Herthaner im Fokus: Hertha BSC – FC Augsburg

von | Mrz 8, 2021 | Bundesliga, Einzelkritik | 0 Kommentare

Endlich – man will es herausschreien – endlich hat Hertha BSC wieder ein Spiel gewonnen! Der 2:1-Heimsieg über den FC Augsburg war der erste Dreier nach neun sieglosen Partien infolge und damit ein echter Befreiungsschlag. Besonders imponierend war dabei, dass sich die Mannschaft von dem frühen 0:1 erholt und zurückgekämpft hat. Eine starke Moralleistung und ein hochverdienter Sieg. Wir wollen dabei wie immer über ausgewählte Auftritte einzelner Herthaner sprechen.

Lucas Tousart – Aufopferungsvoll im Abstiegskampf

In den vergangenen Wochen unter Pal Dardai zeigten einige Spieler eine deutliche Leistungssteigerung. Besonders war dies bei Lucas Tousart zu spüren. Der Franzose zeigte sich Woche für Woche selbstbewusster, konnte seine Stärken deutlich besser auf dem Platz zeigen als noch zu Saisonbeginn. So blieb er auch durchgehend in der Startformation, während seine Mitspieler im zentralen Mittelfeld rotierten. Das Vertrauen seines Trainers zahlte er jetzt auch zurück. Gegen den FC Augsburg war er einer der besten Herthaner auf dem Platz.

Zusätzlich zu seiner gewohnten Laufstärke (11,69 Kilometer) erlaubte sich der 23-Jährige kaum Fehler und zeigte auch gute Spieleröffnungen: Sechs seiner neun langen Bälle kamen an. Zudem war er mit 23 gewonnenen Zweikämpfe der zweikampfstärkste Spieler auf dem Platz (72% Zweikampfquote). Dabei musste der Mittelfeldmann einige Fouls und harte Zweikämpfe einstecken. Kein Hertha-Spieler wurde öfter gefoult (vier Mal). Davon ließ er sich jedoch nicht beeindrucken und lief keinem Duell aus dem Weg. Der Franzose blieb ruhig und strahlte nicht nur defensiv große Sicherheit aus. Im Zusammenspiel mit Santiago Ascacibar (erste Halbzeit) und Matteo Guendouzi (zweite Halbzeit) übernahm Lucas Tousart wie gewohnt zunächst den defensiveren Part.

Foto: IMAGO

Doch vor allem in der zweiten Halbzeit zeigte er sich deutlich mutiger nach vorne, traute sich den einen oder anderen Vorstoß zu. Mit einem dieser Vorstöße krönte er seine gute Leistung wenige Minuten vor Spielende und war direkt am entscheidenden 2:1 beteiligt. Von Lukas Klünter sehenswert in Szene gesetzt, lief er sich in Richtung gegnerischen Strafraum frei, wo er schließlich von Mads Pedersen am Fuß getroffen wurde. Anders als sein Mitspieler Matheus Cunha in der Vorwoche machte es der Franzose deutlich cleverer und fiel. Es gab den Elfmeter für Hertha, den Dodi Lukebakio zum erlösenden 2:1 verwandeln konnte.

Auf seine Leistung gegen Augsburg kann Tousart aufbauen. So ist er für Hertha in der aktuellen Situation sehr wertvoll. Es scheint so, als würde er eine wichtige Stütze in der zentralen Achse unter Pal Dardai werden. Umso bitterer also, dass sich der Franzose bei der entscheidenden Aktion im Strafraum am Fußgelenk verletzte. Die Schwere der Verletzung ist bisher noch unklar.

Jhon Cordoba – auch ohne Treffer wertvoll

Schon im zweiten Spiel nach seiner Rückkehr stand er wieder in der Startelf. Jhon Cordoba, in den ersten Spielen unter Pal Dardai noch mit Muskelfaserriss ausgefallen, durfte neben Sturmpartner Krzysztof Piatek angreifen. Die erste Halbzeit verlief jedoch alles andere als optimal für den Kolumbianer. Zu oft ließ er sich auf den Seiten abdrängen, war zu selten in zentraler Position zu finden.

