Hertha BSC – SC Freiburg: Drei Thesen

Hertha BSC – SC Freiburg: Drei Thesen

Nach all den Vorkommnissen der letzten zwei Wochen kann man durchaus fast vergessen, dass hier und da auch Fußball gespielt wird bei Hertha BSC. Und mit dem kommenden Gegner aus Freiburg wartet eine nicht gerade einfache Aufgabe. Dabei wären drei Punkte mit Blick auf die Tabelle wichtig, anderenfalls würde man den Anschluss ans Tabellenmittelfeld vorläufig verlieren.

Unsere drei Thesen zum Spiel gegen den SC Freiburg

These 1: Fanszene meldet sich erneut zu Wort

Am liebsten würde man sich rein aufs Sportliche konzentrieren. Doch die Causa Windhorst ist momentan leider einfach zu groß, als dass man darum herumkommen könnte. Ähnliches wird sich auch die aktive Fanszene in der Ostkurve denken. Nachdem bereits im letzten Spiel mehrere Banner und Plakate gegen den (Noch-)Investor präsentiert wurden, dürfte sich das im kommenden Heimspiel wiederholen.

Windhorst Banner

Am Mittwoch bot Lars Windhorst der Vereinsführung von Hertha BSC an, die seit 2019 erworbenen Anteile zurückzukaufen – und das zum damals gezahlten Preis. Eine Forderung, die so grotesk wie unrealistisch ist. Dementsprechend werden die Fans darauf nicht schweigen und den ein oder anderen deutlichen Spruch in Richtung des Mehrheitsanteilseigners äußern.

These 2: Rogel liefert gute Argumente für weitere Einsätze

Nachdem sich Filip Uremovic im vergangenen Spiel gegen die TSG Hoffenheim verletzt hat und zu Pause ausgewechselt werden musste, feierte Neuzugang Agustin Rogel sein Debüt im Herthatrikot. Mittlerweile steht fest, dass Uremovic auch für die nächsten Spiele ausfallen wird. Dementsprechend stelle Sandro Schwarz auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Breisgauer klar, dass Rogel starten wird. Der 1,91 m große Uruguayer lieferte in der vergangenen Partie eine mehr als solide Leistung ab. Er wirkte ruhig, konzentriert und abgeklärt, vor Augen bleibt beispielsweise sein starker Zweikampf gegen Georginio Rutter. Gegen die Gäste am Sonntag wird Rogel diese Qualität bestätigen und erneut positiv auffallen. Und damit weitere Argumente für weitere Spielminuten sammeln, selbst nach der Rückkehr von Uremovic.

These 3: Mindestens ein Herthaner feiert seine Torpremiere

Mit bisher lediglich acht Toren stellt Hertha gemeinsam mit dem VfL Bochum die bisher torärmste Offensive der Liga (wenn auch mit einem Spiel weniger). Dies lässt sich unter anderem damit begründen, dass sich bisher nur Dodi Lukebakio, Marco Richter, Suat Serdar und Lucas Tousart in die Torschützenliste eintragen konnte.

Tousart und Lukebakio

Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

Chidera Ejuke und Wilfried Kanga hingegen warten noch auf ihren ersten Treffer. Beide Spieler haben ihren unbestreitbaren Wert für Herthas Offensivspiel, doch am eigenen Erfolg mangelt es noch. Gegen die Gäste aus Baden-Württemberg erleben wir allerdings eine Torpremiere. Ob das die genannten Offensivspieler oder nicht doch einer der beiden Innenverteidiger nach einem Standard sein werden, überlassen wir eurer Wahl.

Titelbild: Martin Rose/Getty Images

Der Transfersommer von Hertha BSC – Ein Zeugnis für Fredi Bobic

Der Transfersommer von Hertha BSC – Ein Zeugnis für Fredi Bobic

Die Transferphase ist die wahrscheinlich hektischste Zeit im modernen Fußballzirkus. Täglich gibt es neue Gerüchte, ein Rekord nach dem anderen wird pulverisiert und der ein oder andere Lieblingsspieler verlässt unter Umständen den Verein. Auch bei Hertha gab es in diesem Sommer wieder einige Transferaktivitäten, mit die meisten in der Bundesliga. Viel Arbeit also für den Geschäftsführer Sport Fredi Bobic. In diesem Artikel wollen wir ein kleines Fazit zur Transferphase ziehen und dem Manager ein Zeugnis ausstellen.

Vorbemerkungen

Bevor wir komplett einsteigen noch ein paar Anmerkungen: Die Saison ist noch jung und vieles lässt nicht vorhersagen. Daher ist naturgemäß ein gewisser Teil an Spekulation und persönlichen Einschätzungen enthalten. Des Weiteren ist uns bewusst, dass all die folgenden Themenschwerpunkte miteinander verknüpft sind und sie daher nur bedingt einzeln zu betrachten sind. Anzumerken ist des Weiteren, dass dieser Artikel nicht den Anspruchl hat, jeden Transfer zu erwähnen oder zu analysieren. Auch eine tiefergehende Bewertung jeder einzelnen Position findet nicht statt. Ziel ist es, ein Gesamtbild der Transferphase unter verschiedenen Gesichtspunkten zu zeichnen, quasi das „bigger picture“ zu betrachten. Wer eine Auflistung und Bewertung der individuellen Transfers möchte, kann beispielsweise diesen RBB-Artikel lesen.

Trainer

Nicht selten heißt es, dass der Trainer der wichtigste Angestellte im Verein ist. Ein Blick auf Konkurrenten wie Mainz, Köln oder auch Bremen zeigt: ein unveränderter Kader kann je nach Übungsleiter zu völlig unterschiedlichen Leistungen in der Lage sein. Und auch wenn es schlussendlich natürlich immer um das Zusammenspiel sämtlicher Akteure im Klub geht, lässt sich die Bedeutung des Coaches nicht absprechen. Um die Trainer-Entscheidung Bobics nach dem Klassenerhalt einzuordnen, ist ein kurzer Blick auf die vergangene Spielzeit notwendig.

Eine persönliche Niederlage

Nachdem Vereinsikone Pal Dardai in der Saison 2020/21 in einem beeindruckenden Schlussspurt den Klassenerhalt geschafft hatte, erhielt der damalige Trainer (berechtigterweise) viel Dankbarkeit. Sowohl die Fans als auch Verantwortliche bei Hertha wie Arne Friedrich und Werner Gegenbauer stärkten dem Ungarn öffentlich den Rücken. Für den zu diesem Zeitpunkt neuen Sportchef wäre eine Demission des ehemaligen Rekordspielers vermutlich auf starken Gegenwind gestoßen, sodass er zunächst an Dardai festhielt.

hertha

Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images

So wirklich glücklich wurden beide jedoch nie, im November folgte die Entlassung, Nachfolger Korkut war von Anfang an nur als Zwischenlösung geplant. Nach teils desaströsen Auftritten wurde Korkut anschließend von Felix Magath ersetzt. Die mehrmaligen Trainerwechsel bezeichnete Fredi Bobic auf der letzten Mitgliederversammlung als „persönliche Niederlage“.

Trainer mit klarer Philosophie

Nach einem Jahr Eingewöhnungszeit und dem Erarbeiten eines sportlichen Konzepts für den gesamten Verein installierte Bobic in diesem Sommer zum ersten Mal einen Wunschtrainer, der zur langfristigen fußballerischen Entwicklung passen soll. Die Wahl fiel auf Sandro Schwarz , der in seiner bisherigen Laufbahn zunächst in Mainz und anschließend in Russland bei Dinamo Moskau tätig war. Schwarz steht für die Art aktiven und pressing-orientierten Fußball, der in Westend zukünftig auf den Rasen gebracht werden soll. Bei seinen bisherigen Stationen war er dem Vernehmen nach mannschaftsintern extrem beliebt, eine seiner größten Stärken ist die Entwicklung von jungen Spielern.

