Interview Andrew Ullmann (FDP) „Stufenweise Wiedereröffnung der Stadien verantwortbar“

Interview Andrew Ullmann (FDP) „Stufenweise Wiedereröffnung der Stadien verantwortbar“

Die vergangenen Monate haben uns Herthafans einiges abverlangt. Nach einer Chaos-Saison kam es zur Corona-Pause, es folgte die Wiederaufnahme des Spielbetriebs – ohne Zuschauer. Tolle Hertha-Spiele, wie den Derby-Sieg, konnten wir nur am Fernseher miterleben. Wenn Mitte September die Liga wieder startet, könnte das so weitergehen. Denn Großveranstaltungen sind bis Ende Oktober untersagt. Doch es kommt Bewegung in die Sache: Die DFL hat ein Konzept zur Wiedereröffnung der Stadien vorgelegt. Und auch in der Politik gibt es Befürworter.

Hertha BASE sprach mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Andrew Ullmann. Ullmann ist Klinikprofessor für Infektiologie und sitzt im Gesundheitsausschuss des Bundestages – er kennt sich aus mit dem Coronavirus. Im Interview erklärt er, wie aus medizinischer Sicht Fußballspiele wieder mit Fans stattfinden könnten.

Hertha BASE: Herr Ullmann, Sie wohnen in Würzburg, sind Klinikprofessor für Infektiologie und seit 2017 Bundestagsabgeordneter für die FDP. Im Bundestag kümmern Sie sich normalerweise um gesundheitspolitische Themen. Kürzlich forderten Sie in einer Pressemitteilung aber, dass Spiele im Profifußball wieder mit Zuschauern stattfinden sollen. Was hat Sie zu dieser Forderung bewegt? Der inzwischen feststehende Aufstieg der Würzburger Kickers, infektiologische Beurteilungen oder politische Strategien?

Prof. Dr. Ullmann: Ich habe mich sehr über den Aufstieg gefreut, bin auch Dauerkartenbesitzer bei den Kickers. Natürlich war ich etwas traurig, dass der Aufstieg nicht gemeinsam mit den Fans in der Stadt gefeiert werden konnte. Meine Forderung nach den Zuschauern im Stadion ist aber politischer Natur. Ich habe mich kürzlich mit einigen Fraktionskollegen unterhalten, sie fragten mich, wie ich aus medizinischer Sicht mögliche Lockerungen bei Großveranstaltungen bewerten würde.

HB: Inzwischen sind die meisten Corona-Maßnahmen ja wieder zurückgeschraubt worden. Die Einschränkungen für Großveranstaltungen gelten allerdings noch, werden in den Ländern allerdings unterschiedlich ausgelegt. Gleichzeitig breitet sich das Coronavirus in anderen Teilen der Welt teils ungebremst aus. Meinen Sie wirklich, man sollte alle Maßnahmen zurückfahren?

Prof. Dr. Ullmann: Der Lockdown hat nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Schaden hinterlassen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen haben die Menschen teilweise wie in Einzelhaft gelebt – wochenlang. Es gab familiäre Stresssituationen. Da ich fest von einer zweiten Infektionswelle ausgehe, finde ich es wichtig, dass wir den Menschen jetzt in den Bereichen, die Spaß und Freude bringen, wieder Luft zum Atmen geben.

Foto: IMAGO

HB: Erwiesen ist es nicht, aber es gibt die Theorie, dass einige Europapokalspiele im Februar und März sogenannte „Superspreading Events“ gewesen sein könnten. Wie könnte Ihre Forderung nach Zuschauern im Stadion trotzdem umgesetzt werden?

Prof. Dr. Ullmann: Wir brauchen ein absolut schlüssiges Konzept, weil wir nach wie vor sehr vorsichtig sein müssen und keine Ausbruchsituationen im Sinne von Superspreader-Events verursachen dürfen. Nach den heutigen Zahlen muss es eine stufenweise Wiedereröffnung der Stadien geben. Das wäre verantwortbar. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass man zunächst 25 bis 30 Prozent der ursprünglichen Besucher zulässt. Vielleicht könnte es ein Losverfahren geben, bei dem die Zuschauer per Mail einen Platz zugewiesen bekommen. Fest steht, dass wir den Abstand im Stadion brauchen. Wenn es keinen großen Ausbruch in Deutschland gibt und die erste Stufe eine Zeit lang gut funktioniert, könnte man ja irgendwann auf 50 Prozent der Zuschauer erhöhen. Im Fanblock, also auf den Stehplätzen wird es sicherlich schwierig sein, den Abstand einzuhalten. Aber auch hier könnten provisorische Absperrungsbänder eingezogen werden.

HB: Im Stadion lässt sich der Abstand vielleicht noch irgendwie realisieren. Aber die wirklich engen und „gefährlichen“ Kontakte gibt es doch vor und nach dem Spiel in der U-Bahn, am Bierstand oder in der Schlange vor dem Stadion. Ist der Blick ins Stadion daher nicht etwas zu kurz gedacht?

Prof. Dr. Ullmann: Natürlich muss es nicht nur im Stadion ein gutes Hygienekonzept geben. Deswegen plädiere ich auch dafür, dass zur Umsetzung der neuen Normalität in Stadien Round Tables in allen betroffenen Landkreisen gebildet werden. Da müssen die Vereine, die Gesundheitsämter aber auch der ÖPNV mit am Tisch sitzen und das Konzept ganzheitlich durchdenken.

Foto: IMAGO

HB: Inzwischen sind ja auch die Grundzüge eines Hygienekonzeptes für Bundesligastadien mit Zuschauern der DFL bekannt. Sie sind aber eher dafür, dass die Hygienemaßnahmen vor Ort, also am Spielort geplant werden?

Prof. Dr. Ullmann: Es kann und sollte schon ein zentrales Hygienekonzept geben, das aber regional angepasst werden sollte. Je nach Infektionsgeschehen und den örtlichen Gegebenheiten sind in manchen Stadien vielleicht strengere Maßnahmen nötig als in anderen. In Berlin sollte sich beispielsweise unbedingt U- und S-Bahn an dem Konzept beteiligen. In kleineren Städten gibt es keine U-Bahn, dafür stehen die Menschen vor dem Stadion enger zusammen und sollten hier mehr getrennt werden.

HB: Die Maskenpflicht steht ja zurzeit in der Diskussion. Fußballspiele finden im Freien statt, würden Sie bei einer möglichen Öffnung der Stadien trotzdem für eine Maskenpflicht beim Fußball plädieren?

Prof. Dr. Ullmann: Nein, ich denke, dass das nicht möglich sein wird. Allerdings möchte ich festhalten, dass ich für eine Beibehaltung der Maskenpflicht im Einzelhandel und ÖPNV bin. Viel wichtiger wäre für mich ein grundsätzliches Alkoholverbot.

HB: Das müssen Sie bitte erklären.

Prof. Dr. Ullmann: Auch wenn bei SARS-CoV-2 die Infektion wohl auch über Aerosole möglich ist, geht von der Tröpfcheninfektion wohl immer noch die größte Gefahr aus. Die Abstandsregeln sind daher sehr wichtig, auch im Freien. Alkohol enthemmt und verleitet die Menschen dazu, Regeln zu vernachlässigen.

Foto: IMAGO

HB: Ein eigenes Hygienekonzept liegt ja inzwischen auch von Union Berlin vor. Der Verein will alle Fans ins Stadion lassen, allerdings nur, wenn sie einen PCR-Test vorweisen können, der jünger als 24 Stunden ist. Union will diese Tests selbst bezahlen. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Ullmann: Grundsätzlich finde ich es gut, dass jetzt kreative Ideen bekannt werden. Man kann sich durchaus überlegen, einem solchen Versuchsballon mal eine Chance zu geben. Aus medizinischer Sicht ist das mit den Tests aber schwierig. Es ist durchaus vorstellbar, dass Menschen mit einem zunächst negativen PCR-Test 24 Stunden später trotzdem infektiös sind. Außerdem hört sich das Ganze sehr teuer an und ich sehe die Gefahr, dass Testkapazitäten an ihre Grenzen kommen. Aber was wir jetzt brauchen sind gute Ideen, Realitätsinn und Mut. Denn es ist die falsche Annahme, dass wir bald wieder zur alten Normalität auch in Stadien zurückkehren können, es wird eine neue Normalität geben, die wir uns erst noch schaffen müssen.

