Vorschau: Hertha BSC – SV Werder Bremen: Topspiel am Abgrund

Vorschau: Hertha BSC – SV Werder Bremen: Topspiel am Abgrund

Am Samstag um 18.30 Uhr wird das Topspiel des Bundesligaspieltags angepfiffen. Dass es dann ausgerechnet ein Kellerduell zwischen zwei schwächelnden Mannschaften wird, wird die neutralen Zuschauer sicherlich nicht erfreuen. Noch weniger erfreut sind dafür Hertha-Fans nach den letzten Spielen ihrer Mannschaft. Sollte am Samstagabend die „alte Dame“ erneut verlieren, könnte es nun das Ende für Cheftrainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz bedeuten. Es könnte also im Spiel Hertha BSC – Werder Bremen um einiges gehen. Umso besser vielleicht, dass dafür die große leere Bühne unter Flutlicht bereitsteht, und die ganze Bundesliga zuschauen darf. Immerhin wird Hertha mal im Mittelpunkt stehen.

SV Werder Bremen – stark gegen die Schwachen

Herthas Gegner am Ende einer erneut misslungenen „englischen Woche“ heißt SV Werder Bremen. Eigentlich ein Angstgegner für die Berliner: in der Bundesliga gab es für die Blau-Weißen in 75 Duellen nur 20 Siege, dafür 36 Niederlagen. Immerhin konnte man zuletzt die Bilanz etwas verbessern. Die letzte Niederlage in Berlin gegen Werder ist über vier Jahre her.

Auch für die Bremer gab es in der Saison 2020/21 bisher nicht allzu viel zu feiern. Im ersten Saisonspiel gegen Hertha gab es eine 1:4 Niederlage. Danach konnte die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt allerdings eine Serie von sieben Spielen ohne Niederlage hinlegen. Davon gingen fünf Spiele mit 1:1 unentschieden aus. In der Hinrunde konnten die Bremer nur vier Siege holen, gleich viele wie die Elf von Bruno Labbadia. Nur ein Punkt trennt beide Mannschaften, die jeweils auf Tabellenplätze 13. (Bremen) und 14. (Hertha) hängen.

Die schlechte Nachricht für Hertha-Fans dürfte die Tatsache sein, dass Werder (bis auf das Auftaktspiel) kein einziges Duell gegen Konkurrenten im Abstiegskampf mehr verlor. Gegen Gelsenkirchen, Mainz, Bielefeld und Augsburg gab es Siege, gegen Köln und Hoffenheim ein Unentschieden. Gerade gegen „schwächere“ Gegner konnte Kohfeldts Elf also überzeugen.

Werders gemischte Bilanz im Jahr 2021  

Am Dienstagabend ging es Auswärts nach Mönchengladbach. Dort konnte Werder trotz ordentlicher Leistung nicht punkten. Doch so schlecht sieht die Formkurve im Jahr 2021 nicht aus. Zwar musste man sich gegen den 1. FC Union Berlin geschlagen geben, holte anschließend aber einen Punkt in Leverkusen. Vergangenes Wochenende schlugen die Bremer den FC Augsburg mit 2:0. Wie gut oder schlecht Werder Bremen nun wirklich in dieser Saison ist, bleibt schwer einzuschätzen.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Großartigen Fußball spielt man an der Weser auch diese Saison sicherlich nicht. Dafür hat man weniger Probleme damit, auf kämpferischer Art und Weise die Spiele an sich zu reißen. Abstiegskampf kennen die Bremer Spieler von letzter Saison noch zu gut. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Kohfeldt sein Team wie im Spiel gegen den FC Augsburg mit einer Dreierkette auf den Rasen im Olympiastadion schicken.

Sollte es Hertha dann erneut gegen drei großgewachsene Innenverteidiger nur mit Flanken versuchen, könnte das Spiel für die „alte Dame“ ähnlich verlaufen wie am Dienstagabend gegen die TSG aus Hoffenheim. Eine Bremer Personalie wird am Samstag jedenfalls wieder zum Thema werden: Davie Selke wird zum ersten Mal seit seiner Rückkehr an der Weser im Olympiastadion gegen Hertha spielen.

