Marton Dardai – Wertvoller Durchschnitt

Marton Dardai – Wertvoller Durchschnitt

Trainersohn, Wunderknabe, oder einfach Marton Dardai. Der zweitälteste Sohn des Cheftrainers wurde schon mit vielen Namen versehen. Wir werfen einen Blick in die Daten um zu entscheiden, welchen er verdient hat und vor Allem, was er Hertha im Moment geben kann.

Marton Dardai: Plötzlich Bundesliga-Spieler

So mancher Fan rieb sich beim 1:2 gegen RB Leipzig verwundert die Augen, doch es lag nicht am Schultheiss-Bier, dass man plötzlich zwei Dardais von Anfang an auf dem Platz sah. Marton Dardai, zweitältester Sohn von Cheftrainer Pál, feierte tatsächlich sein Startelfdebüt.

Foto: IMAGO

Seit dem 22. Spieltag gehört der 19-jährige Linksfuß zum Stammpersonal in der Innenverteidigung. In der aktuell gespielten Dreierkette nimmt er hier die Position des linken Halbverteidigers ein und macht so den für selbstverständlich gehaltenen Jordan Torunarigha und Omar Alderete gehörig Druck.  Während Pál Dardai die Frage, ob Marton aufgrund offensichtlicher Verwandtschaftsverhältnisse eine Sonderbehandlung bekäme, regelmäßig zur Weißglut treibt, entbehrt die Situation nicht einer gewissen Seltsamkeit. Mitten im Abstiegskampf stellt der Cheftrainer das System so um, dass sein 19-jähriger Sohn, der zuvor grade mal 16 Bundesligaminuten sammeln konnte, direkter Profiteur ist? Dazu noch in der Innenverteidigung, wo es besonders auf Erfahrung und Körperlichkeit ankommt, zwei Aspekte, in denen man als junger, gerade aus der U23 hochgezogener Spieler, einfach den Kürzeren ziehen muss?

Grund genug mal einen Blick auf die Performance des Youngstars Dardai zu werfen. Doch anstatt mit des mit Tränen vernebelten Blicks, den der Abstiegskampf so mit sich bringt, lassen wir objektive Daten sprechen.

Datenset: Wie wir das Niveau von Dardai ermitteln

Alle Daten, die jetzt besprochen werden, stammen von fbref.com und spiegeln den Stand nach dem 26. Spieltag wieder. Das Datenset ist mit 450+ Spielern und 150+  Variablen enorm umfangreich. Deshalb habe ich mich auf die Daten konzentriert, die erstens eine Einschätzung von Dardais Verteidigungs- und Spielaufbau-Qualitäten, und zweitens eine gewisse Vergleichbarkeit ermöglichen.

Dem letzen Aspekt ist es geschuldet, dass ich so gut wie keinen direkten Zahlen ausgewählt habe. So gibt es zum Beispiel einen Wert, der anzeigt, wie viele Bälle ein Spieler abgefangen und durch Tacklings gewonnen hat. Dieser Wert ist klar davon abhängig, wie viel ein Spieler spielt. Jemand der 20 Spiele gemacht hat, hat mehr Gelegenheiten Bälle abzufangen, als jemand, wie Marton, der bisher nur in sieben Spielen zum Einsatz kam. Deshalb arbeite ich an dieser Stelle viel mit Prozentangaben.

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Darüber hinaus besteht das Vergleichsdatenset nur aus denjenigen Spielern, die laut fbref.com als Hauptposition Verteidiger sind. Das führt zum unschönen Nebeneffekt, dass auch Außenverteidiger in den Daten enthalten sind, die ja ein anderes Aufgabenprofil als Innenverteidiger haben, diese bittere Pille muss man allerdings anhand der Qualität der Daten und auch angesichts der Fluidität moderner Fußballsysteme schlucken.

Die von mir ausgewählten Daten sind:

Tacklingquote gegen Dribblings: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle ein Tackling gegen einen dribbelnden Spieler zur Balleroberung geführt hat.

Tacklingquote allgemein: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle ein Tackling des Spielers zur Balleroberung geführt hat.

Schusskreierende Aktionen pro 90 Minuten (SCA/90): Gibt an, wie oft pro 90 Minuten Aktionen des Spielers zu einem Schuss geführt haben. In absoluten Zahlen, nicht in Prozent.

Pressingquote: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle eine Pressingaktion des Spielers in höchstens 5 Sekunden zum Ballgewinn geführt hat.

Kurzpassquote: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe zwischen 4.5 und 13.7 Meter des Spielers angekommen sind. Originalangaben sind in Yard, deshalb die komischen Werte.

Passquote mittlere Pässe: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe zwischen 13.7 und 27.4 Meter des Spielers angekommen sind.

Passquote lange Pässe: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe von mindestens 27.4 Meter des Spielers angekommen sind.

Passquote allgemein: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe des Spielers angekommen sind.

Gewonnene Luftduelle: Gibt an, wieviel Prozent aller Luftduelle der Spieler für sich entscheiden konnte.

Anteil progressive Läufe mit Ball: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle der Spieler, wenn er den Ball am Fuß hatte, mindestens 4.5 Meter in Richtung gegnerisches Tor gelaufen ist. Läufe aus den letzten 40% des Spielfeldes zählen dabei nicht. Also z.B. wenn man von der eigenen Eckfahne in Richtung gegnerisches Tor läuft.

Anteil Pässe ins letzte Drittel: Gibt an, wie viel Prozent der angekommenen Pässe ins letzte Drittel vor dem gegnerischen Tor gelandet sind.

Marton Dardai gegen die Liga

Wir gucken uns zunächst an, wie Dardai gegen alle Verteidiger der Liga abschneidet. Ich habe dazu den Durchschnitt der Variablen gebildet und ihn mit Martons Werten verglichen.

In allen Grafiken ist Dardai immer der blaue Punkt.

Es fällt auf, dass Dardai ein ziemlich durchschnittlicher Spieler ist. Bei den allgemeinen Tacklings und den mittleren Pässen sogar überdurchschnittlich. Lediglich im Vorwärtsdrang und Kopfbällen muss er sich verbessern.

Das mag vielleicht auf den ersten Blick ernüchternd wirken, doch wir dürfen nicht vergessen, dass Hertha momentan eine unterdurchschnittliche Mannschaft ist. Das bedeutet wiederrum, dass ein bisschen Durchschnittlichkeit eine klare Verbesserung darstellt.

Aber wie sieht es denn mit Martons direkten Konkurrenten aus? Ist er hier besser, weil Durchschnitt?

Marton Dardai gegen seine direkten Konkurrenten

Ich vergleiche Dardai jeweils mit Omar Alderete und Jordan Torunarigha. Beides die nominellen linken Innenverteidiger.

