Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Nach dem turbulenten Pokalaus in Braunschweig ging es am ersten Bundesligaspieltag für die Mannschaft der „Alten Dame“ in die Hansestadt nach Bremen. Erneut schoss man vier Tore, jedoch konnten die Berliner dieses Mal mit einem Sieg in der Tasche nach Hause fahren. Man zeigte einen deutlich stabileren Auftritt und konnte seine individuelle Qualität offensiv gut auf den Platz bringen. Auch in dieser Saison wollen wir auf herausstechende – positiv wie negativ – Leistungen von Herthanern blicken – heute für den 4:1-Sieg über den SV Werder Bremen.

Dedryck Boyata – sorgt für Stabilität

Zum Pokalspiel letzte Woche wurde Dedryck Boyata aufgrund von Beschwerden an der Achillessehne noch schmerzlich vermisst. Nun kehrte der Belgier zusammen mit Jordan Torunarigha in die Herthaner Innenverteidigung zurück und konnte sogleich mit einer starken Leistung überzeugen.

In der insgesamt chancenarmen ersten Hälfte des Spiels hatte Hertha die größeren Spielanteile und 60% Ballbesitz. Boyata war also vor allem im flachen Spielaufbau der Hertha gefragt. Gewohnt sicher verteilte er die Bälle ohne dabei zu sehr ins Risiko zu gehen. 53 seiner 59 Pässe kamen so beim Mitspieler an, Bestwert unter allen 22 Spielern. Die meisten davon spielte er nicht in die Tiefe, sondern zu seinen Partnern in der Viererkette, einem abkippenden Mittelfeldspieler oder Alexander Schwolow im Tor. Nur eine Szene im Spielaufbau muss man dem 29-Jährigem ankreiden: in der 30. Minute spielte er unbedrängt einen Fehlpass zum Gegenspieler. Werder konnte von diesem Fehler dank einer Parade von Alexander Schwolow aber nicht mit einem Treffer profitieren. Sonst blieb Boyata fehlerfrei und stand stets als Anspielstation in der Viererkette zur Verfügung. Insgesamt kommt „Dedo“ so auf 76 Ballkontakte. Höchstwert bei der Hertha.

Photo by Martin Rose/Getty Images

In der zweiten Hälfte nahm das Spiel mehr Fahrt auf und die Bremer übten nach Rückstand gezwungenermaßen zeitweise mehr Druck aus. So waren auch die Defensivspieler stärker gefragt. Besonders Boyata konnte neben Torunarigha bei der Arbeit gegen den Ball glänzen. Zahlreiche Hereingaben fing er durch kluges Stellungsspiel ab, Flanken klärte er mit starkem Kopfballspiel und insgesamt zeigte er eine große Präsenz rund um den eigenen Sechszehner. Einige Angriffe konnte Boyata bereits früh unterbrechen indem er herausrückte, um den Gegenspieler unter Druck zu setzen. Diese starke Defensivleistung schlägt sich auch in den Statistiken nieder: Sieben geklärte (alle zentral am und im Strafraum), drei abgefangene Bälle.

Nur einmal sorgte Boyata bei seiner Defensivarbeit für einen Schreckmoment, als er einen Fernschuss gefährlich per Kopf ablenkte. Doch Schwolow war auch hier zur Stelle. Ansonsten zeigte sich der rechte Innenverteidiger deutlich stärker im Zweikampf und in der Arbeit gegen den Ball als seine Kollegen eine Woche zuvor. Auch seine Bedeutung bei Standards konnte er gegen Bremen zeigen, als er sich in der 71. Minute bei einer Ecke gut durchsetzte und den Kopfball knapp über das Tor köpfte. Ähnlich stark präsentierte er sich auch defensiv bei den ruhenden Bällen.

