Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Mittelfeld

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Mittelfeld

„Wenn du ein gutes Mittelfeld hast, hast du ein gutes Team“, sagte einmal Casemiro, Mittelfeldspieler bei Real Madrid. Er muss es wissen, denn Real Madrid ist zuletzt erneut spanischer Meister geworden. Eigentlich wissen das auch die meisten, die sich mit Fußball länger befassen, denn insbesondere das zentrale Mittefeld ist das Herzstück einer Fußballmannschaft. Im nächsten Teil unserer Artikelserie geht es genau darum. Wie verlief die Saison für Herthas zentrale Mittelfeldspieler? Wie ist der Stand aktuell und wo ist noch Bedarf?

Mehrere Spieler im Mittelfeld sorgten bei der „alten Dame“ in der vergangenen Saison für Gesprächsstoff. Ob Marko Grujic mit blauem Auge zum Saisonstart, der Abgang von Eduard Löwen nach nur sechs Monaten in Berlin, die Rückkehr in Topform von Vladimir Darida oder auch der Abschied von Per Skjelbred: es war einiges los im „Herzstück“ der Hertha-Mannschaft. Da Mittelfeldspieler ganz besonders im Zusammenhang mit Ihren Mitspielern zu bewerten sind, wollen wir dieses Mal zunächst chronologisch vorgehen.

Saisonstart mit Grujic, Duda und Löwen

Erst Jubel, dann Schmerz beim Treffer von Marko Grujic. (Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images)

Die älteren unter uns werden sich erinnern – denn dieser Saisonstart gegen den FC Bayern München ist gefühlt bereits 50 Jahre her. Marko Grujic krönte gegen den Rekordmeister während der Saisoneröffnung eine gute Leistung mit einem Tor. Im Adrenalinschub bemerkte er erst beim Jubeln, dass es ihn im Zweikampf mit Weltmeister Benjamin Pavard am Auge erwischt hatte und er ein blaues Auge davontragen würde.

Im Kader mit dabei waren in München übrigens Eduard Löwen und Sidney Friede. Beide spielten in dieser Hinrunde jedoch kaum bis gar keine Rolle und verließen die „alte Dame“ im Winter. In der Startelf stand dafür Ondrej Duda. Der Slowake fand nach einer überragenden Spielzeit 2018/19 allerdings nicht richtig zu seiner Form, profitierte sicherlich auch nicht vom Trainerwechsel. In den ersten fünf Partien (nur vier Punkte) spielte er von Beginn an, wurde beim ersten Saisonsieg gegen den SC Paderborn dann zur Halbzeit ausgewechselt.

Es folgten nur noch knapp 90 Minuten Einsatzzeit bevor er unter Jürgen Klinsmann nicht mal mehr im Kader stand. Er wurde im Winter zu Norwich City ausgeliehen, wo er jedoch nach dem „Re-Start“ nicht mehr erste Wahl war. Seine Zeit in der Premier League verlief zusammengefasst eher unglücklich, sein Verein musste absteigen und er selbst blieb ohne Erfolg (null Tore, null Vorlagen).

Skjelbreds Rückkehr, Grujic ohne Konstanz

Per Skjelbred war nicht als Stammspieler erwartet, meldete sich aber eindrucksvoll zurück. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Während Hertha unter Ante Covic zu Saisonbeginn vor sich hinkriselte, arbeitete sich nach den ersten zwei Niederlagen ein Spieler zurück in die Startelf, der im Sommer schon fast abgeschrieben wurde. Per Skjelbred stand am vierten Spieltag wieder in der Startelf und spielte eine wichtige Rolle im Laufe der Saison. Dabei übernahm er die defensive Rolle im zentralen Mittelfeld neben Marko Grujic. Die Offensivere Position davor gab Duda an Vladimir Darida ab. Der Tscheche wurde daraufhin eine der wenigen Konstanten im Spiel der „alten Dame“.

Anders verlief es für Marko Grujic. Dieser bekam zwar regelmäßig seine Einsätze, konnte allerdings nicht konstant seine Leistung abrufen. Teilweise blitze seine Qualitäten auf, wie beispielweise im Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt (2:2, ein Tor, eine Vorlage), in vielen anderen Spielen allerdings fiel er durch zu langsames Agieren, Foulspiele und Unkonzentriertheiten auf, die mitunter auch zu Gegentreffern führten. Die chaotische Zeit unter und nach Jürgen Klinsmann brachte auch beim Serben viel Unsicherheit. Die ständigen Wechsel in der Zentrale (mal spielte Skjelbred, mal Darida neben Grujic) halfen dabei sicherlich auch nicht.

Im Winter kam Klinsmanns Wunschspieler Santiago Ascacibar vom VfB Stuttgart und übernahm für die letzten Partien seines Trainers die Position des klassischen Sechsers. Der Argentinier kam in einer denkbar ungünstigen Zeit an, in welcher der Hauptstadtclub immer mehr im Chaos versank. Nach dem „Re-Start“ zog sich der 23-Jährige eine schwere Fußprellung und fiel für die restlichen Spiele aus. Allerdings muss man dem “Giftzwerg” zugute halten, dass er seine Aufgabe in den wenigen Spielen zufriedenstellend erledigte und noch zu den positiven Erscheinungen der Mannschaft gehörte.

