Vorschau: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt: Der erste Härtetest

Vorschau: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt: Der erste Härtetest

So schnell kann es im Fußball gehen. Musste man letzte Woche nach blamablem Ausscheiden gegen Eintracht Braunschweig in der ersten Runde des DFB-Pokals und den Eindrücken nach einer schwachen Saison-Vorbereitung noch darum fürchten, dass auch der Ligastart komplett in die Hose gehen könnte, sieht die Welt nach dem 4:1 bei Werder Bremen wieder komplett anders aus. Zwar stimmte auch beim Auftritt an der Weser längst noch nicht alles, aber einen 8:0-Kantersieg am ersten Spieltag einer neuen Saison kann wohl kein Fan von seinem Verein verlangen.

Doch welche Schlüsse lassen sich nun nach den ersten beiden absolvierten Pflichtspielen ziehen? Zum einen ist klar zu erkennen, dass sich aktuell niemand wegen fehlender Torgefahr sorgen muss. Dodi Lukebakio scheint seine in der Vorsaison oftmals noch fehlende Kaltschnäuzigkeit entdeckt zu haben; Cunha trifft sogar in einem Spiel, in dem ihm sonst nicht allzu viel gelingen will; Neuzugang Jhon Cordoba knipst direkt in seinem ersten Spiel in blau-weiß und wenn Peter Pekarik plötzlich zum Goalgetter mutiert, wer soll dieses Team dann noch stoppen? Hört sich in der Theorie schön an. Doch leider zählt zum Fußball bekanntermaßen auch noch das Toreverhindern. Das hat in Bremen, bis auf eine Ausnahme, ebenfalls gut funktioniert. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Werder über weite Strecken des Spiels erschreckend ideenlos war. Da dürfte der kommende Gegner schon ein anderer Gradmesser für die Stabilität von Herthas Hintermannschaft werden.

Für den aktuellen Vorbericht haben wir uns Verstärkung in Form von Patricia geholt und der Frankfurt-Expertin unsere Fragen zu ihren Eindrücken rund um die Eintracht gestellt.

Das Schielen nach Europa

Nach dem 1:1 gegen Bielefeld gibt es für Frankfurt viel Luft nach oben. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Mit der Eintracht trifft Hertha auf eine Mannschaft, die sich den Start in die Saison sicherlich etwas anders vorgestellt hatte. Das 1:1 zum Auftakt gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld ist eher ernüchternd. Zwar bewies die Eintracht immerhin Moral und war nach dem zwischenzeitlichen Rückstand das bessere Team mit einem klaren Chancenplus. Letzten Endes bleibt aber der Eindruck, dass sowohl im Spiel nach vorn als auch in der Rückwärtsbewegung noch Luft nach oben besteht.

Dies war auch schon in der ersten Pokalrunde der Fall, in der man, alles andere als dominant geschweige denn überzeugend, 1860 München knapp mit 2:1 schlagen konnte. So muss möglichst bald eine Steigerung erfolgen, will man sich den Traum von Europa, den Fredi Bobic jüngst formulierte, wieder erfüllen. Auch Patricia teilt diese Hoffnung: „[…] Die Sehnsucht nach Europa ist nach wie vor da. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, wird die Eintracht auch versuchen, die europäischen Plätze anzugreifen. […] Gleichzeitig schränkt sie jedoch ein, dass […] die Corona-Krise […] der Eintracht in ihren Planungen sicherlich den ein oder anderen Strich durch die Rechnung gemacht [habe]. Einnahmen, mit denen man eigentlich fest geplant hätte, sind weggebrochen.“

Das Problem der Linkslastigkeit

So hat die Eintracht dieselbe Herausforderung, die so viele Vereine in Zeiten von Corona haben. Große Investitionen in den Kader sind – sofern man nicht jüngst einen spendierfreudigen Investor hinzugeholt hat – aktuell keine Option. Und dennoch lässt sich die derzeitige Transferphase, gerade mit Hinblick auf die finanziell angespannte Situation, als Erfolg verkaufen. Sicherlich auch dank der Erlöse aus den Verkäufen von Haller und Jovic im vergangenen Jahr war die Eintracht nicht gezwungen, Leistungsträger abzugeben. So sagt Patricia: „Das Grundgerüst des Kaders steht und ist – vorausgesetzt es gibt keine Last-Minute-Abgänge – aus letzter Saison zusammengeblieben: Trapp, Hinteregger, Kostic, Rode und Silva sind Leistungsträger, die in allen Mannschaftsteilen den Kern des Teams bilden.“

Wie schon im letzten Jahr könnte auch in dieser Spielzeit die Abhängigkeit von Kostic zum Problem werden. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Insbesondere bei André Silva dürften die Hoffnungen groß sein, dass er in seiner zweiten Spielzeit bei der Eintracht richtig durchstartet. Nimmt man noch Bas Dost dazu, braucht es nicht allzu viel Fantasie bei der Frage, welche Spieler aufseiten der Frankfurter in der Lage sein könnten, für 15+ Tore zu sorgen. Das Problem, das auch schon in der letzten Spielzeit offensichtlich wurde und für das es bisher keine Lösung zu geben scheint, ist allerdings die Unklarheit, wer diese 15+ Tore auflegen soll. Denn das Schema „Ball auf Kostic und der bringt den Ball schon irgendwie in die Mitte“ lahmte bereits in der letzten Spielzeit, da sich die Gegner zunehmend leichter darauf einstellen konnten. Der Eintracht fehlt es an einem Plan B, wenn Kostic mal einen schlechten Tag hat oder aus dem Spiel genommen wird. So fasst es Patricia treffend zusammen: „Nach wie vor ist die leichte Ausrechenbarkeit der Eintracht ein großes Problem. Kostic ist immer noch der wichtigste Spieler in der Offensivbewegung. Auf der rechten Seite fehlt (Stand jetzt) weiterhin ein offensiver Spieler für die Außenbahn. Auch im zentralen Mittelfeld mangelt es an Kreativität, weshalb Flanken und lange Bälle das Mittel der Wahl sind. In der Zentrale erhofft man sich, dass Kamada nach seiner Vertragsverlängerung nun den nächsten Schritt macht und konstantere Leistungen bringt. Die große Baustelle ist aber weiterhin die rechte Außenbahn. Es braucht hier dringend einen Gegenspieler zu Kostic, um die Disbalance im Angriffsspiel der Eintracht zu beheben.“ 

Weiteren Nachbesserungsbedarf sieht Patricia auf der 10, wo es einen Vertreter für Daichi Kamada benötigt sowie im Sturm, wo nach der etwas überraschenden Leihe von Goncalo Paciencia nach Schalke eine Lücke klafft: „Hütter lässt mit einer Doppelspitze spielen, Dost war letzte Saison extrem verletzungsanfällig und auf der Bank sitzt nur noch der junge Neuzugang Ache. Das kann im Sturm ganz schnell sehr eng werden.“, führt Patricia aus.

Maier auf Abwegen?

Während auch Hertha noch auf der Suche nach Verstärkungen, insbesondere auf rechten Offensivbahn sowie im zentralen Mittelfeld, ist, könnte sich derweil zuerst etwas auf der abzugebenden Seite tun. „Täglich grüßt das Murmeltier“ möchte man meinen, wenn zu lesen ist, dass der Berater von Arne Maier einen Wechsel des Berliner Eigengewächs ins Gespräch bringt. Der Wunsch nach mehr Spielzeit ist angesichts der überschaubaren Einsätze Maiers in diesem Kalenderjahr durchaus nachvollziehbar. Ob es aber der Weg an die Öffentlichkeit sein muss, ist die andere Frage. Dass dies Maiers Chancen auf einen Startelfeinsatz am Freitagabend steigert, darf jedenfalls stark bezweifelt werden. Nach der erfolgreichen Vorstellung vom vergangenen Wochenende und unter der Prämisse, dass sich spontan niemand mehr verletzt, wird Labbadia aller Wahrscheinlichkeit nach derselben Elf wie in Bremen vertrauen.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]

Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Dieses nicht enden wollende Kribbeln nach der Sommerpause; die Vorfreude, nach einer verheißungsvollen Vorbereitung die Früchte erfolgreicher Arbeit auch in der Liga ernten zu können; die Euphorie, die ein souveränes Weiterkommen im Pokalsieg mit sich bringt – all das kennt man als Hertha-Fan dieser Tage höchstens vom Hörensagen. In der Vorbereitung ließ man sich das ein ums andere Mal düpieren (unter anderem mit einer 0:2-Niederlage beim HSV). Die Leistungen auf dem Feld waren ebenso wenig erbaulich, wie die Ergebnisse und zu allem Überfluss schied man dank mehrfacher Slapstick-Einlagen in der Hintermannschaft trotz vier geschossener Tore gegen Eintracht Braunschweig aus – ein Team, das in der vergangenen Saison noch in der dritten Liga beheimatet war. Aber das Fan-Herz ist nun mal kein rational-denkendes Organ. So reicht schon die Verkündung eines neuen Stürmers, um all die logischen Bedenken flugs beiseite zu wischen und von Europa zu träumen. Wo die Wahrheit zwischen diesen beiden Extremen letzten Endes liegen wird, weiß niemand. Das ist ja bekanntlich das Schöne an diesem Sport.

