Omar Alderete – mehr als nur ein Rekik-Ersatz?

Omar Alderete – mehr als nur ein Rekik-Ersatz?

Etwas überraschend kam es am Deadline-Day auch in Herthas Innenverteidigung noch zu Veränderungen. Karim Rekik wechselte zum Europa-League-Sieger nach Sevilla, als Ersatz verpflichtete Hertha den paraguayischen Nationalspieler Omar Alderete aus Basel.

Basel-Experte und Opta-Mitarbeiter Chris Eggenberger beantwortete unsere Fragen zu Omar Alderete.

Alderete bringt Wucht mit

HERTHA BASE: Was sind deiner Meinung nach Alderetes größte Stärken?

Chris: „Alderete hatte in der letzten Saison eines der, wenn nicht das beste Kopfballspiel aller Verteidiger in der Schweizer Super League. Er gewann 71% seiner Kopfballduelle, zweitbester Wert aller Verteidiger der Liga. Seine Zweikampfquote von 64% war Bestwert aller regelmäßig eingesetzten FCB-Spieler. Zudem verzeichnete er die Bestwerte für Ballgewinne und Klärungsaktionen pro Spiel beim FC Basel.“

Neben Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha bekommt Hertha demnach also einen dritten, sehr zweikampfstarken Spieler für die eigene Innenverteidigung. Für Trainer Bruno Labbadia dürfte das eine Erleichterung darstellen. Karim Rekik schien in seinen letzten Einsätzen für Hertha BSC insbesondere in diesem Bereich fehleranfällig, obwohl Zweikampfverhalten und Kopfballstärke eigentlich zu den wichtigsten Qualitäten eines Innenverteidigers zählen.

Und in welchen Bereichen liegen seine Schwächen? Wo ist noch Verbesserungsbedarf vorhanden?

„Arbeiten muss er meiner Meinung nach noch am einfachen Passspiel, er hatte in der letzten Saison nur 77% Passquote. Er nimmt gerne Risiken in Kauf, zum Beispiel bricht er gerne im Aufbauspiel mit dem Ball ins Mittelfeld und spielt viele Pässe ins finale Platzdrittel, was beim in vielen Spielen hoch stehenden FC Basel ein Vorteil war. Man hat manchmal das Gefühl, er will zu sehr nicht den einfachen Querpass spielen, was ihn in einer besseren Liga fehleranfällig machen könnte.“

Auch das kennt man bei Hertha mittlerweile gut – von Torunarigha, bei dem Vorstöße bis tief in die gegnerische Hälfte genauso zur Tagesordnung gehören. Trotzdem lag Torunarighas Passquote in der vergangenen Saison mit 85% deutlich höher. Herthas Eigengewächs scheint seine Vorstöße mittlerweile eher gezielt einzusetzen, wie Alderete sich bei Hertha einfügt, wird man sehen.

Foto: IMAGO

Kann Alderete Hertha sofort weiterhelfen, oder braucht er erst noch eine Eingewöhnungszeit?

„Beim FC Basel stand Alderete vom 1. Spieltag an in der Startelf und war von dieser auch schnell nicht mehr wegzudenken. Dafür war er von Anfang an individuell zu gut. In Basel hatte er 2019/20 aber auch die komplette Vorbereitung absolviert. Nun in der schon laufenden Saison zur Hertha zu stoßen, dürfte nicht ganz so einfach sein, fußballerisch traue ich es ihm aber absolut zu. Aufgrund des vollen Terminplans und der Verletzung von Torunarigha wird er Spielzeit bekommen, eine langsame Heranführung an die Bundesliga würde ihm aber sicher helfen.“

Dass Alderete schon im kommenden Spiel gegen den VfB Stuttgart in der Startelf steht, ist eher unwahrscheinlich. In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch gab der Paraguayer noch sein Pflichtspieldebüt als Nationalspieler und stößt damit erst kurz vor dem Spiel gegen den VfB erstmals zum Kader. In den darauffolgenden Spielen dürfte er aber zu einer realistischen Option werden – Torunarigha ist verletzt, Niklas Stark könnte dann wieder ins Mittelfeld vorrücken und Alderete den linken Innenverteidiger neben Kapitän Boyata geben.

„In einem Interview hat Alderete erzählt, dass er in Basel viel Zeit mit seinem paraguayischen Teamkollegen Blas Riveros verbrachte. Auch aufgrund der Sprachbarriere, die immer noch da zu sein scheint, dürften Cordoba und Ascacibar für ihn wichtig sein für die Eingewöhnung.“

Kartensammler Alderete

Alderete hat erst eine Saison in Europa gespielt – hältst du die Ablöse von 6,5 Millionen Euro trotzdem für einen fairen Preis?

„Alderete hat in der Europa League mit Basel auf sich aufmerksam gemacht und war ein unverzichtbarer Teil der besten Defensive in der Schweizer Liga. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Hertha nicht der einzige Interessent an ihm war. Ich traue ihm absolut zu, in ein paar Jahren Stammspieler bei einem überdurchschnittlichen Bundesligateam wie der Hertha zu sein. Daher geht ein Preis im mittleren einstelligen Millionenbereich meiner Meinung nach absolut in Ordnung. Wenn er sein Potenzial irgendwann einmal voll erreicht, liegt auch ein lukrativer Transfer zu einem Topklub in Europa im Bereich des Möglichen.“

In 54 Pflichtspielen für Basel handelte sich Alderete 13 gelbe Karten ein, dazu kommen noch drei Platzverweise. Ist der Paraguayer auf dem Platz ein Heißsporn oder hat er die Karten eher einem ungestümen Zweikampfverhalten zu verdanken?

