Hertha BSC – SV Werder Bremen: Nur Zuhause holen wir nichts

Hertha BSC – SV Werder Bremen: Nur Zuhause holen wir nichts

Am Samstagnachmittag steht das nächste Heimspiel für Hertha BSC an. Dass das kein Grund zur Freude für die Anhänger der „alten Dame“ ist, ist offensichtlich. Im Jahr 2020 gab es Zuhause nur einen Punktgewinn (0:0 gegen Schalke 04). Ansonsten gab es drei hohe Niederlagen, die letzte gegen Köln schmerzte dabei besonders, weil die Mannschaft mit 0:5 komplett unterging. Jetzt kommt mit dem SV Werder Bremen ausgerechnet ein Angstgegner ins Olympiastadion.

Seit 2013 konnte man nicht mehr gegen die Bremer drei Punkte holen. Dazu kommt, dass Hertha diese Saison öfter als Aufbaugegner für verunsicherte Mannschaften glänzen konnte. Um jedoch in dieser turbulenten Zeit nicht in Panik zu verfallen, wollen wir die nächste Partie objektiv betrachten. Dazu haben wir uns einen kompetenten Interviewpartner geholt, in Person von Kim (auf Twitter @kimosch46) der unter anderem beim Weserfunk regelmäßig zu hören ist. Mit ihm blicken wir auf die so wichtige Partie am Samstag.

Gespaltene Medienlandschaft bei Werder Bremen

Hertha BASE: Die klassische Frage zu Beginn: wie ist so die Stimmungslage in Bremen?

Kim: Liebes Tagebuch, im Moment ist es bei Werder sehr unruhig. Es scheint, als spalte sich die Fanszene sowie die Medienlandschaft in zwei Lager. In dem einen Lager sagen sie, Florian Kohfeldt habe keinen Mehrwert mehr für Mehrder… äh, Werder. In dem anderen Lager, zu dem ich mich selbst auch zähle, sagen sie, dass Florian Kohfeldt nach wie vor der richtige Trainer für Werder ist. Aber dazu später mehr. Ansonsten kann man sagen, dass es lange nicht solch eine Unruhe im und um den Verein gab. Dazu kommt eine immer stärker boulevardeske Berichterstattung über Werder. Es wird alles skandalisiert und dramatisiert und das in einer Situation, die sportlich schon dramatisch genug ist. Ach, liebes Tagebuch, es ist wirklich anstrengend zur Zeit.

Trainer Florian Kohfeldt (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Anstrengend war auch das Pokalaus gegen Frankfurt (2:0). Was nimmt die Mannschaft aus dieser Partie mit?

Kim: So, genug Bezug zu Tagebüchern jeglicher Art. Das Pokalspiel steht für die sportliche Misere: Zunächst steht Werder defensiv solide und versucht situativ den Gegner unter Druck und offensive Nadelstiche zu setzen. Dann kommt ein Rückschlag, meist durch einen Standard, und es gibt Unruhe. Im Pokalspiel war es noch okay nach dem Gegentor, offensiv fand Werder jedoch kaum statt. Die beiden einzigen Tore für Werder in der Liga im Jahr 2020 waren Eigentore. Einzig das Pokalspiel gegen den BVB ließ die Stürmer jubeln, ansonsten herrscht Ebbe in der Offensive. Was man jedoch mitnehmen kann: Defensiv war es weitestgehend in Ordnung und in den meisten Statistiken lag Werder vorne. Punkte in der Liga gibt es dafür jedoch keine.

Und trotzdem scheint Florian Kohfeldt das Vertrauen der Vereinsführung zu behalten. Was denkst du über die Trainersituation?

Kim: Ich halte Kohfeldt nach wie vor für einen talentierten Trainer, der für Werder der richtige Coach ist. Die Situation ist auch gänzlich anders als bei Skripnik und Nouri zu bewerten. Kohfeldt ist großartig in der Kommunikation, die Mannschaft steht hinter ihm und spricht sich auch für ihn aus. Ein Bruch zwischen Team und Trainer ist nicht auszumachen. Darüber hinaus stellt sich ja auch immer die Frage nach einer Alternative: Wer wäre denn für Werder überhaupt verfügbar und auch ein klares Upgrade zu Kohfeldt? Der Kader ist so wie er halt ist, im defensiven Mittelfeld klafft eine eklatante Lücke, was aber in erster Linie Baumann anzukreiden ist und nicht Kohfeldt. Ich bin nach wie vor voller Hoffnung, dass Bremen mit Kohfeldt den Turnaround schafft!

Ohne Selke, Toprak und Pavlenka nach Berlin

Wie gut kann Bremen die Müdigkeit bis Samstag wegstecken?

Kim: Von Mittwoch bis Samstag sollte genug Regeneration möglich sein, zumal die Mannschaft auch von Frankfurt direkt nach Berlin reist. Das darf keine Ausrede sein!

Wie schätzt du die Stärken eures Teams ein? Was kann euch denn da unten raus holen?

Kim: Rashica, Selke (der gegen Hertha fehlt) und Bittencourt werden (hoffentlich bereits am Samstag) den Schalter umlegen und die Liga kurz und klein schießen. Nur durch Eigentore des Gegners wird man die Klasse nicht halten können.

Dafür habt ihr ja Hertha-Schreck Claudio Pizarro auf der Bank. Allerdings fallen jetzt Ömer Toprak und Torhüter Jiri Pavlenka (Muskelfaserriss) aus. Was wird sich im Team durch die Ausfälle am Samstag verändern?

Kim: Toprak ist glücklicherweise nicht so schwer verletzt wie befürchtet, wird gegen die alte Dame jedoch fehlen. Vogt wird deshalb vermutlich in die Innenverteidigung rücken und wohl Sahin in die Mannschaft spülen. Selke darf ja nicht spielen – was für eine Klausel, ach du meine Güte, Baumann! – was vielleicht zum Startelfdebüt von Nick Woltemade führen wird. Vielleicht wird aber auch Josh Sargent starten.

Davie Selke darf aufgrund einer Klausel nicht gegen Hertha spielen. (Gif: https://giphy.com/bundesliga )

À propos Selke: wie macht er sich bisher bei euch? Was hälst du von ihm?

Kim: Der Transfer ließ mich zwiegespalten zurück: Finanziell für Werder ein ordentliches Wagnis, dazu ist Davie auch nicht der Spieler, der die 10+x Tore garantiert. Aber er ist jemand, der voran geht und sich nicht versteckt, dazu für Kohfeldt Art des Fußballs auch der richtige Zielspieler. Ich hätte mir im Winter gewünscht, dass das Geld in einen zentralen Mittelfeldspieler gesteckt wird, aber das ist ja nicht Selke anzulasten. Im Pokal gegen den BVB hat man gesehen, welche Qualitäten er hat und ich hoffe, dass er diese nun konstant und über den Sommer hinaus für Werder zeigen wird.

Und zum Schluss noch die obligatorische Frage nach deinem Tipp für die Partie:

Kim: Die ersten Frames wird Hertha sich holen, dann wird Werder jedoch mit einem Maximum Break das Ruder herumreißen und großartiges Snooker spielen. 9:5 für Werder!

Erwachen der Macht im Hertha-Kader?

Wie wir bereits in unserer Rubrik „Herthaner im Fokus“ feststellten, war das Spiel in Düsseldorf vor allem durch die Spieler geprägt. Nouris taktische Umstellungen trugen keine Früchte, wieder einmal mussten die Berliner zur Halbzeit zwei mal wechseln. Nur durch eine Reaktion innerhalb der Mannschaft, insbesondere gepusht durch die erfahrenen Spieler im Team, konnte die Aufholjagd realisiert werden. Jetzt heißt es aber im Hinblick auf das Spiel am Samstag: war es nur eine einmalige Situation? Oder gab es im Hertha-Kader eine Art „Erwachen der Macht“?

Viel wurde spekuliert, dass sich die Mannschaft quasi „selbst“ leitet. Hertha scheint auch auf diese Reaktion aufbauen zu wollen: Thomas Kraft wurde in der Pressekonferenz als aktuelle Nummer Eins im Tor bekräftigt. Vor allem seine Rolle fürs Teamgefüge sei wichtig für die nächsten Partien. Auch Vladimir Darida, der eine der wenigen Säulen im Team zuletzt darstellt, wird wohl wieder in der Startelf stehen. Eine wichtige Säule fällt hingegen mit Dedryck Boyata weg. Der belgische Abwehrchef leidet noch unter Muskelproblemen. Er wird in der Innenverteidigung wohl durch Niklas Stark ersetzt, der nach Gelbsperre zurückkehrt. Zudem fällt weiterhin auch Peter Pekarik aus, Per Skjelbred hingegen könnte noch rechtzeitig fit werden. Auch Santiago Ascacibar steht wieder zur Verfügung.

Dedryck Boyata fällt am Samstag verletzt aus. (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Kein Spiel für schwache Nerven

Die taktische Ausrichtung bleibt eine große Frage. Die ständigen Wechsel der letzten Wochen führen auch dazu, dass die Startelf kaum vorherzusagen ist. Sollte Hertha den Schwung der zweiten Halbzeit in Düsseldorf mitnehmen wollen, wird die Aufstellung am Samstag um 15:30 Uhr wohl ähnlich aussehen, wie in dieser zweiten Hälfte.

Die Antworten unseres Werder-Experten deuten schon an, dass Hertha auf eine Mannschaft am Samstag treffen wird, die ums Überleben kämpft. Bremen ist angeschlagen, unter Druck und dazu noch personell geschwächt. Hertha könnte durch einen Sieg einen Riesen-Schritt in Richtung Klassenerhalt machen. Bei dieser Ausgangslage klingeln bei allen Hertha-Fans schon die Alarmglocken.

Doch dieses Gerede von Aufbaugegner, Heimschwäche und positiven Druck muss endlich ein Ende finden. Die Mannschaft muss den Charakter-Test bestehen und endlich wieder gegen die Konkurrenz im Abstiegskampf ein Zeichen setzen. Die Trainerdiskussion gibt der Mannschaft keine Ausreden mehr. Die zweite Halbzeit in Düsseldorf und der anschließende Austausch der Spieler mit den Fans und später mit dem Trainer müssen eine positive Energie erzeugen. Diese Kraft wird notwendig sein: das Spiel am Samstag wird wieder kein Spiel für schwache Nerven.

