Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Sturm

Kaderanalyse 2019/20 – Herthas Sturm

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte. In diesem Teil wird die Position der Mittelstürmer näher beleuchtet.

Hertha und die Stürmer – ein schwieriges Thema. Denn gefühlt hat es nach Michael Preetz, Marcelinho und Marco Pantelic keinen Hertha-Stürmer mehr gegeben, der über Jahre hinweg, ligaweit und konstant für seine Torgefahr gefürchtet war. Durch Herthas neuen Reichtum, hoffnungsvolle Nachwuchsstürmer und die Trainerwechsel hat sich aber auch auf dieser Position in der abgelaufenen Saison viel getan. Grund genug, um den Sturm in unserer Kaderanalyse unter die Lupe zu nehmen.

Vedad Ibisevic – Ein versöhnliches Ende?

Stürmer werden bekanntlich nach Toren bewertet. Schaut man sich die Tor-Statistiken von Hertha aus der vergangenen Saison an, wird klar, dass die Effizienz der Torbeauftragten viel Luft nach oben hat. Denn unter den fünf Spielern mit den meisten Treffern ist Vedad Ibisevic der einzige „echte“ Stürmer. Der Bosnier Ibisevic hat mit zehn Saisontoren (Liga und Pokal) in der vergangenen Saison die meisten Tore erzielt, wobei sieben Tore in Ligaspielen und drei Tore in Pokalspielen erzielt wurden. Auch eine andere Statistik spricht für den 36-Jährigen: Mit durchschnittlich 136 Minuten hat Ibisevic von allen Hertha-Torschützen am wenigsten Zeit benötigt, um erneut zu treffen. Allerdings ist der „Vedator“ mit diesen Werten noch weit von der Ligaspitze entfernt: Robert Lewandowski (34 Ligatore, 72 Minuten/Tor) und Timo Werner (28 Tore / 106 Minuten/Tor) agieren in anderen Sphären.

Und dennoch hat Ibisevic für seine und Herthas Verhältnisse eine gute Saison gespielt, in der weniger die Quantität sondern mehr die Bedeutung seiner Treffer bestach. Man denke nur an das Spiel in Köln in der Hinrunde, in dem der Bosnier den „Effzeh“ nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit quasi im Alleingang mit einem Doppelpack besiegte. Nach einem missglückten Saisonstart war der Sieg gegen Köln im Herbst 2019 eines der wenigen Lebenszeichen der von Ante Covic geleiteten Hertha.

Foto: IMAGO

Schaut man auf die vergangene Saison zurück, waren es eher die Trainer als Ibisevic selbst, die dafür sorgten, dass der „Vedator“ nicht häufiger traf. Denn Covic und Klinsmann setzten beide konstant auf Selke, was sich als krasser Fehler herausstellte. Erst Bruno Labbadia, der mit dem Bosnier schon in Stuttgart erfolgreiche Zeiten erlebt hatte, erkannte die Qualitäten Ibisevics: Er kann aus dem Mittelfeld angespielt werden, die Bälle dabei „festmachen“, holt einige Freistöße in wichtigen Positionen heraus und – das zeigte das oben angesprochene Köln-Spiel par excellence – hat kluge Laufwege, die ihn immer wieder in die gefährlichen Räume bringen. Ein echter Torjäger eben.

Trotzdem soll Ibisevic in der kommenden Saison wohl nicht mehr für die Hertha auflaufen. Trotz spannender Nachwuchspieler und neu eingekaufter Stars ist dies ein riskantes Unterfangen: Ibisevic hatte zwar immer wieder auch schlechte Phasen. In seinen guten Zeiten war er aber immer wertvoll, teils spielentscheidend. Mit 56 Ligatoren für Hertha liegt er auf Platz zehn der Rekordtorschützen unseres Vereins. In allen seinen fünf Spielzeiten in blau-weiß gehörte Ibisevic mindestens zu den drei besten Torschützen der Mannschaft. Er und Salomon Kalou waren viele Jahre die Lebensversicherung der “alten Dame”. Nachdem die Leistungskurve in den jüngeren Zeit allerdings noch unten zeigte, wird die viel wichtigere Frage sein, wie das aus vielen jungen Spielern und Neueinkäufen zusammengesetzte Team den Abgang zweier „Leader“ (Ibisevic und Skjelbred) verkraften kann.

Ein offizielle Verabschiedung des “Vedators” hat es seitens des Vereins allerdings noch immer nicht gegeben. Es ist also nicht zu 100 Prozent auszuschließen, dass der 36-Jährige nicht doch noch eine weitere Saison in Berlin auf Torejagd geht. Hertha soll nach einem neuen Stürmer suchen, doch sollte dieses Unterfangen nicht glücken, weil z.B. kein geeigneter Kandidat zu finden oder nicht zu finanzieren ist, könnte es eine “Rückkehr” Ibisevic’ geben – sollte dieser keine interessantere neue Herausforderung angeboten bekommen. Falls dies jedoch das Ende gewesen sollte, kann Ibisevic als bester Hertha-Torjäger der vergangenen Saison guten Gewissens abdanken.

Davie Selke – Letzte Chance vertan

Nach der Saison 19/20 kann man nun wohl mit Sicherheit feststellen: Davie Selke wird keine Zukunft mehr bei Hertha BSC haben. Nach einer recht guten Saison 17/18 (zehn Tore in 27 Liga- und Pokalspielen) und einer schwächeren zweiten Hertha-Saison (drei Tore in 30 Spielen) folgte eine enttäuschende Hinrunde 2019, in welcher der mit vielen Hoffnungen verbundene Stürmer in 19 Spielen ein einziges Tor schoss.

Foto: IMAGO

Dabei kann sich Selke nicht darüber beschweren, dass er bei Hertha zu wenige Chancen bekommen hätte. Schon in der Saison 18/19 wurde er von Pal Dardai oft bevorzugt, zahlte das Vertrauen aber fast nie zurück. Und auch in der vergangenen Saison setzten Covic und Klinsmann klar auf Selke und degradierten den Mannschaftskapitän Vedad Ibisevic zum Bankdrücker. Klinsmann sah Selke sogar mittel- bis langfristig im Nationalkader – eine von vielen Fehleinschätzungen des ehemaligen Nationaltrainers. Dass Selke auch in der vergangenen Saison keinen Anschluss fand, lag an seinem Spielstil. Er ackert zwar auch im Mittelfeld, um sich Bälle zu erobern. Allerdings kann er im Gegensatz zu Ibisevic nur selten Bälle festmachen, auch seine Dribbling-Qualitäten lassen zu wünschen übrig. Hinzu kommen recht unkreative Laufwege, sodass er nur selten für Dynamik und Überraschungen im Spiel sorgt. Michael Preetz hatte einen ähnlichen Spielstil, der oft etwas unkonventionell bis ungeschickt wirkte. Allerdings hatte Preetz die Gabe, das Spiel besser zu lesen und in den richtigen Momenten am richtigen Fleck zu sein.