Dazu litt auch Cordobas Performance unter der schwächeren Mannschaftsleistung der „alten Dame“ in der ersten Halbzeit. Ein gutes Beispiel ist die Szene in der 12. Spielminute, wo der bullige Angreifer den Ball von Piatek im Strafraum bekam und diesen nicht zurück anspielte, sondern einen harten Schuss aus spitzem Winkel auf den gegnerischen Torwart abgab.
Cordoba hatte also bis zur Pause Schwierigkeiten. Zu ungestüm, zu überhastet war sein Spiel in manchen Situationen. Dazu stand er oft zwei Gegenspielern gegenüber und ließ sich zu oft nach Außen ziehen. Das sah auch Cheftrainer Pal Dardai: „Die Stürmer waren übermotiviert, sollten die Box aber nicht verlassen und auf die Flanken warten.“ Viel besser funktionierte es in der zweiten Halbzeit.

Foto: IMAGO

Die langen Bälle verarbeitete Cordoba besser, auch sein Passspiel wurde deutlich genauer. Direkt nach Wiederanpfiff war er es, der die bis dahin beste Chance für Hertha hatte. Sein Schuss wurde aber noch gut von Rafal Gikiewicz pariert. Mit insgesamt vier Schüssen war der Kolumbianer der Spieler, der sein Glück am häufigsten versuchte. Ein Treffer sollte ihm, im Gegensatz zu Piatek, nicht gelingen. Den Elfmeter kurz vor Schluss hätte er zwar gerne geschossen, Dodi Lukebakio schnappte sich jedoch die Kugel.

So bleibt Cordoba zunächst bei fünf Treffern in 14 Partien. Doch wer am Ende in blau und weiß jubelt, wird in Berlin jedem egal sein. Ob als Torschütze oder als Arbeiter in der Offensive: Jhon Cordoba tut seiner Mannschaft gut. Seine kämpferische Natur und sein Torhunger machen ihn zu einer echten Waffe im Abstiegskampf. Sollte sein Zusammenspiel mit Piatek sich weiter positiv entwickeln lebt die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende dieser katastrophalen Saison weiter. Mit dem „Krieger“, wie ihn Dardai nannte, wurde nun die erste Schlacht gewonnen. Auf das weitere Siege folgen.

Krzysztof Piatek – Der Erlöser

Und plötzlich passte es einfach mal: Seit dem Tor von Luca Netz gegen den VfB Stuttgart hatte Hertha auf einen eigenen Treffer gewartet, obwohl man zwischenzeitlich so oft so nah dran gewesen war. Krzysztof Piatek hatte sogar seit seinem Treffer gegen Eintracht Frankfurt vom 30. Januar auf seinen nächsten Streich warten müssen.

Foto: IMAGO

Doch in der 62. Minute gegen den FC Augsburg war es dann so weit. Vladimir Darida brachte den Ball vom rechten Strafraumeck in die Mitte, wo Piatek goldrichtig stand und zum 1:1 einköpfte. Der Pole agierte in diesem Moment einmal mehr im Stile eines wahren Torjägers. Vor der Hereingabe löste sich Piatek hervorragend von seinen Bewachern, positionierte sich perfekt für die Vorlage nickte diese dann technisch sauber ein. In diesem Moment wurde wieder offensichtlich, was man sich in Berlin von dem 24-Millionen-Transfer erhofft – Tore. In seinem nun 40 Pflichtspiel für die „alte Dame“ war es der elfte Treffer – sicherlich ist die Quote noch ausbaufähig, doch in den letzten Wochen ist klar erkennbar, dass Piatek daran arbeitet, noch öfter in Abschlusssituationen zu kommen, aber auch über Tore hinaus wichtig für die Mannschaft zu sein.

So auch gegen den FCA. Piatek, seit seiner Ankunft als zu braver und spielerisch blasser Spieler verschrien, hat sich am vergangenen Samstag wirklich aufgerieben. Mit zwölf gelaufenen Kilometern war der Mittelstürmer laufstärkster Herthaner – eine absolute Seltenheit, dass man das jemanden seines Spielertyps sieht. Neben drei Abschlüssen kommen zwei Tacklings, ein abgefangener Ball und ein Schlüsselpass hinzu. Kurzum: Piatek war so aktiv wie selten zuvor. Wie bereits angemerkt, war der Aufwand teilweise etwas verschwendet, weil Piatek sich nicht den gebrauchten Zonen aufhielt, der Wille bleibt unbestritten. Um es etwas plakativ zu beschreiben: Pal Dardai bekommt den Kampf in den zuvor zu zaghaften und nicht genug widerstandsfähigen Piatek.

Piatek präsentiert sich seit Wochen deutlich kämpferischer und präsenter als in den vielen Monaten zuvor. Dardai scheint den Mittelstürmer immer besser in Berlin ankommen zu lassen. Wenn der Pole wie gegen den FC Augsburg dann auch noch trifft, kann endlich vollends zufrieden mit ihm sein.

