Immer wieder die Flügelspieler: die Hertha-Dauerbaustelle

Immer wieder die Flügelspieler: die Hertha-Dauerbaustelle

Es stimmt: Im modernen Fußball sind feste Positionen auf dem Spielfeld nicht mehr so wichtig wie früher. Alles verläuft „fließend“, Spieler verschieben je nach Spielsituation ohnehin ständig, vielseitige Spieler werden wichtiger. Trotzdem muss man bei Hertha BSC feststellen: die offensive Flügelspieler-Position ist eine Dauerbaustelle. Gefühlt eine Ewigkeit ist es her, dass die „alte Dame“ auf der linken und rechten Außenbahn keinerlei Probleme hatte. Wie die aktuelle Lage ist und welche Hoffnungen man sich für die nächste Saison machen kann, wollen wir uns genauer anschauen.

Altbekannte Problematik – kaum Lösungen

Doch wann hatte Hertha BSC zuletzt eine wirklich gut besetzte offensive Außenbahn? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten: die meisten würden Namen wie Salomon Kalou und Valentino Lazaro nennen. Andere würden sogar noch weiter zurück in die Vergangenheit blicken und Bart Goor und Sebastian Deisler nennen.

Worauf sich alle einigen können: die Problematik der offensiven Flügelspieler schleppt die „alte Dame“ bereits seit einigen Jahren mit sich. Insbesondere die Anzahl der gelernten offensiven Außenbahnspielern im Kader nahm mit den Spielzeiten zuletzt immer weiter ab. In der Saison 2019/2020 hatte Hertha u.a. mit Kalou, Dilrosun oder Lukebakio immerhin sechs solcher Spieler im Kader. 2020/2021 waren es zu Saisonende nur noch vier, in der Hinrunde 2021/2022 sogar nur noch drei (Maolida, Richter und Jastrzembski).

(Foto: Michael Sohn/POOL/AFP via Getty Images)

Die negativen Auswirkungen dieser komplizierten Kadersituation spürte man spätestens in der Saison 2020/21. „Notlösungen“ waren Alltag: Matheus Cunha, der eigentlich zentraler agiert, wurde immer wieder als Außenspieler eingesetzt. Auch der eigentlich bereits abgeschriebene Matthew Leckie bekam wieder Einsatzminuten, weil der eigentlich gesetzte Dodi Lukebakio zu oft unmotiviert über den Platz spazierte. Nemanja Radonjic kam als Leihspieler im Winter und konnte gegen Saisonende immerhin einige Scorerpunkte sammeln, wurde jedoch im Sommer nicht fest verpflichtet.

Hertha-Transfers in 21/22

So wurde die Saison 2021/2022 in Sachen Qualität auf den Außenbahnen zum neuen Tiefpunkt. Mit Radonjic, Leckie und Cunha verließen drei Optionen für die offensive Außenbahn den Verein. Fredi Bobic gab zusätzlich noch die enttäuschenden Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio ab, holte dafür lediglich Marco Richter und Myziane Maolida. Die Knappheit auf diesen Positionen verstärkte sich also nochmal.

Zudem konnten beide Neuzugänge nicht voll überzeugen. Marco Richter zeigte immerhin phasenweise starke Einsätze, mit Höhepunkten wie zum Beispiel sein Doppelpack im Heimsieg gegen Borussia Dortmund. Er erzielte fünf Tore, allerdings ausschließlich in der Hinrunde. In der Rückrunde hatte er deutlich größere Schwierigkeiten, litt sicherlich auch unter der allgemein sehr schwachen Mannschaftsperformance. In dieser Phase konnte er sich zu selten durchsetzen, verlor viele Bälle und war kein entscheidender Faktor mehr.

(Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)

Maolida hingegen hatte bis auf seinen Treffer im ersten Einsatz in Bochum kaum gute Momente und war nicht die erhoffte Verstärkung. Auch der im Winter hinzugeholte Dong-Jun Lee konnte nicht helfen. Der Südkoreaner wurde zwar von Cheftrainer Tayfun Korkut im allerersten Spiel noch reingeworfen, zeigte sich aber sichtlich überfordert mit dem Niveau in der Bundesliga, verletzte sich auch recht früh und spielte insgesamt nur 116 Minuten.

Keine Flexibilität – Herthas Taktik begrenzt

Dazu kamen Covid-19 Erkrankungen, Verletzungen und Sperren. So gab es einige Spiele, in denen Herthas Trainerteam auf den Außen besonders kreativ aufstellen musste. Im Heimsieg gegen den VfB Stuttgart am 31. Spieltag war lediglich der Jugendspieler Anton Kade, ansonsten kein einziger gelernter offensiver Außenbahnspieler im Kader.

Herthas Cheftrainer setzten immer wieder Spieler wie Serdar als Außenbahnspieler ein, stellten zentrale Mittelfeldspieler wie Vladimir Darida oder Lucas Tousart auf die rechte Außenbahn. Am Ende konnte jedoch keine Variante besonders überzeugen. Diese Schwäche konnte also im Laufe der Saison nie behoben werden. Dadurch war die „alte Dame“ in ihrer Taktik stark eingeschränkt. Sowohl im Spielsystem als auch in der Umsetzung des Spielplans war das Team kaum flexibel, weil die Außenbahnen nur suboptimal besetzt werden konnten.

Ob sich die Blau-Weißen für die nächste Saison nun besser aufstellen können, ist fraglich. Aktuell hat man mit den Leihrückkehrern und Kaderspielern für die offensive Außenbahn sechs Spieler. Auf Marco Richter kann Hertha sicherlich setzen. Er besitzt genug Qualität und Erfahrung für die Bundesliga, konnte sich vergangene Saison einspielen und da bereits einige Treffer erzielen.

Kann Hertha auf die Rückkehrer setzen?