Hertha im Abstiegskampf – Kritik wird immer lauter

Doch im Grunde genommen geht es weniger darum, wie Herthas Gegner heißt oder wie dieser aufgestellt ist. Die letzten Wochen zeigten sehr gut, dass die „alte Dame“ mit sich selbst am meisten zu kämpfen hat. Zu den bereits bestehenden Schwächen, wie die Standardschwäche und die Probleme im Aufbauspiel, kamen neue hinzu. Jetzt schaffen es die Blau-Weißen nicht mal mehr zu treffen. Seit dem Sieg gegen Gelsenkirchen gab es keinen eigenen Treffer mehr.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Über die aktuelle Situation am Schenkendorffplatz wurde in den letzten Tagen bereits sehr viel geschrieben. Besonders Manager Michael Preetz steht im Mittelpunkt der Kritik. Cheftrainer Bruno Labbadia zeigte sich in der Pressekonferenz vor der Partie wie gewohnt realistisch: „Wir können alle die Tabelle lesen und wissen, dass wir aufgrund der Ergebnisse immer mehr unter Druck sind. Das ist normal”. Gegen Bremen gelte es „die Ärmel hochzukrempeln, sich gegen Widerstände zu wehren und nicht mit einer Angst reinzugehen”. Das Problem: ähnliche Parolen konnte man auch nach den Spielen gegen Bielefeld und Köln von Michael Preetz und Bruno Labbadia hören. Eine spürbare Wirkung, die sich auch in Punktgewinne manifestiert, blieb bisher jedoch aus.

Was sich im Vorfeld auf das Spiel Bremen-Spiel veränderte, war eine gewisse „Jetzt-erst-Recht“-Haltung von Trainer Labbadia: “Ich muss vorangehen. Wir liegen ein wenig am Boden. Da kann man liegenbleiben. Aber davon war ich noch nie ein Freund.“ Mit dem Rücken zur Wand wird die Mannschaft jetzt reagieren und punkten müssen. Viele Möglichkeiten bleiben den aktuellen Verantwortlichen wohl nicht mehr, um das Ruder herumzureißen.

Auch in unserer letzten Podcast-Folge ging es um die Kritik an Michael Preetz und die allgemeine Lage im Verein.

Keine Cunha-Sperre und Gerüchte um Gómez

Zur Verfügung stehen Herthas Cheftrainer wohl dieselben Spieler wie unter der Woche gegen Hoffenheim. Personell hat sich nicht viel in den wenigen Tagen verändert. Eine große Schwächung wäre eine mögliche „Last-Minute“-Sperre von Matheus Cunha gewesen. Das Verfahren gegen den Brasilianer wurde jedoch am Freitagnachmittag eingestellt.

Bruno Labbadia wird auch gegen Bremen auf Kapitän Dedryck Boyata und Flügelstürmer Javairo Dilrosun verzichten müssen. Auch Eduard Löwen, Marvin Plattenhardt und Márton Dárdai fallen weiter verletzt aus. Es ist somit wahrscheinlich, dass die Startelf am Samstagabend mehr oder weniger dieselbe sein wird, wie die am Dienstagabend. Womöglich wird man jedoch auf der einen oder anderen Position aus Fitnessgründen rotieren müssen. Doch leider gibt es auf bestimmten Positionen aktuell nicht viele Alternativen.

Gerade die fehlenden Alternativen auf den Außenbahnen und im kreativen Mittelfeld sind ein Problem, das kurzfristig nur mit Winterneuzugängen zu lösen wäre. Manager Michael Preetz scheint jedoch bei der Suche wenig Erfolg zu haben. Das Gerücht um eine mögliche Leihe von Papu Gómez von Atalanta Bergamo erscheint angesichts der unattraktiven Situation von Hertha BSC zurzeit eher unwahrscheinlich. Dabei wäre der Argentinier genau der Spielertyp, den die Berliner dringend brauchen würden. Ein spielstarker, erfahrener Spieler mit großem Charakter auf einer offensiven Position.

Stattdessen wird die „alte Dame“ hoffen müssen, dass beispielsweise der zuletzt sehr schwach spielende Dodi Lukebakio oder die im Abschluss glücklosen Stürmer Krzysztof Piatek und Jhon Córdoba ein plötzliche Formsteigerung erleben. Wie schon so oft in dieser Saison bleibt ansonsten nur noch eine Einzelaktion von Matheus Cunha, um die Torflaute und die Formkrise zu beenden.

Eine Mannschaft schnell aus dem Hut zaubern

Viel schöner und wichtiger wäre natürlich eine geschlossene, stabile und engagierte Mannschaftsleistung der „blau-weißen“. Doch genau das scheint bei Hertha ein großes Problem zu sein. Vize-Kapitän Niklas Stark gab im Interview nach der Partie gegen TSG Hoffenheim diesbezüglich eine sehr unglückliche Figur ab. Nach dem Mannschaftsgefühl von Hertha gefragt zögerte der 25-Jährige viel zu lange bevor er zögerlich: „Natürlich sind wir eine Mannschaft, auch wenn das Ganze auch schwierig ist“ antwortete. Alles andere als überzeugend also.

