Hertha BSC: Mit letzter Kraft zum Klassenerhalt

Hertha BSC: Mit letzter Kraft zum Klassenerhalt

Wer als Hertha-Fan nach dem Spiel in Gelsenkirchen noch Nerven übrig hatte, muss wohl Superkräfte haben. Nach sechs Minuten Nachspielzeit in Unterzahl und trotz einer Riesenmöglichkeit für die Hausherren schafften es die Profis der „alten Dame“, den knappen 2:1-Auswärtssieg zu sichern. So haben sie einen vielleicht entscheidenden Schritt in Richtung Klassenerhalt geschafft. Doch bevor Hertha seinen Profis das Denkmal bauen kann muss noch eine Partie überstanden werden. Am Samstag um 15h30 empfängt Hertha BSC den direkten Konkurrenten im Abstiegskampf 1. FC Köln.

Krimi an der Ruhr – Jessic Ngankam rettet Hertha

Foto: Ulrich Hufnagel / Hufnagel PR / POOL /IMAGO

19:54 in der Veltins-Arena: während Kapitän Dedryck Boyata erschöpft zu Boden sank, kniete Jessic Ngankam auf dem Platz und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Hochemotional reagierten sämtliche Hertha-Profis, eine große Last schien von ihren Schultern zu fallen.

Dass in dieser Partie sehr viel auf dem Spiel stand, war zu erkennen. So bekamen die Fans beider Lager auch leider kein schönes Fußballspiel zu sehen. Beide Seiten erlaubten sich grobe Fehler in der Spielfeldbesetzung und im Passspiel. Die Spannung stieg im Laufe des Spiels jedoch spürbar immer mehr an und erreichte ihren Höhepunkt nach der Führung durch Hertha-Eigengewächs Jessic Ngankam in der 74. Minute.

Ganze sechs Minuten Nachspielzeit mussten dann die Spieler von Pal Dardai ertragen, um die knappe Führung zu verteidigen. Der Doppel-Pfostentreffer durch Gelsenkirchen brachte dann noch alle Herthaner*innen an den Rande eines Nervenzusammenbruchs. Der Abpfiff fühlte sich dann an wie eine große Erlösung. Und ausgerechnet der gebürtige Berliner und ewige Herthaner Jessic Ngankam sorgte für den vielleicht entscheidenden Treffer zum Klassenerhalt.

Spielerisch schwach – Beide Teams mit Ausfällen

Die Ausgangslage ließ kein Fußball-Feuerwerk erwarten. Mehrere Covid-19 Fälle im Königsblauen Lager sorgten für viel Aufruhr, das Spiel wurde jedoch nicht abgesagt. Trotzdem wurde die Vorbereitung beider Teams dadurch nicht leichter.

Zudem zeigte sich Hertha BSC nach vielen Spielen in kürzester Zeit sehr verletzungsgeschwächt. Zu der ohnehin langen Liste der Ausfälle gesellte sich nach der Partie am Sonntag auch Jhon Córdoba, dessen Saisonaus bekannt wurde. Zudem war klar, dass den Hertha-Profis langsam die Frische ausgehen würde. Schließlich schleppten die „Blau-Weißen“ auch noch viel mentalen Druck mit sich, und das seit der ersten Minute.

Durch die Personalsituation fanden sich auch Spieler in der Startelf wieder, die zuletzt nur wenig oder keine Spielpraxis bekamen. Mathew Leckie stand in der Startelf und fand nie wirklich in die Partie. Obwohl er sich sehr bemühte, verhielt er sich nicht positionsgetreu und spielte vogelwild, behinderte teilweise seinen eigenen Mitspieler Krzysztof Piatek.

Kampf, Leidenschaft und gute Standards

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Ganz anders trat der wiedergenesene Marvin Plattenhardt auf. Dessen Standards wurden im Laufe des Spiels sehr wertvoll, nicht nur bei seiner Freistoßvorlage zum 1:1 Ausgleich, und erinnerten an die besten Zeiten unter Pal Dardai.

Allgemein war zu spüren, dass einige Spieler versuchten, spielerische Schwächen mit Kampf und Leidenschaft auszugleichen. Dedryck Boyata zum Beispiel sorgte kurz nach seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 per Aussetzer fast für eine erneute Führung für den Club aus Gelsenkirchen. Im Laufe des Spiels aber war der Belgier immer wieder in Luftzweikämpfen der einzige Sieger und hatte per Kopf eine gute Chance zum 2:1.

Besonders auch Spieler wie Lucas Tousart, Peter Pekarik und die später eingewechselten Santiago Ascacibar, Jonas Michelbrink und Jessic Ngankam warfen alles rein. Sie zeigten sich in jeder Situation bissig, bewiesen den nötigen Kampfgeist, um im Abstiegskampf die Punkte zu erzwingen. So schaffte es Hertha, gegen zugegeben erneut schwache Gelsenkirchener mit einer mäßigen Leistung am Ende durch Kampf und Geduld zu bestehen.

Über das Spiel und aktuelle Hertha-Themen haben Lukas, Marc und Alex auch in unserer neuen Podcast-Folge gesprochen!

Hertha zahlt hohen Preis – Saisonaus für Piatek

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Doch die „alte Dame“ musste einen hohen Preis für diese drei Punkte zahlen. Nach der bereits angesprochenen Verletzung von Córdoba steht jetzt auch das Saisonaus von Sturmpartner Piatek fest, der eine Fraktur im Sprunggelenk erlitt.

Bezeichnend für den Kampfgeist im Team ist auch, wie der Pole trotz seiner Verletzung noch wenige Minuten weiterspielte und sogar eine Großchance per Kopf hatte, bevor er mit großen Schmerzen ausgewechselt werden musste. Für ihn kam der Torschütze Jessic Ngankam in die Partie, der wohl auch eine Option für die letzten zwei Pflichtspiele von Hertha sein wird.

Nicht nur durch Verletzungen schwächte sich Hertha. Dodi Lukebakio, der sich gerade erst nach seiner Covid-19 Infektion zurückgemeldet hatte, holte sich die gelb-rote Karte und fehlt im letzten Heimspiel gegen Köln. Das erfreute seinen Trainer Pal Dardai nicht gerade: „Das war blödsinnig und unnötig, das akzeptiere ich nicht. Jetzt kommt der böse Trainer zu ihm. Irgendwann reicht es mit nett sein.“ Ebenfalls ausfallen wird Dauerläufer Vladimir Darida. Der Tscheche holte sich seine fünfte gelbe Karte ab.

Angeschlagene Hertha empfängt den 1. FC Köln

Insgesamt fehlen also Hertha Stand jetzt bereits sicher 7 Spieler für die Partie gegen den 1. FC Köln. Fraglich sind außerdem noch Marton Dardai, Sami Khedira, Matheus Cunha und Maximilian Mittelstädt. Doch ausgerechnet in wenigen Tagen steht das wichtigste Spiel an, das Hertha noch bestreiten wird.

Foto: IMAGO

Der 1. FC Köln konnte aus den letzten drei Partien sechs Punkte holen, verlor am Sonntag zwar deutlich, allerdings eher unglücklich gegen den SC Freiburg mit 1:4. Davor war eine deutliche Formsteigerung bei den Kölnern zu spüren. Besonders Spieler wie Jonas Hector und Ex-Herthaner Ondrej Duda spielten zuletzt sehr stark auf und erzielten wichtige Tore.