Myziane Maolida hingegen wird sich wesentlich steigern müssen, um eine gute Option für die Startelf zu werden. Es bleibt die Hoffnung, dass er nach einer schwierigen ersten Saison, ähnlich wie sein Landsmann Lucas Tousart doch noch zu der erhofften Verstärkung wird. Ähnliches gilt bei Dong-Jun Lee, den man nicht zu früh abschreiben sollte.

(Foto: Romain Perrocheau/AFP via Getty Images)

Der nur 24-jährige Javairo Dilrosun erlebte eine schlimme Saison bei Absteiger Bordeaux, konnte aber in der Schlussphase der Saison nochmal aufdrehen. Ob er aber eine wirkliche Option für das Team von Sandro Schwarz wird, ist fraglich. Dodi Lukebakio hingegen wird höchstwahrscheinlich abgegeben werden: der Belgier hat nicht nur in seiner Leihe beim VfL Wolfsburg enttäuscht, sein Gehalt wird Hertha wohl nicht eine weitere Saison stemmen wollen, beziehungsweise können.

Kélian Nsona ist schließlich eine absolute Wundertüte. Der junge Mann hat bisher noch keine Spielminute für Hertha BSC bestritten und ist sportlich klar als Neuzugang zu bewerten. Er wird jedoch auch unabhängig von seiner Fitness Zeit brauchen, um auf Bundesliga-Niveau zu kommen. Auf seinen Schultern sollte man also nicht zu viele Hoffnungen legen.

Fazit:

Die Kadersituation (über die wir auch ausführlich in unserer letzten Podcast-Folge sprechen!) wird sich in den nächsten Wochen und Monaten noch signifikant verändern. Zwar hat Hertha aktuell auf dem Papier genug offensive Außenspieler. Diese bringen jedoch so viele Fragezeichen und Unsicherheiten mit, dass es erneut keine klare Lösung des Problems auf dieser Position darstellt. Auf dem Transfermarkt wird Hertha aber nur begrenzte Möglichkeiten haben. Die finanzielle Lage ist bekannt, man wird auf ablösefreie Spieler oder auf Leihgeschäfte hoffen müssen.

Eines ist klar: eine Saison wie die letzte, mit einer so großen Lücke im System, sollte sich Hertha nicht erlauben. Am Ende könnte aber wie auch bei anderen Baustellen im Kader die Antwort sein: man muss sie als Mannschaft lösen. Sollten Sandro Schwarz und sein Trainerteam es schaffen, aus diesen Spielern ein echtes Team zu bilden, wird die Außenbahnproblematik nicht mehr so schwer wiegen. Wenn dann sogar der eine oder andere Spieler zu seiner Form findet und über mehrere Spiele hinweg überzeugt, könnte sich das Blatt auch endlich wieder wenden. Es wäre nämlich auch langsam Zeit für neue Helden.

(Titelbild: Stuart Franklin/Getty Images)

 

Herthaner im Fokus: Hertha beweist Comeback-Qualitäten in Stuttgart

Herthaner im Fokus: Hertha beweist Comeback-Qualitäten in Stuttgart

Mit einem 2:2 gegen den VfB Stuttgart startete Tayfun Korkut in seinen neuen Job bei der Hertha. Das Debüt gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber zeigte mal wieder übliche Schwächen des Teams und trotzdem die ersten Entwicklungsschritte seit dem Trainerwechsel. Wir schauen auf eine immer stärker werdende Offensive und die Sorgenkinder der Mannschaft.

Stevan Jovetic: Fit und in Topform eine brutale Waffe

Stevan Jovetics Körper, der in dieser Saison oft für Probleme sorgte und keine Konstanz ermöglichte, scheint aktuell auf einem hohen Level, vielleicht sogar auf seinem höchsten Level zu sein. Und so ist es mehr als erfreulich, den Stürmer endlich in Top-Verfassung zu sehen.

Das Spiel gegen den VfB Stuttgart war ein Spiegelbild der bisherigen Saison. Im von Trainer Korkut neu gebauten 4-4-2-System musste sich die Offensive finden. Zwischen Stevan Jovetic, Ishak Belfodil, Marco Richter und Myziane Maolida schien es zunächst nicht zu harmonieren. Die Laufwege wirkten zu statisch, die Durchsetzungskraft war ausbaufähig und die Pässe landeten oft beim Gegner. Die ersten Angriffsbemühungen waren eher individuelle Maßnahmen. Im Verlauf der Partie gelang es den Spielern aber, diese Mängel immer mehr abzustellen.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Und trotzdem benötigte es wieder einmal eine Einzelleistung, um auch Tore-technisch anzukommen. Als sich Jovetic in der 40. Minute von Torunarigha den Ball im Mittelfeld abholte, machte es ihm die Abwehr der Schwaben auch alles andere als schwer. Ein Solo und ein Schlenzer in das rechte obere Eck eröffneten Herthas Comeback. Mit 37 Pässen konnte er seinen Wert unterstreichen. Ihm gelang es, Chancen zu kreieren, Mitspieler in Szene zu setzen und auch sich selbst als ständigen Unruheherd zu inszenieren.

In der 73. Minute zeigte Jovetic mit einem Freistoß zusätzlich seine immense Schusskraft. Eine herausragende Aktion von Torhüter Müller verhinderte nur knapp ein Traumtor. Das Zusammenspiel der Offensive gipfelte in der 76. Minute in dem wohl am schönsten herausgespielten Tor der Herthaner in dieser Saison. Nach Plattenhardts Flanke gelang das Zusammenspiel mit Ishak Belfodil auf engstem Raum, um den Ausgleich zu erzielen.

Mit vier Toren aus acht Bundesligaspielen hat Jovetic eine akzeptable Quote und ist Herthas Toptorjäger. Seine Leistungskurve und Form steigen klar an. Der Wert für die Mannschaft ist kaum in Worte zu fassen, insbesondere wenn es ihm weiterhin gelingt das Offensivspiel auch als Vorlagengeber anzukurbeln.

