Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Dieses nicht enden wollende Kribbeln nach der Sommerpause; die Vorfreude, nach einer verheißungsvollen Vorbereitung die Früchte erfolgreicher Arbeit auch in der Liga ernten zu können; die Euphorie, die ein souveränes Weiterkommen im Pokalsieg mit sich bringt – all das kennt man als Hertha-Fan dieser Tage höchstens vom Hörensagen. In der Vorbereitung ließ man sich das ein ums andere Mal düpieren (unter anderem mit einer 0:2-Niederlage beim HSV). Die Leistungen auf dem Feld waren ebenso wenig erbaulich, wie die Ergebnisse und zu allem Überfluss schied man dank mehrfacher Slapstick-Einlagen in der Hintermannschaft trotz vier geschossener Tore gegen Eintracht Braunschweig aus – ein Team, das in der vergangenen Saison noch in der dritten Liga beheimatet war. Aber das Fan-Herz ist nun mal kein rational-denkendes Organ. So reicht schon die Verkündung eines neuen Stürmers, um all die logischen Bedenken flugs beiseite zu wischen und von Europa zu träumen. Wo die Wahrheit zwischen diesen beiden Extremen letzten Endes liegen wird, weiß niemand. Das ist ja bekanntlich das Schöne an diesem Sport.

Um trotz all dieser Unwägbarkeiten ein paar Fakten zu ergänzen, werden wir uns auch in dieser Saison für unsere Vorberichte Hilfe von Expert*innen rund um die jeweiligen Gegner holen. Den Auftakt macht Joey, der uns einen ausführlichen Einblick in die Situation an der Weser gewährt hat.

DIE TÜCKEN DES BREMER WEGS

Dass die Situation in Bremen derart eskalieren konnte, hat vielschichtige Gründe. So waren es neben Fehlentscheidungen der Verantwortlichen auch Faktoren, die niemandem anzulasten sind. So zog sich Niclas Füllkrug, der in den ersten vier Partien an drei Toren beteiligt war, am vierten Spieltag einen Kreuzbandriss zu. Zeitgleich verletzte sich auch Yuya Osako und fiel fünf Spieltage aus. Die Liste ließe sich beliebig fortführen, wohl kein Team war derart verletzungsgebeutelt, wie der SV Werder. Doch selbstverständlich erklärt dies allein einen derartigen Absturz nicht. In jedem anderen Verein greifen zu so einem Zeitpunkt die viel zitierten Mechanismen des Fußballgeschäfts, was übersetzt bedeutet: Der Trainer wird zum Bauernopfer gemacht.

Mit Ach und Krach rettete sich der SV Werder Bremen in der Relegation vor dem Abstieg. (Photo by Ronald Wittek/Pool/Getty Images)

Werder hingegen verfolgt als Teil des „Bremer Weges“ eine andere Politik. So wurden zu keinem Zeitpunkt spürbare Diskussionen um Florian Kohfeldt aufgemacht. Ein Punkt, für den Joey Verständnis hat: „Der entscheidende Punkt war meiner Meinung nach – das wurde so auch von den Verantwortlichen immer betont – dass man in Kohfeldt insbesondere langfristig den richtigen Trainer für Werder gesehen hat und von seiner Arbeit grundsätzlich überzeugt war. […]In der Hinrunde gab’s auch durchaus noch viele Argumente, die man entweder zu Kohfeldts Gunsten auslegen konnte oder zumindest als erklärende Faktoren für den Negativlauf, um Kohfeldt aus der Schusslinie zu nehmen. Der Saisonbeginn beispielsweise war spielerisch durchaus vielversprechend, trotz zahlreicher Verletzter. […] Da konnte man noch denken: Lass die Verletzten zurückkommen, lass die Truppe die Standardschwäche abstellen und das wird zumindest eine Saison im ruhigen Mittelmaß. Leider wurde es mit der Zeit immer schlimmer.“

Statt sich also Schritt für Schritt wieder aus der Schlinge zu lösen, schien es für Bremen mit zunehmendem Fortschreiten der Spielzeit irgendwann keinen Ausweg mehr zu geben. Die anhaltende Erfolgslosigkeit trieb Kohfeldt, der für eine offensive Spielidee bekannt ist und dafür in der Vergangenheit viel Lob erntete, dazu, von seiner Philosophie abzuweichen und einen defensiveren Ansatz zu wählen. Allein die Ergebnisse blieben nach wie vor aus und „das war furchtbar anzusehen“, wie Joey zu Protokoll gibt.

WIE KONSEQUENT SIND DIE KONSEQUENZEN?

Trotz der sportlichen Misere hielt Werder Bremen unumstößlich an Trainer Kohfeldt fest. (Photo by Ronny Hartmann/Getty Images)

Dass dann auch nach dem erfolgreichen Klassenerhalt weiterhin mit Kohfeldt geplant wird, ist nur der logische Schritt – sonst hätte sich das Risiko, auf einen Trainerwechsel zu verzichten, auch gespart werden können. Dass es aber ein „Weiter so“ nach einer solch katastrophalen Spielzeit unter keinen Umständen geben darf, daran besteht kein Zweifel.

Zu diesem Schluss kamen auch die Werder-Verantwortlichen und so gab es einige Umstellungen beim Personal, das sich um die Mannschaft kümmert. „Es gab Veränderungen im Co-Trainer-Stab, es gab Veränderungen im „Team ums Team“, d. h. bei Physios, in der medizinischen Betreuung der Spieler, und es gab Veränderungen im Analyse-Team. Ob diese Änderungen dann wirklich spürbar werden, wird man abwarten müssen. Das gilt auch für Kohfeldts Trainingsarbeit: In der Vorsaison hat er selbst auch viele Fehler gemacht, die wird er nun abstellen müssen. Bisher kann man zumindest festhalten, dass wir weitgehend ohne nennenswerte oder längere Verletzungen durch die Vorbereitung gekommen sind, das ist schon mal ein Pluspunkt.“, so Joey. Ob diese Maßnahmen ausreichen, oder der Makel der Fehler aus der Vorsaison doch zu sehr an Kohfeldt heften, steht in den Sternen.

DIE SUCHE NACH DEM HOFFNUNGSSCHIMMER

Während sich also im Trainerstab einiges getan hat, war der Handlungsspielraum in Bezug auf Spieler aufgrund der Corona-Krise und der traditionell begrenzten finanziellen Mittel eher limitierter Natur. Aus Joeys Sicht gibt es dennoch Gründe, nicht um eine Wiederholung der letzten Saison bangen zu müssen: „Mit Rashica wird uns zwar einer der Spieler mit dem größten spielerischen Potenzial verlassen, aber dafür wird man hoffentlich endlich das eklatante Defizit im defensiven Mittelfeld beheben bzw. es zumindest versuchen. Gerade das Mittelfeld war letzte Saison überwiegend eine Katastrophe bei uns.”

“Die Besetzung in der Spitze hat nicht gepasst“, führte Joey weiter aus, “es haben Ballsicherheit und ein spielerischer Ruhepol gefehlt, Kreativität hat gefehlt, Dynamik hat gefehlt und wir hatten auch einfach keine Alternativen. Möhwald war verletzt, Schmid noch verliehen, Bargfredes Gesundheitszustand hat ihn selten zu einer Alternative gemacht und Sahin war plötzlich aussortiert und auch davor schon nur noch unter besonderen Bedingungen sinnvoll einsetzbar. Aktuell ist man in der Spitze zwar nicht unbedingt besser besetzt, aber man hat zumindest die Chance, wieder unterschiedliche spielerische Profile einzubringen, man hat wieder Alternativen, man hat wieder Konkurrenzsituationen auf diversen Positionen und kann dadurch auch im Training ein ganz anderes Grundniveau anlegen.“ Auch der Kopf, der nun wieder freier sei, als noch im Abstiegskampf, könne laut Joey eine große Rolle spielen. Die Befreiung darf sich aber auch gern erst ab dem zweiten Spieltag bemerkbar machen.

