Vorschau: Ein Hauch Optimismus gegen bissige Wölfe

Vorschau: Ein Hauch Optimismus gegen bissige Wölfe

Vierte Niederlage in Folge, dazu eine gelb-rot-Sperre von Zeefuik und das Gefühl, dass eigentlich mehr drin gewesen wäre. Der Auftritt in Leipzig war in Bezug auf den Ertrag wahrlich einer zum Vergessen. Spielerisch hingegen wusste Hertha durchaus zu überzeugen und mit ein bisschen mehr Konzentration und weniger Missgeschick im eigenen Strafraum wäre für die „Alte Dame“ ein Punktgewinn durchaus im Bereich des Machbaren gewesen. So stehen am Ende zwar nur drei Punkte nach fünf Spielen, aber immerhin auch die Erkenntnis, dass die Mannschaft zweifelsohne die Qualität hat, an guten Tagen sogar mit den Großen mitzuhalten. Diesen Schwung gilt es nun, gegen Wolfsburg mitzunehmen.

Um den bestmöglichen Einblick in die Lage beim VfL zu bekommen, haben wir mit Wolfsburg-Expertin Becci gesprochen und sie unter anderem gefragt,  woher die neu gewonnene defensive Stabilität der „Wölfe“ kommt.

Ungeschlagen und doch unzufrieden?

Am Sonntag gab es für Wolfsburg gegen Bielefeld den ersten Saisonsieg. (Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Zusammen mit Leipzig und Leverkusen ist der VfL nach fünf Spieltagen das einzige ungeschlagene Team der Liga. Zudem stellt das Team von Oliver Glasner mit drei Gegentoren die zweitbeste Defensive.

So viel zur einen Seite der Medaille. Auf der Kehrseite stehen hingegen Platz 10 und überschaubare vier selbst erzielte Tore. Becci konstatiert die Situation wie folgt: „Es fehlen einfach die Tore. Wenn man sich auf das Spiel gegen den Ball konzentrieren will, dann muss wenigstens die Chancenverwertung stimmen, und die stimmt hinten und vorne nicht. Vor diesem Hintergrund sehe ich wenig Gründe, mich über ein uninspiriertes 0-0 zu freuen. […] Es ist wie so oft beim VfL: Was auf den ersten Blick eigentlich ganz ok aussieht, hinterlässt auf den zweiten einen faden Beigeschmack.

Ich hoffe wirklich sehr, dass das Spiel gegen die Arminia auch in der Art, wie es lief, ein Weckruf war, der die Mannschaft auch spielerisch auf den richtigen Weg zurückgeholt hat. Gefühlt sind wir jetzt so richtig in der Bundesligasaison angekommen und es sollte bergauf gehen. Bis zum Spiel gegen die Bayern im Dezember warten sechs absolut schlagbare Gegner auf uns. In den nächsten Wochen wird sich also zeigen, wie viel der Funken von Zufriedenheit und Optimismus, den die letzten Wochen in mir entzündet haben, wert ist.“

Was nicht gerade förderlich für die Zufriedenheit und den Optimismus ist, ist das Abschneiden des VfL in der diesjährigen Europa League-Saison, in der man in den Playoffs gegen AEK Athen ausschied. Doch wie so viele Aspekte bei den Wolfsburgern lassen sich auch hier zwei Sichtweisen erkennen: Zum einen natürlich die Enttäuschung ob der blamablen Vorstellung, zum anderen aber auch die Erkenntnis, „dass wir uns aufgrund des Pandemiegeschehens ja ohnehin schon in einer unglaublich eng getakteten Saison befinden [und deswegen] auch eine gewisse Erleichterung über den Wegfall der Doppelbelastung wahrnehmen. Dadurch, dass in der Liga ja lange der erste Sieg fehlte, bestand schon früh die Sorge, wieder in die abstiegsbedrohten Gefilde der Saisons 16/17 und 17/18 zu geraten – und das will wirklich niemand, zu schwer wiegen die Erfahrungen und aus zwei Mal Relegation. Wenn man das Ausscheiden also von der positiven Seite aus betrachten will, dann lässt sich festhalten, dass es gerade in diesem Jahr vielleicht wichtigeres gibt als die Europa League.“

Die Abkehr vom Ballbesitzfußball

Wolfsburg-Coach Oliver Glasner verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz als Vorgänger Labbadia. (Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

Wenn Hertha am Sonntagabend auf Wolfsburg trifft, ist das für Bruno Labbadia eine Reise in die Vergangenheit. Bis zum Sommer 2019 leitete der jetzige Hertha-Trainer die Übungseinheiten in der Autostadt und ließ viele seiner Kritiker verstummen. War er nach seiner Zeit beim HSV vor allem als „Retter“ abgestempelt worden, zeigte er in Wolfsburg eindrucksvoll, dass er sehr wohl in der Lage ist, ein Team spielerisch weiterzuentwickeln. Als eines von wenigen Teams wollte der VfL den Ball haben und wusste damit etwas anzufangen.

Schaut man sich die Spiele der Wolfsburger heute an, wirken diese Eindrücke, als seien sie aus einer anderen Zeit. Der Ansatz von Oliver Glasner ist ein gänzlich anderer. Der Fokus liegt auf schnellen Kontern und defensiver Stabilität. Die Zahlen belegen das Ganze eindrucksvoll. Selbst im Heimspiel gegen Aufsteiger Bielefeld kamen die „Wölfe“ nur auf 49 Prozent Ballbesitz.

Das Spiel mit dem Ball ist eindeutig nicht das Kerngeschäft der Mannschaft. Daher spielt es eine große Rolle, dass die Arbeit gegen den Ball funktioniert – und das tut sie, wie Becci sagt: „Umso froher bin ich, dass die Defensive sich so stabil gezeigt hat in den letzten Wochen. Spieler wie John Anthony Brooks – vergangene Saison aufgrund seiner Leistungen noch oft das Ziel von Häme und Ärger – zeigen plötzlich gute Leistungen, und unser Kapitän Josuha Guilavogui hält die Mannschaft im Spiel gegen den Ball zusammen. All das passt zum defensiven, auf Konter ausgerichteten Fußball von Oliver Glasner, und sorgt dafür, dass Gegentore aktuell wirklich nicht unser Problem darstellen.“

Offensiv dagegen drückt der Schuh, trotz eines Stürmers wie Wout Weghorst, den wohl die Mehrheit aller Bundesligisten gern im Kader hätte: „Das höchste aller Gefühle sind offensive Anstrengungen zu Spielbeginn bis ein erstes Tor fällt. Spätestens dann verfällt die Mannschaft wieder in eine reine Verteidigungshaltung, die alles andere als souverän wirkt. Aus der Kombination von allgemein wenig Zug nach vorne und der miserablen Chancenverwertung der letzten Wochen speist sich dann eben eine Zahl wie vier Tore aus fünf Spielen.“, sagt Becci.

Herthas Hoffen auf Guendouzi

Auch in Herthas Spiel läuft in dieser frühen Phase der Saison längst noch nicht alles rund. Eine Baustelle soll nun Neuzugang Matteo Guendouzi beheben. Auf seinem – aufgrund von Corona verspätetem – erhoffen sich viele einen Schub für die gesamte Mannschaft. Davon abgesehen kann Labbadia mit Ausnahme des Gesperrten Zeefuik sowie der Langzeitverletzten Torunarigha und Ascacibar aus dem Vollen schöpfen, um den zweiten Saisonsieg ins Visier zu nehmen.  