Dardai ist wieder der blaue Punkt. Im Vergleich zu Jordan Torunarigha zeigt sich, dass Marton der wesentlich bessere Tackler zu sein scheint. Auch im Pressing ist er erfolgreicher. In Puncto Aufbauspiel fällt er jedoch hinter Jordan zurück und auch hier zeigt sich die Schwäche des jungen Dardais, wenn es um Kopfbälle geht.

Das fast gleiche Muster lässt sich auch im Vergleich mit Omar Alderete erkennen.

Beide Dardais, Vater und Sohn, bringen also eine gewisse Stabilität in die Defensive. Dafür gibt es im Aufbauspiel etwas bessere Alternativen. Es ist also wie immer eine Abwägungssache, was dem eigenen Spiel momentan gut tut.

Wunderknaben unter sich: Dardai vs Schlotterbeck

Einen letzten Vergleich, der sich vielleicht auch am Derby-Sonntag live ereignen könnte, kann man zwischen Dardai und Nico Schlotterbeck anstellen. Der junge Unioner ist auch Linksfuß und wird deshalb auch meist als linker Halbverteidiger in einer Dreierkette eingesetzt. In der folgenden Grafik ist sein Punkt Rot.

Schlotterbeck übertrumpft Dardai in fast allen Bereichen. Das könnte einerseits daran liegen, dass Union momentan besser da steht als Hertha, aber auch an der größeren Erfahrung des 21-jährigen Köpenickers. Insbesondere seine Tacklingquote gegen Dribblings ist beeindruckend.

Fazit: Dardai ist mit 19 Jahren beeindruckend reif

Marton Dardai ist ein durchschnittlicher Spieler. Doch das ist genau das, was Hertha momentan im Abstiegskampf braucht. Ruhe und Konstanz. Ein hohe Leistungsvolatilität kann fatale Fehler nach sich ziehen, die wertvolle Punkte kosten könnten. Wenn sich Dardai jetzt noch im Kopfballspiel verbessert, kann er auch dauerhaft eine große Bereicherung für das Team sein und Feuer im Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung machen.

Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Dardai gerade einmal 19 Jahre alt ist. In so einem Alter in den Abstiegskampf geworfen zu werden, wissend, dass das Attribut Trainersohn wie ein blaues D auf der Brust prangt, ist wahrlich nicht einfach wegzustecken. Das Marton trotzdem so gut performt, lässt die Brust eines jeden Hertha-Fans in freudiger Erwartung einer zweiten Vereinslegende mit dem Namen Dardai höherschlagen.

[Titelbild: xMatthiasxKochx/IMAGO]

Arne Maier – Trotz Tapetenwechsels kein Durchbruch

Arne Maier – Trotz Tapetenwechsels kein Durchbruch

Bei seinem Leihverein Arminia Bielefeld stand Arne Maier an den letzten drei Spieltagen nicht mehr im Kader und das obwohl er verletzungsfrei zu sein scheint. Wir blicken auf die schwierige Situation des 22-jährigen Mittelfeldspielers in Bielefeld, aber auch auf seine Vergangenheit und Zukunft in Berlin.

Erst Stammspieler, dann verletzt und unzufrieden

Eigentlich war Arne Maier doch schon in der ersten Bundesliga angekommen. In der Saison 2018/2019 gehörte er zum absoluten Stammpersonal bei Hertha und stand in 24 Spielen in der Bundesliga in der Startelf. Mit rund 2.000 Spielminuten war er in der letzten Saison während der ersten Dardai-Zeit der Sechser mit am meisten Spielzeit bei Hertha. Das Eigengewächs schien Gegenwart und Zukunft der „alten Dame“ zu sein. Zum Ende der Saison zog er sich jedoch eine schwere Verletzung am Innenband (Knie) zu und fiel daraufhin insgesamt sieben Monate verletzt aus.

Während dieser Ausfallzeit hat sich bei Hertha viel verändert. Pal Dardai musste gehen und mit Ante Covic kam ein neuer Trainer, Hertha gab die Zusammenarbeit mit Lars Windhorst bekannt und kurz nachdem Maier wieder einsatzbereit war, musste Covic den Verein schon wieder verlassen. Im darauffolgenden Winter machte Hertha bekanntermaßen umfangreich von den neuen finanziellen Mitteln Gebrauch und verpflichtete gleich zwei neue Spieler für das zentrale Mittelfeld. Plötzlich konkurrierte Maier mit Eduard Löwen, Santi Ascacibar und ab Sommer mit Rekordeinkauf Lucas Tousart.

Schon damals liebäugelte der immer wieder von Verletzungen zurückgeworfene Maier mit einem Wechsel, da er mit seiner Gesamtsituation unzufrieden war. Dazu kam es aber zunächst nicht. Er beendete die Saison bei Hertha und stand in der Rückrunde noch dreimal über 90 Minuten auf dem Platz, hatte aber erneut immer wieder kleinere Verletzungsprobleme.

Foto: IMAGO

Während der darauffolgenden Sommervorbereitung, in der er unter anderem auch die deutsche U21-Nationalmannschaft als Kapitän anführte, schien er wieder mehr in den Fokus gerückt zu sein. Labbadia hatte ihn auch fest für die anstehende Saison eingeplant, Maier selbst entschied sich aber dagegen den Konkurrenzkampf bei Hertha anzunehmen und schätzte seine Einsatzchancen bei Hertha nicht allzu hoch ein. So wechselte er wenig später zum Aufsteiger Arminia Bielefeld.

Glücklos in Bielefeld

Bei der Bekanntgabe des Wechsels erklärte er diesen Schritt noch einmal: „Ich bin noch ein junger Spieler, habe aber einen klaren Plan und habe mir ambitionierte Ziele gesteckt. Möglichst viel Spielzeit ist daher für mich wichtig, um den für mich persönlich nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Dafür sehe ich in Bielefeld optimale Bedingungen.“

Mehr als vier Monate später muss man feststellen, dass statt dem nächsten Entwicklungsschritt eher ein Rückschritt für Maier folgte. Zweimal durfte er für die Arminia starten, beide Male wurde er zur Halbzeit wieder ausgewechselt. Dreimal wurde er in den Schlussminuten eingewechselt. Dabei ist es gar nicht so einfach die Gründe dafür, dass Maier so wenig spielt, klar zu benennen.

