Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Dortmund

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Borussia Dortmund

Den Schwung aus dem guten Augsburg-Spiel kann Hertha nicht über die Länderspielpause hinaus mitnehmen und unterliegt deutlich gegen den BVB. Auf eine gute erste Hälfte folgt eine deutlich schwächere Zweite, in der Dortmund fünf Tore erzielt. Wir schauen auf die individuellen Leistungen einiger Herthaner.

Krzysztof Piatek – Chance nicht genutzt

Nach dem Ausfall von Stammstürmer Jhon Cordoba stellte man sich in Berlin die Frage, ob Krzystof Piatek nun seine Chance nutzt und sein 24-Millionen-Euro-Versprechen einlösen würde. Für das Dortmund-Spiel lautet die Antwort auf diese Frage sicherlich nein.

Fairerweise muss hier jedoch erwähnt werden, dass es für den Mittelstürmer kein einfaches Spiel war. Es gab nicht allzu viele Szenen, in denen er sich hätte auszeichnen können und mit Mats Hummels und Manuel Akanji hatte er zwei Innenverteidiger mit guter Tagesform als Gegenspieler gegen sich. Hinzukommt, dass Labbadias Spielweise weiterhin nicht ideal auf seine Stärken zugeschnitten ist.

Foto: IMAGO

Es muss jedoch genauso festgehalten werden, dass Piatek in einigen Phasen des Spiels fast unsichtbar und kaum in das Spiel der Hertha involviert war. So blieb er über weite Strecken des Spiels sehr unauffällig. Nur die Beteiligung am Kopfballduell vor dem 1:0 lässt sich noch wohlwollend hervorheben. Keine Schussaktion und die wenigsten Ballaktionen von allen Herthaspielern, die in der Startelf standen, unterstreichen den Eindruck einer schwachen Leistung noch einmal. Solche Spiele sind für Abschlussstürmer, wie Piatek einer ist, nicht untypisch, aber trotzdem enttäuschend.

Der Mittelstürmer hat wenig angeboten und wurde aber auch selten eingesetzt. Beides muss sich in den nächsten Spielen ändern, wenn er längerfristig als ernsthafter Konkurrent zu Cordoba gelten möchte.

Peter Pekarik – Kein Zeichen von Müdigkeit

Zweimal stand Peter Pekarik in der Woche vor dem Dortmund-Spiel bereits über 90 Minuten für die slowakische Nationalmannschaft auf dem Platz und am Samstag folgte dann direkt der nächste Einsatz im Berliner Olympiastadion. Ein enormes Spielpensum, welches der Rechtsverteidiger in dieser Woche absolviert hat. Umso erstaunlicher ist es, dass er einer der besseren in der Viererkette gegen Dortmund war.

In der ersten Halbzeit ließ er über seine Seite fast gar nichts zu und machte es Raphael Guerreiro schwer. Im Strafraum war Pekarik sehr aufmerksam und blockte unteranderem einen gefährlichen Schuss von Erling Haaland. Auch die Abstimmung mit Vladimir Darida passte und so erledigte er seine Aufgabe gewohnt routiniert. In den Spielaufbau war er aber nicht allzu stark eingebunden.

Foto: IMAGO

In der zweiten Halbzeit lief für den Slowaken defensiv nicht mehr alles so optimal und besonders beim 1:4-Treffer kam er etwas zu spät und konnte Guerreiro nicht mehr ausreichend am Abschluss hindern. Dafür konnte er sich in zwei Szenen nach dem 1:2 offensiv einschalten. In beiden Szenen rückte er hoch bis in den Sechzehner auf und wurde am zweiten Pfosten angespielt. Beide mal konnte er seine Chance auf den Ausgleich jedoch nicht nutzen.

Insgesamt kein einfaches Spiel für Peter Pekarik, in dem man ihm trotz fünf Gegentoren nicht allzu viel vorwerfen kann und der trotz vieler Minuten in den Beinen ein solides Spiel machte.

Omar Alderete und Dedryck Boyata – Ein Rückschritt

Ähnlich wie bei fast allen Spielern von Hertha war auch bei Dedryck Boyata und Omar Alderete der Leistungsunterschied zwischen den beiden Halbzeiten groß. In der ersten 45 Minuten schafften es die Innenverteidiger sehr gut, Dortmund weitestgehend aus dem eigenen Strafraum fernzuhalten. Viele Bälle fing man mit solidem Stellungspiel ab und lies nur wenige Chancen zu. So hatte Dortmund sich zur Halbzeit nur einen xG-Wert von ca. 0,4 erspielt.

