Peter Pekarík – eine Insel von Konstanz bei Hertha BSC

Peter Pekarík – eine Insel von Konstanz bei Hertha BSC

Torhüter, instabile Innenverteidiger-Duos oder formschwache Offensivkräfte: Hertha BSC hatte in der laufenden Saison schon viele verschiedene Problemzonen. Die Position des Rechtsverteidigers gehörte bisher nicht dazu. Das hat vor allem mit Peter Pekarík zu tun.

Eigentlich war er ja nur noch als Back-Up und Übergangslösung eingeplant. Einen neuen Einjahresvertrag hatte Peter Pekarík im letzten Sommer noch einmal unterschrieben, nachdem er sich gegen Saisonende plötzlich wieder in Herthas Stammelf gespielt hatte. Und obwohl der Slowake nach dem Bundesliga-Restart durchaus ansprechende Leistungen abgeliefert hatte, sollte Pekarík eigentlich Stück für Stück ins zweite Glied rücken und Neuzugang Deyovaisio Zeefuik seine Rolle hinten rechts in der Berliner Abwehrkette überlassen.

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So oder so ähnlich dürften die Pläne von Herthas Verantwortlichen im letzten Sommer gewesen sein, als sie die ‚Baustelle Rechtsverteidiger‘ gedanklich als erledigt abhakten. Ein halbes Jahr später ist Pekarík für Hertha wichtig wie lange nicht mehr: Nachdem er im letzten Jahr von Pál Dárdais erster Amtszeit genau wie unter dessen Nachfolgern Ante Covic, Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri kaum eine Rolle gespielt hatte, ist er in der aktuellen Saison Herthas Feldspieler mit den fünftmeisten Spielminuten, nur zwei Mal stand der 34-Jährige nicht in der Startelf.

Die Gründe für diese überraschende Entwicklung sind vielfältig. Ein Teil liegt sicher darin begründet, dass Deyovaisio Zeefuik bisher nicht die erhoffte Verstärkung ist und war. Nachdem es zu Saisonbeginn tatsächlich so aussah, als würde Ex-Trainer Labbadia den jungen Niederländer peu à peu aufbauen, wurde Zeefuik nach seiner Gelb-Roten-Karte gegen RB Leipzig de facto aussortiert. Seine weiteren Kurzauftritte überzeugten ebenso wenig, Zeefuik wirkte nicht griffig und konzentriert genug, beinahe allen seiner Aktionen fehlte die Spannung.

Mister Zuverlässig schlägt zurück

Der wichtigste Faktor ist aber Pekarík selbst, der mit seinen Leistungen verblüfft. Jahrelang als einer der torungefährlichsten Bundesliga-Spieler überhaupt verschrien, hat er in den letzten zwölf Monaten wettbewerbsübergreifend vier Tore erzielt – doppelt so viele wie in den sieben Jahren Hertha zuvor.

Der Expected-Goals-Wert gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Abschluss auch tatsächlich im Tor landet

Wenn man in dieser Saison einen Blick auf die Expected-Goal-Statistiken wirft, wird eines klar: Was die von ihm ausgehende Torgefahr angeht, ist Pekarík mitnichten einer der schwächeren Bundesliga-Rechtsverteidiger. In diesem Ranking liegt er unter anderem auch vor Stefan Lainer und Lars Bender – obwohl deren Mannschaften im Allgemeinen deutlich offensiver als Hertha agieren. Diese Weiterentwicklung hätte ihm wohl kaum einer zugetraut, gerade in seinem mittlerweile hohen Fußballer-Alter von 34 Jahren.

Parallel zu seinem entdeckten Torriecher hat Pekarík aber nicht seine Zuverlässigkeit verloren. Mitnichten agiert der Rechtsverteidiger sorglos oder risikoreich. Seine Passquote von 81,4% ist im Liga-Vergleich einer der besten Werte. Nicht umsonst hat er sich den Spitznamen „Mister Zuverlässig“ verdient. Pekarík ist Herthas Tiefkühlpizza: Immer da, wenn er gebraucht wird, und man weiß, was man bekommt.

Gleichzeitig darf man aber auch keine Wunderdinge von ihm erwarten. Im Spielaufbau der Blau-Weißen nimmt er meistens keine allzu wichtige Rolle ein, das zeigt auch die Anzahl der von ihm gespielten ‚Progressive Passes‘, die unter dem Liga-Schnitt liegt.

Neben dem Spiel mit dem Ball gehört vor allem das Verteidigen zu Pekaríks Aufgabengebiet. Meistens tut er das ganz unaufgeregt, unauffällig und solide. Auffällige Fehler unterlaufen ihm auch aufgrund seiner Erfahrung nur selten, sein Zweikampfverhalten ist ein guter Mix zwischen abwartend und aggressiv.

Bei aller angenehmen Unauffälligkeit, mit der der Slowake Ruhe in Herthas Defensivverbund bringt, muss man aber auch feststellen, dass Pekarík kein exzellenter Verteidiger (mehr) ist. Weder gewinnt er viele Tacklings, noch kann er besonders viele Bälle klären. Zum Vergleich: Maximilian Mittelstädt liegt in beiden Statistiken deutlich vor dem 34-Jährigen – und das, obwohl ‚Peka‘ deutlich mehr Minuten gespielt hat.

Wie geht es weiter?

Im kommenden Sommer läuft Pekaríks Vertrag bei Hertha aus, ob das Arbeitspapier ein weiteres Mal verlängert wird, ist nicht klar. In jedem Fall wird man sich in Berlin nach Verstärkungen umsehen – die auch eine Verjüngung gegenüber Pekarík darstellen sollten, um dem Slogan ‚Die Zukunft gehört Berlin‘ wieder gerechter zu werden.

Gleichzeitig hat man mit Lukas Klünter und Deyovaisio Zeefuik noch zwei andere Rechtsverteidiger mit Steigerungspotenzial im Kader, der Transferfokus dürfte also eher in die Richtung eines gestandeneren Spielers gehen.

