Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende

Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende

Viele Baustellen, viel Kapital, viele Erwartungen. Das Transferfenster schien die ideale Gelegenheit zu sein den langersehnten großen Sprung nach vorn zu tun. Was bleibt ist verbrannte Erde, verspieltes Vertrauen und ein Kader, der noch schlechter aufgestellt ist als letzte Saison

Große Namen, kleine Ergebnisse

Wie immer in der post Windhorst Zeit, war Hertha in der Transferzeit mit großen und mittleren Namen des Fußballgeschäfts in Verbindung gebracht worden. Neu hingegen war, dass sich Investments erstmals auch ausgezahlt haben. Cunha und Cordoba wurden beide gewinnbringend verkauft und sorgten für ein sattes Transferplus. Corona hin oder her, die 50 Millionen, die so erzielt werden konnten in Kombination mit der letzten Tranche des Tennor-Investments mussten dringend in neue Spieler investiert werden. Das war dringend nötig. Und ist es leider immer noch.

Keine Flügelspieler, Außenverteidiger ohne taktische oder technische Finesse, eine Offensive mit gewaltigem Potential, aber ohne Konstanz. Dazu ein Kreativitätsdefizit und der schon fast traditionelle Abgang eines jungen, vielversprechenden Talents. Der Kader von Hertha wies mehr Baustellen auf als ganz Berlin. Und wie es nun mal Usus in der Hauptstadt ist, baulich, wie auch sportlich: Millionen werden investiert; Verbessern tut sich nichts.

Täglich grüßt das Umbruchtier

In Erinnerung bleibt der Ladebalken, dessen Verharren bei 22% man nur mit der Inkompetenz der Verantwortlichen oder ausgeprägten sadistischen Neigungen der Selbigen erklären kann. Ist man sich nicht sicher, ob der Computer gerade abgestürzt ist, hat man wenigstens noch die Wahl über STRG +  ALT + ENTF einen Neustart einzuleiten.

Hertha-Fans begeben sich nun panisch auf die Suche das Äquivalent dieser Tastenkombination bei ihrem Verein zu finden, nur um schockiert festzustellen, dass sie sich seit nunmehr drei Saisons in einer Zeitschleife von misslungen (Deadline)Transfers, gescheiterten Umbrüchen und zerstörten Hoffnungen befinden.

Koan neuer Leader

Investor Lars Windhorst ließ immer verlauten, dass er eine langfristige Partnerschaft mit Hertha anstrebe. Das diese Worte nur etwas wert sind, wenn sportlicher Erfolg dahintersteht, dürfte jedem klar sein. Langfristiger Erfolg bedeutet auch, dass man nachhaltig investiert. Spieler holt, die eine Mannschaft auf Jahre hin prägen können.

Stattdessen bediente man sich in der Riege der Alt-Herrenmannschaft. Das kann kurzfristig helfen, wenn man aber parallel seinen ganzen Kader ausverkauft, bleibt die Frage, welche Spieler überhaupt noch von der Erfahrung der Alt-Stars profitieren können.

Peinlich und enttäuschend

Der verkorkste Social-Media-Auftritt Herthas hat das Versagen der sportlichen Führung eindrucksvoll für die Nachwelt festgehalten. Man kann jetzt schon die Gehirne der Redakteure rattern hören. Welche gehässige Schlagzeile wird von der katastrophalen Misskommunikation Kunde tun? „Big-Ladebalken-Club“ oder doch „22 Prozent jagen einem Spieler hinterher“? Vielleicht hat Hertha ja auch seine Millionen in Anteile von WUMMS und FUMS gesteckt und liefert deshalb so zuverlässig Content für diese Satire-Seiten.

Unterm Strich kann man eigentlich gar nicht sauer auf Hertha sein. Man muss eher wütend das eigene Spiegelbild anschreien, warum man zugelassen hat, erneut enttäuscht zu werden.  Man wähnt sich wie in einer dieser Sitcoms, in denen über 16 quälend lange Staffeln zwei Charakter immer wieder knapp aneinander vorbei leben, obwohl es klar ist, dass sie füreinander geschaffen sind. Das geschieht nicht aus dramaturgischen Gründen, sondern weil man auch noch den letzten Cent aus der Aufmerksamkeit der Fans herausquetschen will. Es ist klar, dass nach sieben Staffeln die Zuschauer:innen schon soviel investiert haben, dass sie jetzt unbedingt wissen wollen, wie es ausgeht.

Die Enden dieser Serien sind meist enttäuschend, unbefriedigend und schlecht konstruiert. Man hat also die freie Entscheidung, ob man sich statt „The Big Bang Theory“ nicht einfach den Kader von Hertha und seinen Entstehungsprozess anguckt.

[Titelbild: IMAGO]

Wann ist der Mann ein Mann?

Wann ist der Mann ein Mann?

Gibt es bei Hertha interne Konflikte, hört man von Coach Pal Dardai des Öfteren, dass diese „unter Männern“ geklärt worden seien. Hinzu kommen weitere Phrasen über „Männersport“ und Rollenverteilungen in der Familie. Das wirft nicht nur ein unschönes Licht auf den sonst so sympathischen Hertha-Trainer. Angesichts der seit Jahren vorherrschenden Fehleinstellung seiner Mannschaft ist es auch einfach peinlich.

