Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Leipzig

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Leipzig

Es ist ja nicht schlecht, was Hertha zurzeit spielt. Sowohl dem FC Bayern als auch RB Leipzig konnte man insbesondere im Mittelfeld Paroli bieten. Aber in einer entscheidenden Disziplin des Fußballspielens versagt Hertha seit Wochen: im Toreschießen. Mit Blick auf die Leistung der Einzelspieler gab es am heutigen Sonntagnachmittag erfreuliche Überraschungen, aber auch fragwürdige Personalentscheidungen. Die Herthaner im Fokus.

Marton Dardai – Viele kluge Spieleröffnungen

Es ist schon ärgerlich, dass sich Pal Dardai im Sky-Interview vor dem Spiel dafür rechtfertigen muss, dass er seinen 19-jährigen Sohn von Anfang an spielen lässt. Es war nicht Dardai, sondern Bruno Labbadia, der Marton Dardai zu seinem Debüt verhalf. Und wenn man sich die mangelhafte Spieleröffnung Omar Alderetes in den vergangenen Spielen anschaute, war es einfach Zeit für einen neuen Impuls. Glücklicherweise rechtfertigte Marton Dardai seinen Einsatz dann aber auch selbst – durch eine hervorragende Leistung.

Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Gerade da, wo Alderete schwächelt, punktet Dardai: Jede Spieleröffnung wirkte überlegt und sinnvoll. War ein langer Schlag entlang der Linie sinnvoll, kam der lange Schlag. Bat sich am gegnerischen Strafraum eine direkte Anspielmöglichkeit, spielte Dardai die Offensivspieler auch gerne mal flach an und leitete so Offensivaktionen ein. Dardai spielte jene Bälle auch größtenteils sehr sauber zum Mitspieler. Defensiv ließ er nichts anbrennen, ein sehr souveräner Auftritt.

Als einzige offene Frage bleibt, wieso Dardai als neuer Ecken- und teils auch Freistoßbeauftragter in Szene gesetzt wurde. Hertha hat nach wie vor null Standardtore auf dem Konto – sowohl Ecken als auch Freistöße sind frappierend schwach. Marton Dardai änderte daran nichts.

Lukas Klünter – Speedy Gonzalez (aber nur nach hinten)

Mit knapp 35,5 km/h war Lukas Klünter heute mit Abstand der schnellste Spieler auf dem Platz. Dieser Wert sagt an sich wenig aus. Allerdings sorgte Klünters Geschwindigkeit heute dafür, dass einer der besten Leipziger abgekocht wurde: Angelino. Und damit ging Pal Dardais Plan auf der rechten Abwehrseite bestens auf. Angelino war in mehreren Situationen sichtlich genervt, weil er immer wieder von Klünter überlaufen wurde. Schade ist natürlich, dass der Ex-Kölner nach vorne so gut wie keine Akzente setzte, was aber sicherlich mit seiner Rolle am Sonntag zu tun hatte.

Dodi Lukébakio – Mehr ist immer noch zu wenig

In der ersten Halbzeit gab es einige Aktionen, in denen man den Eindruck gewinnen konnte, dass Dodi Lukébakio Lust hat mitzuspielen. Einmal setzte er sich im Zweikampf über die rechte Angriffsseite durch, zwei weitere Male tauchte er im Angriffszentrum gefährlich auf. Das war’s dann aber auch schon.

(Photo by SOEREN STACHE/POOL/AFP via Getty Images)

Wenn der Belgier sich wenigstens bemühen würde, wäre ja klar, dass er früher oder später aus seinem Leistungstief wieder herauskommt. Wie schlecht Lukébakios Arbeitsmoral derzeit ist, zeigte sich symbolisch an seinem Abseitsverhalten. In aller Ruhe trabte er mehrfach aus dem Abseits heraus – sogar der Sky-Moderator bat den Belgier „sein Verhalten dringend zu ändern“. Von sechs Abseitsstellungen verursachte Lukébakio vier. Und dies nicht, weil er zu früh in eine gefährliche Situation starten wollte, sondern weil er locker-lässig in der verbotenen Zone herumjoggte und dabei nicht rechtzeitig sah, dass seine Mitspieler einen Pass in die Tiefe spielen wollte.

Man fragt sich, was Dardai und Labbadia in den Trainingseinheiten von Lukébakio sehen, das ihm jede Woche einen Startelfeinsatz einbringt. Ja, er zeigte mehr als noch zuletzt, aber das ist immer noch zu wenig.

Und da war da noch …

Matthew Leckie – Auch die Zuneigung von Herthas Übungsleitern für Matthew Leckie ist unergründlich. Im Gegensatz zu Lukébakio scheut der Australier keinen Zweikampf und hat auch heute wieder einige wichtige Mittelfeldduelle gewonnen. Seine Zweikampfquote (67 Prozent) belegt das. Aber gerade auf den Außenbahnen benötigt eine wettbewerbsfähige Bundesligamannschaft kreative Spieler, die auch mal auf Verdacht in die offenen Räume auf den Flügeln laufen. All das tat Leckie nicht. Die Anzahl seiner Flanken: Null. In 72 Spielen für Hertha erzielte Leckie acht Treffer und legte sechs weitere vor. Das ist zu wenig, um einem Gegner wie Leipzig gefährlich werden zu können, auch wenn Dardais Taktikplan mit Leckie als Angelino-Bewacher gut aufging.

(Photo by ANNEGRET HILSE/POOL/AFP via Getty Images)

Matheus Cunha – Auch mit einer mittelmäßigen Leistung ist Cunha immer noch der beste Fußballer in Herthas Reihen. Auch heute gingen fast alle gefährlichen Situationen über den Brasilianer. Cunha hat einen Zug zum Tor, den kein anderer Herthaspieler derzeit vorweisen kann. Schön ist auch, dass er Ex-Leipziger mit Ball am Fuß nicht sofort fallen lässt, wenn er Gegnerkontakt in der Nähe des Strafraums hat. Allerdings hat auch Cunha derzeit die Krätze am Fuß. So wie schon gegen den FC Bayern tauchte er auch heute wieder in mehreren Szenen alle vor Leipzigs Torhüter Gulaszci auf, konnte aber nichts Zählbares umsetzen. Das ist einerseits traurig, weil Hertha einfach so sehr von Cunhas Toren lebt und zweitens weil er in der Hinrunde aus komplexeren Situationen heraus Tore erzielte. Wie sehr ihm die derzeitige Situation zusetzt, zeigte sich in der Halbzeit, als er mit seinem ehemaligen Trainer Julian Nagelsmann auf der Rolltreppe stand. Nagelsmann versuchte offensichtlich Konversation zu betreiben. Cunha antwortete nicht und blickte deprimiert auf den Boden.

