Reißt womöglich am Samstag der Geduldsfaden der leiderprobten Hertha-Fans? Fakt ist: Eine Niederlage dürfen sich die Berliner im „Topduell“ am Samstag nicht leisten. Doch was kann den Berliner Fans im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach Hoffnung geben? Unsere drei Thesen zum Spiel.
Kaum Fokus bei Hertha aufs Sportliche
Wann war die letzte Woche, in denen Hertha-Fans mal ein wenig Leid erspart blieb und sie nicht die Stirn runzeln mussten über das Handeln im Verein? Und damit sind noch nicht einmal die desolaten Ergebnisse und Spiele gemeint, welche das Team seit Monaten abliefern.
Hertha gleich in diesen Tagen mehr einem Boulevard- und Entertainment-Angebot, als einer professionellen Sportmannschaft. Nichtsdestotrotz soll es am Samstag in Mönchengladbach gegen die dortige Borussia wieder sportlich werden. Unsere drei Thesen dazu.
These 1: Ein Trainer, der untergeht
Sollte Hertha BSC auch dieses Spiel verlieren, fliegt Trainer Tayfun Korkut vom sowieso schon sinkenden Hertha-Schifff. Gegen Köln verlor man zum Rückrundenauftakt mit 1:3, gegen Bayern 1:4, auch gegen Abstiegskonkurrent Greuther Fürth ging man 2:1 unter. Es folgten noch schlimmere Niederlagen gegen Leipzig, Freiburg und Frankfurt.
Im DFB-Pokal schied man gegen den Stadtrivalen aus. Dem gegenüber stehen magere zwei Punkte in diesem Jahr: 0,75 Punkte pro Spiel weist Korkut bei Hertha BSC auf – ein grausamer Wert.
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Schon jetzt kann Geschäftsführer Fredi Bobic kaum mehr Argumente besitzen, an Korkut festzuhalten. Zwar sahen die ersten Spiele unter Korkut vor allem im offensiven Bereich deutlich besser aus als unter Pal Dardai – Bobic und auch viele Fans hatten sich das gewünscht – doch fehlt der Wert dahinter, wenn die Punkte nicht eingebracht werden. Zumal inzwischen auch die guten Ansätze aus den ersten Spielen vollends weg sind – das Selbstbewusstsein der Mannschaft ist desaströs, die Abwehr noch instabiler geworden, als unter Dardai.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Niederlage gegen Gladbach für Korkut das Aus als Hertha-Trainer bedeutet.
These 2: Hertha-Fans, die verbal ihren Frust äußern
„Oh, wie ist das schön!“, riefen die Hertha-Fans noch am vergangenen Spieltag, als die Mannschaft gegen Frankfurt mit 4:1 zurücklag. Das letzte Tor bekam die Mannschaft, als sie eine Minute zuvor selbst trafen. Der Galgenhumor der Hertha-Fans ist bewundernswert. Nachdem Abpfiff sollten dennoch Buh-Rufe folgen.
Und irgendwie ist es verwunderlich – teils eben auch bewundernswert – wie sehr die Hertha-Fans ihr Team Spieltag für Spieltag lange, lange Zeit anfeuern und ihr bestes geben, die Mannschaft zu pushen. Denn im Gegenzug gibt es von den Spielern Aktionen, die nicht einmal mehr Zweitligatauglich sind.
Vor allem hier ist die Abwehr zu nennen: Was allen voran Dedryck Boyata, Marc Oliver Kempf und Peter Pekarik für Fehler passieren, ist schlichtweg peinlich. Etliche Fehlpässe, grauenhafte Zweikämpfe und Unvermögen, einen soliden Spielaufbau aus der Abwehr heraus zu gestalten, sind nicht nur für die zweitmeisten Gegentore in der Liga verantwortlich – sondern auch für eine völlig verunsicherte Mannschaft.
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Gleichsam schafft es auch das Mittelfeld nicht, sich der Abwehr anzubieten – es wirkt, als hätten sie Angst vor dem Ball. Erbarmt sich dann doch mal ein Spieler, folgen keine klugen Bewegungen und Drehungen, keine Pässe in die Tiefe, die aufgrund einer guten Übersicht möglich sind – sondern Rückpässen. Hertha BSCs Aufbauspiel in a nutshell.
Und fast vergessen: Regelmäßig rutscht ein Spieler aus, wie etwa Boyata gegen Frankfurt, was ebenfalls zu Gegentoren führt.
Es ist blanker Hohn, was die Mannschaft den eigenen Fans zumutet. Samt der peinlichen Darstellung in der Öffentlichkeit, scheint das Fass langsam endgültig voll. Entsteht auch gegen Gladbach ein negativer Spielverlauf, werden die Fans mit der Mannschaft brechen. Lautstarke Pfiffe gegen die eigene Mannschaft werden die Folge sein – deutlich mehr und konsequenter, als jetzt.
These 3: Was gibt Hoffnung?
Aus Hertha-Sicht wohl nicht viel. Selbst das Gladbach im vergangenen Spiel gegen Stuttgart eine 2:0 Führung verspielt und letztlich noch 2:3 verlor, scheint kein Funken der Hoffnung für die Blau-Weißen zu sein. Gladbach wird alles daran setzen, dass sich das nicht wiederholt, zumal sich die eigene Krise dadurch eklatant verstärken würde. Spielerisch ist Gladbach dazu in der Lage.
Dennoch: Tabellenplatz 13 und nur vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, samt 51 Gegentoren, sprechen nicht für Gladbach und zeichnen ein Bild einer verunsicherten Mannschaft, die in dieser Saison keinen roten Faden mehr ins eigene Spiel bekommen zu scheint.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Womöglich gelingt Hertha ausnahmsweise gar mal ein früher Treffer, welcher die angeschlagene Gladbacher Mannschaft weiter verunsichern dürfte. Schafft es Hertha, sich die Schwäche in der Gladbacher Abwehr zu nutze zu machen, kann ein Sieg gelingen. Somit die These: Geht Hertha in Führung, gewinnen sie das Spiel.
