. für den FC Arsenal und Borussia Dortmund aktiv, wurde Vize-Weltmeister und gewann den UEFA-Cup. Aber neben gelegentlichen Ausrastern auf dem Platz fiel der gebürtige Essener über all die Jahre immer wieder auch durch zweifelhafte Äußerungen abseits auf – zuletzt gleich mehrfach im Zuge der Corona-Krise. Ein kritischer Blick lohnt sich also allemal.

Die Befugnisse im Aufsichtsrat

Nun wird Lehmann also als Klinsmann-Nachfolger Mitglied des Hertha-Aufsichtsrates. Neben ihm berief Lars Windhorst übrigens auch Marc Kosicke, den Berater von u.a. Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann, in den Aufsichtsrat. Aber über welche Befugnisse werden die beiden als Mitglied dieses Gremiums überhaupt verfügen?

Zunächst sind neben den beiden „Neuen“ noch sieben weitere Personen im Aufsichtsrat vertreten – einem Gremium, das nur beschlussfähig ist, wenn eine Mehrheit der Mitglieder hinter dem jeweiligen Beschluss steht. Lehmann und Kosicke können also keine Alleingänge unternehmen, sie sind auf die Zustimmung der anderen AR-Mitglieder angewiesen.

Zu den Aufgaben und Befugnissen eines normalen Aufsichtsrates gehört die Überwachung der Geschäftsführung, zudem auch die Ernennung derselben. Durch die Struktur als GmbH & Co. KGaA ist das bei Hertha aber nicht der Fall: Die Geschäftsführung wird von der Hertha BSC Verwaltung GmbH übernommen, die von e. V. gehalten wird. Soll heißen: Lehmann ist bei Hertha Mitglied eines Gremiums, das auf die Geschäftsführung und somit das operative Geschäft des Vereins keinerlei Einfluss hat.

Gründe für die Berufung Lehmanns

Warum also wurde der Ex-Nationalspieler von Lars Windhorst in den Hertha-Aufsichtsrat berufen? Lehmann hat eine große Karriere hinter sich, sein Name ist auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt – vor allem dank seiner Zeit beim FC Arsenal und in der Nationalmannschaft.

Foto: Stuart Franklin/Getty Images

Damit gehen gleichzeitig auch große Erfahrungen und ein gutes Netzwerk einher, Lehmann spielte über die Jahre mit vielen Größen des Sports zusammen (allein beim FC Arsenal u. a. Thierry Henry, Cesc Fàbregas, Dennis Bergkamp und Robert Pires). Von Lehmanns gutem Draht zu bekannten Ex-Profis und Vereinsverantwortlichen könnte Hertha profitieren, so wohl zumindest der Gedankengang von Investor Windhorst.

Der 50-Jährige verfügt außerdem über eine Trainerlizenz, war schon als Co-Trainer unter Ex-Arsenal-Coach Arsène Wenger und dem ehemaligen Augsburg-Trainer Manuel Baum aktiv. Neben seiner Spielerkarriere kann Lehmann somit auch auf weitere Erfahrungen im Profifußball verweisen. Und auch ein (nicht abgeschlossenes) Studium der Volkswirtschatslehre könnte sich bei seinen neuen Aufgaben als nützlich erweisen. Lehmann kennt sich also in vielen Fußball-relevanten Bereichen aus, keine ungünstigen Voraussetzungen für dessen neue Rolle als Aufsichtsorgan.

Alles andere als ein Musterprofi

Ein Mann, der Hertha also gut zu Gesicht stehen wird? Daran lässt sich zumindest zweifeln. Während und auch nach seiner Karriere fiel der Ex-Torhüter immer wieder durch unschöne Aktionen auf. Bereits in seiner aktiven Zeit war er als „Enfant terrible“ bekannt, mit fünf roten Karten führt er die Rangliste der Bundesliga-Keeper mit den meisten Platzverweisen an. Unvergessen dabei sicherlich, als Lehmann in Dortmund seinen Mitspieler Marcio Amoroso so wüst beschimpfte, dass der Schiedsrichter ihn kurzerhand mit vom Platz stellte.