Fazit – Einfach zu wenig

Gegen Bayern „ordentlich gespielt“ zu haben und im heutigen Leipzig-Spiel „viele Strafraumszenen herausgearbeitet“ zu haben, ist einfach zu wenig. Seit Jahresbeginn erzielte Hertha in acht Spielen sechs Tore – drei davon gegen taumelnde Schalker. War es unter Labbadia immer wieder die Abwehr, die Gegentore herschenkte, ist es derzeit der Angriff der bestenfalls glücklos agiert – wenn man auf Dodi Lukébakio schaut, ist das Adjektiv „lustlos“ sogar angebrachter. Die sich verschiebenden Schwächen in Herthas Mannschaftsteilen zeigen einfach, wie unausgewogen das Team zusammengestellt wurde. Herthas Ineffizienz macht Angst – auch weil die Abstiegskonkurrenten Mainz, Bielefeld und Kökn in den vergangenen Wochen insbesondere gegen die starken Teams der Liga punkteten.

[Titelbild: Pool/Filip Singer – Pool/Getty Images]

Vorschau: VfB Stuttgart – Hertha BSC: Sind aller guten Dinge drei?

Vorschau: VfB Stuttgart – Hertha BSC: Sind aller guten Dinge drei?

Zum Auftakt seiner erneuten Amtsführung gab es für Pal Dardai zwei Niederlagen. Weder gegen Eintracht Frankfurt, noch gegen den FC Bayern München konnte gepunktet werden. Nun steht das dritte Spiel in der Saison mit Dardai als Trainer an, gegen den VfB Stuttgart. Doch was können wir von den Schwaben erwarten – und was von Hertha?

Darüber haben wir mit den Stuttgart-Experten Sebastian Rose und Andreas Zweigle von vertikalpass.de gesprochen.

Der VfB Stuttgart spielt so, wie man es von einem Aufsteiger nicht unbedingt erwartet. Ihr Spiel ist von frischem, torhungrigem Offensivfußball durch junge Charaktere geprägt. Zurück in der ersten Bundesliga präsentieren sich die Schwaben, als wären sie nie weggewesen. Zurecht haben sie sich in der aktuellen Saison im Mittelfeld etabliert.

Starker VfB: Davor muss sich Hertha in Acht nehmen

„Viele Spieler haben den nächsten Schritt gemacht“, sagen die Stuttgart-Experten Sebastian Rose und Andreas Zweigle über ihre Mannschaft. Einige sogar den Übernächsten, finden sie. Etwa Mateo Klimowicz oder Tanguy Coulibaly, die in der zweiten Bundesliga kaum eine Rolle gespielt hätten – nun aber beide einen Dauerplatz in der Startelf inne haben.

Eine große Stärke von Stuttgart und „den jungen Wilden“ liege darin, dass die Mannschaft nie aufgeben würde. „Auch bei Rückständen nicht“, sagen die Beiden. Aber wie es oft bei einer jungen Mannschaft ist, so schwankt auch bei den Schwaben die Formkurve häufig. Als Beleg dienen dabei das letzte Spiel, eine 2:5-Niederlage gegen Bayer Leverkusen. Auch gegen Bielefeld unterlag man mit 0:3 deutlich. Wohingegen die Schwaben zu Hause gegen Gladbach einen Punkt holen und Borussia Dortmund auswärts mit 5:1 besiegen konnten.

(Photo by Focke Strangmann – Pool/Getty Images)

Der VfB spielt flexiblen Offensivfußball, mit schnellen Spielern, die immer wieder in die Tiefe stoßen und so Gegenspieler an sich binden. „Das Team such immer die spielerische Lösung und glaubt immer an den Erfolg“, sagen Sebastian Rose und Andreas Zweigle. Vom tiefstehendem Aufsteiger, welcher mit langen Bällen in die Spitze operiert, kann hier nicht die Rede sein.

„Wenn das Team Raum für sein schnelles Umschaltspiel bekommt, dann ist der VfB nur sehr schwer zu verteidigen“, sagen die Beiden. Denn dann geht es mit schnellen Pässen von hinten nach vorne – Konterfußball, der gekonnt ist. Stuttgart funktioniert vor allem als „Underdog“, wenn der Gegner den Ball hat und das Spiel zu lenken gedenkt. Dann aber grätscht das kompakte Mittelfeld der Schwaben am liebsten zu, geht aggressiv in das Pressing und erobert sich den Ball, um ihn schnell und direkt in die Spitzen zu spielen.

Für Hertha ist der VfB Stuttgart ein durchaus ungemütlicher Gegner, liegen den Berlinern doch selbst auch Mannschaften eher, die selbst das Spiel gestalten. Rückt Hertha in diese Rolle, weiß das Team zu oft zu wenig mit dem Ball anzufangen.

Was für ein Spiel werden wir also sehen?

Skeptisch betrachtet wird es ein Spiel bestehend aus dem Mittelfeld beider Teams und einer großen Portion Langeweile. Läuft es klassisch, findet Hertha nicht die Lücken in der Abwehr des Gegners und schiebt den Ball dauerhaft hin und her, von der einen Seite zur Anderen – und zum Torwart, vermutlich Rune Jarstein. Auch Stuttgart wird es dann schwer haben, gegen eine tiefe und dichtstehende Berliner Abwehr. Aber, es kann auch alles anders laufen.

„Als Problemzone hat sich in den letzten Spielen die rechte Defensivseite entpuppt“, sagen die zwei Experten. Weder Pascal Stenzel noch Dinos Mavropanos haben sich hier dauerhaft beweisen können. Und die favorisierte Dreierkette in der Abwehr könnte für die schnelle und technisch starke Offensive der Berliner wie gerufen kommen.