Neues Selbstvertrauen im Mittelfeld unter Bruno Labbadia

Vladimir Darida für Labbadia nicht wegzudenken. (Foto: Lars Baron/Getty Images)

Als es dann wieder mit der Bundesliga losging und Hertha BSC unter Bruno Labbadia eindrucksvoll nach nur wenigen Spielen den Klassenerhalt sicher machte, glänzte ein Spieler ganz besonders. Die „Lunge der Liga“ Vladimir Darida sammelte nicht nur Rekorde durch seine Laufleistungen, er überzeugte auch spielerisch und gab der gesamten Mannschaft Sicherheit.  Dabei übernahm er erneut den etwas offensiveren Part zwischen „klassischer Zehn“ und „Achter“. Es war zu spüren, dass der 29-Jährige dann besonders stark ist, wenn er im System mit drei zentralen Mittelfeldspielern den offensiveren Part übernehmen kann. Auch das Pressing unter Bruno Labbadia passt perfekt zum Mittelfeld-Allrounder. Insgesamt konnte er drei Treffer erzielen und fünf weitere vorlegen.

Dabei unterstützt wurde er von einem wieder erstarkten Marko Grujic, der sich zu Saisonende nochmal spürbar verbessert zeigte. Auch Per Skjelbred zeigte starke Leistungen, bevor er aufgrund einer Verletzung ausfiel und erst in der letzten Partie einen Kurzeinsatz zum Abschied bekam. Arne Maier fiel fast die gesamte Hinrunde wegen einer Knieverletzung aus, kam aber trotz einer für ihn eher unrühmlichen Transferperiode in der Rückrunde zu vier Startelf- und acht Kurzeinsätzen. Niklas Stark musste auf der „Sechs“ für kurze Zeit aushelfen und sogar Lazar Samardzic feierte sein Debüt.

Die Saison fand also auch im zentralen Mittelfeld ein versöhnliches Ende, brachte aber auch für die Sommerpause viele Fragen mit sich, angesichts der vielen anstehenden Wechsel. Von den im Laufe unseres Rückblicks genannten Spielern sind einige keine Option mehr für die nächste Saison: Eduard Löwen, Per Skjelbred und Sidney Friede sind definitiv nicht mehr im Kader. Auch Marko Grujic ist nach Liverpool zurückgekehrt. Es steht noch nicht fest, ob ihn Hertha erneut für eine Saison an die Spree locken kann, oder ihn womöglich sogar fest verpflichtet. Was bleiben bei Hertha also für Optionen?

Offensive Optionen im Zentralen Mittelfeld

Dudas Rückkehr mit Fragezeichen. (Foto: Tim Keeton/Pool/AFP via Getty Images)

Mit Vladimir Darida wird glücklicherweise aus Hertha-Sicht weiter zu rechnen sein. Derzeit sollen die Verantwortlichen ein Angebot zur frühzeitigen Verlängerung für den Tschechen erarbeiten, dessen Vertrag aktuell noch bis 2021 läuft. Ein Verbleib ist also hochwahrscheinlich, Cheftrainer Labbadia stellte bereits klar, dass er auf den Laufstarken Spieler setzt. Die Blau-Weißen haben also mit ihm eine sehr gute Option für alle zentralen Positionen, wobei er insbesondere als offensiverer „Achter“ glänzen könnte.

Eine weitere Option für das offensive zentrale Mittelfeld wird der Rückkehrer Ondrej Duda sein. Dieser bleibt aber ein großes Fragezeichen, da er sich zunächst im Labbadia-System zurechtfinden muss. Da er bisher nur in einer Saison bei Hertha BSC so richtig einschlagen konnte, ist es schwierig ihn als „sichere“ Lösung anzusehen. Winterneuzugang und neuer Publikumsliebling Matheus Cunha ist als Offensiv-Allrounder zwar grundsätzlich auch als „Zehner“ denkbar. Im System unter Bruno Labbadia ist er jedoch eher als hängende Spitze oder frei in der Offensive gesetzt worden. Den Brasilianer besprechen wir in unserer Artikelserie, wenn wir bei Herthas Sturm angelangen.

Schließlich könnte auch der junge Lazar Samardzic in der neuen Saison eine Chance bekommen, sich zu zeigen. Der 18-Jährige machte sein Bundesligadebüt im Derby gegen Union Berlin (4:0) und bekam zwei weitere Kurzeinsätze. Der gebürtige Berliner gilt als Riesentalent, trat jedoch zuletzt für Hertha Fans eher negativ in Erscheinung: angeblich wolle er oder seine Berater einen Wechsel im Sommer forcieren. Sollte er jedoch bleiben, wäre sein Profil besonders interessant, da er auf seiner Position momentan nicht die größte Konkurrenz hat.