Von „Sportschokolade“ und „Eiern“

Nach dem enttäuschenden Bundesliga-Auftakt gegen den 1. FC Köln und der schwachen Leistung von Matheus Cunha ließ Pal Dardai wissen, dass man anschließend einen „Streit unter Männern“ geführt habe. Geht es nach Spielen um vermeintliche Schwalben, erinnert der Ungar häufig daran, dass Fußball ein „Männersport“ sei.

dardai hertha
Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Den Streit zwischen Dodi Lukébakio und Davie Selke darum, wer den Elfmeter gegen Wolfsburg schießen sollte, fand Dardai gut. Jedenfalls besser als wenn alle Spieler „Sportschokolade“ in der Hose hätten. Die potenziellen Schützen hätten „Eier“ bewiesen. Und vor ein paar Jahren fiel der Hertha-Coach negativ auf, indem er darüber referierte, dass Frauen es akzeptieren müssten, dass sie sich nachts um die Babys kümmern, während die Männer schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein.

Die Ehrlichkeit des Pal Dardai

Nein, im Fußball muss man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Und irgendwie gehört es auch zum immer offenen und ehrlichen Pal, dass da auch mal ein solcher Querschläger herauskommt. Es ist auch völlig okay, dass Hertha-Coach Dardai und seine Familie das so leben. Aber selbst wenn er es nicht so meint, schwingt dabei immer leicht mit, dass Fußball für Dardai eben nichts für Frauen ist und noch viel schlimmer: Dass Menschen, die eben nicht dieser Dardai’schen Vorstellung des Familienlebens entsprechen, nicht leistungsfähig genug sind.

Überhaupt entsteht die Frage, ob Pal der Meinung ist, ob nur Männer etwas richtig klären können und Frauen grundsätzlich nicht konfliktkompetent und friedensfähig seien. Dass Letzteres Unsinn ist, weiß man auch ohne ein Geschichtsbuch über die Entstehung der Weltkriege konsumiert zu haben. Wie viele Frauen saßen denn bei den großen Kriegen des vergangenen Jahrtausends an den Verhandlungstischen?

Dardai sollte mehr Grönemeyer hören

Aber selbst wenn man Dardais Zitate nicht überinterpretieren möchte, sind sie auch auf Herthas sportliche Situation bezogen schlichtweg unpassend. Egal wie männlich der Streit zwischen Dardai und Cunha geführt wurde – das Ende vom Lied ist, dass Cunha nicht mehr für Hertha spielt. Tolle Konfliktlösung. Und auch die beiden Streithähne Lukébakio und Selke wirkten bei ihrer Elfmeter-Kabbelei nicht gerade staatsmännisch und souverän, sondern vielmehr von Stolz besessen und der Torjägerliste getrieben.

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Und auch die Verweise auf den „Männersport“ wirken seltsam, wenn sie bedeuten sollen, dass nur Männer mit Biss Fußball spielen können. Denn leider zeigt Dardais Mannschaft seit Jahren zumeist genau das Gegenteil: wenig Leidenschaft, wenig Überzeugung, wenig Energie. Rechnet man hinzu, dass gerade Spieler wie Selke oder Cunha sich mehrfach pro Spiel schmerzverzogen auf dem Boden wälzen und wie Schulkinder mit dem Schiedsrichter diskutieren, wird einem schnell klar, dass Dardais eigenes Team sein Konzept des „Männersports“ wohl nicht so gut verstanden hat.

Schön wäre es also, wenn Dardai beginnt solche Äußerungen zu hinterfragen. Trotz der Sprachbarriere, die er als Ungar sicherlich noch immer hat, sind seine Äußerungen über Geschlechterrollen- und eigenschaften nicht mehr zeitgemäß. Vielleicht hilft ihm dabei ja ein kleiner Ausflug in die deutsche Popkultur der 1980er-Jahre. Damals sang ein noch junger Herbert Grönemeyer:

„…
Männer haben Muskeln
Männer sind furchtbar stark
Männer können alles
Männer kriegen ’nen Herzinfarkt
Oh, Männer sind einsame Streiter
Müssen durch jede Wand, müssen immer weiter

Nur wann ist der Mann ein Mann?“

[Titelbild: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx]

Alte Liebe rostet

Alte Liebe rostet

Wieder hat ein junger Spieler den Verein, trotz hervorragender Aussicht auf Spielzeit verlassen. Wieder bleibt man als Fan ratlos zurück und fragt sich: Woran hat es gelegen? Über das Zusammenspiel von Geld, Jugend und all jenen, die davon profitieren. 

Warum wird man Fan?

Warum wird man Fan? Viele von uns können an dieser Stelle sicherlich die klassische „Papa-hat-mich-eines-Tages-ins-Stadion-mitgenommen“ Geschichte erzählen, die dazu führte, dass man sein Herz an die alte Dame aus Charlottenburg verlor. Das so begründete Fan-Sein, es schein ein Bund fürs Leben zu sein, eine Verbindung, von der man sich nie ganz lösen kann und die sich gerade dadurch auszeichnet auch in schlechten Zeiten seinen Verein zu unterstützen. Einmal Herthaner, immer Herthaner.

Dieses Motto wird nicht nur von vielen Herthanern eindrucksvoll gelebt, sondern findet sich aktuell auch in der Struktur des Vereines wider. Wir haben an dieser Stelle schon viel über die selbstverschriebene „Hertha-Kur“ gesprochen. Fest steht: Aus der Geschäftsstelle in der Hanns-Braun-Straße weht nicht nur der Wind der Veränderung, sondern auch ein gehöriger Stallgeruch.

