Jhon Córdoba – wuchtig, willig, wichtig?

Jhon Córdoba – wuchtig, willig, wichtig?

Lange hat Bruno Labbadia warten müssen, nun ist er endlich da: In Jhon Córdoba hat Hertha knapp zwei Wochen vor Schließen des Transferfensters den notwendigen Ibisevic-Ersatz für das Sturmzentrum gefunden. Knapp 15 Millionen kostet der Kolumbianer, bei dessen Entscheidung für Hertha BSC wohl auch sein Landsmann und ehemaliger Berliner Adrián Ramos eine Rolle gespielt hat.

Thomas Reinscheid (auf Twitter @koelnsued), Chefredakteur von effzeh.com, beantwortete unsere Fragen zu Neuzugang Jhon Córdoba.

HERTHA BASE: Was sind deiner Meinung nach Córdobas größte Stärken auf dem Platz? Was kann man sich von ihm erhoffen?

Thomas: „Seine größte Stärke ist definitiv die extrem starke Physis. Córdoba weiß sich im direkten Duell sehr gut zu behaupten und hat dann auch die Dynamik und die Wucht, das für gefährliche Situationen zu nutzen. Dazu hat er sich in der Vergangenheit taktisch und auch spielerisch weiterentwickelt, so dass er auch neben seiner Körperlichkeit zu einem wichtigen Spieler beim FC geworden war.“

Foto: IMAGO

Nach den Abgängen von Vedad Ibisevic und Davie Selke in diesem Jahr vermisste Labbadia exakt diesen Spielertypen bisher im Hertha-Kader: Präsent, torgefährlich, bundesligaerfahren. Sebastian Haller oder auch der Wolfsburger Wout Weghorst waren bei Hertha gehandelt worden, mit Córdoba kommt nun ein ähnlicher Spieler, der in den Planungen des Trainer-Teams eine gewichtige Rolle einnehmen könnte.

Mit 27 Jahren ist Córdoba nicht mehr der Jüngste – und passt eigentlich auch nicht so richtig an Herthas Anforderungsprofil für Neuzugänge. Warum hat Hertha Cordoba trotzdem geholt?

„Ich denke, dass Córdoba dem Hertha-Angriff eine Dimension hinzufügt, die bisher aus der Ferne eingeschätzt komplett fehlt. Piatek ist in meinen Augen weniger der Wandspieler, weniger die physisch starke Ein-Mann-Büffelherde, die nun dem Kader zur Verfügung steht. Dazu hat Córdoba jede Menge Bundesliga-Erfahrung, seine Qualitäten auf diesem Niveau schon nachgewiesen und war durch die vertragliche und finanzielle Situation schlichtweg verfügbar für die Hertha. Es hatte mich schon gewundert, dass in der Hauptstadt so lange mit diesem Transfer gewartet wurde.“

Tatsächlich wurde der Kolumbianer bereits früher in diesem Sommer mit der alten Dame in Verbindung gebracht. Ein Grund für das Abwarten könnte die Transfer-Taktik von Michael Preetz gewesen sein, der auf fallende Preise zum Ende der Transferperiode setzen wollte. Mit Córdoba wurde es zumindest im Sturmzentrum nun ein Spieler, den Hertha wohl schon länger auf dem Radar hatte (laut kicker bereits seit 2017), durch die Verrechnung mit Ondrej Duda wurde der neue Stürmer letztlich für Hertha aber deutlich erschwinglicher.

Wo liegen denn seine Schwächen?

„Er ist im schnelleren Kombinationsspiel häufig überfordert, da er technisch nicht der allerbeste Akteur ist. Darüber hinaus reibt er sich durch die vielen Zweikämpfen oft mit Gegenspielern und Schiedsrichtern auf.“

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Auch in diesem Sinne ist Córdoba also der perfekte Ibisevic-Ersatz. Auf dem Platz ist er ein unangenehmer Gegenspieler, der auch gerne mal über die Grenzen des erlaubten hinausschießt. Im Gegensatz zum Bosnier kennt der Kolumbianer aber auch Grenzen: In seinen bisherigen 99 Bundesliga-Einsätzen sah er zwar schon 16 gelbe Karten, handelte sich aber nur einen Platzverweis ein.

Im Prinzip folgt Córdoba bei Hertha auf Ibisevic, der als Kapitän einer der wichtigsten Führungsspieler war. Man sucht im Moment nach einer neuen Achse und Spielern, die auf dem Platz Verantwortung übernehmen. Könnte Córdoba eine solche Rolle übernehmen?

„Nein. Also sofern nicht Führung durch Leistung gemeint ist. Für alles andere ist Jhon nicht der Typ, dazu spricht er nach sechs Jahren in Deutschland immer noch nicht wirklich Deutsch und auch kaum Englisch. Das macht es natürlich schwierig, Verantwortung zu übernehmen, die über die eigene Leistung hinausgeht.“

Trotz seines – im Vergleich zum Rest des Kaders gehobenen – Alters und seiner umfassenden Bundesliga-Erfahrung wird Córdoba also nicht auch noch das Führungsspieler-Loch füllen können. Diese Verantwortung werden andere übernehmen müssen, die Rückkehr der Stamminnenverteidigung gegen Bremen machte in dieser Hinsicht aber Hoffnung.

Die Niederlage im Pokal gegen Braunschweig hat deutlich gemacht, dass Hertha auch Neuzugänge braucht, die sofort ankommen und einschlagen. Könnte das bei Córdoba klappen – oder braucht er erstmal eine Eingewöhnungszeit?

„Wenn es darum geht, ihn sinnvoll ins Spiel und in eine taktische Grundordnung einzubinden, dürfte es einige Zeit brauchen, bis Córdoba bei der Hertha angekommen ist. Wenn es aber darum geht, seine Physis einzubringen, dürfte er derzeit nahezu bei 100 Prozent sein. Córdoba hat beim FC die komplette Vorbereitung absolviert, musste nur kurz wegen vermeintlicher Muskelprobleme aussetzen. Einzig das Pokalspiel geht ihm ab – dass das aber nicht unbedingt eine notwendige Erfahrung ist, muss ich euch Berlinern ja nicht sagen!“

Bei seinem Debüt gegen Werder Bremen bestätigte Córdoba ebendiese These – nach seiner Einwechslung in der 61. Minute nutzte er seine Physis zunächst, um das 3:0 durch Matheus Cunha einzuleiten. Mit seinem Treffer zum 4:1-Entstand setzte er das Sahnehäubchen auf sein starkes Debüt, trotzdem dürfte er ähnlich wie Deyovaisio Zeefuik noch etwas Zeit zur Gewöhnung an Herthas System benötigen. Als Joker – das zeigte der Kolumbianer gegen Bremen – kann Córdoba Hertha aber schon jetzt weiterhelfen. Es ist aber schon jetzt absehbar, dass der 27-Jährige sich auf Dauer wohl kaum mit einer Reservisten-Rolle zufriedengeben dürfte.