Anders als Hertha blieben die Rheinländer in den letzten Wochen von Verletzungen verschont und können jetzt gut erholt in die Partie am Samstag gehen. Einzig Jonas Hector ist leicht angeschlagen, soll aber auch für Samstag eine Option sein. Physisch hat also ganz klar der „Effzeh“ einen Vorteil. Doch mental hat Hertha BSC jetzt wohl die Nase vorn.

Der 1. FC Köln steht nämlich mit dem Rücken zur Wand und muss am Samstag unbedingt siegen, um den vorletzten Tabellenplatz zu verlassen. Hertha kann also grundsätzlich das 0:0 wie eine Führung verteidigen, muss allerdings aufpassen, die Offensive des Gegners nicht in Schwung kommen zu lassen.

Hertha mit letzter Kraft zum Klassenerhalt

Sicher ist Hertha BSC trotz fünf Punkten Vorsprung keineswegs. Köln empfängt am letzten Spieltag Gelsenkirchen und hat somit höchstwahrscheinlich noch drei Punkte sicher. Ein Remis am Samstag würde Hertha reichen, um Köln sicher hinter sich zu lassen und somit den direkten Abstieg zu vermeiden. Damit wäre auch fast die Relegation vermieden: durch das Duell am Wochenende zwischen Augsburg und Bremen nimmt sich die Konkurrenz Punkte weg. Durch die bessere Tordifferenz hat die „alte Dame“ auch ein Ass im Ärmel.

Die Chancen stehen jedenfalls für Hertha BSC nach dem Sieg am Mittwoch gut. Doch so gebeutelt, müde und personell angespannt wie die Hauptstädter jetzt sind, wird es gegen Köln am Samstag eine Herkulesaufgabe werden. Hertha wird nochmal alles reinwerfen müssen, um diese letzte große Aufgabe zu bestehen.

Durch die Ausfälle wird Hertha vor allem offensiv auf junge Spieler wie Ngankam und Michelbrink setzen müssen. „Die Zukunft gehört Berlin“ heißt es so schön – passend also, wenn gerade die eigenen Jugendspieler für den Klassenerhalt sorgen würden.

(Titelbild: Maik Hölter/TEAM2sportphoto/IMAGO)

Zwischen zwei Spielen – Hertha hofft auf Siegesserie

Zwischen zwei Spielen – Hertha hofft auf Siegesserie

Am liebsten hätten die Profis von Hertha BSC nach dem so erlösenden 3:0 Erfolg im Heimspiel gegen den SC Freiburg ordentlich gefeiert. Doch am nächsten Morgen ging bereits die Vorbereitung auf das nächste Spiel los. Im „Monsterprogramm“ kann man sich nun mal nicht lange mit Erfolgen oder Misserfolgen beschäftigen. Zu nah ist die nächste Herausforderung, zu wenig Zeit bleibt zwischen den Partien. Der nächste Gegner heißt Arminia Bielefeld, das Spiel am Sonntagabend könnte dabei entscheidend für das Schicksal im Abstiegskampf werden.

Komplettrotation – 9 Wechsel vor Freiburg

Anders als viele (unsere Redaktion eingeschlossen) erwartet hatten, nahm Cheftrainer Pal Dardai bereits im zweiten Nachholspiel eine (fast) komplette Rotation vor. Neun der zehn Feldspieler wurden aus der Startelf ausgewechselt. Nur Matteo Guendouzi stand wie schon gegen den FSV Mainz 05 von Beginn an auf dem Platz. Auch die gesamte Defensive wurde verändert.

Foto: Matthias Koch / IMAGO

In der Pressekonferenz vor der Partie hatte es Dardai bereits angedeutet. Einige seiner Spieler hätten noch zwei Tage nach der Partie in Mainz Muskelkater und -Schmerzen verspürt. Die zwei Wochen Trainingspause und das erste Spiel nach wenigen Trainingseinheiten hätten sich bemerkbar gemacht. Da sich Hertha im so engen Spielplan kaum Muskelverletzungen erlauben kann – auch keine leichten – ging Dardai auf Nummer sicher.

Dass es Sinn ergab, wurde bei Sami Khedira deutlich: der Weltmeister musste früher als erwartet eingewechselt werden um den schwer am Fuß verletzten Matteo Guendouzi zu ersetzen. Kurz vor Schluss musste der 34-Jährige mit einer Muskelverhärtung runter. Ähnliches hätten die Blau-Weißen bei einigen Stammspielern des Mainz-Spiels erwarten können.

Systemwechsel – von der Dreierkette zur Viererkette

Auch das System wurde für das Duell gegen die Breisgauer geändert. Hertha spielte im 4-2-3-1, mit Krzysztof Piatek als einzige Sturmspitze. Die drei zentralen Mittelfeldspieler bewegten sich dabei sehr gut, ließen sich auch in einigen Situationen auf den Außen fallen, um Vorstöße der Außenverteidiger abzusichern. Auch die Außenspieler Javairo Dilrosun und Nemanja Radonjic arbeiteten viel mit nach Hinten.

Foto: Matthias Koch / IMAGO

Dies nutzten Peter Pekarik und Jordan Torunarigha aus, besonders zu sehen war dies in der Entstehung vom 1:0. In dieser Spielsituation hatten Matteo Guendouzi und Jordan Torunarigha die Positionen getauscht. Auch beim 2:0 fand sich Peter Pekarik in Mittelstürmer-Position im gegnerischen Strafraum wieder, um die Flanke einzuköpfen.

Der SC Freiburg machte es zu Spielbeginn ähnlich wie Mainz und presste die Berliner sehr früh und sehr hoch. Anders als am Montag blieben die Spieler der „alten Dame“ aber ruhig und konzentriert. Alexander Schwolow hatte dadurch in der Anfangsphase der Partie sehr viele Ballkontakte. Auffällig war auch, dass Hertha BSC in der zentrale sehr präsent war. Viele lange Bälle in die Mitte des Platzes erreichten somit Hertha-Spieler. Besonders Vladimir Darida fiel durch herausragende Ballannahmen und -Sicherungen auf. Der Tscheche zeigte ein sehr gutes Spiel.

Optimaler Spielverlauf – Hertha mit Selbstvertrauen

Diese Präsenz im zentralen Mittelfeld stellte die Gäste vor Schwierigkeiten im Spielaufbau. Die Breisgauer kamen vor allem durch Standards und Fernschüsse zu Möglichkeiten. Die hohen Hereingaben konnten die Berliner durch Dedryck Boyata und Omar Alderete fast immer hinausköpfen.

Foto: Matthias Koch / IMAGO

Die bereits erwähnte Variabilität und Mobilität bewies Hertha auch beim 1:0, als sich Torunarigha in zentraler Position wiederfand und den Abschluss suchte. Den abgewehrten Ball konnte dann Piatek verwerten und somit seinen Fehlschuss gegen Mainz wiedergutmachen. Auch beim 2:0 war Jordan Torunarigha beteiligt. Einen clever geworfenen Ball per Einwurf konnte Santiago Ascacibar zentral behaupten. Dessen Anspiel fand Nemanja Radonjic, der sich sehenswert gegen Philipp Lienhart durchsetzte und eine schöne Flanke in die Mitte schlug. Diese verwertete Peter Pekarik per Kopfball und setzte seine verrückte Saison mit 4 Pflichtspieltoren fort.

Mit der Führung im Rücken agierten die Hertha Profis spürbar sicherer, hatten die Partie weitestgehend unter Kontrolle. Erst in der zweiten Halbzeit steigerten sich die Breisgauer. Bereits in der 48. Minute erspielten sie sich nach Standard eine Großchance. Nach und nach bauten sie noch mehr Druck auf. Herthas Trainerstab reagierte und wechselte Matheus Cunha und Jhon Cordoba ein.