Neue Spieler, alte Probleme

Dárdai, Bobic, Friedrich, Prince, Zecke, Mittelstädt, Torunarigha und neuerdings auch Dirkner, Werthmüller oder Michelbrink. All das sind Namen von ehemaligen und aktiven Spielern, die eine besondere Bindung zum Verein haben. Entweder, weil sie von ihm ausgebildet wurden und hoffnungsvolle Talente waren/sind oder weil nach anderen Stationen sich dazu entschieden haben, zu Hertha zurückzukehren. Im Verein herrscht auf jeden Fall ein riesiges Identifikationspotential. Das gilt sowohl für die Fans, die sich in Zeiten des modernen Event-Fußballs an Beispielen realer Vereinstreue erfreuen können, aber auch für junge Spieler, die aufgrund von einer gewissen Durchlässigkeit, die Chance haben für den Verein zu spielen, zu dessen Spiel sie ihr Vater irgendwann mal mitgenommen hat.

Vor diesem Hintergrund kommen andere Namen einem wesentlich schwerer über die Lippen. Ich spreche von Netz, Samardzic, Schorch, Regäsel und noch vielen weiteren Beispielen, bei denen die Identifikationskraft scheinbar nicht ausgereicht hat, um sie im Verein halten zu können. Die Liste ist lang und die Geschichte scheint sich oft zu wiederholen. Letztlich kann man über die genauen Hintergründe dieser Abgänge von jungen Talenten oftmals nur spekulieren.

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Foto: IMAGO

Selten äußern sich die Verantwortlichen so deutlich, wie jüngst im Fall Netz und selbst wenn bleibt beim beobachtenden Fan stets der schale Geschmack im Mund zurück: Wenn ich mich für meinen Verein bedingungslos aufopfere, warum tun das nicht auch die Spieler, besonders die, die Hertha so viel zu verdanken haben?

Man hat nur eine Karriere

An dieser Stelle muss man erstmal auf eine gewisse Asymmetrie im Vereinsverhältnis hinweisen. Natürlich können Jugendspieler Fan ihres Heimatvereins sein und schon ewig in der viel zitierten Vereinsbettwäsche geschlafen haben. Über diesen Teil ihrer Identität hinaus, sind sie jedoch auch Angestellte eben jenes Vereins und ihr Job ist nicht der des Ticketverkäufers, sondern der des Profifußballers, mit all seinen Tücken und Spielarten. Es muss nun abgewogen werden. Zwischen den positiven Gefühlen, Erinnerungen und Träumen „seinem“ Verein gegenüber und zwischen klugen Karriereentscheidungen auf der anderen Seite.

Natürlich möchte man seinem Verein etwas zurückgeben, verfolgt man aber das ehrgeizige Ziel Profifußballer zu werden, muss man viele harte und einschneidende Schritte gehen. Liebe und Erfolg schließen sich hier teilweise aus. Das das nicht immer so sein muss und sich trotzdem seiner Wurzeln bewusst sein kann, zeigen die Beispiel der Bender-Zwillinge, die nach ihrer Profikarriere für ihren Heimatverein in der Kreisklasse auflaufen oder das von Ilkay Gündogan, der seinem ersten Verein einen neuen Kunstrasenplatz spendete.

Abgänge muss man sich verdienen

Vereine und Fans sind durchaus gewollt, einen jungen Spieler gehen zu lassen und auch stolz darauf, dass ein potentieller Weltstar bei ihnen das erste Mal gegen einen Ball getreten hat. Doch für diesen Passierschein muss der Spieler sich erstmal um den Verein verdient gemacht haben. Es sollte eine einfache Rechnung sein: Der Spieler ruft seine Leistungen ab, wird dafür üppig bezahlt und bejubelt, wenn der Verein dem Spieler zu klein geworden ist, wird er mit Handkuss und möglichst gewinnbringend verabschiedet. Das Ganze läuft solange geschmeidig, insofern sich jede Partei an ihre Rolle hält. Fans jubeln, Spieler spielt gut, Verein bezahlt.

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Foto: IMAGO

Diese Vereinbarung ist allerdings sehr fragil, weil einseitig aufkündbar. Was folgt ist meist Irritation und Zorn. Besonders in Zeiten, in denen Ablösesummen und Gehälter immer weiter steigen, reicht der Wink mit dem Euroschein um die Mé·nage-à-trois aus Verein, Spieler und Fans zu zerstören. Dass das so einfach ist, hängt mit der schon erwähnten Asymmetrie zusammen. Man stelle sich vor, dass einem mehr Geld für den gleichen Job geboten wird. Wer würde da Nein sagen? Klar, Idealisten gibt es immer wieder und Umzüge in andere Städte sind lästig, aber Fußballromantik alleine zahlt nicht die Tankfüllung vom AMG. Das der Mercedes dabei nicht unbedingt vom Spieler selbst gefahren werden muss, sondern auch seine Familienmitglieder und Berater vom Talent der Sportler profitieren wollen, ist die eigentliche Obszönität des Ganzen.