Auch in der aktuellen Episode unseres Podcasts haben wir neben vielen anderen Themen über unsere Erwartungen an den Saisonstart von Hertha besprochen.

STATUS: ES IST KOMPLIZIERT

Nach dem Pokal-Aus in Braunschweig macht vor allem die Rückkehr von Boyata und Torunarigha Hoffnung auf Besserung. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Um aus Herthaner Sicht Gründe für eine zufriedenstellende Saison zu finden, muss man derweil eigentlich nicht allzu kreativ sein. Der Kader war in den vergangenen Jahren schon deutlich schlechter zusammengestellt, in Bruno Labbadia steht ein erfahrener und erfolgshungriger Trainer mit klarer Spielidee an der Seitenlinie und finanziell hat man aktuell ohnehin keine Sorgen. Dass ein solcher Umbruch, wie ihn Hertha mit den Abgängen von Thomas Kraft, Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und Per Skjelbred im Sommer erlebt hat, aber eben seine Spuren hinterlässt, macht sich aktuell deutlich. Die Mannschaft muss sich erst noch finden. Dazu muss man ihr Zeit gewähren. Und Zeit ist in diesem Geschäft bekanntlich ein rares Gut, das man sich vor allem durch Erfolge verdienen kann.

Dementsprechend wäre ein Weiterkommen im DFB-Pokal nicht unbedingt hinderlich gewesen, um weiter in Ruhe an der Selbstfindung zu arbeiten. Dass es anders kam, ist zu großen Teilen eklatanten Patzern in der Defensive anzukreiden. Da Boyatas Probleme mit der Achillessehne, die ein Mitwirken in Braunschweig noch verhinderten, rechtzeitig zu verheilen scheinen und Torunarighas Sperre ohnehin nur für den DFB-Pokal galt, dürften beide am Samstag die Innenverteidigung bilden. Nach ihren Leistungen in der vergangenen Spielzeit gibt es berechtigten Anlass, optimistisch zu sein, dass sie sich derart haarsträubende Fehler nicht leisten werden.  

[Titelbild: by Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images]

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

Das wünscht sich die Redaktion für die kommende Saison

In wenigen Tagen beginnt die Bundesliga-Saison 2020/21. Bei vielen Hertha-Fans wird hierbei wieder das nervöse Zucken und die Schweißausbrüche anfangen – auch das Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig wird die Lust auf die kommende Spielzeit nicht unbedingt gesteigert haben. Die Hertha-BASE-Redaktion freut sich allerdings auf diese Saison, allerdings nur, wenn dabei auch zumindest Teile ihrer Wünsche erfüllt werden. Hierfür hat die Redaktion fünf Aspekte herausgearbeitet, die Hertha eine gute Saison und den Fans weniger schlaflose Nächte bereiten würden.

Ein Team sein – nicht nur auf dem Rasen

Es war der 11. Februar 2020, als eine Erklärung über Facebook-Fußball-Deutschland zunächst einmal ungläubig dreinblicken und danach kollektiv den Kopf schütteln ließ. Jürgen Klinsmann, der Held des Sommermärchens 2006, demontierte sich kurzerhand selbst, indem er mal eben sein eigenbestimmtes Ende als Hertha-Trainer bekanntgab. Eine Nachricht, die den ganzen Verein in totales Chaos stürzte. Doch neben den unzähligen, negativen Konsequenzen, die das Ganze für Hertha nach sich zog, gab es tatsächlich auch einen positiven Nebeneffekt. Denn zum ersten Mal in der abgelaufenen Saison zeigten alle handelnden Personen Einigkeit in der Öffentlichkeit. Von Preetz und Gegenbauer ist man dies nicht anders gewohnt. Doch seit dem vergangenen Sommer ist da noch eine dritte Person: Investor Lars Windhorst. Nicht wenige befürchteten, dass dessen vermeintliche Nähe zu Klinsmann nun auch zum Umdenken des einstigen „German Wunderkind“ führen und zusätzliches Wirrwarr in den Verein bringen könnte.

Sorgen wie diese traten auch zutage, weil sich Hertha – wie so oft – in der Außenkommunikation nicht gerade geschickt anstellte. Sprach Windhorst schon früh von Champions-League-Ambitionen, trat Preetz in der Öffentlichkeit immer wieder auf die Bremse. Umso wohltuender war es dann, als das angesprochene Trio infolge der Klinsmann-Posse gemeinsam vor die Presse trat und auch Lars Windhorst selbst klar machte, dass er und der Verein auf derselben Seite stünden und er mit Hertha ein „langfristiges Investment“ plane. Natürlich sind solche Sätze bei einem gewieften Geschäftsmann wie Windhorst immer mit Vorsicht zu genießen, doch auch er wird sich an diesen Worten messen lassen müssen, will er seinen Ruf nicht schädigen. Und dass ein Verein, der sich Verstärkung durch einen Investoren holt, nur dann erfolgreich arbeiten kann, wenn alle Parteien geeint auftreten, das zeigen Beispiele wie 1860 München und der Hamburger SV seit Jahren. Im Falle von Windhorst heißt das: es dürfen in der kommenden Saison gern ein paar weniger großspurige Aussagen getroffen werden. Vielleicht hilft ja ein Pokalaus gegen einen Zweitligisten dabei, etwas mehr Realismus walten zu lassen.

Alexander Jung

Foto: IMAGO

Endlich wieder Konstanz

Auch wenn der Saisonstart rund um die Testspiele und den DFB-Pokal alles andere als darauf schließen lässt, wünsche ich mir dieses Jahr: Konstanz. Konstanz in den individuellen Entwicklungen der Spieler, Konstanz auf der Trainerbank, Konstanz bei den Entscheidungen auf Management-Ebene und Konstanz nicht nur in einer Saisonhälfte. 

Die letzte Saison hat mit der wohl größtmöglichen Härte gezeigt, wie schnell sich aufgrund der neuen und im Verein noch unerfahrenen Investorensituation eine Krise zu einem bundesweiten Politikum entwickeln kann. Darum ist es diese Saison wichtiger denn je Konstanz zu entwickeln, dem Kader und vor allem den jungen Spielern zu vertrauen, Fehler zu akzeptieren und daraus langfristig und nachhaltig zu lernen.

Der Glaube, man muss die Sterne vom Himmel spielen, um schnellstmöglich in die europäische Spitzenklasse zu kommen, ist trotz den finanziellen Mitteln und einem qualitativ hochwertigen Kader mehr Träumerei und Gefahr für die kurzfristigen Entwicklungsschritte des Vereins – vor allem mit einem sehr jungen Kader. Konstanz entwickelt sich durch Geduld und Geduld durch die Akzeptanz von Fehlern und die akribische Arbeit aus diesen zu lernen.

