Konkurrenzcheck: Die Abstiegskandidaten im Vergleich

Konkurrenzcheck: Die Abstiegskandidaten im Vergleich

Die letzte Länderspielpause der Saison ist vorbei, ab jetzt geht es ohne Zwischenstopp auf die Zielgerade. Sieben Spieltage bleiben Hertha noch, um das rettende Ufer zu erreichen. Nach dem Sieg gegen Hoffenheim wurden die Karten im Tabellenkeller wieder neu gemischt. Anlass genug, um einen Blick auf die Konkurrenz im Kampf um den Klassenerhalt zu blicken und eine Prognose zu wagen, für wen es am Saisonende eng werden könnte.

11. Platz: Borussia Mönchengladbach

In einem Artikel über Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach zu erwähnen, zeigt allein schon, wie viel in dieser Spielzeit am Niederrhein schiefläuft. Nachdem schon die Rückrunde der vergangenen Saison unter Marco Rose alles andere als glatt über die Bühne ging, setzte sich dieser Trend unter Nachfolger Adi Hütter nahtlos fort. So waren es zum Hinrundenabschluss gar mickrige zwei Punkte Abstand auf Platz 16. Dazu gab es immer wieder Spiele, in denen sich die Borussia regelrecht abschießen ließ: 1:4 im Derby gegen Köln, 0:6 gegen Freiburg und Dortmund, 0:4 gegen Leverkusen. In froher Regelmäßigkeit werden die „Fohlen“ in dieser Saison deklassiert. Das Spiel gegen Hertha vor drei Wochen wurde dann fast schon zwangsläufig zum Endspiel für den Cheftrainer ausgerufen. Bekannterweise hat Hertha in seiner Rolle als Aufbaugegner nicht enttäuscht.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Formkurve:

Die Partie gegen Hertha könnte sowas wie der (zu) späte Wendepunkt in der Gladbacher Saison gewesen sein. Gleichwohl die Borussia auch hier defensiv alles andere als gefestigt wirkte und ein schwaches Team von Tayfun Korkut auch bei 2:0-Führung noch zu Torchancen kommen ließ, stimmte immerhin vorn die Durchschlagskraft. Ein fast identisches Spiel legte Gladbach gegen den VfL Bochum hin. Auch hier zeigte man sich kaltschnäuzig vor dem gegnerischen Kasten, konnte jedoch gleichzeitig froh sein, dass ein gut aufgelegter Yann Sommer Schlimmeres zu verhindern wusste. So stehen sechs Punkte aus den letzten beiden Spiele zu Buche, was in Anbetracht der Tatsache, dass auch die Konkurrenz derzeit fleißig punktet, Gold wert ist. Übrigens wurden beide Siege ohne Adi Hütter eingefahren, der aufgrund einer Corona-Infektion durch seinen Assistenten Christian Peintinger vertreten wurde.

Restprogramm:

Vermutlich können die nächsten beiden Spiele schon darüber entscheiden, ob Gladbach in dieser Saison nochmal in Abstiegsnöte gerät. Holt man gegen Mainz und Augsburg mindestens vier Punkte, sollte die Mannschaft aus der Verlosung um den Gang in die Zweite Liga herausfallen. Lässt man hier jedoch Zähler liegen, kann es nochmal spannend werden. Am 30. Spieltag empfängt man den 1. FC Köln zum Derby bevor es gegen Freiburg, Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim geht. Zwar kann sich Gladbach immer darauf berufen, dass man den mit weitem Abstand stärksten Kader aller Teams im Tabellenkeller hat und eigentlich in der Lage sein sollte, auch gegen die genannten Teams mindestens einfach zu punkten – wie eingangs gezeigt, hat dies allerdings auch nicht davor geschützt, unter anderem gegen Freiburg ein halbes Dutzend zu kassieren.

Prognose:

Trotz der starken Gegner, die man zum Saisonabschluss bespielen muss, reicht es für die Borussia dank der Punkte, die man gegen schon vorher gegen Mainz und Fürth holen wird, um am Ende (komfortabel) über dem Strich zu stehen.

12. Platz: VfL Bochum

Nur einen Punkt hinter den Gladbachern rangiert der VfL Bochum. Der Aufsteiger, dem nicht wenige den direkten Gang zurück in Liga Zwei voraussagten, geht bislang überraschend sorgenlos durch die Spielzeit. Lediglich an den Spieltagen 6 und 7 fand sich das Team von Trainer Thomas Reis auf einem Abstiegsrang wieder. Derzeit sind es sechs Zähler bis zum Relegationsplatz 16. Ausschlaggebend hierfür war vor allem die starke Frühjahresform der Bochumer. Aus den ersten fünf Partien im neuen Kalenderjahr holte der VfL beachtliche neun Punkte – darunter der fulminante 4:2-Sieg gegen Bayern.

Formkurve:

Wie man es in den vergangenen Jahren schon zuhauf erlebt hat, muss ein Sieg gegen den Branchenprimus nicht immer beflügelnd wirken. Auch den Bochumern gelang es nicht, an den Erfolg anzuknüpfen. Konnte man im darauffolgenden Spiel in Stuttgart äußerst glücklich durch einen Foulelfmeter in der Nachspielzeit noch den Ausgleich erzielen, setzte es seitdem drei Niederlagen aus vier Spielen. Lediglich gegen Schlusslicht Fürth gelang in diesem Zeitraum ein Sieg. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch auch, dass sich der VfL hierbei trotzdem teuer verkauft. Im zurückliegenden Spiel gegen Gladbach verzeichnete die Mannschaft doppelt so viele Torschüsse wie der Gegner. Grund zur Panik besteht daher aktuell noch nicht.

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Restprogramm:

Mit Blick auf das Restprogramm könnte sich an dieser Einschätzung jedoch schnell etwas ändern. Die kommenden drei Spiele bestreitet man gegen Hoffenheim, Leverkusen und Freiburg. Übersetzt sind das die Plätze 6, 3 und 5 der Bundesliga – Mannschaften, die also allesamt die Möglichkeit haben, sich für die Champions League zu qualifizieren. Zwar hat Bochum bereits bewiesen, dass man für Überraschungen gut ist, aber geht man aus diesen Spielen ohne Zählbares heraus, kann es in der Endphase nochmal eng werden. Zumal man am 30. Spieltag gegen den FCA und am 32. Spieltag gegen Arminia Bielefeld – beides unmittelbare Konkurrenten um den Klassenerhalt – spielt. Dazwischen muss der VfL nach Dortmund und zum Abschluss nach Köpenick in die Alte Försterei.

Prognose:

Sechs Punkte Vorsprung mögen aktuell komfortabel erscheinen. Der Blick auf die Formkurve in Kombination mit dem anspruchsvollen Restprogramm wird den Bochumern aber nochmal zum Verhängnis werden und für ein Zittern bis zum letzten Spieltag sorgen.