Foto: Lutz Bongarts/Bongarts/Getty Images

Im Jahr 2016 stand Lehmann wegen mehrerer Verkehrsdelikte vor Gericht, er akzeptierte den Strafbefehl und zahlte über 40.000 Euro Strafe. Und erst 2018 wurde ihm in einem Bericht des Handelsblattes vorgeworfen, Steuern in Höhe einer knappen Millionen Euro hinterzogen zu haben, unter anderem mithilfe von Briefkastenfirmen. Lehmann kommentierte den Bericht damit, er sei „in wesentlichen Teilen unwahr und rechtswidrig“.

Ein braver Fußballprofi sieht also sicherlich anders aus. Wohlwollend lässt sich jedoch festhalten, dass Lehmann mit nichten der einzige ohne weiße Weste in diesem Geschäft ist. Auch andere Größen des Sportes fielen immer wieder durch ähnliche Delikte und Vorwürfe auf (z. B. Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo). Man sollte also vorsichtig sein, Lehmann aus diesen eher kleineren Vergehen für ewig zu verdammen, zumal er die Konsequenzen für seine Aktionen getragen hat.

Fragwürdige Aussagen trüben das Bild

Anders sieht es da bei Lehmanns Auftritt bei Sky90 vor sechs Jahren aus, kurz nach dem Outing seines ehemaligen Mitspielers Thomas Hitzlsperger. Den meisten Fußballfans dürfte dieser denkwürdige – oder besser gesagt bedenkliche – Auftritt Lehmanns noch gut im Gedächtnis sein. Herthas neues AR-Mitglied riet aktiven Fußballern damals vom Coming-out ab und sorgte mit diversen Vorurteilen gegenüber Homosexuellen für entsetzte Gesichter. Er bezeichnete Hitzlsperger unter anderem als „Betroffenen“ und Schwule als „etwas weicher“. Zudem habe „Hitze“ laut Lehmann „von seiner Spielweise überhaupt nicht den Anlass gegeben […], dass man hätte denken können, da ist irgendetwas“. Wie er reagiert hätte, wenn sich Hitzlsperger während seiner aktiven Zeit geoutet hätte? „Komisch, glaube ich. Man duscht jeden Tag zusammen, man hat Phasen, in denen es nicht so läuft. Aber Thomas Hitzlsperger ist […] ein sehr intelligenter Spieler“.

Als die Besetzung des Klinsmann-Postens im Aufsichtsrat bekanntgegeben würde, dürfte vielen Hertha-Fans dieser TV-Auftritt sofort wieder eingefallen sein – mit solchen Äußerungen ist Lehmann weit von dem entfernt, wofür Hertha stehen will. Seit Jahren engagiert der Verein sich gegen Homophobie und Intoleranz, räumt mit Vorurteilen auf und wirbt für eine moderne und offene Gesellschaft. Dann einen hohen Posten an eine Person zu vergeben, die mit fragwürdigen Positionen und haarsträubenden Vorurteilen gegenüber Schwulen auffällt, passt nicht ins Bild und zu den Werten, für die der Verein stehen und eintreten möchte. Dazu kommt, dass Jens Lehmann seinen Auftritt bei Sky90 nie relativiert oder sich dazu geäußert hat – er scheint zu seinen Aussagen zu stehen, die ein intolerantes Bild voller Vorurteile zeichnen. Wirklich anders lässt sich dieses Verhalten nicht interpretieren und das ist bedenklich.

Die Wahl Windhorst – ein Alleingang?