„Die Antwort liegt wohl irgendwo zwischen Heißsporn und dem Zweikampfverhalten. Die gesamte Basler Mannschaft war in der vergangenen Saison anfällig für Karten. Bei der hohen Abseitslinie der Basler war bestimmt auch das eine oder andere taktische Foul dabei, das zu einer Gelben führte. Alderete muss aber sicher noch an seiner Coolness arbeiten, zwei seiner Platzverweise kassierte er zum Beispiel in den Schlussminute in Ligaspielen, die Basel verlor.“

Wirklich aussagekräftig dürfte Alderetes Karten-Statistik wohl aufgrund der Basler Spielweise nicht sein – und auch die mangelnde Coolness könnte eine positive Seite haben: Hertha fehlen insbesondere auf dem Platz Leader, die die Mannschaft mitreißen – und dabei eben vielleicht auch ab und zu über die Stränge schlagen.

Foto: IMAGO

Wie taktisch variabel ist Alderete? In welchen Systemen kann er eingesetzt werden, und auf welchen Positionen?

„In Basel hat man ihn eigentlich nur als Innenverteidiger gesehen, meistens zur Linken seines IV-Kollegen Eray Cömert in einer Viererkette. Das sehe ich auch als seine stärkste Position, viel taktische Variabilität musste er in Basel nicht zeigen. In der Theorie sollte ihm als Linksfuß auch die linke Position einer Dreierkette liegen, dafür fehlt mir bei ihm aber aktuell noch die Qualität im Passspiel und etwas Tempo. In der Mitte einer Dreier- oder Fünferkette könnte er hingegen funktionieren, er könnte dann auch seine Vorstöße ins Mittelfeld einbringen.“

Wenn Hertha in Zukunft also auch mal mit drei Innenverteidigern auflaufen möchte, könnte Alderete als zentraler Innenverteidiger auflaufen – links dürfte in solch einer Konstellation wohl Torunarigha die Nase dank seiner Qualitäten mit dem Ball und auch seines Tempos vorn haben. Aber auch im Zentrum wäre er wohlmöglich nicht die erste Wahl, mit Boyata stünde dort auch eine andere Alternative bereit.

Der schwierige Übergang in die Bundesliga

Erst ein Jahr hat Alderete in Europa gespielt, jetzt wechselt er von einer doch eher kleineren Liga in die Bundesliga, eine der größten der Welt. Wird die Umstellung (höheres Niveau und Tempo) ihm eher Probleme bereiten oder passt er sich schnell an neue Gegebenheiten an?

„Ich habe das Gefühl, dass der Unterschied zwischen der Schweizer Super League und den Top-Ligen in den letzten Jahren recht stark gewachsen ist, so konnte sich z.B. ein Marek Suchy, den Alderete in Basel ersetzte, beim FC Augsburg nicht durchsetzen. Auch Kasim Adams, 2018 für 8 Millionen von Bern nach Hoffenheim, konnte sich noch nicht durchsetzen. Mit Manuel Akanji gibt es aber absolut auch noch positive Beispiele. Bei Alderete sehe ich eigentlich keine Gefahr, ich schätze ihn zum Beispiel stärker ein als Adams.

In der Bundesliga wird er Risiken in seinem Spielstil minimieren müssen und gegen schwächere Gegner muss auch sein Passspiel besser werden. Er hat auf jeden Fall die Fähigkeiten, sich an die Bundesliga anzupassen, meiner Meinung nach auch recht schnell. Er wird aber wie jeder andere unerfahrene Spieler Fehler machen.“

Foto: IMAGO

Gibt es ein Spiel von Alderete, dass dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Eher einzelne Aktionen als Spiele. Zum Beispiel in der 90. Minute im Spitzenspiel gegen YB, als er nach einem Foul Gelb sah und dann im Frust den Ball wegschlug und Gelb-Rot sah. Aus positiver Sicht kommt mir sein “Lieblingstrick” in den Sinn, den Ball einmal über den Gegner lupfen und ab die Post nach vorne. Das ist als Innenverteidiger gefährlich, aber wenn’s funktioniert ein Highlight.“

(Die genannten Daten stammen von sofascore.com)

[Titelbild: IMAGO]

Mattéo Guendouzi – Viel Talent, wenig Selbstbeherrschung

Mattéo Guendouzi – Viel Talent, wenig Selbstbeherrschung

Lange galt Jeff Reine-Adelaide als potenzieller Neuzugang für Herthas zentrales Mittelfeld, am Deadline-Day präsentierte der Verein dann aber einen anderen Franzosen als Verstärkung für das zentrale Mittelfeld: Mattéo Guendouzi kommt leihweise für ein Jahr von Arsenal zu Hertha, knapp anderhalb Millionen Euro Leihgebühr werden für den französischen U21-Nationalspieler fällig.

Arsenal-Experte Chris McCarty von neunzigplus.de beantwortete unsere Fragen zu Guendouzi.

HERTHA BASE: Was sind Guendouzis größte Stärken? Wie kann er Hertha weiterhelfen?

Chris: „Seine größte Stärke ist sicherlich sein Selbstbewusstsein. Guendouzi traut sich alles zu, egal gegen wen. Er hat ein sehr gutes Auge und einen großen Passradius, kann dabei durch Diagonalbälle und Schnittstellen-Pässe selbst aus der Tiefe kreative Impulse liefern. Darüber hinaus ist er sehr ballsicher, kann das Spielgerät durch seine Physis hervorragend abschirmen und zieht durch eine gewisse Schlitzohrigkeit sehr viele Fouls.“

Mit seiner durchaus etwas offensiveren Ausrichtung passt Guendouzi gut in das Anforderungsprofil, dass man bei Hertha definiert hatte: Neben Lucas Tousart wollte man auch unbedingt noch einen etwas offensiv orientierteren Mittelfeldspieler verpflichten.

Und was sind seine größten Schwächen?

„Seine größte Stärke ist auch seine größte Schwäche: Sein Selbstbewusstsein. Das führt zu herausragenden Momenten, aber vereinzelt auch zu vermeidbaren Ballverlusten. In seinem Spiel ohne den Ball lässt die Spielintelligenz sehr nach. Er agiert oftmals zu ballfixiert, naiv und neigt dazu, gefährliche Situationen zu spät zu erkennen.“

Mit dem Kopf durch die Wand – vereinzelt kennt man diesen Ansatz bei Hertha BSC schon, auch Matheus Cunha agiert an weniger guten Tagen mitunter kopflos. Auch Guendouzi dürfte daher ein Spieler sein, den Bruno Labbadia ab und zu einbremsen muss.