*Titelbild: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Warum Labbadia der Richtige für Hertha ist

Warum Labbadia der Richtige für Hertha ist

Trainer Nummer vier in der aktuell noch ruhenden Saison: Bruno Labbadia ist neuer Hertha-Chefcoach. Am Montag ist der 54-Jährige bei der Pressekonferenz in Berlin offiziell vorgestellt worden. Für zunächst zwei Jahre soll er die Profi-Mannschaft von Hertha BSC leiten. Eine große Überraschung ist die Nachricht nicht völlig: der Name „Labbadia“ geisterte bereits bei der Entlassung von Ante Covic im vergangenen Winter, und sogar als die Amtszeit von Pal Dardai zu Ende war, durch die Medien. Traineralternativen, die Arbeit des Managers oder den Zeitpunkt der Verpflichtung soll zunächst kein großes Thema sein: an diesem Ostersonntag wollen wir uns darauf konzentrieren, was für ein Trainer Bruno Labbadia überhaupt ist. Was er bisher geleistet, in seinen letzten Clubs für Spuren hinterlassen hat und wie seine Ausgangslage bei der „alten Dame“ aussehen wird.

Zur Seite standen uns dazu Sven als HSV- und Dennis als VfL Wolfsburg-Experte. Sven (auf Twitter @SvenGZ) ist HSV-Blogger und -Podcaster beim „HSV-Talk”, wo er auch über Bruno Labbadia in einer kurzen Podcastfolge sprach. Dennis (auf Twitter @WobTikal) half uns bereits im letzten Vorbericht gegen den VfL, die Wolfsburger besser einzuschätzen.

Vorgezogene Sommerpause als Wechsel-Gelegenheit

Labbadia kommt also zu Hertha BSC, zusammen mit seinem Staff bestehend aus Eddy Sözer, Günter Kern und Olaf Janßen. Und das nicht erst im Sommer, sondern bereits in der Corona-bedingten Ruhephase der Saison, die Michael Preetz als „vorgezogene Sommerpause“ bezeichnet. Der neue Coach soll also auch in der kommenden Saison Hertha trainieren. Dass Interimstrainer Alexander Nouri nur noch die „Lame Duck“ war, war kein Geheimnis. Von der Klubführung wurde bereits deutlich gemacht, dass im Sommer ein anderer Fußballlehrer die Mannschaft leiten würde.

Zum Teil lassen sich auch aus Spielerinterviews Zeichen herauslesen, dass der Nouri nicht mehr zu hundert Prozent bei der Sache war. Beispielsweise behauptete Maximilian Mittelstädt, sein Trainer hätte ihn während dessen Quarantäne nicht einmal kontaktiert. Jetzt herrscht wieder Klarheit und die Trennung mit Jürgen Klinsmanns Team ist endgültig vollzogen – bis auf Arne Friedrich ist kein Mitarbeiter mehr bei Hertha beschäftigt, der zusammen mit Klinsmann kam. Torwarttrainer Zsolt Petry, die Athletiktrainer Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben dem Hertha-Stab erhalten. Labbadia bei seiner ersten Pressekonferenz bei Hertha: “Hertha war mein Wunschverein im Sommer, jetzt auch. Ich sehe in der Mannschaft und im Verein Potenzial. In meiner Situation ist mir wichtig, mit welchen Menschen ich arbeite. Ich muss nicht mehr alles machen. Die Gespräche mit Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer haben mir richtig gut gefallen. Auch die Menschen, die ich bisher hier getroffen habe.”

Noch lange bevor die Zusammenarbeit offiziell wurde – kurz nach dem Abgang von Jürgen Klinsmann – wurde der Manager auf der danach stattfinden Pressekonferenz befragt, ob nun einer der in der Bundesliga üblichen Verdächtigen nun übernehmen würde, wie beispielsweise ein Labbadia. Preetz’ etwas genervte Antwort lautete damals: „Entschuldigung, aber wir sprechen über einen Kollegen, der in den letzten Jahren in der Bundesliga sehr, sehr gute Arbeit geleistet hat.“ Ein Schelm, wer hier eine Verbindung erkennen will. Die Aussage vom Hertha-Manager wollen wir aber überprüfen: Wie ist Labbadias Arbeit in den letzten Jahren zu bewerten? Hier wechseln wir unsere Hamburger und Wolfsburger Experten ein.

Eine Dino-Rettung in zwei Akten

Beim HSV hatte Bruno Labbadia sogar zwei Amtszeiten. Sven fasst diese für uns zusammen: „In der ersten Amtszeit (2009/10) spielte der HSV zu Anfang einen wunderbaren, vielleicht sogar seinen besten Fußball der 2000er Jahre. Top motiviert und auch taktisch gut aufgestellt. Im Frühjahr 2010 verlor die Mannschaft jedoch das Vertrauen in Bruno, der mit Rückschlägen schlecht umgehen konnte und so wurde er entlassen, obwohl man im Halbfinale der Europa League, deren Finalort in diesem Jahr Hamburg war, stand. Ehrlich gesagt blutet mir bei dem Gedanken daran immer noch das Herz.“

Einige Jahre später kehrte der gebürtige Darmstädter nach Hamburg zurück: dieses Mal in einer ganz anderen Rolle. Er habe seine Geschichte beim HSV als „unvollendet“ gesehen und versuchte sich dieses Mal als Feuerwehrmann. „In der zweiten Amtszeit (April 2015 bis September 2016) schaffte Labbadia ein kleines Wunder. Sechs Spieltage vor dem Saisonende war der HSV quasi abgestiegen, die Mannschaft tot und die Lage hoffnungslos. Bruno hauchte dem Team den Glauben an sich selbst ein und man schaffte noch die Relegation gegen Karlsruhe und schlussendlich den Klassenerhalt.“

Und trotz dieses Erfolgs genoss Labbadia kein allzu großes Vertrauen beim ehemaligen Bundesliga-Dino. „Eine Mannschaft zu stabilisieren, spielerisch und taktisch zu formen war nicht sein Ding und auch wenn die Saison 2015/16 auf Platz 10 (41 Punkte) abgeschlossen wurde, mehrten sich die Zweifel an seinem Wirken und so wurde er nach einem Fehlstart in die Saison 2016/17 (1 Punkt aus 5 Spielen) beurlaubt“, erinnert sich Sven.

Stärken und Schwächen in Hamburg

Dennoch hat Labbadia damals seine Stärken aufzeigen können, zu denen Sven folgende zählt: „Motivation und Zusammenhalt erzeugen! 2015 hat er binnen kürzester Zeit aus den Spielern eine Einheit geformt, hat ihnen positives Denken eingeimpft und so den Klassenerhalt ermöglicht. Übrigens sehen das die Spieler auch so (…). Die Veränderung war also weniger taktischer, denn moralischer Natur.“

Die damaligen Defizite des Ex-Trainers hingegen schätzt Sven folgendermaßen ein: „Vielleicht kann man herauslesen, wie sehr mir diese Rettung 2015 in Erinnerung geblieben ist, allerdings kann sie auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Labbadia es nicht geschafft hat, das Team nachhaltig zu stabilisieren, oder gar weiterzuentwickeln.“ Allerdings ordnet Sven seine Aussage auch im chaotischen HSV-Kontext ein und führt aus: „Wie weit dies zu dieser Zeit in Hamburg überhaupt möglich war, ist allerdings mehr als fraglich, da sich am HSV seit Jahr und Tag die Trainer die Zähne ausbeißen.“

Die Eindrücke unseres HSV-Experten bestätigen zunächst das, was allgemein über Labbadia gesagt wird. Er sei ein Arbeiter, Motivator und Feuerwehrmann, der seine Stärken vor allem im Aufbau einer soliden Mannschaft hat, seine Grenzen jedoch in der spielerischen Weiterentwicklung seiner Mannschaft findet. Ob sich das auch in Wolfsburg bewahrheitet hat, besprechen wir mit unserem VfL-Experten Dennis. Auch er beschreibt die Zeit beim VfL unter Bruno Labbadia:

„Wir steigen ab, wir kommen nie wieder…“

„Bruno kam zu uns, nachdem Martin Schmidt für Außenstehende sehr überraschend nach einem knappen 1:2 gegen die Bayern zurückgetreten ist”, erinnert sich Dennis an den Februar 2018, “Er hatte früh in der Saison von Andries Joncker übernommen, man war vorsichtig optimistisch, umso erschreckender war der Rücktritt. Und dann holt man Bruno Labbadia. Es wirkte wie eine reine Verzweiflungstat, roch nach purer Panik.“

„Die Abstiegsränge kamen immer näher und die Stimmung wurde nicht besser, dauerte es doch sechs Spiele, bis der erste Sieg eingefahren werden konnte. Das größte Problem bekam er auch erstmal nicht in den Griff: Die Lethargie, die diese Mannschaft ausstrahlte, war erschreckend. So kam es auch zum Bruch mit den Fans (“wir steigen ab und kommen nie wieder, denn wir ham Bruno Labbadia”). Es folgten noch einige Niederlagen, teilweise schlimme Spiele, bis dann am letzten Spieltag gegen die mausetoten Kölner der “rettende” Sieg geholt wurde. Relegation. Schon wieder.”

