Herthaner im Fokus: RB Leipzig – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: RB Leipzig – Hertha BSC

Was soll man noch zu diesem Saisonstart schreiben? Gegen Leipzig verlor die Hertha zum vierten Mal in Folge und findet sich auf einem temporären 15. Tabellenplatz wieder. Wir blicken auf die Leistung einzelner Herthaner nach diesem gebrauchten Tag, welcher allerdings auch ein paar positive Erkenntnisse hervorbrachte.

Omar Alderete – Durchwachsenes Debüt

Der paraguayische Nationalspieler gab gegen RB sein Startelf- und Hertha-Debüt. Hierbei agierte er zunächst unglücklich. Vor dem 1:1 in der 11. Spielminute klärte er zunächst zu Leipzigs Innenverteidiger Dayot Upamecano, Alderete setzte zwar nach, konnte aber vor dem entscheidenden Schuss den Ball nicht richtig abschirmen und verlor den Ball an den Torschützen Upamecano. Hier wurde ersichtlich, dass sich der Innenverteidiger noch an die Körperlichkeit und das Tempo der Bundesliga gewöhnen muss.

Foto: IMAGO

Die Leistung Alderetes kann man am ehesten mit „gut, aber noch Luft nach oben“ beschreiben. Zwei abgefangene Bälle, fünf klärende Aktionen und zwei geblockte Schüsse stehen einer 64% Passquote gegenüber. Das ist für die im Spielaufbau schwache Hertha einfach zu wenig. Hierbei muss allerdings auch erwähnt werden, dass sich der 23-Jährige auch die meisten langen Bälle aller Herthaner traute – ganze zwölf schlug er, um das Spiel schnell zu machen. Dass dabei nicht alle Pässe ankommen können ist klar und sein Mut ist löblich, dennoch muss sich die Quote noch bessern. Grundsätzlich stand der Paraguayer oft ein wenig zu weit vom Mann entfernt. So ließ er sich in der Nachspielzeit zu einfach von Christopher Nkunku täuschen, sodass der folgende Distanzschuss das Tor nur knapp verfehlte.

Auffällig war aber: Alderete kommuniziert und delegiert seine Mitspieler. Die Führungsspielerdebatte, die seit Anfang der Saison geführt wird, hat also mitunter einen neuen Akteur. Das ist dahingehend von Vorteil, dass man so auch bei einer gewissen Rotation immer jemanden auf dem Platz hat, der die Mannschaft antreibt. Die kommenden Spiele werden zeigen, welche Rolle unser neuer Innenverteidiger im Mannschaftsgefüge einnimmt und ob er sich als ernsthafte Alternative zum verletzen Jordan Torunarigha empfehlen kann.

Maximilian Mittelstädt – Die fehlenden letzten Prozente

Ein erster Knick in der Saison des Maximilian M. zeigt sich, als er in der 83. Minute ausgewechselt wurde. Absolvierte er noch jedes andere Spiel über die vollen 90 Minuten, entzog ihm Trainer Bruno Labbadia hier öffentlich das Vertrauen. Droht dem Youngster jetzt die Bank?

Foto: IMAGO

So ähnlich würde es klingen, wenn man mit vier Weizenbier im Doppelpass sitzen würde. Aber mal im Ernst. Der Linksverteidiger gehörte zu den auffälligsten Spielern dieses Samstagnachmittags. Er hatte nicht nur die zweitmeisten Ballkontakte hinter Torwart Alexander Schwolow, sondern schaltete sich auch oft ins Offensivspiel mit ein und spielte eine Reihe sehenswerter Pässe, darunter einen Vladimir Darida, der den Konter zum 1:0 in der 8. Minute einleitete. Hier wünscht man sich allerdings noch mehr intensive Läufe ins letzte Angriffsdrittel, Mittelstädt könnte in seinem Spiel mit Ball noch prägender sein.

Defensiv lief es wesentlich besser: vier abgefangene Bälle und sechs klärende Aktionen markieren jeweils den Bestwert unter allen Hertha-Spielern. Aber auch hier Licht und Schatten, In einigen Szenen fing Mittelstädt Bälle geistesgegenwärtig ab und gewann direkte Duelle gegen Gegenspieler Justin Kluivert höchst souverän. in anderen Momenten ließ er sich von ihm jedoch düpieren und musste hinterherrennen. Keinesfalls ein schlechter Defensivauftritt des 23-Jährigen, allerdings besteht auch hier noch Luft noch ab oben.