HB: Können wir davon ausgehen, dass die FDP-Fraktion in diesem Bereich nach der Sommerpause tätig wird?

Prof. Dr. Ullmann: Wir arbeiten derzeit schon an einigen Vorschlägen, die sich mit dem Umgang weiterer Ausbrüche aber auch mit der Prävention beschäftigen.

Foto: Andrew Ullmann

Zur Person:
Andrew Ullmann wurde 1963 in Los Angeles geboren. Anfang der 70er-Jahre zog er mit seiner Familie dann aber nach Deutschland, machte in Nordrhein-Westfalen Abitur und studierte in Bochum Medizin. Einen Teil seiner medizinischen Ausbildung bewältigte er in New York und an der Harvard Medical School. 2008 habilitierte er an der Uni-Klinik Mainz, 2012 folgte er einem Ruf als Universitätsprofessor für Infektiologie an die Uni-Klinik Würzburg. Seit 2003 ist Ullmann FDP-Mitglied.

In den vergangenen Jahren intensivierte er seine Parteiarbeit in der FDP Bayern, seit 2013 ist er Mitglied des Landesfachausschusses für Gesundheit in Bayern und auch des Bundesfachausschusses. 2015 wurde er zum Vorsitzenden der FDP in Würzburg gewählt. 2017 folgte der Einzug in den Bundestag über die Landesliste der FDP Bayern. Ullmann ist auch Fußballfan: Er ist Dauerkarteninhaber bei den Würzburger Kickers.

Pascal Grimm zu seiner Stadion-Petition: Anstoß für konstruktivere Gespräche

Pascal Grimm zu seiner Stadion-Petition: Anstoß für konstruktivere Gespräche

Vor über einem Jahr hat Hertha BSC seine konkreten Pläne für einen Stadionneubau veröffentlich – effektiv bewegt hat sich seitdem nichts. Die Verantwortlichen und der Berliner Senat finden einfach nicht zusammen, sodass aktuell Stillstand herrscht. Das angepeilte Datum der Stadioneröffnung am 25. Juli 2025 scheint sich momentan eher als weiteres Symbol für das Berliner Fingerspitzengefühl bei Großbauprojekten einzureihen, als dass es tatsächlich realisiert werden könnte. Eine Situation, die den Verein, die Politik, aber auch das Umfeld frustriert.

So sehr, dass nun gehandelt wird – und zwar in Person von Pascal Grimm. Der Hertha-Fan hat sich die Stadion-Thematik, wie viele andere, nicht mehr tatenlos mit ansehen können und startete daher am 15. August die Petition “Schluss mit der Hinhhaltetaktik – Neues Stadion für Hertha BSC!”, in der konkrete Forderungen an den Berliner Senat stellt, sich konstruktiv mit den Plänen der “Alten Dame” auseinanderzusetzen. Wir haben mit Pascal gesprochen, um uns erklären zu lassen, was die Intention seines Eingreifens ist, welche Vorwürfe er Senat wie Hertha selbst macht und ab wann er die Petition als Erfolg ansehen würde.

Herthas Plan für den Stadionneubau auf dem Olympiagelände (Foto: Hertha BSC / AS+P)

Hallo Pascal. Bevor wir uns mit deiner Petition auseinandersetzen – stell doch bitte dich und deine Beziehung zu Hertha BSC kurz vor.

Ich bin in Minden (Nordrhein-Westfalen) geboren, also nicht gerade im klassischen Hertha-Gebiet. Mit acht Jahren bin ich nach Berlin gekommen – das war 1999, eine für Hertha sehr erfolgreiche Zeit (Teilnahme an der Champions League). Ich bin damals das erste Mal ins Stadion mitgenommen worden, meine Großeltern hatten mir ein Hertha-Trikot geschenkt und damit war es dann entschieden. Ich habe selten wirklich in Berlin gewohnt, das tue ich jetzt das erste Mal so richtig. Seitdem versuche ich, so oft wie möglich im Stadion zu sein. Zudem bin ich sehr Foren-aktiv, vor allem auf transfermarkt.de. Ich bin aber an keinen Fanclub gebunden.

In deiner Petition erklärst du, welche Grundproblematiken es mit dem Olympiastadion als Spielstätte gibt. Warum siehst du einen Auszug Herthas als unvermeidlich an?

Da gibt es zwei Arten der Begründung. Das eine, das die Fans direkter anspricht, ist die Atmosphäre im Olympiastadion. Dazu gehört Dinge wie die große Entfernung der Zuschauerränge zum Spielfeld, aber auch die Witterungsbedingungen im Winter – also all das, was das Olympiastadion zu keiner modernen Fußballarena macht. Jeder, der mal eine Auswärtsfahrt in ein anderes Bundesliga-Stadion gemacht hat, wird diesen Unterschied gemerkt haben. Auch die Ostkurve würde in einem modernen Stadion noch imposanter zur Geltung kommen, da sich die Stimmung, die sie macht, nicht in der schlechten Stadion-Akustik verlieren würde. Es wird seitens des Vereins mit “Steil, nah, laut” geworben – darauf habe ich große Lust!

Die andere Begründung ist finanzieller Natur. Man ist als Verein langfristig besser aufgestellt, wenn man ein eigenes Stadion besitzt. Wie ich in der Petition angerissen hatte, würden bei einer eigenen Arena die Mietkosten, die aktuell beim Olympiastadion zu bezahlen sind, entfallen. Natürlich hat man bei einem Stadionbau Kredite abzuzahlen usw., aber man kann auch Nebeneinkünfte generieren, wie durch das Verkaufen der Namensrechte, dem Veranstalten von Konzerten und anderen Möglichkeiten. Wenn man im modernen Fußball mithalten will, muss man da einfach mitspielen.

Du sprichst zudem die Versäumnisse der Berliner Politik im Rahmen der Verhandlungen mit Hertha an, nennst hier beispielsweise den Vorschlag von Sport- und Innensenator Andreas Geisel (SPD), Flughafen Tegel als Standort zu nehmen. Welche konkreten Vorwürfe machst du dem Senat?

Ich habe den Eindruck, dass der Berliner Senat überhaupt kein Interesse daran hat, dieses Stadionthema voranzubringen. Es ist teilweise nachvollziehbar, warum die Politik Hertha nicht aus dem Olympiastadion ziehen lassen will, gleichzeitig muss der Senat aber einsehen, dass dieses Thema für den größten Sportverein der Stadt ein sehr bedeutsames ist. Man hat das Gefühl, der Senat wolle die Stadionfrage so lange hinauszögern, bis Hertha gezwungen wäre, einen neuen Mietvertrag für das Olympiastadion zu unterzeichnen, sodass sich das Thema zunächst einmal wieder erledigt hätte. Ohne Politik-Bashing betreiben zu wollen: in dieser Thematik frustriert mich der Senat schon sehr! Ganz unabhängig von der Frage, ob Hertha in seiner Kommunikation alles richtig machen würde. Bei dem kleinsten Hindernis knickt der Senat ein und spricht davon, dass das Ganze wohl nicht mehr machbar sei. Ich vermisse daher eine konstruktive Herangehensweise, eine gemeinsame Lösung zu finden.

“Herthas Taktik war zu offensiv”

Auch die Herthaner Verantwortlichen haben sich in der Vergangenheit nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Ist auch Schuld beim Verein zu suchen? Was hätte in der Kommunikation besser laufen müssen?

