Deyovaisio Zeefuik – ein Kämpfer für die Hertha

Deyovaisio Zeefuik – ein Kämpfer für die Hertha

Lange musste Hertha sich gedulden, schließlich klappte es mit dem Transfer. Der neue Mann, mit der etwas ungewöhnlichen Nummer 42 im Rücken, heißt Deyovaisio Zeefuik. Ein Name, das gefundenes Fressen für Wortspiel-Liebhaber ist und für manche Kommentatoren sicher eine Herausforderung werden wird, jedoch ganz einfach mit „Deyo“ abgekürzt werden kann. Der junge Niederländer soll das neue Gesicht auf der rechten Verteidigerseite von Hertha BSC werden und für die nächsten Jahre die „alte Dame“ verstärken. Wir haben uns Herthas Neuzugang genauer angeschaut, und dabei viele noch unbekannte Aspekte für uns entdeckt.

Dabei hatte wir das Glück, einen echten Experten an unserer Seite zu haben, der unsere Fragen beantworten konnte. Jan (auf Twitter @janwillemspaans) ist Journalist und Autor, kennt sich in der Niederländischen Liga, der „Eredivisie“, bestens aus und konnte uns einiges über „Deyo“ erzählen. Mit ihm blicken wir gemeinsam auf den neuen Mann und seine Perspektive in blau-weiß.

Von der Ajax-Akademie zum FC Groningen

“Deyo” mit seinen alten Bekannten bei Hertha BSC. (Foto: IMAGO)

Ganz allein und ohne Freunde wird Herthas Neuzugang ganz sicher nicht sein: an der Spree trifft er auf alte Bekannte. Gemeinsam mit Javairo Dilrosun spielte er in der Jugend von Ajax Amsterdam. Daishawn Redan kannte er aus seiner Nachbarschaft: „Manchmal haben wir zusammen auf der Straße gekickt“, kann sich „Deyo“ erinnern. Auch Redan spielte in der Ajax-Jugend. Entwickelt sich Hertha zu einer Art „Mini-Ajax“? „Alle drei (Dilrosun, Redan und Zeefuik) sind in Amsterdam geborene Jungs, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bis in die erste Mannschaft von Ajax gekommen sind, aber durchaus in der Lage sind, gute Bundesligamannschaften wie Hertha stärker zu machen“, sagt unser Experte dazu.

Jan selbst kommt ebenfalls aus Amsterdam und erklärt uns, was die Jugendakademie dort so besonders macht: „Die Ajax-Akademie ist ein Markenzeichen für Exzellenz. Sie genießen den Luxus eines dicht besiedelten Gebiets, profitieren von einer Vielfalt von hochkarätigen Trainern. Von jedem Trainer der ersten Profi-Mannschaft wird außerdem erwartet, dass er jungen Talenten ihre Chance gibt – was auch bei Deyo der Fall war!“

Auf die Frage, wie dieser erste Eindruck von Deyovaisio Zeefuik bei den Profis war, muss Jan zunächst einmal etwas schmunzeln: „Ich komme aus Amsterdam, und obwohl ich das lokale Team nicht besonders unterstütze, tun es die meisten meiner Freunde. Sie bemerkten ihn das erste Mal in der Saison 2017/18. Man kann mit Sicherheit sagen, dass er nicht vom ersten Tag an ein großartiger Spieler war. Er war dieser unbesonnene, ungeschickte Fußballer, und es war klar, dass er erstmal wegziehen musste, um Spielzeit zu bekommen. Es führte ihn ja dann zum FC Groningen.“

Erster Erfolg in Groningen

Dort kam Zeefuik erst richtig in die Eredivisie an, setzte sich prompt als Stammspieler auf der rechten Verteidigerposition durch und spielte dort zweieinhalb Spielzeiten so gut wie jede Partie durch. Durch die regelmäßige Spielpraxis bei den Profis verabschiedete er sich schnell vom Bild des „unbesonnenen, ungeschickten Fußballer“. Jan beschreibt ihn heute wie folgt: „Er verkörpert einfach “Action”. Er ist unglaublich im Spiel involviert, ist Spitze in allen Kategorien. Tacklings, Dribblings, eins gegen eins, er ist ein sehr fleißiger Junge.“

Die Nummer “42” hatte Deyo bereits in der Jugend bei Ajax Amsterdam auf dem Rücken. (Foto: IMAGO)

Kein Wunder also, dass er auch in der Saison 2019/2020 beinahe jede Minute für den FC Groningen auf dem Platz stand. „Ich liebe seine Energie“, sagt unser Experte, „Kein Verteidiger in der Eredivisie dribbelte so viel wie Zeefuik in der Saison 2019/20, 2018/19 war er bei den Tacklings ganz oben auf der Liste. Er schlägt auch sehr gute Flanken und wird auf dem rechten Flügel jeden Zentimeter abdecken.“

Seine Qualitäten waren insbesondere auch im System vom FC Groningen wertvoll, das, wie uns Jan erklärt, einen eher für den niederländischen Fußball untypischen defensiven Fußball spielt. „Der FC Groningen kassiert sehr wenig Tore. Das bedeutet, dass Zeefuik immer einen Innenverteidiger hatte, der bei seinen Vorstößen für Absicherung sorgte. So haben sie also wirklich zu seinen Stärken gespielt.“

Mehr Stärken als Schwächen

Das alles klingt zunächst sehr vielversprechend. Doch uns interessiert auch, was dem 22-Jährigen noch fehlt. Wo gibt es in seinem Spiel noch Verbesserungspotenzial? Auch hier teilt Jan mit uns seine Eindrücke: „Seine Neigung, im Grunde genommen „für zwei Spieler zu arbeiten“, führt dazu, dass er bei Konter manchmal zu weit vorne steht. Das ist etwas, woran man arbeiten sollte.“ Seiner Meinung nach sei dies aber kein Grund zur Sorge: „Da er erst 22 Jahre alt ist, sollte er in der Lage sein, sein Positionsspiel weiter zu verbessern. Es ist jetzt schon viel besser als zu seinen Anfängen!“

Trafen sich bereits in den Jugend Nationalmannschaften – Maxi Mittelstädt und Deyovaisio Zeefuik. (Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Mit solchen Qualitäten wird er sicherlich auch für die Nationalelf der Niederlande interessant geworden sein. Da der junge Verteidiger bei Hertha einen langfristigen Vertrag unterschrieben hat, wollten wir also von Jan wissen, ob „Deyo“ in den nächsten zwei bis drei Jahren auch eine Option für „Oranje“ werden könnte: „Aber natürlich! Nationaltrainer Ronald Koeman setzt auf Offensivdenkende Außenverteidiger, deshalb ist aktuell Denzel Dumfries seine erste Wahl. Er und Zeefuik sind Spieler, die man gut vergleichen kann. Mit Dumfries sowie mit Atalanta Bergamos rechter Verteidiger Hans Hateboer hat Deyo eine harte Konkurrenz, aber Herr Koeman behält die Bundesliga genau im Auge!“ Letzteres hat man ja bereits bei dem Debüt von Dilrosun beobachten können.

Jetzt ist die Bühne für Zeefuik tatsächlich größer geworden. Sollte er sich in der Hauptstadt durchsetzen und eine gute Saison spielen, könnten seine Chancen deutlich steigen. Das wird sicher auch eine Rolle in den Überlegungen des Niederländers gespielt haben, als er sich seinen neuen Arbeitgeber ausgesucht hat. Bevor der junge Niederländer endlich in Berlin ankommen konnte, gab es jedoch ein langes hin- und her. Auch Zeefuik selbst beschwerte sich öffentlich über die Verantwortlichen seines „noch“-Vereins und drohte mit einem ablösefreien Wechsel, sollten diese ihn nicht zu Hertha lassen. Schließlich war es am 6. August soweit und Michael Preetz verkündete den abgeschlossenen Transfer.

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Wechseltheater führt zur Charakterfrage

Spieler, die einen Wechsel forcieren sind bekanntlich bei Hertha-Fans nicht so gern gesehen. Nicht zuletzt echauffierte man sich über die Causa Samardzic. Eine Frage, die uns deshalb interessierte, war ob „Deyo“ eine solche Situation bereits erlebt hatte und ob er möglicherweise charakterliche Schwächen hat. Jan konnte uns da etwas beruhigen: „Nein, ganz und gar nicht! Die Fans liebten Deyo. Er spielte mit einer gebrochenen Hand weiter, ließ jeden Tropfen Energie auf dem Spielfeld, sodass er in Groningen ein Publikumsliebling war. Auch wenn sein Abschied nicht auf die beste Art und Weise erfolgte, so scheint er doch mit den besten Wünschen aller den Verein verlassen zu haben.“ In der heutigen Zeit, bei jungen Fußballern, solle man sich jedoch keine Illusionen machen: „Ja, wenn er seine Sache wirklich gut macht und ein größerer Verein anklopft, wird er wahrscheinlich weiterziehen wollen.“

In Groningen hat Zeefuik überzeugt. (Foto: IMAGO)

Dieser Wille, diese Charakterstärke, die Jan bei Deyovaisio Zeefuik sieht, konnte man bereits in seinen ersten Trainingseinheiten bei Hertha BSC feststellen, wo er mit der hohen Intensität zu kämpfen hatte. Die lange Pause, durch den frühen Saisonabbruch der Eredivisie (sein letztes Plichtspiel bestritt Deyo am 8. März), war dabei sicher nicht hilfreich. „Das Training ist hier wirklich hart“, sagte er selbst. Doch kämpfen ist bei ihm ein gutes Stichwort: für ein Spieler, der sogar mit gebrochener Hand weiterspielt, ist ein Fitnessrückstand einfach nur ein Grund mehr, Gas zu geben. Sein neuer Chefcoach äußerte sich zum Neuzugang: „Er tastet sich ran, aber er hat noch mit den Trainingsumständen zu kämpfen und muss erst ein paar Dinge verinnerlichen.“

Gute Perspektive bei Hertha

Bereits jetzt scheint der junge Niederländer auf der Pole Position für den rechten Außenverteidiger zu sein. Nach dem Weggang von Marius Wolf und mit den Wechselabsichten von Matthew Leckie, bleiben als Konkurrenten für seine Position Peter Pekarik und Lukas Klünter. Der 33-jährige Slowake hat zum Saisonende wieder Einsätze erhalten und gute Leistungen erbracht, was zu seine Vertragsverlängerung führte. Ob es jedoch für die Stammelf in der neuen Saison ausreicht ist fraglich. Jedenfalls wird Pekarik im langfristigen Plan von Bruno Labbadia durch sein Alter weniger eine Rolle spielen. Außerdem fehlt ihm etwas die Schnelligkeit und Explosivität von Zeefuik.