(Photo by Clemens Bilan – Pool/Getty Images)

Und wer weiß? Vielleicht gibt es im Zuge dessen auch eine teilweise Abkehr von der Big-City-Transferpolitik der letzten Jahre, mehr in Richtung der erfolgreichen Wechselgeschäfte, die bei Hertha vor dem Windhorst-Einstieg vollzogen wurden.

Ein Blick auf die obigen Grafiken lässt schnell erkennen, dass man sich wohl außerhalb der Bundesliga wird umschauen müssen. Die Spieler der direkten Konkurrenten sind für Hertha entweder nicht zu haben oder schlicht nicht gut genug.

Drei mögliche Kandidaten für die Pekarík-Nachfolge

Im Zuge dessen könnte der Blick wie schon in der Vergangenheit in die Ligen der deutschen Nachbarländer schweifen und so auch Clinton Mata wieder ein Thema bei Hertha BSC werden. Schon letztes Jahr war der 28-Jährige vom FC Brügge mit Hertha in Verbindung gebracht worden. Der Angolaner ist insbesondere defensiv solide, aber auch im Kombinations- und Aufbauspiel bringt Mata einiges mit. Neben der Rechtsverteidigerposition kann er auch als Innenverteidiger spielen. Unklar ist allerdings, ob er Brügge überhaupt verlassen möchte.

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Eine andere Option könnte der Schweizer Silvan Hefti werden. Aktuell ist der 23-jährige Spieler bei den Young Boys, zuvor war er bereits zwei Jahre lang Kapitän des FC St. Gallen. Womöglich könnte Teamkollege Fabian Lustenberger also ein paar gute Worte für Hertha einlegen. Mit bereits über 170 Erstliga-Spielen verfügt er trotz seines Alters schon über einige Erfahrung und könnte nach Kevin Mbabu und Jordan Lotomba schon der dritte Rechtsverteidiger in drei Jahren werden, der von Bern aus in eine Top-Fünf-Liga wechselt.

Hefti verteidigt gegenüber Pekarík etwas aktiver und aggressiver, aber nicht kopflos. Auch in Ballbesitz ist er etwas agiler als der Slowake, sucht Eins-gegen-Eins-Situationen – und kann sehr gute Flanken schlagen. In der Saison 2019/2020 legte er beim FC St. Gallen insgesamt sieben Tore auf und erzielte drei selbst.

Foto: IMAGO

Auch mit Jonas Svensson könnten sich die Hertha-Verantwortlichen beschäftigen. Der 27-jährige Norweger spielt aktuell in Alkmaar, im Sommer läuft aber sein Vertrag aus, der Spieler möchte die Eredivisie verlassen.

Mit seinem hohen Endtempo und generellen Spielweise erinnert er eher an Zeefuik als Pekarík, ist dabei aber deutlich weiter in seiner Entwicklung als der Niederländer: Mit 27 ist er gestandener Profi, deutlich routinierter und auch abgebrühter. Durch seine geringe Körpergröße (1,70 Meter) hat er eine Schwäche in Kopfballduellen, ist aber insbesondere am Ball ein guter Spieler.

[Titelbild: Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images]

Sami Khedira – endlich Ruhe und Konstanz?

Sami Khedira – endlich Ruhe und Konstanz?

„Ich will spielen, ich will Verantwortung übernehmen, ich will etwas erreichen“ – das waren die ersten Worte Sami Khediras bei seiner offiziellen Vorstellung als Hertha-Neuzugang. Der ehemalige Weltmeister und Champions-League-Sieger soll in Berlin helfen, in einer führungslos wirkenden Mannschaft wieder eine neue Hierarchie aufzubauen.

Italien-Experte Christian Bernhard von u.a. der Süddeutschen Zeitung und DAZN beantwortete unsere Fragen zu Sami Khediras Zeit bei Juventus Turin.

Zumindest ein leicht unwohles Gefühl dürfte dem einen oder anderen Hertha-Fan der Transfer von Sami Khedira bereiten. Ein abgehalfterter Star, der seine beste Zeit wohl hinter sich hat? Das hat starke Big-City-Club-Vibes, die in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder aus Medien und Vereinsumfeld zu vernehmen waren.

In der aktuellen Saison hatte Khedira vor seinem Wechsel zu Hertha kein Spiel bestritten, in den letzten Jahren wurde er immer wieder massiv von Verletzungen ausgebremst. Schreit nach dem nächsten Missverständnis, der nächsten Katastrophe – oder?

Khediras Rolle(n) bei Juventus

Je genauer man sich mit der Verpflichtung Khediras auseinandersetzt, desto mehr positive Aspekte lassen sich aber für Hertha aus diesem Transfer herausziehen. Das startet bei den Modalitäten, zu denen Khedira nach Berlin kommt: Für den 33-Jährigen verlangte Juventus keine Ablöse mehr, sein Vertrag läuft erstmal nur bis zum Saisonende, minimales Risiko für den Verein.

Sportlich gesehen ist Khediras Position im zentralen Mittelfeld sicher nicht die, auf der Hertha am dringendsten Bedarf an Verstärkungen hat. Mit Guendouzi, Tousart, Darida, Löwen und Ascasíbar stehen schon einige Kandidaten für diese Position bereit. Trotzdem könnte Khedira Herthas Spiel nochmal eine neue Facette verleihen:

(Photo by Valerio Pennicino/Getty Images)

Christian Bernhard sagt dazu: „Khedira hatte besonders unter Maurizio Sarri eine wichtige Rolle inne, weil er auf dem Feld für die Stabilität und Balance der Mannschaft wichtig war. Seine Erfahrung und Gabe, Spiel-Situationen gut zu lesen und zu antizipieren, machten ihn zu einem wichtigen Element für Sarri. Unter Massimiliano Allegri hatte er noch eine etwas dynamischere Rolle, dort kamen seine Offensivfähigkeiten mehr zum Tragen, weil er sich immer wieder gut mit in das Offensivspiel einschaltete.“

Herthas Mittelfeld sucht die innere Mitte

Stabilität und Balance – Punkte, die Hertha in der bisherigen Saison schmerzlich vermisste. Das Mittelfeld, welches sich in den meisten Saisonspielen aus Vladimir Darida, Mattéo Guendouzi und Lucas Tousart zusammensetzte, wirkte nur selten ausbalanciert. Auch Stabilität ging dem Hertha-Spiel weitestgehend ab, man erinnere sich an die Hinrunden-Auftritte gegen den FC Bayern oder Borussia Dortmund. „Vogelwild“ nannte Dardai seine Mannschaft nach dem Frankfurt-Spiel.