Herthaner im Fokus: Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC

Als Hertha-Fan hat man das Gefühl, so langsam alles (negative) im Fußball erlebt zu haben. Viel kann es da eigentlich nicht mehr geben, dass einen fassungslos macht. Wie Hertha am Freitagabend jedoch eine katastrophale erste Halbzeit spielte und mit 0:3 zurücklag, um dann im zweiten Durchgang noch per furioser Aufholjagd noch ein 3:3 zu erkämpfen, war wohl auch für jede*r blau-weißen Anhänger*in etwas neues. Zwei so unterschiedliche Halbzeiten für sich einzuordnen und daraus konkrete Bewertungen für die einzelnen Spieler herauszufiltern, scheint nahezu unmöglich, aber wir versuchen uns mal daran.

Jordan Torunarigha – verkappter Linksaußen?

Dass Jordan Torunarigha trotz seiner angestammten defensiven Position stets “geil” auf Offensivausflüge hatte, ist schon lange bekannt. Mindestens einmal pro Spiel probiert sich der Innenverteidiger an Läufen in die gegnerische Spielhälfte. Gegen Fortuna Düsseldorf führte Torunarigha seinen Offensivdrang jedoch auf die Spitze, als er im zweiten Durchgang quasi als Linksaußen auftrat.

Foto: INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

Überraschend stand Torunarigha am Freitagabend in der Berliner Startelf, nachdem er zuletzt zwei Partien auf der Bank Platz nehmen musste. Ebenfalls überraschend: das Herthaner Eigengewächs lief nicht als Innen- sondern als Linksverteidiger auf, mit Maxi Mittelstädt und Marvin Plattenhardt saßen die zwei angestammten Spieler für diese Position auf der Bank. Trainer Alexander Nouri wird sich davon größere Stabilität in der Abwehr versprochen haben, aber wie die erste Halbzeit mit drei Gegentoren bewies, ging dieser Plan nicht auf. Auch Torunarigha war an einem Gegentreffer direkt beteiligt, als er beim 0:3 Vorlagengeber Zimmermann völlig aus den Augen verlor und so den Weg ebnete. So wie seine Mannschaftskollegen hatte der 22-Jährige große Probleme damit, seine Seite zu schließen – hier scheiterte es immer wieder in der Abstimmung mit Flügelpartner Dilrosun. Zudem verlor der Linksverteidiger immer wieder Bälle im Vorwärtsgang, was Düsseldorf zu Umschaltaktionen einlud. Im ersten Durchgang ging Torunarigha mit seiner Mannschaft unter, einzig seine zwei Torschussvorlagen (9. und 12. Minute) waren positiv hervorzuheben.

Doch wie so viele bei Hertha erlebte Torunarigha in den zweiten 45 Minuten eine unvorhergesehene Leistungssteigerung. Hierfür war auch die Hereinnahme von Maxi Mittelstädt verantwortlich – das Zusammenspiel der beiden Berliner Eigengewächse, die sich seit so vielen Jahren kennen, funktionierte sehr geschmeidig und verpasste Herthas linker Seite nicht nur neue Stabilität, sondern auch mehr Offensivdrang. Hierbei war auffällig, dass Torunarigha mit jeder Minute offensiver wurde und rund um die 60 Minute herum die Rollen mit Mittelstädt tauschte, welcher nun den Linksverteidiger gab. So ergab sich auch, dass die durchschnittliche Positionierung Torunarighas während des Spiels höher verortet war als die Mittelstädts. Dass Torunarigha nun so offensiv agierte, hatte den Vorteil, dass er sich mit seinem wuchtigen Körper sehr gut behaupten und Bälle festmachen konnte. Dadurch schenkte er seinen Kollegen Zeit, die linke Außenbahn zu überladen und somit durchbrechen zu können. So kreierte Hertha im Dreieck mit Mittelstädt, Torunarigha, Cunha oder wahlweise Darida sehenswerte Dreiecks-Situationen, was für Gefahr sorgte. Auch das hohe Pressing Torunarighas im Verbund mit Mittelstädt sorgte für viel Druck, sodass sich Düsseldorf oftmals gar nicht befreien konnte.

Sicherlich gab ein paar Situationen, in denen man sah, dass Torunarigha eben kein kleiner, wieseliger Dribbelkönig wie ein Dilrosun ist – hier und da versprangen Bälle oder kamen Flanken nicht an – aber das war in dieser Partie auch gar nicht von Nöten. Torunarigha ist ein technisch überdurchschnittlich begabter Innenverteidiger, der ein Gespür für Offensivaktionen hat (war in der Jugend lange Mittelstürmer) und mit seinem robusten Körper für Ballsicherheit und Raumgewinn sorgen kann. Ob du die Umstellung von Torunarigha auf die linke Außenbahn tatsächlich Nouris Idee war, werden wir wohl nie erfahren und es ist auch nicht wirklich wahrscheinlich, aber umso imponierender wäre es, wenn der Youngster das Schicksal seiner Mannschaft selbst in die Hand genommen hätte. So oder so war es eine beeindruckende Vorstellung Torunarighas im zweiten Durchgang, nachdem er im ersten genauso wie alle anderen auch untergegangen war.

Vladimir Darida – ein Motor auf Hochtouren

Zuletzt verkündete Vladimir Darida, dass er sich sehr wohl in Berlin fühle und seinen Berater gebeten habe, Gespräche mit Manager Michael Preetz bezüglich einer Vertragsverlängerung aufzunehmen. Blickt man auf seine Leistung vom Freitagabend, kann man sich dieser Bitte nur anschließen. Man muss festhalten: ohne einen Darida in dessen aktueller Form geht wenig bis gar nichts im Spiel der “alten Dame”.

Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

Es war dieser Sprint in der 64. Minute, der Herthas Aufholjagd einläuten sollte. Geschickt von Torunarigha sprintete Darida dem eigentlich zu steilem Zuspiel hinterher und schaffte es mit einer großen Willensleistung, den Ball – noch gestört von einem Düsseldorfer Gegenspieler – von links in den Strafraum zu schlagen, wo ihn Erik Thommy höchst unglücklich ins eigene Tor bugsierte. Kein schönes Tor, aber eins des Willens. Niemand hätte Darida einen Vorwurf gemacht, wenn er den Ball nicht mehr erreicht hätte, aber der Tscheche zog durch und nahm in Kauf, durch den Check des Düsseldorfers in die Bande gestoßen zu werden. Es war das 1:3-Anschlusstor – was anschließend passierte, weiß der Leser dieses Artikels.

Und auch daran war Darida maßgeblich beteiligt. Durch sein immenses Laufpensum (mit 13,26 Kilometern mit Abstand am meisten gelaufen) und seine klugen Bewegungen im Raum war der 29-Jährige einer der wichtigsten Bestandsteile der Berliner Offensive. Nach den beiden Berliner Innenverteidigern sammelte Herthas Nummer sechs die drittmeisten Ballkontakte und Pässe. Des Weiteren verbuchte er mit drei Torschussvorlagen zusammen mit Torunarigha die meisten bei den Blau-Weißen. Es war überragend, wie Darida das Spiel seiner Mannschaft unermüdlich ankurbelte, als ständige Anspielstation fungierte und den Ball in der gegnerischen Hälfte hielt. Hinzu kommt sein starkes Pressingverhalten, durch das er konstanten Druck auf die Fortuna ausübte. Darida war oftmals erster Abnehmer im Aufbauspiel und gleichzeitig an fast jedem Angriff beteiligt – quasi nichts in Herthas Spiel ging ohne den Nationalspieler, der darüber hinaus äußerst ballsicher agierte (acht Ballsicherungen).

Sicherlich war auch Daridas Performance im ersten Durchgang ausbaufähig, aber bei diesen Aussetzern im Berliner Abwehrverhalten ist es auch schwer, seine Rolle in den ersten 45 Minuten zu bewerten. Fakt ist, dass Darida seinem Ruf als Motor nach der Halbzeitpause mehr als gerecht wurde. Agil, unermüdlich und handlungsschnell gehörte er zu den Hauptfaktoren der Berliner Aufholjagd. In dieser Form führt gar kein Weg an dem Tschechen vorbei: Marko Grujic und Arne Maier müssen eine bis 17 Schippen drauflegen, um Darida Konkurrenz machen zu können.

Matheus Cunha – Herthas Adrenalinspritze

Na gut, na gut – kommen wir zu dem Mann des Spiels. Die Fragerunde auf Twitter, welche Spieler in diesem Artikel behandelt werden sollen, ergab das erwartbare Bild: an Matheus Cunha kommt man nicht vorbei. Wie auch? Der Brasilianer erweist sich aktuell als größtes Faustpfand Herthas im Abstiegskampf.

Wie schon bei Darida hatte eine Szene Cunhas Signalwirkung: nachdem er der Offensivspieler in der 67. Minute, als nur drei Minuten nach dem ersten Berliner Tor, zum 2:3 traf, setzte er zum Jubel an. Dabei präsentierte er kein lässiges, eingeübtes Bewegungsmuster – wie man es im modernen Fußball gewöhnt ist – nein, er fasste sich zunächst an die Hertha-Fahne seines Trikots, um anschließend die klare Geste frei nach Oliver Kahn zu machen: “Eier, wir brauchen Eier!” Der Jubel stand stellvertretend für den gesamten Auftritt Cunhas, der Hertha fast im Alleingang wiederbelebte und dem Spiel seinen Stempel aufdrückte.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Wirklich Fahrt nahm die Vorstellung Cunhas ab der 60. Minute an. Zu diesem Zeitpunkt holte sich der 20-Jährige seine gelbe Karte ab, nachdem er im Dribbling gefoult wurde und zu stark mit dem Schiedsrichter gemeckert hatte. Es war Ausdruck der Unzufriedenheit des Angreifers, der sich mit aller Macht gegen den Spielverlauf stemmte. Er zog mit Abstand die meisten Sprints an, verzeichnete die drittmeisten intensiven Läufe, gab die zweitmeisten Torschüsse ab, führte die meisten Zweikämpfe und dribbelte sieben (!) Mal erfolgreich am Gegner vorbei – zusammengefasst: Cunha machte es im zweiten Durchgang zu seinem Spiel, es war sein Feld! Der Brasilianer war einmal mehr überall zu finden, forderte Ball um Ball und nahm es mit der ganzen Düsseldorfer Mannschaft auf. Sicherlich gab er sich in manchen Momenten zu ballverliebt, aber schließlich hatten ihm seine Mannschaftskameraden bislang nicht das Gefühl gegeben, man könne sich auf sie verlassen.