Foto: xUwexKoch Eibner-Pressefotox EP_EER (IMAGO)

Aktuell gibt es leider einfach keinen Grund für Hertha-Fans optimistisch zu sein, zu enttäuschend waren die letzten Ergebnisse und Auftritte. Cheftrainer Labbadia drückte es im Vorfeld in aller Deutlichkeit aus: „Ich muss vorangehen. Wir liegen ein wenig am Boden. Da kann man liegenbleiben. Aber davon war ich noch nie ein Freund.“

Damit Hertha BSC wieder vom Boden aufsteht, müsste sich aus den vielen verunsicherten Einzelspielern im Kader eine Einheit bilden. Ein Zaubertransfer im Winter wird es sicherlich nicht tun. Nur ein Funken Hoffnung bleibt also noch, dass sich die Spieler gemeinsam aus dieser schwierigen Lage herauskämpfen, und Ihre Einheit somit zu entdecken. Am besten durch einen knappen, umkämpften Sieg gegen Werder Bremen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

[Titelbild: Patrik Stollarz / AFP/Getty]

Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: SV Werder Bremen – Hertha BSC

Nach dem turbulenten Pokalaus in Braunschweig ging es am ersten Bundesligaspieltag für die Mannschaft der „Alten Dame“ in die Hansestadt nach Bremen. Erneut schoss man vier Tore, jedoch konnten die Berliner dieses Mal mit einem Sieg in der Tasche nach Hause fahren. Man zeigte einen deutlich stabileren Auftritt und konnte seine individuelle Qualität offensiv gut auf den Platz bringen. Auch in dieser Saison wollen wir auf herausstechende – positiv wie negativ – Leistungen von Herthanern blicken – heute für den 4:1-Sieg über den SV Werder Bremen.

Dedryck Boyata – sorgt für Stabilität

Zum Pokalspiel letzte Woche wurde Dedryck Boyata aufgrund von Beschwerden an der Achillessehne noch schmerzlich vermisst. Nun kehrte der Belgier zusammen mit Jordan Torunarigha in die Herthaner Innenverteidigung zurück und konnte sogleich mit einer starken Leistung überzeugen.

In der insgesamt chancenarmen ersten Hälfte des Spiels hatte Hertha die größeren Spielanteile und 60% Ballbesitz. Boyata war also vor allem im flachen Spielaufbau der Hertha gefragt. Gewohnt sicher verteilte er die Bälle ohne dabei zu sehr ins Risiko zu gehen. 53 seiner 59 Pässe kamen so beim Mitspieler an, Bestwert unter allen 22 Spielern. Die meisten davon spielte er nicht in die Tiefe, sondern zu seinen Partnern in der Viererkette, einem abkippenden Mittelfeldspieler oder Alexander Schwolow im Tor. Nur eine Szene im Spielaufbau muss man dem 29-Jährigem ankreiden: in der 30. Minute spielte er unbedrängt einen Fehlpass zum Gegenspieler. Werder konnte von diesem Fehler dank einer Parade von Alexander Schwolow aber nicht mit einem Treffer profitieren. Sonst blieb Boyata fehlerfrei und stand stets als Anspielstation in der Viererkette zur Verfügung. Insgesamt kommt „Dedo“ so auf 76 Ballkontakte. Höchstwert bei der Hertha.

Photo by Martin Rose/Getty Images

In der zweiten Hälfte nahm das Spiel mehr Fahrt auf und die Bremer übten nach Rückstand gezwungenermaßen zeitweise mehr Druck aus. So waren auch die Defensivspieler stärker gefragt. Besonders Boyata konnte neben Torunarigha bei der Arbeit gegen den Ball glänzen. Zahlreiche Hereingaben fing er durch kluges Stellungsspiel ab, Flanken klärte er mit starkem Kopfballspiel und insgesamt zeigte er eine große Präsenz rund um den eigenen Sechszehner. Einige Angriffe konnte Boyata bereits früh unterbrechen indem er herausrückte, um den Gegenspieler unter Druck zu setzen. Diese starke Defensivleistung schlägt sich auch in den Statistiken nieder: Sieben geklärte (alle zentral am und im Strafraum), drei abgefangene Bälle.

Nur einmal sorgte Boyata bei seiner Defensivarbeit für einen Schreckmoment, als er einen Fernschuss gefährlich per Kopf ablenkte. Doch Schwolow war auch hier zur Stelle. Ansonsten zeigte sich der rechte Innenverteidiger deutlich stärker im Zweikampf und in der Arbeit gegen den Ball als seine Kollegen eine Woche zuvor. Auch seine Bedeutung bei Standards konnte er gegen Bremen zeigen, als er sich in der 71. Minute bei einer Ecke gut durchsetzte und den Kopfball knapp über das Tor köpfte. Ähnlich stark präsentierte er sich auch defensiv bei den ruhenden Bällen.

