Alles nach Plan

von Feb 2, 2022

Die instabile Defensive, eine unstrukturierte und planlose Offensive: Nachdem Hertha mit Spielen wie gegen Dortmund oder Bielefeld vor Weihnachten so etwas wie Aufbruchsstimmung entfacht hatte, wurde diese im neuen Jahr schon im Keim wieder erstickt. Eine große Rolle spielen dabei altbekannte Probleme – die auch der neue Trainer Tayfun Korkut offensichtlich nicht in den Griff bekommt.

Viele Trainer haben sich bei Hertha in den vergangenen drei Jahren ausprobiert. Covic, Klinsmann, Nouri, Dárdai und Tayfun Korkut haben dabei alle etwas gemeinsam: Eine klare Spielidee brachten sie nicht mit zu Hertha. In seiner ersten Pressekonferenz beschrieb etwa der aktuelle Trainer Korkut seine Spielphilosophie so, dass er „Spiele gewinnen“ wolle. Darüber hinaus wolle er seine Taktik daran anpassen, was am besten zum Kader passe.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Auch wenn seine Vorgänger ihre Herangehensweise gegenüber der Öffentlichkeit teilweise anders präsentierten, die Ergebnisse auf dem Platz sehen seit drei Jahren mehr oder weniger gleich aus. Was die Frage aufwirft: Sind Herthas Probleme dadurch begründet, dass Hertha eben Hertha ist? Oder kann man etwas dagegen tun?

Verschiedene Vorbilder in der Bundesliga

Aktuell gibt es in der Bundesliga zwei Vereine, die sich vor nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Situation wie Hertha befunden haben. Trainerwechsel nach Trainerwechsel, eine sich immer weiter drehende Abwärtsspirale – das dürfte den meisten Köln- oder Mainz-Fans nur allzu bekannt vorkommen. Beide Vereine sind Hertha dabei einen Schritt voraus, aktuell stehen sie nämlich nicht nur tabellarisch deutlich besser da als die Berliner.

Geschafft haben beide Vereine das durch einen Trainerwechsel und der damit einhergehenden Installation einer klaren Spielphilosophie, die sich nicht nur nach Kader oder Gegner richtet. Sowohl Svensson bei Mainz als auch Baumgart in Köln übernahmen dabei Mannschaften, die noch näher am Abgrund standen als Hertha es aktuell tut. Erste Erfolge stellten sich aber bei beiden schnell ein – und das auch, obwohl die Kader nicht perfekt auf den jeweiligen Fußball abgestimmt waren.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Dass beide Teams dabei vor allem durch ihren Pressingfußball glänzen, ist aber nur Zufall. Andere Mannschaften wie Union oder Bochum zeichnen sich auf andere Art und Weise aus. Und auch in Dárdais erster Amtszeit war Hertha mit einer klaren Philosophie unterwegs.

Was ist ein Plan?

Aber was ist überhaupt eine „Spielphilosophie“? Natürlich gibt es nicht die eine Definition, ein möglicher Erklärungsansatz könnte sich aber zum Beispiel an den vier Phasen eines Fußballspiels nach Louis van Gaal entlanghangeln.

Für jede dieser vier Phasen braucht eine Mannschaft einen klaren Plan, an dem sie sich orientieren kann, und insgesamt müssen sich diese Teilideen zu einer konsistenten und funktionierenden Gesamtidee zusammensetzen lassen. Wenn diese Gesamtidee in jedem Spiel im Großen und Ganzen dieselbe ist, kann man von einer Spielphilosophie sprechen.

Die Kardinalsfrage einer jeden Philosophie ist dabei die Herangehensweise, mit der man sich Tore erarbeiten will. Das Vertrauen in die Fähigkeiten einzelner Spieler ist natürlich eine Möglichkeit – dafür, dass das aber keine besonders gute Idee ist, gibt es in den letzten Jahren bei Hertha aber einige Beispiele.