Mit ihm auf der Bank ist bei Hertha erstmals seit langem ein spielerischer Plan erkennbar, auch wenn nach nunmehr bald drei Monaten Training und bisher sechs Pflichtspielen noch einiges an Arbeit vor ihm liegt. Es besteht jedoch durchaus Hoffnung, dass diese Verpflichtung durch Fredi Bobic den Grundstein für eine solidere Zukunft von Hertha legt und der Weg nach drei Jahren Abstiegskampf sukzessive wieder nach oben geht. Den Beweis, dass Schwarz sich dauerhaft in einer der besten Ligen der Welt durchsetzen kann, muss der vergleichsweise junge Trainer jedoch erst noch erbringen.

Fazit: Fredi Bobic hat mit Sandro Schwarz einen Trainer mit klarer und zum Verein passender Philosophie geholt. Basierend darauf, wie Herthas Standing auf dem Trainermarkt sein dürfte, eine solide und zukunftsfähige Wahl. Note: 2

Hertha-Finanzen

Vor gut drei Jahren investierte Lars Windhorst schrittweise etwa 370 Millionen Euro in den Verein. Dem Unternehmer schwebte damals ein vergleichsweise kurzfristig erfolgender Aufstieg Herthas in das europäische Geschäft vor. Ein paar schlechte Transferentscheidungen sowie eine weltweite Pandemie später ist vom Geld nicht mehr wirklich etwas übrig. Durch einen über die Jahre aufgeblähten Kader und fehlende Einnahmen weist Hertha ein jährliches Defizit wie kaum ein anderer Bundesligist vor. Für den verantwortlichen Geschäftsführer Sport keine angenehme Aufgabe. Alle Angaben beziehen sich auf transfermarkt.de.

Masse statt Klasse bei Hertha-Verkäufen

Nachdem Fredi Bobic bereits im vergangenen Sommer ein Transferplus von gut 20 Millionen Euro sowie einiges an eingespartem Gehalt erzielen konnte war auch dieses Jahr früh klar, dass man deutlich mehr Geld einnehmen muss als ausgegeben werden kann. Erneut legte man Spielern, die gehen wollten, keinen Stein in den Weg und erzielte durch Verkäufe Einnahmen in Höhe von 24 Millionen Euro.

Auffällig ist, dass Hertha kaum einen „großen“ Verkauf abwickelte, sondern sich hauptsächlich auf die pure Masse von Abgängen verließ. Begründen lässt sich das damit, dass nach den letzten Jahren schlichtweg kaum ein Spieler mehr im Kader war, der einen wirklich nennenswerten Marktwert besitzt. Doch auch Verkäufe im niedrigen bis mittleren Segment bei beispielsweise Arne Maier (5 Millionen zu Augsburg), Javairo Dilrosun (4 Millionen zu Feyenoord) oder auch Eduard Löwen (1 Million zu St. Louis) läppern sich und ergeben so die eben genannten Summe von 24 Millionen Euro. Zudem war bei Spielern von Torunarigha oder Ekkelenkamp von Gewinnbeteiligungen bei zukünftigen Weiterverkäufen zu lesen, sodass in den nächsten Jahren der ein oder andere Euro noch einmal folgen könnte.

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Photo by Boris Streubel/Getty Images

Negativ anzumerken ist hingegen, dass auch in diesem Sommer eine nicht unerhebliche Anzahl an Leihen abgeschlossen werden mussten. Neben Luca Wollschläger und Mesut Kesik, die als Jugendspieler jedoch anders zu bewerten ist, stehen Stand jetzt sechs Spieler im nächsten Sommer zunächst wieder bei Hertha im Kader. Vor allem bei Profis wie Santiago Ascacibar (Cremonese) und Omar Alderete (Getafe) hatten viele Fans auf Festverkäufe gehofft, um noch mehr Einnahmen zu generieren. Zu beachten ist dabei jedoch, dass im Zuge der Corona-Pandemie bis auf die Topklubs viele Vereine jeden Euro zweimal umdrehen und daher kaum bereit sind hohe Ablösen zu bezahlen. Und da man die eigenen Spieler auch nicht für den Bruchteil des Marktwertes abgeben möchte, sind Leihen unter dem Gesichtspunkt der eingesparten Gehälter am Ende immer noch sinnvoller, als die stadioneigene Tribüne zu füllen. Doch dazu später mehr.

Ablösefreie und günstige Zugänge

Auf der Zugangsseite legten Herthas Manager und sein Mitarbeiterstab rund um Kaderplaner Dirk Duffner das Hauptaugenmerk auf günstige Verstärkungen. Der einzige Neuzugang, für den man unmittelbar Geld auf den Tisch legen musste, ist Mittelstürmer Wilfried Kanga, der für 4 Millionen Euro aus Bern kam. Offiziell flossen zusätzlich 2 Millionen Euro nach Fürth um Jessic Ngankam „zurückzukaufen“, der nach der letztjährigen Leihe von den Kleeblättern per Kaufoption für 1,5 Millionen Euro fest verpflichtet wurde. Die weiteren Neuzugänge rund um Jonjoe Kenny (Everton) oder Filip Uremovic (Rubin Kazan) kamen zum Nulltarif. Daneben verstärkte man den Kader mit Leihen von Chidera Ejuke (ZSKA Moskau) und Ivan Sunjic (Birmingham).

Außerdem erhielten noch einige Jugendspieler wie Derry Scherhant oder Julian Eitschberger ihre ersten Profiverträge, werden aber sicher zunächst sukzessive an die Bundesliga herangeführt. Unterm Schlussstrich steht damit inklusive Leihgebühren ein Transferplus von etwa 18 Mio Euro, für die klammen Kassen der Blau-Weißen ein willkommener Geldregen.

Verbesserte Gehaltsstruktur bei Hertha

Neben den reinen Transfererlösen ist allerdings ein weiterer Punkt nicht zu vernachlässigen: die Gehälter. In den letzten Jahren von Michael Preetz (auch vor Windhorst) begann Hertha, hohe und zum Teil sehr hohe Gehälter zu zahlen. Ohne die Spieler verurteilen zu wollen, sind die Bezüge von Akteuren wie Davie Selke oder Vladimir Darida in keinem angemessenen Verhältnis zu deren sportlichen Leistung. Von den Deals ab Sommer 2019, allen voran Lucas Tousart und Krzysztof Piatek, ganz zu schweigen. Um mittel- und langfristig finanziell gesunden zu können, ist es unabdingbar, die Gehaltsstruktur wieder zu entschlacken und der aktuellen sportlichen Leistungsfähigkeit anzupassen. Über die Höhe der Gehälter kann natürlich nur spekuliert werden, doch es ist davon auszugehen, dass Hertha nach diesem Sommer Gehaltseinsparungen im zweistelligen Millionenbereich wird verbuchen können.

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Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Hierbei helfen natürlich auch die bereits angesprochenen Leihen. Mit Abgängen wie Krzysztof Piatek (Salernitana), Dedryck Boyata (Brügge) und Niklas Stark (Werder Bremen) wird man einige Großverdiener los, wenn auch zum Teil erst einmal nur zeitweilig. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass kaum ein Neuzugang mehr als 1,5 bis maximal 2 Millionen Euro verdienen wird. Bezieht man die reine Quantität auf Zu- und Abgangsseite mit ein, ergibt sich eine deutliche Einsparung an Gehältern bei gleichzeitiger Senkung des allgemeinen Gehaltsniveaus.