Ishak Belfodil: Weiterhin in Topform und mit entscheidenden Zahlen

Ishak Belfodil knüpfte gegen den VfB Stuttgart direkt an seiner Leistung gegen den FC Augsburg an und konnte diese endlich auch in spielendscheidenden Zahlen umwandeln. Bereits nach vier Minuten kam der Algerier aus spitzen Winkel zum Schuss. Wie Stevan Jovetic gelang es ihm, sowohl Ballverteiler, als auch Anspielstation zu sein.

Belfodils persönlicher Höhepunkt gegen den VfB hätte in der 23. Minute sein sollen, als er einen sehenswerten Schlenzer vom linken Strafraumeck im Tor unterbrachte. Doch nach VAR-Eingriff wurde der Treffer wegen einer streitbaren Abseitsstellung Vladimir Daridas kassiert.

hertha stuttgart
(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Während des Spiels ließ Belfodil sich oft ins offensive Mittelfeld fallen, zog zwischendurch auf die Außen und ermöglichte der Offensive durch seine Laufwege und Aktionen viel Flexibilität. 35 Aktionen und 76 Prozent Passquote beweisen sein Auge für die Mannschaft. In seinen 85 Minuten Spielzeit bereitete Belfodil zwei Torschüsse vor, den entscheidenden in der 76. Minute für Jovetic.

Die Doppelspitze scheint eine echte Alternative und Variante für das Spiel unter Tayfun Korkut zu werden. Jovetic und Belfodil liefern momentan genug Argumente, dass sie als Doppelspitze in die nächsten Spiele gehen. Die Einbindung der Außenspieler muss bei Festigung der Spitze allerdings dringend Thema im Training werden. Die Automatismen sind noch nicht komplett vorhanden, doch mit der Zeit scheint es möglich zu sein.

Myziane Maolida: Wer bist du und was hast du mit Dodi Lukebakio gemacht?

Unter der Woche wurde bereits viel vermutet und gemunkelt. Bei Pal Dardai war der französische Neuzugang zuletzt komplett außen vor. Neben schwachen Leistungen und Verletzungen, stand er wegen mangelnder Disziplin in der Kritik. Tayfun Korkut setzte ein Zeichen und stellte den 22-Jährigen auf die linke Außenbahn. Dieser versuchte, das Vertrauen zu rechtfertigen – es gelang ihm zum Teil. Mit 40 Ballkontakten war er zwar häufig am Ball, doch Tempo aufnehmen und Chancen kreieren konnte er dabei nur selten. Seine Flexibilität in der Offensive fiel im Vergleich zu seinen offensiven Mannschaftskollegen deutlich ab.

Zu Gute kann man ihm aber halten, dass er mit einer Zweikampfquote von 60 Prozent der Stärkste in der Offensive war. Und auch er hatte die Möglichkeit, seiner Leistung einen zählbaren Stempel aufzudrücken. In der 56. Minuten fehlte es ihm allerdings an Spielintelligenz und Entscheidungsfindung, was wahrscheinlich seiner geringen Spielpraxis verschuldet war. Nachdem er von Marco Richter auf der linken Seite mit einem gechippten Ball in Szene gesetzt wurde, konnte er mit einer Mischung aus Pass und Torschuss Florian Müller aber vor keine ernsthafte Herausforderung stellen.

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(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Neben seinem Potential in der Offensive litt allerdings sein Einsatz in der Defensive. Unterstützung bot er seinen Mitspielern kaum. Unrühmlicher Höhepunkt war sein unmotiviertes Zurücktraben – welches er am Ende sogar abbrach – in der 19. Minute als Philipp Förster komplett unbedrängt das 2:0 für den VfB Stuttgart erzielen konnte. Anzumerken ist aber, dass auch weder Vladimir Darida noch Santiago Ascacibar in dieser Situation überzeugende Gegenwehr leisteten.

Myziane Maolidas Auftritt ließ zum Teil Erinnerungen an den im Sommer an den VfL Wolfsburg verliehenen Dodi Lukebakio aufleben. Offensiv zwar bemüht, aber mit wenig zählbaren und an Defensivarbeit nicht interessiert, scheint Maolida noch keine Hilfe zu sein. Vielleicht kann er sich über regelmäßige Einsätze empfehlen, ansonsten ist er leider kein Upgrade zum ebenfalls in der Kritik stehenden Lukebakio.

Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha: Solides Duo mit fehlendem Tempo

Kapitän Dedryck Boyata bekam von Tayfun Korkut das Vertrauen in der Startelf zu stehen. Nachdem der Belgier drei Spiele gesperrt gefehlt hatte, sollte er als Abwehrchef die Defensive zusammenhalten. Seine Leistung war nicht restlos überzeugend. Zehn Bälle konnte er klären, zwei Schüsse blockte er und mit 93 Prozent Passquote integrierte er sich durchgehend im Aufbauspiel.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Während Boyata allerdings mit nur 38 Prozent gewonnener Zweikämpfe kein bedingungsloser Sicherheitsposten in der Defensive war, konnte sein Innenverteidiger-Partner, Jordan Torunarigha, 62 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen und dadurch Mängel seines Kapitäns ausgleichen. Auch Torunarigha war mit 52 Ballaktionen wichtiger Bestandteil im Aufbauspiel. 73 Prozent seiner Pässe fanden den Mitspieler und die Vorlage für Jovetics Tor zum 1:2 geht auf seine Kappe. Mit der Zeit wirkte Torunarigha jedoch immer unsicherer, mehrere Klärungsversuche gerieten zu kurz und Fehlpässe reihten sich aneinander. In der 72. Minute wechselte Tayfun Korkut den 24-Jährigen aus, weil die Stabilität in der Abwehr verloren gegangen war.

