Davie Selke – die letzte Chance

Davie Selke – die letzte Chance

Nach seiner glücklosen Leihe zum Absteiger SV Werder Bremen ist Davie Selke nun wieder zurück bei der alten Dame. Im Training und in den Testspielen zeigt der drahtige und große Stoßstürmer, was er angekündigt hat: Sich im blau-weißen Trikot endlich durchzusetzen zu wollen. Mit Jhon Córdoba und Krzyszof Piatek hat er namhafte Konkurrenz. Wo steht Selke und wie stehen seine Chancen?

Selke sammelt erste Argumente

Anders als von vielen blau-weißen Fans zunächst vermutlich erhofft, bereitet sich der 26-jährige Davie Selke im brandenburgischen Neuruppin mit Hertha BSC auf die erste Bundesliga vor – statt mit Werder Bremen auf die zweite Liga. Etwa zwölf Millionen Euro hätten die Bremer für Selke zahlen müssen, hätten sie die erste Klasse gehalten – nicht wenige Hertha-Fans trauern den Millionen vermutlich nach. Nun ist es aber so, wie es ist und Selke zeigt sich im Trainingslager bisher von vielen seiner guten Seiten.

Foto: IMAGO

Mit Stand vom 12. Juli absolvierte Hertha inzwischen drei Testspiele – alle wurden gewonnen, jedes Mal stand Selke in der Startelf (vor Jhon Córdoba, Krzyszof Piatek fehlt noch verletzt) und jedes Mal traf er. Fünf Treffer erzielte Davie Selke in den drei Testspielen insgesamt. Bisher hält er, was er verspricht: „Ich weiß gar nicht, ob ich in meiner Karriere schon mal so fit war, wie ich aktuell bin“, sagte der fleißige Stoßstürmer im Neuruppiner Trainingslager. Während der Sommerpause habe er viele Extraschichten eingelegt.

Auch Trainer Pál Dárdai scheint es zu freuen, dass er Selke wieder im Team hat. Schließlich hatte der Stürmer unter dem Ungar seine erfolgreichste Saison im blau-weißen Trikot: Zehn Tore schoss Selke unter Dárdai. Vier weitere legte er als Assist auf. „Ich würde ihn nie abschreiben. Davie ist ein feiner und fleißiger Junge, der hier funktioniert hat“, weiß Dárdai.

Die Mentalität soll kommende Saison entscheiden

Die ersten Trainingseindrücke scheinen gut, seine Quoten in den bisherigen Testspielen ebenfalls. An Leidenschaft und Einsatz mangelte es Selke sowieso nie – seine Einstellung stimmte immer. Eben das könnte nun zu seinem großen Vorteil werden: Favorisiert Hertha in der kommenden Saison doch Spieler, deren Wille und Mentalität stimmen. Der Verein will als Einheit auftreten. Fußballerisch talentierte, aber charakterlich schwierige Spieler wie Dodi Lukebakio und Matheus Cunha stehen auch deshalb wohl auf dem Abstellgleis.

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 „Das Wichtigste ist, miteinander Mentalität zu zeigen. Dann bist du manchmal besser als Mannschaften, die mehr Qualität besitzen. Du musst brennen“, sagte Manager Fredi Bobic kürzlich über die neue Berliner Marschroute. Die Vorzeichen stehen für Davie Selke bei Hertha demnach sehr gut. Doch hat er noch zwei Probleme: Jhon Córdoba und Krzyszof Piatek.

Wie wird Hertha in der nächsten Saison spielen?

Allen voran mit Jhon Córdoba hat Selke einen sehr ähnlichen Spielertyp, gegen den er sich durchsetzen muss. Beide sind klassische Strafraumstürmer. Córdobas Vorteil ist, dass er die Bälle im Halbfeld des Gegners deutlich besser festmachen und verteilen kann. Selke unterscheidet sich von Córdoba hingegen in seinem starken Anlaufverhalten und seinem dynamischen Pressing – was Dárdai allerdings nicht oft spielen lässt. Krzyszof Piatek ist ein gänzlich anderer Spielertyp, er ist ein klassischer Knipser vor dem Tor – im Spielaufbau jedoch nur schwer mit einzubeziehen.

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Gegenwärtig ist es völlig unklar, wie Hertha spielen wird. Zwischenzeitlich sah es ob der Transfers so aus, als würde Hertha in einem 4-3-3 spielen – also lediglich mit einer Spitze. Das gaben auch die bisherigen Testspiele her. Inzwischen erhärten sich aber die Gerüchte, dass Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio den Verein wohl verlassen werden, entweder per Verkauf oder als Leihe. Damit würden Hertha die Flügelspieler fehlen und eine Formation mit zwei Spitzen, etwa ein 4-4-2 mit enger Mittelfeld-Raute oder defensiv ausgerichteten Spielern, wie etwa Mittelstädt oder Zeefuik auf den Flügeln im Mittelfeld, scheint nicht unwahrscheinlich. Auch ist ein 3-4-3 (mit zwei laufstarken Außenverteidigern und drei Innenverteidigern) wie Deutschland es bei der EM spielte, scheint möglich. Dieses System ließ Dardai im Endspurt der letzten Spielzeit öfter spielen.

