Ende mit Schrecken und Schrecken ohne Ende

von | Sep 1, 2021 | Kolumne | 0 Kommentare

Viele Baustellen, viel Kapital, viele Erwartungen. Das Transferfenster schien die ideale Gelegenheit zu sein den langersehnten großen Sprung nach vorn zu tun. Was bleibt ist verbrannte Erde, verspieltes Vertrauen und ein Kader, der noch schlechter aufgestellt ist als letzte Saison

Große Namen, kleine Ergebnisse

Wie immer in der post Windhorst Zeit, war Hertha in der Transferzeit mit großen und mittleren Namen des Fußballgeschäfts in Verbindung gebracht worden. Neu hingegen war, dass sich Investments erstmals auch ausgezahlt haben. Cunha und Cordoba wurden beide gewinnbringend verkauft und sorgten für ein sattes Transferplus. Corona hin oder her, die 50 Millionen, die so erzielt werden konnten in Kombination mit der letzten Tranche des Tennor-Investments mussten dringend in neue Spieler investiert werden. Das war dringend nötig. Und ist es leider immer noch.

Keine Flügelspieler, Außenverteidiger ohne taktische oder technische Finesse, eine Offensive mit gewaltigem Potential, aber ohne Konstanz. Dazu ein Kreativitätsdefizit und der schon fast traditionelle Abgang eines jungen, vielversprechenden Talents. Der Kader von Hertha wies mehr Baustellen auf als ganz Berlin. Und wie es nun mal Usus in der Hauptstadt ist, baulich, wie auch sportlich: Millionen werden investiert; Verbessern tut sich nichts.

Täglich grüßt das Umbruchtier

In Erinnerung bleibt der Ladebalken, dessen Verharren bei 22% man nur mit der Inkompetenz der Verantwortlichen oder ausgeprägten sadistischen Neigungen der Selbigen erklären kann. Ist man sich nicht sicher, ob der Computer gerade abgestürzt ist, hat man wenigstens noch die Wahl über STRG +  ALT + ENTF einen Neustart einzuleiten.

Hertha-Fans begeben sich nun panisch auf die Suche das Äquivalent dieser Tastenkombination bei ihrem Verein zu finden, nur um schockiert festzustellen, dass sie sich seit nunmehr drei Saisons in einer Zeitschleife von misslungen (Deadline)Transfers, gescheiterten Umbrüchen und zerstörten Hoffnungen befinden.

Koan neuer Leader

Investor Lars Windhorst ließ immer verlauten, dass er eine langfristige Partnerschaft mit Hertha anstrebe. Das diese Worte nur etwas wert sind, wenn sportlicher Erfolg dahintersteht, dürfte jedem klar sein. Langfristiger Erfolg bedeutet auch, dass man nachhaltig investiert. Spieler holt, die eine Mannschaft auf Jahre hin prägen können.

Stattdessen bediente man sich in der Riege der Alt-Herrenmannschaft. Das kann kurzfristig helfen, wenn man aber parallel seinen ganzen Kader ausverkauft, bleibt die Frage, welche Spieler überhaupt noch von der Erfahrung der Alt-Stars profitieren können.

Peinlich und enttäuschend

Der verkorkste Social-Media-Auftritt Herthas hat das Versagen der sportlichen Führung eindrucksvoll für die Nachwelt festgehalten. Man kann jetzt schon die Gehirne der Redakteure rattern hören. Welche gehässige Schlagzeile wird von der katastrophalen Misskommunikation Kunde tun? „Big-Ladebalken-Club“ oder doch „22 Prozent jagen einem Spieler hinterher“? Vielleicht hat Hertha ja auch seine Millionen in Anteile von WUMMS und FUMS gesteckt und liefert deshalb so zuverlässig Content für diese Satire-Seiten.

Unterm Strich kann man eigentlich gar nicht sauer auf Hertha sein. Man muss eher wütend das eigene Spiegelbild anschreien, warum man zugelassen hat, erneut enttäuscht zu werden.  Man wähnt sich wie in einer dieser Sitcoms, in denen über 16 quälend lange Staffeln zwei Charakter immer wieder knapp aneinander vorbei leben, obwohl es klar ist, dass sie füreinander geschaffen sind. Das geschieht nicht aus dramaturgischen Gründen, sondern weil man auch noch den letzten Cent aus der Aufmerksamkeit der Fans herausquetschen will. Es ist klar, dass nach sieben Staffeln die Zuschauer:innen schon soviel investiert haben, dass sie jetzt unbedingt wissen wollen, wie es ausgeht.

Die Enden dieser Serien sind meist enttäuschend, unbefriedigend und schlecht konstruiert. Man hat also die freie Entscheidung, ob man sich statt „The Big Bang Theory“ nicht einfach den Kader von Hertha und seinen Entstehungsprozess anguckt.

[Titelbild: IMAGO]

ÜBER DEN AUTOR

Niklas Döbler

Niklas Döbler

Hat Psychologie nur deshalb studiert um mit dem Frust umgehen zu können. Schreibt viel zu komplizierte Texte über viel zu einfache Themen.

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