Maiers Rückkehr – Tousart und Ascacibar mit Rückstand

Tousart hat monatelang nicht mehr gespielt. (Foto: Philippe Desmazes/AFP via Getty Images)

Für die defensiveren Aufgaben steht wieder Arne Maier zur Verfügung. Verletzungen warfen den 21-Jährigen in dieser Saison zurück und bremsten seine bisher rasante Entwicklung im Profibereich. Sollte er jedoch fit bleiben und eine komplette Sommervorbereitung unter Bruno Labbadia absolvieren geht er mit einer sehr guten Ausgangslage in die neue Saison. Noch wichtiger als seine Qualitäten im defensiven Mittelfeld ist seine Fähigkeit, auf der „Acht“ eine Verbindung zwischen Defensive und Offensive herzustellen. Dafür wird er in Topform aufspielen müssen und einen defensiv aufgestellten Mitspieler im Mittelfeld als Absicherung brauchen, um im den Rücken freizuhalten.

Mit Lucas Tousart hat sich die „alte Dame“ einen Spieler für die kommende Saison geholt, der genau diese Absicherung herstellen kann. Er bringt nämlich Zweikampfstärke, Physische Präsenz, bedingungsloser Einsatz und Qualität mit. Über seine Stärken und Schwächen haben wir bereits im Januar einen längeren Artikel geschrieben: hier. Allerdings kommt der Franzose nicht gerade unter optimalen Umständen in die Hauptstadt an. Durch die frühzeitige Beendigung des Ligabetriebs in Frankreich und die anstehende Sommerpause fehlen ihm monatelange Spielpraxis. Er wird viele anspruchsvolle Trainingseinheiten unter Bruno Labbadia benötigen, um den Fitness-Rückstand aufzuholen und wieder auf Topniveau zu kommen. Schließlich wird er sich an die neue Liga, Mannschaft und Heimat gewöhnen müssen.

Es ist also eher unwahrscheinlich, zum Saisonstart einen topfitten und gut aufgestellten Lucas Tousart zu erwarten, sowohl Fans als auch Verein werden da geduldig sein müssen. Ähnliches wird mit Abstrichen auch für Santiago Ascacibar gelten: Die Corona-Pause und seine anschließende Verletzung werden zu einem ähnlichen Fitness-Zustand geführt haben. Seine Qualitäten als klassischer Sechser könnten allerdings im Verlauf der kommenden Saison, vor allem im Hinblick auf den Abgang von Per Skjelbred, besonders wertvoll werden.

Braucht Hertha noch Verstärkung?

Auch Santiago Ascacibar hat lange gefehlt. (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Sowohl im offensiven, als auch im defensiven zentralen Mittelfeld gibt es also einige Unsicherheiten. Zwar klingt es zunächst sinnvoll, einen kreativen, offensivstarken zentralen Mittelfeldspieler zu holen, da es gerade dort nicht viele klare Optionen gibt. Doch mit der Rückkehr von Ondrej Duda, der Hochform von Vladimir Darida und den Qualitäten von Matheus Cunha ist die Baustelle in diesem Sommer womöglich etwas weiter hinten anzustellen.

Sowohl Ascacibar als Tousart sind für harte Zweikämpfe bekannt und sammeln regelmäßig Karten. Gelb- und womöglich auch Rot-Sperren sind vorprogrammiert, sodass die Möglichkeit besteht, dass beide zur selben Zeit nicht zur Verfügung stehen. Niklas Stark ist da sicherlich eine Option, um im defensiven Mittelfeld auszuhelfen, wenn in der Innenverteidigung kein Engpass besteht. Der junge Julian Albrecht aus der eigenen Jugend könnte ebenfalls seine Chance bekommen. Doch ein weiterer Spieler, der sowohl defensiv wie auch offensiv aushelfen könnte, würde eine mögliche Schwachstelle im „Herzstück“ der Mannschaft verhindern.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Hertha sehr daran interessiert ist, Marko Grujic wieder zur Verfügung zu haben. Der 24-Jährige kennt mittlerweile sowohl die Bundesliga als auch seine Mitspieler bestens und wäre sofort eine Verstärkung, so inkonstant diese sein mag. Wenn ein gutes Mittelfeld ein gutes Team bedeutet, wird Hertha jedenfalls auch im zentralen Mittelfeld sehr überlegt agieren müssen, um angemessen gerüstet für die neue Spielzeit zu sein. Andernfalls werden auch potenzielle millionenschwere Einkäufe im Sturm nicht ausreichen, um endlich eine sorgenfreie Spielzeit von Hertha BSC zu erleben.

Die wichtigsten Gerüchte um weitere Kandidaten im zentralen Mittelfeld könnt ihr in unserer Gerüchteküche verfolgen!