Herthas Neuzugang muss sich noch an die Intensität des Trainings unter Labbadia gewöhnen. (Foto: IMAGO)

Diese Qualitäten könnte grundsätzlich auch Lukas Klünter aufweisen. Der 24-Jährige war unter Ante Covic und auch unter Jürgen Klinsmann auf der rechten Verteidigerseite gesetzt. Allerdings wurde er vom neuen Chefcoach Bruno Labbadia lediglich zwei Mal eingewechselt, sodass zumindest angezweifelt werden kann, ob er für die neue Saison eine Rolle spielen soll. Die Verpflichtung von Zeefuik und die Vertragsverlängerung von Pekarik sprechen eher dafür, dass der gebürtige Euskirchener ein Kandidat für einen Wechsel ist.

Das taktische System unter Bruno Labbadia könnte Deyovaisio Zeefuik zudem in die Karten spielen: der Niederländer passt vom Spielertyp optimal dazu. Die vom Berliner Chefcoach präferierte hohe Ausrichtung der Außenverteidiger, die in Offensivphasen hinten von einer Dreierkette abgesichert werden (ein defensiver Mittelfeldspieler lässt sich dann zurückfallen), bietet dem 22-Jährigen genau die Freiheiten, die er braucht. So könnten seine Stärken optimal zur Entfaltung kommen.  Ähnliches hat man in Wolfsburg gesehen, als sich der damals unbekannte Jérôme Roussillon unter Labbadia zu einem der besten Außenverteidiger der Liga mauserte und vor allem offensiv für Wirbel sorgte.

Man macht keine Witze über Kickboxer

Wir dürfen also gespannt sein, wie sich Deyo bei der alten Dame macht. Was Bruno Labbadia bereits auffiel, waren die „Zwei Gesichter“ seines neuen Verteidigers. „Außerhalb des Platzes ist er noch sehr zurückhaltend, arbeitet aber hochprofessionell. Auf dem Feld ist er dann extrem forsch, bissig und zweikampfstark!” Zurückhaltend zeigt sich der neue Mann allerdings im Bezug auf seine Ambitionen nicht: „Ich will nicht verrückt klingen, aber ich persönlich möchte in diesem Jahr um den Einzug in die UEFA Europa League mitspielen – das ist mein Ziel, und ich finde, das muss unser Ziel sein”.

Kein Wunder übrigens, dass er auch „gerne mixed-martial-arts Kämpfe anschaut“: Jan verrät uns dazu eine Anekdote: „Sein Bruder Genero Zeefuik war ebenfalls Profifußballer. Er war lange so etwas wie eine Witzfigur, weil er etwas übergewichtig war. Jetzt traut sich jedoch niemand mehr, über ihn Scherze zu machen, denn Genero hat sich vom Fußball zurückgezogen und sich einer neuen Sportart zugewandt…Kickboxen!“

Hertha hat sich also einen echten Kämpfer für die rechte Verteidigerposition geholt. Hertha-Fans können sich bereits jetzt auf einen Spieler mit echtem Kämpferherz freuen, der auch im neuen Trikot alles geben wird. Ob sein Einsatz auch für seine Gegenspieler in der Bundesliga eine Freude sein wird, ist aber eher unwahrscheinlich.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Viktoria Köln

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Viktoria Köln

Es geht wieder los. Endlich! Endlich? Die Aussicht auf weitere Bundesligaspiele vor leeren Rängen lässt anders als in bisherigen Sommerpausen nicht unbedingt das Wasser im Munde zusammenlaufen, doch die Welt dreht sich weiter und König Fußball regiert noch immer. So stand am Freitagnachmittag auch für unsere Hertha in Vorbereitung auf die Saison 2020/21 das erste (externe) Testspiel an. Gegner im Amateurstadion war die Viktoria aus Köln.

Und wie immer heißt Vorbereitung und Transferphase auch neue und altbekannte Gesichter auf dem Platz begrüßen – einige haben wir für euch bei diesem Damenduell in den Fokus genommen.

Deyovaisio Zeefuik – Die Lösung auf rechts?

Der niederländische Rechtsverteidiger kam in der Sommerpause nach längerem Hickhack vom FC Groningen und soll die bisherige Schwachstelle in der Viererkette beheben. Und nach zaghaften Anfangsminuten zeigte „Deyo“ auch wofür man ihn geholt hat. Im Zusammenspiel mit Dodi Lukébakio schaltete sich der Abwehrmann mehrmals mit in die Offensive ein und konnte mit seiner Schnelligkeit den Kölner Linksverteidiger vor Probleme stellen.

Foto: IMAGO

Zwar fehlte ihm bei seinem Flankenversuch in der 15. Minute noch ein wenig die Übersicht, doch schon in Minute 29 wurde es nach einem Doppelpass mit Lukébakio gefährlich bis ihn schlussendlich ein eigener Stolperer stoppte. Zwei Zeigerumdrehungen später war der Niederländer schon wieder am rechten Kölner Strafraumeck unterwegs und brachte mit einem schönen Pass in den Rückraum Krzysztof Piątek in Position, der sich aber ein wenig festlief. Schnurstracks nahm sich „Deyo“ selbst der Sache an, setzte nach und konnte die Chance am Leben erhalten, wenngleich Piąteks anschließende Flanke auf Jessic Ngankam zu ungenau kam.

Vor defensive Aufgaben wurde Zeefuik zu keiner Zeit gestellt, da werden naturgemäß ganz andere Kaliber auf ihn zukommen. Aber die angekündigten Offensivläufe, die Hertha in der letzten Post-Lazaro-Saison so vermisst hat, blitzten schon jetzt immer wieder auf und wurden im Laufe der Halbzeit immer koordinierter und vielversprechender. Trainer Bruno Labbadia war mit seinem neuen Rechtsverteidiger durchaus zufrieden, monierte aber das Zusammenspiel mit Lukébakio: “Das lag aber zum Teil auch an Dodi, weil er sich nicht gut bewegt und zu wenige Räume aufgemacht hat. Hinten hat Deyo seinen Laden im Griff, das Spiel nach vorn müssen wir entwickeln.”

Der Mann hat jedenfalls Lust auf Ausflüge und dabei reden wir nicht vom Sonntagspicknick. Es wird spannend, wie er sich in den nächsten Wochen und in der Bundesliga präsentieren kann.

Ondrej Duda – Neuer Trainer, Altes Glück?

Nach der starken Vorsaison kam Ondrej Duda in der Spielzeit 2019/20 nicht mehr wirklich zum Zug und „floh“ im Winter vor Renovator Klinsmann, der bei seiner „Fußballidee“ keine Verwendung mehr für den Slowaken fand, zum englischen Abstiegskandidaten Norwich City. Nachdem Norwich schließlich auch rechnerisch sicher den Gang in die englische Zweitklassigkeit antreten musste, kam Duda vorzeitig von der Leihe zurück, um rechtzeitig mit Hertha in die Vorbereitung zu starten und sich unter dem für ihn neuen Trainer Labbadia präsentieren zu können.

Foto: IMAGO

Und so durfte er in der zweiten Halbzeit im 4-2-3-1 die Zehnerposition übernehmen und war dabei einer der auffälligsten Spieler. Anders als seine Kollegen in Halbzeit eins suchte er auch mal vor dem Sechzehner den Abschluss und war dabei in bester Duda-Manier in Minute 55 nach einem kleinen Haken und in der 83. Minute mit einem Volley nach abgewehrter Flanke äußerst gefährlich.

Auch sonst war der 25-Jährige überall präsent, holte sich Bälle wahlweise zwischen den Innenverteidigern oder auf der Linksaußen-Position ab und suchte immer wieder schnell den Weg in die Spitze, was in der 77. Minute mit dem Hackenpass auf Javairo Dilrosun im Strafraum fast zum Erfolg führte. Dessen Hackenverlängerung auf Daishawn Redan versiegte aber irgendwo in den Kölner Abwehrbeinen. Auch bei Duda sah Labbadia noch Verbesserungsbedarf – “Ondrej muss noch ein Stück präsenter werden und das Spiel im vorderen Drittel noch mehr leiten – und noch mehr Tempowechsel drin haben” – allerdings verbuchen wir das mal unter den Motivationstricks.

Denn insgesamt hinterließ Duda einen sehr ordentlichen Eindruck und zeigte sich in passabler Frühform. Es bleibt zu hoffen, dass Labbadia anders als Klinsmann Verwendung für den Hertha-Topscorer 2018/19 findet und Duda sich weiter mit Lust und Laune dem Konkurrenzkampf um die offensiven Positionen stellt. Vielleicht lässt sich ja einer der Teamkollegen dazu bewegen, Duda für zehn geschossene Tore eine frische Rolex in Aussicht zu stellen.

Arne Maier – Jetzt oder Nie

Herthas Top-Talent, das im Winter noch überraschend mit Wechselabsichten in die Schlagzeilen geriet und in der Rückrunde nach längerer Verletzungspause nicht so richtig in Tritt kam, durfte sich in der Startelf an der Seite von Santiago Ascacíbar als offensiver Part der Doppelsechs beweisen.