Boyata war durch seine gute Leistung mit dafür verantwortlich, dass Werder Bremen über weite Teile so wenig Gefahr ausstrahlte. Zusammengefasst erfüllte Boyata also die Hoffnungen auf einen stabileren Auftritt mit ihm in der Innenverteidigung und zeigte, wie schon in weiten Teilen der letzten Saison, eine gewohnt starke Darbietung als Abwehrchef.

Peter Pekarik – nicht nur defensiv gefragt

Der Ein oder Andere wird sicherlich überrascht gewesen sein als am Samstag um 14:30 die Aufstellung bekannt gegeben wurde. Denn nicht etwa der vielversprechende Neuzugang Deyovaisio Zeefuik startete für die Berliner auf der Rechtsverteidigerposition, sondern Peter Pekarik, der über die letzten Jahre eigentlich nur als Ersatzspieler gefragt war. Der Slowake sollte seine Berufung in die Startelf jedoch absolut rechtfertigen.

In der Anfangsphase machte Pekarik nur in einer Szene wirklich auf sich aufmerksam. Nach einem Einwurf auf der rechten Seite tief in der Bremer Hälfte erhielt Pekarik den Ball. Er schaltete schnell und schlug eine präzise Flanke genau auf den Elfmeterpunkt. Dort lauerte bereits Piatek, setzte sich stark gegen zwei Gegenspieler durch und lenkte den Ball per Kopf an die Latte. Die erste richtige Tormöglichkeit für Hertha. Ansonsten nahm Pekarik solide am Kombinationsspiel und den längeren Ballbesitzstaffetten der Mannschaft teil. Aber so wie das ganze Spiel zu Beginn sonst recht ereignislos blieb, war auch Pekarik nicht sonderlich auffällig, machte seine Arbeit aber solide. Wie unter Labbadia üblich positionierte sich der Rechtsverteidiger etwas höher, während Darida abkippte. Von seiner Positionierung profitierte Pekarik dann auch in 41. Minute als das 1:0 fiel. Pekarik entschied sich bei einer potentiellen Gefahrensituation dazu, mit bis in den Strafraum der Bremer zu gehen. Pekariks Gespür und die gute Strafraumbesetzung der Berliner zahlte sich aus, denn Mittelstädt brachte den Ball nun von links mit viel Schnitt in den Raum zwischen Torwart und Bremer Defensivspielern. Während Lucas Tousart und Krzysztof Piatek den Ball zentral knapp verpassten, lauerte Pekarik am zweiten Pfosten und versenkte den Ball im Netz.

Foto: IMAGO

Nur drei Minuten später stand Peter Pekarik erneut im Fokus. Am rechten Strafraumrand erhielt er den Ball und versuchte mitsamt an Gegenspieler Marco Friedl vorbei in den Strafraum zu gehen. Dieser konnte ihn jedoch nur mit einem Foul aufhalten und brachte Pekarik zu Fall. Schiedsrichter Sasha Stegemann entschied zunächst auf Elfmeter, wurde dann aber vom VAR informiert und gab Freistoß, da das Foul außerhalb des Strafraums begonnen habe. Eine knappe Entscheidung nach der erneut starken Aktion des 33-Jährigen.

Nach der Halbzeit war Pekarik vor allem defensiv gefordert, denn das Spiel wurde zerfahrener und Herthas Ballbesitzphasen kürzer. Und auch das machte er gewohnt stark. Nur einmal kamen die Bremer über seine Seite gefährlich vors Tor. Pekarik setzte Flankengeber Ludwig Augustinson nicht ausreichend unter Druck. So schlug dieser den Ball an den zweiten Pfosten, wo Davie Selke nur noch einköpfen musste. Sonst gab es kaum ein durchkommen für die Bremer auf der rechten Seite und Pekarik verteidigte stark. Dafür sprechen auch die fünf abgefangenen Bälle, die vier Ballsicherungen und zwei klärenden Aktionen. Hinzukommt, dass er ganz ohne Foul auskam.