13. Platz: VfL Wolfsburg

Der Club aus der Autostadt spielt eine Saison gänzlich hinter den Erwartungen. Als Champions-League-Teilnehmer steckte der VfL im Sommer 52,5 Millionen Euro in neue Spieler und verpflichtete Mark van Bommel als Trainer, der auf den nach Frankfurt abgewanderten Oliver Glasner folgte. Schon der Saisonstart machte deutlich: van Bommel und Wolfsburg – das ist keine Liebesbeziehung. Zwar gewannen die Niedersachsen unter dem Niederländer die ersten vier Ligaspiele, alle denkbar knapp, doch im Pokal schied man aufgrund eines Wechselfehlers am grünen Tisch aus. Es folgten sechs sieglose Spiele, dann die Entlassung. Nachfolger Florian Kohfeldt startete ebenfalls mit Siegen, zwei in der Liga und einem in der Champions League, doch die Realität holte die Wölfe schnell ein. Elf sieglose Pflichtspiele am Stück verdeutlichten die Sorgen. Im Winter investierte man weitere 23,6 Millionen, allen voran in Königstransfer Max Kruse und Angreifer Jonas Wind. Auf ein kurzzeitiges Hoch folgte zuletzt wieder nur ein Sieg aus fünf Spielen.

Abstiegskampf
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Formkurve:

Den angesprochene einzige Sieg der letzten fünf Spiele gab es ausgerechnet im vermeintlich schwächsten Spiel der Wolfsburger. Gegen den 1. FC Union siegte man mit 1:0 durch ein Eigentor. Doch die 19 zu 8 Torschüsse zugunsten der Köpenicker unterstrichen, dass der Sieg eher von der glücklichen Sorte war. Deutlich verbessert zeigte sich das Team von Trainer Kohfeldt zuletzt im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, verlor jedoch mit 0:2. Die Gegentore fing man sich in den letzten fünf Minuten, erspielte sich vorher eigene Top-Chancen. Schafft es Wolfsburg, an diese Leistung anzuknüpfen und die Chancen effizienter zu nutzen, werden die fünf Punkte Abstand, die Hertha zum VfL aktuell hat, nur schwer einzuholen.

Restprogramm:

Wolfsburg blickt noch auf schwierige Aufgaben, muss zu Borussia Dortmund und empfängt den FC Bayern. Doch letztlich haben sie den Klassenerhalt in der eigenen Hand. Die nächsten beiden Spiele sind gegen den FC Augsburg und Arminia Bielefeld. Gewinnt man diese Duelle gegen direkte Konkurrenten, ist dem Tabellenvierten der Vorsaison der Klassenerhalt wohl nicht zu nehmen. Im Saisonendspurt trifft Wolfsburg zudem noch daheim auf Mainz 05 und auswärts auf den VfB Stuttgart und den 1. FC Köln. Ein machbares Restprogramm, doch in der Hinrunde holte der VfL aus den sieben Spielen nur vier Punkte.

Prognose:

Egal wie die Saison ausgeht, Wolfsburg hängt klar hinter den Erwartungen. Auf die Doppelbelastung können sie es nicht schieben, da man nicht nur im Pokal in der ersten Runde ausschied, sondern auch die Champions League trotz einer dankbaren Gruppe mit Lille, Salzburg und Sevilla auf dem letzten Rang beendete. Dennoch spricht die individuelle Klasse im Kader neben dem Restprogramm dafür, dass sie wohl mit einem blauen Auge davon kommen werden.

14. Platz: VfB Stuttgart

Lange sah es düster aus im Schwabenland. Verletzungspech und Last-Minute-Gegentore ließen ein Abstiegsszenario immer wahrscheinlicher aussehen. Nach 24 Spieltagen stand der VfB auf Abstiegsplatz 17, vier Punkte hinter Hertha und Augsburg, sechs Punkte hinter Arminia Bielefeld. Doch die Ruhe, die Trainer Pellegrino Matarazzo stets ausstrahlte, nicht zuletzt, weil er wusste, dass die verletzten Spieler zurückkommen werden, zahlte sich aus. Wurde öffentlich darüber diskutiert, ob dem mit vielen jungen und hochtalentierten Spielern gespickte Kader die Erfahrung fehlt, um die Klasse zu halten, vertraute Matarazzo ebenjenen Spielern.

Abstiegskampf
(Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Formkurve:

Sein Team zahlte Matarazzo das Vertrauen zurück. Zuletzt holte Stuttgart sieben Punkte aus drei Spielen. Bemerkenswert war nicht nur die Ausbeute, sondern die Art und Weise. In allen drei Spielen lag der VfB zurück. Dass dabei nicht alles immer schön anzusehen sein muss, zeigten die Schwaben in Berlin beim 1. FC Union, wo man bis tief in die zweite Halbzeit keine echte Torchance hatte, doch in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte. Dass man jedoch auch tollen Fußball spielen kann, zeigte Stuttgart zuletzt im Heimspiel gegen den FC Augsburg. 24 Torschüsse standen hinterher auf dem Papier. Größtes Manko: „Nur“ drei erzielte Tore, trotz zahlreicher Großchancen. Punktetechnisch ist der VfB gerade in seiner besten Saisonphase, erst einmal holte er vorher sieben Punkte in drei Spielen, ließ dann allerdings neun sieglose Spiele folgen.

Restprogramm:

Stuttgart muss den positiven Trend fortsetzen, um sich endgültig aus dem Keller zu arbeiten. Schon am Sonnabend steht ein absolutes Schlüsselduell an, wenn man auf Arminia Bielefeld trifft. Es ist das erste von drei Spielen gegen direkte Konkurrenten, Ende des Monats muss der VfB ins Olympiastadion und empfängt in der Woche darauf den VfL Wolfsburg. Für Stuttgart sind es drei ganz wichtige Spiele, denn neben Mainz und Köln warten mit dem BVB und dem FC Bayern noch harte Brocken auf den aktuellen Tabellenvierzehnten. Gegen Mainz, Hertha und Wolfsburg gab es in der Hinrunde die angesprochenen sieben Punkte.

Prognose:

Stuttgart wird bis zum Ende unten drin stehen. Den Beweis, dass sie die zuletzt gezeigten guten Leistung in dieser Saison über eine längere Zeit aufrecht erhalten können, sind sie noch schuldig. Doch die Qualität im Kader ist hoch und der Glauben an den Klassenerhalt definitiv zurück. Das Spiel gegen Bielefeld wird richtungsweisend. Ein Sieg würde sie vermutlich derart beflügeln, dass sie den Klassenerhalt erreichen. Im Falle einer Niederlage wären jedoch viele zuletzt verloren geglaubte Sorgen zurück.