In der 64. Minute schlenzte Cunha den Ball, der noch leicht abgefälscht war, ins rechte Toreck und erzielte damit das 2:3. Infolge der Jubel und infolge darauf die endgültige Spielübernahme Herthas. Und immer wieder war Cunha mittendrin. Seine Zweikampfbilanz war für einen Offensivspieler absolut herausragend, hinzu kommen sechs Ballsicherungen und eine wirklich gute Passquote in der gegnerischen Hälfte von 83 Prozent. Auffällig war, wie tief sich Cunha immer wieder fallen ließ und vom Achterraum heraus das Spiel mitaufbaute (gab einige sehr gute Spielverlagerungen von ihm) oder selbst ins letzte Angriffsdrittel stürmte. Cunha zeigte eine gute Mischung aus brasilianischer Eleganz und einer gehörigen Portion Kampf. Er war giftig, konnte dem Gegner aber auch mit Ball am Fuß weh tun. Beinahe hätte er der Fortuna noch den Todesstoß gegeben, doch sein Schuss in der 90. Minute traf nur den linken Pfosten. Nichtsdestotrotz war es eine herausragende Vorstellung Cunhas, der einmal mehr seinen unschätzbaren Wert für das Team unterstrichen hat. Auch wenn seine Zahlen aus dem Spiel schon bemerkenswert sind, ist es nicht in Ziffern auszudrücken, welch großen Einfluss er auf das Spiel und die Mentalität seiner Mannschaft hat. “Er ist vorangegangen, hat alle mitgerissen. Das war stark”, lobte Trainer Nouri seinen Stürmer nach dem Spiel.

Dilrosun und Lukebakio in dieser Form nicht zu gebrauchen

Man hatte sich vor dem Spiel wohl noch gefreut, als man sah, dass Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio endlich wieder in der Startelf standen. “Endlich schöpft Nouri die Möglichkeiten des Kaders aus! Ohne die beiden geht es nicht”, werden sich viele gedacht haben. Die Entrüstung nach den ersten 45 Minuten in Düsseldorf dürften dementsprechend groß gewesen sein, nachdem die beiden Flügelspieler jeweils eine grausige Leistung gezeigt hatten. Zur Halbzeit wurden mit Maxi Mittelstädt und Marius Wolf zwei zuletzt in Kritik geratene Spieler für die beiden Flügelkünstler eingewechselt, was eine deutliche Wirkung auf das Spiel haben sollte.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Doch der Reihe nach: Alexander Nouri entschied sich dazu, gegen Düsseldorf eine pendelnde Fünferkette zu spielen, um deren Flügelfokus Einhalt zu gebieten. Je nachdem, auf welcher Seite die Fortuna durchbrechen wollte, sollte ein offensiver Flügelspieler Herthas mit nach hinten rücken und zusammen mit Torunarigha oder Klünter die Flanke schließen. Das funktionierte im ersten Durchgang überhaupt nicht. Beim 0:1 agierte die gesamte Kette viel zu schläfrig, aber besonders bei den beiden darauffolgenden Gegentoren wurde Herthas unterirdisches Abwehrverhalten ersichtlich. Das 0:2 fällt, nachdem Lukebakio Gegenspieler Thommy erst zu viel Platz lässt, um näher von links außen an den Strafraum zu laufen, um anschließend amateurhaft von ihm ausgedribbelt zu werden – eine handelsübliche Finte ließ den Belgier aus dem Zweikampf aussteigen und Thommy freistehend das 0:2 erzielen. Ein weiteres Problem bei dem Gegentreffer war das völlig falsche Stellungsspiel Klünters, der sich nicht direkt hinter Lukebakio positionierte und damit nochmal hätte eingreifen können, sondern viel zu nahm am eigenen Tor stand und einen toten Raum deckte. Die Szene war exemplarisch für die fehlende Abstimmung zwischen Lukebakio und Klünter, der ebenfalls einen rabenschwarzen Tag erwischte. Aber auch Torunarigha und Dilrosun fanden keine gemeinsame Basis. Beim 0:3 standen beide viel zu weit weg von ihren Gegenspielern und ließen den Angriff einfach so passieren. Die Taktik Nouris ging zunächst also überhaupt nicht auf, da Dilrosun und Lukebakio es offensichtlich abgeht, taktisch diszipliniert mit nach hinten zu verteidigen. Offensiv brachten die beiden Individualisten auch nichts auf die Strecke, ein Torschuss und zwei Torschussvorlagen sind zu dünn. Sie nahmen quasi nicht am Spiel Teil, Lukebakio war 18 Mal am Ball und Dilrosun neun Mal.

Nach diesem Spiel ist wohl klar: die beiden Flügelspieler wird man wohl für eine längere Zeit nicht mehr in der Startelf sehen. In diesem krisengebeuteltem Gebilde können Lukebakio und Dilrosun ihre Stärken nicht gewinnbringend einsetzen und ihre Schwächen sind umso ersichtlicher. Als Joker könnten sie weiterhin funktionieren, aber Startelfansprüche können nicht gestellt werden.

Mittelstädt und Wolf überzeugen nach Einwechslung

Nachdem das Trainerteam gesehen hatte, dass die Idee mit Dilrosun und Lukebakio nicht aufgegangen war, entschied es sich dazu, zur zweiten Halbzeit die weniger spektakulären aber defensiv stabileren Maxi Mittelstädt und Marius Wolf einzuwechseln. Es stellte sich heraus, dass es genau das war, was Herthas Spiel gebracht hatte.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Mit den beiden Einwechslung erhielt deutlich mehr Ernsthaftigkeit und positive Körpersprache Einzug in das Spiel des Hauptstadtklubs. Sicherlich sind Mittelstädt und Wolf in Sachen Technik und Spielwitz weniger begabt als ihre Flügelkonkurrenten, aber dadurch, dass sie deutlich akribischer gegen den Ball und mit nach hinten arbeiten, wirkte Hertha im zweiten Durchgang deutlich stabiler. Wolf und Mittelstädt beteiligten sich tatkräftig am nun deutlich aggressiveren Pressing und übten so ständigen Druck auf das Düsseldorfer Aufbauspiel aus. Es war auffällig, dass Hertha mit den beiden Jokern auf den Außenbahnen deutlich weniger zuließ und besser gegen Umschaltaktionen gewappnet war. Sicherlich rutschte auch in den zweiten 45 Minuten immer wieder ein Angriff durch, aber das ist auf diesem Niveau und durch das starke Flügelspiel der Fortuna auch nicht zu verhindern. Mittelstädt trat gegen den Ball noch etwas besser als Wolf auf und fing insgesamt starke drei Bälle ab. Sein Zusammenspiel mit Torunarigha funktionierte (siehe oben) hervorragend und so war es wenig verwunderlich, dass Düsseldorf wenn überhaupt über seinen linken Flügel gefährlich wurde (erst durch Thommy, später durch Ampomah) – dies lag sicherlich auch daran, dass Rechtsverteidiger Klünter eine gruselige Vorstellung ablieferte und riesige Lücken zuließ, die auch ein Wolf nicht schließen konnte.

Auch im Spiel mit dem Ball wussten die beiden besser zu gefallen. Wolf legte das 2:3 durch einen starken, weil so kraftvoll und präzise gespielten Pass auf, des Weiteren viel er durch ein hohes Laufpensum (sechs Kilometer in einer Halbzeit) auf, durch das er das gesamte Feld beackerte und teilweise auch auf dem linken Flügel auftauchte, um die Seite zu überladen. Auch Mittelstädt hatte offensiv ein paar gute Szenen, auch wenn seine Flankenqualität nach wie vorne ausbaufähig ist. Mit der Zeit avancierte das Berliner Eigengewächs immer mehr zur Absicherung Torunarighas, der nun den offensiven Part übernahm. Diese Arbeitsaufteilung funktionierte wunderbar. Eine Zahl, die belegt, dass Wolf und Mittelstädt deutlich besser in der Partie waren als Dilrosun und Lukebakio: Wolf war 27 Mal am Ball, Mittelstädt sogar ganze 40 Mal.

Sowohl mit als auch besonders gegen den Ball traten Wolf und Mittelstädt eindeutig besser als Dilrosun und Lukebakio auf. Sie fügten sich weitaus präsenter in das Offensivspiel ihrer Mannschaft ein und agierten taktisch deutlich disziplinierter gegen den Ball, sodass Düsseldorf im zweiten Durchgang viel weniger Raum zum bespielen gelassen wurde. Sie waren somit wichtige Faktoren für die Aufholjagd der zweiten Halbzeit.

Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC: Abstiegskampf mit “Déjà-vu”

Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC: Abstiegskampf mit “Déjà-vu”

Leichter wird es im Verlauf dieser Rückrunde nicht, Woche für Woche die Vorberichte zu schreiben. Als Hertha-Fan ist die aktuelle Lage so belastend, wie lange nicht mehr. Trotzdem geht das Leben weiter und es sind noch genug Spiele, um die Saison wieder einigermaßen versöhnlich zu beenden. Den Anfang könnte Hertha BSC direkt am Freitagabend machen, wenn es zu Fortuna Düsseldorf ins Rheinland geht.

In Düsseldorf hat die “alte Dame” zuletzt nur Horror-Szenarien erlebt und muss sich noch von der letzten Pleite erholen (1:4). Dazu kommt das “déjà-vu”: nach einer anderen Horror-Saison traf man in der Relegation aufeinander. Gute Erinnerungen sind diese zwei Spiele für Hertha-Fans sicher nicht. Dabei laufen Auswärtsspiele in dieser Rückrunde deutlich besser als die Auftritte zu Hause. Kann Hertha endlich wieder für positive Schlagzeilen sorgen?