Das Innenverteidiger-Duo war auch an beiden Gegentoren beteiligt. In der 15. Minute gelang es ihnen nicht annähernd mit dem Tempo Omar Marmoushs mitzuhalten und mussten auf Grund schwachen Stellungspiels das 0:1 durch einen Konter hinnehmen. Nur wenige Minuten später kassierte Hertha BSC das 0:2 und auch in dieser Aktion glänzten beide mehr durch Passivität, als mit aktiven Zweikampfverhalten.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha wirken körperlich aktuell fit. Gelingt es ihnen in den nächsten Spielen, ihre Tempodefizite mit intelligentem Stellungspiel auszugleichen und mit Spielpraxis zur alten Routine zurückzufinden, hat Hertha gute Chancen, alternativ zu Niklas Stark eine sichere Verteidigung auf dem Platz zu haben.

Fazit: Stärken vertieft und Schwächen eindrucksvoll bekämpft

Es ist sicherlich nicht alles besser. Doch bei diesem Remis konnte man erste Fortschritte im Team der Hertha erkennen. Im Vergleich zu vergangenen Spielen in dieser Saison gelang ein entscheidender Fortschritt. Zwar lagen die Berliner durch altbekannte Schwächen nach einem Doppelschlag schon früh 0:2 zurück. Doch dieses Mal gelang es den freien Fall zu verhindern und sogar ein Comeback.

Unter Pal Dardai folgte nach frühen Gegentoren oft eine komplette Verkrampfung. Es ereigneten sich Klatschen wie gegen den FC Bayern und RB Leipzig. Oder uninspirierte Auftritte wie in Hoffenheim und bei Union Berlin. Inwiefern der Trainerwechsel mit diesem Punkt zu tun hat, ist rein spekulativ, doch das Comeback gegen den VfB Stuttgart lässt Hoffnung auf sehenswerte Auftritte in den nächsten Wochen zu.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Momentan wirken Angriff, Mittelfeld und Verteidigung noch nicht wie eine verschmolzene Einheit. Das Leistungsgefälle ist noch recht hoch. Auf Tayfun Korkut kommen viele Aufgaben zu. Das Gute ist, dass klar ist, an welchen Schrauben er drehen muss. Zu hoffen ist außerdem, dass Suat Serdar nur eine leichte Erkältung hat und schnell wieder ins Geschehen eingreifen kann. Seine individuelle Stärke hätte dem Team gutgetan.

[Titelbild: Alexander Hassenstein/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Brustlöser in Bochum

Herthaner im Fokus: Brustlöser in Bochum

Nach einer chancenlosen Partie gegen Bayern München und einem ernüchternden Deadline Day galt es für Hertha BSC, die Länderspielpause zu nutzen und gegen den VfL Bochum die ersten Punkte dieser Saison einzufahren, um einen Katastrophenstart zu vermeiden. Das gelang immerhin. Spielerisch bot Hertha aber über die gesamten 90 Minuten magere Kost. Es wird wohl eine lange Saison…

Wir blicken auf einige Herthaner bei diesem wichtigen 3:1-Auswärtssieg.

Dennis Jastrzembski – DJ der leisen Töne

Der 21-jährige Leihrückkehrer war sicherlich die große Überraschung in der Hertha-Startelf gegen Bochum. Auf der linken Seite der Fünferkette erhielt er den Vorzug vor dem formschwachen Maxi Mittelstädt; Marvin Plattenhardt fehlte verletzt. Jastrzembski ist als gelernter Außenstürmer dabei sicherlich auch die offensivstärkere Option. Aber eben auch eine defensiv wackligere und so überraschte es kaum, dass die ersten Angriffsversuche der Bochumer über seine linke Seite kamen und direkt in einem gelbwürdigen Foul nach nicht einmal zwei Minuten mündeten.

Foto: IMAGO

In der Folge bekam Jastrzembski häufiger Unterstützung in der Defensivarbeit von Lucas Tousart, der dafür in der Mitte etwas mehr Platz anbieten musste. Auch Marco Richter half, der in potenziellen Umschaltmomenten dann ab und an selbst vorne fehlte.

Offensiv präsentierte sich Jastrzembski etwas beweglicher als die beiden Linksverteidiger-Alternativen Maxi Mittelstädt oder Marvin Plattenhardt. Er blieb aber trotz einiger zaghafter Anläufe insgesamt ohne Durchschlagskraft und entscheidende Ideen. Mit einem seiner weiten Einwurf leitete er immerhin das 2:0 durch Suat Serdar ein.

“Jatze” weder fatal, noch berauschend

Zur Halbzeit wurde Jastrzembski gegen Maxi Mittelstädt ausgetauscht, um defensiv mehr Sicherheit zu bewirken und die bis dato eher unverdiente 2:0-Führung über die Zeit zu bringen.

Alles in allem ein okayer Auftritt vom jungen Außenstürmer auf ungewohnter Position. Die defensiven Problemen waren erwartbar, werden in der Bundesliga von spielstärkeren Mannschaften aber auch deutlich härter bestraft.

Ob Pál Dárdai am Freitag im Olympiastadion gegen Fürth Jasztrembski wieder das Vertrauen schenkt und gegen den vermeintlich schwächsten Gegner auf mehr Offensivpower setzt, bleibt abzuwarten. Sein Auftritt war weder besonders berauschend, noch besonders fatal. Kontrahent Mittelstädt hat sich allerdings in Hälfte Zwei auch nicht aufdrängen können. Und da Plattenhardt nach wie vor verletzt ist, könnte diese ungewöhnliche Besetzung der linken Außenposition gegen Fürth seine Fortsetzung finden.

Suat Serdar – Der Goal-aus-dem-Nichts-Getter

Wie schon gegen Köln begann Suat Serdar für Hertha in Bochum als rechter Part eines Dreiersturms. Wie schon gegen Köln funktionierte das überhaupt nicht. Serdar bekam keine Bälle, weil Hertha das anfängliche Pressing der Bochumer kaum auflösen konnte. Darüber hinaus kamen Lucas Tousart und Vladimir Darida im Zentrum nicht wirklich ins Spiel. In der Folge hing eigentlich die gesamte Offensive in der Luft.