“Die wurde dann, den Umständen entsprechend, ganz okay überstanden und es ging in die neue Saison. Einen völlig unausgereiften Kader reorganisieren, neu motivieren, vorantreiben”, beschreibt Dennis die damalige Aufgabe Labbadias. Wie also verlief die Wandlung von der knappen Rettung in der Relegation zu einer offensivstarken Mannschaft mit europäischen Ambitionen?

Von der Relegation zur Europa League

Auch das erklärt uns Dennis: „Das erste war: Fitness. Gemeinsam mit Eddy Sözer wurde die Mannschaft getrimmt, eine Sache, die ihr ganz schön abging. Der Kader wurde analysiert, einige Spieler aussortiert oder, wie im Falle von Divock Origi, gehen gelassen und so wurde viel am Zusammenhalt geschraubt. Das hat toll funktioniert. Die Mannschaft funktionierte ganz anders, fightete, war erfolgreich.“ Einmal mehr hatte es Labbadia also geschafft, eine Mannschaft zu einer Einheit zu formen, welche die wichtigsten Tugenden des Fußballs lebte.

„Die Spielweise selbst war gar nicht so anders, als sie es unter Schmidt war. Aber mit Weghorst war ein anderer Stürmer involviert, der durch seine Laufstärke und Nervigkeit zum Spiel passte. Das war erfolgreich, man kam in einen positiven Lauf und plötzlich klappte fast alles. Auch unter Labbadia gab es schlechte Spiele, aber in Summe hat er eine Mannschaft genommen, die am Boden lag und hat sie aufgebaut, Motiviert, zusammengeschweisst und die Spielweise optimiert, ohne sie umzuwerfen. Das hat ein bisschen gedauert, aber es hat geklappt. Es war längst nicht alles Gold, was glänzt – das wird in Anbetracht des 8:1 an seinem letzten Spieltag gerne übersehen. Aber es war positiv.“

Am Saisonende lief der Vertrag von Labbadia aus und wurde nicht verlängert. Auch da hatte es verschiedene Gründe, ein wichtiger Grund war jedoch der längere Konflikt mit dem Geschäftsführer Sport Jörg Schmadtke. Doch was blieb nach seinem Abgang noch übrig?

„Ich finde, der Zusammenhalt im Team ist deutlich gewachsen. Das Gefühl, ein mündiges Team zu haben, das hält heute noch an. Als Glasners Taktik einfach nicht mehr richtig funktionieren wollte, stand die Mannschaft auf und diskutierte mit dem Trainer – der Schritt zurück zum erfolgreichen 4-3-3 aus der Vorsaison funktionierte prima. Ich glaube nicht, dass es das vorher so gegeben hätte. Er nahm einen Kader, der offensichtlich nicht funktionierte, zu viele Eigenbrödler (Origi, Didavi…) besaß und formte gemeinsam mit Schmadtke daraus ein Team. Er erreichte die Mannschaft immer und hatte oft gute Lösungen für den Gegner.“

Über 4-3-3 und Offensivfußball

Unsere Experten haben also unterschiedliche Situationen mit demselben Trainer erlebt. Die knappe Rettung beider Klubs als einzigen Erfolg zu sehen, würde allerdings zu greifen. Auch Labbadia zeigte mehr Qualitäten, als nur die eines „Feuerwehrmannes“. Doch was für ein Fußball wird er in Berlin wohl spielen lassen?

Wie bereits von Dennis angesprochen, lässt Labbadia am liebsten im 4-3-3 spielen. Dieses System versuchte er mit überdurchschnittlich viel Ballbesitz und einer offensiven Grundausrichtung zu leiten. Gerade beim VfL Wolfsburg funktionierte es phasenweise sehr gut und es ist davon auszugehen, dass er eine ähnliche Spielweise auch bei der „alten Dame“ einbringen wird. Da Hertha eigentlich schon seit den Zeiten unter Jos Luhukay bereits an ein 4-3-3/4-2-3-1 gewöhnt ist, sollte die Ausrichtung Labbadias gut nach Berlin passen.

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An dieser Stelle empfehlen wir die Folge des “Immerhertha”-Podcast zu Bruno Labbadia. Dort sprechen die Journalisten unter anderem auch über die Qualitäten von Bruno Labbadia als “Offensivtrainer”.

„Mein Team und ich freuen uns total auf diese Aufgabe“, sagte Labbadia, nachdem seine Verpflichtung offiziell wurde, und ergänzte: „Es liegt viel Arbeit vor uns“. Arbeit ist ein gutes Stichwort, denn gerade als Arbeiter ist der gebürtige Darmstädter bekannt. Auch die Spieler bei Hertha BSC sollten gewarnt sein. Gerade auf fleißige, hart arbeitenden Mentalitätsspieler legt der 54-Jährige viel Wert.

Für Statistiken- und Zahlen-Liebhaber lohnt sich natürlich ein Blick auf die historische Punkteausbeute des neuen Hertha-Coaches. In seinen zwei kompletten Spielzeiten in der Bundesliga holte er 2015/2016 mit dem HSV im Durchschnitt 1,21 Punkte pro Spiel, 2018/2019 mit dem VfL dafür 1,62 Punkte pro Spiel.

Im Vergleich dazu bietet sich in den letzten Jahren die Bilanz von Pal Dardai an: 2015/2016 holte er 1,47 Punkte pro Spiel, 2016/2017 noch 1,44. 2017/18 und 2018/2019 waren es nur noch 1,26. Die letzten drei Hertha-Trainer diese Saison holten nicht mehr als 1,25 Punkte pro Spiel (Alexander Nouri in vier Partien).

Mit Labbadia eine Wiederauferstehung für Hertha?

Gerade die Kritik, Hertha könne die notwendigen Schritte für seine Ambitionen nicht einfach mit Millionen-Beträgen von Lars Windhorst und großen Sprüchen überspringen, war zuletzt oft zu lesen und zu hören. Eine kaputte, verunsicherte und womöglich auch schlecht zusammengestellte Mannschaft wieder aufzubauen ist der Schritt, den Hertha BSC jetzt braucht. Gerade ein solcher Schritt dauert bekanntlich länger als eine Saison. Die zwei Jahre Vertrag, die Bruno Labbadia zunächst als Cheftrainer bei Hertha BSC bekommt, könnten allerdings genau dieser „kleinere“, wichtige Schritt sein, die der Haupstadtklub beschreiten muss, um nach höheren Sphären zu greifen.

Der gebürtige Darmstädter scheint für so etwas genau der Richtige zu sein. Gerade in Wolfsburg hat er bewiesen, dass genau das seine Stärke ist. Auch seine Vorliebe für Offensivspiel könnte die Sehnsucht der „alten Dame“ nach attraktiverem Fußball befriedigen. Die große Frage bleibt: wird man ihm in Berlin die Zeit lassen? Gerade die Wunschvorstellung von Investor Lars Windhorst, mit Hertha bereits in den nächsten Jahren europäisch vertreten zu sein, könnte problematisch werden. Fehlende Geduld der Vereinsführung hatte bereits in Hamburg und Wolfsburg zu Spannungen mit dem Trainer geführt, und auch in Berlin wäre ordentlich Konfliktpotenzial vorhanden.