Ausblick in Richtung Sonntag – Hertha mit erneuter Rotation

Diese brachten frischen Wind und neue Frische, die zu einigen Kontersituationen führten. Nemanja Radonjic hatte dadurch auch deutlich mehr Räume und war besonders in der zweiten Halbzeit viel zu sehen. Dabei konnte er sich nach gescheiterten Konterversuchen doch noch belohnen und das 3:0 per schönem Sololauf erzielen.

So waren die drei Punkte gesichert. Hertha blieb mittlerweile im fünften Spiel in Folge ungeschlagen. In zwei Nachholspielen schafften sie es, zunächst einmal den vorletzten Tabellenplatz zu verlassen und aufgrund der Tordifferenz gleich drei Teams hinter sich zu lassen.

Diese so wichtigen drei Punkte gegen Freiburg wird Hertha jedoch am Sonntagabend gegen Bielefeld veredeln müssen. Sollten sich die Spieler der „alten Dame“ auch im zweiten Heimspiel in Folge behaupten und den Sieg holen, hätten sie die direkten Abstiegsplätze fast schon sicher hinter sich gelassen.

Ein großer Vorteil in der grundsätzlich sehr schwierigen Lage der Berliner wird sein, dass Pal Dardai durch die Rotation gegen Freiburg vielen Spielern eine Pause geben konnte. Stammspieler wie Marton Dardai, Maximilian Mittelstädt und Lucas Tousart blieben 90 Minuten auf der Bank. Vizekapitän Niklas Stark, Deyovaisio Zeefuik, Matheus Cunha und Jhon Cordoba spielten nicht mehr als eine halbe Stunde. Diese Spieler werden wohl gegen Bielefeld wieder in die Stammelf rotieren.

Nicht zu unterschätzen – Arminia Bielefeld mit Stärken

Eine erneut große Rotation also soll die nötige Frische gegen körperlich sehr gut aufgestellte Bielefelder bringen. Diese haben sich unter Neutrainer Frank Kramer zuletzt stabilisiert. In den letzten fünf Spielen holten sie acht Punkte und verloren nur das letzte Spiel gegen Borussia Mönchengladbach.

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Spieler wie Ritsu Doan, Fabian Klos oder Andreas Voglsammer sind besonders gefährlich, defensiv bleibt Bielefeld meistens sehr stabil, steht für geschlossene Teamleistungen. Hertha-Leihgabe Arne Maier bekam mit dem neuen Trainer eine neue Chance und wurde schnell zu einer zentralen Figur des Bielefelder Spiels. Durch die Pause werden die Spieler des Aufsteigers sicherlich frisch und fit sein, was ein Vorteil gegenüber Hertha sein könnte.

Was für Hertha spricht, ist sicherlich die Bilanz der Ostwestfalen. Auswärts konnten sie diese Saison nur zwei Siege holen: im Dezember in Gelsenkirchen und im März überraschend in Leverkusen. Im Letzten Auswärtsspiel in Gladbach verloren sie sogar mit 0:5. Viele Tore schießt die Arminia auch nur selten. Nur in zwei Spielen (gegen den VfB Stuttgart und FC Bayern München) gelang ihnen mehr als zwei Treffer. Die allermeisten Spiele endeten mit einem oder keinem Treffer durch Bielefeld.

Pflichtsieg für den Klassenerhalt – Hertha hofft auf Befreiung

So oder so: ein Sieg ist für Hertha BSC am Sonntag Pflicht. Die Blau-Weißen sind trotz „Monsterspielplan“ und fehlender Frische im Aufwind und könnten mit dem zweiten Heimsieg in vier Tagen einen Riesenschritt in Richtung Klassenerhalt machen. Noch halten die Spieler körperlich den Rhythmus durch und zeigen auch mentale Stärken, die sie in der Hinrunde noch schmerzlich vermissen ließen.

Foto: Matthias Koch / IMAGO

Matteo Guendouzi wird leider diese Saison nicht mehr für Hertha auflaufen können. Sami Khedira wird am Sonntag durch seine Muskelverletzung womöglich nicht zur Verfügung stehen, sollte aber eine Option für das Spiel in Gelsenkirchen werden. Vieles wird am Sonntag davon abhängen, ob sich die Form der zuletzt immer stärker werdenden Spieler auch weiter entwickelt.

Es spricht also einiges dafür, dass Hertha BSC genau im richtigen Zeitpunkt eine positive Serie starten kann. Doch dafür müsste etwas geschafft werden, was bisher in dieser Saison nie funktionierte. Hertha müsste zwei Siege in Folge holen. Immerhin: zwei Heimspiele in Folge schafften sie bereits (2:1 gegen den FC Augsburg und 3:0 gegen Bayer Leverkusen). Wenn das nochmal gelingt, ist die Katastrophen-Saison so gut wie gerettet.

(Titelbild: Matthias Koch / IMAGO)

Zwischenbericht: Hertha holt Punkt in Mainz – was passiert gegen Freiburg?

Zwischenbericht: Hertha holt Punkt in Mainz – was passiert gegen Freiburg?

Gegen den 1. FSV Mainz 05 sicherte sich Hertha BSC einen Punkt. Nach über 20 Tagen ohne Spiel wirkte die Mannschaft zunächst nervös, konnte sich im weiteren Spielverlauf aber fangen. Gar der der späte Siegtreffer lag auf den Füßen von Krzysztof Piatek, doch vergab er leichtsinnig. Nun wappnet sich Hertha für das zweite Nachholspiel am Donnerstag, gegen den SC Freiburg. Unser Zwischenbericht.

Gegen Mainz noch etliche Fragezeichen

Etliche Fragezeichen standen vor dem ersten der insgesamt drei Nachholspielen von Hertha BSC gegen den 1. FSV Mainz 05. Wie wird die Mannschaft damit umgehen, seit 23 Tagen kein Spiel mehr bestritten zu haben? Lassen sich die Berliner den Druck anmerken, konnte das Team doch nur dabei zugucken, wie die direkten Konkurrenten punkten? Im sky-Interview vor dem Spiel betonte Hertha-Trainer Pál Dardái, dass es vor allem darum gehen wird, „die erste Halbzeit zu überleben“, um in der Pause dann nachzujustieren und korrigierend einzugreifen.

Letztlich zeigt sich: Er sollte recht behalten. Hertha zeigte sich zunächst nervös, wirkte zuweilen unkonzentriert gegenüber dem starken und druckvollen Pressing der Mainzer. Vor allem in der Anfangsphase schien es, als müssten sich die Berliner zunächst an das schnelle Spieltempo gewöhnen, bevor die Automatismen endlich greifen können. Etwa in der achten Spielminute, als nach einem Einwurf der Mainzer Jean-Paul Boetius völlig ungedeckt und frei vor Hertha Torhüter Alexander Schwolow zum Schuss kommt – für viele blau-weiße Fans der erste Schockmoment des Spiels. Doch traf Boetius den Ball nicht sonderlich gut, er ließ die hochprozentige Chance liegen.

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Foto: IMAGO

Nur, um eine Minute später wieder vor Alexander Schwolow aufzutauchen. Sami Khedira hatte den Ball, erneut nach einem Einwurf, in Richtung des eigenen Tores geköpft. Doch auch diese Chance konnte Boetius nicht nutzen – er schoss die Unterkante der Latte an. Glück für Hertha – schon hier hätte die Mannschaft 2:0 zurückliegen können, vielleicht mindestens 1:0 zurückliegen müssen. Man merkte, dass Hertha anschließend bemüht war, eigenen Ballbesitz zu kreieren, den Ball zirkulieren zu lassen und die Automatismen greifen zu lassen. Bis zur 20. Minute – plötzlich tauchte Adam Szalai völlig frei vor Schwolow auf, setzte zum frechen Lupfer an, doch (endlich, möchte man sagen) war das Glück und das Können auf Schwolows Seite. Den Heber konnte er mit seiner rechten Hand stark parieren.