15. Platz: Augsburg

Der größte Konkurrent um den direkten Nicht-Abstiegsplatz ist Stand jetzt der FCA auf Rang 15. Allerdings hat das Team von Markus Weinzierl hierbei noch ein Nachholspiel gegen Mainz in der Rückhand. Dass der FCA derzeit über dem Strich steht, war zu Saisonbeginn nicht unbedingt zu erwarten. Aus den ersten neun Partien gelangen lediglich sechs Zähler. Erst am 31. Oktober konnte die Mannschaft den zweiten Saisonsieg einfahren. Das 4:1 war dann der Auftakt für einen – für Augsburger Verhältnisse – goldenen Spätherbst. 12 Punkte aus acht Spielen sollten es bis zum Jahresende noch werden, darunter ein 2:1-Sieg gegen die Bayern.

Abstiegskampf
(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Formkurve:

Mit dem Jahreswechsel hat dieses zwischenzeitliche Hoch dann allerdings schon wieder ein jähes Ende gefunden. In der gesamten Rückrunde sammelte der FCA nur acht Punkte. Lediglich Hertha – wer auch sonst – ist in dieser Statistik noch schlechter. Im letzten Spiel gegen den VfB setzte es zudem einen späten Nackenschlag gegen den Konkurrenten aus Stuttgart. Trotz 2:1-Führung bis zur 79. Minute gingen die Augsburger am Ende mit leeren Händen nach Hause. Durch diese späte Niederlage wurde man, abzüglich des noch ausstehenden Nachholspiels, vom VfB überholt und ist dank des Siegs von Hertha nun punktgleich mit Rang 16.

Restprogramm:

Die Wochen der Wahrheit stehen für den FCA im April an. Hier spielt man erst zu Hause gegen Hertha und eine Woche später beim VfL Bochum. Davor stehen Spiele bei Wolfsburg, gegen Mainz sowie in München an, in denen nicht zwingend mit der Maximalausbeute zu rechnen ist – ebenso wenig wie gegen Köln und Leipzig. Ein Vorteil kann derweil darin bestehen, dass zum Saisonabschluss die zu diesem Zeitpunkt mutmaßlich bereits abgestiegene Spielvereinigung aus Fürth in der Fuggerstadt gastiert.

Prognose:

Verglichen mit beispielsweise Bochum hat der FCA das auf dem Papier dankbarere Restprogramm und wird aus den direkten Duellen mit Hertha und Bochum sowie am letzten Spieltag gegen Fürth genug Punkte einfahren, um mindestens in die Relegation einzuziehen.

Platz 17: Arminia Bielefeld

Das verfluchte zweite Jahr. Als Aufsteiger hielt Bielefeld vergangene Saison nach dem Trainerwechsel von Uwe Neuhaus auf Frank Kramer noch spektakulär die Klasse. Dass das zweite Jahr nochmal schwerer ist als das erste, scheint sich in Ostwestfalen gerade wieder zu bewahrheiten. Die Saison ging für die Arminia bereits ernüchternd los. Nach zehn Spielen hatte Arminia noch keinen Sieg auf dem Konto. Dann gab es den Premierensieg und ein klares Aufbäumen war zu erkennen. In danach elf Spielen setzte es nur zwei Niederlagen, bei den Bayern und bei Hertha.

Abstiegskampf
(Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images)

Formkurve:

Doch die Formkurve zeigt steil nach unten. Zuletzt blieb Bielfeld viermal in Serie punkt- und torlos. Mit Dortmund und Leverkusen waren sicherlich auch Top-Teams unter den Gegnern, doch gerade die Niederlagen gegen den FC Augsburg und Mainz 05 waren ernüchternd. Gegen Augsburg mangelte es den Bielefeldern an beinahe allem, was es in der Bundesliga braucht. Im heimischen Stadion erzeugten sie keine Torgefahr, verloren im „Sechs-Punkte-Spiel“ mit 0:1. Gegen Mainz gab es zuletzt ein weiteres desolates Spiel. Sogar die Abwehr, mit erst 38 Gegentoren eigentlich Bielefelds großer Trumpf im Abstiegskampf, zeigte sich stümperhaft. Gleich drei Foulelfmeter verursachte sie in weniger als fünfzehn Minuten.

Restprogramm:

Für Bielefeld stehen intensive Heimspiele an, die man dringend besser absolvieren muss als das letzte gegen Augsburg. Mit Stuttgart und Hertha kommen noch zwei direkte Konkurrenten im Abstiegskampf in die SchücoArena. Mit den Bayern und Leipzig empfängt Bielefeld zwei von ganz oben. Hinzu kommen Auswärtsspiele bei Wolfsburg, Köln und Bochum. Hoffnung kann Bielefeld aus den Hinrunden-Ergebnissen schöpfen, als Stuttgart, Bochum und Leipzig geschlagen wurden. Doch gerade Letztere sind derzeit besser drauf und könnten am letzten Spieltag gegen Bielefeld noch wichtige Punkte im Kampf um die Königsklasse benötigen.

Prognose:

Es spricht derzeit nicht viel für die Arminia. Tritt die Mannschaft weiter so auf wie zuletzt, wird sie den Gang in die zweite Liga antreten. Am Sonnabend gegen Stuttgart wird sich zeigen, ob die Länderspielpause genutzt wurde, um im Training neues Selbstvertrauen zu tanken. Sollte es schief gehen, bliebe mit einem Trainerwechsel noch eine letzte Möglichkeit, um für frischen Wind zu sorgen.

Ein Artikel von Alexander Jung und Bruno Sellschopp.

[Titelbild: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images]

Eine Hertha – Zwei Meinungen: Das Zwischenzeugnis für Fredi Bobic

Eine Hertha – Zwei Meinungen: Das Zwischenzeugnis für Fredi Bobic

In dieser neuen Rubrik werden wir in Zukunft regelmäßig Themen beleuchten, bei denen es kein Schwarz oder Weiß gibt. Dazu wird immer ein Redakteur die Pro-Seite und ein anderer die Contra-Seite vertreten. Den Anfang machen wir mit einer vorläufigen Analyse von Fredi Bobics Arbeit. Anhand von drei Thesen bewerten wir das bisherige Wirken des neuen starken Mannes bei Hertha, wobei Alex die Rolle des „Anklägers“ und Johannes die des „Verteidigers“ einnimmt.

Anklagepunkt 1: Der Kader wurde im Sommer massiv verschlechtert

Als die Verpflichtung Fredi Bobics bekanntgegeben wurde, war die Hoffnung groß, dass seine internationalen Kontakte zukünftig Spieler des Kalibers Haller, Jovic und Rebic hervorbringen würden. Nach den ersten zwei Transferphasen ist man davon meilenweit entfernt. Statt die Schwachstellen des Kaders auszumerzen, wurden in Matheus Cunha und Jhon Córdoba die beiden mit Abstand gefährlichsten Offensivakteure der Vorsaison veräußert. Die dadurch generierten Einnahmen machen den sportlichen Verlust nicht wett. Dass man darüber hinaus auch noch Javairo Dilrôsun und Dodi Lukebakio per Leihe (also ohne satten Transfererlös) abgab, erschließt sich beim besten Willen nicht.