Marcel Rombach

Keine Trainer-Diskussion

“Die höchsten Anforderungen stelle ich an mich selbst.” Bruno Labbadia, Hertha-Trainer seit der Corona-Unterbrechung, hat sich insbesondere in seinen ersten Wochen als Cheftrainer der Blau-Weißen einen Namen gemacht. Die Siege gegen Hoffenheim und Union haben ihm bei den Hertha-Fans viel Anerkennung eingebracht. Das Vertrauen in Labbadia, der sich für seine Zeit in Berlin viel vorgenommen hat, sollte man nicht so schnell verlieren – unabhängig von einer weniger erfolgreichen Vorbereitung oder Ergebnistalfahrten. Labbadia kann sowohl Teams in schwierigen Situation anleiten als auch, wie im Wolfsburg bewiesen, ein Team entwickeln und eine Spielidee implementieren. Dass dies bei Hertha Zeit braucht, sollte jedem klar sein. Junge Spieler bringen viel Potenzial mit, aber auch starke Schwankungen.

Es wird eine Saison mit Hochs und Tiefs – Bruno Labbadia wird daran mal mehr, mal weniger Anteil haben. In jedem Fall sollte seine Arbeit aber immer über einen längeren Zeitraum beurteilt werden, und “Trainer raus!”-Rufe haben sich auch in Krisenzeiten nur selten als hilfreich erwiesen. Um sich aus dem Abstiegskampf herauszuhalten, ist Herthas Mannschaft allemal gut genug. Das Eruieren der Entwicklung der Spieler sowie des taktischen Systems sollte man derweil auf das Saisonende verschieben, nach der vergangenen Spielzeit kann ein wenig Ruhe und Konstanz in Form von Bruno Labbadia dem Team nur gut tun.

Simon

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Geduld statt Größenwahn

„Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“ – heißt es so schön und erinnert uns daran, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Aus dem Nichts kann man nicht in kurzer Zeit eine Weltstadt aufbauen, und aus einem Chaosclub entsteht nicht innerhalb eines Jahres ein solider, krisenfester Verein in der Top-7 der Bundesliga. Doch genau diese Tatsache scheinen viele vergessen zu haben. Gefühlt haben vor Anfang der neuen Saison mehr als die Hälfte der Deutschen Fußballfans Hertha BSC auf einen europäischen Tabellenplatz getippt. Und auch Hertha hat vor allem letzten Saison zu früh zu große Töne gespuckt.

Doch wie bereits in der Vorbereitung zu spüren war: der Aufbau der „neuen“ Hertha hat gerade erst begonnen. Alte Leistungsträger sind gegangen, neue junge unerfahrene Protagonisten dazugekommen. Neue Spieler kommen noch und eine interne Hierarchie hat sich noch nicht gebildet. Bruno Labbadia hat quasi als Chefkoch noch gar nicht alle Zutaten, und trotzdem erwarten viele bereits ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinbeilage. Wie es zuletzt der Chefkoch selbst betonte, wird der gewählte Weg von Hertha BSC alles andere als leicht sein. Fußballerische Entwicklungen dauern immer länger und sind erst viele Monate später wirklich spürbar.

Genau aus diesem Grund wünsche ich mir für die neue Saison eine Hertha-untypische Reaktion auf Misserfolg: Geduld statt Größenwahn. Ich wünsche mir, dass trotz Rückschläge, Häme und Spott nicht wieder so schnell der Aufschrei nach schnellen und unüberlegten Lösungen laut wird. Sowohl die junge Mannschaft als auch der Trainerstab hat sich eine echte Chance verdient, etwas aus diesen neuen Möglichkeiten zu machen. Vergangene Saison haben wir erlebt, was uns Größenwahn bringt. Ich möchte endlich sehen, was Hertha mit Geduld, Vernunft und Kompetenz erreichen kann.

Chris Robert

Jugendarbeit weiter fördern

Was in diesen modernen Fußballzeiten, in denen der Sport immer zum Geschäft wird und die Seele auf der Strecke bleibt, lässt das Fanherz weiterhin unverändert höher schlagen? Wenn ein Spieler aus der eigenen Akademie sich das erste Mal bei den Profis das Trikot seines Vereins überstreift und zu seinem Debüt auf der großen Fußballbühne kommt. Einer von uns! Ein Berliner Junge! Es gibt wohl nichts identitätsstiftenderes.

Hertha hat in den vergangenen Jahren oft für dieses Gefühl gesorgt: Jordan Torunarigha (seit 2006 im Verein), Maxi Mittelstädt (seit 2012), Arne Maier (seit 2008) haben in den letzten Jahren als wahre Eigengewächse ihren Durchbruch bei der “alten Dame” gefeiert, nachdem sie nahezu jede Station im Jugendbereich abgeklappert hatten. Alle drei sind mittlerweile etablierte Bestandteile des Profi-Kaders. Auch Talente wie Palko Dardai, Dennis Smarsch, Julius Kade oder Dennis Jastrzembski haben Bundesliga-Einsätze für “ihren” Verein absolviert. Zuletzt ließ Trainer Bruno Labbadia mit Jessic Ngankam und Lazar Samardzic (okay, mittlerweile kein allzu gutes Beispiel mehr) zwei weitere Eigengewächse debütieren, Spieler wie Luca Netz, Marton Dardai und Omar Rekik könnten alsbald folgen. Die Förderung der Jugend hat bei Hertha große Tradition – “Aus Berlin für Berlin” hieß einst die Kampagne, die mit Eigengewächsen wie Patrick Ebert, Kevin-Prince Boateng und Ashkan Dejagah auf ewig verbunden sein wird.

All diese vielen Namen lösen etwas im Hertha-Fan aus und stehen für einen Weg. Ein Weg, der den gesamten Verein durchzieht und Hertha sympatisch macht. Ein Weg, der Fans gnädig stimmt und Fehler verzeihen lässt. Einem “von uns” ist man halt nicht lange böse, schließlich hat er Gegensatz zu den ganzen “Söldnern” ja wirklich die blau-weiße Fahne im Herzen und gibt alles – sicherlich eine sehr romantisierte Sichtweise auf die Dinge, aber um in diesem Millionengeschäft mit all den Allüren eines Vereins mit mittlerweile großem Investor im Rücken nicht die Identität zu verlieren, muss Hertha diesen Weg weiter gehen. Die Arbeit mit der eigenen Jugend ist die Arbeit mit der eigenen Region – wenn ein echter Berliner/Brandenburger Junge sein Bundesliga-Debüt im blau-weißen Trikot feiert, ist das wirkungsvoller als jede Marketingkampagne. “Die Zukunft gehört Berlin” – ein Claim, der nur so stark wie seine Umsetzung ist.

Marc Schwitzky

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Die Durchführung sozialer Projekte wie beispielsweise die Unterstützung der Berliner Tafel im April oder das Engagement im Rahmen der Initiative „Herthaner helfen“ gehört bei Hertha schon längst fest zum Vereinsprofil. Nun legt der Klub auch an einer bisher kaum beachteten Stelle nach – dem Klimaschutz.

Die Fanbewegung ist der größte Emissionsfaktor

Nicht Deyovaisio Zeefuik, nicht Weston McKennie und auch nicht Luka Jovic: Wenn man Herthas Website glauben schenken mag, heißt der erste Neuzugang für die Saison 2020/2021 „Klimaschutz“. Gemeinsam mit der Berliner Energieagentur hat der Verein seinen CO2-Fußabdruck für die Saison 2018/2019 bestimmt. Insgesamt 10.550 Tonnen Ausstoß an CO2 kamen in der letzten Dárdai-Saison zusammen. Dieser Wert ist schwierig zu beurteilen, da Hertha in der Bundesliga zwar keinesfalls der erste Klub ist, der sich für den Klimaschutz stark macht – aber nach dem VfL Wolfsburg ist Hertha erst der zweite Bundesligist, der transparent mit seinem CO2-Footprint umgeht.