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Schalke 04

Nein, so wirklich Spaß wollen die Spiele von Hertha BSC im Moment nicht machen. Aber was will man beanstanden, wenn die Mannschaft unter Trainer Jürgen Klinsmann in acht Spielen ganze zwölf Zähler sammelt und sich somit Stück für Stück aus dem Abstiegskampf befreit? Auch gegen den FC Schalke 04 lieferten die Berliner kein spielerisches Glanzstück ab, arbeiteten dafür aber umso disziplinierter gegen den Ball und rangen dem Tabellensechsten somit ein 0:0 ab. Punktgewinn, mal wieder zu null gespielt, abgehakt und weiter geht’s. Diesen Pragmatismus muss man nicht abfeiern, aber es ist anzuerkennen, welch für den Gegner eklig zu bespielende Truppe das Trainerteam geformt hat.

Auch wenn die Begegnung am Freitagabend gegen die “Königsblauen” ohne viele Highlights auskommen musste, haben sich ein paar Herthaner hervorgetan – positiv wie negativ. Diese wollen wir nun genauer unter die Lupe nehmen.

Boyata & Torunarigha – die neue Stamm-Innenverteidigung?

Dass Hertha auch am 20. Spieltag so schwer zu bespielen war, lag zu großen Teilen an der neuen Innenverteidigung. Dedyrick Boyata kehrte nach seiner abgesessenen Gelbsperre zurück in die Startelf der Hausherren, neben ihm lief Jordan Torunarigha auf, der sich durch die sehr guten Leistungen in den vorangegangenen zwei Partien empfohlen hatte. Das Duo, dass gegen den FC Bayern München erstmals gemeinsam auflief, ließ gegen Schalke keinen Zweifel daran, wer in Zukunft die Stamm-Innenverteidigung bei Hertha bilden sollte.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Denn eines ist nach dem Spiel klar: versucht der Gegner (heißt dieser nicht FC Bayern) mit einfachen Mitteln wie Flanken oder dem Distanzschuss Tore zu erzielen, wird er mit Boyata und Torunarigha auf dem Platz keinen Erfolg damit haben. Beide Innenverteidiger Herthas wirkten gegen Schalke über die gesamte Spieldauer hoch konzentriert und souverän. Einzig der in der 57. Minute zu kurz geratene Rückpass Boyatas auf Rune Jarstein, den Benito Raman abfing und zur Torchance umwandelte, war als klarer Fehler abzubuchen. Darüber hinaus gab es noch den sehr gefährlichen Kopfball Michael Gregoritschs in der 85. Minute, der knapp am rechten Pfosten vorbeiging und bei dem Torunarigha etwas zu spät kam, doch ist es auf diesem Niveau nahezu unmöglich, alle Chancen des Gegners abzufangen.

Darüber hinaus ließen die zentralen Abwehrmänner in blau-weiß nichts gefährliches zu. Durch exzellentes Stellungsspiel und Zweikampfverhalten waren beide kaum zu überwinden. Torunarigha gewann einmal mehr alle seine Kopfballduelle, sicherte neun Bälle und klärte vier Aktionen. Hinzu kommen zwei Blocks und zwei abgefangene Bälle. Das Berliner Eigengewächs macht den Eindruck, als sei sein Spiel deutlich erwachsener geworden. Zwei zeigt er wohl weniger spektakuläre Szene als in der Vergangenheit, jedoch unterlaufen ihm zeitgleich deutlich weniger Fehler und Unaufmerksamkeiten. Der 22-Jährige wird erwachsen und das tut seinem Spiel gut – die gelegentlichen Dribblings bis in die gegnerische Hälfte lässt er sich aber dennoch nicht nehmen und das ist auch richtig so, da diese Unordnung beim Gegner und Raumgewinn schaffen. Ansonsten gilt in den letzten Spielen: auf Torunarigha ist Verlass. So ist die Nummer 25 nicht wegzudenken.

Dasselbe gilt bereits seit Saisonbeginn für Boyata. Der Belgier bewies gegen die Gelsenkirchener einmal mehr, warum er der konkurrenzlose Abwehrchef der “alten Dame” ist. Als wäre er nie weg gewesen, führte der 29-Jährige die Hertha-Abwehr an, kommunizierte und richtete aus. Für seine Mannschaftskameraden ist klar: wenn ich nicht weiter weiß, schaue ich zu “Dedo” oder gebe ihm den Ball. Während einige Herthaner große Probleme mit dem Schalker Pressing hatten, blieb Boyata ruhig und spielte den gepflegten kurzen Ball. Auch im Abwehrverhalten strahlte der Nationalspieler große Sicherheit aus: elf Ballsicherungen, acht geklärte Aktionen, ein abgefangener und geblockter Ball unterstreichen seine starke Vorstellung. Seine wohl auffälligste Szene hatte Boyata in der 49. Minute, als Schalkes Raman nur noch ihn zu überwinden hatte, um alleine auf das Tor ziehen zu können. Der Innenverteidiger drehte sich allerdings sehr handlungsschnell und fing seinen flinken Landsmann mit beeindruckender Dynamik ein. Eine Szene, die stellvertretend für das Gefühl steht, dass er bei Hertha-Anhängern auslöst: Boyata ist immer zur Stelle.