Um trotz all dieser Unwägbarkeiten ein paar Fakten zu ergänzen, werden wir uns auch in dieser Saison für unsere Vorberichte Hilfe von Expert*innen rund um die jeweiligen Gegner holen. Den Auftakt macht Joey, der uns einen ausführlichen Einblick in die Situation an der Weser gewährt hat.

DIE TÜCKEN DES BREMER WEGS

Dass die Situation in Bremen derart eskalieren konnte, hat vielschichtige Gründe. So waren es neben Fehlentscheidungen der Verantwortlichen auch Faktoren, die niemandem anzulasten sind. So zog sich Niclas Füllkrug, der in den ersten vier Partien an drei Toren beteiligt war, am vierten Spieltag einen Kreuzbandriss zu. Zeitgleich verletzte sich auch Yuya Osako und fiel fünf Spieltage aus. Die Liste ließe sich beliebig fortführen, wohl kein Team war derart verletzungsgebeutelt, wie der SV Werder. Doch selbstverständlich erklärt dies allein einen derartigen Absturz nicht. In jedem anderen Verein greifen zu so einem Zeitpunkt die viel zitierten Mechanismen des Fußballgeschäfts, was übersetzt bedeutet: Der Trainer wird zum Bauernopfer gemacht.

Mit Ach und Krach rettete sich der SV Werder Bremen in der Relegation vor dem Abstieg. (Photo by Ronald Wittek/Pool/Getty Images)

Werder hingegen verfolgt als Teil des „Bremer Weges“ eine andere Politik. So wurden zu keinem Zeitpunkt spürbare Diskussionen um Florian Kohfeldt aufgemacht. Ein Punkt, für den Joey Verständnis hat: „Der entscheidende Punkt war meiner Meinung nach – das wurde so auch von den Verantwortlichen immer betont – dass man in Kohfeldt insbesondere langfristig den richtigen Trainer für Werder gesehen hat und von seiner Arbeit grundsätzlich überzeugt war. […]In der Hinrunde gab’s auch durchaus noch viele Argumente, die man entweder zu Kohfeldts Gunsten auslegen konnte oder zumindest als erklärende Faktoren für den Negativlauf, um Kohfeldt aus der Schusslinie zu nehmen. Der Saisonbeginn beispielsweise war spielerisch durchaus vielversprechend, trotz zahlreicher Verletzter. […] Da konnte man noch denken: Lass die Verletzten zurückkommen, lass die Truppe die Standardschwäche abstellen und das wird zumindest eine Saison im ruhigen Mittelmaß. Leider wurde es mit der Zeit immer schlimmer.“

Statt sich also Schritt für Schritt wieder aus der Schlinge zu lösen, schien es für Bremen mit zunehmendem Fortschreiten der Spielzeit irgendwann keinen Ausweg mehr zu geben. Die anhaltende Erfolgslosigkeit trieb Kohfeldt, der für eine offensive Spielidee bekannt ist und dafür in der Vergangenheit viel Lob erntete, dazu, von seiner Philosophie abzuweichen und einen defensiveren Ansatz zu wählen. Allein die Ergebnisse blieben nach wie vor aus und „das war furchtbar anzusehen“, wie Joey zu Protokoll gibt.

WIE KONSEQUENT SIND DIE KONSEQUENZEN?

Trotz der sportlichen Misere hielt Werder Bremen unumstößlich an Trainer Kohfeldt fest. (Photo by Ronny Hartmann/Getty Images)

Dass dann auch nach dem erfolgreichen Klassenerhalt weiterhin mit Kohfeldt geplant wird, ist nur der logische Schritt – sonst hätte sich das Risiko, auf einen Trainerwechsel zu verzichten, auch gespart werden können. Dass es aber ein „Weiter so“ nach einer solch katastrophalen Spielzeit unter keinen Umständen geben darf, daran besteht kein Zweifel.

Zu diesem Schluss kamen auch die Werder-Verantwortlichen und so gab es einige Umstellungen beim Personal, das sich um die Mannschaft kümmert. „Es gab Veränderungen im Co-Trainer-Stab, es gab Veränderungen im „Team ums Team“, d. h. bei Physios, in der medizinischen Betreuung der Spieler, und es gab Veränderungen im Analyse-Team. Ob diese Änderungen dann wirklich spürbar werden, wird man abwarten müssen. Das gilt auch für Kohfeldts Trainingsarbeit: In der Vorsaison hat er selbst auch viele Fehler gemacht, die wird er nun abstellen müssen. Bisher kann man zumindest festhalten, dass wir weitgehend ohne nennenswerte oder längere Verletzungen durch die Vorbereitung gekommen sind, das ist schon mal ein Pluspunkt.“, so Joey. Ob diese Maßnahmen ausreichen, oder der Makel der Fehler aus der Vorsaison doch zu sehr an Kohfeldt heften, steht in den Sternen.

DIE SUCHE NACH DEM HOFFNUNGSSCHIMMER

Während sich also im Trainerstab einiges getan hat, war der Handlungsspielraum in Bezug auf Spieler aufgrund der Corona-Krise und der traditionell begrenzten finanziellen Mittel eher limitierter Natur. Aus Joeys Sicht gibt es dennoch Gründe, nicht um eine Wiederholung der letzten Saison bangen zu müssen: „Mit Rashica wird uns zwar einer der Spieler mit dem größten spielerischen Potenzial verlassen, aber dafür wird man hoffentlich endlich das eklatante Defizit im defensiven Mittelfeld beheben bzw. es zumindest versuchen. Gerade das Mittelfeld war letzte Saison überwiegend eine Katastrophe bei uns.”

“Die Besetzung in der Spitze hat nicht gepasst“, führte Joey weiter aus, “es haben Ballsicherheit und ein spielerischer Ruhepol gefehlt, Kreativität hat gefehlt, Dynamik hat gefehlt und wir hatten auch einfach keine Alternativen. Möhwald war verletzt, Schmid noch verliehen, Bargfredes Gesundheitszustand hat ihn selten zu einer Alternative gemacht und Sahin war plötzlich aussortiert und auch davor schon nur noch unter besonderen Bedingungen sinnvoll einsetzbar. Aktuell ist man in der Spitze zwar nicht unbedingt besser besetzt, aber man hat zumindest die Chance, wieder unterschiedliche spielerische Profile einzubringen, man hat wieder Alternativen, man hat wieder Konkurrenzsituationen auf diversen Positionen und kann dadurch auch im Training ein ganz anderes Grundniveau anlegen.“ Auch der Kopf, der nun wieder freier sei, als noch im Abstiegskampf, könne laut Joey eine große Rolle spielen. Die Befreiung darf sich aber auch gern erst ab dem zweiten Spieltag bemerkbar machen.

Auch in der aktuellen Episode unseres Podcasts haben wir neben vielen anderen Themen über unsere Erwartungen an den Saisonstart von Hertha besprochen.

STATUS: ES IST KOMPLIZIERT

Nach dem Pokal-Aus in Braunschweig macht vor allem die Rückkehr von Boyata und Torunarigha Hoffnung auf Besserung. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Um aus Herthaner Sicht Gründe für eine zufriedenstellende Saison zu finden, muss man derweil eigentlich nicht allzu kreativ sein. Der Kader war in den vergangenen Jahren schon deutlich schlechter zusammengestellt, in Bruno Labbadia steht ein erfahrener und erfolgshungriger Trainer mit klarer Spielidee an der Seitenlinie und finanziell hat man aktuell ohnehin keine Sorgen. Dass ein solcher Umbruch, wie ihn Hertha mit den Abgängen von Thomas Kraft, Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und Per Skjelbred im Sommer erlebt hat, aber eben seine Spuren hinterlässt, macht sich aktuell deutlich. Die Mannschaft muss sich erst noch finden. Dazu muss man ihr Zeit gewähren. Und Zeit ist in diesem Geschäft bekanntlich ein rares Gut, das man sich vor allem durch Erfolge verdienen kann.