Erneut zeigt Pekarik also eine insgesamt sehr starke Leistung und knüpfte an seine Einsätze aus der letzten Saison an. Nach dem Spiel bekam er auch von Trainer Bruno Labbadia Lob: Pekarik sei ein „Vorbild für jeden jungen Spieler“ und würde sich stets sehr professionell verhalten. Pekarik zeigte sich in Bremen als ältester Spieler bei Hertha auf dem Platz vielleicht nicht als der dringend gesuchte Wortführer, aber er ging die mit seiner starken Leistung voran und führte das Team so zum Sieg. Spiet Pekarik so weiter, wird es nicht leicht für Neuzugang Zeefuik an ihm vorbeizukommen.

Matheus Cunha – da geht noch mehr

Matheus Cunha spielte am Samstag, wie auch schon in der Vorbereitung, als kreatives Element hinter dem Mittelsturm. Er ließ sich zwar oftmals fallen, um als Anspielstation zu dienen, konnte aber in den ersten 40 Minuten nicht dazu beitragen, mehr Zug zum Tor und Dynamik in das Spiel zu bringen. Dabei ist Cunha einer der wenigen Spieler in Herthas Kader, die das Ballbesitzspiel mit ihrer Kreativität noch unberechenbarer und gefährlicher machen können. Diese Qualität ließ er zwar immer wieder aufblitzen, einen bleibenden Eindruck aus der ersten Halbzeit konnte er aber nicht schaffen. Aber auch als Mannschaft schaffte man es zu wenig Cunha in Eins-gegen-eins-Situationen zubringen, in denen er so gefährlich sein kann.

Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images

In der zweiten Hälfte war Cunha vor allem in Umschaltsituationen involviert, nachdem er sich auch recht fleißig im Gegenpressing und in der Arbeit gegen den Ball präsentierte. Neun Ballsicherungen und vier abgefangene Bälle sind für einen Angreifer ein sehr guter Wert. In den angesprochenen Umschaltmomenten zeigte sich Cunha nicht immer allzu glücklich. Öfters wählte er die falsche Entscheidung oder ihm fehlte die nötige Übersicht. So zum Beispiel in der 58. Minute als er anstatt den freistehenden Tousart anzuspielen, den eigenen Abschluss wählte. Und es gab weitere Situationen, bei denen man das Gefühl hatte, dass man diese hätte besser lösen können. Teilweise blieb Cunha zu lang am Ball oder verschleppte das Tempo ein wenig. So hatte der Brasilianer insgesamt 20 Ballverluste zu verantworten.

Und obwohl Cunha bei weitem nicht sein bestes Spiel zeigte, traf er erneut. Nach einem langen Ball und der Weiterleitung über Cordoba und Darida, zielte er auf das lange Toreck, traf den Ball aber nicht optimal. Jiri Pavlenka schaffte es dennoch nicht den Ball zu halten und so konnte Cunha mit dem Team das 3:0 bejubeln. Außerdem muss auch seine Dribbelstärke erneut hervorgehoben werden. Fünfmal schaffte er es seine Gegenspieler auszuspielen und ermöglichte dem Team so oft einen wichtigen Raumgewinn oder sich aus dem Druck zu befreien.

Schafft es Cunha noch etwas konstanter in seinen Aktionen zu werden und seine Entscheidungsfindung zu verbessern, steht einer tollen Saison mit vielen Torbeteiligungen als Unterschiedsspieler nichts im Weg.

Valdimir Darida – Spieler des Spiels

Vladimir Darida wurde gegen Bremen zum Spieler des Spiels. An seiner Leistung gab es quasi nichts zu kritisieren und an fast allen Offensivaktionen war er beteiligt. Im Ballbesitz ließ er sich viel auf die Rechtsverteidigerposition fallen und beteiligte sich so am Spielaufbau. Aus genau so einer Situation spielte er auch einen sehenswerten langen Ball auf Piatek. Dieser nahm den Ball gut an, stand jedoch knapp im Abseits. Immer wieder löste sich der Tscheche von seinem Gegenspieler, war anspielbar und bildete Dreiecke auf der rechten Seite. 

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Besonders das Zusammenspiel mit Pekarik hinterließ einen positiven Eindruck. Beim Lattentreffer von Piatek legte er den Ball zu Pekarik zurück, der dann die Flanke schlug. Beim beinahe gegebenen Elfmeter in der 44. Minute steckte Darida dann den Ball clever zu Pekarik durch. Eine Minute später war er erneut am Angriff beteiligt. Den Ballgewinn von Cunha in zentraler Position nutzte Darida herausragend und spielte einen perfekt getimten Schnittstellenpass auf den einlaufenden Dodi Lukebakio, der sicher verwandelte. In der 62. Minute gab es eine ganz ähnliche Situation. Jhon Cordoba schirmte einen Ball gut ab, Darida übernahm und spielte erneut mit viel Übersicht einen guten Pass auf den besser positionierten Cunha, der ebenfalls traf. Die Antwort auf die Frage, wer den Angriff jetzt eigentlich eingeleitet hatte, lautete gegen Bremen fast immer Darida. Er behielt stets die Übersicht und traf gute Entscheidungen.