(Photo by STEFANIE LOOS/AFP via Getty Images)

Gespannt sein darf man in jedem Fall auf die Aufstellung von Pal Dardai. Sowohl gegen Frankfurt als auch gegen Bayern wusste er mit einigen Änderungen zu überraschen. Darüber zu spekulieren wie gespielt wird, scheint deshalb sehr (wage)mutig. Also wieder zum VfB:

Mit Nicolas Gonzales fällt der drittbeste Scorer des Teams aus. Sorgen bereitet das Sebastian Rose und Andreas Zweigle aber nicht. „Er fehlte bereits zu Beginn der Saison und die Mannschaft konnte das gut kompensieren“, sagen sie. Etwa durch Sasa Kalajdzic, der ein gänzlich anderer Spielertyp sei und vor allem durch seine hohe Körpergröße von zwei Metern und dem einergehendem Kopfballspiel auffallen würde. Bekanntlich sind die Berliner bei Standards auch durchaus anfällig. Dennoch „sollte er nicht nur auf sein Kopfballspiel reduziert werden“, sagen die beiden weiter. Kalajdzic könne vielseitig einsetzbar sein, etwa im Kombinationsspiel oder auch als „klassischer Wanderspieler“, der die Meter macht und ins Gegenpressing geht. „Acht Tore sprechen für sich“, fassen die Beiden über ihn zusammen.

Und die Beiden haben eine Warnung an die Berliner Mannschaft: „Im Prinzip aber müsst ihr auf alle aufpassen, nur unseren Keeper Kobel könnt ihr ungedeckt lassen“, sagen sie. Na dann.

Ascacibar und Khedira an alter Wirkungsstätte

Angesprochen auf die Hertha, nennen die Beiden Matheus Cunha. „Er scheint euer Unterschiedsspieler zu sein“, sagen sie. Und nach seiner verpassten Chance in den Schlussminuten gegen Bayern und weiteren Spielen, in denen Cunha eben nicht den Unterschied gemacht hat, wird er heiß darauf sein, gegen Stuttgart etwas wieder gut zu machen.

Auch Santiago Ascacibar wird vermutlich wieder spielen. Dardai steht einfach auf Kämpfer und jene, die mit Herzblut und Leidenschaft dabei sind, also auch die nötige Härte mit sich bringen. Gegen Bayern überzeugte der „junge Skjelbred“, wie ihn Dardai taufte, mit starken Tacklings, Grätschen und wusste es gut, die Lücken zu schließen. Wer weiß, was dem Ex-Stuttgarter gegen seinen alten Verein noch so einfällt.

Zu überzeugen wusste vor allem auch Neuzugang Nemanja Radonjic. Gegen Bayern wurde er zwar erst in der 63. Minute eingewechselt, überzeugte in der guten halben Stunde aber mit extrem starken Dribblings auf seiner linken Seite, welche teilweise sogar die Bayern-Defensive schwindelig werden lies. Ihm könnte gegen Stuttgart gar ein Startelfeinsatz winken. Anders als Sami Khedira, dem man die viele Zeit ohne Spiele bei Juventus Turin ansah. Gleichsam spürte man aber auch seine Präsenz auf dem Platz – die Antwort ist ja: Er kann der Leader sein, den Hertha brauchte. 99 Spiele hat er in der Bundesliga schon auf dem Buckel – 98 davon beim VfB Stuttgart. Vielleicht folgt gegen sie mit einer Einwechslung sein 100.

Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Schlussendlich prognostizieren die Beiden kein schönes Spiel. Eben weil beide Teams sich gegenseitig neutralisieren könnten und es beiden Teams schwer fällt, das Spiel über den eigenen Ballbesitz heraus gefährlich zu gestalten. „Am Ende wird es aber zwei zu eins für den VfB ausgehen“, glauben sie. Doch das prognostizierte Tor für Hertha, solle dabei ein ganz besonderes sein. „Den Treffer für die Hertha erzielt natürlich Sami Khedira in seinem 100. Bundesligaeinsatz.

[Titelbild: Photo by Maja Hitij/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – FC Bayern München

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – FC Bayern München

Ein bisschen Hoffnung hat man ja doch immer, wenn Hertha gegen die Bayern spielt. Obwohl wir gestern 0:1 verloren haben, hat sich diese Hoffnung erfüllt. Denn insbesondere in der zweiten Halbzeit zeigte Hertha ein tolles Umschaltspiel und hätte sich ein Unentschieden eigentlich verdient. Auch in den Leistungen mehrerer Einzelspieler sieht man schon nach zwei Spielen unter Pal Dardai einen deutlichen Fortschritt. Die Herthaner im Fokus.

Nemanja Radonjic – Herthas neuer Unterschiedsspieler

Einen Tag nachdem der Serbe Nemanja Radonjic zu Hertha wechselte, verkündete sein früherer Trainer André Villas-Boas seinen Rücktritt bei Olympique Marseille. Villas-Boas begründete seinen Rücktritt öffentlichkeitswirksam unter anderem damit, dass man ihn vor der Leihe Radonjics nicht konsultiert habe – er hätte dies wohl nicht befürwortet. Obwohl Radonjic gegen die Bayern nur etwa 20 Minuten mitspielen durfte, kann man Villas-Boas‘ Ärger verstehen.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Radonjic ist wieselflink, mutig in den Zweikämpfen, zieht von seiner linken Außenbahn in Robben-Manier gerne in die Mitte und sorgt somit für ein Element, das Hertha in den vergangenen Monaten so sehr fehlte: Druck auf der Außenbahn. Radonjic erinnert ein wenig an die ersten Spiele von Javairo Dilrosun bei Hertha – der junge Niederländer glänzte damals über die linke Außenbahn, legte mehrere Tore vor und erzielte auch einige Treffer.