Foto: IMAGO

In der zweiten Halbzeit änderte sich dieses Bild komplett. Man bot den Dortmundern deutlich mehr Räume und konnte nicht mit dem herausragend aufspielendem Erling Haaland mithalten. Besonders die Geschwindigkeitsnachteile der beiden Innenverteidiger zeigte dieser noch einmal auf und konnte sich Chance um Chance erspielen. Gleich bei mehreren Gegentoren war zudem der Abstand zu Haaland deutlich zu groß. Außerdem passten Abstimmung und Zusammenspiel in Herthas Defensive in vielen Szenen überhaupt nicht und so machte man es den Dortmundern oft sehr leicht auf dem Weg zum Tor.

Ein klarer Rückschritt zu den Auftritten gegen Wolfsburg und Augsburg, bei denen man sich deutlich stabilisierter in der Abwehr zeigte.

Und dann waren da noch:

Das Mittelfeld: In der ersten Halbzeit machte das Mittelfeld aus Matteo Guendouzi, Niklas Stark und Vladimir Darida das Zentrum dicht und war oft sehr nah am Gegenspieler. In der zweiten wurde man mehrmals deutlich zu einfach überspielt und kam kaum noch in die Zweikämpfe. Guendouzi war erneut der Spielmacher aus dem Mittelfeld und besonders in den Spielaufbau stark eingebunden. Aber auch er zeigte trotz herausgeholtem Elfmeter in der zweiten Hälfte des Spiels nicht mehr seine beste Leistung.

Matheus Cunha: Cunha war auch gegen Dortmund bester Herthaner auf dem Platz und machte besonders mit seinem wunderschönen Fernschusstor erneut auf sich aufmerksam. Er war der Aktivposten in Herthas Offensive und an nahezu jedem Angriff der Hertha beteiligt. Auch die Zahlen stimmten bei ihm erneut: zwei Tore, drei Torschüsse und vier gewonnene Dribblings.  Umso verärgerter zeigte er sich über die zahlreichen Gegentore, die seine Mannschaft kassierte und ließ sich das auch in einigen Szenen anhand seiner Körpersprache anmerken.

[Titelbild: Clemens Bilan – Pool/Getty Images]

Vorschau: Selbstbewusste Herthaner gegen den Vizemeister

Vorschau: Selbstbewusste Herthaner gegen den Vizemeister

Wir haben grundsätzliches Verständnis für die Bedürfnisse der Verbände und Nationalmannschaften. Aber gerade in diesen Zeiten kommen Spieler an ihre Belastungsgrenzen und insbesondere die Sinnhaftigkeit von Freundschaftsspielen kann man hinterfragen.“ Viel treffender als Michael Preetz es auf der jüngsten Spieltagspressekonferenz fomulierte, kann man es kaum zusammenfassen. Inmitten einer Pandemie werden Spieler um die halbe Welt geschickt, um unter anderem ein Turnier zu spielen, von dem eigentlich niemand weiß, was es da zu gewinnen gibt. Dann obendrein neben diesem “Turnier“ auch noch Freundschaftsspiele anzusetzen – also im Endeffekt Spiele, die ebenso bedeutungslos sind wie die Nations League, nur dass der UEFA hierfür bislang noch kein Fantasiewettbewerb eingefallen ist, der dem Ganzen künstlich Wichtigkeit verleiht – setzt der Absurdität die Krone auf.

Während man früher immer nur darum bangte, dass sich ja kein Spieler der eigenen Mannschat verletzten möge, muss man nun hoffen, dass alle Corona-frei zurückkehren. What a time to be alive. Doch immerhin gibt es Licht am Ende des Tunnels, denn glücklicherweise findet das nächste Länderspiel erst im März statt. Bis dahin hat Hertha also reichlich Zeit, dort anzuknüpfen, wo vor der Unterbrechung aufgehört wurde. Nach zuletzt vier Punkten aus zwei Spielen mit jeweils sehr überzeugenden Auftritten befindet sich das Team von Bruno Labbadia im Aufschwung. Dieser soll nun – trotz anstehender Herkulesaufgabe – fortgesetzt werden. Am Samstagabend geht es gegen den amtierenden Vizemeister aus Dortmund.