Im Wechsel mit dem Argentinier schob Arne Maier bei Spielaufbau des Drittligisten aus dem 4-2-3-1 vor bis auf den gegnerischen Sechser, um diesen ordentlich unter Druck zu setzen, sodass Hertha im Pressing teilweise im 4-1-4-1 auf die Kölner Defensivreihen zukam. Schon früh versuchte Maier das Spiel an sich zu reißen, forderte einige Pässe, war ruhig und souverän am Ball und spielte mehrere sehenswerte Seitenverlagerungen in die Spitze, wie in der 14. Minute, als sein gut getimter Ball von Torunarigha nicht gut kontrolliert werden konnte und so die Kölner Abwehr genügend Zeit zum Formieren bekam. Auch später blieb auffällig, dass Ascacíbar und Maier sich sowohl im Pressing als auch im eigenen Spielaufbau häufig abwechselten, wobei dem Herthaner Eigengewächs dabei die „spektakuläreren“, raumbringenderen Pässe überlassen blieben.

Foto; IMAGO

Grundsätzlich funktionierte die Absprache und das Zusammenspiel auf der Doppelsechs ordentlich, Köln geriet aber durch die beiden nicht wirklich unter Druck, was vielmehr aber auch damit zusammenhängen mag, dass Matheus Cunha auf der 10 bis zur 40. Minute einen schwachen Auftritt hinlegte und sowohl offensiv als auch defensiv kaum etwas zustande brachte.

Arne Maier hingegen arbeitet sich so langsam aber sicher wieder an seine Form heran, die ihn vor seiner Verletzung im Frühling 2019 zum Stammspieler bei Hertha machte. Die Verantwortlichen um Michael Preetz, Arne Friedrich und Labbadia scheinen ihm aufgezeigt zu haben, mit ihm weiter geduldig auf seine Topform hinarbeiten zu wollen und in ihm noch immer ein wichtiges Puzzleteil für Herthas Zukunft zu sehen. Zumindest sind keine neuen Abwanderungsgedanken publik geworden, die anderes vermuten lassen.

Nichtsdestotrotz steht Maier vor einer wichtigen Saison. Es liegt an ihm, trotz seines noch jungen Alters jetzt den nächsten Schritt zu gehen und den Talent-Status abzustreifen, um sich bei Hertha zu etablieren und vielleicht auch für größere Vereine interessant zu machen, wie es sein Karriereplan wohl vorsieht. Sofern er verletzungsfrei bleibt, könnte er trotz der großen Konkurrenz im Mittelfeld und den Transfergerüchten um einen weiteren zentralen Mittelfeldspieler genau diesen Schritt gehen und dem Spiel der Hertha neben einem defensiveren Abräumer wie Ascacíbar oder Lucas Tousart offensiv seinen Stempel aufdrücken.

Mit Labbadia hat Arne Maier einen selbsterklärten Förderer der Jugend an der Seitenlinie. Die oft zitierte Tür steht also auf – und Maier muss durch – jetzt oder vielleicht nie.

Und dann war da noch:

Dodi Lukébakio, der mit seinen Dribblings in Halbzeit eins für die meisten der wenigen kreativen Offensivmomente im letzten gegnerischen Drittel sorgte. Das Zusammenspiel mit Neuzugang Zeefuik hakte noch hier und da, dieses Duo sollte man aber aufgrund der immensen Dynamik im Auge behalten. In der 41. Minute drosch er die Kugel nach Vorarbeit von Cunha frei vor Mielitz zum 1:0 ins kurze Eck.

Matheus Cunha, der mit seiner ersten gelungenen Aktion direkt das Tor von Lukebakio vorbereitete. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte traf er dann nach Vorlage von Piątek beinahe selbst. Insgesamt dieses Mal trotzdem weniger Genie als Wahnsinn.

Alexander Schwolow, der mit einer nahezu 100 %-igen Passquote bestach. Seine Torwarthandschuhe hätte er für den Einsatz aber zuhause lassen können.

Daishawn Redan, der stets bemühte Stürmer, der sich in der 79. Spielminute nach starkem Labbadiola’schem Pressingballgewinn durch Dilrosun über die Zwischenstation Leckie mit dem 2:0-Schlusstreffer in die Torschützenliste eintragen durfte.

Lucas Tousart, der dritte „Leihrückkehrer“, der defensiv kaum gefordert wurde, offensiv mit einigen Seitenwechseln seine Übersicht bewies und sich kaum anmerken ließ, dass er zurzeit vielleicht doch lieber gegen Juve und ManCity spielen würde. Ein ordentlicher Ersteindruck, auch aufgrund des Faktes, dass der Franzose zuvor vier Monate nicht mehr Fußball gespielt hatte. Sein erwachsenes Spiel und der Drang, auch mal in den gegnerischen Strafraum zu stürmen, gefielen.

[Titelbild: IMAGO]

Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Kevin Trapp, Gregor Kobel, Jonas Omlin oder Jiri Pavlenka: Wochenlang geisterten die Namen verschiedenster Torhüter im Zusammenhang mit Hertha BSC durch die Medien. Der geforderte neue Torwart wurde letztlich aber Alexander Schwolow, der sich nach langer Hängepartie im letzten Momentdoch für Berlin und gegen Gelsenkirchen entschied.

Freiburg-Blogger und -Experte Mischa (auf Twitter @zerstreuungfuss, Blog unter http://zerstreuung-fussball.de/) beantwortete unsere Fragen zu Alexander Schwolow.

Foto: IMAGO

Eine Ablösesumme von 3,5 Millionen Euro, die sehr wahrscheinlich noch auf sieben Millionen steigen wird, und ein Vertrag bis 2024: So sehen die Eckdaten des Schwolow-Deals für Hertha aus. Seit 2009 stand der 28-Jährige im Breisgau beim SC Freiburg unter Vertrag – nur in der Saison 2014/2015 wurde er zum damaligen Drittligisten Arminia Bielefeld verliehen, mit dem er das Pokalhalbfinale erreichte. 125 Bundesliga-Partien bestritt Schwolow in dieser Zeit beim SC, nun wechselt er als nach Berlin. Mit seiner Erfahrung und Qualität sieht Cheftrainer Bruno Labbadia den gebürtigen Wiesbadener als perfekte Besetzung für die vakante Position in Herthas Torwart-Konkurrenzkampf: „Er ist mit seinen 28 Jahren erfahren und hat in den vergangenen Jahren gezeigt, auf welchem Niveau er in der Bundesliga spielen kann. Dazu passt er als Typ sehr gut in unseren Kader”, so Labbadia.

Aber was genau macht den Neu-Berliner auf dem Platz aus? Hierzu haben wir SC-Experte Mischa befragt und uns selbst in die Recherche begeben.

Hertha BASE: Was sind Schwolows größte Stärken? Warum hat Hertha ihn geholt?

Mischa: „Schwolow bringt große Konstanz mit, dass wird man in Freiburg an ihm vermissen. Er wehrt Bälle sauber zur Seite oder über das Tor ab, was ihn auch gegenüber seinem Nachfolger Mark Flekken auszeichnet. Seine Fußabwehr im Eins-gegen-Eins ist teilweise spektakulär, im Spielaufbau ist er sehr zuverlässig. Er geht keine unnötigen Risiken ein, wenn er gepresst wird, schlägt er häufig einen langen Ball. Auch wenn er es wahrscheinlich auch flach lösen könnte, ist das eine sehr angenehme Risikoabwägung.“

Auch bei seinen Paraden zeigt sich Schwolow sehr zuverlässig, nach Yann Sommer hat er die zweitbeste Schüsse-Paraden Quote in der Bundesliga. Auch bei den Post-Shot-xG ist Schwolow in der Bundesliga mit einem sechsten Platz gut platziert (zum Vergleich: Rune Jarstein belegte nicht mal einen Top-Ten-Platz).

„Seine größte Stärke ist aber wahrscheinlich, dass Schwolow kaum auffällige Schwächen hat. Es gibt ein paar kleinere Details, die aber nicht wirklich nennenswert sind.“

Was sind denn diese kleinen Schwächen?

„Ab und zu hat Schwolow bei Distanzschüssen das kurze Eck etwas zu offen gelassen. Bei Standards ist er eher vorsichtig mit dem Abfangen von hohen Hereingaben, die ganz klaren Dinger hat er aber – das ist kein großes Problem. Abgesehen von seiner Saison in Bielefeld, als er bei den Siegen im Elfmeterschießen gegen Hertha und Gladbach eine wichtige Rolle gespielt hat, ist er nicht unbedingt ein Elfmeter-Killer.“

Foto: IMAGO

Nun ist Schwolow nicht mehr der erste Ex-Freiburger Torwart in der Bundesliga. Wie würdest du ihn im Vergleich zu Roman Bürki oder Oliver Baumann einordnen?

„Mit seiner Konstanz ähnelt er eher Baumann. Bürki hat höhere Höhen und tiefere Tiefen – der Schweizer ist nun aber auch schon seit 2015 beim BVB und wird gerne etwas unterschätzt. Gerade im Spielaufbau und bei seinen Reflexen hat er wahnsinnige Qualitäten.“

Auch wenn Schwolow also vielleicht nicht ganz an einen Top-Keeper wie Roman Bürki herankommt, wird er bei Hertha durch seine Konstanz und seine geringe Fehleranfälligkeit das Loch auf der Torhüterposition schließen, dass durch einen langsam nachlassenden Rune Jarstein entstanden ist. Das er an guten Tagen auch zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, bewies er erst in der abgelaufenen Rückrunde: Gegen Eintracht Frankfurt wurde er trotz dreier Gegentreffer mit dreizehn Paraden zum Spieler des Spiels erkoren.

„Generell ist die Torhüter-Ausbildung in Freiburg unter Torwarttrainer Kronenberg ziemlich erfolgreich. Mit Gikiewicz steht ja auch noch ein weiterer Ex-Freiburger bei FC Augsburg unter Vertrag. Und vielleicht kann man ja auch noch Zack Steffen (letztes Jahr Düsseldorf) oder Daniel Batz vom 1. FC Saarbrücken irgendwo unterbringen…“

Was wird man in Freiburg am meisten an Schwolow vermissen?