Unser Fortuna-Düsseldorf-Experte Dennis (auf Twitter @Scheff83), und Podcaster bei “Neues vonne Pommesbude” , stand uns wieder einmal zur Seite. Er beantwortet unsere Fragen zu unseren Gastgebern.

“Mit neuem Feuer im Abstiegskampf”

Hertha BASE: Zunächst einmal: in Berlin ist gerade die Hölle los, wie ruhig ist es aktuell vergleichsweise in Düsseldorf, trotz Abstiegskampf?

Dennis: Bei der Fortuna war es in den letzten Wochen auch sehr unruhig, auch wenn das Ausmaß nicht diese “HSV-Züge” wie aktuell bei der Hertha angenommen hat. Nach der Entlassung von Friedhelm Funkel nach der Pleite in Leverkusen, hat in der letzten Woche überraschenderweise auch der sportliche Leiter Lutz Pfannenstiel seinen Abschied verkündet. Er wird aus persönlichen Gründen F95 am Saisonende nach erst knapp 1 1/2 Jahren verlassen. Kontinuität auf den wichtigsten Positionen im sportlichen Bereich sieht anders aus… 

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Im letzten Spiel konnte die Fortuna 2:0 in Freiburg siegen. Wie ist die Form der Mannschaft im Moment wirklich einzuschätzen?

Dennis: Seitdem Uwe Rösler das “Trainer-Zepter” schwingt, steht die Fortuna kompakter und spielt auch offensiver. Man ist wieder im Stande Chancen herauszuspielen und weniger von “Geniestreichen” eines Rouven Hennings abhängig. Der Sieg in Freiburg war sehr bedeutend, da dadurch nun der Abstand zum 15. Platz auf zwei Zähler geschmolzen ist. Schon in den Partien gegen Frankfurt und Wolfsburg (beide 1:1) wären Siege meines Erachtens verdient gewesen. Gegen Mönchengladbach spielte man eine Hälfte gut mit, am Ende fiel die 1:4-Niederlage um ein bis zwei Tore zu hoch aus. 

Wie schätzt du die Stärken deines Teams ein? Was macht sie so stark im Vergleich zu den anderen Abstiegskandidaten?

Dennis: Die letzten Spiele haben Mut gemacht. Gegen Freiburg hat man gut verteidigt und die Chancen auch endlich mal genutzt. Erik Thommy hat herausragend gespielt. Trotz der angesprochenen Turbulenzen im Verein scheint die Mannschaft unbeeindruckt und agiert durch den Trainerwechsel mit “neuem Feuer” im Abstiegskampf. Jedem Spieler ist bewusst, dass allein der Klassenerhalt zählt und scheinbar ist deswegen auch F95 ein Schritt weiter als beispielsweise Werder Bremen. Die Mannschaft steht wieder deutlich kompakter und lässt wenige Großchancen im Strafraum zu. Das ist meines Erachtens aktuell der große Trumpf, da außer Hennings insgesamt leider doch wenig Torgefahr von der Fortuna ausgeht. 

Unter Uwe Rösler wieder unangenehm zu bespielen

Wird es am Freitag im Team zu Änderungen kommen? Wer ist bei euch gesperrt oder verletzt?

Dennis: Fraglich ist Suttner in der hinteren Dreierreihe. Gießelmann hat ihn aber sehr gut gegen Freiburg vertreten. Vielleicht wird aber auch Jörgensen hinten aufgeboten. Als Aufbauspieler wäre Gießelmann aber besser geeignet. Ansonsten kann Rösler aus dem Vollen schöpfen. Kenan Karaman hat nach seiner langen gesundheitlichen Pause (Lungenentzündung) gegen Freiburg einen vielversprechenden Eindruck gemacht. Ich denke, er wird neben Hennings wieder als zweite Spitze auflaufen. 

Wie stellt Funkel-Nachfolger Uwe Rösler sein Team auf? Was hat sich taktisch verändert?

Dennis: Er hat ein neues System etabliert mit einer Dreierkette und zwei Schienenspielern auf den Seiten. Fortuna spielt nun im 5-3-2 oder 3-5-2, je nach Spielverlauf. Die äußeren Innenverteidiger wie z. B. Ayhan sind sehr aktiv im Spielaufbau und das bringt eine große Dynamik ins Fortuna-Spiel. Wichtig für das Offensivspiel ist, dass Kevin Stöger nach seiner Kreuzbandverletzung wieder spielt. Er macht im zentralen Mittelfeld mit Winterneuzugang Valon Berisha den Unterschied aus. Beide Spieler bringen technische- und Pass-qualitäten mit, die im Kader vorher nicht vorhanden waren. Fortuna ist wieder unangenehm zu bespielen, die große offensive Durchschlagskraft fehlt aber weiterhin.

Schafft es Hertha mit individueller Klasse?

Was müsste Hertha schaffen, um bei euch Freitag zu punkten?

Dennis: Bei aller Häme in der letzten Woche – Hertha weiß, wie man auswärts punkten muss. In den letzten drei Auswärtsspielen gab es drei Siege, auch wenn das zum Teil fürchterliches Gebolze war. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass das Spiel am Freitag kein Augenschmaus werden wird und von beiden eher defensiv geprägt ist. Hertha verfügt über die individuelle Klasse das Spiel nach Hause zu fahren.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Dodi Lukebakio kehrt zurück an alter Wirkungsstätte: wie wird er in Düsseldorf empfangen?

Dennis: Ich denke es wird gemischte Reaktionen des Publikums geben. Er hat eine tolle Saison bei der Fortuna gespielt, war aber auch nur ein Jahr hier. 

Zum Schluss noch die Frage: was ist dein Tipp für Freitag?

Dennis: So wie die Saison läuft, wird Hertha kurz vor Schluss das 1:1 schießen. 

Der sportliche Stand bei der “alten Dame”

Während der (noch in Lyon spielende) Hertha-Neuzugang Lucas Tousart in der Champions League zum Matchwinner gegen Juventus Turin wurde, verbrachten seine zukünftigen Mitspieler erneut eine turbulente Woche in Berlin. Abstiegskampf wäre an sich schon schwer genug, da hätten die Blau-Weißen gerne diese Woche auf den erneuten Wirbel um Jürgen Klinsmann und seinen Machtspielchen mit der Hertha-Chefetage verzichtet. Dabei wollen wir an dieser Stelle nur auf das sportliche eingehen, in der Hoffnung, dass es sich auch demnächst wieder nur um den runden Ball drehen wird.

Die schwierige Aufgabe in Düsseldorf muss Hertha BSC ohne Niklas Stark bestreiten. Dieser fehlt bei den Rheinländern gelb-gesperrt. Auch auf Santiago Ascacibar wird Hertha aufgrund dessen in Stuttgart gesammelten Karten verzichten müssen. Das könnte in Theorie eine Systemumstellung mitbringen, allerdings könnte Alexander Nouri auch einfach positionsgetreu seine gesperrten Spieler ersetzen.

Alexander Nouri sah sein Spielsystem allerdings nicht als Thema, wie er auf der Pressekonferenz vor dem Spiel erklärte. Was wir in unserer letzten Podcast-Folge zu Herthas Taktik zu sagen hatten, findet ihr hier:

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Gute Spieler hat Hertha noch in der Hinterhand. Jordan Torunarigha könnte zum Beispiel nach zuletzt starken Leistungen endlich wieder in der Startelf stehen. Arne Maier ist zurück im Mannschaftstraining und bis auf Peter Pekarik, der noch fraglich ist, stehen Alexander Nouri alle Profis zur Verfügung. Ausreden gibt es für den noch-Cheftrainer nicht: Hertha muss in Düsseldorf punkten.

Hertha BSC – 1.FC Köln: Karneval oder Samba in Berlin?

Hertha BSC – 1.FC Köln: Karneval oder Samba in Berlin?

Bunt, turbulent, laut, ein Hauch von Skandal und für Außenstehende zum Teil lächerlich und nüchtern schwer zu ertragen. Nein, es ist keine Beschreibung vom Kölner Karneval, sondern von den letzten Wochen bei Hertha BSC. So wirklich ist in Berlin keine Ruhe eingekehrt, trotz des knappen 2:1 Erfolgs gegen den SC Paderborn vergangenes Wochenende. Am Samstag um 15.30 Uhr ist der 1. FC Köln zu Gast im Olympiastadion. Die Kölner haben nur drei Punkte weniger im Abstiegskampf und wollen daher unbedingt zu Hertha aufschließen.

Während in Köln aktuell Karneval gefeiert wird, gab es in Berlin zuletzt nur selten Party-Stimmung, auch wenn ein Hauch von Samba in Person von Matheus Cunha zu spüren war. Um herauszufinden, welche Mannschaft am Samstag wohl die besseren Chancen hat, haben wir uns erneut Verstärkung geholt. Mit Thomas Reinscheid, Chefredakteur von effzeh.com blicken wir auf die Partie Hertha BSC – 1. FC Köln.