Das gilt auch für die Defensivarbeit. Mit hoher Intensität beteiligte sich Darida am Pressing und Gegenpressing und unterstütze Pekarik auf der rechten Seite. Sehr diszipliniert verrichtete er seine Arbeit und war gewohnt laufstark (13,1 Kilometer, 34 Sprints und 109 Intensive Läufe sind jeweils Bestwert der Partie). Auch in anderen Bereichen lohnt sich ein Blick auf die Zahlen: zwei Torvorlage, drei Torschussvorlagen, eine herausgespielte Großchance, ein Keypass, drei abgefangene Bälle und sechs Ballsicherungen. Alle Werte unterstreichen seine Leistung noch einmal.

Rundum also eine starke Leistung von Valdimir Darida, der sowohl für die nötige Stabilität sorgte und gleichzeitig wichtiger Bestandteil im Offensivspiel war.

Jhon Cordoba – schlägt direkt ein

Erst am Dienstag wurde der Transfer von Jhon Cordoba offiziell gemacht. Zu seiner Vorstellung wurde mit den Attributen „Wucht, Dynamik und Durchsetzungsvermögen“ von Michael Preetz beschrieben. Vier Tage später kam er bereits zu seinem ersten Einsatz für Hertha.

Photo by Martin Rose/Getty Images

In der 61. Minute kam Cordoba für Piatek, der nicht seine beste Leistung zeigte, auf den Platz. Nur wenig später konnte er diese Stärken das erste Mal zeigen. Einen langen Abschlag von Alexander Schwolow schirmte er perfekt vom Gegenspieler ab, setzte dafür seinen Körper gut ein und ermöglichte Darida die Torvorlage zum 3:0. Nur rund zehn Minuten später hatte Cordoba dann selbst die Chance auf ein Tor. Nach einem Ballgewinn startete Torunarigha einen seiner berüchtigten Offensivläufe, war nicht zu stoppen und spielte einen tollen Pass auf den startenden Cordoba. Dieser stand nun allein vorm Torwart, vergab jedoch eine Riesenmöglichkeit. Zwei weitere Male kam Cordoba in der Schlussphase noch zu nennenswerten Abschlüssen, bevor er sein Debüt-Tor feiern konnte und den Sieg der Hertha endgültig besiegelte. Ein schöner Konter über Tousart und den ebenfalls eingewechselten Mathew Leckie, der gut in die Tiefe startete und den Ball überlegt mit dem Außenrist rüber zum freistehenden Cordoba legte, führte zum ersten Tor des Kolumbianers für seinen neuen Verein.

Insgesamt wirkte Cordoba in den etwas mehr als 30 Minuten deutlich präsenter als zuvor Piatek. Das lag auch an der ereignisreicheren Schlussphase des Spiels, aber der 15-Millionen-Neuzugang schaffte es in der kurzen Zeit sehr gut sich in die Mannschaft einzufügen und konnte mit seiner physischen Präsenz für Gefahr sorgen. Noch ein kurzer Blick auf die Zahlen bestätigt diesen Eindruck. Vier Torschüsse, alle sieben Pässe angekommen und ein Tor sind für einen in der 61. Minute eingewechselten Spieler sehr starke zahlen.    

Cordoba brauchte also keine lange Eingewöhnungszeit und bereitet Vorfreude auf weitere Auftritte.

[Titelbild: IMAGO]

Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Vorschau: SV Werder Bremen – Hertha BSC: Zwei Teams im Selbstfindungsmodus

Dieses nicht enden wollende Kribbeln nach der Sommerpause; die Vorfreude, nach einer verheißungsvollen Vorbereitung die Früchte erfolgreicher Arbeit auch in der Liga ernten zu können; die Euphorie, die ein souveränes Weiterkommen im Pokalsieg mit sich bringt – all das kennt man als Hertha-Fan dieser Tage höchstens vom Hörensagen. In der Vorbereitung ließ man sich das ein ums andere Mal düpieren (unter anderem mit einer 0:2-Niederlage beim HSV). Die Leistungen auf dem Feld waren ebenso wenig erbaulich, wie die Ergebnisse und zu allem Überfluss schied man dank mehrfacher Slapstick-Einlagen in der Hintermannschaft trotz vier geschossener Tore gegen Eintracht Braunschweig aus – ein Team, das in der vergangenen Saison noch in der dritten Liga beheimatet war. Aber das Fan-Herz ist nun mal kein rational-denkendes Organ. So reicht schon die Verkündung eines neuen Stürmers, um all die logischen Bedenken flugs beiseite zu wischen und von Europa zu träumen. Wo die Wahrheit zwischen diesen beiden Extremen letzten Endes liegen wird, weiß niemand. Das ist ja bekanntlich das Schöne an diesem Sport.