Auch Fähigkeiten im offensiven Bereich ließ Herthas Mittelfeld in dieser Saison erschreckend oft vermissen. Vladimir Darida erwischte einige, wenige Gala-Tage (im Hinspiel gegen Bremen oder gegen Schalke), aber abgesehen davon vermisste Hertha offensiv strukturgebende Mittelfeldspieler häufig schmerzlich.

In den ersten beiden Spielen seiner zweiten Amtszeit als Cheftrainer setzte Dárdai wieder auf „sein“ altbewährtes 4-2-3-1. Die Position, auf der Khedira in jüngster Vergangenheit am häufigsten zum Einsatz kam, ist in diesem System aber nicht vorhanden. „Unter Sarri kam er letzte Saison meist in einem 3er-Mittelfeld auf einer der Achter-Positionen, meist halblinks, zum Einsatz. Auch unter Allegri hat er meistens auf der Acht gespielt“, so Christian.

Nach seiner Einwechslung gegen den FC Bayern ließ sich aber schon erahnen, was der Plan mit Khedira in Herthas neuem Spielsystem sein könnte. Khedira wird wohl meistens auf einer der beiden Sechser-Positionen auflaufen. Dárdai sagte nach der Partie gegen Bayern auch, dass er von dort mit seiner Routine und Erfahrung auch ein wichtiger Bezugspunkt für Herthas Innenverteidiger werden könnte.

Endlich ein Anführer?

Neben seinen sportlichen Qualitäten dürfte genau diese Erfahrung ein zentraler Bestandteil von Herthas Entscheidung gewesen sein, Khedira zu verpflichten. Im Laufe der Jahre hat der 33-Jährige Seite an Seite mit dem einen oder anderen Weltklasse-Spieler gekickt und zudem auch bewiesen, dass er sich auch in einer Mannschaft voller Stars seinen Platz sichern kann. In seinen Jahren bei Juventus Turin führte er die italienische alte Dame sogar einige Male vertretungsweise als Kapitän auf den Platz.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

„Khedira war besonders für die jungen Juve-Mittelfeldkollegen ein Orientierungspunkt. So hat Rodrigo Bentancur, der seit vergangener Saison ein wichtiger Faktor im Juve-Spiel ist, erzählt, dass er sich Khedira als Beispiel genommen hat, als es darum ging, seine Torgefahr aus dem Spiel heraus zu steigern. Er beobachtete Khediras Timing und Abläufe für das offensive Miteinschalten sowie die Läufe in den gegnerischen Strafraum genau. Bentancur bezeichnete Khedira diesbezüglich als ‚bestes Beispiel'“, berichtet uns Christian.

Es braucht nicht allzu viel Vorstellungskraft, dass der Weltmeister von 2014 auch für die vielen jungen und talentierten Spieler in Berlin zu einer Art Mentor werden könnte. Im Optimalfall könnte er auch auf Spieler wie Lucas Tousart oder Santi Ascasíbar einen positiven Einfluss haben. Khedira hat im Fußball alles gesehen und erlebt, quasi jeden relevanten Titel gewonnen, Drucksituationen sind ihm alles andere als fremd.

Khedira scheint also tatsächlich in vielerlei Hinsicht ein guter Transfer für Hertha zu sein. Auch seine Persönlichkeit unterscheidet sich von vielen der Spieler, mit denen Hertha im Zuge der Windhorst-Millionen immer wieder in Verbindung gebracht wurde: „Khedira wurde aufgrund seiner Professionalität und ruhigen Art in Turin sehr geschätzt.“

Verletzungsgeschichte und fehlende Spielpraxis als Wehrmutstropfen

Leise Zweifel bleiben trotzdem. Die Einwechslung Khediras beim 0:1 gegen die Bayern war sein erster Pflichtspieleinsatz seit Juni 2020, das letzte Spiel über volle 90 Minuten ist sogar schon fast anderthalb Jahre her. Für Hertha wird es darum gehen, ihn zunächst mit kürzeren Einsätzen wie gegen die Bayern wieder spielfit zu bekommen, ohne dabei zu schnell vorzugehen und die nächste Verletzung zu riskieren.

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Während in den letzten Jahren auch immer wieder Verletzungen die Pläne Khediras durchkreuzten, wurde er im Vorlauf der aktuellen Saison bei Juventus schlichtweg im Zuge des Umbruchs aussortiert: „In dieser Saison waren nicht-sportliche Vertragsgründe ausschlaggebend, dass er unter Andrea Pirlo nicht zum Einsatz kam. Juve wollte sich im vergangenen Sommer im Rahmen der Kader-Verjüngerung und des Umbruchs unter Pirlo von ihm trennen. Sein hohes Gehalt und seine Verletzungsanfälligkeit haben bei diesen Überlegungen wohl auch eine Rolle gespielt. Als er auch nach der Sommer-Transferperiode noch in Turin war, entschied der Verein, ihn nicht in den Spielkader aufzunehmen. Mittrainiert hat er aber die gesamte Saison, auch bei den Video- und Taktik-Einheiten war er mit dabei. Was ihm fehlt, ist klarerweise der Wettkampfrhythmus, aber Trainingseinheiten hat er genug in den Beinen.“

Als Juventus sich zu Saisonbeginn äußerst inkonstant und wackelig präsentierte, forderten Medien und Fans eine Rückkehr Khediras in die Mannschaft von Andrea Pirlo – was noch einmal verdeutlicht, was für ein hohes Standing der Ex-Stuttgarter beim italienischen Serienmeister der vergangenen Jahre genoss.