Es bleibt nur zu hoffen, dass Radonjic – oder „Blitzkugel“, wie ihn Dardai nach dem Spiel nannte – im Gegensatz zu Dilrosun diesen ersten Eindruck verstetigen kann. Denn: Viel Zeit zur Akklimatisierung hat der junge Serbe nicht. Es bleiben 14 Spiele, in denen Hertha mit Radonjics Hilfe unbedingt punkten muss.

Maximilian Mittelstädt – Was für ein Fortschritt

Ich muss es zugeben – obwohl mir Maxi Mittelstädt sehr sympathisch ist, war ich über seine erneute Nominierung für die Startelf etwas verärgert. Denn in den vergangenen Monaten wirkte Herthas Nachwuchsspieler oft zu behäbig, kam in vielen Zweikämpfen zu spät und verschuldete so leider auch ein paar Gegentore. Er wirkte schlicht gehemmt.

Doch am gestrigen Freitagabend zeigte Maxi ein ganz anderes Gesicht. Er hatte Selbstvertrauen. Insbesondere in Herthas Drangphase in der zweiten Halbzeit gewann Maxi im Mittelfeld mehrere wichtige Zweikämpfe und leitete so direkte Gegenangriffe ein – die einzige Art und Weise, wie man gegen die Bayern punkten kann. Auch im eigenen 16er wirkte Mittelstädt – kurz nach Beginn der Partie klärte er eine extrem gefährliche Situation gegen Serge Gnabry. Vier Tacklings, zwei abgefangene Bälle und sechs Klärungen unterstreichen seinen hervorragenden Auftritt.

Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Mittelstädt hatte unter der Woche seinen Instagram-Account gelöscht. Dass ihm die in den sozialen Medien geäußerte Kritik zu nah ging, ist nicht auszuschließen. In einem Video-Interview hatte er dies auch kürzlich angedeutet: auch Fußballprofis seien Menschen, sagte Mittelstädt mit Blick auf die ihm entgegen gebrachte Kritik.

Klar ist: Im Zeitalter der „sozialen“ Medien sind die Profis (leider) ungefilterter, unfairer und oft auch unflätiger Kritik ausgesetzt. Man wünscht sich für Maxi, dass ihm sein neuer Trainer weiter dabei hilft, wieder mutiger zu werden, damit er auch in Herthas Offensive wieder selbstbewusst Nadelstiche setzen kann.

Dodi Lukébakio – Nur eine kleine Verbesserung

Klar – man kann Torchancen vergeben. Das Problem ist nur, dass man gegen die Bayern nicht allzu viele bekommt. Und insofern schmerzt es mit einer Nacht Abstand schon, dass Dodi und Cunha gestern zwei Chancen vergaben, die sie einfach machen müssen.

So wir alle anderen Herthaner hat sich auch Lukébakio gesteigert. Am deutlichsten zeigte sich dies etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff, als Lukébakio nach einem Sprint in die Defensive auf einmal am eigenen Strafraum eine gefährliche Situation gegen Gnabry entschärfte – noch vor zwei Wochen wäre dies wohl undenkbar gewesen.

Foto: IMAGO

Trotzdem bleibt leider ein negativer Gesamteindruck – Dodi taucht in vielen Spielphasen einfach komplett ab und trabt bestenfalls mit. Pal Dardai muss Lukébakios Waffen – sein Spielwitz und seine Schnelligkeit – schnellstmöglich reaktivieren.

Und dann waren da noch …

Jordan Torunarigha: Gute Besserung, hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Du wirst gebraucht!

Rune Jarstein: Alexander Schwolow ist ein toller Torwart, keine Frage. In seinen Spielen für Hertha hat der Ex-Freiburger auch keine Patzer eingebracht und unnötige Tore verschuldet. Aber seien wir ehrlich: Er hatte auch wenige bis gar keine Glanzparaden. Herthas Goalie-Oldie Jarstein hatte diese in den vergangenen beiden Spielen. Trotz dreier Gegentore landete Jarstein wegen mehrerer Rettungsaktionen in der „kicker“ Elf des Tages und am gestrigen Abend parierte er einen Elfmeter gegen Robert Lewandowski – ein höchst seltenes Phänomen. Kurzum: Ein weiterer genialer Schachzug von Pal Dardai war es, Jarstein zu reaktivieren!

Sami Khedira: Es ist schon ein komisches Gefühl, Sami Khedira im Hertha-Trikot agieren zu können. Khedira gehört zu den bestdekorierten deutschen Fußballspielern. Er ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und gewann die nationalen Meisterschaften in Deutschland, Spanien und Italien. Sein Einsatz am gestrigen Abend war zu kurz, um ihn fair bewerten zu können. Klar ist aber, dass Khedira in den Tagen vor dem Bayern-Spiel glaubhaft vermittelte, dass er Hertha helfen will. Eine Hilfe, die wir gerne annehmen – auf allen seinen Erfahrungsebenen.

Fazit – Die Mannschaft lebt

Der wahre Star am gestrigen Abend war die Mannschaft. Die Statistiken zeigen, dass Hertha das Spiel gegen die Bayern nicht nur annahm, sondern auch klug gestaltete. Die Blau-Weißen liefen insgesamt knapp vier Kilometer mehr als die Bayern, hatten mit rund 80 Prozent eine gute Passquote, schossen zehn Mal aufs Tor, spielten weniger Fehlpässe als die Bayern und hatten mit rund 50 Prozent fast dieselbe Zweikampfquote wie der Gegner.

Foto: IMAGO

Aber nicht nur quantitativ machte Hertha ein gutes Spiel. Auch die Qualität überzeugte. Nach dem Rückstand ließ sich das Team nicht fallen, sondern startete in der 2. Halbzeit eine tolle Angriffsserie. Leider können wir uns von dem Spiel wenig kaufen, Hertha braucht mit Blick auf die Tabellensituation Punkte. Insofern gibt es nur ein Manko, das nach dem gestrigen Freitagabend bleibt: die Chancenverwertung!

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/POOL/AFP via Getty Images]

Herthaner im Fokus: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC

Nach wenigen Tagen im Amt war es „Spiel Eins“ für Pal Dardai. Und bei seinem Comeback änderte er die Startaufstellung kräftig durch. Deshalb schauen wir in unserer Bewertung auch vor allem auf die „neuen“ Spieler. Insgesamt zeigte das Team eine engagierte und kämpferische Leistung. Aber, wie so oft in dieser Saison, präsentierte sich die Mannschaft vor allem in der Defensive stark anfällig.