Meiner Meinung nach war die Taktik Herthas ein wenig zu offensiv. Man hat den Senat bei der Veröffentlichung der Pläne ein Stück weit vor vollendete Tatsachen gestellt und behaart nun auf dieser Extremposition. Ich würde mir auch eine Lösung auf dem Olympiagelände wünschen, weil sie in meinen Augen die beste wäre. Wie Hertha nach außen kommuniziert, ist aber nicht ideal und lädt den Senat zu seiner Trotzreaktion ein. So wird der “schwarze Peter” gerne zurück zu Hertha geschoben, obwohl ich den Senat in der Pflicht sehe, da auf Hertha zuzukommen. Die Parteien haben sich nun in eine gewisse Pattsituation hineinmanövriert und ich hoffe, dass die Petition ein Anstoß sein kann, um aus dieser wieder herauszukommen

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Am 16. August hatte sich Herthas Vereinspräsident Werner Gegenbauer mit einem Brief an die Mitglieder gewendet, in dem er u.a. scharfe Kritik am Berliner Senat geäußert hatte. Einmal mehr nutzte man den Weg der Öffentlichkeit, um seinen Standpunkt klarzumachen. Welche Form des Dialogs würdest du dir von beiden Parteien wünschen?

Ich finde, auch das man sich das, was Präsident Gegenbauer öffentlich an Senat gerichtet hat, sparen kann. Man muss wieder mit- und weniger übereinander reden. Es könnte natürlich sein, dass im Hintergrund viel gesprochen wird, doch der Eindruck wird nicht gerade vermittelt, wenn Herr Geisel in Medien Interviews gibt und die Hertha-Verantwortlichen auf selbigem Wege darauf antworten. Ich würde mir daher von beiden Seiten einen konstruktiveren Umgang miteinander wünschen, aber auch vom Senat die Einsicht, dass eine Lösung her muss und man nicht auf Zeit spielen sollte.

“Sollte dies im Olympiapark nicht möglich sein, dann soll endlich aktiv und mit ernsthaftem Interesse eine realistische Alternative innerhalb der Stadtgrenzen gesucht und gefunden werden”, schreibst du in deiner Petition. Warum kann Brandenburg keine Option sein?

Meine absolute Wunschlösung liegt in Berlin, ich bin aber niemand, der das dogmatisch einfordern und damit Brandenburg grundsätzlich ausschließen würde. Ich könnte es mir unter gegebenen Umständen als Notlösung vorstellen, wenngleich ich es sehr schade fände, denn allein die Wege nach Brandenburg wären sehr weit, weshalb viele Hertha-Fans über eine Stunde zum Stadion bräuchten. Brandenburg würde auch nicht in Bezug auf die Identifikation mit Hertha als Berliner Verein helfen.

Hertha hat deinen Tweet zur Petition geteilt – wie fällt die Resonanz auf deine Petition bislang aus?

Es ist eben nicht nur der Verein selbst, der ein eigenes Stadion haben will. Auch die Fans setzen sich dafür ein und sind von dem derzeitigen Status frustriert, weshalb sie nicht länger zusehen wollen. Ich hatte die Petition zunächst im Hertha-Forum von transfermarkt.de und bei immerhertha.de gepostet, zusätzlich auf Twitter geteilt. Von dort aus ging es sehr schnell los, sich zu verbreiten und auch die ersten Einladungen zu ähnlichen geplanten Fan-Initiativen kamen rein. Aktuell ist ein Drittel des Quorums erreicht, was für die erste Woche echt ordentlich ist. Auch aus dem Umland gibt es viele UnterstützerInnen, knapp 1.000 Menschen aus Brandenburg haben unterschrieben. Die Petition ist noch über zweite Monate offen, sodass ich zuversichtlich bin, dass das Quorum erreicht wird – auch wenn das nicht das primäre Ziel ist. Es geht vielmehr um das Zeichen, das die Hertha-Fans sich nun auch engagieren und nicht nur an der Seitenlinie stehen.

Die sprichst die Zielsetzung deiner Petition an. Was kann mit den Unterschriften erreicht werden und ab wann gilt die Petition für dich selbst als erfolgreich?

Es ist wie folgt: bei 11.000 UnterzeichnerInnen aus Berlin würde die Petition in das Abgeordnetenhaus eingehen, welches sich dann mit dieser befassen müsste. Wie diese Prüfung der Thematik abläuft, kann ich auch nicht sagen, der Prozess ist nicht wirklich klar. Der viel größere Effekt ist die Aufmerksamkeit, die das Thema dadurch wieder bekommt. Daher freue ich mich auch über jede/n UnterstützerInnen, der/die nicht aus Berlin kommt, aber mit der Intention übereinstimmt. Der leichte öffentliche Druck, den die Petition auf den Senat ausüben könnte, hätte wohl den größeren Effekt als der rein bürokratische Prozess.

Danke für deine Zeit und viel Erfolg für deine Petition, Pascal!

Interview mit Michael Hartmann: “Wenn Arne Maier gewollt hätte, wäre er bereits weg”

Interview mit Michael Hartmann: “Wenn Arne Maier gewollt hätte, wäre er bereits weg”

Hertha BSC trat beim Mercedes-Benz Junior Cup 2018 an und ließ den hoch gelobten “goldenen 1999er Jahrgang” ein weiteres Ausrufezeichen setzen. Unter der Führung von Kapitän und MVP Arne Maier gewann Herthas U19 das Hallenturnier in Sindelfingen mit einer beeindruckend reifen und konstanten Darbietung. Wir sprachen mit Herthas U19-Trainer Michael Hartmann über den Turniersieg, Herthas Jugendarbeit und die Entwicklung von Arne Maier.

Zunächst einmal gratulieren wir Ihnen nochmal zum Turniersieg in Sindelfingen. Hertha BSC ist ein verdienter erster Platz geworden, vor allem aufgrund der Konstanz der Mannschaft. Wir waren überrascht, dass mit Arne Maier, Julius Kade und Palko Dardai drei Spieler im Kader standen, die bereits Profi-Verträge besitzen. Welchen Stellenwert hat denn der Mercedes-Benz Junior Cup eingenommen, sodass diese Jungs mitgenommen wurden?

“Ich würde das etwas aufspliten. Grundsätzlich hat das Turnier einen großen Stellenwert, sonst hätten wir das so nicht gemacht. Im Fall von Arne Maier ist es so gewesen, dass er selbst die Entscheidung getroffen hat, mit nach Sindelfingen zu fahren. Er wollte das Turnier unbedingt spielen, ihm war es also auch wichtig. Bei Palko Dardai und Julius Kade ist etwas anders. Sie trainieren zwar mit den Profis und hatten bereits die ein oder anderen Kurzeinsätze, aber da bei den Profis aktuell alle Spieler an Bord sind, werden die beiden immer mal wieder bei uns spielen. Arne Maier hingegen hat fast alle Spiele in der letzten Phase der Hinrunde absolviert und deshalb hat man ihm diese Entscheidung freigestellt.”

Wir hatten das Gefühl, dass es ein grundsätzlich hohes Turnier-Niveau gab – Spieler sind ins Dribbling gegangen, haben sich was zugetraut. Wie haben Sie denn die Qualität aller Teams wahrgenommen? 

“Ich persönlich war das erste Mal da und habe mich deshalb mit Trainerkollegen unterhalten. Sie sagten mir, dass einige Regeländerungen im Vergleich zu den Vorjahren das Spiel schneller gemacht hätten, weshalb großes Taktieren oder Abwarten gar nicht möglich war. Alle Mannschaften haben versucht nach vorne zu spielen, dementsprechend sind auch deutlich mehr Tore als vergangenes Jahr gefallen. Ich fand das Niveau ebenfalls gut und hatte das Gefühl, dass jeder jeden schlagen konnte. Ein gutes Beispiel war Bayern München, das das Turnier fulminant begann, jedoch immer schwächer und schlagbarer wurde.”

Das Turnier in Sindelfingen ist ein U19-Wettbewerb. Diese Altersklasse ist ja recht speziell, weil es der letzte wirkliche Jahrgang vor der Profi- bzw. Männermannschaft (U23) ist. Welche Tugenden oder spielerischen Aspekte muss man den Spielern in dieser Zeit mitgeben, um sie auf das neue Niveau einstellen zu können?Jessic Ngankam (l.) und Julius Kade (r.) freuen sich über einen Treffer. (GES-Sportfoto / Mercedes-Benz)

“Im technischen Bereich wird vor allem am “ersten Kontakt” gearbeitet. Darüber hinaus auch, in welchen Momenten ein Spieler in gewisse Lücken stoßen sollte, um diesen ersten Kontakt im vollen Tempo annehmen zu können. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Prävention von Verletzungen, also wie sich die Spieler durch Beweglichkeit und Stabilisation prophylaktisch vor Ausfällen schützen können. Das sind wichtige Dinge, die man den jungen Spielern mitgibt, in der Hoffnung, dass sie das im Profi-Bereich weiter fortführen. Die Tugend, weiter selbst an sich zu arbeiten und nicht darauf zu warten, dass Trainer auf sie zukommen, muss sich in ihren Köpfen verankern.