Boyata war durch seine gute Leistung mit dafür verantwortlich, dass Werder Bremen über weite Teile so wenig Gefahr ausstrahlte. Zusammengefasst erfüllte Boyata also die Hoffnungen auf einen stabileren Auftritt mit ihm in der Innenverteidigung und zeigte, wie schon in weiten Teilen der letzten Saison, eine gewohnt starke Darbietung als Abwehrchef.

Peter Pekarik – nicht nur defensiv gefragt

Der Ein oder Andere wird sicherlich überrascht gewesen sein als am Samstag um 14:30 die Aufstellung bekannt gegeben wurde. Denn nicht etwa der vielversprechende Neuzugang Deyovaisio Zeefuik startete für die Berliner auf der Rechtsverteidigerposition, sondern Peter Pekarik, der über die letzten Jahre eigentlich nur als Ersatzspieler gefragt war. Der Slowake sollte seine Berufung in die Startelf jedoch absolut rechtfertigen.

In der Anfangsphase machte Pekarik nur in einer Szene wirklich auf sich aufmerksam. Nach einem Einwurf auf der rechten Seite tief in der Bremer Hälfte erhielt Pekarik den Ball. Er schaltete schnell und schlug eine präzise Flanke genau auf den Elfmeterpunkt. Dort lauerte bereits Piatek, setzte sich stark gegen zwei Gegenspieler durch und lenkte den Ball per Kopf an die Latte. Die erste richtige Tormöglichkeit für Hertha. Ansonsten nahm Pekarik solide am Kombinationsspiel und den längeren Ballbesitzstaffetten der Mannschaft teil. Aber so wie das ganze Spiel zu Beginn sonst recht ereignislos blieb, war auch Pekarik nicht sonderlich auffällig, machte seine Arbeit aber solide. Wie unter Labbadia üblich positionierte sich der Rechtsverteidiger etwas höher, während Darida abkippte. Von seiner Positionierung profitierte Pekarik dann auch in 41. Minute als das 1:0 fiel. Pekarik entschied sich bei einer potentiellen Gefahrensituation dazu, mit bis in den Strafraum der Bremer zu gehen. Pekariks Gespür und die gute Strafraumbesetzung der Berliner zahlte sich aus, denn Mittelstädt brachte den Ball nun von links mit viel Schnitt in den Raum zwischen Torwart und Bremer Defensivspielern. Während Lucas Tousart und Krzysztof Piatek den Ball zentral knapp verpassten, lauerte Pekarik am zweiten Pfosten und versenkte den Ball im Netz.

Foto: IMAGO

Nur drei Minuten später stand Peter Pekarik erneut im Fokus. Am rechten Strafraumrand erhielt er den Ball und versuchte mitsamt an Gegenspieler Marco Friedl vorbei in den Strafraum zu gehen. Dieser konnte ihn jedoch nur mit einem Foul aufhalten und brachte Pekarik zu Fall. Schiedsrichter Sasha Stegemann entschied zunächst auf Elfmeter, wurde dann aber vom VAR informiert und gab Freistoß, da das Foul außerhalb des Strafraums begonnen habe. Eine knappe Entscheidung nach der erneut starken Aktion des 33-Jährigen.

Nach der Halbzeit war Pekarik vor allem defensiv gefordert, denn das Spiel wurde zerfahrener und Herthas Ballbesitzphasen kürzer. Und auch das machte er gewohnt stark. Nur einmal kamen die Bremer über seine Seite gefährlich vors Tor. Pekarik setzte Flankengeber Ludwig Augustinson nicht ausreichend unter Druck. So schlug dieser den Ball an den zweiten Pfosten, wo Davie Selke nur noch einköpfen musste. Sonst gab es kaum ein durchkommen für die Bremer auf der rechten Seite und Pekarik verteidigte stark. Dafür sprechen auch die fünf abgefangenen Bälle, die vier Ballsicherungen und zwei klärenden Aktionen. Hinzukommt, dass er ganz ohne Foul auskam.