Von fremden Träumen profitieren

Es liegt nahe, den ganzen Zorn beim Spieler zu lassen, sich darüber zu ärgern, dass er auf schlechte Berater und gierige Hintermänner hereingefallen wäre oder sich einfach zu wichtig nimmt. Tritt man jedoch einen Schritt zurück, dann sieht man die Absurdität des Ganzen Systems, in dem 17,18,19-Jährigen, die teilweise nicht mal Autofahren oder Alkohol trinken dürfen, die Verantwortung übertragen wird, die finale Verantwortung millionenschwere Entscheidungen zu treffen. Bei aller nachvollziehbaren Wut: diese Spieler sind jung und bekommen ein Maß an Aufmerksamkeit und Geld, das eine gehörige Portion Reife, Erfahrung und Stabilität erfordert. Sie machen Fehler. Auf und neben dem Platz.

Wir haben hier junge Menschen, die ihren Traum leben und dafür absurd gut bezahlt werden, die allerdings auch die Hoffnungen und Erwartungen ihrer Familien schultern müssen und seit frühster Kindheit darauf getrimmt werden, konstant Leistungen zu erbringen. Es gibt genug Geschichten, in denen Eltern ihren Beruf freiwillig aufgegeben haben, nur um ihr Kind in seiner Sportkarriere zu unterstützen. Es wird bewusst in Kauf genommen, dass junge Spieler eine gewisse Form- und Beeinflussbarkeit haben, die im Zweifelsfall böswillig ausgenutzt werden kann und sich auch gnadenloser Selbstüberschätzung niederschlägt.

Der schale Abgang

Fans sind keine Spieler und Spieler, die zwar Fans sind, sind vorrangig nun mal Spieler. Auch wenn sich viele Fans nach Fußball-Romantik sehnen und sie auch noch vereinzelt auffindbar ist: Das System ist von innen verfault und es ist dieses verfaulte System, in dem Identifikation mit Geld aufgewogen wird. Eine gewisse Portion Realismus ist deshalb angebracht, auch wenn es weh tut. Selbst wenn Geld nicht stinkt, den Stallgeruch scheint es trotzdem zu übertünchen. Dieses Phänomen ist enorm frustrierend.

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Es bleibt der schale Nachgeschmack. Abgänge junger Talente, die durchaus eine Zukunft im Verein hatten sind auf mehreren Ebenen schade. Schade, weil ihnen die Chance genommen wurde zur Vereinslegende zu werden. Schade, weil der Ruf des Geldes ihnen mitunter eine vielversprechende Karriere verbaut. Schade für kleine Verein mit guter Jugendarbeit, weil sie nicht von ihrer harten Arbeit profitieren können. Es ist schade für einen Sport, in der Jugend zur Ware wird und vor Allem ist es schade für die Fans, weil es zunehmend schwerer wird, diesem Spiel guten Gewissens seine Zeit und Energie zu opfern. Warum sollte ich jemandem zu jubeln, der beim nächsten Scheck weg ist?

Hoffnung macht – neben den Fällen, in denen Geld egal zu sein scheint – dass auf jeden Abgang und jedes gescheiterte Talent, mindestens zwei Kinder kommen, die von ihren Eltern mit ins Stadion genommen werden, sich dort auf den Platz träumen und es irgendwann mal besser machen können.   

[Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO]

Hertha vs. Liverpool: (Endlich wieder) ein tolles Fußballerlebnis

Hertha vs. Liverpool: (Endlich wieder) ein tolles Fußballerlebnis

Sonnenuntergang über den Alpen, tolle Stimmung im Innsbrucker Tivoli-Stadion, Hertha gegen Liverpool. Das gestrige Testspiel gegen das Star-besetzte Team von Jürgen Klopp war nicht nur wegen der Kulisse und des Gegners besonders, sondern auch wegen der auffällig guten Leistung unserer Hertha. Und auch aus persönlichen Gründen war der gestrige Abend ein rundum tolles Fußballerlebnis.

Drei Fan-Generationen im Stadion

Bayern-, Dortmund- oder Bremen-Papas haben es leichter ihren Kindern ihre Zuneigung zu ihrem Fußballverein zu erklären. Das Triple mit Jupp Heynckes, der Champions League-Sieg gegen Juventus Turin 1997 oder die Meisterschaft 2004 – alles identitätsbildende Ereignisse, Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, die dabei helfen auch mal schwere Zeiten mit schlechten Leistungen zu überstehen. Hertha-Papas haben es da schon etwas schwerer. Keine großen Titel, wenig Glanz, viel Überlebenskampf. Auch mir geht es so. Gerade durch die Corona-Krise hat mein 7-jähriger Sohn zuletzt keinen wirklichen Zugang zu „meiner“ Hertha bekommen. Fußball nur im Fernsehen, ohne Zuschauer – sehr steril, wenig Nähe, wenig Emotionen.

hertha liverpool

Dass ein einziger Fußballabend vieles von dem Verpassten nachholen und das wirklich Schöne am Fußball innerhalb von zwei Stunden wie auf einem Silbertablett servieren kann, hat das gestrige Testspiel gegen Liverpool bewiesen. Zwei Wochen bereitete ich meinen Sohn während unserer Italienreise auf dieses Spiel vor. Hertha gegen die Stars vom Liverpool FC auf dem Weg nach Hause in Innsbruck. Opa kommt auch hin, auch er auf der Rückreise nach Berlin. Drei Generationen Hertha. Endlich wieder Menschen im Stadion, Fußball hautnah. Und es sollte sogar noch besser kommen.