Foto: nordphotoxEngler/IMAGO

Maier kam mit Verletzungsproblemen (erneut am Knie) zu Bielefeld und hatte dementsprechend kaum die Möglichkeit, sich im neuen Umfeld einzugewöhnen. Seine ersten Einsätze machte Maier aber trotzdem nur kurz nach seinem Wechsel. Zu früh, meint Bielefeld-Trainer Uwe Neuhaus mittlerweile und glaubt, dass man ihn damals zu wenig Zeit gegeben hat, um sich vollumfänglich von der Verletzung zu erholen. Zum Jahresende zog er sich dann erneut eine Verletzung zu, diesmal am Sprunggelenk. Auch in Maiers privatem Umfeld scheint es Schwierigkeiten gegeben zu haben, zwischenzeitlich fehlte er aufgrund „privater Angelegenheiten“. Bei seinen ersten Einsätzen für Bielefeld war er zudem an einigen unglücklichen Szenen, die zu Gegentoren führten, direkt beteiligt.

Seit Jahresbeginn trainiert Maier wieder regelmäßig mit der Mannschaft, scheint aber weiterhin nicht zurück in die Spur zu finden. Ob dies nun an seinem Leistungs- oder an seinem Fitnesszustand liegt oder noch andere Gründe hat, lässt sich von außen schwer sagen und lässt auch viele Bielefeld-Fans ratlos zurück. Denn eigentlich hätte Maier die Qualitäten, die Mannschaft spielerisch weiterzubringen. Davon scheint er aber aktuell so weit entfernt zu sein, dass er bei den letzten drei Spielen nicht mal mehr im Kader stand. Aktuell deutet auch wenig auf eine Trendwende hin. Uwe Neuhaus meint dennoch: „Ich glaube, dass die Zeit für ihn spricht: Wenn er gesund bleibt, wird er irgendwann spielen“.

Perspektive bei Hertha

Unabhängig davon, wie sich seine Leihe weiter gestaltet, steht fest, dass Maier im Sommer wieder zur Hertha zurückkehren wird. Eine an die Leihe geknüpfte Vertragsverlängerung bindet den Mittelfeldspieler noch bis mindestens 2023 an den Verein. Ob er aber wieder ein wichtiger Bestandteil des Teams werden kann, ist zum aktuellen Zeitpunkt zumindest fraglich. Pal Dardai kennt Maier gut und verhalf ihm zu seiner bisher besten Phase in seiner Karriere. Unter ihm feierte Maier sein Bundesligadebüt und wurde zum Stammspieler. Es ist durchaus denkbar, dass Maier unter Dardai, sollte dieser über die aktuelle Saison hinaus bei Hertha bleiben, wieder zu alter Stärke findet.

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Von seinem Spielerprofil würde er weiterhin gut in den Kader der Hertha passen. Gute Passgeber, die besonders beim Übergang vom Spielaufbau ins Angriffsdrittel helfen können, fehlen Hertha aktuell. Besonders wenn Guendouzi den Verein im Sommer verlässt, kann Hertha einen Spielertypen wie Maier gut gebrauchen. Auch für die mittelfristig angepeilte spielerische Weiterentwicklung könnte ein spielstarker Sechser wichtig sein. Dazu muss er zunächst aber wieder ein gutes Fitness- und Leistungsniveau erreichen.

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Peter Pekarík – eine Insel von Konstanz bei Hertha BSC

Peter Pekarík – eine Insel von Konstanz bei Hertha BSC

Torhüter, instabile Innenverteidiger-Duos oder formschwache Offensivkräfte: Hertha BSC hatte in der laufenden Saison schon viele verschiedene Problemzonen. Die Position des Rechtsverteidigers gehörte bisher nicht dazu. Das hat vor allem mit Peter Pekarík zu tun.

Eigentlich war er ja nur noch als Back-Up und Übergangslösung eingeplant. Einen neuen Einjahresvertrag hatte Peter Pekarík im letzten Sommer noch einmal unterschrieben, nachdem er sich gegen Saisonende plötzlich wieder in Herthas Stammelf gespielt hatte. Und obwohl der Slowake nach dem Bundesliga-Restart durchaus ansprechende Leistungen abgeliefert hatte, sollte Pekarík eigentlich Stück für Stück ins zweite Glied rücken und Neuzugang Deyovaisio Zeefuik seine Rolle hinten rechts in der Berliner Abwehrkette überlassen.

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So oder so ähnlich dürften die Pläne von Herthas Verantwortlichen im letzten Sommer gewesen sein, als sie die ‚Baustelle Rechtsverteidiger‘ gedanklich als erledigt abhakten. Ein halbes Jahr später ist Pekarík für Hertha wichtig wie lange nicht mehr: Nachdem er im letzten Jahr von Pál Dárdais erster Amtszeit genau wie unter dessen Nachfolgern Ante Covic, Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri kaum eine Rolle gespielt hatte, ist er in der aktuellen Saison Herthas Feldspieler mit den fünftmeisten Spielminuten, nur zwei Mal stand der 34-Jährige nicht in der Startelf.

Die Gründe für diese überraschende Entwicklung sind vielfältig. Ein Teil liegt sicher darin begründet, dass Deyovaisio Zeefuik bisher nicht die erhoffte Verstärkung ist und war. Nachdem es zu Saisonbeginn tatsächlich so aussah, als würde Ex-Trainer Labbadia den jungen Niederländer peu à peu aufbauen, wurde Zeefuik nach seiner Gelb-Roten-Karte gegen RB Leipzig de facto aussortiert. Seine weiteren Kurzauftritte überzeugten ebenso wenig, Zeefuik wirkte nicht griffig und konzentriert genug, beinahe allen seiner Aktionen fehlte die Spannung.

Mister Zuverlässig schlägt zurück

Der wichtigste Faktor ist aber Pekarík selbst, der mit seinen Leistungen verblüfft. Jahrelang als einer der torungefährlichsten Bundesliga-Spieler überhaupt verschrien, hat er in den letzten zwölf Monaten wettbewerbsübergreifend vier Tore erzielt – doppelt so viele wie in den sieben Jahren Hertha zuvor.

Der Expected-Goals-Wert gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Abschluss auch tatsächlich im Tor landet

Wenn man in dieser Saison einen Blick auf die Expected-Goal-Statistiken wirft, wird eines klar: Was die von ihm ausgehende Torgefahr angeht, ist Pekarík mitnichten einer der schwächeren Bundesliga-Rechtsverteidiger. In diesem Ranking liegt er unter anderem auch vor Stefan Lainer und Lars Bender – obwohl deren Mannschaften im Allgemeinen deutlich offensiver als Hertha agieren. Diese Weiterentwicklung hätte ihm wohl kaum einer zugetraut, gerade in seinem mittlerweile hohen Fußballer-Alter von 34 Jahren.