Erneut zeigt Pekarik also eine insgesamt sehr starke Leistung und knüpfte an seine Einsätze aus der letzten Saison an. Nach dem Spiel bekam er auch von Trainer Bruno Labbadia Lob: Pekarik sei ein „Vorbild für jeden jungen Spieler“ und würde sich stets sehr professionell verhalten. Pekarik zeigte sich in Bremen als ältester Spieler bei Hertha auf dem Platz vielleicht nicht als der dringend gesuchte Wortführer, aber er ging die mit seiner starken Leistung voran und führte das Team so zum Sieg. Spiet Pekarik so weiter, wird es nicht leicht für Neuzugang Zeefuik an ihm vorbeizukommen.

Matheus Cunha – da geht noch mehr

Matheus Cunha spielte am Samstag, wie auch schon in der Vorbereitung, als kreatives Element hinter dem Mittelsturm. Er ließ sich zwar oftmals fallen, um als Anspielstation zu dienen, konnte aber in den ersten 40 Minuten nicht dazu beitragen, mehr Zug zum Tor und Dynamik in das Spiel zu bringen. Dabei ist Cunha einer der wenigen Spieler in Herthas Kader, die das Ballbesitzspiel mit ihrer Kreativität noch unberechenbarer und gefährlicher machen können. Diese Qualität ließ er zwar immer wieder aufblitzen, einen bleibenden Eindruck aus der ersten Halbzeit konnte er aber nicht schaffen. Aber auch als Mannschaft schaffte man es zu wenig Cunha in Eins-gegen-eins-Situationen zubringen, in denen er so gefährlich sein kann.

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In der zweiten Hälfte war Cunha vor allem in Umschaltsituationen involviert, nachdem er sich auch recht fleißig im Gegenpressing und in der Arbeit gegen den Ball präsentierte. Neun Ballsicherungen und vier abgefangene Bälle sind für einen Angreifer ein sehr guter Wert. In den angesprochenen Umschaltmomenten zeigte sich Cunha nicht immer allzu glücklich. Öfters wählte er die falsche Entscheidung oder ihm fehlte die nötige Übersicht. So zum Beispiel in der 58. Minute als er anstatt den freistehenden Tousart anzuspielen, den eigenen Abschluss wählte. Und es gab weitere Situationen, bei denen man das Gefühl hatte, dass man diese hätte besser lösen können. Teilweise blieb Cunha zu lang am Ball oder verschleppte das Tempo ein wenig. So hatte der Brasilianer insgesamt 20 Ballverluste zu verantworten.

Und obwohl Cunha bei weitem nicht sein bestes Spiel zeigte, traf er erneut. Nach einem langen Ball und der Weiterleitung über Cordoba und Darida, zielte er auf das lange Toreck, traf den Ball aber nicht optimal. Jiri Pavlenka schaffte es dennoch nicht den Ball zu halten und so konnte Cunha mit dem Team das 3:0 bejubeln. Außerdem muss auch seine Dribbelstärke erneut hervorgehoben werden. Fünfmal schaffte er es seine Gegenspieler auszuspielen und ermöglichte dem Team so oft einen wichtigen Raumgewinn oder sich aus dem Druck zu befreien.

Schafft es Cunha noch etwas konstanter in seinen Aktionen zu werden und seine Entscheidungsfindung zu verbessern, steht einer tollen Saison mit vielen Torbeteiligungen als Unterschiedsspieler nichts im Weg.

Valdimir Darida – Spieler des Spiels

Vladimir Darida wurde gegen Bremen zum Spieler des Spiels. An seiner Leistung gab es quasi nichts zu kritisieren und an fast allen Offensivaktionen war er beteiligt. Im Ballbesitz ließ er sich viel auf die Rechtsverteidigerposition fallen und beteiligte sich so am Spielaufbau. Aus genau so einer Situation spielte er auch einen sehenswerten langen Ball auf Piatek. Dieser nahm den Ball gut an, stand jedoch knapp im Abseits. Immer wieder löste sich der Tscheche von seinem Gegenspieler, war anspielbar und bildete Dreiecke auf der rechten Seite. 