Denn die Kulisse des Tivoli-Stadions im Sonnenuntergang ist atemberaubend. Hinter den Tribünen zeigen sich die Spitzen der 2000-Meter-Berge, die Zuschauerränge des kleinen, gemütlichen Stadions beginnen nur anderthalb Meter hinter der Auslinie. Selke, Dardai, Schwolow und die Liverpoool-Stars beim Aufwärmen quasi in greifbarer Nähe. Fußballstimmung pur.

„Papa, ich glaube, der schießt gleich“

Das Spiel beginnt. Vor uns zwei Berliner Jungs. Extra für eine Nacht angereist – in bester Meckerlaune. Berliner halt. Hinter uns zwei Tiroler LFC-Supporter. Leicht alkoholisiert. Wortgefechte bis zu den ersten fußballerischen Highlights. „Bald spielt ihr gegen den HSV und Schalke“, „Wart ihr überhaupt schon einmal in Liverpool?“. Dann die 20. Minute, Freistoß Platte auf der rechten Seite. Auf einmal ist der Ball im Netz und Santi Ascacibar liegt im Tor. Zweifeln im Stadion. War der Ball drin? Santi taumelt – geht es ihm gut? Santi steht, Tor zählt. Freude pur.

Es folgt eine Dauer-Press-Phase der Fußballstars. Mané und Salah zaubern gemeinsam, aber Schwolow zaubert auch und hält Herthas Führung. Die 31. Spielminute. Herthas Neuzugang Suat Serdar, der viele schöne, öffnende Pässe spielt, ist ziemlich frei im Strafraum, der Winkel zum Tor für einen Schuss aber fast unmachbar, denke ich noch. „Papa, ich glaube, der schießt gleich“, kündigt mein Sohn an. Serdar schießt wirklich. Tor. Komplette Ekstase. Im besten Tiroler Akzent werden wir aus der hinteren Reihe darauf hingewiesen: „Alles nur Glückhhh!“

hertha liverpool
Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

War es aber nicht. Auch wenn Hertha in den folgenden Minuten nicht mehr ganz so viele Offensivaktionen hat, steht die Elf von Pal Dardai bis auf wenige Abstimmungsfehler kompakt und sicher. Kurz vor der Halbzeit werden die LFC-Angriffe dann aber intensiver, wunderschöne Doppelpässe in der Liverpool-Offensive. Mit einem tollen 2:2 gehen wir in die Halbzeit. Vier schöne Tore, tolle Stimmung im Stadion. Drei Generationen Hertha sind begeistert. Zeit für ein Halbzeitfoto.

Jovetic spielt sich sogleich in die Fanherzen

Die zweite Halbzeit beginnt wie die erste aufhört – Liverpool drückt, Hertha hält das Unentschieden. Nächster Höhepunkt: die Einwechslung von Herthas Neuzugang Stevan Jovetic für einen spielklugen Prince Boateng. „Wer ist das?“, will mein Sohn wissen. „Der ist erst seit wenigen Tagen bei Hertha, hat schon in allen großen Ligen Europas gespielt“, antworte ich. Wofür Hertha Jovetic verpflichtet hat, beweist der montenegrinische Angreifer nur wenige Minuten später. Grandioses Dribbling von Dodi Lukébakio auf Rechtsaußen, schöne Flanke, Jovetic geht zum Kopfball hoch und setzt den Ball ins Netz. Das 3:2 trotz drückender Überlegenheit der Engländer. Hertha lebt und kämpft. Die ekstatische Pause nutzt Pal Dardai, um seine Mannschaft fast komplett umzubauen – er wechselt sieben neue Spieler ein. Darunter auch Ruwen Werthmüller, der im offensiven Mittelfeld einige schöne Aktionen hat.

hertha liverpool
Foto: IMAGO

Eine Minute später wird es auf einmal sehr laut im Stadion, obwohl der Ball gar nicht im Spiel ist. Der Grund: die Einwechslung von Virgil van Dijk. Neun Monate nach seiner schweren Verletzung bestreitet der Niederländer gegen Hertha sein erstes Spiel. Alle stehen und applaudieren für einen großartigen Fußballer. Auch van Dijk kann Herthas sehr vorzeigbaren Passtrecken im Mittelfeld allerdings nicht unterbinden. Der 20-jährige Werthmüller spielt Jovetic frei, der auf einmal frei vor dem LFC-Tor auftaucht, van Dijk versucht ihr zu stoppen, Jovetic zaubert. 4:2. Wieder Ekstase. „Näkschtes Johr komm I mit dem Hertha-Trikot her“, kommt jetzt aus der Reihe hinter uns.

Die letzten zehn Minuten gegen Liverpool sind dann noch einmal schwer für Hertha. Die „Reds“ wollen sich die Testspiel-Niederlage nicht einfangen und stürmen. Doch das Tor von Oxlade-Chamberlain ist dann der Schlusspunkt dieses begeisternden Fußballabends.

Ein überzeugender Test

„Lasst uns erst einmal die Stadt zurückgewinnen“, hatte Herthas neuer Manager Fredi Bobic kürzlich als Saisonziel ausgegeben. Um das zu erreichen, müssen sicherlich noch einige Pokal- und Ligaspiele gespielt werden. Das Tiroler Tivoli-Stadion hat Hertha am gestrigen Donnerstagabend aber schon ein Stück weit von sich überzeugt. In einem durchaus ernst geführten Testspiel bezwang man die Champions League-Truppe von Jürgen Klopp mit einer kompakten Abwehrleistung und vielen überraschenden Offensiv-Momenten.