Bei Hertha sind es dagegen in der jüngeren Vergangenheit nicht nur die Formationen gewesen, die von Woche zu Woche wechselten. Auch die grundlegende taktische Herangehensweise wurde immer wieder verändert – was es den Spielern nicht einfacher machte, sich auf ihre Aufgaben einzustellen.


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Mögliche Verbesserungen sind nicht immer offensichtlich

Ein besonders gutes, weil noch sehr präsentes Beispiel ist dabei das Spiel gegen Mainz im Dezember: Hertha ging mit einer eher abwartenden und passiven Haltung ins Spiel, lief die Mainzer also nicht früh an, sondern verharrte eher abwartend in einem flachen 4-4-2.

Bei Ballbesitz sollte die Mannschaft dann in ein 4-Raute-2 umschalten – das gelang allerdings nur äußerst selten, weil die Mainzer nach eigenen Ballverlusten sofort energisch nachsetzten und die Hertha-Spieler keinen Plan hatten, um a) dieses Pressing ins Leere laufen zu lassen und damit b) dem eigenen Mittelfeld genug Zeit zu geben, sich zur Raute umzustrukturieren.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Auch beim „Mentalitätsproblem“, das bei Hertha immer wieder gerne angeführt wird, könnte ein klarer Plan etwas ändern. Weder der Mainzer noch der Kölner Kader waren vor zwei Jahren als Mentalitätsmannschaften verschrien. Durch ihre klaren taktischen Marschrouten fällt es den Spielern dort aktuell aber leichter, auch bei Rückschlagen an den eigenen Erfolg zu glauben.

Dass eine Spielphilosophie auch Herthas Defensive stabilisieren und der Offensive zu mehr Gefahr verhelfen könnte, steht dabei eigentlich außer Frage. Die Qualität im Kader ist abgesehen von der Rechtsverteidigerposition ähnlich hoch wie bei anderen Mittelklasse-Bundesligisten, nur macht Hertha aktuell zu wenig aus den Stärken seiner Einzelspieler.


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Was passt zu Herthas Kader?

Trotzdem, und das zeigt spätestens das Scheitern von Bruno Labbadia bei Hertha, muss auch eine gewisse Kompatibilität zwischen Kader und Spielphilosophie gegeben sein. Ein Gedanke, den Fredi Bobic bei der Trainersuche mit Sicherheit im Hinterkopf behalten wird.

Sollte im Sommer ein Trainer mit einer ähnlichen Pressing-Philosophie wie Baumgart oder Svensson übernehmen, würde sich zum Beispiel die Frage stellen, wie man Ishak Belfodil in ein solches System integriert. Verpflichtungen wie Marco Richter oder Suat Serdar im vergangenen Sommer deuten aber daraufhin, dass Bobic einen solchen Stil favorisieren könnte.

(Photo by Joosep Martinson/Getty Images)

Falls Hertha das Spiel dagegen mehr über den eigenen Ballbesitz definieren möchte, fehlt eigentlich ein Organisator im Mittelfeld. Eine Rolle, die vielleicht Lucas Tousart ausfüllen könnte, sollte er nach bisher anderthalb durchwachsenen Jahren seine Form aus Vor-Hertha-Zeiten wiederfinden. Dafür könnten sich Jurgen Ekkelenkamp oder auch Fredrik Bjørkan in einem solchen System wohlfühlen, weil sie bei ihren alten Vereinen viel Ballbesitz und Dominanz gewöhnt waren.

Insgesamt zeigt aber der Blick nach Köln und Mainz, das Spieler auch in neue Rollen hineinwachsen und sich auch im höheren Fußballalter noch weiterentwickeln können. Nötig ist dafür vor allem ein Trainer, der ihnen eine Entwicklung zutraut, ihnen spezifische Aufgaben gibt und sie dabei unterstützt, mit ihren Herausforderungen umzugehen.

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]

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ÜBER DEN AUTOR

Simon

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Wagt auch gerne mal einen Blick über den (fußballerischen) Tellerrand. Vermisst Herthas schiefes Dreieck - ganz besonders Per Skjelbred.

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