Doch ist es noch extrem früh, um einen klaren Trend der Formation zu erkennen. Auch weil der August laut Bobic viel Bewegung in den Transfermarkt bringen wird – vermutlich auch bei Hertha. Selke tut aber gut daran, sich darüber nicht verrückt zu machen – und sich weiter mit starken Leistungen im Training und in den Testspielen zu beweisen. Es ist seine letzte Chance bei Hertha – es wird spannend zu sehen sein, ob ihn das beflügelt oder eher lähmt.

[Titelbild: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO]

Kaderanalyse 2020/2021 – Herthas offensive Flügelspieler

Kaderanalyse 2020/2021 – Herthas offensive Flügelspieler

Endlich ist die Alptraum-Saison 2020/2021 vorbei. Nach einer hochemotionalen Schlussphase gab es doch noch ein „Happy End“ für Hertha BSC. Diese verrückte Spielzeit haben wir sehr ausführlich in unserer Saisonrückblick-Podcastfolge besprochen. Doch jetzt wollen wir uns der Kaderanalyse widmen. Dabei gehen wir nicht nur auf die abgelaufene Saison ein, sondern werfen auch einen Blick nach vorne. Welche Kaderstellen müssen Bobic, Dufner, Friedrich und co. noch dringend bearbeiten? Wo hat man Bedarf, welche Spieler werden wohl den Verein verlassen?

Im nächsten Teil unserer Kaderanalyse widmen wir uns den offensiven Flügelspielern der Hertha. Bekanntlich wurde die Kaufoption für Nemanja Radonjic nicht gezogen, hinter den Kulissen arbeitet man wohl aber dennoch an einem Transfer des 25-jährigen Flügelstürmers. Auch in seinem zweiten Jahr konnte Dodi Lukebakio nicht vollends überzeugen. Und was passiert mit dem jungen Javairo Dilrosun?

Flügelfokus unter Dardai

Vieles deutet darauf hin, dass Hertha BSC in der kommenden Saison vornehmlich in einem 4-3-3 auflaufen wird. Dafür wurde mit Suat Serdar ein spielstarker „Achter“ verpflichtet, der das Mittelfeld im Offensivspiel gefährlicher gestalten soll. Arne Maier kehrt nach seiner Leihe zu Arminia Bielefeld nach Berlin zurück. Lucas Tousart scheint gesetzt zu sein.

Für eine 4-3-3-Formation sind spielstarke Außenspieler unabdingbar. Sie müssen auch ohne klassischen „Zehner“ stark genug sein, per Dribbling an ein oder zwei Gegenspielern vorbei zu kommen und den Stürmer mit Flanken oder präzisen Pässen vor den Fünfmeter-Raum füttern. Wie steht es um die offensiven Außenspieler, die Hertha aktuell im Kader hat?

Mathew Leckie – er wird nicht vermisst werden

Trotz seiner überwiegenden Rolle als Reservist, hat sich der Australier nie lauthals beschwert. Er gilt als Musterprofi, der keine Unruhen in einen Verein bringt. Pal Dardai ist das bekanntlich sehr wichtig. Auch deshalb – vor allem aber wegen der Schnelligkeit von Mathew Leckte – wird Dardai ihn insgesamt 17 Mal in der Bundesliga eingesetzt haben. Doch spielerisch in Szene gesetzt hat er sich dabei nie.

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Foto: IMAGO

Das bekräftigt auch seine Startelf-Quote von nur mageren 15 Prozent. In seinen 17 Einsätzen, die wenigsten von Beginn an, schoss er kein Tor und legte lediglich eines auf. Und viel mehr ist über ihn eigentlich auch nicht sagen, außer: Inzwischen ist Mathew Leckie in seine Heimat gewechselt, zum Melbourne City FC. Menschlich sicher ein wichtiger Teil der Mannschaft, wird man ihn rein sportlich wohl weniger vermissen.

Dodi Lukebakio – kriegt er noch eine Chance?

Hertha hat mit Dodi Lukebakio und Javairo Dilrosun lediglich zwei etatmäßige Außenspieler in den eigenen Reihen. Damit könnte Lukebakio eine noch letzte Chance bekommen. Womöglich gelingt noch ein kostengünstiger Transfer von Nemanja Radonjic und sicher wird Hertha generell noch auf der Suche nach einem oder zwei Außenspielern sein. Doch mindestens vier Spieler braucht es auf den Außenbahnen, tritt man mit einem 4-3-3 an. Auch in etlichen anderen Spielsystemen sind mindestens vier offensive Außenspieler im Kader Pflicht. Besser wären gar fünf Spieler. Ein Abgang Lukebakios scheint demnach unrealistisch, auch wenn sportlich vieles dafür spricht.

Denn auch in seinem zweiten Jahr konnte sich Dodi Lukebakio nicht nachhaltig positiv empfehlen. Es sind altbekannte Probleme, die einen Durchbruch verhindern. Seine fehlende Spannung zeigt sich auf dem Spielfeld zu oft, seine mangelnde Defensivarbeit ist weiterhin ein Problem. Bekanntlich ist Dardai ein Freund von Spielern, die auf dem Platz arbeiten, kämpfen und leidenschaftlich sind. Taktische Disziplin ist ihm sehr wichtig. Vor allem auch die unnötige gelb-rote Karte im so wichtigen Spiel gegen Schalke, hat Dardai (zurecht) auf die Palme gebracht.

hertha flügelspieler
Foto: SVEN SIMON/ Ralf Ibing/firo Sportphoto/pool/IMAGO

Hertha braucht in der kommenden Saison Konstanten, keine Unsicherheitsfaktoren. Kontinuierlich wäre es, dem launigen Außenspieler noch eine dritte und letzte Chance zu geben. Sein Talent blitzte auch in der vergangenen Saison auf. Fünf Tore und fünf Vorlagen in 29 Spielen – in einer spielerisch verkorksten Saison – bestätigen das. Und auch die Hertha-Verantwortlichen werden wissen, dass Lukebakio weiterhin Potenzial hat, sich zu steigern. Doch wie lange reicht die Geduld noch?