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Zur Einordnung lässt sich nun also lediglich der – gleichzeitig sehr umfassende – Nachhaltigkeitsbericht des VfL Wolfsburg heranziehen. Dort werden die ausgestoßenen Treibhausgase mit 10.049 CO2-Äquivalent in derselben Größenordnung wie bei Hertha beziffert. Interessant wird es dagegen beim Vergleich der einzelnen Emissions-Verursacher: Beim VfL Wolfsburg liegt der Anteil der Fanbewegung an den Emissionen bei rund 60% (ungefähr 6.045 Tonnen CO2), während er bei Hertha BSC mit 74% (ca. 7.800 t Emissionen) deutlich höher liegt. Bei beiden Vereinen nimmt die An- und Abreise der Fans also das Gros der Emissionen ein.

Trotzdem liegt Hertha in dieser Kategorie vor dem VfL Wolfsburg – wenn man den Zuschauerschnitt bei der Einordnung dieser Zahlen berücksichtigt. Herthas Zuschauerschnitt 2018/2019 war beinahe doppelt so hoch wie derer der Wölfe 2017/2018. Trotzdem liegen die Reise-Emissionen der blau-weißen Fans nicht etwa doppelt so hoch, sondern lediglich 30% höher als die des VfL. Die Gründe für diesen Unterschied sind schnell gefunden: Das Berliner Olympiastadion ist deutlich besser an den ÖPNV angebunden als die Wolfsburger Volkswagen Arena.

Andere Emissions-Quellen und Herthas Ziele

Nach den Zuschauer-Emissionen folgen bei Hertha laut der Erhebung der Berliner Energieagentur (BEA) Geschäftsreisen (9%) und der Einkauf von Merchandise-Produkten (5%) auf den Plätzen zwei und drei. Auch der Verbrauch von Strom- und Wärmeenergie macht immerhin 959 t-CO2-Äquivalent aus. In allen drei Fällen sind Einsparungen denkbar – Strom könnte in Zukunft aus erneuerbaren Energien genutzt werden, Geschäftsreisen sollten möglichst nicht per Flugzeug, sondern mit Bus und Bahn angetreten werden – zumal die noch anhaltende Pandemie-Situation beweist, wie viele Konversationen auch in die digitale Welt verlagert werden können. Und auch bei der Herstellung und dem Einkauf von Merchandise-Produkten könnte Hertha sich theoretisch um eine fairere Produktion näher an Berlin kümmern – was aber unwahrscheinlich erscheint.

Aber was genau ist das Ziel in Sachen Klimaschutz? Laut Vereins-Website möchte der Verein auch beim Klimaschutz endlich Verantwortung übernehmen. „Als Hauptstadtklub und Teil der Berliner Stadtgesellschaft wollen wir […] unseren Beitrag dazu leisten, die Stadt bis 2050 klimaneutral zu machen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Das heißt: Bis spätestens 2050 müsste auch Hertha damit klimaneutral werden. Mit der Transparenz im Bereich der eigenen Emissionen geht der Klub jetzt schon einen Weg, der in der Bundesliga (noch) viel zu selten ist. Gleichzeitig ist die Ermittlung des CO2-Verbrauchs auch „eine der wichtigsten Voraussetzungen, um überhaupt Maßnahmen ergreifen und in Zukunft Emissionen vermeiden und kompensieren zu können“, so Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA.

Vorbilder Mainz und Hoffenheim?

Nach eigenen Angaben bereits einen Schritt weiter in Sachen Klimaschutz sind der FSV Mainz 05 und die TSG 1899 Hoffenheim: Beide Vereine schmücken sich mit dem Titel „klimaneutraler Bundesligist“. Neben diversen Einsparungsbemühungen gleichen beide Vereine ihre restlichen Emissionen durch den Erwerb von Klimaschutz-Zertifikaten aus. Insbesondere bei der Anreise der eigenen Fans, die nicht nur bei Hertha und Wolfsburg einen großen Teil der Emissionen ausmachen dürfte, haben die Vereine kaum direkten Einfluss – und müssen diese Emissionen anderweitig ausgleichen.

Foto: IMAGO

Das ist auf verschiedensten Wegen möglich – der bequemste und meist auch günstigste Weg ist die Beteiligung an Aufforstungsprojekten oder Ähnlichem. Aber es geht auch anders, in Mainz speist man aus der Solaranlage auf dem Dach der Opel-Arena Strom ins öffentliche Netz ein und vermeidet damit ca. 470 Tonnen CO2-Emissionen.

Sowohl der FSV Mainz 05 als auch die TSG Hoffenheim haben gegenüber Hertha aber schon jetzt in einem Punkt das Nachsehen: Beide Vereine gehen nicht transparent genug mit ihrem Ausstoß und dem Ausgleich der Emissionen um, konkrete Zahlen gibt es bei beiden Bundesligisten nur selten zu finden. Beide Vereine nutzten zudem zu Saisonbeginn noch (kompostierbare) Einwegbecher, obwohl Mehrwegbecher nachgewiesenermaßen deutlich umweltschonender sind. In Hoffenheim wurde dieser Punkt mittlerweile korrigiert, in der Winterpause stellte der Verein auf ein Mehrweg-System um.

Verbesserungsbedarf bei der Alten Dame

Wo genau liegen nun aber Einsparmöglichkeiten für Hertha, in welchen Bereichen muss unbedingt nachgebessert werden? Beim Vergleich mit dem VfL Wolfsburg fällt auf, dass Hertha im Bereich Geschäftsreisen deutlich mehr CO2 emittiert als die Wölfe. Allerdings ergibt sich an dieser Stelle schnell ein Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Wettbewerbsfähigkeit: Eine Busreise zum SC Freiburg ist für die Spieler deutlich unkomfortabel als ein Flug in den Breisgau. Dieses Problem könnte man wohl nur mit einer ligaweit einheitlichen Regelung lösen.

Da die Fanbewegung den Großteil der Emissionen ausmacht, ist das auch der Punkt, an dem Hertha (noch) aktiver werden muss. Neben der hervorragenden ÖPNV-Anbindung des Olympiastadions könnten z. B. Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden. Und auch in Sachen Kommunikation könnte Hertha sich mehr für den Klimaschutz einsetzen – auf aktuelle Probleme und Entwicklungen hinweisen sollte ebenso Teil der Vereins-News sein wie regelmäßige Aufforderungen an die Fans, das Auto zu Hause stehen zu lassen und die Alternativen zu nutzen.

Eine weitere Verbesserungsmöglichkeit liegt für Hertha auch im Bereich der Fan-Verpflegung während Heimspielen. In der Saison 2018/2019 schnitt Hertha im Stadienranking der PETA als 17. Als zweitschlechtester Bundesligist ab, gefolgt nur von Borussia Mönchengladbach. Die Begründung: Bei Hertha gibt es zu wenige (vegane) Alternativen zur Stadionwurst. Während in anderen Stadien das Angebot an dieser Stelle deutlich größer und vielfältiger ist, gibt es im Olympiastadion nur die Klassiker (Süßkartoffel-)Pommes und Brezel zur Auswahl.