Fazit: Fredi Bobic konnte ein Transferüberschuss in Höhe von fast 20 Mio Euro erzielen, hat dabei die Gehaltsstruktur weiter korrigiert. Der ein oder andere weitere Festverkauf statt Leihe wäre wünschenswert gewesen, realistisch aber vermutlich kaum umsetzbar. Note: 1-

Problembaustellen und sportliche Qualität

Kommen wir zum „Herzstück“ und der entscheidenden Frage nach jeder Transferphase: Ist der finale Kader qualitativ ausreichend besetzt, um das sportliche Ziel realistisch erreichen zu können? Auch hierbei ist der Blick auf die vergangenen Jahre zwingend mit einzubeziehen. Nach drei Saisons Abstiegskampf ist klar, dass auch die Mannschaft mittlerweile klar zum unteren Bundesligadrittel in Hinblick auf die Qualität gehört. Dementsprechend sollte niemand einen Kader erwarten (dürfen), der in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird.

Neue Außenspieler

Würde man die Fans von Hertha BSC nach der aus ihrer Sicht größten Problembaustelle der letzten Saison fragen, würden viele sicher die Flügelspieler nennen. Nachdem Fredi Bobic im vergangenen Transfersommer von den wenigen nominellen Außenstürmern sogar noch welche abgegeben hatte, mussten alle drei Trainer auf Notlösungen wie Suat Serdar, Vladimir Darida und Jurgen Ekkelenkamp auf diesen Positionen zurückgreifen. Mit der Leihrückkehr von Dodi Lukebakio und der Verpflichtung von Chidera Ejuke konnte man diese eklatante Lücke schließen. Dazu kommen Marco Richter und andere Optionen wie Jessic Ngankam und Myziane Maolida. Und auch auf der rechten Verteidigerposition konnte man den dienstältesten Herthaner, Peter Pekarik, mit der Verpflichtung von Jonjoe Kenny etwas entlasten. Ansonsten wurden so gut wie alle Abgänge positionstreu zumindest quantitativ ersetzt.

Zu nennen ist auf jeden Fall noch die Situation im Tor. Nach dem ungeplanten Quasi-Abgang von Rune Jarstein fehlt ein erfahrener Back-Up Torwart. Für Stammtorhüter Olli Christensen ist der Vertrauensbeweis möglicherweise das richtige Zeichen. Doch es ist auch ein Spiel mit dem Feuer. Sollte der junge Däne ausfallen oder in ein ernsthaftes Formtief fallen ist es fraglich, ob Tjark Ernst (von Bochum gekommen) oder Robert Kwasigroch die Lücke füllen können.

Hertha

Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

Wacklige Hertha-Defensive

Nachdem die Frage über die ausreichende quantitative Besetzung im Großen und Ganzen positiv beantwortet werden konnte, bleibt jedoch noch offen, ob das auch auf die Qualität zutrifft. Es sei noch einmal der Hinweis auf die Entwicklung der letzten Jahre gegeben, doch am Ende muss Bobic es dennoch schaffen eine Truppe zusammenzustellen, die erfolgreich in der Bundesliga bleiben kann. Neben einem Fortschritt in der grundlegenden sportlichen Entwicklung und Einübung eine neuen, aktiven Spielstils ist der Klassenerhalt auch in diesem Jahr das klare Ziel. Und hieran darf zumindest diskutiert werden.

Gerade in der Defensive gibt es das ein oder andere Fragezeichen. In der Innenverteidigung fehlt der klare Anführer und „sichere Fels in der Brandung“. Auf rechts ist Kenny eine solide Wahl, aber mit ehemaligen Spielern wie Valentino Lazaro oder Mitchell Weiser nicht vergleichbar. Das ehemalige Prunkstück, die diese Position bei Hertha einst war, wartet noch immer auf einen würdigen Nachfolger. In Hinblick auf die linke Verteidigerseite geht man in eine weitere Saison mit Maxi Mittelstädt und Marvin Plattenhardt, die jeweils verschiedene Schwachstellen mitbringen, mit dem aktiven Verteidigen bzw. starken Flanken jedoch durchaus auch positive Aspekte aufs Feld bringen können. Ein Hoffnungsschimmer bei den Außenverteidigern stellen die Eigengewächse Julian Eitschberger und Lukas Ullrich dar, die im Laufe der Saison eventuell die ein oder andere Minute sammeln können.

Auf jeder Position doppelt besetzt

Eine weitere Position auf der es eventuell ebenfalls problematisch werden könnte, ist die des Mittelstürmers. Zwar kann Hertha dort auf eine Vielzahl von Spielern zurückgreifen, doch so hundertprozentig überzeugen kann keiner. Es bleibt abzuwarten, ob sich Wilfried Kanga an die Bundesliga gewöhnen wird und wie die Entwicklung von Nachwuchsspieler Ngankam voranschreitet. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die „Alte Dame“ auf so gut wie jeder Position doppelt besetzt ist. Allein dies war in den vergangenen Jahren nicht unbedingt der Fall.

Des Weiteren sollte zumindest die bestmögliche Stammelf, wie auch immer sie nach persönlicher Präferenz aussieht, definitiv konkurrenzfähig sein. Bei den Back-Up Optionen wird es auf der ein oder anderen Position allerdings durchaus eng. Mit Spielern wie Prince Boateng und Stevan Jovetic hat man jedoch zumindest noch die ein oder andere Möglichkeit, die dem Kader eine gewisse Variabilität gibt, selbst wenn die Altstars beileibe nicht mehr stamm spielen können. Hinzu kommen ein paar vielversprechende Nachwuchsspieler, die in Anbetracht der Konkurrenz durchaus Chancen auf Einsätze haben dürften.

Fazit: Fredi Bobic hat es geschafft, dass der Kader von Hertha für die eigenen Verhältnisse keine eklatanten Baustellen aufweist. Das war vor allem in der letzten Saison noch anders. Qualitativ könnte es an der einen oder anderen Stelle allerdings dünn werden. In Anbetracht der letzten Jahre wäre aber auch ein kleines Wunder nötig gewesen, um auf jeder Position doppelt hochwertig genug besetzt zu sein. Note: 2+

Langfristige Planung bei Hertha

Es heißt ja oft, man solle im „Hier und Jetzt“ leben. Ein in vielerlei Hinsicht sehr weiser Ratschlag, doch man sollte die Zukunft dabei trotzdem nicht komplett aus den Augen verlieren. Und so wollen wir auch bei Hertha einen Blick auf die Situation im nächsten Sommer werfen. In Anbetracht der Kaderplanung ein nicht zu vernachlässigender Teil, der daher bei der Bewertung von Bobic zumindest nicht unerwähnt bleiben sollte.

Leihrückkehrer

Wie bereits angesprochen, musste man auch dieses Jahr auf ein paar Leihen zurückgreifen, um den Kader zu verschlanken sowieso Ausgaben zu reduzieren.  Unter dem finanziellen Aspekt die richtige Entscheidung, sofern Festverkäufe tatsächlich nicht möglich waren. Unter dem Gesichtspunkt der Kaderplanung im nächsten Jahr könnte daraus allerdings das ein oder andere Problem entstehen. Man wird sich, sollten die Kaufoptionen bei Ascacibar, Piatek und Co. nicht gezogen werden, erneut zunächst erst einmal auf Verkäufe kümmern müssen, bevor Neuzugänge präsentiert werden können. Zumindest im defensiven Mittelfeld hat man mit Ivan Sunjic immerhin selbst vorerst nur eine Leihe getätigt, sodass hier keine unmittelbare Überfüllung droht. Und auch Chidera Ejuke, dessen Vertrag bei seinem Stammverein ZSKA Moskau noch bis 2024 läuft, wird Stand jetzt erst einmal wieder weg sein. Wie es mit der sogenannten „Russland-Regel“ weitergeht, ist jedoch noch völlig offen. Fest planen sollte man mit einem Verbleib Ejukes aber bei Weitem nicht.

Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

Auslaufende Verträge

Ein weiterer Punkt sind die Spieler, deren Verträge bei Hertha im nächsten Sommer enden. Eine jahrlange Achse rund um Vladimir Darida, Peter Pekarik und Davie Selke geht in das letzte Vertragsjahr, auch Stevan Jovetic und Prince Boateng werden nach dem nächsten Sommer mit hoher Wahrscheinlichkeit weg sein. Positiv festzuhalten ist, dass keiner der Genannten unumstrittener Stammspieler oder Leistungsträger ist. Des Weiteren sind einige dieser Verträge wahrscheinlich (zu) hoch dotiert, sodass man ohne Mehrarbeit das Gehaltsbudget weiter entlasten kann. Inwiefern Bobic für diese Situation verantwortlich ist, kann zumindest bezweifelt werden. Weder hat ist er für die Gehälter noch die Vertragsenden verantwortlich, beides fällt in den Verantwortungsbereich von Michael Preetz. In der Bewertung des aktuellen Managers daher tendenziell ein Nullsummenspiel.

Interessant wird es auf der linken Verteidigerposition, wo die Verträge sowohl Mittelstädt als auch Plattenhardt noch nicht verlängert wurden. Mindestens einer von beiden wird über dieses Jahr hinaus wahrscheinlich nicht bei Hertha verbleiben. Mit Blick auf Nachwuchsspieler Ullrich (dessen Vertrag auch ausläuft), dem man eine Perspektive aufzeigen möchte, ein notwendiger Schritt. Hier wartet ein wenig Arbeit auf Fredi Bobic.

Aufgrund des radikalen Umbruchs der letzten Jahre sind die meisten aktuellen Spieler noch recht langfristig an Hertha gebunden. Einzig Dodi Lukebakio wird im nächsten Sommer in sein letztes Vertragsjahr gehen. Wie es mit ihm weitergehen wird, hängt stark von der Leistung des Belgiers in dieser Saison ab. Festhalten lässt sich, dass Bobic seinen großen Umbau mit dem nächsten Sommer vorläufig wird abschließen können. Es wird zu diesem Zeitpunkt kaum einen Spieler von vor seiner Amtszeit verblieben sein, spätestens dann ist er zu 100 Prozent für den Kader verantwortlich. Mit den vorprogrammierten Abgängen wird es automatisch etwas mehr Platz bei Hertha geben, kaum mehr einen Spieler jenseits der 30. Der vorläufige Neustart ist dann wahrscheinlich abgeschlossen, wie es ab diesem Punkt weitergeht wird, hängt auch stark vom Abschneiden in dieser Saison ab. Das Bett für einen, im Vergleich zu den letzten Jahren, relativ gesunden Kader ist jedoch gemacht.

Fazit: Fredi Bobic hat die Weichen für einen komplett neuen Kader gelegt. Ein Selbstläufer wird es allerdings auch im nächsten Sommer nicht. Insbesondere auf der Zugangsseite wird wahrscheinlich einiges an Arbeit zu erledigen sein. Hinzukommen die Leihrückkehrer, für die man neue Abnehmer finden muss. Die auslaufenden Verträge kann man Bobic nicht zugutehalten, da diese nur bedingt in seiner Entscheidung liegen. Note: 2-

Fazit

Ein weiterer wilder Transfersommer liegt hinter Hertha BSC. Für Bobic war es bereits die dritte Transferphase, die unter seiner Verantwortung stand. Im Großen und Ganzen lässt sich ein positives Fazit ziehen. Er hat frühzeitig einen passenden Trainer verpflichtet und einen nicht gerade unbedeutenden finanziellen Überschuss erwirtschaftet, sowohl mit Ablösen als auch gesenkten Gehaltskosten. Über die sportliche Qualität lässt sich streiten, man ist allerdings immerhin auf jeder Position doppelt besetzt. Es gibt ein paar Abstriche in der qualitativen Tiefe des Kaders, in Anbetracht von mehreren Jahren Abstiegskampf am Stück jedoch kaum vermeidbar. Für den nächsten Sommer ist man halbwegs solide aufgestellt, ein allzu großer Ausverkauf wird aller Voraussicht nicht notwendig sein. Negativ zu bewerten sind die erneuten Leihen, da man hier wahrscheinlich wieder Abnehmer wird suchen und sich auf einige Kompromisse hinsichtlich Ablöse einlassen müssen.

Von Bobic wird man erwarten, weitere sportliche Qualität zum kleinen Preis hinzuzufügen, um mittel- und langfristig eine Etablierung in der Bundesliga zu erreichen und den Blick dann eher nach oben als nach unten richten zu können. Für diesen Transfersommer hat der Manager eine sehr solide Arbeit geleistet und sich nach dem verkorksten letzten Jahr ein klein wenig rehabilitiert.

Gesamtnote: 2

Stimmt ihr der Bewertung zu oder seht ihr manche Punkte anders? Kommt gerne auf unseren Discord und diskutiert mit!

[Titelbild: Photo by Martin Rose/Getty Images]

Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Kommentar zum Lehmann-Rausschmiss: Endlich, Herr Windhorst!

Ja, Hertha BSC befindet sich mitten im Abstiegskampf. Ja, die Mannschaft bräuchte Ruhe und sollte sich aufs Sportliche konzentrieren. Aber die neuerliche, rassistische Entgleisung von Jens Lehmann lässt keinen anderen Schluss zu: Dass Hertha-Investor Lars Windhorst nun handelt und Lehmann aus dem Hertha-Aufsichtsrat kickt, ist nicht nur richtig sondern war längst überfällig. Ein Kommentar.

Lehmann und Hertha: Man hätte es wissen können

Vor knapp einem Jahr hat Deutschlands ehemaliger Nationaltorhüter Jens Lehmann Jürgen Klinsmann im Aufsichtsrat der Hertha BSC KG beerbt. Seitdem hat Lehmann nur Unheil, dümmliche Vorschläge und Negativ-Schlagzeilen über den Verein gebracht. Jüngstes Beispiel ist die rassistische Beleidigung, die Lehmann anscheinend unabsichtlich Sky-Experte und Ex-Profi Dennis Aogo zukommen ließ. Aogo kommentierte für den Pay-TV-Sender am gestrigen Dienstagabend das Champions League-Spiel Manchester City vs. Paris St. Germain. Nach seinem TV-Auftritt postete Aogo auf seinem Instagram-Kanal eine WhatsApp-Nachricht von Lehmann, in der der Hertha-Aufsichtsrat fragte: „Ist Dennis jetzt euer Quotenschwarzer?“.

hertha windhorst lehmann
Foto: IMAGO

Es ist nicht der erste unakzeptable Fehlgriff des Ex-Nationaltorhüters. Schon vor seiner Tätigkeit für Hertha fiel Lehmann immer wieder durch schräge Vorschläge und Kommentare auf. Vor etwa sieben Jahren äußerte er sich abschätzig zum Coming-Out von Ex-Mitspieler Thomas Hitzlsperger, in den Medien wurden Vorwürfe bezüglich einer möglichen Steuerhinterziehung gehen ihn bekannt und der Ex-Schalker und -Dortmunder musste sich schon vor Gericht wegen Beihilfe zur Unfallflucht rechtfertigen. Klar ist also: Alleine Lehmanns Berufung in den Aufsichtsrat war damals ein riesiger Imageschaden für den gesamten Verein, wie Hertha-BASE-Autor Simon schon im Mai 2020 kommentierte.