Mit Krzysztof Piatek steht aber auch ein weiterer Stürmer mit Stammspieler-Ansprüchen bereit. Was traust du Córdoba in diesem Duell um einen Stammplatz zu?

„Das kommt schlichtweg darauf an, welche Art von Fußball die Hertha unter Bruno Labbadia spielen will. Dafür bin ich viel zu weit weg, um da eine Einschätzung zu wagen. Piatek und Córdoba sind derart verschiedene Spielertypen, die auch nebeneinander agieren könnten. Es muss also kein „Entweder/Oder“ sein, auch wenn Córdoba mit einem Zwei-Mann-Sturm immer etwas fremdelte. Müsste ich tippen, würde ich sagen, dass Cordoba aufgrund seiner Wucht und der Arbeit gegen den Ball eher auswärts und gegen bessere Teams den Vorzug erhalten dürfte.“

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Beim Bundesliga-Auftakt im Weser-Stadion trat Hertha direkt mit solch einem Doppelsturm an, Dodi Lúkebakio spielte an der Seite von Piatek. In diesem 4-3-1-2-System ist aber kein Platz für klassische Flügelspieler – mit Lukébakio oder Leckie pushen dann andere Spieler den Konkurrenzkampf im Sturmzentrum. In jedem Falle wird der Córdoba-Transfer also einen erheblichen Einfluss auf den Konkurrenzkampf in der blau-weißen Offensive haben.

Gibt es ein Spiel von Córdoba, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Ich werde es nicht leugnen: Sein Führungstreffer im Emirates beim FC Arsenal wird ewig in Erinnerung bleiben. Ansonsten bleibt mir vor allem eine weitere Szene im Gedächtnis: Sein Tor gegen Bielefeld im Heimspiel in der 2. Bundesliga, als er gefühlt mit der ganzen Arminia-Defensive auf dem Rücken einen 50-Meter-Sprint anzog und diesen mit einem starken Abschluss veredelte. Nur um euch zu ärgern, nenne ich natürlich noch seinen Auftritt beim 5:0-Auswärtssieg in der vergangenen Saison bei Hertha BSC.“

Aus knapp 35 Metern hatte Córdoba den Effzeh in dessen letzter Europapokal-Saison 2017/2018 in Führung gebracht. In derselben Spielzeit war übrigens auch Hertha BSC zuletzt in der Europa League vertreten – und es ist das klare Ziel des Vereins, dies innerhalb der Laufzeit des Córdoba-Deals (bis 2024) erneut zu schaffen.

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Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Kevin Trapp, Gregor Kobel, Jonas Omlin oder Jiri Pavlenka: Wochenlang geisterten die Namen verschiedenster Torhüter im Zusammenhang mit Hertha BSC durch die Medien. Der geforderte neue Torwart wurde letztlich aber Alexander Schwolow, der sich nach langer Hängepartie im letzten Momentdoch für Berlin und gegen Gelsenkirchen entschied.

Freiburg-Blogger und -Experte Mischa (auf Twitter @zerstreuungfuss, Blog unter http://zerstreuung-fussball.de/) beantwortete unsere Fragen zu Alexander Schwolow.

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Eine Ablösesumme von 3,5 Millionen Euro, die sehr wahrscheinlich noch auf sieben Millionen steigen wird, und ein Vertrag bis 2024: So sehen die Eckdaten des Schwolow-Deals für Hertha aus. Seit 2009 stand der 28-Jährige im Breisgau beim SC Freiburg unter Vertrag – nur in der Saison 2014/2015 wurde er zum damaligen Drittligisten Arminia Bielefeld verliehen, mit dem er das Pokalhalbfinale erreichte. 125 Bundesliga-Partien bestritt Schwolow in dieser Zeit beim SC, nun wechselt er als nach Berlin. Mit seiner Erfahrung und Qualität sieht Cheftrainer Bruno Labbadia den gebürtigen Wiesbadener als perfekte Besetzung für die vakante Position in Herthas Torwart-Konkurrenzkampf: „Er ist mit seinen 28 Jahren erfahren und hat in den vergangenen Jahren gezeigt, auf welchem Niveau er in der Bundesliga spielen kann. Dazu passt er als Typ sehr gut in unseren Kader”, so Labbadia.

Aber was genau macht den Neu-Berliner auf dem Platz aus? Hierzu haben wir SC-Experte Mischa befragt und uns selbst in die Recherche begeben.

Hertha BASE: Was sind Schwolows größte Stärken? Warum hat Hertha ihn geholt?

Mischa: „Schwolow bringt große Konstanz mit, dass wird man in Freiburg an ihm vermissen. Er wehrt Bälle sauber zur Seite oder über das Tor ab, was ihn auch gegenüber seinem Nachfolger Mark Flekken auszeichnet. Seine Fußabwehr im Eins-gegen-Eins ist teilweise spektakulär, im Spielaufbau ist er sehr zuverlässig. Er geht keine unnötigen Risiken ein, wenn er gepresst wird, schlägt er häufig einen langen Ball. Auch wenn er es wahrscheinlich auch flach lösen könnte, ist das eine sehr angenehme Risikoabwägung.“

Auch bei seinen Paraden zeigt sich Schwolow sehr zuverlässig, nach Yann Sommer hat er die zweitbeste Schüsse-Paraden Quote in der Bundesliga. Auch bei den Post-Shot-xG ist Schwolow in der Bundesliga mit einem sechsten Platz gut platziert (zum Vergleich: Rune Jarstein belegte nicht mal einen Top-Ten-Platz).

„Seine größte Stärke ist aber wahrscheinlich, dass Schwolow kaum auffällige Schwächen hat. Es gibt ein paar kleinere Details, die aber nicht wirklich nennenswert sind.“

Was sind denn diese kleinen Schwächen?

„Ab und zu hat Schwolow bei Distanzschüssen das kurze Eck etwas zu offen gelassen. Bei Standards ist er eher vorsichtig mit dem Abfangen von hohen Hereingaben, die ganz klaren Dinger hat er aber – das ist kein großes Problem. Abgesehen von seiner Saison in Bielefeld, als er bei den Siegen im Elfmeterschießen gegen Hertha und Gladbach eine wichtige Rolle gespielt hat, ist er nicht unbedingt ein Elfmeter-Killer.“

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Nun ist Schwolow nicht mehr der erste Ex-Freiburger Torwart in der Bundesliga. Wie würdest du ihn im Vergleich zu Roman Bürki oder Oliver Baumann einordnen?