Ich versuche zudem, den Jungs wichtige Dinge aus meinem Erfahrungsschatz als Profi mitzugeben. Was kann auf sie zukommen? Was könnte alles passieren? Damit sie nicht aus allen Wolken, versuche ich sie auf gewisse Szenarios mental vorzubereiten. Die richtig guten Jugendspieler, die letztendlich in der Profi-Mannschaft landen, spielen jede Partie im Nachwuchsbereich und kennen es daher nicht anders. Doch bei den Männern angekommen, wird der Zeitpunkt kommen, in dem sie mal nicht für den Kader berücksichtigt werden oder etwas hinten dran sind. Darauf sollten sie vorbereitet sein.”

Hertha BSC ist seit vielen Jahren, aber besonders seit dem Amtsantritt von Pal Dardai durch eine hohe Durchlässigkeit vom Jugend- in den Profi-Bereich gekennzeichnet. Spieler wie Maxi Mittelstädt, Jordan Torunarigha oder eben der oft genannte “goldende 1999er Jahrgang” haben sich in der Bundesliga-Mannschaft teilweise bereits etabliert. Zwischen Ihnen, U23-Trainer Ante Covic und Profi-Coach Pal Dardai herrscht ein reger Austausch über die Arbeit mit dem eigenen Nachwuchs. Wie würden Sie ihre Zusammenarbeit charakterisieren?

“Wir kennen uns sehr gut, haben lange zusammen für Hertha BSC gespielt. Dadurch und aufgrund der kurzen Wege unterhalten wir uns regelmäßig. Wir sehen uns nahezu täglich und haben die Möglichkeit, jederzeit miteinander zu sprechen und gewisse Dinge anzugehen. Am Anfang jeder Woche versuchen wir gemeinsam eine Tendenz für die Spiele am Wochenende zu sehen, um die Einsatzzeiten der jungen Spieler regulieren zu können. Es kann sich situativ natürlich immer mal was verändern, das wichtigste Kredo ist aber: Alle jungen Spieler sollen spielen! Es sollte eigentlich nie so sein, dass jemand am Wochenende nicht spielt. Natürlich kann es auch mal sein, dass Eigengewächse aufgrund von Personalmangel im Profi-Kader stehen, jedoch nicht zum Einsatz kommen. Das sollte jedoch nicht zur Gewohnheit werden. Gerade beim 99er Jahrgang können wir für genügend Einsatzzeiten sorgen, da wir mit der U19, U23 und dem Profi-Kader drei Mannschaften bedienen. Aufgrund dessen brauchen und haben wir drei Trainer einen sehr guten Austausch.”

Sie sind ja bereits seit 2013 Jugendtrainer bei Hertha BSC. Hat sich in der Arbeit mit dem Nachwuchs seit Pal Dardai als Profi-Trainer etwas verändert? Er fing ja selbst als U15-Coach an, trainierte damals Arne Maier und co.

“Hertha BSC war schon immer darin bestrebt, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Es gibt nun einmal Jahrgänge, in denen es eventuell nur ein oder sogar gar kein Spieler zum Profi schafft. Beim 99er Jahrgang haben wir jedoch fünf Spieler im Profi-Training, ein ungewöhnlich hohe Anzahl. Wir sind auf einem sehr guten Weg – es ist jedoch eine Vereins- und keine Pal-Dardai-Philosophie. Er trägt diesen Weg absolut mit, weil er Herthaner ist und selbst aus dem Jugendbereich kommt. Sicherlich ist der Jugendbereich davon abhängig, inwiefern der Profi-Trainer auf ihn zurückgreift, aber Hertha BSC versucht seit jeher auf eben diese Trainer zu setzen. Mit Pal Dardai haben wir da natürlich Glück.”

Sie haben schon Arne Maier und andere Spieler aus dem 99er Jahrgang angesprochen. Um Maier im speziellen kommt man jedoch nicht herum. Er wurde Spieler des Turniers in Sindelfingen, schoss sechs Tore, bereitete viele vor und war schlichtweg der prägende Akteur auf dem Feld. Wie würden Sie seinen Weg seit seinem ersten Spiel für die Profis beschreiben? Haben Sie ihm zugetraut, sich sofort auf diesem Niveau zu akklimatisieren?GES-Sportfoto / Mercedes-Benz

“Ich habe es ihm aufgrund seiner Fähigkeiten absolut zugetraut. Er ist auf einem sehr guten Weg, auch weil er wirklich bodenständig ist und nicht droht abzuheben. Anhand seiner Entscheidung für das Jugendturnier und gegen die Testspiele mit den Profis sind diese Eigenschaften gut abzulesen. Ich hoffe, dass er gesund bleibt – das ist bei einem so jungen Spieler sehr wichtig. Er muss nach wie vor an sich arbeiten, sich stabilisieren und dann wird er seinen Weg gehen – hoffentlich bei Hertha.”

Sie sprechen es an – “Hoffentlich bei Hertha BSC”. Wir wollen die Gerüchteküche geschlossen halten und stattdessen die Frage stellen, warum er denn in Berlin bleiben sollte. Was kann ihm der Verein für einen langfristigen Verbleib bieten?

“Wenn Arne gewollt hätte, wäre er bereits im Jugendbereich zu einem größeren Verein gegangen, diese Angebote gab es. Er will einfach bei Hertha den Sprung schaffen, sein Standpunkt in dieser Sache scheint sehr fest zu sein. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, höre ich nichts anderes heraus. Ich hoffe, dass er seinen Weg bei uns geht und ich habe das Gefühl, er will dasselbe.”

Hertha BSC ist in der Hinrunde sowohl aus der Europa League als auch aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Somit stehen weitaus weniger Partien zur Verfügung, um eine gesunde Rotation zu gewährleisten. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die jungen Spieler trotz mangelnder Einsatzzeiten in der Bundesliga weiter gut entwickeln können?

“Wir werden an unserem Weg nichts grundsätzliches ändern. Wie ich bereits sagte, werden wir uns Anfang der Woche austauschen und die bestmögliche Entscheidung für jeden einzelnen Jungen treffen. Das Ausscheiden aus den Wettbewerben beeinflusst unsere Arbeit mit den Talenten nicht.”

Vielen Dank für das Interview!

Nikita Rukavytsya im Interview

Nikita Rukavytsya im Interview

Hey Nikita – erstmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst uns ein paar Fragen zu deiner Karriere und deiner Person zu beantworten.

HB: Wir haben kürzlich einen Beitrag auf unserer Seite über dich abgesetzt und haben festgestellt, dass du nach wie vor sehr bekannt und beliebt bei unseren Fans in Berlin bist. Viele unserer Fans haben sogar öffentlich den Wunsch geäußert dich wieder in unserem Team sehen zu wollen. Traurigerweise wurdest du 2012 nach Mainz transferiert – später bist du eine Liga runter zum FSV Frankfurt gewechselt, zurück nach Australien zu Western Sydney und aktuell bist du vereinslos. Wie ist deine aktuelle Situation? Wann können wir dich wieder zurück auf dem Feld sehen?

Ruka: Gleich mal voraus gesagt: Hertha ist ein fantastischer Klub! Ich liebe diesen Verein und ich liebe und schätze vor allem die Fans des Vereins. Während meiner gesamten Zeit bei der Hertha haben mir die Fans, meiner Person durchweg nur ihre Liebe zum Verein und mir selber gezeigt. Bezüglich meiner aktuellen Situation, kann ich nur sagen das die Vereinssuche in Arbeit ist und ich zuversichtlich bin schon bald einen neuen Verein gefunden zu haben.