Auf das 0:1 folgt das 1:1 – doch Hertha scheint gewappnet

Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis die Berliner wirklich im Spiel waren. Es war nur klug, dass direkt ausnutzen. Nach einem Freistoß aus dem rechten Halbfeld von Marton Dardái kommt Lucas Tousart zum Kopfball – und netzte sein erstes Saisontor für Hertha ein. Die Erleichterung dürfte auf Berliner Seite riesig gewesen sein. Dem Mindestziel von vier Punkten aus den drei Nachholspielen war man damit auf einem Schlag sehr Nahe gekommen. Und es folgte fast das 2:0 – doch Matheus Cunha vergab frei vor dem Tor kläglich und kullerte Robin Zentner den Ball in die Arme.

Generell fiel Cunha, wie leider so oft, durch wildes lamentieren und gestikulieren auf. Durchaus zeigt das seine Leidenschaft, auch seinen Willen – doch ist es ein Problem, wenn Meckern und Jammern seine hauptsächlichen Spielszenen sind. Von seinem Genie zeigte er gegen Mainz nichts. Dabei wäre ein Tor aus seiner Großchance so wichtig gewesen – stattdessen aber netzte Phillipp Mwene nur vier Minuten nach der Berliner Führung mit einem Sonntagsschuss ein und glich die Partie damit aus. Es ging in die Halbzeitpause.

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Und Pál Dardái korrigierte ordentlich. Nach der Pause sah man der Mannschaft die Quarantäne kaum noch an. Das Team wirkte solider und gefestigter als in der ersten halben Stunde des Spiels. Spielerische Akzente gab es jedoch kaum welche mehr – beide Teams versuchten vorrangig Fehler zu vermeiden, ist für Beide doch jeder Punkt so wichtig. Bis zur 82. Minute: Vladimir Darida wurde von Nemanja Radonjic geschickt und legte für Piatek auf. Doch der sauste mit viel zu viel Geschwindigkeit an, weshalb er den Ball nicht kontrollieren konnte und er quasi angeschossen wurde, weshalb der Ball letztlich aus etwa fünf Metern neben das Tor fliegt. Etliche Herthaner hatten den Jubelschrei vermutlich schon auf den Lippen, wenn nicht gar rausgeschrien.

Doch so blieb es letztlich bei einem für beide Teams verdienten Unentschieden. Insgesamt zeigten die Berliner eine engagierte Leistung – mit 113 Kilometern liefen sie genauso viel wie die Mainzer, mit 84,6 Prozent hatten sie auch die bessere Zweikampfquote. Hertha spielte aggressiv und kämpfte sich durchaus ins Spiel zurück. Doch die alten Probleme sind noch immer da, etwa Chancen zu kreieren. Am Donnerstag trifft die Mannschaft nun auf den SC Freiburg.

Den Spieß umdrehen und die Konkurrenz unter Druck setzen

Für die Freiburger Mannschaft geht es in dieser Saison um nicht mehr viel. Der Klassenerhalt ist mit 41 Punkten gesichert und die internationalen Plätze sind zu weit weg. Für Hertha ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Spieß umzudrehen. Denn mit einem Sieg würden die Berliner Köln, Bielefeld und auch Bremen überholen. Konnten die Spieler die letzten zwei Wochen selbst nur zusehen, wie die Konkurrenz gepunktet hat, haben sie es nun wieder selbst in der Hand.

Doch leicht wird es nicht. Freiburg spielt ein starkes Pressing, läuft den Gegner unermüdlich an und zwingt die Spieler so zu Fehlern. Insbesondere für das Berliner Mittelfeld und die Abwehr wird es ein intensives Spiel werden. Hertha muss erneut eine starke Laufleistung aufweisen und die Zweikämpfe wie gegen Mainz so gut annehmen. Und gegen Freiburg könnte auch der offensive Knoten platzen.

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Der SC Freiburg hat in dieser Saison bereits 50 Tore kassiert – nur vier andere Teams kassierten mehr. Zu erwarten ist, und so hat es Dardái auch schon angekündigt, dass er aufgrund der hohen Belastung fleißig rotieren wird. Etwa scheinen Darida und Pekarik sinnvolle Optionen für das Spiel zu sein. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Hertha das Spiel machen und eine hohe Ballbesitzquote haben wird. Doch werden sich womöglich Lücken in der aufgerückten Fünferabwehrkette der Freiburger ergeben, die Hertha für schnelle und präzise gespielte Konter nutzen kann.

Der Auftritt gegen Mainz macht Mut. Die Befürchtungen, Hertha würde wegen der Quarantäne komplett einbrechen, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Das Team zeigte auf die schwierige Situation eine angemessene Reaktion. Es gilt, im Spiel gegen Freiburg genau dort anzusetzen. Und womöglich befindet man sich nach Donnerstag für mindestens ein paar Tage nicht mehr auf einem Abstiegsplatz.

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1. FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Der Marathon beginnt

1. FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Der Marathon beginnt

Seit dem 10. April hat Hertha BSC kein Spiel mehr bestritten, inzwischen befindet sich das Team auf dem 17. Tabellenplatz. Mit drei Spielen Rückstand zur Konkurrenz. Am Montag kehrt die Mannschaft vom „Homeoffice“ und der Quarantäne auf den Rasen zurück und spielt gegen die Mannschaft der Stunde – den 1. FSV Mainz 05. Wie fit und schlagkräftig Hertha aus der Quarantäne kommt, scheint unberechenbar zu sein. Mainz jedoch lieferte in den vergangenen Wochen genügend Spielmaterial für eine Analyse. Worauf muss sich Hertha einstellen, wenn das Team gegen den Bayern-Bezwinger siegen möchte?

Darüber, und was wir von Mainz erwarten können, haben wir mit Oliver Heil gesprochen, er ist Fan-Experte bei Spiegel Sport und zusammen mit Mara Pfeiffer Autor des Buches „1. FSV Mainz 05 Fußballfibel“. Nach der Hinrunde lag sein Herzensverein noch auf dem 17. Tabellenplatz, in der Rückrundentabelle belegt die Mannschaft, mit einem Spiel weniger, nun den fünften Platz. Doch ist die starke Punkteausbeute noch kein Grund zur Entspannung, wie Oliver Heil findet.

Hertha und Mainz: Unterschiedliche Gefühlswelten

Für die Hertha-Fans müssen die vergangenen Wochen qualvoll gewesen sein. Die Konkurrenz spielt, während die eigene Mannschaft wegen der Quarantäne nur zu gucken kann. Das Team hielt sich unter Online-Anleitung und Aufsicht von Athletik-Trainer Henrik Kuchno überwiegend auf dem Laufband und mit Trainingsbändern fit. Zuschauen mussten das Team und die Fans auch, als der 1. FSV Mainz 05 am vergangenen Spieltag die Meisterschaftsfeier des FC Bayerns verschob und mit einem 2:1 Sieg wichtige drei Punkte für den Klassenerhalt sicherte.