Unter der Woche wurde bekannt, dass die viel besprochene Doku über das Engagement zwischen Hertha BSC und der Tennor-Holding von Lars Windhorst gestoppt wurde und nicht ausgestrahlt wird. Ein Grund soll gewesen sein, dass insbesondere über Windhorst selbst negativ und in „ehrabschneidender“ Form gesprochen wurde. Hertha BASE hatte das Glück, an die brisanten Aufnahmen zu kommen. Wir konnten das Videomaterial sichten, analysieren und haben bewusst darauf geachtet, ob der zu ehrende Lars Windhorst wirklich so schlecht bei wegkommt.
Mai 2020: Der geheime Raum von Windhorst
Deutschland hängt fest in den Klauen der Corona-Pandemie. Seit Monaten steht das Leben still und auch der Fußball muss eine nie dagewesene Krise bewältigen und ebenfalls pausieren. Das Filmteam, welches sich selbst so langsam unter Zugzwang sieht, darf zum ersten Mal die Geschäftsstelle an der Hans-Braun-Straße besuchen und seine Arbeit aufnehmen.
Pressesprecher Max Jung und der damalige Sportvorstand Michael Preetz empfangen das Team am Eingang. Nach einem kurzen Plausch will man keine Zeit verlieren und die Dreharbeiten in Form einer Home-Story beginnen. Michael Preetz führt das Team durch die Geschäftsstelle, ein Shake-Hand mit Ingo Schiller hier, ein Fistbomb mit dem zufällig durchs Bild huschenden Werner Gegenbauer da und auch der ein oder andere flotte Spruch in die Büros der Social-Media-Abteilung darf natürlich nicht fehlen. Der sonst so steife Preetz zeigt sich als extrem nahbarer Kumpeltyp und bemüht sich die Räumlichkeiten der Hertha so attraktiv wie möglich zu präsentieren.
(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)
Die Geschäftsstelle wird durchleuchtet als wäre es ein Tag der offenen Tür. Nur ein Raum bleibt geschlossen. „Lars Windhorst und Jens Lehmann benötigen den Raum um an ihren Images zu arbeiten. Was darin geschieht weiß niemand. Vertraglich mussten wir versichern, dass der Raum geschlossen bleibt und von niemanden betreten werden darf.“, erwähnt Preetz nur kurz, während sich sein Gesicht verfinstert. „Ganz komisch, Jürgen Klinsmann hat sich in seiner Zeit praktisch durchgehend darin verbarrikadiert. Lediglich wimmernde Worte wie „Mehrwehrt“ und „Hahohe“ waren zu hören.“, fügt Max Jung geheimnisvoll hinzu.
Vereinzelt laufen Spieler durchs Bild, zeigen ihre Freizeiträume und geben erste Kommentare ab. Allgemein herrscht eine gelöste Stimmung. Alle scheinen happy zu sein, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund sieht man Salomon Kalou mit seinem Smartphone ein Video drehen. Ein Mitglied der medizinischen Abteilung kommt schnellen Schrittes auf ihn zu und gestikuliert mit einem Corona-Teststäbchen in der Hand. Es zeigt die lebendige Stimmung in Berlin. Dieser Tage gibt es nur positives zu berichten.
Party nach dem Derby-Sieg
Die Hertha ist extrem gut aus der Corona-Pause gekommen. Nach einem 3:0-Sieg in Sinsheim, nimmt die „Alte Dame“ den Lokalrivalen aus Köpenick in einem tollen und dominanten Spiel mit 4:0 auseinander. Matheus Cunha ist der neue große Star im Berliner Ensemble. In einer edlen Berliner Lokalität feiert das Team den Derby-Sieg.
Ausgerechnet Cunha nimmt an den Feierlichkeiten nicht teil. Er wird noch am selben Abend Vater und weilt deshalb bei seiner Freundin und seinem Neugeborenen im Krankenhaus. Das Filmteam ist derweil mitten drin auf der Party und nimmt brisante Szenen auf. Trainer Bruno Labbadia und Michael Preetz sind in ein Gespräch vertieft. Viel zu hören ist nicht, aber Wortfloskeln wie „Matheus‘ …nichts…Treffen mit … Frau wissen, okay Michael?“, sind deutlich zu vernehmen. Währenddessen zwinkert Labbadia Preetz vielsagend zu. Lars Windhorst ist auch für kurze Zeit zugegen, um dem Team seine Glückwünsche zu übermitteln.
Das gelingt ihm allerdings nur bedingt. Der DJ ist nicht bereit die Musik leiser zu stellen oder gar zu stoppen. Beleidigt zieht Windhorst ab und betont, es würde Konsequenzen für solch ein Verhalten geben. Lukas Klünter versucht ihn zu beruhigen und lädt zum Virtuosen-Treffen in den nächsten Tagen ein.
Karim Rekik hat Oberschenkelprobleme
Die Sommerpause läuft für Hertha mittelmäßig. Kaum ein Wunschtransfer kann ermöglicht werden. Auf der Geschäftsstelle herrscht Stress. Das Filmteam traut sich trotzdem die Kamera voll draufzuhalten. Am heutigen Tag wird Max Jung begleitet. Er zeigt, wie die Arbeit des Pressesprechers läuft. Das Mannschaftstraining ist durch und er, Michael Preetz und Bruno Labbadia auf dem Weg zur Spieltags-Pressekonferenz.
Auf dem Weg zur Pressekonferenz wird ihm von seinem Praktikanten auch noch ein kleiner Zettel zugesteckt. Anscheinend hatte der Berater von Abwehrspieler Karim Rekik den Transfer zum FC Sevilla finalisiert.
(Photo by Martin Rose/Getty Images)
Max Jung, der auf dem Weg in den Presseraum tief grübelt und anscheinend keine Ahnung hat, wie er noch vor der Pressekonferenz Preetz und Labbadia auf diese Nachricht aufmerksam machen kann, muss improvisieren. Seine Ausrede, dass Karim Rekik für das folgende Spiel auf Grund muskulärer Probleme im Oberschenkel nicht zur Verfügung stehen würde, lassen Preetz und Labbadia verwundert aufhorchen, war doch Rekik gerade eben beim Training noch fit dabei.