In dieser Form besteht kein Zweifel daran, dass Boyata und Torunarigha das gesetzte Innenverteidigerduo sein müssen. Beide lassen kaum etwas zu und können zudem mit dem Ball umgehen. Ob Boden oder Luft, sie sind kaum zu besiegen. Während Herthas Innenverteidigung in weiten Teilen der Hinrunde eine riesige Baustelle gewesen ist, strahlt die Konstellation vom Freitagabend große Sicherheit aus. So haben es Niklas Stark und Karim Rekik schwer, wieder in die Startelf zu drängen.

Santiago Ascacibar – sein bislang bester Auftritt?

Es ist bereits beeindruckend gewesen, wie selbstverständlich sich Neuzugang Ascacibar nach nur wenigen Wochen mit der Mannschaft in die Stammelf gespielt hat. Der argentinische Mittelfeldkämpfer stand in jedem der drei gespielten Rückrundenpartien in der Anfangsformation, doch gelang im gegen Schalke sein bisher stärkster Auftritt im blau-weißen Trikot.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Etwas für die Statistik-Freunde: in jedem seiner drei Partien für den Hauptstadtklub war Ascacibar der läufstärkste Spieler auf dem Feld. Das muss für sich genommen noch nichts heißen, doch verbindet der defensive Mittelfeldspieler große Raumbeherrschung und intelligente Laufwege damit. Im Spiel gegen die “Königsblauen” war Ascacibar als Manndecker auf Spielmacher Amine Harit angesetzt und dieser Aufgabe widmete sich Herthas Nummer 18 mit großer Passion. Man sah förmlich, wie der giftige Argentinier seinem Gegenspieler, der für sein Spiel Freiräume und den gewissen “Flow” braucht, Minute um Minute mehr Lust an diesem Spiel nahm. Durch seine Arbeit raubte Ascacibar den Schalkern eine große Menge Kreativität und Unberechenbarkeit. Sobald Harit etwas “starten” wollte, stand ihm Ascacibar bereits auf den Füßen. Es war kein dankbarer Job für den 22-Jährigen, da ihn nicht viele für diesen nach dem Spiel loben werden – das Arbeiten gegen Ball und Gegner ist nicht so ruhmreich wie schöne Pässe zu spielen oder Dribblings anzusetzen. Und doch wussten die Fans seine aufopferungsvolle auf Social Media zu würdigen: “Santi war überall”, “Guter Einkauf mit einem starken Spiel”.

Ascacibars Aufgabenbereich beschränkte sich aber natürlich nicht nur auf das Herausnehmen Harits, generell sollte der Sechser das gegnerische Ballbesitzspiel (zer)stören. Mit fünf Tacklings (zusammen mit Mittelstädt Bestwert), den nach Marko Grujic zweitmeisten gewonnenen Zweikämpfe und zwei abgefangenen Bällen gilt der Auftrag als erfüllt. Ascacibar war ein ständiges Störelement für Schalke, da er große Räume abdeckte und Angriffe bereits im Keim erstickte. Eine rundum starke Vorstellung des Neuzugangs, der mit jedem Spiel selbstbewusster und somit wichtiger für Hertha wird. Einer muss die Drecksarbeit eben machen.

Lukas Klünter – Herthas Schwachpunkt?

Gut, die Eingangsfrage ist wohl sehr provokant formuliert, schließlich gehört Lukas Klünter zu den konstantesten Spielern der laufenden Spielzeit. Besonders im Verhalten gegen den Ball ist dem Rechtsverteidiger nur seltenst ein Vorwurf zu machen, doch kristallisierte sich vor allem im Spiel gegen Schalke ein großes Problem auf: Klünter ist vom Gegner als Pressingopfer ausgemacht worden und das zurecht.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/getty Images

Es ergab sich am Freitgabend immer wieder dasselbe Bild: Schalke presste äußerst aggressiv und lief bis zur Viererkette an. Dabei lenkten sie Herthas Abwehrspieler so, dass Boyata den Ball letztendlich auf Rechtsverteidiger Lukas Klünter spielte. Hier schnappte die Falle der Schalker zu, denn sobald Herthas Nummer 13 am Ball war, wurde er von zwei Gegenspielern attackiert. Hier kamen die technischen Mängel Klünters zum Vorschein: da er sich nicht durch ein Dribbling o.ä. im engen Raum lösen konnte, wählte er stets den Befreiungsschlag, woraus in nahezu allen Fällen ein Ballgewinn der Schalker resultierte. Indem S04 dem Außenverteidiger möglichst wenig Platz ließ, musste er auf den langen Ball zurückgreifen, um keinen Ballverlust am eigenen Strafraum zu riskieren. Dass mit Marius Wolf ebenfalls kein Edeltechniker auf seiner Seite spielte, um ihn aus solch brenzlichen Situationen herauszuholen, trug auch dazu bei, dass man sich kaum aus der Pressingfalle befreien konnte. Eine nahezu sichere Ballgewinn-Strategie der “Königsblauen”, die Herthas Aufbauspiel massiv behinderte.