Foto: IMAGO

Kann Guendouzi Hertha sofort weiterhelfen, oder braucht er erst noch eine Eingewöhnungszeit?

„Garantieren kann man das natürlich nicht, aber er scheint aufgrund seines Ehrgeizes ein Typ zu sein, der keinerlei Eingewöhnungszeit benötigt. 2018 wechselte er aus der zweiten französischen Liga zum FC Arsenal und verzichtete auf die U19-EM, um sich in der Vorbereitung in die Stammelf zu spielen. Kaum einer hatte ihn auf dem Zettel, am ersten Spieltag der Premier League stand er gegen Manchester City in der Startelf.“

Nach seiner Vertragsunterschrift ging es für Guendouzi allerdings zur U21-Nationalmannschaft, ein Startelfeinsatz gegen Stuttgart scheint deswegen eher unwahrscheinlich – wenn Niklas Stark, Lucas Tousart und Vladimir Darida fit bleiben.

In welchen Systemen und auf welchen Positionen kommt Guendouzi gut klar? Und wo überzeugt er eher weniger?

„Guendouzis Stärken kommen am besten auf der Acht oder der Doppelsechs zur Geltung. Dort kann er Spielintelligenz, Pressingresistenz, Passspiel und zuweilen auch seinen Drive im Spiel nach vorne sehr gut einsetzen. Als alleiniger Sechser fehlt ihm zu sehr das defensive Bewusstsein.“

In Labbadias 4-3-3 bzw. 4-3-1-2 kommen für Guendouzi also jeweils die beiden Achterpositionen infrage. Bisher spielten dort Lucas Tousart und Vladimir Darida – Tousart könnte nun allerdings auf die Sechs rücken, da Niklas Stark in den kommenden Wochen den ausfallenden Jordan Torunarigha in der Innenverteidigung ersetzen muss. Dann wäre Guendouzi wohl die erste Option, um die freie Achterposition zu übernehmen.

Lucas Tousart, Vladimir Darida und Niklas Stark, dazu Eduard Löwen und Santiago Ascasibar, Herthas Mittelfeld ist nun relativ breit besetzt. Welche Rolle traust Du Guendouzi zu – von Schlüsselspieler bis Rotationsspieler?

„Guendouzis Erwartungshaltung wird sein, auf Anhieb Stammspieler zu werden. Ich würde nicht gegen ihn wetten. Im Gegenteil, ich traue ihm zu, direkt zu begeistern. Um Leistungsträger zu werden, wird er aber an seinen Fehlern arbeiten müssen, die man ihm in der Honeymoonphase noch verzeiht.  Bei Arsenal tat er dahingehend zu wenig.“

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Hertha sucht nach Spielern, die auf dem Platz vorangehen und die Mannschaft führen – Guendouzi ist zwar noch jung, aber könnte er mit seiner Erfahrung trotzdem eine solche Rolle einnehmen?

Guendouzi ist kein Spieler, der sich versteckt, dafür ist er zu ehrgeizig. Selbst wenn es bei der Mannschaft oder ihm persönlich schlecht läuft, wird er versuchen, das zu ändern und vorneweg marschieren. Um ein tatsächlicher Leader zu sein, fehlt es ihm allerdings wohl an der Reife und den Führungsqualitäten.“

Nicht nur mit seiner Körpersprache und seinem Wille wird Guendouzi sich demnach gut in das einfügen, was man in dieser Saison bisher von Hertha gesehen hat: Eine junge, teilweise blauäugig agierende Mannschaft – die allerdings immer weiterkämpft und nicht aufgibt.

In der Vergangenheit fiel Guendouzi immer wieder auch durch zu emotionales und unfaires Verhalten auf dem Platz auf. Meinst du, er bekommt das besser unter Kontrolle?

„Das ist schwer, zu sagen. Es ist jedenfalls beunruhigend, dass er mit nur 21 Jahren und trotz seines großen Talents bei zwei Klubs und unter zwei Trainern aus dem Kader flog. Das ist die größte Schattenseite seines Selbstbewusstseins. Stößt er auf Widerstand oder Kritik, ob bei Gegner, Mitspieler oder gar Trainer, kann er die Kontrolle verlieren. Und das leider ohne Einsicht. Die Hoffnung liegt darin, dass er noch jung ist und daher reifen kann. Ob er das wird, steht in den Sternen.“

Michael Preetz und Bruno Labbadia dürften sich allerdings im Voraus bewusst gewesen sein, dass sie sich mit Guendouzi einen Spieler in den Kader holen, der Unruhe in die Mannschaft bringen kann. Die einjährige Leihe minimiert das Risiko – und da sich im Rest des Kaders bisher wenig Konfliktpotenzial andeutet, könnte Guendouzi auch von einer ruhigen Atmosphäre innerhalb der Mannschaft profitieren.

Foto: IMAGO

Wie würdest du Herthas Chancen bewerten, Guendouzi auch über die einjährige Leihe hinaus zu halten?

„Das hängt vor allem davon ab, wie er sich während der Leihe präsentiert und damit sind nicht nur die Leistungen auf dem Platz gemeint. Guendouzis Talent ist bekannt und trotzdem tat sich Arsenal diesen Sommer schwer, ihn los zu werden. Kann er seinen Ruf wiederherstellen, dürften andere Kaliber dazwischenfunken. Im Norden Londons liegt Stand heute wohl zu viel verbrannte Erde für eine Wiedervereinigung.“

Wenn Guendouzi bei Hertha an seine besten Zeiten anknüpfen kann, wird er wohl kaum länger als ein Jahr in Berlin bleiben. In diesem Fall würde aber auch Hertha einen guten Deal machen – ein guter Guendouzi würde dem Verein ein entscheidendes Stück weiterhelfen, die anderthalb Millionen Euro Leihgebühr wären dann wohl eher ein Schnäppchen.