Dementsprechend wäre ein Weiterkommen im DFB-Pokal nicht unbedingt hinderlich gewesen, um weiter in Ruhe an der Selbstfindung zu arbeiten. Dass es anders kam, ist zu großen Teilen eklatanten Patzern in der Defensive anzukreiden. Da Boyatas Probleme mit der Achillessehne, die ein Mitwirken in Braunschweig noch verhinderten, rechtzeitig zu verheilen scheinen und Torunarighas Sperre ohnehin nur für den DFB-Pokal galt, dürften beide am Samstag die Innenverteidigung bilden. Nach ihren Leistungen in der vergangenen Spielzeit gibt es berechtigten Anlass, optimistisch zu sein, dass sie sich derart haarsträubende Fehler nicht leisten werden.  

[Titelbild: by Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images]

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte. In diesem Teil wird die Position der Außenstürmer näher beleuchtet.

Lukebakio und die Veränderung des Stellenprofils

Er war der Spieler, dessen Transfer im Sommer an der Spree für das größte Erstaunen sorgte. Mit der Verpflichtung von Dodi Lukebakio landete Michael Preetz zum wiederholten Male einen echten Coup. Wie schon bei Mitchell Weiser, Valentino Lazaro und Niklas Stark – um nur einige zu nennen – schaffte es „Der Lange“ erneut, einen jungen Spieler mit hohem Entwicklungspotenzial in die Hauptstadt zu lotsen. Ein typischer Preetz-Transfer also? Nicht ganz. Denn die Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro war ein Wert, an den man zu diesem Zeitpunkt im blau-weißen Umfeld noch nicht gewohnt war. Dass der Preis nach Lukebakios erster Bundesligasaison in Düsseldorf, in der er 14 Torbeteiligungen in 31 Spielen verzeichnete, seine Berechtigung hatte, daran gab es kaum Zweifel. Dass Hertha jedoch bereit ist, derartige Summen zu zahlen – das war neu. Doch Hertha war im zurückliegenden Transfersommer zweifelsohne zum Handeln gezwungen. Nachdem Valentino Lazaro den Klub gen Mailand verlassen hatte, war klar, dass es zwingend offensive Qualität für die rechte Seite brauchen würde. Auch, weil Mathew Leckie, der diese Position mehr oder weniger im Wechsel mit Lazaro bekleidete, zum einen in der Vorsaison primär durch Verletzungen auffiel und zum anderen auch bei vollständiger Gesundheit weit von der Form zu Beginn seiner Berlin-Zeit entfernt war. Da man sich entschied, auf der Rechtsverteidiger-Position nicht nachzurüsten und stattdessen auf Klünter und Pekarik zu vertrauen, war klar, dass es von nun an ein klar offensiv denkender Mann für den Flügel richten muss, der die fehlende Kreativität und Torgefahr seiner Hinterleute ausgleicht. Dementsprechend groß waren die Erwartungen an den – zu diesem Zeitpunkt – Rekordtransfer.

Lukebakios Treffer zum 2:0 im Derby gegen Union. (Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images)

Der Start sollte dann jedoch, analog zu dem des Vereins, etwas holprig verlaufen. War er am ersten Spieltag mit dem Tor in München, das Hertha zum Remis verhalf, noch obenauf, ging es danach ebenso rasant bergab. Die folgenden drei Spiele, die Hertha allesamt verlor, sah auch Lukebakio alles andere als gut aus. Immer wieder schlichen sich Schwächen in der Ballbehandlung sowie der Chancenverwertung ein, sodass Trainer Ante Covic seinen Königstransfer am fünften Spieltag erstmals auf die Bank beorderte. Nachdem Hertha gegen Paderborn den ersten Saisonsieg einfuhr, sollte sich Lukebakio auch bei den kommenden beiden Siegen gegen Köln und Düsseldorf sowie dem Remis in Bremen nicht in der Startelf wiederfinden.

Statt Stunk zu machen, bewies der Belgier jedoch Moral und empfahl sich über vielversprechende Kurzeinsätze, in denen er in allen drei Spielen jeweils an einem Treffer beteiligt war, wieder für die Startelf, aus der er seitdem auch nicht mehr wegzudenken ist. Sieben Treffer und ebenso viele Vorlagen können sich, insbesondere angesichts der durchwachsenen Saison von Hertha, durchaus sehen lassen. Dennoch ist es keineswegs so, als wäre der Offensivmann frei von Kritik. Zum Saisonendspurt hin wurde er von Labbadia nach schwacher Vorstellung in Dortmund öffentlich für seine Leistung kritisiert und trotz Herthas zu dem Zeitpunkt dünner Personaldecke im Spiel darauf auf die Bank gesetzt. Insbesondere die fehlende Bereitschaft zur Defensivarbeit und seine vermehrt lustlose Körpersprache standen in der Kritik. Doch auch aus diesem Zwischentief konnte sich Lukebakio befreien – erzielte zunächst ein Traumtor gegen Freiburg, das jedoch aberkannt wurde und war beim Überraschungssieg gegen Leverkusen – dann auch regulär – an beiden Treffern direkt beteiligt.

Fazit: Bei all der (berechtigten) Kritik, die sich Lukebakio in seinen beiden Schwächephasen anhören musste, sollte nicht vergessen werden, dass es hierbei um einen 22-jährigen geht, der noch weit entfernt von seinem Leistungszenit ist und aller Widerstände zum Trotz 14 Scorerpunkte vorweisen kann. Wenn Labbadia es schafft, Lukebakios klar benennbare Defizite zu beheben, dann kann Hertha in den kommenden Jahren noch viel Freunde an ihm haben.

Das Juwel im Entwicklungsstopp

Zahlen, wie sie Lukebakio vorweisen kann, hätte man sich in der abgelaufenen Saison auch von Javairo Dilrosun erhofft. Der bis zur Verpflichtung von Matheus Cunha wohl talentierteste und technisch versierteste Spieler im Berliner Kader, bringt in seinen Anlagen alles mit, das es braucht, um eine wichtige Rolle in Herthas ambitionierten Zukunftsplänen zu spielen. Zu Beginn der Saison sah es so aus, als könnte er diesen Erwartungen bereits jetzt schon gerecht werden. Nachdem er den Saisonauftakt verletzungsbedingt verpasste, zählte er ab dem fünften Spieltag zum Stammpersonal und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Hertha zwischenzeitlich zehn Zähler aus vier Partien einheimsen konnte. Vier Torbeteiligungen sammelte er in diesen Partien. Die drei Tore, die er dabei selbst schoss, waren allesamt solche für die Galerie. In dieser Phase war allein Dilrosuns Spielfreude das Eintrittsgeld wert.

Ließ sein Können leider viel zu selten aufblitzen: Javairo Dilrosun by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Doch leider waren mit dem abrupten Ende des zwischenzeitlichen Aufschwungs Herthas auch die Jubel-Wochen von Dilrosun vorbei. Zwar gehörte er unter allen drei Trainern bis zu Labbadia zum Stammpersonal, allein seine Leistungen rechtfertigten das Vertrauen nicht mehr. Vom siebten bis zum 28. Spieltag gelang dem Niederländer keine einzige Torbeteiligung mehr. Regelmäßig tauchte er komplette 90 Minuten ab. Zweifelsohne kann man die Schuld nicht allein ihm zuschreiben. Auch der fußballverneinende Stil von Klinsmann/Nouri tat sein Übriges. Dennoch darf und muss man von einem Spieler dieser Güteklasse mehr erwarten. Es passt zur Saison Dilrosuns, dass dieser sich, gerade, als Labbadia begann, auf ihn zu setzen und er sich gegen Augsburg mit einem – natürlich – sehenswerten Treffer für das Vertrauen revanchierte, erneut eine Verletzung zuzog und für den Rest der Saison ausfiel.

Fazit: Die nächste Saison könnte der Wegweiser sein, in welche Richtung sich Dilrosuns Karriere entwickelt. Bleibt er im Status des Talents hängen, das hin und wieder seine außergewöhnliche Klasse aufblitzen lässt, oder gelingt es ihm, Konstanz in seine Leistungen zu bringen? Viel wird auch davon abhängen, inwieweit er dabei von Verletzungen verschont bleibt. Ein anderer Faktor ist, welche Position Labbadia für den Flügelflitzer vorsieht. Denn auf Dilrosuns Stammposition – dem linken Flügel – fühlt sich neuerdings noch ein anderer Spieler recht wohl.

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Matheus Cunha – ein Spieler für die besonderen Momente (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hacunha Matata

Wo soll man da nur anfangen? All den Ärger, den man mit Hertha in den letzten Jahren, ach, Jahrzehnten hatte; all die verpassten Chancen auf das europäische Geschäft; all die Stresspickel, die hervortreten, wenn man an Jens Lehmann und Jürgen Klinsmann denkt – all das rät für ein paar Minuten in Vergessenheit, wenn man diesen Spieler auf dem Feld bewundern darf. Was Matheus Cunha seit seiner Ankunft aus Leipzig im Winter auf den Rasen zaubert, erinnert phasenweise tatsächlich an den großen Marcelinho.