Der Gisdol-Effekt

Die starken Ergebnisse unter Neu-Coach Markus Gisdol in den letzten Monaten sorgen natürlich für gute Stimmung in der Domstadt. Thomas sagt uns zu der Lage am Rhein: „Die Stimmung ist mittlerweile prächtig, auch wenn es lange nicht danach aussah. Durch die starken Auftritte zum Ende der Hinrunde und den Heimsiegen zum Jahresstart hat sich der FC ein ordentliches Polster auf die Abstiegsränge geschaffen und kann etwas entspannter in die Spiele gehen. Nun muss das Team allerdings auch dran bleiben und die wichtigen direkten Duelle im Abstiegskampf für sich entscheiden.“

Köln in den letzten Monaten mit vielen Siegen. ( Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Zuletzt gab es nur zwei Niederlagen gegen Borussia Dortmund und den FC Bayern München. Ansonsten sammelte Köln seit der Niederlage gegen Union Berlin nur Siege. Auf die Frage, was sich, unter anderem mit dem Trainerwechsel zu Markus Gisdol, verändert habe sagt uns Thomas: „Die Mannschaft tritt geschlossener auf, läuft mehr und wirft sich in jeden Zweikampf. Es scheint, als haben die Spieler begriffen, was es im Abstiegskampf braucht, um erfolgreich zu sein. Vor allem durch die jungen Spieler wie Ismail Jakobs oder Noah Katterbach ist eine andere Intensität auf dem Platz zu erleben. Dazu hat der FC auch das notwendige Spielglück, das ihm über weite Strecken der Hinrunde nicht hold war.“

Die Niederlage vergangene Woche gegen den amtierenden Deutschen Meister sei bereits abgehakt. „Wie schon in Dortmund hat der FC zu Beginn der Partie seine Grenzen aufgezeigt bekommen, was aber gegen solche Spitzenteams nicht schlimm ist. Man muss daraus lernen – und das Positive, das in der zweiten Halbzeit gezeigt wurde, in die Partie in Berlin mitnehmen.“

Kölner Standards die große Gefahr für Hertha

Als größte Waffe bringen die Rheinländer dazu ihre Standardstärke mit: „Wir sind bei Ecken ungemein torgefährlich, zusammen mit Eintracht Frankfurt haben wir dort die meisten Treffer erzielt. Insgesamt sind unsere Standardsituationen eine echte Waffe geworden – völlig ungewohnt für den FC.“

Standards sind jedoch nicht die einzige Stärke unserer Gegner am Samstag: „Darüber hinaus hat die Gisdol-Elf mit Jonas Hector, Ellyes Skhiri und Mark Uth ein spiel- und laufstarkes Mittelfeldzentrum und mit Jhon Cordoba über einen körperlich beeindruckenden Angreifer, der sich in jeden Zweikampf wirft.“

Wir haben unseren Köln-Experten auch gefragt, womit sich der „FC“ noch schwer tut. Dazu sagt Thomas: „Aktuell verpennt der FC regelmäßig den Start ins Spiel. In Dortmund und gegen die Bayern hat uns das wohl das Spiel gekostet, gegen Wolfsburg und Freiburg konnte der Gegner das zum Glück nicht nutzen. Dazu ist im Spiel nach vorne noch viel Luft nach oben. Wir erobern uns regelmäßig in recht aussichtsreichen Situationen den Ball, um ihn dann durch große Hektik im Umschaltspiel leicht wieder herzuschenken.“

„Aggressiv und Zweikampforientiert“

Zu der Frage, wie sich die Karnevalszeit auf die Kölner Leistung auswirkt, antwortet unser Köln-Experte: „Eigentlich ist die Bilanz an Karneval fürchterlich, besonders in der Bundesliga. Liegt zumeist daran, dass der FC auswärts spielen muss. Aber: Im vergangenen Jahr holte der FC einen Tag vor Rosenmontag tatsächlich einen Sieg. Hoffentlich gelingt eine Wiederholung in dieser Saison.“

Sebastiaan Bornauw fehlt in Berlin aufgrund einer gelb-Sperre. (Foto: TF-Images/Getty Images)

Was die Aufstellung der Kölner angeht, wird es gezwungenermaßen zu Änderungen kommen. Innenverteidiger Sebastiaan Bornauw fehlt gelb-gesperrt, Linksverteidiger Noah Katterbach ist verletzt. Thomas verrät uns, wie Gisdol wohl beide Stammspieler ersetzen wird: „Für Katterbach wird sicherlich Jakobs nach hinten rücken und als Linksverteidiger agieren. Bei Bornauw, dessen Sperre echt unnötig zustande gekommen ist, ist die Frage, ob FC-Coach Markus Gisdol mit Toni Leistner eher auf die rustikale Variante setzt oder doch der spielerisch stärkere Jorge Meré zum Einsatz kommt. Ich tippe, um ehrlich zu sein, auf ersteres.“ Genannter Mere hatte auch einen eher unglücklichen Auftritt im Hinspiel, als er für ein grobes Foul an Vladimir Darida die rote Karte sah.

Trotz dieser beiden Wechsel tippt unser Köln-Experte nicht auf große Änderungen in der taktischen Einstellung der Mannschaft: „Wir werden keine Experimente versuchen, auch wenn zwei wichtige Stammspieler ausfallen. Intensiv gegen den Ball, mit schnellem Umschaltspiel nach vorne – das wird die Marschroute sein. Das sieht nicht immer schön aus, hat sich bisher aber als erfolgreich erwiesen.“ In der Presskonferenz sagt der Cheftrainer der Kölner, man wolle „aggressiv und zweikampforientiert spielen“.

1. FC Köln, Lieblingsgegner von Vedad Ibisevic

Köln wird also wie erwartet erneut eine schwere Aufgabe für die Mannschaft von Alexander Nouri werden. Die Bundesliga-Heimbilanz der „alten Dame“ gegen die Kölner kann sich zumindest sehen lassen: aus den letzten fünf Heimspielen holte man vier Siege und einen Remis. Die letzte Bundesliganiederlage Zuhause geht auf das Jahr 2009 zurück (0:1), im Pokal hingegen gewann Köln im Olympiastadion im Jahr 2017 mit 3:1.

Köln, Lieblingsgegner von Vedad Ibisevic.

Auch das letzte Spiel gegen die Rheinländer wird in beiden Fanlagern noch in den Köpfen sein. Mit 4:0 konnten sich die Herthaner durchsetzen. Zwei Treffer konnte dabei Kapitän Vedad Ibisevic erzielen, der allgemein besonders gerne gegen den „Effzeh“ trifft. In acht Spielen gegen die Kölner erzielte er neun (!) Treffer. Dazu schoss der gebürtige Bosnier seine zwei ersten Treffer für die Blau-Weißen im Olympiastadion gegen die Rheinländer (am 22.09.2015).

Unser FC Köln-Experte Thomas ist sich dieser Tatsache bewusst und hofft darauf, dass Ibisevic nicht zum Einsatz kommt: „(…) der Bosnier trifft gefühlt in jedem Spiel gegen den FC mehrfach. Im Hinspiel hat er das ja auch eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ich hatte gehofft, er hätte sich am vergangenen Wochenende die fünfte Gelbe Karte abgeholt, aber leider steht er euch gegen den FC zur Verfügung.“

Wer als Hertha-Fan hingegen auf ein (dieses Mal von der DFL anerkanntes) Tor von Matheus Cunha hofft, wird sich an einen anderen Brasilianer erinnern, der gegen den FC Köln ein unsterbliches Tor erzielte.

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Wer soll es gegen Köln richten?

Zwar sind Alex-Alves-Vergleiche an dieser Stelle wohl verfrüht, allerdings scheint auch der Hype um Cunha aktuell sehr groß zu sein. Auch deshalb ist es wahrscheinlich, dass der 20-Jährige am Samstag erneut in der Startaufstellung der Hauptstädter stehen wird. Doch wie wird die Startelf der Berliner am Samstag aussehen?

Im Auswärtserfolg gegen den SC Paderborn überraschte Cheftrainer Alexander Nouri mit seiner Startelf. Peter Pekarik spielte von Beginn an, genauso wie Neuzugang Matheus Cunha. Die Doppelspitze Cunha-Piatek überzeugte phasenweise, obwohl beide bisher kaum miteinander trainiert hatten. Ob Nouri erneut auf diese Doppelspitze setzt, oder womöglich auf Köln-Schreck Ibisevic setzt, ist eine spannende Frage. Tatsächlich wurde der Bosnier in Paderborn gegen Spielende eingewechselt.

Darf Lukas Klunter gegen den Ex-Club spielen? (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

In der Pressekonferenz ließ sich Nouri nicht in die Karten schauen und gab keine Hinweise darauf, wer für das Spiel am Samstagnachmittag die Nase vorn hat. Optionen wird er genug haben: sowohl Niklas Stark als auch Per Skjelbred sind wieder fit und auch Marius Wolf ist nach seiner Sperre wieder verfügbar. Ein Luxusproblem im Abstiegskampf also, wenn man sich beispielsweise die Verletzungsmisere von Werder Bremen anschaut.

Fraglich ist auch, ob Ex-Kölner Lukas Klünter den Vorzug vor Peter Pekarik bekommt. Der gebürtige Euskirchener spielte in der Jugend des 1. FC Kölns und wurde dort auch Profi. Bereits 18 Mal wurde er diese Saison in der Bundesliga eingesetzt. In den beiden letzten Partien spielte er jedoch nicht. Auch Jordan Torunarigha und Vladimir Darida dürfen sich Hoffnungen auf einen Startelfeinsatz machen. Beide wurden gegen den SC Paderborn eingewechselt und konnten überzeugen.

Endlich wieder ein Heimsieg?

Ob Nouri den Schwung aus Paderborn mitnehmen will oder doch punktuell Änderungen vornimmt, wird sich zeigen. Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio werden sicher auch nicht lange mit Tribünen- oder Bankplätze zufrieden sein. Im Tor wird Thomas Kraft nach seiner kuriosen Handverletzung ausfallen, als zweiter Torwart wird der junge Dennis Smarsch auf der Ersatzbank sitzen.

Am tollen Support der Ostkurve liegt die negative Heimserie nicht. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Fakt ist: die Mannschaft tut sich gerade Zuhause schwer. Das letzte Mal konnten die Berliner am 14. Dezember 2019 gegen Freiburg mit 1:0 Zuhause gewinnen. Optimismus kommt also nicht so leicht auf, gerade für Hertha-Fans, die noch das letzte Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 im Kopf haben (1:3-Niederlage).

Thomas hingegen glaubt an seine Mannschaft und tippt auf einen 2:0-Auswärtserfolg der Kölner: „Ein frühes Tor, dann irgendwann in der zweiten Halbzeit ein erfolgreicher Konter.“ Genau dieses Szenario wird Hertha BSC verhindern müssen. Sollten die Berliner die Schwäche des 1. FC Kölns in der Anfangsphase nutzen können, könnte das Spiel auch schnell in die „richtige“ Richtung kippen. Ob mit Köln-Schreck Ibisevic oder mit dem Brasilianer Cunha: die „alte Dame“ hat es selbst in der Hand. Ein Sieg, und der Klassenerhalt wäre zum Greifen nahe. Vielleicht kehrt dann auch wieder Ruhe in die Hauptstadt ein…zumindest bis zum Derby am 21. März.