Parallel zu seinem entdeckten Torriecher hat Pekarík aber nicht seine Zuverlässigkeit verloren. Mitnichten agiert der Rechtsverteidiger sorglos oder risikoreich. Seine Passquote von 81,4% ist im Liga-Vergleich einer der besten Werte. Nicht umsonst hat er sich den Spitznamen „Mister Zuverlässig“ verdient. Pekarík ist Herthas Tiefkühlpizza: Immer da, wenn er gebraucht wird, und man weiß, was man bekommt.

Gleichzeitig darf man aber auch keine Wunderdinge von ihm erwarten. Im Spielaufbau der Blau-Weißen nimmt er meistens keine allzu wichtige Rolle ein, das zeigt auch die Anzahl der von ihm gespielten ‚Progressive Passes‘, die unter dem Liga-Schnitt liegt.

Neben dem Spiel mit dem Ball gehört vor allem das Verteidigen zu Pekaríks Aufgabengebiet. Meistens tut er das ganz unaufgeregt, unauffällig und solide. Auffällige Fehler unterlaufen ihm auch aufgrund seiner Erfahrung nur selten, sein Zweikampfverhalten ist ein guter Mix zwischen abwartend und aggressiv.

Bei aller angenehmen Unauffälligkeit, mit der der Slowake Ruhe in Herthas Defensivverbund bringt, muss man aber auch feststellen, dass Pekarík kein exzellenter Verteidiger (mehr) ist. Weder gewinnt er viele Tacklings, noch kann er besonders viele Bälle klären. Zum Vergleich: Maximilian Mittelstädt liegt in beiden Statistiken deutlich vor dem 34-Jährigen – und das, obwohl ‚Peka‘ deutlich mehr Minuten gespielt hat.

Wie geht es weiter?

Im kommenden Sommer läuft Pekaríks Vertrag bei Hertha aus, ob das Arbeitspapier ein weiteres Mal verlängert wird, ist nicht klar. In jedem Fall wird man sich in Berlin nach Verstärkungen umsehen – die auch eine Verjüngung gegenüber Pekarík darstellen sollten, um dem Slogan ‚Die Zukunft gehört Berlin‘ wieder gerechter zu werden.

Gleichzeitig hat man mit Lukas Klünter und Deyovaisio Zeefuik noch zwei andere Rechtsverteidiger mit Steigerungspotenzial im Kader, der Transferfokus dürfte also eher in die Richtung eines gestandeneren Spielers gehen.

(Photo by Clemens Bilan – Pool/Getty Images)

Und wer weiß? Vielleicht gibt es im Zuge dessen auch eine teilweise Abkehr von der Big-City-Transferpolitik der letzten Jahre, mehr in Richtung der erfolgreichen Wechselgeschäfte, die bei Hertha vor dem Windhorst-Einstieg vollzogen wurden.

Ein Blick auf die obigen Grafiken lässt schnell erkennen, dass man sich wohl außerhalb der Bundesliga wird umschauen müssen. Die Spieler der direkten Konkurrenten sind für Hertha entweder nicht zu haben oder schlicht nicht gut genug.

Drei mögliche Kandidaten für die Pekarík-Nachfolge

Im Zuge dessen könnte der Blick wie schon in der Vergangenheit in die Ligen der deutschen Nachbarländer schweifen und so auch Clinton Mata wieder ein Thema bei Hertha BSC werden. Schon letztes Jahr war der 28-Jährige vom FC Brügge mit Hertha in Verbindung gebracht worden. Der Angolaner ist insbesondere defensiv solide, aber auch im Kombinations- und Aufbauspiel bringt Mata einiges mit. Neben der Rechtsverteidigerposition kann er auch als Innenverteidiger spielen. Unklar ist allerdings, ob er Brügge überhaupt verlassen möchte.

PhotoNews/Panoramic PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY/IMAGO

Eine andere Option könnte der Schweizer Silvan Hefti werden. Aktuell ist der 23-jährige Spieler bei den Young Boys, zuvor war er bereits zwei Jahre lang Kapitän des FC St. Gallen. Womöglich könnte Teamkollege Fabian Lustenberger also ein paar gute Worte für Hertha einlegen. Mit bereits über 170 Erstliga-Spielen verfügt er trotz seines Alters schon über einige Erfahrung und könnte nach Kevin Mbabu und Jordan Lotomba schon der dritte Rechtsverteidiger in drei Jahren werden, der von Bern aus in eine Top-Fünf-Liga wechselt.

Hefti verteidigt gegenüber Pekarík etwas aktiver und aggressiver, aber nicht kopflos. Auch in Ballbesitz ist er etwas agiler als der Slowake, sucht Eins-gegen-Eins-Situationen – und kann sehr gute Flanken schlagen. In der Saison 2019/2020 legte er beim FC St. Gallen insgesamt sieben Tore auf und erzielte drei selbst.

Foto: IMAGO

Auch mit Jonas Svensson könnten sich die Hertha-Verantwortlichen beschäftigen. Der 27-jährige Norweger spielt aktuell in Alkmaar, im Sommer läuft aber sein Vertrag aus, der Spieler möchte die Eredivisie verlassen.

Mit seinem hohen Endtempo und generellen Spielweise erinnert er eher an Zeefuik als Pekarík, ist dabei aber deutlich weiter in seiner Entwicklung als der Niederländer: Mit 27 ist er gestandener Profi, deutlich routinierter und auch abgebrühter. Durch seine geringe Körpergröße (1,70 Meter) hat er eine Schwäche in Kopfballduellen, ist aber insbesondere am Ball ein guter Spieler.

[Titelbild: Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images]

Sami Khedira – endlich Ruhe und Konstanz?

Sami Khedira – endlich Ruhe und Konstanz?

„Ich will spielen, ich will Verantwortung übernehmen, ich will etwas erreichen“ – das waren die ersten Worte Sami Khediras bei seiner offiziellen Vorstellung als Hertha-Neuzugang. Der ehemalige Weltmeister und Champions-League-Sieger soll in Berlin helfen, in einer führungslos wirkenden Mannschaft wieder eine neue Hierarchie aufzubauen.

Italien-Experte Christian Bernhard von u.a. der Süddeutschen Zeitung und DAZN beantwortete unsere Fragen zu Sami Khediras Zeit bei Juventus Turin.

Zumindest ein leicht unwohles Gefühl dürfte dem einen oder anderen Hertha-Fan der Transfer von Sami Khedira bereiten. Ein abgehalfterter Star, der seine beste Zeit wohl hinter sich hat? Das hat starke Big-City-Club-Vibes, die in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder aus Medien und Vereinsumfeld zu vernehmen waren.

In der aktuellen Saison hatte Khedira vor seinem Wechsel zu Hertha kein Spiel bestritten, in den letzten Jahren wurde er immer wieder massiv von Verletzungen ausgebremst. Schreit nach dem nächsten Missverständnis, der nächsten Katastrophe – oder?