Würde man sagen: „Pál, khe dir a Mittelfeldspieler aussuchen“ – es wäre gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Dárdai mit Khedira im Gepäck wieder auftauchen würde. Vieles spricht nämlich für den 77-fachen deutschen Nationalspieler, auch wenn eine gewisse Skepsis vorerst bleiben wird.

[Titelbild: IMAGO]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG Hoffenheim

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG Hoffenheim

Mit einer am Ende deutlichen 0:3-Heimniederlage gegen Hoffenheim beendet Hertha BSC die Hinrunde der Saison 2020/2021. Nach einer ordentlichen Anfangsphase (inklusive verschossenem Elfmeter) verpassten es die Berliner, mit letzter Konsequenz auf die Führung zu drücken. Nach einer knappen halben Stunde kamen die Gäste zur schmeichelhaften Führung, im Anschluss gelang Hertha kaum noch etwas.

Bereits nach den beiden letzten Auftritten auf der Alm in Bielefeld (0:1) und gegen den 1. FC Köln (0:0) waren bei den meisten Hertha-Fans die Erwartungen für das Spiel gegen die ebenfalls kriselnden Hoffenheimer (ein Sieg in den letzten sechs Bundesliga-Spielen) gering. Und Hertha wurde einmal mehr seinem Ruf als „Aufbaugegner“ gerecht – individuell gab es dabei nur wenige Lichtblicke.

Maximilian Mittelstädt – nicht wirklich besser als Plattenhardt

Eine Entscheidung Labbadias, die schon in den vergangenen Monaten immer wieder für Diskussionen sorgte, war die Bevorzugung von Marvin Plattenhardt auf der Linksverteidigerposition. Plattenhardt wurde trotz durchwachsener Leistungen immer wieder Maxi Mittelstädt vorgezogen – dabei waren viele Hertha-Fans der Meinung, dass Mittelstädt sich insbesondere zu Saisonbeginn ordentlich präsentiert hatte.

Durch Plattenhardts Verletzung durfte Mittelstädt gegen Hoffenheim zum zweiten Mal hintereinander von Beginn an ran, das Fazit fällt eher weniger gut aus.

In der Anfangsphase war Mittelstädt unauffällig: Defensiv könnte man das durchaus als Kompliment auffassen, allerdings übten die Gäste auch nur wenig Druck aus, Hertha hatte Ballbesitzanteile von über 70 Prozent.

Und auch offensiv war Mittelstädt quasi unsichtbar. Guendouzi übernahm im Aufbau seine Position hinten links – wohin Mittelstädt auf diese Rochade hin verschwand, war nicht immer leicht festzustellen. Nach einer knappen halben Stunde setzte er mal Córdoba mit einer Flanke in Szene, der Kolumbianer köpfte allerdings über den Kasten. Kurz nach der Halbzeit wiederholte sich dieses Muster: Am Hoffenheimer Strafraum bekam Mittelstädt von Guendouzi den Ball, fand mit seiner Flanke Córdoba – und dieser setzte seinen Kopfball übers Tor.

Foto: IMAGO

Bei der Entstehung des ersten Gegentores machte Mittelstädt eine unglückliche Figur. Er rückte aus der Viererkette, um den Ballführenden Baumgartner unter Druck zu setzen – kam dabei allerdings zu spät und öffnete so den Raum für den Torschützen Sebastian Rudy.

Insbesondere sein zu Saisonbeginn besserer Offensivoutput im Vergleich mit Plattenhardt wurde Mittelstädt hoch angerechnet, gegen Hoffenheim war davon allerdings nur wenig zu sehen. Defensiv unterliefen Herthas Eigengewächs eigentlich keine großen Fehler, trotzdem sprach seine Auswechslung nach 60 Minuten Bände für seine Leistung. Auch weil der erst 17-jährige Luca Netz keinen Deut schlechter machte.

Omar Alderete – Das Thema mit den Ansätzen

In der Hertha-Innenverteidigung lief einmal mehr der Paraguayer Omar Alderete neben Kapitän Niklas Stark auf. Defensiv waren beide in der Anfangsphase kaum gefordert, dafür aber umso mehr im Spielaufbau. Dabei übernahm Alderete einmal mehr den risikoreicheren Part, und zumindest in der ersten halben Stunde war er ein ums andere Mal der X-Faktor in Herthas Spielaufbau: Mit flachen Pässen ins Zentrum auf Cunha, eine der beiden Spitzen oder Guendouzi gelang es ihm gleich mehrere Male, zumindest eine der Hoffenheimer Verteidigungslinien zu überspielen.

Allerdings schlichen sich auch hin und wieder kleinere Fehler ins Spiel Alderetes – einmal vertändelte er in zentraler Lage fast den Ball an einen Hoffenheimer, aus einem Fehlpass nah am eigenen Tor konnten die Hoffenheimer kein Kapital schlagen. Und auch eine Situation, in der Alderete seinen Gegenspieler mit etwas übertriebenem Körpereinsatz „rammte“ und abdrängte, dürfte für die eine oder andere gehobene Augenbraue gesorgt haben.

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In der zweiten Halbzeit waren aber auch bei Alderete jegliche spielerische Anlagen verschwunden, die man in der ersten Hälfte noch bestaunen durfte. Wie auch sein Nebenmann Stark agierte Alderete meistens nach der Devise „lang und weit bringt Sicherheit“, wenn keine einfache Lösung in Sicht war.

Defensiv war der Paraguayer eigentlich nur beim 0:1 zu weit von seinem Gegenspieler entfernt, sonst konnte der Neuzugang die eine oder andere brenzlige Situation bereinigen. Gleichzeitig strahlte er mit seiner etwas aggressiveren Spielweise aber auch nicht unbedingt Ruhe aus.