Dem Herthaner Mittelfeld fehlte ein Ballverteiler, ein Box-To-Box-Spieler, der das Spiel aufzieht und den Ball auch mal nach vorn treibt – also ein Spieler wie Serdar, der eigentlich auch für genau diese Aufgaben geholt worden war. Das sah wohl auch Pál Dárdai so und stellt Hertha Mitte der ersten Hälfte auf ein 3-5-2 um. Serdar bot er so zentraler auf einer Achterposition auf, um genau dieses Defizit zu beheben.

Folgerichtig, dass Serdar dann in Minute 37 nach einem schönen Ballgewinn von Niklas Stark mit seiner ersten Aktion des Spiels von der Achterposition aus den Ball aufnahm, Richtung Tor zog, schließlich mit einem Haken drei Bochumer Verteidiger stehen ließ und mit einem schönen Abschluss von der 16er-Linie ins lange Eck auf 1:0 stellte.

Foto: IMAGO

Die Bochumer waren angesichts des bisherigen Spielverlaufs zurecht konsterniert. Und ihr Unglück steigerte sich noch, als sich die Bochumer Hintermannschaft in der 43. Minute nach einem Einwurf Jastrzembskis derart dilettantisch anstellte, dass der Ball plötzlich unbegleitet im Fünfer frei vor Serdar lag und dieser nur noch einzuschieben brauchte.

So stand der 24-Jährige plötzlich unverhofft mit einem Doppelpack da, der sich nach Herthas Offensivvortrag in Hälfte eins eigentlich so gar nicht angedeutet hatte.

Schluss mit den Serdar-Experimenten

In der zweiten Hälfte konzentrierte sich Hertha gegen Bochum auf das Verteidigen dieses Vorsprungs. So tauchte auch Serdar wie die meisten seiner Kollegen weitestgehend ab und verrichtete vorrangig seine defensiven Aufgaben. Hertha konnte dadurch allerdings kaum einmal für Entlastung sorgen und der Bochumer Druck erhöhte sich umso mehr, als Simon Zoller in der 59. Minute zum Anschluss traf. Schlussendlich rettete eine weitere Einzelaktion von Myziane Maolida die glanzlosen, so wichtigen drei Punkte.

Nachdem das Experiment Serdar auf Rechtsaußen bereits zum zweiten Mal so gar keine Früchte trug, dürfte sich der ehemalige Gelsenkirchener gegen Greuther Fürth hoffentlich auf seiner angestammten Position im zentralen Mittelfeld wiederfinden. Die Fürther dürften als Tabellenletzter im Auswärtsspiel in Berlin wohl größtenteils auf eine stabile Defensive und Herthas fehlende Kreativität setzen, um Punkte aus der Hauptstadt zu entführen.

Entsprechend könnte Serdar die wichtige Rolle als Taktgeber und Ballverteiler zukommen. Darüber hinaus darf er gern auch in Einzelaktionen seine Torgefahr wieder aufblitzen lassen. Denn das sich Hertha gegen die Fürther Defensive reihenweise schön durchkombiniert, ist nach den letzten Spielen nicht zu erwarten.

Myziane Maolida – Ein Ballkontakt reicht

Der französische Neuzugang kam zwei Wochen nach seinem Deadline Day-Transfer erwartungsgemäß noch nicht von Beginn an zum Einsatz. In der 57. Minute war es dann aber soweit, Pál Dárdai erhoffte sich von dem Wechsel offensive Entlastung und brachte Myziane Maolida gegen Bochum so zu seinem Hertha-Debüt.

Zu einem denkbar undankbaren Zeitpunkt, denn Hertha hatte sich in Hälfte zwei immer weiter zurückgezogen, das Offensivspiel mehr oder weniger eingestellt und sah sich zunehmendem Bochumer Druck ausgesetzt.. Und so hing Maolida neben Belfodil erst einmal in der Luft und schaute seinen Teamkollegen beim unzureichenden Klären von Hereingaben zu.

Als endlich einmal ein Ball seinen Weg in die Bochumer Hälfte fand, nahm Maolida mit seinem gefühlt (und möglicherweise tatsächlich) ersten Ballkontakt in der 78. Minute Tempo auf, zog dribbelnd von rechts ins Zentrum Richtung Tor, schüttelte den offensichtlich angeschlagenen Armel Bella-Kotchap ab und wurde auch von den übrigen Bochumer Abwehrspielern nicht attackiert. Diese Chance ließ sich Maolida nicht nehmen und schloss aus zentraler Position 16 Meter vor dem Tor mit seinem schwachen linken Fuß ins rechte untere Eck ab.

Hertha Bochum
Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Damit war der Deckel drauf. Die Partie verflachte in der Folge. Maolida durfte sich noch einige Male in Laufduelle stürzen und in der letzten Minute beinahe ein spektakuläres Distanztor von Lucas Tousart bestaunen. VfL-Keeper Manuel Riemann konnte seinen Annahme-Patzer aber auf der Linie noch ausbügeln.

Wie macht sich Maolida gegen tiefstehende Gegner?

Aus Maolidas Sicht ist ihm sein Debüt dank des Treffers gelungen. Abseits des Treffers war ehrlicherweise aber noch nicht so viel zu sehen, was insbesondere an dem Mangel an Zuspielen lag. In den knapp 30 Minuten auf dem Platz bekam er aber kaum einen Ball und war in der Offensive spätestens seit der Auswechslung Belfodils völlig allein auf weiter Flur.