Khediras Rolle(n) bei Juventus

Je genauer man sich mit der Verpflichtung Khediras auseinandersetzt, desto mehr positive Aspekte lassen sich aber für Hertha aus diesem Transfer herausziehen. Das startet bei den Modalitäten, zu denen Khedira nach Berlin kommt: Für den 33-Jährigen verlangte Juventus keine Ablöse mehr, sein Vertrag läuft erstmal nur bis zum Saisonende, minimales Risiko für den Verein.

Sportlich gesehen ist Khediras Position im zentralen Mittelfeld sicher nicht die, auf der Hertha am dringendsten Bedarf an Verstärkungen hat. Mit Guendouzi, Tousart, Darida, Löwen und Ascasíbar stehen schon einige Kandidaten für diese Position bereit. Trotzdem könnte Khedira Herthas Spiel nochmal eine neue Facette verleihen:

(Photo by Valerio Pennicino/Getty Images)

Christian Bernhard sagt dazu: „Khedira hatte besonders unter Maurizio Sarri eine wichtige Rolle inne, weil er auf dem Feld für die Stabilität und Balance der Mannschaft wichtig war. Seine Erfahrung und Gabe, Spiel-Situationen gut zu lesen und zu antizipieren, machten ihn zu einem wichtigen Element für Sarri. Unter Massimiliano Allegri hatte er noch eine etwas dynamischere Rolle, dort kamen seine Offensivfähigkeiten mehr zum Tragen, weil er sich immer wieder gut mit in das Offensivspiel einschaltete.“

Herthas Mittelfeld sucht die innere Mitte

Stabilität und Balance – Punkte, die Hertha in der bisherigen Saison schmerzlich vermisste. Das Mittelfeld, welches sich in den meisten Saisonspielen aus Vladimir Darida, Mattéo Guendouzi und Lucas Tousart zusammensetzte, wirkte nur selten ausbalanciert. Auch Stabilität ging dem Hertha-Spiel weitestgehend ab, man erinnere sich an die Hinrunden-Auftritte gegen den FC Bayern oder Borussia Dortmund. „Vogelwild“ nannte Dardai seine Mannschaft nach dem Frankfurt-Spiel.

Auch Fähigkeiten im offensiven Bereich ließ Herthas Mittelfeld in dieser Saison erschreckend oft vermissen. Vladimir Darida erwischte einige, wenige Gala-Tage (im Hinspiel gegen Bremen oder gegen Schalke), aber abgesehen davon vermisste Hertha offensiv strukturgebende Mittelfeldspieler häufig schmerzlich.

In den ersten beiden Spielen seiner zweiten Amtszeit als Cheftrainer setzte Dárdai wieder auf „sein“ altbewährtes 4-2-3-1. Die Position, auf der Khedira in jüngster Vergangenheit am häufigsten zum Einsatz kam, ist in diesem System aber nicht vorhanden. „Unter Sarri kam er letzte Saison meist in einem 3er-Mittelfeld auf einer der Achter-Positionen, meist halblinks, zum Einsatz. Auch unter Allegri hat er meistens auf der Acht gespielt“, so Christian.

Nach seiner Einwechslung gegen den FC Bayern ließ sich aber schon erahnen, was der Plan mit Khedira in Herthas neuem Spielsystem sein könnte. Khedira wird wohl meistens auf einer der beiden Sechser-Positionen auflaufen. Dárdai sagte nach der Partie gegen Bayern auch, dass er von dort mit seiner Routine und Erfahrung auch ein wichtiger Bezugspunkt für Herthas Innenverteidiger werden könnte.

Endlich ein Anführer?

Neben seinen sportlichen Qualitäten dürfte genau diese Erfahrung ein zentraler Bestandteil von Herthas Entscheidung gewesen sein, Khedira zu verpflichten. Im Laufe der Jahre hat der 33-Jährige Seite an Seite mit dem einen oder anderen Weltklasse-Spieler gekickt und zudem auch bewiesen, dass er sich auch in einer Mannschaft voller Stars seinen Platz sichern kann. In seinen Jahren bei Juventus Turin führte er die italienische alte Dame sogar einige Male vertretungsweise als Kapitän auf den Platz.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

„Khedira war besonders für die jungen Juve-Mittelfeldkollegen ein Orientierungspunkt. So hat Rodrigo Bentancur, der seit vergangener Saison ein wichtiger Faktor im Juve-Spiel ist, erzählt, dass er sich Khedira als Beispiel genommen hat, als es darum ging, seine Torgefahr aus dem Spiel heraus zu steigern. Er beobachtete Khediras Timing und Abläufe für das offensive Miteinschalten sowie die Läufe in den gegnerischen Strafraum genau. Bentancur bezeichnete Khedira diesbezüglich als ‚bestes Beispiel'“, berichtet uns Christian.

Es braucht nicht allzu viel Vorstellungskraft, dass der Weltmeister von 2014 auch für die vielen jungen und talentierten Spieler in Berlin zu einer Art Mentor werden könnte. Im Optimalfall könnte er auch auf Spieler wie Lucas Tousart oder Santi Ascasíbar einen positiven Einfluss haben. Khedira hat im Fußball alles gesehen und erlebt, quasi jeden relevanten Titel gewonnen, Drucksituationen sind ihm alles andere als fremd.

Khedira scheint also tatsächlich in vielerlei Hinsicht ein guter Transfer für Hertha zu sein. Auch seine Persönlichkeit unterscheidet sich von vielen der Spieler, mit denen Hertha im Zuge der Windhorst-Millionen immer wieder in Verbindung gebracht wurde: „Khedira wurde aufgrund seiner Professionalität und ruhigen Art in Turin sehr geschätzt.“

Verletzungsgeschichte und fehlende Spielpraxis als Wehrmutstropfen

Leise Zweifel bleiben trotzdem. Die Einwechslung Khediras beim 0:1 gegen die Bayern war sein erster Pflichtspieleinsatz seit Juni 2020, das letzte Spiel über volle 90 Minuten ist sogar schon fast anderthalb Jahre her. Für Hertha wird es darum gehen, ihn zunächst mit kürzeren Einsätzen wie gegen die Bayern wieder spielfit zu bekommen, ohne dabei zu schnell vorzugehen und die nächste Verletzung zu riskieren.