Rune Jarstein bewahrte das Team lange mit herausragenden Paraden vor einem Rückstand. Letztlich musste er aber dennoch drei mal hinter sich greifen. Eintracht Frankfurt springt mit dem Sieg auf den dritten Tabellenplatz – und Hertha BSC ist endgültig im Abstiegskampf angekommen.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner nach diesem Spiel.

Rune Jarstein – Er kann es noch!

Der Startelfeinsatz von Rune Jarstein für Alexander Schwolow war vermutlich die größte Überraschung zu Beginn des Spieltags. Doch rechtfertigte Jarstein das Vertrauen von Trainer Pal Dardai. Immer wieder glänzte er mit herausragenden Paraden und bewahrte die Mannschaft schon in der ersten Halbzeit vor einem Rückstand. Etwa in der 28. Minute, in der Frankfurts Kamada vor Jarstein auftauchte und aus kurzer Distanz abschloss. Blitzartig tauchte Jarstein ab und parierte den Schuss.

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Dem 36-jährigen Routinier war die lange Zeit auf der Bank nicht anzumerken. Er strahlte viel Ruhe und Konzentration aus. Doch wird er auch mit seiner Verteidigung sprechen müssen – letztlich im Stich gelassen und ohne eigene Schuld, musste er drei mal hinter sich greifen. „Ich glaube, Rune war gut, er hat der Mannschaft gut getan“, sagte Dardai nach dem Spiel. Ob der Norweger auch im kommenden Spiel wieder ran darf, wird noch abzuwarten sein, seine Leistung hat es aber nicht unwahrscheinlicher gemacht.

Santiago Ascacibar – Auffällig unauffällig

Viel war im blau-weißen Trikot noch nicht vom 1,68 Meter kleinen Argentinier zu sehen. Lange Zeit ist Santiago Ascacibar verletzungsbedingt ausgefallen, war er fit, wurde er nicht berücksichtigt. Unter Dardai hat er nun seine Chance bekommen. Vermutlich auch, weil Ascacibar bekannt als Kämpfer ist, als einer, der auch mal dreckig ist und leidenschaftlich spielt.

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Zumindest mit seinen Laufdaten bestätigte er die Entscheidung. Kein Herthaner ist weitere Wege gegangen als er (fast 12 Kilometer). Nach hinten stellte er die Passwege oft gut zu und präsentierte ein solides Stellungsspiel. Nach vorne hin ging bei ihm aber auch wenig. Auch wenn dies primär nicht seine Aufgabe ist. Doch gute Ansätze waren zu sehen – mit mehr Spielpraxis, wer weiß, wie wichtig er noch werden kann. Seine kämpferischen Attribute sind es im Abstiegskampf allemal.

Zusammen mit Tousart hatte es der 23-Jährige gut verstanden, die offensiven Mittelfeldspieler Frankfurts, Kamada und Younes, zu bearbeiten. Drei Tacklings und vier abgefangene ´Bälle unterstreichen seinen Eifer und die permanent hohe Aufmerksamkeit. Dardais Bewertung: „Herz, Leidenschaft, Balleroberung, Wege machen. Er steht immer auf. Ich glaube, er hat auch eine gute Leistung gebracht.“

Lukas Klünter – engagiert, spielerisch aber limitiert

Auf der rechten Seite von Lukas Klünter herrschte Dauerbetrieb. Immer wieder tauchte vor allem Filip Kostic vor ihm auf und ging gegen Klünter ins Tempodribbling. Nicht selten verlor Klünter das Duell und die Frankfurter konnten in die Mitte flanken. Etwa bei der postwendenden Antwort zum 1:1, nachdem die Berliner kurz vorher erst in Führung gegangen sind. Kostic konnte seine Flanke an Klünter vorbei bringen und spielte sie perfekt auf den Kopf von Andre Silva.

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Allerdings dürfte hier vor allem auch Jordan Torunarigha die größte Schuld treffen. Er ließ Silva einen kurzen Moment aus dem Augen, so dass dieser sich absetzen und einnetzen konnte. Oft war Klünter auch sein spielerisches Limit anzusetzen. Im Spielaufbau ging wenig bis gar nichts, immer wieder suchte er stattdessen den Rückpass. Teilweise wirkte er mit dem Ball am Fuß gar überfordert, anstatt seinen Körper so zu drehen und zu bewegen, das Pässe nach vorne oder auf kurze Distanz ins Mittelfeld möglich wären.

Der Einsatz stimmte beim Saisondebütanten allemal, jedoch sind in diesem Spiel zu viele Defizite auf einmal ersichtlich geworden.

Luca Netz – technisch fein, aber das Stellungsspiel

Es war der zweite Startelfeinsatz in Folge für den erst 17-Jährigen. Und oft zeigte er sein Talent. Schon gegen Bremen waren seine Laufwege in der Offensive eine Gefahr. Zudem spielt er präzise Flanken. Offensiv hat Netz alles, was ein moderner Außenverteidiger braucht.

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Doch in der Defensive entstehen zu oft Lücken, weil er zu weit weg von seinem Gegenspieler steht. Gegen Frankfurt entstand deshalb keine Gefahr, doch vielleicht auch deshalb, weil Dardai ihn zur Halbzeit auf der Bank ließ und Maxi Mittelstädt einwechselte, welcher wiederum beim 1:2-Gegentor nicht gut aussah. Auch offensiv traf das Eigengewächs zu viele Fehlentscheidung, beispielsweise als er beim Stand von 0:0 lieber selbst abschloss, als die vielen freien Mitspieler vor dem Tor anzuspielen. Hinzu kamen einige ungenaue Pässe und Ballverluste.

Vor allem offensiv kann Netz ein Gewinn sein. Und in einer wackelnden und sich stets ändernden Defensive Routine zu bekommen, ist auch schwer. Das Potenzial ist eindeutig da, nun muss sich an das Bundesliga-Niveau, das volle Aufmerksamkeit und Handlungsschnelligkeit voraussetzt, gewöhnt werden.