Doch zunächst kann an der Spree ein Stück weit Vertrauen zurückkehren: der neue Cheftrainer von Hertha BSC bringt alles mit, um die Mannschaft aufzurichten, sie als Team zu besserem Fußball zu führen und vor dem Abstieg zu bewahren. Quasi eine Wiederauferstehung des Berliner Klubs also. Sollte ihm das gelingen, wäre das bereits ein großer Erfolg. Mit Labbadia ist der Realismus nach Berlin zurückgekehrt, ein Schritt nach dem anderen gehen zu müssen und nicht bereits vom fünften zu reden, während man beim dritten noch droht zu stolpern.

Labbadia will’s wissen

Und während Hertha gewillt ist, aus seinen Fehlern der Vergangenheit zu lernen, scheint Labbadia das bereits getan zu haben. Der 54-Jährige soll bei seinen ersten Stationen menschlich noch als recht schwierig gegolten haben, hinzu kamen seine taktischen Defizite. Labbadia ist allerdingsein immer größerer Teamplayer geworden (immerhin haben Schmadtke und er die Saison trotz ihrer Differenzen noch gemeinsam zu Ende gebracht) und hat auch fußballerisch dazugelernt. In den Zeiten, in denen er ohne Traineramt war, hat er sich bei anderen Vereinen weitergebildet und so ließ er bei Wolfsburg schon einen deutlich besseren Fußball spielen als noch bei seinen vorherigen Stationen. Bei Hertha will Labbadia nun endgültig den Imagwechsel vollziehen – weg vom Feuerwehrmann, hin zum Entwickler.

Wenn man es so formulieren will, vereint Labbadia das beste aus den letzten Hertha-Trainern in sich: er bringt die Akribie und lange Bundesliga-Erfahrung eines Pal Dardai mit sich, zusätzlich den fußballerischen Anspruch eines Ante Covic und schlussendlich die Gelassenheit eines Jürgen Klinsmann, der bereits alles im Fußball gesehen hat und daher eine gewisse Gelassenheit ausstrahlt. Labbadia ist zwar “schon” 54 Jahre alt, was bei den Nagelsmännern und Kohfeldts dieser Liga bereits rüstig daherkommen könnte, aber der Mann hat noch nicht fertig – im Gegenteil, Labbadia will es allen beweisen, dass er mehr kann, als nur zu retten. “Unser Spiel bedarf vieler Sprints und Tempoläufe. Wir werden in allen Bereichen arbeiten: Athletik, Organisation, Taktik. Das findet nicht nur auf dem Platz statt. Das wird sehr intensiv. Einige sagen, es ist zu intensiv. Aber das ist unser Spiel. Für mich ist es ein geiles Spiel. Ich habe Bock auf Fußball. Ich lasse mir die Freude am Fußball nicht mehr nehmen. Ich will das leben”, gab sich Labbadia bei seiner Antritts-PK hoch motiviert.

Dieses Feuer kann Hertha sehr gut nutzen, auch weil der neue Trainer durch seine Ambitionen sicherlich nicht als Ja-Sager auftreten und somit Michael Preetz Paroli bieten wird. Schaffen es Geschäftsführer und Trainer, diese potenziellen Reibungen konstruktiv zu nutzen, kann etwas entstehen. Hier sind beide Seiten gefordert. “Ich habe Michael Preetz sofort zu dieser sehr guten Lösung gratuliert”, berichtete Frankfurts Sportvorstand und Ex-Hertha-Profi Fredi Bobic der BamS, “Bruno ist menschlich eine Eins mit Sternchen, ein total gerader Typ, extrem motiviert. Er gehört sicher zu den Top-3-Lösungen, die der Markt gerade zu bieten hat.” Auch Bobic kann bezeugen, dass Labbadia an sich gearbeitet hat: “Er will immer den totalen Erfolg, das treibt ihn an. Er ist sehr erfahren, aber nicht mehr ganz so verbissen wie früher.“ Von einem abgehalftertem Verwalter kann bei Herthas neuem Übungsleiter also keinesfalls die Rede sein.

„Bittersüße“ Abschiedsgrüße

Gerade bei Fußballtrainern zählt auch die Art und Weise des Abschieds eine Rolle. Genauso wichtig, wie die reinen sportlichen Zahlen, ist der Eindruck, den Trainer in alter Wirkungsstätte hinterlassen. Deshalb haben wir unsere Experten gefragt, was sie Ihrem Ex-Trainer heute noch sagen würden.

Sven würde folgendes loswerden: „Ich würde Bruno darauf hinweisen, dass er es bei seinem ersten Versuch nicht geschafft hat mit einer guten Mannschaft (Vereins-) Geschichte zu schreiben, ihm dies fünf Jahre später jedoch gelungen ist. Dafür würde ich ihm danken und ihm das Versprechen abnehmen, es nicht noch einmal zu versuchen!“

Auch die Abschiedsbotschaft von Dennis an Labbadia ist eher in der Kategorie „Bittersüß“ einzuordnen: „”Danke.” Und auch – da werden einige VfL-Fans aber lautstark einer anderen Meinung sein: “Ist besser so gewesen, für alle”. Denn wenn Bruno Labbadia in seiner Karriere was gezeigt hat, dann, dass er Mannschaften retten kann, zusammenraufen, das Beste herausholen. Woran er häufig scheiterte, war der nächste Schritt, weg vom Optimieren, hin zum Entwickeln. Und ich hatte gegen Ende seiner Zeit hier und da schon das Gefühl, dass es knirschte, die Zusammenarbeit mit Schmadtke war offenkundig kein großes Vergnügen für ihn, deswegen: Vielen Dank Bruno. Alles Gute.”

Bei beiden Experten ist trotz der Trennung auffällig, dass eine gewisse Dankbarkeit bleibt, was nicht selbstverständlich und eher ein gutes Zeichen ist. Die meisten Hertha-Fans würden beispielsweise bei Jürgen Klinsmann gar keine Worte mehr brauchen. Eine simple Handgeste wäre sicher ausreichend.

Die Messlatte wurde also durch Klinsmann so dermaßen tief gesetzt, dass dem neuen Hertha-Trainer etwas Druck abgenommen wird. Als neuer Trainer wird Labbadia zum Start trotz vieler Vorurteile ein gewisses Grundvertrauen von Fans und Umfeld erhalten – vielleicht auch, weil dieser Artikel aufzeigt hat, dass die Ressentiments einiger Anhänger gegenüber Labbadia unbegründet sind. Zumindest so lange, wie er nicht plötzlich anfängt Facebook-Live Sitzungen zu organisieren und sich mit „Hahohe, euer Bruno“ zu verabschieden.

Herthaner im Fokus: VfL Wolfsburg – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: VfL Wolfsburg – Hertha BSC

Nein, es war kein schönes Spiel, welches sich am Samstagnachmittag in Wolfsburg zugetragen hatte. Doch hält man es mit der “alten Dame” aus Berlin, wird einem das “wie” aufgrund des Endergebnisses einigermaßen egal gewesen sein. Mit 2:1 haben die Blau-Weißen die Begegnung mit dem VfL Wolfsburg in nahezu letzter Minute für sich entschieden, sodass man nach den Niederlagen der Konkurrenz mit immerhin fünf Punkten auf den Relegationsrang etwas aufatmen kann. Es folgen Herthaner, die wir in den siegreichen 90 Minuten besonders beobachtet haben.

Maxi Mittelstädt – Chance genutzt?

Das Trainerteam wartete am Samstag mit einigen Überraschungen in der Startelf auf, so gab unter anderem Maximilian Mittelstädt nach knapp zwei Monaten sein Comeback in Herthas Anfangsformation. Mehr Dampf über die linke Seite versprach man sich von dieser Entscheidung, da Aushilfskapitän Marvin Plattenhardt diesem Anspruch zuletzt nicht genügte. Der Plan sollte aufgehen.