(Photo credit should read VINCENZO PINTO/AFP via Getty Images)

Während in den letzten Jahren auch immer wieder Verletzungen die Pläne Khediras durchkreuzten, wurde er im Vorlauf der aktuellen Saison bei Juventus schlichtweg im Zuge des Umbruchs aussortiert: „In dieser Saison waren nicht-sportliche Vertragsgründe ausschlaggebend, dass er unter Andrea Pirlo nicht zum Einsatz kam. Juve wollte sich im vergangenen Sommer im Rahmen der Kader-Verjüngerung und des Umbruchs unter Pirlo von ihm trennen. Sein hohes Gehalt und seine Verletzungsanfälligkeit haben bei diesen Überlegungen wohl auch eine Rolle gespielt. Als er auch nach der Sommer-Transferperiode noch in Turin war, entschied der Verein, ihn nicht in den Spielkader aufzunehmen. Mittrainiert hat er aber die gesamte Saison, auch bei den Video- und Taktik-Einheiten war er mit dabei. Was ihm fehlt, ist klarerweise der Wettkampfrhythmus, aber Trainingseinheiten hat er genug in den Beinen.“

Als Juventus sich zu Saisonbeginn äußerst inkonstant und wackelig präsentierte, forderten Medien und Fans eine Rückkehr Khediras in die Mannschaft von Andrea Pirlo – was noch einmal verdeutlicht, was für ein hohes Standing der Ex-Stuttgarter beim italienischen Serienmeister der vergangenen Jahre genoss.

Würde man sagen: „Pál, khe dir a Mittelfeldspieler aussuchen“ – es wäre gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Dárdai mit Khedira im Gepäck wieder auftauchen würde. Vieles spricht nämlich für den 77-fachen deutschen Nationalspieler, auch wenn eine gewisse Skepsis vorerst bleiben wird.

[Titelbild: IMAGO]

Nemanja Radonjic – mit 37 km/h von Marseille nach Berlin

Nemanja Radonjic – mit 37 km/h von Marseille nach Berlin

Ganz so teuer wurde dieses Jahr die Winter-Shoppingtour bei Hertha BSC nicht. 78 Millionen Euro gab man vergangene Wintertransferperiode für neue Spieler aus, darunter Matheus Cunha, Lucas Tousart, Santiago Ascacibar und Krzysztof Piatek. Dieses Mal gab die „alte Dame“ deutlich weniger Geld aus: Sami Khedira und Nemanja Radonjic sollten die dringend notwendigen Verstärkungen für die Rückrunde darstellen. Wir werfen einen Blick auf den deutlich weniger prominenten Serben, der aus dem krisengebeutelten Olympique de Marseille per Leihgeschäft kommt.

Dabei konnten wir auf die Eindrücke eines echten „OM“-Kenners zählen. Boris (auf Twitter @Marsilien) twittert seit einigen Jahren in deutscher Sprache über den südfranzösischen Verein. Er hat uns dabei geholfen, den jungen Serben besser einzuschätzen.

Radonjic in Marseille – Enttäuschte Erwartungen

Wirklich glücklich wurde Nemanja Radonjic in Marseille nie, wo er ab der Saison 2018/2019 spielte. Warum erklärt uns Boris: „Er kam als vermeintliches Riesentalent aus Belgrad, mit guten Referenzen als Flügelspieler der sowohl Tore als auch Assists schießen kann. Ich denke mal die Idee dahinter war einen Ersatz für (Florian) Thauvin zu haben, der eigentlich einen Wechsel in 2019 in Aussicht hatte.“

Foto: GERARD JULIEN/AFP via Getty Images

„Er hat sich aber nicht so richtig als Ersatz behaupten können“, musste unser Experte feststellen. „Zwar hat er eine gewisse Torgefährlichkeit zeigen können, besonders in schnellen Kontersituationen, aber seine Leistung im Spielaufbau hat Mängel aufgezeigt. Er kam auch dementsprechend zu sehr wenigen Assists. „ Tatsächlich konnte er in der verkürzten Spielzeit 2019/2020 in 21 Einsätzen nur eine Torvorlage abgeben, dafür immerhin fünf eigene Treffer erzielen.

So richtig rund lief es in der laufenden Saison auch nicht. Was ihm vorgeworfen wurde, verrät uns unser Experte: „Es mag hart klingen, aber am meisten wurde seine mangelnde Spielintelligenz kritisiert. Er ist noch ein bisschen unvollkommen, vergisst ein wenig seine Spielpartner. Seine Dribbelstärke und seine Schnelligkeit werden ihm oft zum Verhängnis, weil er oft versucht alleine durchzuziehen, anstatt im richtigen Moment zu passen.“

Allerdings muss Boris auch feststellen: „Die ganze Mannschaft hatte regelmäßige Probleme mit der Offensive, er war nicht der Einzige der es schwer hatte, unsere Stürmer zu finden.“ Viel heftiger wurden die hochbezahlten Stars wie Florian Thauvin oder Dimitri Payet kritisiert, die ebenfalls immer wieder enttäuschten.

Von Chaosclub zu Chaosclub

Auch deshalb hinterlässt Radonjic trotz wenigen Einsatzminuten keine schlechten Erinnerungen in Marseille. Im Training sei er „nie schlecht aufgefallen, ich würde sagen dass er ziemlich spielfreudig ist und stets motiviert war“, sagt Boris. „Spielerisch wird er wohl keinen größeren Eindruck hinterlassen, aber er war den Leuten irgendwie sympathisch, er ist so eine Frohnatur. Ich denke mal, dass sich die Leute an ihn erinnern werden. Und er hat doch immerhin das eine oder andere Tor geschossen (sein Meisterwerk ist wahrscheinlich ein Siegestreffer in der Schlussminute gegen Brest).“

Wohl ein Highlight einer eher durchwachsenen Zeit in Marseille – sein Last-Minute Treffer gegen Brest

Radonjic spielte in der Hinrunde zwölf Partien in der Liga (zwei Tore, eine Vorlage) und zwei in der Champions League. Obwohl der 24-Jährige zuletzt wieder zum Einsatz kam und auch in der letzten Partie gegen Monaco treffen konnte, entschied er sich für den Neustart in Berlin. Dabei wird zusätzlich zur suboptimalen sportlichen und finanziellen Lage möglicherweise die Eskalation der Situation in Marseille zwischen Clubführung und Fans eine Rolle gespielt haben.

Mittlerweile befindet sich „OM“ in einer derart chaotischen Situation, dass selbst Hertha Fans in der Saison 2019/2020 schockiert wären. Am Wochenende stürmten Anhänger gewaltsam das Vereinszentrum und Anfang dieser Woche warf Trainer Vilas-Boas völlig überraschend das Handtuch. Was das angeht ist der serbische Nationalspieler also bestens gerüstet für seine Zeit in Berlin: mit großen Chaosclubs kennt er sich nun aus.

Radonjic – der nächste Serbe in der Hauptstadt

Hertha BSC und serbische Nationalspieler: da war doch was. Tatsächlich dürften einige Hertha-Fans noch schöne Spielszenen mit Marko Pantelic oder Gojko Kacar in emotionaler Erinnerung haben. In jüngerer Vergangenheit war es Marko Grujic, der als Serbe für Hertha BSC auf dem Platz stehen durfte. Letzterer soll tatsächlich auch eine Rolle im Transfer von Nemanja Radonjic gehabt haben.