Gibt es ein Spiel von Guendouzi, dass dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Es war womöglich nicht seine beste Leistung, aber besonders beeindruckte er mich im März 2019 auswärts bei Manchester City. Arsenal agierte lethargisch, regelrecht ängstlich. Aber da war dieser 19-Jährige, der mit breiter Brust durch das Mittelfeld marschierte und versuchte, Gündogan, David Silva und De Bruyne das Spiel aus den Händen zu reißen. Er forderte permanent den Ball, ging weite Wege und stemmte sich gegen die Niederlage. Die Gunners verloren am Ende zwar das Spiel, aber Guendouzi hinterließ an diesem Tag einen bleibenden Eindruck. Nicht nur bei den Arsenal-Fans.“

Präsenz auf dem Platz war auch bei Hertha jüngst ein Thema nach der Heim-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Mit Guendouzi hat Labbadia nun eine Mittelfeld-Option mehr, und an guten Tagen wird Guendouzi Hertha mit Sicherheit weiterhelfen.

[Titelbild: IMAGO]

Jhon Córdoba – wuchtig, willig, wichtig?

Jhon Córdoba – wuchtig, willig, wichtig?

Lange hat Bruno Labbadia warten müssen, nun ist er endlich da: In Jhon Córdoba hat Hertha knapp zwei Wochen vor Schließen des Transferfensters den notwendigen Ibisevic-Ersatz für das Sturmzentrum gefunden. Knapp 15 Millionen kostet der Kolumbianer, bei dessen Entscheidung für Hertha BSC wohl auch sein Landsmann und ehemaliger Berliner Adrián Ramos eine Rolle gespielt hat.

Thomas Reinscheid (auf Twitter @koelnsued), Chefredakteur von effzeh.com, beantwortete unsere Fragen zu Neuzugang Jhon Córdoba.

HERTHA BASE: Was sind deiner Meinung nach Córdobas größte Stärken auf dem Platz? Was kann man sich von ihm erhoffen?

Thomas: „Seine größte Stärke ist definitiv die extrem starke Physis. Córdoba weiß sich im direkten Duell sehr gut zu behaupten und hat dann auch die Dynamik und die Wucht, das für gefährliche Situationen zu nutzen. Dazu hat er sich in der Vergangenheit taktisch und auch spielerisch weiterentwickelt, so dass er auch neben seiner Körperlichkeit zu einem wichtigen Spieler beim FC geworden war.“

Foto: IMAGO

Nach den Abgängen von Vedad Ibisevic und Davie Selke in diesem Jahr vermisste Labbadia exakt diesen Spielertypen bisher im Hertha-Kader: Präsent, torgefährlich, bundesligaerfahren. Sebastian Haller oder auch der Wolfsburger Wout Weghorst waren bei Hertha gehandelt worden, mit Córdoba kommt nun ein ähnlicher Spieler, der in den Planungen des Trainer-Teams eine gewichtige Rolle einnehmen könnte.

Mit 27 Jahren ist Córdoba nicht mehr der Jüngste – und passt eigentlich auch nicht so richtig an Herthas Anforderungsprofil für Neuzugänge. Warum hat Hertha Cordoba trotzdem geholt?

„Ich denke, dass Córdoba dem Hertha-Angriff eine Dimension hinzufügt, die bisher aus der Ferne eingeschätzt komplett fehlt. Piatek ist in meinen Augen weniger der Wandspieler, weniger die physisch starke Ein-Mann-Büffelherde, die nun dem Kader zur Verfügung steht. Dazu hat Córdoba jede Menge Bundesliga-Erfahrung, seine Qualitäten auf diesem Niveau schon nachgewiesen und war durch die vertragliche und finanzielle Situation schlichtweg verfügbar für die Hertha. Es hatte mich schon gewundert, dass in der Hauptstadt so lange mit diesem Transfer gewartet wurde.“

Tatsächlich wurde der Kolumbianer bereits früher in diesem Sommer mit der alten Dame in Verbindung gebracht. Ein Grund für das Abwarten könnte die Transfer-Taktik von Michael Preetz gewesen sein, der auf fallende Preise zum Ende der Transferperiode setzen wollte. Mit Córdoba wurde es zumindest im Sturmzentrum nun ein Spieler, den Hertha wohl schon länger auf dem Radar hatte (laut kicker bereits seit 2017), durch die Verrechnung mit Ondrej Duda wurde der neue Stürmer letztlich für Hertha aber deutlich erschwinglicher.

Wo liegen denn seine Schwächen?

„Er ist im schnelleren Kombinationsspiel häufig überfordert, da er technisch nicht der allerbeste Akteur ist. Darüber hinaus reibt er sich durch die vielen Zweikämpfen oft mit Gegenspielern und Schiedsrichtern auf.“

Foto: IMAGO

Auch in diesem Sinne ist Córdoba also der perfekte Ibisevic-Ersatz. Auf dem Platz ist er ein unangenehmer Gegenspieler, der auch gerne mal über die Grenzen des erlaubten hinausschießt. Im Gegensatz zum Bosnier kennt der Kolumbianer aber auch Grenzen: In seinen bisherigen 99 Bundesliga-Einsätzen sah er zwar schon 16 gelbe Karten, handelte sich aber nur einen Platzverweis ein.

Im Prinzip folgt Córdoba bei Hertha auf Ibisevic, der als Kapitän einer der wichtigsten Führungsspieler war. Man sucht im Moment nach einer neuen Achse und Spielern, die auf dem Platz Verantwortung übernehmen. Könnte Córdoba eine solche Rolle übernehmen?