Die Zukunft des 25-Jährigen ist noch nicht final geklärt, schließlich muss Werder Bremen auch in der kommenden Saison die Klasse halten, damit die Kaufpflicht aktiviert wird – mindestens zehn Millionen würde Selke dann einbringen, womöglich sogar 15 Millionen, doch der damit verbundene Umstand, dass Bremen Europa erreicht, ist wohl illusorisch. Das ernüchternde Fazit zu Selke ist, dass der Stürmer ein nicht eingelöstes Versprechen ist. 2017 für damals viel Geld nach Berlin gekommen, sollte er die Zukunft des Berliner Mittelsturms sein, doch bis auf wenige Spiele, wie beispielsweise sein Doppelpack beim 3:2-Sieg über RB Leipzig, ist er diesen Erwartungen hinterhergehinkt. Es sollte nicht sein.

Krzysztof Piątek – Herthas neue Sturm-Hoffnung

Mit 24 Millionen Euro ist der Pole Krzysztof Piątek Herthas zweitteuerster Transfer der Vereinsgeschichte. Seine bisher größten Erfolge feierte Piątek zuvor in Italien, wo er zunächst für den CFC Genova 13 Tore in 19 Spielen machte und später in 36 Einsätzen 13 mal für den AC Mailand traf. Als Zlatan Ibrahimovic dann im Winter 19/20 nach Mailand wechselte, verlor der polnische A-Nationalspieler seinen Stammplatz und geriet zugleich ins Visier der Hertha, die nach einer sehr enttäuschenden Hinrunde eine „Tormaschine“ brauchte.

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images

Piąteks Stil ist schnörkellos: Bekommt er einen Ball in aussichtsreicher Position, sucht er sofort den Abschluss. Kreatives Passspiel und die Einbindung in längere Ballstafetten gehören offenbar nicht zu seinen Stärken, was oftmals dazu führt, dass Piątek phasenweise „untertaucht“ und etwas wenig Anbindung ans Spiel hat. Das ist aber auch okay – schließlich benötigt Hertha nach den Abgängen von Ibisevic, Selke und Kalou schlichtweg einen Stürmer, der regelmäßig Tore schießt. Dass der Pole diese Rolle bei Hertha in der kommenden Saison einnimmt, ist nicht unwahrscheinlich. Denn in den letzten Saisonspielen zeigte Piątek eine zufriedenstellene Leistung. In seinen 16 Hertha-Spielen (Liga und Pokal) kam Piątek auf fünf Treffer und eine Vorlage.

Dennoch ist weiterhin Luft noch oben klar erkennbar. Das sieht auch Trainer Bruno Labbadia so, der zuletzt gegenüber dem Berliner Kurier sagte: “Er läuft viel und macht viel. Die Statistiken sind sehr gut. Was man sagen kann, Krzysztof arbeitet extrem viel – auch außerhalb des Platzes. Er hat Fähigkeiten, die er mehr einbringen muss. Wir müssen es schaffen, ihn in seiner Position besser einzusetzen. Und er muss auch daran arbeiten. Er muss präsenter im Strafraum werden. Er muss noch effektiver werden.”

Pascal Köpke – Abschied wahrscheinlich

Wenn man sich im Internet nach Toren von Pascal Köpke umschaut, bekommt man einige beeindruckende Szenen zu sehen. Allerdings erzielte Köpke diese Tore fast ausschließlich im Trikot der „Veilchen“ von Erzgebirge Aue. Satte 18 Scorer-Punkte in 34 Zweitliga-Spielen gingen damals in einer Saison auf sein Konto. Zur Hertha wechselte der Stürmer vor der Saison 18/19 und hat seit dem eigentlich nie eine entscheidende Rolle gespielt. In der vergangenen Saison kam Köpke auf vier Ligaspiele und einen Pokaleinsatz.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Dieses eine Pokalspiel hatte es allerdings in sich: Sehr überraschend hatte ihn Jürgen Klinsmann gegen Schalke in die Startelf befördert. Und zum ersten Mal machte Köpke im Hertha-Dress einen Unterschied: In klassischer Mittelstürmer-Manier machte er das 1:0 und legte wenig später das 2:0 vom damaligen Neuzugang Krzysztof Piątek auf. In den Klinsmann-Wochen kam Köpke zu einigen wenigen Einwechslungen. Besonders dürfte diese Zeit für ihn auch gewesen sein, weil sein Vater kurzzeitig Torwarttrainer bei Hertha war.

Unter Bruno Labbadia spielte Köpke dann erneut keine Rolle mehr. Ein Abschied ist mit Blick auf die anstehenden Kaderveränderungen wahrscheinlich. Die damalige Verpflichtung des quirligen Angreifers war eine Spekulation auf die Zukunft: Der Sprung von Aue nach Berlin war so groß, dass es nicht unwahrscheinlich gewesen ist, dass Köpke eben jenen Schritt nicht vollziehen kann. Das Experiment gilt wohl als gescheitert, 13 Einsätze und gerade einmal 264 Minuten in zwei Jahren belegen diese These.

Daishawn Redan – Der ungeschliffene Diamant?

Daishawn Redan ist ein 19 Jahre junger Mittelstürmer, der in der niederländischen Ajax-Schule groß geworden ist, vor einigen Jahren zu Chelsea wechselte und seit Anfang der vergangenen Saison bei Hertha spielt. Redan wurde teilweise als das „Wunderkind“ von Ajax und Chelsea beschrieben – die Verpflichtung durch Hertha weckte daher Hoffnungen. Auch wenn wir von Redan noch nicht viel gesehen haben – seine Statistiken klingen spannend. In der niederländischen Jugendmannschaften traf Redan zuletzt fast in jedem Spiel. In der U18 und der U19 der Londoner erzielte der Niederländer 18 Tore.

Und auch im Hertha-Dress hat Redan schon getroffen: In seinen acht Einsätzen für die U23 von Michael Hartmann kam Redan auf vier Tore. Im Profi-Team wurde er bislang nur einmal eingesetzt: Bei der 0:3 Heimniederlage gegen Wolfsburg am 2. Spieltag. In der Rückrunde wurde Redan dann an den niederländischen Erstligisten FC Groningen verliehen, wo er einige Spiele bewältigte, aber keine Tore machte – bis die Saison 19/20 wegen des Coronavirus abgebrochen wurde. Gemeinsam mit Jessic Ngankam könnte sich Redan in der kommenden Saison um die Rolle des besten Nachwuchsstürmers streiten. In jedem Fall sollte Hertha ihn nicht voreilig ziehen lassen.