In gerade einmal elf Partien brillierte sich der Brasilianer ins Herz aller blau-weißen Anhänger. Seine Torgefahr, seine Kreativität, seine Technik, seine Abschlussstärke – eigentlich kann man sich Spiel um Spiel nur verwundert die Augen reiben und fragen, wie sich ein Spieler dieser Qualität nach Berlin verirren konnte. Natürlich kann, wenn die rosa-rote Brille abgesetzt wird, auch hier an der einen oder anderen Stelle noch Luft nach oben erkannt werden. So darf sich Cunha hin und wieder auch gern mal etwas früher vom Ball trennen und sich des eigenen Spielwitzes etwas weniger bewusst sein. Andererseits: Wenn das Resultat dessen solche Tore, wie das gegen Hoffenheim sind, wer möchte ihm dann derartige Aktionen verbieten? In diesem Sinne: Einfach genießen, solange er noch nicht gemerkt hat, dass er eigentlich für Höheres bestimmt ist.

Fazit: Über den Sommer in Watte einpacken und beten, dass er fit bleibt.

Der unwürdige Abgang eines Superstars

Während man bei Cunha aus dem Schwärmen kaum herauskommt, verlief die Saison von Salomon Kalou gänzlich anders. Dabei wurde schon früh deutlich, dass es wohl nicht sein Jahr werden würde. Neu-Coach Ante Covic ließ Kalou lediglich bei der Niederlage gegen Wolfsburg von Beginn an spielen. Unter Klinsmann/Nouri wurde die Bilanz gar noch düsterer. Nur ein Kurzeinsatz über zwölf Minuten am 13. Spieltag gegen den BVB sollte hinzukommen. Dies waren gleichzeitig seine letzten Minuten im blau-weißen Trikot. In das Wintertrainingslager unter Jürgen Klinsmann durfte er nicht mehr mitfahren, ein frühzeitiger Abgang stand im Raum.

Gerade in den großen Spielen trumpfte Kalou immer wieder auf. (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Wie es dann letzten Endes zum finalen Aus bei Hertha kam, wurde hinlänglich durch jedes Medium getrieben und soll an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Die Umstände des Ganzen werfen aber doch ein paar Fragen auf. Dass Kalou für seine Aktion bestraft gehört, ist wohl unstrittig. Ob es aber angemessen war, ihn allein für die Verfehlungen eines ganzen Vereins, oder besser gesagt einer ganzen Branche, verantwortlich zu machen, darf zumindest in Frage gestellt werden. So muss sich Hertha, mal wieder, den Vorwurf gefallen lassen, einen verdienten Spieler nicht den ihm zustehenden Abschied bereitet zu haben. Immerhin muss man sich an der Stelle nochmal in Erinnerung rufen, dass hier von einem Spieler die Rede ist, der in 151 Spielen 65 Torbeteiligungen für Hertha sammelte und maßgenblich daran beteiligt war, aus der einstigen Fahrstuhlmannschaft einen Europa League-Teilnehmer zu machen. Doch nicht nur sportlich war auf den Ivorer Verlass.

Auch für die Kabine war „Sala“ ein enorm wichtiger Spieler, der stets für gute Laune sorgte und für Späße zu haben war. Der letzte „Spaß“ war nun zu viel des Guten. Es würde seiner Karriere aber nicht gerecht werden, wenn man ihn dadurch in Erinnerung behielte. Stattdessen sollte man sich lieber an seine Tore in den großen Spielen gegen Bayern und Dortmund erinnern, seinen Dreierpack zu Hause gegen Gladbach, seinen Hattrick in Hannover mit eingewickeltem Kopf. Und natürlich an dieses unvergessliche Grinsen, das jeden ansteckt.

Fazit: Danke, Sala!

Zeit für neue Aufgaben

Dass sich Hertha derzeit im Umbruch befindet, das zeigen die Transfers eindeutig. Verpflichtungen wie die von Piatek und Cunha wären noch vor einem Jahr ins Reich der Fabeln verwiesen worden. Mit den neuen Ansprüchen – ganz gleich, wie man diese empfindet – muss es zwangsläufig auch zu Abgängen kommen. Die Trainersöhne Palko Dardai und Maurice Covic werden unter Labbadia wohl keine Rolle spielen. Selbiges gilt für Mathew Leckie. Der Australier, der vor drei Jahren an die Spree wechselte und einen beeindruckenden Start hinlegte, konnte seither, teils wegen Verletzungen, teils aufgrund endlos scheinender Länderspielreisen, nicht mehr an seinen Beginn anknüpfen. Vor einigen Monaten gab er öffentlich zu Protokoll, im Sommer einen neuen Verein suchen zu wollen. Angesichts der Konkurrenz auf seiner Position und seinen sehr überschaubaren Spielminuten ein absolut nachvollziehbarer und konsequenter Schritt.

Empfehlung: Ein weiterer Allrounder muss her

Wenn man die aktuellsten Gerüchte um Cunha mal als solche verbucht und darauf vertraut, dass Herthas neue Liquidität auch dazu führt, größere Summen ablehnen zu können, hat man in dem Brasilianer sowie Lukebakio wohl die feste Flügelzange für die anstehende Saison. Dahinter hat man in Javairo Dirosun allerdings aktuell nur einen Spieler, der ein würdiger Vertreter sein kann und das auch nur, wenn er fit und in Form ist – beides hatte in seinen nun zwei Jahren in der Hauptstadt Seltenheitswert. Ein Spieler mit Offensivdrang, der im Idealfall beide Seiten bespielen kann und speziell Lukebakio unter (Leistungs-)Druck setzt, sollte in diesem Sommer auf Michael Preetz’ Einkaufsliste stehen.

Titelbild: STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Die Sehnsucht nach Normalität

Die Sehnsucht nach Normalität

Ja, es gibt – insbesondere aktuell – unendlich viel wichtigere Dinge, als Fußball. Ja, die Herrschaften Watzke, Seifert, Rummenigge etc. überhöhen die Rolle des Fußballs mit ihren jüngsten Aussagen auf absurde Art und Weise. Ja, die Vehemenz, mit der die DFL seit Wochen fordert, so bald wie möglich trotz nach wie vor geltender Abstandsregelungen Fußballspiele stattfinden zu lassen und Fußballer damit zu modernen Gladiatoren werden lässt, verschlägt jedem Normaldenkenden die Sprache. Und obwohl man sich aufgrund all dieser Absurditäten eigentlich immer weiter vom Fußball entfernen sollte, tut die Aussicht, wohl frühestens im nächsten Jahr wieder Spiele im Stadion verfolgen zu können, einfach nur weh.

Viel mehr, als 90 Minuten

Die Posse um Dietmar Hopp, WM-Vergaben nach Katar und Russland, Leugnung von Rassismus im Fußball, RB Leipzig: Die Reihe an Aufregern, mit denen man sich als Fußballfan seit Jahren herumschlagen muss, könnte endlos fortgesetzt werden. Doch gerade in diesen Zeiten wird klar, dass man, bei all der berechtigten Kritik an den beschriebenen Vorgängen, einfach nicht ohne den Fußball kann. Dabei geht es um viel mehr, als nur die 90 Minuten im Stadion. Es ist das Gruppenerlebnis, das diesen Sport zu etwas ganz besonderem macht. In Zeiten von Social Distancing wird man sich erst bewusst, wie besonders so ein normaler Spieltag ist. Ein jeder hat mindestens ein Hobby, in dem er komplett aufgeht. Aber wenn man dieses Hobby mit einer Gruppe von Freunden teilt, steigert dies das Glück ins Unermessliche.