Lehmann schadete Hertha letztendlich nur

Doch auch während seiner Zugehörigkeit zu Hertha änderte sich wenig an Lehmanns Verhalten. Kurz nach seinem Einstieg erklärte er beispielsweise, dass jüngere Menschen wie Profifußballer mit dem Coronavirus „zurechtkommen“ müssten, außerdem verharmloste er das Virus mehrfach. Auch sportlich-fachliche Kommentare des Ex-Profis waren eher kontraproduktiv. In einem großen Interview forderte Lehmann die schnellstmögliche Qualifikation für den europäischen Fußball – in einer Situation in der Hertha schon damals ums Erstliga-Überleben kämpfte. Hinzu kam ein recht merkwürdiger Auftritt im „Doppelpass“, bei dem er Hertha-Boss Werner Gegenbauer als „guten Berliner Typen“ und „ein bisschen anders“ bezeichnete und auf die Frage, was Union besser mache als Hertha, eine unprofessionell ausweichende Antwort gab. Kurzum: Über die gesamte Dauer seiner Tätigkeit für Hertha hatte Lehmann keine Bindung zu den operativ Handelnden im Verein. Ganz im Gegenteil: Mit seinem Verhalten behinderte er sogar deren Bemühen um Herthas sportliche Zukunft.

hertha windhorst lehmann
Foto: nordphotox/xEngler/IMAGO

Lars Windhorst hat in Interview immer bekundet, dass er sich für Klinsmann und später auch Lehmann im Aufsichtsrat bemüht habe, weil ihm der fußballerische Sachverstand fehle. Blickt man auf Lehmanns Post-Profi-Karriere, ist allerdings die Frage berechtigt, ob dieser fußballerische Sachverstand jemals vorhanden war. Als TV-Experte bei Spielen der Nationalmannschaft wurde er jedenfalls nicht zum Sympathieträger und bekam auch keinen Anschlussjob im Fernsehen. Übrigens: Auch aus diesem Grund ist Lehmanns Kommentar gegenüber Dennis Aogo deplatziert. Denn im Gegensatz zu Lehmann ist Aogo ein aufgeweckter, sympathischer und inhaltlich fundierter TV-Experte – was dafür spräche, dass Lehmann bei seiner Äußerungen nichts als der bloße Neid trieb. Aber auch auf Management-Ebene sind seine Schritte im Profibereich überschaubar: Nach nur drei Monaten als Co-Trainer des FC Augsburg wurde Lehmann von seinem Ex-Verein freigestellt – bis heute folgten keine weiteren Tätigkeiten im Trainerbereich.

Petry, Lehmann – Hertha handelt konsequent

Nach dem Rausschmiss von Torwart-Trainer Zsolt Petry, der sich in einem ungarischen Interview kürzlich homophob und rassistisch äußerte, ist Lehmanns Entlassung der zweite Mini-Skandal, der Hertha mitten im Abstiegskampf beschäftigt. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft das Chaos, das den Verein in dieser Saison nicht loszulassen scheint, ignorieren kann.

Aber selbst wenn Hertha am Ende der Saison absteigen sollte – dass die Tennor Holding Lehmann aus dem Aufsichtsrat geschmissen hat, ist nicht nur richtig, sondern überfällig. Denn Werte wie Toleranz und Offenheit, mit denen sich Hertha richtigerweise offensiv schmückt, dürfen unter keinen Umständen kompromittiert werden.

[Titelbild: IMAGO]

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Reich und Sexy – Von der Big City zum Big-City-Club

Von der grauen Maus zum Big-City-Club. Mit diesem vollmundigen Versprechen wurde den Hertha-Fans ein Platz an der europäischen Sonne versprochen. Doch hat die alte Dame überhaupt das Potential dazu? Das und die Frage wo man als junger Millionär am besten lebt, klären wir in diesem Artikel.

Schaut man sich den europäischen Spitzenfußball an, fällt auf, dass die Hauptstädte der jeweiligen Länder fast ausnahmslos Spitzenclubs beherbergen. Frankreich hat PSG, Italien die Roma wie zuletzt auch Lazio und Spanien mit Atlético und Real sogar zwei äußerst hochklassige Teams. Der Spitzenreiter ist allerdings London. Von den 20 Mannschaften der Premier League sind sieben in der englischen Hauptstadt oder dem direkten Umland beheimatet. Davon sind drei – Chelsea, Arsenal und Tottenham – regelmäßig in Europa und Champions League zu finden. Einzig und allein Deutschland scheint die Ausnahme dieser Regel zu sein. Während Berliner Basketball, Volleyball, Eishockey und Handball durchaus erfolgreich ist, scheint der Fußball eher mittelmäßig zu sein.

Vorteile einer Hauptstadt

Zwar sind mit Union nun zwei Berliner Teams in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten, doch ob die Köpenicker in den nächsten Jahren Champions League spielen werden, ist erstmal zu bezweifeln. Man könnte nun darüber spekulieren, warum es Hertha bisher nicht geschafft hat den vermeintlichen Hauptstadtbonus für sich zu nutzen. Wiederholte Ab- und Aufstiege, Fankonkurrenz durch starke andere Sportarten, allgemeine Klubvielfalt in Berlin und die grundlegende finanzielle Struktur der Bundesliga könnten Gründe sein. Die viel interessantere Frage ist jedoch nicht, woran es bisher gelegen hat, sondern ob es sich ändern kann.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hauptstädte besitzen kein mystisches Energiefeld, welches jeden Fußball schneller, stärker und abschlusssicherer macht. Was sie meist ausmacht, ist erstens eine lange Geschichte und zweitens eine große Anzahl an Einwohnern. Beides nutzt dem Fußball. Gibt es einen Verein sehr lange, ist die Chance höher, dass er eine gute Infrastruktur aufbauen kann und viele Fans hat. Viele Einwohner bedeuten, dass auch allgemein mehr Menschen Fußball spielen, was einerseits mehr Fans und damit Geld bringt, aber andererseits auch mehr Talente hervorbringt, die dann ausgebildet werden können. Hertha zum Beispiel profitiert enorm von dem dichten Netz von fast 400 Vereinen in der Stadt, die viele Talente in Herthas Nachwuchsbereich spülen.

Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Gehälter, Beratergebühren und Ablösesummen sind exponentiell gestiegen. Gleichzeitig entdecken viele Spieler die Bedeutung einer guten Selbstvermarktung. Ob Rückennummer-Akronyme à la CR7 (oder alternativ AE9), Urlaub auf Mykonos, patentierte Jubel, Slogans wie „Unleash the wolf“ oder sympathische Tik-Tok Auftritte: Ein gutes Image bringt nicht nur Werbedeals, sondern erhöht auch das Interesse der Vereine. Diese definieren sich über ihre Spieler und wollen auch abseits des Platzes Geld mit ihnen, etwa durch Trikots, verdienen. 

Lieber Paris als Chemnitz

Nun tritt ein weniger offensichtlicher Punkt der Vereinswahl in den Vordergrund: der Flair und die Lebensqualität der Stadt. Sind die Spieler nicht gerade mit Training, Instagram oder Spielen beschäftigt, sind sie erst einmal oftmals Millionäre in ihren 20ern. Natürlich wollen die meisten von ihnen ihre Tage nicht in der Gartenlaube bei Bitburger 0,0% und 1,99€ Nackensteaks verbringen. Sie wollen ihr Geld ausgeben und, im Falle einer dahingehenden Selbstvermarktung, müssen sie das sogar tun. Nun kann man einen Porsche in jeder Stadt der Welt fahren. Doch ist ein Loft in Madrid, Paris oder Rom sicherlich schöner als eines in Rostock oder Hull. Es sollte einen also nicht wundern, wenn neben der Aussicht auf sportlichen Erfolg und finanziellen Anreizen auch die Lebensqualität einer Stadt eine Rolle bei Transfers spielt.

In einer 2019 veröffentlichten Studie kürte die Unternehmensberatung Mercer zum wiederholten Mal die Städte mit der höchsten Lebensqualität. Wien lag auf dem ersten Platz, gefolgt von Zürich. Die erste deutsche Stadt des Rankings war München: Platz 3. Die erste französische Stadt? Paris (Platz 39 – dahinter Lyon). Spanien: Barcelona (43) und Madrid (46). Rom liegt auf Platz 56, ist aber nur die zweite italienische Stadt. Mailand ist lebenswerter und liegt hinter Lyon auf Platz 41. Was auffällt ist, dass all diese Orte topklassige Fußballvereine aufweisen: PSG, Olympique, Barca, die schon erwähnten Atlético und Real, sowie den AS Rom und Inter und AC Mailand.