Mit 13 Millionen Euro hat Lukebakio auch keinen geringen Marktwert. Und so konstant es wäre, ihn zu behalten – so könnte sich auch ein kostengünstiger Spieler finden lassen, der weitaus weniger Unsicherheiten verkörpert und dessen Leistungen nicht so sehr schwanken. Gerüchte gibt es bisher keine – doch der Transfermarkt ist noch lange auf.

Javairo Dilrosun – der verletzte Wunderknabe

Wie Lukebakio konnte auch Javairo Dilrosun sein ungeheures Talent zu selten zeigen. Das liegt weniger an schwankenden Leistungen, als vielmehr daran, dass der schüchterne Niederländer häufig von Verletzungen geplagt ist. Vornehmlich auch deshalb kam er in der vergangenen Saison lediglich auf zwölf Bundesliga-Einsätze. Selten spielte er jedoch von Beginn an, weil er nach seinen Verletzungen immer wieder leicht herangeführt wurde. In den zwölf Spielen schoss er kein Tor, steuerte aber immerhin zwei Vorlagen bei.

Medial wurde bereits über eine Leihe von Dilrosun spekuliert. Aber auch er könnte davon profitieren, dass es kaum offensive Außenspieler im Verein gibt. Es ist ähnlich wie bei Lukebakio – will man nicht alles wieder auf den Kopf stellen, muss auch er gehalten werden. Lediglich einer von ihnen könnte verkauft werden. Wenn jedoch Beide gehalten werden und Lukebakios Leistungen auch in der kommenden Saison so stark schwanken, könnte Dilrosun davon profitieren.

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Um auf den offensiven Außenbahnen gefährlich zu sein, hilft es, zwei inversive Spieler auf den Positionen zu haben. Sollte Radonjic noch verpflichtet werden, könnte er auf der linken Außenbahn nach innen ziehen und mit seinem starken rechten Fuß den Torabschluss suchen. Ähnlich wie Dilrosun, der bekanntlich einen starken linken Fuß hat – und dann von der rechten Seite aus agieren könnte. Zudem scheint es bei Dilrosun realistischer zu sein, dass er sein Potenzial voll ausschöpfen kann, als bei Lukebakio. Denn an seiner Einstellung scheitert sein Spiel bisher nicht – dafür muss er aber verletzungsfrei bleiben.

Nemanja Radonjic – der launige Wirbelwind

Lange sah es in der vergangenen Saison nicht danach aus, als würden die Hertha-Verantwortlichen Nemanja Radonjic verpflichten. Erst im Schlussabschnitt, allen voran nach der Quarantäne, zeigte er, was in ihm steckt. Doch die Kaufoption in Höhe von zwölf Millionen Euro war den Verantwortlichen zu teuer – spekuliert wird aber, dass Hertha weiterhin an ihm interessiert ist, zu kostengünstigeren Konditionen. Und auch Radonjic bekannte sich nach der Saison zu Hertha und lies verlauten, dass er gerne in Berlin bleiben würde.

Zu Beginn ist er vor allem dadurch aufgefallen, sich zu oft zu verzetteln – ihm fehlte im letzten Drittel die Durchschlagskraft. Dennoch war er in seinen zwölf Einsätzen einer der wenigen aus dem Berliner Kader, der es auch mal mit zwei oder drei Gegenspielern aufnehmen konnte. Dadurch riss er immer wieder Lücken in die gegnerische Abwehr – und konnte am Ende der Saison ein Tor und zwei Vorlage verbuchen. Sein Mut war in den letzten Saisonspielen von großem Wert.

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Doch wie es oft so ist mit den spielstarken Kreativen – mit seiner Einstellung zeigte er sich nicht immer von seiner besten Seite. Oft war man bei ihm an Cunha erinnert. Denn wenn etwas nicht klappte, wirkte Radonjic zunehmen frustriert und gelangweilt. Etwas, dass Dardai nicht leiden kann. Und sich Hertha in der kommenden Saison eigentlich nicht mehr leisten will.

Das Genie, welches er hingegen zeigte, würde eine Verpflichtung – zu einem einstelligen Millionenbetrag – aber rechtfertigen. Inzwischen kennt er die Stadt und das Team, seinen Leistungen wird das sicher helfen. Sicher wären nicht wenige Hertha-Fans enttäuscht, ihn in der kommenden Saison auf den Außen wirbeln zu sehen.

Fazit – Hertha braucht neuer Flügelspieler

Davon ausgehend, dass Hertha in der kommenden Saison mit fünf offensiven Außenspielern starten wird, scheint die Lage für die Verantwortlichen knifflig. Verkauft man Lukebakio oder Dilrosun, müssen direkt fünf neue (Radonijic mitgezählt) gekauft werden – eher unwahrscheinlich. Selbst wenn nur einer von Beiden gehen sollte, müssen dennoch vier neue geholt werden. Insbesondere wenn Lukebakio verkauft wird und der verletzungsanfällige Dilrosun bleibt.