„Seine Konstanz! In der letzten Saison war er zehn Spiele verletzt, in denen man schon sehen konnte, dass Flekken ein würdiger Ersatz ist. Auch wenn dieser dort sogar eine höhere Paraden-Quote als Schwolow hatte und auch mit dem Ball am Fuß sehr mutig war, kann man von ihm wohl nicht dieselbe Konstanz erwarten. Er geht in all seinen Reaktionen ein sehr hohes Risiko. Bei Schwolow dagegen konnte man sich auf solide – und manchmal auch sehr gute – Leistungen verlassen.“

Labbadia kündigte Schwolow auch mit der Aussage an, der Keeper würde „vom Typ“ gut in die Mannschaft passen. Was für ein Spieler ist er denn auf dem Platz – Lautsprecher oder eher ein ruhigerer Zeitgenosse?

„Schwolow liegt irgendwo dazwischen. Er organisiert die Abwehr, feiert auch mal eine gelungene Parade, dabei wirkt er aber nicht wie ein Oliver Kahn oder Raphael Gikiewicz. Meistens wirkt er konzentriert.“

Was bei den Berliner Fans auch gut ankommen dürfte, ist Schwolows Verhalten bezüglich seines Abgangs in Freiburg: „Bereits im letzten Jahr gab es die Absprache, dass er bei einem Angebot gehen dürfte. Da aber kein Angebot kam, verlängerte Schwolow seinen Vertrag nochmal, damit der SC ihn nicht ablösefrei abgeben musste. Dadurch erklärt sich wahrscheinlich auch, warum man nicht auf den 8 Millionen der Ausstiegsklausel bestanden hat.“

Foto: IMAGO

Mit 28 Jahren ist Schwolow zwar nicht mehr der Jüngste, Torhüter sind aber auch für ihre längeren Karrieren bekannt. Was denkst du, wie lange wird er sein Niveau halten und Hertha auf der Torhüter-Position helfen können?

„Recht lang. Sein Spiel zeichnet sich nicht durch eine besonders physische Komponente aus, wie zum Beispiel bei Manuel Neuer, der sich irgendwann überlegen muss, ob er noch schnell genug ist, um die Bälle 40 Meter vor dem eigenen Tor abzulaufen.“

Mit Alexander Schwolow kommt also einer der solidesten Bundesliga-Keeper mit ordentlich Erfahrung zu Hertha, der über ein ähnliches Stärkenprofil wie Rune Jarstein in dessen besten Zeiten verfügt. Torwartexperte Sascha Felter vom Fußball-Blog cavanisfriseur.de sagt dazu: „Mit seinem guten Grundniveau und ohne herausragende Stärken oder Schwächen mag Schwolows Profil zunächst nicht besonders spektakulär aussehen. Trotzdem ist das für einen Club immens wichtig, wenn der Keeper ein gutes Grundlevel hat. An wirklich sehr guten Tagen wird auch mal eine Weltklasse-Leistung drin sein.“

Hertha darf sich also auf Schwolow freuen – mit seiner Erfahrung und seinen Qualitäten dürfte es ihm nicht besonders schwer fallen, den zuletzt immer wieder unsicher wirkenden Rune Jarstein als Nummer eins zu verdrängen. Und auch Nils-Jonathan Körber dürfte gegenüber dem Neuzugang wohl das Nachsehen haben, war er letzte Saison doch nicht mal mehr Stammkeeper bei seinem Leihverein, dem VfL Osnabrück.

[Titelbild: IMAGO]

Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Sturm

Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Sturm

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte. In diesem Teil wird die Position der Mittelstürmer näher beleuchtet.

Hertha und die Stürmer – ein schwieriges Thema. Denn gefühlt hat es nach Michael Preetz, Marcelinho und Marco Pantelic keinen Hertha-Stürmer mehr gegeben, der über Jahre hinweg, ligaweit und konstant für seine Torgefahr gefürchtet war. Durch Herthas neuen Reichtum, hoffnungsvolle Nachwuchsstürmer und die Trainerwechsel hat sich aber auch auf dieser Position in der abgelaufenen Saison viel getan. Grund genug, um den Sturm in unserer Kaderanalyse unter die Lupe zu nehmen.

Vedad Ibisevic – Ein versöhnliches Ende?

Stürmer werden bekanntlich nach Toren bewertet. Schaut man sich die Tor-Statistiken von Hertha aus der vergangenen Saison an, wird klar, dass die Effizienz der Torbeauftragten viel Luft nach oben hat. Denn unter den fünf Spielern mit den meisten Treffern ist Vedad Ibisevic der einzige „echte“ Stürmer. Der Bosnier Ibisevic hat mit zehn Saisontoren (Liga und Pokal) in der vergangenen Saison die meisten Tore erzielt, wobei sieben Tore in Ligaspielen und drei Tore in Pokalspielen erzielt wurden. Auch eine andere Statistik spricht für den 36-Jährigen: Mit durchschnittlich 136 Minuten hat Ibisevic von allen Hertha-Torschützen am wenigsten Zeit benötigt, um erneut zu treffen. Allerdings ist der „Vedator“ mit diesen Werten noch weit von der Ligaspitze entfernt: Robert Lewandowski (34 Ligatore, 72 Minuten/Tor) und Timo Werner (28 Tore / 106 Minuten/Tor) agieren in anderen Sphären.

Und dennoch hat Ibisevic für seine und Herthas Verhältnisse eine gute Saison gespielt, in der weniger die Quantität sondern mehr die Bedeutung seiner Treffer bestach. Man denke nur an das Spiel in Köln in der Hinrunde, in dem der Bosnier den „Effzeh“ nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit quasi im Alleingang mit einem Doppelpack besiegte. Nach einem missglückten Saisonstart war der Sieg gegen Köln im Herbst 2019 eines der wenigen Lebenszeichen der von Ante Covic geleiteten Hertha.

Foto: IMAGO

Schaut man auf die vergangene Saison zurück, waren es eher die Trainer als Ibisevic selbst, die dafür sorgten, dass der „Vedator“ nicht häufiger traf. Denn Covic und Klinsmann setzten beide konstant auf Selke, was sich als krasser Fehler herausstellte. Erst Bruno Labbadia, der mit dem Bosnier schon in Stuttgart erfolgreiche Zeiten erlebt hatte, erkannte die Qualitäten Ibisevics: Er kann aus dem Mittelfeld angespielt werden, die Bälle dabei „festmachen“, holt einige Freistöße in wichtigen Positionen heraus und – das zeigte das oben angesprochene Köln-Spiel par excellence – hat kluge Laufwege, die ihn immer wieder in die gefährlichen Räume bringen. Ein echter Torjäger eben.

Trotzdem soll Ibisevic in der kommenden Saison wohl nicht mehr für die Hertha auflaufen. Trotz spannender Nachwuchspieler und neu eingekaufter Stars ist dies ein riskantes Unterfangen: Ibisevic hatte zwar immer wieder auch schlechte Phasen. In seinen guten Zeiten war er aber immer wertvoll, teils spielentscheidend. Mit 56 Ligatoren für Hertha liegt er auf Platz zehn der Rekordtorschützen unseres Vereins. In allen seinen fünf Spielzeiten in blau-weiß gehörte Ibisevic mindestens zu den drei besten Torschützen der Mannschaft. Er und Salomon Kalou waren viele Jahre die Lebensversicherung der “alten Dame”. Nachdem die Leistungskurve in den jüngeren Zeit allerdings noch unten zeigte, wird die viel wichtigere Frage sein, wie das aus vielen jungen Spielern und Neueinkäufen zusammengesetzte Team den Abgang zweier „Leader“ (Ibisevic und Skjelbred) verkraften kann.

Ein offizielle Verabschiedung des “Vedators” hat es seitens des Vereins allerdings noch immer nicht gegeben. Es ist also nicht zu 100 Prozent auszuschließen, dass der 36-Jährige nicht doch noch eine weitere Saison in Berlin auf Torejagd geht. Hertha soll nach einem neuen Stürmer suchen, doch sollte dieses Unterfangen nicht glücken, weil z.B. kein geeigneter Kandidat zu finden oder nicht zu finanzieren ist, könnte es eine “Rückkehr” Ibisevic’ geben – sollte dieser keine interessantere neue Herausforderung angeboten bekommen. Falls dies jedoch das Ende gewesen sollte, kann Ibisevic als bester Hertha-Torjäger der vergangenen Saison guten Gewissens abdanken.

Davie Selke – Letzte Chance vertan

Nach der Saison 19/20 kann man nun wohl mit Sicherheit feststellen: Davie Selke wird keine Zukunft mehr bei Hertha BSC haben. Nach einer recht guten Saison 17/18 (zehn Tore in 27 Liga- und Pokalspielen) und einer schwächeren zweiten Hertha-Saison (drei Tore in 30 Spielen) folgte eine enttäuschende Hinrunde 2019, in welcher der mit vielen Hoffnungen verbundene Stürmer in 19 Spielen ein einziges Tor schoss.

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Dabei kann sich Selke nicht darüber beschweren, dass er bei Hertha zu wenige Chancen bekommen hätte. Schon in der Saison 18/19 wurde er von Pal Dardai oft bevorzugt, zahlte das Vertrauen aber fast nie zurück. Und auch in der vergangenen Saison setzten Covic und Klinsmann klar auf Selke und degradierten den Mannschaftskapitän Vedad Ibisevic zum Bankdrücker. Klinsmann sah Selke sogar mittel- bis langfristig im Nationalkader – eine von vielen Fehleinschätzungen des ehemaligen Nationaltrainers. Dass Selke auch in der vergangenen Saison keinen Anschluss fand, lag an seinem Spielstil. Er ackert zwar auch im Mittelfeld, um sich Bälle zu erobern. Allerdings kann er im Gegensatz zu Ibisevic nur selten Bälle festmachen, auch seine Dribbling-Qualitäten lassen zu wünschen übrig. Hinzu kommen recht unkreative Laufwege, sodass er nur selten für Dynamik und Überraschungen im Spiel sorgt. Michael Preetz hatte einen ähnlichen Spielstil, der oft etwas unkonventionell bis ungeschickt wirkte. Allerdings hatte Preetz die Gabe, das Spiel besser zu lesen und in den richtigen Momenten am richtigen Fleck zu sein.

