Chronisch unterschätzt, klare Philosophie: Das ist Sandro Schwarz

von Jun 22, 2022

Bei Hertha BSC ist wieder vieles neu. Die Mannschaft wird erneut kräftig umgebaut, der Wahlkampf um das Amt des Präsidenten läuft auf Hochtouren und mit Sandro Schwarz wurde vor kurzem auch der neue Trainer vorgestellt.

Wir schauen heute auf den bisherigen Weg des Trainers und gehen auf seine Stationen in Mainz und Moskau ein und wollen euch den neuen Übungsleiter etwas genauer vorstellen.

Drei Jahre Achterbahnfahrt

Die Ausgangslage von Hertha BSC ist allseits bekannt. Nach drei Jahren wilder Achterbahnfahrt, soll endlich Ruhe im Verein einkehren. Zur Saison 2022/2023 wird also der achte Trainer seit 2019 vorgestellt. Und es soll wieder neue Einflüsse und Ideen geben. Ideen und eine Philosophie, die es so in den letzten Jahren nicht gegeben hatte. Weg vom blinden Offensivfußball des jungen und im Profifußball unerfahrenen Ante Covic, weg vom Zerstörerfußball eines Pal Dardais, weg vom einfachen auf Standardsituationen ausgelegten Abstiegskampf-Fußball von Felix Magath.

Sandro Schwarz kommt mit einem Plan, der eine gewisse Form des Klopp’schen Gegenpressing-Fußballs verkörpert und bekanntlich in den letzten Jahren zu vielen Titeln führte. Dass Hertha BSC von nun an nicht um Titel mitspielt sollte klar sein, darum geht’s auch nicht. Aber um dem Stil ein Bild zu geben, passt der Vergleich ganz gut.

Die Verbindung zwischen Fredi Bobic und Sandro Schwarz besteht seit einer Weile. Gerüchten zu Folge wollte Bobic Schwarz bereits 2018 nach Frankfurt holen, doch dieser blieb seinen Mainzern zum damaligen Zeitpunkt treu. Schwarz löste ein Jahr zuvor Martin Schmidt in Mainz ab und hatte ein schweres Jahr hinter sich. Seine Mannschaft rettete sich erst spät vor dem Abstieg. Da stellt sich natürlich schnell die Frage, weshalb der Sportdirektor des amtierenden DFB-Pokal-Siegers und in der kommenden Saison in der Europa League teilnehmenden Eintracht Frankfurts Interesse an einen Trainer hatte, dessen Team mit Ach und Krach den 14. Platz belegte?

Ganz einfach, Sandro Schwarz hatte in Mainz an alte Zeiten angeknüpft und Tugenden von Jürgen Klopp wieder aufleben lassen. Also Gegenpressing, unbändiger Wille, Kampf und Leidenschaft. Eine Philosophie und ein System, welches zwischenzeitlich in Mainz verloren gegangen war. Nun konnte Fredi Bobic seinen Wunschtrainer nach zwei doch recht erfolgreichen Jahren aus Moskau nach Berlin lotsen. In der russischen Hauptstadt leistete Schwarz bei Dynamo Moskau gute Arbeit und konnte auch dort einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

schwarz

(Photo by Daniel ROLAND / AFP) / DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO (Photo by DANIEL ROLAND/AFP via Getty Images)

Um die Mainzer Zeit von Sandro Schwarz einordnen zu können, haben wir mit Jan Budde vom Mainzer Blog „Hinterhofsänger“ gesprochen, selbiges taten wir mit Artjom Zavodnyk von Transfermarkt.de, der sich bestens mit dem osteuropäischen und vor allem russischen Fußball auskennt.

Auch wenn bei Hertha BSC gerne vieles anders ist, kann man sich wohl auf eines freuen. Auf Ruhe in der Mannschaft und damit im Optimalfall auch im Verein. Schwarz hat in der Vergangenheit stets ein gutes Verhältnis zu seinen Mannschaften und vor allem auch Vorgesetzten gehabt. Ob es ein Rouven Schröder in Mainz war, oder Zeljko Buvac in Moskau. Letzterer ist der Allgemeinheit eher als ehemaliger Co-Trainer von Jürgen Klopp bekannt.

