Bayer Leverkusen – Hertha BSC: Jeder Punkt zählt

Bayer Leverkusen – Hertha BSC: Jeder Punkt zählt

Die englische Woche hat für Hertha BSC ganz gut begonnen: am Samstagnachmittag konnte man endlich wieder einen Sieg einfahren. Gegen den SC Freiburg reichte ein knappes 1:0 durch ein Traumtor von Vladimir Darida. Doch am Mittwochabend wartet ein zumindest individuell stärkerer Gegner auf die Blau-Weißen. Können die Spieler von Jürgen Klinsmann auch bei Bayer Leverkusen punkten, und den nächsten Schritt aus der gefährlichen Tabellenregion machen?

Leverkusen vs. Leverkusen in Köln

Herthas Gegner am Mittwochabend ist ohne Frage qualitativ ein ganz anderes Kaliber als der SC Freiburg. Doch in der Tabelle steht Bayer Leverkusen noch unter den Breisgauern auf Platz sieben. 25 Punkte konnte die „Werkself“ bisher sammeln, sieben Siege, vier Remis und vier Niederlagen – eine sehr durchwachsene Bilanz.

Bayer Leverkusen verlor am Samstag zwei Spieler durch rote Karten. (Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Zuletzt gab es in der Bundesliga einen glücklichen Sieg gegen den FC Bayern München (2:1) und auch gegen Schalke 04 gab es drei Punkte. In der Champions League konnte sich die Mannschaft von Peter Bosz nicht für das Achtelfinale qualifizieren, spielt als Gruppendritter in der Rückrunde in der Europa League weiter. Am Samstag wurde man dann im Derby vom geschwächten 1.FC Köln erwartet.

Dieses Spiel entwickelte sich allerdings schnell zum Desaster für Leverkusen. Eine verdiente 2:0 Niederlage für den Favoriten, der in der ersten Halbzeit keine Mittel fand und sich in der zweiten Halbzeit quasi selber schlug. Erst eine gelb-rote Karte für Aleksandar Dragovic, dann die glatt rote Karte für Leon Bailey – bereits seine zweite in dieser Saison. Mit zwei Spielern weniger auf dem Platz konnte man die Derbyniederlage nicht mehr verhindern.

Nach dem Spiel zeigten sich nicht nur die Fans sondern auch die Spieler wütend und enttäuscht. Insbesondere Rot-Sünder Bailey musste viel Kritik der eigenen Mitspieler einstecken. Kapitän Lars Bender sprach davon, dass Bailey der Mannschaft „einen Bärendienst“ erwiesen hätte, man erwarte eine Entschuldigung. „Er hat die Mannschaft wieder enttäuscht“, war von Torhüter Lukas Hradecky zu hören. „Wir sind dumm und blöd. Wir nehmen uns selber aus dem Spiel“, hieß es zusätzlich noch von Sven Bender.

Trotz Sperren Hochfavorit

Nicht die beste Stimmung also bei der „Werkself“. Zumal ein verlorenes Derby bekanntlich immer Spuren hinterlässt. Für Hertha wird es trotz der Sperren und der angespannten Nerven in Leverkusen am Mittwoch eine sehr schwere Aufgabe.

Bailey und Dragovic fallen zwar gesperrt aus, doch Bayer Leverkusen wird nichtdestotrotz eine hochkarätige Startelf aufstellen können. Jonathan Tah kehrt nach seiner Rotsperre zurück und wird den Ausfall von Dragovic kompensieren. Der Ausfall von Leon Bailey wird auch durch die Riesenqualität in der Offensive der Leverkusener ausgeglichen werden können. Karim Bellarabi, Moussa Diaby, Nadiem Amiri, Paulinho, Kai Havertz, Lucas Alario oder Kevin Volland – Cheftrainer Peter Bosz kann sich über fehlende Optionen nicht beschweren.

“Die Berliner Mauer” beim letzten Sieg in Leverkusen.

Die Rotsperren werden Hertha zwar nicht schaden, doch einen großen Vorteil können die Hauptstädter sicher nicht erwarten. Leverkusen wird als haushoher Favorit in das Spiel gehen. Auch die Statistik spricht für die Heimmannschaft. Am 10.02.2018 konnte sich Hertha noch mit 2:0 am Rhein in einer denkwürdigen Partie durchsetzen. Bis auf dieses Spiel konnten die Blau-Weißen jedoch in Leverkusen seit 2012 nicht mehr punkten. Alle weiteren Begegnungen in der „BayArena“ verlor die „alte Dame“ klar.

Erster Sieg unter Klinsmann

Nicht allzu viel spricht also für das Team von Jürgen Klinsmann. Dabei konnte man sich am Samstag gegen den SC Freiburg endlich wieder einen Sieg erkämpfen. In einer sehr knappen und umkämpften Begegnung setzten sich die Hertha-Profis nicht unverdient durch ein Traumtor von Vladimir Darida durch.

Eine ähnliche Situation erlebte Hertha diese Saison nach dem ersten Saisonsieg gegen den SC Paderborn. Auch da holte man den Sieg, ohne zu glänzen. Auch da zweifelten viele Fans über die Bedeutung des geholten Dreiers. Es folgte eine Reise an den Rhein zum 1. FC Köln, wo sich Hertha mit 4:0 durchsetzen konnte, wiederum gefolgt von einem weiteren Heimsieg gegen Fortuna Düsseldorf. Ein „dreckiger Sieg“ wie gegen Paderborn oder Freiburg kann mentale Fesseln bei der Mannschaft lösen.

Jetzt fahren die Berliner erneut an den Rhein, dieses Mal nach Leverkusen. Ob der Sieg am Wochenende ausreicht, um mentale Blockaden im Team zu lösen, wird sich zeigen. Klar ist aber, dass diese drei Punkte der Mannschaft gut getan haben. „Es fühlt sich brutal gut an“, hieß es von Kapitän Vedad Ibisevic.

Keine Feier in der Ostkurve nach dem 1:0 Sieg gegen den SC Freiburg. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Mit den eigenen Fans bleibt die Stimmung jedoch angespannt. Die Nachwirkungen der Auseinandersetzungen mit der Mannschaft nach der Partie gegen Borussia Dortmund waren am Samstag zu spüren. Die Hertha-Profis gingen nach dem Sieg nicht wie gewohnt in die Ostkurve feiern. Im „Kurvenecho“ wurde außerdem erklärt, dass die Derbyniederlage und die damit verbundene Schmach noch nicht verdaut sei und die Mannschaft nicht erwarten könne, durch ein wenig Kampf gegen Dortmund alles wieder gut machen zu können.

Trotzdem ist auch in Leverkusen eine volle und laute Unterstützung der Hertha-Anhängern zu erwarten. Es ist dabei zu hoffen, dass sich keine Kluft zwischen Fans und Mannschaft aufbaut. Gerade in dieser schwierigen Phase wäre eine Eintracht zwischen Fans und Mannschaft wichtig.

Rotation oder Kontinuität?

Hertha war in den letzten Spielzeiten nicht gerade erfolgreich, wenn es um englische Wochen ging. Oft ging man in drei von drei Spielen leer aus. Jetzt startet Hertha mit drei Punkten im Rücken in die englische Woche. Doch die schwierigsten Aufgaben kommen erst noch.

Kräfte werden in der englischen Woche noch getestet. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

In der heutigen Presskonferenz stand nicht Cheftrainer Jürgen Klinsmann sondern Co-Trainer Alexander Nouri der Presse zur Verfügung. Nouri lobte die Kompaktheit in der Defensive, die Hertha gegen den SC Freiburg zeigen konnte. Es erscheint also wahrscheinlich, dass die Berliner auf den Defensiv-Positionen ähnlich aufstellen werden. Die Viererkette mit Marvin Plattenhardt, Karim Rekik, Dedryck Boyata und Lukas Klünter könnte also erneut eingesetzt werden. Auch möglich erscheint ein Wechsel des Spielsystems zurück in eine Dreierkette. Dann würde Niklas Stark zurück in die Startelf rotieren.

Matchwinner Darida kann wohl erneut in der Startelf erwartet werden, genauso wie Nebenmann Marko Grujic. Im Vergleich zum Heimspiel am Samstag kann man jedoch von einer defensiveren Aufstellung ausgehen. Mit vier Stürmern wird Hertha am Mittwoch wohl nicht agieren.

Jürgen Klinsmann und sein Team werden sicherlich im Laufe der Woche eine Rotation vornehmen, um einzelnen Spielern eine Durchschnaufpause zu geben. Optionen gibt es auch in Berlin genug: momentan gibt es kaum Verletzungen oder Sperren. Fast alle Profis stehen dem Trainerteam zur Verfügung. So auch Arne Maier, der laut Klinsmann “voll im Saft” stehen soll.

Punkte gegen die Abstiegsangst

Die Ausgangslage ist aufgrund der derzeitigen Form Leverkusens und dem vorangegangenen Sieg gegen Freiburg nicht die schlechteste für Hertha BSC, und trotzdem wird vieles davon abhängen, wie stark Bayer Zuhause auftritt. Sollte der Favorit sich in guter Verfassung präsentieren, werden es die Berliner sehr schwer haben. Gerade im Abstiegskampf ist jeder Punktgewinn gegen vermeintlich stärkere Gegner besonders wichtig. Jeder Punkt hilft gegen die Angst, den Anschluss in der Tabelle zu verlieren und eine neue negative Serie zu starten. Auch gegen die „Werkself“ ist mit der richtigen Einstellung ein Punkt drin.

Jürgen Klinsmann bringt zumindest in seiner Außendarstellung viel Optimismus und positive Strahlkraft mit. Sollte seine Mannschaft am Mittwoch eine gute Leistung zeigen und einen Punkt mitnehmen, könnte die Hinrunde noch einigermaßen versöhnlich enden. Dann könnten Mannschaft und Fans sogar den Abschluss dieser englischen Woche am Wochenende gemeinsam feiern. Vielleicht sogar vor der Ostkurve.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SC Freiburg

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – SC Freiburg

“Endlich” will der Hertha-Fan schreien – endlich haben die Blau-Weißen wieder gewinnen können. Nach zuletzt sieben sieglosen Spielen infolge konnte mit dem 1:0-Heimerfolg gegen den SC Freiburg der Bann gebrochen werden. Der satte Distanzschuss von Vladimir Darida entschied ein umkämpftes wie fußballerisch armes Spiel, das auch mit einer Punkteteilung hätte enden können – aber der geneigte Hertha-Fan wird sich nicht beschweren, dass es doch noch zum Treffer des Tages kam. Die Einzelkritik zu einer engagierten, jedoch verkrampften Mannschaftsleistung.

Vladimir Darida – der Matchwinner

Selten war der Titel des “Matchwinners” wohl so verdient wie im Fall der Leistung von Vladimir Darida gegen den SC Freiburg. Quasi im Alleingang befreite er seine Mannschaft, die vor und nach seinem sehenswerten Distanztreffer nicht wirklich wusste, wie sie die Freiburger Defensive knacken sollte.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Die starke Leistung des Tschechen ist allerdings nicht allein auf seinen Treffer zurückzuführen. Auch darüber hinaus zeigte Darida eine gute Vorstellung, die ihn auch unter Trainer Jürgen Klinsmann unentbehrlich machen wird. Das fängt bereits mit seiner Arbeit gegen den Ball an, denn auch gegen seinen Ex-Verein präsentierte sich Darida äußerst engagiert und diszipliniert. Einmal mehr lief er mehr als jeder andere Spieler auf dem Feld, dieses Mal waren 13,2 Kilometer – erneut ein großartiger Wert. Kein Herthaner verbuchte mehr erfolgreiche Tacklings (vier), zudem fing er einen Ball ab und klärte eine Aktion. Hinzu kommen vier Ballsicherungen und eine 66%ige Zweikampfquote.

