Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Ja, Hertha BSC befindet sich mitten im Abstiegskampf. Ja, die Mannschaft bräuchte Ruhe und sollte sich aufs Sportliche konzentrieren. Aber die neuerliche, rassistische Entgleisung von Jens Lehmann lässt keinen anderen Schluss zu: Dass Hertha-Investor Lars Windhorst nun handelt und Lehmann aus dem Hertha-Aufsichtsrat kickt, ist nicht nur richtig sondern war längst überfällig. Ein Kommentar.

Lehmann und Hertha: Man hätte es wissen können

Vor knapp einem Jahr hat Deutschlands ehemaliger Nationaltorhüter Jens Lehmann Jürgen Klinsmann im Aufsichtsrat der Hertha BSC KG beerbt. Seitdem hat Lehmann nur Unheil, dümmliche Vorschläge und Negativ-Schlagzeilen über den Verein gebracht. Jüngstes Beispiel ist die rassistische Beleidigung, die Lehmann anscheinend unabsichtlich Sky-Experte und Ex-Profi Dennis Aogo zukommen ließ. Aogo kommentierte für den Pay-TV-Sender am gestrigen Dienstagabend das Champions League-Spiel Manchester City vs. Paris St. Germain. Nach seinem TV-Auftritt postete Aogo auf seinem Instagram-Kanal eine WhatsApp-Nachricht von Lehmann, in der der Hertha-Aufsichtsrat fragte: „Ist Dennis jetzt euer Quotenschwarzer?“.

hertha windhorst lehmann
Foto: IMAGO

Es ist nicht der erste unakzeptable Fehlgriff des Ex-Nationaltorhüters. Schon vor seiner Tätigkeit für Hertha fiel Lehmann immer wieder durch schräge Vorschläge und Kommentare auf. Vor etwa sieben Jahren äußerte er sich abschätzig zum Coming-Out von Ex-Mitspieler Thomas Hitzlsperger, in den Medien wurden Vorwürfe bezüglich einer möglichen Steuerhinterziehung gehen ihn bekannt und der Ex-Schalker und -Dortmunder musste sich schon vor Gericht wegen Beihilfe zur Unfallflucht rechtfertigen. Klar ist also: Alleine Lehmanns Berufung in den Aufsichtsrat war damals ein riesiger Imageschaden für den gesamten Verein, wie Hertha-BASE-Autor Simon schon im Mai 2020 kommentierte.

Lehmann schadete Hertha letztendlich nur

Doch auch während seiner Zugehörigkeit zu Hertha änderte sich wenig an Lehmanns Verhalten. Kurz nach seinem Einstieg erklärte er beispielsweise, dass jüngere Menschen wie Profifußballer mit dem Coronavirus „zurechtkommen“ müssten, außerdem verharmloste er das Virus mehrfach. Auch sportlich-fachliche Kommentare des Ex-Profis waren eher kontraproduktiv. In einem großen Interview forderte Lehmann die schnellstmögliche Qualifikation für den europäischen Fußball – in einer Situation in der Hertha schon damals ums Erstliga-Überleben kämpfte. Hinzu kam ein recht merkwürdiger Auftritt im „Doppelpass“, bei dem er Hertha-Boss Werner Gegenbauer als „guten Berliner Typen“ und „ein bisschen anders“ bezeichnete und auf die Frage, was Union besser mache als Hertha, eine unprofessionell ausweichende Antwort gab. Kurzum: Über die gesamte Dauer seiner Tätigkeit für Hertha hatte Lehmann keine Bindung zu den operativ Handelnden im Verein. Ganz im Gegenteil: Mit seinem Verhalten behinderte er sogar deren Bemühen um Herthas sportliche Zukunft.

hertha windhorst lehmann
Foto: nordphotox/xEngler/IMAGO

Lars Windhorst hat in Interview immer bekundet, dass er sich für Klinsmann und später auch Lehmann im Aufsichtsrat bemüht habe, weil ihm der fußballerische Sachverstand fehle. Blickt man auf Lehmanns Post-Profi-Karriere, ist allerdings die Frage berechtigt, ob dieser fußballerische Sachverstand jemals vorhanden war. Als TV-Experte bei Spielen der Nationalmannschaft wurde er jedenfalls nicht zum Sympathieträger und bekam auch keinen Anschlussjob im Fernsehen. Übrigens: Auch aus diesem Grund ist Lehmanns Kommentar gegenüber Dennis Aogo deplatziert. Denn im Gegensatz zu Lehmann ist Aogo ein aufgeweckter, sympathischer und inhaltlich fundierter TV-Experte – was dafür spräche, dass Lehmann bei seiner Äußerungen nichts als der bloße Neid trieb. Aber auch auf Management-Ebene sind seine Schritte im Profibereich überschaubar: Nach nur drei Monaten als Co-Trainer des FC Augsburg wurde Lehmann von seinem Ex-Verein freigestellt – bis heute folgten keine weiteren Tätigkeiten im Trainerbereich.

Petry, Lehmann – Hertha handelt konsequent

Nach dem Rausschmiss von Torwart-Trainer Zsolt Petry, der sich in einem ungarischen Interview kürzlich homophob und rassistisch äußerte, ist Lehmanns Entlassung der zweite Mini-Skandal, der Hertha mitten im Abstiegskampf beschäftigt. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft das Chaos, das den Verein in dieser Saison nicht loszulassen scheint, ignorieren kann.

Aber selbst wenn Hertha am Ende der Saison absteigen sollte – dass die Tennor Holding Lehmann aus dem Aufsichtsrat geschmissen hat, ist nicht nur richtig, sondern überfällig. Denn Werte wie Toleranz und Offenheit, mit denen sich Hertha richtigerweise offensiv schmückt, dürfen unter keinen Umständen kompromittiert werden.