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(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Klar darf man zu beiden Spielern geteilter Meinung sein, aber hier wurde ohne Not eine Lücke auf den offensiven Flügeln geschaffen, die zu Saisonbeginn dafür sorgte, dass Dennis Jastrzembski, der im Vorjahr noch in der 3. Liga spielte, aushelfen musste. Wo in der Saison 20/21 noch Córdoba knipste, ging man aufgrund der Verletzung Piąteks zunächst mit Davie Selke, dessen Torgefahr vor Jahren auf der Strecke geblieben ist, als Stürmer Nummer eins in die Saison. Zwar wurden die Lücken in Person von Ishak Belfodil und Stevan Jovetić noch geschlossen. Besonders Letzterer kann aber in dieser Saison nur als Teilzeitkraft eingeplant werden – verpasste bereits acht Spiele verletzungsbedingt. Auch das seit Jahren klaffende Qualitätsproblem auf den Außenverteidigerpositionen wurde nicht behoben. Unter dem Strich bleibt damit ein Kader, der im Vergleich zum Vorjahr deutlich an Qualität verloren hat – was fatal ist, wenn man bedenkt, dass man mit ebenjenem Kader beinahe abgestiegen wäre – und der sich nun erneut in einem viel zu großen Umbruch befindet.

Einer Mannschaft, der zuvor bereits eine Achse gefehlt hat, um die elementaren Leistungsträger zu berauben, in der Hoffnung, dies mit „Mentalität“ wettmachen zu können, zeugt von Naivität. In Frankfurt wurde er zwar mit einem Team, das gespickt war von diesem Typus, Pokalsieger. Allerdings war ein Kevin Prince-Boateng zu diesem Zeitpunkt auch noch schlappe vier Jahre jünger und in der Blüte seines Schaffens, während er aktuell – nun ja…

Entlastungsargument: Bobic hat den Kader mit Bedacht verändert und auf Langfristigkeit ausgerichtet

Als Fredi Bobic bei Hertha BSC unterschrieben hat, war ihm die finanzielle Lage des Vereins nicht bekannt. So viel wissen wir mittlerweile. Es wäre durchaus möglich gewesen, bei stabileren Finanzen Spieler größeren Kalibers zu verpflichten. Somit war Fredi Bobic gezwungen, Gelder einzunehmen und musste zusätzlich den Kader nach der Mentalität ordnen. Es ergab absolut Sinn, sich von Spielern wie Matheus Cunha und Jhon Córdoba zu trennen, deren Qualität weit über dem Durchschnitt des Kaders lag und deren Ziele andere waren, als die der Hertha, weshalb man sich gerade im persönlichen Bereich bereits auseinandergelebt hatte. Ebenfalls mangelte es Dodi Lukabakio erheblich an Motivation und Javairo Dilrôsun konnte sein Talent nur selten und niemals konstant für Hertha abrufen.

Mit Cunha und Córdoba verließen Hertha im Sommer die zwei Top-Scorer der Vorsaison. (SOEREN STACHE/POOL/AFP via Getty Images)

Jessic Ngankam brauchte Spielpraxis, welche er bei Fürth ohne seinen Kreuzbandriss ohne Zweifel bekommen hätte. Auch in Hinblick auf die Konkurrenz im Sturm bei Hertha, wo im Sommer mit Stevan Jovetic, Ishak Belfodil, Krzystof Piątek und Davie Selke vier Stürmer in der Hierarchie über ihm standen, ergab die Leihe nur Sinn. Der Corona-bedingt schwierige Markt, die vielen personellen Umstellungen im Verein und das generelle Gewitter um den Verein, welches seit 2019 anhält, machen es keiner agierenden Person leicht. Fredi Bobic hat ohne zu meckern seine Arbeit versucht zu erledigen.

Mit Kevin-Prince Boateng wurde ein Lautsprecher fürs Team geholt, Marco Richter ist mit Stevan Jovetic und Ishak Belfodil eine weitere torgefährliche Komponente im Sturm. Suat Serdar ist einer der besten Spieler der Bundesliga im zentralen Mittelfeld und hat das Potential, in der Nationalmannschaft zu spielen. Jurgen Ekkelenkamp, Oliver Christensen, Frederik-André Björkan und Dong-Jun Lee, sowie Kevin Nsona und zahlreiche Jugendspieler, die in den letzten Wochen Profiverträge unterschrieben haben, zeigen in welche Richtung der Kader für die Zukunft verändert werden soll.

Anklagepunkt 2: Die Entlassung von Pál Dárdai war ohne Not – und ohne Alternativplan

Bobics undurchdachte Trainerentscheidungen waren schon zu seiner Zeit in Stuttgart ein großer Kritikpunkt an seiner Arbeit. Jetzt droht sich dieses Muster zu wiederholen. An Spieltag 13, obwohl man nicht auf einem Abstiegsplatz stand, Pál Dárdai zu entlassen, war eine Kurzschlusshandlung, die viel zu früh erfolgte. Eine Trainerentlassung sollte immer die letzte Maßnahme sein, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das Spiel gegen Augsburg, nachdem Dárdai seinen Hut nehmen musste, war eines der besseren der Hinrunde. Statt darauf aufzubauen, hat man nun ohne Not den Mann freigestellt, der schon mehrfach bewiesen hat, dass er Abstiegskampf kann.

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(Photo by Matthias Kern/Getty Images)

Eine derart gravierende Entscheidung darf nur getroffen werden, wenn man ein Ass im Ärmel hat. Ist die Nachbesetzung jedoch ein Trainer ist, der zuvor drei Jahre lang ohne Anstellung blieb und auch bei seinen vorherigen Stationen nicht zu überzeugen wusste, dann ist dies schlichtweg unverantwortlich. Wenn Bobics so gut gefülltes Telefonbuch am Ende zu solch einem Ergebnis führt, kann man nur hoffen, dass er sich bis zum Sommer eine neue Kontaktliste anlegt.

Entlastungsargument: Die Entlassung von Pál Dárdai war der richtige Schritt – Tayfun Korkut die Notlösung

Unter Dárdai gab es keinerlei Entwicklung des Teams. Es fehlte gänzlich der Spielplan und die Idee, wie man ein Spiel gewinnen sollte. Das einzige, was ihn gehalten hatte, war der Name und sein Legendenstatus. Hätte Fredi Bobic die Chance gehabt, hätte er sich bereits im Sommer von ihm trennen wollen und Hertha mit einem gestandenen Trainer ausstatten können. Doch der Klassenerhalt in der letzten Saison ermöglichte dem Trainerteam eine Vertragsverlängerung, weshalb in dieser Hinsicht Bobic die Hände gebunden waren.