„Nein. Also sofern nicht Führung durch Leistung gemeint ist. Für alles andere ist Jhon nicht der Typ, dazu spricht er nach sechs Jahren in Deutschland immer noch nicht wirklich Deutsch und auch kaum Englisch. Das macht es natürlich schwierig, Verantwortung zu übernehmen, die über die eigene Leistung hinausgeht.“

Trotz seines – im Vergleich zum Rest des Kaders gehobenen – Alters und seiner umfassenden Bundesliga-Erfahrung wird Córdoba also nicht auch noch das Führungsspieler-Loch füllen können. Diese Verantwortung werden andere übernehmen müssen, die Rückkehr der Stamminnenverteidigung gegen Bremen machte in dieser Hinsicht aber Hoffnung.

Die Niederlage im Pokal gegen Braunschweig hat deutlich gemacht, dass Hertha auch Neuzugänge braucht, die sofort ankommen und einschlagen. Könnte das bei Córdoba klappen – oder braucht er erstmal eine Eingewöhnungszeit?

„Wenn es darum geht, ihn sinnvoll ins Spiel und in eine taktische Grundordnung einzubinden, dürfte es einige Zeit brauchen, bis Córdoba bei der Hertha angekommen ist. Wenn es aber darum geht, seine Physis einzubringen, dürfte er derzeit nahezu bei 100 Prozent sein. Córdoba hat beim FC die komplette Vorbereitung absolviert, musste nur kurz wegen vermeintlicher Muskelprobleme aussetzen. Einzig das Pokalspiel geht ihm ab – dass das aber nicht unbedingt eine notwendige Erfahrung ist, muss ich euch Berlinern ja nicht sagen!“

Bei seinem Debüt gegen Werder Bremen bestätigte Córdoba ebendiese These – nach seiner Einwechslung in der 61. Minute nutzte er seine Physis zunächst, um das 3:0 durch Matheus Cunha einzuleiten. Mit seinem Treffer zum 4:1-Entstand setzte er das Sahnehäubchen auf sein starkes Debüt, trotzdem dürfte er ähnlich wie Deyovaisio Zeefuik noch etwas Zeit zur Gewöhnung an Herthas System benötigen. Als Joker – das zeigte der Kolumbianer gegen Bremen – kann Córdoba Hertha aber schon jetzt weiterhelfen. Es ist aber schon jetzt absehbar, dass der 27-Jährige sich auf Dauer wohl kaum mit einer Reservisten-Rolle zufriedengeben dürfte.

Mit Krzysztof Piatek steht aber auch ein weiterer Stürmer mit Stammspieler-Ansprüchen bereit. Was traust du Córdoba in diesem Duell um einen Stammplatz zu?

„Das kommt schlichtweg darauf an, welche Art von Fußball die Hertha unter Bruno Labbadia spielen will. Dafür bin ich viel zu weit weg, um da eine Einschätzung zu wagen. Piatek und Córdoba sind derart verschiedene Spielertypen, die auch nebeneinander agieren könnten. Es muss also kein „Entweder/Oder“ sein, auch wenn Córdoba mit einem Zwei-Mann-Sturm immer etwas fremdelte. Müsste ich tippen, würde ich sagen, dass Cordoba aufgrund seiner Wucht und der Arbeit gegen den Ball eher auswärts und gegen bessere Teams den Vorzug erhalten dürfte.“

Foto: IMAGO

Beim Bundesliga-Auftakt im Weser-Stadion trat Hertha direkt mit solch einem Doppelsturm an, Dodi Lúkebakio spielte an der Seite von Piatek. In diesem 4-3-1-2-System ist aber kein Platz für klassische Flügelspieler – mit Lukébakio oder Leckie pushen dann andere Spieler den Konkurrenzkampf im Sturmzentrum. In jedem Falle wird der Córdoba-Transfer also einen erheblichen Einfluss auf den Konkurrenzkampf in der blau-weißen Offensive haben.

Gibt es ein Spiel von Córdoba, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Ich werde es nicht leugnen: Sein Führungstreffer im Emirates beim FC Arsenal wird ewig in Erinnerung bleiben. Ansonsten bleibt mir vor allem eine weitere Szene im Gedächtnis: Sein Tor gegen Bielefeld im Heimspiel in der 2. Bundesliga, als er gefühlt mit der ganzen Arminia-Defensive auf dem Rücken einen 50-Meter-Sprint anzog und diesen mit einem starken Abschluss veredelte. Nur um euch zu ärgern, nenne ich natürlich noch seinen Auftritt beim 5:0-Auswärtssieg in der vergangenen Saison bei Hertha BSC.“

Aus knapp 35 Metern hatte Córdoba den Effzeh in dessen letzter Europapokal-Saison 2017/2018 in Führung gebracht. In derselben Spielzeit war übrigens auch Hertha BSC zuletzt in der Europa League vertreten – und es ist das klare Ziel des Vereins, dies innerhalb der Laufzeit des Córdoba-Deals (bis 2024) erneut zu schaffen.

[Titelbild: IMAGO]

Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Alexander Schwolow – Mr. Konstanz

Kevin Trapp, Gregor Kobel, Jonas Omlin oder Jiri Pavlenka: Wochenlang geisterten die Namen verschiedenster Torhüter im Zusammenhang mit Hertha BSC durch die Medien. Der geforderte neue Torwart wurde letztlich aber Alexander Schwolow, der sich nach langer Hängepartie im letzten Momentdoch für Berlin und gegen Gelsenkirchen entschied.

Freiburg-Blogger und -Experte Mischa (auf Twitter @zerstreuungfuss, Blog unter http://zerstreuung-fussball.de/) beantwortete unsere Fragen zu Alexander Schwolow.