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Besonders das Zusammenspiel mit Pekarik hinterließ einen positiven Eindruck. Beim Lattentreffer von Piatek legte er den Ball zu Pekarik zurück, der dann die Flanke schlug. Beim beinahe gegebenen Elfmeter in der 44. Minute steckte Darida dann den Ball clever zu Pekarik durch. Eine Minute später war er erneut am Angriff beteiligt. Den Ballgewinn von Cunha in zentraler Position nutzte Darida herausragend und spielte einen perfekt getimten Schnittstellenpass auf den einlaufenden Dodi Lukebakio, der sicher verwandelte. In der 62. Minute gab es eine ganz ähnliche Situation. Jhon Cordoba schirmte einen Ball gut ab, Darida übernahm und spielte erneut mit viel Übersicht einen guten Pass auf den besser positionierten Cunha, der ebenfalls traf. Die Antwort auf die Frage, wer den Angriff jetzt eigentlich eingeleitet hatte, lautete gegen Bremen fast immer Darida. Er behielt stets die Übersicht und traf gute Entscheidungen.

Das gilt auch für die Defensivarbeit. Mit hoher Intensität beteiligte sich Darida am Pressing und Gegenpressing und unterstütze Pekarik auf der rechten Seite. Sehr diszipliniert verrichtete er seine Arbeit und war gewohnt laufstark (13,1 Kilometer, 34 Sprints und 109 Intensive Läufe sind jeweils Bestwert der Partie). Auch in anderen Bereichen lohnt sich ein Blick auf die Zahlen: zwei Torvorlage, drei Torschussvorlagen, eine herausgespielte Großchance, ein Keypass, drei abgefangene Bälle und sechs Ballsicherungen. Alle Werte unterstreichen seine Leistung noch einmal.

Rundum also eine starke Leistung von Valdimir Darida, der sowohl für die nötige Stabilität sorgte und gleichzeitig wichtiger Bestandteil im Offensivspiel war.

Jhon Cordoba – schlägt direkt ein

Erst am Dienstag wurde der Transfer von Jhon Cordoba offiziell gemacht. Zu seiner Vorstellung wurde mit den Attributen „Wucht, Dynamik und Durchsetzungsvermögen“ von Michael Preetz beschrieben. Vier Tage später kam er bereits zu seinem ersten Einsatz für Hertha.

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In der 61. Minute kam Cordoba für Piatek, der nicht seine beste Leistung zeigte, auf den Platz. Nur wenig später konnte er diese Stärken das erste Mal zeigen. Einen langen Abschlag von Alexander Schwolow schirmte er perfekt vom Gegenspieler ab, setzte dafür seinen Körper gut ein und ermöglichte Darida die Torvorlage zum 3:0. Nur rund zehn Minuten später hatte Cordoba dann selbst die Chance auf ein Tor. Nach einem Ballgewinn startete Torunarigha einen seiner berüchtigten Offensivläufe, war nicht zu stoppen und spielte einen tollen Pass auf den startenden Cordoba. Dieser stand nun allein vorm Torwart, vergab jedoch eine Riesenmöglichkeit. Zwei weitere Male kam Cordoba in der Schlussphase noch zu nennenswerten Abschlüssen, bevor er sein Debüt-Tor feiern konnte und den Sieg der Hertha endgültig besiegelte. Ein schöner Konter über Tousart und den ebenfalls eingewechselten Mathew Leckie, der gut in die Tiefe startete und den Ball überlegt mit dem Außenrist rüber zum freistehenden Cordoba legte, führte zum ersten Tor des Kolumbianers für seinen neuen Verein.

Insgesamt wirkte Cordoba in den etwas mehr als 30 Minuten deutlich präsenter als zuvor Piatek. Das lag auch an der ereignisreicheren Schlussphase des Spiels, aber der 15-Millionen-Neuzugang schaffte es in der kurzen Zeit sehr gut sich in die Mannschaft einzufügen und konnte mit seiner physischen Präsenz für Gefahr sorgen. Noch ein kurzer Blick auf die Zahlen bestätigt diesen Eindruck. Vier Torschüsse, alle sieben Pässe angekommen und ein Tor sind für einen in der 61. Minute eingewechselten Spieler sehr starke zahlen.    