Auch im Spiel mit dem Ball war der 29-Jährige von großer Bedeutung. Er legte vier Chancen auf – so viele wie kein anderer Herthaner. Generell war sein Passspiel am Samstagnachmittag eines der besseren: 81,6% seiner Zuspiele kamen an, sogar 80% in der gegnerischen Hälfte. Darida war zusätzlich Spitzenreiter seiner Mannschaft, was Ballkontake anging: 66 Mal war der zentrale Mittelfeldspieler am Ball, Nebenmann Grujic nur 49 Mal.

In der 57. Minute war es dann soweit – der Auftritt des Vladimir Daridas. Er selbst stieß mit dem Ball in die Freiburger Hälfte, spielte einen klugen Doppelpass mit Davie Selke und schloss aus gut 20 Metern unhaltbar für SC-Keeper Mark Flekken ab – der letztendliche Siegtreffer eine Willensleistung der Nummer sechs. Sicherlich gab es Phasen in der Partie, in der Herthas Mittelfeldzentrale die Dominanz abhanden ging, jedoch auch, weil Darida und Grujic nur zu zweit waren. Der Tscheche versuchte zumindest alles in seiner Macht stehende, um der Partie seinen Stempel aufzudrücken. Mission erfolgreich!

Karim Rekik – bald wieder der Alte?

Das erste Mal seit dem 4:0-Sieg gegen den 1. FC Köln am 29. September hat Hertha wieder die Null gehalten. Ein Faktor dafür war die wirklich ordentliche Leistung von Karim Rekik, der bereits gegen Eintracht Frankfurt leicht verbessert auftrat und sein seit dem Saisonbeginn anhaltendes Formtief eventuell überwinden könnte.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

So war es dieses Mal Rekik, der den unsicheren Nebenmann – in diesem Fall Dedryck Boyata – kompensieren musste. Sein belgischer Kollege erwischte keinen allzu starken Tag und brauchte lange, um in der Begegnung anzukommen. Rekik allerdings war von der ersten Minute an konzentriert und hielt seinen Wirkungsbereich sauber. Der niederländische Innenverteidiger sicherte vier Bälle, klärte ganze sechs Aktionen und blockte zwei Schüsse ab. Rekik war – und das ist bei seiner Saison wirklich keine Selbstverständlichkeit – über 90 Minuten auf der Höhe des Geschehens. Vor allen Dingen bei hohen Bällen und Standardsituationen, die in den Berliner Strafraum geschlagen wurden und Hertha in den vergangenen Wochen große Probleme bereiteten, war der 25-Jährige hellwach.

Auch im Aufbauspiel war Verlass auf Rekik, der 92% seiner Pässe zum Mitspieler brachte und sich auch lange Bälle zutraute (zum Vergleich: Rekik schlug acht lange Bälle, von den sogar fünf ankamen, Boyata spielte hingegen nicht einen einzigen). Es war eine insgesamt zufriedenstellende Leistung Rekiks und das ist nach den letzten Wochen eine wirklich positive Nachricht. Sicherlich wurde Herthas Innenverteidigung von der Freiburger Offensive nicht allzu sehr gefordert, aber das hatte Rekik in den letzten Wochen ja auch nicht von individuellen Fehlern und Einladungen für den Gegner abgehalten. In dieser Verfassung ist ein Stammplatz tatsächlich gerechtfertigt.

Dodi Lukebakio & Javairo Dilrosun – Mehr gearbeitet als gespielt

Es gibt so Tage, da läuft’s einfach nicht. Bälle verspringen, Schüsse haben nicht die gewohnte Härte. Solche Formschwankungen erleben meist Spielertypen wie Dodi Lukebakio und Javairo Dilrosun – schnelle Dribbler, die auf ihre Technik und ihren Spielwitz angewiesen sind. Beide Flügelspieler waren am Samstag nicht gut aufgelegt, spielerisch wollte ihnen nicht viel gelingen. Doch anstatt abzutauchen, bissen sich die beiden Offensivspieler in die Partie.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Hertha-Fans machten große Augen, als sie die von Trainer Jürgen Klinsmann ins Rennen geschickte Aufstellung sahen. Nicht nur, dass er mit Davie Selke und Vedad Ibisevic zwei klare Sturmspitzen aufstellte, mit Dilrosun und Lukebakio gesellten sich darüber hinaus noch zwei sehr offensive Flügelspieler hinzu. Das damit versprochene Offensivspektakel wurde es leider nicht, auch weil Herthas Flügelachse nie so wirklich ins Spiel fand. Während Dilrosun zumindest noch mit ein paar sehr dynamischen Läufen über die linke Seite überzeugte, die aber auch nichts einbrachten, war Lukebakio kaum zu sehen. Zusammen kamen die beiden Außenbahnspielern auf gerade einmal 61 Ballkontakte, also weniger als Vladimir Darida (66) und Karim Rekik (62).

Zwei Schüsse (einer ungefährlich aufs Tor, einer vorbei) und keine Torschussvorlage seitens Dilrosun, zwei Schüsse (einer ohne Gefahr, einer vorbei) und ebenfalls kein Vorlage seitens Lukebakio – nein, es war nicht ihr Tag. Und doch hatten beide einen Wert für ihre Mannschaft, da sie im Spiel gegen den Ball auffällig engagiert und intelligent auftraten. Dilrosun, wie auch Lukebakio nicht für seine ausgezeichnete Defensivarbeit bekannt, gewann die Mehrzahl seiner Zweikämpfe, tackelte dreimal erfolgreich (nur Darida war besser) und fing einen Ball ab. Auch Lukebakio half seinem Hintermann Lukas Klünter tatkräftig, indem er sechs Bälle sicherte, starke drei Bälle abfing und immer wieder die intensiven Läufe wie Sprints von Gegenspieler Christian Günter mitmachte. So gelang es Hertha, das Freiburger Flügelspiel, welches immens wichtig für deren Torproduktion ist, oftmals einzudämmen. So war es zwar offensiv eine nahezu wirkungslose Vorstellung von Dilrosun und Lukebakio, doch sollte ihre wichtige Defensivarbeit nicht vergessen werden. Ein weiterer Beleg dafür, welch verbesserte Mentalität Klinsmann und sein Trainerteam der Mannschaft eingeimpft haben.

Rune Jarstein – Noch etwas wackelig

Nachdem Herthas Nummer eins seine Rotsperre abgesessen hat, durfte Jarstein gegen den SC Freiburg zurück zwischen die Pfosten. Bei seiner Rückkehr nach zwei Partien sah der Norweger allerdings nicht immer glücklich aus und braucht anscheinend noch ein wenig Zeit, um wieder bei 100% anzukommen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Sicherlich war es auch kein dankbares Spiel für einen Torhüter: kalt-nasses Wetter und ein Gegner, der einen nicht allzu oft prüft (in der Partie kamen nur zwei Freiburger Schüsse direkt aufs Tor) und vor allem mit Standards operiert, bei denen man als Keeper ja oftmals gar nicht mehr eingreifen kann. Und dennoch sah Jarstein in einigen Szenen etwas unglücklich aus. So war vor allem sein Spielaufbau sehr fehlerhaft, immer wieder missglückten ihm die Abschläge, sodass diese beim Gegner oder in der eigenen Hälfte landeten. So brachte der 35-Jährige seine Mannschaft immer mal wieder in Bedrängnis und zwang z.B. Darida in der 12. Minute zu einem Foul.

In der 59. Minute hatte sich Jarstein bei einem Eckball verschätzt und gerade noch die Fingerspitzen an die Hereingabe bekommen, um damit schlimmeres zu verhindern. Ansonsten sah der Schlussmann bei den gegnerischen hohen Bällen souverän aus, fischte insgesamt drei Breisgauer Flanken aus der Luft. Durch Paraden konnte sich Jarstein mangels Freiburger Torschüssen nicht auszeichnen. So war es ein etwas wackeliger Auftritt des Keepers.

Hertha BSC – SC Freiburg: Endlich wieder siegen

Hertha BSC – SC Freiburg: Endlich wieder siegen

Hertha BSC empfängt am Samstag um 15.30 Uhr den SC Freiburg und muss endlich wieder drei Punkte holen. In der englischen Woche folgen dann ein Auswärtsspiel in Leverkusen und ein Heimspiel gegen den Tabellenführer Borussia Mönchengladbach. Umso wichtiger also, dass die „alte Dame“ mit dem ersten Sieg unter Jürgen Klinsmann loslegt.

Damit wir auch ordentlich Infos zu unserem Gegner bekommen, haben wir uns wieder einen Experten dazu geholt. Dieses Mal steht uns Mischa (@ZerstreuungFuss) zur Seite. Er betreibt den Blog Zerstreuung Fußball, wo er regelmäßig über den SC Freiburg schreibt und wo zuletzt unser Chefredakteur Marc zu Gast war.

Byebye Abstiegssorgen beim SC Freiburg

Der SC Freiburg steht aktuell in der Tabelle der Bundesliga über dem FC Bayern. Davon kann man sich zwar noch nichts kaufen, zeigt aber, dass diese Spielzeit bisher überragend für die Breisgauer läuft. Auch unser Experte Mischa hätte eine so gute Punkteausbeute nicht unbedingt erwartet: „Mit 25 Punkten nach 14 Spieltagen konnte man sicher nicht rechnen. In den letzten beiden Saisons konnte der SC Freiburg nur jeweils 36 Punkte an 34 Spieltagen sammeln.“

Die Saison des SC Freiburgs läuft bisher hervorragend.(Foto: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images)

Unser Freiburg-Experte erkennt aber auch, dass man schon vor der Saison etwas weniger Abstiegssorgen hatte als sonst: „Waldschmidt, Haberer, Koch und Schwolow konnten alle gehalten werden, Sallai hatte sich von seiner Verletzung wieder erholt und der Kader wurde noch durch Itter, Kwon, Jeong, Schmid und insbesondere Grifo verstärkt. Hinzu kam ein längerfristiger Trend. Vor zwei Saison, nach den Abgängen von Grifo und Philipp, sah es beim Sportclub spielerisch teilweise sehr düster aus. Der Abstieg konnte nur knapp verhindert werden.“

Schon in der letzten Saison waren aber bereits Fortschritte zu erkennen, verrät uns Mischa: „Letzte Saison konnte man zwar nicht mehr Punkte sammeln, aber Saisonverlauf und spielerische Qualität sahen ganz anders aus. Nach dem 25. Spieltag hatte man ja bereits 30 Punkte und die Mannschaft entschloss sich wieder mehr auf das Flachpassspiel zu setzen. Das sah zeitweise gut aus, brachte aber keine Ergebnisse.”

Europa-League-Ambitionen oder gesichertes Mittelfeld?