Foto: IMAGO

Eine Ablösesumme von 3,5 Millionen Euro, die sehr wahrscheinlich noch auf sieben Millionen steigen wird, und ein Vertrag bis 2024: So sehen die Eckdaten des Schwolow-Deals für Hertha aus. Seit 2009 stand der 28-Jährige im Breisgau beim SC Freiburg unter Vertrag – nur in der Saison 2014/2015 wurde er zum damaligen Drittligisten Arminia Bielefeld verliehen, mit dem er das Pokalhalbfinale erreichte. 125 Bundesliga-Partien bestritt Schwolow in dieser Zeit beim SC, nun wechselt er als nach Berlin. Mit seiner Erfahrung und Qualität sieht Cheftrainer Bruno Labbadia den gebürtigen Wiesbadener als perfekte Besetzung für die vakante Position in Herthas Torwart-Konkurrenzkampf: „Er ist mit seinen 28 Jahren erfahren und hat in den vergangenen Jahren gezeigt, auf welchem Niveau er in der Bundesliga spielen kann. Dazu passt er als Typ sehr gut in unseren Kader”, so Labbadia.

Aber was genau macht den Neu-Berliner auf dem Platz aus? Hierzu haben wir SC-Experte Mischa befragt und uns selbst in die Recherche begeben.

Hertha BASE: Was sind Schwolows größte Stärken? Warum hat Hertha ihn geholt?

Mischa: „Schwolow bringt große Konstanz mit, dass wird man in Freiburg an ihm vermissen. Er wehrt Bälle sauber zur Seite oder über das Tor ab, was ihn auch gegenüber seinem Nachfolger Mark Flekken auszeichnet. Seine Fußabwehr im Eins-gegen-Eins ist teilweise spektakulär, im Spielaufbau ist er sehr zuverlässig. Er geht keine unnötigen Risiken ein, wenn er gepresst wird, schlägt er häufig einen langen Ball. Auch wenn er es wahrscheinlich auch flach lösen könnte, ist das eine sehr angenehme Risikoabwägung.“

Auch bei seinen Paraden zeigt sich Schwolow sehr zuverlässig, nach Yann Sommer hat er die zweitbeste Schüsse-Paraden Quote in der Bundesliga. Auch bei den Post-Shot-xG ist Schwolow in der Bundesliga mit einem sechsten Platz gut platziert (zum Vergleich: Rune Jarstein belegte nicht mal einen Top-Ten-Platz).

„Seine größte Stärke ist aber wahrscheinlich, dass Schwolow kaum auffällige Schwächen hat. Es gibt ein paar kleinere Details, die aber nicht wirklich nennenswert sind.“

Was sind denn diese kleinen Schwächen?

„Ab und zu hat Schwolow bei Distanzschüssen das kurze Eck etwas zu offen gelassen. Bei Standards ist er eher vorsichtig mit dem Abfangen von hohen Hereingaben, die ganz klaren Dinger hat er aber – das ist kein großes Problem. Abgesehen von seiner Saison in Bielefeld, als er bei den Siegen im Elfmeterschießen gegen Hertha und Gladbach eine wichtige Rolle gespielt hat, ist er nicht unbedingt ein Elfmeter-Killer.“

Foto: IMAGO

Nun ist Schwolow nicht mehr der erste Ex-Freiburger Torwart in der Bundesliga. Wie würdest du ihn im Vergleich zu Roman Bürki oder Oliver Baumann einordnen?

„Mit seiner Konstanz ähnelt er eher Baumann. Bürki hat höhere Höhen und tiefere Tiefen – der Schweizer ist nun aber auch schon seit 2015 beim BVB und wird gerne etwas unterschätzt. Gerade im Spielaufbau und bei seinen Reflexen hat er wahnsinnige Qualitäten.“

Auch wenn Schwolow also vielleicht nicht ganz an einen Top-Keeper wie Roman Bürki herankommt, wird er bei Hertha durch seine Konstanz und seine geringe Fehleranfälligkeit das Loch auf der Torhüterposition schließen, dass durch einen langsam nachlassenden Rune Jarstein entstanden ist. Das er an guten Tagen auch zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, bewies er erst in der abgelaufenen Rückrunde: Gegen Eintracht Frankfurt wurde er trotz dreier Gegentreffer mit dreizehn Paraden zum Spieler des Spiels erkoren.

„Generell ist die Torhüter-Ausbildung in Freiburg unter Torwarttrainer Kronenberg ziemlich erfolgreich. Mit Gikiewicz steht ja auch noch ein weiterer Ex-Freiburger bei FC Augsburg unter Vertrag. Und vielleicht kann man ja auch noch Zack Steffen (letztes Jahr Düsseldorf) oder Daniel Batz vom 1. FC Saarbrücken irgendwo unterbringen…“

Was wird man in Freiburg am meisten an Schwolow vermissen?

„Seine Konstanz! In der letzten Saison war er zehn Spiele verletzt, in denen man schon sehen konnte, dass Flekken ein würdiger Ersatz ist. Auch wenn dieser dort sogar eine höhere Paraden-Quote als Schwolow hatte und auch mit dem Ball am Fuß sehr mutig war, kann man von ihm wohl nicht dieselbe Konstanz erwarten. Er geht in all seinen Reaktionen ein sehr hohes Risiko. Bei Schwolow dagegen konnte man sich auf solide – und manchmal auch sehr gute – Leistungen verlassen.“

Labbadia kündigte Schwolow auch mit der Aussage an, der Keeper würde „vom Typ“ gut in die Mannschaft passen. Was für ein Spieler ist er denn auf dem Platz – Lautsprecher oder eher ein ruhigerer Zeitgenosse?

„Schwolow liegt irgendwo dazwischen. Er organisiert die Abwehr, feiert auch mal eine gelungene Parade, dabei wirkt er aber nicht wie ein Oliver Kahn oder Raphael Gikiewicz. Meistens wirkt er konzentriert.“

Was bei den Berliner Fans auch gut ankommen dürfte, ist Schwolows Verhalten bezüglich seines Abgangs in Freiburg: „Bereits im letzten Jahr gab es die Absprache, dass er bei einem Angebot gehen dürfte. Da aber kein Angebot kam, verlängerte Schwolow seinen Vertrag nochmal, damit der SC ihn nicht ablösefrei abgeben musste. Dadurch erklärt sich wahrscheinlich auch, warum man nicht auf den 8 Millionen der Ausstiegsklausel bestanden hat.“

Foto: IMAGO

Mit 28 Jahren ist Schwolow zwar nicht mehr der Jüngste, Torhüter sind aber auch für ihre längeren Karrieren bekannt. Was denkst du, wie lange wird er sein Niveau halten und Hertha auf der Torhüter-Position helfen können?