Stadion-Neubau unter Klimaschutz-Gesichtspunkten

Auch mit dem vom Verein und der Fan-Initiative Blau-Weißes Stadion befürworteten Stadionneubau sollte sich Hertha unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und des Klimaschutz noch einmal genau beschäftigen: Es stellt sich die Frage, inwieweit der Bau eines neuen Stadions mit der neuen Umweltpolitik Herthas vereinbar sein soll. Mit dem Olympiastadion würde dann ein großes Stadion verwaisen, das vor nicht allzu langer Zeit modernisiert und umgebaut wurde (2000 bis 2004).

Foto: IMAGO

Hertha muss das Olympiastadion zwar keinesfalls nutzen – an dem Fakt, dass ein Stadionneubau bei existierender, renovierter und bis auf das Laufbahn-Problem idealer Infrastruktur schlichtweg nicht nachhaltig wäre, ändert das aber nichts. Natürlich könnte man bei einem Neubau die modernsten ökologischen Baustandards berücksichtigen, gleichzeitig könnten solche energieeffizienten Strukturen bei einem erneuten Umbau aber sehr wohl auch im Olympiastadion integriert werden.

Gleichzeitig würde ein Stadionneubau auch andere Probleme mit sich bringen: Falls das neue Stadion nicht auf dem Olympia-Gelände entstehen sollte, würde auch die ÖPNV-Frage neu entflammen. Mit einer schlechteren Anbindung an S- und U-Bahn-Netz würde wohl der Anteil der Fans, die mit dem Auto die Spiele besuchen, steigen – und gleichzeitig Herthas CO2-Fußabdruck.

[Titelbild: IMAGO]

Die Sehnsucht nach Normalität

Die Sehnsucht nach Normalität

Ja, es gibt – insbesondere aktuell – unendlich viel wichtigere Dinge, als Fußball. Ja, die Herrschaften Watzke, Seifert, Rummenigge etc. überhöhen die Rolle des Fußballs mit ihren jüngsten Aussagen auf absurde Art und Weise. Ja, die Vehemenz, mit der die DFL seit Wochen fordert, so bald wie möglich trotz nach wie vor geltender Abstandsregelungen Fußballspiele stattfinden zu lassen und Fußballer damit zu modernen Gladiatoren werden lässt, verschlägt jedem Normaldenkenden die Sprache. Und obwohl man sich aufgrund all dieser Absurditäten eigentlich immer weiter vom Fußball entfernen sollte, tut die Aussicht, wohl frühestens im nächsten Jahr wieder Spiele im Stadion verfolgen zu können, einfach nur weh.

Viel mehr, als 90 Minuten

Die Posse um Dietmar Hopp, WM-Vergaben nach Katar und Russland, Leugnung von Rassismus im Fußball, RB Leipzig: Die Reihe an Aufregern, mit denen man sich als Fußballfan seit Jahren herumschlagen muss, könnte endlos fortgesetzt werden. Doch gerade in diesen Zeiten wird klar, dass man, bei all der berechtigten Kritik an den beschriebenen Vorgängen, einfach nicht ohne den Fußball kann. Dabei geht es um viel mehr, als nur die 90 Minuten im Stadion. Es ist das Gruppenerlebnis, das diesen Sport zu etwas ganz besonderem macht. In Zeiten von Social Distancing wird man sich erst bewusst, wie besonders so ein normaler Spieltag ist. Ein jeder hat mindestens ein Hobby, in dem er komplett aufgeht. Aber wenn man dieses Hobby mit einer Gruppe von Freunden teilt, steigert dies das Glück ins Unermessliche.

Die Sehnsucht nach dem ganz normalen Samstag

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

All dies wird nun vorerst auf unbestimmte Zeit nicht mehr möglich sein. Und wie so oft wird man sich der Einzigartigkeit des vormals normalen Samstags erst bewusst, wenn man ihn nicht mehr genießen kann. Nun, da Treffen mit mehr als einer Person untersagt sind, lernt man erst zu schätzen, was für ein Privileg es ist, sich in der vollen Bahn voll schwitzender, stinkender, alter Männer mit seinen Leidensgenossen ein paar Bierchen hinter die Binde zu kippen, um das bevorstehende Trauerspiel unserer „Alten Dame“ irgendwie erträglich zu machen. Jetzt, wo Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober untersagt sind, entfacht sich plötzlich absurderweise eine regelrechte Sehnsucht, dieser Trümmertruppe beim Versuch, Fußball zu spielen, zuzusehen. Sogar ein Spiel gegen Leipzig, Hoffenheim oder Wolfsburg scheint plötzlich ein reizvoller Gedanke, wenn man doch nur einmal wieder zu den Klängen von Frank Zanders Stimme den Schal in den Himmel recken und sich die Seele aus dem Leib singen kann. Und dann wären da natürlich noch die 90 Minuten, die durch das Miteinander im schlimmsten Fall erträglicher und im besten Fall schlichtweg einzigartig werden.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück

So gibt es unzählige Erlebnisse, die allein nicht annähernd die Bedeutung für mich hätten, die sie nun haben, da ich sie mit meinen Freunden teilen konnte. Wenn ich an das Freistoßtor von Ronny im Heimspiel gegen Union denke, denke ich nicht daran, wie sich der Ball hinter der Mauer senkt. Ich denke daran, wie mein Kumpel und ich uns in die Arme fallen und wie Kleinkinder, denen man ihr Spielzeug wegnimmt, hemmungslos zu weinen beginnen. Wenn ich auf den Sieg gegen Hoffenheim am letzten Spieltag der Saison 2011/2012 zurückschaue, der uns letztlich in die Relegation gerettet hat, ist es nicht Raffael, wie er auf das leere Tor zuläuft, der mir als erstes in den Kopf schießt. Es ist mein längster Freund seit Kindheitstagen, wie er in dem Moment, als unsere Nummer 10 den Ball vom letzten Hoffenheimer Mann erobert, Richtung Stadiongraben rennt, als würde er das Tor selbst machen wollen und wir, als der Ball die Linie überquert, synchron vor schierer Erleichterung zusammensacken.

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=q1zuqyBYxxk

Derselbe Freund machte mir die Schmach, nachdem wir rund anderthalb Wochen später in Düsseldorf den Gang in die zweite Liga besiegelten, um einiges erträglicher, weil ich in der Schule nicht der Einzige war, der sich den teils mitleidsvollen, teils hämischen Blicken der Mitschüler stellen musste.

Das Europa League-Spiel in Bilbao war nicht deshalb so besonders, weil man Hertha endlich mal wieder im Duell mit einem namenhaften europäischen Verein begutachten konnte. Sondern weil damit ein einzigartiges Wochenende mit tollen Menschen und viel zu viel Wein einherging.

Das Warten lohnt sich

Unabhängig von der aktuellen Debatte, ob die Bundesliga in Form von Geisterspielen zügig wieder den Spielbetrieb aufnehmen soll, oder nicht, machen diese Geschichten eines klar: Wie so ziemlich alle schönen Erlebnisse werden Momente erst dann einzigartig, wenn man sie mit Freunden teilen kann. Ob der Jubel über ein Tor, das man sich gemeinsam via Skype-Konferenz mit seiner Stadion-Truppe anschaut, derartige Hochgefühle auslöst, wie ein Last-Minute-Sieg im Stadion oder in der Kneipe, darf bezweifelt werden.