Herthaner im Fokus: SC Paderborn – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: SC Paderborn – Hertha BSC

Nein, schön war der Auswärtssieg beim SC Paderborn nicht. Dass das 2:1 und die damit verbundenen drei Punkte nach dieser so turbulenten Woche zumindest etwas Balsam für die Berliner Seele sein werden, ist aber unbestritten. Hertha BSC trennen nun immerhin neun Punkte von Tabellenplatz 16, aus dem Gröbsten könnten die Blau-Weißen also bereits raus sein. Da ist der Pragmatismus von Interimstrainer Alexander Nouri schon deutlich leichter zu ertragen, denn auch wenn die Spiele Herthas seit längerem kaum zu unterhalten wissen, bringen sie Punkte ein und besonders im Abstiegskampf zählt nur diese Kennziffer.

Doch auch wenn die Begegnung mit dem SC Paderborn nur streckenweise ordentlichen Fußball zeigte, haben gewisse Hertha-Spieler positiv wie negativ auf sich aufmerksam gemacht. In diesem Format beleuchten wir diese.

Rune Jarstein – ungewohnt unsicher

Dass Rune Jarstein seit Jahren ein exzellenter Schlussmann ist und Hertha bereits sehr viele Punkte festgehalten hat, steht außer Frage. Doch nachdem der Norweger bereits im Pokalspiel gegen den FC Schalke 04 unglücklich aussah, machte er auch am Samstagnachmittag keine gute Figur.

(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Dabei gaben ihm die Paderborner gar nicht allzu viele Chancen, ins Spiel einzugreifen. Zwar gaben die Hausherren insgesamt 21 Schüsse ab, aber nur vier davon kamen auch wirklich auf das Tor. Große Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, waren also Mangelware. In der 51. Minute aber griff der 35-Jährige ordentlich daneben. Paderborns Stürmer Srbeny gab quasi von der Grundlinie einen Schuss ab, der rein physikalisch schon gar nicht ins Tor gehen konnte, doch bugsierte sich Jarstein den Ball bei seinem Rettungsversuch selber über die Linie. Ein Fehler, der solch einem gestandenen Torhüter natürlich nicht unterlaufen darf, auch wenn Jarstein ebenfalls nur ein Mensch ist und Fehler nun einmal passieren – sieht bei Torhütern erfahrungsgemäß nur blöder aus.

Seinen Patzer zum 1:1 machte Herthas Torhüter allerdings in der 82. Minute wieder wett, indem er einen strammen Distanzschuss Prögers noch mit einem starken Reflex, nachdem er bereits in eine andere Richtung unterwegs war, parieren konnte. Wirklich bestärken wollte ihn diese Szene aber nicht. Immer wieder flog Jarstein unter Hereingaben hindurch und in einer Szene ließ er einen bereits sicher geglaubten Ball wieder fallen, konnte die Aktion aber gerade noch selbst bereinigen. So oft Jarstein bereits der Held des Spiels war, so war er gegen Paderborn eher ein Sicherheitsrisiko. Bis auf seine gute Szene in der 82. Minute strahlte der Keeper keine Sicherheit aus, sodass er froh gewesen sein wird, als der Schlusspfiff ertönte. Man kann nur hoffen, dass sich Jarstein aus diesem kleinen Formtief schnellstens wieder befreit.

Peter Pekarik – Herthas Tiefkühlpizza

“Pekarik ist die Tiefkühlpizza bei Hertha. Holst ihn/sie raus, wenn du nichts anderes mehr da hast, weißt genau was du bekommst und bist am Ende auch satt, fühlst dich aber auch irgendwie schlecht, weil du weißt, was für geile frische Sachen es sonst so gibt”, schrieb ich nach dem Spiel in Paderborn auf Twitter. Viele verstanden die Intention und den Witz dahinter, manch anderer unterstellte mir hingegen, die Leistung des Slowaken, der zum ersten Mal seit 307 Tagen für Herthas Profis auf dem Platz stand, nicht zu würdigen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Dabei verfolgte der Vergleich nur gute Absichten. Nachdem Lukas Klünter zuletzt eine kleine Formdelle hatte und Marius Wolf nach seiner gelb-roten Karte gegen Mainz 05 gesperrt fehlte, setzte Trainer Alexander Nouri dennoch leicht überraschend auf den 33-jährigen Rechtsverteidiger. Bis dahin hatte Pekarik in der laufenden Spielzeit absolut keine Rolle gespielt, er lag so im Gefrierfach herum. Aber wenn Not in der Startelf/Küche herrscht, holt man die Reserven raus. Herthas Interimstrainer wusste halt, woran er bei dem routinierten Außenverteidiger ist. Pekarik, etwas ungewohnt nicht als reiner Rechtsverteidiger sondern als Schienenspieler eingesetzt, machte einmal mehr ein solides Spiel. Aufgrund seiner offensiveren Rolle stand der slowakische Nationalspieler in seinem 158. Pflichtspiel für Hertha oftmals auffallend hoch und kam zu vielen Flanken – insgesamt sechs schlug er, von denen zwei ankamen und eine zur Torschussvorlage wurde. Pekarik versuchte, seiner ungewohnten Funktion gerecht zu werden und viel Aufwand zu betreiben, so lief er mit 11,25 Kilometern die viertgrößte Strecke aller Herthaner. Es war durchaus imponierend, wie viel Betrieb Pekarik im Angriffsspiel machte, immerhin sammelte er die zweitmeisten Ballkontakte aller Berliner, dennoch fehlte es seinen Aktionen an Effektivität. All diese Aktivität hatte aufgrund der fehlenden Matchpraxis auch ihren Preis, denn in der Schlussphase plagte er sich mit Krämpfen herum.

Das wird auch daran gelegen haben, dass Pekarik mit Antwi-Adjei und Collins zwei äußerst dynamische Gegenspieler zu verteidigen hatte und dadurch viele Sprints wie intensive Läufe anzog. Defensiv lieferte er aber bis auf ein paar unglückliche Szenen eine zufriedenstellende Vorstellung ab. Er ließ einigermaßen wenig zu und klärte insgesamt vier Aktionen. Teilweise kam der alternde Außenverteidiger nicht ganz hinterher, aber große Gefahr entstand daraus nicht. “Ich freue mich, dass ich meinen Teil zum Sieg beitragen konnte. Ich kenne die Jungs schon lange und wir spielen jeden Tag im Training zusammen – jeder weiß, dass ich daher immer bereit bin, wenn ich gebraucht werde”, erklärte Pekarik nach dem Spiel. Mit ihm war es gelungen, die Defensive in einer Fünferkette wieder zu stabilisieren, hinzu kam der gewohnte Kampf und Aufwand, den Pekarik aufs Parquett bringt. Trainer Nouri hatte mit der Entscheidung, ihn aus der Versenkung zurückzuholen, durchaus Mut bewiesen, doch “Mr. Zuverlässig” wurde seiner Aufgabe gerecht. Natürlich ist der 33-Jährige, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, nie ein verkappter Spielmacher der Marke Weiser oder Lazaro gewesen, aber in der passenden Situation kann er ebenso wichtig sein. Jeder gut gefüllte Kühlschrank sollte eben eine Tiefkühlpizza enthalten.

Arne Maier – ab wann ist Kritik erlaubt?

Die Bewertung von Spielern, die aus einer langen Verletzung kommen, ist immer so eine Sache. Wie viel Zeit muss vergehen, wie viele Spiele müssen sie gemacht haben, bis Kritik erlaubt ist? Arne Maier ist aktuell so ein Fall. Gegen Paderborn hat der 21-Jährige das dritte Mal infolge in der Startelf gestanden, so langsam könnte also wieder eine gewisse Routine in sein Spiel kommen. Bislang ist das Berliner Eigengewächs seinem Status als großes Talent und kommender Nationalspieler jedoch nicht gerecht geworden.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Mit Ascacibar und Skjelbred im Rücken agierte Maier gegen Paderborn einmal mehr als offensivster Part der Mittelfeldzentrale – klare Aufgabe: er soll das Spiel lenken und die Offensivspieler in Szene setzen. Und “Offensivspieler” meinte gegen den Aufsteiger die beiden Stürmer Cunha und Piatek, da sonst keine Spieler auf dem Feld standen, die nur nach vorne denken sollten. Diese Rolle scheint Maier jedoch nicht zu liegen, bzw. fehlt ihm (noch) der Mut, sie auszufüllen. Als wichtigster Drahtzieher, ohne einen Duda oder Grujic an seiner Seite, fehlt dem jungen Mittelfeldmann die Präsenz und das Gespür für raumöffnende Pässe. Blickt man auf das Pass-Übersicht Maiers, fällt auf, wie wenige in gefährliche Zonen gespielt wurden (nicht ob sie angekommen sind, sondern dass er sich diese gar nicht getraut hat) und wie viele Zuspiele er nach hinten verbuchte. Mit 79% angekommenen Pässen hat seine Genauigkeit ebenso Luft nach oben.

Es ist nicht so, als würde Maier sonderlich schwache Spiele abliefern, doch gemessen an seinem Talent und seinen Ambitionen ist es aktuell zu wenig. Natürlich müssen sein Alter und die lange Ausfallzeit miteinbezogen werden, dennoch ist es erstaunlich, wie wenig “besonderes” er auf dem Feld produziert. Es ist momentan wenig von seiner großen Ballsicherheit und seinem strategischen Denken zu sehen, stattdessen beobachtet man leichtere Ballverluste, Pässe ohne großen Raumgewinn und äußerst zaghafte Vorstöße. Sicherlich ist Maier (50 Pflichtspiele für Hertha, kein Tor, eine Vorlage) eben kein Duda, der besonders im letzten Angriffsdrittel aufblüht, sondern eher jemand, der Toni-Kroos-artig das Spiel aufziehen will, aber ist es schwer zu vermitteln, dass ein Per Skjelbred im Offensivspiel aufbrausender und dynamischer wirkte. Es ist vollkommen klar, dass man Maier weiter die Zeit geben muss, sich nach der langen Verletzungspause wieder zu finden, aber momentan gibt er der Mannschaft nur wenig. Man könnte auch angesichts seiner deutlichen Worte in der Winterpause und dem formulierten Wechselwillen sagen: wer sich so groß macht, muss dann auch liefern. In der aktuellen Form wird zumindest kein internationaler Topverein anklopfen. In den nächsten Wochen ist Maier dazu angehalten, mehr aus seinem Potenzial herauszuholen.