Jessic Ngankam – Herthas eigenes Sturm-Juwel

Immer wieder kommen aus der Hertha-Jugend vielversprechende Talente in die Profi-Mannschaft. Dass diese Spieler aber schon mit 18 oder 19 Jahren von mehreren europäischen Spitzenclubs gejagt werden, passiert nicht sehr oft. Bei Jessic Ngankam ist das aber der Fall. Obwohl im Mai dieses Jahres von Interesse aus München und Salzburg berichtet wurde, unterschrieb das Berliner Eigengewächs seinen ersten Profivertrag bei Hertha. Belohnt wurde er von Bruno Labbadia mit mehreren Einwechslungen. Im letzten Saisonspiel gegen Mönchengladbach sammelte Ngankam sogar seinen ersten Scorer-Punkt, als er Ibisevic seinen wohl letzten Hertha-Treffer auflegte. In Hartmanns U23 zeigte Ngankam in der vergangenen Saison, was in ihm steckt: In 22 Spielen traf er elf Mal – seine Torquoten in den Jugendmannschaften Herthas sind noch beeindruckender. Schön, dass Labbadia den Nachwuchsspielern häufig Chancen gibt. Ngankam hat sie verdient – es wäre toll, wenn er sich einen Platz im Team ergattert.

Muhammed Kiprit – Geht da noch was?

Einen ähnlichen Text wie über Ngankam hätte man in den vergangenen Jahren vor Saisonbeginn jeweils auch über Muhammed Kiprit schreiben können. Der gebürtige Berliner hat in der Jugend für Hertha viele Tore geschossen, 2018 wurde er dann zum Hertha-Profi. Doch seitdem steht die Entwicklung still. In der Rückrunde 18/19 wurde Kiprit für ein paar Monate nach Innsbruck verliehen. In der vergangenen Saison lief er dann wieder 21 mal für die U23 von Hertha auf – und machte beachtliche 16 Tore bei fünf Vorlagen. Alleine diese Werte zeigen, dass Kiprit als Stürmer wertvoll sein kann. Vielleicht bekommt er bei Labbadia ja noch eine Chance – es ist allerdings nicht davon auszugehen.

Fazit

Obwohl Hertha in der vergangenen Saison mit Ibisevic und später auch Piątek zwei klassische Strafraumstürmer hatte, die für wichtige Tore sorgten, gibt es nach wie vor ein Stürmerproblem. Das zeigen mehrere Statistiken. Mit sieben Ligatreffern sind Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio Herthas erfolgreichste Torschützen und rangieren damit auf Platz 33 der Torjäger-Liste der Bundesliga. Dass bei Hertha die Torgefahr zumeist nicht von Stürmern sondern von offensiven Mittelfeldspielern (Lukebakio, Cunha, Kalou, etc.) ausgeht, zeigt auch ein Blick in die Scorer-Liste der Liga. Mit sieben Treffern und sechs Vorlagen ist Lukebakio auf Platz 31 bester Herthaner. Das mag sicherlich auch an den vielen Trainerwechseln der vergangenen Saison liegen: Denn unter Klinsmann und Covic hatte der einzige treffsichere Stürmer Ibisevic in der Hinrunde wenig Einsatzzeit. Wer weiß, wie viele Tore der „Vedator“ gemacht hätte, wenn er Selkes Spielzeit bekommen hätte …

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Hoffnung machen aber die jüngsten Entwicklungen unter Bruno Labbadia, der selbst jahrelang auf Torejagd ging. Einerseits erkannte Labbadia, dass Ibisevic nach seinen Hertha-Jahren als Stürmer am besten mit dem Rest der Mannschaft verbunden ist – der Bosnier zahlte dies mit guten Leistungen und Treffern zurück. Andererseits baute Labbadia gleichzeitig Neuzugang Piątek auf – der Pole wurde von Spiel zu Spiel besser und konnte zeigen, dass er Ibisevics Platz als gefährlicher Strafraumstürmer einnehmen könnte. Hoffnung machen auch Nachwuchs-Talente wie Ngankam oder Redan, die unter Labbadia sicherlich ihre Zeit bekommen werden.

Ganz egal, wer vorne spielt – Hertha muss auch spielerische Probleme lösen. Sowohl mit Ibisevic als auch mit Selke und Piątek hat es in der vergangenen Saison zu oft so gewirkt, als habe der Sturm keinen Anschluss ans Mittelfeld gehabt. Der Abstand der Stürmer zu den kreativen Passgebern war oft zu groß, sodass nur selten spielerisch-dynamisch Gefahr entstanden ist. Wünschenswert wäre es daher, dass der Strafraumstürmer Piątek einen weiteren spielstarken Stürmer an seine Seite bekommt. Vielleicht können diese Aufgabe ja die Talente Ngankam und Redan erfüllen – vielleicht aber auch ein weiterer Neuzugang.

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Interview Andrew Ullmann (FDP) „Stufenweise Wiedereröffnung der Stadien verantwortbar“

Interview Andrew Ullmann (FDP) „Stufenweise Wiedereröffnung der Stadien verantwortbar“

Die vergangenen Monate haben uns Herthafans einiges abverlangt. Nach einer Chaos-Saison kam es zur Corona-Pause, es folgte die Wiederaufnahme des Spielbetriebs – ohne Zuschauer. Tolle Hertha-Spiele, wie den Derby-Sieg, konnten wir nur am Fernseher miterleben. Wenn Mitte September die Liga wieder startet, könnte das so weitergehen. Denn Großveranstaltungen sind bis Ende Oktober untersagt. Doch es kommt Bewegung in die Sache: Die DFL hat ein Konzept zur Wiedereröffnung der Stadien vorgelegt. Und auch in der Politik gibt es Befürworter.

Hertha BASE sprach mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Andrew Ullmann. Ullmann ist Klinikprofessor für Infektiologie und sitzt im Gesundheitsausschuss des Bundestages – er kennt sich aus mit dem Coronavirus. Im Interview erklärt er, wie aus medizinischer Sicht Fußballspiele wieder mit Fans stattfinden könnten.

Hertha BASE: Herr Ullmann, Sie wohnen in Würzburg, sind Klinikprofessor für Infektiologie und seit 2017 Bundestagsabgeordneter für die FDP. Im Bundestag kümmern Sie sich normalerweise um gesundheitspolitische Themen. Kürzlich forderten Sie in einer Pressemitteilung aber, dass Spiele im Profifußball wieder mit Zuschauern stattfinden sollen. Was hat Sie zu dieser Forderung bewegt? Der inzwischen feststehende Aufstieg der Würzburger Kickers, infektiologische Beurteilungen oder politische Strategien?