Der Trainerwechsel hin zu Korkut brachte bislang nicht den erwünschten Effekt. (Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Die Trennung hätte vermutlich sogar noch früher erfolgen können, was aber aufgrund fehlenden Interesses verschiedener Trainer nicht möglich war umzusetzen. Tayfun Korkut war die Notlösung. Dieser hatte durch seine letzte Station beim VfB Stuttgart durchaus Argumente auf seiner Seite, ein Team aus einer Krise zu führen. Dass der Trainerwechsel letztendlich nicht gefruchtet hat, ist nicht der Fehler Fredi Bobics. Noch hat er eine weitere Patrone, um einen Trainer-Wechsel zu ermöglichen.

Anklagepunkt 3: Bobic fehlt das Korrektiv – und sein wichtigster Mann

Der Rekordspieler entlassen, Zecke Neuendorf im Gleichschritt und Arne Friedrich räumt auf eigenen Wunsch ab Sommer sein Büro in der Hanns-Braun-Straße. Hinzu kommen die Abgänge vom ehemaligen Leiter der Fußballakademie Benjamin Weber und dem langjährigen Nachwuchstrainer und einstigem Hertha-Spieler Michael Hartmann. Bobic darf nicht den Fehler machen, dass der Verein auf Schlüsselpositionen zu beliebig wird und die Identifikation verloren geht. Es braucht Leute, die Hertha BSC und seine Interessen kennen und hochhalten.

In Frankfurt hat dieses Gespann um starke Personen wie Axel Hellmann und Bruno Hübner dafür gesorgt, dass Bobic Korrektive hatte, die im Ernstfall auch mal Widerrede leisten konnten. Ob ein Dirk Dufner, der ähnlich wie Tayfun Korkut ohne das Zutun von Bobic wohl nicht mehr an eine derart verantwortungsvolle Position bei einem Bundesligisten gekommen wäre, diese Person sein kann, darf zumindest angezweifelt werden. Welche Auswirkungen es haben kann, wenn ein einzelner Mann zu viel Verantwortung trägt, ohne dass ihm jemand über die Schulter schaut, sollten zwölf Jahre Michael Preetz gelehrt haben.

Entlastungsargument: Bobic musste mit schwierigen Witterungsbedingungen umgehen

Die Zeit in Berlin ist seit seinem Amtsantritt noch stark vom Chaos begleitet. Aber ob das wirklich an ihm liegt, darf bezweifelt werden. Pablo Thiam, der für den Nachwuchs zuständig ist, hat sich mittlerweile als eloquenter Zeitgenosse, mit viel Fachwissen gezeigt und durch Einstellungen verschiedener Personen auf zum Teil neu geschaffene Posten, bricht Bobic alte Strukturen auf. Etwas, was es seit zwölf Jahren bei Hertha nicht mehr gegeben hatte und deshalb Zeit braucht. Möglicherweise ist die Strategie des Vereins, das auch intern zu halten.

In Frankfurt stand Bobic auch für unangenehme Entscheidungen – die in der Regel jedoch in Erfolg resultierten. (Frederic Scheidemann/Getty Images)

Zusätzlich ist mit Carsten Schmidt ein extrem wichtiges Glied aus der Vorstandsriege aus privaten Gründen zurückgetreten. Die Aufgaben seines Bereichs werden seitdem von Bobic aufgefangen, was einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeit einnimmt.

Fredi Bobic steht für unpopuläre Entscheidungen und wurde dafür schon in Frankfurt kritisiert. Der langfristige Erfolg gab ihm schlussendlich aber recht. Die Frankfurter Eintracht stieg im ersten Jahr beinahe ab, konnte damals noch durch den letztendlich maximal erfolgreichen Niko Kovac gerettet werden. In Frankfurt wurde der Vertrag der Eintracht-Legende Alexander Meier nicht mehr verlängert, mit Adi Hütter holte er einen in Deutschland unbekannten Trainer. Zusätzlich war seine Zeit in Frankfurt zunächst vor der Corona-Pandemie und ließ mehr Flexibilität zu. Einen Erfolg, den er in Frankfurt hatte, konnte er außerdem bereits bei der Hertha verzeichnen. Ähnlich wie Filip Kostic, verpflichtete er mit Ishak Belfodil einen Spieler, der als gescheitert galt und mittlerweile zu den unverzichtbaren Leistungsspielern gehört.

Titelbild: Maja Hitij/Getty Images

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Ein Derby mit Geschmäckle

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Ein Derby mit Geschmäckle

Was den Fußball so besonders macht, sind die Geschichten, die er schreibt. Das Derby zwischen Hertha und Union hat derer zuhauf. Auch das diesjährige Aufeinandertreffen der Lokalrivalen steht den vergangenen Partien in nichts nach und sorgt schon weit vor Anpfiff für ordentlich Gesprächsbedarf – allerdings nicht auf sportlicher Ebene. Am Dienstag beschloss die Berliner Senatsverwaltung, dass das Spiel am Samstag um 18.30 unter Vollauslastung stattfinden darf. An sich keine große Neuigkeit, wäre da nicht eine seit knapp zwei Jahren andauernde Pandemie, die hierzulande aktuell täglich neue Höchstzahlen in Sachen Infektionen hervorruft. Zwar ist das Ganze zumindest mit der Prämisse versehen, dass sich, wie bei allen Großveranstaltungen, nur Geimpfte und Genesene unter den Zuschauer*innen befinden dürfen. Allein die Tatsache, dass es lediglich einen Appell der Vereine sowie auch vonseiten der Polizei gibt, sich testen zu lassen, zeigt aber, wie absurd und aus gesundheitlicher Sicht unverantwortlich es ist, unter diesen Bedingungen eine Ansammlung von über 22.000 Menschen zuzulassen. Nun soll dies keine Anklage an jene sein, die sich auf das Spiel freuen und sich am Samstag auf den Weg ins Stadion an der Alten Försterei machen. Auch der Autor dieser Zeilen wird sich um 18.30 im Auswärtsblock befinden. Es soll lediglich eine Einordnung sein, welche Sonderrolle der Fußball mal wieder spielt. In diesem Sinne, bevor es um das Sportliche geht, noch ein letzter Aufruf. Wenn ihr am Samstag ins Stadion oder wo auch immer hingeht, lasst euch testen. Eine Impfung schützt vor Infektion nicht, also tut euch selbst und euren Mitmenschen den Gefallen und bleibt auf der sicheren Seite.

Genug der Vorrede, nun zum Sportlichen. Hierfür haben wir im Vorfeld mit Till Oppermann, Redakteur beim rbb und Anhänger des 1. FC Union gesprochen und uns erklären lassen, wieso die Köpenicker auch in dieser Saison wieder die Erwartungen übertreffen.

Wann kommt der Einbruch?