Und insgesamt?

Wie Eingangs erwähnt spielte Hertha durchaus engagiert. Während das Mittelfeld mit Tousart und Ascacibar als Sechser und einem offensiverem Guendouzi gefestigter wirkten, bleibt vor allem aber die Abwehr ein Problem. Hätte Jarstein nicht oft genug glänzend pariert, hätte das Ergebnis noch deutlicher sein können. Lobende Worte gibt es an dieser Stelle (und der Redakteur kann es selbst kaum glauben) für den Spielaufbau von Niklas Stark. Bei seinen Pässen nach vorne traute er sich mehr, auch mal etwas Risiko und es gelang. Oft traute er sich gar bis über die MIttellinie, sind doch sonst eher Rückpässe sein großes Markenzeichen.

Foto: IMAGO

Auch Krzysztof Piatek zeigte wieder, warum Hertha ihn gebrauchen kann. Sein Anlaufverhalten war zwar recht verhalten, doch sein Tor beschreibt einen Strafraumstürmer, wie der Pole es ist, perfekt. Ohne viel Kontakt und Zeit den Abschluss suchen – und drin ist das Ding. Dodi Lukebakio ist schon seit Wochen ein Schatten seiner selbst. Leider fällt er mehr dadurch auf, Bälle zu verstolpern und sie zu verlieren, als mit seinen möglichen schnellen Tempodribblings und seinem guten Schuss. Vor allem Dilrosun wird als Alternative für die Außen schmerzlich vermisst.

In den kommenden Spielen trifft Hertha auf spielstarke Gegner, kommende Woche etwa auf gegen Bayern München. Für Hertha-Fans könnten die nächsten Wochen nicht weniger schmerzvoll werden, als schon die gesamte Saison. Doch präsentierte sich Hertha gegen starke Teams selbst auch immer passabel. Wer weiß, wo Dardai und sein Team den Gegnern vielleicht wichtige Punkte im Abstiegskampf abluchsen können.

[Titelbild: Photo by Alex Grimm/Getty Images]

Vorschau: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC: Comeback gegen einen ungemütlichen Gegner

Vorschau: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC: Comeback gegen einen ungemütlichen Gegner

Es liegt eine turbulente Woche hinter Hertha BSC. Nun soll mit Pal Dardai die Trendwende gelingen: Weg von den Abstiegsplätzen und den Verein im Mittelfeld sicher stabilisieren. Doch die vermeintlich „leichteren“ Gegner aus der unteren Tabellenhälfte kamen schon. Gepunktet wurde dabei zu wenig. Nun folgen Teams, die allesamt Ambitionen haben und teilweise um das internationale Geschäft mitspielen. Etwa Eintracht Frankfurt, das ein ungemütlicher Gegner für Dardai sein wird. Das hat uns Sportjournalistin und Eintracht-Expertin Solveig Haas bestätigt.

Er würde nie eine Mannschaft inmitten einer laufenden Saison übernehmen. Pal Dardai habe sich das einmal geschworen, wie er bei seiner Vorstellung unter der Woche verriet. Doch für seine blau-weiße Liebe habe er eine Ausnahme machen müssen.

Foto: IMAGO

Die folglich Konsequenz daraus: Es fehlen Wochen der Vorbereitung, in denen Dardai vor Beginn einer Saison auf das Team einwirken könnte. Lediglich eine Woche hatte er nun Zeit, dass Team auf den kommenden Gegner Eintracht Frankfurt einzustellen.

Inwieweit Dardai personelle Änderung vollziehen wird, wird sich am Samstag zeigen. Medial wird gemunkelt, dass Jordan Torunarigha oder auch Marvin Plattenhardt womöglich wieder eine Chance erhalten. Auch wird über einen möglichen Einsatz von Santiago Ascacibar im Tausch gegen den bisher eher enttäuschenden Lucas Tousart spekuliert. Eines ist jetzt schon klar: Gegen die seit sieben Spielen ungeschlagene Eintracht wird es ein ungemütliches Spiel.

Offensiv kann die Eintracht alles, Defensiv ist Hertha anfällig

Die wohl wichtigste Frage wird sein, ob es Dardai gelingt eine funktionierende Achse zu finden. Aus welcher sich Spieler zeigen, die in etwaigen Spielsituationen das Kommando übernehmen können. Eine weitere Baustelle ist aber die Defensive. 32 Gegentore hat die Mannschaft bisher kassiert. Nur die beiden Schlusslichter Mainz und Bielefeld haben bisher mehr Gegentore gefangen. Gegen Frankfurt kann das 90 Minuten Dauergefahr bedeuten.

„Eigentlich ist fast jeder, der da auf dem Platz steht, potenziell torgefährlich“, sagt Frankfurt-Expertin Solveig Haas. Auch sonst gebe es kaum etwas, auf das die Frankfurter Offensive nicht reagieren könne. „Wir haben jemanden für die feine Klinge – und wenn das nicht klappt, dann geht es eben mit Kraft und Willen“, beschreibt sie den Offensivfußball ihrer Mannschaft.

Insbesondere Stürmer Andre Silva zeigte sich in den letzten Spielen besonders torhungrig. Blickt man aktuell auf die Liste der Torschützen, bildet er zusammen mit Erling Hallend den zweiten Platz hinter Robert Lewandowski. 14 mal hat Silva in dieser Saison bisher getroffen. Und auch Rückkehrer und bisheriger Edel-Joker Luka Jovic netzte in drei Spielen drei mal ein.

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Für Solveig Haas war die Rückkehr von Jovic aus Madrid „magisch“. Damit spricht sie vermutlich vielen Eintracht-Fans aus der Seele. Doch bekanntlich spielt Frankfurt nur mit einer Spitze vorne drin. Doch glaube sie nicht an Probleme zwischen den beiden Stürmern. „Ich habe sogar das Gefühl, dass er Andre Silva bisher eher entlastet als unter Druck setzt“, sagt sie.