Cordoba brauchte also keine lange Eingewöhnungszeit und bereitet Vorfreude auf weitere Auftritte.

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“Zecke” Neuendorf – Seine Arbeit bei der U23

“Zecke” Neuendorf – Seine Arbeit bei der U23

Pal Dardai, Ante Covic, Michael Hartmann – in den vergangenen Jahren haben immer wieder ehemalige Hertha-Spieler ihr Handwerk als Trainer bei Hertha BSC gelernt. So auch seit ein paar Jahren Andreas „Zecke“ Neuendorf. Wir werfen einen Blick auf seine Arbeit bei der U23 und seine Perspektive.

Als Ante Covic am 1. Juli 2019 als neuer Cheftrainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, war das nicht nur für die Profimannschaft ein einschneidender Wechsel. Auch in der zweiten Mannschaft sollte nun nach sechs Spielzeiten unter Covic erstmals ein neuer Trainer an der Seitenlinie stehen. So übernahm Andreas Neuendorf, der zuvor die U17 trainiert hatte, das Amt des Cheftrainers der U23.

Erste Schritte als Trainer

Als Spieler absolvierte Neuendorf insgesamt rund 200 Bundesligapartien für Leverkusen und Hertha. Brilliert hat der Mittelfeldspieler jedoch nur selten. Über seine Zeit als Fußballprofi sagt er selbst: „Ich war nie der grandiose Spieler. Ich war ein ordentlicher Mitspieler“. Und tatsächlich bleiben bei einem Blick auf „Zecke“ Neuendorfs Spielerkarriere neben den sportlichen Erfolgen vor allem die Ereignisse und Geschichten abseits des Platzes im Kopf, die den Mann mit verschmitztem Grinsen und Berliner Schnauze zum Publikumsliebling machen.

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Im Sommer 2014 startete Neuendorf dann seine Trainerkarriere und führte den damaligen Landesligisten BFC Preussen direkt im ersten Jahr überraschend zum Aufstieg. Ein Jahr später übernahm der Ex-Herthaspieler einen Trainerposten in der U15 der „Alten Dame“. Nach zwei Spielzeiten wechselte er zur U17 des Vereins und trainierte dort unter anderem die vielversprechenden Talente Marton Dardai, Omar Rekik und Lazar Samardzic. Zweimal in Folge landete er mit der U17 auf dem zweiten Tabellenplatz der B-Junioren Bundesliga. Im Sommer 2019 folgte der nächste Schritt in seiner Trainerkarriere. Er übernahm den Trainerposten bei der 2. Mannschaft von Hertha BSC und beerbte so Ante Covic. Seine erste Saison bei der U23 lief dabei auch recht erfolgreich. Insgesamt neun Spieltage stand man auf dem ersten Tabellenplatz der Regionalliga Nordost, spielte um den Aufstieg mit und schoss in 24 Spielen 59 Tore (Spitzenwert). Für den Aufstieg reichte es am Ende dennoch nicht und man landete auf einem soliden 5. Platz.

Neuendorf ist gleichzeitig auch als Karrierecoach tätig. Er soll die besten Jugendspieler auf dem Weg in die Profimannschaft fördern. Dabei kann „Zecke“ wohl auch von seinen Erfahrungen als Spieler zehren und aufzeigen, wie man es vielleicht auch nicht macht. Angesprochen auf die vier besten Spieler, mit denen Kevin-Prince Boateng jemals zusammengespielt hat, nannte der Berliner Junge überraschend auch Neuendorf. „Ohne Spaß. Er war unglaublich”, schwärmte der ehemalige Herthaner: “Es kann sich keiner vorstellen, was er im Training gezeigt hat. Er war vielleicht bei 20 Prozent. ‘Zecke’ hätte locker einer der besten deutschen Fußballer jemals werden können.” Solch Potenzial auszuschöpfen ist nun die Aufgabe des gereiften Neuendorfs, der sein Wissen an die Jugend weitergeben kann. Bereits Ante Covic sagte, dass er sich seine zu lockere Art als Spieler in der Entwicklung als Trainer ausgetrieben hatte und nun umso motivierter wäre, 100 Prozent aus sich und den Spielern herauszuholen.