Dodi Lukébakio – symptomatisch für eine ganze Saison

Nach einigen enttäuschenden Auftritten zuletzt hatte Labbadia mit der Rückkehr von Matheus Cunha die Möglichkeit, Dodi Lukébakio zunächst einmal auf der Bank zu lassen. Nach seiner Einwechslung gelang es dem Belgier allerdings nicht mehr, noch etwas Nennenswertes zu Herthas Offensivbemühungen beizutragen.

Wie so oft in den vergangenen Wochen ging in seinen knapp 30 Minuten auf dem Platz quasi keine Gefahr von Lukébakio aus. Mit seiner ersten Aktion rutschte er auf dem Rasen des Olympiastadions weg – direkt in einen Hoffenheimer Gegenspieler, eine (etwas harte) gelbe Karte war die Konsequenz.

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Und auch beim 0:2 demonstrierte Lukébakio einmal mehr eine seiner gravierendsten Schwächen: Schon in der Entstehung war er zu weit von seinem Gegenspieler entfernt, woraufhin dieser den Ball relativ unbedrängt in den Rückraum zurücklegen konnte. Allerdings hatte Lukébakio den Spieler schon bis zur Grundlinie verfolgt – und weil er sich im Anschluss nicht schnell genug wieder nach vorne bewegte, hob er das Abseits des Torschützen Kramaric auf.

Mit seinem Joker-Einsatz sollte Lukébakio wohl eigentlich zeigen, warum er in Zukunft wieder die richtige Wahl für die Hertha-Startelf wäre. Mit diesem Auftritt ist ihm das aber sicherlich nicht gelungen – eher im Gegenteil.

Lucas Tousart – endlich Stütze und Ballverteiler

Wenn es dann doch noch eine positiv hervorzuhebende Leistung an diesem aus Hertha-Sicht sehr tristen Abend gab, war das mit Sicherheit Lucas Tousart. Der Franzose scheint nach seiner Verletzung immer besser in Tritt zu kommen, gegen Hoffenheim machte er trotz seiner schwachen Mitspieler ein ordentliches Spiel und zeigte, warum Hertha ihn geholt haben könnte.

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Immer wieder konnte Tousart das Spiel erfolgreich verlagern, insbesondere seine hohen Seitenwechsel auf die aufgerückten Außenverteidiger deuteten seine Klasse hier und da an. In einigen Situationen zeigte sich der Franzose aber auch als kombinationssicher, löste unter Mithilfe seiner Nebenleute die eine oder andere Pressingsituation.

Nach dem Seitenwechsel war Tousart dann vor allem als Organisator zwischen den beiden Hertha-Innenverteidigern gefragt. Als Sechser wusste der Franzose in den vergangenen Wochen mit dem Ball deutlich mehr zu überzeugen als zuvor Niklas Stark – sehr wahrscheinlich, dass Tousart auch nach der Genesung von Dedryck Boyata weiterhin Herthas defensiver Mittelfeldspieler Nummer eins bleibt.

Und dann waren da noch …

Deyovaisio Zeefuik, der nach seiner Einwechslung zur Halbzeit defensiv nicht wirklich auf der Höhe wirkte und offensiv zumindest zwei haarsträubende Fehlpässe spielte.

Krzysztof Piatek, der in der ersten Viertelstunde Herthas beste Tormöglichkeit vom Punkt vergab. Danach wirkte der Pole engagiert – und profitierte durchaus von Sturmpartner Jhon Córdoba, er wirkte besser ins Hertha-Spiel eingebunden als in seinen Einsätzen als alleinige Spitze.

Matheus Cunha, der Herthas Offensive eben auch nicht immer retten kann – gegen Hoffenheim erwischte der Brasilianer wieder einen schlechteren Tag, ließ sich durch viele kleine Nickligkeiten der Gegner provozieren und rieb sich daraufhin in Diskussionen auf.

Mattéo Guendouzi, bei dem im Spielverlauf der Verzweiflungspegel ins Unermessliche stieg – in der Schlussphase versuchte der Franzose, es mit allen allein aufzunehmen und ein Solo-Tor à la Cunha zu erzielen. War dabei aber eher weniger erfolgreich und konnte Herthas Spiel auch sonst nicht die Struktur geben, für die er in seinen ersten Spielen gesorgt hatte.

Das Fazit fällt nach dem Spiel gegen Hoffenheim ernüchternd aus – es wird sich wohl etwas ändern müssen bei Hertha BSC, damit sich langfristige Verbesserungen einstellen. Punkt.

[Titelbild: Photo by Boris Streubel/Getty Images]

Omar Alderete – mehr als nur ein Rekik-Ersatz?

Omar Alderete – mehr als nur ein Rekik-Ersatz?

Etwas überraschend kam es am Deadline-Day auch in Herthas Innenverteidigung noch zu Veränderungen. Karim Rekik wechselte zum Europa-League-Sieger nach Sevilla, als Ersatz verpflichtete Hertha den paraguayischen Nationalspieler Omar Alderete aus Basel.

Basel-Experte und Opta-Mitarbeiter Chris Eggenberger beantwortete unsere Fragen zu Omar Alderete.

Alderete bringt Wucht mit

HERTHA BASE: Was sind deiner Meinung nach Alderetes größte Stärken?

Chris: „Alderete hatte in der letzten Saison eines der, wenn nicht das beste Kopfballspiel aller Verteidiger in der Schweizer Super League. Er gewann 71% seiner Kopfballduelle, zweitbester Wert aller Verteidiger der Liga. Seine Zweikampfquote von 64% war Bestwert aller regelmäßig eingesetzten FCB-Spieler. Zudem verzeichnete er die Bestwerte für Ballgewinne und Klärungsaktionen pro Spiel beim FC Basel.“

Neben Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha bekommt Hertha demnach also einen dritten, sehr zweikampfstarken Spieler für die eigene Innenverteidigung. Für Trainer Bruno Labbadia dürfte das eine Erleichterung darstellen. Karim Rekik schien in seinen letzten Einsätzen für Hertha BSC insbesondere in diesem Bereich fehleranfällig, obwohl Zweikampfverhalten und Kopfballstärke eigentlich zu den wichtigsten Qualitäten eines Innenverteidigers zählen.