Die Sehnsucht nach dem ganz normalen Samstag

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

All dies wird nun vorerst auf unbestimmte Zeit nicht mehr möglich sein. Und wie so oft wird man sich der Einzigartigkeit des vormals normalen Samstags erst bewusst, wenn man ihn nicht mehr genießen kann. Nun, da Treffen mit mehr als einer Person untersagt sind, lernt man erst zu schätzen, was für ein Privileg es ist, sich in der vollen Bahn voll schwitzender, stinkender, alter Männer mit seinen Leidensgenossen ein paar Bierchen hinter die Binde zu kippen, um das bevorstehende Trauerspiel unserer „Alten Dame“ irgendwie erträglich zu machen. Jetzt, wo Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober untersagt sind, entfacht sich plötzlich absurderweise eine regelrechte Sehnsucht, dieser Trümmertruppe beim Versuch, Fußball zu spielen, zuzusehen. Sogar ein Spiel gegen Leipzig, Hoffenheim oder Wolfsburg scheint plötzlich ein reizvoller Gedanke, wenn man doch nur einmal wieder zu den Klängen von Frank Zanders Stimme den Schal in den Himmel recken und sich die Seele aus dem Leib singen kann. Und dann wären da natürlich noch die 90 Minuten, die durch das Miteinander im schlimmsten Fall erträglicher und im besten Fall schlichtweg einzigartig werden.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück

So gibt es unzählige Erlebnisse, die allein nicht annähernd die Bedeutung für mich hätten, die sie nun haben, da ich sie mit meinen Freunden teilen konnte. Wenn ich an das Freistoßtor von Ronny im Heimspiel gegen Union denke, denke ich nicht daran, wie sich der Ball hinter der Mauer senkt. Ich denke daran, wie mein Kumpel und ich uns in die Arme fallen und wie Kleinkinder, denen man ihr Spielzeug wegnimmt, hemmungslos zu weinen beginnen. Wenn ich auf den Sieg gegen Hoffenheim am letzten Spieltag der Saison 2011/2012 zurückschaue, der uns letztlich in die Relegation gerettet hat, ist es nicht Raffael, wie er auf das leere Tor zuläuft, der mir als erstes in den Kopf schießt. Es ist mein längster Freund seit Kindheitstagen, wie er in dem Moment, als unsere Nummer 10 den Ball vom letzten Hoffenheimer Mann erobert, Richtung Stadiongraben rennt, als würde er das Tor selbst machen wollen und wir, als der Ball die Linie überquert, synchron vor schierer Erleichterung zusammensacken.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=q1zuqyBYxxk

Derselbe Freund machte mir die Schmach, nachdem wir rund anderthalb Wochen später in Düsseldorf den Gang in die zweite Liga besiegelten, um einiges erträglicher, weil ich in der Schule nicht der Einzige war, der sich den teils mitleidsvollen, teils hämischen Blicken der Mitschüler stellen musste.

Das Europa League-Spiel in Bilbao war nicht deshalb so besonders, weil man Hertha endlich mal wieder im Duell mit einem namenhaften europäischen Verein begutachten konnte. Sondern weil damit ein einzigartiges Wochenende mit tollen Menschen und viel zu viel Wein einherging.

Das Warten lohnt sich

Unabhängig von der aktuellen Debatte, ob die Bundesliga in Form von Geisterspielen zügig wieder den Spielbetrieb aufnehmen soll, oder nicht, machen diese Geschichten eines klar: Wie so ziemlich alle schönen Erlebnisse werden Momente erst dann einzigartig, wenn man sie mit Freunden teilen kann. Ob der Jubel über ein Tor, das man sich gemeinsam via Skype-Konferenz mit seiner Stadion-Truppe anschaut, derartige Hochgefühle auslöst, wie ein Last-Minute-Sieg im Stadion oder in der Kneipe, darf bezweifelt werden.

Bis es wieder zu solchen Momenten kommen kann, wird es noch eine ganze Weile dauern. Aber wenn ich mir heute vorstelle, wie breit mein Grinsen sein wird, wenn ich um 13:30 am Bahnsteig auf meine Freunde treffe, wir zusammen ins Stadion fahren und uns nach Abpfiff stundenlang abwechselnd über Herthas Unfähigkeit und den VAR aufregen, dann weiß ich, dass sich das Warten lohnt.

[Titelbild: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images]

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

Nun heißt es erst einmal ganz tief durchatmen. Ein auf allen Ebenen derart intensives Spiel, wie das am Mittwochabend gegen Dynamo Dresden, hat man als Hertha-Fan lange nicht gesehen. Zum Runterkommen täte es da eigentlich ganz gut, wenn man sich am Wochenende einen schönen Waldspaziergang vornimmt oder in den Park geht und Enten füttert. Doch der Spielplan der DFL meint es in dieser englischen Woche nicht gut mit dem Seelenheil aller blau-weißen Anhänger. Denn schon am Samstag steht das Spiel an, auf das schon seit Wochen hingefiebert wird:

Mit dem Aufstieg Unions kommt es nun erstmals in der Bundesliga zum Stadt-Derby. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Am 27. Mai 2019 war die Überraschung perfekt. Ein 0:0 im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besiegelte den Aufstieg Unions in die Bundesliga. Nachdem man in den Vorjahren einige Male am Wunder schnupperte, ist der Traum von der ersten Liga nun Realität.

Damit steht auch fest, dass es in dieser Saison erstmalig zum Derby zwischen Union und der Alten Dame im Fußball-Oberhaus kommt. Anlässlich dieses Ereignisses haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Sinne des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls haben wir Unioner und Herthaner aus der Podcast/- Bloggerszene zu ihrer Gemütslage vor dem Spiel befragt. Wir wollen wissen, welche Bedeutung das Derby für beide Seiten hat, wie sich die Rivalität der zwei größten Berliner Vereine in den letzten Jahren entwickelt hat und mit welchen Gefühlen beide Fanlager in den Samstag gehen.

Kein Derby wie jedes andere

Das letzte Aufeinandertreffen liegt über sechseinhalb Jahre zurück. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Hört man hierzulande das Wort “Derby”, denkt man zuallererst an Partien wie Dortmund – Schalke, Bayern – 1860 München, Stuttgart – Karlsruhe oder Nürnberg – Fürth. All diese Begegnungen eint eine tief gewachsene Rivalität zwischen den jeweiligen Teams. Der Ausgang des Derbys kann dabei schon mal über eine ansonsten komplett verkorkste Saison hinweghelfen oder den Schmerz zumindest erheblich lindern. So war es beispielsweise der Fall, als Dortmund in der Saison 2006/2007 Schalke am vorletzen Spieltag die Meisterschaft versaute, abgesehen davon jedoch eine enttäuschende Runde spielte und auf Rang 9 abschloss. Über 10 Jahre später bleibt aber vor allem dieses eine Spiel in Erinnerung.

Hertha und Union “fehlt” diese gewachsene Rivalität. Bekanntermaßen bestand zu Zeiten der Teilung und auch noch danach (zumindest in Teilen) eine Freundschaft zwischen beiden Fanlagern. Zudem gab es in der gemeinsamen Geschichte lediglich zwei Spielzeiten, in denen man in derselben Liga spielte. Daher gab es kaum Gelegenheiten, für denkwürdige Spiele oder andere besondere Momente zu sorgen. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren, zumindest beim aktiven Teil der Fanszenen, eine starke Antipathie füreinander entwickelt. So gibt es kaum noch ein Heimspiel der Alten Dame, bei dem es nicht “Scheiß Union” durch das weite Rund schallt. Ein Spiel wie jedes andere ist es also keineswegs. Schon allein deswegen nicht, weil man sich nun weitaus eher auf Augenhöhe begegnet, als es noch zu Zweitligazeiten der Fall war.

Zwar ist Hertha auch jetzt der Favorit, doch waren die Machtverhältnisse im Unterhaus – in dem Hertha mit einem Kader antrat, der an Wettbewerbsverzerrung grenzte und das zu einer Zeit, als Union noch weit davon entfernt war, ernsthafte Aufstiegsambitionen zu haben – weitaus klarer verteilt. Und selbstverständlich darf man auch das Thema Prestige nicht außer Acht lassen. Ein Derbysieg schmeckt dann am Ende des Tages eben doch süßer als Siege gegen Wolfsburg, Hoffenheim und Konsorten.

Die sportliche Bedeutung

Neben der emotionalen Komponente geht es nüchtern betrachtet auch in dieser Partie zunächst einmal um drei Zähler. Diese würden beiden Mannschaften in der aktuellen Situation zupasskommen. Union befindet sich seit Saisonbeginn, wie es nicht anders zu erwarten war, im Abstiegskampf und rangiert punktgleich mit dem 17. auf Rang 15. Auch wenn der Start mit einem 0:4 gegen RB Leipzig gleich mal gehörig daneben ging, hat man seitdem bewiesen, dass man keineswegs chancenlos ist und konnte gerade bei den Siegen gegen Dortmund und Freiburg zeigen, insbesondere vor heimischer Kulisse für die eine oder andere Überraschung gut zu sein. Hertha sollte sich also nicht auf den Derby-Heimfluch (bisher konnte weder Hertha noch Union ein Derby im eigenen Stadion für sich entscheiden) verlassen.

Auch die Alte Dame kann einen Sieg im Derby, nicht nur aus atmosphärischen Gründen, dringend gebrauchen. Nach dem Zwischenhoch mit zehn Punkten aus vier Spielen sorgte die Niederlage gegen Hoffenheim wieder für einen kleinen Dämpfer. Will man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren, ist ein Sieg in Köpenick Pflicht.