Die Zukunft des 25-Jährigen ist noch nicht final geklärt, schließlich muss Werder Bremen auch in der kommenden Saison die Klasse halten, damit die Kaufpflicht aktiviert wird – mindestens zehn Millionen würde Selke dann einbringen, womöglich sogar 15 Millionen, doch der damit verbundene Umstand, dass Bremen Europa erreicht, ist wohl illusorisch. Das ernüchternde Fazit zu Selke ist, dass der Stürmer ein nicht eingelöstes Versprechen ist. 2017 für damals viel Geld nach Berlin gekommen, sollte er die Zukunft des Berliner Mittelsturms sein, doch bis auf wenige Spiele, wie beispielsweise sein Doppelpack beim 3:2-Sieg über RB Leipzig, ist er diesen Erwartungen hinterhergehinkt. Es sollte nicht sein.

Krzysztof Piątek – Herthas neue Sturm-Hoffnung

Mit 24 Millionen Euro ist der Pole Krzysztof Piątek Herthas zweitteuerster Transfer der Vereinsgeschichte. Seine bisher größten Erfolge feierte Piątek zuvor in Italien, wo er zunächst für den CFC Genova 13 Tore in 19 Spielen machte und später in 36 Einsätzen 13 mal für den AC Mailand traf. Als Zlatan Ibrahimovic dann im Winter 19/20 nach Mailand wechselte, verlor der polnische A-Nationalspieler seinen Stammplatz und geriet zugleich ins Visier der Hertha, die nach einer sehr enttäuschenden Hinrunde eine „Tormaschine“ brauchte.

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Piąteks Stil ist schnörkellos: Bekommt er einen Ball in aussichtsreicher Position, sucht er sofort den Abschluss. Kreatives Passspiel und die Einbindung in längere Ballstafetten gehören offenbar nicht zu seinen Stärken, was oftmals dazu führt, dass Piątek phasenweise „untertaucht“ und etwas wenig Anbindung ans Spiel hat. Das ist aber auch okay – schließlich benötigt Hertha nach den Abgängen von Ibisevic, Selke und Kalou schlichtweg einen Stürmer, der regelmäßig Tore schießt. Dass der Pole diese Rolle bei Hertha in der kommenden Saison einnimmt, ist nicht unwahrscheinlich. Denn in den letzten Saisonspielen zeigte Piątek eine zufriedenstellene Leistung. In seinen 16 Hertha-Spielen (Liga und Pokal) kam Piątek auf fünf Treffer und eine Vorlage.

Dennoch ist weiterhin Luft noch oben klar erkennbar. Das sieht auch Trainer Bruno Labbadia so, der zuletzt gegenüber dem Berliner Kurier sagte: “Er läuft viel und macht viel. Die Statistiken sind sehr gut. Was man sagen kann, Krzysztof arbeitet extrem viel – auch außerhalb des Platzes. Er hat Fähigkeiten, die er mehr einbringen muss. Wir müssen es schaffen, ihn in seiner Position besser einzusetzen. Und er muss auch daran arbeiten. Er muss präsenter im Strafraum werden. Er muss noch effektiver werden.”

Pascal Köpke – Abschied wahrscheinlich

Wenn man sich im Internet nach Toren von Pascal Köpke umschaut, bekommt man einige beeindruckende Szenen zu sehen. Allerdings erzielte Köpke diese Tore fast ausschließlich im Trikot der „Veilchen“ von Erzgebirge Aue. Satte 18 Scorer-Punkte in 34 Zweitliga-Spielen gingen damals in einer Saison auf sein Konto. Zur Hertha wechselte der Stürmer vor der Saison 18/19 und hat seit dem eigentlich nie eine entscheidende Rolle gespielt. In der vergangenen Saison kam Köpke auf vier Ligaspiele und einen Pokaleinsatz.

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Dieses eine Pokalspiel hatte es allerdings in sich: Sehr überraschend hatte ihn Jürgen Klinsmann gegen Schalke in die Startelf befördert. Und zum ersten Mal machte Köpke im Hertha-Dress einen Unterschied: In klassischer Mittelstürmer-Manier machte er das 1:0 und legte wenig später das 2:0 vom damaligen Neuzugang Krzysztof Piątek auf. In den Klinsmann-Wochen kam Köpke zu einigen wenigen Einwechslungen. Besonders dürfte diese Zeit für ihn auch gewesen sein, weil sein Vater kurzzeitig Torwarttrainer bei Hertha war.

Unter Bruno Labbadia spielte Köpke dann erneut keine Rolle mehr. Ein Abschied ist mit Blick auf die anstehenden Kaderveränderungen wahrscheinlich. Die damalige Verpflichtung des quirligen Angreifers war eine Spekulation auf die Zukunft: Der Sprung von Aue nach Berlin war so groß, dass es nicht unwahrscheinlich gewesen ist, dass Köpke eben jenen Schritt nicht vollziehen kann. Das Experiment gilt wohl als gescheitert, 13 Einsätze und gerade einmal 264 Minuten in zwei Jahren belegen diese These.

Daishawn Redan – Der ungeschliffene Diamant?

Daishawn Redan ist ein 19 Jahre junger Mittelstürmer, der in der niederländischen Ajax-Schule groß geworden ist, vor einigen Jahren zu Chelsea wechselte und seit Anfang der vergangenen Saison bei Hertha spielt. Redan wurde teilweise als das „Wunderkind“ von Ajax und Chelsea beschrieben – die Verpflichtung durch Hertha weckte daher Hoffnungen. Auch wenn wir von Redan noch nicht viel gesehen haben – seine Statistiken klingen spannend. In der niederländischen Jugendmannschaften traf Redan zuletzt fast in jedem Spiel. In der U18 und der U19 der Londoner erzielte der Niederländer 18 Tore.

Und auch im Hertha-Dress hat Redan schon getroffen: In seinen acht Einsätzen für die U23 von Michael Hartmann kam Redan auf vier Tore. Im Profi-Team wurde er bislang nur einmal eingesetzt: Bei der 0:3 Heimniederlage gegen Wolfsburg am 2. Spieltag. In der Rückrunde wurde Redan dann an den niederländischen Erstligisten FC Groningen verliehen, wo er einige Spiele bewältigte, aber keine Tore machte – bis die Saison 19/20 wegen des Coronavirus abgebrochen wurde. Gemeinsam mit Jessic Ngankam könnte sich Redan in der kommenden Saison um die Rolle des besten Nachwuchsstürmers streiten. In jedem Fall sollte Hertha ihn nicht voreilig ziehen lassen.

Jessic Ngankam – Herthas eigenes Sturm-Juwel

Immer wieder kommen aus der Hertha-Jugend vielversprechende Talente in die Profi-Mannschaft. Dass diese Spieler aber schon mit 18 oder 19 Jahren von mehreren europäischen Spitzenclubs gejagt werden, passiert nicht sehr oft. Bei Jessic Ngankam ist das aber der Fall. Obwohl im Mai dieses Jahres von Interesse aus München und Salzburg berichtet wurde, unterschrieb das Berliner Eigengewächs seinen ersten Profivertrag bei Hertha. Belohnt wurde er von Bruno Labbadia mit mehreren Einwechslungen. Im letzten Saisonspiel gegen Mönchengladbach sammelte Ngankam sogar seinen ersten Scorer-Punkt, als er Ibisevic seinen wohl letzten Hertha-Treffer auflegte. In Hartmanns U23 zeigte Ngankam in der vergangenen Saison, was in ihm steckt: In 22 Spielen traf er elf Mal – seine Torquoten in den Jugendmannschaften Herthas sind noch beeindruckender. Schön, dass Labbadia den Nachwuchsspielern häufig Chancen gibt. Ngankam hat sie verdient – es wäre toll, wenn er sich einen Platz im Team ergattert.

Muhammed Kiprit – Geht da noch was?

Einen ähnlichen Text wie über Ngankam hätte man in den vergangenen Jahren vor Saisonbeginn jeweils auch über Muhammed Kiprit schreiben können. Der gebürtige Berliner hat in der Jugend für Hertha viele Tore geschossen, 2018 wurde er dann zum Hertha-Profi. Doch seitdem steht die Entwicklung still. In der Rückrunde 18/19 wurde Kiprit für ein paar Monate nach Innsbruck verliehen. In der vergangenen Saison lief er dann wieder 21 mal für die U23 von Hertha auf – und machte beachtliche 16 Tore bei fünf Vorlagen. Alleine diese Werte zeigen, dass Kiprit als Stürmer wertvoll sein kann. Vielleicht bekommt er bei Labbadia ja noch eine Chance – es ist allerdings nicht davon auszugehen.

Fazit

Obwohl Hertha in der vergangenen Saison mit Ibisevic und später auch Piątek zwei klassische Strafraumstürmer hatte, die für wichtige Tore sorgten, gibt es nach wie vor ein Stürmerproblem. Das zeigen mehrere Statistiken. Mit sieben Ligatreffern sind Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio Herthas erfolgreichste Torschützen und rangieren damit auf Platz 33 der Torjäger-Liste der Bundesliga. Dass bei Hertha die Torgefahr zumeist nicht von Stürmern sondern von offensiven Mittelfeldspielern (Lukebakio, Cunha, Kalou, etc.) ausgeht, zeigt auch ein Blick in die Scorer-Liste der Liga. Mit sieben Treffern und sechs Vorlagen ist Lukebakio auf Platz 31 bester Herthaner. Das mag sicherlich auch an den vielen Trainerwechseln der vergangenen Saison liegen: Denn unter Klinsmann und Covic hatte der einzige treffsichere Stürmer Ibisevic in der Hinrunde wenig Einsatzzeit. Wer weiß, wie viele Tore der „Vedator“ gemacht hätte, wenn er Selkes Spielzeit bekommen hätte …

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Hoffnung machen aber die jüngsten Entwicklungen unter Bruno Labbadia, der selbst jahrelang auf Torejagd ging. Einerseits erkannte Labbadia, dass Ibisevic nach seinen Hertha-Jahren als Stürmer am besten mit dem Rest der Mannschaft verbunden ist – der Bosnier zahlte dies mit guten Leistungen und Treffern zurück. Andererseits baute Labbadia gleichzeitig Neuzugang Piątek auf – der Pole wurde von Spiel zu Spiel besser und konnte zeigen, dass er Ibisevics Platz als gefährlicher Strafraumstürmer einnehmen könnte. Hoffnung machen auch Nachwuchs-Talente wie Ngankam oder Redan, die unter Labbadia sicherlich ihre Zeit bekommen werden.