Herthas Neuzugang erklärte, er sei sofort mit dem Ex-Herthaner in Kontakt getreten. „Marko war tatsächlich der Erste, den ich angerufen habe, nachdem klar war, dass Hertha Interesse hat (lacht). Er hat mir in unserem Gespräch nur das Beste über den Club und die Stadt erzählt, was mich in meinem guten Gefühl bestätigt hat!“, erzählte der 24-Jährige im Interview mit Hertha BSC.

Bis zum Sommer darf der junge Serbe für die „alte Dame“ zunächst auflaufen. Besonders teuer wird dieser Deal für Hertha BSC erstmal nicht. Die Leihgebühr ist wohl (auch mit Einsatz-Boni) unter einer Million geblieben und die Kaufoption sollte in dieser Höhe (12 Millionen Euro) eher eine Sicherheit für „OM“ darstellen. Hertha wird, sollte der junge Serbe überzeugen, am Ende der Spielzeit mit dem französischen Club sicherlich neu verhandeln. Eine ähnlich hohe Kaufoption gab es auch im Leihgeschäft mit Marius Wolf. Auch diese wurde nicht gezogen.

Was für ein Spielertyp ist Radonjic?

Das neue Umfeld scheint für den Serben jedenfalls nicht beunruhigend zu wirken: „Es ist für mich inzwischen auch nichts Neues mehr, an einen anderen Ort zu ziehen und dort anzukommen – daher denke ich, dass ich mich auch schnell an eine tolle Stadt wie Berlin gewöhnen kann und werde!“ Tatsächlich hat der 24-Jährige bereits einige Stationen in Europa hinter sich. Außerdem spielte er in der Champions League und bestritt 20 A-Länderspiele mit Serbien (4 Treffer).

Foto: Srdjan Stevanovic/Getty Images

Boris erwähnte bereits seine Schwächen, aber auch seine Stärken: Dribbelstärke, Torgefahr und Schnelligkeit. Letzteres sprach Radonjic in der Pressekonferenz selbst an, und erwähnte, dass er in Marseille bei Leistungstests im Training mit 37 Kilometer pro Stunde geblitzt wurde. Was Hertha sicher besonders helfen wird: der Flügelspieler ist beidfüßig und kann sowohl auf der favorisierten linken wie auch auf der rechten Außenbahn spielen.

Trotz der enttäuschenden Zeit in Marseille traut Boris dem Serben in Berlin etwas zu: „Es kann sich alles ändern, wenn er sich mit seinen Kollegen bei Hertha besser verträgt. Und ich meine auch, dass die Bundesliga ein besseres Spielfeld für solche Stürmerprofile ist, er wird wahrscheinlich nicht so eingeengt wie es in Frankreich der Fall ist.“

Dabei helfen könnte ihm seine Physis. Anders als sein Konkurrent auf der rechten Seite Dodi Lukebakio kann sich Radonjic durchaus auch körperlich durchsetzen. Das kann in der Bundesliga besonders wertvoll werden. So sieht es auch Arne Friedrich: „Er ist ein kleiner Bulle und hat die Robustheit für die Bundesliga“, und wenn Jemand über Robustheit sprechen kann, dann ist das sicherlich Herthas neuer Sportdirektor.

Nemanja Radonjic – für Hertha kein Risiko-Transfer

Obwohl er im Vergleich zu Sami Khedira für deutlich weniger Gesprächsstoff sorgt, sind die Chancen des Serben in den nächsten Wochen in der Startelf zu landen, deutlich größer. Dabei hilft ihm die personelle Situation bei Hertha BSC. Der verletzungsanfällige Javairo Dilrosun, der formschwache Dodi Lukebakio und der noch sehr junge Jessic Ngankam stellen seine stärkste Konkurrenz dar. Hertha hat schon seit dem Sommer 2020 zu wenig Optionen auf den Außenbahnen. Eine solche Alternative haben die Berliner jetzt mit dem Flügelstürmer endlich holen können.

So entschied sich Hertha also doch gegen die sehr teuren Alternativen. Eine Verpflichtung von Milot Rashica (an den Hertha Gerüchten zufolge interessiert war) hätte ähnliche Dimensionen eingenommen, wie vergangenen Winter ein Transfer von Matheus Cunha. Die Berliner gehen also eher einen Schritt zurück. Dieser Transfer erinnert eher an Zeiten vor den Tennor-Millionen. Doch genau das könnte der richtige Weg sein.

Schließlich stecken die Hauptstädter tief im Abstiegskampf und müssen mit Pal Dardai erstmal bis zum Sommer die Wende schaffen. Herthas Spiel wird in dieser Phase wohl nicht mehr revolutioniert werden. Mit Radonjic will man keinen Hurra-Fußball spielen, sondern so schnell wie möglich aus der roten Zone der Tabelle raus. Dabei könnten schnelle und robuste Spieler wie er möglicherweise noch sehr wertvoll werden.

Partygänger oder Instagram-Icon?

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Wer den einen oder anderen Fan-Kommentar aus Marseille über Radonjic liest, dürfte sich etwas wundern. Ein Running-Joke scheint zu sein, dass der Serbe besonders feierwütig ist. Die Wahrheit sieht etwas anders aus, wie uns Boris erzählt. „Als er kam, hatte er eine Reputation als Partytyp, weil er in seiner Jugend deswegen vom Nachwuchszentrum von AS Rom geflogen ist. Es gab in Marseille zwar keine Vorfälle, aber er hat irgendwie diese Reputation behalten.“

Hertha-Affine Instagram-Nutzer:innen dürften auch gespannt sein: „Leute haben sich auch über ihn lustig gemacht, weil er auf Instagram einschlägige Frauenfotos geliked hat“, meint unser Experte. „Und dazu passend wäre auch dieses bizarre Video im US-Rapper/ModeIcon Style, das er im letzten Sommer gepostet hat. Ich kann mir vorstellen, dass er in Berlin bestimmt neuen Stoff für seinen Instagram-Account finden wird.“

Auf dem Platz wird Nemanja Radonjic Hertha BSC sofort weiterhelfen müssen. „Ich verspreche mir Tore und Torvorlagen“, hieß es von Arne Friedrich. Eine Garantie gibt es dafür natürlich nie. Ob Nemanja Radonjic wie sein Landsmann Marko Pantelic „die alte Dame“ langfristig prägt, ist vielleicht unwahrscheinlich. Das braucht Hertha BSC aber aktuell gar nicht primär.