Prof. Dr. Ullmann: Ich habe mich sehr über den Aufstieg gefreut, bin auch Dauerkartenbesitzer bei den Kickers. Natürlich war ich etwas traurig, dass der Aufstieg nicht gemeinsam mit den Fans in der Stadt gefeiert werden konnte. Meine Forderung nach den Zuschauern im Stadion ist aber politischer Natur. Ich habe mich kürzlich mit einigen Fraktionskollegen unterhalten, sie fragten mich, wie ich aus medizinischer Sicht mögliche Lockerungen bei Großveranstaltungen bewerten würde.

HB: Inzwischen sind die meisten Corona-Maßnahmen ja wieder zurückgeschraubt worden. Die Einschränkungen für Großveranstaltungen gelten allerdings noch, werden in den Ländern allerdings unterschiedlich ausgelegt. Gleichzeitig breitet sich das Coronavirus in anderen Teilen der Welt teils ungebremst aus. Meinen Sie wirklich, man sollte alle Maßnahmen zurückfahren?

Prof. Dr. Ullmann: Der Lockdown hat nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Schaden hinterlassen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen haben die Menschen teilweise wie in Einzelhaft gelebt – wochenlang. Es gab familiäre Stresssituationen. Da ich fest von einer zweiten Infektionswelle ausgehe, finde ich es wichtig, dass wir den Menschen jetzt in den Bereichen, die Spaß und Freude bringen, wieder Luft zum Atmen geben.

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HB: Erwiesen ist es nicht, aber es gibt die Theorie, dass einige Europapokalspiele im Februar und März sogenannte „Superspreading Events“ gewesen sein könnten. Wie könnte Ihre Forderung nach Zuschauern im Stadion trotzdem umgesetzt werden?

Prof. Dr. Ullmann: Wir brauchen ein absolut schlüssiges Konzept, weil wir nach wie vor sehr vorsichtig sein müssen und keine Ausbruchsituationen im Sinne von Superspreader-Events verursachen dürfen. Nach den heutigen Zahlen muss es eine stufenweise Wiedereröffnung der Stadien geben. Das wäre verantwortbar. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass man zunächst 25 bis 30 Prozent der ursprünglichen Besucher zulässt. Vielleicht könnte es ein Losverfahren geben, bei dem die Zuschauer per Mail einen Platz zugewiesen bekommen. Fest steht, dass wir den Abstand im Stadion brauchen. Wenn es keinen großen Ausbruch in Deutschland gibt und die erste Stufe eine Zeit lang gut funktioniert, könnte man ja irgendwann auf 50 Prozent der Zuschauer erhöhen. Im Fanblock, also auf den Stehplätzen wird es sicherlich schwierig sein, den Abstand einzuhalten. Aber auch hier könnten provisorische Absperrungsbänder eingezogen werden.

HB: Im Stadion lässt sich der Abstand vielleicht noch irgendwie realisieren. Aber die wirklich engen und „gefährlichen“ Kontakte gibt es doch vor und nach dem Spiel in der U-Bahn, am Bierstand oder in der Schlange vor dem Stadion. Ist der Blick ins Stadion daher nicht etwas zu kurz gedacht?

Prof. Dr. Ullmann: Natürlich muss es nicht nur im Stadion ein gutes Hygienekonzept geben. Deswegen plädiere ich auch dafür, dass zur Umsetzung der neuen Normalität in Stadien Round Tables in allen betroffenen Landkreisen gebildet werden. Da müssen die Vereine, die Gesundheitsämter aber auch der ÖPNV mit am Tisch sitzen und das Konzept ganzheitlich durchdenken.

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HB: Inzwischen sind ja auch die Grundzüge eines Hygienekonzeptes für Bundesligastadien mit Zuschauern der DFL bekannt. Sie sind aber eher dafür, dass die Hygienemaßnahmen vor Ort, also am Spielort geplant werden?

Prof. Dr. Ullmann: Es kann und sollte schon ein zentrales Hygienekonzept geben, das aber regional angepasst werden sollte. Je nach Infektionsgeschehen und den örtlichen Gegebenheiten sind in manchen Stadien vielleicht strengere Maßnahmen nötig als in anderen. In Berlin sollte sich beispielsweise unbedingt U- und S-Bahn an dem Konzept beteiligen. In kleineren Städten gibt es keine U-Bahn, dafür stehen die Menschen vor dem Stadion enger zusammen und sollten hier mehr getrennt werden.

HB: Die Maskenpflicht steht ja zurzeit in der Diskussion. Fußballspiele finden im Freien statt, würden Sie bei einer möglichen Öffnung der Stadien trotzdem für eine Maskenpflicht beim Fußball plädieren?

Prof. Dr. Ullmann: Nein, ich denke, dass das nicht möglich sein wird. Allerdings möchte ich festhalten, dass ich für eine Beibehaltung der Maskenpflicht im Einzelhandel und ÖPNV bin. Viel wichtiger wäre für mich ein grundsätzliches Alkoholverbot.

HB: Das müssen Sie bitte erklären.

Prof. Dr. Ullmann: Auch wenn bei SARS-CoV-2 die Infektion wohl auch über Aerosole möglich ist, geht von der Tröpfcheninfektion wohl immer noch die größte Gefahr aus. Die Abstandsregeln sind daher sehr wichtig, auch im Freien. Alkohol enthemmt und verleitet die Menschen dazu, Regeln zu vernachlässigen.

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HB: Ein eigenes Hygienekonzept liegt ja inzwischen auch von Union Berlin vor. Der Verein will alle Fans ins Stadion lassen, allerdings nur, wenn sie einen PCR-Test vorweisen können, der jünger als 24 Stunden ist. Union will diese Tests selbst bezahlen. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Ullmann: Grundsätzlich finde ich es gut, dass jetzt kreative Ideen bekannt werden. Man kann sich durchaus überlegen, einem solchen Versuchsballon mal eine Chance zu geben. Aus medizinischer Sicht ist das mit den Tests aber schwierig. Es ist durchaus vorstellbar, dass Menschen mit einem zunächst negativen PCR-Test 24 Stunden später trotzdem infektiös sind. Außerdem hört sich das Ganze sehr teuer an und ich sehe die Gefahr, dass Testkapazitäten an ihre Grenzen kommen. Aber was wir jetzt brauchen sind gute Ideen, Realitätsinn und Mut. Denn es ist die falsche Annahme, dass wir bald wieder zur alten Normalität auch in Stadien zurückkehren können, es wird eine neue Normalität geben, die wir uns erst noch schaffen müssen.