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Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Mönchengladbach

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Mönchengladbach

Man wird aus dieser Mannschaft einfach nicht schlau. Während im Union-Spiel die Offensive nicht existierte, leistete sich im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach einmal mehr die Defensive mehrere Patzer. Hinzu kommt, dass weiterhin die Arbeitseinstellung einiger Spieler nicht zum Ernst der Tabellenlage passt. Herthas Südamerika-Fraktion ist es zu verdanken, dass das Gladbach-Spiel trotz 75-minütiger Überzahl nicht verloren ging. Die Herthaner im Fokus.

Santiago Ascacibar – Ein neuer Faktor in Herthas Offensive

Keine Ahnung, ob es gewollt war oder nicht. Aber dass Santiago Ascacibar am Samstag im zentralen Mittelfeld vor Matteo Guendouzi spielte, hat gewirkt. Herthas Trainer Pal Dardai hatte schon vor dem Spiel gesagt, dass Ascacibar ein Spieler für Balleroberungen ist.

Und genau das tat der Argentinier auch mehrfach. Dadurch, dass diese Eroberungen nicht vor dem eigenen sondern vor dem gegnerischen Strafraum stattfanden, war Ascacibar ein neuer, unerwarteter Faktor in Herthas Offensive. Gleich in der 9. Minute holte er sich den Ball am linken Gladbacher Strafraumeck und legte Matheus Cunha so eine gute Chance vor. Durch seine vorgezogene Position kam auch Ascacibar selbst einige Male zu Abschlüssen – wie etwa in der 23. Spielminute, als er den Ball kurz nach der roten Karte gegen Gladbachs Torhüter Yann Sommer zum 1:0 ins Tor lenkte. Vor diesem Hintergrund war Dardais Entscheidung Ascacibar in der 57. Minute gegen Sami Khedira auszutauschen, zunächst nicht ganz nachvollziehbar. Dardai erklärte den Wechsel im Nachhinein damit, mehr Kopfballstärke auf dem Feld haben zu wollen.

Hertha Mönchengladbach
Foto: IMAGO

Weltmeister Khedira übernahm Guendouzis Position vor der Abwehr, während der Franzose auf „Santis“ Position vorrückte. Beide spielten nicht schlecht, erreichten aber bei Weitem nicht Ascacibars Effizienz. Ein Hinweis darauf sind die Zweikampfquoten der drei zentralen Mittelfeldspieler: Während Khedira und Guendouzi nur jeden zweiten Zweikampf für sich entschieden, war „Santi“ in knapp 70 Prozent aller Duelle der Sieger. Sollte seine Reaktion auf die Auswechslung kein Nachspiel haben, hätte er sich mit drei Schüssen, vier Tacklings und zwei abgefangenen Bällen eine weitere Startelfnominierung also durchaus verdient.

Maxi Mittelstädt – Weder nach hinten noch nach vorne gut

Leider ist es nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Maxi Mittelstädt ein Unsicherheitsfaktor in Herthas Defensive ist. Auch am Samstag hat Herthas Eigengewächs auf seiner linken Abwehrseite zu viele Lücken offengelassen, in welche die Gladbacher immer wieder hineinstachen. Beim ersten Gegentor merkte er nicht, dass Alassane Pléa auf seiner Seite durchstartete und konnte das Tor dann nicht mehr verhindern. Auch nach vorne kamen keine Impulse von Mittelstädt, seine Auswechslung zur Halbzeit erfolgte zurecht. Marvin Plattenhardt tat sich etwas leichter und gab wenigstens ein paar Flanken in den Strafraum.

Hertha Mönchengladbach
Foto: IMAGO

Dardais Defensiv-Plan ist kein Hexenwerk, weil es in den meisten Profimannschaften heutzutage genauso gelebt wird: In Offensiv-Situationen und im Spielaufbau bildet sich eine Dreierkette, die in Defensiv-Momenten durch die beiden Außen (heute Mittelstädt und Zeefuik) zu einer Fünferkette ergänzt wird. Die Außenspieler müssen also im besten Fall für Gefahr über die Flügel sorgen, gleichzeitig aber keine Angriffe und Lücken auf ihrer Seite zulassen. Leider hat Hertha derzeit auf der linken Seite keinen Spieler, der diesen Anforderungen gerecht wird.

Dodi Lukébakio – Rückfall in alte Verhaltensmuster

Nach extrem schwachen Leistungen in der Hinrunde war Dodi Lukébakio zuletzt wieder sehr wichtig für Hertha. Seine beiden Elfmeter gegen Augsburg und Union sowie das starke Spiel gegen Leverkusen sicherten Punkte für die Blau-Weißen. Umso erstaunlicher ist es, dass der Belgier im Gladbach-Spiel wieder eine fast provokativ schlechte Leistung zeigte.

Hertha Mönchengladbach
Foto: Andreas Gora/IMAGO

Ohne großen Antrieb trabte er zumeist im Sturmzentrum herum, lief den Gegner kaum an und hatte mit 40 Prozent auch eine schlechte Zweikampfquote. Dardai zählte den Belgier mehrfach lautstark an, bemängelte insbesondere, dass Lukébakio nicht – wie vorgegeben – die linke Offensiv-Seite hielt. Nach einem schwachen Abschluss von Dodi (in aussichtsreicher Position kurz vor der Strafraumlinie) konnte man an den Gesichtern des Trainerteams schon erkennen, dass die Auswechslung Lukébakios schon in der Halbzeit kommen würde.

Und dann waren da noch…

Jhon Cordoba: Der Kolumbianer war einmal mehr ungemein wichtig für Hertha. Natürlich hat Cordoba die rote Karte von Sommer nicht durch eine Schwalbe provoziert. Aber er hat die Situation – Dardais genialen, eröffnenden Pass und den herauseilenden Sommer – eben gut erkannt und wusste: Wenn ich mir den Ball vorbeilegen kann, kann er mich eigentlich nur noch umhauen. Und beim Ausgleichstreffer ist es einfach toll zu sehen, mit welcher körperlichen Wucht der Kolumbianer im Sturmzentrum wirkt.