Das Berliner Eigengewächs entwickelt sich immer mehr vom Hoffnungs- zum Leistungsträger. Um diesen Status vollends zu verdienen muss er allerdings noch konstanter werden. Das große Vertrauen Labbadias und die daraus resultierenden vielen Einsatzminuten werden Mittelstädt dabei helfen.

Deyovaiso Zeefuik – Bitter

Zwei Fouls und zwei gelbe Karten sorgten dafür, dass der Niederländer schneller weg war als Jürgen Klinsmann. HaHoHe, euer Deyo.

Jhon Córdoba und Krzystof Piatek – Ein entschiedenes Duell?

Die zwei großen Lieben von Jhon Córdoba sind: der Ball und Alexander Schwolow. Anders kann man sich es kaum erklären, warum der Kolumbianer derart oft mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht und dabei aber dermaßen viele Bälle festmacht. Vier Schüsse feuerte der Stürmer zumindest in Richtung Leipziger Tor, einer davon saß.

Foto: IMAGO

Insgesamt also einer der aktivsten Berliner. Beim dritten Tor im  fünften Spiel kann man die vorsichtige Prognose wagen, dass sich dieser Transfer definitiv gelohnt hat. Leider egalisierte er seine gute Leistung mit einem verschuldeten Elfmeter. Um es mit dem Fußballspruch des Jahres 2018 zu sagen: „Stark! Ein Tor gemacht, eins vorbereitet.“

Apropos Transfer, was macht eigentlich der Berliner Lewandowski, Krzystof Piatek? Er ist leider mehr Berliner, als Lewandowski. Eingewechselt zur 83. Minute konnte er gerade einmal einen einzigen Ballkontakt vorweisen. Natürlich darf man jetzt keine Wunder erwarten, wenn man nur noch sieben Minuten zu spielen hat, aber die Tatsache, dass er überhaupt erst so spät eingewechselt wurde, zeigt wer im Konkurrenzkampf um die Sturmspitze momentan die kolumbianische Nase vorne hat. Hoffen wir, dass dieser teure Polenböller sich so verhält wie ein Billiger und ein Spätzünder ist.

Bruno Labbadia – Machtlos

Die „alte Dame“ versetzt den „schönen Bruno“ ein weiteres mal. Vermeidbare individuelle Fehler kosten ein weiteres Mal Punkte. Bei solchen Aussetzern kann auch der beste Trainer nichts machen. Nach den Toren wirkte Labbadia fassungslos und resigniert. Der Frust entlud sich schließlich in Richtung des Schiedsrichters, Tobias Stieler, der durch eine interessante „Leistung“ auffiel, und Labbadia schließlich auch mit Gelb verwarnte.

Grundsätzlich ist die Richtung, in die es unter Labbadia geht, durchaus erfolgsversprechend. Hertha hat, so unglaublich es klingt, die viertbeste(!) Offensive der Liga. Allerdings auch die dritt schlechteste Defensive. Wenn man dieses Problem also in den Griff bekommt, dann kann aus dieser Mannschaft durchaus was werden.

Wen gabs noch?

Alexander Schwolow: Bis jetzt auch als Transfererfolg zu verbuchen, hielt alles was zu halten war. Sieht allgemein bei Gegentoren selten unglücklich aus und macht seinem Namen als Mr. Konstanz alle Ehre.

Dedryk Boyata: Nach bisher durchwachsenen Leistungen präsentierte sich der Belgier sicher und aufmerksam. Gerne mehr davon!

Fazit

Unter Strich bleibt genau das, was sich die letzten Spiele auch gezeigt hat. Das spielerische Können der Hertha ist definitiv vorhanden. Die Mannschaft muss aber noch mehr zusammenwachsen. Abläufe müssen einstudiert und Automatismen verinnerlicht werden. Eine Passquote von gerade einmal 67% ist einfach zu wenig (wenn auch von der Unterzahl beeinflusst). Auffällig ist auch, dass Hertha den Ball in diesem Spiel fast ausschließlich knapp vor dem letzten Drittel verloren hat. Wir kommen also nicht wirklich vors Tor. An dieser Stelle wird das Fehlen eines kreativen Mittelfeldstrategen abseits von Matheus Cunha deutlich. Vielleicht kann Matteó Guendouzi mit seinem Einsatzwillen und der Zweikampfstärke hier Abhilfe schaffen.