HB: Nach 5 Jahren in Europa, 5 verschiedenen Teams, 3 verschiedene Ligen – bist du zurück „nach Hause“ gekehrt und hast in Australien bei Western Sydney unterschrieben. Welche grundlegenden Unterschiede siehst du zwischen dem Fussball in Europa, hauptsächlich der Bundesliga, und der ‘A-League’ in Australien?

Ruka: In der Tat habe ich sogar insgesamt 6 Jahre in Europa gespielt, bevor ich letzte Saison zurück in die A-League gekehrt bin. Prinzipiell kann man schon einige deutliche Unterschiede klar ausmachen. Die A-League mit einer Weltklasse Liga, wie es die Bundesliga ist, zu vergleichen fällt schon sehr schwer. In Australien ist der Fussball nur die 5. beliebteste Sportart und es hat noch immer einen sehr langen Weg zu gehen. Rugby oder Cricket sind Sportarten die in Australien weit vor dem Fussball kommen und die Menschen in meinem Land um einiges mehr begeistert. Es sind einfach einige Verbesserungen vorzunehmen in den unterschiedlichsten Bereichen des Spiels.

Beim Nationalteam ist das dann schon wieder eine andere Geschichte, die meisten Spieler spielen außerhalb von Australien und somit hauptsächlich in Europa.

HB: Wir können uns immer noch an dein Solo-Tor in Höchstgeschwindigkeit gegen Alemannia Aachen in der 2.Bundesliga erinnern. Nach diesem Tor haben wir den Satz „Who is Usain Bolt? We have Ruka!“ gepostet und haben diesen Satz am nächsten Morgen dann sogar in der Zeitung gefunden. Für uns war dieses „High-Speed Dribbling“ eines unserer Lieblingsmomente mit dir im Hertha Trikot. Welcher Moment war für dich der schönste Moment an den du dich noch am Liebsten interessierst?

Ruka: [Lachend] Ich erinnere mich an das Tor! Allerdings war für mich tatsächlich jedes Spiel und jedes Tor etwas besonderes, dadurch kann ich keinen speziellen Moment nennen. Jedes Mal, wenn ich das Trikot übergestreift habe und auf das Feld durfte war für mich einfach schon besonders. Als kleines Kind war es mein Traum Fußballprofi zu werden und auf dem höchsten Niveau meinem Hobby nachzugehen und da ich diese Erfahrung bei Hertha machen konnte ist dieser Verein einfach besonders für mich.

HB: Wenn wir gerade schon von einem Vergleich zu Usain Bolt gespochen haben – Wie lange brauchst du denn für die 100 Meter?

Ruka: Das tut mir leid, dass weis ich wirklich nicht. [Lacht]

HB: Hast du denn noch Kontakt zu aktuellen Hertha Spielern? Folgst du noch Spielen der Hertha und der Bundesliga im Allgemeinen?

Ruka: Na klar! Ich habe in Berlin Freunde für mein ganzes Leben gefunden. Meine engen Freunde sind Roman Hubnik, Levan Kobiashvilli, Rob Friend und Ben Sahar. All die Jungs spielen nicht mehr bei der Hertha, aber durch Fabian Lustenberger habe ich noch einen Freund, der mich über die Hertha und die Bundesliga auf dem Laufenden hält.

HB: Was vermisst du an Deutschland und Hertha BSC am meisten?

Ruka: Da vermisse ich am meisten die Jungs, wir hatten ein extrem homogenes und eng befreundetes Team. Aber natürlich, wie schon betont, auch die Fans und das unglaubliche Stadion.

Großen Dank für deine Worte Ruka – Wir wünschen dir alles Gute für deine Zukunft und hoffen dich Mal wieder in Berlin zu sehen. Ob im Stadion, als Gegner oder bei uns im Team. Du bist immer herzlich willkommen!

Interview mit Lennart Hartmann – „Der Verein hat mich fallen gelassen”

Interview mit Lennart Hartmann – „Der Verein hat mich fallen gelassen”

Er war eine der großen Hoffnungen im Deutschen Fußball, Gewinner der Fritz-Walter-Medaille und jüngster Bundesliga-Debütant der Geschichte Herthas. Lennart Hartmann, heute 24 Jahre alt, hatte eine große Zukunft im Fußball vor sich, jedoch kam alles anders. Verletzungen, Nichtberücksichtigungen und schlechtes Timing ließen ihn die „Schattenseiten“ des Sportlerlebens erleben. In unserem Interview erzählt er uns ausführlich von seiner höchst interessanten Karriere, wie er wieder auf die Beine kam und warum er noch heute von Hertha BSC enttäuscht ist.

Hertha BASE 1892: Hallo, Herr Hartmann! Zunächst einmal Glückwunsch zur Meisterschaft und dem damit verbundenen Aufstieg mit TeBe (Tennis Borussia Berlin)! Wie wir gerade gesehen haben, müssen Sie die Feierlichkeiten ja gut überstanden haben, haben Sie doch gerade erst Ihren Vertrag verlängert (News dazu kam am 24.6. um 11:20 Uhr, Interview fing um 12.30 Uhr an).

Bis wann geht denn der neue Kontrakt?

Lennart Hartmann: Genau! Der Vertrag läuft nun für ein weiteres Jahr.

HB1892: Welche Ziele verfolgen Sie denn nun mit dem Verein. Gibt es eine genaue sportliche Perspektive mit TeBe?

LH: Ich glaube, dass man zunächst einmal darauf achten muss, dass alles nicht zu schnell geht, um den Verein auch wirtschaftlich bzw. finanziell nicht zu sehr zu belasten. So schnell kann der Verein gar nicht wirtschaften, so schnell wie wir aufgestiegen sind und uns sportlich entwickeln. Wir „dürfen“ gar nicht innerhalb von zwei Jahren von der Berlin-Liga in die Regionalliga aufsteigen. Es geht erst einmal darum, die Klasse zu halten, um dann im darauffolgenden Jahr anzugreifen.

HB1892: Wir sind ja auch Studenten und uns würde interessieren, wie schaffen Sie es denn eigentlich, Ihre Tätigkeiten bei TeBe mit Ihrem Jura-Studium und ihrem Model-Dasein als Nebenberuf zeitlich zu vereinbaren?

LH: Das geht klar, deshalb habe ich ja den Schritt zurück gemacht, von Berliner AK zu TeBe, weil es zeitlich bei BAK durch das viele Training und die (Auswärts)Spiele nicht mehr gepasst hat. Bei TeBe war das zumindest in der Berlin-Liga sehr gut machbar: Dreimal Training die Woche, meist erst ab 18.30 Uhr, sodass ich es mit der Universität vereinbaren konnte und die weiteste Auswärtsfahrt war wahrscheinlich nach Hermsdorf. Das war also alles auf kleinem Raum und dadurch sehr passend für mich.

HB1892: Soll heißen, Sie denken jetzt erst einmal kurzfristig mit TeBe, je nachdem, wie es sich dort sportlich entwickelt und wie Sie es mit ihrem Privatleben vereinbaren können?

LH: Genau! Für mich wird das nächste Jahr natürlich spannend, weil ich gucken muss, wie die Balance zwischen der Oberliga und dem Jura-Studium ist. In der Oberliga trainiert man viermal die Woche, hat dann auch weitere Fahrten. Klar, dann muss ich mir die Auswärtsfahrten von drei, vier Stunden zu Nutze machen und auf diesen lernen. Wie gesagt, das Jahr wird sehr spannend für mich, um herauszufinden, ob die Oberliga machbar ist, das muss man dann sehen.

HB1892: Aber Ihre Priorität liegt dann schon ganz klar beim Jura-Studium, wenn wir das richtig verstanden haben, oder?

LH: Ja, es wäre ja alles andere als konsequent, wenn ich jetzt sagen würde, ich werde wieder alles auf die Fußball-Karte setzen. Ne, das wäre Quatsch, deswegen habe ich jetzt die ganzen Schritte zurück gemacht, um im Endeffekt die Uni im Fokus zu haben. Alles andere ist, ich will nicht sagen, zweitrangig, dafür haben wir bei TeBe zu gut gearbeitet, um den Verein wieder hochzubringen.