Hertha Mönchengladbach
Foto: IMAGO

Die Ecken: Alleine im Gladbach-Spiel hatte Hertha elf Ecken. Aus keiner einzigen dieser Eckstöße hat Hertha einen Hauch von Torgefahr entwickeln können. Noch viel schlimmer: In der gesamten laufenden Saison ist dem Team noch kein einziger Ecken-Treffer gelungen. Das ist eine erschreckende Bilanz, denn gerade in den kommenden Abstiegsspielen könnte es dazu kommen, dass man keine spielerische Lösung zum Sieg findet. Spätestens dann sollte Hertha damit anfangen die Ecken in das Offensiv-Sortiment mit aufzunehmen.

Fazit: Niederlagentschieden

Aus blau-weißer Sicht tut der Blick in die Statistiken des Gladbach-Spiels einfach nur weh. In keiner einzigen Kategorie waren die „Fohlen“ unserer Hertha überlegen. 23:7 Torschüsse, 7 Kilometer mehr Laufleistung, 86 Prozent Passquote, etc. Natürlich hätten wir wohl vor dem Spiel einen Punkt gegen Gladbacher gerne angenommen – schließlich hatte das Team von Marco Rose in den vergangenen Wochen wieder zurück in die Erfolgsspur gefunden.

Mit Blick auf die 75-minütige Überzahl und die deutliche Überlegenheit in der zweiten Hälfte wirkt das Unentschieden aber eher wie eine Niederlage. Nach wie vor fehlt es dem Team an Ausgewogenheit, Abstimmung und Erfahrung. Denn nach einer frühen roten Karte für den Gegner und der anschließenden Führung darf es schlichtweg niemals passieren, dass man innerhalb weniger Minuten den Sieg aus der Hand gibt.

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Eine kleine Berliner Derbygeschichte – Die heißesten Spiele

Eine kleine Berliner Derbygeschichte – Die heißesten Spiele

Seit 2010 hat Berlin ein richtig feuriges Profifußball-Derby. Doch die Paarung Hertha BSC gegen Union ist nicht das erste spannende Hauptstadt-Duell. Vielmehr hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten der Stadt tolle Derbys gegeben. Union feierte kurz nach seiner Gründung gegen das vom DDR-Regime protegierte Vorwärts Berlin einen großen Erfolg und Hertha war an einer Zweitligasaison mit drei (!) Berliner Klubs beteiligt. Ein kleiner Rückblick auf wichtige Berlin-Duelle.

22. Mai 1968, Union Berlin vs. Vorwärts Berlin (2:1)

Den 1. FC Union gibt es in seiner jetzigen Form erst seit 1966. Zuvor hatte es in Oberschöneweide mehrere Fusionen, Zusammenschlüsse aber auch Trennungen von Vereinen gegeben, die heute als Vorgänger-Klubs von Union gelten. Leicht hatte es der Verein in der DDR nicht, denn das Regime unterstützte mit aller Kraft Vorwärts Berlin. Die meisten begabten Spieler endeten in der Kaderschmiede von Vorwärts. Ohnehin mischte sich der Staat regelmäßig in den Profifußball ein – so wurden die protegierten Klubs einige Male einfach in eine andere Stadt verlegt. Vorwärts startete beispielsweise in Leipzig, wurde dann nach Berlin verlegt und später nach Frankfurt (Oder). Der heutige BFC Dynamo geht aus einem Ableger von Dynamo Dresden hervor.

Hertha Union Berlin
Mannschaftsfoto des FC Vorwärts Berlin in der Oberliga-Saison 1966/67 (Foto: imago/Werner Schulze)

Union hingegen galt in der DDR von vorn herein als Verein des Volkes, als Anti-Establishment. Allerdings etablierten sich die Köpenicker schnell in der DDR-Oberliga und nur zwei Jahre nach der Klubgründung kam es zu einem der größten Erfolge der Vereinsgeschichte – dem Gewinn des DDR-Pokalwettbewerbs (FDGB-Pokal). Im Finale besiegte man den amtierenden DDR-Meister Carl-Zeiss-Jena. Zu einem Berlin-Derby kam es aber schon im Halbfinale, als Union gegen den Staatsklub Vorwärts im Halbfinale 2:1 gewann. Bis heute feiern die Köpenicker ihre Pokalhelden.

In den folgenden Jahrzehnten kam es in der DDR-Oberliga zu zahlreichen Derbys zwischen Union, dem BFC Dynamo sowie Vorwärts. Die meisten der Spiele wurden jedoch von Dynamo dominiert. Insbesondere in den 1970er und 1980er-Jahren profitierte Dynamo von der Unterstützung des Regimes und wurde quasi zum Serien-Meister der DDR. Union gelang es dagegen nie, die DDR-Oberliga zu gewinnen.

16. November 1974, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (0:3)

Auf westberliner Seite wurde Hertha in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg zur stärksten Berliner Mannschaft. In 1970er-Jahren kam es dann allerdings zum einzigen Berliner Derby auf Bundesliga-Ebene bis zum Unioner Aufstieg vor ein paar Jahren. In der Saison 1973/1974 hatte Tennis Borussia damals noch über die zweitklassige Regionalliga den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams sollte zum Spektakel werden: Eigentlich hätte TeBe ein Heimspiel gehabt, doch das Interesse in der Bevölkerung an dem Match war riesig – und so wurde die Partie ins Olympiastadion verlegt und fand vor 75.000 Zuschauern statt.