Drei Generationen Hertha verlassen glücklich das Stadion. Und vielleicht kommen ja sogar einige Tiroler im nächsten Jahr in blau-weiß zum Testspiel.

Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Hertha und Union – Eine Rivalität wie eine Tasse schwarzer Kaffee

Das inzwischen vierte Berliner Erstligaderby verspricht wieder eine heiße Partie zu werden. Die beteiligten Mannschaften werden gerne als totale Gegensätze dargestellt. Dieser Text klärt die Frage, ob Union auch ohne Hertha funktioniert, welchen Herausforderungen sich die Köpenicker in der Zukunft gegenüber sehen und was die beiden Klubs beim gemeinsamen Kaffee-Date bestellen.

Union definiert sich darüber, was man nicht ist

Bestellt man in einer Berliner Kneipe ein „Herrengedeck“, kann es mitunter vorkommen, dass man nicht Bier und Schnaps, sondern Bier und Sekt gereicht bekommt. Die Logik dahinter: Bier für den Mann und der Sekt für seine weibliche Begleitung.

Bestellt man stattdessen ein Berliner Fußballderby, dann bekommt man im Grunde das Gleiche, inklusive der antiquierten Geschlechterrollen. Dennoch sind die Rollen beim kommenden Derby klar zugewiesen. Auf der einen Seite die bodenständigen Köpenicker, stellvertretenden für den authentischen Arbeiter, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen und sich über die Gesamtsituation auskotzen würde. Ihm gegenüber die mondäne „Alte Dame“, die beherzt das Geld ihres reichen Gönners ausgibt und nach dem dritten Glas Sekt ein bisschen zu laut und zu prahlerisch von ihren Bekanntschaften erzählt.

Foto: IMAGO

Beide Vereine, ihre Fans und die Medien haben jeweils mehr oder weniger zu diesem Bild beigetragen, es kultiviert oder auch versucht zu übermalen. Die Koketterie mit dieser augenscheinlichen Gegensatz ist nicht zu übersehen und auch wenn Union sich betont desinteressiert gibt, hat das Ganze dann doch eher den Anschein, als würde man versuchen sich weniger darüber zu definieren, was man ist, sondern, was man nicht ist, nämlich nicht Hertha.

Hertha und Union: Was wollen die Klubs?

Während Union allerdings noch vollends im modernen Event-Fußball, mitsamt seiner Dynamik, ankommen muss, steckt Hertha, siehe Windhorst, schon längst drin. Das bedeutet aber auch, dass Union sich einer wichtigen Frage stellen muss: Wen wollen sie eigentlich als Fans haben? Hertha hat diese Frage schon längst für sich beantwortet. Der Anspruch ist hier ganz Berlin mitzunehmen, also sowohl den ehrlichen Malocher aus Reinickendorf als auch die neureichen Yuppies aus Charlottenburg. Das der Verein hier manchmal übers Ziel hinaus schießt und die Zusammensetzung seiner Fanbasis anders bewertet, als sie eigentlich ist, steht dem Ursprungsgedanken nicht im Weg: Hertha will DER Berliner Klub sein.

Unions Lokalpatriotismus richtet sich zunächst erstmal auf den eigenen Bezirk, im nächsten Schritt auf den Ost-Teil der Stadt. Das ist marketingtechnisch sehr charmant, blendet die Realität aber gewieft aus. Union ist natürlich nicht mehr nur der Köpenicker Club, sondern genauso ein Unternehmen, wie Hertha und als eben dieses daran interessiert gut zu wirtschaften und auch mehr als die 280.000 Einwohner:innen von Treptow-Köpenick anzusprechen.

Foto: IMAGO

Während Union hier zurecht stolz auf das das Engagement der Fans in puncto Stadion und „Bluten für Union“ verweisen kann, stehen bei Hertha der Streit mit dem Senat über ein neues Stadion, ein Millionen-Investment und zweifelhafter sportlicher Erfolg zu buche. Der einzige Lichtblick scheint das außerordentliche Engagement von Herthas-Fanszene zu sein. Das wird von denen, die die Unterschiede zwischen den Clubs herauszustellen suchen, oft gerne bewusst vergessen. Dreht man die Uhr noch weiter zurück, erzählt Union gerne die Geschichte des Anti-Stasi-Clubs, während Hertha sich in den 70ern tief im Bundesliga-Skandal verwickelt sah.

Der Arbeiter als Marketingobjekt

Es sieht also nicht gut aus für die alte Dame. Die Öffentlichkeit hat sich festgelegt: Union steht für das, was Fußball einst war und Hertha für das, was er nie werden sollte. Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist eben dieses „Anders-Sein“, was Union die Fans einbringt, die mit dem ursprünglichen Gedanken wenig bis nichts zu tun haben. Was wir in Köpenick beobachten dürfen, ist ein gewisser positiver Klassismus-Sport-Tourismus. „Komm wir gehen mal zu Union, da sind Wurst und Bier noch zu bezahlen und von den Tribünen wird auch mal ein „Scheiße“ gerufen“. Versteht mich nicht falsch, ich zitiere hier nicht den langjährigen Unioner, sondern diejenigen, die jetzt, nachdem Union es in die erste Liga geschafft hat, ihre plötzliche Liebe zum Fußball entdecken. Das spiegelt sich auch in den Mitgliederzahlen wider. Hatte Union 2006, noch in der Oberliga spielend, 4200 Mitglieder, sind es 2021 und viele wichtige sportliche Erfolge später, knapp 38.000. Man könnte hier den Begriff „Erfolgsfans“ einwerfen und sich an den Reaktionen erfreuen, doch zurück zur Sachlichkeit.