Um das Stimmungsbild aus beiden Fanlagern möglichst genau abzubilden, haben wir mit je drei Herthanern und drei Unionern aus der Podcast-/ Bloggerszene gesprochen. Genauer gesagt standen uns für Union Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen, Daniel Roßbach – ebenfalls bekannt durch u.a. Textilvergehen und Spielverlagerung.de – sowie Benni von der Alten Podcasterei gesprochen.
Auf Herthaner Seite standen uns Steffen vom Damenwahl-Podcast
, Moritz von der Axel Kruse-Jugend sowie Steven, der den Blog sogenannterblogger betreibt, Rede und Antwort.

Wir bedanken uns vielmals bei unseren tollen Interview-Gästen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hertha BASE: Nur noch ein paar Tage bis zum Derby: Wie sehr kribbelt es schon?

Steven (Hertha-Fan): Jetzt, nach dem wichtigen Pokalspiel, liegt der Fokus natürlich komplett auf dem Derby. Ja, es kribbelt!

Benjamin (Union-Fan): Als viele Unioner nach dem Relegationsrückspiel schon das Derby im Kopf hatten, war ich immens davon genervt. Immerhin waren wir für uns aufgestiegen. Das Abenteuer erste Liga ist eines, welches nicht nur aus zwei Derbys besteht. Nun nähert sich jedoch der Spieltag und ich muss gestehen: ja, ich bin heiß auf das Spiel!

Sebastian (Union-Fan): Bis jetzt noch gar nicht. Aber das hat eher was mit der gesamten Saison zu tun. Ich war so oft so aufgeregt in dieser Spielzeit, das kann ein Derby gar nicht toppen. Man steigt eben nur ein Mal das erste Mal in die Bundesliga auf. Das erste Spiel überhaupt, der erste Punkt, der erste Sieg und so weiter und so fort. Es gibt eine ganze Reihe Gegner, gegen die Union das erste Mal überhaupt in einer Liga spielt. Hertha gehört da nicht dazu, weil ihr uns zwei Mal entgegen gekommen seid. Und dann ist da noch der enge Spielplan. Auswärtsspiel beim FC Bayern, dann Pokal in Freiburg und dann gleich das Derby – viel Zeit für Vorfreude bleibt da nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es am Sonnabend Vormittag kribbeln wird.

Steffen (Hertha-Fan): Noch nicht so sehr, wie ich gedacht hätte. Das liegt vermutlich am Pokalspiel, welches der Derbyvorfreude noch so ein wenig im Weg steht. Außerdem habe ich für das Auswärtsspiel bei Union – mal wieder – kein Ticket. Ein TV-Derby und das Aufeinandertreffen direkt im Stadion sind dann nochmal was anderes. Mal schauen, ob das Kribbeln zum Wochenende hin noch zunimmt. Spoiler: Ja, wird es!

Daniel (Union-Fan): Es geht … uns gerade eher auf die Nerven. Wir beim Textilvergehen werden seit einer Weile ständig danach gefragt, wie bedeutend uns nun eigentlich dieses Derby sei, und wie das Verhältnis von Hertha und Union denn nun eigentlich sein sollte. Dabei ist mir Hertha die meiste Zeit über eher etwas egal – zumindest so, dass ich nicht wie offenbar manche Leute im Union-Block in München plötzlich auf die Idee käme, mich über Hoffenheim-Tore zu freuen, weil sie gegen Hertha fallen. Aber natürlich ist Hertha schon ein besonderer Gegner. Das Spiel am Samstag wird nicht eins der Top5 aufregendsten dieses nicht-ganz-uninteressanten Jahres bei Union sein – aber in der Liste auch nicht auf Platz 22 stehen.

Moritz (Hertha-Fan): Auf einer Skala von “Siehst Du, dass ich mich kratze?” – “Nein.” – “Weil es mich nicht juckt.” bis Dschungelprüfung: irgendwo dazwischen. Das Pokalspiel zieht auch einiges an Aufmerksamkeit und es ist doch weniger von der Fanszene und Hertha her passiert, als ich gehofft habe (Kein Public Viewing, kein Begleiten des Busses …). Gefühlt geht es die ganze Zeit darum, wer noch wie von wo ein Ticket kriegt … (Nein, ich habe keins. Nein, ich kann meins auch nicht weitergeben, ich habe keins.)

Hertha BASE: Ist das Gefühl dieses Mal (auch wegen der höheren Spielklasse) ein anderes als noch bei den letzten Aufeinandertreffen?

Steven (Hertha-Fan): Würde ich schon so sehen, ja. In der zweiten Liga war halt immer im Hinterkopf, dass wir eigentlich niemals hätten absteigen dürfen. Die Derbys und viele andere Spiele gegen für uns neue Gegner waren natürlich spannend, aber es war klar, dass der Fokus auf dem Wiederaufstieg liegt. Ein Bundesliga-Derby in der eigenen Stadt ist schon was besonderes und wäre für mich persönlich nur noch zu toppen durch ein Pokal-Derby.

Benjamin (Union-Fan): Das Gefühl ist in der Tat anders als zuvor – aber nicht der Spielklasse wegen. So viele Pflichtspielderbys gegeneinander haben unsere Vereine noch nicht auf dem Buckel und dennoch ist das letzte eine Weile her. Und diese Jahre machen etwas mit dem Fußballgemüt. Ich sehe Hertha heute anders als damals. Das unterscheidet es für mich.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Es ist sehr viel sehr gleich. Und doch ist manches ein bisschen anders. Die Grundvoraussetzung hat sich geändert und ich glaube, dass uns das allen gefällt: Niemand musste absteigen, damit das Derby stattfinden kann. Und wir befinden uns im natürlichen Habitat von Hertha, in der Bundesliga. Ob diese Liga auch mal ein natürlicher Lebensraum für Union wird, werden wir sehen. Und auch die Bedeutung von Union hat sich geändert. Obwohl Bedeutung vielleicht das falsche Wort ist. Durch den Bundesliga-Aufstieg bekennen sich mehr und mehr Menschen zum 1. FC Union. Auch durch Vereinsmitgliedschaft. Und das führt schon dazu, dass Union zwar noch der Underdog ist, aber der Abstand zu Hertha gefühlt geringer ist, auch wenn da noch sehr viel Weg zu gehen ist, damit Union in Bereichen wie in der Nachwuchsarbeit ansatzweise auf einem ähnlichen Stand ist.

Steffen (Hertha-Fan): Ein Derby ist was besonderes. Ob in der 1. oder 2. Liga ist für mich eher zweitrangig. Ich beschreibe das Derby-Gefühl gern mit “das Weiße in den Augen des Gegners sehen”. Wenn man ein normales Ligaspiel gewinnt oder verliert, dann freut oder ärgert man sich – und dann geht’s weiter. Bei einem Derby kann man nicht so einfach einen Haken dran machen. Da sieht man die Fans des Gegners noch Tage und Wochen später auf der Straße, auf der Arbeit, im Supermarkt. Da möchte man in jedem Fall derjenige sein, der grinst. Nicht der, der angegrinst wird. Bestimmt bekommt das erstklassige Derby deutschlandweit eine andere Aufmerksamkeit. In Berlin empfinde ich das Spiel nicht anders.

Daniel (Union-Fan): Damals waren Spiele von Union gegen Hertha auf jeden Fall noch eine viel asymmetrischere Angelegenheit. Natürlich gibt es jede Menge Aspekte, in denen Union viel toller ist als Hertha, aber sportlich war es eben sehr klar nur vorübergehend dieselbe Liga, und innerhalb der ein großer Unterschied. Das ist jetzt beides nicht mehr (weniger) der Fall.

Moritz (Hertha-Fan): In Liga zwei war ich noch nicht so in die Fanszene eingebunden, aber damals war es definitiv auch was Besonderes. Die Hektik scheint diesmal größer, auch wegen der Mauerfall-Jubiläums-Sache vielleicht. Über Liga eins wird auch mehr in der Presse berichtet… Also unterm Strich: Ja, es ist ein anderes Gefühl.

Hertha BASE: Welches ist deine prägnanteste Erinnerung an die zurückliegenden Derbys?

Steven (Hertha-Fan): Sicherlich der 2:1-Sieg in der Alten Försterei in der Saison 12/13. Ein absolut dreckiges Kampfspiel mit Typen wie Maik Franz, Peter Niemeyer oder eben auch Änis Ben-Hatira und Sandro Wagner. Dazu der Freistoß von Ronny, mit mehr Wucht als Verstand. Spielerisch sicherlich übel, aber es wurde um jeden Ball, um jeden Einwurf gefightet. Wenn die aktuelle Mannschaft es am Samstag schafft, so eine Einstellung auf den Platz zu bringen, mache ich mir angesichts der vorhandenen spielerischen Qualität keine Sorgen.