Bleiben jedoch beide und kommt Radonjic, müssten lediglich zwei neue Spieler für die Außenbahnen geholt werden. Dann könnte man für einen auch tiefer in die Tasche greifen. Sollten die Transfers einschlagen und die Spieler frei von Verletzungen bleiben, bietet sich in der Winterpause – oder auch nach der Saison – immer noch die Gelegenheit, etwa Lukebakio abzugeben. Fest steht aber: Hertha hat hier dringenden Bedarf.

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Zwischenbericht: Hertha holt Punkt in Mainz – was passiert gegen Freiburg?

Zwischenbericht: Hertha holt Punkt in Mainz – was passiert gegen Freiburg?

Gegen den 1. FSV Mainz 05 sicherte sich Hertha BSC einen Punkt. Nach über 20 Tagen ohne Spiel wirkte die Mannschaft zunächst nervös, konnte sich im weiteren Spielverlauf aber fangen. Gar der der späte Siegtreffer lag auf den Füßen von Krzysztof Piatek, doch vergab er leichtsinnig. Nun wappnet sich Hertha für das zweite Nachholspiel am Donnerstag, gegen den SC Freiburg. Unser Zwischenbericht.

Gegen Mainz noch etliche Fragezeichen

Etliche Fragezeichen standen vor dem ersten der insgesamt drei Nachholspielen von Hertha BSC gegen den 1. FSV Mainz 05. Wie wird die Mannschaft damit umgehen, seit 23 Tagen kein Spiel mehr bestritten zu haben? Lassen sich die Berliner den Druck anmerken, konnte das Team doch nur dabei zugucken, wie die direkten Konkurrenten punkten? Im sky-Interview vor dem Spiel betonte Hertha-Trainer Pál Dardái, dass es vor allem darum gehen wird, „die erste Halbzeit zu überleben“, um in der Pause dann nachzujustieren und korrigierend einzugreifen.

Letztlich zeigt sich: Er sollte recht behalten. Hertha zeigte sich zunächst nervös, wirkte zuweilen unkonzentriert gegenüber dem starken und druckvollen Pressing der Mainzer. Vor allem in der Anfangsphase schien es, als müssten sich die Berliner zunächst an das schnelle Spieltempo gewöhnen, bevor die Automatismen endlich greifen können. Etwa in der achten Spielminute, als nach einem Einwurf der Mainzer Jean-Paul Boetius völlig ungedeckt und frei vor Hertha Torhüter Alexander Schwolow zum Schuss kommt – für viele blau-weiße Fans der erste Schockmoment des Spiels. Doch traf Boetius den Ball nicht sonderlich gut, er ließ die hochprozentige Chance liegen.

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Nur, um eine Minute später wieder vor Alexander Schwolow aufzutauchen. Sami Khedira hatte den Ball, erneut nach einem Einwurf, in Richtung des eigenen Tores geköpft. Doch auch diese Chance konnte Boetius nicht nutzen – er schoss die Unterkante der Latte an. Glück für Hertha – schon hier hätte die Mannschaft 2:0 zurückliegen können, vielleicht mindestens 1:0 zurückliegen müssen. Man merkte, dass Hertha anschließend bemüht war, eigenen Ballbesitz zu kreieren, den Ball zirkulieren zu lassen und die Automatismen greifen zu lassen. Bis zur 20. Minute – plötzlich tauchte Adam Szalai völlig frei vor Schwolow auf, setzte zum frechen Lupfer an, doch (endlich, möchte man sagen) war das Glück und das Können auf Schwolows Seite. Den Heber konnte er mit seiner rechten Hand stark parieren.

Auf das 0:1 folgt das 1:1 – doch Hertha scheint gewappnet

Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis die Berliner wirklich im Spiel waren. Es war nur klug, dass direkt ausnutzen. Nach einem Freistoß aus dem rechten Halbfeld von Marton Dardái kommt Lucas Tousart zum Kopfball – und netzte sein erstes Saisontor für Hertha ein. Die Erleichterung dürfte auf Berliner Seite riesig gewesen sein. Dem Mindestziel von vier Punkten aus den drei Nachholspielen war man damit auf einem Schlag sehr Nahe gekommen. Und es folgte fast das 2:0 – doch Matheus Cunha vergab frei vor dem Tor kläglich und kullerte Robin Zentner den Ball in die Arme.

Generell fiel Cunha, wie leider so oft, durch wildes lamentieren und gestikulieren auf. Durchaus zeigt das seine Leidenschaft, auch seinen Willen – doch ist es ein Problem, wenn Meckern und Jammern seine hauptsächlichen Spielszenen sind. Von seinem Genie zeigte er gegen Mainz nichts. Dabei wäre ein Tor aus seiner Großchance so wichtig gewesen – stattdessen aber netzte Phillipp Mwene nur vier Minuten nach der Berliner Führung mit einem Sonntagsschuss ein und glich die Partie damit aus. Es ging in die Halbzeitpause.