Und in welchen Bereichen liegen seine Schwächen? Wo ist noch Verbesserungsbedarf vorhanden?

„Arbeiten muss er meiner Meinung nach noch am einfachen Passspiel, er hatte in der letzten Saison nur 77% Passquote. Er nimmt gerne Risiken in Kauf, zum Beispiel bricht er gerne im Aufbauspiel mit dem Ball ins Mittelfeld und spielt viele Pässe ins finale Platzdrittel, was beim in vielen Spielen hoch stehenden FC Basel ein Vorteil war. Man hat manchmal das Gefühl, er will zu sehr nicht den einfachen Querpass spielen, was ihn in einer besseren Liga fehleranfällig machen könnte.“

Auch das kennt man bei Hertha mittlerweile gut – von Torunarigha, bei dem Vorstöße bis tief in die gegnerische Hälfte genauso zur Tagesordnung gehören. Trotzdem lag Torunarighas Passquote in der vergangenen Saison mit 85% deutlich höher. Herthas Eigengewächs scheint seine Vorstöße mittlerweile eher gezielt einzusetzen, wie Alderete sich bei Hertha einfügt, wird man sehen.

Foto: IMAGO

Kann Alderete Hertha sofort weiterhelfen, oder braucht er erst noch eine Eingewöhnungszeit?

„Beim FC Basel stand Alderete vom 1. Spieltag an in der Startelf und war von dieser auch schnell nicht mehr wegzudenken. Dafür war er von Anfang an individuell zu gut. In Basel hatte er 2019/20 aber auch die komplette Vorbereitung absolviert. Nun in der schon laufenden Saison zur Hertha zu stoßen, dürfte nicht ganz so einfach sein, fußballerisch traue ich es ihm aber absolut zu. Aufgrund des vollen Terminplans und der Verletzung von Torunarigha wird er Spielzeit bekommen, eine langsame Heranführung an die Bundesliga würde ihm aber sicher helfen.“

Dass Alderete schon im kommenden Spiel gegen den VfB Stuttgart in der Startelf steht, ist eher unwahrscheinlich. In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch gab der Paraguayer noch sein Pflichtspieldebüt als Nationalspieler und stößt damit erst kurz vor dem Spiel gegen den VfB erstmals zum Kader. In den darauffolgenden Spielen dürfte er aber zu einer realistischen Option werden – Torunarigha ist verletzt, Niklas Stark könnte dann wieder ins Mittelfeld vorrücken und Alderete den linken Innenverteidiger neben Kapitän Boyata geben.

„In einem Interview hat Alderete erzählt, dass er in Basel viel Zeit mit seinem paraguayischen Teamkollegen Blas Riveros verbrachte. Auch aufgrund der Sprachbarriere, die immer noch da zu sein scheint, dürften Cordoba und Ascacibar für ihn wichtig sein für die Eingewöhnung.“

Kartensammler Alderete

Alderete hat erst eine Saison in Europa gespielt – hältst du die Ablöse von 6,5 Millionen Euro trotzdem für einen fairen Preis?

„Alderete hat in der Europa League mit Basel auf sich aufmerksam gemacht und war ein unverzichtbarer Teil der besten Defensive in der Schweizer Liga. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Hertha nicht der einzige Interessent an ihm war. Ich traue ihm absolut zu, in ein paar Jahren Stammspieler bei einem überdurchschnittlichen Bundesligateam wie der Hertha zu sein. Daher geht ein Preis im mittleren einstelligen Millionenbereich meiner Meinung nach absolut in Ordnung. Wenn er sein Potenzial irgendwann einmal voll erreicht, liegt auch ein lukrativer Transfer zu einem Topklub in Europa im Bereich des Möglichen.“

In 54 Pflichtspielen für Basel handelte sich Alderete 13 gelbe Karten ein, dazu kommen noch drei Platzverweise. Ist der Paraguayer auf dem Platz ein Heißsporn oder hat er die Karten eher einem ungestümen Zweikampfverhalten zu verdanken?

„Die Antwort liegt wohl irgendwo zwischen Heißsporn und dem Zweikampfverhalten. Die gesamte Basler Mannschaft war in der vergangenen Saison anfällig für Karten. Bei der hohen Abseitslinie der Basler war bestimmt auch das eine oder andere taktische Foul dabei, das zu einer Gelben führte. Alderete muss aber sicher noch an seiner Coolness arbeiten, zwei seiner Platzverweise kassierte er zum Beispiel in den Schlussminute in Ligaspielen, die Basel verlor.“

Wirklich aussagekräftig dürfte Alderetes Karten-Statistik wohl aufgrund der Basler Spielweise nicht sein – und auch die mangelnde Coolness könnte eine positive Seite haben: Hertha fehlen insbesondere auf dem Platz Leader, die die Mannschaft mitreißen – und dabei eben vielleicht auch ab und zu über die Stränge schlagen.

Foto: IMAGO

Wie taktisch variabel ist Alderete? In welchen Systemen kann er eingesetzt werden, und auf welchen Positionen?