Nach dem 28. Spieltag, also vor Beginn der Quarantäne für Hertha BSC, stand Mainz mit 28 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz. Hertha rangierte mit zwei Punkten weniger direkt dort hinter, auf dem 15. Tabellenplatz. Das direkte Duell gegeneinander musste wegen der Quarantäne verschoben werden. Zwei Spiele später und sechs Punkte mehr, hat sich Mainz bis auf den 12. Tabellenplatz hochgekämpft und inzwischen satte 34 Punkte gesammelt. Seit sieben Spieltagen hat Mainz nicht mehr verloren, das verschobene Spiel gegen Hertha ausgenommen.

Der Lasso-schwingende Hype-Train aus Mainz

„Die Überzeugung ist nach dem Sieg gegen Bayern, und vor allem durch die Art wie er herausgespielt wurde, natürlich gewachsen“, sagt er. Damit habe Mainz einige Teams hinter sich gelassen, denen man nicht unbedingt einen Lauf zutraue. Damit wurden wichtige Schritte in Richtung des eigenen Klassenerhalts gemacht. Das Spiel gegen Hertha „ist dadurch aber nicht weniger wichtig. Ich bin null entspannt“, sagt Oliver Heil weiter. Vor allem, weil es unberechenbar scheint, wie Hertha nach der langen Pause in Form sein wird.

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„Hat die Quarantäne die Mannschaft zu einer Schicksalsgemeinschaft geformt oder ist sie in ihre Einzelteile zerfallen?“, fragt sich auch Oliver Heil. Die Beispiele Kiel und Sandhausen würden zeigen, dass Teams tatsächlich auch mit Schwung aus solchen Pausen kommen können. „Aber dann triffst du halt auf Mainz, wo gefühlt gerade jeder Spieler das Lasso schwingend auf dem Hype-Train reitet“, sagt Oliver Heil sichtlich begeistert von seiner Mannschaft. Hätte er vor zwei Wochen noch auf ein ödes Unentschieden getippt, ist er sich nun sicher: „Mainz gewinnt. Für Montag gibt es noch keine Punkte für euch, aber danach bestimmt“, sagt er zwinkernd.

Zumindest der Tonus scheint bei Hertha aber schon einmal zu stimmen. Meckern oder jammern wollte niemand im Team, „Wir nehmen diese Situation an, wir hadern nicht nicht mit der Situation“, sagte etwa Geschäftsführer Carsten Schmidt, kurz nachdem die positiven Tests bekannt wurden. Und er ergänzte: „Die Motivation ist maximal, ich spüre so so einen Spirit: Jetzt erst recht.“

Das Mainzer Spiel ist gefährlich, könnte der Hertha aber liegen

Selten zeichnen sich Mannschaften im Abstiegskampf durch passsicheren Ballbesitz-Fußball aus. So ist es etwa auch beim 1. FSV Mainz 05. Dennoch ist es laut Oliver Heil durchaus unangenehm, gegen die Mannschaft zu spielen. „Du musst wahnsinnig viel laufen, musst ständig versuchen, dich aus Presseng-Situationen zu befreien. Das Spiel der Mainzer lebt also vom Umschaltmoment“, beschreibt er den Fußball seiner Mannschaft. Für Hertha könnte es nach der langen Pause ohne Ball am Fuß gefährlich werden, sich einem ständigen Mainz-Gegenpressing gegenüber zu sehen. Maximale Konzentration, schnelles Denken und Lesen des Spiels, sowie eine hohe Passsicherheit werden entscheidend sein, um sich aus diesen Situationen zu befreien. Für eine Mannschaft ohne Spielrhythmus könnte das durchaus ein Problem werden.

Foto: Poolfoto Patrick Scheiber/Jan Huebner/IMAGO

Doch gelingt das, sind die Mainzer für ihr Pressing erst einmal aufgerückt und Hertha schafft es, die Situationen auszuspielen, kann es nach vorne in die Spitze sehr schnell gehen – stimmt dann noch der Abschluss, kann Hertha durchaus zählbares mit nachhause nehmen. Auch Hertha braucht den Ball nicht ständig am Fuß und glänzt etwa in Umschaltmomenten. Oft mit Jhon Cordoba, der den Ball in der Spitze fest macht und auf die Flügel verlagert. Von dort schlagen entweder die Außenverteidiger ihre Flanken hinein oder etwa ein Cunha geht ins Dribbling und zieht in den Strafraum.

Ein wichtiger Parameter dafür scheint das Passsiel der Mainzer zu sein. Denn das ist laut Oliver Heil „von der Statistik unterirdisch“. Und tatsächlich liegen die Mainzer mit 75,4 Prozent angekommener Pässe in dieser Saison auf dem letzten Tabellenplatz. Hertha hingegen befindet sich mit 82,1 Prozent angekommener Pässe auf dem achten Tabellenplatz. Ob sich Hertha durch kluges und schnelles Passspiel von dem gegnerischen Pressing befreien kann, wird also eine entscheiden Frage in diesem Spiel sein.

Das Abwehr-„Bellwerk“ brechen

Eine weitere Stärke der Mainzer liegt laut Oliver Heil im Abwehrverhalten. „In Mainz sprechen wir schon vom ‚Bellwerk‘, weil Stefan Bell da hinten der Turm in der Schlacht ist, der stabile Anker“, sagt er. Ergänzen würden ihn vor allem auch Moussa Niakhaté und Jeremiah St. Juste, „zwei technisch starke und sehr schnelle Verteidiger, die sich jederzeit ins Angriffsspiel einschalten können“, beschreibt er die verbesserte Defensivarbeit der Mainzer vor allem in der Rückrunde.

Doch bleibt die schwache Passquote der Mainzer – womöglich kann Hertha das mit eigenem Pressing für sich nutzen und das Ruder somit herumdrehen. Doch sind die Berliner nicht für ein starkes Spiel mit Pressing auf den Ball und zulaufen der Anspielstationen bekannt – weshalb es womöglich auf direkte Duelle der Berliner Edeltechniker mit der Mainzer Abwehr hinauslaufen wird.

Foto: Andreas Gora/IMAGO

Einen Vorteil für Mainz sieht Oliver Heil darin, dass sein Team den Abstiegskampf bereits angenommen habe – und auch, dass der Kader dafür ausgelegt sei. „Was Bo Svensson zusammen mit dem neuen Sportdirektor Martin Schmidt super hinbekommen hat, ist, die Mannschaft komplett auf den Abstiegskampf einzuschwören und alle mitzunehmen“, sagt er. Er sei nicht dicht an Hertha und dem Team dran, doch seiner Einschätzung nach, ist das in Berlin noch nicht der Fall. „Zumindest meiner Wahrnehmung nach ist das Dárdai in Berlin nicht so gelungen. Ich weiß nicht, ob die Stärken, die in diesem Kader stecken, die sind, die in der jetzigen Situation weiterhelfen“, sagt er.

Ob er Recht hat oder das Berliner Team vor Kampf und Motivation nur so strotzt, wird sich am Montag zeigen. Vier Punkte aus den drei Nachholspielen sind laut Pál Dárdai das Minimalziel – mehr dürften es aber gerne sein. „Den Druck muss die Mannschaft überleben, das ist eine machbare Aufgabe. Danach müssen wir über den nächsten Druck reden“, sagte der Hertha-Trainer in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Mainz. Damit beginnt für die Berliner am Montag der entscheiden Fußball-Marathon, mit sechs Spielen innerhalb von nur 20 Tagen.

[Foto: xUwexKoch/xEibner-Pressefotox/IMAGO]

Wie übersteht Hertha BSC das „Monsterprogramm“?

Wie übersteht Hertha BSC das „Monsterprogramm“?