Nachhaltige Arbeit in Mainz – Die Saat für Svensson

„Mit Sandro Schwarz hat Hertha einen der bestmöglichen Trainer Deutschlands bekommen!“. Mit dieser klaren und sehr positiven Aussage startete Jan das Gespräch mit uns. Wieder entstehen direkt die ersten Fragen. Mainz 05 war schließlich unter Schwarz lediglich 14. und 12. in der Bundesliga geworden, kämpfte lange Zeit gegen den Abstieg und musste zum Ende seiner Amtszeit in Leipzig eine heftige 0:8-Klatsche einstecken. Nach elf Spieltagen und auf dem Relegationsplatz stehend musste Schwarz damals Mitte November 2019 den Platz räumen. Doch als Außenstehender fehlt einem gerne mal der Blick für das tiefgründige. Sandro Schwarz, der 1978 in Mainz zur Welt kam, über hundert Spiele für die 05er absolvierte und bereits als Jugendtrainer im Verein mitwirkte, war tief verwurzelt mit Verein und Stadt. Die viel besprochene Vereins-DNA verkörperte er perfekt.

Durch seine väterliche und mitreißende Art wusste er jeden Spieler anzupacken. Ihm sei es zu verdanken gewesen, dass sich zahlreiche Spieler ebenfalls mit dem Verein und der Region identifizierten. Sportdirektor Rouven Schröder und er harmonierten perfekt und verstärkten finanziell clever die Mannschaft Stück für Stück. Neuzugänge wie Pierre-Malong Kunde, Jean-Philippe Mateta, Moussa Niakathe, Jean-Paul Boetius oder Aaron Martin sollten ab 2018 die Mannschaft unterstützen und nachhaltig verändern. Und das bis heute. Der Abgang von Innenverteidiger Abdou Diallo, der bereits ein Jahr zuvor für fünf Millionen Euro aus Monaco kam und nach einem Jahr für stolze 30 Millionen Euro nach Dortmund verkauft wurde, ermöglichte die Finanzierung. Zusätzlich debütierten Mainzer Eigengewächse, wie Jonathan Burkhart, Ridle Baku und Leandro Barreiro. Ein ebenfalls immens wichtiger Spieler in dieser Zeit war Jean-Phillipe Gbamin, dessen für 25 Millionen Euro ebenfalls extrem kostspieliger Abgang 2019 nicht ersetzt werden konnte. Zusätzlich kennen sich Suat Serdar und Sandro Schwarz seit den Jugendmannschaften. Dieser war im ersten Trainerjahr ein wichtiger Baustein im System von Schwarz, ehe er 2018 zum FC Schalke 04 wechselte. Die Wiedervereinigung findet nun also in Berlin statt. Jean-Paul Boetius steht weiterhin auf dem Zettel der Hertha.

Sandro Schwarz, der in Mainz lange an seinem 4-4-2 mit Raute festhielt, lernte dazu und wusste mit Niederlagen mit der Zeit umzugehen. Wie es üblich für jüngere Trainer ist, versuchte auch er seinen begeisternden Spielstil durchzudrücken, auch wenn der zählbare Erfolg ausblieb. „Sandro Schwarz war bereit, seinen Spielstil zu verändern“, erzählte uns Jan. Und in der Tat. Nachdem Mainz 05 mit 0:8 gegen Leipzig unterging und auch das folgende Spiel gegen Union Berlin mit 2:3 verloren ging, baute der folgende Coach Achim Beierlorzer auf das sowieso geplante 3-4-1-2 um und konnte direkt einen 5:1-Sieg in Hoffenheim feiern. Den damaligen Sieg schrieb er zu großen Teilen Sandro Schwarz zu.

(Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

Der Rausschmiss war damals in keiner Weise im Sinne der Mannschaft und der sportlichen Führung, was ein Vertragsverhältnis bis 2022 bestätigt. Schwarz genoss das Vertrauen von Schröder und der Spieler. Die Gründe für die Entlassung waren viel mehr strukturelle Veränderungen innerhalb des Vereins. Mit Detlef Höhne wurde 2017 der Chef der Mainzer Stadtwerke Aufsichtsratsvorsitzender. Der „König von Mainz“, wie er gerne genannt wird, sei zwar ein Machtmensch, aber in keiner Weise jemand, der über das nötige Fußballwissen verfüge. Höhne wollte erfolgreichen Fußball sehen. Der Verein konnte die Situation nicht moderieren und musste schließlich handeln.

