Ein Hauch von 2012

von Mrz 14, 2022

In Berlin wird es niemals langweilig und bei Hertha BSC dieser Tage sowieso nicht. Ein Kracher folgt auf den nächsten, der Verein scheint keine Chance zu haben, zur Ruhe zu kommen. Und selbständig scheint man dazu auch nicht mehr in der Lage zu sein. Nachdem am Sonntagvormittag Tayfun Korkut entlassen wurde und damit nur folgerichtig auf die letzten Entwicklungen reagiert wurde, schepperte es an der Hans-Braun-Straße direkt ein weiteres Mal. Mit Felix Magath wurde ein sehr prominenter Nachfolger verpflichtet. Ein Kommentar.

Parallelen zur Vergangenheit

Einen Trainer ohne sportliche Not entlassen, einen erfolglosen verpflichtet, fünf Niederlagen in Folge, eine Trainerentlassung, ein prominenter Nachfolger und am Ende steigt man ab. Genau so sah die Reihenfolge in der Saison 2011/2012 in Berlin aus. Und zumindest die ersten fünf Punkte haben sich nun bei Hertha BSC zehn Jahre später wiederholt. Es ist erschreckend und gleichzeitig faszinierend, wie sich gewisse Gesetzmäßigkeiten im Fußball und in der Bundesliga niemals zu ändern scheinen.

Erinnern wir uns an die Situation im Winter 2011/2012. Die Hertha war als Aufsteiger zurück in der Bundesliga und befand sich nach der Hinrunde auf einem akzeptablen 11. Platz. Doch die damals handelnden Personen um Michael Preetz und wohl weiteren Hertha-Funktionären überwarfen sich mit dem Aufstiegstrainer Markus Babbel und eine sportlich nicht zu rechtfertigende Entlassung war perfekt. Michael Skibbe sollte folgen und avancierte zum erfolglosesten Hertha-Trainer aller Zeiten. Nach vier Niederlagen in der Bundesliga und einer weiteren im Pokal durfte er nach wenigen Wochen wieder die Koffer packen. Otto Rehhagel folgte, brachte einen gewissen Glamour in die Hauptstadt und unterhielt insbesondere die Journalist*Innen auf den Pressekonferenzen mit seinem Humor.

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(Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Der sportliche Erfolg war überschaubar, am Ende stieg die Mannschaft nach einem legendären Relegationsdrama gegen Fortuna Düsseldorf ab. Zehn Jahre später lassen sich die Namen Babbel, Skibbe, Rehhagel und Preetz hervorragend durch Dardai, Korkut, Magath und Bobic ersetzen. Natürlich ist die Mannschaft noch nicht abgestiegen und immerhin kann man Korkut noch zusprechen, dass er vor seinen fünf Niederlagen in Folge, auf die seine Entlassung folgte, noch ein paar Punkte sammelte. Im Pokal schied allerdings auch er aus.

Das Hertha-Drama der letzten Wochen und Monate

Die Nachrichten, die sich nahezu im Stundentakt bei der Hertha überschlagen, sorgen für eine gewisse Schnelllebigkeit und lassen kaum zu, sich mit gewissen Themen noch einmal eingehend zu beschäftigen. Tayfun Korkut wird sehr wahrscheinlich keine Gemeinsamkeiten mehr mit Hertha BSC haben in der Zukunft und trotzdem ist er allgegenwertig. Auch wenn er nicht mehr in der Verantwortung steht.

Als ich Ende November 2021 ein Kommentar zum Einstieg von Tayfun Korkut verfasst habe, erwähnte ich, dass die Spieler eine Mannschaft seien und lediglich Orientierung benötigen. Außerdem, dass Tayfun Korkut die Chance hat, aus der Schublade des chronisch erfolglosen Trainers zu steigen. Einige Wochen später muss man konstatieren, dass die Mannschaft, die damals möglicherweise tatsächlich noch ein Team war, mittlerweile keins mehr ist. Und das liegt auch oder vielleicht sogar vor allem an Korkut. Aber nacheinander, es gibt einige Stellen, die Korkut brennend hinterlassen hat.

Personal und Teamhierarchie

Korkut hatte mit seinen Personalentscheidungen im großen Stil Leistungsträger, wie Marco Richter und Suat Serdar und zuletzt sogar den durchaus zu Recht in der Kritik stehenden Torhüter Alexander Schwolow abgesägt, nachhaltig frustriert und verunsichert. Ob Niklas Stark oder Dedryck Boyata Kapitän waren, war eigentlich vollkommen uninteressant, nach außen hin wurde nie einer der beiden von Korkut dahingehend unterstützt oder gar gestärkt.