Bereits jetzt scheint der Klassenerhalt in Reichweite zu sein. Wir haben also Mischa gefragt, ob der SC Freiburg neue Ziele für die Saison ausmachen würde. Zwar bleibe man in Freiburg vorsichtig: „(Man) kann ohne Frage die nächsten fünf Spiele verlieren und dann rutscht man in so eine negative Eigendynamik“. Trotzdem erkennt unser Experte: „Andererseits braucht man aus den nächsten 20 Spielen nur noch 10 -15 Punkte, um nicht abzusteigen und diese Mannschaft ist ziemlich stabil. Es wird also immer unwahrscheinlicher.“

Die Europa League sei aber auch in dieser Saison ein zu hohes Ziel: „Für die Europa League benötigt es aber meisten etwas mehr als 50 Punkte und dafür müsste der Sportclub die so erfolgreiche Hinrunde in der Rückrunde wiederholen. Davon ist nicht auszugehen, da so viele Spiele so knapp ausgingen und manchmal schon ein bisschen Glück dabei war.“

Freiburgs Trainerteam rund um Christian Streich haben bisher viel zu feiern gehabt. (Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images)

Vielleicht sei es auch einfach zu früh in dieser Saison, um eine Endplatzierung absehen zu können. Neue Ziele könnten aktuell laut Mischa nur noch situationsgebunden sein, wie zum Beispiel: „Besser abschließen als Frankfurt“ oder „mindestens zehn Punkte Abstand zu Hertha halten“. Beim letzten Punkt müssen wir an dieser Stelle natürlich schwer hoffen, dass der SC Freiburg dieses Ziel verfehlt. Fakt bleibt aber: in Berlin würden sich einige die Tabellensituation des SC Freiburg wünschen. Auch dass die Breisgauer ab der kommenden Saison in einer neuen Heimstätte spielen werden, ist etwas, worauf man als Herthaner nur neidisch blicken kann. Verkehrte Welt.

Niederlage in Gladbach, knapper Heimsieg gegen Wolfsburg

Uns haben insbesondere die letzten Partien der Breisgauer interessiert. Dazu sagte Mischa: “Gegen Leverkusen (1:1) und Gladbach (2:4) hat man sehr mutig gespielt, hoch gepresst und wurde sehr häufig ausgespielt. Mit den fünf Toren aus den zwei Spielen war man sehr gut bedient. Gegen Wolfsburg ging es wieder den Schritt zurück. Zuerst wird die Offensive des Gegners mit einem gut ausgearbeiteten Pressingplan neutralisiert und dann schaut man mal, was nach vorne geht.” Eine Sache ist klar festzuhalten: “Der Freiburger Höhenflug baut besonders auf den wenigen Gegentoren auf (17, nur Wolfsburg, Gladbach und Leipzig haben weniger). Das scheint nun wieder mehr in den Fokus zu rücken.“

Unser Experte erklärt außerdem: „In den letzten vier Partien erzielte man kein Tor aus dem laufenden Spiel heraus. Fußballerisch gibt es schon noch Luft nach oben (…). Freiburg kann schon ein bisschen spielen, aber die Stärken sind häufig doch die typischen Stärken eines Underdogs: Standards, disziplinierte Rückwärtsbewegung, gutes Pressing, Effizienz usw.“

Auch gegen Hertha wird die defensive Stabilität wohl das Hauptaugenmerk der Gäste sein. Mischa warnt aber: „Wenn Hertha Freiburg den Aufbau überlässt, dann nimmt der SC das meistens auch an. Tiefe Ballzirkulation und dann schnelle Angriffe über Außen, sind sehr beliebt, aber auch mal der lange Ball, gerade wenn Hertha höher pressen sollte” – klingt ganz nach der unter Pal Dardai etablierten “Hintenrumscheiße”. “In letzter Zeit ziehen Höler und Sallai gerne Fouls. Das wird euch wahrscheinlich aufregen.“ Eines ist wohl klar: „Es ist nicht leicht gegen den SC Tore zu erzielen“.

Grifo Rückkehr und Standardstärke

Doch was können denn die Hertha-Profis am Samstag von Freiburg erwarten? Was für eine Taktik und Aufstellung wird die Mannschaft von Christian Streich wählen?

Was das Spielsystem angeht erwartet Mischa keine Änderung. Der SC Freiburg wird wohl erneut im 3-4-3 auftreten. Dabei spielt auch die Rückkehr von Vincenzo Grifo eine Rolle. Sollte er von Anfang an spielen, würde Sallai für ihn aus der Startelf rotieren. „Da aber Koch IV und ZM spielen kann, Haberer ZM und RS/ RF, kann man sich nie sicher sein, wie das dann auf dem Platz aussieht.“

Freistoßspezialist Jonathan Schmid. (Foto: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images)

Was aber sicher auf Hertha wartet, ist die besondere Standardstärke der Breisgauer: „Günter, Grifo, Waldschmidt und Schmid. Standardschützen hat der Sportclub momentan genug. Schmid ist ein hervorragender Neuzugang. Gerade, weil er eine Rolle ausfüllt, die man lange vermisst hat. Im 3-4-3 fehlte zwei Saisons das Gegenüber von Günter als linkem Flügelläufer. Stenzel und auch Kübler waren eher klassische Rechtsverteidiger. Schmid als Allrounder füllt diese Rolle perfekt aus, hat schon vier Tore erzielt (zwei per direktem Freistoß) „

Dass Hertha BSC mit gegnerischen Standards große Schwierigkeiten und diese Saison diesbezüglich eine katastrophale Statistik hat, ist wohl jedem Hertha-Fan bekannt. Dass unser Gegner am Samstag gerade in dieser Disziplin Stärken hat, klingt zu nächst einmal beängstigend. Trotzdem haben die Berliner Qualitäten, die diese Schwäche auffangen könnte.

Hektik bei Hertha  

Gerade diese Qualitäten sieht unser Experte auch aus der Ferne im Kader der Blau-Weißen: „Wir brauchen uns nicht darüber unterhalten, dass der Herthaner Kader deutlich besser besetzt ist als der von Freiburg. Was Dilrosun gegen die Paderborner Abwehr gemacht hat, habe ich beim Sportclub noch nie gesehen. Grujic und Maier haben riesiges Potenzial und Darida ist immer noch einer meiner Lieblingsspieler.“

Viel dreht sich um Jürgen Klinsmann. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Dabei wurde in Berlin in dieser Woche zwar viel geredet und gesprochen, allerdings nur wenig über Taktik und Fußball. Cheftrainer Jürgen Klinsmann äußerte sich zu vielen Themen, beantwortete Fan-Fragen live auf Facebook und war ohnehin im Mittelpunkt einiger Artikel in den Sportmedien. Ob die Transfergerüchte im Winter, die Frage des Torwarttrainers, die Aufregung rund um den Rassismus-Vorfall bei der U23 oder die Unzufriedenheit einiger Hertha-Profis: es gab zu viele Themen rund um Hertha, sodass nur selten Zeit gefunden wurde, um über das Sportliche zu reden.

Ob das gut oder schlecht für Hertha ist, sei dahingestellt. Es bleibt allerdings dabei: Hertha braucht unbedingt die drei Punkte am Samstag, um aus der „roten“ Zone zu kommen und für positive Schlagzeilen zu sorgen. Dafür müssen auf dem Platz Lösungen gefunden werden.

Jarstein zurück im Tor – Stürmer-Duo gesetzt

Wer diese Lösungen in der Berliner Startelf finden soll, ist auf einzelnen Positionen bereits klar. Rune Jarstein kehrt nach seiner Rotsperre ins Team zurück und wird wohl auch laut Jürgen Klinsmann anfangen. Herthas Cheftrainer hatte im Laufe der Woche auch angedeutet, dass er auch gegen Freiburg auf den Doppelsturm aus Davie Selke und Dodi Lukebakio setzen würde.

Torjubel von Dodi Lukebakio beim ersten Treffer in Frankfurt. (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Ondrej Duda hingegen sollte nach seiner schwachen Leistung am vergangenen Freitag wohl erstmal wieder auf der Bank Platz finden. Wer ihn da ersetzt ist die nächste Frage. Sollte Klinsmann erneut auf einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette setzen, könnte Vladimir Darida Dudas Position übernehmen und Eduard Löwen in die Startelf rotieren. Auch Per Skjelbred könnte eine Option sein, Arne Maier wohl noch nicht. Marvin Plattenhardt wird nach seiner ordentlichen Leistung gegen Eintracht Frankfurt wahrscheinlich erneut von Anfang an spielen können.

Torgefahr nur auf der Bank

Sollte es so kommen, ist davon auszugehen, dass Herthas Flügelflitzer Javairo Dilrosun zunächst wieder auf der Bank sitzt. Auch Salomon Kalou und Vedad Ibisevic würden die Berliner Bank wärmen. Prominente Namen also, die erstmal zuschauen müssen, wie sich die Kollegen schlagen. Insbesondere die zwei letztgenannten Spieler sind in den letzten Jahren Herthas Torgaranten gewesen. Umso erstaunlicher ist es also, wenn der Hauptstadtclub auf beide Stars verzichtet.

Eine kreative und interessante Lösung wäre ein Einsatz von Javairo Dilrosun auf der Zehnerposition. Ondrej Duda wird wie angesprochen wohl aus der Startelf rotieren und der junge Niederländer wäre mit seinen technischen Fähigkeiten und genialen Momente ein Kandidat für dessen Rolle. Es erscheint zwar unwahrscheinlich, dass Herthas Cheftrainer diese Variante wählt, doch gegen einen so defensiv starken Gegner wären gerade die Qualitäten des 21-Jährigen besonders wertvoll.

Womöglich ändert jedoch Klinsmann das Spielsystem komplett und spielt mit nur einer Spitze und zwei Flügelstürmern. Dann würde ein Innenverteidiger auf der Bank Platz nehmen und ein Flügelspieler hinzukommen. Klinsmann ließ sich auch in der Pressekonferenz nicht in die Karten schauen, sodass es spannend bleibt, wie die Mannschaft gegen den SC Freiburg aussehen wird.

Kick it like Julian Schieber

Hertha wird sich definitiv steigern müssen, um die drei Punkte in Berlin zu behalten. In Frankfurt zeigte man sich zwar bissig und zweikampfstark, war allerdings auch spielerisch phasenweise komplett unterlegen. In der Pressekonferenz am Freitag, wo zum ersten Mal nicht Michael Preetz sondern Kapitän Vedad Ibisevic den Cheftrainer begleitete, war klar von “Abstiegskampf” die Rede. Dementsprechend kann auch gegen Freiburg eine körperlich betonte Partie erwartet werden.

Wenn man bei der „alten Dame“ an ein Heimspiel gegen den SC Freiburg denkt, bleibt wohl für sehr lange Zeit noch das Spiel am 28. August 2016 in Erinnerung. Damals konnte sich der Haupstadtclub am ersten Spieltag durch einen „Last-Minute“ Treffer von Julian Schieber zum 2:1 noch durchsetzen und größten Jubel durch das Olympiastadion aufleben lassen.

Julian Schieber im Trikot von Hertha BSC vor seiner Einwechslung.

Unser Freiburg-Experte tippt für die Partie am Samstag ein „2:1“. Diesen Spielstand würden wohl alle in Berlin sofort unterschreiben. Um die Stimmung in Berlin endgültig in die richtige Richtung zu lenken, fehlt noch ein echtes Erfolgserlebnis. Erneut ein Siegtreffer in der letzten Spielminute, wie von Julian Schieber 2016, könnte dabei genau das Richtige sein.