Dass das Team intakt war, zeigen die Reaktionen der Spieler. In der Kabine seien Tränen geflossen und der Kontakt zum ehemaligen Förderer wurde stets gehalten. Das Verhältnis zum neuen Trainer Beierlorzer litt schnell, er schaffte es nicht, das Team menschlich hinter sich zu bringen. In dieser Identitätskrise soll es sogar Spieler gegeben haben, die sich via SMS über Beierlorzer bei Schwarz beschwerten.

In den letzten Jahren steigerte sich Mainz stetig. Nachdem man 2021 den 12. Platz erreichte, feierten die Mainzer am Ende der letzten Saison einen starken 8. Platz. „Jan-Moritz Lichte, der als Co-Trainer von Schwarz ebenfalls nah an der Mannschaft war und nach der Entlassung von Beierlorzer das Ruder übernahm, baute das System der Mainzer soweit um, dass er die Früchte säte, die Bo Svensson erntete“, erklärt uns Jan. Wer mehr über die Verbindung zwischen Mainz 05 und Sandro Schwarz wissen möchte, ist herzlich eingeladen sich den Text von Jan Budde auf dem  Mainzer Blog „Hinterhofsänger“ durchzulesen.

Sandro Schwarz in Moskau: Die Fortführung des eigenen Wegs

Dem Ruf seines alten Mainzer Förderers und Co-Trainers von Jürgen Klopp Zeljko Buvac folgend, heuerte Sandro Schwarz nach einer einjährigen Auszeit beim Traditionsverein Dynamo Moskau an. Der Bosnier ist seit Februar 2020 Sportdirektor in Moskau. Nach zum Teil schwachen Jahren und Kämpfen gegen den Abstieg formte Schwarz ein Team, welches unter ihm noch auf den siebten Platz in seiner ersten Saison kam. Nur knapp wurde die Qualifikation für die Europa League verpasst.  Auch in Moskau wusste Schwarz eine gesunde Mischung zwischen alten und jungen Spielern in einem 4-3-3-System zu finden.

Im Tor setzte er auf die 35-jährige Vereinslegende Anton Shunin, der seit 2005 das Tor für den Verein hütet. Die Verteidigung wurde vom Abwehrchef Ivan Ordets zusammengehalten. Ein Spieler, der später noch einmal wichtig werden wird. Schwarz traute sich zahlreiche Talente einzusetzen. Aleksandr Kutitskiy kam in der Innenverteidigung zu seinen ersten Spielen, der 19-jährige zentrale Mittelfeldspieler Arsen Zakharyan gilt als eines der großen Talente in Europa. Mit Konstantin Tyukavin und Yaroslav Gladyshev unterstützten zwei 19-jährige Talente den Routinier Fedor Smolov im Sturm. Der offensive Mittelfeldspieler Sebastian Szymanski wusste ebenfalls zu überzeugen. Laut Gerüchten scheint der Pole auch ein Thema in Berlin zu sein.

(Photo by KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP via Getty Images)

Die zweite Saison bei Dynamo verlief mehr als zufriedenstellend. Lange Zeit spielte das Team um den Titel mit, den sich letztendlich Zenit St. Petersburg sicherte. Doch wie für ganz Europa war auch für das Team der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eine schwere Zäsur. Der ukrainische Co-Trainer Andriy Voronin verließ unter Tränen das Land, genauso wie der 29-jährige, ukrainische Abwehrchef Ivan Ordets. Der Verein wurde durch die Abgänge schwer erschüttert. „Zu Kriegsbeginn gab es einen deutlichen Bruch im Spiel“, erläutert uns Artjom. Die Folge war, dass Dynamo im Meisterschaftskampf Federn ließ und am Ende auf den dritten Platz abrutschte. Im Pokal schaffte es das Team bis ins Finale, welches man allerdings mit 1:2 gegen den Lokalrivalen Spartak Moskau verlor.