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Und Pál Dardái korrigierte ordentlich. Nach der Pause sah man der Mannschaft die Quarantäne kaum noch an. Das Team wirkte solider und gefestigter als in der ersten halben Stunde des Spiels. Spielerische Akzente gab es jedoch kaum welche mehr – beide Teams versuchten vorrangig Fehler zu vermeiden, ist für Beide doch jeder Punkt so wichtig. Bis zur 82. Minute: Vladimir Darida wurde von Nemanja Radonjic geschickt und legte für Piatek auf. Doch der sauste mit viel zu viel Geschwindigkeit an, weshalb er den Ball nicht kontrollieren konnte und er quasi angeschossen wurde, weshalb der Ball letztlich aus etwa fünf Metern neben das Tor fliegt. Etliche Herthaner hatten den Jubelschrei vermutlich schon auf den Lippen, wenn nicht gar rausgeschrien.

Doch so blieb es letztlich bei einem für beide Teams verdienten Unentschieden. Insgesamt zeigten die Berliner eine engagierte Leistung – mit 113 Kilometern liefen sie genauso viel wie die Mainzer, mit 84,6 Prozent hatten sie auch die bessere Zweikampfquote. Hertha spielte aggressiv und kämpfte sich durchaus ins Spiel zurück. Doch die alten Probleme sind noch immer da, etwa Chancen zu kreieren. Am Donnerstag trifft die Mannschaft nun auf den SC Freiburg.

Den Spieß umdrehen und die Konkurrenz unter Druck setzen

Für die Freiburger Mannschaft geht es in dieser Saison um nicht mehr viel. Der Klassenerhalt ist mit 41 Punkten gesichert und die internationalen Plätze sind zu weit weg. Für Hertha ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Spieß umzudrehen. Denn mit einem Sieg würden die Berliner Köln, Bielefeld und auch Bremen überholen. Konnten die Spieler die letzten zwei Wochen selbst nur zusehen, wie die Konkurrenz gepunktet hat, haben sie es nun wieder selbst in der Hand.

Doch leicht wird es nicht. Freiburg spielt ein starkes Pressing, läuft den Gegner unermüdlich an und zwingt die Spieler so zu Fehlern. Insbesondere für das Berliner Mittelfeld und die Abwehr wird es ein intensives Spiel werden. Hertha muss erneut eine starke Laufleistung aufweisen und die Zweikämpfe wie gegen Mainz so gut annehmen. Und gegen Freiburg könnte auch der offensive Knoten platzen.

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Der SC Freiburg hat in dieser Saison bereits 50 Tore kassiert – nur vier andere Teams kassierten mehr. Zu erwarten ist, und so hat es Dardái auch schon angekündigt, dass er aufgrund der hohen Belastung fleißig rotieren wird. Etwa scheinen Darida und Pekarik sinnvolle Optionen für das Spiel zu sein. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Hertha das Spiel machen und eine hohe Ballbesitzquote haben wird. Doch werden sich womöglich Lücken in der aufgerückten Fünferabwehrkette der Freiburger ergeben, die Hertha für schnelle und präzise gespielte Konter nutzen kann.

Der Auftritt gegen Mainz macht Mut. Die Befürchtungen, Hertha würde wegen der Quarantäne komplett einbrechen, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Das Team zeigte auf die schwierige Situation eine angemessene Reaktion. Es gilt, im Spiel gegen Freiburg genau dort anzusetzen. Und womöglich befindet man sich nach Donnerstag für mindestens ein paar Tage nicht mehr auf einem Abstiegsplatz.

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1. FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Der Marathon beginnt

1. FSV Mainz 05 – Hertha BSC: Der Marathon beginnt

Seit dem 10. April hat Hertha BSC kein Spiel mehr bestritten, inzwischen befindet sich das Team auf dem 17. Tabellenplatz. Mit drei Spielen Rückstand zur Konkurrenz. Am Montag kehrt die Mannschaft vom „Homeoffice“ und der Quarantäne auf den Rasen zurück und spielt gegen die Mannschaft der Stunde – den 1. FSV Mainz 05. Wie fit und schlagkräftig Hertha aus der Quarantäne kommt, scheint unberechenbar zu sein. Mainz jedoch lieferte in den vergangenen Wochen genügend Spielmaterial für eine Analyse. Worauf muss sich Hertha einstellen, wenn das Team gegen den Bayern-Bezwinger siegen möchte?

Darüber, und was wir von Mainz erwarten können, haben wir mit Oliver Heil gesprochen, er ist Fan-Experte bei Spiegel Sport und zusammen mit Mara Pfeiffer Autor des Buches „1. FSV Mainz 05 Fußballfibel“. Nach der Hinrunde lag sein Herzensverein noch auf dem 17. Tabellenplatz, in der Rückrundentabelle belegt die Mannschaft, mit einem Spiel weniger, nun den fünften Platz. Doch ist die starke Punkteausbeute noch kein Grund zur Entspannung, wie Oliver Heil findet.

Hertha und Mainz: Unterschiedliche Gefühlswelten

Für die Hertha-Fans müssen die vergangenen Wochen qualvoll gewesen sein. Die Konkurrenz spielt, während die eigene Mannschaft wegen der Quarantäne nur zu gucken kann. Das Team hielt sich unter Online-Anleitung und Aufsicht von Athletik-Trainer Henrik Kuchno überwiegend auf dem Laufband und mit Trainingsbändern fit. Zuschauen mussten das Team und die Fans auch, als der 1. FSV Mainz 05 am vergangenen Spieltag die Meisterschaftsfeier des FC Bayerns verschob und mit einem 2:1 Sieg wichtige drei Punkte für den Klassenerhalt sicherte.