„In Basel hat man ihn eigentlich nur als Innenverteidiger gesehen, meistens zur Linken seines IV-Kollegen Eray Cömert in einer Viererkette. Das sehe ich auch als seine stärkste Position, viel taktische Variabilität musste er in Basel nicht zeigen. In der Theorie sollte ihm als Linksfuß auch die linke Position einer Dreierkette liegen, dafür fehlt mir bei ihm aber aktuell noch die Qualität im Passspiel und etwas Tempo. In der Mitte einer Dreier- oder Fünferkette könnte er hingegen funktionieren, er könnte dann auch seine Vorstöße ins Mittelfeld einbringen.“

Wenn Hertha in Zukunft also auch mal mit drei Innenverteidigern auflaufen möchte, könnte Alderete als zentraler Innenverteidiger auflaufen – links dürfte in solch einer Konstellation wohl Torunarigha die Nase dank seiner Qualitäten mit dem Ball und auch seines Tempos vorn haben. Aber auch im Zentrum wäre er wohlmöglich nicht die erste Wahl, mit Boyata stünde dort auch eine andere Alternative bereit.

Der schwierige Übergang in die Bundesliga

Erst ein Jahr hat Alderete in Europa gespielt, jetzt wechselt er von einer doch eher kleineren Liga in die Bundesliga, eine der größten der Welt. Wird die Umstellung (höheres Niveau und Tempo) ihm eher Probleme bereiten oder passt er sich schnell an neue Gegebenheiten an?

„Ich habe das Gefühl, dass der Unterschied zwischen der Schweizer Super League und den Top-Ligen in den letzten Jahren recht stark gewachsen ist, so konnte sich z.B. ein Marek Suchy, den Alderete in Basel ersetzte, beim FC Augsburg nicht durchsetzen. Auch Kasim Adams, 2018 für 8 Millionen von Bern nach Hoffenheim, konnte sich noch nicht durchsetzen. Mit Manuel Akanji gibt es aber absolut auch noch positive Beispiele. Bei Alderete sehe ich eigentlich keine Gefahr, ich schätze ihn zum Beispiel stärker ein als Adams.

In der Bundesliga wird er Risiken in seinem Spielstil minimieren müssen und gegen schwächere Gegner muss auch sein Passspiel besser werden. Er hat auf jeden Fall die Fähigkeiten, sich an die Bundesliga anzupassen, meiner Meinung nach auch recht schnell. Er wird aber wie jeder andere unerfahrene Spieler Fehler machen.“

Foto: IMAGO

Gibt es ein Spiel von Alderete, dass dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Eher einzelne Aktionen als Spiele. Zum Beispiel in der 90. Minute im Spitzenspiel gegen YB, als er nach einem Foul Gelb sah und dann im Frust den Ball wegschlug und Gelb-Rot sah. Aus positiver Sicht kommt mir sein „Lieblingstrick“ in den Sinn, den Ball einmal über den Gegner lupfen und ab die Post nach vorne. Das ist als Innenverteidiger gefährlich, aber wenn’s funktioniert ein Highlight.“

(Die genannten Daten stammen von sofascore.com)

[Titelbild: IMAGO]

Mattéo Guendouzi – Viel Talent, wenig Selbstbeherrschung

Mattéo Guendouzi – Viel Talent, wenig Selbstbeherrschung

Lange galt Jeff Reine-Adelaide als potenzieller Neuzugang für Herthas zentrales Mittelfeld, am Deadline-Day präsentierte der Verein dann aber einen anderen Franzosen als Verstärkung für das zentrale Mittelfeld: Mattéo Guendouzi kommt leihweise für ein Jahr von Arsenal zu Hertha, knapp anderhalb Millionen Euro Leihgebühr werden für den französischen U21-Nationalspieler fällig.

Arsenal-Experte Chris McCarty von neunzigplus.de beantwortete unsere Fragen zu Guendouzi.

HERTHA BASE: Was sind Guendouzis größte Stärken? Wie kann er Hertha weiterhelfen?

Chris: „Seine größte Stärke ist sicherlich sein Selbstbewusstsein. Guendouzi traut sich alles zu, egal gegen wen. Er hat ein sehr gutes Auge und einen großen Passradius, kann dabei durch Diagonalbälle und Schnittstellen-Pässe selbst aus der Tiefe kreative Impulse liefern. Darüber hinaus ist er sehr ballsicher, kann das Spielgerät durch seine Physis hervorragend abschirmen und zieht durch eine gewisse Schlitzohrigkeit sehr viele Fouls.“

Mit seiner durchaus etwas offensiveren Ausrichtung passt Guendouzi gut in das Anforderungsprofil, dass man bei Hertha definiert hatte: Neben Lucas Tousart wollte man auch unbedingt noch einen etwas offensiv orientierteren Mittelfeldspieler verpflichten.

Und was sind seine größten Schwächen?

„Seine größte Stärke ist auch seine größte Schwäche: Sein Selbstbewusstsein. Das führt zu herausragenden Momenten, aber vereinzelt auch zu vermeidbaren Ballverlusten. In seinem Spiel ohne den Ball lässt die Spielintelligenz sehr nach. Er agiert oftmals zu ballfixiert, naiv und neigt dazu, gefährliche Situationen zu spät zu erkennen.“

Mit dem Kopf durch die Wand – vereinzelt kennt man diesen Ansatz bei Hertha BSC schon, auch Matheus Cunha agiert an weniger guten Tagen mitunter kopflos. Auch Guendouzi dürfte daher ein Spieler sein, den Bruno Labbadia ab und zu einbremsen muss.

Foto: IMAGO

Kann Guendouzi Hertha sofort weiterhelfen, oder braucht er erst noch eine Eingewöhnungszeit?

„Garantieren kann man das natürlich nicht, aber er scheint aufgrund seines Ehrgeizes ein Typ zu sein, der keinerlei Eingewöhnungszeit benötigt. 2018 wechselte er aus der zweiten französischen Liga zum FC Arsenal und verzichtete auf die U19-EM, um sich in der Vorbereitung in die Stammelf zu spielen. Kaum einer hatte ihn auf dem Zettel, am ersten Spieltag der Premier League stand er gegen Manchester City in der Startelf.“

Nach seiner Vertragsunterschrift ging es für Guendouzi allerdings zur U21-Nationalmannschaft, ein Startelfeinsatz gegen Stuttgart scheint deswegen eher unwahrscheinlich – wenn Niklas Stark, Lucas Tousart und Vladimir Darida fit bleiben.