Und so wird es spannend, wie er sich präsentieren kann, wenn Hertha nicht auf Konter setzt, sondern gegen einen kompakt verteidigenden Gegner das Spiel machen muss. Dribblingstärke, offensives Kombinationsspiel und Abschlussstärke kann er vermutlich schon beim Heimspiel gegen den neuen Tabellenletzten Greuther Fürth am Freitagabend unter Beweis stellen. Sollte es nicht für die Startelf reichen, wird er wohl wieder als Joker zum Zug kommen. Und so hoffentlich an den ordentlichen ersten Eindruck aus dem Bochum-Spiel anknüpfen.

System – Aufstellung, wechsel dich

Hertha begann in einem 3-4-3 mit Suat Serdar auf dem rechten Flügel und Dennis Jastrzembski auf der linken Schiene.

Anders als vom DAZN-Kommentator vehement behauptet, ist das grundsätzlich erstmal eine eher offensivere Aufstellung als das alternative 3-5-2, in dem sich ein zentraler Mitelfeldspieler mehr um defensive Absicherung kümmern kann. Dazu hatte mit DJ auf der linken Schiene ein gelernter Außenstürmer auch Defensivaufgaben zu verrichten.

Trotzdem lahmte Herthas Offensivspiel total. Das lag in erster Linie daran, dass die laufstarken Sechser Lucas Tousart und Vladimir Darida zwar viel unterwegs waren, aber nicht die richtigen Räume bespielten. So kam der Ball überhaupt nicht ins Angriffsdrittel. Hertha konnte sich häufig schon nicht in der Dreierkette nicht aus dem Bochumer Pressing befreien. Man versuchte sich in langen Bällen, die regelmäßig bei einem Bochumer Spieler landeten.

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

So stellte Dárdai zur Mitte der ersten Hälfte auf ein 3-5-2 um und zog Suat Serdar auf die Achterposition zurück. Zwar dominierte Hertha das Spiel auch jetzt nicht und tat sich in offensiven Kombinationen noch immer sehr schwer, fand aber immerhin statt. Und kam so zwar insgesamt unverdient, aber vielleicht auch nicht ganz zufällig zu den zwei Treffern durch Serdar.

Bis auf drei Punkte kann Hertha wenig aus Bochum mitnehmen

Zur Halbzeit musste Dárdai auf den verletzungsbedingten Ausfall von Jordan Torunarigha reagieren. Er brachte den erst 17-jährigen Linus Gechter zu seinem Bundesliga-Debüt. Vielleicht auch deswegen wechselte Herthas Coach zusätzlich noch den defensiv anfälligeren Jastrzembski aus und brachte dafür den erfahreneren Maxi Mittelstädt. Das Team war in der Folge sehr darauf bedacht, das Ergebnis zu sichern und stellte die Offensivbemühungen praktisch ein. Die Bochumer fühlten sich mit dem Ballbesitz zunehmend wohler und so kam es in der 59. Minute, wie es kommen musste und der Anschlusstreffer fiel.

In der Folge wirkte Hertha stark verunsichert und der Ausgleich schien nur noch eine Frage der Zeit. Dárdai reagierte in der 73. Minute, indem er Ishak Belfodil vom Platz nahm und dafür Kevin-Prince Boateng brachte und so auf ein 5-4-1 umstellte. Das wohl defensivstmögliche System brachte nach vorne schließlich überhaupt keine Entlastung mehr. Bis Maolida das Spiel mit seiner Einzelaktion entschied und die Partie vor sich hinplätschernd auf das Ende zuging.

Hertha Bochum
Foto: IMAGO

Dárdai sagte nach dem Spiel im Fernsehinterview, dass das Team in den letzten zwei Wochen mit vielen neuen Systemen und Anweisungen konfrontiert war und er dafür eigentlich zufrieden sei. Der Erfolg mag ihm recht geben, es kann allerdings nicht der Anspruch von Hertha BSC sein, sich mit Einzelaktionen und individuellen Fehlern des Gegners in Bochum zu einem Auswärtssieg zu zittern. Entsprechend muss sich Hertha gegen Greuther Fürth anders präsentieren.

Denn Fürth dürfte in fremdem Stadion deutlich passiver auftreten und Hertha das Toreschießen schwer machen. Anders als die Bochumer wird Fürth wohl auch kaum den Ball übernehmen und sich etwas locken lassen. Es heißt dann für Hertha, spielerische Lösungen zu finden. Woher die innerhalb einer Woche kommen sollen, bleibt eher fraglich. Myziane Maolida zeigte Ansätze, auch Hoffnungsträger Jurgen Ekkelenkamp dürfte wenigstens als Einwechselspieler zu seinem Debüt kommen. Ob das gegen bisher zugegeben ebenfalls sehr schwache Fürther reicht?

Und dann war da noch:

Marco Richter, der viel unterwegs war, offensiv wie seine Teamkollegen aber in der Luft hing. Mangels Anspielen und zur Unterstützung von DJ war Richter auch öfters defensiv zu finden, fehlte bei Ballgewinnen dann für den Umschaltmoment wieder in der Offensive. Nach einer etwas auffälligeren Anfangsphase wurde er immer unsichtbarer, umso mehr Bochum den Ball kontrollierte. Der Wille war deutlich zu erkennen, Laufbereitschaft und Elan stimmen. Sofern Herthas Offensivspiel demnächst etwas Fahrt aufnimmt, könnten auch seine spielerischen Qualitäten zum tragen kommen.

Ishak Belfodil, der im Sturmzentrum kaum Bälle erhielt und mit den wenigen, die ankamen, nicht viel anfangen konnte. Der Algerier wühlte vor dem 2:0 beim Einwurf im gegnerischen Sechzehner (Bochum-Trainer Thomas Reis sah ein „klares Foul“ – nein) und wurde in der 73. Minute der taktischen Maßgabe völliger Defensive geopfert und ausgewechselt. Gegen Fürth dürfte er mangels Alternativen wieder ein Startelfkandidat sein.