Benjamin (Union-Fan): Selbstverständlich war das 2:1 im Olympiastadion ein historischer Moment für den 1. FC Union Berlin. Und meine Erinnerung daran bleibt, egal wie irgendein zukünftiges Derby enden sollte.

Sebastian (Union-Fan): Michael Parensens unzählige Verletzungen. Ich erinnere mich, wie ich beim Derby an der Alten Försterei noch in den Krankenwagen schaute, bevor der mit ihm losgefahren ist. Und dann natürlich der Sieg im Olympiastadion. Ich hätte eigentlich in der Sport-Redaktion des Kuriers arbeiten müssen, durfte aber ins Stadion, weil ich eine Familie aufgetan hatte, in der der Vater Unioner und der Sohn Herthaner ist und beide bis zum Stadion begleitete, wo sich beim Einlass deren Wege trennten. Ich bin meinem damaligen Chef Andreas Lorenz immer noch dankbar, dass er mich das hat machen lassen.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Im Vorfeld des ersten Pflichtspiel-Derbys gegen Union war ich eigentlich ganz entspannt. Hertha und Union waren traditionell keine großen Rivalen, der „echte“ Derby-Gegner war TeBe. Mit Union verband ich eher die Geschichten der „Alten“. Etwa von gegenseitiger Unterstützung zu Mauerzeiten, wenn Unioner zu Auswärtsspielen von Hertha im Europapokal gegen Gegner aus dem Ostblock anreisten oder Herthaner nach Ost-Berlin fuhren, um Union an der Alten Försterei anzufeuern. Geschichten von Blau-Weißen und Rot-Weißen, die sich in den Monaten nach dem Mauerfall bei dem einen oder anderen Spiel glücklich im selben Stadion wieder fanden. Nicht als Gegner, sondern als Menschen in einer plötzlich wiedervereinigten Stadt. Tja, dann zogen die Jahre ins Land und das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen kühlte mehr und mehr ab. 2010 war von den alten freundschaftlichen Banden kaum noch etwas zu spüren. Dann entschied sich Union im Vorfeld des ersten Derbys auf einmal die Ost-West-Karte zu spielen und das Spiel als ein Ost-Berlin gegen West-Berlin zu stilisieren. Ich habe das als ehemaliger Ost-Berliner als ziemlich schlimm empfunden. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich, aber für mich war das Derby eine Geschichte des zusammenwachsenden, wiedervereinigten Berlins. Und auf einmal versuchte da jemand, eine neue Spaltung, wenn auch nur sportlich, zu beschwören. Das schwebt bei mir seitdem bei jedem Aufeinandertreffen im Hinterkopf.

Daniel (Union-Fan): Ich bin ja noch gar nicht so lange Unioner, und eh Zugezogener. Das 2-2 im Februar 2013 in Charlottenburg mit dem späten Freistoß von Ronny war tatsächlich eins meiner ersten Union-Spiele in einem Stadion. Die Auswahl ist also nicht so furchtbar groß – aber ich fand den Auswärtsblock (ich war im Union-lastigen neutralen/heim Sektor daneben) damals sehr beeindruckend – vor allem die geschwenkte, schön rote Pyro im Oberrang.

Moritz (Hertha-Fan): Im Olympiastadion noch in der Schlussphase der Ausgleich durch das obligatorische Ronny-Freistoß-Tor… Fühlte sich trotzdem wie eine Niederlage an..

Hertha BASE: Wie hat sich die Rivalität in deinen Augen in den letzten Jahren entwickelt und wie nimmst du sie aktuell wahr?

Steven (Hertha-Fan): Es ist logisch, dass die Rivalität innerhalb einer Stadt größer wird, je öfter man sich sportlich über den Weg läuft. Historisch gesehen ist das sicher nicht vergleichbar mit den großen Rivalitäten wie Dortmund – Schalke, St. Pauli – HSV oder auch Karlsruhe – Stuttgart. Von daher sollte man da nicht die große gewachsene Feindschaft reinreden. Ebenso ist es aber sicher auch kein Freundschaftsderby. Die Kontakte, die es mal gab und die ich niemandem schlecht reden will, sind doch sehr abgekühlt und gerade von Unioner Seite nimmt man eine recht ablehnende Haltung wahr, wenn es um Hertha und die freundschaftlichen Kontakte der Vergangenheit geht.

Benjamin (Union-Fan): In meinem Umfeld bestand die Rivalität auch zu den Zweitligaderbys. Seit den 90ern ist hingegen viel passiert. Beide Vereine, Szenen, Fans driften in der Wahrnehmung auseinander. Das merke ich auch an mir selbst. Hätte ich mich in den letzten Derbys noch über ein gemeinsames “Eisern Berlin” gefreut, so kann ich heute getrost darauf verzichten. Der Alleinstellungsanspruch, der mir nicht nur von den blau-weißen “Wir sind Berlin”-Plakaten an der Bushaltestelle ins Gesicht springt, trägt dazu sicher auch etwas bei. Ihr mögt ganz gerne “Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC” singen. Aber auch ihr wisst hoffentlich, wie bunt die Fußballwelt in Berlin ist. “Eine Stadt – so viele Vereine!”

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Da ich bekennender Anhänger der Fußball-Ökumene Berlin bin, hat sich für mich wenig geändert. Wir hosten ja als Union-Blog und -Podcast auch den Hertha-Podcast Damenwahl. Ich mochte das Hertha-Echo mit Manne Sangel und ich finde, dass die Ostkurve zu den unterschätztesten Fanszenen in Fußball-Deutschland gehört. Was sich geändert hat? Uns trennt seit 30 Jahren keine Mauer mehr, sodass sich eine normale Rivalität entwickeln konnte, ohne in Hass umzuschlagen. Dazu gehört auch, dass man das Gegenüber als Konkurrenz empfindet. Und ich finde, dass das Hertha als Verein gut tut, um ein Profil jenseits dieser schlimmen Bezeichnungen wie “Hauptstadtklub” zu entwickeln. Abgrenzung tut dem Verein (und hier meine ich explizit die Leute, die im Verein arbeiten und nicht die Fans) ganz gut. Man muss nicht allen gefallen wollen. Und für Union ist es auch ganz gut, sich in Konkurrenz zu befinden. Toll finden wir uns schon von alleine. Da tut kritische Betrachtung ganz gut. Am Ende profitieren beide Klubs davon, dass man sich plötzlich in Berlin bekennen muss: Union oder Hertha?

Steffen (Hertha-Fan): Seit Herthas letztem Aufstieg im Jahr 2013 hat sich für mich persönlich eigentlich nicht so viel verändert. Sicherlich haben sich für beide Klubs in massiver Weise Dinge geändert. Union durchlebt gerade eine ähnliche Wachstumsphase wie Hertha in der zweiten Hälfte der Neunziger. Hertha selbst konnte sich erst einmal aus der ewigen Schuldenfalle befreien. Zu welchem Preis werden wir wohl erst in der Rückschau in einigen Jahren bewerten können. Aber im Verhältnis zwischen Hertha und Union, zwischen Herthanern und Unionern, hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Man arbeitet professionell miteinander, die Fans betrachten sich argwöhnisch aus der Distanz. Die Unionern marschieren in der ihnen eigenen Art durchs Land und verkünden ihre moralische Überlegenheit, die Herthaner zucken genervt mit den Schultern. Das empfinde ich tatsächlich keinen Deut anders als 2010. Business as usual.

Daniel (Union-Fan): In den letzten Jahren hatten wir bei Union mit Hertha direkt natürlich nicht zu tun – höchstens mal über die Karlsruher Dependance (das finden wir eher merkwürdig). Wenn ich mich mit Herthanern unterhalte, dann nicht selten im Rahmen unserer Podcast-Ökumene mit Damenwahl. Da ist das alles grundsätzlich natürlich freundlich mit Aussicht auf kleine Sticheleien. Und so sehe ich eben auch Hertha insgesamt. Außerdem hat sich in den letzten Jahren ja auch die Bundesliga geändert, in der es nun viele Mannschaften gibt, die ich viel weniger mag als Hertha und/oder die mir (noch) weniger sagen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich bietet die Nähe zueinander auch Reibungsfläche.

Moritz (Hertha-Fan): Zu Zweitliga-Zeiten waren die Bus-Beschädigungen ziemlich daneben, das hat mich damals geärgert. Den ständigen Sprüh-Battle an der Autobahn oder auf den Stromkästen wiederum finde ich lustig. Ich höre ständig Herthaner “Scheiß-Union” rufen, egal, gegen wen wir spielen – das ist nicht so meins. Ich hoffe auf ein wirklich nettes und friedliches Spiel, ich kenne so viele Unioner und Herthaner, die sich genau das wünschen – ich finde, wir haben uns ein Freundschaftsderby verdient, es gibt genug Spaltung und Hass in der Gesellschaft, Berlin braucht L I E B E !