Am Ende sind nicht die großen Namen, sondern die Zusammenstellung und die Breite des Kaders entscheidend. Hertha hat dringend einen fitten, schnellen und international erfahrenen Spieler gebraucht, der auf den Außenbahnen mit einer gewissen Sorglosigkeit für Entlastung sorgen kann. Genau einen solchen Spieler haben sich die Hauptstädter jetzt mit Nemanja Radonjic ins Boot geholt.

*Titelbild: IMAGO

Marton Dardai – Zwischen Bundesligadebüt und Regionalligaunterbrechung

Marton Dardai – Zwischen Bundesligadebüt und Regionalligaunterbrechung

Beim Auswärtsspiel gegen Augsburg dürfte Marton Dardai erstmals in das Rampenlicht der Bundesliga treten und sein Profidebüt feiern. Zwar kam er erst in den letzten Minuten des Spiels auf den Platz, ein besonderer Moment in seiner Fußballerkarriere wird es aber trotzdem gewesen sein. Wir werfen einen genaueren Blick auf die letzten Monate, den Spielstil und die aktuelle Situation des 18-jährigen Sohns von Ex-Trainer Pal Dardai.

Ein turbulentes Jahr

Auch für Marton Dardai wird das Jahr 2020 turbulent gewesen sein. Das vermutlich nicht nur weil er, wie viele andere mit den Umständen der Corona-Pandemie konfrontiert wurde, sondern auch weil sportlich für ihn Einiges passierte. Zu Jahresbeginn durfte Dardai zum ersten Mal für die U23 in der Regionalliga auflaufen. Zuvor hatte er anderthalb Jahre sehr erfolgreich bei der U19 gespielt. Dort führte er das Team teilweise als Kapitän auf den Platz und löste sein Ticket für die Teilnahme an der U17-Europameisterschaft mit der deutschen Jugendnationalmannschaft.

In den Jugendwettbewerben wurde im Frühjahr der Spielbetrieb eingestellt und bei Herthas Bundesliga-Mannschaft übernahm Bruno Labbadia im April den Trainerposten. Als der Trainingsbetrieb langsam wieder in Kleingruppen aufgenommen wurde, bildete das Team rund um Labbadia auch eine Gruppe mit acht Jugendspielern, die sich das Trainerteam mal genauer anschauen wollte. Darunter auch Marton Dardai.

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In den letzten neun Bundesligapartien der Saison saß Dardai dann sechsmal auf der Bank und gehörte nun zum erweiterten Kader der Profis. Er scheint also einen positiven Eindruck bei Labbadia hinterlassen zu haben, denn dieser ermöglichte ihm den rasanten Aufstieg von der U19 (über die U23) zu den Profis in nur wenigen Monaten. Die Sommervorbereitung machte Dardai dann ebenfalls bei der ersten Mannschaft mit und trainierte auch in den letzten Monaten bei nahezu jeder Einheit unter Labbadia mit. Spielpraxis sammelt er hingegen bei der zweiten Mannschaft. Dort steht er regelmäßig mit seinem älteren Bruder Palko auf dem Platz. Marton Dardai zeigte gute Trainingsleistungen und hat sich laut Labbadia in einigen Bereichen zuletzt auch noch individuell verbessert. So kam es nun am siebten Spieltag zu seinem Debüt, das der Cheftrainer als „eine logische Folge“ (kicker) sieht.

Ruhig und Spielstark

Marton Dardai spielt am liebsten auf der linken Innenverteidigerposition und lief dort auch die meiste Zeit in den Jugendmannschaften auf. Auf dem Spielfeld ist er sehr weit für sein Alter (18 Jahre) und im Jugendbereich dürfte er auch immer wieder die Rolle des Kapitäns einnehmen. Er kann ein Team anführen und scheut sich nicht davor, es mit lauten Kommandos anzuleiten. Auch mit seiner Spielweise zeigt er sich sehr reif. Gegen den Ball löst er Situationen zumeist sehr souverän und glänzt mit gutem Stellungsspiel. Sein Zweikampfverhalten war in den U-Mannschaften nicht allzu auffällig, aber über die letzten Monate hat er vor allem körperlich nochmal zugelegt. Er wirkt zudem selten nervös, sondern strahlt in den meisten Situationen eine große Ruhe aus und hat ein gutes Kopfballspiel.

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Seine größte Stärke ist aber sein Spielaufbau mit seinem überdurchschnittlich guten linken Fuß. Der zweitjüngste Dardai-Sohn zeigt stets eine gute Übersicht und findet seine Mitspieler fast überall auf dem Feld. Er kann gute linienbrechende Schnittstellenpässe, aber auch lange Bälle hinter die letzte Kette spielen. Genauso liegen ihm Verlagerungen und schnelle Pässe in den Lauf. Sein Passspiel kann den Spielaufbau einer Mannschaft enorm beleben. Typisch für ihn ist außerdem, dass er gegen tiefstehende Jugendmannschaften auch gerne mal etwas weiter vorne auftauchte und aus der zweiten Reihe abzog.

Insgesamt lässt sich Marton Dardai als ein sehr ruhiger und spielstarker Innenverteidiger beschreiben.

Es ist kompliziert

Auch wenn das Bundesliga-Debüt anderes vermuten lässt, ist die Situation für Marton Dardai bei den Profis nicht leicht. Auf seiner Position hat er mit Omar Alderete und Jordan Torunarigha zwei Spieler vor sich, die zuletzt zu überzeugen wussten und wohl den Platz in der linken Innenverteidigung zunächst unter sich ausmachen werden. Ob er in naher Zukunft zu weiteren, eventuell auch längeren Einsätzen kommen wird, hängt dabei also unter anderem von der Verletzungssituation und Faktoren, die er selbst nicht beeinflussen kann ab. Das weiß auch Bruno Labbadia und meint: „Sein Bundesliga-Debüt war jetzt nur der kleine Anfang. Der weitere Weg wird noch ein Stück dauern.“

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Erschwerend kommt für Dardai und die anderen Talente nun noch hinzu, dass die Saison in der Regionalliga unterbrochen wurde. Die für Talente und ihre Entwicklung so wichtige Spielzeit wird für den 18-Jährigen also vorerst wegfallen. Insgesamt also keine einfachen Umstände für den jungen Innenverteidiger. Der erste Einsatz unter Labbadia lässt sich so auch als eine Art Motivationsanschub für die schwierigen nächsten Wochen und Monate sehen. Für Dardai gilt also weiterhin: geduldig sein und hart arbeiten. Sollte die Profimannschaft in den nächsten Monaten konstanter gute Ergebnisse einfahren, wird es Bruno Labbadia sicherlich auch leichter fallen, den jungen Spielern mehr Spielzeit zu geben.

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