(Photo credit should read OLIVIER MORIN/AFP via Getty Images)

Das ist erstmal nur eine Korrelation und keine Kausalität. Zudem ist die jüngste Erfolgsgeschichte von PSG eher den Petrodollar aus Quatar zu verdanken, als dem Café au Lait am Champs-Élysées. Aber auch hier gilt: Es ist besser ein auf Lifestyle bedachter Millionär in Paris zu sein, als einer in Chemnitz. Wichtig ist hierbei festzuhalten, dass dieser Faktor, wenn überhaupt vor allem in den letzten Jahren bedeutsam wurde. Um die Vorzüge des Millonärdaseins genießen zu können, muss man erstmal Millionen verdienen.

An dieser Stelle kommt das Potential Berlins ins Spiel. In den letzten 30 Jahren nach dem Mauerfall, hat diese Stadt sich zu einem multikulturellen Sehnsuchtsort entwickelt. Im Ranking von Mercer liegt die deutsche Hauptstadt deshalb auf Platz 13 und damit vor Paris, Madrid, Rom oder Hamburg. Berlin ist also sexy, aber die Hertha war arm. Somit konnte der Hauptstadt-Flair-Bonus nur bedingt ausgespielt werden. Er reichte jedoch um Stars wie Marcelinho und Salomon Kalou an die Spree zu locken. Legendär sind die Partynächte des ersten und wenn man in der Vergangenheit Kalous Instagram-Stories verfolgte und er nicht gerade die DFL blamierte, dann sah man ihn hier oft im Kreis seiner Freunde und Familie, die sich allesamt sehr wohl zu fühlen schienen.  

Durch Tennor nicht mehr nur sexy

Schaut man sich andere Vereine in Deutschland an, dann ist Bayern München der erfolgreichste Klub. Dank guten Marketings, besondere Fürsorge durch die CSU, dem hervorragenden Verhandlungsgeschick bei Sponsoren-Deals mit Quatar Airways und natürlich auch dem durch die vorherigen Punkte begünstigten sportlichen Erfolg ist dieser Klub nicht nur reich, sondern auch in einer sexy Stadt (Platz 3) dahoam. Borussia Dortmund ist auch erfolgreich und finanziell stark aufgestellt. Das Problem liegt allerdings in Dortmund. Auch wenn das Ruhrgebiet mal Kulturhauptstadt war und Essen das ein oder andere Weltkulturerbe aufzuweisen hat, besticht dieser Teil Deutschlands nicht unbedingt durch seine Schönheit. Im Ranking von Mercer taucht keine Stadt des Ruhrgebiets auf, was ziemlich bemerkenswert ist, liegt Bagdad hier doch auf dem letzten (231.) Platz. Vielleicht wurden diese Städte aber auch gar nicht erst untersucht.

Foto: IMAGO

Durch den Einstieg von Tennor wurde aus Hertha nun aber plötzlich ein reicher Klub in einer sexy Stadt. Das ist eine vielversprechende Mischung. Unterm Strich bedeutet das jetzt nämlich, dass Hertha nicht nur mit einem attraktiven Lebensort um Spieler werben kann, sondern auch mit einem spannenden, finanzstarken Fußballprojekt. Somit ist das unsägliche Meme des „Big-City-Clubs“ vielleicht doch nicht ganz so weit hergeholt. Windhorst ist ein Geschäftsmann, der vom Sport nach eigenen Aussagen wenig Ahnung hat. Auch wenn sich jetzt viele Vereine beschweren, an bereitwilligen Abnehmern für sein Geld hätte es ihm wohl nicht gemangelt. Er wird sich daher ganz genau überlegt haben, welcher Standort in Kombination mit welchem Verein das größte Renditepotential bietet.

Man sollte den Faktor der Lebensqualität jedoch nicht überbewerten. Die Attraktivität des Standortes kann auch in der Fußball- und Fankultur liegen. Anthony Modeste zog die Kölner-Fanliebe dem chinesischen Geld vor und die Faszination des FC Liverpool liegt bestimmt nicht in den blühenden Landschaften dieser Industriestadt.

Auf Hertha bezogen bleibt jedoch festzustellen, dass auch wenn das Flanieren auf dem Ku’Damm die Spieler nicht unbedingt schneller macht: ein Loft in Charlottenburg ist für viele junge Spieler doch schöner als ein Einfamilienhaus in Köpenick.

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Danke für Nichts, Jürgen

Danke für Nichts, Jürgen

Vor genau einer Woche erreichte mich die Whatsapp-Nachricht eines mir bekannten Berliner Sportjournalisten. Er könne mir ein paar Anekdoten zu dem „Blender“ Jürgen Klinsmann erzählen, mit dem es laut ihm kein gutes Ende nehmen würde. Damals war die Hertha-Welt noch eine andere und auch wenn ich weiterhin gewisse Zweifel an der Arbeit Klinsmanns hatte, so verwunderten mich diese Aussagen in ihrer Schärfe dann doch. „Naja, wie schlimm können die Geschichten schon sein“, fragte ich mich. Das war am 4. Februar. Sieben Tage später brennt der Verein, nachdem Klinsmann völlig überraschend seinen Rücktritt als Cheftrainer Herthas verkündet hat und mittlerweile muss ich der Nachricht meines Kollegen Recht geben. Ein Versuch der Einordnung.

Der morgendliche Gang auf Twitter gehört mittlerweile zur Alltagsroutine dazu. Ein bisschen über das Tagesgeschehen informieren, über die aktuelle Politik schimpfen – das Übliche halt. Dass am Dienstagmorgen jedoch eine mediale Bombe platzen sollte, mitten im Epizentrum meines Vereins, hätte ich nicht gedacht. Immer mehr Menschen teilten einen Facebook-Link von Jürgen Klinsmanns Account. „Na, welche größenwahnsinnige Zukunftsfantasie hat sich Jürgen dieses Mal ausgedacht, die alle zum Lachen bringt“, hatte ich mir gedacht, doch beim Lesen seines Posts fiel mir die Kinnlade herunter. Klinsmann verkündete, nicht länger Cheftrainer von Hertha BSC zu sein. „(…) Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel – den Klassenverbleib – schaffen wird. (…) Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“, schreibt „Klinsi“.

Schlechter Stil Klinsmanns

Rumms! Das Aus nach zehn Wochen, nach genau genommen 76 Tagen. Twitter überschlug sich: Panik hier, Häme da, verzweifelte Versuche einer ersten Einordnung dort. Sicherlich lief es zuletzt sportlich nicht mehr so erfolgreich wie im Hinrunden-Endspurt unter Klinsmann: in den letzten fünf Spielen vor Jahresende holte die Mannschaft unter ihm sehr solide acht Punkte, doch in den vier Partien in 2020 nur vier Zähler, zusätzlich das Pokal-Aus auf Schalke. Und klar, die 1:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 war enttäuschend. Doch all das konnte doch nicht diesen plötzlichen Rücktritt erklären, oder? Schließlich präsentierte sich Klinsmann in den Tagen nach der Pleite noch gewohnt positiv gestimmt und beteuerte in seinem Facebook-Live vom Montag die gute Entwicklung der Mannschaft. „Die nächsten Spiele werden nicht einfach, aber wir sind insgesamt auf dem richtigen Weg und guter Dinge, dass wir noch mehr Punkte einfahren werden“, so seine Prognose. Wie üblich schien Klinsmann alles locker zu nehmen und gute Stimmung zu verbreiten. Zu dem Zeitpunkt, als er in seinen Laptop grinste, stand seine Entscheidung, zurückzutreten, aber schon fest. „Aaand the Oscars goooeees tooo …“

Doch auch der Verein selbst wurde ob dieser Entscheidung lange im Dunkeln gelassen. Klinsmann verkündete sein Ende als Cheftrainer eigenmächtig auf Facebook und ließ den Hertha-Verantwortlichen gar keine Chance, die Sache einigermaßen souverän über die Bühne zu bringen. „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen“, erklärte Geschäftsführer Sport Michael Preetz ein paar Stunden nach dem Facebook-Beitrag Klinsmanns. Bis dahin ist Klinsmann also schlechter Stil und dem Verein größeres Chaos zu attestieren. Besonders, wenn man erfährt, dass Investor Lars Windhorst bereits Montagabend von Klinsmann über dessen Entscheidung informiert wurde und dieser es obendrein nicht für nötig hielt, mal selbst den Hörer in Hand zu nehmen und die Berliner Verantwortlichen zu informieren. Doch sollte das alles fast nur die Spitze Eisbergs sein, auf den die „alte Dame“ zusteuert. Denn wie mittlerweile klar ist: das Klinsmann-Aus resultierte aus einem scharfen Machtkampf.