„Recht lang. Sein Spiel zeichnet sich nicht durch eine besonders physische Komponente aus, wie zum Beispiel bei Manuel Neuer, der sich irgendwann überlegen muss, ob er noch schnell genug ist, um die Bälle 40 Meter vor dem eigenen Tor abzulaufen.“

Mit Alexander Schwolow kommt also einer der solidesten Bundesliga-Keeper mit ordentlich Erfahrung zu Hertha, der über ein ähnliches Stärkenprofil wie Rune Jarstein in dessen besten Zeiten verfügt. Torwartexperte Sascha Felter vom Fußball-Blog cavanisfriseur.de sagt dazu: „Mit seinem guten Grundniveau und ohne herausragende Stärken oder Schwächen mag Schwolows Profil zunächst nicht besonders spektakulär aussehen. Trotzdem ist das für einen Club immens wichtig, wenn der Keeper ein gutes Grundlevel hat. An wirklich sehr guten Tagen wird auch mal eine Weltklasse-Leistung drin sein.“

Hertha darf sich also auf Schwolow freuen – mit seiner Erfahrung und seinen Qualitäten dürfte es ihm nicht besonders schwer fallen, den zuletzt immer wieder unsicher wirkenden Rune Jarstein als Nummer eins zu verdrängen. Und auch Nils-Jonathan Körber dürfte gegenüber dem Neuzugang wohl das Nachsehen haben, war er letzte Saison doch nicht mal mehr Stammkeeper bei seinem Leihverein, dem VfL Osnabrück.

[Titelbild: IMAGO]

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Ökologischer Fußballabdruck – Hertha und Umweltschutz

Die Durchführung sozialer Projekte wie beispielsweise die Unterstützung der Berliner Tafel im April oder das Engagement im Rahmen der Initiative „Herthaner helfen“ gehört bei Hertha schon längst fest zum Vereinsprofil. Nun legt der Klub auch an einer bisher kaum beachteten Stelle nach – dem Klimaschutz.

Die Fanbewegung ist der größte Emissionsfaktor

Nicht Deyovaisio Zeefuik, nicht Weston McKennie und auch nicht Luka Jovic: Wenn man Herthas Website glauben schenken mag, heißt der erste Neuzugang für die Saison 2020/2021 „Klimaschutz“. Gemeinsam mit der Berliner Energieagentur hat der Verein seinen CO2-Fußabdruck für die Saison 2018/2019 bestimmt. Insgesamt 10.550 Tonnen Ausstoß an CO2 kamen in der letzten Dárdai-Saison zusammen. Dieser Wert ist schwierig zu beurteilen, da Hertha in der Bundesliga zwar keinesfalls der erste Klub ist, der sich für den Klimaschutz stark macht – aber nach dem VfL Wolfsburg ist Hertha erst der zweite Bundesligist, der transparent mit seinem CO2-Footprint umgeht.

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Zur Einordnung lässt sich nun also lediglich der – gleichzeitig sehr umfassende – Nachhaltigkeitsbericht des VfL Wolfsburg heranziehen. Dort werden die ausgestoßenen Treibhausgase mit 10.049 CO2-Äquivalent in derselben Größenordnung wie bei Hertha beziffert. Interessant wird es dagegen beim Vergleich der einzelnen Emissions-Verursacher: Beim VfL Wolfsburg liegt der Anteil der Fanbewegung an den Emissionen bei rund 60% (ungefähr 6.045 Tonnen CO2), während er bei Hertha BSC mit 74% (ca. 7.800 t Emissionen) deutlich höher liegt. Bei beiden Vereinen nimmt die An- und Abreise der Fans also das Gros der Emissionen ein.

Trotzdem liegt Hertha in dieser Kategorie vor dem VfL Wolfsburg – wenn man den Zuschauerschnitt bei der Einordnung dieser Zahlen berücksichtigt. Herthas Zuschauerschnitt 2018/2019 war beinahe doppelt so hoch wie derer der Wölfe 2017/2018. Trotzdem liegen die Reise-Emissionen der blau-weißen Fans nicht etwa doppelt so hoch, sondern lediglich 30% höher als die des VfL. Die Gründe für diesen Unterschied sind schnell gefunden: Das Berliner Olympiastadion ist deutlich besser an den ÖPNV angebunden als die Wolfsburger Volkswagen Arena.

Andere Emissions-Quellen und Herthas Ziele

Nach den Zuschauer-Emissionen folgen bei Hertha laut der Erhebung der Berliner Energieagentur (BEA) Geschäftsreisen (9%) und der Einkauf von Merchandise-Produkten (5%) auf den Plätzen zwei und drei. Auch der Verbrauch von Strom- und Wärmeenergie macht immerhin 959 t-CO2-Äquivalent aus. In allen drei Fällen sind Einsparungen denkbar – Strom könnte in Zukunft aus erneuerbaren Energien genutzt werden, Geschäftsreisen sollten möglichst nicht per Flugzeug, sondern mit Bus und Bahn angetreten werden – zumal die noch anhaltende Pandemie-Situation beweist, wie viele Konversationen auch in die digitale Welt verlagert werden können. Und auch bei der Herstellung und dem Einkauf von Merchandise-Produkten könnte Hertha sich theoretisch um eine fairere Produktion näher an Berlin kümmern – was aber unwahrscheinlich erscheint.