Bis es wieder zu solchen Momenten kommen kann, wird es noch eine ganze Weile dauern. Aber wenn ich mir heute vorstelle, wie breit mein Grinsen sein wird, wenn ich um 13:30 am Bahnsteig auf meine Freunde treffe, wir zusammen ins Stadion fahren und uns nach Abpfiff stundenlang abwechselnd über Herthas Unfähigkeit und den VAR aufregen, dann weiß ich, dass sich das Warten lohnt.

[Titelbild: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images]

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Seit fast einem Monat ruht inzwischen der Ball. Das Coronavirus hat sich in den vergangenen Monaten rasant in Deutschland verbreitet. Allerdings: Aufgrund der Einschränkung des sozialen Lebens sind die Infektionszahlen zuletzt aber langsamer gestiegen. Und so stellt sich für uns Fußballfans automatisch die Frage: Wann und vor allem wie geht die Bundesliga wieder los? Experten haben sich zu diesem Thema bereits geäußert. Fazit: Unter bestimmten Voraussetzungen wäre eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs machbar. Welche das sein könnten und warum dahinter eine viel größere, moralische Frage steht, lest ihr hier.

Hinweis: Unser Autor Benjamin Rohrer ist weder Virologe noch Epidemiologe, sondern hauptberuflich Journalist, der sich hauptsächlich mit gesundheitspolitischen Themen befasst. Der folgende Artikel ist daher keine Fachexpertise mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern vielmehr eine journalistische Analyse zu den bislang zu diesem Thema diskutierten Denkmodellen.

Schauen wir uns zunächst die Lage an: In Deutschland gibt es derzeit (Stand: 8. April) etwa 110.000 amtlich registrierte Coronafälle. Die Sterblichkeit liegt hierzulande derzeit (!) bei knapp unter zwei Prozent. Das größte Problem bei der Bekämpfung des Virus ist nach wie vor, dass es so neu ist: Es gibt keinen Impfstoff, keine in Studien erprobten Arzneimittel und auch über die Ausbreitungsweise weiß die Wissenschaft bislang nur in Ansätzen etwas. Deswegen ist klar: Es gibt nur zwei Auswege aus der Coronakrise. Der erste wäre ein massentauglicher Impfstoff. Die Impfstoffforschung, -zulassung und –produktion ist komplex; Wissenschaftler rechnen daher erst im Laufe des nächsten Jahres mit einem einsetzbaren Präparat. Der zweite Ausweg wäre die sogenannte Herdenimmunität, also die Infektion von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung. Dieses Szenario sollte so lange wie nur möglich hinausgezögert werden, weil sonst unser Gesundheitswesen zusammenbrechen könnte.

Was heißt das alles für die Bundesliga? Zunächst einmal ist klar, dass das normale, gesellschaftliche Leben, wie wir es kannten, so lange nicht wiederkommt, bis eins der oben beschriebenen Szenarien eintrifft. Somit dürfte auch klar sein, dass das von uns allen geliebte Fußballerlebnis im Stadion, mit ein paar Bierchen vor der Partie, einer Anreise mit den Öffis und anschließendem Kneipengang lange nicht wiederkehren wird. Die DFL-Mitgliederversammlung hat die Zwangspause der 1. und 2. Liga vorerst verlängert bis zum 30. April. Ziel ist weiterhin, die Saison bis zum 30. Juni zu beenden. Am 17. April wollen die Club-Chefs ein weiteres Mal über die aktuelle Lage beraten.

Aber unter welchen Voraussetzungen wäre ein weiterer Ligabetrieb überhaupt denkbar? Basierend auf den Aussagen einiger Experten, müssten die folgenden Punkte beachtet werden.

1. Geisterspiele

Selbst bei einer Lockerung des Kontaktverbotes ist es sehr wahrscheinlich, dass Großveranstaltungen weiterhin untersagt bleiben. Noch haben sich weder die Bundesregierung noch die Landesregierungen dazu geäußert, wie es nach dem 20. April weitergeht. Aber der Heinsberger Karneval und die Spekulationen um das Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia zeigen, dass Großveranstaltungen ein potentieller Infektionsherd sein können. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass auch die Bundesliga vorerst ohne Zuschauer weitergeht.

2. Kontaktverbot für Bundesligaspieler

Während der Rest der Gesellschaft in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder etwas mehr zusammenrücken darf, würde für die Bundesligaspieler wohl ein striktes Kontaktverbot erhalten bleiben müssen. Der Virologe Prof. Alexander Kekulé hat gesagt, es müsste eine „Blase“ um die Profifußballer herum aufgebaut werden. Oberstes Ziel muss es sein, massenweise Infektionen innerhalb der Liga zu vermeiden. Alle externen, möglichen Infektionsquellen müssten daher eliminiert werden – die Spieler, Trainer und Betreuer müssten somit jeglichen Kontakt mit der Außenwelt vermeiden. Ähnliches soll sich laut Medienberichten im australischen Rugby anbahnen, für die rund 500 Spieler auf eine einsame Insel geparkt werden sollen, um dort zu trainieren und zu spielen.

3. Tests, Tests, Tests

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Deutschland sehr früh angefangen, massiv und in großen Zahlen auf das Coronavirus zu testen. Das hat zur Folge, dass wir ein recht aktuelles und zuverlässiges Bild über die Ausbreitung der Krankheit haben – und natürlich, dass wir weitere Infektionen vermeiden können. Denn: Die meisten COVID-19-Fälle verlaufen milde. Es ist wichtig, dass diese Menschen über ihre Infektion Bescheid wissen, sich in Quarantäne zurückziehen und niemand anstecken. Damit massenweise Infektionen in der Welt des Profifußballs vermieden werden können, müssten die Spieler also sehr, sehr oft getestet werden. Der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité verwendet den Begriff „freitesten“ für Ärzte und Pfleger. Das heißt: Nur bei negativen Tests darf das Gesundheitspersonal eingesetzt werden. Denkbar wäre, dass Bundesligaspieler vor jedem Spiel „freigetestet“ werden. Der Virologe Kekulé hat durchgerechnet, dass dafür bis Saisonende alleine im Profifußball etwa 20.000 Tests nötig wären. Zu stemmen wäre das. Derzeit werden in Deutschland bis zu 500.000 Tests pro Woche durchgeführt.

4. Schutz vor Risikogruppen

Schutz der Risikogruppen. Die Statistiken zeigen, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen an COVID-19 sterben. Diese Bevölkerungsgruppen müssen daher unbedingt geschützt werden. Für den Profifußball bedeutet das, dass auch ältere und/oder vorerkrankte Betreuer, Trainer und anderes Personal nicht Teil dieser „Blase“ sein kann und wohl lieber zuhause bleiben sollte.

5. Neuorganisation in den Stadien

Nicht nur auf den Tribünen, sondern auch in den Katakomben der Stadien kommen in der Regel viele Menschen in geringem Abstand zusammen. Man weiß noch nicht alles über die Ausbreitung des Coronavirus, aber die lokalen Ausbrüche in den Berliner Clubs und bei der Karnevalsparty in Heinsberg zeigen, dass in Räumen, in denen die Luft „steht“ und viele Menschen aufeinander kommen, eine Ausbreitung wahrscheinlich ist. Für die Bundesliga bedeutet das eine Neuorganisation der Abläufe vor und nach den Spielen. Man denke nur an die langen Wege, die die Spieler im Olympiastadion eng an eng bis zum Spielfeld zurücklegen müssen. Und an die teils eher kleinen Kabinen, in denen sich die Mannschaften aufhalten. All das müsste „entzerrt“ werden. Grundsätzlich sind sich die Experten inzwischen auch einig, dass das Tragen von Atemschutzmasken sinnvoll ist. Daher sollte eine Maskenpflicht rund um die Spiele im Stadion gelten. Zudem sollten auch dort die Abstandsregeln eingehalten und oft die Hände desinfiziert werden.