Linus Gechter, der 17-jährige Innenverteidiger, der nach der Pause für den verletzten Jordan Torunarigha ins Spiel kam und sein Bundesliga-Debüt feierte. Schon in der Vorbereitung war Gechter in allen Testspielen bis auf das abschließende gegen Gaziantep eingesetzt worden. Die Nervosität war ihm dennoch anzumerken, beim Gegentreffer sah auch er nicht gut aus. Nichtsdestotrotz ein Meilenstein und ein weiterer vielversprechender Spieler aus der Akademie. Glückwunsch und wir freuen uns auf mehr, Linus!

Foto: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx/IMAGO

Eduard Löwen, der von Hertha an Bochum verliehene „Standardspezialist“, der alle ruhenden Bälle bei den Bochumern zu verantworten hatte. Doch keinen einzigen davon konnte er halbwegs gefährlich an den eigenen Mann oder aufs Tor bringen. In einer Szene köpfte Maxi Mittelstädt nach Freistoßhereingabe des Leih-Herthaners beinahe ein Eigentor – bezeichnend.
Ansonsten lieferte Löwen ein ordentliches Spiel im zentralen Mittelfeld ab. An den Standards muss er aber dringend wieder etwas feilen.

[Titelbild: IMAGO]

Myziane Maolida – Erst über-, dann unterschätzt

Myziane Maolida – Erst über-, dann unterschätzt

Gerade die wichtigste Baustelle im Hertha-Kader, die offensive Außenposition, sollte mal wieder im Sommer dringend verstärkt werden. Es kam…anders. Am Ende wurden einige Spieler auf dieser Position sogar abgegeben. Als Verstärkung holte das Team von Fredi Bobic zwei neue Spieler: Marco Richter und Myziane Maolida. Richter werden in Deutschland die meisten bereits kennen. Doch wer ist Herthas französischer Neuzugang? Was sind seine Stärken und Schwächen? Kann er die erhoffte Verstärkung für die Außenbahn werden? Was teilt er mit seinem neuen Sturmpartner Ishak Belfodil?

Zur Beantwortung dieser Fragen unterstützt uns Nico (@NaninhoJr06 auf Twitter), ein OGC Nice und Myziane Maolida-Kenner, der mit uns gemeinsam Herthas neue Nummer 11 bewerten wird.

Nicos kommunizierte mit uns auf Französisch. Seine Aussagen wurden von unserem Redakteur Chris frei übersetzt.

Frühes Profidebüt – Die Last der zu hohen Ablösesumme

Foto: IMAGO/FEP/Panoramic PUBLICATION

Bereits mit 15 Jahren wurde Myziane Maolida von Olympique Lyonnais entdeckt. Zu der Zeit spielte der gebürtige Pariser in der Jugend vom ACBB, einem Ausbildungsverein in der französischen Hauptstadtmetropole. Ein Verein, den er mit seinem neuen Offensivpartner bei Hertha BSC teilt: Ishak Belfodil spielte ebenfalls von 2006-2007 in Boulogne-Billancourt.

In seiner Heimat galt Maolida schnell als großes Talent, machte in der UEFA Youth League für Lyon besonders auf sich aufmerksam. In seiner ersten Profi-Saison mit gerade 18 Jahren erzielte er auch sein erstes Profi-Tor, sammelte Einsätze in der Europa League und fiel besonders durch seine überdurchschnittlich gute Technik auf.

Nur rund 20 Profi-Ensätze absolvierte er für Lyon, bevor er im Sommer 2018 von OGC Nice verpflichtet wurde. Der Verein aus dem Süden Frankreichs gab sogar zehn Millionen für den damals 19-Jährigen aus, deutlich über Marktwert (zur damaligen Zeit 4,5 Mio. € laut transfermarkt.de).

„Er kam in einem komplizierten Kontext, da der Verein viel in ihn investierte, als es der Mannschaft gerade an Offensivtalenten mangelte.“, erzählt uns Nico. „Daher wurde ihm gleich nach seiner Ankunft viel Verantwortung übertragen, obwohl er noch ganz am Anfang seiner Profi-Laufbahn stand.“

Mentaler Druck und Verletzungspech – die schwere Zeit von Maolida

Foto: IMAGO/Norbert Scanella/Panoramic PUBLICATION

Mit dem riesigen Druck, sofort abliefern zu müssen, kam der gebürtige Pariser nicht zurecht. Seine lässige Art sorgte außerdem schnell dafür, dass ihn einige Zuschauer als Ziel für Pfiffe und Kritik nahmen, und das trotz seines noch jungen Alters. Eine große mentale Herausforderung also für Maolida, gleich zu Beginn seiner Zeit am Mittelmeer.

Ob es an der damaligen mentalen Verfassung des Spielers lag oder an einer Verletzungsanfälligkeit, ist unklar. Doch seine Spielzeiten in Nizza wurden zu einem Teufelskreis. Aufgrund von mehreren Verletzungen kam er in seiner ersten Saison nur zu 14 Einsätzen in der Ligue 1 (vier Torvorlagen). So kam er nie in Schwung, fing an an sich zu zweifeln. Der Rhythmus fehlte komplett.

Auch sein junges Alter und die fehlende Erfahrung waren ihm sicher keine Hilfe. Gerade die physische Vorbereitung, die Arbeit im Training, nahm der junge Flügelstürmer Anfangs nicht ernst genug. In einem langen Interview mit „France Football“ zeigte er sich diesbezüglich selbstkritisch und erwähnte als Beispiel das Aufwärmen vor der Einwechslung, die körperliche Vorbereitung vor dem Spiel, die man als junger Spieler leider oft vernachlässige.

Lernprozess – Verletzungsprävention und hartes Training

So musste er erstmal lernen, richtig im Training zu arbeiten, sich auch mal zu bremsen und vor allem den eigenen Körper richtig einzuschätzen. Er wurde auch zum richtigen Arbeiter im Training, was seinen Trainern besonders gefiel, wie uns Nico erzählt: „Trotz der Schwierigkeiten, die er teilweise in den Spielen erlebte, konnte er das Vertrauen seines Trainers (Patrick Vieira oder Adrian Ursea) behalten, weil er im Training besonders gut arbeitete, fokussiert war und sich immer größte Mühe gab.“

Was die Aussprache seines Namens angeht: so half Herthas Neuzugang den Hertha-Fans direkt im ersten Video bei Hertha TV.