„Mit seiner Konstanz ähnelt er eher Baumann. Bürki hat höhere Höhen und tiefere Tiefen – der Schweizer ist nun aber auch schon seit 2015 beim BVB und wird gerne etwas unterschätzt. Gerade im Spielaufbau und bei seinen Reflexen hat er wahnsinnige Qualitäten.“

Auch wenn Schwolow also vielleicht nicht ganz an einen Top-Keeper wie Roman Bürki herankommt, wird er bei Hertha durch seine Konstanz und seine geringe Fehleranfälligkeit das Loch auf der Torhüterposition schließen, dass durch einen langsam nachlassenden Rune Jarstein entstanden ist. Das er an guten Tagen auch zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, bewies er erst in der abgelaufenen Rückrunde: Gegen Eintracht Frankfurt wurde er trotz dreier Gegentreffer mit dreizehn Paraden zum Spieler des Spiels erkoren.

„Generell ist die Torhüter-Ausbildung in Freiburg unter Torwarttrainer Kronenberg ziemlich erfolgreich. Mit Gikiewicz steht ja auch noch ein weiterer Ex-Freiburger bei FC Augsburg unter Vertrag. Und vielleicht kann man ja auch noch Zack Steffen (letztes Jahr Düsseldorf) oder Daniel Batz vom 1. FC Saarbrücken irgendwo unterbringen…“

Was wird man in Freiburg am meisten an Schwolow vermissen?

„Seine Konstanz! In der letzten Saison war er zehn Spiele verletzt, in denen man schon sehen konnte, dass Flekken ein würdiger Ersatz ist. Auch wenn dieser dort sogar eine höhere Paraden-Quote als Schwolow hatte und auch mit dem Ball am Fuß sehr mutig war, kann man von ihm wohl nicht dieselbe Konstanz erwarten. Er geht in all seinen Reaktionen ein sehr hohes Risiko. Bei Schwolow dagegen konnte man sich auf solide – und manchmal auch sehr gute – Leistungen verlassen.“

Labbadia kündigte Schwolow auch mit der Aussage an, der Keeper würde „vom Typ“ gut in die Mannschaft passen. Was für ein Spieler ist er denn auf dem Platz – Lautsprecher oder eher ein ruhigerer Zeitgenosse?

„Schwolow liegt irgendwo dazwischen. Er organisiert die Abwehr, feiert auch mal eine gelungene Parade, dabei wirkt er aber nicht wie ein Oliver Kahn oder Raphael Gikiewicz. Meistens wirkt er konzentriert.“

Was bei den Berliner Fans auch gut ankommen dürfte, ist Schwolows Verhalten bezüglich seines Abgangs in Freiburg: „Bereits im letzten Jahr gab es die Absprache, dass er bei einem Angebot gehen dürfte. Da aber kein Angebot kam, verlängerte Schwolow seinen Vertrag nochmal, damit der SC ihn nicht ablösefrei abgeben musste. Dadurch erklärt sich wahrscheinlich auch, warum man nicht auf den 8 Millionen der Ausstiegsklausel bestanden hat.“

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Mit 28 Jahren ist Schwolow zwar nicht mehr der Jüngste, Torhüter sind aber auch für ihre längeren Karrieren bekannt. Was denkst du, wie lange wird er sein Niveau halten und Hertha auf der Torhüter-Position helfen können?

„Recht lang. Sein Spiel zeichnet sich nicht durch eine besonders physische Komponente aus, wie zum Beispiel bei Manuel Neuer, der sich irgendwann überlegen muss, ob er noch schnell genug ist, um die Bälle 40 Meter vor dem eigenen Tor abzulaufen.“

Mit Alexander Schwolow kommt also einer der solidesten Bundesliga-Keeper mit ordentlich Erfahrung zu Hertha, der über ein ähnliches Stärkenprofil wie Rune Jarstein in dessen besten Zeiten verfügt. Torwartexperte Sascha Felter vom Fußball-Blog cavanisfriseur.de sagt dazu: „Mit seinem guten Grundniveau und ohne herausragende Stärken oder Schwächen mag Schwolows Profil zunächst nicht besonders spektakulär aussehen. Trotzdem ist das für einen Club immens wichtig, wenn der Keeper ein gutes Grundlevel hat. An wirklich sehr guten Tagen wird auch mal eine Weltklasse-Leistung drin sein.“

Hertha darf sich also auf Schwolow freuen – mit seiner Erfahrung und seinen Qualitäten dürfte es ihm nicht besonders schwer fallen, den zuletzt immer wieder unsicher wirkenden Rune Jarstein als Nummer eins zu verdrängen. Und auch Nils-Jonathan Körber dürfte gegenüber dem Neuzugang wohl das Nachsehen haben, war er letzte Saison doch nicht mal mehr Stammkeeper bei seinem Leihverein, dem VfL Osnabrück.

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Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Die Durchführung sozialer Projekte wie beispielsweise die Unterstützung der Berliner Tafel im April oder das Engagement im Rahmen der Initiative „Herthaner helfen“ gehört bei Hertha schon längst fest zum Vereinsprofil. Nun legt der Klub auch an einer bisher kaum beachteten Stelle nach – dem Klimaschutz.

Die Fanbewegung ist der größte Emissionsfaktor

Nicht Deyovaisio Zeefuik, nicht Weston McKennie und auch nicht Luka Jovic: Wenn man Herthas Website glauben schenken mag, heißt der erste Neuzugang für die Saison 2020/2021 „Klimaschutz“. Gemeinsam mit der Berliner Energieagentur hat der Verein seinen CO2-Fußabdruck für die Saison 2018/2019 bestimmt. Insgesamt 10.550 Tonnen Ausstoß an CO2 kamen in der letzten Dárdai-Saison zusammen. Dieser Wert ist schwierig zu beurteilen, da Hertha in der Bundesliga zwar keinesfalls der erste Klub ist, der sich für den Klimaschutz stark macht – aber nach dem VfL Wolfsburg ist Hertha erst der zweite Bundesligist, der transparent mit seinem CO2-Footprint umgeht.

Zur Einordnung lässt sich nun also lediglich der – gleichzeitig sehr umfassende – Nachhaltigkeitsbericht des VfL Wolfsburg heranziehen. Dort werden die ausgestoßenen Treibhausgase mit 10.049 CO2-Äquivalent in derselben Größenordnung wie bei Hertha beziffert. Interessant wird es dagegen beim Vergleich der einzelnen Emissions-Verursacher: Beim VfL Wolfsburg liegt der Anteil der Fanbewegung an den Emissionen bei rund 60% (ungefähr 6.045 Tonnen CO2), während er bei Hertha BSC mit 74% (ca. 7.800 t Emissionen) deutlich höher liegt. Bei beiden Vereinen nimmt die An- und Abreise der Fans also das Gros der Emissionen ein.

Trotzdem liegt Hertha in dieser Kategorie vor dem VfL Wolfsburg – wenn man den Zuschauerschnitt bei der Einordnung dieser Zahlen berücksichtigt. Herthas Zuschauerschnitt 2018/2019 war beinahe doppelt so hoch wie derer der Wölfe 2017/2018. Trotzdem liegen die Reise-Emissionen der blau-weißen Fans nicht etwa doppelt so hoch, sondern lediglich 30% höher als die des VfL. Die Gründe für diesen Unterschied sind schnell gefunden: Das Berliner Olympiastadion ist deutlich besser an den ÖPNV angebunden als die Wolfsburger Volkswagen Arena.