6. Quarantäne-Regeln

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt für Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, die also wichtig für die Aufrechterhaltung des Systems sind, besondere Quarantäneregeln. Damit Kliniken, Arztpraxen und Apotheken im Notfall weiter geöffnet bleiben können, soll das Gesundheitspersonal unter bestimmten, strengen Auflagen weiterarbeiten – selbst wenn ein Kontakt mit einer infizierten Person stattgefunden hat. Es ist klar, dass Bundesligaspieler nicht so „systemrelevant“ sind wie Pfleger oder Ärzte. Allerdings sollte die DFL darüber nachdenken, wie man mit Verdachtsfällen umgeht. Denn wenn jeder begründete Verdachtsfall im Profifußball für zwei Wochen in eine zweiwöchige Quarantäne entsendet wird, kann der Spielbetrieb nach drei Wochen wohl schon wieder gestoppt werden.

Ist das gerecht?

Bei all diesen Regeln stellt sich aber eine andere, viel größere Frage: Wie erklärt man dem Rest der Gesellschaft eine solche Sonderbehandlung der Fußballstars? Unzählige Betriebe sind durch die Coronakrise gefährdet, viele Menschen müssen jetzt schon auf Teile ihres Gehaltes verzichten. Warum sollte dann gerade für Multi-Millionäre eine aufwändige „Blase“ geschaffen werden, um deren Geschäft zu sichern? Zudem sollten sich die DFL-Funktionäre über die Konsequenzen Gedanken machen, wenn der oben genannte Plan schiefgeht. Was passiert, wenn sich doch mehrere Spieler infizieren, vielleicht sogar jemand ins Krankenhaus muss? Der Imageschaden für den Profifußball wäre groß – so oder so.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SV Werder Bremen

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SV Werder Bremen

Ein Spiel in der Bundesliga beginnt beim Stand von 0:0 und dauert 90 Minuten. Bei Hertha BSC ist es etwas anders. Ein Spiel beginnt in der Regel beim Stand von 0:2. Die katastrophalen ersten Spielminuten der Blau-weißen werden in dieser Rückrunde zur Gewohnheit. Zugegeben: die „alte Dame“ konnte gegen Werder Bremen erneut den frühen Rückstand am Ende ausgleichen und punkten. Trotzdem wird deutlich, dass es so unheimlich schwierig wird, Siege zu holen. Wären da nicht diese „Drecksminuten zu Spielbeginn…

Weil diese Wochen für Hertha-Fans schwierig zu verdauen sind, waren wir dieses Mal in unserer Bewertung vor allem auf der Suche nach positiven Aspekten. Diese fanden wir unter anderem auch Niklas Stark, Maximilian Mittelstädt und Matheus Cunha.

Thomas Kraft – Kein Spiel zum glänzen

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden festgestellt haben: der neue Stammkeeper wurde in unserer Einleitung nicht erwähnt. Das liegt daran, dass er als einziger, der heute im Fokus stehenden Spieler nicht wegen seiner sportlichen Leistung ins Auge getreten ist. Ihn jedoch kurz anzusprechen lohnt sich, da eine Änderung auf der Torhüterposition im Laufe der Saison eher unüblich ist. Zudem wurde im Anschluss auf das Düsseldorf-Spiel sehr viel über Thomas Kraft diskutiert. Weniger aufgrund seiner sportlichen Leistung, sondern eher wegen seiner Ansprache in der Kabine. Er sei besonders wichtig für die Mannschaft, solle nervenstärker sein als sein Konkurrent Rune Jarstein und deshalb auch in dieser Situation die beste Wahl sein.

Kraft hatte gegen Bremen wenig zu tun. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Umso bitterer also, dass das Spiel gegen Werder Bremen ihm nicht wirklich die Möglichkeit gab, den Fokus auf seine sportliche Rolle zu legen. Schon nach sechs Minuten lag Hertha mit 0:2 zurück, und das Lächeln im Gesicht von Thomas Kraft war von jeglicher Freude oder Heiterkeit befreit. Auch er wird, wie alle Herthafans und -akteure geglaubt haben, im falschen Film zu sein. Beim ersten Gegentreffer konnte Kraft noch nicht viel machen, beim zweiten hingegen wirkte der Spieler mit der Nummer Eins im Rücken äußerst unglücklich. Seine Positionierung beim Kopfball von Davy Klaassen sah alles andere als Souverän aus. Trotzdem muss zu seiner Verteidigung angeführt werden, dass die gesamte Hintermannschaft ihren Keeper völlig im Stich ließen. Lukas Klünter ließ erst Milot Rashica viel Zeit und Raum zum Flanken, dann schlief die Innenverteidigung und Klaassen bedankte sich.

Nach diesen zwei Treffern bekam Thomas Kraft so gut wie gar nichts mehr auf sein Tor. Eine gute Nachricht eigentlich, allerdings konnte sich der 31-Jährige dann auch nicht mehr durch Paraden auszeichnen. Zumindest konnte er durch einzelne schnelle Abwürfe Angriffe seiner Mannschaft einleiten. Am Samstag konnte Kraft also keine Glanztaten zeigen, trotzdem ist zu hoffen, dass bis zum Ende der Saison die Torhüter-Position kein Thema mehr wird. Angesichts dieser Spielzeit ist allerdings noch alles vorstellbar.

Niklas Stark – Nach Gelbsperre zurück ins Rampenlicht

Niklas Stark gehört sicherlich zu den Spielern, die diese Saison weit unter ihren Möglichkeiten gespielt haben. Nach seiner Gelbsperre kehrte er am Samstag zurück in die Startelf und ersetzte dort Dedryck Boyata, der aufgrund von Muskelproblemen ausfiel. Direkt war Stark im Mittelpunkt des Geschehens, und war auch mitverantwortlich für den erneuten Katastrophenstart von Hertha.

Niklas Stark köpft zum 1:2 Anschlusstreffer. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Beim 0:1 machte er seinem Gegenspieler Joshua Sargent zu wenig Druck, sodass dieser ungestört abschließen konnte. Auch beim 0:2 war er schuldhaft beteiligt: der 24-Jährige verlor Davy Klaassen aus den Augen, der dann einköpfen konnte. Keine gute Rückkehr also. Sichtlich verunsichert spielte Stark auch im Anschluss zunächst sehr hektisch und unpräzise. Durch einen gefährlichen Fehlpass in der 24. Minute hätte er sogar einen weiteren Gegentreffer einleiten können.

Er selbst fand poetische Worte, um den Frust der Anfangsphase zu beschreiben: „wir beißen uns selber in den Arsch“. Doch zumindest schaffte es Niklas Stark, die passende Antwort schon in der ersten Halbzeit zu finden. Wie auch die restliche Mannschaft der „alten Dame“ wurde der junge Verteidiger im Verlauf der Partie sicherer. Dadurch, dass sich Hertha auch mehr Kontrolle sicherte, traute er sich auch mehr im Spielaufbau zu, wie zum Beispiel in der 37. Minute, als er nach einem Vorstoß Krzysztof Piątek in Szene setzte. Diese Leistungssteigerung krönte er dann selbst in der 41. Minute, als er den so wichtigen Anschlusstreffer per Kopf erzielte.