Endlich war es wieder soweit: am Freitag war die Mannschaft von Hertha BSC wieder auf dem Trainingsplatz. Zwei lange Wochen in Quarantäne waren überstanden. Doch auf die Freude und die Erleichterung folgen jetzt harte Wochen: sechs wichtige Spiele in 20 Tagen. In dieser Zeit wird die Mannschaft von Pál Dárdai alles tun müssen, um wieder aus der Abstiegszone herauszukommen.

Wir versuchen, Herthas Ausgangslage vor dem „Re-Start“ am Montag zu analysieren. Dabei gehen wir nicht nur auf die „alte Dame“ ein. Wir blicken auch auf andere Teams, die eine ähnliche Situation durchmachen und gehen dabei ganz besonders auf unsere Freunde vom Karlsruher SC ein. Dabei unterstützt uns Boris (@gradinho97 bei Twitter) vom Wildpark-Bruddler-Podcast.

Quarantäne bei Hertha BSC – Muskelkater und Fanrückhalt

Gefaulenzt haben die Hertha-Profis trotz Quarantäne sicherlich nicht. Auch die Isolation schützte sie nicht vor den intensiven Einheiten von Fitnesscoach Henrik Kuchno. Das Trainerteam musste sogar nach wenigen Tagen die Intensität des Trainings anpassen, da manche Spieler über Muskelkater und sogar Muskelschmerzen klagten.

In dieser schwierigen Phase zeigte sich besonders auch der Fanrückhalt. In Form mehrerer kleineren Aktionen wie zum Beispiel die Postkarten für erkrankte Teammitglieder oder die Videobotschaften über „GemeinsamHertha“ stellten sich Fans hinter ihre Mannschaft und versprachen ihr volle Unterstützung.

Nun sind fast alle Profis zurück auf dem Platz. Am Freitag leitete Cheftrainer Pal Dardai nach überstandener Covid-19 Infektion die Trainingseinheit. Dieser brachte es auf dem Punkt: „Wir haben zuletzt viel gearbeitet auf Fahrrädern, Laufbändern und mit Thera-Bändern für Stabilisationsübungen. Aber das ist nicht der wahre Fußball. Fußballer wollen auf dem grünen Rasen arbeiten.“

Auch nach der Rückkehr im Mannschaftstraining werden die richtige Trainingsintensität, die richtigen Maßnahmen gesucht. Arne Friedrich machte sich da bei den Methoden anderer Vereine schlau, die mit einem ähnlichen Spielplan umgehen müssen. Schließlich ist Hertha nicht allein im Profifußball mit einer solchen Herausforderung. Der Karlsruher SC, SV Sandhausen oder auch Holstein Kiel mussten ebenfalls in Quarantäne.

Ein blau-weißes Beispiel – Wie ging der KSC mit der Situation um?

Ähnlich wie Arne Friedrich haben wir uns auch auf der Suche nach ähnlichen Eindrücken gemacht, um besser vorausschauen zu können. Dafür haben wir uns bei unseren Freunden aus Karlsruhe Unterstützung geholt, in Person von Boris, co-Host vom absolut hörenswerten Podcast „Die Wildpark-Bruddler„.

Ähnlich wie den Hertha-Profis ging es den Spielern vom KSC in ihrer Quarantäne: „Alle Spieler haben logischerweise ihre Trainingspläne bekommen, hinzu gab’s Spinning Räder für alle! Man versuchte, die Spieler zuhause so gut wie möglich vorzubereiten. Der ein oder andere hat zuhause mehr Platz, einen Garten oder ein eigenes „Gym“ in einem Zimmer. Untereinander gab es auch eine Core-Challenge, welche der Verein gepostet hat falls Fans die Challenge selber machen wollten.“

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Eine Komplettrotation gab es auch beim KSC in den Nachholspielen bisher nicht. Nur punktuell wurde rotiert, wie uns unser Experte erzählt: „Auch aufgrund von ein paar Ausfällen musste ja rotiert werden. Wimmer kam zum Beispiel zu mehr Einsätzen, auch Gordon hat wieder gespielt.“

Die wenigen Trainingstagen und vielen Spiele scheinen der Motivation der Spieler jedenfalls nicht geschadet zu haben: „Ansonsten fanden die Spieler es nicht so schlimm, mehr zu Spielen und weniger zu trainieren. Alle waren sehr hungrig wieder auf den Platz zu kommen und zu spielen! Sah nicht so aus, als ob man sich beschwert hat. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass der Klassenerhalt Gott sei Dank schon sicher war!“

Was Hertha-Fans Mut machen kann: eine große Schwächung des Teams nach der Quarantäne war für Boris nicht erkennbar: „Ich finde, in den letzten Spielen sahen wir jetzt nicht unbedingt „schwächer“ aus! Die Jungs sind fit!“ Angesprochen auf die vielen Unentschieden seines Teams sagt uns Boris noch: „Es scheint manchmal auch so, als wäre die Luft bisschen raus gegangen nachdem die 40ger Marke geknackt wurde. Das ist aber wie gesagt Meckern auf hohem Niveau. Was wir diese Saison auf den Platz gebracht haben, hätte nach der letzten Saison niemand gedacht. Ich bin mega zufrieden mit dieser Saison, und die Mannschaft macht einfach richtig Spaß!“

Muss man Angst vorm Beispiel Dynamo Dresden haben?

Die Zwangspause scheint also keinen großen Schatten auf die Saison des KSC geworfen zu haben. Ganz anders verlief vergangene Saison die Situation für Dynamo Dresden, die am Ende in die dritte Liga absteigen mussten. Doch müssen Hertha-Fans wirklich Angst haben vor einem ähnlichen Szenario?

Die Situation von Dresden damals war deutlich kritischer. Ganze acht Spiele musste man im Dreitagesrhythmus bestreiten. Und das bereits auf dem letzten Tabellenplatz. Dynamo musste also zwei Plätze aufholen, um sich noch in die Relegation zu retten. Anders als Hertha BSC, die erst auf dem direkten Abstiegsplatz runterrutschen mussten, als sie in Quarantäne waren, war Dynamo bereits seit dem 15. Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz.

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Die Quarantäne erfolgte jedoch zum schlimmsten Zeitpunkt: der Klub aus Dresden hatte gerade zwei Siege in Folge geholt und schien im Aufschwung zu sein. In den angesprochenen acht Spielen unter Extrembedingungen nach der Quarantäne holte Dresden nur sieben Punkte. Im Durchschnitt also etwas weniger als ein Punkt pro Spiel, wobei bei so wenigen Spielen ein solcher Durchschnitt nur bedingt aussagekräftig ist.

Man kann also guter Hoffnung sein, dass es bei Hertha etwas anders läuft. Zumindest sind beide Situationen nicht 1:1 vergleichbar. Trotzdem wird es, wie uns Boris beim KSC darstellte, auch in Berlin Änderungen in der Mannschaft geben müssen, um mit der neuen Herausforderung klarzukommen.

Viele Fragezeichen bei Hertha BSC – Klarheit nur beim Torhüter

Wie diese Änderungen aussehen werden, ist schwer vorauszuschauen. Durch die erhöhte Verletzungsgefahr der Spieler bei einem so knappen Spielplan kann sich die Lage täglich verändern. Definitiv nicht zur Verfügung wird Rune Jarstein stehen, dessen auslaufender Vertrag bei Hertha BSC verlängert werden soll. Der Norweger erholt sich weiterhin von seiner schweren Covid-19-Erkrankung.