Nach dem 28. Spieltag, also vor Beginn der Quarantäne für Hertha BSC, stand Mainz mit 28 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz. Hertha rangierte mit zwei Punkten weniger direkt dort hinter, auf dem 15. Tabellenplatz. Das direkte Duell gegeneinander musste wegen der Quarantäne verschoben werden. Zwei Spiele später und sechs Punkte mehr, hat sich Mainz bis auf den 12. Tabellenplatz hochgekämpft und inzwischen satte 34 Punkte gesammelt. Seit sieben Spieltagen hat Mainz nicht mehr verloren, das verschobene Spiel gegen Hertha ausgenommen.

Der Lasso-schwingende Hype-Train aus Mainz

„Die Überzeugung ist nach dem Sieg gegen Bayern, und vor allem durch die Art wie er herausgespielt wurde, natürlich gewachsen“, sagt er. Damit habe Mainz einige Teams hinter sich gelassen, denen man nicht unbedingt einen Lauf zutraue. Damit wurden wichtige Schritte in Richtung des eigenen Klassenerhalts gemacht. Das Spiel gegen Hertha „ist dadurch aber nicht weniger wichtig. Ich bin null entspannt“, sagt Oliver Heil weiter. Vor allem, weil es unberechenbar scheint, wie Hertha nach der langen Pause in Form sein wird.

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„Hat die Quarantäne die Mannschaft zu einer Schicksalsgemeinschaft geformt oder ist sie in ihre Einzelteile zerfallen?“, fragt sich auch Oliver Heil. Die Beispiele Kiel und Sandhausen würden zeigen, dass Teams tatsächlich auch mit Schwung aus solchen Pausen kommen können. „Aber dann triffst du halt auf Mainz, wo gefühlt gerade jeder Spieler das Lasso schwingend auf dem Hype-Train reitet“, sagt Oliver Heil sichtlich begeistert von seiner Mannschaft. Hätte er vor zwei Wochen noch auf ein ödes Unentschieden getippt, ist er sich nun sicher: „Mainz gewinnt. Für Montag gibt es noch keine Punkte für euch, aber danach bestimmt“, sagt er zwinkernd.

Zumindest der Tonus scheint bei Hertha aber schon einmal zu stimmen. Meckern oder jammern wollte niemand im Team, „Wir nehmen diese Situation an, wir hadern nicht nicht mit der Situation“, sagte etwa Geschäftsführer Carsten Schmidt, kurz nachdem die positiven Tests bekannt wurden. Und er ergänzte: „Die Motivation ist maximal, ich spüre so so einen Spirit: Jetzt erst recht.“

Das Mainzer Spiel ist gefährlich, könnte der Hertha aber liegen

Selten zeichnen sich Mannschaften im Abstiegskampf durch passsicheren Ballbesitz-Fußball aus. So ist es etwa auch beim 1. FSV Mainz 05. Dennoch ist es laut Oliver Heil durchaus unangenehm, gegen die Mannschaft zu spielen. „Du musst wahnsinnig viel laufen, musst ständig versuchen, dich aus Presseng-Situationen zu befreien. Das Spiel der Mainzer lebt also vom Umschaltmoment“, beschreibt er den Fußball seiner Mannschaft. Für Hertha könnte es nach der langen Pause ohne Ball am Fuß gefährlich werden, sich einem ständigen Mainz-Gegenpressing gegenüber zu sehen. Maximale Konzentration, schnelles Denken und Lesen des Spiels, sowie eine hohe Passsicherheit werden entscheidend sein, um sich aus diesen Situationen zu befreien. Für eine Mannschaft ohne Spielrhythmus könnte das durchaus ein Problem werden.

Foto: Poolfoto Patrick Scheiber/Jan Huebner/IMAGO

Doch gelingt das, sind die Mainzer für ihr Pressing erst einmal aufgerückt und Hertha schafft es, die Situationen auszuspielen, kann es nach vorne in die Spitze sehr schnell gehen – stimmt dann noch der Abschluss, kann Hertha durchaus zählbares mit nachhause nehmen. Auch Hertha braucht den Ball nicht ständig am Fuß und glänzt etwa in Umschaltmomenten. Oft mit Jhon Cordoba, der den Ball in der Spitze fest macht und auf die Flügel verlagert. Von dort schlagen entweder die Außenverteidiger ihre Flanken hinein oder etwa ein Cunha geht ins Dribbling und zieht in den Strafraum.

Ein wichtiger Parameter dafür scheint das Passsiel der Mainzer zu sein. Denn das ist laut Oliver Heil „von der Statistik unterirdisch“. Und tatsächlich liegen die Mainzer mit 75,4 Prozent angekommener Pässe in dieser Saison auf dem letzten Tabellenplatz. Hertha hingegen befindet sich mit 82,1 Prozent angekommener Pässe auf dem achten Tabellenplatz. Ob sich Hertha durch kluges und schnelles Passspiel von dem gegnerischen Pressing befreien kann, wird also eine entscheiden Frage in diesem Spiel sein.

Das Abwehr-„Bellwerk“ brechen

Eine weitere Stärke der Mainzer liegt laut Oliver Heil im Abwehrverhalten. „In Mainz sprechen wir schon vom ‚Bellwerk‘, weil Stefan Bell da hinten der Turm in der Schlacht ist, der stabile Anker“, sagt er. Ergänzen würden ihn vor allem auch Moussa Niakhaté und Jeremiah St. Juste, „zwei technisch starke und sehr schnelle Verteidiger, die sich jederzeit ins Angriffsspiel einschalten können“, beschreibt er die verbesserte Defensivarbeit der Mainzer vor allem in der Rückrunde.