Andere Emissions-Quellen und Herthas Ziele

Nach den Zuschauer-Emissionen folgen bei Hertha laut der Erhebung der Berliner Energieagentur (BEA) Geschäftsreisen (9%) und der Einkauf von Merchandise-Produkten (5%) auf den Plätzen zwei und drei. Auch der Verbrauch von Strom- und Wärmeenergie macht immerhin 959 t-CO2-Äquivalent aus. In allen drei Fällen sind Einsparungen denkbar – Strom könnte in Zukunft aus erneuerbaren Energien genutzt werden, Geschäftsreisen sollten möglichst nicht per Flugzeug, sondern mit Bus und Bahn angetreten werden – zumal die noch anhaltende Pandemie-Situation beweist, wie viele Konversationen auch in die digitale Welt verlagert werden können. Und auch bei der Herstellung und dem Einkauf von Merchandise-Produkten könnte Hertha sich theoretisch um eine fairere Produktion näher an Berlin kümmern – was aber unwahrscheinlich erscheint.

Aber was genau ist das Ziel in Sachen Klimaschutz? Laut Vereins-Website möchte der Verein auch beim Klimaschutz endlich Verantwortung übernehmen. „Als Hauptstadtklub und Teil der Berliner Stadtgesellschaft wollen wir […] unseren Beitrag dazu leisten, die Stadt bis 2050 klimaneutral zu machen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Das heißt: Bis spätestens 2050 müsste auch Hertha damit klimaneutral werden. Mit der Transparenz im Bereich der eigenen Emissionen geht der Klub jetzt schon einen Weg, der in der Bundesliga (noch) viel zu selten ist. Gleichzeitig ist die Ermittlung des CO2-Verbrauchs auch „eine der wichtigsten Voraussetzungen, um überhaupt Maßnahmen ergreifen und in Zukunft Emissionen vermeiden und kompensieren zu können“, so Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA.

Vorbilder Mainz und Hoffenheim?

Nach eigenen Angaben bereits einen Schritt weiter in Sachen Klimaschutz sind der FSV Mainz 05 und die TSG 1899 Hoffenheim: Beide Vereine schmücken sich mit dem Titel „klimaneutraler Bundesligist“. Neben diversen Einsparungsbemühungen gleichen beide Vereine ihre restlichen Emissionen durch den Erwerb von Klimaschutz-Zertifikaten aus. Insbesondere bei der Anreise der eigenen Fans, die nicht nur bei Hertha und Wolfsburg einen großen Teil der Emissionen ausmachen dürfte, haben die Vereine kaum direkten Einfluss – und müssen diese Emissionen anderweitig ausgleichen.

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Das ist auf verschiedensten Wegen möglich – der bequemste und meist auch günstigste Weg ist die Beteiligung an Aufforstungsprojekten oder Ähnlichem. Aber es geht auch anders, in Mainz speist man aus der Solaranlage auf dem Dach der Opel-Arena Strom ins öffentliche Netz ein und vermeidet damit ca. 470 Tonnen CO2-Emissionen.

Sowohl der FSV Mainz 05 als auch die TSG Hoffenheim haben gegenüber Hertha aber schon jetzt in einem Punkt das Nachsehen: Beide Vereine gehen nicht transparent genug mit ihrem Ausstoß und dem Ausgleich der Emissionen um, konkrete Zahlen gibt es bei beiden Bundesligisten nur selten zu finden. Beide Vereine nutzten zudem zu Saisonbeginn noch (kompostierbare) Einwegbecher, obwohl Mehrwegbecher nachgewiesenermaßen deutlich umweltschonender sind. In Hoffenheim wurde dieser Punkt mittlerweile korrigiert, in der Winterpause stellte der Verein auf ein Mehrweg-System um.

Verbesserungsbedarf bei der Alten Dame

Wo genau liegen nun aber Einsparmöglichkeiten für Hertha, in welchen Bereichen muss unbedingt nachgebessert werden? Beim Vergleich mit dem VfL Wolfsburg fällt auf, dass Hertha im Bereich Geschäftsreisen deutlich mehr CO2 emittiert als die Wölfe. Allerdings ergibt sich an dieser Stelle schnell ein Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Wettbewerbsfähigkeit: Eine Busreise zum SC Freiburg ist für die Spieler deutlich unkomfortabel als ein Flug in den Breisgau. Dieses Problem könnte man wohl nur mit einer ligaweit einheitlichen Regelung lösen.

Da die Fanbewegung den Großteil der Emissionen ausmacht, ist das auch der Punkt, an dem Hertha (noch) aktiver werden muss. Neben der hervorragenden ÖPNV-Anbindung des Olympiastadions könnten z. B. Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden. Und auch in Sachen Kommunikation könnte Hertha sich mehr für den Klimaschutz einsetzen – auf aktuelle Probleme und Entwicklungen hinweisen sollte ebenso Teil der Vereins-News sein wie regelmäßige Aufforderungen an die Fans, das Auto zu Hause stehen zu lassen und die Alternativen zu nutzen.

Eine weitere Verbesserungsmöglichkeit liegt für Hertha auch im Bereich der Fan-Verpflegung während Heimspielen. In der Saison 2018/2019 schnitt Hertha im Stadienranking der PETA als 17. Als zweitschlechtester Bundesligist ab, gefolgt nur von Borussia Mönchengladbach. Die Begründung: Bei Hertha gibt es zu wenige (vegane) Alternativen zur Stadionwurst. Während in anderen Stadien das Angebot an dieser Stelle deutlich größer und vielfältiger ist, gibt es im Olympiastadion nur die Klassiker (Süßkartoffel-)Pommes und Brezel zur Auswahl.

Stadion-Neubau unter Klimaschutz-Gesichtspunkten

Auch mit dem vom Verein und der Fan-Initiative Blau-Weißes Stadion befürworteten Stadionneubau sollte sich Hertha unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und des Klimaschutz noch einmal genau beschäftigen: Es stellt sich die Frage, inwieweit der Bau eines neuen Stadions mit der neuen Umweltpolitik Herthas vereinbar sein soll. Mit dem Olympiastadion würde dann ein großes Stadion verwaisen, das vor nicht allzu langer Zeit modernisiert und umgebaut wurde (2000 bis 2004).

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Hertha muss das Olympiastadion zwar keinesfalls nutzen – an dem Fakt, dass ein Stadionneubau bei existierender, renovierter und bis auf das Laufbahn-Problem idealer Infrastruktur schlichtweg nicht nachhaltig wäre, ändert das aber nichts. Natürlich könnte man bei einem Neubau die modernsten ökologischen Baustandards berücksichtigen, gleichzeitig könnten solche energieeffizienten Strukturen bei einem erneuten Umbau aber sehr wohl auch im Olympiastadion integriert werden.