U23: Zwischen Spielerentwicklung und jährlichem Umbruch

Die U23 fungiert bei Hertha BSC als eine Schnittstelle zwischen der Nachwuchsabteilung des Vereins und der Profimannschaft. Talente sollen sich hier auf höherem Niveau entwickeln können, sodass sie sich dem professionellem Männerfußball annähern. Häufig haben Jugendspieler nach ihrer Zeit bei der U19 noch Vertragszeit beim Verein und es steht noch nicht fest, ob es für den Profifußball reichen wird. Das entscheidet sich dann in häufig in der zweiten Mannschaft. Ein sehr aktuelles Beispiel hierfür ist Jessic Ngankam. Dieser überzeugte bereits während seiner Zeit in der U19, für den Sprung in die Profimannschaft war er aber noch nicht weit genug. Also sammelte er in der U23 Spielzeit und konnte sich dort weiter verbessern. Labbadia holte ihn daraufhin zur Profimannschaft, in der er nun vorerst fest eingeplant zu sein scheint.

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Die Aufgabe des Trainers der zweiten Mannschaft ist es also Talenten Spielzeit in einer stärkeren und körperlich robusteren Liga zu geben und sie weiterzuentwickeln. Es ist Unterschied, ob ich gegen 17- bis 19-Jährige spiele, oder aber gegen die erfahrene 30-jährige Regionalliga-Kante. Dazu müssen sie ihren Stärken entsprechend bestmöglich in die Mannschaft und das System eingebunden werden. Gleichzeitig soll der sportliche Erfolg nicht ausbleiben. Unterstützt wird Neuendorf bei seiner Arbeit von den Assistenztrainern Malik Fathi, der ebenfalls als Spieler bei Hertha aktiv war, und Levent Selim.

Eine zusätzliche Herausforderung stellt dabei die hohe jährliche Fluktuation im Kader dar. In den letzten vier Jahren verließen immer mindestens zehn Spieler die Mannschaft. Die meisten davon, weil sie keine sportliche Perspektive im Verein hatten. Die entstandenen Lücken im Kader werden dann zum größten Teil mit Spielern aus der eigenen Jugend gefüllt. In diesem Sommer kamen zum Beispiel Jonas Michelbrink und Jonas Dirkner zur Mannschaft und sind direkt gesetzt. Besteht dann für bestimmte Positionen immer noch Bedarf, schaut man sich nach externen Neuzugängen um. So kam für die Saison 2020/2021 zum Beispiel Cihan Kahraman vom Berliner AK als Verstärkung für das zentrale Mittelfeld. Drei erfahrene Spieler komplettieren aktuell den Kader der zweiten Mannschaft. Tony Fuchs (Kapitän), Bilal Cubuckcu und Rico Morack sollen die jungen Spieler an die Hand nehmen und der Mannschaft mit ihrer Erfahrung weiterhelfen.

Im Kader der 2. Mannschaft gibt es also nahezu jedes Jahr einen größeren Umbruch und viele Personalwechsel. Dennoch schaffte man es in den letzten Jahren konstant in die obere Tabellenhälfte der Regionalliga Nordost. Aber auch innerhalb der Saison gibt es immer wieder Veränderungen im Kader. Häufig bekommen Spieler aus der Profimannschaft spontan Einsatzzeiten bei der U23, um im Spielrhythmus zu bleiben oder um nach einer Verletzung Spielpraxis zu sammeln. So machten Jordan Torunarigha und Alexander Esswein in der letzten Saison jeweils zwei Spiele für die Regionalligamannschaft. Genauso werden immer wieder Spieler aus der U19 für einige Spiele hochgezogen, um sich auf höherem Niveau ausprobieren zu können. Lazar Samardzic und Marton Dardai sind hier Beispiele aus der vergangenen Saison. So kommt es nur selten vor, dass in zwei aufeinanderfolgenden Spielen die gleiche Startelf auf dem Platz steht.