Es ist nicht der Tag des Pressesprechers. Ausgerechnet heute sammeln sich die Pressemitteilungen auf dem Tisch von Max Jung. Und die Meldung zu Karim Rekik war nicht einmal die brisanteste. Ausgerechnet die Einladungen an Werner Gegenbauer, Paul Keuter, Michael Preetz und Bruno Labbadia von Lars Windhorst zum Dinner im Grill Royale verpasst er weiterzuleiten.
Pal Dardai wird überredet, wieder Trainer zu werden
In Berlin hat sich einiges getan. Die Mannschaft steckt in einer tiefen Krise. Der langjährige Sportvorstand Michael Preetz und Trainer Bruno Labbadia müssen gehen. CEO Carsten Schmidt und Arne Friedrich sitzen in Schmidts Büro und sprechen über einen möglichen Nachfolger.
„Ruf du an.“, sagt Friedrich zu Schmidt. „Nee, mach du mal bitte. Du kennst ihn viel besser, Arne.“, erwidert Schmidt fast schon flehend. Beiden ist anzumerken, dass es ihnen unangenehm ist auf einen Sonntag im Hause Dardai anzurufen. Aber sie tun es. Friedrich muss nicht viel sagen. Am anderen Ende der Leitung hört man nicht viel. Pal Dardai scheint allerdings emotional zu sein und aufbrausend. „…müssen… und… Investor…akzeptieren….keiner….Tagesform.“, ist zu hören.
Am nächsten Montag stehen Pal Dardai, Zecke Neuendorf und Admir Hamzagic auf dem Trainingsplatz. Pal Dardai freut sich auf einen guten Schluck Rotwein in seinem Haus in Westend. Das Kamerateam begleitet ihn auf dem Heimweg. Vor der Tür steht eine Flasche des teuersten Chateau-Rotwein. Dardai sieht die Flasche, nickt relativ desinteressiert, während er sie zu seinem großen Depot im Keller legt und sich einen feinen Merlot genehmigt. Den Zettel mit „Alles Gute Herr Dardai, ihr L.W.“, übersieht er.
Die Corona-Pause sorgt nicht nur für Spielausfälle
Die Rückrunde läuft nicht wie gewünscht und die Mannschaft befindet sich weiterhin im Abstiegskampf. Zu aller Schrecken grassiert nun auch noch das Coronavirus direkt im Team. Die Beteiligten beraten, wie mit der Situation umzugehen ist. Sportdirektor Arne Friedrich muss das Training übernehmen, doch es klingt stark danach, als würde das Ganze noch größere Ausmaße annehmen.
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Weil die Kette nicht mehr nachzuverfolgen ist, muss das gesamte Team in Quarantäne. Arne Friedrich und einzelne Spieler werden auf ihren Heimwegen vom Filmteam begleitet. Die Stimmung ist schlecht. die meisten sind genervt. Arne Friedrich, der meist perfekt organisiert ist, hatte in der Nacht zuvor vergessen den Akku seines Smartphones zu laden und kann deshalb nicht auf seinen Kalender zurückgreifen.
Auf dem Heimweg grübelt er immer wieder laut vor sich hin, dass heute Abend noch ein Termin anstehen würde. Welchen genau wisse er aus dem Kopf gerade nicht, aber er muss ihn noch dringend absagen. Doch direkt zuhause rein muss er sich dem Medienhagel widmen. Erst spät am Abend schafft es Friedrich sein Smartphone an die Ladestation zu schließen. Währenddessen sitzt Lars Windhorst allein im Borchardt und hat durch die Medien erfahren, was los ist.
Der Klassenerhalt ist geschafft
Die Mannschaft, die sich mit einem Kraftakt und vielen Spielen in kürzester Zeit in der Bundesliga halten konnte, feiert in der Kabine. Das Filmteam ist wieder mitten drin. Lars Windhorst, der wieder einmal der Mannschaft seine Glückwünsche mitteilen will, versucht eine Live-Verbindung zum Team aufzubauen, da er persönlich nicht im Stadion sein konnte. Per Beamer soll die Rede in der Kabine übertragen werden.
(Photo by Filip Singer – Pool/Getty Images)
Doch die wilde und von Bier und Sekt durchtränkte Party zerstört die Technik schnell und macht die Übertragung unmöglich. Auf dem Handy verfolgt lediglich Lukas Klünter die Rede und verspricht Windhorst schon bald auf seiner Yacht mit feinem Piano-Spiel zu beglücken. Die Uhren, die der Investor als Belohnung dem Verein in die Kabine geschickt hat, vergisst das Team in der Kühltruhe für die Getränke. Am Abend geht die Feier in der Unterkunft in Grunewald weiter.
Der Sportstudio-Auftritt von Pal Dardai
Das Filmteam wünscht sich ein exklusives Interview mit Pal Dardai. Am liebsten würde man ihn für O-Töne und weiteres gewinnen. Der Ungar, der bisher kein Interesse an diesem Projekt hatte und so gut es ging nichts mit dem Investor zu tun haben wollte, lässt sich überreden. Im Garten des Domizils sitzt er vor einem Monitor und kommentiert, erzählt und ordnet so seriös wie möglich die Szenen ein.
Doch der Trainer wirkt zu langweilig. Die Film-Crew überredet ihn ein weiteres Mal. Dieses Mal soll er sich eine der Zigarren anzünden, die ihm wenige Stunden zuvor Paul Keuter nach Feststehen des Klassenerhalts geschenkt hatte. Lars Windhorst hatte dem Filmteam gegenüber immer wieder erwähnt, dass er sich Szenen wünsche, die die Personen rund um die Doku in anderen, als den üblichen Situationen, festhalten. Szenen, die noch nie zuvor zu sehen waren und was ganz neues aufdecken. Pal Dardai wird also ausgestattet mit Rotwein und Zigarre und soll einen liebenswerten und feiernden Trainer darstellen, der sich nach den harten Wochen wohlverdient belohnt.