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(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Spieler, die Leistungen gezeigt haben, wie Maximilian Mittelstädt, mussten wie gegen Gladbach plötzlich um Einsätze bangen. Selbiges bei Ishak Belfodil eine Woche zuvor gegen Frankfurt. Die einzige Konstante war mangels Alternativen Peter Pekarik, der nahezu konkurrenzlos die rechte Seite beackerte, aber mittlerweile Bundesliganiveau stark vermissen lässt. Wer weiß, ob er als einziger Deutscher Meister im Kader unter seinem ehemaligen Förderer und Meistertrainer aus Wolfsburger Tagen einen zweiten (oder eher zehnten) Frühling feiern kann.

Die Taktik

Korkut begann die ersten Spiele mit dem wohl einfachsten System, einem 4-4-2, respektive 4-2-2-2. Bis Weihnachten lohnte sich dieses System, bis auf einer deutlichen 0:4-Klatsche in Mainz sogar. Das fehlende Offensivspiel wurde endlich angekurbelt und die Qualitäten, die ja durchaus in der Mannschaft schlummern, konnten entfacht werden. In dieser Zeit spielte Hertha den attraktivsten und erfolgreichsten Fußball, mit dem krönenden Höhepunkt am 17. Spieltag gegen Dortmund.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Doch die Taktik und das System sind sicherlich ein netter Einstieg, aber keine Variante zur taktischen Weiterentwicklung. In keinem der Spiele 2022 war die Hertha in der Lage über mehr als eine Halbzeit zu überzeugen. Und das vor allem weil Korkut mit persönlichen Machtkämpfen gegen die Mannschaft beschäftigt war und taktisch zu limitiert, um der Mannschaft eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Im Endeffekt stehen 2022 neun Spiele in der Bundesliga zu Buche, in denen ganze zwei Punkte gesammelt werden konnten. Das Aus im Pokal kommt erschwerend hinzu.  

Auch die Außendarstellung hat Hertha geschadet

Ich möchte hier in keiner Weise etwas gegen die Privatperson Tayfun Korkut sagen. Der Mann könnte durchaus ein sehr sympathischer Kerl und witziger Zeitgenosse sein. Seine Außendarstellung seit seinem Amtsantritt in Berlin sorgte allerdings nie auch nur im Geringsten für Aufbruchsstimmung. Er wirkte meistens fahrig, überfordert und so, als wäre er gerne überall, nur nicht in Berlin.

Sicherlich wird das auch auf die Spieler abgestrahlt haben, die nur die Tage zählten, bis es vorbei war. Trauriger Höhepunkt war seine ins Fernsehen übertragende Trainingsrede aus einem wirren Mix aus Englisch und Deutsch. Wie fruchtbar diese Ansage war, sah man am kläglichen Auftritt in Mönchengladbach.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende

Ob die Entlassung von Tayfun Korkut zu spät kam, wird sich nach dem 34. Spieltag und möglicherweise sogar erst nach der Relegation zeigen. Die Hypothek durch Korkut ist gewaltig und die einzige Hoffnung ist, dass der Schaden, der hinterlassen wurde, reparabel ist. Die Mannschaft ist hochgradig verunsichert, vermutlich hapert es stark an Disziplin und es herrscht aufgrund vieler Vertragsungereimtheiten eine schwache Moral und kaum eine Hierarchie.

Felix Magath muss vermutlich auch psychisch viel Arbeit leisten. Warum und weshalb die Wahl auf Magath fiel werden auch wir in weiteren Texten ergründen müssen. Doch die aktuelle Situation zeigt auch, dass ein Klassenerhalt wohl kaum die Probleme rund um den Verein lösen wird. Das Gewitter um den Verein wütet seit über zweieinhalb Jahren und wird auf die unseriösesten und respektlosesten Arten nur noch mehr gepushed. Ein Abstieg wäre trotz allem katastrophal.

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(Photo by Martin Willetts/Getty Images)

Tayfun Korkut war insgesamt nur ein Symptom, nicht der Grund für die Talfahrt. Die Lage ist schlecht, sehr schlecht, aber noch ist sie nicht hoffnungslos.

[Titelbild: CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images]

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ÜBER DEN AUTOR

Johannes Boldt

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