Hertha BASE: Viele Herthaner aus meinem Umfeld haben sich über den Aufstieg Unions gefreut. Wie sah das bei dir bzw. in deinem Umfeld aus?

Steven (Hertha-Fan): Die Vorfreude auf das Derby war natürlich sofort da, aber es war bei mir persönlich sicher nicht so, dass ich Union im Endspurt die Daumen gedrückt habe. Es gibt zwar durchaus einiges bei Union, was mir gefällt; Die klare Positionierung pro 50+1, den Fokus aufs Stadionerlebnis, das Verhältnis zwischen Fans und Verein oder die Tatsache, dass man nicht bei jeder Fackel einen Tobsuchtsanfall bekommt. Allerdings hat der sportliche Erfolg Unions in den letzten Jahren natürlich auch viele Leute angezogen, die sich von diesem Mythos um den alternativen Kultklub angezogen fühlen. Da reden dann plötzlich Leute von der “Union-Familie”, die vor ein paar Jahren noch ins Olympiastadion gegangen sind, um Bremen oder Dortmund die Daumen zu drücken. Leute, die eher dem Klischee des zugezogenen Prenzlauer Berg Hipsters entsprechen, als dem Arbeiter-Milieu. Dafür kann Union an sich nicht so viel. Wenn sich aber Herr Zingler dann hinstellt und in Bezug auf das Derby vom “Klassenkampf” spricht, dann frage ich mich, ob er den Bezug zur Realität verloren hat. Eine Äußerung, die er noch dazu tätigt, nachdem man in Köpenick mit Adidas einen sehr lukrativen Ausrüstervertrag, sowie einen Hauptsponsorvertrag mit dem Immobilien-Unternehmen Aroundtown geschlossen hat. Ein Unternehmen, was sich nicht zwingend mit dem Image des kleinen, sich seiner sozialen Verantwortung bewussten Vereins in Einklang bringen lässt. Nun ist es sicherlich so, dass es gerade auch bei Hertha in dieser Richtung Entwicklungen gab, mit denen viele Fans nicht zwingend glücklich sind. Allerdings gerieren wir uns auch eher selten als letzte anti-kommerzielle Bastion des Profifußballs.

Moritz (Hertha-Fan): Die meisten haben sich zunächst total gefreut, allerdings ging ja damals schon vor der Relegation der Union-Hype los, plötzlich wurde uns wieder bewusst, WIE grau unsere graue Maus noch immer (angeblich) ist. Jetzt sind die meisten eher trotzig: schön dass Union mitmacht, es ist eine Bereicherung, aber wir sollten zeigen, was wir draufhaben. Hertha ist Kult seit dem 25. Juli 1892.

Hertha BASE: Welche Bedeutung hat der Ausgang des Derbys für den Rest der Saison? Erhoffst du dir bei einem Sieg einen besonderen Schub und befürchtest du umgekehrt im Falle der Niederlage einen Knick?

Steven (Hertha-Fan): Mit Blick auf die Tabelle wäre ein Sieg, auch ohne die besondere Bedeutung des Derbys, immens wichtig. Speziell aufgrund der Situation, dass sich in der Mannschaft einige Hierarchien geändert haben, Spieler wie Salomon Kalou eine neue Rolle akzeptieren müssen und man einen neuen, im Profibereich unerfahrenen Trainer hat, kann so ein Derbysieg sicherlich eine Wirkung haben, die über das Wochenende hinaus geht. Mit einer Niederlage befasse ich mich, wenn es soweit ist. Dauert also noch.

Benjamin (Union-Fan): Das Derby ist ein Fußballspiel mit besonderem emotionalen Wert. In diesem Sinne ist es ein (nicht DER) Höhepunkt der Saison. Dennoch geht es auch hier nur um drei Punkte – wichtige Punkte für Union, ja. Aber genau so wichtig wie gegen Freiburg, Schalke oder Köln. Mehr nicht.

Sebastian (Union-Fan): Weder noch. Ich hätte gerne die Punkte, weil es Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sind. Zwar macht ein Sieg gegen Hertha besonders viel Spaß. Und umgekehrt sicher auch, denn sonst hätte nicht ewig vor Herthas Pressekonferenz-Raum ein Bild von Sandro Wagner nach seinem Tor gegen Union gehangen. Aber würde eine Fee vor mir stehen und fragen: Klassenerhalt oder Derbysieg? Dann würde ich mich sofort für den Klassenerhalt entscheiden. Die Aufmerksamkeit, die ein Jahr Bundesliga generiert, schafft man in zehn Jahren zweite Liga nicht. Und Union braucht das, um sich weiter irgendwie im Profibereich der 20 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren. Ihr wisst, wovon ich rede. Es ist wahnsinnig schwierig, sich in der Bundesliga zu etablieren, wenn nicht gerade von extern signifikant viel Geld dazugeschossen wird. Und ich glaube, dass der Abstand zwischen Bundesliga und zweiter Liga immer größer wird und entsprechend mit jedem Jahr das Fenster kleiner, sich überhaupt in der Ersten Liga etablieren zu können, wie das mal Mainz oder Freiburg gemacht haben.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Ein einziges Spiel kann schon mal bedeutend für den Verlauf einer ganzen Saison sein. Ich glaube aber nicht, dass dieses Derby-Hinspiel so ein entscheidendes Spiel ist. Hertha wird sich diese Saison im Niemandsland der Tabelle einpendeln. Wir sind aktuell, vor allem Defensiv, nicht stabil genug, um Ansprüche auf höhere Tabellenregionen anmelden zu dürfen. Dafür gibt es diese Saison zu viele stabil performende Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte. Union hat an den ersten Spieltagen genug Punkte und Selbstvertrauen getankt, da würde unser Nachbar auch bei einer klaren Niederlage nicht hoffnungslos in den Abstiegskampf zurückfallen. Ich denke, am Samstag geht es einzig und allein darum, wer bis Weihnachten mit Dauergrinsen im Gesicht herumlaufen darf.

Daniel (Union-Fan): Das Momentum aus dem Spiel halte ich für weniger wichtig als die schlichten drei Punkte. Hertha fällt in die Klasse von Gegnern, die Union zuhause schlagen kann, und hin und wieder auch schlagen muss, um am Ende auf 35-40 Punkte zu kommen. Natürlich würde ein Sieg darüber hinaus auch noch etwas Selbstvertrauen und Schwung für die nächsten Wochen geben, in denen Union noch einige Spiele hat, in denen Urs Fischer wohl Punkte budgetiert hat (Union spielt noch gegen vier der fünf anderen Mannschaften im letzten Drittel der Tabelle).

Moritz (Hertha-Fan): Für das Verhältnis Trainer/Fans ist es wahrscheinlich am wichtigsten, da hängt schon etwas davon ab. Abgesehen davon sind es nur drei Punkte und wir sind noch früh in der Saison. Ich befürchte weder einen Knick noch verspreche ich mir einen Schub. Ich denke, die Fußballer von heute sind Profis und hören sich hinterher auf YouTube eine Seelenreise an, die Ihnen die traumatische Erfahrung der Niederlage zu überwinden hilft.

Wie lautet dein Tipp für das Spiel?

Steven (Hertha-Fan): Ich bin sehr optimistisch, dass Ante Covic es versteht, seine Mannschaft auf so ein Spiel einzustellen. Dazu haben wir genügend Spieler im Kader, die mit solchen Situationen umgehen können und sich durch nichts beeindrucken lassen. Ich tippe auf ein 3:1 für Hertha.

Benjamin (Union-Fan): Egal ob Derby oder nicht: wenige Tage vor einem Spiel flüstert der Kopf nur noch und das Herz schreit um so lauter: “Die hau’n wa weg!”. Die Punkte bleiben in Köpenick: 2:1 für die Guten, so wie damals im Leichtathletikstadion.

Sebastian (Union-Fan): 2:1 für Union. Es wird mal Zeit für einen Heimsieg im Derby.

Steffen (Hertha-Fan): Derbys werden gewonnen! Diese Saison, nächste Saison und darüber hinaus. (Hertha, ey, bitte gewinne dieses verdammte Spiel!)

Daniel (Union-Fan): <a
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target=”_blank” rel=”noopener”>Union immer 3-0!</a>

Moritz (Hertha-Fan): Hertha gewinnt 2:1. Ich würde Selke ein Tor wünschen, aber vielleicht ist das zuviel, es ist ja noch nicht Weihnachten. Also Kalou und Ibi, wie immer.

*Titelbild: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images