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

“Wir haben gespürt, dass  Maxi dran war, weil er klasse trainiert hat in den letzten Wochen. Er war wirklich richtig frisch. Und so hat er auch gespielt. Er hat ein überragendes Spiel gemacht. Auf der linken Seite war richtig Leben drin”, war Jürgen Klinsmann gegenüber dem Berliner Kurier angesichts der Leistung Mittelstädts voll des Lobes. Mehr Zug nach vorne hatte im Vergleich zum Bayern-Spiel von den Außenverteidigern gebraucht und vor allem da war der Unterschied zwischen Plattenhardt und Mittelstädt zu erkennen. Herthas Eigengewächs war vor allem im ersten Durchgang der heimliche Spielmacher seiner Mannschaft – nahezu jeder Angriff wurde über ihn eingeleitet. Mittelstädt forderte die Bälle und stand im Vergleich zu Lukas Klünter auffällig hoch, um das Spiel anzukurbeln.

Auch die Zahlen belegen, welch großen Einfluss der 22-Jährige auf die Begegnungen genommen hatte: mit 85 Ballkontakten sammelte Mittelstädt mit Abstand die meisten bei Hertha, hinzu kommen drei Torschussvorlagen und ein direkter Assist. Diesen sammelte der Linksverteidiger beim 1:1-Ausgleichstreffer, den er per Ecke für Jordan Torunarigha aufgelegt hatte. Mittelstädt betrieb großen Aufwand, um ein ständiger Faktor zu sein: er lief die fünftgrößte Strecke aller Herthaner, verzeichnete die viertmeisten intensiven Läufe und niemand in blau-weiß zog so viele Sprints wie er an. Es war auffällig, wie oft Mittelstädt bis an den gegnerischen Strafraum oder in die Tiefe lief, um eine weitere Anspielstation zu bieten oder den Ballbesitz einfach nur etwas länger in der gegnerischen Hälfte halten zu können. Besonders im ersten Durchgang war der Druck immens, den Mittelstädt auf Wolfsburg ausübte. In der zweiten Hälfte flachte das Spiel des Außenverteidigers etwas ab, allerdings ohne aufkommende Nachlässigkeiten, denn auch defensiv überzeugte der Abwehrspieler: eine positive Zweikampfbilanz, neun Ballsicherungen, vier Tackles, zwei klärende Aktionen und drei abgefangene Bälle sprechen auch hier eine klare Sprache.

Eine insgesamt mehr als ordentliche Vorstellung Mittelstädts, der seine Startelfchance eindeutig genutzt hat und in dieser Form kaum wegzudenken ist. Der Konkurrenzkampf zwischen ihm und Plattenhardt geht also in die nächste Runde.

Ascacibar vs. Skjelbred – blau-weiße Doppelgänger?

Aufgrund des kurzfristigen Ausfalls von Vladimir Darida (erkältet) und dem Mangel an Alternativen hatte sich das Trainerteam dazu entschieden, Per Skjelbred gegen Wolfsburg starten zu lassen. Dieser hatte gegen den FC Bayern noch auf der Bank sitzen müssen, da Neuzugang Santiago Ascacibar ihm den Platz als alleiniger Sechser in Herthas System abgerungen hatte. Ohnehin war bei der Verpflichtung des Argentiniers klar, dass man ihn und den routinierten Norweger nur selten zusammen auf dem Platz sehen würde, teilen sich die beiden Mittelfeldzerstörer doch sehr viele Attribute. Doch wie hat es gegen Wolfsburg ausgesehen?

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Nun, wirklich schockierende Ergebnisse kamen bei diesem Feldversuch nicht heraus. Tatsächlich mutet das Spiel von Ascacibar und Skjelbred recht identisch an, nur in Nuancen sind Unterschiede zu erkennen. Für das Spiel als solches war aber positiv festzuhalten, dass Hertha mit solch zwei akribischen Arbeitern im Mittelfeld ein würdiges Gegengewicht zu Wolfsburgs Schlager, Guilavogui und Arnold bildete. Sowohl Ascacibar als auch Skjelbred wiesen eine positive Zweikampfbilanz auf, hinzu kommen auch sonst ziemlich ähnliche Werte: Ascacibar fünf Ballsicherungen, Skjelbred drei; Ascacibar vier Tacklings, Skjelbred drei; ein zu eins klärende Aktionen. In der Laufdistanz lag der junge Argentinier rund einen halben Kilometer vor Herthas Nummer drei. Zwar betrieben beide großen Aufwand, um Wolfsburgs Mittelfeld in Schacht zu halten und in einigen Phasen des Spiels klappte dies auch gut, doch ist ihnen anzukreiden, dass der Sechserraum vor Herthas Sechszehner zu oft ungedeckt blieb, sodass Wolfsburg dort hineinstoßen konnte – so entstanden gefährliche Schussgelegenheiten für Arnold und Guilavogui. Vor allem Ascacibar steht in diesen Szenen noch zu tief und verteidigt mit im Strafraum als dass er den Rückraum deckt.

Wirkliche Unterschiede zwischen den beiden ließen sich im Spiel mit dem Ball ausmachen: Skjelbred war durchschnittlich höher als Ascacibar positioniert, sodass er zu mehr Szenen in der Wolfsburger Spielhälfte kam – so auch in der 90. Minute, als der 32-Jährige den Ball noch einmal nach vorne trug und ihn zu Marko Grujic spielte, der den Ball, welcher dann seinen Weg ins Tor fand, in den Strafraum legte. Unterm Strich fällt es schwer, große Unterschiede in dem Spiel von Ascacibar und Skjelbred auszumachen. Beide haben ihre Stärken im Spiel gegen den Ball, im Erobern von Bällen, im laufen, kämpfen und beißen – Skjelbred wirkt mit Ball am Fuß nur noch selbstverständlicher, was aufgrund seiner großen Erfahrung und dass er bereits so lange bei Hertha spielt, aber nicht wirklich verwundert. Gegen ein ebenso kampfstarkes Mittelfeld, wie die “Wölfe” es haben, hat es einen Mehrwert, beide spielen zu lassen – gegen andere Gegner würden sich aber ein etwas spielstärkeres Element empfehlen.

Alexander Esswein – wieder eine ernsthafte Alternative?

So oft war Alexander Esswein bereits abgeschrieben, manchmal vergisst man fast, dass der 29-Jährige noch Teil des Hertha-Kader ist. Bei seiner Einwechslung gegen Wolfsburg hat der schnelle Außenbahnspieler durchaus bewiesen, weshalb man ihn weiterhin auf der Rechnung haben sollte.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Es war die 76. Minute, in der wohl viele Hertha-Anhänger verdutzt auf die Anzeigetafel blickten: das Trainerteam nahm Javairo Dilrosun vom Feld und brachte dafür Esswein in die Partie. Untergangsfantasien, Galgenhumor und großes Unverständnis füllten die Social-Media-Plattformen – auch weil es Dilrosun war, der für Esswein gehen musste und nicht der insgesamt recht glücklos gebliebene Marius Wolf. Nein, das Trainterteam entschied sich für Dilrosun und das nüchtern betrachtet zurecht, denn was hatte der junge Niederländer gegen Wolfsburg wirklich zustande gebracht? Zwar zeigte in ein paar Dribblings, welch Potenzial in ihm schlummert, doch waren diese meist unter “brotlose Kunst” einzuordnen. Keine einzige Torschussvorlage und ein völlig verunglückter Abschluss machten einen insgesamt enttäuschenden Auftritt rund. Das große Potenzial Dilrosuns ist unbestritten, doch lieferte der 21-Jährige sowohl gegen den FC Bayern als auch gegen die “Wölfe” wenig Argumente dafür, dass man ihn jede Partie 90 Minuten lang machen lassen sollte.