Gleichzeitig würde ein Stadionneubau auch andere Probleme mit sich bringen: Falls das neue Stadion nicht auf dem Olympia-Gelände entstehen sollte, würde auch die ÖPNV-Frage neu entflammen. Mit einer schlechteren Anbindung an S- und U-Bahn-Netz würde wohl der Anteil der Fans, die mit dem Auto die Spiele besuchen, steigen – und gleichzeitig Herthas CO2-Fußabdruck.

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Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Dynamik, Flexibilität und Mentalität – das waren die Stichworte, mit denen Hertha-Manager Michael Preetz im vergangenen Sommer am Deadline-Day Neuzugang Marius Wolf präsentierte. Der Neuzugang, für ein Jahr von Borussia Dortmund ausgeliehen, sollte auf der rechten Außenbahn bei Hertha anheizen und dem damaligen Trainer Covic zusätzliche taktische Möglichkeiten eröffnen.

„Hertha ist der Hauptstadtclub und hat großes Potenzial.“ Nein, dieser Satz stammt nicht etwa von Jürgen Klinsmann oder Lars Windhorst. Mit diesen Worten wurde vielmehr Marius Wolf auf der Hertha-Homepage zitiert, als er im vergangenen Spätsommer auf Leihbasis nach Berlin wechselte. 24 Pflichtspiele unter drei verschiedenen Trainern und sechs Scorerpunkte später muss Hertha sich nun entscheiden, ob man sich weiter um Dienste des gebürtigen Coburgers bemühen möchte – oder auf dem Markt nach Alternativen sucht.

Ein Transfer, der drei Trainer zurückliegt

Die finanziellen Bedingungen, unter denen Michael Preetz den polyvalenten Wolf vom BVB loseiste, sahen neben einer Leihgebühr von zwei Millionen Euro die Übernahme des Gehalts vor, sodass die Kosten für die einjährige Leihe auf insgesamt 4,5 Millionen Euro taxiert waren – ein Deal, den es vor dem Einstieg Windhorsts wohl kaum gegeben hätte.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Nach Saisonende hätte man Wolf für 20 Millionen Euro fest verpflichten können – ein Preis, der (unabhängig von Corona) deutlich zu hoch angesetzt ist. Seitens des BVB dürfte aber durchaus Verhandlungsbereitschaft über eine niedrigere Ablöse bestehen, Dortmund möchte den Schienenspieler von der Gehaltsliste haben.

Gleichzeitig sucht man in Berlin wohl auch noch nach Verstärkung auf der rechten Abwehrseite und auf den offensiven Flügel-Positionen. Mit seiner Polyvalenz könnte Wolf eine oder gleich beide Lücken schließen, in der abgelaufenen Spielzeit kam er sowohl als rechter Verteidiger als auch im rechten Mittelfeld bzw. als Rechtsaußen zum Zuge. Ein weiteres Argument für Wolf: Der Ex-Frankfurter kennt die Mannschaft gut und hat mehrmals öffentlich deutlich gemacht, sich in Berlin sehr wohl zu fühlen und einem festen Verbleib offen gegenüberzustehen.

Auf seiner vermeintlich besten Position – als rechter Schienenspieler in einem 3-5-2- oder 3-4-3-System – wird Wolf bei Hertha aber in der kommenden Saison wohl kaum gebraucht werden. Neu-Trainer Bruno Labbadia hat sich zwar keinesfalls auf ein Spielsystem festgelegt, bisher spielte Hertha unter ihm im 4-3-3, 4-2-3-1 oder 4-Raute-2. Viererkette statt Dreierkette, wie zuvor unter Ante Covic oder Jürgen Klinsmann – Wolfs „Lieblingsposition“ wird es unter Labbadia wohl nur selten geben. Dass der Flügelspieler noch ein Transfer vergangener Kaderpläne gewesen ist, ist nicht von der Hand zu weisen.

Wolf oder Zeefuik?

Eine andere Position, die der 25-Jährige aber auch spielen kann, ist zufälligerweise eine, auf der sich Hertha unbedingt verstärken möchte: Peter Pekarik wird nicht jünger, Lukas Klünter scheint den neuen Ansprüchen nicht zu genügen – ein neuer Rechtsverteidiger wird also dringend gesucht. In einer Viererkette hat Wolf diese Position bereits beim BVB im Saisonendspurt 2018/2019 ausgefüllt.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Eine Zweikampfquote von gerade einmal 45% müsste der Dortmunder allerdings deutlich steigern, um zu einer echten Option auf dieser Position zu werden. Zum Vergleich: Peter Pekarik kommt in seinen Einsätzen 2019/2020 auf eine Quote von 55%, ein deutlicher Unterschied. Des Weiteren sind bei Wolfs Einsätzen als Rechtsverteidiger defensivtaktische Mängel und kleinere Patzer zu erkennen gewesen. Ob Wolf, der bei seiner ersten Profi-Station bei 1860 München auch gerne als Mittelstürmer eingesetzt wurde, wirklich die nötigen defensiven Stärken für die Außenverteidiger-Position mitbringt, darf durchaus bezweifelt werden.

Mit Deyovaisio Zeefuik wurde in den vergangenen Wochen immer wieder ein anderer Name mit Hertha in Verbindung gebracht, wenn es um die Lücke hinten rechts geht. Angeblich sei man sich mit dem Spieler einig, einzig die Ablösesumme sei der Haken. Im Gegensatz zu Wolf ist Zeefuik ein ausgebildeter Rechtsverteidiger (aus der Ajax-Akademie), knapp drei Jahre jünger – und wird wohl maximal sechs Millionen Euro kosten. Es wird allerdings nicht auszuschließen sein, dass wenn Hertha sich nicht mit dem FC Groningen bezüglich der Ablösesumme einigen kann, Wolf wieder auf den Plan tritt.

Konkurrent für Lukébakio?

Nach den Abgängen von Alexander Esswein und Salomon Kalou sowie dem wahrscheinlich bevorstehenden Abschied von Mathew Leckie wird sich Hertha im Sommer vielleicht auch um eine neue Option für den rechten offensiven Flügel bemühen – je nachdem, wo man mit Matheus Cunha plant. Als nomineller Rechtsaußen steht aktuell nur Dodi Lukébakio zur Verfügung, aber auch Cunha und Jessic Ngankam haben diese Position in der Vergangenheit bekleidet.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Erst gegen Ende der Saison hatte Labbadia in Lukébakio den nominell stärksten Rechtsaußen für dessen Defensivarbeit gerügt. Nach dem 1:4 gegen Frankfurt hatte Herthas Trainer über die Verteidigungskünste des Belgiers gesagt, „das ist halt (…) nicht seine Stärke“. Lukébakios teils mangelhafter Einsatz in der Rückwärtsbewegung könnte auch durch den fehlenden Konkurrenzkampf begründet sein – ein Problem, bei dem Wolf mit Sicherheit Abhilfe schaffen könnte.