Dumme Fehler, die sich zu einer Niederlage aufsummieren. So würde man diesen Saisonauftakt der Hertha dem Fußballgott pitchen. Zweiter Teil des Pitches wäre aber eine heldenhafte Wiederauferstehung, die dafür sorgt, dass es wieder Spaß macht Hertha zu gucken. Hoffen wir mal, dass dieser Wunsch erhört wird.

[Titelbild: Boris Streubel/Getty Images]

Vorschau: RB Leipzig – Hertha BSC: Ein wichtiges Spiel für das Selbstbewusstsein

Vorschau: RB Leipzig – Hertha BSC: Ein wichtiges Spiel für das Selbstbewusstsein

Es gab einmal eine Zeit, in der die Hinrunde die Kernkompetenz von Hertha zu sein schien. So holte die „Alte Dame“ in den Spielzeiten 2015/2016 sowie 2016/2017 jeweils 32 bzw. 30 Zähler nach 17 gespielten Partien. Dass es dann nicht für die Champions League reichte, war in beiden Fällen mit einer wesentlich schlechteren Rückrunde zu begründen. Doch mit dem Weggang von Pal Dardai scheinen auch die guten Saisonstarts passé. So reichte es im Vorjahr zu mageren 19 Punkten bis zur Winterpause und auch aktuell steuert Hertha nicht gerade neue Rekordmarken an. Nach dem vielversprechenden 4:1-Auftaktsieg in Bremen folgte kein einziger Zähler mehr. Während aus den Niederlagen gegen Frankfurt und in München noch einige positive Aspekte mitgenommen werden konnten, blieb nach dem jüngsten 0:2 gegen Stuttgart einzig eine riesige Portion Ernüchterung.

Es erinnert gerade vieles an den Herbst 2019. Während Hertha im unteren Bereich der Tabelle herumdümpelt, redet der Investor bzw. dessen Anhang (Jens Lehmann) von Europa. Geholfen ist damit niemandem. Ruhe im Karton kann – das ist im Fußballgeschäft wohl die älteste Weisheit überhaupt – nur durch sportlichen Erfolg hergestellt werden, am besten sofort. Dafür ist der kommende Gegner aus Leipzig allerdings der aktuell denkbar schlechteste Gegner.

Um einen detaillierten Einblick in die Situation bei RB zu bekommen, haben wir mit Leipzig-Experte Kai gesprochen, der uns unter anderem erklärt, wie sehr der Abgang von Timo Werner wirklich schmerzt.

Die Leipziger Frühstarter

Stand jetzt gelingt es Leipzig, den Abgang von Timo Werner zu kompensieren. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Während Hertha seit letzter Saison, wie eingangs beschrieben, gehörige Probleme mit dem Start in die Spielzeit hat, kann das von Leipzig keineswegs behauptet werden. Zehn Punkte nach vier Partien standen sowohl in der letzten Saison als auch in dieser zubuche. 2019/2020 mündete dies sogar in der Herbstmeisterschaft und einem zwischenzeitlichen Vorsprung von vier Punkten auf den späteren Meister Bayern München.

Dass dieser starke Start wiederholt werden konnte, war in dieser Form nicht unbedingt zu erwarten. Es wurde mit Spannung beobachtet, wie RB den Abgang von Timo Werner verkraften würde, der in der Vorsaison an unglaublichen 36 Toren in 34 Spielen beteiligt war. Auch Patrik Schick, der immerhin zehn Treffer und zwei Assists beisteuerte, konnte nicht gehalten werden. Fragte sich manch einer, wer denn nun im Leipziger Dress noch für Tore sorgen solle, lautet die korrekte Frage gerade eher: Wer nicht? So sagt Kai: „Vor einem Jahr hatte Werner 5 der 10 Treffer [nach vier Spielen] erzielt, heute verteilen sich die Tore auf 6 Spieler.  Das zeigt schon, in welche Richtung es geht. Die Tore und Vorlagen von Werner sollen im Kollektiv ersetzt werden. Neben den etatmäßigen Stürmern soll mehr Torgefahr aus dem offensiven Mittelfeld kommen, das sicher das Prunkstück von RB ist. Forsberg, Olmo, Nkunku, Sabitzer und Kampl ist schon eine beeindruckende Reihe geiler Kicker, von denen jeder für 5-10 Saisontore gut ist, wenn alles läuft.  Und zur Not haben wir ja noch unseren neuen Goalgetter Angeliño.“  