Das Problem ist, dass der Fußball schon längst ein Lifestyle-Produkt geworden ist. Sicherlich gibt es Überbleibsel, die von seinen proletarischen Wurzeln zeugen, aber sowohl Boxing Day als auch „Werkself“ sind heute eigentlich nur noch Marketingfloskeln geworden. Mit diesem Umstand muss sich auch Union auseinandersetzen. Sollen sie ihre Kultigkeit und Authentizität weiter betonen und damit Gefahr laufen, die Menschen anzuziehen, die sich am Arbeitertum zu ergötzen suchen, bevor sie in ihre Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg zurückkehren oder sollen sie heimlich still und leise den Mahlsteinen der Kommerzialisierung hingeben?

Foto: imago/Matthias Koch

Natürlich muss sich auch Hertha mit diesem Konflikt befassen, dadurch, dass ihre Fan-Strategie jedoch bewusst nicht klientelpolitisch aufgeladen wird, haben sie es zumindest ein wenig einfacher. Hertha und Union ist die spannendste Berliner Sport-Rivalität, die es momentan zu erleben gibt. Natürlich gibt es Animositäten zwischen dem BFC und Union, sportlich ist die Bundesliga jedoch nun mal am interessantesten. Union scheint sich hier als „Anti-Hertha“ durchaus zu gefallen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Doch das funktioniert eben nur solange es Hertha in dieser Form gibt.

Sich gegen Hertha zu stellen, klappt nur, solange Hertha eben auch einen kritikwürdigen Kurs fährt. Windhorst macht es hier jeder Fußballromantiker:in allerdings auch sehr einfach. Die Kritik hier nimmt manchmal auch zynische Züge an, wie wenn, das schon erwähnte, soziale Engagement der Hertha-Fans als Marketingaktion verkannt wird. Was bleibt, ist allerdings, dass die eigene Position umso stärker wird, desto stärker der Kontrast zwischen den beiden Vereinen wahrgenommen wird.

Kaffee und Fußball

Teil des Pakets „Union“ ist eben nicht nur, das was Union ist, sondern auch das, was es eben nicht ist und das was es nicht ist, wird hier stark in den Fokus gerückt. Um solche Beziehungen der Negation zu verdeutlichen greift der slowenische Philosoph Slavoj Žižek gerne auf einen Witz aus dem Film „Ninotschka“ vom großen Berliner Ernst Lubitsch zurück : „Ein Mann bestellt in einem Restaurant einen Kaffee ohne Sahne. Der Kellner kommt nach fünf Minuten zurück und sagt: „Tut mir leid, mein Herr, aber wir haben keine Sahne mehr, kann es auch ohne Milch sein?“ Obwohl das faktische Ergebnis in beiden Fällen das Gleiche ist, spielt das, was im Kaffee nicht drin ist eine ontologische Rolle. In anderen Worten: In beiden Fällen bekommt man einen Berliner Fußball Klub (schwarzer Kaffee), doch einmal ist dieser bewusst nicht Hertha (ohne Milch) und im anderen Fall nicht Union (ohne Sahne). Beides kann seinen Status jedoch nur behaupten, solange es eine Alternative gibt. 

Foto: imago/paulrose

Vor diesem Hintergrund schickt sich vielleicht eine andere Anekdote an. Tommi Schmitt, seines Zeichens, Gladbach-Fan, Co-Host von „Gemischtes Hack“ und Union-Sympathisant: „Union ist ein schöner bunter Fleck in dieser Liga. [..] Eigentlich genau das, was Hertha immer sein wollte.“ Er erzählte jüngst in einer Folge „Gemischtes Hack“, wie er versuchte in einem hippen Berlin-Mitte Café einen Kaffee mit Milch zu bekommen. Der klischeehaft stark tätowierte, Man Bun tragende Barista verwehrte ihm diesen Wunsch jedoch unter dem Verweis auf das Konzept des Cafés. Man schenke einfach keinen Kaffee mit Milch aus, das würde die Aromen kaputt machen.

Was das im Bezug auf das Derby und den vermeintlichen Clash zwischen „echt“ und „fake“ heißt, kann sich jeder selbst zusammenreimen.

[Titelbild: IMAGO]

Dárdai iacta est

Dárdai iacta est

Es ist passiert. Hertha hat den DeLorean rausgeholt und ist direkt ins Jahr 2015 zurückgekehrt. Doch statt Biff und einem spießigen Marty McFly wartet der Sportalmanach mit einem anderen bekannten Gesicht auf: Pál Dárdai ist wieder Cheftrainer der alten Damen und versucht sie in einer Sonderausgabe von Extreme Makeover wieder auf Spur zu bringen. Ein Kommentar.

Dárdai Ante Portas

Spätestens nach dem 1:4 gegen Bremen war klar, dass Michael Preetz nicht mehr zu halten sein würde. Mit ihm musste Cheftrainer Bruno Labbadia seinen Posten räumen. Zu wenig Punkte, ein unhomogenes Team samt enttäuschender Transferphase und geringe Chancen auf Besserungen ließen das Damoklesschwert schließlich auf die maßgeblich Verantwortlichen niederfallen. Schnell wurden gewichtige Namen kolportiert. Von Ralf Rangnick bis Peter Neururer schien jeder freie Trainer mit Hertha in Verbindung gebracht zu werden.