Bereits in Frankfurt und Dortmund machte sich Wolf durch seinen Willen und seine Arbeitsbereitschaft einen Namen, nicht umsonst wurde seine Mentalität bei der Hertha-Vorstellung vor der Saison von Michael Preetz als elementare Qualität benannt. Wolf ist einer, der sich nie hängen lässt, ein Kampfschwein, das Lukébakio im Training Druck machen könnte. Der intensive und lauffreudige Spielstil Wolfs kommt den Vorstellungen Labbdias jedenfalls sehr entgegen.

Wenn man allerdings einen Blick auf das offensive Output wirft, trifft schnell eine gewisse Ernüchterung ein: Den vier Bundesliga-Scorern von Wolf stehen deren 14 für Lukébakio zu Buche. Pro 90 Minuten legt der Belgier deutlich mehr Torschüsse (1.56 zu 1.21) und auch deutlich aussichtsreichere Abschlüsse (0.23 zu 0.14 xA90) als sein Konkurrent auf. Auch die 7 Saisontore Lukébakios überragen den einzigen Treffer von Marius Wolf mit Abstand.

Frankfurter Hochform und das durchwachsene Danach

Aber was machte Marius Wolf eigentlich interessant für Borussia Dortmund? Der BVB zog im Sommer 2018 die Ausstiegsklausel des variablen Flügelspielers und löste ihn für gerade einmal fünf Millionen Euro von Eintracht Frankfurt los. Zuvor hatte Wolf mit der Eintracht den DFB-Pokal gewonnen und unter Niko Kovac eine hervorragende Saison gespielt. In wettbewerbsübergreifend 34 Spielen gelangen ihm sechs Tore und elf Vorlagen.

Grund genug, Wolf zum BVB zu holen, wo dieser es allerdings schon in seiner ersten Saison nicht leicht hatte. Gerade einmal 15 Startelfeinsätze in drei Wettbewerben sammelte der 25-Jährige in Schwarz-Gelb, zumeist auf den Außenstürmer-Positionen oder als rechter Verteidiger eingesetzt. Nur ein Tor in der gesamten Saison – das ist für einen Dortmunder Offensivspieler ein schwacher Wert. Als Dortmund im letzten Sommer noch Thorgan Hazard verpflichtete, schien die Lage für Wolf zunächst aussichstlos und er wurde nach Berlin verliehen.

In diesem Sommer verlässt zwar Hakimi den BVB, dafür konnte der Verein aber Thomas Meunier als Ersatz verpflichten. Und auch Matheus Morey hat sich auf der rechten Seite zu einer echten Alternative entwickelt. Dortmund wird wohl versuchen, Wolf im Sommer loszuwerden, um dessen üppiges Gehalt von 2,5 Millionen Euro jährlich einzusparen.

Wolf droht (auch) bei Hertha die Bank

Ob Hertha Wolf fest verpflichtet, wird am Ende von vielen Dingen abhängen. Eine Rolle dürfte die Ablösesumme spielen – viel mehr als fünf Millionen Euro wird die alte Dame auf keinen Fall zahlen wollen. Dass der BVB den Bedürfnissen von abwanderungswilligen Spielern, die keinerlei Perspektive mehr in Dortmund haben, entgegenkommt, zeigt das Beispiel von André Schürrle. Der ehemalige deutsche Nationalspieler stand eigentlich noch bis Sommer 2021 bei den Schwarz-Gelben unter Vertrag, doch aufgrund seines üppigen Gehalts und den nicht vorhandenen Einsatzchancen wurde sein Vertrag nun aufgelöst. Auf selbiges wird man bei Hertha nicht hoffen können, ein deutliches Entgegenkommen in der Ablöse wäre jedoch zu erwarten.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Zudem müsste Wolf vermutlich gegenüber seinem Dortmunder Vertrag deutliche Gehaltseinbußen hinnehmen. Auch die Einschätzung von Trainer Bruno Labbadia wird bei der Entscheidung über eine mögliche Verpflichtung eine Rolle spielen. Labbadia konnte den Spieler zwar nicht in einem Pflichtspiel beobachten, vor dem Derby gegen Union bezeichnete er dessen Fehlen allerdings als „sehr schade“. Aus Medienberichten ist hervorgegangen, dass Herthas neuer Trainer gerne auf Wolf gesetzt hätte, aufgrund dessen Verletzung dann aber auf Pekarik hat zurückgreifen müssen.

Grundsätzlich wird Marius Wolf den BVB aber wahrscheinlich nur verlassen, wenn ihm bei seinem neuen Verein deutlich mehr Spielzeit garantiert wird. Als Flügelspieler müsste sich der technisch teilweise limitierte Wolf wohl zunächst hinter Javairo Dilrosun, Matheus Cunha und Dodi Lukébakio einsortieren, könnte aber insbesonders gegen starke Gegner mit seiner Defensivarbeit und Akribie zu Einsätzen kommen.

Als Rechtsverteidiger wäre die Lage vermutlich umgekehrt: Als gelernter Offensivspieler könnte Wolf besonders gegen tiefstehende Gegner offensive Akzente setzen. In jedem Fall ist aber äußerst fraglich, ob Wolf sich für die Rolle als Kaderspieler in Berlin begeistern kann. Gerade in einer ähnlichen Form wie in der Saison 2017/2018 wäre er für Hertha aber zweifelsohne eine Bereicherung.

Zurück zum Glück? – Herthas Talente unter Labbadia

Zurück zum Glück? – Herthas Talente unter Labbadia

Zwei Spieltage vor dem Ende der Bundesliga-Saison ist Hertha BSC wieder angekommen an einem Punkt, den man so gerne verlassen würde: Das tabellarische Nirvana, irgendwo zwischen Europa-Cup-Plätzen und Abstiegskampf. Am Ende einer turbulenten Saison dürfte man in Berlin trotzdem froh sein, dass Hertha sich bereits deutlich vor Saisonende aus dem Abstiegskamp verabschiedet hat. Die letzten beiden Spieltage bieten für Coach Labbadia nun auch die Möglichkeit, ein wenig zu experimentieren – und so vielleicht dem einen oder anderen Talent das Bundesliga-Debüt bzw. weitere Spielpraxis in Herthas Profi-Team zu ermöglichen.