Auch im dritten Bundesligajahr hat Union allen Grund zum Jubeln. (Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Für Aufsteiger im klassischen Sinne – sprich Vereine, die nicht, wie beispielsweise Köln, Stuttgart oder auch Hertha qua ihrer finanziellen Übermacht eigentlich als Erstligist zweiter Klasse verbucht werden – gilt nach einer allgemeingültigen Fußballweisheit, dass das zweite Jahr nach dem Emporkommen immer das Schwerste ist. Bekanntermaßen bestätigen Ausnahmen die Regel und so hat Union Berlin, statt im zweiten Jahr ins Taumeln zu geraten, gar noch einen draufgesetzt und sich mit Platz 7 für den europäischen Wettbewerb qualifiziert. „Jetzt muss es doch aber mal bergab gehen“, mag manch einer mit Blick auf die nun im dritten Jahr anstehende Dreifachbelastung gedacht haben. Nach rund einem Drittel der Saison ist man in der Conference League zwar auf dem letzten Platz der Gruppe E, im nationalen Geschäft läuft es aber weiterhin wie geschmiert. Rang 8 in der Liga und im DFB-Pokal ebenfalls noch vertreten – liest sich nicht allzu schlecht für einen Verein, dem vor zweieinhalb Jahren alle prognostiziert haben, dass die erste Liga nur ein temporäres Vergnügen wäre.

Mit klugen Transfers Stück für Stück nach oben

Dass es für die Köpenicker seit dem Aufstieg derart rund läuft, liegt unter anderem daran, dass es Union sehr gut versteht, Jahr für Jahr auf dem Transfermarkt die richtigen Schlüsse aus der Vorsaison beziehungsweise den anstehenden Herausforderungen zu ziehen. Nachdem man im ersten Jahr vor allem dank herausragender Standards die Klasse hielt, aus dem Spiel aber nur selten etwas kreierte, verpflichtete man im Sommer darauf unter anderem Max Kruse und konnte dem eigenen Spiel plötzlich gänzlich neue Elemente hinzufügen.

In diesem Sommer galt es, den kommenden drei Hochzeiten, auf denen getanzt wird, Rechnung zu tragen und den Kader zu verbreitern. Dementsprechend kann auch die so dringend notwendige Rotation durchgeführt werden: „Urs Fischers Belastungssteuerung sieht vor, dass zwischen den Spielen auf vielen Positionen rotiert wird. So kommen auch Spieler wie Voglsammer, Behrens, Jaeckel und Möhwald auf zahlreiche Einsätze, obwohl sie eigentlich nicht zur ersten Elf gehören. Das beste Beispiel dafür ist Timo Puchacz. Der Linksverteidiger spielt in der Bundesliga quasi keine Rolle, darf aber im Europapokal jedes Spiel starten.“, beschreibt Till das Kadermanagement.

Mit sieben Toren liegt Taiwo Awoniyi auf Platz 5 der Torjägerliste. (Photo by Reinaldo Coddou H./Getty Images)

Doch nicht nur in der Breite hat sich Union gut aufgestellt. Die 1A-Elf ist inzwischen eine, um die nicht wenige Bundesliga-Trainer Urs Fischer beneiden dürften. Auch dank der Neuzugänge, wie Till einordnet: „Natürlich muss man Rekordtransfer Taiwo Awoniyi nennen. Der Torjäger war zwar schon letzte Saison zur Leihe bei Union, aber in dieser Saison gehört er zu den besten Stürmern der Bundesliga. Die größte positive Überraschung der letzten Wochen ist ein Ex-Herthaner: Nachdem Union gerade zu Beginn der Saison im Mittelfeld nach Robert Andrichs Abgang große Probleme hatte, wird Genki Haraguchi mehr und mehr zu einem der wichtigsten Spieler im Kader. Neben seiner offensiven Kreativität überzeugt er auch gegen den Ball durch giftige Zweikämpfe und ein taktisch kluges Anlaufverhalten.“ Diese Entwicklung haben nun tatsächlich nicht allzu viele kommen sehen.

Welches Derbygesicht zeigt Hertha?

Vor dem Hintergrund jener sportlichen Entwicklung bei Union und der nahezu diametral verlaufenen Kurve bei Hertha ist die Favoritenrolle, so sehr das aus blau-weißer Sicht schmerzen mag, bei Union zu verorten. Während bei Hertha insbesondere im Spiel nach vorn noch viel von der individuellen Klasse Einzelner abhängt, wirkt das Spiel der Eisernen flüssiger und eingespielter. Dennoch findet Till, dass auch Union aktuell noch Defizite offenbart: „Die größte Schwäche im Kader ist meiner Auffassung nach die Kreativität und Übersicht im offensiven Passspiel. Immer wieder vertändelt Union gute Konterchancen und es gelingt noch zu selten im letzten Drittel durch die Mitte zu guten Chancen zu kommen. Weil Max Kruse noch nicht in seiner besten Form ist und mit Verletzungen zu kämpfen hat, ist ungewiss, ob sich das schon gegen Hertha ändert.“

Inwieweit Hertha von dieser Schwäche profieren kann, liegt vor allem daran, welches Derbygesicht das Team zeigen wird. Erinnert man sich im Rahmen von Heimspielen insbesondere gern an das 4:0 aus der Saison 19/20, tut sich die Alte Dame in der Alten Försterei traditionell schwer. Gerade die letzten beiden Auftritte mit einem eher schmeichelhaftem 1:1 sowie einer 0:1-Niederlage rufen nicht unbedingt nach Wiederholungsbedarf.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer auf einen besseren Auftritt ist indes, dass Stefan Jovetic nach seiner Corona-Infektion am Donnerstag freigetestet wurde und damit, wie Pal Dardai in der Pressekonferenz bestätigte, auch eine Option für den Kader darstellt.

*Titelbild: Clemens Bilan – Pool/Getty Images

Hertha BSC – Leverkusen: November-Blues oder Überraschungserfolg?

Hertha BSC – Leverkusen: November-Blues oder Überraschungserfolg?

Die Fahrt nach Sinsheim am vergangenen Freitag war eine zum Vergessen. Denn neben dem Spiel selbst verlor man auch Kapitän Boyata, der von der DFL für drei Spiele aus dem Verkehr gezogen wurde. Insbesondere aufgrund der zuletzt wieder stark gestiegenen Form des Belgiers schmerzt dieser Ausfall. Ebenso schmerzhaft ist der Blick auf die prognostizierte Zuschaueranzahl vor dem anstehenden Spiel mit Leverkusen. So rechnet Hertha laut eigener Aussage mit 20.000 Zuschauern, gleichwohl nach dem letzten Beschluss des Senats 37.500 Personen zugelassen wären. Über die Gründe zu spekulieren, ist an dieser Stelle müßig. Tatsache ist, dass ein Hexenkessel nicht erwartet werden darf. Hoffnung macht indes, dass nicht nur Hertha aktuell an der einen oder anderen Front mit Problemen zu kämpfen hat. Auch der kommende Gegner ist von der guten Laune, die noch vor ein paar Wochen herrschte, inzwischen ein ganzes Stück entfernt.