Gerade einmal 56% von Klünters Zuspielen kamen beim Mitspieler an – eine grausige Quote. Auch sonst wollte dem so schnellen Außenverteidiger, der gegen Wolfsburg noch das so wichtige 2:1-Siegtor vorbereitet hatte, nicht viel gelingen. Im Gegensatz zu Mittelstädt schaltete sich der 23-Jährige kaum mit nach vorne ein. Das lag zum Teil sicherlich daran, dass Hertha im Defensivverbund oftmals in einer Fünferkette auftrat, in der Klünter den rechten Innenverteidiger gab und Wolf den Außenverteidiger, aber dennoch hätte es Gelegenheiten für Offensivausflüge gegeben. Auch ließ Klünter mehr gefährliche Flanken als sein Pendant auf der linken defensiven Außenbahn zu. Insgesamt also kein allzu guter Tag für ihn.

Nun will man Klünter aufgrund seiner bislang wirklich soliden Saison und vor allem wegen seiner starken Defensivleistungen nicht unverzüglich verdammen, aber es fällt durchaus auf, dass er in der bisherigen Rückrunde eher unglücklich auftritt. Was fehlt, sind Alternativen, die ihn bei einem kleinen Formtief ersetzen könnten. Auf Pekarik scheint nicht mehr gesetzt zu werden (zuletzt zwar dreimal infolge im Kader, aber ohne eine einzige Einsatzminute in dieser Saison) und Wolf hat sich, spielte er als Außenverteidiger oder alleiniger Schienenspieler, bislang äußerst unglücklich präsentiert. Es bleibt also zu hoffen, dass Klünter wieder zu seinem unaufgeregten Spiel zurückfindet und das Trainerteam eine Lösung dafür findet, ihn bei Pressingsituation nicht so alleine zu lassen. Hierzu hat am Freitag nämlich eindeutig ein Impuls von außen gefehlt. Klünter ist kein Lazaro – das wurde schon oft genug festgestellt – aber richtig eingesetzt kann er dieser Mannschaft gut tun.

Krzysztof Piatek – bereit für die Startelf?

Die mediale Aufmerksamkeit hätte kaum größer sein können, doch so etwas bringt eine Ablösesumme zwischen 22 und 27 Millionen Euro halt mit sich. Krzysztof Piatek hatte zuvor zwar keine einzige Minute mit der Mannschaft trainiert und trotzdem stand der Neuzugang vom AC Mailand sofort im Spieltagskader. Dass er Hertha helfen kann, hat der 24-jährige Mittelstürmer trotz fehlender Eingespieltheit aber bereits bewiesen.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images

Rund 30 Minuten reichten als erste Visitenkarte. Unverzüglich nach seiner Einwechslung brachte Piatek ordentlich Schwung in das Spiel seiner neuen Mannschaft, sofort war seine Präsenz zu spüren. Das mag auch an den vielen Kameras gelegen haben, die auf den Polen gerichtet waren, aber waren es vor allem seine Aktionen, die dem Publikum auf Anhieb klar machten: “Oh, da steht jemand, der kicken kann.” Zwar litt auch Piatek unter dem wenig dynamischen Spiel, doch brachte er zumindest etwas Elan hinein. “Mit dem Krzysztof haben wir Komponente, die Zug und Leben reinbringt, um die sich der Gegner Gedanken machen muss”, erklärte Klinsmann nach Schlusspfiff.

Die Zahlen belegen es: zwar verzeichnete der Nationalspieler nur neun Ballaktionen, jedoch auch ganze drei Schüsse (Hertha gab insgesamt neun ab). In der 66. Minute schloss Piatek nach starker Maier-Flanke und einer schnellen Drehung sofort ab, und deutete damit schon einmal seine Handlungsschnelligkeit an. Der Schuss wurde noch abgeblockt. In der 72. Minute war der Torjäger seinem ersten Treffer für Hertha noch näher, doch sein Kopfball nach einer Ecke von Lukebakio verfehlte das Schalker Gehäuse nur knapp. Und schließlich Piateks Einzelaktion in der 80. Minute, bei der der Mittelstürmer bewies, dass er obendrein noch schnell ist. Wieder eingesetzt von Maier sprintete er die rechte Seite entlang, stoppte den Ball mit einer schnellen Bewegung, sah aber, dass kein Mitspieler wirklich mitgelaufen war und so schloss er selbst ab. Zwar verfehlte er das Tor erneut, jedoch aus schwierigem Winkel.

Bei Herthas derzeitigem Offensivspiel zu glänzen, ist als Mittelstürmer wirklich nicht leicht, doch Wintereinkauf Piatek machte das beste daraus. Er strahlte sofort Gefahr und Tatendrang aus und zeigte, weshalb man ihn holte: schnelle zackige Bewegungen, der absolute Torriecher und auch das Auge für den Mitspieler. Wie schnell Piatek zünden wird, ist natürlich schwer zu sagen, doch würde es nicht verwundern, wenn Klinsmann ihn am kommenden Dienstag im Pokal in die Startelf stellen würde. Der gute erste Eindruck wird dem Polen zumindest dabei helfen, zugleich von Beginn an zu spielen.