Variabel, mutig, offensiv

Diese Gegebenheit wirkt sich auch auf das Spielerische aus und erfordert eine hohe Flexibilität im System. Diese bringt Neuendorf mit und ließ seine Mannschaft in der Saison 2019/2020 in verschiedensten taktischen Formationen auflaufen. Man agierte zu Beginn der Saison häufig in einem System mit Dreierkette, zum Beispiel dem 3-5-2. Am häufigsten ordneten sich die Spieler über die Saison aber in einem sehr offensiven 4-4-2 an. Aber auch ein 4-2-3-1 oder ein 3-4-3 ließ der Ex-Herthaspieler spielen. Den Spielstil seiner Mannschaft bezeichnet Neuendorf als passend zu Berlin und als „frech und mutig“. Das trifft durchaus zu, denn gegen die zahlreichen etablierten Traditionsvereine in der Liga spielt man einen mutigen Offensivfußball. Man zeigt mit unter das beste Positions- und Ballbesitzspiel der Liga und ist den meisten Teams auch technisch weit überlegen. Gegen tiefstehende Gegner versucht man mit vielen Positionswechseln und Rochaden zu arbeiten. Gleichzeitig probiert man den Gegner zu locken und Lücken zu finden.

Unter Druck legt man viel Wert auf einen flachen und geordneten Spielaufbau. Selbst wenn man stark gepresst wird, versucht man sich noch spielerisch zu befreien und zeigt sich dabei recht kombinationssicher. Im späteren Spielverlauf fehlt der Mannschaft manchmal die Konzentration und Ausdauer, sodass sich hin und wieder Fehler einschleichen. Überspielt man die erste Linie geht es zumeist darum die schnellen Offensivspieler, die man mit Ngankam, Palko Dardai, Maurice Covic und Ruwen Werthmüller zur Verfügung hat/hatte, einzusetzen. Dabei sollen die Spieler immer wieder in Eins-gegen-eins-Situationen kommen, um die individuelle Überlegenheit des Kaders auszunutzen. Diese Stärken kann man auch im Umschaltspiel nach Ballgewinn immer wieder gut auf den Platz bringen.

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Schafft man es seinen Spielstil gut auf den Platz zu bringen, zeigt die Mannschaft einen sehr attraktiven und temporeichen Offensivfußball. Neuendorf scheut sich dabei auch nicht davor viel Offensivpersonal auf den Platz zu schicken. Das birgt jedoch immer ein gewisses Risiko und so konnte man in der letzten Saison zahlreiche Torspektakel beobachten. Man schoss in der letzten Saison zum Beispiel in vier Spielen fünf oder mehr Tore. Besonders zum Ende der Saison fehlte es der Mannschaft aber an Konstanz und Balance zwischen Offensive und Defensive. Immer wieder kassierte man Tore, nachdem man sehr weit aufgerückt war. Entweder nach einem Ballverlust, bei dem das Gegenpressing nicht erfolgreich war. Oder nachdem das eigene hohe Pressing überspielt wurde.

Gegen den Ball zeigen sich die Blau-Weißen nämlich ebenfalls sehr aktiv. Neuendorf möchte mit seinem Team frühe Ballgewinne erzielen und das Gegnerteam aus der eigenen Hälfte fernhalten. Spätestens ab der Mittellinie wird der Gegner unter Druck gesetzt und situativ wird hoch gepresst. Das auch meist sehr erfolgreich. Hin und wieder ist man jedoch gezwungen etwas tiefer zu stehen. Dort gelingt es der Mannschaft nicht immer Zugriff auf die Gegenspieler zu erhalten und ist etwas anfälliger.