Bildquelle: Aktuelles Sportstudio
Lars Windhorst, der per Video zugeschaltet ist, ist stolz auf das, was geleistet wird. Kurz bevor das Interview startet, stürmt Pressesprecher Max Jung auf das Set zu. Das aktuelle Sportstudio will ihn jetzt sofort für ein Fernseh-Interview haben. Pal Dardai lässt sich nicht zweimal bitten. Wenige Sekunden später ist er mit dem Studio verbunden und wird in betont lässiger Pose und Rotwein und Zigarre ins Fernsehen übertragen. Ein Interview für die Ewigkeit, mit Szenen, die so noch niemand gesehen hat. Die Verbindung zu Lars Windhorst musste er für die Übertragung kappen.
Die Woche ist gerade zur Hälfte rum und Hertha BSC hat schon wieder Schlagzeilen über Schlagzeilen produziert. Und dabei ist die Meldung, dass Arne Friedrich vorzeitig den Verein verlassen hat, nicht einmal die spektakulärste. Und doch die wohl emotionalste.
Ein letztes Mal Ehrlichkeit
Halbzeit im Berliner Olympiastadion. Arne Friedrich tritt recht zerknirscht zum Interview bei Sky an und versucht die mal wieder schwer enttäuschende Leistung der Hertha Mannschaft zu erklären. Hertha lag zu diesem Zeitpunkt 0:1 gegen Eintracht Frankfurt zurück. Seiner Forderung, dass die Mannschaft „endlich den Arsch hochkriegen müsse“, folgte keiner. Mit einer saftigen 1:4-Klatsche ging das Team wie so oft in den letzten Wochen unter. Der einzige, der „seinen Arsch hochkriegte“ war Arne Friedrich selbst. Und das zwei Tage später. Am Montag ging von mehreren Seiten die Meldung raus, dass er sein Engagement bei der Hertha vorzeitig abbrechen würde.
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Friedrich selbst begründete via Social Media seinen vorzeitigen Abschied damit, dass sein Einfluss als Sportdirektor nicht mehr gegeben war. Fredi Bobic bestätigte das auf der am Dienstag angesetzten Pressekonferenz relativ nüchtern. Wie bereits erwähnt und hinlänglich bekannt, war der Abschied sowieso beschlossene Sache. Allerdings für den Sommer. Ob es einen neuen Sportdirektor geben würde, war noch nicht abschließend geklärt, wirkliche Gerüchte oder gar Meldungen gab es noch in keiner Weise. Und dennoch regt wieder einmal die Art und Weise, der Zeitpunkt und das komplette Bild, welches der Verein dieser Tage abgibt, zum tiefen Nachdenken an.
Friedrichs Engagement bei Hertha glich einer Zeitenwende
Hertha Ende November 2019: Seit dem Sommer war der Einstieg von Lars Windhorst und seiner Tennor-Holding beschlossene Sache, der Saisonstart verlief allerdings alles andere als zufriedenstellend und Trainer Ante Covic musste Platz machen. Jürgen Klinsmann, der zu dem Zeitpunkt als Berater von Lars Windhorst aktiv war, sollte als Nachfolger einspringen. Es begann eine der surrealsten Zeiten, die man als Hertha-Fan jemals kennenlernte. Facebook-Live-Auftritte, große Sprüche über die Champions League, Trainingslager in den USA, Treffen auf der Yacht von Lars Windhorst.
Mitten drin einer, den Klinsmann mitbrachte, aber als alter Bekannter kein neuer war: Arne Friedrich. Als sogenannter „Performance Manager“ war sein Aufgabenbereich schwer zu definieren. Mal sollte der ehemalige Profi, der immerhin von 2002-2010 auf 288 Pflichtspiele für Hertha BSC kommt, die Verteidigung trainieren, mal versuchte er mit seinen Erfahrungen aus US-amerikanischen Tagen Einflüsse aus dem Militär im Training der Hertha einzubinden und wieder ein anderes Mal, sorgte er mit Q&A’s auf Instagram für Fannähe.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Arne Friedrich gilt als attraktiv, eloquent, weltoffen und extrem wissbegierig. War er der Protagonist auf einer Pressekonferenz, konnten sich Journalist:innen über Offenheit und Warmherzigkeit freuen und zusätzlich über intelligente Aussagen. Friedrich strahlte eine riesige Professionalität aus, die neu war in Berlin. Bei Hertha hatte man sich mittlerweile an einen meist mies gelaunten Michael Preetz gewöhnt, der stets so wirkte, als hätte er sich lediglich dank des einen oder anderen Managementkurses ein etwas gehobenes Sprachniveau aneignen können. Von den polternden Pal-Dardai-Pressekonferenzen ganz zu schweigen. Jürgen Klinsmann wirkte dieser Tage auch mehr wie eine narzisstische und selbstverliebte Person, als ein gestandener ehemaliger Spieler und Trainer von Weltniveau.
Zusätzlich hatte Arne Friedrich schon in seiner aktiven Zeit in Berlin auf dem Platz einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ehemaliger Kapitän, Leistungsträger und noch dazu als Herthas erfolgreichster Spieler der deutschen Nationalmannschaft genießt er seit vielen Jahren in Berlin Legendenstatus.
Aus dem Schatten von Preetz an die Spitze
Als im Frühjahr 2021 Hertha wieder im tiefen Abstiegskampf stand und neben dem damaligen Trainer Bruno Labbadia auch Michael Preetz gehen musste und damit eine zwölf Jahre lange Ära endete, schlug Friedrichs Zeit. Seine Stelle war von nun an definiert. Vom Performance-Manager zum Sportdirektor. Zusammen mit dem neuen Vorstand Carsten Schmidt überzeugte er Pal Dardai von seiner Rückkehr und seinen alten Freund und Kollegen aus der Nationalmannschaft, Sami Khedira, von einer letzten Profi-Station. Es folgte eine Rückrunde, die mit dem Klassenerhalt, nach der mittlerweile legendären Corona bedingten Pause, beendet wurde. Arne Friedrich selbst leitete sogar für einen Tag lang das Training und bezeichnete sich später mit einem Augenzwinkern als Hertha-Trainer, mit der kürzesten Amtszeit.