HB: Können wir davon ausgehen, dass die FDP-Fraktion in diesem Bereich nach der Sommerpause tätig wird?

Prof. Dr. Ullmann: Wir arbeiten derzeit schon an einigen Vorschlägen, die sich mit dem Umgang weiterer Ausbrüche aber auch mit der Prävention beschäftigen.

Foto: Andrew Ullmann

Zur Person:
Andrew Ullmann wurde 1963 in Los Angeles geboren. Anfang der 70er-Jahre zog er mit seiner Familie dann aber nach Deutschland, machte in Nordrhein-Westfalen Abitur und studierte in Bochum Medizin. Einen Teil seiner medizinischen Ausbildung bewältigte er in New York und an der Harvard Medical School. 2008 habilitierte er an der Uni-Klinik Mainz, 2012 folgte er einem Ruf als Universitätsprofessor für Infektiologie an die Uni-Klinik Würzburg. Seit 2003 ist Ullmann FDP-Mitglied.

In den vergangenen Jahren intensivierte er seine Parteiarbeit in der FDP Bayern, seit 2013 ist er Mitglied des Landesfachausschusses für Gesundheit in Bayern und auch des Bundesfachausschusses. 2015 wurde er zum Vorsitzenden der FDP in Würzburg gewählt. 2017 folgte der Einzug in den Bundestag über die Landesliste der FDP Bayern. Ullmann ist auch Fußballfan: Er ist Dauerkarteninhaber bei den Würzburger Kickers.

Weeste noch? Europapokal-Sieg gegen Brøndby – Höhenflug vor dem Absturz

Weeste noch? Europapokal-Sieg gegen Brøndby – Höhenflug vor dem Absturz

Wichtiger Sieg in einem K.O.-Spiel, tanzende Spieler vor dem Fanblock, totale Ekstase bei allen Hertha-Fans vor dem Fernseher und im Stadion. Oft erleben wir Herthaner*innen so etwas nicht. Der 27. August 2009 war aber so ein Tag. Durch einen spektakulären Last-Minute-Sieg gegen Brøndby IF aus Kopenhagen sicherte sich Hertha die Teilnahme an der Europa League Gruppenphase. Weil sich eine gut eingespielte Mannschaft aber schon zu diesem Zeitpunkt in Auflösung befand, sollte dieser begeisternde Sieg aber für eine sehr lange Zeit der letzte schöne Moment für Hertha BSC bleiben.

Um zu verstehen, warum ein Einzug in die Europa-League-Gruppenphase eine solche Freude erzeugen kann, muss man einige Monate zurückblicken, nämlich auf die letzten Spieltage der Saison 2008/2009. Hertha spielte mit seinem Trainer Lucien Favre gerade im Frühjahr 2009 eine wahnsinnig gute Saison. Marko Pantelic und Andrij Voronin waren ein extrem effektives Sturmduo, an Arne Friedrich und Joe Simunic in der Innenverteidigung war nur schwer vorbeizukommen und Pal Dardai und Cicero waren das spielmacherische Gehirn einer Mannschaft, die von Favre wie ein Schweizer Uhrwerk zusammengebaut wurde. Am 22. Spieltag, also Ende Februar, rückte Hertha an die Tabellenspitze der Bundesliga vor, wo das Team drei Wochen lang verweilte.

Ein enttäuschendes Ende einer überragenden Saison

Doch dann kam das Saisonende 2008/2009. Hertha verlor ein Spiel nach dem anderen. Am letzten Spieltag hatte Hertha die Chance, mit nur einem Punkt (!) gegen schon abgestiegene Karlsruher die Teilnahme an der Champions League noch festzuhalten. Man verlor mit 0:4. In den folgenden Wochen wurde es dann eigentlich noch schlimmer. Denn diese toll eingespielte Mannschaft brach komplett auseinander: Mit Pantelic und Voronin verlor der Verein mit einem Schlag ein gefürchtetes Sturmduo. Artur Wichniarek sollte die beiden in seiner zweiten Hertha-Amtszeit ersetzen, was kläglich scheiterte. In der Abwehr verlor Hertha mit Simunic viel Stabilität, der Schweizer Steve van Bergen konnte diese nie wieder herstellen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und so musste man sich im Spätsommer 2009 mit der Europa-League-Qualifikation zufriedengeben. Das erste Spiel im Kopenhagener Stadtteil Brøndby bestätigte dann auch leider das Gefühl, mit dem man im Frühling aus der Vorsaison gegangen waren. Hertha spielte schlecht und verlor 1:2 gegen ein dänisches Team, das nicht einmal viel unternahm, um das Spiel zu gewinnen. Am 27. August 2009 sprach also schon im Vorfeld leider wieder sehr viel gegen einen Hertha-Sieg. Hinzu kam, dass das Spiel im Jahn Sportpark im Prenzlauer Berg stattfand – ein Stadion, das nicht bei vielen Hertha-Fans Heimatgefühle auslöst.

Es brauchte ein Wunder

Doch das Spiel begann besser als erwartet. Hertha hatte schon in der ersten Halbzeit einige Chancen. Insbesondere der junge Serbe Gojko Kacar machte eine unglaublich gutes Spiel und war gefühlt an jedem Kopfball-Zweikampf im gegnerischen Strafraum beteiligt. Der größte Ärger zum Halbzeitpfiff bestand eigentlich darin, dass Hertha noch kein Tor geschossen hatte – schließlich brauchten die Berliner derer mindestens zwei. Jegliche Hoffnung wurde kurz nach Wiederanpfiff dann aber im Keim erstickt. Nach einer unglücklich geklärten Ecke blieb der Ball im Hertha-Strafraum, wo er vor die Füße von Morten Rasmussen fiel, der ohne Gegenwehr einnetzte. 39 Minuten auf der Uhr, drei Tore benötigt.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Die Gefühlslage nach diesem Tor war klar: Für eine in weiten Teilen neu zusammengestellte Mannschaft, die übrigens von den ersten drei Bundesligaspielen auch schon zwei verloren hatte, konnte man eine Rückkehr nicht mehr erwarten. Doch das Gegenteil sollte passieren. Hertha spielte sich in einen Rausch, angeführt von einem genialen Gojko Kacar. Nach einer Ecke in der 74. Spielminute ging dann endlich mal einer der zig Trilliarden Kacar-Kopfbälle rein. Nur fünf Minuten später bekam Dardai etwa 20 Meter vor dem Tor den Ball, legte ihn sich kurz zurecht und schmetterte ihn dann zum 2:1 ins Tornetz. Kein langer Jubel, es ging sofort weiter, denn es brauchte noch ein Tor und auf der Uhr waren nur noch zehn Minuten. Es sollte erneut Kacar sein, der Hertha in der 87. Minute erlöste. Nemanja Pejcinovic schlug eine hohe Flanke von links hinein, der Serbe sprang auf den ersten Blick einen halben Meter höher als sein Gegenspieler, ein Kopfball wie ein Schuss, Tor. 3:1. Innerhalb von zwölf Minuten hatte Hertha das Spiel gedreht.