Herthaner im Fokus: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: Eintracht Frankfurt – Hertha BSC

Im zweiten Spiel unter Jürgen Klinsmann ging es vor allem um eine Sache: Kampf. Die Hertha-Profis lieferten eine körperlich betonte Leistung ab und erkämpften sich einen Punkt in Frankfurt. Trotzdem war bei vielen Fans eine große Enttäuschung zu spüren. Eine 2:0 Führung aus der Hand zu geben ist schließlich nie ein gutes Gefühl. Wir haben uns die Leistung einzelner Spieler genauer angeschaut.

Marko Grujic – Entscheidender Mann

Marko Grujic hat am Freitagabend wohl sein bestes Spiel in der laufenden Saison gezeigt. Dabei gab es zahlreiche Situationen, in denen der Serbe den einen oder anderen Hertha-Fan zur Verzweiflung gebracht hat. Entscheidend war er aber allemal.

Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images

Das 1:0 bereitete der Serbe herausragend vor. Nach einer Balleroberung von Darida leitete er den Gegenangriff selbst ein, schaltete schnell nach vorne um. Im Zusammenspiel mit Marvin Plattenhardt wurde Grujic dann auf der linken Seite angespielt, leitete den Ball zwischen die Beine seines Gegenspielers in den Lauf von Dodi Lukebakio weiter, der zum 1:0 einnetzen konnte. Nicht weniger wertvoll war dann in der zweiten Halbzeit sein Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0. Nach schöner Vorlage von Dedryck Boyata stand der Serbe goldrichtig, musste nur noch aus kurzer Distanz einschieben.

Zwei brillante Szenen, die sinnbildlich für das Potenzial und für die Qualität des aus Liverpool ausgeliehenen Spielers stehen. Solche Szenen zeigte er in den vergangenen Monaten so gut wie nie, und auch gegen Frankfurt fiel er nicht nur durch diese Szenen auf. Beim von Schiedsrichter Christian Dingert zurückgenommenen 1:1 Ausgleich der Frankfurter war Marko Grujic durch einen unnötigen Ballverlust am Ursprung. Beim 2:2 Ausgleich der Heimmannschaft sah er Hinteregger zwar anlaufen, reagierte aber nicht schnell genug, sodass dieser dann zu Rode köpfen konnte.

Im Mittelfeld fiel wieder einmal auf, dass der junge Serbe oft nicht rechtzeitig schaltete, um Angriffe des Gegners zu verhindern. Oftmals lief er seinem Gegenspieler nur hinterher, ohne diesen entscheidend zu stören oder zu bedrängen. Dies zeigt sich auch daran, dass er weniger intensive Läufe (51) aufweisen konnte als Ondrej Duda, der bereits in der 49. Minute ausgewechselt wurde. Im Vergleich dazu wies Laufwunder Vladimir Darida sogar 116 intensive Läufe auf.

Der Serbe teilt sich aktuell mit Robert Andrich von Union Berlin und mit Kingsley Ehizibue aus Köln einen Titel. Sie sind die Spieler mit den meisten Fouls in der Bundesliga. Dagegen fiel Grujic besonders positiv damit auf, dass er nicht nur an beiden Toren direkt beteiligt war, sondern auch allgemein ein Aktivposten im Mittelfeld war. Ganze 11,46 Kilometer lief der Mittelfeldspieler insgesamt. Er war auch der Spieler mit den meisten Ballkontakten (57) und der Spieler mit den meisten Pässen (40, Passquote 70%) bei den Berlinern.

Ondrej Duda – Chance verpasst

Ondrej Duda stand, für viele überraschend, in der Startelf von Hertha BSC. Dabei war er im letzten Spiel gegen Borussia Dortmund nicht mal im Kader. Doch die Chance in seinem ersten Einsatz unter Neutrainer Jürgen Klinsmann guten Eindruck zu hinterlassen konnte er leider nicht nutzen. Seine unbestrittenen Qualitäten, die er vergangene Saison unter Beweis stellen konnte, brachte er nicht auf dem Platz.

Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images

Stattdessen zeigte er genau die Schwächen, die ihm diese Saison wohl zurecht öfter seinen Stammplatz gekostet hatten. Er brachte, wie seine Mitspieler auch, die nötige Härte und Aggressivität auf dem Platz. Dabei konnte er jedoch weder die nötige Präzision noch das nötige Timing bei den Zweikämpfen aufweisen. Dadurch gewann der Slowake so gut wie nie den Ball, beging dafür zahlreiche Fouls.

Bereits in der neunten Minute holte sich der 25-Jährige für ein Foul an Martin Hinteregger die gelbe Karte ab. In der Folge nahm er sich jedoch in Zweikämpfen keineswegs zurück und war bis zur Pause akut gelb-rot gefährdet. Als er dann direkt in der 46. Minute wieder nur knapp der gelb-roten Karte entkommen konnte, wurde er vom Berliner Cheftrainer ausgewechselt.

Damit musste Hertha früh wechseln und hatte im weiteren Verlauf des Spieles eine Wechseloption weniger. Dazu kommt, dass Duda zu oft durch Ballverluste (nur 40 % Zweikampfquote) und Ideenlosigkeit in der Offensive auffiel.  Insgesamt eine schwache Leistung des Slowaken, der in dieser Form für die noch verunsicherten „alten Dame“ keine Verstärkung darstellt.  Er muss hoffen, dass er in den nächsten Partien seine Chance nutzt. Viele schwache Einsätze wird auch Jürgen Klinsmann nicht dulden.

Davie Selke – Laufen und Arbeiten

Langsam wird diese Torflaute bei den Berliner Stoßstürmern problematisch. Selbstverständlich ist Tore schießen eine Mannschaftsleistung, sodass Stürmer nie alleinverantwortlich dafür sind, wenn sie keine Tore schießen. Doch leider hat die Konkurrenzsituation im Sturm, die wir Anfang der Saison beschrieben hatten, nicht dafür gesorgt, dass sich jetzt eine “Tormaschine” in der Startformation durchgesetzt hat.

Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images

Im Gegenteil: Ibisevic und Selke weisen zusammen in dieser Bundesligasaison nur vier Tore auf. Keiner der beiden konnte bisher so richtig überzeugen, dabei braucht Hertha BSC vor allem in einer solchen gefährlichen Phase einen Torgaranten, der gefühlt aus einer halben Chance zwei Treffer erzielt. Diesen gibt es aktuell bei Hertha nicht, auch nicht in Person von Davie Selke

Dieser konnte auch gegen Frankfurt erneut unter Beweis stellen, dass er ein unangenehmer Gegenspieler ist, der sich körperlich komplett reinhängt und um jeden Ball kämpft. Seine Bemühungen und sein Wille sind ihm nicht abzusprechen, sodass es uns schwer fällt, ihn zu kritisieren. Unter Anderem holte er den Freistoß heraus, den Hertha zum zwischenzeitlichen 2:0 nutzen konnte. Dazu zeigte er sich unglaublich laufstark, lief 11,05 km, was für einen Stürmer ein überragend hoher Wert ist. Im Vergleich: Gegenspieler Goncalo Paciencia lief einen Kilometer weniger.

Doch seine Arbeit zahlte sich nur selten in Torgefahr aus. Bloß einen Torschuss in der 68. Minute konnte er abgeben. In sehr guter Position schoss er nach guter Flanke von Marvin Plattenhardt jedoch neben das Tor und vergab damit seine einzige gute Torgelegenheit. Leider zählen am Ende nur die Tore, und diese fallen entweder nicht, werden zurückgenommen oder fallen dann, wenn das Spiel bereits verloren ist (wie im Spiel gegen RB Leipzig).

Bereits jetzt ist in sozialen Netzwerken und Medien davon die Rede, womöglich im Winter einen Torgaranten dazu zu holen. Geld dafür wäre durch das Investment von Lars Windhorst theoretisch da. Dodi Lukebakio zeigt sich zwar Torgefährlich, zeigte sich aber vor allem als Flügelstürmer. Eine „echte“ Neun könnte im Winter kommen, wenn bis dahin weder Ibisevic noch Selke ihre „Torblockade“ lösen können. Im Fußball kann bekanntlich alles sehr schnell gehen. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass sich die von Spielern und Trainer angesprochene „Arbeit“ auch bei Davie Selke schon bald wieder in Tore ummünzt. Gegen Borussia Dortmund war es für einen kurzen Moment so gewesen. Bereits am kommenden Wochenende gegen den SC Freiburg hat der 24-Jährige die nächste Möglichkeit.

Dedryck Boyata – Topleistung trotz Gegentreffer

Herthas Probleme mit der defensiven Stabilität sind auch unter Jürgen Klinsmann nicht einfach so über Nacht wie durch einen Zauber verschwunden. Das zeigt sich daran, dass die „blau-weißen“ in Frankfurt wieder zwei Gegentreffer kassieren mussten. Zudem ließen Sie zahlreiche Chancen zu. Beide Gegentreffer fielen nach Ecken, was kein Zufall ist. Ganze 16 Eckbälle bekamen die Hausherren am Freitagabend zugesprochen. Dabei sind Standards eine große Schwachstelle des Hauptstadt-Clubs, und das bereits seit Saisonbeginn.

Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images

Die fehlende Stabilität ist nichts, was man an einer Person fest machen könnte. Ein Hertha-Profi stellte am Freitagabend jedenfalls keinen Unsicherheitsfaktor dar. Dedryck Boyata zeigte eine Topleistung, war zweifellos der Innenverteidiger, der die größte Stabilität ausstrahlte. Die Statistik bestätigt diesen Eindruck: 12 Bälle konnte der Belgier im Laufe des Spieles klären, dazu vier gegnerische Bälle abfangen und mehr als die Hälfte seiner Zweikämpfe gewinnen. Außerdem fiel er durch gute Balleroberungen und Tacklings auf.

Umso bitterer also für ihn, dass Hertha trotz seiner starken Leistung erneut zwei Tore kassierte. Kurz vor dem ersten Gegentreffer konnte der Innenverteidiger zunächst mit einer absoluten Traumgrätsche Goncalo Paciencia den Ball im Strafraum vom Fuß klären. In der anschließenden Ecke und der damit verbundenen Unruhe im Strafraum konnte er den Kopfball von Hinteregger aber nicht verhindern. Aufgrund eines Stellungsfehlers von Marvin Plattenhardt stand der Frankfurter auch nicht im Abseits, sodass der Anschlusstreffer der Hessen auch zählte.

Beim Versuch in der 85. Minute eine Flanke aus dem Strafraum zu schießen versprang ihm der Ball und sorgte für eine weitere Ecke für Eintracht Frankfurt. Diese führte dann zum 2:2 Ausgleich. Gerade für die Innenverteidiger ist die aktuelle Lage besonders schwierig. Trotz größtem Einsatz und Mühe fallen Gegentreffer wie am Fließband und Spielphasen, in denen die Defensive entlastet ist, gibt es nur selten.

Dedryck Boyata entwickelt sich in dieser Phase allerdings weiter zum unumstrittenen Stammspieler. Das kann der „alten Dame“ nur gut tun und Jürgen Klinsmann wird sicher seine Defensive auch um den Belgier herum aufbauen können. Es bleibt abzuwarten, wann sich Hertha-Fans endlich wieder über eine gegentorfreie Partie freuen können. Die letzte gab es Ende September beim 1. FC Köln.