Um einen detaillierten Einblick in die aktuelle Lage bei Borussia Dortmund zu bekommen, haben wir mit BVB-Experte Julius gesprochen.

Der einzige Hoffnungsträger im Kampf gegen das Imperium

So langsam fühlt es sich an wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Jahr um Jahr träumt der neutrale Fußballfan davon, dass es endlich mal ein Meisterrennen mit offenem Ausgang geben möge und setzt seine Hoffnungen dabei naturgemäß in den einzigen Verein, der berechtigte Ambitionen auf den Titel haben kann und nicht gleichzeitig von den Brausemillionen eines Rechtspopulisten in die Liga gekauft wurde – nur um dann Jahr ein Jahr aus wieder der Realität ins Auge blicken zu müssen, die lautet, dass am Branchenprimus aus München nun mal kein Vorbeikommen ist.

Gerade der Verbleib von Sancho kann als Trumpf für den BVB gewertet werden. (Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

Auch in diesem Jahr keimt dieses kleine Fünkchen Hoffnung an so mancher Stelle wieder auf. Immerhin hat der FC Bayern einen gewissen Thiago an die Konkurrenz aus Liverpool verloren. Auch Philippe Countinho und Ivan Perisic wurden nach ihren Leihen wieder abgegeben. Zudem fällt Joshua Kimmich nach zugezogenem Meniskussschaden im Spiel gegen den BVB voraussichtlich bis Januar aus. Weniger optimistische Menschen könnten entgegnen, dass sich die Bayern in Person von unter anderem Leroy Sané jetzt allerdings auch nicht allzu verkehrt verstärkt haben. Aber an irgendetwas muss man sich ja hochziehen. Und dieser Umstand ist in dem Fall, dass der BVB im Gegensatz zu den Münchenern lediglich die Real-Leihgabe Achraf Hakimi hat abgegeben müssen, während alle übrigen Leistungsträger – allen voran Jadon Sancho, den viele schon in Manchester sahen – der Borussia erhalten geblieben sind.

Hierin besteht auch laut Julius der Trumpf in der aktuellen Spielzeit: „Was besonders positiv heraussticht und den Transfersommer zu einem, meiner Meinung nach, sehr gutem Transfersommer macht, ist die Tatsache, dass das Team größtenteils zusammengehalten wurde. Zu oft wurden in der Vergangenheit gefühlt die Hälfte einer Mannschaft innerhalb von einem Jahr durchgerauscht. Wenn man sich kontinuierlich verbessern will, braucht man in allen Bereichen Kontinuität. Zusätzlich hat man mit Jude Bellingham in einer komplizierten Wirtschaftslage eines der begehrtesten Talente der Fußballwelt verpflichten können und auch seine Leistungen in Schwarzgelb unterstreichen dies nochmal.“

Das verflixte zweite Gesicht

So darf beim Blick auf den Kader und auch angesichts von bislang lediglich drei Punkten Rückstand auf den FC Bayern also durchaus weiterhin auf ein spannendes Meisterrennen gehofft werden – wäre da nicht dieses zweite Gesicht, das der BVB partout nicht abstellen will. Nichts veranschaulicht diese zwei Gesichter des BVB so schön wie die ersten beiden Spieltage. Zum Saisonauftakt empfing der BVB daheim Borussia Mönchengladbach – die Positivüberraschung der vorangegangenen Spielzeit und ein Team, dem viele insbesondere dank Trainer Marco Rose in dieser Saison einiges zutrauen. Den BVB ließen die Vorschusslorbeeren für den Gegner indes kalt. Im Stile einer Spitzenmannschaft fertigten die Schwarz-Gelben Gladbach mit 3:0 ab, ohne wirklich überlegen gewesen zu sein. Aus vier Torschüssen erzielte man drei Treffer.

Zum Haareraufen: Unnötige Niederlagen wie gegen Augsburg passieren dem BVB seit Jahren. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Genau diese Effizienz wurde eine Woche später jedoch schmerzlich vermisst. Trotz 80 Prozent Ballbesitz unterlagen die Dortmunder mit 0:2 in Augsburg. Einmal mehr – wie schon so oft in den zurückliegenden Jahren – ließ der BVB Punkte liegen, wo es eigentlich nicht passieren darf. So stellt Julius fest: „Diese Verzweiflung speist sich vor allem auch daraus, dass man sich das Zustandekommen einfach nicht wirklich erklären kann. Trainer, Spieler, alles wurde schonmal ausgetauscht, doch diese Aussetzer sind geblieben.