Der Verbleib in Russland: “So etwas habe ich noch nie erlebt”

Das größte Fragezeichen bei der Person Sandro Schwarz entstand bei seinem Verbleib in Moskau nach Beginn des Kriegs in der Ukraine. Doch er lieferte Antworten und wurde dabei vielseitig unterstützt. Wie schon in Mainz genoss er ein immens hohes Ansehen bei Spielern und Fans. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, seien die Worte von Arsen Zakharyan an Artjom gewesen, als er ihn über die Zeit mit Schwarz befragte. Es soll ein sehr besonderes Verhältnis zwischen Trainer und Spielern gegeben haben. Er wollte sein Team nicht in Stich lassen und die Mannschaft dankte es ihm. Insbesondere als Schwarz schwer in der Kritik stand und aus Deutschland die Forderungen lauter wurden, dass er zurückzukommen habe, spielte das Team für den Trainer. „Jedes Tor wurde gemeinsam mit dem Trainerteam gefeiert“, betont Artjom.

Während Schwarz sein Team nicht verlassen wollte, taten zwei weitere Trainer in Russland gegenteiliges. Gladbachs neuer Trainer Daniel Farke verließ nach nur wenigen Wochen den FK Krasnodar wieder. Der Vertrag wurde im Einvernehmen mit der Vereinsführung aufgelöst. Er hatte noch kein einziges Spiel an der Seitenlinie gecoacht, lediglich die Wintervorbereitung leitete er. Markus Gisdol dagegen machte sich in Russland keine Freunde, nachdem er ohne Absprache Lokomotive Moskau und das Land verließ. Er sprach seinen Abgang weder mit dem Team noch mit weiteren Funktionären des Vereins ab. Ex-Hoffenheimer und Spielanalyst Marvin Compper, der ebenfalls nicht informiert wurde, leitete daraufhin das Team. Markus Gisdol ließ über einen Anwalt seinen Vertrag auflösen.

Die Anschuldigung, dass Dynamo Moskau dem Kreml und Vladimir Putin nahesteht, weist Artjom klar zurück. „Dynamo Moskau war früher zwar ein Polizeiverein, die Zeiten haben sich aber geändert“, betont er. Außerdem sei Dynamo Moskau neben ZSKA Moskau und FK Krasnodar ein Verein gewesen, der sich gegen den Krieg ausgesprochen habe. Während Vereine wie Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau komplett vom Staat abhängig seien, ist das einzige, was bei Dynamo Moskau mit dem Staat zu tun hat, der Hauptsponsor btb. Eine Bank, die zu 35 Prozent dem Staat gehört. Zur Regierung oder Vladimir Putin persönlich gab es nie Kontakt: „Der interessiert sich nicht für Fußball. Eher für Eishockey“, sagt Artjom.

Eine spannende Persönlichkeit sorgt für Aufbruchsstimmung

Mit Sandro Schwarz hat Hertha BSC eine extrem spannende Persönlichkeit verpflichtet. Es ist der erste richtige Wunschtransfer Fredi Bobics, der nicht aus einer Panikaktion resultiert. Schwarz scheint hochmotiviert zu sein, auf seiner Antrittspressekonferenz betonte er seine Freude auf den Saisonstart. In seiner Karriere hat er Loyalität bewiesen, menschliches Gespür und die Fähigkeit jeden Spieler zu verbessern. Insbesondere jüngere Spieler werden bei ihm viel Beachtung genießen.

Im Verein herrscht eine Jahre lang vermisste Aufbruchsstimmung, die es unbedingt zu nutzen gilt. Womöglich hat man einen Trainer verpflichtet, der zu Unrecht in Deutschland ein etwas zu negatives Image aushalten muss und noch etwas unterschätzt wird. Vielleicht erschien er deshalb noch nicht auf den Radaren der verschiedenen Vereine. Hertha hat zugeschlagen und muss nun die Chance nutzen, ein sorgenfreies Jahr zu haben. Sandro Schwarz scheint aktuell die ideale Person dafür zu sein.

[Titelbild: Jörg Schüler/Getty Images]

Hilfe für die Ukraine!

Um den Menschen in der Ukraine zu helfen, hat sich die Gruppa Süd entschlossen, Geld zu sammeln und damit die Menschen in und um die Kriegsgebiete zu unterstützen. Davon werden speziell Hygieneartikel für Frauen und Babys sowie haltbare Lebensmittel gekauft. Die Spenden werden direkt an die polnisch-ukrainische Grenze geliefert, sodass den Menschen unmittelbar geholfen wird.

ÜBER DEN AUTOR

Johannes Boldt

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