Medienberichte legten sich jedoch schnell fest: noch bevor CEO Carsten Schmidt Vollzug meldete, waren sich BILD, Kicker und sogar die Tagesschau einig: Hertha-Ikone und Milchreis-Sommelier Pál Dárdai sollte die krisengebeutelte alte Dame übernehmen. Die Personalie Arne Friedrich als handelnder Geschäftsführer Sport füllte bereits am Tag zuvor das Loch, was durch die Entlassung von 25 langen Hertha-Jahren hinterlassen wurde. Auf 227 Spiele mit 93 Toren folgen 231 Partien mit 14 Treffern.

Not the hero we deserved, but the hero we needed

Komplettiert wurde der Schultheiß-feuchte Traum durch „Zecke“ Neuendorf, der fortan das Vergnügen haben wird, an der Seite von Dárdai Cunha, Piatek und Co. das deutsche Wort „malochen“ beizubringen.

Während der Trainervorstellung wurde eines jedoch schnell klar: Hertha hat Pál Dárdai nicht verdient. In einer Welt in der Milliardenerträge nur durch vermeintlichen Kult aufgewogen werden können, in der sich jedes Wochenende 22 Millionäre zum Kicken treffen und die der Moloch auch in einer weltweiten Pandemie weitergefüttert werden muss, sind nur Torbeteiligungen von Artur Wichniarek seltener als echte Vereinstreue.

Foto: IMAGO

Im Sommer 2019 noch als wenig zukunftsträchtig geschasst, kehrt Dárdai nun an die Seitenlinie zurück. Viel hat sich geändert, doch wer die Trainervorstellung gesehen hat, kann sich sicher sein: Dárdai bleibt gleich. Ein Mann, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt, keinen Groll hegt, dem Geld egal ist und den Verein stets über seine eigenen Befindlichkeiten stellt. Wenn es jemanden gibt, von dem diese Werte auf die Individualisten-Truppe aus Westend abfärben kann, dann ist es Dárdai.

Ein Trainer sie alle zu binden

Der lang ersehnte Kulturwandel, er liegt in erreichbarer Ferne: Friedrich und Neuendorf stehen für eine neue Generation Hertha und auch wenn manch einer in der Verpflichtung Dárdais eine Zirkulärbewegung zu erkennen meint, kann dieser Schritt zurück, zwei nach vorne bedeuten.

Tennor Investment, Klinsmann-Posse und Chaoten-Saison haben Spuren bei den Fans hinterlassen. Der deutliche Protest gegen Preetz zeugt davon. Eine UN-Friedensmission war deshalb mindestens genauso nötig, wie die tabellarische Stabilisierung. Carsten Schmidt und Arne Friedrich haben beide zu viel Erfahrung, um das zu ignorieren. Beide wissen: ziehen die Fans nicht mit, spielt es auch keine Rolle, wer der Übungsleiter sein wird. Die Marke „Hertha BSC“ lässt sich nicht einfach aushöhlen und sportlicher Erfolg wird nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kurve entschieden.

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Dárdai ist daher die logische Wahl. Um Hertha zu helfen, verordnet sich Hertha eine Kur Hertha.  Darüber hinaus hat der Gulasch liebende Ungar gezeigt, dass er es durchaus vermag sportlichen Erfolg zu verzeichnen. Seine Qualität liegt hier weniger in der taktischen Finesse, sondern in Fähigkeit durch Druck und Charme eine Mannschaft zu formen. Ist die individuelle Klasse unbestreitbar im aktuellen Kader zu finden, ist es genau diese Komponente, die fehlt.

Man kann an dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment anstellen: nehmen wir an, dass Dárdai die Fähigkeiten eines Kaders durch Zusammenschweißung potenzieren kann. Je höher das individuelle Niveau der Spieler, desto größer dann auch das Potential eines so geformten Teams. Nun stellen wir die rhetorische Frage: welches Potential wird letztendlich höher sein? Das der Mannschaft mit Hegeler, Allagui, Kauter und Konsorten oder das der um Cunha, Boyata und Tousart?

Aus der Not eine Tugend machen

Inwieweit die neue Troika das Fan-Herz nicht nur mit Nostalgie-Pflastern, sondern auch mit Erfolgsrausch zu heilen vermag, steht noch aus. Das Ergebnis dieser Frage bestimmt auch das Schicksal eben jenes Dreigespanns. Sollten sich gute Ergebnisse einstellen, gibt es eigentlich keinen Grund nicht Hand in Hand in die neue Spielzeit zu gehen. Hält man die Klasse jedoch nur mit Ach und Krach, ist jeder Vertrag das Papier nicht wert, auf dem er besiegelt wurde.

Sollte Pál Dárdai Hertha tatsächlich in eine rosig-blau-weiße Zukunft führen, dann ist nur die Genugtuung allen Kritiker:innen gegenüber schöner, als das Gefühl sich endlich wieder auf den Spieltag freuen zu können. Hertha würde so zum Paradebeispiel werden, wie man das Geschäft Fußball mit Tradition in Einklang bringen kann. Sollte Dárdai allerdings scheitern und entlassen werden, stellt sich die Frage, ob er je wieder antworten wird, wenn Hertha erneut um Hilfe ruft. Die Spielschau soll beginnen.

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