Aber was genau ist das Ziel in Sachen Klimaschutz? Laut Vereins-Website möchte der Verein auch beim Klimaschutz endlich Verantwortung übernehmen. „Als Hauptstadtklub und Teil der Berliner Stadtgesellschaft wollen wir […] unseren Beitrag dazu leisten, die Stadt bis 2050 klimaneutral zu machen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Das heißt: Bis spätestens 2050 müsste auch Hertha damit klimaneutral werden. Mit der Transparenz im Bereich der eigenen Emissionen geht der Klub jetzt schon einen Weg, der in der Bundesliga (noch) viel zu selten ist. Gleichzeitig ist die Ermittlung des CO2-Verbrauchs auch „eine der wichtigsten Voraussetzungen, um überhaupt Maßnahmen ergreifen und in Zukunft Emissionen vermeiden und kompensieren zu können“, so Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA.

Vorbilder Mainz und Hoffenheim?

Nach eigenen Angaben bereits einen Schritt weiter in Sachen Klimaschutz sind der FSV Mainz 05 und die TSG 1899 Hoffenheim: Beide Vereine schmücken sich mit dem Titel „klimaneutraler Bundesligist“. Neben diversen Einsparungsbemühungen gleichen beide Vereine ihre restlichen Emissionen durch den Erwerb von Klimaschutz-Zertifikaten aus. Insbesondere bei der Anreise der eigenen Fans, die nicht nur bei Hertha und Wolfsburg einen großen Teil der Emissionen ausmachen dürfte, haben die Vereine kaum direkten Einfluss – und müssen diese Emissionen anderweitig ausgleichen.

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Das ist auf verschiedensten Wegen möglich – der bequemste und meist auch günstigste Weg ist die Beteiligung an Aufforstungsprojekten oder Ähnlichem. Aber es geht auch anders, in Mainz speist man aus der Solaranlage auf dem Dach der Opel-Arena Strom ins öffentliche Netz ein und vermeidet damit ca. 470 Tonnen CO2-Emissionen.

Sowohl der FSV Mainz 05 als auch die TSG Hoffenheim haben gegenüber Hertha aber schon jetzt in einem Punkt das Nachsehen: Beide Vereine gehen nicht transparent genug mit ihrem Ausstoß und dem Ausgleich der Emissionen um, konkrete Zahlen gibt es bei beiden Bundesligisten nur selten zu finden. Beide Vereine nutzten zudem zu Saisonbeginn noch (kompostierbare) Einwegbecher, obwohl Mehrwegbecher nachgewiesenermaßen deutlich umweltschonender sind. In Hoffenheim wurde dieser Punkt mittlerweile korrigiert, in der Winterpause stellte der Verein auf ein Mehrweg-System um.

Verbesserungsbedarf bei der Alten Dame

Wo genau liegen nun aber Einsparmöglichkeiten für Hertha, in welchen Bereichen muss unbedingt nachgebessert werden? Beim Vergleich mit dem VfL Wolfsburg fällt auf, dass Hertha im Bereich Geschäftsreisen deutlich mehr CO2 emittiert als die Wölfe. Allerdings ergibt sich an dieser Stelle schnell ein Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Wettbewerbsfähigkeit: Eine Busreise zum SC Freiburg ist für die Spieler deutlich unkomfortabel als ein Flug in den Breisgau. Dieses Problem könnte man wohl nur mit einer ligaweit einheitlichen Regelung lösen.

Da die Fanbewegung den Großteil der Emissionen ausmacht, ist das auch der Punkt, an dem Hertha (noch) aktiver werden muss. Neben der hervorragenden ÖPNV-Anbindung des Olympiastadions könnten z. B. Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden. Und auch in Sachen Kommunikation könnte Hertha sich mehr für den Klimaschutz einsetzen – auf aktuelle Probleme und Entwicklungen hinweisen sollte ebenso Teil der Vereins-News sein wie regelmäßige Aufforderungen an die Fans, das Auto zu Hause stehen zu lassen und die Alternativen zu nutzen.

Eine weitere Verbesserungsmöglichkeit liegt für Hertha auch im Bereich der Fan-Verpflegung während Heimspielen. In der Saison 2018/2019 schnitt Hertha im Stadienranking der PETA als 17. Als zweitschlechtester Bundesligist ab, gefolgt nur von Borussia Mönchengladbach. Die Begründung: Bei Hertha gibt es zu wenige (vegane) Alternativen zur Stadionwurst. Während in anderen Stadien das Angebot an dieser Stelle deutlich größer und vielfältiger ist, gibt es im Olympiastadion nur die Klassiker (Süßkartoffel-)Pommes und Brezel zur Auswahl.

Stadion-Neubau unter Klimaschutz-Gesichtspunkten

Auch mit dem vom Verein und der Fan-Initiative Blau-Weißes Stadion befürworteten Stadionneubau sollte sich Hertha unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und des Klimaschutz noch einmal genau beschäftigen: Es stellt sich die Frage, inwieweit der Bau eines neuen Stadions mit der neuen Umweltpolitik Herthas vereinbar sein soll. Mit dem Olympiastadion würde dann ein großes Stadion verwaisen, das vor nicht allzu langer Zeit modernisiert und umgebaut wurde (2000 bis 2004).

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Hertha muss das Olympiastadion zwar keinesfalls nutzen – an dem Fakt, dass ein Stadionneubau bei existierender, renovierter und bis auf das Laufbahn-Problem idealer Infrastruktur schlichtweg nicht nachhaltig wäre, ändert das aber nichts. Natürlich könnte man bei einem Neubau die modernsten ökologischen Baustandards berücksichtigen, gleichzeitig könnten solche energieeffizienten Strukturen bei einem erneuten Umbau aber sehr wohl auch im Olympiastadion integriert werden.

Gleichzeitig würde ein Stadionneubau auch andere Probleme mit sich bringen: Falls das neue Stadion nicht auf dem Olympia-Gelände entstehen sollte, würde auch die ÖPNV-Frage neu entflammen. Mit einer schlechteren Anbindung an S- und U-Bahn-Netz würde wohl der Anteil der Fans, die mit dem Auto die Spiele besuchen, steigen – und gleichzeitig Herthas CO2-Fußabdruck.

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