Zusammen mit Timo vom Bayer 04 Blog werfen wir einen Blick auf die Situation in Leverkusen und beleuchten die Gründe für die jüngste Ergebniskrise.

Der Nächste bitte

Seoanes Fußball passt ins Anforderungsprofil von Leverkusen. (Foto: Fran Santiago/Getty Images)

Der zurückliegende Sommer war erneut ein Beweis dafür, dass, wer Planungssicherheit und langfristige Jobperspektiven anstrebt, als Cheftrainer in der Fußball-Bundesliga denkbar schlecht aufgehoben ist. Ganze acht Mannschaften wechselten nach der letzten Spielzeit ihren Übungsleiter. Eine davon war auch Leverkusen, die sich – auch das ist in den letzten Jahren zum Trend unter den Bundesligisten geworden – in der Schweiz bedienten. Nach drei Meisterschaften in Serie mit den Young Boys Bern hat sich der vielumworbene Gerardo Seoane für einen Umzug an den Rhein entschieden.

Was die Verantwortlichen unter anderem überzeugt haben dürfte, ist Seoanes klare Spielidee, die Timo folgendermaßen zusammenfasst: „Seoane steht für attraktiven, offensiven Fußball, sonst würde er auch nicht zur Leverkusener DNA passen. Sein Anspruch ist es aber, in der Herangehensweise flexibler zu sein, womit er sich von einigen seiner Vorgänger unterscheidet. Gut beobachten lässt sich dies in der Anfangsphase, wo Leverkusen ein sehr intensives, aggressives Pressing spielt und damit auch sehr erfolgreich ist, denn keine Bundesligamannschaft erzielte mehr Tore in der Anfangsviertelstunde. Oftmals mit einer Führung im Rücken lässt die Mannschaft es dann ruhiger angehen, steht tiefer und baut auf die schnellen Flügelspieler und den Umschaltmoment.“

Diese Methode hat insbesondere in der Frühphase der Saison gefruchtet, als man aus den ersten sieben Spielen 16 Punkte holte und unter anderem Borussia Mönchengladbach mit 4:0 überrollte. In der Folge begann jedoch auch die Kehrseite der Medaille hervor zu blitzen: „Aber es gibt auch noch einige Spielsituationen auf die scheinbar eine Antwort fehlt. Um eine flexible Mannschaft zu sein, reicht es nicht, zwei Herangehensweisen gut zu beherrschen. Gegen den 1. FC Köln ließ sich beispielsweise beobachten, dass kein vernünftiges Ballbesitzspiel gelingt, um ein Ergebnis auch mal herunterzuspielen, insbesondere wenn der Gegner einen durch eigenes Pressing mal selbst unter Druck setzt. Zu Beginn der zweiten Halbzeit gegen Wolfsburg war Bayer von deren Umstellung überfordert und fand darauf keine Antwort. Solche Beispiele lassen sich vielfach finden.“

Es war einmal ein Bayernjäger

Zuletzt müsste Leverkusen schmerzhafte Rückschläge hinnehmen – unter anderem beim Pokalaus gegen den KSC (Foto: Joosep Martinson/Getty Images)

Die angesprochene Kehrseite wurde dabei insbesondere an den drei jüngsten Spieltagen deutlich. Nach Spieltag 7 war man noch punktgleich mit dem Primus aus München. Es folgte das direkte Aufeinandertreffen und der kurze Funken Hoffnung, durch Leverkusens Zutun vielleicht zumindest für ein paar Wochen die Illusion von so etwas wie Spannung an der Tabellenspitze erleben zu dürfen. 37 Minuten dauerte es, bis die Bayern 5:0 in Leverkusen führten und damit jenen naiven Gedanken mit Anlauf zunichtemachten.

Und nicht nur mit der vermeidlichen Spannung der Liga, sondern auch mit Leverkusen selbst scheint diese Klatsche etwas gemacht zu haben: Auch die nächsten beiden Bundesligaspiele verliefen mit einem 2:2 in Köln nach 2:0-Führung und einem 0:2 gegen Wolfsburg enttäuschend. Dazu schied man vor anderthalb Wochen zu allem Überfluss auch noch gegen den Karlsruher SC im DFB-Pokal aus.

Für Timo ist die jüngste Niederlagenserie „in ihrer Deutlichkeit und in ihrem Ausmaß schon überraschend, in den einzelnen Ursachen weniger. Zuletzt kamen viele Probleme zusammen, die einzeln betrachtet zuvor aber schon erkennbar waren. Dazu zählen u.a. defensive Abstimmungsprobleme, verstärkt dadurch, dass in der Vierkette, noch stärker aber im Mittelfeld, oftmals verschiedene Spieler in verschiedensten Kombinationen zusammengespielt haben. Offensiv hatte Leverkusen zu Beginn eine überragende Effizienz, da war klar, dass sich dies irgendwann wieder normalisieren würde. Nun ist sie allerdings zuletzt gleich ins komplette Gegenteil umgeschlagen, die Verletzung von Patrik Schick kommt nun erschwerend dazu.“

Zumindest im letzten Spiel – Leverkusen trat unter der Woche in der Europa League gegen Betis Sevilla an – gelang es ganz gut, das Fehlen von Stürmerstar Schick zu kompensieren. Mit 4:0 feierte Leverkusen einen deutlichen Sieg, der laut Timo nun dazu dienen muss, der zuletzt verunsicherten Mannschaft wieder mehr Ruhe zu geben.

Mit (fast) voller Mannstärke in den Sonntag

Hertha muss dementsprechend also darauf hoffen, dass die Leverkusener Medaille am Sonntag auf die richtige Seite fällt. Während das Team dabei – wie eingangs erläutert – nur zu einem überschaubaren Teil auf die Unterstützung von den Rängen zählen kann, gibt zumindest die personelle Situation Grund zur Zuversicht. Neben dem langzeitverletzten Lukas Klünter und dem gesperrten Boyata kann Pal Dardai auf all seine Spieler zurückgreifen. Vielleicht kann Hertha also dem drohenden November-Blues trotzen und erstmals ein Team aus den Champions League-Rängen Punkte abknüpfen.