Marvin Plattenhardt – Hoffnung auf mehr

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Eine weitere Überraschung in der Startelf war Marvin Plattenhardt. Im Heimspiel gegen Borussia Dortmund wurde er noch nicht eingesetzt. Sein erster Einsatz unter Jürgen Klinsmann bei Eintracht Frankfurt verlief recht gut. Besonders beim 1:0 durch Dodi Lukebakio war er besonders wertvoll und konnte durch einen schönen Pass auf Marko Grujic durch zwei Frankfurter hindurch das Tor mit vorbereiten. Auch beim 2:0 war der linke Verteidiger maßgeblich beteiligt. Sein Freistoß von der rechten Angriffsseite war der Ursprung des zweiten Berliner Treffers.

Auch seine Werte sind ordentlich: er lief mehr als 10 Kilometer, konnte zweimal in bedrohlichen Situationen klären und gewann alle seine Zweikämpfe. Außerdem kamen 79 % seiner Pässe an. Auf der Schattenseite steht die Situation beim Anschlusstreffer des Heimteams, als er bei der Ecke falsch stand. Dazu kommt, dass der 27-Jährige nur selten zu Vorstößen kam. Nur einmal konnte er auf seiner linken Seite mit viel Platz in den Strafraum flanken. Dabei konnte er aber Davie Selke sehr gut in Szene setzen und hätte durchaus seine dritte Torbeteiligung aufweisen können.

Es ist durchaus eine Leistungssteigerung bei Marvin Plattenhardt zu erkennen. Vor allem seine Beteiligung an beiden Treffern spricht dafür. Für viele ist der linke Verteidiger bereits abgeschrieben, doch sollte er an diese Leistung anknüpfen und sich Woche für Woche steigern könnte er sich zurückmelden. Es bleibt abzuwarten, ob er auch im nächsten Heimspiel gegen den SC Freiburg in der Startelf stehen darf.

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

Nun heißt es erst einmal ganz tief durchatmen. Ein auf allen Ebenen derart intensives Spiel, wie das am Mittwochabend gegen Dynamo Dresden, hat man als Hertha-Fan lange nicht gesehen. Zum Runterkommen täte es da eigentlich ganz gut, wenn man sich am Wochenende einen schönen Waldspaziergang vornimmt oder in den Park geht und Enten füttert. Doch der Spielplan der DFL meint es in dieser englischen Woche nicht gut mit dem Seelenheil aller blau-weißen Anhänger. Denn schon am Samstag steht das Spiel an, auf das schon seit Wochen hingefiebert wird:

Mit dem Aufstieg Unions kommt es nun erstmals in der Bundesliga zum Stadt-Derby. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Am 27. Mai 2019 war die Überraschung perfekt. Ein 0:0 im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besiegelte den Aufstieg Unions in die Bundesliga. Nachdem man in den Vorjahren einige Male am Wunder schnupperte, ist der Traum von der ersten Liga nun Realität.

Damit steht auch fest, dass es in dieser Saison erstmalig zum Derby zwischen Union und der Alten Dame im Fußball-Oberhaus kommt. Anlässlich dieses Ereignisses haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Sinne des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls haben wir Unioner und Herthaner aus der Podcast/- Bloggerszene zu ihrer Gemütslage vor dem Spiel befragt. Wir wollen wissen, welche Bedeutung das Derby für beide Seiten hat, wie sich die Rivalität der zwei größten Berliner Vereine in den letzten Jahren entwickelt hat und mit welchen Gefühlen beide Fanlager in den Samstag gehen.

Kein Derby wie jedes andere

Das letzte Aufeinandertreffen liegt über sechseinhalb Jahre zurück. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Hört man hierzulande das Wort “Derby”, denkt man zuallererst an Partien wie Dortmund – Schalke, Bayern – 1860 München, Stuttgart – Karlsruhe oder Nürnberg – Fürth. All diese Begegnungen eint eine tief gewachsene Rivalität zwischen den jeweiligen Teams. Der Ausgang des Derbys kann dabei schon mal über eine ansonsten komplett verkorkste Saison hinweghelfen oder den Schmerz zumindest erheblich lindern. So war es beispielsweise der Fall, als Dortmund in der Saison 2006/2007 Schalke am vorletzen Spieltag die Meisterschaft versaute, abgesehen davon jedoch eine enttäuschende Runde spielte und auf Rang 9 abschloss. Über 10 Jahre später bleibt aber vor allem dieses eine Spiel in Erinnerung.

Hertha und Union “fehlt” diese gewachsene Rivalität. Bekanntermaßen bestand zu Zeiten der Teilung und auch noch danach (zumindest in Teilen) eine Freundschaft zwischen beiden Fanlagern. Zudem gab es in der gemeinsamen Geschichte lediglich zwei Spielzeiten, in denen man in derselben Liga spielte. Daher gab es kaum Gelegenheiten, für denkwürdige Spiele oder andere besondere Momente zu sorgen. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren, zumindest beim aktiven Teil der Fanszenen, eine starke Antipathie füreinander entwickelt. So gibt es kaum noch ein Heimspiel der Alten Dame, bei dem es nicht “Scheiß Union” durch das weite Rund schallt. Ein Spiel wie jedes andere ist es also keineswegs. Schon allein deswegen nicht, weil man sich nun weitaus eher auf Augenhöhe begegnet, als es noch zu Zweitligazeiten der Fall war.

Zwar ist Hertha auch jetzt der Favorit, doch waren die Machtverhältnisse im Unterhaus – in dem Hertha mit einem Kader antrat, der an Wettbewerbsverzerrung grenzte und das zu einer Zeit, als Union noch weit davon entfernt war, ernsthafte Aufstiegsambitionen zu haben – weitaus klarer verteilt. Und selbstverständlich darf man auch das Thema Prestige nicht außer Acht lassen. Ein Derbysieg schmeckt dann am Ende des Tages eben doch süßer als Siege gegen Wolfsburg, Hoffenheim und Konsorten.

Die sportliche Bedeutung

Neben der emotionalen Komponente geht es nüchtern betrachtet auch in dieser Partie zunächst einmal um drei Zähler. Diese würden beiden Mannschaften in der aktuellen Situation zupasskommen. Union befindet sich seit Saisonbeginn, wie es nicht anders zu erwarten war, im Abstiegskampf und rangiert punktgleich mit dem 17. auf Rang 15. Auch wenn der Start mit einem 0:4 gegen RB Leipzig gleich mal gehörig daneben ging, hat man seitdem bewiesen, dass man keineswegs chancenlos ist und konnte gerade bei den Siegen gegen Dortmund und Freiburg zeigen, insbesondere vor heimischer Kulisse für die eine oder andere Überraschung gut zu sein. Hertha sollte sich also nicht auf den Derby-Heimfluch (bisher konnte weder Hertha noch Union ein Derby im eigenen Stadion für sich entscheiden) verlassen.

Auch die Alte Dame kann einen Sieg im Derby, nicht nur aus atmosphärischen Gründen, dringend gebrauchen. Nach dem Zwischenhoch mit zehn Punkten aus vier Spielen sorgte die Niederlage gegen Hoffenheim wieder für einen kleinen Dämpfer. Will man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren, ist ein Sieg in Köpenick Pflicht.

Um das Stimmungsbild aus beiden Fanlagern möglichst genau abzubilden, haben wir mit je drei Herthanern und drei Unionern aus der Podcast-/ Bloggerszene gesprochen. Genauer gesagt standen uns für Union Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen, Daniel Roßbach – ebenfalls bekannt durch u.a. Textilvergehen und Spielverlagerung.de – sowie Benni von der Alten Podcasterei gesprochen.
Auf Herthaner Seite standen uns Steffen vom Damenwahl-Podcast
, Moritz von der Axel Kruse-Jugend sowie Steven, der den Blog sogenannterblogger betreibt, Rede und Antwort.

Wir bedanken uns vielmals bei unseren tollen Interview-Gästen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hertha BASE: Nur noch ein paar Tage bis zum Derby: Wie sehr kribbelt es schon?

Steven (Hertha-Fan): Jetzt, nach dem wichtigen Pokalspiel, liegt der Fokus natürlich komplett auf dem Derby. Ja, es kribbelt!

Benjamin (Union-Fan): Als viele Unioner nach dem Relegationsrückspiel schon das Derby im Kopf hatten, war ich immens davon genervt. Immerhin waren wir für uns aufgestiegen. Das Abenteuer erste Liga ist eines, welches nicht nur aus zwei Derbys besteht. Nun nähert sich jedoch der Spieltag und ich muss gestehen: ja, ich bin heiß auf das Spiel!

Sebastian (Union-Fan): Bis jetzt noch gar nicht. Aber das hat eher was mit der gesamten Saison zu tun. Ich war so oft so aufgeregt in dieser Spielzeit, das kann ein Derby gar nicht toppen. Man steigt eben nur ein Mal das erste Mal in die Bundesliga auf. Das erste Spiel überhaupt, der erste Punkt, der erste Sieg und so weiter und so fort. Es gibt eine ganze Reihe Gegner, gegen die Union das erste Mal überhaupt in einer Liga spielt. Hertha gehört da nicht dazu, weil ihr uns zwei Mal entgegen gekommen seid. Und dann ist da noch der enge Spielplan. Auswärtsspiel beim FC Bayern, dann Pokal in Freiburg und dann gleich das Derby – viel Zeit für Vorfreude bleibt da nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es am Sonnabend Vormittag kribbeln wird.

Steffen (Hertha-Fan): Noch nicht so sehr, wie ich gedacht hätte. Das liegt vermutlich am Pokalspiel, welches der Derbyvorfreude noch so ein wenig im Weg steht. Außerdem habe ich für das Auswärtsspiel bei Union – mal wieder – kein Ticket. Ein TV-Derby und das Aufeinandertreffen direkt im Stadion sind dann nochmal was anderes. Mal schauen, ob das Kribbeln zum Wochenende hin noch zunimmt. Spoiler: Ja, wird es!

Daniel (Union-Fan): Es geht … uns gerade eher auf die Nerven. Wir beim Textilvergehen werden seit einer Weile ständig danach gefragt, wie bedeutend uns nun eigentlich dieses Derby sei, und wie das Verhältnis von Hertha und Union denn nun eigentlich sein sollte. Dabei ist mir Hertha die meiste Zeit über eher etwas egal – zumindest so, dass ich nicht wie offenbar manche Leute im Union-Block in München plötzlich auf die Idee käme, mich über Hoffenheim-Tore zu freuen, weil sie gegen Hertha fallen. Aber natürlich ist Hertha schon ein besonderer Gegner. Das Spiel am Samstag wird nicht eins der Top5 aufregendsten dieses nicht-ganz-uninteressanten Jahres bei Union sein – aber in der Liste auch nicht auf Platz 22 stehen.

Moritz (Hertha-Fan): Auf einer Skala von “Siehst Du, dass ich mich kratze?” – “Nein.” – “Weil es mich nicht juckt.” bis Dschungelprüfung: irgendwo dazwischen. Das Pokalspiel zieht auch einiges an Aufmerksamkeit und es ist doch weniger von der Fanszene und Hertha her passiert, als ich gehofft habe (Kein Public Viewing, kein Begleiten des Busses …). Gefühlt geht es die ganze Zeit darum, wer noch wie von wo ein Ticket kriegt … (Nein, ich habe keins. Nein, ich kann meins auch nicht weitergeben, ich habe keins.)