Zumindest in dieser Saison muss man aber fairerweise anmerken, dass die Spiele gegen Augsburg und Lazio zwar auch enttäuscht haben, aber zumindest mich persönlich noch nicht wieder zum Verzweifeln gebracht haben. Dafür war alles vor und nach diesen Niederlagen zu souverän und abgeklärt. Vielleicht müssen wir das zweite Gesicht in dieser Saison ja doch nicht so oft sehen.“ Aus blau-weißer Sicht darf jenes Gesicht aber gern noch zweimal in dieser Saison zum Vorschein kommen.

Verabschiedet sich Favre mit dem Titel?

Dass der BVB trotz dieses begnadeten Kaders immer wieder Leistungsschwankungen unterliegt und es daher noch nicht zum ersten ganz großen Wurf seit 2012 gereicht hat, ist zum einen mit dem jungen Alter von Leistungsträgern wie Sancho, Haaland und Reyna zu erklären. Zum anderen wird aber auch Trainer Lucien Favre immer wieder in die Argumentation mit aufgenommen, wenn es um die Suche nach Gründen für das Ausbleiben von Meisterschaften in den letzten beiden Jahren geht. Dass Favre ein Fußballlehrer ist, an dem sich die Geister scheiden, weiß man als Hertha-Fan nur allzu gut. Unbestritten sind seine Qualitäten als Taktiker und Tüftler. Ebenso bekannt ist aber gleichzeitig auch, dass der Schweizer nicht unbedingt als Menschenfänger bekannt ist. Eine Qualität, der in Dortmund seit Jürgen Klopp (zu) viel Stellenwert beigemessen wird. Immer wieder heißt es, Favre könnte einer Mannschaft nicht die letzten fehlenden Prozentpunkte an Leidenschaft vermitteln, die es braucht, um ein Team zur Meisterschaft zu führen. Wie nachvollziehbar und schlüssig diese Aussagen tatsächlich sind, müssen andere beurteilen.

Lucien Favre spaltet das Umfeld des BVB auch in dieser Saison wieder. (Photo by Friedemann Vogel/Pool via Getty Images)

Fakt ist, dass Favre nach Thomas Tuchel der BVB-Trainer mit dem besten Punkteschnitt ist und die Borussia – nachdem dort zwischenzeitlich unter anderem ein gewisser Peter Stöger im Amt war und den drögesten Fußball seit Thomas Doll hat spielen lassen – wieder zu einem Team mit Titelambitionen und einem klaren Konzept auf dem Platz geführt hat. So fasst auch Julius zusammen: „Einerseits ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ein wenig mehr Konstanz im ersten Jahr seiner Amtszeit wohl die Meisterschaft bedeutet hätte, andererseits hat er, was Punkte und Platzierungen angeht, schon das herausgeholt was man von dieser Mannschaft erwartet.

Wer eine Meisterschaft als einziges Kriterium sieht, was über die Leistung eines BVB-Trainers entscheidet, hat wohl ein wenig verschlafen, dass die Bayern auch noch mitspielen. Seine Art scheint manche Fans nicht zufriedenzustellen, auch das darf man nicht außen vor lassen. Am Ende wird es ziemlich sicher auf eine Trennung hinauslaufen, und das ist auch okay, wenn man dann einen mindestens ebenso geeigneten Kandidaten als Nachfolger präsentieren kann. Favre hat dann drei Jahre gute Arbeit geleistet, den BVB als 2. der Liga stabilisiert und einige Youngstars zu Stars geformt, zum ganz großen Wurf hat es aber nicht gereicht. Nur Titel könnten dies noch ändern.“

Nachdem auch Thomas Tuchel nach einem Titel, dem Sieg des DFB-Pokals, gehen musste – gleichwohl die Gründe hier gänzlich anderer Natur waren – wäre es Favre zu wünschen, dass er in seiner (vielleicht) abschließenden Saison bei Borussia Dortmund das nachholt, was ihm mit Hertha vor nunmehr 11 ½ Jahren so haarscharf verwehrt blieb. Aber mit dem Punktesammeln dürfen er und seine Mannschaft sich gern noch eine Woche Zeit lassen.

[Titelbild: Lars Baron/Getty Images]