*Titelbild: Maja Hitij/Getty Images

Hertha BSC – SC Freiburg: Mit Katerstimmung zum nächsten Richtungsweiser

Hertha BSC – SC Freiburg: Mit Katerstimmung zum nächsten Richtungsweiser

Der vergangene Samstagnachmittag dürfte auch für die größten Optimisten im blau-weißen Lager ein Augenöffner gewesen sein. Das 0:6 in Leipzig hat einmal mehr deutlich gemacht, wo Hertha aktuell steht. Die auch in dieser Höhe verdiente Klatsche war das folgerichtige Resultat einer nicht erklärbaren Transferpolitik. Als deren Konsequenz steht nun ein Kader auf dem Platz, der zwar gegen Fürth und Bochum genügen mag, darüber hinaus aber in dieser Konstellation noch weitere Pleiten zu befürchten haben muss. Es fehlt die Fantasie, wie das in absehbarer Zeit besser werden soll. Auch der kommende Kontrahent darf mitnichten als Aufbaugegner bezeichnet werden. Denn mit dem SC Freiburg kommt am Wochenende der – neben dem FC Bayern – einzig ungeschlagene Bundesligist ins Olympiastadion.

Gemeinsam mit Alex, unter anderem bekannt vom Spodcast Freiburg, blicken wir auf den SC.

So geht Kontinuität

Beständigkeit ist in dieser Saison Trumpf beim SC Freiburg (Bild: imago images via Getty images)

Die Worte, die Fredi Bobic vor vier Monaten bei seiner Antritts-Pressekonferenz wählte, wirken aus heutiger Sicht wie blanker Hohn. „Kontinuität ist das Wichtigste“ ließ der neue, starke Mann an der Hanns-Braun-Straße damals verlauten, bevor er wenige Monate später den halben Kader umwarf und damit die Hauptverantwortung für die sportliche Situation trägt.

Dass es sich auszahlen kann, wenn Kontinuität nicht nur propagiert, sondern tatsächlich gelebt wird, beweist der SC Freiburg schon seit Jahren, aber in dieser Saison besonders. Sage und schreibe ein Spieler wurde in Maximilian Eggestein an die Dreisam geholt und mit Baptiste Santamarika lediglich ein Stammspieler abgegeben.

Alex begründet die Transferpolitik wie folgt: „Es ist dieses Jahr sicherlich ein Mix von Gründen, von denen man profitiert hat. Zum einen sind da die pandemiebedingten Auswirkungen auf den so oft zitierten „überhitzen Markt“, welche diesen wohl ein wenig runtergeführt haben. Der SC, der – trotz Stadionneubau – sehr gut wirtschaftet, war nicht im allergrößten Zugzwang, Spieler zu verkaufen und konnte seine Leistungsträger wie Lienhart oder Sallai halten und sogar verlängern. Diese wären im Normalfall Spieler, welche bereit sind „für den nächsten Schritt“. Außerdem haben wir eine große Anzahl an Spielern, die bei Freiburg ihren Platz gefunden haben und sich sehr mit dem Verein identifizieren (u.a. Petersen, Grifo, Günter, Höfler, etc.) – das ist Gold wert für die Stabilität im Kader.“

Der neidische Blick gen Süden

Speziell die defensive Stabilität ist ein wichtiger Faktor für den Freiburger Erfolg. (Bild: BEAUTIFUL SPORTS / Gerd Gruendl, imago images via Getty images)

Auch in weiteren Aspekten kann man als Herthaner derzeit nur neidisch in den Breisgau schauen. Da wäre zum Beispiel das neue Stadion… aber das soll jetzt nicht Thema sein. Aus sportlicher Sicht fällt vor allem die Ausgewogenheit des Kaders auf, die ein entscheidender Grund dafür ist, dass Freiburg mit 3 Siegen und 3 Remis nach sechs Spieltagen auf Platz 5 rangiert.

„Auf manchen Positionen wie in der Innenverteidigung (Lienhart, Gulde, Heintz, K. & N. Schlotterbeck) und im defensiven Mittelfeld (Höfler, Haberer, Eggestein, Keitel) sind wir für unsere Verhältnisse fast schon überbesetzt und stehen vor der Herausforderung, dass alle auf ihre Einsatzzeiten kommen. Bei anderen Positionen haben wir klarere Stammspieler wie Günter und Grifo – allerdings auch viele Spieler aus der erfolgreichen zweiten Mannschaft die den alten Hasen weiterhin Druck machen und heiss sind. Das scheint alles ganz gut zu passen.“, bewertet Alex den Kader.

Auch deswegen waren im Sommer wohl so gut wie keine Transferaktivitäten nötig, da der Kader quasi keine Schwachstellen offenbart. Zudem ist beim SC Freiburg unter Christian Streich seit Jahren zu beobachten, dass Spieler mitunter auch mal eine komplette Saison benötigen, um sich an das intensive Spielsystem zu gewöhnen und dann im Folgejahr ihren Durchbruch erleben. Daher schätzt unser Experte auch, „dass Europa dieses Jahr ein realistisches Szenario ist“.

Breite Brust oder grauer Beton?

Es läuft also an allen Stellen rund beim SC Freiburg, der damit als klarer Favorit in die Partie am Samstag geht. Grund zum grenzenlosen Optimismus sieht Alex deshalb allerdings nicht: „Es gibt genau zwei Szenarien:

1. Der SC müsste eigentlich voller Selbstvertrauen nach Berlin fahren und hat absolut gar nichts zu verlieren. Ich wünsche mir Mut zur Offensive und ein ordentliches Pressing auf eine verunsicherte und unter Druck stehende Berliner Mannschaft. Ich wünsche mir ein 2-0, Hauptsache Schwoli muss gegen seine alten Kollegen mal hinter sich greifen.

2. – und das ist viel wahrscheinlicher. Es wird kalt, der Wind zieht durchs Stadion, es wird wie immer bei der Hertha ein absoluter Grottenkick und geht entweder 0-0 oder 1-0 für die Hertha (Traumtor von Davie Selke) aus. Unser Trainerteam neigt bei solchen Spielen ab und zu auch mal zur pragmatischen, nicht so ansehnlichen Taktik wie zuletzt in Mainz. Ich hoffe auf Szenario 1.“

Traumtor von Davie Selke – nun ja, träumen muss wohl noch erlaubt sein.

Die Fünferkette als Allheilmittel?

So schwer es in der sportlichen Situation auch fallen mag, das zu glauben – es gibt sie noch, die guten Nachrichten. So lichtet sich das Berliner Lazarett gemächlich. In der Pressekonferenz vom Donnerstag zeigte sich Trainer Pal Dardai zuversichtlich, dass sowohl Kapitän Boyata als auch Zeefuik wieder mit von der Partie sein dürften. Damit wäre auch die von Dardai bevorzugte Fünferkette, von der er sich die in Leipzig so schmerzhaft vermisste Stabilität erhofft, wieder eine Option.

Auch für die Offensive macht Herthas Trainer Hoffnung auf personelle Besserung. So reicht es für den wieder genesenen Stevan Jovetic wohl für eine Halbzeit und auch der in Leipzig eingewechselte Piatek soll laut Dardai bis zu 30 Minuten auflaufen können. Und falls es für beide doch nicht reichen sollte, muss eben ein Traumtor von Davie Selke herhalten.

Titelbild: Matthias Koch, imago images via Getty images