Das Potenzial Essweins ist ungemein kleiner, doch schaffte er in rund 15 Minuten das, was Dilrosun zuvor nicht gelungen war: eine Torschussvorlage. Eingesetzt von Grujic sprintete er die linke Seite entlang und spielte einen punktgenauen Ball auf Dodi Lukebakio, der den Ball im Fallen aber nur noch auf Torhüter Koen Casteels brachte. Der Wille, seine Einsatzzeit vollends auszunutzen und sich dem Trainer für weitere Spiele zu empfehlen, war Esswein wirklich anzusehen. Er versuchte, sich in jeden Zweikampf zu werfen und noch irgendwie ein Faktor zu sein. Beinahe wäre es noch mit einer Torvorlage geworden. Blickt man völlig neutral auf seine Leistung, hat Esswein als Joker überzeugt. Ja, er mag wesentlich geradliniger und technisch limitierter als ein Dilrosun sein, aber – wie man es im Englischen gerne sagt – he gets the job done. Vielleicht sollte man Esswein doch noch nicht abschreiben, denn in dieser Form wird er auch noch ein paar weitere Male eingewechselt werden.

VfL Wolfsburg – Hertha BSC: Spektakel im Abstiegskampf?

VfL Wolfsburg – Hertha BSC: Spektakel im Abstiegskampf?

Der letzte Spieltag in der Bundesliga lief nicht gerade zugunsten von Hertha BSC. Eine 0:4-Heimniederlage gegen den FC Bayern München gepaart mit Siegen der Konkurrenten haben die Blau-Weißen wieder stärker in den Abstiegskampf versumpfen lassen. Doch bereits am Samstagnachmittag können die Berliner die Stimmungslage ändern. Dafür müssten die Spieler der „alten Dame“ den VfL Wolfsburg auswärts bezwingen. Keine leichte Aufgabe, auch wenn die „Wölfe“ zuletzt in Köln mit 1:3 untergingen.

Wie üblich wurden wir für diesen Vorbericht durch einen Wolfsburg-Experten unterstützt. Dennis Lindner (auf Twitter @WobTikal) stand uns dieses Mal zur Seite und gab uns viele nützliche Informationen über den Gastgeber.

„Nicht euphorisch, aber ruhig bis gut“

Wie diese Saison beim VfL Wolfsburg läuft, beschreibt uns Dennis wie folgt: „Der Start in die Saison war stark, das Team wirkte nicht übermäßig offensiv, aber sehr stabil. Mit dem Ausscheiden aus dem Pokal und dem krachenden Ende der Phase, in der man in allen Wettbewerben unbesiegt war, endete auch die Stabili- und Souveränität. Erst mit dem letzten Europapokalspiel der Gruppenphase und dem damit verbundenen Wechsel zurück zur Viererkette und der Rückkehr von Xaver Schlager hatte man wieder ein besseres Gefühl, die Spielweise war deutlich besser, nur die Ergebnisse haben ein wenig gefehlt.“ Die Stimmung in Wolfsburg vor der Winterpause war also: „Nicht euphorisch, aber ruhig bis gut.“

Trifft auf seinen Ex-Club: John-Anthony Brooks (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Der Start in der Rückrunde verlief dann umso enttäuschender. Dennis beschreibt die Niederlage in Köln: „Vorne Pech und hinten Dumm. Oder umgekehrt. Man hat sich sehr, sehr naiv angestellt, nachdem man vorne die frühen Chancen nicht genutzt und dann keine wirklichen Mittel mehr gefunden hat. Das Kölner Pressing hätte uns eigentlich keine Angst machen dürfen, aber es hat sehr gut funktioniert, unsere Abwehrspieler standen ständig unter Druck und haben dabei viele Fehler gemacht.“

Keine Ausnahme ist da der Ex-Herthaner John-Anthony Brooks: „Dass ein Spieler wie Brooks mit Cordoba solche Probleme hat, ist schon eher peinlich.“ Dennis spricht von „individuellen Fehlern“, insbesondere beim 0:2, das aus seiner Sicht „unfassbar unnötig und vor allem dumm war“.

Wie wird Wolfsburg am Samstag auftreten?

Der Frust sitzt beim Tabellenneunten also noch tief nach der Niederlage in Köln – schließlich war sie die sechste in den letzten neun Ligaspielen. Trotzdem kann unser Experte auch Stärken seines Teams benennen: „Das Zentrum im Mittelfeld ist unser absolutes Prunkstück. In Normalform sind Guilavogui, Arnold und Schlager keine Gegner, die man haben möchte. Drei sehr starke Mittelfeldspieler, die ihre Aufgaben gut aufgeteilt haben, laufstark und kreativ sind. Sein könnten. Sollten.“

In Köln unterlag der VfL Wolfsburg mit 1:3 (Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images)

Auch im Offensivspiel läuft noch nicht alles glatt. Eine Schwäche des VfLs ist laut Dennis auch: „(…) das Generieren von Chancen aus dem Spiel. Wir haben eigentlich die Leute dafür, aber irgendwie hakt es immer. Auch gegen Köln hat man gesehen, dass mehr als einmal eine gute Idee daran scheiterte, dass nur einer sie hatte.“

Gerade in der Offensive könnte es laut Dennis auch eine Rotation geben. „Statt Ginczek und Brekalo stehen da mit Mehmedi, Steffen und mit Abstrichen Klaus zur Verfügung, die jeweils die Statik der Offensive noch mal deutlich ändern würden.“

Weghorst und Selke – Wer trifft zuerst in 2020?

Deutlich positiver schreibt Dennis über den Stoßstürmer unserer Gastgeber, Wout Weghorst. Dabei blieb der beste Torschütze der „Wölfe“ in Köln torlos. Die Schuld daran sieht Dennis jedoch woanders: „Er (Weghorst) ist ein bisschen allein da vorne. Unsere Flügelspieler sind nach wie vor keine, vor denen man Angst hat, einzig Brekalo strahlt da ein bisschen Gefahr aus. Der hat aber auch eine erschreckend schlechte Entscheidungsfindung, aktuell. Wäre es ein Playstation-Spiel, dann würde man bei seinem Controller Schuss- und Passtaste einfach austauschen, man würde auf der Stelle seine Stärke verdoppeln.“

Dass Weghorst zuletzt auch Großchancen liegen ließ, beunruhigt Dennis nicht: „Wird (…) wieder. Als Typ und Spieler ist er völlig unangefochten da vorne, das wird er auch bleiben. Und er wird auch wieder treffen, gerade mit der Unterstützung von Ginczek, der endlich wieder komplett fit ist, wird das nicht lange dauern.“

Soll endlich wieder treffen: Davie Selke. (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Auch bei Hertha gibt es aktuell einen Stürmer, der zwar viel arbeitet und durchaus als torgefährlich gilt, der aber kein Erfolg im Abschluss hat. Davie Selke braucht dringend einen Erfolgserlebnis, und Hertha braucht dringend wieder Stürmertore. Mehr zu der Situation des 25-Jährigen gibt es in unserer Einzelkritik zum letzten Spiel zu lesen.

Auch in Wolfsburg wundert man sich darüber, dass Konkurrent Vedad Ibisevic nicht Stürmer Nummer eins ist: „Warum in der Mitte Selke statt Ibisevic spielt, verstehe ich nicht ganz, auch wenn ich Selke als Spieler auch ganz gut finde.“ Möglicherweise ist bereits am Samstag eine Umstellung im Hertha-Sturm zu erwarten. Dodi Lukebakio könnte in die Sturmspitze wechseln, der momentan beste Torschütze der „alten Dame“ (vier Treffer). Für Ihn könnte dann Marius Wolf auf der rechten Außenbahn seine Chance bekommen.

Egal wer am Ende für Hertha stürmt: Inspiration müsste dieser Spieler genug haben. Sowohl der Cheftrainer als auch der Manager waren in ihrer Zeit erfolgreiche Torjäger.