Schritt für Schritt befreite sich so Maolida von der Angst, sich zu verletzen und fand etwas mehr Mut, seine Fähigkeiten auf dem Platz zu zeigen. Er wurde professioneller gerade im Hinblick auf Verletzungsprävention. In der besonderen Saison 2019/2020 kam er zu mehr Einsätzen (18 Einsätze, 1 Tor, 2 Torvorlagen), bevor die Saison in Frankreich frühzeitig abgebrochen wurde.

Trotz einer weiteren Verletzung im Winter lief die Saison 2020/21 schließlich für den mittlerweile 22-Jährigen deutlich erfolgreicher. Mehr Einsatzminuten und drei eigene Tore konnte er beitragen. Die Saison endete leider ebenfalls aufgrund einer Adduktoren-Operation frühzeitig: diese zog Maolida vor, um für die neue Saisonvorbereitung rechtzeitig wieder fit zu sein. Doch die neue Spielzeit sollte er nicht mehr in Nizza bestreiten.

Thierry Henry als Vorbild – Schnelligkeit, Technik und Athletik

Foto: IMAGO/FEP/Panoramic PUBLICATION

So schnappte sich Hertha BSC am Ende den Spieler, für etwa vier Millionen Euro, bei einem Marktwert von sieben Millionen Euro. Diesmal sollte Maolida also nicht mehr mit überhöhten Ablösen konfrontiert sein. Doch was zeichnet den Spieler, dessen Vorbild ein gewisser Thierry Henry ist, aus? Nico beschreibt die neue Nummer 11 wie folgt:

„Myziane ist ein schneller, kräftiger und athletischer Spieler. Er hat auch eine gute Technik, die es ihm erlaubt, seine Gegenspieler im 1 gegen 1 auszuspielen. Sein Profil ist besonders interessant, weil er in der Lage ist, seine Geschwindigkeit und seine Größe zu nutzen, um die Tiefe zu suchen.“ Einer für die linke Außenbahn, der auch im 4-3-3 System in die Spitze rutschen kann. Als seine Stärken nennt Maolida selbst “das Dribbeln und das Kombinieren mit den Kollegen – und ich bin kreativ”.

Der Spieler sei außerdem nie negativ aufgefallen, auch nicht in den schwierigen Phasen: „Was sein Verhalten angeht: so habe ich nie negative Kommentare über ihn gehört.“ Sagt Nico. „Er hat einen lässigen Stil, was jedoch nicht bedeutet, dass er nicht rennt oder sich nicht anstrengt. Er ist eher ein diskreter Mensch, aber immer sehr nett und zugänglich für die Fans.“

Wenn Hertha-Fans „lässigen Stil“ in Verbindung mit Flügelspielern hören, denken viele sofort an Dodi Lukebakio. Doch im Unterschied zum Belgier weist Herthas Neuzugang gerade die Stärken auf, die auch Pal Dardai sucht. Die unermüdliche Arbeit im Training und auf dem Platz sowie die Bereitschaft, sich für sein Team einzusetzen und dabei seinen Ego zur Seite zu lassen.

Maolida – ein Transfer ohne die Last der hohen Ablöse

Foto: IMAGO/FEP/Panoramic PUBLICATION

Doch wenn er solche Qualitäten aufweist, warum wollte ihn Nizza loswerden? Gerade durch die Übernahme durch ihren britischen Investor konnte der Verein große Summen investieren und sich besonders offensiv mit Spielern wie Justin Kluivert, Calvin Stengs, Amine Gouiri, Kasper Dolberg oder auch Andy Delort verstärken.

„Es stimmt, dass es in Nizza jetzt viel Konkurrenz im Offensivbereich gibt“, bestätigt uns Nico. Dies sei aber nicht der einzige Grund für den Wechsel von Maolida. „Ich denke es war einfach wichtig für ihn, den nächsten Schritt zu gehen. Er befand sich in einer Negativspirale und bei ihm lief bei Nice einfach einiges in die falsche Richtung. Er war auch das Ziel einiger Fans, die ihn verbal angriffen.“

Anders als beim Wechsel zu Nizza kann der 22-Jährige mit anderen Vorzeichen in Berlin loslegen. Die Belastung, einer riesigen Ablösesumme gerecht werden zu müssen, ist der Franzose nun endlich losgeworden. Für vier Millionen Euro kann man schließlich nicht den neuen Mbappe erwarten.

Herthas neuer „Fantasie-Spieler“

Maolida kommt nicht mehr als ein hochgelobtes Talent, sondern als ein Spieler, der einen frischen Start gebraucht hat, um sein Potenzial endlich zeigen zu können. Mit mehr Selbstvertrauen wird er sich auch in der Bundesliga zeigen können und hoffentlich auch erfolgreich sein. Sein neuer Coach Pal Dardai zeigte sich jedenfalls eher optimistisch: „Er ist ein Fantasie-Spieler, wir haben eine Idee mit ihm. Ich hoffe, dass wir das Maximum aus seiner Kapazität rauskitzeln können.“

Das Schlusswort zu Maolida möchten wir an dieser Stelle unserem Gast überlassen:

„Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute in Berlin und dass es ihm gelingt, wieder in die Spur zu finden. (…) Liebe Hertha-Fans, heißt Myziane Maolida willkommen, unterstützt ihn und schenkt ihm Vertrauen, er wird es euch auf dem Platz zurückgeben.”

“Auf jeden Fall habt ihr einen neuen Hertha-Sympathisanten gewonnen. Ich habe mir sein Trikot bereits bestellt.“

Titelbild: IMAGO