Hertha Union Berlin
Foto: imago/Werner Otto

Gegen die in der Saison 1974/1975 extrem stark aufspielende Hertha hatte der Aufsteiger jedoch keine Chance – Hertha gewann 3:0, „Ete“ (Erich) Beer erzielte zwei der Treffer. Hertha hatte damals einen schlagkräftigen Kader zusammen: Neben Beer gehörten dem Team auch Spieler wie Wolfgang Sidka oder Uwe Kliemann an. Die Mannschaft wurde in dieser Saison sogar Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach. TeBe stieg als Vorletzter ab. Allerdings verbrachte die Mannschaft nur ein Jahr in der damals neu gegründeten 2. Bundesliga: Die Saison 1975/76 schloss TeBe als Tabellenführer ab, und so kam es 1976 und 1977 zu zwei weiteren Bundesliga-Derbys zwischen Hertha und Tennis Borussia – eines davon (16. April 1977) konnte Tennis Borussia sogar für sich entscheiden. Aber auch nach dieser Saison reichte es für TeBe nicht für den Klassenerhalt.

18. Februar 1984, SC Charlottenburg vs. Hertha BSC (1:0)

Nach der Saison 1982/1983 stieg auch Hertha aus der Bundesliga ab. Die kommenden Zweitliga-Jahre wurden für Westberliner Fußball-Fans ein reines Derby-Festival. Denn nicht nur Hertha und Tennis Borussia trafen mehrfach aufeinander. Vielmehr sorgte in den 80er-Jahren auch Blau-Weiß 90 für Aufsehen. Und – wer hätte es gedacht? – auch der SC Charlottenburg verbrachte ein Jahr in der 2. Bundesliga.

Gegen die frisch abgestiegenen Herthaner kam es im August 1983 zum ersten Derby der beiden Charlottenburger Teams, das 1:1 unentschieden endete. Im ausverkauften Mommsenstadion gab es in der Rückrunde dann die riesige Überraschung: Der SCC besiegte Hertha mit 1:0. Übrigens: Im Tor des SCC stand damals ein gewisser Andreas Köpke, der nach dem direkten Abstieg der Charlottenburger zu Hertha wechselte.

16. März 1985, Blau-Weiß 90 vs. Hertha BSC (0:2)

In der Saison 1984/1985 deutete sich dann erstmals die zwischenzeitliche Wachablösung im westberliner Fußball an. Das Mariendorfer Team Blau-Weiß 90 war zuvor in die 2. Liga aufgestiegen. Hertha war im zweiten Zweitliga-Jahr immer noch eines der finanzstärksten Teams der Liga und hatte mit Spielern wie beispielsweise Andy Köpke und Horst Ehrmanntraut auch einen absolut bundesligatauglichen Kader zusammen. Doch die Charlottenburger setzten sich während der Saison im Tabellenmittelfeld fest.

In der Rückrunde kam es dann im schlecht besuchten Olympiastadion zu einem der letzten Siege der Herthaner dieser Saison, als Blau-Weiß mit 2:0 besiegt wurde. Für die Mariendorfer ging es anschließend bergauf, für Hertha bergab. Auf Platz 14 konnte man den Abstieg nur knapp vermeiden, Blau-Weiß wurde Siebter. In der darauffolgenden Saison sollte aber alles noch viel schlimmer kommen für Hertha.

8. Mai 1986, Blau-Weiß 90 vs. Tennis Borussia (1:2)

Drei Berliner Mannschaften in einer Profiliga – das hat es bislang nur in der Saison 1985/1986 gegeben. Tennis Borussia war zuvor gerade wieder aus der Regionalliga aufgestiegen, Hertha und Blau-Weiß 90 waren schon vorher in der 2. Liga. Blau-Weiß-90 war inzwischen aus der Mariendorfer „Rathausritze“ ins Olympiastadion gezogen, das man sich im 2-Wochen-Takt mit Hertha teilte. Tennis Borussia spielte im Mommsenstadion, wobei auch einige Derbys mit TeBe-Beteiligung ins Olympiastadion verlegt wurden.

Hertha Union Berlin
Foto: imago/Kicker/Eissner

Was sich in der Vorsaison bereits angedeutet hatte, wurde in dieser Saison bitte Wahrheit. Hertha spielte eine schlechte Runde, obwohl man kein einziges Derby verlor. Blau-Weiß hingegen wurde im Saisonverlauf immer stärker und hatte am letzten Spieltag gegen Tennis Borussia die Chance, den direkten Aufstieg in die Bundesliga zu sichern. Das Spiel gegen das schon abgestiegene Team von TeBe verlor man zwar 1:2 – weil aber Fortuna Köln gegen den Karslruher SC nicht über ein Unentschieden hinauskam, stieg Blau-Weiß 90 direkt auf. Hertha hingegen kämpfte mit Freiburg im Fernduell um den Klassenerhalt. Da das eigene Spiel in Aachen allerdings mit 0:2 verloren ging, brachten alle Rechenbeispiele nichts mehr – Hertha war fortan drittklassig.

Allerdings: Auch für Blau-Weiß 90 sollte das Abenteuer Bundesliga schnell wieder zu einem bitteren Ende kommen. Mit einer miserablen Punktebilanz von 18:50 wurde man Letzter. Für viele Jahre musste die Bundesliga in der Folge wieder ohne Berliner Teams auskommen. Hertha jedenfalls blieb zwei Saisons lang drittklassig. Erst im Juni 1988 folgte der Wiederaufstieg in Liga 2, wo es erneut zu einigen Duellen mit Blau-Weiß 90 kam. Das folgende Youtube-Video gibt die Fußball-Stimmung im damaligen Westberlin ganz gut wieder:

27. Januar 1990, Hertha BSC vs. Union Berlin (2:1)

Eigentlich haben wir uns hier bislang nur Pflichtspielen gewidmet. Es gibt allerdings ein Derby, das sowohl aufgrund seiner Geschichtsträchtigkeit als auch wegen der aktuellen Rivalität zwischen Hertha und Union erwähnt werden muss. Ende Januar 1990, nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, trafen sich Hertha und Union zu einem symbolischen Freundschaftsspiel im Olympiastadion vor rund 52.000 Zuschauern. Schon in den letzten Jahren vor der Wende hatte sich zwischen Hertha und Union über die Grenze hinweg eine tiefe Fan-Freundschaft entwickelt. Das Unioner Fanlager leibäugelte wohl nicht zuletzt wegen seiner Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime mit dem West-Klub. Als Hertha Ende der 1970er-Jahre Europapokal-Spiele in Osteuropa bestritt, reisten teilweise sogar Unioner an, um die Blau-Weißen zu unterstützen.