Der Kinderriegel, „Jugend forscht“, “Aus Berlin – für Berlin”: Mittlerweile scheint eine kleine Ewigkeit vergangen zu sein, seit solche Begriffe zuletzt mit Hertha BSC in Verbindung gebracht wurden. Aus einem finanziell chronisch klammen Bundesligisten ist ein Investorenverein geworden, der in seiner ersten Saison als neureicher Club keinen Skandal ausließ. Mit Bruno Labbadia hat man jetzt – nach drei vergeblichen Anläufen – wohl erstmal den richtigen Trainer für die neuen Ambitionen gefunden. Und gleichzeitig kehrt mit dem Ex-Stürmer auch ein Stück Prä-Windhorst-Hertha zurück, plötzlich erhalten blau-weiße Eigengewächse wieder die Chance, sich zu beweisen. Wurde der Kader unter Jürgen Klinsmann im Zweifelsfall mit Kaderspielern wie Alexander Esswein oder Pascal Köpke aufgefüllt, standen unter Labbadia im Spiel gegen den SC Freiburg gleich acht Eigengewächse im Kader, darunter die 18-Jährigen Marton Dárdai und Omar Rekik.

Die Zukunft gehört Berlin

Vor Windhorsts Einstieg und insbesondere dem Klinsmann-Chaos hatte man es sich bei Hertha zur Aufgabe gemacht, eine hohe Durchlässigkeit für eigene Talente zu schaffen. Die graue Maus der Liga wollte sich über die Nachwuchsforderung einen Namen machen, Trainer Pal Dárdai war gewissermaßen die Galionsfigur dieses Weges. Die Hertha-Ikone sah Hertha durch die “sehr gute Akademie” als eine “Art Mini-Ajax” an. Zahlreiche Talente feierten unter dem Ungarn ihre Bundesliga-Debüts für Hertha, drei von ihnen gehören mittlerweile zum erweiterten Stammpersonal (Mittelstädt, Torunarigha, Maier). Dass Bruno Labbadia diesen in den vergangenen Monaten verloren gegangenen Faden nun wieder aufgreift, ist aber keinesfalls verwunderlich. Bereits vor dem Re-Start äußerte Labbadia sich zum Thema Eigengewächse: „Wir wollen sie fordern und fördern, […] und jeder, der den Weg mitgehen möchte, ist herzlich Willkommen.“ Hertha ist durchaus für eine gute Jugendarbeit bekannt, vor zwei Jahren wurde man sogar zum ersten Mal deutscher Meister bei den A-Junioren. Und auch in den aktuellen Jugendjahrgängen findet sich das eine oder andere große Talent.

Bruno Labbadia – (auch) als Jugendförderer bekannt

Und auch für den neuen Coach selbst ist der Ansatz, auf vereinseigene Talente zu setzen, keinesfalls neu. Die beiden deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger und Timo Werner verdanken ihm ihre Bundesliga-Debüts, letzteren hätte der Trainer gerne schon mit 16 Jahren in der Bundesliga eingesetzt – wenn es die Regularien erlaubt hätten. Beim Hamburger SV debütierte Gideon Jung unter Labbadia, bei seiner letzten Station, dem VfL Wolfsburg, spielte sich der Deutsch-Kosovare Elvis Rexhbecaj in der Bundesliga fest. Bei Hertha verspricht Labbadia den Akademie-Talenten, „jeden [zu] fördern, der einfach auch Bereitschaft mitbringt“. Die Tür ist offen – nur durchgehen müssen die Hertha-Jugendspieler selbst, mit Fleiß, Ehrgeiz und harter Arbeit.

Neben einer fußballerischen Idee, die der Trainer über die Jahre für seine Teams entwickelt hat, gehört also auch eine Förderung der jeweiligen Vereinsjugend zum Profil des Ex-Stürmers. Und somit scheint nach Monaten des Chaos neben dem sportlichen Erfolg auch ein kleines bisschen der Hertha-Identität nach Berlin zurückzukehren.

Jessic Ngankam – treffsicher und begehrt

Gleich im ersten Spiel wurde Labbadia seinem Ruf als Förderer der Jugend gerecht: Jessic Ngankam, der zuvor noch nie im Hertha-Kader gestanden hatte, kam direkt im ersten Spiel unter Leitung des neuen Coaches zum Bundesliga-Debüt. Kurz zuvor war der 19-Jährige mit einem Wechsel zum FC Bayern oder Borussia Mönchengladbach in Verbindung gebracht worden – mit der TSG Hoffenheim soll er sich im Winter sogar bereits einig gewesen sein, bis sein Vater den Wechsel unterband – mit elf Toren und elf Vorlagen in 22 Regionalliga-Spielen hat sich das Hertha-Talent für höhere Aufgaben empfohlen.

Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Sein Stellenwert scheint unter dem neuem Trainer aber höher als zuletzt, auch im Auswärtsspiel in Leipzig wurde er in der Schlussphase eingewechselt. Gegen Borussia Dortmund kam Ngankam schon zur Halbzeitpause für Dodi Lukébakio in die Partie, er bekam so die Chance, erstmals so richtig in einem Bundesligaspiel anzukommen. Das Trainerteam begründete diesen Wechsel nicht etwa mit einer Verletzung Lukébakios – man hätte eher den Eindruck gehabt, dass Ngankam in der zweiten Halbzeit mehr Einfluss auf das Spiel nehmen könnte. Und auch wenn dem Youngster nicht alles gelang, gaben einige Dinge Grund zur Freude: So scheint Ngankam nur wenige Anpassungsprobleme an das physische Niveau der Bundesliga zu haben. Ein Punkt, an dem zuletzt unter anderem Julius Kade oder Pálko Dárdai scheiterten.

Ngankam wird meistens als Mittelstürmer eingesetzt, kam in der vierten Liga aber auch schon auf beiden Flügeln zum Einsatz, ihm wird eine gute Einstellung nachgesagt. Die meisten seiner Tore erzielt er mit dem stärkeren rechten Fuß, gerne auch mal von außerhalb des Sechzehnmeterraums. „Wenn er weiter kommen will“, so Bruno Labbadia, „gibt es keinen Grund, Hertha BSC zu verlassen.“ Mit ausführlichen Gesprächen und (bisher) drei Joker-Einsätzen in der Bundesliga gelang es somit, den gebürtigen Berliner zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen. Hinter Krzysztof Piatek, möglicherweise auch Matheus Cunha oder Lukébakio wird Ngankam sich zunächst wohl meist mit Joker-Einsätzen begnügen müssen. Hierbei muss auch die Rückkehr von Daishawn Redan miteinberechnet werden, welcher die gleichen Positionen wie Ngankam spielt.

Lazar Samardžić – Herthas „Next Big Thing“?