Matheus Cunha – genau das, was man gebraucht hat?

Zusammen mit der Hereinnahme Pekariks war es wohl die größte Überraschung bei Hertha, dass Neuzugang Matheus Cunha nach nur zwei Tagen in Berlin gegen den SC Paderborn sogleich in der Startelf stand. Die Entscheidung des Trainerteams sollte sich, auch wenn der junge Brasilianer teils negativ auf sich aufmerksam machte, auszahlen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Doch wie wir es in der Schule gelernt haben – zunächst das Positive. Denn das Matheus Cunha das gewünschte “belebende” Element für Hertha war, ist nicht abzustreiten. Passierte etwas nennenswertes auf dem Feld, hatte der 20-Jährige sehr oft seine Füße im Spiel. Cunha arbeitete sehr gut mit Sturmpartner Piatek zusammen, indem der Pole mit seiner Ballsicherheit und Übersicht für die nötige Ruhe im Angriffsspiel sorgte und Cunha als freischwebender Komet um ihn herumwirbelte. Schnell wurde klar, dass der Winterneuzugang technisch mehr drauf hat, als viele seiner Kollegen auf dem Feld. Mit großem Spielwitz und dem stets nach vorne gerichteten Blick sorgte Cunha immer mal wieder für interessante und gewinnbringende Momente. Zwar war der brasilianische U-Nationalspieler nur 31 Mal am Ball, dennoch schien er das Spiel seiner Mannschaft wirklich zu prägen und überall zu sein. Oftmals fand man Cunha in der eigenen Hälfte, wie er Bällen hinterherjagte. Es war offensichtlich, dass dem Angreifer im Vorfeld wenige taktische Vorgaben gemacht wurden – er sollte einfach kicken und das Spiel seiner Mannschaft beleben. Das gelang Cunha auch, niemand gab so viele Schüsse wie er (fünf) ab, hinzu kommt eine Torschussvorlage, vier herausgeholte Freistöße und eine positive Zweikampfbilanz (für Stürmer sehr ungewöhnlich). Cunha war kaum einzufangen und belohnte sich in der 67. Minute mit seinem Debütreffer zum 2:1. Sehenswert verwandelte der Torjäger die Kugel mit der Hacke, nachdem zuvor noch Darida und Piatek gescheitert war. So lässt sich ein Einstand feiern.

Doch war nicht alles glanzvoll, was Cunha bei seinem ersten Spiel für die “alte Dame” zeigte. Nein, Hertha hat sich da durchaus ein Enfant terrible verpflichtet. So belebend der junge Stürmer auch war, teilweise übersteuerte er und ließ sich zu fragwürdigen Aktionen hinziehen. Bestes Beispiel war die Torchance aus der 61. Minute, bei der Cunha alleine auf Paderborns Keeper zulief, ewig den Ball hielt und sich letztendlich dazu entschloss, es aus zu kurzer Distanz mit dem Lupfer zu probieren. Hier greift der Klassiker “Er wollte es zu schön machen”. Nachdem es anschließend keinen Elfmeter gab (Zingerle hatte Cunha zu Fall gebracht, dieser ihn aber vorher am Hals gehalten), ließ sich Cunha zu einer abwertenden Geste gegenüber Schiedsrichterin Steinhaus hinreißen und hatte großes Glück, dafür nicht gelb gesehen zu haben. Die Verwarnung holte er sich dann acht Minuten später aber, nachdem er einen Paderborner völlig unnötig und überhart auf die Bretter schickte. Seine letzten Minuten waren davon geprägt, sich mit muskulären Problem zunächst noch über den Platz zu schleppen um dann in der 83. Minute ausgewechselt zu werden.

Ja, Cunha sorgte für ordentlich Aufsehen. Dazu gibt es zwei Lesarten: positiv lässt sich sagen, dass der junge Brasilianer ein deutlich belebendes Element für seine Mannschaft ist, merklich unbeschwert wie selbstbewusst auftritt und somit spielerisch viel auffängt. Auch seine akribische Arbeit gegen den Ball war lobenswert. Auf der anderen Seite der Medaille steht, dass Cunha in manchen Szenen den Ernst der Lage seines Vereins nicht ganz verstanden zu haben schien und oftmals unnötig Risiko einging. Er überdrehte oft, hatte einen Hang zur Theatralik und war stark gelb-rot-gefährdet. Wohlwollend muss aber festgehalten werden, dass Cunha gerade einmal 20 Jahre alt und somit noch leicht unbeherrscht ist, zumal er bei seinem Debüt sicherlich besonders viel zeigen wollte und daher überhitzte. Grundsätzlich ist es toll, solch einen Instinktfußballer in seinen Reihen zu haben, der an die vielen Brasilianer aus den Herthaner 2000er Jahren erinnert. Cunha wird seinem Team und den Fans wohl noch viele graue Haare wie Glücksmomente schenken und solche Spieler bleiben schließlich in Erinnerung.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Nein, so wirklich Spaß wollen die Spiele von Hertha BSC im Moment nicht machen. Aber was will man beanstanden, wenn die Mannschaft unter Trainer Jürgen Klinsmann in acht Spielen ganze zwölf Zähler sammelt und sich somit Stück für Stück aus dem Abstiegskampf befreit? Auch gegen den FC Schalke 04 lieferten die Berliner kein spielerisches Glanzstück ab, arbeiteten dafür aber umso disziplinierter gegen den Ball und rangen dem Tabellensechsten somit ein 0:0 ab. Punktgewinn, mal wieder zu null gespielt, abgehakt und weiter geht’s. Diesen Pragmatismus muss man nicht abfeiern, aber es ist anzuerkennen, welch für den Gegner eklig zu bespielende Truppe das Trainerteam geformt hat.

Auch wenn die Begegnung am Freitagabend gegen die “Königsblauen” ohne viele Highlights auskommen musste, haben sich ein paar Herthaner hervorgetan – positiv wie negativ. Diese wollen wir nun genauer unter die Lupe nehmen.

Boyata & Torunarigha – die neue Stamm-Innenverteidigung?

Dass Hertha auch am 20. Spieltag so schwer zu bespielen war, lag zu großen Teilen an der neuen Innenverteidigung. Dedyrick Boyata kehrte nach seiner abgesessenen Gelbsperre zurück in die Startelf der Hausherren, neben ihm lief Jordan Torunarigha auf, der sich durch die sehr guten Leistungen in den vorangegangenen zwei Partien empfohlen hatte. Das Duo, dass gegen den FC Bayern München erstmals gemeinsam auflief, ließ gegen Schalke keinen Zweifel daran, wer in Zukunft die Stamm-Innenverteidigung bei Hertha bilden sollte.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Denn eines ist nach dem Spiel klar: versucht der Gegner (heißt dieser nicht FC Bayern) mit einfachen Mitteln wie Flanken oder dem Distanzschuss Tore zu erzielen, wird er mit Boyata und Torunarigha auf dem Platz keinen Erfolg damit haben. Beide Innenverteidiger Herthas wirkten gegen Schalke über die gesamte Spieldauer hoch konzentriert und souverän. Einzig der in der 57. Minute zu kurz geratene Rückpass Boyatas auf Rune Jarstein, den Benito Raman abfing und zur Torchance umwandelte, war als klarer Fehler abzubuchen. Darüber hinaus gab es noch den sehr gefährlichen Kopfball Michael Gregoritschs in der 85. Minute, der knapp am rechten Pfosten vorbeiging und bei dem Torunarigha etwas zu spät kam, doch ist es auf diesem Niveau nahezu unmöglich, alle Chancen des Gegners abzufangen.

Darüber hinaus ließen die zentralen Abwehrmänner in blau-weiß nichts gefährliches zu. Durch exzellentes Stellungsspiel und Zweikampfverhalten waren beide kaum zu überwinden. Torunarigha gewann einmal mehr alle seine Kopfballduelle, sicherte neun Bälle und klärte vier Aktionen. Hinzu kommen zwei Blocks und zwei abgefangene Bälle. Das Berliner Eigengewächs macht den Eindruck, als sei sein Spiel deutlich erwachsener geworden. Zwei zeigt er wohl weniger spektakuläre Szene als in der Vergangenheit, jedoch unterlaufen ihm zeitgleich deutlich weniger Fehler und Unaufmerksamkeiten. Der 22-Jährige wird erwachsen und das tut seinem Spiel gut – die gelegentlichen Dribblings bis in die gegnerische Hälfte lässt er sich aber dennoch nicht nehmen und das ist auch richtig so, da diese Unordnung beim Gegner und Raumgewinn schaffen. Ansonsten gilt in den letzten Spielen: auf Torunarigha ist Verlass. So ist die Nummer 25 nicht wegzudenken.

Dasselbe gilt bereits seit Saisonbeginn für Boyata. Der Belgier bewies gegen die Gelsenkirchener einmal mehr, warum er der konkurrenzlose Abwehrchef der “alten Dame” ist. Als wäre er nie weg gewesen, führte der 29-Jährige die Hertha-Abwehr an, kommunizierte und richtete aus. Für seine Mannschaftskameraden ist klar: wenn ich nicht weiter weiß, schaue ich zu “Dedo” oder gebe ihm den Ball. Während einige Herthaner große Probleme mit dem Schalker Pressing hatten, blieb Boyata ruhig und spielte den gepflegten kurzen Ball. Auch im Abwehrverhalten strahlte der Nationalspieler große Sicherheit aus: elf Ballsicherungen, acht geklärte Aktionen, ein abgefangener und geblockter Ball unterstreichen seine starke Vorstellung. Seine wohl auffälligste Szene hatte Boyata in der 49. Minute, als Schalkes Raman nur noch ihn zu überwinden hatte, um alleine auf das Tor ziehen zu können. Der Innenverteidiger drehte sich allerdings sehr handlungsschnell und fing seinen flinken Landsmann mit beeindruckender Dynamik ein. Eine Szene, die stellvertretend für das Gefühl steht, dass er bei Hertha-Anhängern auslöst: Boyata ist immer zur Stelle.