Wie schon beschrieben, folgte dann die totale Ekstase. Die Spieler rannten nach Abpfiff Richtung Fanblock, wo schon hunderte Hertha-Fans – wegen der Hitze in vielen Fällen nur noch spärlich bekleidet – die Spieler jubelnd empfingen. Ein gewisser Patrick Ebert kletterte am Zaun hoch und sang gemeinsam mit den angereisten Anhänger*innen, der Rest des Teams tanzte davor. Es war so schön.

Der tiefe Fall

Leider allerdings war es zu schön, um wahr zu sein. In der Europa League überstand Hertha zwar die Gruppenphase, um dann im ersten K.O.-Spiel auszuscheiden. In der Bundesliga folgte auf das Brøndby-Spiel aber eine beispiellose Negativserie. Nach der Hinrunde stand Hertha mit sagenhaften sechs Punkten da, Favre wurde noch während der Hinrunde gefeuert, Friedhelm Funkel übernahm. Aber auch in der Rückrunde konnte Hertha das Ruder nicht mehr herumreißen, Hertha stieg mit 24 Punkten sang- und klanglos aus der Bundesliga ab.

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Falls ihr dennoch einmal in die Emotionen des 27. August 2009 im Jahnsportpark eintauchen wollt, gibt es eine kurze Zusammenfassung des Spiels auf Youtube.

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Der Intensivpatient Bundesliga – Wie könnte es weitergehen?

Seit fast einem Monat ruht inzwischen der Ball. Das Coronavirus hat sich in den vergangenen Monaten rasant in Deutschland verbreitet. Allerdings: Aufgrund der Einschränkung des sozialen Lebens sind die Infektionszahlen zuletzt aber langsamer gestiegen. Und so stellt sich für uns Fußballfans automatisch die Frage: Wann und vor allem wie geht die Bundesliga wieder los? Experten haben sich zu diesem Thema bereits geäußert. Fazit: Unter bestimmten Voraussetzungen wäre eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs machbar. Welche das sein könnten und warum dahinter eine viel größere, moralische Frage steht, lest ihr hier.

Hinweis: Unser Autor Benjamin Rohrer ist weder Virologe noch Epidemiologe, sondern hauptberuflich Journalist, der sich hauptsächlich mit gesundheitspolitischen Themen befasst. Der folgende Artikel ist daher keine Fachexpertise mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern vielmehr eine journalistische Analyse zu den bislang zu diesem Thema diskutierten Denkmodellen.

Schauen wir uns zunächst die Lage an: In Deutschland gibt es derzeit (Stand: 8. April) etwa 110.000 amtlich registrierte Coronafälle. Die Sterblichkeit liegt hierzulande derzeit (!) bei knapp unter zwei Prozent. Das größte Problem bei der Bekämpfung des Virus ist nach wie vor, dass es so neu ist: Es gibt keinen Impfstoff, keine in Studien erprobten Arzneimittel und auch über die Ausbreitungsweise weiß die Wissenschaft bislang nur in Ansätzen etwas. Deswegen ist klar: Es gibt nur zwei Auswege aus der Coronakrise. Der erste wäre ein massentauglicher Impfstoff. Die Impfstoffforschung, -zulassung und –produktion ist komplex; Wissenschaftler rechnen daher erst im Laufe des nächsten Jahres mit einem einsetzbaren Präparat. Der zweite Ausweg wäre die sogenannte Herdenimmunität, also die Infektion von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung. Dieses Szenario sollte so lange wie nur möglich hinausgezögert werden, weil sonst unser Gesundheitswesen zusammenbrechen könnte.

Was heißt das alles für die Bundesliga? Zunächst einmal ist klar, dass das normale, gesellschaftliche Leben, wie wir es kannten, so lange nicht wiederkommt, bis eins der oben beschriebenen Szenarien eintrifft. Somit dürfte auch klar sein, dass das von uns allen geliebte Fußballerlebnis im Stadion, mit ein paar Bierchen vor der Partie, einer Anreise mit den Öffis und anschließendem Kneipengang lange nicht wiederkehren wird. Die DFL-Mitgliederversammlung hat die Zwangspause der 1. und 2. Liga vorerst verlängert bis zum 30. April. Ziel ist weiterhin, die Saison bis zum 30. Juni zu beenden. Am 17. April wollen die Club-Chefs ein weiteres Mal über die aktuelle Lage beraten.

Aber unter welchen Voraussetzungen wäre ein weiterer Ligabetrieb überhaupt denkbar? Basierend auf den Aussagen einiger Experten, müssten die folgenden Punkte beachtet werden.

1. Geisterspiele

Selbst bei einer Lockerung des Kontaktverbotes ist es sehr wahrscheinlich, dass Großveranstaltungen weiterhin untersagt bleiben. Noch haben sich weder die Bundesregierung noch die Landesregierungen dazu geäußert, wie es nach dem 20. April weitergeht. Aber der Heinsberger Karneval und die Spekulationen um das Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia zeigen, dass Großveranstaltungen ein potentieller Infektionsherd sein können. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass auch die Bundesliga vorerst ohne Zuschauer weitergeht.

2. Kontaktverbot für Bundesligaspieler

Während der Rest der Gesellschaft in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder etwas mehr zusammenrücken darf, würde für die Bundesligaspieler wohl ein striktes Kontaktverbot erhalten bleiben müssen. Der Virologe Prof. Alexander Kekulé hat gesagt, es müsste eine „Blase“ um die Profifußballer herum aufgebaut werden. Oberstes Ziel muss es sein, massenweise Infektionen innerhalb der Liga zu vermeiden. Alle externen, möglichen Infektionsquellen müssten daher eliminiert werden – die Spieler, Trainer und Betreuer müssten somit jeglichen Kontakt mit der Außenwelt vermeiden. Ähnliches soll sich laut Medienberichten im australischen Rugby anbahnen, für die rund 500 Spieler auf eine einsame Insel geparkt werden sollen, um dort zu trainieren und zu spielen.