Das Spiel am 27. Januar geriet somit zur Nebensache. Fans beider Lager lagen sich in den Armen und feierten die Zusammenführung Berlins.

8. Juni 1991, Union Berlin vs. FC Berlin (1:0)

Union hatte es schwer in den Jahren vor und nach der Wende. Aus der aufgelösten DDR-Oberliga gingen nur zwei Teams in die Bundesliga, die meisten Ost-Teams aus der Oberliga und der DDR-Liga (2. Liga) mussten in einer Qualifikationsrunde um insgesamt sechs Plätze in der 2. Bundesliga kämpfen. Union belegte in der letzten DDR-Liga-Saison den ersten Platz und sicherte sich somit die Beteiligung an der Relegation zur 2. Bundesliga. Im Juni 1991 folgten dann die Relegationsspiele, unter anderem trat Union gegen den FC Berlin an, die Nachfolger-Mannschaft des BFC Dynamo. Das erste Spiel gewann Union zwar knapp mit 1:0, im Rückspiel verloren die Köpenicker allerdings. Aufsteigen konnte keines der beiden Berliner Teams, vielmehr belegte Stahl Brandenburg Platz 1 der Relegationsgruppe.

Die restlichen 1990er-Jahre waren eine harte Zeit für den FCU – sportlich und auch wirtschaftlich. Mehrfach verpasste man den Aufstieg in die 2. Liga. Trotz einer drohenden Insolvenz konnte sich das Team aber stetig in der Regionalliga halten, wo es in den 1990er Jahren zu mehreren Berlin-Duellen mit dem BFC Dynamo kam, der dann auch wieder seinen alten Namen trug. Erst 2009 stiegen die Köpenicker dann in die 2. Liga auf.

28. Oktober 1998, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (4:2)

In Westberlin deutete sich Ende der 1990er-Jahre für kurze Zeit nochmals eine neue, spannende Stadtrivalität auf Augenhöhe an. Tennis Borussia war in der Saison 1997/1998 mit Trainer Hermann („Tiger“) Gerland in die 2. Bundesliga aufgestiegen und spielte dort eine starke Saison. Im Oktober 1998 belegte TeBe zwischenzeitlich Platz 1 der 2. Liga – und genau zu dieser Zeit kam es im Achtelfinale des DFB-Pokals zum Berlin-Derby. Hertha war zu dieser Zeit ebenfalls gut unterwegs in der Bundesliga, am Ende der Saison belegte das Team von Jürgen Röber sogar Platz 3 und qualifizierte sich direkt für die Champions League.

hertha union berlin
Foto: IMAGO

Doch an jenem 28. Oktober 1998 war TeBe schlichtweg zu gut für Hertha. Gerlands Mannschaft (u.a. mit Spielern wie Ilja Aracic und Francisco Copado) führte schon zur Halbzeit 2:1 und brachte den Sieg vor einer begeisterten Kulisse im Olympiastadion und nach einem Feuerwerk zu Beginn des Spiels sicher über die Ziellinie. Hertha musste allerdings nur ein Jahr warten, um sich zu revanchieren: Auch in der darauffolgenden DFB-Pokalsaison traf man auf Tennis Borussia, dieses Match entschied Hertha jedoch nach einer Nachspielzeit 3:2 für sich.

17. September 2010, Union vs. Hertha BSC (1:1)

Weil Hertha nach einer dramatisch schlechten Saison 2009/2010 abstieg, kam es im Herbst 2010 zum ersten Pflichtspiel zwischen Hertha und Union. Nach einer frühen Führung durch ein Kopfballtor von Peter Niemeyer entwickelte sich ein offenes, rassiges Spiel. Kurz vor Schluss erzielte Union dann per Fernschuss doch noch das 1:1. Das Rückspiel ging im Olympiastadion sogar 1:2 verloren. Bis heute kam es in Liga eins und zwei zu insgesamt sieben Derbys zwischen den Köpenickern und Hertha: drei Siege für Hertha, zwei für Union und zwei Unentschieden. Wie und woher sich die heute existierende tiefe Abneigung zwischen den beiden Fanlagern ergeben hat, kann wohl niemand vernünftig erklären.

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Schon im ersten Spiel, im Herbst 2010, war von der tiefen Freundschaft, die noch während der Wende-Jahre existierte, keine Spur. Herthas Anhänger zündelten mit Feuerwerkskörpern und nach dem Rückspiel feierte sich Union als „Stadtmeister“, was angesichts der Tabellensituationen der beiden Klubs natürlich eine reine Provokation war. Denn: Hertha stieg direkt in die Bundesliga auf, die Köpenicker mussten noch einige Jahre in der 2. Liga verweilen, bis es dann am 2. November 2019 zum ersten erstklassigen Duell der beiden Vereine kam.

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Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Bayer Leverkusen

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Bayer Leverkusen

Herthas Trainer Pal Dardai bemüht des Öfteren die Schach-Metapher, wenn er von seiner favorisierten Spielweise spricht. Im Spiel gegen Bayer Leverkusen ging Hertha genauso vor: Mit jeweils ein, zwei genialen Spielzügen nutzte Hertha die Fehler des Gegners aus und stach effizient zu. Das lag auch daran, dass Lucas Tousart, Deyovaisio Zeefuik und Dodi Lukebakio heute ihre bislang stärkste Saisonleistung zeigten. Die Herthaner im Fokus.