(Photo by MICHAEL SOHN/POOL/AFP via Getty Images)
Doch diese goldene Zeit Friedrichs, die dem Verein so viel Professionalität verlieh, sollte enden, als mit Fredi Bobic der neue Vorstand Sport an der Spree die Zügel in die Hand nahm. Friedrich sollte seine Position als Sportdirektor behalten, allerdings sollte von nun an Fredi Bobic die öffentlichen Termine wahrnehmen. Er war der lang gesuchte und seit vielen Wochen ersehnte Sportvorstand. Aus Frankfurt war Bobic nach Berlin gekommen, wo er bereits von 2003 bis 2005 für zwei Jahre spielte. Er hatte sich über die Jahre in der Bundesliga einen mehr als respektablen Ruf erarbeitet. Aus dem ehemaligen Abstiegskandidaten Eintracht Frankfurt hatte er innerhalb kurzer Zeit einen Pokalsieger und Europa-League-Halbfinalisten gemacht. Er war für unpopuläre Entscheidungen bekannt, aber eben auch für Erfolg.
Bobics radikaler Umbruch fordert Opfer – Am Ende auch Friedrich
Ab dem Sommer 2021 änderte sich der Wind in Berlin komplett. Als neuer starker Mann installierte Bobic neue Leute, trieb einen radikalen Kaderumbruch an, war mutig genug, sämtliche Leistungsträger der letzten Saison zu verkaufen und zeigte sich regelmäßig vor den Berliner Medien als professioneller, aber eiskalter und nicht gerade nahbarer Manager.
Die Installation verschiedener neuer Personen im Kader forderte Opfer alter Wegbegleiter. Der langjährige Teammanager und als Vereinsikone beliebte Nello DiMartino wurde in die Jugend geschickt. Mit Benjamin Weber ging nach 18 Jahren der Akademie-Leiter, der erfolgreiche Jugendtrainer Michael Hartmann wird ihm wohl folgen. Für den Abschied von CEO Carsten Schmidt, der wie Arne Friedrich Professionalität und eine gewisse Form von Sympathie und Wärme versprühte, konnte Bobic nichts. Schmidt ging bekanntlich aus privaten Gründen.
Doch der Aufgaben– und Machtbereich Bobics sollte sich dadurch nur vergrößern. Es folgte die Entlassung Pal Dardais und die Einstellung von Tayfun Korkut auf der Trainerposition. Angeblich war Arne Friedrich in diese Entscheidung mit eingebunden.
(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)
Doch wie tief Arne Friedrich noch ins Tagesgeschäft mit eingebunden war, muss hinterfragt werden. Mehr als das ein oder andere Feld-Interview vor Spielen oder in der Halbzeitpause bot Friedrich kaum noch. Er wurde zunehmend isoliert. Trotz allem stellte er sich bei der Konfrontation zwischen Mannschaft und Ultras zwischen die Parteien um zu vermitteln. In der Szene und beim Team beliebt, konnte er immer ein Bindeglied darstellen.
Der Abschied kommt nicht überraschend
Auch wenn Arne Friedrich stets betonte, dass er Herthaner und dem Verein dankbar sei, war es nie sein Plan, länger als nötig zu bleiben. Friedrich, der bekannt für seinen speziellen Lebensstil ist und seinen Lebensmittelpunkt eher in den USA sieht, kam zufällig in die Rolle bei Hertha. Doch er war bereit für die neue Herausforderung. Er hat sie zu jeder Tages- und Nachtzeit mit unfassbar viel Herzblut ausgefüllt und war ein Gesicht des Vereins, für viele sogar eine Identifikationsfigur.
Und Er hat dem Verein in der Außendarstellung unfassbar gut getan. Doch Friedrich ist keiner, der es nötig hat sich anzubiedern. Sobald man ihm zeigt, dass er nicht mehr gebraucht wird, macht er Platz. Eine neue Herausforderung für sein Leben findet er ohne große Schwierigkeiten.
Und nun?
Der Aderlass, den die Hertha in den letzten Monaten hinnehmen musste, war schwer zu verdauen. Bis heute ist er das nicht komplett. Im Verein herrscht seit viel zu langer Zeit eine Unruhe, die ihres gleichen sucht.
Wie man den Streit mit dem Investor beilegen soll, ist eine der großen zentralen Fragen in den nächsten Tagen und Wochen. Wie die Mannschaft die Klasse halten soll, die wohl größte und besorgniserregende. Mit Arne Friedrich ist der letzte große Kopf der Prä-Bobic-Ära nun weg. Mittlerweile ist es Fredi Bobic gelungen keinen nennenswerten Gegenspieler im Verein mehr zu haben und seine Leute in vielen Bereichen zu installieren. Seine Entscheidungen beäugt er selbst nach außen hin vollkommen unkritisch.
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Die kontroverseste war definitiv die des Trainers. Die Tage zeigen mal wieder, dass es im Fußball viel um Business und Stärke geht und Romantik und Vergangenes oft keinen Platz haben. Die Mannschaft steht dem Abstieg in die 2. Bundesliga extrem nahe und Machtkämpfe und Kritikunfähigkeit sind fehl am Platz. Und gerade jetzt wären Ruhe und Professionalität gefragt. Charakterzüge, die Arne Friedrich mit Bravour ausfüllen konnte.
Hertha schippert munter weiter richtung zweite Liga. Das 1:4 war eine absolute Schlechtleistung, über die wir natürlich reden und auch noch einmal ganz klar über die Rolle von Tayfun Korkut und Fredi Bobic sprechen. Zudem gibts ein Leihspieler-Update von Marc und die frischen Reaktionen zum vorzeitigen Weggang von Arne Friedrich bei Hertha BSC.
Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns über eure Kommentare. Wir lassen uns die Laune nicht verderben!