In welchen Systemen und auf welchen Positionen kommt Guendouzi gut klar? Und wo überzeugt er eher weniger?

„Guendouzis Stärken kommen am besten auf der Acht oder der Doppelsechs zur Geltung. Dort kann er Spielintelligenz, Pressingresistenz, Passspiel und zuweilen auch seinen Drive im Spiel nach vorne sehr gut einsetzen. Als alleiniger Sechser fehlt ihm zu sehr das defensive Bewusstsein.“

In Labbadias 4-3-3 bzw. 4-3-1-2 kommen für Guendouzi also jeweils die beiden Achterpositionen infrage. Bisher spielten dort Lucas Tousart und Vladimir Darida – Tousart könnte nun allerdings auf die Sechs rücken, da Niklas Stark in den kommenden Wochen den ausfallenden Jordan Torunarigha in der Innenverteidigung ersetzen muss. Dann wäre Guendouzi wohl die erste Option, um die freie Achterposition zu übernehmen.

Lucas Tousart, Vladimir Darida und Niklas Stark, dazu Eduard Löwen und Santiago Ascasibar, Herthas Mittelfeld ist nun relativ breit besetzt. Welche Rolle traust Du Guendouzi zu – von Schlüsselspieler bis Rotationsspieler?

„Guendouzis Erwartungshaltung wird sein, auf Anhieb Stammspieler zu werden. Ich würde nicht gegen ihn wetten. Im Gegenteil, ich traue ihm zu, direkt zu begeistern. Um Leistungsträger zu werden, wird er aber an seinen Fehlern arbeiten müssen, die man ihm in der Honeymoonphase noch verzeiht.  Bei Arsenal tat er dahingehend zu wenig.“

Hertha sucht nach Spielern, die auf dem Platz vorangehen und die Mannschaft führen – Guendouzi ist zwar noch jung, aber könnte er mit seiner Erfahrung trotzdem eine solche Rolle einnehmen?

Guendouzi ist kein Spieler, der sich versteckt, dafür ist er zu ehrgeizig. Selbst wenn es bei der Mannschaft oder ihm persönlich schlecht läuft, wird er versuchen, das zu ändern und vorneweg marschieren. Um ein tatsächlicher Leader zu sein, fehlt es ihm allerdings wohl an der Reife und den Führungsqualitäten.“

Nicht nur mit seiner Körpersprache und seinem Wille wird Guendouzi sich demnach gut in das einfügen, was man in dieser Saison bisher von Hertha gesehen hat: Eine junge, teilweise blauäugig agierende Mannschaft – die allerdings immer weiterkämpft und nicht aufgibt.

In der Vergangenheit fiel Guendouzi immer wieder auch durch zu emotionales und unfaires Verhalten auf dem Platz auf. Meinst du, er bekommt das besser unter Kontrolle?

„Das ist schwer, zu sagen. Es ist jedenfalls beunruhigend, dass er mit nur 21 Jahren und trotz seines großen Talents bei zwei Klubs und unter zwei Trainern aus dem Kader flog. Das ist die größte Schattenseite seines Selbstbewusstseins. Stößt er auf Widerstand oder Kritik, ob bei Gegner, Mitspieler oder gar Trainer, kann er die Kontrolle verlieren. Und das leider ohne Einsicht. Die Hoffnung liegt darin, dass er noch jung ist und daher reifen kann. Ob er das wird, steht in den Sternen.“

Michael Preetz und Bruno Labbadia dürften sich allerdings im Voraus bewusst gewesen sein, dass sie sich mit Guendouzi einen Spieler in den Kader holen, der Unruhe in die Mannschaft bringen kann. Die einjährige Leihe minimiert das Risiko – und da sich im Rest des Kaders bisher wenig Konfliktpotenzial andeutet, könnte Guendouzi auch von einer ruhigen Atmosphäre innerhalb der Mannschaft profitieren.

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Wie würdest du Herthas Chancen bewerten, Guendouzi auch über die einjährige Leihe hinaus zu halten?

„Das hängt vor allem davon ab, wie er sich während der Leihe präsentiert und damit sind nicht nur die Leistungen auf dem Platz gemeint. Guendouzis Talent ist bekannt und trotzdem tat sich Arsenal diesen Sommer schwer, ihn los zu werden. Kann er seinen Ruf wiederherstellen, dürften andere Kaliber dazwischenfunken. Im Norden Londons liegt Stand heute wohl zu viel verbrannte Erde für eine Wiedervereinigung.“

Wenn Guendouzi bei Hertha an seine besten Zeiten anknüpfen kann, wird er wohl kaum länger als ein Jahr in Berlin bleiben. In diesem Fall würde aber auch Hertha einen guten Deal machen – ein guter Guendouzi würde dem Verein ein entscheidendes Stück weiterhelfen, die anderthalb Millionen Euro Leihgebühr wären dann wohl eher ein Schnäppchen.

Gibt es ein Spiel von Guendouzi, dass dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Es war womöglich nicht seine beste Leistung, aber besonders beeindruckte er mich im März 2019 auswärts bei Manchester City. Arsenal agierte lethargisch, regelrecht ängstlich. Aber da war dieser 19-Jährige, der mit breiter Brust durch das Mittelfeld marschierte und versuchte, Gündogan, David Silva und De Bruyne das Spiel aus den Händen zu reißen. Er forderte permanent den Ball, ging weite Wege und stemmte sich gegen die Niederlage. Die Gunners verloren am Ende zwar das Spiel, aber Guendouzi hinterließ an diesem Tag einen bleibenden Eindruck. Nicht nur bei den Arsenal-Fans.“

Präsenz auf dem Platz war auch bei Hertha jüngst ein Thema nach der Heim-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Mit Guendouzi hat Labbadia nun eine Mittelfeld-Option mehr, und an guten Tagen wird Guendouzi Hertha mit Sicherheit weiterhelfen.

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