Doch bleibt die schwache Passquote der Mainzer – womöglich kann Hertha das mit eigenem Pressing für sich nutzen und das Ruder somit herumdrehen. Doch sind die Berliner nicht für ein starkes Spiel mit Pressing auf den Ball und zulaufen der Anspielstationen bekannt – weshalb es womöglich auf direkte Duelle der Berliner Edeltechniker mit der Mainzer Abwehr hinauslaufen wird.

Foto: Andreas Gora/IMAGO

Einen Vorteil für Mainz sieht Oliver Heil darin, dass sein Team den Abstiegskampf bereits angenommen habe – und auch, dass der Kader dafür ausgelegt sei. „Was Bo Svensson zusammen mit dem neuen Sportdirektor Martin Schmidt super hinbekommen hat, ist, die Mannschaft komplett auf den Abstiegskampf einzuschwören und alle mitzunehmen“, sagt er. Er sei nicht dicht an Hertha und dem Team dran, doch seiner Einschätzung nach, ist das in Berlin noch nicht der Fall. „Zumindest meiner Wahrnehmung nach ist das Dárdai in Berlin nicht so gelungen. Ich weiß nicht, ob die Stärken, die in diesem Kader stecken, die sind, die in der jetzigen Situation weiterhelfen“, sagt er.

Ob er Recht hat oder das Berliner Team vor Kampf und Motivation nur so strotzt, wird sich am Montag zeigen. Vier Punkte aus den drei Nachholspielen sind laut Pál Dárdai das Minimalziel – mehr dürften es aber gerne sein. „Den Druck muss die Mannschaft überleben, das ist eine machbare Aufgabe. Danach müssen wir über den nächsten Druck reden“, sagte der Hertha-Trainer in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Mainz. Damit beginnt für die Berliner am Montag der entscheiden Fußball-Marathon, mit sechs Spielen innerhalb von nur 20 Tagen.

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Vorschau: VfB Stuttgart – Hertha BSC: Sind aller guten Dinge drei?

Vorschau: VfB Stuttgart – Hertha BSC: Sind aller guten Dinge drei?

Zum Auftakt seiner erneuten Amtsführung gab es für Pal Dardai zwei Niederlagen. Weder gegen Eintracht Frankfurt, noch gegen den FC Bayern München konnte gepunktet werden. Nun steht das dritte Spiel in der Saison mit Dardai als Trainer an, gegen den VfB Stuttgart. Doch was können wir von den Schwaben erwarten – und was von Hertha?

Darüber haben wir mit den Stuttgart-Experten Sebastian Rose und Andreas Zweigle von vertikalpass.de gesprochen.

Der VfB Stuttgart spielt so, wie man es von einem Aufsteiger nicht unbedingt erwartet. Ihr Spiel ist von frischem, torhungrigem Offensivfußball durch junge Charaktere geprägt. Zurück in der ersten Bundesliga präsentieren sich die Schwaben, als wären sie nie weggewesen. Zurecht haben sie sich in der aktuellen Saison im Mittelfeld etabliert.

Starker VfB: Davor muss sich Hertha in Acht nehmen

„Viele Spieler haben den nächsten Schritt gemacht“, sagen die Stuttgart-Experten Sebastian Rose und Andreas Zweigle über ihre Mannschaft. Einige sogar den Übernächsten, finden sie. Etwa Mateo Klimowicz oder Tanguy Coulibaly, die in der zweiten Bundesliga kaum eine Rolle gespielt hätten – nun aber beide einen Dauerplatz in der Startelf inne haben.

Eine große Stärke von Stuttgart und „den jungen Wilden“ liege darin, dass die Mannschaft nie aufgeben würde. „Auch bei Rückständen nicht“, sagen die Beiden. Aber wie es oft bei einer jungen Mannschaft ist, so schwankt auch bei den Schwaben die Formkurve häufig. Als Beleg dienen dabei das letzte Spiel, eine 2:5-Niederlage gegen Bayer Leverkusen. Auch gegen Bielefeld unterlag man mit 0:3 deutlich. Wohingegen die Schwaben zu Hause gegen Gladbach einen Punkt holen und Borussia Dortmund auswärts mit 5:1 besiegen konnten.

(Photo by Focke Strangmann – Pool/Getty Images)

Der VfB spielt flexiblen Offensivfußball, mit schnellen Spielern, die immer wieder in die Tiefe stoßen und so Gegenspieler an sich binden. „Das Team such immer die spielerische Lösung und glaubt immer an den Erfolg“, sagen Sebastian Rose und Andreas Zweigle. Vom tiefstehendem Aufsteiger, welcher mit langen Bällen in die Spitze operiert, kann hier nicht die Rede sein.

„Wenn das Team Raum für sein schnelles Umschaltspiel bekommt, dann ist der VfB nur sehr schwer zu verteidigen“, sagen die Beiden. Denn dann geht es mit schnellen Pässen von hinten nach vorne – Konterfußball, der gekonnt ist. Stuttgart funktioniert vor allem als „Underdog“, wenn der Gegner den Ball hat und das Spiel zu lenken gedenkt. Dann aber grätscht das kompakte Mittelfeld der Schwaben am liebsten zu, geht aggressiv in das Pressing und erobert sich den Ball, um ihn schnell und direkt in die Spitzen zu spielen.