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Hat Tayfun Korkut als Hertha-Trainer fertig? „Wer will, wer will, wer hat noch nicht?“, fragt man sich als Hertha-Fan mittlerweile regelmäßig während der Spiele. Es ist völlig egal wer auf dem Rasen steht, es ist egal wie der Gegner heißt, am Ende bricht die Gruppe – und in diesem Fall traut man sich kaum noch von Mannschaft zu sprechen – immer wieder auseinander und zeigt regelrecht Auflösungserscheinungen. Der Blick richtet sich immer mehr auf den Trainerposten.
Viele Startelfänderungen von Korkut, kein Effekt
Aber der Reihe nach. In einem mit 25.000 Zuschauer unter den aktuellen Bedingungen gut gefüllten Olympiastadion spielte die „Alte Dame“ gegen die Frankfurter Eintracht und wollte ein weiteres Mal den Versuch unternehmen, endlich den ersten Dreier im Jahr 2022 einzufahren. Wie zuletzt in verlässlicher Regelmäßigkeit stellte Trainer Tayfun Korkut die Spieler in der 4-3-3-Formation auf und wollte damit über die Außen für Gefahr sorgen.
Beim Blick auf die Startelf gab es einige Änderungen, die zum Teil nachvollziehbar waren, zu einem gewissen Maße aber auch stutzig machten. Im Tor stand wie gegen den SC Freiburg Marcel Lotka, an Stelle des sich noch in Quarantäne befindenden Alexander Schwolow. Der im Breisgau schwer überforderte Fredrik André Björkan wurde ersetzt durch Maximilian Mittelstädt, der seine Corona-Infektion überstanden hatte.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
In der Innenverteidigung macht der zuletzt meist überzeugende Youngster, aber möglicherweise noch angeschlagene Linus Gechter Platz für Marc-Oliver Kempf, der nach seiner Rot-Sperre wieder zurück in die Startelf rotierte. Kapitän Dedryck Boyata und Peter Pekarik komplettierten die Verteidigung. Während das zentrale Mittelfeld seit einigen Spielen unverändert bleibt, gab es eine Veränderung im Sturm, die durchaus für Aufsehen sorgte. Statt des nimmermüden und mit viel Einsatz zu gefallenen Ishak Belfodils durfte Neuzugang Dung-Jun Lee zum ersten Mal von Anfang an spielen.
Viel ändern sollten die neuen Kräfte im Vergleich zu den letzten Spielen allerdings nicht. Sang- und klanglos wurde man von Frankfurt zeitweise vorgeführt. Doch auch nach diesem Spiel gibt es noch einen Funken Hoffnung. Wir gehen heute auf die katastrophale Verteidigung ein, wer anscheinend völlig überfordert ist und auf wen und was man im Abstiegskampf setzen muss, um die Klasse zu halten.
Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata: Habt ihr euch schon einmal gesehen?
Kaum zu glauben, aber schon wieder musste Hertha eine neue Innenverteidigung bilden. Möglicherweise setzte der Pferdekuss aus dem Spiel gegen Freiburg Linus Gechter immer noch so sehr zu, dass für ihn nur ein Platz auf der Bank in Frage kam. Alles andere wäre fragwürdig gewesen, wo doch Gechter in den letzten Spielen der beste Verteidiger war und ein weiteres Zerreißen der Verteidigung nur für Unsicherheit sorgen würde.
Aber eigentlich handelt es sich bei Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata um gestandene Verteidiger, die schon viele Schlachten geschlagen haben, die Bundesliga kennen und zu Leistungsträgern des Vereins gehören. Dedryck Boyata ist Kapitän und belgischer Nationalspieler. Von all dem sah man herzlich wenig. Es wirkte, als hätten die beiden sich noch nie zuvor gesehen. Es war zwar auch das erste Spiel, welches die beiden gemeinsam absolviert hatten, doch auch von Spielern dieser Klasse sollte besseres abgerufen werden.
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Die Kommunikation war nur selten vorhanden und beide leisteten sich haarsträubende Fehler, wie Kempf, als er schon in der 6. Minute einen völlig unnötigen Fehlpass spielte, den er zwar selbst wieder ausbügelte, doch solche Szenen zeigen auch seine Verunsicherung. Boyata leistete sich Ballverluste, wie in der 15. Minute gegen Borré und konnte in keiner Weise für die dringend notwendige Stabilität sorgen, die es gebraucht hätte. Beide haben mit 84 Prozent angekommener Pässe – in Boyatas Fall 77 Prozent – zwar ganz gute Passquoten, doch zu viel davon stammt vom ideenlosen Hintenrum-Spiel. Beide leisteten sich über zehn Ballverluste. Wie soll so eine Verteidigung im Spielaufbau die Mitspieler in Szene setzen können? Auch die Versuche mit langen Bällen die Angriffe zu starten, verpufften praktisch. Nur drei von acht langen Bällen kamen an.
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Boyata selbst hatte seinen dunkelsten Moment des Tages als er in der 63. Minute in keiner Weise seine Klasse zeigen konnte, sich von Borré und Kamada völlig überspielen ließ und durch seinen Sturz zu Boden keinerlei Eingriffschance mehr beim endgültigen Todesstoß zum 1:4 hatte. Zusammen konnten sie zwar auch noch fünf Bälle klären, drei weitere Schüsse des Gegners blocken und somit eine noch höhere Klatsche verhindern, aber ihre Überforderung ist schwer in Worte zu fassen.
Dong-Jun Lee: Eine bemitleidenswerte Überforderung
Der Wechsel des Südkoreaners nach Berlin ist sicherlich eine interessante Perspektivverpflichtung, die Fredi Bobic da getätigt hat. Doch es muss noch viel passieren, bis Lee ein Bundesligaspieler wird und Hertha helfen kann. In der aktuellen Situation hat man Mitleid mit ihm.
Gegen eine Abwehrkante wie Evan N’Dicka hatte er praktisch keine Chance, war überfordert und konnte seinen einfach zu schmächtigen und leichten Körper kaum nutzen, um in Zweikämpfe zu gehen. In der 32. Minute hatte aber auch Lee Pech mit dem Schiedsrichter, als der Einsatz N’Dickas unbeachtet blieb. Für Freiburg gab es in der letzten Woche für weniger Elfmeter. Hier hätte der Einsatz des VAR durchaus für Fairness gestanden. Das Schiri-Pech gehört für die Hertha in dieser Saison dazu wie das blau-weiße Trikot. Es ist verrückt, wie viele brenzlige Aktionen immer gegen beziehungsweise nie für die Mannschaft gepfiffen werden.