In der zweiten Halbzeit war Stark deutlich sicherer, sein Treffer gab ihm sichtlich Selbstvertrauen. Auch war spürbar, dass er hundert Prozent gab, auch wenn manchmal die Abstimmung mit seinen Mitspielern nicht perfekt funktionierte. In der 64. Minute beispielsweise ließ er noch seinen Gegenspieler frei köpfen. Zwei Minuten später warf er sich aufopferungsvoll in einer Defensivaktion rein und klärte den Ball. Der Wille war da bei Niklas Stark, das zeigt sich auch in seiner Statistik. Er klärte nicht nur 7 Bälle (der beste Wert im Hertha-Team), er konnte auch 75 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen und lief sogar mehr als 10 Kilometer. Es war ihm anzumerken, dass er seiner schwachen Form der letzten Wochen zum Trotz ein gutes Spiel machen wollte. Seine erste halbe Stunde warf letztlich einen Schatten auf sein ansonsten ordentliches Spiel.

Maximilian Mittelstädt – Mittendrin statt nur dabei

Ein weiterer Spieler durfte sich, nach den vielen Wechsel der letzten Wochen, wieder von Beginn an zeigen. Maximilian Mittelstädt übernahm die linke offensivere Seite bei den Blau-weißen. Er nutze die Tatsache, dass er mit Marvin Plattenhardt einen sehr defensiv aufgestellten Verteidiger hinter sich hatte, um sich in den meisten Angriffen von Hertha mit einzuschalten.

Torschütze und Vorbereiter zum 2:2 (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images).

Der 22-Jährige war sehr präsent im Berliner Spiel und schien unermüdlich zu sein. Ganze 11,55 Kilometer lief er, der beste Laufwert hinter Vladimir Darida und Santiago Ascacibar. Dazu kommen 26 Sprints und 78 intensive Läufe: in beiden Werten ist er damit auf Platz drei bei Hertha. Sein Einsatz zeigte sich unter anderem auch in der 28. Minute, als er den weiten Weg bis in den eigenen Strafraum zurück sprintete, um einen Bremer Angriff zu vereiteln. Besonders interessant wird es, wenn man sich die sogenannten „Heatmaps“ anschaut. Während Marius Wolf vor allem auf seiner rechten Seite blieb war Maximilian Mittelstädt fast überall zu sehen, was sich in der 69 Minute zeigte, als er komplett die Seite wechselte, um einen Ball wegzugrätschen.

Auffällig war auch, dass es ihn auch immer öfter in die zentrale Position zog. Auch durch die Passivität der Bremer nach der Anfangsphase hatte er mehr Freiheiten, probierte vieles nach vorne. Dieser Offensivdrang sorgte auch für den 2:2 Ausgleichstreffer: in der 60. Minute kam Mittelstädt im Strafraum zum Abschluss. Der abgewehrte Ball wurde dann von Matheus Cunha ins Tor geschossen. Auch in der 78. Minute glänzte der gebürtige Berliner, als er einen langen Ball per Vollsprint noch erreichte und in die Mitte auf Vladimir Darida spielte. Dessen Schuss sorgte für den, später zurückgenommenen, Handelfmeter für Hertha.

Es war nicht alles gut, was der junge Berliner am Samstag zeigte. Vor allem seine hohen Hereingaben waren oft zu ungenau, doch insgesamt weist er eine gute Passquote auf (85 Prozent, im Vergleich: Marius Wolf hatte eine Passquote von 52 Prozent). Nach Matheus Cunha (20) und Ludwig Augustinsson (19) ist Mittelstädt außerdem der Spieler, der die meisten Zweikämpfe gewann. Sein Einsatz, seine Flexibilität und seine Entschlossenheit beim 2:2 waren für das Berliner Spiel sehr wertvoll. Auch deshalb ist davon auszugehen, dass Maximilian Mittelstädt in der nächsten Partie gegen die TSG Hoffenheim erneut von Anfang spielen wird.

Matheus Cunha – Dauergast bei „Herthaner im Fokus“

Aktuell führt in unserer „Herthaner im Fokus“-Rubrik kein Weg an Matheus Cunha vorbei. Da er auch gegen Bremen der auffälligste Spieler auf dem Platz war, können wir erneut nicht auf eine Bewertung verzichten. Cunha war wie auch in der zweiten Halbzeit in Düsseldorf omnipräsent, verlor kaum Bälle, glänzte durch Dribblings und mit einer guten Übersicht. Kein Wunder also, dass er der Spieler ist, der für Hertha in der 20. Minute den ersten Ausrufezeichen setzte, indem er einen Konter im Vollsprint anführte und dann selbst kurz vor dem gegnerischen Strafraum abschloss. Der etwas zu unplatzierte Schuss war das erste Zeichen, dass sich Hertha anfing zu wehren. Dies sollte nur einer von zahlreichen Schüssen werden: Cunha gab mit neun (!) Torschüssen mit großem Abstand die meisten Schüsse von allen Spielern auf dem Platz ab.

Der Brasilianer schießt das so wichtige 2:2 (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images).

In der 34. Minute zog der junge Stürmer erneut aus der Distanz ab und zwang Keeper Stefanos Kapino zu einer starken Parade. Kaum vier Minuten später war er wieder im Mittelpunkt, setzte sich gegen mehrere Gegenspieler im Strafraum durch und sorgte für den nächsten gefährlichen Angriff. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit hätte er auch mit mehr Glück einen Elfmeter für Hertha rausholen können. Auch mit starken Pässen konnte er glänzen, wie zum Beispiel in der 53. Minute, als er Marvin Plattenhardt sehenswert in Szene setzte, der allerdings durch eine schwache Hereingabe den gefährlichen Angriff verschwendete.

In der 60. Minute war es dann soweit: der Brasilianer belohnte seine erneut starke Leistung und traf zum 2:2. Auch im Anschluss seines Treffers hängte er sich rein. Was auch auffiel: der 20-Jährige lief von allen Berliner Feldspieler am wenigsten, nur 9,27 Kilometer. Seine Läufe waren jedoch intelligent und effektiv. Dies zeigt sich daran, dass er trotz des geringen Laufumfangs an fast allen Berliner Kontern und Angriffen beteiligt war. Zudem gewann er auch die meisten Zweikämpfe (20) und hatte die meisten Sprints (34) und Dribblings.

Auch hier muss bei allen Lobeshymnen festgestellt werden, dass ihm in einigen Situationen die letzte Präzision und Ruhe fehlte. Bestes Beispiel dafür ist die Szene in der 70. Minute, als der junge Stürmer den wunderbar von Jordan Torunarigha eingeleiteten Konter in aussichtsreicher Position nicht gut nutzen konnte. Sein Pass auf Krzysztof Piątek war dann zu ungenau, und eine gute Chance vergeben.

Der laut Werder-Trainer Florian Kohfeldt „beste Spieler auf dem Platz“ Matheus Cunha belebt zweifellos das Berliner Offensivspiel, und sorgt für besondere Momente. In wenigen Spielen hat sich der Brasilianer eigentlich schon komplett unverzichtbar gemacht. Auf ihn wird Hertha in den nächsten Spielen ganz sicher hoffen. Bisher hat er diese Hoffnung nicht enttäuscht.