3. Tests, Tests, Tests

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Deutschland sehr früh angefangen, massiv und in großen Zahlen auf das Coronavirus zu testen. Das hat zur Folge, dass wir ein recht aktuelles und zuverlässiges Bild über die Ausbreitung der Krankheit haben – und natürlich, dass wir weitere Infektionen vermeiden können. Denn: Die meisten COVID-19-Fälle verlaufen milde. Es ist wichtig, dass diese Menschen über ihre Infektion Bescheid wissen, sich in Quarantäne zurückziehen und niemand anstecken. Damit massenweise Infektionen in der Welt des Profifußballs vermieden werden können, müssten die Spieler also sehr, sehr oft getestet werden. Der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité verwendet den Begriff „freitesten“ für Ärzte und Pfleger. Das heißt: Nur bei negativen Tests darf das Gesundheitspersonal eingesetzt werden. Denkbar wäre, dass Bundesligaspieler vor jedem Spiel „freigetestet“ werden. Der Virologe Kekulé hat durchgerechnet, dass dafür bis Saisonende alleine im Profifußball etwa 20.000 Tests nötig wären. Zu stemmen wäre das. Derzeit werden in Deutschland bis zu 500.000 Tests pro Woche durchgeführt.

4. Schutz vor Risikogruppen

Schutz der Risikogruppen. Die Statistiken zeigen, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen an COVID-19 sterben. Diese Bevölkerungsgruppen müssen daher unbedingt geschützt werden. Für den Profifußball bedeutet das, dass auch ältere und/oder vorerkrankte Betreuer, Trainer und anderes Personal nicht Teil dieser „Blase“ sein kann und wohl lieber zuhause bleiben sollte.

5. Neuorganisation in den Stadien

Nicht nur auf den Tribünen, sondern auch in den Katakomben der Stadien kommen in der Regel viele Menschen in geringem Abstand zusammen. Man weiß noch nicht alles über die Ausbreitung des Coronavirus, aber die lokalen Ausbrüche in den Berliner Clubs und bei der Karnevalsparty in Heinsberg zeigen, dass in Räumen, in denen die Luft „steht“ und viele Menschen aufeinander kommen, eine Ausbreitung wahrscheinlich ist. Für die Bundesliga bedeutet das eine Neuorganisation der Abläufe vor und nach den Spielen. Man denke nur an die langen Wege, die die Spieler im Olympiastadion eng an eng bis zum Spielfeld zurücklegen müssen. Und an die teils eher kleinen Kabinen, in denen sich die Mannschaften aufhalten. All das müsste „entzerrt“ werden. Grundsätzlich sind sich die Experten inzwischen auch einig, dass das Tragen von Atemschutzmasken sinnvoll ist. Daher sollte eine Maskenpflicht rund um die Spiele im Stadion gelten. Zudem sollten auch dort die Abstandsregeln eingehalten und oft die Hände desinfiziert werden.

6. Quarantäne-Regeln

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt für Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, die also wichtig für die Aufrechterhaltung des Systems sind, besondere Quarantäneregeln. Damit Kliniken, Arztpraxen und Apotheken im Notfall weiter geöffnet bleiben können, soll das Gesundheitspersonal unter bestimmten, strengen Auflagen weiterarbeiten – selbst wenn ein Kontakt mit einer infizierten Person stattgefunden hat. Es ist klar, dass Bundesligaspieler nicht so „systemrelevant“ sind wie Pfleger oder Ärzte. Allerdings sollte die DFL darüber nachdenken, wie man mit Verdachtsfällen umgeht. Denn wenn jeder begründete Verdachtsfall im Profifußball für zwei Wochen in eine zweiwöchige Quarantäne entsendet wird, kann der Spielbetrieb nach drei Wochen wohl schon wieder gestoppt werden.

Ist das gerecht?

Bei all diesen Regeln stellt sich aber eine andere, viel größere Frage: Wie erklärt man dem Rest der Gesellschaft eine solche Sonderbehandlung der Fußballstars? Unzählige Betriebe sind durch die Coronakrise gefährdet, viele Menschen müssen jetzt schon auf Teile ihres Gehaltes verzichten. Warum sollte dann gerade für Multi-Millionäre eine aufwändige „Blase“ geschaffen werden, um deren Geschäft zu sichern? Zudem sollten sich die DFL-Funktionäre über die Konsequenzen Gedanken machen, wenn der oben genannte Plan schiefgeht. Was passiert, wenn sich doch mehrere Spieler infizieren, vielleicht sogar jemand ins Krankenhaus muss? Der Imageschaden für den Profifußball wäre groß – so oder so.

Weeste noch? 7. April 1997 – Die Geburtsstunde der „neuen“ Hertha

Weeste noch? 7. April 1997 – Die Geburtsstunde der „neuen“ Hertha

In Zeiten des Coronavirus gibt es nicht viel, über das man sich freuen kann. Eigentlich hätte unsere Hertha am vergangenen Wochenende in Leipzig spielen müssen – ob uns das dortige Ergebnis einen schöneren Wochenstart als die Corona-Mattheit beschert hätte, ist zu bezweifeln. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als ab und an zurückzuschauen – auf besondere Momente, Spiele und Akteure der Alten Dame. Hierfür haben wir das Rückblicksformat “Weeste noch?” ins Leben gerufen. Ein Spiel dieser Kategorie fand am 7. April 1997 im Olympiastadion statt. Mit dem damaligen 2:0 gegen ein weltmeisterlich besetztes Kaiserslautern legte Hertha nicht nur den Meilenstein für den Wiederaufstieg in die Bundesliga. Auch wir Hertha-Fans setzten mit einer Rekord-Kulisse ein dickes Ausrufezeichen.

Die Geschichte des Spieles Hertha BSC gegen den 1. FC Kaiserslautern beginnt schon ein knappes Jahr vorher, nämlich im Juni 1996. Damals standen sich am letzten Spieltag der 2. Bundesliga in Wattenscheid vor etwa 1000 Zuschauern die SG Wattenscheid 09 und Hertha BSC gegenüber. Die Tabellensituation für Hertha war brisant: Man brauchte unbedingt einen Punkt, um den Abstieg in die Regionalliga zu vermeiden. Hertha schaffte es nicht, gegen schon abgestiegene Wattenscheider in Führung zu gehen und dann kam es, wie es kommen musste: In der letzten Spielminute tauchte der Mittelstürmer der SG alleine vor dem Hertha-Tor auf. Dieser Stürmer war Michael Preetz – und er vergab seine Chance kläglich. Das Spiel ging 0:0 aus, Hertha blieb aufgrund des besseren Torverhältnisses in der Liga. Nur wenige Wochen später wechselte Preetz nach Berlin.