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Dong-Jun Lee hatte 22 Ballaktionen, immerhin konnte er alle seine sechs Pässe an den Mann bringen. Dazu kommen allerdings auch acht Ballverluste und nur ein gewonnener Zweikampf von acht. Sein Mehrwert für die Offensive ging gen null und es ist zu hinterfragen, weshalb er an Stelle von Ishak Belfodil spielen durfte. Seine überforderte Performance mündete letztendlich sogar darin, dass er mit zunehmender Spieldauer kaum noch ins Spiel der Hertha eingebunden wurde und die Offensive versuchte den Angriff ohne ihn aufzubauen. Nach 56 Minuten wurde er für Kevin-Prince Boateng ausgewechselt.
Marcel Lotka: Auf Teamniveau innerhalb eines Spiels
Gegen Freiburg war er noch als positives Beispiel zu sehen. Er zeigte, was im Team fehlte: Ehrgeiz, Bock auf Hertha, Motivation. Doch all das scheint innerhalb einer Woche weg zu sein. Dem nach Dortmund wechselnden Lotka ist nach diesem Spiel nun auch eine schwache Leistung vorzuwerfen.
Seine so hochgelobte Kommunikation ließ sehr schnell nach, seine Abwehr konnte er kaum noch pushen und auch im Tor konnte er sich dieses Mal nicht so auszeichnen wie noch gegen Freiburg. Immerhin war er 43 Mal am Ball, versuchte die Bälle gewissenhaft zu verteilen oder mal einen Angriff einzuleiten, doch es verpuffte nahezu alles wirkungslos. Während seine sehr gewagten Ausflüge aus dem Strafraum mit zusätzlichen Fehlpass gegen Freiburg noch unbestraft blieben, leistete er seiner Mannschaft gegen die Eintracht einen kapitalen Bärendienst.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
In der 56. Minute lief er völlig ohne Not und in fehlender kommunikativer Absprache mit seiner Verteidigung, insbesondere Boyatas, aus dem Strafraum, um die Situation zu klären. Doch sein Fehlpass war die hervorragende Einladung an Lindström, der per feinen Heber das vorentscheidende 3:0 für Frankfurt erzielte. Marcel Lotka ist damit innerhalb einer Woche auf das verunsicherte Niveau der Mitspieler gefallen.
Davie Selke, Maxi Mittelstädt und Lucas Tousart: Die Einstellung stimmt
Irgendwo muss man die Hoffnung suchen. Immerhin geben sich nicht alle auf, das kann und muss man festhalten. Nach dem Spiel gaben Marc Oliver Kempf und Davie Selke bei Sky-Interviews, die einerseits voller Frust, aber eben auch voller Wahrheit waren. Es muss was geschehen, sonst wird es dunkel. Doch es stellt sich die Frage, ob sich ein Kempf, der eine mehr als schwache Leistung gegen Frankfurt zeigte, solch große Töne spucken und über Statisten reden sollte, während er selbst der Mannschaft in keiner Weise Stabilität bietet.
Davie Selke ist wahrlich kein Leistungsträger und auch keiner der in den letzten Jahren Bundesliganiveau zeigte. Weshalb es immer etwas bizarr anmutet, wenn er versucht, die Mannschaft anzufeuern. Aber immerhin tut er es. Sein Tor ist eines der schönsten Tore der Hertha in dieser Saison. Ein starker Volley. Der Ball ist ihm aber auch in dieser Situation sehr dankbar vor den Fuß gelegt worden. Es war ein Zufallsprodukt, wie wir es bei Hertha in dieser Saison so oft hatten. Er kam in der 56. Minute für Vladimir Darida in die Partie um noch irgendwas in der Offensive ausrichten zu können. Er rieb sich auf, könnte den einen oder anderen Ball verteilen. Immerhin brachte er sieben seiner elf Pässe zu den Mitspielern. Auch seine vier gewonnen Zweikämpfe zeigen, dass er sich kämpferisch gibt. Doch was nützt all das, wenn sich die Mannschaft nach dem einzigen Hoffnungsschimmer, direkt wieder niederringen lässt?
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Lucas Tousart scheint die Situation und Lage verstanden zu haben. Immerhin kämpft er, wirkt wacher und nicht mehr so lethargisch und überfordert, wie in den vielen Wochen und Monaten zuvor. 12,11 km lief er, mehr als jeder andere. Doch auch seine Statistiken zeigen zu wenig Ertrag. 17 Ballverluste, nur fünf von elf gewonnenen Zweikämpfen. Das ist zu wenig. 57 Prozent seiner Pässe kamen an. Nur einer seiner sechs langen Bälle kam beim Mitspieler an. Statistisch war Tousart keine Hilfe, das muss man festhalten, aber er zeigt, was Einsatz ist und was Abstiegskampf bedeutet. Es wäre schön, wenn es ihm gelänge, das in Konstanz umzumünzen.
Maximilian Mittelstädt hatte zuletzt gefehlt. Und das sehr. Aktuell ist er das Herz der Mannschaft, so viel Leidenschaft, wie er noch versprüht. Und es gibt wenige bei Hertha, die die Fans gerade so mitreißen können, wie er. Er war wieder einer der aktivsten, hatte 69 Ballaktionen, gewann fünf Tacklings, 85 Prozent seiner 33 Pässe kamen beim richtigen Adressaten an. Er gewann neun seiner zwölf Zweikämpfe, eine vernünftige Quote. Doch auch er verlor wie seine Mitspieler zu viele Bälle. 13 an der Zahl waren es letztendlich.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Sein Ausraster vor der gelben Karte in der 74. Minute war die Gefühlswelt der Hertha-Fans, die den Frust im Abstiegskampf Woche für Woche spüren. Man merkt, wie nahe Mittelstädt die aktuelle Situation geht. Er ist in dieser Saison enorm gereift und zum Führungsspieler gewachsen und wird in den nächsten Wochen eine sehr wichtige Komponente im Abstiegskampf werden.