Wie genau sich die Mannschaft taktisch ausrichtet, hängt stark von dem Personal ab, das auf dem Platz steht und natürlich auch vom Gegner. Zumeist wird aber ein sehr aktiver Ansatz gewählt. Neuendorf schafft es sehr gut seine Spieler sowohl zu fordern, als auch in Situationen zu bringen, die ihnen besonders gut liegen. So kann man seine Arbeit bisher positiv bewerten. Sportlich zeigt er sich mit seinen Teams stets erfolgreich und schaffte es auch Spieler weiterzuentwickeln und an den Profibereich heranzuführen. Dafür sprechen auch die zahlreichen Spieler, die zwar nicht bei der Hertha den Weg in Profibereich gefunden haben, sondern an anderer Stelle. Die aktuellsten Beispiele hierfür sind Dennis Smarsch (Wechsel zu St. Pauli), Luis Klatte (Wechsel zu Hansa Rostock) und Niko Bretschneider (Wechsel zum MSV Duisburg), die allesamt in der letzten Saison Spiele für die zweite Mannschaft gemacht haben.

Zu Beginn der neuen Saison gelang es nur teilweise seine Offensivstärke auf den Platz zu bringen. Dennoch zeigt man sich erneut recht erfolgreich und geht mit zwei Siegen und einem Unentschieden aus den ersten drei Spielen. Und das obwohl man sich laut Neuendorf eigentlich noch in der Vorbereitung befindet.

Pal Dardai, Ante Covic und bald „Zecke“ Neuendorf?

Der Karriereweg eines Trainers lässt sich in der Regel kaum voraussagen. Aktuell arbeitet Neuendorf an seinem Schein zum Fußballlehrer und hospitierte dafür unter anderem bei Bruno Labbadia in der ersten Mannschaft. Mit dieser Lizenz dürfte der ehemalige Herthaspieler dann auch eine Profimannschaften trainieren. Die Saison 2020/2021 wird Neuendorf definitiv auf der Trainerbank der zweiten Mannschaft verbringen. Aktuell ist davon auszugehen, dass er diese Position auch noch eine Weile bekleiden wird. Wo es Neuendorf langfristig hinführt, lässt sich schwer sagen. „Ich kann mir vorstellen, dass ich irgendwann bei einem Bundesligisten im Trainerteam bin“, sagte er vor zwei Jahren der „11 Freunde“. Ob das als Chef- oder Co-Trainer sein wird und bei Hertha oder bei einem anderen Verein, wird sich zeigen.

Neuendorf scheint jedoch fest in Berlin und bei Hertha BSC verankert zu sein. So unterstützte er zuletzt die Fan-Initiative „Aktion Herthakneipe“ und bezeichnet sich selbst als Herthafan. Gleichzeitig ist er bei den Fans des Hauptstadtklubs sehr beliebt und wird häufig als „echtes Original“ oder „richtiger Berliner“ gefeiert. Umso schöner wäre es, wenn er dem Verein möglichst lange erhalten bleibt.

Der direkte Sprung zum Cheftrainer von Hertha BSC wird Neuendorf, anders als einem Dardai oder Covic, in den nächsten Jahren wohl verwehrt bleiben. Nachdem sich Covic zuletzt als Fehlgriff herausstellte und die Ansprüche in Berlin seit dem Windhorst-Engagement stark gestiegen sind, wirkt eine interne Lösung für den Cheftrainerposten in Zukunft eher unrealistisch. Zudem hat Bruno Labbadia noch mindestens zwei Jahre Vertrag bei der Hertha. Neuendorfs nächste Station wird also vermutlich entweder bei einem anderen Verein liegen oder er wird eine Alternativposition zum Cheftraineramt bei Hertha übernehmen.

[Titelbild: IMAGO]