Vor diesem Hintergrund ging Hertha in die besagte Zweitligasaison 1996/1997 – als krasser Außenseiter. Mit dem aktuellen Pokalsieger Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt und dem KFC Uerdingen waren zudem Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die einen berechtigten Anspruch auf den direkten Wiederaufstieg hatten. Insbesondere der FCK stellte mit Weltmeister Andy Brehme, dem Brasilianer Ratinho, Nationalstürmer Olaf Marschall oder Miro Kadlec wohl eine der am besten besetzten Zweitliga-Mannschaften aller Zeiten. Doch Hertha startete stabil in die Saison und konnte sich immer besser behaupten. Schon nach der Hinrunde stand das Team von Jürgen Röber auf Platz 3, hinter Mainz 05 und Kaiserslautern.

Hertha musste sich seinen Fans beweisen

Trotzdem – es war keine einfache Zeit damals. Der Oberring des Olympiastadions, das damals noch 75.000 Zuschauer fasste, war grundsätzlich gesperrt. Zu den Heimspielen kamen in der Regeln zwischen 5000 und 20.000 Zuschauern. Kurzum: Das Misstrauen war nach der verkorksten Vorsaison groß. So richtig hatte fast keiner Bock auf Hertha. Doch Hertha überraschte auch seine eigenen Fans. Stürmer Axel Kruse spielte eine begeisternde Saison und traf gefühlt in jedem zweiten Spiel. Und mit spannenden Eigengewächsen wie Michael Hartmann und Ante Covic im Mittelfeld sowie einem starken Jolly Sverrisson in der Abwehr stand das Team auch hinten stabil und erreichte schon in der Hinrunde einige Achtungserfolge – wie beispielsweise ein 2:3-Auswärtssieg bei Absteiger Uerdingen.

(Foto: Gunnar Berning/Bongarts/Getty Images)

Auch die Rückrunde startete mit einigen Siegen und am 23. März 1997 übernahm Hertha die Tabellenführung nach einem 5.2-Kantersieg gegen Gütersloh, weil `Lautern in Mainz nur unentschieden spielte. Zwischen Hertha und Kaiserslautern entwickelte sich in den kommenden Wochen ein spannender Zweikampf um die Tabellenspitze, der dann am 7. April 1997 seinen Höhepunkt fand: Lautern hatte sich gerade wieder die Tabellenführung zurückerobert, Hertha mit zwei Punkten Abstand dahinter. Schon vor dem Spiel war klar: Wer gewinnt, hat gute Chancen auf den Aufstieg ins Oberhaus.

Noch viel spannender als die Tabellensituation war aber das Vorverkaufsgeschehen in den Tagen vor dem Spiel. Denn Hertha war auf einmal wieder sexy: Schon vor dem Spiel waren mehrere zehntausend Plätze vergeben und an den Tageskassen wurden immer mehr Karten verkauft. Vor dem U-Bahnhof entwickelte sich ein richtiger Schwarzmarkt, die Preise der Tickets stiegen dort in die Höhe, am Ende mussten sogar ein paar hundert Fans draußen bleiben. Mit 75.000 Zuschauern war das Olympiastadion das erste Mal seit Jahrzehnten ausverkauft – und das obwohl das Spiel an einem Montagabend stattfand und live im DSF übertragen wurde.

“Nie mehr zweite Liga!”

Und nicht nur auf den Rängen sollte Blau-Weiß an diesem Abend Geschichte schreiben. Auf dem Platz kontrollierte Hertha von Anfang an das Spiel. Und dann kam die 25. Spielminute: Aus dem Mittelfeld spielte Marc Arnold einen überragenden Pass zwischen drei rot-weiße Verteidiger. Axel Kruse rannte von Links ein, umdribbelte auf Strafraumhöhe den herauseilenden Torwart Gerry Ehrmann und schoss aufs Tor. Der Ball rollte sehr, sehr langsam in Richtung Torlinie, konnte von den Pfälzern aber nicht mehr geklärt werden. 1:0. Nur ein paar Minuten später dann ein kleine Schrecksekunde für Hertha: Kruse, der eben noch das Tor gemacht hatte, humpelte über die Seitenauslinie. Neu ins Spiel kam ein junger Ungar, von dem damals so gut wie keiner etwas gehört hatte, weil er zuvor nur wenige Spiele für Hertha gemacht hatte und erst im Januar 1997 nach Berlin gekommen war: Pal Dardai.

(Foto: Frank Peters/Bongarts/Getty Images)

Dardai für Kruse – damit war klar: Röber wollte das Ergebnis verwalten und auf sicher spielen. Nach einer gespielten halben Stunde! Konnte das gut gehen? Es ging gut. Denn Lautern wurde eigentlich nie so richtig gefährlich in diesem Spiel, selbst in der zweiten Hälfte mit dem dann eingewechselten Ratinho nicht. Den Knock-out für die Pfälzer gab es dann schon nach etwa zwölf Minuten Spielzeit in der zweiten Halbzeit: Ecke für Hertha, Gerry Ehrmann fängt den Ball zunächst, lässt ihn dann aber auf den Fuß eines Mitspielers fallen, von da aus rollte der Ball zum 2:0 ins Tor.

Dabei blieb es dann auch, Hertha war Tabellenführer. Die Ostkurve bebte und sang: „Nie mehr zweite Liga!“ Der Berliner Tagesspiegel schrieb am nächsten Tag von einer neuen „Fußball-Euphorie“ in der Hauptstadt. In den Spielen darauf verlor Hertha die Tabellenführung zwar wieder an Kaiserslautern. Aber auch Wolfsburg und Mainz schwächelten, sodass dann am 22. Mai feststand: Nach sieben Jahren Trostlosigkeit in der 2. Liga ist Hertha wieder erstklassig.

(Das Kruse-Tor gegen ‘Lautern seht ihr in diesem Best-of ganz als letztes Tor):

Der Grundstein für die Folgejahre

Der Sieg am 7. April 1997 war so etwas wie der Grundstein für erfolgreiche Hertha-Jahre, die dann folgen sollten. Einerseits schaffte es Röber in dieser Saison, ein funktionierendes Team zusammenzubauen. Mit Routiniers wie Michael Preetz, Steffen Karl, Jolly Sverrisson und Axel Kruse sowie Nachwuchstalenten wie Ante Covic, Pal Dardai und Michael Hartmann hatte Röber auch in der folgenden Erstliga-Saison eine gut gemischte, schlagkräftige Truppe zusammen.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Andererseits wurde aber auch die Fußball-Leidenschaft in vielen Berlinern wieder erweckt: Das volle Berliner Olympiastadion war ein tolles Erlebnis – schon am ersten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison war das Stadion erneut ausverkauft. Der Gegner hieß dann Borussia Dortmund. Die Dortmunder hatten kurz zuvor gegen Juventus Turin die Champions League gewonnen. Gegen Hertha kamen sie aber über ein 1:1 nicht hinaus. Torschütze für Blau-Weiß damals: Ante Covic.