Korkut: Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch sie schwindet
Von Anfang an lief die Hertha dem Ball hinterher. Die Spieler spielten, als hätten sie Zementsäcke an den Beinen, waren mit allem was sie taten überfordert und mit dem Kopf ganz weit weg. Es kamen schwerwiegende individuelle Fehler dazu. Aber was über allem steht, ist, dass diese Mannschaft keine Mannschaft ist und auch nicht die Qualität für ein gutes Bundesliga-Spiel hat.
Hertha hat mittlerweile die schlechteste Punkteausbeute der Rückrunde. Der VfB Stuttgart hat den Abstiegskampf angenommen und beginnt zu punkten, genauso wie alle anderen, die unten stehen. Nur noch einen Punkt sind die Schwaben dahinter und sind drauf und dran, die Lichter in Berlin immer dunkler zu schalten. Fredi Bobic wollte sich nach dem Spiel nicht äußern, weshalb, darf gemunkelt werden. Tayfun Korkut, der wieder einmal eine klägliche Figur im Interview abgab, hat keine Argumente auf seiner Seite, scheint gänzlich das Team verloren zu haben. Die Frage, ob er es jemals wirklich erreicht hatte, muss gestellt werden, bei einer Gegentorflut, die ihres Gleichen sucht. Hoffnung macht der Einsatz Einzelner.
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Zusätzlich waren Spieler wie Marc Oliver Kempf und Davie Selke nach dem Spiel sehr offen und haben klar gesagt, dass sich etwas ändern muss. Allerdings befinden wir uns mittlerweile in einem Teil der Saison, wo Interviews rein gar nichts mehr bringen. Leistung und Einsatz müssen abgerufen werden und wenn das nur von einigen wenigen kommt, ist es zu wenig im Abstiegskampf.
Seit der letzten Woche steht Hertha BSC auf dem Relegationsplatz, die Luft wird dünner. Doch der Gegner vom Main kommt ebenfalls nicht mit dem größten Selbstbewusstsein. Die Chance für die „Alte Dame“, Plätze im Abstiegskampf gutzumachen ist durchaus vorhanden. Zwei Arten von Rückkehrern spielen dabei in die eigenen Karten.
Unsere drei Thesen zum Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt.
Mittelstädts Rückkehr gegen Frankfurt sorgt für Wirbel auf der linken Seite
Im Januar noch Herthaner des Monates, im Februar dann der Ausfall mit Corona. Beim Spiel gegen den SC Freiburg stand Mittelstädt wieder im Kader, blieb allerdings ohne Einsatz. Winterneuzugang Fredrik Bjørkan konnte während seiner Einsatzzeiten noch nicht wirklich überzeugen, man kann ihm aufgrund der noch kurzen Eingewöhnungszeit und dem Sprung von der norwegischen zur höchsten deutschen Liga keinen Vorwurf machen.
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Gegen Eintracht Frankfurt wird Mittelstädt daher wieder starten und an seinen guten Leistungen zu Beginn der Rückrunde anknüpfen. Da das Spiel der Gäste vornehmlich über die linke Seite läuft, könnte Mittelstädt auf seiner linken Seite die Freiheiten bekommen, die er braucht, um vorne mit zu wirbeln. Ob dabei ein Scorer mit herausspringt, bleibt abzuwarten, zu gönnen wäre es dem 24-Jährigen.
Das Spiel wird Unentschieden ausgehen – das hilft keiner der beiden Mannschaften
Dass Hertha BSC noch kein Pflichtspiel seit Beginn der Rückrunde gewinnen konnte ist nichts Neues. Zwei Punkte aus sieben Ligaspielen sind die Zahlen eines Absteigers. Doch auch die Frankfurter „Adler“ kämpfen mit einer sportlich schwierigen Phase. Seit Start der Rückrunde gelangen ihnen nur ein Sieg gegen die ebenfalls momentan schwächelnden Stuttgarter und ein Unentschieden gegen den FC Augsburg, die selbst nicht viel besser als Hertha stehen. Die fünf Niederlagen seit Spieltag 17 waren unter anderem gegen Mannschaften wie Arminia Bielefeld und VfL Wolfsburg, die beide in der unteren Tabellenhälfte stehen.
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Hertha hat also durchaus Chancen Punkte aus diesem Spiel mitzunehmen, über ein Unentschieden kommt man allerdings nicht hinaus. Es gilt daher der alte Fußballspruch: Ein Punkt, der keinem von beiden hilft. Frankfurt dümpelt weiter im Niemandsland der Tabelle unter den eigenen Erwartungen, muss den Blick eher nach unten als nach oben richten. Und Hertha bleibt knietief im Abstiegskampf, im Worst Case bleibt man auf dem Relegationsplatz und verliert sogar Vorsprung auf die Verfolger aus Stuttgart.
Die Fans werden gute Stimmung machen – zumindest temporär
Auch wenn Corona noch nicht vorbei ist, die Stadien dürfen nach den Beschlüssen der Politik wieder mehr gefüllt werden. Bis zu 25.000 Zuschauer sind beim Heimspiel gegen die Eintracht aus Frankfurt erlaubt. Die Chance, dass auch alle Karten verkauft werden sind hoch, schon am Freitag ließ Hertha verlauten, dass bisher über 20.000 Karten abgesetzt werden konnten.
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Die Fans werden die Rückkehr in das Stadion genießen und einiges nachholen, was über die letzten Wochen im leidgebeutelten Leben eines Hertha-Anhängers nicht so offen ausgelebt werden konnte, wie es nur im Stadion möglich ist. Das Spielgeschehen ist trotzdem ein starker Lenker: Sollte Hertha weiterhin enttäuschen, könnte die Stimmung kippen. In diesem Fall gilt für die Fans das gleiche wie für die Mannschaft: nur 30 Minuten Feuerwerk wird am Ende nicht reichen. Also auf geht’s, man sieht sich im Stadion!
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