Hertha BASE: Ist das Gefühl dieses Mal (auch wegen der höheren Spielklasse) ein anderes als noch bei den letzten Aufeinandertreffen?

Steven (Hertha-Fan): Würde ich schon so sehen, ja. In der zweiten Liga war halt immer im Hinterkopf, dass wir eigentlich niemals hätten absteigen dürfen. Die Derbys und viele andere Spiele gegen für uns neue Gegner waren natürlich spannend, aber es war klar, dass der Fokus auf dem Wiederaufstieg liegt. Ein Bundesliga-Derby in der eigenen Stadt ist schon was besonderes und wäre für mich persönlich nur noch zu toppen durch ein Pokal-Derby.

Benjamin (Union-Fan): Das Gefühl ist in der Tat anders als zuvor – aber nicht der Spielklasse wegen. So viele Pflichtspielderbys gegeneinander haben unsere Vereine noch nicht auf dem Buckel und dennoch ist das letzte eine Weile her. Und diese Jahre machen etwas mit dem Fußballgemüt. Ich sehe Hertha heute anders als damals. Das unterscheidet es für mich.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Es ist sehr viel sehr gleich. Und doch ist manches ein bisschen anders. Die Grundvoraussetzung hat sich geändert und ich glaube, dass uns das allen gefällt: Niemand musste absteigen, damit das Derby stattfinden kann. Und wir befinden uns im natürlichen Habitat von Hertha, in der Bundesliga. Ob diese Liga auch mal ein natürlicher Lebensraum für Union wird, werden wir sehen. Und auch die Bedeutung von Union hat sich geändert. Obwohl Bedeutung vielleicht das falsche Wort ist. Durch den Bundesliga-Aufstieg bekennen sich mehr und mehr Menschen zum 1. FC Union. Auch durch Vereinsmitgliedschaft. Und das führt schon dazu, dass Union zwar noch der Underdog ist, aber der Abstand zu Hertha gefühlt geringer ist, auch wenn da noch sehr viel Weg zu gehen ist, damit Union in Bereichen wie in der Nachwuchsarbeit ansatzweise auf einem ähnlichen Stand ist.

Steffen (Hertha-Fan): Ein Derby ist was besonderes. Ob in der 1. oder 2. Liga ist für mich eher zweitrangig. Ich beschreibe das Derby-Gefühl gern mit “das Weiße in den Augen des Gegners sehen”. Wenn man ein normales Ligaspiel gewinnt oder verliert, dann freut oder ärgert man sich – und dann geht’s weiter. Bei einem Derby kann man nicht so einfach einen Haken dran machen. Da sieht man die Fans des Gegners noch Tage und Wochen später auf der Straße, auf der Arbeit, im Supermarkt. Da möchte man in jedem Fall derjenige sein, der grinst. Nicht der, der angegrinst wird. Bestimmt bekommt das erstklassige Derby deutschlandweit eine andere Aufmerksamkeit. In Berlin empfinde ich das Spiel nicht anders.

Daniel (Union-Fan): Damals waren Spiele von Union gegen Hertha auf jeden Fall noch eine viel asymmetrischere Angelegenheit. Natürlich gibt es jede Menge Aspekte, in denen Union viel toller ist als Hertha, aber sportlich war es eben sehr klar nur vorübergehend dieselbe Liga, und innerhalb der ein großer Unterschied. Das ist jetzt beides nicht mehr (weniger) der Fall.

Moritz (Hertha-Fan): In Liga zwei war ich noch nicht so in die Fanszene eingebunden, aber damals war es definitiv auch was Besonderes. Die Hektik scheint diesmal größer, auch wegen der Mauerfall-Jubiläums-Sache vielleicht. Über Liga eins wird auch mehr in der Presse berichtet… Also unterm Strich: Ja, es ist ein anderes Gefühl.

Hertha BASE: Welches ist deine prägnanteste Erinnerung an die zurückliegenden Derbys?

Steven (Hertha-Fan): Sicherlich der 2:1-Sieg in der Alten Försterei in der Saison 12/13. Ein absolut dreckiges Kampfspiel mit Typen wie Maik Franz, Peter Niemeyer oder eben auch Änis Ben-Hatira und Sandro Wagner. Dazu der Freistoß von Ronny, mit mehr Wucht als Verstand. Spielerisch sicherlich übel, aber es wurde um jeden Ball, um jeden Einwurf gefightet. Wenn die aktuelle Mannschaft es am Samstag schafft, so eine Einstellung auf den Platz zu bringen, mache ich mir angesichts der vorhandenen spielerischen Qualität keine Sorgen.

Benjamin (Union-Fan): Selbstverständlich war das 2:1 im Olympiastadion ein historischer Moment für den 1. FC Union Berlin. Und meine Erinnerung daran bleibt, egal wie irgendein zukünftiges Derby enden sollte.

Sebastian (Union-Fan): Michael Parensens unzählige Verletzungen. Ich erinnere mich, wie ich beim Derby an der Alten Försterei noch in den Krankenwagen schaute, bevor der mit ihm losgefahren ist. Und dann natürlich der Sieg im Olympiastadion. Ich hätte eigentlich in der Sport-Redaktion des Kuriers arbeiten müssen, durfte aber ins Stadion, weil ich eine Familie aufgetan hatte, in der der Vater Unioner und der Sohn Herthaner ist und beide bis zum Stadion begleitete, wo sich beim Einlass deren Wege trennten. Ich bin meinem damaligen Chef Andreas Lorenz immer noch dankbar, dass er mich das hat machen lassen.

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Steffen (Hertha-Fan): Im Vorfeld des ersten Pflichtspiel-Derbys gegen Union war ich eigentlich ganz entspannt. Hertha und Union waren traditionell keine großen Rivalen, der „echte“ Derby-Gegner war TeBe. Mit Union verband ich eher die Geschichten der „Alten“. Etwa von gegenseitiger Unterstützung zu Mauerzeiten, wenn Unioner zu Auswärtsspielen von Hertha im Europapokal gegen Gegner aus dem Ostblock anreisten oder Herthaner nach Ost-Berlin fuhren, um Union an der Alten Försterei anzufeuern. Geschichten von Blau-Weißen und Rot-Weißen, die sich in den Monaten nach dem Mauerfall bei dem einen oder anderen Spiel glücklich im selben Stadion wieder fanden. Nicht als Gegner, sondern als Menschen in einer plötzlich wiedervereinigten Stadt. Tja, dann zogen die Jahre ins Land und das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen kühlte mehr und mehr ab. 2010 war von den alten freundschaftlichen Banden kaum noch etwas zu spüren. Dann entschied sich Union im Vorfeld des ersten Derbys auf einmal die Ost-West-Karte zu spielen und das Spiel als ein Ost-Berlin gegen West-Berlin zu stilisieren. Ich habe das als ehemaliger Ost-Berliner als ziemlich schlimm empfunden. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich, aber für mich war das Derby eine Geschichte des zusammenwachsenden, wiedervereinigten Berlins. Und auf einmal versuchte da jemand, eine neue Spaltung, wenn auch nur sportlich, zu beschwören. Das schwebt bei mir seitdem bei jedem Aufeinandertreffen im Hinterkopf.

Daniel (Union-Fan): Ich bin ja noch gar nicht so lange Unioner, und eh Zugezogener. Das 2-2 im Februar 2013 in Charlottenburg mit dem späten Freistoß von Ronny war tatsächlich eins meiner ersten Union-Spiele in einem Stadion. Die Auswahl ist also nicht so furchtbar groß – aber ich fand den Auswärtsblock (ich war im Union-lastigen neutralen/heim Sektor daneben) damals sehr beeindruckend – vor allem die geschwenkte, schön rote Pyro im Oberrang.

Moritz (Hertha-Fan): Im Olympiastadion noch in der Schlussphase der Ausgleich durch das obligatorische Ronny-Freistoß-Tor… Fühlte sich trotzdem wie eine Niederlage an..

Hertha BASE: Wie hat sich die Rivalität in deinen Augen in den letzten Jahren entwickelt und wie nimmst du sie aktuell wahr?

Steven (Hertha-Fan): Es ist logisch, dass die Rivalität innerhalb einer Stadt größer wird, je öfter man sich sportlich über den Weg läuft. Historisch gesehen ist das sicher nicht vergleichbar mit den großen Rivalitäten wie Dortmund – Schalke, St. Pauli – HSV oder auch Karlsruhe – Stuttgart. Von daher sollte man da nicht die große gewachsene Feindschaft reinreden. Ebenso ist es aber sicher auch kein Freundschaftsderby. Die Kontakte, die es mal gab und die ich niemandem schlecht reden will, sind doch sehr abgekühlt und gerade von Unioner Seite nimmt man eine recht ablehnende Haltung wahr, wenn es um Hertha und die freundschaftlichen Kontakte der Vergangenheit geht.

Benjamin (Union-Fan): In meinem Umfeld bestand die Rivalität auch zu den Zweitligaderbys. Seit den 90ern ist hingegen viel passiert. Beide Vereine, Szenen, Fans driften in der Wahrnehmung auseinander. Das merke ich auch an mir selbst. Hätte ich mich in den letzten Derbys noch über ein gemeinsames “Eisern Berlin” gefreut, so kann ich heute getrost darauf verzichten. Der Alleinstellungsanspruch, der mir nicht nur von den blau-weißen “Wir sind Berlin”-Plakaten an der Bushaltestelle ins Gesicht springt, trägt dazu sicher auch etwas bei. Ihr mögt ganz gerne “Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC” singen. Aber auch ihr wisst hoffentlich, wie bunt die Fußballwelt in Berlin ist. “Eine Stadt – so viele Vereine!”

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Da ich bekennender Anhänger der Fußball-Ökumene Berlin bin, hat sich für mich wenig geändert. Wir hosten ja als Union-Blog und -Podcast auch den Hertha-Podcast Damenwahl. Ich mochte das Hertha-Echo mit Manne Sangel und ich finde, dass die Ostkurve zu den unterschätztesten Fanszenen in Fußball-Deutschland gehört. Was sich geändert hat? Uns trennt seit 30 Jahren keine Mauer mehr, sodass sich eine normale Rivalität entwickeln konnte, ohne in Hass umzuschlagen. Dazu gehört auch, dass man das Gegenüber als Konkurrenz empfindet. Und ich finde, dass das Hertha als Verein gut tut, um ein Profil jenseits dieser schlimmen Bezeichnungen wie “Hauptstadtklub” zu entwickeln. Abgrenzung tut dem Verein (und hier meine ich explizit die Leute, die im Verein arbeiten und nicht die Fans) ganz gut. Man muss nicht allen gefallen wollen. Und für Union ist es auch ganz gut, sich in Konkurrenz zu befinden. Toll finden wir uns schon von alleine. Da tut kritische Betrachtung ganz gut. Am Ende profitieren beide Klubs davon, dass man sich plötzlich in Berlin bekennen muss: Union oder Hertha?