Lucas Tousart – Herthas wertvoller Spieleröffner

Um ein Schachspiel zu gewinnen, muss man seinen Gegner in eine Situation versetzen, in der er sich nicht mehr wehren kann. Oft gelingt dies nicht mit einem Spielzug, sondern erfordert eine Vorbereitung, an der mehrere Figuren beteiligt sind. Immer aber gibt es eine Figur, die einen Angriff durch eine brillante Aktion einleitet. Der Ausgangspunkt für Herthas Schachmatt-Situationen war heute oft Lucas Tousart.

In seinem bislang besten Spiel für Hertha leitete er mit immens wichtigen, gewonnen Zweikämpfen Herthas offensive Spielzüge ein. Beispiel – das 2:0: Zusammen mit Landsmann Matteo Guendouzi gewinnt der Ex-Lyoner den Ball in der eigenen Hälfte, um dann Dodi Lukébakio über die rechte Seite zum entscheidenden Spielzug in die Tiefe zu schicken. Beispiel – das 3:0: Tousart gewann hier den Ball gegen den Leverkusener Wirtz und gab ihn an Matheus Cunha weiter, der wiederum den entscheidenden Spielzug über einen Pass an Deyovaisio Zeefuik vorbereitete.

Hertha Leverkusen
Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO

Dank Tousarts Dominanz (Zweikampfquote bei 80 Prozent) im defensiven Mittelfeld war der erst kürzlich für die Nationalmannschaft nominierte Florian Wirtz, derzeit eine von Bayers schärfsten Waffen, das ganze Spiel über abgemeldet. Es gab lediglich eine Phase, in der Herthas zentrales Mittelfeld drohte, wieder in das alte, lethargische Verhalten zu verfallen, nämlich nach den frühen 1:0, nach dem Leverkusen insbesondere über Herthas linke Abwehrseite oft zum Flanken kam.

Gerade in dieser Spielphase ermahnte Dardai aber oft Tousart und Guendouzi, dass sie früher „Druck, Druck, Druck“ machen sollen, was die beiden Franzosen dann auch erfolgreich taten. Es ist beeindruckend, welchen Wert Tousart mittlerweile für die Mannschaft hat.

Zeefuik und Lukébakio  – Die gefährlichen Läufer

Wie beim Schach dienen auch beim Fußball die Läufer dazu, zumeist über diagonale, längere Spielzüge den Gegner in bedrohliche Lagen zu bringen. Deyovaisio Zeefuik setzte am heutigen Sonntag durch seine überraschenden Läufe in Leverkusens Strafraum immer wieder solche Nadelstiche.

Ganz abgesehen von seinem Traumtor, das er von halbrechts aus nach ein paar Minuten unter die Latte setzte, sorgte er auch immer wieder für gefährliche Hereingaben – wie etwa vor dem 3:0, als er den Ball von rechts außen ins Strafraumzentrum spielte und somit Jhon Cordobas Tor vorbereitete. Kurz vor der Halbzeit ließ er zudem den Leverkusener Demirbay stehen, der anschließende Pass kam dann aber leider nicht an.

Hertha Leverkusen
Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Gleiches gilt erfreulicherweise für Dodi Lukébakio. Denn seien wir ehrlich: In den bisherigen Spielen dieser Saison war es keine große Wonne, dem Belgier beim Fußballspielen zuzusehen. Fehlpässe, aufgehobene Abseitsfallen und mangelnder Einsatz prägten sein Spiel. Am Sonntag zeigte Lukébakio ein ganz anderes Gesicht: Fast alle seiner Pässe (81 Prozent Passquote) kamen an und er sorgte immer wieder für Torgefahr. Der 23-Jährige spielte auffällig zielstrebig und schnörkellos.

Vor dem 1:0 legte Lukébakio klug auf Zeefuik zurück, anstatt den Ball ins übervölkerte Zentrum zu spielen. Auch das 2:0 legte der Belgier vor, als er auf der rechten Seite den zentral mitgelaufenen Cunha sah und den Ball zu ihm in die Mitte spielte. Das Bild von Lukebakio und Cunha, die sich nach ihrer Auswechslung auf der Tribüne gemeinsam freuten und abklatschten, ließ jedes Hertha-Herz höher schlagen. Später folgte übrigens eine ähnliche Szene zwischen Pal Dardai und Arne Friedrich auf der Bank. Ein schöner Tag für alle Herthaner.

Matheus Cunha – Der Schachmatt-Spieler

Die gefährlichsten Situationen in einem Schachspiel entstehen, wenn die Dame ihre volle Kraft entfaltet. Für sie gelten Regeln, die für keinen anderen Spieler gelten und ein übergroßes Maß an Freiheit. Die Dame ist an den meisten Schachmatt-Situationen beteiligt. Matheus Cunha ist Herthas „Dame“. Er genießt im offensiven Mittelfeld alle Freiheiten, holt sich die Bälle teils auf den Außen, teils am eigenen Strafraum ab und sorgt dann entweder selbst für Gefahr oder leitet diese ein.

Hertha Leverkusen
Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

Nach einer etwas schwächeren Saisonphase (auch wegen Verletzungen) hat Cunha am heutigen Sonntag genau diese Eigenschaften wieder gezeigt. Wie der Brasilianer vor dem 2:0 den oben beschriebenen Pass von Lukébakio mitnimmt und mit einer kleinen Hüftbewegung zwei Leverkusener stehenlässt, ist einmalig und Gold wert für Hertha. Immer wieder imponierend ist sein Drang zum Tor.

Selbst wenn Cunha Bälle auf Höhe der Mittellinie holt, zieht er Richtung Tor. Dabei lässt er auch gerne mal mehrere Gegner stehen und schießt dann selbst. Mit etwas mehr Trefferglück schießt Cunha im heutigen Leverkusenspiel auch noch zwei Tore mehr und Hertha gewinnt 5:0. Fünf Schüsse, ein Schlüsselpass, drei Dribblings und dazu noch drei Tacklings wie zwei abgefangene Bälle – die Berliner „junge Dame“ ist zurück.