Herthaner im Fokus: VfL Wolfsburg – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: VfL Wolfsburg – Hertha BSC

Nein, es war kein schönes Spiel, welches sich am Samstagnachmittag in Wolfsburg zugetragen hatte. Doch hält man es mit der “alten Dame” aus Berlin, wird einem das “wie” aufgrund des Endergebnisses einigermaßen egal gewesen sein. Mit 2:1 haben die Blau-Weißen die Begegnung mit dem VfL Wolfsburg in nahezu letzter Minute für sich entschieden, sodass man nach den Niederlagen der Konkurrenz mit immerhin fünf Punkten auf den Relegationsrang etwas aufatmen kann. Es folgen Herthaner, die wir in den siegreichen 90 Minuten besonders beobachtet haben.

Maxi Mittelstädt – Chance genutzt?

Das Trainerteam wartete am Samstag mit einigen Überraschungen in der Startelf auf, so gab unter anderem Maximilian Mittelstädt nach knapp zwei Monaten sein Comeback in Herthas Anfangsformation. Mehr Dampf über die linke Seite versprach man sich von dieser Entscheidung, da Aushilfskapitän Marvin Plattenhardt diesem Anspruch zuletzt nicht genügte. Der Plan sollte aufgehen.

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

“Wir haben gespürt, dass  Maxi dran war, weil er klasse trainiert hat in den letzten Wochen. Er war wirklich richtig frisch. Und so hat er auch gespielt. Er hat ein überragendes Spiel gemacht. Auf der linken Seite war richtig Leben drin”, war Jürgen Klinsmann gegenüber dem Berliner Kurier angesichts der Leistung Mittelstädts voll des Lobes. Mehr Zug nach vorne hatte im Vergleich zum Bayern-Spiel von den Außenverteidigern gebraucht und vor allem da war der Unterschied zwischen Plattenhardt und Mittelstädt zu erkennen. Herthas Eigengewächs war vor allem im ersten Durchgang der heimliche Spielmacher seiner Mannschaft – nahezu jeder Angriff wurde über ihn eingeleitet. Mittelstädt forderte die Bälle und stand im Vergleich zu Lukas Klünter auffällig hoch, um das Spiel anzukurbeln.

Auch die Zahlen belegen, welch großen Einfluss der 22-Jährige auf die Begegnungen genommen hatte: mit 85 Ballkontakten sammelte Mittelstädt mit Abstand die meisten bei Hertha, hinzu kommen drei Torschussvorlagen und ein direkter Assist. Diesen sammelte der Linksverteidiger beim 1:1-Ausgleichstreffer, den er per Ecke für Jordan Torunarigha aufgelegt hatte. Mittelstädt betrieb großen Aufwand, um ein ständiger Faktor zu sein: er lief die fünftgrößte Strecke aller Herthaner, verzeichnete die viertmeisten intensiven Läufe und niemand in blau-weiß zog so viele Sprints wie er an. Es war auffällig, wie oft Mittelstädt bis an den gegnerischen Strafraum oder in die Tiefe lief, um eine weitere Anspielstation zu bieten oder den Ballbesitz einfach nur etwas länger in der gegnerischen Hälfte halten zu können. Besonders im ersten Durchgang war der Druck immens, den Mittelstädt auf Wolfsburg ausübte. In der zweiten Hälfte flachte das Spiel des Außenverteidigers etwas ab, allerdings ohne aufkommende Nachlässigkeiten, denn auch defensiv überzeugte der Abwehrspieler: eine positive Zweikampfbilanz, neun Ballsicherungen, vier Tackles, zwei klärende Aktionen und drei abgefangene Bälle sprechen auch hier eine klare Sprache.

Eine insgesamt mehr als ordentliche Vorstellung Mittelstädts, der seine Startelfchance eindeutig genutzt hat und in dieser Form kaum wegzudenken ist. Der Konkurrenzkampf zwischen ihm und Plattenhardt geht also in die nächste Runde.

Ascacibar vs. Skjelbred – blau-weiße Doppelgänger?

Aufgrund des kurzfristigen Ausfalls von Vladimir Darida (erkältet) und dem Mangel an Alternativen hatte sich das Trainerteam dazu entschieden, Per Skjelbred gegen Wolfsburg starten zu lassen. Dieser hatte gegen den FC Bayern noch auf der Bank sitzen müssen, da Neuzugang Santiago Ascacibar ihm den Platz als alleiniger Sechser in Herthas System abgerungen hatte. Ohnehin war bei der Verpflichtung des Argentiniers klar, dass man ihn und den routinierten Norweger nur selten zusammen auf dem Platz sehen würde, teilen sich die beiden Mittelfeldzerstörer doch sehr viele Attribute. Doch wie hat es gegen Wolfsburg ausgesehen?