HB1892: Gemäß dem Fall, dies ließe sich aufgrund der sportlichen Entwicklung TeBes zeitlich nicht mehr vereinbaren, könnten Sie sich vorstellen, erst einmal komplett mit dem Fußball Spielen aufzuhören oder würden Sie sich dann wieder einen Verein in der Berlin-Liga suchen, wo der momentane Lebensrhythmus möglich wäre?

LH: Aufhören würde ich sicher nicht, dafür ist der Fußball eine zu große Leidenschaft. Ich spiele, seit ich vier Jahre alt bin Fußball und aufzuhören wäre zu einschneidend für mein Leben. Ich würde dann wahrscheinlich wieder probieren in die Berlin-Liga zu kommen, da hat es auf jeden Fall schon gute und interessante Gespräche gegeben, für den Fall der Fälle, aber momentan gibt es nur TeBe für mich.

HB1892: Ich kann Ihnen da meinen Stammverein, den Nordberliner SC empfehlen. Diese kicken ja in der Berlin-Liga und sind in dieser Saison Rückrundenmeister geworden, haben in der zweiten Saisonhälfte sogar mehr Punkte als TeBe geholt.

LH: *lacht*

HB1892: Nun gut, kommen wir zu Ihrer Karriere. Diese fing ja ganz oben an: Im August 2008 haben sie die Fritz-Walter-Medaille als zweitbester Jugendspieler Deutschlands ihres Jahrgangs (U17) bekommen. Im selben Jahr bekamen diese auch der spätere Nationalspieler Sebastian Rudy und Weltmeister Toni Kroos (beide U18). Am 17. August durften Sie dann auch in der Bundesliga debütieren. Im Alter von 17 Jahren, vier Monaten und 14 Tagen wechselte Sie Lucien Favre gegen Eintracht Frankfurt ein. Sie sind damit der jüngster Hertha-Debütant aller Zeiten und einer der jüngsten Bundesliga-Spieler der Geschichte. Bis dahin liest sich Ihre Karriere wie der Traum eines jeden deutschen Jungen. Wie verarbeitet man als so junger Spieler so einen steilen Aufstieg?

LH: Unglaublich schwer! Ich sage es mal so: Bis zu diesem Zeitpunkt, wo das alles stattgefunden hat, hatte ich nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet. Ich hatte mich damit beschäftigt Profi zu werden. Ich war mit meinem Leben glücklich so wie es war. Ich war immer in den höchsten Spielklassen meines Jahrganges, ich war mit Hertha immer in den besten Mannschaften Deutschlands und ich hatte einfach Spaß an der Sache. Dieses Ziel Profi zu werden hat man nicht wirklich. Klar hat man als kleines Kind immer davon geträumt, wenn man z.B. „die Kickers“ gesehen hat, mal bei Barcelona zu spielen. Aber ob man so darauf fokussiert war, Bundesligaprofi zu werden bei Hertha, wage ich doch zu bezweifeln. Das hat sich dann alles irgendwie schnell ergeben und gerade als 16-Jähriger rechnet man nicht damit, plötzlich von Lucien Favre angerufen zu werden um fürs Training der ersten Mannschaft gebeten zu werden. Das ging alles sehr sehr schnell. Der Verlauf, wie alles kam, war natürlich auch ein wenig glücklich und ist natürlich immens viel dem Trainer Lucien Favre zu verdanken, der Talente haben wollte und auch spielen lassen hat.

HB1892: Leider folgten ja dann Ihre schlimmen Verletzungen. Die Folge war, dass sie nicht mehr berücksichtigt wurden, zudem hatten Sie das Pech, dass mit Friedhelm Funkel ein Trainer kam, der bekanntermaßen nicht auf junge Spieler setzte. Sie wechselten nach Aachen und andere Stationen (Babelsberg, Berliner AK, TeBe). Sie sind ja das positive Gegenbeispiel für Spieler, die den Sprung ins Profigeschäft nicht schaffen und in ein tiefes Loch fallen, da sie vor dem Nichts stehen. Wie kriegt man diese Kurve?

LH: Das war für mich persönlich relativ leicht. Meine Karriere ist ja ein Paradebeispiel für die Schattenseiten des Fußballs. Du kommst also 16, 17-Jähriger in Profibereich, machst kurz darauf dein erstes, zweites, drittes Spiel, kriegst in diesem Jahr durch den damaligen Erfolg Herthas sogar Europacup-Einsätze, spielst im DFB-Pokal, machst alles mit, bist bei jedem Spiel dabei, doch plötzlich siehst du, wie dein Körper nicht mehr mitmacht, wie du jeden Tag beim Aufstehen erneut Schmerzen hast.

Die Hüftprobleme, die ich damals hatte, wurden immer drastischer, sodass der Körper morgens kaum noch Energie hatte aufzustehen. Das war für mich das erste Warnzeichen. Ich war jung und naiv und habe im Endeffekt mich von einem Physiotherapeuten der Hertha zutexten lassen, Sätze wie „sei keine Mimose! Das läuft sich raus“ und alles Mögliche erzählte er mir. Das war dann ein Riesenfehler, ich habe weitergespielt, solange bis es dann wirklich nicht mehr ging. Ich hatte dann eine Pause gemacht und war im Endeffekt die ersten fünf Monate meiner Verletzung in einer Berliner Reha und bei verschiedensten Ärzten, dir mir allesamt nicht helfen konnten.

Das ging so lange, bis ich letztendlich über meine damaligen Berater Jens Jeremies und Jürgen Milewski nach München zu Dr. Müller-Wohlfahrt geholt wurde. Dieser wiederum hatte mich zu einem sogenannten „Wunderheiler“ gebracht. Das war an der Schweizer Grenze, in irgendeinem bayerischen Dorf. Dieser Arzt war der Wahnsinn! Dort gingen Persönlichkeiten wie Boris Becker oder Franz Beckenbauer ein und aus, alle haben diesen Mann aufgesucht, der in der hintersten Ecke Deutschlands praktiziert hat. Dieser Mann hatte es dann auch geschafft, mich innerhalb von zwei Wochen wieder fit zu bekommen und zwar mit einfachsten, konservativen Methoden, die wirklich nichts mit neuem medizinischen Firlefanz zu tun hatten. Ich kann nur sagen, dass ich ihm bis heute sehr dankbar bin. Er hatte mir auch mental viel Zuspruch gegeben, was ich in Berlin vermisst hatte, worüber ich bis heute von meinem Ex-Verein (Hertha BSC) sehr enttäuscht bin.

Dann war es wie gesagt so, dass ich nach zwei Wochen wieder fit war doch war es mit meiner Verletzungspause von sieben Monaten in dieser Zeit ohnehin sehr schwer für mich, fand auch noch der Trainerwechsel statt, von Lucien Favre, der wirklich auf junge Spieler steht, zu Friedhelm Funkel, der die konservative Art des Fußballs mochte und darauf beharrt alte Spieler zu haben, fertige Profis, der er nicht weiterentwickeln muss, sondern einfach nach seinen Vorstellungen spielen lassen konnte. Das war für Funkel das wichtigste im Abstiegskampf und das hatte er den jungen Spielern wie Bigalke, Riedle, Radjabali-Fardi und mir auch recht schnell gesagt und somit war unsere Laufbahn bei Hertha erst einmal beendet. Wir wurden in die U23 befördert und das war natürlich der nächste Rückschlag.

Dann ging es weiter, Markus Babbel kam irgendwann und hatte uns eine neue Chance gegeben. Mir persönlich hatte er dann gesagt, dass es für mich schwer wird an Raffael, der zu dieser Zeit überragend in der Zentrale spielte, vorbeizukommen. Er hatte mir geraten, mir einen neuen Verein zu suchen. Ein erneuter Rückschlag.

Dann bin ich nach Aachen gegangen, wo Peter Hyballa, den ich für einen sehr guten Jugendtrainer halte, der den Jugend- gut in den Profibereich führen konnte. Ich hatte aber wieder mal das „Glück“, dass zwei bis drei Monate nach der Vorbereitung entlassen wurde und dann hieß es „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich war ja nicht alleine dort, Shervin Radjabali-Fardi hatte dort zusammen mit mir gespielt. Wir wussten natürlich schnell, dass dies erneut unsere Endstation war. Dann musste man sich wieder Gedanken machen.