Und dann war da noch…

Marton Dardai: Liebe Kolleg/-innen von der Fußball-Fachpresse. Ihr müsst Pal Dardai nicht mehr fragen, warum gerade sein Sohn derzeit sehr viel Einsatzzeit bekommt. Papa Dardai hat mehrfach gesagt, dass Marton eher mehr machen muss als seine Teamkameraden, um spielen zu dürfen. Nachdem Pal Dardai diese Frage unter der Woche gefühlt zum 20. Mal beantworten musste, wurde er das auch vor dem Spiel am Sky-Mikro wieder gefragt. Das war dann das eine Mal zu viel – Dardai senior rastete aus und wurde deutlich.

Hertha Leverkusen
Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO

Die Frage erübrigt sich auch, weil Marton einfach extrem sicher in Herthas Abwehr steht. Wenn Marton Dardai in der 21. Minute nicht mit einer extrem gut getimeten Grätsche dem Leverkusener Bailey den Ball abgenommen hätte, wäre womöglich das 1:1 gefallen und das Spiel ganz anders verlaufen. Es fühlt sich so an, als ob der junge Dardai schon seit zehn Jahren für Sicherheit in Herthas Abwehr sorgt. Seine Werte (86 Prozent Passquote, 75 Prozent Zweikämpfe) sprechen für sich.

Fazit: Dreimal Schachmatt

Eigentlich gehörte das Leverkusen-Spiel noch zur schwierigen Saisonphase Herthas, in der nach und nach alle Spitzenteams abgeklappert werden. Im Gegensatz zu den vorherigen Spielen gegen die besten Teams dieses Landes waren am heutigen Sonntag aber zwei Faktoren anders. Erstens war Hertha extrem effizient und nutzte fast alle Nadelstiche gezielt aus. Zweitens war Leverkusen auch einfach nicht gut. Die Werkself lief zum Beispiel zwei Kilometer weniger als Hertha (112 vs. 114 km).

Hertha Leverkusen
Foto: Andreas Gora/IMAGO

Insbesondere der Fakt, dass Leverkusen nur einen einzigen Schuss aufs Tor abgab, zeigt aber, dass Bayer heute nicht den nötigen Druck auf den Platz brachte. Endlich mal wieder gehen wir Herthaner mit einem guten Gefühl in eine (sinnlose) Länderspielpause. Gerade mit der heutigen Leistung wächst die Vorfreude aufs Derby in zwei Wochen von Tag zu Tag.

[Titelbild: xMatthiasxKochx/IMAGO]

Kaderplanung – Hat Hertha ein Problem mit Sprachen?

Kaderplanung – Hat Hertha ein Problem mit Sprachen?

Wenn man eine Fußballmannschaft neu zusammenstellt, muss eines stimmen: die Kommunikation. Denn das berühmte „blinde Verständnis“ kommt erst nach jahrelanger Abstimmung von Laufwegen. Bei Hertha BSC hat man es in einer neu aufgebauten Mannschaft offenbar versäumt auf die sprachliche Abstimmung auf dem Platz zu achten. So zumindest könnte sich das teils chaotische Vorgehen im Spiel erklären. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gäbe es aber einen Ausweg.

Fehlpässe ins Nichts, Gegentore durch Fehlabstimmungen beim Rauslaufen und Spieler, die gleichzeitig zum Kopfball gehen. Welcher Herthaner hat diese Situationen in der laufenden Saison nicht kennen und lieben gelernt? Ironie beiseite. Es gab Spiele in den vergangenen Monaten, in denen man sich fragen musste, ob diese Mannschaft überhaupt schon einmal miteinander trainiert hat. Aus sportlicher Sicht kann man hier sicherlich die verkorkste Kaderplanung der Herren Preetz, Klinsmann und später Labbadia verantwortlich machen.

Denn nach der vergangenen Saison wurden einige wichtige, erfahrene Spieler mit jungen Neueinkäufen ersetzt und somit tragende Säulen aus dem Team entfernt. Insbesondere im zentralen Mittelfeld zeigt sich, dass Herthas Kaderplanung der Weitblick seit Jahren fehlt. Denn weder Marko Grujic noch Matteo Guendouzi sind/waren langfristig an Hertha gebunden und auch die Entscheidungen in den Fällen Arne Maier und Eduard Löwen hinterlassen einige Fragezeichen.

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Aber das teils chaotische, unabgestimmte Auftreten der Mannschaft könnte noch eine weitere, nicht-sportliche Komponente haben. Denn klar ist: Das sind ja alles eigentlich sehr gute Fußballer, die Hertha da verpflichtet hat. Bei ihren Ex-Vereinen zeigten Lucas Tousart, Krzysztof Piatek oder auch Matheus Cunha großartige Leistungen – warum funktionieren sie nicht zusammen? Zumindest ein Teil der Antwort könnte in der Kommunikation liegen, also in der Sprache. Pal Dardai stellte zu Anfang seines erneuten Engagements als Hertha-Profitrainer fest: „Als ich in die Kabine kam, haben manche weder Deutsch noch Englisch gesprochen.“ Ohne Teamgeist und gemeinsame Sprache habe es aber gar keinen Sinn ergeben, über Taktik zu sprechen.