Rotation auf der Torhüter-Position sollte es also wohl bis auf Sperren oder Verletzungen nicht geben. Alexander Schwolow wird gesetzt sein, im Notfall steht der junge Nils Körber bereit. Auf allen anderen Positionen jedoch findet man einige Fragezeichen. Unklar ist zum Beispiel, wann die beiden an Covid-19 erkrankten Spieler Marvin Plattenhardt und Dodi Lukebakio wieder trainieren dürfen. Ihre Fitness wird zum Thema werden: seit ihrer Infektion galt für beide Spieler absolutes Sportverbot.

Zusätzlich gab es zuletzt Gerüchte rund um einen Abgang von Mathew Leckie. Die Polyvalenz des Australiers auf der rechten Seite wäre jedoch wertvoll, um ein wenig mehr Frische ins Berliner Spiel bringen zu können. Immerhin fanden sich wichtige Elemente wieder am Freitag im Teamtraining wieder: Kapitän Dedryck Boyata zum Beispiel.

„Monsterprogramm“ – wie ein großes Turnier bestreiten

Auch Sami Khedira wird eine Kernrolle spielen. Durch seine Erfahrung, auch mit großen Turnieren, kann er der jungen Hertha-Mannschaft einiges mitgeben. Schließlich ist dieser Dreitagesrhythmus nichts Unbekanntes für ihn. So etwas ähnliches kennt er bereits von der Europa- und Weltmeisterschaft.

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Auch dort spielen Leistungsträger nämlich in kürzester Zeit mehrere wichtige Spiele. Auch dort ist die Rotation nur limitiert und Trainingsmöglichkeiten begrenzt. Katastrophen-Szenarien sind also eher nicht angebracht. So äußerte sich Khedira nach dem Training am Freitag:

„Es wird ein Monsterprogramm werden. Da heißt es, viel und schnell regenerieren, das letzte Spiel schnell abhaken, sich auf den nächsten Gegner fokussieren, gut schlafen, viel trinken, pflegen, professionell leben. Aber wir haben so gearbeitet, dass wir das Level trotzdem halten können.“

Auch beim Weltmeister wird die körperliche Verfassung ausschlaggebend sein. Er wird ganz sicher nicht jede Partie von Beginn an bestreiten können. Doch auch seine Mitspieler auf den zentralen Positionen werden nach wenigen Spielen Schwierigkeiten haben, die nötige Frische aufzubringen.

Zentrale Achse soll bleiben – Komplettrotation utopisch

Denn wie wir bereits beim KSC festgestellt haben: eine „Komplettrotation“ von Spiel zu Spiel ist auch bei der „alten Dame“ völlig utopisch. Trotz Verletzungsrisiko ist eine stabile zentrale Achse besonders wichtig, um gerade Stabilität und Sicherheit auszustrahlen. Gerade dies gestaltet sich bei so vielen Partien in so wenig Zeit schwierig.

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Zu dieser Achse gehören nämlich nicht nur zentrale Mittelfeldspieler. Auch die Innenverteidiger und mindestens ein Zielspieler im Sturm sollten so oft wie möglich in der Startelf gleichbleiben. Nur so bilden sich Automatismen, die für Konstanz in der Leistung einer Mannschaft führen. Problematisch: abgesehen von potenziellen Verletzungen und Sperren gehören die Spieler dieser „Achse“ zu den Dauerläufer der Mannschaft. 

Besonders kritisch wird es bei den Spielern, die fast jedes Spiel über elf Kilometer rennen. Insbesondere die zentralen Mittelfeldspieler und die Innenverteidiger laufen eine unheimlich große Distanz. Dieses Laufpensum alle drei Tage zu leisten wird auch für Laufmonster wie Vladimir Darida schwierig werden. Auf dieser Position müsste also grundsätzlich jede Wechselmöglichkeit ausgeschöpft werden.

Doch gerade da sind Wechsel in engen Spielen eher riskant. Spieler wie Lucas Tousart, Niklas Stark, Vladimir Darida, Marton Dardai, Matheus Cunha und Jhon Cordoba könnten die allermeisten Partien von Beginn an bestreiten. Im Laufe der Partie werden je nach Spielstand Wechselmöglichkeiten extrem wertvoll werden. Laufstarke Spieler hat Hertha BSC schließlich genug.

Teilrotation und Wechsel – Frische einbringen, Stabilität erhalten

Wie also könnte Hertha die nötige Frische einbringen, ohne dafür die Stabilität zu opfern? Zusätzlich zu der angesprochenen zentralen Achse wird auf einzelnen Positionen eine Rotation schwierig werden. Durch die Ausfälle von Dodi Lukebakio, Marvin Plattenhardt und Luca Netz ist auf der linken Verteidigerposition sowie auf der rechten Außenbahn nicht mehr allzu viel Kaderbreite.

Einige Spieler könnten dadurch auf einer weniger beliebten Position spielen. Jordan Torunarigha wird man beispielsweise mit großer Wahrscheinlichkeit mal auf der linken Verteidigerseite spielen sehen. Deyovaisio Zeefuik könnte man auch offensiv auf dem rechten Flügel sehen. Zudem wird die Mannschaft im Spielsystem flexibel bleiben müssen.

Schließlich könnten die Blau-Weißen noch einen Vorteil haben. Spieler, die zuletzt wenig zum Zuge kamen, könnten durch die Rotation und den vielen Wechsel deutlich mehr Einsatzminuten erhalten. Spieler wie Matthew Leckie, Dedryck Boyata, Omar Alderete, Jessic Ngankam, Eduard Löwen oder auch Daishawn Redan könnten sich wieder in Form spielen und damit Hertha BSC helfen. Womöglich könnten auch Spieler wie Javairo Dilrosun und Nemanja Radonjic wieder in der Offensive eine größere Rolle spielen.

Durch ein komplettes Ausschöpfen der Wechselmöglichkeiten und ein intelligentes „Teilrotieren“ von Spiel zu Spiel kann das Trainerteam also vermeiden, dass die Leistungsträger körperlich nicht mehr mithalten. Dazu könnten einzelne Spieler die Lage nutzen, um im Team doch noch eine größere Rolle zu übernehmen. Die Möglichkeiten sind also da für Hertha.

Kämpfen und Siegen – Hertha BSC vor einer großen Schlacht

Ein erhöhtes Verletzungsrisiko wird zum Alltag der „alten Dame“ gehören, das scheint unvermeidbar. Doch zwei komplette Teams, wie zuletzt diskutiert, wird Hertha nicht brauchen. Abschließend kann man also sagen: eine gleichbleibende Startelf wird es von Spiel zu Spiel nicht geben. Ein „Kern“ der Mannschaft von etwa 14-15 Spielern wird abwechselnd immer wieder starten. Die restlichen Spieler werden durch ihre Einsätze die dringend notwendige Frische einbringen müssen.

Es kommen auf alle Spieler, Trainer und Fans hochemotionale Wochen zu. Gerade jetzt werden Rückschläge sowie Erfolge schnell wieder abgehakt werden müssen, um jeglichen Fokus auf die nächste Aufgabe setzen zu können. Dabei wird die Mannschaft von Pal Dardai nur bestehen können, wenn sie die Aufgabe als Team annimmt und solidarisch statt eigenwillig agiert.

Hertha BSC steht vor einer großen Schlacht, dessen Ausgang noch völlig offen ist. Passend dazu war die Botschaft der Hertha-Ultras auf dem Trainingsgelände: „Kämpfen und Siegen – für Hertha“. Abgestiegen ist die Mannschaft jedenfalls noch lange nicht. Dafür hat sie noch zu viel selbst in der Hand … oder auf dem Fuß.