Zeigen sich die Ergebnisse der Wintervorbereitung?

Wie also muss Hertha BSC auftreten, um gegen den VfL Wolfsburg den ersten Sieg der Rückrunde zu holen? Gegen den FC Bayern wollte Hertha eigentlich kompakt stehen und mit hohem Aufwand den Spielaufbau der Gäste stören. Doch die Blau-Weißen liefen insgesamt vier Kilometer weniger als der Gegner. Die zweite Halbzeit offenbarte die Schwächen und Verunsicherung der „alten Dame“, man hatte den Eindruck, dass den Spielern neben dem Mut auch die gewisse Spritzigkeit fehlte.

Dabei wurde ja in der Winterpause genau daran gearbeitet. Die Mannschaft sollte fit in die Rückrunde starten, und Woche für Woche „frischer“ wirken. Im ersten Rückrundenspiel zeigten sich die Ergebnisse der Vorbereitung jedoch noch nicht. Die Laufstärke wird auch am kommenden Wochenende ein wichtiger Aspekt sein. Dennis teilte nämlich mit uns seine „goldene Regel“ beim VfL Wolfsburg: „Rennt der VfL deutlich mehr als sein Gegner, dann gewinnt er“.

Hertha ist also gewarnt: die Mannschaft muss deutlich mehr laufen als noch im letzten Heimspiel. Dabei helfen wird auch Neuzugang Santiago Ascacibar, der gegen den FC Bayern mit 12,58 Kilometer den besten Laufwert hatte.

Ohne Boyata nach Wolfsburg – Stark zurück in der Startelf?

Am Samstag wird die Elf von Jürgen Klinsmann jedenfalls auf Dedryck Boyata verzichten müssen. Der neue Abwehrchef holte sich im letzten Spiel die fünfte gelbe Karte ab. Für ihn könnte Niklas Stark zurück in die Startelf rotieren, wie es der Cheftrainer in der heutigen Pressekonferenz andeutete. Auch Jordan Torunarigha könnte erneut eingesetzt werden, nachdem er sich gegen den FC Bayern auffällig stark präsentiert hatte. Karim Rekik ist ebenfalls wieder fit und damit auch eine Option.

Am Samstag gelbgesperrt: Dedryck Boyata (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Gerade die Abwehr wird gegen den VfL wichtig werden, da Hertha auf der Suche nach der Kompaktheit im Abstiegskampf ist. Sollte der Knoten bei Davie Selke dann auch endlich platzen, und Hertha in Führung gehen, wäre ein Riesenschritt getan. Wie uns Dennis verrät, ist der VfL Wolfsburg “nach Rückständen irre schwach, dieses Jahr. Da wurde noch nichts geholt.“

Unser Wolfsburg-Experte erwartet am Samstag eher kein Fußballfest: „Es wird kein besonders schönes Spiel. Ich vermute, dass wir unser Heimspiel nutzen werden und knapp und mit ach und krach 2:1 gewinnen werden“. Dabei hatten es die letzten Begegnungen beider Teams in Wolfsburg in sich. Ein 2:2 und ein 3:3 gab es zuletzt, davor im Jahr 2016 sogar ein 2:3 Auswärtssieg von Hertha BSC. So viele Tore sind am Samstagnachmittag wohl nicht zu erwarten. Doch Hertha braucht dringend wieder ein Sieg, um sich im Abstiegskampf mehr Ruhe zu verschaffen.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Es stand anders im Drehbuch: eigentlich hätte das erste Heimspiel der Saison und damit das Olympiastadion-Debüt von Ante Covic als Hertha-Cheftrainer dazu dienen sollen, den Punktgewinn in München zu veredeln. Nach den 90 Minuten hatte aber ein äußerst ernüchterndes 0:3 auf der Anzeigetafel gestanden, das den Spielverlauf allerdings nicht treffend wiedergegeben hatte. Nach ereignisreichen zehn Minuten hatte Hertha durch einen Elfmeter 0:1 zurückgelegen, sich danach aber im ersten Durchgang formidabel präsentiert. Genützt hatte es nicht – die Tore waren ausgeblieben – und so mussten sich die Berliner nach einer dürftigen zweiten Halbzeit und zwei Wolfsburger Kontern mit 0:3 geschlagen geben.

Auch in dieser Saison wollen wir euch eine Einzelkritik zu den Spielen der “Alten Dame” bieten können, doch gehen wir dieses Format nun erstmals anders an: anstatt wie bisher jeden einzelnen eingesetzten Spieler zu bewerten, wollen wir uns auf wenige ausgewählte Akteure der Partien beschränken – auch von den Benotungen wollen wir uns trennen. Dadurch wollen wir gewisse Einzelleistungen noch genauer unter die Lupe nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel beleuchten können, sodass die Einzelkritiken nicht zu lang/eintönig und nur die wirklich prägnanten Leistungen aufgezeigt werden. Wir hoffen, ihr versteht diese Änderungen. In der vergangenen Saison musste die Einzelkritik streckenweise aus Zeitgründen ausfallen – durch diese Anpassungen wollen wir sicherstellen, dass dies deutlich seltener passiert.

Ungewohnt fahrlässig: Vedad Ibisevic

Wie bereits gegen den VfB Eichstätt und Bayern München hatte Ibisevic am Sonntagabend den Vorzug vor Konkurrent Davie Selke erhalten. Das große Argument des 35-Jährigen: er macht die Tore, ist eiskalt in seiner Entscheidungsfindung. Diese Attribute hatte man gegen Wolfsburg allerdings nicht gesehen – im Gegenteil.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Zugegeben – die Partie gegen Wolfsburg war keine gewesen, in der es für einen Mittelstürmer einfach gewesen wäre, zu glänzen. Der Gegner stand äußerst tief in der eigenen Hälfte und hatte somit wenig aussichtsreiches in der direkten Gefahrenzone, dem Strafraum, zugelassen. Umso wichtiger wäre es gewesen, seine wenigen Möglichkeiten zu nutzen – ein Job wie gemalt für einen eiskalten Torjäger wie Ibisevic, doch Herthas Kapitän war an dem Tag nicht gut aufgelegt. In einigen Szenen hatte der Bosnier nicht wach gewirkt, so hatte er hin und wieder aussichtsreiche Flanken in den Strafraum schlichtweg verpasst. Normalerweise gehört es zu einer seiner stärksten Eigenschaften, Zuspiele zu riechen und vor dem gegnerischen Verteidiger am Ball zu sein. Am Sonntag ging im dieses Gespür ab, sodass er etwas hilflos zwischen der Wolfsburger Dreierkette wirkte.

Die Szene, die Ibisevics mangelnde Kaltschnäuzigkeit an jenem Tage am plakativsten beschreibt, hatte sich in der 54. Minute ereignet. Der Routinier hatte einen starken Steckpass von Marko Grujic erhalten, nur noch John Anthony Brooks vor sich und auf der rechten Seite Dodi Lukebakio als Anspielstation. Anstatt den Ball rüber zu seinem Sturmkollegen zu spielen, hatte sich Ibisevic für das Dribbling gegen Brooks entschieden und dieses verloren, sodass die sehr gute Torchance verpufft war. Am Ende hatte der Mittelstürmer nur einen geblockten Schuss und keinen einzigen gewonnen Zweikampf verzeichnet.