Ganz egal, wer vorne spielt – Hertha muss auch spielerische Probleme lösen. Sowohl mit Ibisevic als auch mit Selke und Piątek hat es in der vergangenen Saison zu oft so gewirkt, als habe der Sturm keinen Anschluss ans Mittelfeld gehabt. Der Abstand der Stürmer zu den kreativen Passgebern war oft zu groß, sodass nur selten spielerisch-dynamisch Gefahr entstanden ist. Wünschenswert wäre es daher, dass der Strafraumstürmer Piątek einen weiteren spielstarken Stürmer an seine Seite bekommt. Vielleicht können diese Aufgabe ja die Talente Ngankam und Redan erfüllen – vielleicht aber auch ein weiterer Neuzugang.

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Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte. In diesem Teil wird die Position der Außenstürmer näher beleuchtet.

Lukebakio und die Veränderung des Stellenprofils

Er war der Spieler, dessen Transfer im Sommer an der Spree für das größte Erstaunen sorgte. Mit der Verpflichtung von Dodi Lukebakio landete Michael Preetz zum wiederholten Male einen echten Coup. Wie schon bei Mitchell Weiser, Valentino Lazaro und Niklas Stark – um nur einige zu nennen – schaffte es „Der Lange“ erneut, einen jungen Spieler mit hohem Entwicklungspotenzial in die Hauptstadt zu lotsen. Ein typischer Preetz-Transfer also? Nicht ganz. Denn die Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro war ein Wert, an den man zu diesem Zeitpunkt im blau-weißen Umfeld noch nicht gewohnt war. Dass der Preis nach Lukebakios erster Bundesligasaison in Düsseldorf, in der er 14 Torbeteiligungen in 31 Spielen verzeichnete, seine Berechtigung hatte, daran gab es kaum Zweifel. Dass Hertha jedoch bereit ist, derartige Summen zu zahlen – das war neu. Doch Hertha war im zurückliegenden Transfersommer zweifelsohne zum Handeln gezwungen. Nachdem Valentino Lazaro den Klub gen Mailand verlassen hatte, war klar, dass es zwingend offensive Qualität für die rechte Seite brauchen würde. Auch, weil Mathew Leckie, der diese Position mehr oder weniger im Wechsel mit Lazaro bekleidete, zum einen in der Vorsaison primär durch Verletzungen auffiel und zum anderen auch bei vollständiger Gesundheit weit von der Form zu Beginn seiner Berlin-Zeit entfernt war. Da man sich entschied, auf der Rechtsverteidiger-Position nicht nachzurüsten und stattdessen auf Klünter und Pekarik zu vertrauen, war klar, dass es von nun an ein klar offensiv denkender Mann für den Flügel richten muss, der die fehlende Kreativität und Torgefahr seiner Hinterleute ausgleicht. Dementsprechend groß waren die Erwartungen an den – zu diesem Zeitpunkt – Rekordtransfer.

Lukebakios Treffer zum 2:0 im Derby gegen Union. (Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images)

Der Start sollte dann jedoch, analog zu dem des Vereins, etwas holprig verlaufen. War er am ersten Spieltag mit dem Tor in München, das Hertha zum Remis verhalf, noch obenauf, ging es danach ebenso rasant bergab. Die folgenden drei Spiele, die Hertha allesamt verlor, sah auch Lukebakio alles andere als gut aus. Immer wieder schlichen sich Schwächen in der Ballbehandlung sowie der Chancenverwertung ein, sodass Trainer Ante Covic seinen Königstransfer am fünften Spieltag erstmals auf die Bank beorderte. Nachdem Hertha gegen Paderborn den ersten Saisonsieg einfuhr, sollte sich Lukebakio auch bei den kommenden beiden Siegen gegen Köln und Düsseldorf sowie dem Remis in Bremen nicht in der Startelf wiederfinden.

Statt Stunk zu machen, bewies der Belgier jedoch Moral und empfahl sich über vielversprechende Kurzeinsätze, in denen er in allen drei Spielen jeweils an einem Treffer beteiligt war, wieder für die Startelf, aus der er seitdem auch nicht mehr wegzudenken ist. Sieben Treffer und ebenso viele Vorlagen können sich, insbesondere angesichts der durchwachsenen Saison von Hertha, durchaus sehen lassen. Dennoch ist es keineswegs so, als wäre der Offensivmann frei von Kritik. Zum Saisonendspurt hin wurde er von Labbadia nach schwacher Vorstellung in Dortmund öffentlich für seine Leistung kritisiert und trotz Herthas zu dem Zeitpunkt dünner Personaldecke im Spiel darauf auf die Bank gesetzt. Insbesondere die fehlende Bereitschaft zur Defensivarbeit und seine vermehrt lustlose Körpersprache standen in der Kritik. Doch auch aus diesem Zwischentief konnte sich Lukebakio befreien – erzielte zunächst ein Traumtor gegen Freiburg, das jedoch aberkannt wurde und war beim Überraschungssieg gegen Leverkusen – dann auch regulär – an beiden Treffern direkt beteiligt.

Fazit: Bei all der (berechtigten) Kritik, die sich Lukebakio in seinen beiden Schwächephasen anhören musste, sollte nicht vergessen werden, dass es hierbei um einen 22-jährigen geht, der noch weit entfernt von seinem Leistungszenit ist und aller Widerstände zum Trotz 14 Scorerpunkte vorweisen kann. Wenn Labbadia es schafft, Lukebakios klar benennbare Defizite zu beheben, dann kann Hertha in den kommenden Jahren noch viel Freunde an ihm haben.

Das Juwel im Entwicklungsstopp

Zahlen, wie sie Lukebakio vorweisen kann, hätte man sich in der abgelaufenen Saison auch von Javairo Dilrosun erhofft. Der bis zur Verpflichtung von Matheus Cunha wohl talentierteste und technisch versierteste Spieler im Berliner Kader, bringt in seinen Anlagen alles mit, das es braucht, um eine wichtige Rolle in Herthas ambitionierten Zukunftsplänen zu spielen. Zu Beginn der Saison sah es so aus, als könnte er diesen Erwartungen bereits jetzt schon gerecht werden. Nachdem er den Saisonauftakt verletzungsbedingt verpasste, zählte er ab dem fünften Spieltag zum Stammpersonal und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Hertha zwischenzeitlich zehn Zähler aus vier Partien einheimsen konnte. Vier Torbeteiligungen sammelte er in diesen Partien. Die drei Tore, die er dabei selbst schoss, waren allesamt solche für die Galerie. In dieser Phase war allein Dilrosuns Spielfreude das Eintrittsgeld wert.

Ließ sein Können leider viel zu selten aufblitzen: Javairo Dilrosun by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Doch leider waren mit dem abrupten Ende des zwischenzeitlichen Aufschwungs Herthas auch die Jubel-Wochen von Dilrosun vorbei. Zwar gehörte er unter allen drei Trainern bis zu Labbadia zum Stammpersonal, allein seine Leistungen rechtfertigten das Vertrauen nicht mehr. Vom siebten bis zum 28. Spieltag gelang dem Niederländer keine einzige Torbeteiligung mehr. Regelmäßig tauchte er komplette 90 Minuten ab. Zweifelsohne kann man die Schuld nicht allein ihm zuschreiben. Auch der fußballverneinende Stil von Klinsmann/Nouri tat sein Übriges. Dennoch darf und muss man von einem Spieler dieser Güteklasse mehr erwarten. Es passt zur Saison Dilrosuns, dass dieser sich, gerade, als Labbadia begann, auf ihn zu setzen und er sich gegen Augsburg mit einem – natürlich – sehenswerten Treffer für das Vertrauen revanchierte, erneut eine Verletzung zuzog und für den Rest der Saison ausfiel.

Fazit: Die nächste Saison könnte der Wegweiser sein, in welche Richtung sich Dilrosuns Karriere entwickelt. Bleibt er im Status des Talents hängen, das hin und wieder seine außergewöhnliche Klasse aufblitzen lässt, oder gelingt es ihm, Konstanz in seine Leistungen zu bringen? Viel wird auch davon abhängen, inwieweit er dabei von Verletzungen verschont bleibt. Ein anderer Faktor ist, welche Position Labbadia für den Flügelflitzer vorsieht. Denn auf Dilrosuns Stammposition – dem linken Flügel – fühlt sich neuerdings noch ein anderer Spieler recht wohl.

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Matheus Cunha – ein Spieler für die besonderen Momente (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hacunha Matata

Wo soll man da nur anfangen? All den Ärger, den man mit Hertha in den letzten Jahren, ach, Jahrzehnten hatte; all die verpassten Chancen auf das europäische Geschäft; all die Stresspickel, die hervortreten, wenn man an Jens Lehmann und Jürgen Klinsmann denkt – all das rät für ein paar Minuten in Vergessenheit, wenn man diesen Spieler auf dem Feld bewundern darf. Was Matheus Cunha seit seiner Ankunft aus Leipzig im Winter auf den Rasen zaubert, erinnert phasenweise tatsächlich an den großen Marcelinho.