Zudem scheint der Transfer das gesamte Team beflügelt zu haben. Als Beispiel nennt sie etwa Filip Kostic. „Wie er seitdem wieder aufdreht, ist auch ein Traum“, sagt sie. Vier Vorlagen und ein Tor in den letzten drei Spielen unterstreichen diese Wahrnehmung. Dennoch glaube sie nicht, dass Trainer Adi Hütter Jovic von Beginn an aufstellen wird. „Er sagt ja auch selbst, dass ihm dafür noch ein wenig die Fitness fehlt“, stellt Solveig Haas fest. Doch warnt sie auch – sie könne sich vorstellen, dass Jovic je nach Spielverlauf deutlich früher eingewechselt wird.

Doch Dardai kann Defensiv – gibt es einen „Trainereffekt“?

In viereinhalb Jahren als Trainer von Hertha hat Dardai aber schon von 2015 bis 2019 bewiesen, dass er vor allem Defensive kann. Mitunter war das sogar einer der Gründe, warum ihn Michael Preetz damals entließ. Zu langweilig sei der Fußball, Hertha wolle attraktiven Offensivfußball spielen. Nicht wenige Hertha-Fans schlossen sich der Meinung damals an. Auch wenn nun die Mehrzahl der Anhänger glücklich darüber scheint, dass das blau-weiße Urgestein und der Sympathieträger wieder zurück ist.

Dardai selbst war ein Kämpfer auf dem Platz. Vor allem die taktische Disziplin sei ihm wichtig, wie er bei seiner Vorstellung betonte. Inwieweit das etwa ein Dodi Lukebakio oder ein temperamentvoller Matheus Cunha beherzigen können oder wollen, wird sich zeigen – wenn sie denn spielen.

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Und dann wäre da noch der Mythos „Trainereffekt“. Oft scheint es, als würden Teams vor allem das erste Spiel mit neuem Trainer gewinnen. Auch Solveig Haas glaubt an den Effekt. Doch finde sie, hänge er von den individuellen Problemen einer Mannschaft ab. „Ich glaube nicht, dass das Problem bei der Hertha auf der Trainerbank saß, deshalb wird auch ein neuer (alter) Trainer es nicht kurzfristig lösen können“, sagt sie.

So oder so habe sie Vertrauen in ihre Eintracht, die durchaus Selbstbewusst aufspielen dürfte. „Diese Eintracht kann auch gegen neu motivierte Berliner gewinnen“, sagt sie. Ihr Tipp: „Drei zu eins für die Eintracht.“

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG Hoffenheim

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG Hoffenheim

Mit einer am Ende deutlichen 0:3-Heimniederlage gegen Hoffenheim beendet Hertha BSC die Hinrunde der Saison 2020/2021. Nach einer ordentlichen Anfangsphase (inklusive verschossenem Elfmeter) verpassten es die Berliner, mit letzter Konsequenz auf die Führung zu drücken. Nach einer knappen halben Stunde kamen die Gäste zur schmeichelhaften Führung, im Anschluss gelang Hertha kaum noch etwas.

Bereits nach den beiden letzten Auftritten auf der Alm in Bielefeld (0:1) und gegen den 1. FC Köln (0:0) waren bei den meisten Hertha-Fans die Erwartungen für das Spiel gegen die ebenfalls kriselnden Hoffenheimer (ein Sieg in den letzten sechs Bundesliga-Spielen) gering. Und Hertha wurde einmal mehr seinem Ruf als „Aufbaugegner“ gerecht – individuell gab es dabei nur wenige Lichtblicke.

Maximilian Mittelstädt – nicht wirklich besser als Plattenhardt

Eine Entscheidung Labbadias, die schon in den vergangenen Monaten immer wieder für Diskussionen sorgte, war die Bevorzugung von Marvin Plattenhardt auf der Linksverteidigerposition. Plattenhardt wurde trotz durchwachsener Leistungen immer wieder Maxi Mittelstädt vorgezogen – dabei waren viele Hertha-Fans der Meinung, dass Mittelstädt sich insbesondere zu Saisonbeginn ordentlich präsentiert hatte.

Durch Plattenhardts Verletzung durfte Mittelstädt gegen Hoffenheim zum zweiten Mal hintereinander von Beginn an ran, das Fazit fällt eher weniger gut aus.

In der Anfangsphase war Mittelstädt unauffällig: Defensiv könnte man das durchaus als Kompliment auffassen, allerdings übten die Gäste auch nur wenig Druck aus, Hertha hatte Ballbesitzanteile von über 70 Prozent.

Und auch offensiv war Mittelstädt quasi unsichtbar. Guendouzi übernahm im Aufbau seine Position hinten links – wohin Mittelstädt auf diese Rochade hin verschwand, war nicht immer leicht festzustellen. Nach einer knappen halben Stunde setzte er mal Córdoba mit einer Flanke in Szene, der Kolumbianer köpfte allerdings über den Kasten. Kurz nach der Halbzeit wiederholte sich dieses Muster: Am Hoffenheimer Strafraum bekam Mittelstädt von Guendouzi den Ball, fand mit seiner Flanke Córdoba – und dieser setzte seinen Kopfball übers Tor.

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Bei der Entstehung des ersten Gegentores machte Mittelstädt eine unglückliche Figur. Er rückte aus der Viererkette, um den Ballführenden Baumgartner unter Druck zu setzen – kam dabei allerdings zu spät und öffnete so den Raum für den Torschützen Sebastian Rudy.

Insbesondere sein zu Saisonbeginn besserer Offensivoutput im Vergleich mit Plattenhardt wurde Mittelstädt hoch angerechnet, gegen Hoffenheim war davon allerdings nur wenig zu sehen. Defensiv unterliefen Herthas Eigengewächs eigentlich keine großen Fehler, trotzdem sprach seine Auswechslung nach 60 Minuten Bände für seine Leistung. Auch weil der erst 17-jährige Luca Netz keinen Deut schlechter machte.