Um trotz all dieser Unwägbarkeiten ein paar Fakten zu ergänzen, werden wir uns auch in dieser Saison für unsere Vorberichte Hilfe von Expert*innen rund um die jeweiligen Gegner holen. Den Auftakt macht Joey, der uns einen ausführlichen Einblick in die Situation an der Weser gewährt hat.

DIE TÜCKEN DES BREMER WEGS

Dass die Situation in Bremen derart eskalieren konnte, hat vielschichtige Gründe. So waren es neben Fehlentscheidungen der Verantwortlichen auch Faktoren, die niemandem anzulasten sind. So zog sich Niclas Füllkrug, der in den ersten vier Partien an drei Toren beteiligt war, am vierten Spieltag einen Kreuzbandriss zu. Zeitgleich verletzte sich auch Yuya Osako und fiel fünf Spieltage aus. Die Liste ließe sich beliebig fortführen, wohl kein Team war derart verletzungsgebeutelt, wie der SV Werder. Doch selbstverständlich erklärt dies allein einen derartigen Absturz nicht. In jedem anderen Verein greifen zu so einem Zeitpunkt die viel zitierten Mechanismen des Fußballgeschäfts, was übersetzt bedeutet: Der Trainer wird zum Bauernopfer gemacht.

Mit Ach und Krach rettete sich der SV Werder Bremen in der Relegation vor dem Abstieg. (Photo by Ronald Wittek/Pool/Getty Images)

Werder hingegen verfolgt als Teil des „Bremer Weges“ eine andere Politik. So wurden zu keinem Zeitpunkt spürbare Diskussionen um Florian Kohfeldt aufgemacht. Ein Punkt, für den Joey Verständnis hat: „Der entscheidende Punkt war meiner Meinung nach – das wurde so auch von den Verantwortlichen immer betont – dass man in Kohfeldt insbesondere langfristig den richtigen Trainer für Werder gesehen hat und von seiner Arbeit grundsätzlich überzeugt war. […]In der Hinrunde gab’s auch durchaus noch viele Argumente, die man entweder zu Kohfeldts Gunsten auslegen konnte oder zumindest als erklärende Faktoren für den Negativlauf, um Kohfeldt aus der Schusslinie zu nehmen. Der Saisonbeginn beispielsweise war spielerisch durchaus vielversprechend, trotz zahlreicher Verletzter. […] Da konnte man noch denken: Lass die Verletzten zurückkommen, lass die Truppe die Standardschwäche abstellen und das wird zumindest eine Saison im ruhigen Mittelmaß. Leider wurde es mit der Zeit immer schlimmer.“

Statt sich also Schritt für Schritt wieder aus der Schlinge zu lösen, schien es für Bremen mit zunehmendem Fortschreiten der Spielzeit irgendwann keinen Ausweg mehr zu geben. Die anhaltende Erfolgslosigkeit trieb Kohfeldt, der für eine offensive Spielidee bekannt ist und dafür in der Vergangenheit viel Lob erntete, dazu, von seiner Philosophie abzuweichen und einen defensiveren Ansatz zu wählen. Allein die Ergebnisse blieben nach wie vor aus und „das war furchtbar anzusehen“, wie Joey zu Protokoll gibt.

WIE KONSEQUENT SIND DIE KONSEQUENZEN?

Trotz der sportlichen Misere hielt Werder Bremen unumstößlich an Trainer Kohfeldt fest. (Photo by Ronny Hartmann/Getty Images)

Dass dann auch nach dem erfolgreichen Klassenerhalt weiterhin mit Kohfeldt geplant wird, ist nur der logische Schritt – sonst hätte sich das Risiko, auf einen Trainerwechsel zu verzichten, auch gespart werden können. Dass es aber ein „Weiter so“ nach einer solch katastrophalen Spielzeit unter keinen Umständen geben darf, daran besteht kein Zweifel.