In gerade einmal elf Partien brillierte sich der Brasilianer ins Herz aller blau-weißen Anhänger. Seine Torgefahr, seine Kreativität, seine Technik, seine Abschlussstärke – eigentlich kann man sich Spiel um Spiel nur verwundert die Augen reiben und fragen, wie sich ein Spieler dieser Qualität nach Berlin verirren konnte. Natürlich kann, wenn die rosa-rote Brille abgesetzt wird, auch hier an der einen oder anderen Stelle noch Luft nach oben erkannt werden. So darf sich Cunha hin und wieder auch gern mal etwas früher vom Ball trennen und sich des eigenen Spielwitzes etwas weniger bewusst sein. Andererseits: Wenn das Resultat dessen solche Tore, wie das gegen Hoffenheim sind, wer möchte ihm dann derartige Aktionen verbieten? In diesem Sinne: Einfach genießen, solange er noch nicht gemerkt hat, dass er eigentlich für Höheres bestimmt ist.

Fazit: Über den Sommer in Watte einpacken und beten, dass er fit bleibt.

Der unwürdige Abgang eines Superstars

Während man bei Cunha aus dem Schwärmen kaum herauskommt, verlief die Saison von Salomon Kalou gänzlich anders. Dabei wurde schon früh deutlich, dass es wohl nicht sein Jahr werden würde. Neu-Coach Ante Covic ließ Kalou lediglich bei der Niederlage gegen Wolfsburg von Beginn an spielen. Unter Klinsmann/Nouri wurde die Bilanz gar noch düsterer. Nur ein Kurzeinsatz über zwölf Minuten am 13. Spieltag gegen den BVB sollte hinzukommen. Dies waren gleichzeitig seine letzten Minuten im blau-weißen Trikot. In das Wintertrainingslager unter Jürgen Klinsmann durfte er nicht mehr mitfahren, ein frühzeitiger Abgang stand im Raum.

Gerade in den großen Spielen trumpfte Kalou immer wieder auf. (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Wie es dann letzten Endes zum finalen Aus bei Hertha kam, wurde hinlänglich durch jedes Medium getrieben und soll an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Die Umstände des Ganzen werfen aber doch ein paar Fragen auf. Dass Kalou für seine Aktion bestraft gehört, ist wohl unstrittig. Ob es aber angemessen war, ihn allein für die Verfehlungen eines ganzen Vereins, oder besser gesagt einer ganzen Branche, verantwortlich zu machen, darf zumindest in Frage gestellt werden. So muss sich Hertha, mal wieder, den Vorwurf gefallen lassen, einen verdienten Spieler nicht den ihm zustehenden Abschied bereitet zu haben. Immerhin muss man sich an der Stelle nochmal in Erinnerung rufen, dass hier von einem Spieler die Rede ist, der in 151 Spielen 65 Torbeteiligungen für Hertha sammelte und maßgenblich daran beteiligt war, aus der einstigen Fahrstuhlmannschaft einen Europa League-Teilnehmer zu machen. Doch nicht nur sportlich war auf den Ivorer Verlass.

Auch für die Kabine war „Sala“ ein enorm wichtiger Spieler, der stets für gute Laune sorgte und für Späße zu haben war. Der letzte „Spaß“ war nun zu viel des Guten. Es würde seiner Karriere aber nicht gerecht werden, wenn man ihn dadurch in Erinnerung behielte. Stattdessen sollte man sich lieber an seine Tore in den großen Spielen gegen Bayern und Dortmund erinnern, seinen Dreierpack zu Hause gegen Gladbach, seinen Hattrick in Hannover mit eingewickeltem Kopf. Und natürlich an dieses unvergessliche Grinsen, das jeden ansteckt.

Fazit: Danke, Sala!

Zeit für neue Aufgaben

Dass sich Hertha derzeit im Umbruch befindet, das zeigen die Transfers eindeutig. Verpflichtungen wie die von Piatek und Cunha wären noch vor einem Jahr ins Reich der Fabeln verwiesen worden. Mit den neuen Ansprüchen – ganz gleich, wie man diese empfindet – muss es zwangsläufig auch zu Abgängen kommen. Die Trainersöhne Palko Dardai und Maurice Covic werden unter Labbadia wohl keine Rolle spielen. Selbiges gilt für Mathew Leckie. Der Australier, der vor drei Jahren an die Spree wechselte und einen beeindruckenden Start hinlegte, konnte seither, teils wegen Verletzungen, teils aufgrund endlos scheinender Länderspielreisen, nicht mehr an seinen Beginn anknüpfen. Vor einigen Monaten gab er öffentlich zu Protokoll, im Sommer einen neuen Verein suchen zu wollen. Angesichts der Konkurrenz auf seiner Position und seinen sehr überschaubaren Spielminuten ein absolut nachvollziehbarer und konsequenter Schritt.

Empfehlung: Ein weiterer Allrounder muss her

Wenn man die aktuellsten Gerüchte um Cunha mal als solche verbucht und darauf vertraut, dass Herthas neue Liquidität auch dazu führt, größere Summen ablehnen zu können, hat man in dem Brasilianer sowie Lukebakio wohl die feste Flügelzange für die anstehende Saison. Dahinter hat man in Javairo Dirosun allerdings aktuell nur einen Spieler, der ein würdiger Vertreter sein kann und das auch nur, wenn er fit und in Form ist – beides hatte in seinen nun zwei Jahren in der Hauptstadt Seltenheitswert. Ein Spieler mit Offensivdrang, der im Idealfall beide Seiten bespielen kann und speziell Lukebakio unter (Leistungs-)Druck setzt, sollte in diesem Sommer auf Michael Preetz’ Einkaufsliste stehen.

Titelbild: STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Mittelfeld

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Mittelfeld

„Wenn du ein gutes Mittelfeld hast, hast du ein gutes Team“, sagte einmal Casemiro, Mittelfeldspieler bei Real Madrid. Er muss es wissen, denn Real Madrid ist zuletzt erneut spanischer Meister geworden. Eigentlich wissen das auch die meisten, die sich mit Fußball länger befassen, denn insbesondere das zentrale Mittefeld ist das Herzstück einer Fußballmannschaft. Im nächsten Teil unserer Artikelserie geht es genau darum. Wie verlief die Saison für Herthas zentrale Mittelfeldspieler? Wie ist der Stand aktuell und wo ist noch Bedarf?

Mehrere Spieler im Mittelfeld sorgten bei der „alten Dame“ in der vergangenen Saison für Gesprächsstoff. Ob Marko Grujic mit blauem Auge zum Saisonstart, der Abgang von Eduard Löwen nach nur sechs Monaten in Berlin, die Rückkehr in Topform von Vladimir Darida oder auch der Abschied von Per Skjelbred: es war einiges los im „Herzstück“ der Hertha-Mannschaft. Da Mittelfeldspieler ganz besonders im Zusammenhang mit Ihren Mitspielern zu bewerten sind, wollen wir dieses Mal zunächst chronologisch vorgehen.

Saisonstart mit Grujic, Duda und Löwen

Erst Jubel, dann Schmerz beim Treffer von Marko Grujic. (Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images)

Die älteren unter uns werden sich erinnern – denn dieser Saisonstart gegen den FC Bayern München ist gefühlt bereits 50 Jahre her. Marko Grujic krönte gegen den Rekordmeister während der Saisoneröffnung eine gute Leistung mit einem Tor. Im Adrenalinschub bemerkte er erst beim Jubeln, dass es ihn im Zweikampf mit Weltmeister Benjamin Pavard am Auge erwischt hatte und er ein blaues Auge davontragen würde.

Im Kader mit dabei waren in München übrigens Eduard Löwen und Sidney Friede. Beide spielten in dieser Hinrunde jedoch kaum bis gar keine Rolle und verließen die „alte Dame“ im Winter. In der Startelf stand dafür Ondrej Duda. Der Slowake fand nach einer überragenden Spielzeit 2018/19 allerdings nicht richtig zu seiner Form, profitierte sicherlich auch nicht vom Trainerwechsel. In den ersten fünf Partien (nur vier Punkte) spielte er von Beginn an, wurde beim ersten Saisonsieg gegen den SC Paderborn dann zur Halbzeit ausgewechselt.

Es folgten nur noch knapp 90 Minuten Einsatzzeit bevor er unter Jürgen Klinsmann nicht mal mehr im Kader stand. Er wurde im Winter zu Norwich City ausgeliehen, wo er jedoch nach dem „Re-Start“ nicht mehr erste Wahl war. Seine Zeit in der Premier League verlief zusammengefasst eher unglücklich, sein Verein musste absteigen und er selbst blieb ohne Erfolg (null Tore, null Vorlagen).

Skjelbreds Rückkehr, Grujic ohne Konstanz

Per Skjelbred war nicht als Stammspieler erwartet, meldete sich aber eindrucksvoll zurück. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Während Hertha unter Ante Covic zu Saisonbeginn vor sich hinkriselte, arbeitete sich nach den ersten zwei Niederlagen ein Spieler zurück in die Startelf, der im Sommer schon fast abgeschrieben wurde. Per Skjelbred stand am vierten Spieltag wieder in der Startelf und spielte eine wichtige Rolle im Laufe der Saison. Dabei übernahm er die defensive Rolle im zentralen Mittelfeld neben Marko Grujic. Die Offensivere Position davor gab Duda an Vladimir Darida ab. Der Tscheche wurde daraufhin eine der wenigen Konstanten im Spiel der „alten Dame“.

Anders verlief es für Marko Grujic. Dieser bekam zwar regelmäßig seine Einsätze, konnte allerdings nicht konstant seine Leistung abrufen. Teilweise blitze seine Qualitäten auf, wie beispielweise im Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt (2:2, ein Tor, eine Vorlage), in vielen anderen Spielen allerdings fiel er durch zu langsames Agieren, Foulspiele und Unkonzentriertheiten auf, die mitunter auch zu Gegentreffern führten. Die chaotische Zeit unter und nach Jürgen Klinsmann brachte auch beim Serben viel Unsicherheit. Die ständigen Wechsel in der Zentrale (mal spielte Skjelbred, mal Darida neben Grujic) halfen dabei sicherlich auch nicht.