Klinsmann ging es nicht um Hertha

Wie mehrere Medien berichten und Klinsmann mittlerweile in einem fragwürdigen Bild-Interview bestätigt, soll er für die kommende Saison geplant haben, zum in England bereits etablierten Job des „Teammanagers“ aufzusteigen, sprich weiterhin Cheftrainer Herthas zu sein, aber auch deutlich mehr Kompetenzen im Gestalten der Hertha-Zukunft zu erhalten und somit auch deutlich in den Aufgabenbereich von Michael Preetz einzugreifen. „Nach meinen Verständnis sollte ein Trainer die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers.“ Hinzu sollte eine Gehaltvorstellung kommen, die jeglichen Realitätssinn vermissen ließ. An diesem Punkt wurde es den alten Hertha-Kräften um Preetz und Präsident Werner Gegenbauer zu bunt. Sie verwiesen darauf, dass zunächst einmal der Klassenerhalt gesichert werden müsste, um die sportliche Situation neu zu bewerten und die zukünftige Ausrichtung zu planen. Dieses Machtwort veranlasste Klinsmann, unverzüglich hinzuschmeißen und den Verein – so deutlich muss man es sagen – im Stich zu lassen. „Die Anhänger, die Spieler und die Mitarbeiter sind mir in dieser Zeit natürlich ans Herz gewachsen und deshalb werde ich weiter mit der Hertha fiebern“, heißt es in seiner Rücktrittserklärung. Nein, Jürgen, hier ging es dir nur um dich. Sei ehrlich, du hast dich daran berauscht, doch noch einmal Trainer eines Bundesligisten sein zu dürfen, nachdem dein Ruf durch das Bayern-Intermezzo so gelitten hatte. Du hattest die große Bühne vermisst, wolltest deinen Namen über dem „spannendsten Projekt Europas“ hängen haben und als großer Macher glänzen, der den schlafenden Riesen aus Berlin emporsteigen lässt. Hertha war Mittel zum Zweck, um deinen Namen im deutschen Fußball reinzuwaschen, doch als man dir zum ersten Mal „nein“ sagte, bist du gegangen.

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Wer nach zehn Wochen hinschmeißt, weil der Verein sich nicht seinen Allmachtsfantasien hingeben will, dem geht es nicht um die Sache. Nein, hier erkennt man den fehlenden Respekt vor dem Verein Hertha BSC. Anstatt seinen Stolz runterzuschlucken und den Klub, wie versprochen, vor dem Abstieg zu bewahren, bockt Klinsmann lieber rum und stellt sich über diesen. „Wenn ich etwas übernehme, mache ich das nicht halb“, posaunte er bei seinem Amtsantritt im November noch herum. Soviel dazu. Ohnehin entpuppen sich die vielen Aussagen des Sommermärchen-Machers mit dieser Aktion als heiße Luft und Wichtigtuerei. Nein, was hatte Klinsmann mit Hertha nicht alles vor. Dieses Jahr Klassenerhalt, ab nächstem Jahr Europa und irgendwann die Weltherrschaft. Natürlich schreckte man auch als Hertha-Fan bei diesen Aussagen auf, doch irgendetwas in einem freute sich über diese Ambitionen. Lange genug hatte man das Dasein als „graue Maus“ der Liga gefristet, lange genug wurde man für eben jenes kritisiert. Mit Klinsmann schien ein neues Zeitalter angebrochen zu sein, er schien den Verein, der schon viel zu lange in seiner eigenen Suppe schwamm, aufzuwecken. Da störten seine regelmäßigen Ausbrüche des Größenwahns kaum, denn endlich passierte etwas in dem Verein. Alte Strukturen wurden aufgebrochen, neues Personal eingestellt und angefangen, eine neue Mentalität zu etablieren. All das kann man auch machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist und eben nicht nach zehn Wochen wieder geht. Mein Gott, habe ich mir bei allen Zweifeln einfach nur gewünscht, dass das alles klappt und man das Gegenbeispiel zu einem Hamburger SV, 1860 München oder Hannover 96 werden könnte. Wie blöd ich mir jetzt vorkomme, Klinsmann und seine Rhetorik so lange verteidigt zu haben. „Lasst ihn doch erstmal machen“, „Ist doch gut, dass jetzt mal Schwung reinkommt und neue Wege gegangen werden“ – ich fühle mich peinlich berührt. Weil ich ihm auf den Leim gegangen bin, wie so viele andere auch. Der Sommermärchen-Macher weiß nun einmal um sein Charisma.

Der Machtkampf mit Windhorst

Stattdessen fühlt es sich so an, als wenn einem mehrere Teller mit Spaghetti Bolognese, auf die man sich riesig gefreut hatte, runtergefallen und man versteinert auf seinen Küchenboden voller Scherben und verteiltem Essen blickt, weil man nicht weiß, wo man überhaupt anfangen soll. Denn was bleibt? Klinsmann hat in seiner Zeit als Cheftrainer etliche (verdiente) Spieler wie Salomon Kalou und Ondrej Duda vom Hof gejagt, weil sie angeblich nicht sein Konzept (was auch immer das beinhaltet) gepasst haben sollen. Ganze Räumlichkeiten des Vereinsgeländes wurden nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Zudem wurden 75 (!) Millionen Euro im Winter für Neuzugänge ausgegeben, die allesamt angegeben haben, auch wegen des Namens Klinsmann nach Berlin gewechselt zu sein. Insgesamt vier Spieler hat man hinzugeholt und sieben abgegeben – alles auf Klinsmanns Wunsch hin. All das, damit er nach fünf Spielen im Jahr 2020 hinschmeißt und damit seinem Egoismus freien Lauf lässt. Klinsmann hat einen absoluten Scherbenhaufen hinterlassen.

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Dass man sich ihm zunächst so ausgeliefert hatte, kann der Vereinsführung sicherlich negativ ausgelegt werden und erhält durch die Windhorst-Komponente noch eine weitere Dimension. Der Investor, der im zurückliegenden Sommer für 225 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile der Hertha BSC KGaA erworben hatte, hatte Klinsmann als seinen engen Vertrauten bei Hertha installiert – erst als Aufsichtsratsmitglied, dann als Cheftrainer. Die beiden befanden sich stets im engen Austausch – so verwundert es auch nicht, dass Windhorst vor den Hertha-Verantwortlichen vom Klinsmann-Aus wusste. Auch wenn Preetz immer wieder betonte, wie lange er und Klinsmann sich bereits kennen und über etwaige Möglichkeiten der Zusammenarbeit diskutierten, so ist festzuhalten, dass Klinsmann ein Windhorst-Mann ist. Wie Klinsmann mit dem Klub in nur zehn Wochen umspringen durfte und dass er nahezu keinen Stein auf dem anderen ließ, ist somit der feste Beweis für den bereits riesigen Einfluss Windhorts. All das, vor dem man im Vorfeld bei solch einem Investor gewarnt wird, scheint sich bewahrheiten. Schritt für Schritt wird versucht, Einfluss auf die sportlichen Geschicke des Vereins zu nehmen und seine eigenen Leute in das Projekt einzubauen. „Wir sind nicht Spielball, sondern Treiber dieser Entwicklung“, beteuerte Präsident Gegenbauer auf der Mitgliederversammlung im November letzten Jahres. Durch die Ereignisse der letzten Monate lässt sich diese Aussage mehr als nur anzweifeln. Womöglich ist den Verantwortlichen durch den nimmersatten Machthunger Klinsmanns endlich klar geworden, dass Lars Windhorst alles andere als ein stiller Teilhaber ohne eigene Vorstellungen ist. Aktuell zeichnet sich ein deutlicher Machtkampf zwischen dem „alten“ Hertha-Lager und den neuen Mächten ab. Öffentlich wird zumindest das Bild vermittelt, momentan eher gegen- als miteinander zu arbeiten.