Aus der Not eine Tugend machen

Anhand dieser Aufzählung zeigt sich schon, dass die Spielweise in dieser Saison eine andere ist. War in der Vergangenheit viel darauf ausgerichtet, Werner hinter die Kette zu schicken, sodass er sein Tempo möglichst gut nutzen kann, hat RB nun eine neu gewonnene Variabilität, die es für Gegner schwieriger machen könnte, die Leipziger auszurechnen: „Ohne den klaren Fokus auf den klassischen Stürmer Werner und sein Tempo in Umschaltsituationen sind wir offensiv flexibler geworden. Die beiden Spiele gegen Schalke und Augsburg (in der 1. Halbzeit) haben davon schon einen Eindruck gegeben. Eine Aufstellung ohne richtigen Stürmer, dafür mit der offensiven Dreierkette Olmo, Forsberg, Nkunku und ganz viel Ballzirkulation, ausgeklügeltem Positionsspiel und schnellen One-Touch-Kombinationen im Angriffsdrittel. Dazu kommen ein sehr offensiver Angeliño auf links, der eine gefährliche Flügelkomponente ins Spiel bringt. Und mit Poulsen, Hwang, Sörloth und Kluivert verfügt RB noch über vier unterschiedliche Stürmertypen, die je nach Gegner und Spielsituation andere Qualitäten mitbringen können. Insgesamt könnte man sagen, dass RB durch den Weggang von Werner und die Neuzugänge noch mehr zu einem Nagelsmann-Team geworden ist.“, sagt Kai.

Reicht es dieses Jahr zu mehr als Top 4?

Selbst Linksverteidiger Angelino schießt aktuell alles kurz und klein. (Photo by Maja Hitij/Getty Images)

So scheint es also, als hätte es Leipzig trotz des Abgangs von Werner geschafft, den Kader insgesamt sogar noch zu verstärken. Mit Hwang, Sörloth, und Justin Kluivert wurden drei neue Angreifer mit jeweils verschiedenen Profilen ins Boot geholt. Hinzu kommen Spieler, die sich im Vergleich zum Vorjahr enorm gesteigert haben. Emil Forsberg, der in der Vorsaison noch eine eher untergeordnete Rolle spielte, zeigt sich in hervorragender Frühform. Angelino, der im Januar von Manchester City ausgeliehen wurde, spielt derzeit in einer Verfassung, dass man sich fragen mag, wieso er nicht längst bei den Skyblues die linke Seite beackert.

Angesichts dessen steht die Frage im Raum, ob es in diesem Jahr auch für Pokale reichen könnte. Kai betrachtet dieses Gedankenspiel eher mit Skepsis: „Mag sein, dass im zweiten Nagelsmann-Jahr die internen Erwartungen im Verein noch höhergesteckt sind, auch angesichts der aktuell nicht überzeugenden Performance beim Wettbewerber BVB und zumindest leichten Schwächen der Bayern. Mir fehlt dafür momentan noch einiges an Fantasie, zumal der Saisonstart im vergangenen Jahr ähnlich gut war und es dann nach der Winterpause etwas dahin ging. Ein entscheidender Punkt wird sein, wie das Team die Belastungssteuerung in den jetzt beginnenden englischen Wochen hinbekommt und ob man ohne größere Ausfälle durch den absurd dichten Spielplan dieser Saison kommt. Der längere Ausfall von Klostermann (Knie-OP) ist schon mal ein harter Schlag ins Kontor.“

Mit Selbstvertrauen in die kommenden Wochen


Auch wenn es für Hertha an einem normalen Tag gegen ein Leipzig in dessen aktueller Verfassung realistisch gesehen wenig zu holen gibt, ist das Spiel keinesfalls ohne Bedeutung. Nach der Partie in der Messestadt geht es für Hertha gegen Wolfsburg, Augsburg. Hier ist es zwingend nötig, Punkte einzufahren, zumal die nachfolgenden Gegner Dortmund und Leverkusen heißen. Da kann es keineswegs schaden, sich mit einer ordentlichen Vorstellung in Leipzig das dringend erforderliche Selbstvertrauen zu holen.

*Quelle Titelbild: Alexander Hassenstein/Getty Images