In dieser Form besteht kein Zweifel daran, dass Boyata und Torunarigha das gesetzte Innenverteidigerduo sein müssen. Beide lassen kaum etwas zu und können zudem mit dem Ball umgehen. Ob Boden oder Luft, sie sind kaum zu besiegen. Während Herthas Innenverteidigung in weiten Teilen der Hinrunde eine riesige Baustelle gewesen ist, strahlt die Konstellation vom Freitagabend große Sicherheit aus. So haben es Niklas Stark und Karim Rekik schwer, wieder in die Startelf zu drängen.

Santiago Ascacibar – sein bislang bester Auftritt?

Es ist bereits beeindruckend gewesen, wie selbstverständlich sich Neuzugang Ascacibar nach nur wenigen Wochen mit der Mannschaft in die Stammelf gespielt hat. Der argentinische Mittelfeldkämpfer stand in jedem der drei gespielten Rückrundenpartien in der Anfangsformation, doch gelang im gegen Schalke sein bisher stärkster Auftritt im blau-weißen Trikot.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Etwas für die Statistik-Freunde: in jedem seiner drei Partien für den Hauptstadtklub war Ascacibar der läufstärkste Spieler auf dem Feld. Das muss für sich genommen noch nichts heißen, doch verbindet der defensive Mittelfeldspieler große Raumbeherrschung und intelligente Laufwege damit. Im Spiel gegen die “Königsblauen” war Ascacibar als Manndecker auf Spielmacher Amine Harit angesetzt und dieser Aufgabe widmete sich Herthas Nummer 18 mit großer Passion. Man sah förmlich, wie der giftige Argentinier seinem Gegenspieler, der für sein Spiel Freiräume und den gewissen “Flow” braucht, Minute um Minute mehr Lust an diesem Spiel nahm. Durch seine Arbeit raubte Ascacibar den Schalkern eine große Menge Kreativität und Unberechenbarkeit. Sobald Harit etwas “starten” wollte, stand ihm Ascacibar bereits auf den Füßen. Es war kein dankbarer Job für den 22-Jährigen, da ihn nicht viele für diesen nach dem Spiel loben werden – das Arbeiten gegen Ball und Gegner ist nicht so ruhmreich wie schöne Pässe zu spielen oder Dribblings anzusetzen. Und doch wussten die Fans seine aufopferungsvolle auf Social Media zu würdigen: “Santi war überall”, “Guter Einkauf mit einem starken Spiel”.

Ascacibars Aufgabenbereich beschränkte sich aber natürlich nicht nur auf das Herausnehmen Harits, generell sollte der Sechser das gegnerische Ballbesitzspiel (zer)stören. Mit fünf Tacklings (zusammen mit Mittelstädt Bestwert), den nach Marko Grujic zweitmeisten gewonnenen Zweikämpfe und zwei abgefangenen Bällen gilt der Auftrag als erfüllt. Ascacibar war ein ständiges Störelement für Schalke, da er große Räume abdeckte und Angriffe bereits im Keim erstickte. Eine rundum starke Vorstellung des Neuzugangs, der mit jedem Spiel selbstbewusster und somit wichtiger für Hertha wird. Einer muss die Drecksarbeit eben machen.

Lukas Klünter – Herthas Schwachpunkt?

Gut, die Eingangsfrage ist wohl sehr provokant formuliert, schließlich gehört Lukas Klünter zu den konstantesten Spielern der laufenden Spielzeit. Besonders im Verhalten gegen den Ball ist dem Rechtsverteidiger nur seltenst ein Vorwurf zu machen, doch kristallisierte sich vor allem im Spiel gegen Schalke ein großes Problem auf: Klünter ist vom Gegner als Pressingopfer ausgemacht worden und das zurecht.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/getty Images

Es ergab sich am Freitgabend immer wieder dasselbe Bild: Schalke presste äußerst aggressiv und lief bis zur Viererkette an. Dabei lenkten sie Herthas Abwehrspieler so, dass Boyata den Ball letztendlich auf Rechtsverteidiger Lukas Klünter spielte. Hier schnappte die Falle der Schalker zu, denn sobald Herthas Nummer 13 am Ball war, wurde er von zwei Gegenspielern attackiert. Hier kamen die technischen Mängel Klünters zum Vorschein: da er sich nicht durch ein Dribbling o.ä. im engen Raum lösen konnte, wählte er stets den Befreiungsschlag, woraus in nahezu allen Fällen ein Ballgewinn der Schalker resultierte. Indem S04 dem Außenverteidiger möglichst wenig Platz ließ, musste er auf den langen Ball zurückgreifen, um keinen Ballverlust am eigenen Strafraum zu riskieren. Dass mit Marius Wolf ebenfalls kein Edeltechniker auf seiner Seite spielte, um ihn aus solch brenzlichen Situationen herauszuholen, trug auch dazu bei, dass man sich kaum aus der Pressingfalle befreien konnte. Eine nahezu sichere Ballgewinn-Strategie der “Königsblauen”, die Herthas Aufbauspiel massiv behinderte.

Gerade einmal 56% von Klünters Zuspielen kamen beim Mitspieler an – eine grausige Quote. Auch sonst wollte dem so schnellen Außenverteidiger, der gegen Wolfsburg noch das so wichtige 2:1-Siegtor vorbereitet hatte, nicht viel gelingen. Im Gegensatz zu Mittelstädt schaltete sich der 23-Jährige kaum mit nach vorne ein. Das lag zum Teil sicherlich daran, dass Hertha im Defensivverbund oftmals in einer Fünferkette auftrat, in der Klünter den rechten Innenverteidiger gab und Wolf den Außenverteidiger, aber dennoch hätte es Gelegenheiten für Offensivausflüge gegeben. Auch ließ Klünter mehr gefährliche Flanken als sein Pendant auf der linken defensiven Außenbahn zu. Insgesamt also kein allzu guter Tag für ihn.

Nun will man Klünter aufgrund seiner bislang wirklich soliden Saison und vor allem wegen seiner starken Defensivleistungen nicht unverzüglich verdammen, aber es fällt durchaus auf, dass er in der bisherigen Rückrunde eher unglücklich auftritt. Was fehlt, sind Alternativen, die ihn bei einem kleinen Formtief ersetzen könnten. Auf Pekarik scheint nicht mehr gesetzt zu werden (zuletzt zwar dreimal infolge im Kader, aber ohne eine einzige Einsatzminute in dieser Saison) und Wolf hat sich, spielte er als Außenverteidiger oder alleiniger Schienenspieler, bislang äußerst unglücklich präsentiert. Es bleibt also zu hoffen, dass Klünter wieder zu seinem unaufgeregten Spiel zurückfindet und das Trainerteam eine Lösung dafür findet, ihn bei Pressingsituation nicht so alleine zu lassen. Hierzu hat am Freitag nämlich eindeutig ein Impuls von außen gefehlt. Klünter ist kein Lazaro – das wurde schon oft genug festgestellt – aber richtig eingesetzt kann er dieser Mannschaft gut tun.

Krzysztof Piatek – bereit für die Startelf?

Die mediale Aufmerksamkeit hätte kaum größer sein können, doch so etwas bringt eine Ablösesumme zwischen 22 und 27 Millionen Euro halt mit sich. Krzysztof Piatek hatte zuvor zwar keine einzige Minute mit der Mannschaft trainiert und trotzdem stand der Neuzugang vom AC Mailand sofort im Spieltagskader. Dass er Hertha helfen kann, hat der 24-jährige Mittelstürmer trotz fehlender Eingespieltheit aber bereits bewiesen.

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Rund 30 Minuten reichten als erste Visitenkarte. Unverzüglich nach seiner Einwechslung brachte Piatek ordentlich Schwung in das Spiel seiner neuen Mannschaft, sofort war seine Präsenz zu spüren. Das mag auch an den vielen Kameras gelegen haben, die auf den Polen gerichtet waren, aber waren es vor allem seine Aktionen, die dem Publikum auf Anhieb klar machten: “Oh, da steht jemand, der kicken kann.” Zwar litt auch Piatek unter dem wenig dynamischen Spiel, doch brachte er zumindest etwas Elan hinein. “Mit dem Krzysztof haben wir Komponente, die Zug und Leben reinbringt, um die sich der Gegner Gedanken machen muss”, erklärte Klinsmann nach Schlusspfiff.

Die Zahlen belegen es: zwar verzeichnete der Nationalspieler nur neun Ballaktionen, jedoch auch ganze drei Schüsse (Hertha gab insgesamt neun ab). In der 66. Minute schloss Piatek nach starker Maier-Flanke und einer schnellen Drehung sofort ab, und deutete damit schon einmal seine Handlungsschnelligkeit an. Der Schuss wurde noch abgeblockt. In der 72. Minute war der Torjäger seinem ersten Treffer für Hertha noch näher, doch sein Kopfball nach einer Ecke von Lukebakio verfehlte das Schalker Gehäuse nur knapp. Und schließlich Piateks Einzelaktion in der 80. Minute, bei der der Mittelstürmer bewies, dass er obendrein noch schnell ist. Wieder eingesetzt von Maier sprintete er die rechte Seite entlang, stoppte den Ball mit einer schnellen Bewegung, sah aber, dass kein Mitspieler wirklich mitgelaufen war und so schloss er selbst ab. Zwar verfehlte er das Tor erneut, jedoch aus schwierigem Winkel.

Bei Herthas derzeitigem Offensivspiel zu glänzen, ist als Mittelstürmer wirklich nicht leicht, doch Wintereinkauf Piatek machte das beste daraus. Er strahlte sofort Gefahr und Tatendrang aus und zeigte, weshalb man ihn holte: schnelle zackige Bewegungen, der absolute Torriecher und auch das Auge für den Mitspieler. Wie schnell Piatek zünden wird, ist natürlich schwer zu sagen, doch würde es nicht verwundern, wenn Klinsmann ihn am kommenden Dienstag im Pokal in die Startelf stellen würde. Der gute erste Eindruck wird dem Polen zumindest dabei helfen, zugleich von Beginn an zu spielen.