Herthas neuer Sprachfokus

Denn mit dem neuen Kader hat Hertha nicht nur einen bunten Mix an Fußball-Erfahrungen sondern auch ein komplett neu besetztes Sprachen-Orchester zusammengestellt. Für Sprachwissenschaftler und aus Zwecken der Völkerverständigung mag dies zwar toll sein. Aber wenn man innerhalb von Wochen eine Bundesliga-taugliche Fußballmannschaft aufbauen muss, kann dies hinderlich sein – insbesondere, wenn man seitens des Trainerteams den falschen, sprachlichen Ansatz wählt.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wäre es gut gewesen, sich zu Saisonbeginn wenigstens kurz mit der neuen Sprachstruktur der Mannschaft zu beschäftigen. Dann wäre Herthas Oberen aufgefallen, dass das Team inzwischen einen beachtlichen romanischen Sprach-Fokus hat. Die romanischen Sprachen gehören, wie beispielsweise die germanischen Sprachen, zur indogermanischen Sprachfamilie. Zu den romanischen Sprachen gehören beispielsweise Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Französisch. All diese Sprachen haben gemein, dass sie gewissermaßen eine Weiterentwicklung des (Vulgär-)Lateins sind. Zu dieser Sprechergruppe gehören in Herthas neuem Kader unter anderem Matheus Cunha, Lucas Tousart, Omar Alderete, Dodi Lukebakio, Santiago Ascacibar und Mattéo Guendouzi.

Nicht nur für Manager wichtig: Positive Transfers

Wie hätte diese Erkenntnis Hertha helfen können? In der Fremdsprachenforschung gibt es den Begriff des positiven Sprachtransfers (interlinguale Interferenz). Eine solche positive Übertragung zwischen zwei Sprachen liegt vor, wenn beispielsweise ein spanischer Muttersprachler wie Omar Alderete einen französischen Muttersprachler wie Mattéo Guendouzi versteht, wenn er „bon“ (deutsch: „gut“) sagt, denn die spanische Version („bueno“) ist dem nicht allzu fern. Kurzum: Selbst wenn Alderete in der Schule nie Französisch hatte, wird er Guendouzi oder Lukébakio verstehen, wenn sie auf dem Platz Wörter wie „bon“ oder „bien“ (als Adverb) benutzen.

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Solche positiven Transfers gibt es nicht nur im lexikalischen Bereich, also auf Wortebene, sondern auch auf grammatikalischer. Deutsche Muttersprachler lernen diese gutartigen Übertragungen kennen, wenn sie beispielsweise einzelne Worte im Niederländischen oder Englischen wiedererkennen – schließlich gehören diese Sprachen wiederum allesamt zur germanischen Sprachfamilie.

Natürlich wäre es falsch gewesen, zu Saisonbeginn Spanisch als Amtssprache auf Herthas Trainingsplatz einzuführen. Erstens wären dann alle anderen Mannschaftskameraden benachteiligt worden, zweitens muss es das Ziel sein, dass die Mannschaft zumindest auf dem Feld in einer Sprache kommuniziert und ihren Trainer versteht. Doch genau daran haperte es bei Hertha unter Bruno Labbadia. Labbadias Anweisungen (derzeit ja gut hörbar) waren konsequent deutsch. Spieler wie Tousart oder Guendouzi hatten vorher wenig bis gar keinen Kontakt zur deutschen Sprache – vielleicht ließ sich Labbadias Spielidee auch aus sprachlichen Gründen nicht so leicht in der Mannschaft verankern.

Labbadia scheiterte (u.a.) an der Kommunikation

Dabei hätte Labbadia als Sohn italienischsprachiger Eltern die besten Voraussetzungen gehabt, während des Spiels wichtige Anweisungen auch der romanischen Sprechergruppe bei Hertha verständlich zu machen. Denn das Italienische ist in der romanischen Sprachfamilie die Sprache, die der Ursprungssprache Latein noch am nächsten ist. So kommt es, dass spanisch-, französisch- oder portugiesisch Sprechende Italiener meistens ganz gut verstehen. In einem Interview mit dem NDR hat Labbadia allerdings vor vielen Jahren schon berichtet, dass er schon als Kind aufhörte Italienisch zu sprechen, weil ihn die deutschen Mitschüler dafür hänselten. Mal ganz davon abgesehen, dass das widerlich ist, ist es aus oben beschriebenen Gründen auch schade für den Fußballtrainer Labbadia, dem seine Muttersprache sicherlich in manchen Situationen helfen könnte.

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Als Labbadia noch Herthas Trainer war, wurde Michael Preetz von einem Journalisten sogar auf ein mögliches Sprachenproblem bei Hertha angesprochen. Herthas Ex-Manager wischte die Frage aber vom Tisch, indem er darauf verwies, dass Fußball doch die Macht habe auch ohne sprachliche Gemeinsamkeiten Menschen zu vereinen. Natürlich ist das richtig. Aber so wie der Fußball haben auch Sprachen eine vereinende Wirkung und vielleicht hat Hertha diese etwas unterschätzt. Pal Dardai hat nun kürzlich erklärt, dass bei ihm ebenfalls konsequent deutsch gesprochen werde im Training.

Mittlerweile dürften sich Herthas Neuzugänge auch die wichtigsten sprachlichen Signale beim Training und im Spiel in deutscher Sprache eingeprägt haben. Wenn nicht, wäre es bei Dardais Ansatz aber unabdingbar, dass die Profis abseits des Trainings ihr Deutsch in zusätzlichem Sprachunterricht verbessern.

Khedira als verbindendes Element

Klar ist, dass Dardai mit seiner Muttersprache keine positiven Sprachtransfers erzeugen kann. Denn Ungarisch gehört zu einer äußerst kleinen Sprachfamilie, den finno-ugrischen Sprachen. Zu dieser Familie gehören neben dem Ungarischen nur noch Finnisch, Estnisch und ein paar in Russland gesprochene Dialekte.

Allerdings macht eine andere Personalie Hoffnung, was eine mögliche Verbesserung der Kommunikation betrifft. Sami Khedira spielte in den vergangenen elf Jahren zunächst in Spanien, dann in Italien. Khedira dürfte nach diesen Auslandsaufenthalten ein nahezu perfektes Fußball-Spanisch bzw. -Italienisch sprechen. Als erfahrener Spieler und Weltmeister gilt er im Kader ohnehin als Ansprechpartner. Für Herthas neue Romanisten-Fraktion könnte er nun auch eine linguistische Brücke bauen.

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