Dann finde mal als junger, unerfahrener Profi, der kaum Spiele im Profibereich gemacht hatte, im Winter wieder einen neuen Verein. Man ist rumgereicht worden und auf einmal landest du in Babelsberg, wieder eine Spielklasse runter, in die dritte Liga. Mehr oder weniger der nächste Rückschlag. Ich hatte somit einen Verein gefunden, der gegen den Abstieg spielte, was mit meiner fußballerischen Qualität gar nicht übereinstimmte, denn meine Art Fußball zu spielen war ja die technisch starke Variante, ein Spiel zu bestimmen und nicht mit zehn Mann hinten verteidigen und die Bälle lang herauszuschlagen. Das war nie meine Stärke. Ich habe das Jahr trotzdem irgendwie überwunden.

Daraufhin ging es mit Babelsberg auch steil bergauf. Es kam Christian Benbennek, ein für mich sehr kompetenter Trainer, der uns auch ganz gut eingestellt hatte und dann lief es für mich auch relativ gut. Ich hatte dann auch wieder das eine oder andere Zweitligaangebot, war kurz davor zu sagen, dass es mich doch nochmal reizt, in Liga 2 den Schritt nach oben zu probieren. Doch genau als ich beobachtet wurde, wurde ich so schlimm verletzt, dass ich wieder vier Monate pausieren musste. Es kam halt wirklich eins zum anderen, jedes Mal kam zu so einem Moment eine lange Verletzung, so ein Rückschlag, wobei man das vom Anfang seiner Karriere gar nicht kannte. In der Jugend ging der Weg immer nur steil nach oben, sodass all dies sehr schwer zu verarbeiten war – vom Kopf her, aber auch körperlich. Ich war wirklich am Ende, sodass ich teilweise auch echt psychische Probleme hatte. Ich hatte morgens überhaupt keine Lust aufzustehen und alles fiel mir nur noch schwer. Das war für mich auch ein Warnzeichen. Ich hatte in dieser Zeit viel mit meinen Eltern geredet, meine Mutter hatte mit viel Verständnis reagiert und sagte, ich müsse auch echt wissen, was ich da mache, bevor ich mich selber körperlich komplett kaputt mache. Gerade wenn man solche Sachen, wie von Sebastian Deisler gelesen hatte.

So war für mich nicht schwer, langsam darüber nachzudenken, einen Plan B zu haben. Wir sind dann auch noch mit Babelsberg abgestiegen, wodurch man sich in Liga 4 wiederfand. Dort rentierte es sich finanziell ohnehin nicht mehr, als dass man sagen kann, man spielt dort 20 Jahre und hat ausgesorgt. Dann war klar, dass Plan B hermusste. Wie kann man das am besten vereinbaren? Am besten, wenn man seinen Standort nach Berlin verlegt. So kam dann auch der Kontakt mit Berliner AK zustande, sodass ich dorthin gewechselt bin. Der Plan B war dann das Studium, denn ich konnte damals ja Gott sei Dank mein Abitur absolvieren. Favre bestand nämlich darauf, dass wir alle unsere Schullaufbahn vernünftig zu Ende führten.

Ich wollte eigentlich Psychologie studieren, bin dann aber bei meiner Zweitwahl Jura gelandet und wollte mir dieses Studium erst einmal anschauen. Mittlerweile bin ich im Übergang zum fünften Semester und finde es mehr als spannend und hoffe, dass ich in ein bis zwei Jahren mein erstes Examen machen kann.

HB1892: Es freut uns natürlich sehr, dass Sie das alles in dieser Form bewältigt haben, aber hadern Sie im Nachhinein mit ihrem Schicksal?

LH: Das werde ich ganz oft gefragt! Also ich hadere überhaupt nicht damit, weil ich wirklich sagen muss, dass ein Mario Götze oder Toni Kroos etwas anderes behaupten würden, denn diese haben natürlich viel mehr die Sonnenseiten des Fußballs erlebt. Doch was ich erlebt habe, im Übergang zwischen Jugend- und Männerfußball, da überwiegen ganz klar die negativen Aspekte. Ich habe die kompletten Schattenseiten des Fußballs kennengelernt: Trainerunglück, Verletzungen uvm., sodass ich wirklich überhaupt keinen Spaß mehr hatte, seitdem ich 18 oder 19 Jahre alt war. Es hat mir nichts mehr gegeben, den ganzen Tag rumzulungern, nach einer 10-Uhr-Trainingseinheit wieder den ganzen Tag vor der Playstation zu hocken. Du merkst den schleichenden Prozess, der dich regelrecht verblöden lässt, wenn du dich mit keinem Fernstudium o.ä. beschäftigst. Und aufgrund der vielen sozialen Aspekte, man geht in die Uni, in den Vorlesungen sitzen ca. 300 Leute, bereue ich es nicht. Man hat nicht jeden Tag die gleichen 20 Menschen um einen herum, die vor und nach dem Training einzig und allein über sehr beschränkte Themen reden. Das ist also ein guter Ausgleich.

Und ich muss sagen, dass TeBe im Endeffekt kein vollwertiger Amateurverein ist. Die waren einmal groß und ich bin fest davon überzeugt, dass wenn wirtschaftlich auf die Beine kommt, man auch wieder groß werden kann. Teil des Projekts zu sein, macht mir großen Spaß, einen Verein von ganz unten in der Berlin-Liga zumindest wieder in die nächsthöhere Spielklasse zu bringen, ist mir eine wirklich große Ehre.

HB1892: Das hört sich alles doch sehr schön und versöhnlich an. Es freut uns, dass man da anscheinend nicht immer vor dem Nichts stehen muss, wenn man den Profialltag nicht packt. Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie sich eine andere Unterstützung seitens Hertha BSC gewünscht hätten. Glauben Sie denn, dass Ihre Karriere mit beispielsweise einer anderen Medizinabteilung anders verlaufen wäre?

LH: Nein, der Medizinabteilung würde ich da gar keine Schuld zuschieben. Dr. Schleicher war ja schon damals Mannschaftsarzt und ist ein super kompetenter Mann und hat nicht umsonst so viel Erfolg und auch die anderen Therapeuten waren allesamt sehr gut.

Das Problem an der ganzen Sache, dass der Verein als Ganzes mich relativ schnell hat fallen lassen und mir nicht wirklich die Stütze gegeben hat. In meiner kompletten Verletzungspause von sieben Monaten war Favre, selber Angestellter des Vereins, die ganze Zeit damit beschäftigt, sich nach mir zu erkundigen, anzurufen und das obwohl ich nur drei Spiele gemacht hatte, eigentlich gar keinen wirklichen Draht zu ihm haben konnte. Er war wirklich jemand, der auf diese menschliche Komponente geachtet hat. Er hat stets probiert seine Spieler bei Laune zu halten, selbst wenn sie nicht am Trainingsbetrieb teilgenommen haben.

Wenn man sieben Monate verletzt ist, verliert man ja immer mehr die Nähe zur Mannschaft, das geht ganz schnell. Wenn du dann null Unterstützung vom Verein erfährst, der dich einfach anrufen könnte, um dir ein paar Aufgaben zu geben und zu fragen wie es dir geht, wenn du merkst, dass du im Endeffekt als Mensch überhaupt keine Rolle spielst, sondern nur dieser Nutzen aus der herausgezogen werden soll und wenn er nicht gezogen werden kann, dann wirst du uninteressant. Das ist schon eine Enttäuschung, sowas kennst du als junger Fußballer natürlich nicht, als dem es einem nicht um wirtschaftliche Dinge geht, nicht um Geld, nicht um Finanzen, sondern einfach nur um Spaß zu haben und möglichst erfolgreich zu sein. Das ist im Männerfußball halt etwas anderes, da geht es mehr um Geld und das Menschliche steht dabei im Hintergrund und das ist das, was mir auch in der heutigen Zeit viel Kraft gibt, mich für mein restliches Leben auf jeden Fall gestärkt hat, so etwas zu erfahren.