Steffen (Hertha-Fan): Seit Herthas letztem Aufstieg im Jahr 2013 hat sich für mich persönlich eigentlich nicht so viel verändert. Sicherlich haben sich für beide Klubs in massiver Weise Dinge geändert. Union durchlebt gerade eine ähnliche Wachstumsphase wie Hertha in der zweiten Hälfte der Neunziger. Hertha selbst konnte sich erst einmal aus der ewigen Schuldenfalle befreien. Zu welchem Preis werden wir wohl erst in der Rückschau in einigen Jahren bewerten können. Aber im Verhältnis zwischen Hertha und Union, zwischen Herthanern und Unionern, hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Man arbeitet professionell miteinander, die Fans betrachten sich argwöhnisch aus der Distanz. Die Unionern marschieren in der ihnen eigenen Art durchs Land und verkünden ihre moralische Überlegenheit, die Herthaner zucken genervt mit den Schultern. Das empfinde ich tatsächlich keinen Deut anders als 2010. Business as usual.

Daniel (Union-Fan): In den letzten Jahren hatten wir bei Union mit Hertha direkt natürlich nicht zu tun – höchstens mal über die Karlsruher Dependance (das finden wir eher merkwürdig). Wenn ich mich mit Herthanern unterhalte, dann nicht selten im Rahmen unserer Podcast-Ökumene mit Damenwahl. Da ist das alles grundsätzlich natürlich freundlich mit Aussicht auf kleine Sticheleien. Und so sehe ich eben auch Hertha insgesamt. Außerdem hat sich in den letzten Jahren ja auch die Bundesliga geändert, in der es nun viele Mannschaften gibt, die ich viel weniger mag als Hertha und/oder die mir (noch) weniger sagen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich bietet die Nähe zueinander auch Reibungsfläche.

Moritz (Hertha-Fan): Zu Zweitliga-Zeiten waren die Bus-Beschädigungen ziemlich daneben, das hat mich damals geärgert. Den ständigen Sprüh-Battle an der Autobahn oder auf den Stromkästen wiederum finde ich lustig. Ich höre ständig Herthaner “Scheiß-Union” rufen, egal, gegen wen wir spielen – das ist nicht so meins. Ich hoffe auf ein wirklich nettes und friedliches Spiel, ich kenne so viele Unioner und Herthaner, die sich genau das wünschen – ich finde, wir haben uns ein Freundschaftsderby verdient, es gibt genug Spaltung und Hass in der Gesellschaft, Berlin braucht L I E B E !

Hertha BASE: Viele Herthaner aus meinem Umfeld haben sich über den Aufstieg Unions gefreut. Wie sah das bei dir bzw. in deinem Umfeld aus?

Steven (Hertha-Fan): Die Vorfreude auf das Derby war natürlich sofort da, aber es war bei mir persönlich sicher nicht so, dass ich Union im Endspurt die Daumen gedrückt habe. Es gibt zwar durchaus einiges bei Union, was mir gefällt; Die klare Positionierung pro 50+1, den Fokus aufs Stadionerlebnis, das Verhältnis zwischen Fans und Verein oder die Tatsache, dass man nicht bei jeder Fackel einen Tobsuchtsanfall bekommt. Allerdings hat der sportliche Erfolg Unions in den letzten Jahren natürlich auch viele Leute angezogen, die sich von diesem Mythos um den alternativen Kultklub angezogen fühlen. Da reden dann plötzlich Leute von der “Union-Familie”, die vor ein paar Jahren noch ins Olympiastadion gegangen sind, um Bremen oder Dortmund die Daumen zu drücken. Leute, die eher dem Klischee des zugezogenen Prenzlauer Berg Hipsters entsprechen, als dem Arbeiter-Milieu. Dafür kann Union an sich nicht so viel. Wenn sich aber Herr Zingler dann hinstellt und in Bezug auf das Derby vom “Klassenkampf” spricht, dann frage ich mich, ob er den Bezug zur Realität verloren hat. Eine Äußerung, die er noch dazu tätigt, nachdem man in Köpenick mit Adidas einen sehr lukrativen Ausrüstervertrag, sowie einen Hauptsponsorvertrag mit dem Immobilien-Unternehmen Aroundtown geschlossen hat. Ein Unternehmen, was sich nicht zwingend mit dem Image des kleinen, sich seiner sozialen Verantwortung bewussten Vereins in Einklang bringen lässt. Nun ist es sicherlich so, dass es gerade auch bei Hertha in dieser Richtung Entwicklungen gab, mit denen viele Fans nicht zwingend glücklich sind. Allerdings gerieren wir uns auch eher selten als letzte anti-kommerzielle Bastion des Profifußballs.

Moritz (Hertha-Fan): Die meisten haben sich zunächst total gefreut, allerdings ging ja damals schon vor der Relegation der Union-Hype los, plötzlich wurde uns wieder bewusst, WIE grau unsere graue Maus noch immer (angeblich) ist. Jetzt sind die meisten eher trotzig: schön dass Union mitmacht, es ist eine Bereicherung, aber wir sollten zeigen, was wir draufhaben. Hertha ist Kult seit dem 25. Juli 1892.

Hertha BASE: Welche Bedeutung hat der Ausgang des Derbys für den Rest der Saison? Erhoffst du dir bei einem Sieg einen besonderen Schub und befürchtest du umgekehrt im Falle der Niederlage einen Knick?

Steven (Hertha-Fan): Mit Blick auf die Tabelle wäre ein Sieg, auch ohne die besondere Bedeutung des Derbys, immens wichtig. Speziell aufgrund der Situation, dass sich in der Mannschaft einige Hierarchien geändert haben, Spieler wie Salomon Kalou eine neue Rolle akzeptieren müssen und man einen neuen, im Profibereich unerfahrenen Trainer hat, kann so ein Derbysieg sicherlich eine Wirkung haben, die über das Wochenende hinaus geht. Mit einer Niederlage befasse ich mich, wenn es soweit ist. Dauert also noch.

Benjamin (Union-Fan): Das Derby ist ein Fußballspiel mit besonderem emotionalen Wert. In diesem Sinne ist es ein (nicht DER) Höhepunkt der Saison. Dennoch geht es auch hier nur um drei Punkte – wichtige Punkte für Union, ja. Aber genau so wichtig wie gegen Freiburg, Schalke oder Köln. Mehr nicht.

Sebastian (Union-Fan): Weder noch. Ich hätte gerne die Punkte, weil es Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sind. Zwar macht ein Sieg gegen Hertha besonders viel Spaß. Und umgekehrt sicher auch, denn sonst hätte nicht ewig vor Herthas Pressekonferenz-Raum ein Bild von Sandro Wagner nach seinem Tor gegen Union gehangen. Aber würde eine Fee vor mir stehen und fragen: Klassenerhalt oder Derbysieg? Dann würde ich mich sofort für den Klassenerhalt entscheiden. Die Aufmerksamkeit, die ein Jahr Bundesliga generiert, schafft man in zehn Jahren zweite Liga nicht. Und Union braucht das, um sich weiter irgendwie im Profibereich der 20 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren. Ihr wisst, wovon ich rede. Es ist wahnsinnig schwierig, sich in der Bundesliga zu etablieren, wenn nicht gerade von extern signifikant viel Geld dazugeschossen wird. Und ich glaube, dass der Abstand zwischen Bundesliga und zweiter Liga immer größer wird und entsprechend mit jedem Jahr das Fenster kleiner, sich überhaupt in der Ersten Liga etablieren zu können, wie das mal Mainz oder Freiburg gemacht haben.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Ein einziges Spiel kann schon mal bedeutend für den Verlauf einer ganzen Saison sein. Ich glaube aber nicht, dass dieses Derby-Hinspiel so ein entscheidendes Spiel ist. Hertha wird sich diese Saison im Niemandsland der Tabelle einpendeln. Wir sind aktuell, vor allem Defensiv, nicht stabil genug, um Ansprüche auf höhere Tabellenregionen anmelden zu dürfen. Dafür gibt es diese Saison zu viele stabil performende Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte. Union hat an den ersten Spieltagen genug Punkte und Selbstvertrauen getankt, da würde unser Nachbar auch bei einer klaren Niederlage nicht hoffnungslos in den Abstiegskampf zurückfallen. Ich denke, am Samstag geht es einzig und allein darum, wer bis Weihnachten mit Dauergrinsen im Gesicht herumlaufen darf.

Daniel (Union-Fan): Das Momentum aus dem Spiel halte ich für weniger wichtig als die schlichten drei Punkte. Hertha fällt in die Klasse von Gegnern, die Union zuhause schlagen kann, und hin und wieder auch schlagen muss, um am Ende auf 35-40 Punkte zu kommen. Natürlich würde ein Sieg darüber hinaus auch noch etwas Selbstvertrauen und Schwung für die nächsten Wochen geben, in denen Union noch einige Spiele hat, in denen Urs Fischer wohl Punkte budgetiert hat (Union spielt noch gegen vier der fünf anderen Mannschaften im letzten Drittel der Tabelle).

Moritz (Hertha-Fan): Für das Verhältnis Trainer/Fans ist es wahrscheinlich am wichtigsten, da hängt schon etwas davon ab. Abgesehen davon sind es nur drei Punkte und wir sind noch früh in der Saison. Ich befürchte weder einen Knick noch verspreche ich mir einen Schub. Ich denke, die Fußballer von heute sind Profis und hören sich hinterher auf YouTube eine Seelenreise an, die Ihnen die traumatische Erfahrung der Niederlage zu überwinden hilft.

Wie lautet dein Tipp für das Spiel?

Steven (Hertha-Fan): Ich bin sehr optimistisch, dass Ante Covic es versteht, seine Mannschaft auf so ein Spiel einzustellen. Dazu haben wir genügend Spieler im Kader, die mit solchen Situationen umgehen können und sich durch nichts beeindrucken lassen. Ich tippe auf ein 3:1 für Hertha.

Benjamin (Union-Fan): Egal ob Derby oder nicht: wenige Tage vor einem Spiel flüstert der Kopf nur noch und das Herz schreit um so lauter: “Die hau’n wa weg!”. Die Punkte bleiben in Köpenick: 2:1 für die Guten, so wie damals im Leichtathletikstadion.

Sebastian (Union-Fan): 2:1 für Union. Es wird mal Zeit für einen Heimsieg im Derby.

Steffen (Hertha-Fan): Derbys werden gewonnen! Diese Saison, nächste Saison und darüber hinaus. (Hertha, ey, bitte gewinne dieses verdammte Spiel!)

Daniel (Union-Fan): <a
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target=”_blank” rel=”noopener”>Union immer 3-0!</a>

Moritz (Hertha-Fan): Hertha gewinnt 2:1. Ich würde Selke ein Tor wünschen, aber vielleicht ist das zuviel, es ist ja noch nicht Weihnachten. Also Kalou und Ibi, wie immer.

*Titelbild: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Es war eine sehr unglückliche Niederlage von Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim, und doch kann man die verlorenen Punkte nicht einfach mit Pech erklären. Aluminumtreffer und ungünstige Schiedsrichter-Entscheidungen sind nur ein Aspekt des 2:3. Auch die defensiven Fehler und phasenweise schwache Einzelleistungen sorgten dafür, dass man sich nicht belohnen konnte. Und das obwohl es phasenweise ein gutes Fußballspiel der Blau-weißen war und Ante Covic wieder ein gutes Händchen bewies.

In unserer Einzelkritik zum spektakulären Heimspiel haben wir uns wieder Spieler genauer angeschaut, die uns sowohl negativ als auch positiv besonders aufgefallen sind.