Für Hertha ist der VfB Stuttgart ein durchaus ungemütlicher Gegner, liegen den Berlinern doch selbst auch Mannschaften eher, die selbst das Spiel gestalten. Rückt Hertha in diese Rolle, weiß das Team zu oft zu wenig mit dem Ball anzufangen.

Was für ein Spiel werden wir also sehen?

Skeptisch betrachtet wird es ein Spiel bestehend aus dem Mittelfeld beider Teams und einer großen Portion Langeweile. Läuft es klassisch, findet Hertha nicht die Lücken in der Abwehr des Gegners und schiebt den Ball dauerhaft hin und her, von der einen Seite zur Anderen – und zum Torwart, vermutlich Rune Jarstein. Auch Stuttgart wird es dann schwer haben, gegen eine tiefe und dichtstehende Berliner Abwehr. Aber, es kann auch alles anders laufen.

„Als Problemzone hat sich in den letzten Spielen die rechte Defensivseite entpuppt“, sagen die zwei Experten. Weder Pascal Stenzel noch Dinos Mavropanos haben sich hier dauerhaft beweisen können. Und die favorisierte Dreierkette in der Abwehr könnte für die schnelle und technisch starke Offensive der Berliner wie gerufen kommen.

(Photo by STEFANIE LOOS/AFP via Getty Images)

Gespannt sein darf man in jedem Fall auf die Aufstellung von Pal Dardai. Sowohl gegen Frankfurt als auch gegen Bayern wusste er mit einigen Änderungen zu überraschen. Darüber zu spekulieren wie gespielt wird, scheint deshalb sehr (wage)mutig. Also wieder zum VfB:

Mit Nicolas Gonzales fällt der drittbeste Scorer des Teams aus. Sorgen bereitet das Sebastian Rose und Andreas Zweigle aber nicht. „Er fehlte bereits zu Beginn der Saison und die Mannschaft konnte das gut kompensieren“, sagen sie. Etwa durch Sasa Kalajdzic, der ein gänzlich anderer Spielertyp sei und vor allem durch seine hohe Körpergröße von zwei Metern und dem einergehendem Kopfballspiel auffallen würde. Bekanntlich sind die Berliner bei Standards auch durchaus anfällig. Dennoch „sollte er nicht nur auf sein Kopfballspiel reduziert werden“, sagen die beiden weiter. Kalajdzic könne vielseitig einsetzbar sein, etwa im Kombinationsspiel oder auch als „klassischer Wanderspieler“, der die Meter macht und ins Gegenpressing geht. „Acht Tore sprechen für sich“, fassen die Beiden über ihn zusammen.

Und die Beiden haben eine Warnung an die Berliner Mannschaft: „Im Prinzip aber müsst ihr auf alle aufpassen, nur unseren Keeper Kobel könnt ihr ungedeckt lassen“, sagen sie. Na dann.

Ascacibar und Khedira an alter Wirkungsstätte

Angesprochen auf die Hertha, nennen die Beiden Matheus Cunha. „Er scheint euer Unterschiedsspieler zu sein“, sagen sie. Und nach seiner verpassten Chance in den Schlussminuten gegen Bayern und weiteren Spielen, in denen Cunha eben nicht den Unterschied gemacht hat, wird er heiß darauf sein, gegen Stuttgart etwas wieder gut zu machen.

Auch Santiago Ascacibar wird vermutlich wieder spielen. Dardai steht einfach auf Kämpfer und jene, die mit Herzblut und Leidenschaft dabei sind, also auch die nötige Härte mit sich bringen. Gegen Bayern überzeugte der „junge Skjelbred“, wie ihn Dardai taufte, mit starken Tacklings, Grätschen und wusste es gut, die Lücken zu schließen. Wer weiß, was dem Ex-Stuttgarter gegen seinen alten Verein noch so einfällt.

Zu überzeugen wusste vor allem auch Neuzugang Nemanja Radonjic. Gegen Bayern wurde er zwar erst in der 63. Minute eingewechselt, überzeugte in der guten halben Stunde aber mit extrem starken Dribblings auf seiner linken Seite, welche teilweise sogar die Bayern-Defensive schwindelig werden lies. Ihm könnte gegen Stuttgart gar ein Startelfeinsatz winken. Anders als Sami Khedira, dem man die viele Zeit ohne Spiele bei Juventus Turin ansah. Gleichsam spürte man aber auch seine Präsenz auf dem Platz – die Antwort ist ja: Er kann der Leader sein, den Hertha brauchte. 99 Spiele hat er in der Bundesliga schon auf dem Buckel – 98 davon beim VfB Stuttgart. Vielleicht folgt gegen sie mit einer Einwechslung sein 100.

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Schlussendlich prognostizieren die Beiden kein schönes Spiel. Eben weil beide Teams sich gegenseitig neutralisieren könnten und es beiden Teams schwer fällt, das Spiel über den eigenen Ballbesitz heraus gefährlich zu gestalten. „Am Ende wird es aber zwei zu eins für den VfB ausgehen“, glauben sie. Doch das prognostizierte Tor für Hertha, solle dabei ein ganz besonderes sein. „Den Treffer für die Hertha erzielt natürlich Sami Khedira in seinem 100. Bundesligaeinsatz.

[Titelbild: Photo by Maja Hitij/Getty Images]