Omar Alderete – Das Thema mit den Ansätzen

In der Hertha-Innenverteidigung lief einmal mehr der Paraguayer Omar Alderete neben Kapitän Niklas Stark auf. Defensiv waren beide in der Anfangsphase kaum gefordert, dafür aber umso mehr im Spielaufbau. Dabei übernahm Alderete einmal mehr den risikoreicheren Part, und zumindest in der ersten halben Stunde war er ein ums andere Mal der X-Faktor in Herthas Spielaufbau: Mit flachen Pässen ins Zentrum auf Cunha, eine der beiden Spitzen oder Guendouzi gelang es ihm gleich mehrere Male, zumindest eine der Hoffenheimer Verteidigungslinien zu überspielen.

Allerdings schlichen sich auch hin und wieder kleinere Fehler ins Spiel Alderetes – einmal vertändelte er in zentraler Lage fast den Ball an einen Hoffenheimer, aus einem Fehlpass nah am eigenen Tor konnten die Hoffenheimer kein Kapital schlagen. Und auch eine Situation, in der Alderete seinen Gegenspieler mit etwas übertriebenem Körpereinsatz „rammte“ und abdrängte, dürfte für die eine oder andere gehobene Augenbraue gesorgt haben.

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In der zweiten Halbzeit waren aber auch bei Alderete jegliche spielerische Anlagen verschwunden, die man in der ersten Hälfte noch bestaunen durfte. Wie auch sein Nebenmann Stark agierte Alderete meistens nach der Devise „lang und weit bringt Sicherheit“, wenn keine einfache Lösung in Sicht war.

Defensiv war der Paraguayer eigentlich nur beim 0:1 zu weit von seinem Gegenspieler entfernt, sonst konnte der Neuzugang die eine oder andere brenzlige Situation bereinigen. Gleichzeitig strahlte er mit seiner etwas aggressiveren Spielweise aber auch nicht unbedingt Ruhe aus.

Dodi Lukébakio – symptomatisch für eine ganze Saison

Nach einigen enttäuschenden Auftritten zuletzt hatte Labbadia mit der Rückkehr von Matheus Cunha die Möglichkeit, Dodi Lukébakio zunächst einmal auf der Bank zu lassen. Nach seiner Einwechslung gelang es dem Belgier allerdings nicht mehr, noch etwas Nennenswertes zu Herthas Offensivbemühungen beizutragen.

Wie so oft in den vergangenen Wochen ging in seinen knapp 30 Minuten auf dem Platz quasi keine Gefahr von Lukébakio aus. Mit seiner ersten Aktion rutschte er auf dem Rasen des Olympiastadions weg – direkt in einen Hoffenheimer Gegenspieler, eine (etwas harte) gelbe Karte war die Konsequenz.

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Und auch beim 0:2 demonstrierte Lukébakio einmal mehr eine seiner gravierendsten Schwächen: Schon in der Entstehung war er zu weit von seinem Gegenspieler entfernt, woraufhin dieser den Ball relativ unbedrängt in den Rückraum zurücklegen konnte. Allerdings hatte Lukébakio den Spieler schon bis zur Grundlinie verfolgt – und weil er sich im Anschluss nicht schnell genug wieder nach vorne bewegte, hob er das Abseits des Torschützen Kramaric auf.

Mit seinem Joker-Einsatz sollte Lukébakio wohl eigentlich zeigen, warum er in Zukunft wieder die richtige Wahl für die Hertha-Startelf wäre. Mit diesem Auftritt ist ihm das aber sicherlich nicht gelungen – eher im Gegenteil.

Lucas Tousart – endlich Stütze und Ballverteiler

Wenn es dann doch noch eine positiv hervorzuhebende Leistung an diesem aus Hertha-Sicht sehr tristen Abend gab, war das mit Sicherheit Lucas Tousart. Der Franzose scheint nach seiner Verletzung immer besser in Tritt zu kommen, gegen Hoffenheim machte er trotz seiner schwachen Mitspieler ein ordentliches Spiel und zeigte, warum Hertha ihn geholt haben könnte.

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Immer wieder konnte Tousart das Spiel erfolgreich verlagern, insbesondere seine hohen Seitenwechsel auf die aufgerückten Außenverteidiger deuteten seine Klasse hier und da an. In einigen Situationen zeigte sich der Franzose aber auch als kombinationssicher, löste unter Mithilfe seiner Nebenleute die eine oder andere Pressingsituation.

Nach dem Seitenwechsel war Tousart dann vor allem als Organisator zwischen den beiden Hertha-Innenverteidigern gefragt. Als Sechser wusste der Franzose in den vergangenen Wochen mit dem Ball deutlich mehr zu überzeugen als zuvor Niklas Stark – sehr wahrscheinlich, dass Tousart auch nach der Genesung von Dedryck Boyata weiterhin Herthas defensiver Mittelfeldspieler Nummer eins bleibt.

Und dann waren da noch …

Deyovaisio Zeefuik, der nach seiner Einwechslung zur Halbzeit defensiv nicht wirklich auf der Höhe wirkte und offensiv zumindest zwei haarsträubende Fehlpässe spielte.

Krzysztof Piatek, der in der ersten Viertelstunde Herthas beste Tormöglichkeit vom Punkt vergab. Danach wirkte der Pole engagiert – und profitierte durchaus von Sturmpartner Jhon Córdoba, er wirkte besser ins Hertha-Spiel eingebunden als in seinen Einsätzen als alleinige Spitze.

Matheus Cunha, der Herthas Offensive eben auch nicht immer retten kann – gegen Hoffenheim erwischte der Brasilianer wieder einen schlechteren Tag, ließ sich durch viele kleine Nickligkeiten der Gegner provozieren und rieb sich daraufhin in Diskussionen auf.

Mattéo Guendouzi, bei dem im Spielverlauf der Verzweiflungspegel ins Unermessliche stieg – in der Schlussphase versuchte der Franzose, es mit allen allein aufzunehmen und ein Solo-Tor à la Cunha zu erzielen. War dabei aber eher weniger erfolgreich und konnte Herthas Spiel auch sonst nicht die Struktur geben, für die er in seinen ersten Spielen gesorgt hatte.

Das Fazit fällt nach dem Spiel gegen Hoffenheim ernüchternd aus – es wird sich wohl etwas ändern müssen bei Hertha BSC, damit sich langfristige Verbesserungen einstellen. Punkt.

[Titelbild: Photo by Boris Streubel/Getty Images]