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Nun, wirklich schockierende Ergebnisse kamen bei diesem Feldversuch nicht heraus. Tatsächlich mutet das Spiel von Ascacibar und Skjelbred recht identisch an, nur in Nuancen sind Unterschiede zu erkennen. Für das Spiel als solches war aber positiv festzuhalten, dass Hertha mit solch zwei akribischen Arbeitern im Mittelfeld ein würdiges Gegengewicht zu Wolfsburgs Schlager, Guilavogui und Arnold bildete. Sowohl Ascacibar als auch Skjelbred wiesen eine positive Zweikampfbilanz auf, hinzu kommen auch sonst ziemlich ähnliche Werte: Ascacibar fünf Ballsicherungen, Skjelbred drei; Ascacibar vier Tacklings, Skjelbred drei; ein zu eins klärende Aktionen. In der Laufdistanz lag der junge Argentinier rund einen halben Kilometer vor Herthas Nummer drei. Zwar betrieben beide großen Aufwand, um Wolfsburgs Mittelfeld in Schacht zu halten und in einigen Phasen des Spiels klappte dies auch gut, doch ist ihnen anzukreiden, dass der Sechserraum vor Herthas Sechszehner zu oft ungedeckt blieb, sodass Wolfsburg dort hineinstoßen konnte – so entstanden gefährliche Schussgelegenheiten für Arnold und Guilavogui. Vor allem Ascacibar steht in diesen Szenen noch zu tief und verteidigt mit im Strafraum als dass er den Rückraum deckt.

Wirkliche Unterschiede zwischen den beiden ließen sich im Spiel mit dem Ball ausmachen: Skjelbred war durchschnittlich höher als Ascacibar positioniert, sodass er zu mehr Szenen in der Wolfsburger Spielhälfte kam – so auch in der 90. Minute, als der 32-Jährige den Ball noch einmal nach vorne trug und ihn zu Marko Grujic spielte, der den Ball, welcher dann seinen Weg ins Tor fand, in den Strafraum legte. Unterm Strich fällt es schwer, große Unterschiede in dem Spiel von Ascacibar und Skjelbred auszumachen. Beide haben ihre Stärken im Spiel gegen den Ball, im Erobern von Bällen, im laufen, kämpfen und beißen – Skjelbred wirkt mit Ball am Fuß nur noch selbstverständlicher, was aufgrund seiner großen Erfahrung und dass er bereits so lange bei Hertha spielt, aber nicht wirklich verwundert. Gegen ein ebenso kampfstarkes Mittelfeld, wie die “Wölfe” es haben, hat es einen Mehrwert, beide spielen zu lassen – gegen andere Gegner würden sich aber ein etwas spielstärkeres Element empfehlen.

Alexander Esswein – wieder eine ernsthafte Alternative?

So oft war Alexander Esswein bereits abgeschrieben, manchmal vergisst man fast, dass der 29-Jährige noch Teil des Hertha-Kader ist. Bei seiner Einwechslung gegen Wolfsburg hat der schnelle Außenbahnspieler durchaus bewiesen, weshalb man ihn weiterhin auf der Rechnung haben sollte.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Es war die 76. Minute, in der wohl viele Hertha-Anhänger verdutzt auf die Anzeigetafel blickten: das Trainerteam nahm Javairo Dilrosun vom Feld und brachte dafür Esswein in die Partie. Untergangsfantasien, Galgenhumor und großes Unverständnis füllten die Social-Media-Plattformen – auch weil es Dilrosun war, der für Esswein gehen musste und nicht der insgesamt recht glücklos gebliebene Marius Wolf. Nein, das Trainterteam entschied sich für Dilrosun und das nüchtern betrachtet zurecht, denn was hatte der junge Niederländer gegen Wolfsburg wirklich zustande gebracht? Zwar zeigte in ein paar Dribblings, welch Potenzial in ihm schlummert, doch waren diese meist unter “brotlose Kunst” einzuordnen. Keine einzige Torschussvorlage und ein völlig verunglückter Abschluss machten einen insgesamt enttäuschenden Auftritt rund. Das große Potenzial Dilrosuns ist unbestritten, doch lieferte der 21-Jährige sowohl gegen den FC Bayern als auch gegen die “Wölfe” wenig Argumente dafür, dass man ihn jede Partie 90 Minuten lang machen lassen sollte.

Das Potenzial Essweins ist ungemein kleiner, doch schaffte er in rund 15 Minuten das, was Dilrosun zuvor nicht gelungen war: eine Torschussvorlage. Eingesetzt von Grujic sprintete er die linke Seite entlang und spielte einen punktgenauen Ball auf Dodi Lukebakio, der den Ball im Fallen aber nur noch auf Torhüter Koen Casteels brachte. Der Wille, seine Einsatzzeit vollends auszunutzen und sich dem Trainer für weitere Spiele zu empfehlen, war Esswein wirklich anzusehen. Er versuchte, sich in jeden Zweikampf zu werfen und noch irgendwie ein Faktor zu sein. Beinahe wäre es noch mit einer Torvorlage geworden. Blickt man völlig neutral auf seine Leistung, hat Esswein als Joker überzeugt. Ja, er mag wesentlich geradliniger und technisch limitierter als ein Dilrosun sein, aber – wie man es im Englischen gerne sagt – he gets the job done. Vielleicht sollte man Esswein doch noch nicht abschreiben, denn in dieser Form wird er auch noch ein paar weitere Male eingewechselt werden.