(Fast schon) gewohnt fahrlässig: Karim Rekik

Ja, die Teilüberschrift ist provokant gewählt, doch dass Karim Rekik seit seinem Wechsel zu Hertha bereits fünf Elfmeter verursacht hat, ist keine allzu überzeugende Statistik für ihn. Ebenso wenig überzeugend hatte sich der niederländische Innenverteidiger gegen den FC Bayern und nun auch gegen Wolfsburg präsentiert. Es besteht die Sorge, dass Rekik eher an seine durchwachsene vergangene Spielzeit als an seine starke Debütsaison für Hertha anknüpft.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Elfmeter Nummer fünf seiner Hertha-Laufbahn hatte Rekik in der 8. Spielminute verursacht. Vorausgehend hatte der 24-Jährige den Zweikampf mit Felix Klaus verschlafen, sodass er nur noch hinterhersprinten konnte und dann viel zu ruppig in den Zweikampf innerhalb des Strafraums ging – Konsequenz: Elfmeter. Auch sonst hatte Rekik am Sonntagabend nicht sattelfest gewirkt, so hatte er vor allem bei Wolfsburgers Umschaltaktionen immer wieder Probleme damit, VfL-Stürmer Wout Weghorst effektiv auszubremsen. Rekiks Zweikampfstatistik war dementsprechend ausbaufähig gewesen und auch in Kriterien wie angefangene Bälle, geklärte Aktionen oder Tackles hatte er im Vergleich mit Innenverteidiger-Kollege Niklas Stark hinterhergehinkt.

Im Aufbauspiel hatte sich der vierfache niederländische Nationalspieler hingegen ordentlich präsentiert. Sein Passspiel war sowohl sicher, als auch effizient gewesen. Zusammen mit Stark hatte sich Rekik im eigenen Ballbesitz sehr hoch positioniert, um die Wolfsburger einzuschnüren. Seine Seitenverlagerungen und Pässe in den Fuß der linken Außenspieler haben sich sehen lassen können, auch wenn Nebenmann Stark noch etwas dominierender aufgetreten ist. Alles in allem war es aber einmal mehr eine kritikwürdige Leistung Rekiks gewesen, der sich noch steigern muss. “Wir werden unsere Fehler analysieren und mit dem Ziel nach Gelsenkirchen fahren, drei Punkte nach Hause zu bringen”, so der Abwehrspieler selbst.

Schon mehr als Ansätze: Dodi Lukebakio

“Ich muss zugeben, dass ich gerade am Anfang überwältigt war von den Fans. Das hat mir einen richtigen Antrieb gegeben. In diesem Stadion zu spielen macht unglaublich Spaß”, hatte sich Lukebakio gegenüber der B.Z. zu seinem ersten Spiel im Olympiastadion geäußert. Den angesprochenen Spielspaß hat man dem Belgier deutlich angemerkt, auch wenn es ihm noch an der Effizienz gefehlt hatte.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, hatte Hertha im ersten Durchgang ohne jeden Zweifel das Zepter in der Hand. Die Blau-Weißen hatten große Spielfreude versprüht, indem sie ihren Ballbesitz mit hohem Tempo und großer Breite wie Tiefe aufgezogen hatten. Mittendrin: Neuzugang Lukebakio. Der 21-Jährige war der wohl auffälligste Herthaner im ersten Durchgang gewesen, da er an nahezu allen Offensivaktionen beteiligt gewesen war. Besonders markant waren Lukebakios Dribblings, die nicht nur schön ausgesehen, sondern auch effektiven Raumgewinn zur Folge hatten. Auch das Zusammenspiel mit Hintermann Lukas Klünter hatte bereits sehr gut funktioniert, sodass sie sich immer wieder gegenseitig in Szene setzen, teilweise mit ansprechenden Hackentricks.

Doch leider hatte sich Lukebakios Aufwand der ersten Halbzeit nicht in Tore umgemünzt und nach dem Pausentee hatte ihm nicht mehr allzu viel gelingen wollen. Die Verbindung zu Klünter war immer mehr abgerissen, sodass der Flügelstürmer oft auf sich allein gestellt war. Hatte die Nummer 28 den Ball bekommen und dann die Chance, mit Tempo auf Wolfsburgs Abwehr zuzulaufen, mangelte es ihm an guter Entscheidungsfindung. So hatte er es immer wieder versucht, anstatt den Ball auf seinen starken linken Fuß zu legen und nach innen zu ziehen, mit rechts vorbeizuziehen und die Flanke zu schlagen – doch mit seinem schwächeren Fuß waren seine Zuspiele unerreichbar gewesen. So verblasste Lukebakios Vorstellung immer mehr, seine Durchschlagskraft war immer weiter geschrumpft. Dennoch war zu sehen gewesen, welch prägendes Element der Neuzugang in Herthas Spiel sein kann.

Stetiger Lerneffekt: Ante Covic

Wer sagt denn, dass in der Einzelkritik nicht auch die Arbeit vom Cheftrainer unter die Lupe genommen werden kann? Ante Covic hatte gegen die Niedersachsen erstmals die Chance, seine Idee von Ballbesitzspiel gegen einen mindestens gleichwertigen Gegner umzusetzen und kann sowohl positives als auch Lehren aus der Partie vom Sonntagabend ziehen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

“In der ersten Halbzeit ging es in die richtige Richtung, da haben wir uns viele Chancen aus dem Spiel heraus kreiert und gegen einen gut organisierten Gegner Gefahr mit dem Ball ausgestrahlt”, hatte Covic dem kicker seine Eindrücke geschildert. Er hatte gegen Wolfsburg im 4-3-3 aufgestellt, nachdem es in München anfangs noch ein 3-5-2 gewesen war, und wollte einen sauberen und stets nach vorne ausgerichteten Ballbesitzfußball seiner Mannschaft sehen. Denkbar ungünstig war der frühe Rückstand aufgrund eines Foulelfmeter gewesen, der ein Team schon aus dem Konzept bringen kann. Die Jungs von Covic waren aber unbeirrt geblieben und hatten die Ideen ihres Trainer umgesetzt. Covic hatte seine Mannschaft äußerst hoch aufgestellt, Herthas Innenverteidiger waren kurz hinter der Mittellinie positioniert, und dennoch vermochte sie es, viel Tempo in ihre Aktionen zu bekommen. Auffällig waren die fein abgestimmten Kombinationen im Dreieck gewesen, wie auch die vielen intelligenten Seitenverlagerungen. So hatte es Hertha geschafft, das Spielfeld in seiner Breite und Tiefe auszunutzen in Wolfsburg trotz einer Dreier- bis Fünferkette vor Probleme zu stellen.

Knackpunkt war nur gewesen, dass die Hauptstädter sich für diesen Aufwand nicht mit einem einem Treffer, der noch mehr Sicherheit und eine zweite Luft beschert hätte, belohnt hatten. Salomon Kalou und zweimal Marko Grujic hatten die Chance auf den verdienten Ausgleichstreffer gehabt, doch so war Hertha mit einem Rückstand in die Kabine gegangen. “In der zweiten Halbzeit wollten wir zu viel. Da hatten wir zu viele Spieler vorn auf einer Höhe. Nach der Umstellung auf 4-4-2 waren die beiden zentralen Angreifer und die beiden seitlichen Spieler auf einer Höhe, so dass der Gegner das relativ simpel verteidigen konnte” – auch das hatte Covic nach dem Spiel richtig analysiert, ohne sich selbst wirklich aus der Kritik auszunehmen. Das wäre auch angemessen, denn schließlich hat sich der 43-Jährige durch seine sehr offensiven Einwechslungen keinen Gefallen getan. “Die Halbfelder und Zwischenräume, wo wir immer wieder Gefahr hätten ausstrahlen können”, wurden durch dessen personelle Veränderungen und Verschiebungen kaum noch genutzt. Herthas Formation war vom 4-3-3, zum 4-4-2, zum 4-2-4, zum 3-2-5 gewandert, sodass sich die Offensivspieler immer mehr auf den Füßen gestanden waren. Eine weitere Konsequenz war die fehlende defensive Absicherung, sodass Hertha zum 0:2 und 0:3 ausgekontert wurde. “Wenn du einem Rückstand hinterherrennst, darfst du nicht kopflos wirken – das waren wir phasenweise”, sagte Covic. Das gilt sowohl für die Spieler, als auch den Trainer. Dass Covic die Probleme der letzten Partie so genau erkannt hat, macht allerdings Mut, dass er und die Mannschaft daraus lernen werden.