Ob der Posten wohl im Einverständnis des Vereins an Jens Lehmann vergeben wurde? Da Lars Windhorst 49,9% der Anteile an der KGaA hält, stehen im vier Plätze im Aufsichtsrat zu, die er nach seinem eigenen Willen besetzen kann. Und es hat den Anschein, dass er von diesem Recht auch Gebrauch macht: Herthas Manager Michael Preetz wirkte mit der Auswahl nicht wirklich glücklich, auf der Website wird er mit den Worten zitiert, man sei „über den Vorgang informiert worden“. Klingt nicht danach, dass Windhorst die Hertha-Verantwortlichen in seinen Entscheidungsprozess eingebunden hätte, sondern vielmehr den Verein vor vollendete Tatsachen gestellt hat.

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Warum Hertha nicht euphorisch darauf reagierte, dass Windhorst einen so großen Namen wie Jens Lehmann für das „Projekt Big City Club“ gewinnen konnte, ließ sich bereits einen knappen Tag nach Bekanntgabe erahnen: Kurz nach seiner Berufung in den Hertha-Aufsichtsrat sorgte der Ex-Schalker bereits in einem Interview mit dem Sender beINSports für den nächsten Aufreger, als er das gesundheitliche Risiko durch den Covid-19-Virus herunterspielte. Mit Corona müssten die Spieler seiner Meinung nach zurechtkommen, „für junge, gesunde Menschen mit einem starken Immunsystem ist das keine so große Sorge“. Für diese Aussage wurde Lehmann in sozialen Medien und auch von Epidemiologe Karl Lauterbach (SPD) kritisiert.

Mit seinen Äußerungen machte Lehmann allerdings klar, was Hertha von ihm zu erwarten hat. Er schreckt nicht davor zurück, seine fragwürdigen Meinungen in die Öffentlichkeit zu tragen – zu Themen, von denen er nur bedingt Ahnung zu haben scheint. Still wird Lehmann sein Amt jedenfalls nicht ausführen. Und bei all seinen unglücklichen Aussagen steht von nun an die Hertha-Plakette drauf.

Ein weiterer Imageschaden?

Er reiht sich dabei nahtlos in das Bild ein, das der Verein seit einem knappen Jahr in der Öffentlichkeit abgibt. Als Chaosklub, bei dem Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen. Hertha soll mittelfristig zu einer internationalen Marke werden, stattdessen dümpelt der Verein in der unteren Tabellenhälfte der Bundesliga umher. Über Wochen wirbt der Verein auf den Sozialen Medien für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Corona-Virus, bis Salomon Kalous Live-Video auftaucht und die gravierenden Verstöße einzelner Hertha-Spieler gegen das DFL-Hygienekonzept aufdeckt.

Die Berufung Lehmanns gefährdet hierbei besonders die Glaubwürdigkeit von Herthas gesellschaftlichem Engagement außerhalb des Platzes. Es hinterlässt aufgrund der Causa Hitzlsperger einen bitteren Nachgeschmack für all diejenigen, die sich im Namen des Vereins gegen Homophobie und Vorurteile engagieren. Es ist eben nicht miteinander zu vereinbaren, wenn Hertha sich gegen Intoleranz und für Corona-Schutzmaßnahmen einsetzt und dann Lehmann mit seinen mehr als streitbaren Aussagen durch die Medienlandschaft stolpert.

Besonders bitter ist es aber, dass diese erneute Negativ-Schlagzeile eigentlich gar nicht vom Verein selbst verursacht wurde, Lehmann wurde schließlich vom Investor nominiert. Mit dem Verkauf der Anteile hat man Lars Windhorst aber eben indirekt auch eingeräumt, das Bild des Vereins mitzubestimmen. Und dieses Recht nimmt der Investor wahr. Welche Gründe es hat, dass er nun ausgerechnet Jens Lehmann ausgewählt hat – und nicht einen anderen großen Namen, der gleichzeitig zu Hertha und den Werten des Vereins passt? Das wird den meisten Fans ein Rätsel bleiben – und Herthas Geschäftsführung dürfte es wohl nicht anders ergehen.