Marko Grujic – noch ein langer Weg bis nach Liverpool

Hoch waren die Erwartungen an Marko Grujic, als er im Sommer noch einmal vom FC Liverpool ausgeliehen wurde. Bisher tut sich der Serbe allerdings schwer, diese Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Auch allein im Mittelfeld konnten Vladimir Darida oder Per Skjelbred bis heute mehr auf sich aufmerksam machen. Dabei konnte er in den ersten Spieltagen bereits zwei Mal treffen. Dass der 23-Jährige große Fähigkeiten hat, weiß in Berlin jeder. Am Samstag gegen TSG Hoffenheim allerdings zeigte er seine bisher wohl schwächste Leistung in dieser Spielzeit.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und das obwohl er noch vor zwei Wochen den Wunsch äußerte, endlich beim FC Liverpool spielen zu dürfen. Viele Vorstellungen wie am Samstag sollte es dafür nicht geben, denn was in der Bundesliga nicht ausreicht, wird erst recht nicht in der Mannschaft von Jürgen Klopp zu Einsatzzeiten führen. Inbesondere bei seinen Defensivaufgaben war Grujic erneut nicht auf der Höhe.

Die zugegeben sehr starke zentrale der Gäste konnte im Olympiastadion zu oft ungestört agieren und Konter durch das Zentrum konnten frei ausgespielt werden. Grujic ließ seine Gegenspieler mehrmals sträflich frei im Mittelfeld größere Distanzen laufen. Diese konnten dann vor dem Berliner Strafraum angespielt werden und abschließen. So entstanden größere Chancen (z.B. 29. und 30. Minute) und auch das erste Gegentor zum 0:1. Gefühlt den halben Platz konnte Florian Grillitsch ungestört entlangsprinten, um dann auf Jürgen Locadia zu spielen, der die Führung erzielte – Grujic fungierte hier nur als Begleitschutz.

In dieser sowie in einigen anderen Aktionen stand Grujic zu weit weg vom Gegenspieler, was sich auf einem so hohen Niveau wie in der Bundesliga rächt. Da wo ein anderer Spieler sicherlich ein taktisches Foul gezogen oder im Vollsprint die Anspielstation behindert hätte, lief die Leihgabe teilweise nur hinterher. Dabei hätte er seine schwache Leistung kurz vor der Halbzeit noch retten können. Sein Schuss nach guter Vorarbeit von Dodi Lukebakio landete jedoch nur an den Pfosten.

Die Körpersprache, die Präzision und das Stellungsspiel – all diese Aspekte stimmten bei Grujic in der gestrigen Partie überhaupt nicht. Das spiegelt auch seine Zweikampfquote wieder (nur 33% gewonnene Zweikämpfe). Cheftrainer Covic reagierte beim 0:2-Rückstand in der Pause und wechselte Ondrej Duda ein. Angesichts der Leistung des Liverpool-Leihspielers ist es kein Wunder, dass Grujic weichen musste. Zu der Auswechslung sagte Ante Covic: “Ich war der Meinung, dass wir auf der Position etwas ändern mussten. Wir haben zur Pause auch im Grundsatz das System verändert, weil wir im letzten Drittel mehr Zugriff benötigt haben.”

Aktuell scheint beim Serben die Luft ein wenig raus zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass der so oft gelobte Mittelfeldspieler schon nächste Woche gegen Union Berlin ein anderes Gesicht zeigt. Dann muss nämlich der Ausfall von Vladimir Darida (gelb-rot Sperre) spielerisch wie läuferisch kompensiert werden.

Dedryck Boyata – Die tragische Figur

Wenn wir bei den schwächeren Einzelleistungen des Spieles sind, müssen wir zum ersten Mal die Leistung von Dedryck Boyata ansprechen. Der Sommer-Neuzugang brachte zuletzt viel Stabilität in die Berliner Defensive und wurde auch von uns viel gelobt. Leider war er eine der “tragischen” Figuren im Spiel gegen die TSG aus Hoffenheim und verletzte sich zudem in der zweiten Halbzeit.

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Doch gerade inm ersten Durchgang konnte er in der starken Phase der Hoffenheimer nicht die gewohnte Sicherheit ausstrahlen. In der 30. Minute hätte er durch einen voreiligen und dadurch zu kurz greifenden Klärungsversuch im Strafraum bereits ein Gegentreffer verursachen können. Beim 0:1 durch Jürgen Locadia stand er ein paar Schritte zu weit weg vom Gegenspieler und wurde bei dessen Schuss unglücklich getunnelt, sodass Rune Jarstein im Kasten keine Abwehrchance hatte. Auch seine Zweikampfwerte blieben unterdurchschnittlich, der Belgier gewann nur die Hälfte seiner Duelle (im Vergleich gewann Karim Rekik 73 % seiner Zweikämpfe).

Obwohl es nicht sein Tag war: ein Mentalitätsproblem hat Boyata sicher nicht. Dies zeigte sich ganz besonders kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit, als er den Ball in gefährlicher Position verlor und einen sehr gefährlichen Angriff für den Gegner zuließ. Mit aller Kraft lief er hinterher und konnte den Schuss von Skov abblocken. Trotzdem zeigte auch diese Szene, dass der 28-jährige Innenverteidiger nicht wirklich auf der Höhe des Geschehens war.

Es passiert jedem Spieler gelegentlich eine schwache Partie zu spielen und für Dedryck Boyata ist es wohl die erste schwächere Leistung, seitdem er im Hertha-Trikot Pflichtspiele absolviert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Spiel aus Gesundheitsgründen nicht zu teuer für ihn wird. Wie die Berliner Morgenpost berichtet, hat er Beschwerden in der Leistengegend, eine MRT-Untersuchung soll am Montag folgen. Da Boyata allerdings in den letzten Jahren immer wieder für längere Zeit aufgrund von Muskelproblemen ausfallen musste, ist auch an dieser Stelle eine längere Pause nicht auszuschließen.

Lukebakio – Per Traumtor zum Stammspieler?

Bereits gegen Werder Bremen war Dodi Lukebakio nach seiner Einwechslung einer der auffälligsten Spieler und konnte durch eine starke individuelle Szene einen Punkt an der Weser retten. Gegen Hoffenheim stand der Rekordtransfer von Hertha von Beginn an in der Startelf und wusste in den ersten gut 20 Minuten der Hauptstädter zu überzeugen. Dribbelstark und gefährlich, mit guten Sprints in die Spitze (wie zum Beispiel in der 16. Minute) und intelligenten Läufen – Lukebakio war in der Berliner Offensive omnipräsent und bildete mit Marius Wolf auf der anderen Seite eine sehr ansehnliche Flügeloffensive.

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Sein Fallrückzieher zum zwischenzeitlichen 1-2 war nicht nur ein wunderbarer Treffer, sondern auch ein Hoffnungsschimmer, welcher der gesamten Mannschaft und den Fans neuen Schwung gab. Ein Tor, das gute Technik und einen stark ausgeprägten Torriecher verkörpert. Auch wenn bei ihm nicht immer alles funktionierte, war er hochmotiviert und mit guter Mentalität unterwegs.

Eine Szene, die gerade diesen unbedingten Willen zeigt, konnte man in der 60. Minute sehen. Ein guter Angriff von Hertha wurde eingeleitet und der Ball kam zum Flügelstürmer, der in aussichtsreicher Position einige Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung hatte. Sein Pass in die Spitze misslang jedoch völlig, was ihn aber selber am meisten ärgerte. Lukebakio warf sich kurz hin und schlug vor Ärger auf dem Boden, bevor er aber gleich wieder aufstand und weiter lief. Dieser kurze Frust-Moment, obwohl er wenige Minuten zuvor ein Traumtor erzielen konnte, ist auch ein Anzeichen dafür, dass der junge Belgier hohe Ansprüche an sich und sein Team hat.

Besonders viel lief der Belgier mit 9,98 Kilometer nicht. Allerdings nutzte er die ihm gebotenen Räume sinnvoll, konnte 69 intensive Läufe und 23 Sprints aufweisen. Marius Wolf, der ebenfalls ein gutes Spiel zeigte, lief ganze 11,69 Kilometer und wies sogar 80 intensive Läufe auf. Mit vier Torschüssen, einer Torschussvorlage und einer beachtlichen 87-prozentigen Passquote kann sich die Statistik von Dodi Lukebakio sehen lassen.

Der Wille, die Körpersprache und die einzigartigen Momente wie beim 1:2 – es passt momentan beim Stürmer, der langsam seine Ablösesumme vergessen lässt. Das, was ihm auch gegen Hoffenheim fehlte, ist die Präzision. Insbesondere seine Flanken sind ausbaufähig, gleiches gilt für flache Hereingaben in den Strafraum. Wenn auch diese besser ankommen, könnte er den Hertha Fans noch viel Freude bereiten. Über ein paar weitere Fallrückzieher-Tore im Olympiastadion wird sich wohl auch keiner beschweren. Sein Cheftrainer bringt es ganz gut auf dem Punkt: “Er ist ein Spieler, der für die Überraschungsmomente sorgt – aber manchmal auch für zwei graue Haare.”

Duda und Kalou – Wechsel kann Covic

Wer die gute Leistung der beiden Joker Ondrej Duda und Salomon Kalou am Samstagnachmittag lobt, muss auch A wie Ante Covic sagen. Jokertore entwickeln sich fast schon zu einer Art Leitmotiv bei Hertha BSC in dieser Hinrunde. Dieses Mal war es Salomon Kalou, der seinen Treffer nach Einwechslung erzielen konnte. In der 64. Minute kam er für den verletzten Boyata ins Spiel und brauchte für sein erstes Saisontreffer nur etwa fünf Minuten.

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Bei der Hereingabe von Vladimir Darida fackelte er nicht lange und bezwang aus kurzer Distanz den Hoffenheim Schlussmann Oliver Baumann. Damit baut der 34-Jähriger seine Torbilanz im Hertha-Trikot aus (53 Tore). Noch drei Treffer und er würde Marko Pantelic einholen. Dieser steht aktuell mit 56 Toren auf Patz neun der ewigen Hertha-Torschützenliste. Kalou war nach seiner Einwechslung ein Aktivposten. Er konnte in seiner relativ kurzen Einsatzzeit drei Torschüsse abgeben und einen vorbereiten und zeigte sich in guter Verfassung.

Das Tor durch den Ivorer wurde sehenswert von Ondrej Duda eingeleitet, der zur Halbzeit für Marko Grujic eingewechselt wurde. Durch ein sehr intelligentes und gut getimtes Abspiel in den Lauf von Vladimir Darida zeigte der Slowake endlich wieder, was ihn letzte Saison so wertvoll für die „alte Dame“ gemacht hatte. In Ansätzen war in der zweiten Halbzeit viel Gutes vom 24-Jährigen zu sehen, der sehr präsent war und viele interessante Pässe spielte. Seine Passquote blieb dabei mit 84 % sehr gut und er war deutlich öfter am Ball (31 Mal) als Marko Grujic in der ersten Halbzeit (17 Mal).

Trotz der Niederlage wird die positiv verlaufene Einwechslung beiden Spielern mit großer Wahrscheinlichkeit gut tun. Die bereits angesprochene Sperre von Vladimir Darida könnte Ondrej Duda im Derby gegen Union Berlin eine Einsatzgarantie geben. Sollte „Number 10“ dort ein starkes Spiel machen, könnte er das Ruder wieder umdrehen. Offensive Optionen auf der Bank wird Ante Covic auch in den nächsten Spielen genug haben. Wir können hoffen, dass dabei die Jokertore auch wieder zum Sieg für Hertha führen.