Auch Lazar Samardžić durfte (beim Derbysieg gegen Union) erstmalig Bundesliga-Luft schnuppern, nachdem er auch schon unter Ex-Coach Alexander Nouri den Sprung in Herthas Spieltagskader geschafft hatte. „Laki“ gilt als das aktuell größte Talent aus Herthas Jugendakademie, gewann im vergangenen Jahr die bronzene Fritz-Walter-Medaille. Der 18-Jährige ist meistens als Zehner oder Achter unterwegs und zeichnet sich besonders durch seine brillante Ballführung und Schusstechnik aus, erzielte in 56 Spielen in der A- und B-Jugend-Bundesliga starke 54 Tore – einige davon auch von außerhalb des Sechzehners. Außerdem stehen in den beiden Junioren-Ligen auch 23 Assists für den Deutsch-Serben zu Buche, Samardžić verfügt über eine gute Entscheidungsfindung, kann kreative Akzente setzen und mit seinem Spielwitz den Gegner vor große Probleme stellen. “Er ist ein total spannender Spieler, der sehr viel Fantasie in uns weckt”, sagte Nouri über das Eigengewächs. “Ein toller Service-Spieler, der mich mit seiner guten räumlichen Wahrnehmung, seinem peripheren Sehen – also seinen Pässen in gewisse Räume für die Mitspieler – ein Stück an Max Kruse erinnert.”

Foto: Charles McQuillan/Getty Images for DFB

Seine Qualitäten haben aber auch außerhalb Berlins Begehrlichkeiten geweckt, unter anderem wird Juventus Turin, dem FC Barcelona und Atlético Madrid Interesse an einer Verpflichtung nachgesagt. Mit Ondrej Duda verfügt Hertha zwar bereits über einen ähnlichen Spielertypen, trotzdem ist zu erwarten, dass Samardžić sich langfristig in Herthas erster Elf fest spielen dürfte. Labbadia scheint derweil die Erwartungen noch ein wenig bremsen zu wollen: „Auf alle Fälle hat er eine Anlage, keine Frage […]. Jetzt ist es die Frage, arbeitet er mit dem Talent, bleibt er dran, entwickelt er sich weiter?“

Auch beim Auswärtsspiel in Dortmund kam Samardžić in der Schlussphase zu einem weiteren Bundesliga-Kurzeinsatz. Gegen Frankfurt brachte Labbadia ihn schon nach 34 Minuten für den verletzten Skjelbred, musste ihn nach Boyatas roter Karte aber kurz nach der Pause wieder auswechseln – zu Herthas extrem defensiver Ausrichtung in der zweiten Halbzeit passte „Laki“ mit seinen herausragenden, aber eher offensiven Anlagen weniger gut. Wenig verwunderlich sorgte die Wieder-Auswechslung für Frustration bei Samardžić, der via Instagram aber Zuspruch von u. a. Matheus Cunha und Krzysztof Piątek bekam, gewissermaßen den „Stars der Mannschaft“. Das Talent ist vorhanden, Geduld und Unnachgiebigkeit werden sich nun entwickeln müssen.

Ein neuer „Kinderriegel“?

Drei der nächsten Kandidaten für ein baldiges Bundesliga-Debüt haben es unter Labbadia (auch verletzungsbedingt) zumindest schon mal in den 20-Mann-Kader geschafft: Luca Netz und Marton Dárdai standen beide bereits gegen den FC Augsburg bzw. gegen Hoffenheim im Kader, eingewechselt wurden sie aber nicht. Mit Omar Rekik kommt noch ein dritter Kandidat dazu (erstmals im Kader gegen Freiburg) – allesamt sind sie Abwehrspieler.

Foto: Andreas Schlichter/Getty Images for DFB

Doch die Konkurrenz ist groß: Der gerade 17 gewordene Netz sieht sich auf der Linksverteidigerposition einem Konkurrenzkampf mit Marvin Plattenhardt und Maximilian Mittelstädt ausgesetzt, kam allerdings in diversen Juniorenteams auch schon als linker Mittelfeldspieler zum Einsatz. Zudem ist die Saison für Netz nach einem Fußbruch bereits beendet. Marton Dárdai muss sich aktuell unter den linksfüßigen Innenverteidigern bei Hertha nur hinter Jordan Torunarigha einsortieren – allerdings wird auch Karim Rekik zurückkehren und einen Platz für sich beanspruchen. Der 18-Jährige war Kapitän der deutschen U17-Nationalmannschaft, überzeugt besonders durch seine starke Spieleröffnung und seine mentale Stärke. Beim Spiel gegen RB Leipzig wäre Dardai aufgrund des personellen Engpasses beinahe eingewechselt worden, Labbadia wäre hierbei nicht bange geworden: “Gestern hätten wir sicher Márton reingebracht. Das Potenzial sehen wir bei ihm, deswegen trainiert er mit. Wenn es die Situation erfordert hätte, hätten wir ihn auch als Linksverteidiger eingesetzt. Wir hätten ihn definitiv reingeworfen.”

Omar Rekik, rechtsfüßiger Innenverteidiger, muss sich mit Dedryck Boyata und Niklas Stark im Kampf um den anderen Platz in Herthas Innenverteidigung auseinandersetzen. Keine einfache Aufgabe für den jüngeren Rekik-Bruder, der allerdings als äußerst talentiert galt und erst im Winter wohl Angebote vom FC Barcelona, Real und Atlético Madrid vorliegen hatte. Ähnlich wie Netz könnte auch er von seiner Polyvalenz profitieren, der Niederländer kann auch als Sechser eingesetzt werden. Für alle drei Talente dürfte es aufgrund der Konkurrenzsituation zunächst schwierig werden, Spielzeit in Herthas Bundesligateam auf ihren Paradepositionen zu bekommen. Gerade für die Innenverteidiger-Position hat Labbadia bereits durchblicken lassen, dass er – anders als seine Vorgänger – auf mehr Konstanz und weniger Personalrochaden setzen möchte.

Die Lehren der Vergangenheit

Außerdem ist äußerst fraglich, wie viel Spielzeit die Talente in der neuen Saison wirklich bekommen, wenn auch die beiden zusätzlichen Wechseloptionen voraussichtlich wieder wegfallen. Dabei begünstigt die neue Regel den Einsatz von mehr Eigengewächsen enorm, nicht nur bei Hertha. Unabhängig davon ist es aber eine spannende Frage, wie man in Berlin mit der nächsten Generation junger Spieler umgeht. Aus dem „goldenen“ 99-er Jahrgang hat bisher nur Arne Maier den Durchbruch bei Hertha geschafft – das Modell, die Spieler über die eigene U23 langsam heranzuführen, hat in mehreren Fällen (bisher) nicht funktioniert (Friede, P. Dárdai, Jastrzembski, Baak, Kiprit). Gut denkbar, dass man Talente, die es aufgrund der aktuellen Konkurrenzsituation schwer haben dürften, dieses Mal in die dritte oder zweite Liga verleiht – für Spielpraxis auf einem etwas höheren Niveau als in der Regionalliga. Den mittlerweile im Profikader etablierten Eigengewächsen Jordan Torunarigha und Maier half bei ihrem Durchbruch übrigens die Dreifachbelastung durch die Europa League und die damit verbundene Rotation. Im Hinblick auf Herthas aktuellen Talente-Pool wäre es also tatsächlich der perfekte Moment, sich in der kommenden Saison wieder für das internationale Geschäft zu qualifizieren.