Zu diesem Schluss kamen auch die Werder-Verantwortlichen und so gab es einige Umstellungen beim Personal, das sich um die Mannschaft kümmert. „Es gab Veränderungen im Co-Trainer-Stab, es gab Veränderungen im „Team ums Team“, d. h. bei Physios, in der medizinischen Betreuung der Spieler, und es gab Veränderungen im Analyse-Team. Ob diese Änderungen dann wirklich spürbar werden, wird man abwarten müssen. Das gilt auch für Kohfeldts Trainingsarbeit: In der Vorsaison hat er selbst auch viele Fehler gemacht, die wird er nun abstellen müssen. Bisher kann man zumindest festhalten, dass wir weitgehend ohne nennenswerte oder längere Verletzungen durch die Vorbereitung gekommen sind, das ist schon mal ein Pluspunkt.“, so Joey. Ob diese Maßnahmen ausreichen, oder der Makel der Fehler aus der Vorsaison doch zu sehr an Kohfeldt heften, steht in den Sternen.

DIE SUCHE NACH DEM HOFFNUNGSSCHIMMER

Während sich also im Trainerstab einiges getan hat, war der Handlungsspielraum in Bezug auf Spieler aufgrund der Corona-Krise und der traditionell begrenzten finanziellen Mittel eher limitierter Natur. Aus Joeys Sicht gibt es dennoch Gründe, nicht um eine Wiederholung der letzten Saison bangen zu müssen: „Mit Rashica wird uns zwar einer der Spieler mit dem größten spielerischen Potenzial verlassen, aber dafür wird man hoffentlich endlich das eklatante Defizit im defensiven Mittelfeld beheben bzw. es zumindest versuchen. Gerade das Mittelfeld war letzte Saison überwiegend eine Katastrophe bei uns.”

“Die Besetzung in der Spitze hat nicht gepasst“, führte Joey weiter aus, “es haben Ballsicherheit und ein spielerischer Ruhepol gefehlt, Kreativität hat gefehlt, Dynamik hat gefehlt und wir hatten auch einfach keine Alternativen. Möhwald war verletzt, Schmid noch verliehen, Bargfredes Gesundheitszustand hat ihn selten zu einer Alternative gemacht und Sahin war plötzlich aussortiert und auch davor schon nur noch unter besonderen Bedingungen sinnvoll einsetzbar. Aktuell ist man in der Spitze zwar nicht unbedingt besser besetzt, aber man hat zumindest die Chance, wieder unterschiedliche spielerische Profile einzubringen, man hat wieder Alternativen, man hat wieder Konkurrenzsituationen auf diversen Positionen und kann dadurch auch im Training ein ganz anderes Grundniveau anlegen.“ Auch der Kopf, der nun wieder freier sei, als noch im Abstiegskampf, könne laut Joey eine große Rolle spielen. Die Befreiung darf sich aber auch gern erst ab dem zweiten Spieltag bemerkbar machen.

Auch in der aktuellen Episode unseres Podcasts haben wir neben vielen anderen Themen über unsere Erwartungen an den Saisonstart von Hertha besprochen.

STATUS: ES IST KOMPLIZIERT

Nach dem Pokal-Aus in Braunschweig macht vor allem die Rückkehr von Boyata und Torunarigha Hoffnung auf Besserung. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Um aus Herthaner Sicht Gründe für eine zufriedenstellende Saison zu finden, muss man derweil eigentlich nicht allzu kreativ sein. Der Kader war in den vergangenen Jahren schon deutlich schlechter zusammengestellt, in Bruno Labbadia steht ein erfahrener und erfolgshungriger Trainer mit klarer Spielidee an der Seitenlinie und finanziell hat man aktuell ohnehin keine Sorgen. Dass ein solcher Umbruch, wie ihn Hertha mit den Abgängen von Thomas Kraft, Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und Per Skjelbred im Sommer erlebt hat, aber eben seine Spuren hinterlässt, macht sich aktuell deutlich. Die Mannschaft muss sich erst noch finden. Dazu muss man ihr Zeit gewähren. Und Zeit ist in diesem Geschäft bekanntlich ein rares Gut, das man sich vor allem durch Erfolge verdienen kann.

Dementsprechend wäre ein Weiterkommen im DFB-Pokal nicht unbedingt hinderlich gewesen, um weiter in Ruhe an der Selbstfindung zu arbeiten. Dass es anders kam, ist zu großen Teilen eklatanten Patzern in der Defensive anzukreiden. Da Boyatas Probleme mit der Achillessehne, die ein Mitwirken in Braunschweig noch verhinderten, rechtzeitig zu verheilen scheinen und Torunarighas Sperre ohnehin nur für den DFB-Pokal galt, dürften beide am Samstag die Innenverteidigung bilden. Nach ihren Leistungen in der vergangenen Spielzeit gibt es berechtigten Anlass, optimistisch zu sein, dass sie sich derart haarsträubende Fehler nicht leisten werden.  

[Titelbild: by Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images]