Auch Preetz gibt ein schlechtes Bild ab

Natürlich muss auch die Personalie Michael Preetz noch kritisch aufgegriffen werden. Sieht man die einstige Entscheidung, Jürgen Klinsmann als Übungsleiter zu installieren, als reine Trainerwahl an, hat Herthas Geschäftsführer einmal mehr aufs falsche Pferd gesetzt – in der laufenden Saison nach Ante Covic sogar zum zweiten Mal. Funkel, Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay, Covic und Klinsmann – bis auf Pal Dardai sind sämtliche Trainer unter Preetz gefloppt oder haben sich nicht nachhaltig halten können. Einzig die ungarische Vereinsikone hat eine Ära prägen können und auch hier ließ sich nicht von der Weitsicht Preetz‘ reden, da dieser Dardai zunächst als reinen Feuerwehrmann installierte und es sich als überraschender Glücksfall hinausstellte, dass er viereinhalb Jahre lang insgesamt erfolgreich arbeitete. Dardai war einst die letzte Patrone von Preetz, der sich nach der vergangenen Saison entschied, dass die Entwicklung unter Dardai nicht steil genug voranschritt. Dafür gab es sicherlich stichhaltige Argumente und auch ich selbst glaube nach wie vor, dass Dardai seinen Zenit bei Hertha erreicht hatte. Entscheidet man sich aber bewusst dafür, den eigenen Trainer „ohne große Not“ vor die Tür zu setzen, um nun den nächsten Entwicklungsschritt einzuläuten, dann muss man auch liefern – sprich eine große Lösung mit Signalwirkung präsentieren.

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Letztendlich wurde es Ante Covic, den man aufgrund seines Stallgeruches als Wunschlösung präsentierte. Schnell wurde jedoch klar, dass die große Bundesliga-Bühne mit all ihren Aufgabenbereichen eine Nummer zu groß für den einstigen U23-Trainer Herthas war. Nach nur vier Monaten und zwölf Ligaspielen trennte man sich von Covic, der offensichtlich überfordert war. Es ist einer der wichtigsten Aufgaben des Managers, den richtigen Trainer auszuwählen, doch einmal mehr hatte Preetz in dieser Hinsicht versagt. Es sollte zu seinen Kompetenzen gehören, so etwas wie den Fall Covic vorauszuahnen und sich dementsprechend von Anfang an für einen anderen Trainer zu entscheiden. Stattdessen war die Berliner Schnauze einmal mehr größer als die Realität, denn Preetz lief mit der Entscheidung für Covic mit Ansage in die Kreissäge und hatte den Verein somit einmal mehr in den Abstiegskampf geführt – der Moment, in dem man sich verzweifelt an Klinsmann wandte und erneut einen Schritt näher an den Abgrund trat. Die ganze Causa Klinsmann hätte mit einer vernünftigen Trainerwahl im vorangegangenen Sommer verhindert werden können, so ist man aber Opfer seiner eigenen Taten geworden. Einmal mehr hat Preetz alle Warnsignale ignoriert und mangelndes taktisches Geschick bewiesen.

Es gibt zwei Lesarten des Machtwortes der Hertha-Verantwortlichen. Entweder hat Michael Preetz dem Größenwahn Klinsmanns Einhalt geboten und noch schlimmeres verhindert, oder aber er hat nur seine eigene Haut gerettet. Preetz ist schließlich schon öfter nachgesagt worden, sich krampfhaft an seinen Posten zu klammern und nichts zuzulassen, dass ihn in seiner Bedeutung für den Verein schwächen könnte. So wird es kein Zufalle gewesen sein, dass “Performance-Manager” Arne Friedrich erst mit dem Amtsantritt Klinsmann im Verein untergebracht wurde. Friedrich ist eine Identifikationsfigur des Vereins, die man viel früher hätte binden können, doch besteht die Möglichkeit, dass Preetz dies aktiv geblockt hat. Das mag Kaffeesatzleserei sein, aber ein anderes Bild wird von Preetz nicht vermittelt. Am Donnerstag (11.30 Uhr) wird es eine Pressekonferenz mit Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst geben, die eventuell noch mehr Aufschluss gibt. Präsentiert man sich als Einheit oder gibt man einmal mehr ein katastrophales Gesamtbild ab?

Was bleibt?

Jürgen Klinsmann, der sein Engagement im nachhinein als „Himmelfahrtskommando“ bezeichnet hat, soll sich übrigens bereits auf dem Weg in die kalifornische Wahlheimat befinden. Der Enkeltrick bei der Berliner „alten Dame“ hat nicht geklappt. Was bleibt, ist ein teurer und nach seinen Wünschen zusammengewürfelter Kader mit einigen unzufriedenen weil unfair behandelten Spielern, ein kompletter Betreuerstab ohne genaue Zukunft und eine taktisch heruntergewirtschaftete Mannschaft, die außer solidem Verteidigen nichts neues dazugelernt hat. Also nichts. Oder eigentlich sogar weniger als nichts. Hinzukommt nämlich noch ein massiger Imageschaden für Hertha (also eigentlich beide Seiten), der es dem Verein immens schwermachen wird, in Zukunft Verhandlungen mit Spielern und Trainern zu führen. Also danke für nichts, Jürgen. Das „HaHoHe“ am Ende deines Facebook-Posts hättest du dir sparen können, denn ein Herthaner warst du nie und wirst du auch nie sein. Es ist nämlich absolut unvorstellbar, dass er wie angekündigt noch einmal als Aufsichtsratsmitglied fungieren wird. Nach dieser Aktion ist keine weitere Zusammenarbeit denkbar. Das blau-weiße Tischtuch ist zerschnitten. Um es noch einmal zusammenzufassen: Klinsmann kam, erhielt ohnehin schon mehr Kompetenzen als andere Bundesliga-Trainer, durfte im Winter mehr Geld als jeder (!) andere Verein der Welt ausgeben, schmeißt dann nach fünf Spielen in 2020 hin, weil er verrückterweise nicht die Vereinsführung übernehmen durfte, verkündet unabgesprochen sein Ende per Facebook und erdreistet sich dann auch noch, nicht einmal einen Tag später per Interview nachzutreten. Das ist so schäbig, da fehlen einem die Worte.

Und Hertha? Der Verein hat sich in den letzten Monaten so oft der Lächerlichkeit preisgegeben, dass ich schon gar nicht mehr mitzählen kann. Es ist seit längerem einfach nur beschämend, Fan dieses Vereins zu sein und so langsam verliere ich auch die Lust daran. Früher war man den anderen zumindest egal, nun ist man die Lachnummer der Liga. Alles, was man sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat, scheint man sich innerhalb von wenigen Monaten mit Arsch eingerissen zu haben. Die nächsten Entscheidungen müssen sitzen, sonst wird dieser Klub unter dem Druck des eigenen Anspruches kollabieren. In der Windhorst-Spirale kann es nur nach oben oder unten gingen, aber Mittelmaß ist keine Möglichkeit mehr.