HB1892: Sie sprachen in einem Interview mit der FAZ von „Menschenhandel“ im Fußball. Sie haben es in Ihrer Zeit bei Hertha sicherlich auch generell beobachten können, dass es anscheinend vielen Leuten so erging, z.B. bei einem Radjabali-Fardi oder ähnlichen Spielern aus Ihrem Jahrgang, dass wenn diese ihre Leistung nicht auf Anhieb bringen konnten, diese auch fallen gelassen wurden oder sind Sie dabei ein explizites Beispiel?

LH: Nein, ich glaube, ich bin ein Beispiel für eine ganz ganz große Masse in Deutschland. Diese „Sonnenkarrieren“ á la Götze und Kroos sind einzelne Schicksale. Ich glaube, die überwiegende Masse hat eine ähnliche Karriere wie ich, vielleicht nicht solch einem „krassen“ Kontrast, aber schon ähnlich. Ich glaube, es gibt selbst in Berlin genug Spieler, die wirklich so talentiert sind, es aber nicht gepackt haben. Im Fußball spielen etliche Dinge eine Rolle und da entscheidet letztendlich nicht nur das Talent an sich. Ich habe sehr viele Leute erlebt, egal ob es bei Aachen, Hertha oder Babelsberg war, die mir wirklich gesagt haben, dass sie von Liga Eins bis Drei nicht glücklich mit ihrem Leben sind und die sicher lieber vorstellen könnten, etwas anderes zu machen, anstatt dieses Leben zu führen. Man denkt zwar immer, dieses Zwei-Stunden-bis-vier-Stunden-arbeiten am Tag, dieses viele Geld, dieses Luxusleben macht dich glücklich, aber wenn ich eins gelernt habe, dann dass dich das nicht auf Dauer glücklich macht.

HB1892: Würden Sie denn im Nachhinein mit den Erfahrungen, die Sie jetzt besitzen, den Schritt noch einmal probieren, im Profifußball Fuß zu fassen?

LH: Nein, also ich bekam jetzt zum Sommer hin wieder ein Angebot von Viktoria Köln, was an sich aus fußballerischer Sicht überragend wäre, denn die wollen ja seit Jahren wieder hoch aus der Regionalliga-West, spielen dort jedes Jahr eine Riesenrolle und wollen mittelfristig in die zweite Liga. Das wäre für mich, wenn ich diesen Weg gewählt hätte, eine super Option gewesen, ich habe es aber einfach abgelehnt, weil ich denke, dass es einfach inkonsequent gegenüber meinem bisherigen Weg gewesen wäre, einfach das Studium abzubrechen und mich auf Fußball zu fokussieren. So wie das Leben, wie es jetzt ist, dass man Fußball und Uni unter einen Hut bekommt, davon noch irgendwie leben kann und mit Tebe auch noch einen super Verein hat, der für mich wirklich alles andere als ein Amateurverein ist, ist es für mich optimal. Besser kann mein Leben im Moment nicht laufen.

HB1892: Ich bin selber Jura-Student und weiß daher um einen optionalen Zusatz des Sportmanagements im Jura-Studium. Könnten Sie sich denn vorstellen, mit Ihren Erfahrungen im Profifußball irgendwann einmal eine funktionelle Position des Fußballs zu bekleiden?

LH: Klar, also ich glaube, man ist sein Leben lang tief im Inneren mit dem Fußball verbunden und verfolgt das Ziel zumindest irgendetwas im Fußball tun zu können. Als Spieler würde ich keine höheren Aufgaben mehr annehmen und würde es meinem Sohn auch niemals empfehlen, sich darauf zu fokussieren Fußballer zu werden, nachdem was für Erfahrungen ich gemacht habe, denn ich glaube, dass der „Glückfaktor“ eine zu große Rolle spielt. Wie ich es schon in der FAZ gesagt hatte: Der Fußball kann dir ganz viel geben, aber noch mehr nehmen. Das habe ich am eigenen Leibe erfahren, mir wurde ziemlich viel genommen und gerade mental lag ich eine Zeit lang echt am Boden und allein diese Dinge möchte ich keinem anderen Menschen wünschen.

Was ich meine, ist, dass man sich im Sport keine Option verschließen sollte, aber ich glaube, dass im sportlichen Bereich eher weniger tätig werden wollen würde.

HB1892: Wie können denn Vereine und Verbände dazu beitragen, dass Fußballer, die es eben nicht schaffen Profi zu werden, trotzdem eine berufliche Perspektive haben?

LH: *Überlegt* Ich glaube, das ist gar nicht machbar. Selbst bei Hertha BSC wurde damals sehr darauf geachtet, dass man seine Hausaufgaben gemacht hatte und auch unbedingt einen möglichst guten Schulabschluss vorweisen konnte. Du kannst niemandem den Weg vorgeben. Jeder Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied und habe damals gemerkt, dass viele Leute einfach kein Abitur wollten, sich keine weiteren zwei Jahre hinsetzen wollten, hatten sie doch schon ihren Realschulabschluss. Du kannst als Fußballverein es unmöglich schaffen, auf zwei Wegen den Menschen so voranzubringen, sodass diese immer Plan B in der Tasche haben. Das muss dieser Mensch selber wollen.

HB1892: Was uns als Hertha-Fans natürlich besonders interessiert, ist, inwieweit verfolgen Sie denn die Hertha und wir beurteilen Sie die sportliche Entwicklung der letzten Jahre?

LH: Die sportliche Entwicklung? Also ich finde, dass seit dem Jahr, in dem wir fast die Champions League erreicht hätten, nicht mehr viel passiert ist. Es war ein stetiger Abbau und dieses Jahr ist man wieder knapp dem Abstieg entkommen. Ich vermisse ein gewisse Konstanz nach oben, dass man nicht nur versucht die Saison irgendwie zu überstehen, das kann für mich für langfristig kein Plan sein, gerade als Hauptstadtclub. Wenn man in die anderen Länder guckt, England, Spanien oder Frankreich, dort spielen diese Vereine in den höchsten Wettbewerben mit und Hertha taumelt zwischen der ersten und zweiten Liga herum.  Das ist für eine Hauptstadt relativ enttäuschend und es muss meiner Meinung nach wieder ein anderer Weg eingeschlagen werden.

HB1892: Und inwieweit verfolgen Sie es noch? Gehen Sie z.B. noch ins Stadion oder sind Sie da gar nicht mehr wirklich mit verbunden und haben mit Hertha an sich abgeschlossen?

LH: Die Bindung, muss ich sagen, die hatte ich bis zur Jugend immer, war voll mit dem Verein identifiziert und habe viel für diesen Verein getan, aber nachdem, was ich dort miterlebt habe, wenn man älter wird und uns Profigeschäft kommt und auch einen Blick hinter die Kulissen werfen kann, merke ich, dass dieser Verein nicht rund läuft. Was man bei Bayern hört, ist kein Zufall, schaut man auf den sportlichen Erfolg und wie es dort auch menschlich läuft. Dass dich ein Uli Hoeneß auch einmal zum persönlichen Gespräch bittet, um zu fragen, wie es dir geht, das sind Komponenten, die waren zumindest damals nicht vorhanden. Ich glaube, es ist kein Zufall, wo Bayern steht und wo Hertha steht. Ich persönlich verfolge es nicht mehr, habe seitdem auch nicht mehr wirklich in den Profifußball geschaut. Das einzige, was ich in den Jahren angemacht habe, war die Champions League und die Nationalmannschaft. Ich war nie der große Fußball-Gucker, habe es immer lieber selber gespielt und deswegen gibt es da keinen großen Unterschied zu früher.

Es ist nicht so, dass ich Hertha nichts gönne. Ich wünsche dem Verein alles Gute und hoffe, dass er sich längerfristig wieder weiter oben etabliert und alles andere ist mir nicht mehr so wichtig.

HB1892: Dann danken wir Ihnen für Ihre Zeit und die vielen ehrlichen Worte!

LH: Alles klar, gerne! Viel Erfolg noch!

[Die Fragen stellten Marc Schwitzky und Alexander Jung.]