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Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Mönchengladbach

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Mönchengladbach

Man wird aus dieser Mannschaft einfach nicht schlau. Während im Union-Spiel die Offensive nicht existierte, leistete sich im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach einmal mehr die Defensive mehrere Patzer. Hinzu kommt, dass weiterhin die Arbeitseinstellung einiger Spieler nicht zum Ernst der Tabellenlage passt. Herthas Südamerika-Fraktion ist es zu verdanken, dass das Gladbach-Spiel trotz 75-minütiger Überzahl nicht verloren ging. Die Herthaner im Fokus.

Santiago Ascacibar – Ein neuer Faktor in Herthas Offensive

Keine Ahnung, ob es gewollt war oder nicht. Aber dass Santiago Ascacibar am Samstag im zentralen Mittelfeld vor Matteo Guendouzi spielte, hat gewirkt. Herthas Trainer Pal Dardai hatte schon vor dem Spiel gesagt, dass Ascacibar ein Spieler für Balleroberungen ist.

Und genau das tat der Argentinier auch mehrfach. Dadurch, dass diese Eroberungen nicht vor dem eigenen sondern vor dem gegnerischen Strafraum stattfanden, war Ascacibar ein neuer, unerwarteter Faktor in Herthas Offensive. Gleich in der 9. Minute holte er sich den Ball am linken Gladbacher Strafraumeck und legte Matheus Cunha so eine gute Chance vor. Durch seine vorgezogene Position kam auch Ascacibar selbst einige Male zu Abschlüssen – wie etwa in der 23. Spielminute, als er den Ball kurz nach der roten Karte gegen Gladbachs Torhüter Yann Sommer zum 1:0 ins Tor lenkte. Vor diesem Hintergrund war Dardais Entscheidung Ascacibar in der 57. Minute gegen Sami Khedira auszutauschen, zunächst nicht ganz nachvollziehbar. Dardai erklärte den Wechsel im Nachhinein damit, mehr Kopfballstärke auf dem Feld haben zu wollen.

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Weltmeister Khedira übernahm Guendouzis Position vor der Abwehr, während der Franzose auf „Santis“ Position vorrückte. Beide spielten nicht schlecht, erreichten aber bei Weitem nicht Ascacibars Effizienz. Ein Hinweis darauf sind die Zweikampfquoten der drei zentralen Mittelfeldspieler: Während Khedira und Guendouzi nur jeden zweiten Zweikampf für sich entschieden, war „Santi“ in knapp 70 Prozent aller Duelle der Sieger. Sollte seine Reaktion auf die Auswechslung kein Nachspiel haben, hätte er sich mit drei Schüssen, vier Tacklings und zwei abgefangenen Bällen eine weitere Startelfnominierung also durchaus verdient.

Maxi Mittelstädt – Weder nach hinten noch nach vorne gut

Leider ist es nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Maxi Mittelstädt ein Unsicherheitsfaktor in Herthas Defensive ist. Auch am Samstag hat Herthas Eigengewächs auf seiner linken Abwehrseite zu viele Lücken offengelassen, in welche die Gladbacher immer wieder hineinstachen. Beim ersten Gegentor merkte er nicht, dass Alassane Pléa auf seiner Seite durchstartete und konnte das Tor dann nicht mehr verhindern. Auch nach vorne kamen keine Impulse von Mittelstädt, seine Auswechslung zur Halbzeit erfolgte zurecht. Marvin Plattenhardt tat sich etwas leichter und gab wenigstens ein paar Flanken in den Strafraum.

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Dardais Defensiv-Plan ist kein Hexenwerk, weil es in den meisten Profimannschaften heutzutage genauso gelebt wird: In Offensiv-Situationen und im Spielaufbau bildet sich eine Dreierkette, die in Defensiv-Momenten durch die beiden Außen (heute Mittelstädt und Zeefuik) zu einer Fünferkette ergänzt wird. Die Außenspieler müssen also im besten Fall für Gefahr über die Flügel sorgen, gleichzeitig aber keine Angriffe und Lücken auf ihrer Seite zulassen. Leider hat Hertha derzeit auf der linken Seite keinen Spieler, der diesen Anforderungen gerecht wird.

Dodi Lukébakio – Rückfall in alte Verhaltensmuster

Nach extrem schwachen Leistungen in der Hinrunde war Dodi Lukébakio zuletzt wieder sehr wichtig für Hertha. Seine beiden Elfmeter gegen Augsburg und Union sowie das starke Spiel gegen Leverkusen sicherten Punkte für die Blau-Weißen. Umso erstaunlicher ist es, dass der Belgier im Gladbach-Spiel wieder eine fast provokativ schlechte Leistung zeigte.

Hertha Mönchengladbach
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Ohne großen Antrieb trabte er zumeist im Sturmzentrum herum, lief den Gegner kaum an und hatte mit 40 Prozent auch eine schlechte Zweikampfquote. Dardai zählte den Belgier mehrfach lautstark an, bemängelte insbesondere, dass Lukébakio nicht – wie vorgegeben – die linke Offensiv-Seite hielt. Nach einem schwachen Abschluss von Dodi (in aussichtsreicher Position kurz vor der Strafraumlinie) konnte man an den Gesichtern des Trainerteams schon erkennen, dass die Auswechslung Lukébakios schon in der Halbzeit kommen würde.

Und dann waren da noch…

Jhon Cordoba: Der Kolumbianer war einmal mehr ungemein wichtig für Hertha. Natürlich hat Cordoba die rote Karte von Sommer nicht durch eine Schwalbe provoziert. Aber er hat die Situation – Dardais genialen, eröffnenden Pass und den herauseilenden Sommer – eben gut erkannt und wusste: Wenn ich mir den Ball vorbeilegen kann, kann er mich eigentlich nur noch umhauen. Und beim Ausgleichstreffer ist es einfach toll zu sehen, mit welcher körperlichen Wucht der Kolumbianer im Sturmzentrum wirkt.

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Die Ecken: Alleine im Gladbach-Spiel hatte Hertha elf Ecken. Aus keiner einzigen dieser Eckstöße hat Hertha einen Hauch von Torgefahr entwickeln können. Noch viel schlimmer: In der gesamten laufenden Saison ist dem Team noch kein einziger Ecken-Treffer gelungen. Das ist eine erschreckende Bilanz, denn gerade in den kommenden Abstiegsspielen könnte es dazu kommen, dass man keine spielerische Lösung zum Sieg findet. Spätestens dann sollte Hertha damit anfangen die Ecken in das Offensiv-Sortiment mit aufzunehmen.

Fazit: Niederlagentschieden

Aus blau-weißer Sicht tut der Blick in die Statistiken des Gladbach-Spiels einfach nur weh. In keiner einzigen Kategorie waren die „Fohlen“ unserer Hertha überlegen. 23:7 Torschüsse, 7 Kilometer mehr Laufleistung, 86 Prozent Passquote, etc. Natürlich hätten wir wohl vor dem Spiel einen Punkt gegen Gladbacher gerne angenommen – schließlich hatte das Team von Marco Rose in den vergangenen Wochen wieder zurück in die Erfolgsspur gefunden.

Mit Blick auf die 75-minütige Überzahl und die deutliche Überlegenheit in der zweiten Hälfte wirkt das Unentschieden aber eher wie eine Niederlage. Nach wie vor fehlt es dem Team an Ausgewogenheit, Abstimmung und Erfahrung. Denn nach einer frühen roten Karte für den Gegner und der anschließenden Führung darf es schlichtweg niemals passieren, dass man innerhalb weniger Minuten den Sieg aus der Hand gibt.

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