Im Winter kam Klinsmanns Wunschspieler Santiago Ascacibar vom VfB Stuttgart und übernahm für die letzten Partien seines Trainers die Position des klassischen Sechsers. Der Argentinier kam in einer denkbar ungünstigen Zeit an, in welcher der Hauptstadtclub immer mehr im Chaos versank. Nach dem „Re-Start“ zog sich der 23-Jährige eine schwere Fußprellung und fiel für die restlichen Spiele aus. Allerdings muss man dem “Giftzwerg” zugute halten, dass er seine Aufgabe in den wenigen Spielen zufriedenstellend erledigte und noch zu den positiven Erscheinungen der Mannschaft gehörte.

Neues Selbstvertrauen im Mittelfeld unter Bruno Labbadia

Vladimir Darida für Labbadia nicht wegzudenken. (Foto: Lars Baron/Getty Images)

Als es dann wieder mit der Bundesliga losging und Hertha BSC unter Bruno Labbadia eindrucksvoll nach nur wenigen Spielen den Klassenerhalt sicher machte, glänzte ein Spieler ganz besonders. Die „Lunge der Liga“ Vladimir Darida sammelte nicht nur Rekorde durch seine Laufleistungen, er überzeugte auch spielerisch und gab der gesamten Mannschaft Sicherheit.  Dabei übernahm er erneut den etwas offensiveren Part zwischen „klassischer Zehn“ und „Achter“. Es war zu spüren, dass der 29-Jährige dann besonders stark ist, wenn er im System mit drei zentralen Mittelfeldspielern den offensiveren Part übernehmen kann. Auch das Pressing unter Bruno Labbadia passt perfekt zum Mittelfeld-Allrounder. Insgesamt konnte er drei Treffer erzielen und fünf weitere vorlegen.

Dabei unterstützt wurde er von einem wieder erstarkten Marko Grujic, der sich zu Saisonende nochmal spürbar verbessert zeigte. Auch Per Skjelbred zeigte starke Leistungen, bevor er aufgrund einer Verletzung ausfiel und erst in der letzten Partie einen Kurzeinsatz zum Abschied bekam. Arne Maier fiel fast die gesamte Hinrunde wegen einer Knieverletzung aus, kam aber trotz einer für ihn eher unrühmlichen Transferperiode in der Rückrunde zu vier Startelf- und acht Kurzeinsätzen. Niklas Stark musste auf der „Sechs“ für kurze Zeit aushelfen und sogar Lazar Samardzic feierte sein Debüt.

Die Saison fand also auch im zentralen Mittelfeld ein versöhnliches Ende, brachte aber auch für die Sommerpause viele Fragen mit sich, angesichts der vielen anstehenden Wechsel. Von den im Laufe unseres Rückblicks genannten Spielern sind einige keine Option mehr für die nächste Saison: Eduard Löwen, Per Skjelbred und Sidney Friede sind definitiv nicht mehr im Kader. Auch Marko Grujic ist nach Liverpool zurückgekehrt. Es steht noch nicht fest, ob ihn Hertha erneut für eine Saison an die Spree locken kann, oder ihn womöglich sogar fest verpflichtet. Was bleiben bei Hertha also für Optionen?

Offensive Optionen im Zentralen Mittelfeld

Dudas Rückkehr mit Fragezeichen. (Foto: Tim Keeton/Pool/AFP via Getty Images)

Mit Vladimir Darida wird glücklicherweise aus Hertha-Sicht weiter zu rechnen sein. Derzeit sollen die Verantwortlichen ein Angebot zur frühzeitigen Verlängerung für den Tschechen erarbeiten, dessen Vertrag aktuell noch bis 2021 läuft. Ein Verbleib ist also hochwahrscheinlich, Cheftrainer Labbadia stellte bereits klar, dass er auf den Laufstarken Spieler setzt. Die Blau-Weißen haben also mit ihm eine sehr gute Option für alle zentralen Positionen, wobei er insbesondere als offensiverer „Achter“ glänzen könnte.

Eine weitere Option für das offensive zentrale Mittelfeld wird der Rückkehrer Ondrej Duda sein. Dieser bleibt aber ein großes Fragezeichen, da er sich zunächst im Labbadia-System zurechtfinden muss. Da er bisher nur in einer Saison bei Hertha BSC so richtig einschlagen konnte, ist es schwierig ihn als „sichere“ Lösung anzusehen. Winterneuzugang und neuer Publikumsliebling Matheus Cunha ist als Offensiv-Allrounder zwar grundsätzlich auch als „Zehner“ denkbar. Im System unter Bruno Labbadia ist er jedoch eher als hängende Spitze oder frei in der Offensive gesetzt worden. Den Brasilianer besprechen wir in unserer Artikelserie, wenn wir bei Herthas Sturm angelangen.

Schließlich könnte auch der junge Lazar Samardzic in der neuen Saison eine Chance bekommen, sich zu zeigen. Der 18-Jährige machte sein Bundesligadebüt im Derby gegen Union Berlin (4:0) und bekam zwei weitere Kurzeinsätze. Der gebürtige Berliner gilt als Riesentalent, trat jedoch zuletzt für Hertha Fans eher negativ in Erscheinung: angeblich wolle er oder seine Berater einen Wechsel im Sommer forcieren. Sollte er jedoch bleiben, wäre sein Profil besonders interessant, da er auf seiner Position momentan nicht die größte Konkurrenz hat.

Maiers Rückkehr – Tousart und Ascacibar mit Rückstand

Tousart hat monatelang nicht mehr gespielt. (Foto: Philippe Desmazes/AFP via Getty Images)

Für die defensiveren Aufgaben steht wieder Arne Maier zur Verfügung. Verletzungen warfen den 21-Jährigen in dieser Saison zurück und bremsten seine bisher rasante Entwicklung im Profibereich. Sollte er jedoch fit bleiben und eine komplette Sommervorbereitung unter Bruno Labbadia absolvieren geht er mit einer sehr guten Ausgangslage in die neue Saison. Noch wichtiger als seine Qualitäten im defensiven Mittelfeld ist seine Fähigkeit, auf der „Acht“ eine Verbindung zwischen Defensive und Offensive herzustellen. Dafür wird er in Topform aufspielen müssen und einen defensiv aufgestellten Mitspieler im Mittelfeld als Absicherung brauchen, um im den Rücken freizuhalten.

Mit Lucas Tousart hat sich die „alte Dame“ einen Spieler für die kommende Saison geholt, der genau diese Absicherung herstellen kann. Er bringt nämlich Zweikampfstärke, Physische Präsenz, bedingungsloser Einsatz und Qualität mit. Über seine Stärken und Schwächen haben wir bereits im Januar einen längeren Artikel geschrieben: hier. Allerdings kommt der Franzose nicht gerade unter optimalen Umständen in die Hauptstadt an. Durch die frühzeitige Beendigung des Ligabetriebs in Frankreich und die anstehende Sommerpause fehlen ihm monatelange Spielpraxis. Er wird viele anspruchsvolle Trainingseinheiten unter Bruno Labbadia benötigen, um den Fitness-Rückstand aufzuholen und wieder auf Topniveau zu kommen. Schließlich wird er sich an die neue Liga, Mannschaft und Heimat gewöhnen müssen.

Es ist also eher unwahrscheinlich, zum Saisonstart einen topfitten und gut aufgestellten Lucas Tousart zu erwarten, sowohl Fans als auch Verein werden da geduldig sein müssen. Ähnliches wird mit Abstrichen auch für Santiago Ascacibar gelten: Die Corona-Pause und seine anschließende Verletzung werden zu einem ähnlichen Fitness-Zustand geführt haben. Seine Qualitäten als klassischer Sechser könnten allerdings im Verlauf der kommenden Saison, vor allem im Hinblick auf den Abgang von Per Skjelbred, besonders wertvoll werden.

Braucht Hertha noch Verstärkung?

Auch Santiago Ascacibar hat lange gefehlt. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Sowohl im offensiven, als auch im defensiven zentralen Mittelfeld gibt es also einige Unsicherheiten. Zwar klingt es zunächst sinnvoll, einen kreativen, offensivstarken zentralen Mittelfeldspieler zu holen, da es gerade dort nicht viele klare Optionen gibt. Doch mit der Rückkehr von Ondrej Duda, der Hochform von Vladimir Darida und den Qualitäten von Matheus Cunha ist die Baustelle in diesem Sommer womöglich etwas weiter hinten anzustellen.

Sowohl Ascacibar als Tousart sind für harte Zweikämpfe bekannt und sammeln regelmäßig Karten. Gelb- und womöglich auch Rot-Sperren sind vorprogrammiert, sodass die Möglichkeit besteht, dass beide zur selben Zeit nicht zur Verfügung stehen. Niklas Stark ist da sicherlich eine Option, um im defensiven Mittelfeld auszuhelfen, wenn in der Innenverteidigung kein Engpass besteht. Der junge Julian Albrecht aus der eigenen Jugend könnte ebenfalls seine Chance bekommen. Doch ein weiterer Spieler, der sowohl defensiv wie auch offensiv aushelfen könnte, würde eine mögliche Schwachstelle im „Herzstück“ der Mannschaft verhindern.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Hertha sehr daran interessiert ist, Marko Grujic wieder zur Verfügung zu haben. Der 24-Jährige kennt mittlerweile sowohl die Bundesliga als auch seine Mitspieler bestens und wäre sofort eine Verstärkung, so inkonstant diese sein mag. Wenn ein gutes Mittelfeld ein gutes Team bedeutet, wird Hertha jedenfalls auch im zentralen Mittelfeld sehr überlegt agieren müssen, um angemessen gerüstet für die neue Spielzeit zu sein. Andernfalls werden auch potenzielle millionenschwere Einkäufe im Sturm nicht ausreichen, um endlich eine sorgenfreie Spielzeit von Hertha BSC zu erleben.

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