Lukas Klünter – Erst Pechvogel, dann Matchwinner

Pal Dardai könnten nach dem Augsburg-Spiel hellseherische Fähigkeiten unterstellt werden. Nachdem Lukas Klünter die 0:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg mit seinem Eigentor eingeleitet hatte und daran beinahe verzweifelt wäre, baute Dardai den Abwehrspieler danach öffentlich auf. „Eigentor? Na, und! Vielleicht ist er beim nächsten Mal der Matchwinner“, sagte der Ungar – und wie Recht er behalten sollte.

Dabei begann die Partie für Klünter erneut unglücklich. Erneut als Teil der Berliner Dreierkette eingesetzt, verschätzte sich der 24-Jährige beim 0:1-Gegentreffer. Er ließ Torschütze Laszlo Benes viel zu viel Platz, sodass dieser per Drehschuss die Augsburger in Führung brachte. Diesen Fehler machte Klünter im Laufe der Begegnung aber allemal gut. Defensiv präsentierte er sich im Anschluss, auch wenn wenig gefordert, souverän. Er hatte nicht allzu viel zu verteidigen, klärte aber zwei Situationen und verhinderte durch seine Schnelligkeit ein paar Augsburger Konter.

Foto: IMAGO

Viel auffälliger als seine Abwehraktionen war tatsächlich sein Spiel mit dem Ball – eine Disziplin, in der Klünter bislang eher selten bestacht. Klünter leitete beide Hertha-Tore des Tages durch herausragende Steilpässe ein. Beim 1:0 schickte er Darida zur rechten Strafraumseite, von welcher der Tscheche das 1:1-Ausgleichstor auflegte. Auch Lucas Tousart, der den spielentscheidenden Elfmeter herausholte, hatte vor einen starken Ball von Quarterback Klünter erhalten.

„Wenn er solche Bälle nach vorn spielt, ist das schön. Klünti ist ein Prototyp an Fleiß und Professionalität“, sagte Dardai nach dem Spiel. Es ist beeindruckend, wie sich Klünter aus der Vergessenheit herausgearbeitet und mittlerweile zu einem Leistungsträger des Teams gemausert hat. Das Spiel gegen Augsburg hat seinen Wert für die Mannschaft noch einmal dick unterstrichen.

Und dann war da noch …

Dodi Lukebakio: Ausgerechnet, will man sagen. Ausgerechnet der seit Monaten formschwache Lukebakio hat Hertha den ersten Sieg seit dem Schalke-Spiel beschert. Der Belgier ist in der 65. Minute eingewechselt worden und war sofort präsent. Durch ein paar Dribblings und gute Vertikalläufe kurbelte er das Offensivspiel seiner Mannschaft noch einmal an und hatte in der 83. Minute per Kopf die Chance, Hertha schon früher auf die Siegerstraße zu bringen. Das holte er dann in der 89. Minute mit dem verwandelten Elfmeter nach. In dieser Drucksituation anzutreten und zu treffen, nötigt Respekt ab.

Deyovaisio Zeefuik: Zuvor vier Spiele nicht im Kader, stand Zeefuik nun schon zum zweiten Mal infolge in der Startelf – und er rechtfertige seinen Einsatz auch. Der Rechtsverteidiger machte auf seiner Seite erheblichen Betrieb, war für seine Gegenspieler nur schwer aufzuhalten. Durch seine Tempovorstöße, Dribblings und das regelmäßige Auftauchen im Strafraum sorgte Zeefuik stets für Gefahr. Defensiv fehlte ihm teilweise etwas die Kompromisslosigkeit, dennoch war es ein guter Auftritt des Niederländers.

Matteo Guendouzi: Es geht doch. Nach zuletzt enttäuschenden Auftritten legte Goendouzi gegen Augsburg einen deutlich verbesserten Auftritt hin. Nach seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit war der Franzose sofort präsent und fügte sich durch sauberes Passspiel und gute Übersicht ein. Mit Guendouzi lief das Spiel sichtbar flüssiger, seine Spielintelligenz half der Mannschaft. Darüber hinaus zeigte sich der Mittelfeldspieler deutlich resoluter als zuletzt, er setzte zwei starke Tacklings und führte Zweikämpfe sichtlich körperlicher. In dieser Form ist Guendouzi eine Hilfe für das Team.

[Titelbild: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO]

ÜBER DEN AUTOR

Marc Schwitzky

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Gründungsmitglied & Chefredakteur.

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