Ein ausverkauftes Berliner Olympiastadion, eine weitere ansprechende Leistung der Hertha und am Ende steht eine Niederlage gegen den FC Bayern MĂŒnchen fest. Höhepunkte der Veranstaltung sollten definitiv die zahlreichen Banner gegen die WM in Katar sein, die in beiden Fanlagern prĂ€sentiert wurden. Auf dem Rasen fand ein Spiel statt, welches zwei sehr verschiedene Halbzeiten zu bieten hatte. WĂ€hrend nach 45 Minuten und einer wilden ersten Halbzeit bereits der 2:3-Endstand auf der Anzeigetafel zu sehen war, war die zweite HĂ€lfte bis auf einer kurzen Druckphase der Bayern durch solide Abwehrleistungen geprĂ€gt. Und die GrĂŒnde fĂŒr die Niederlage waren insbesondere in der Topform und eiskalten Spielweise verschiedener Bayern-Spieler, wie Jamal Musiala oder Eric-Maxim Choupo-Moting zu finden. Und leider auch darin, dass Herthas Verteidigung in manch einem Moment ĂŒberfordert und unaufmerksam war.
Schwarz setzt erstmals auf ein 4-4-2
Gegen den Rekordmeister stellte Sandro Schwarz seine Mannschaft in einem 4-4-2-System auf. Personell musste er verletzungs- bzw. gesundheitsbedingt zweimal wechseln. Jean-Paul Boetius ersetzte den in Bremen verletzt ausgewechselten Stevan Jovetic, Davie Selke den unter der Woche an Magen-Darm erkrankten Wilfried Kanga im Sturm. Dort wurde Selke von Dodi Lukebakio unterstĂŒtzt, der von den AuĂen in die Mitte gewechselt ist. Boetius nahm zunĂ€chst die Position des linken AuĂenspielers dafĂŒr ein. Auf der rechten Seite agierte dafĂŒr Marco Richter. Im zentralen Mittelfeld war die ĂŒbliche Achse, bestehend aus Lucas Tousart und Suat Serdar, zu finden. In der Verteidigung sollte sich wieder nichts verĂ€ndern. Links KapitĂ€n Marvin Plattenhardt, in der Innenverteidigung Marc-Oliver Kempf, Agustin Rogel und Jonjoe Kenny. Im Tor stand Oliver Christensen.
In unserer heutigen Analyse schauen wir auf die Offensivakteure, jemanden, der zum LeistungstrÀger herangewachsen ist und die Einwechslungen.
Dodi Lukebakio: Gegen Bayern gefÀhrlich wie immer
Eigentlich sind alle Lobeshymnen ĂŒber Dodi Lukebakio gesungen. Er ist in dieser Saison einfach einer der besten Spieler von Hertha BSC. Der Belgier wĂ€chst immer mehr zum FĂŒhrungsspieler heran, was auch seine Ansprache ans Team vor dem Spiel zeigte. Und wie ĂŒblich gegen die Bayern, war er auch vor dem Tor gefĂ€hrlich. Die kleine Umstellung von den AuĂen in die Sturmzentrale sollte sich auszahlen. Schon nach vier Minuten und einem siegreichen Laufduell gegen Dayot Upamecano zwang er Manuel Neuer zu seiner ersten Parade. Seinem Schuss auf die obere Torecke fehlte aber die nötige Kraft, um den wiedergenesenen deutschen NationaltorhĂŒter wirklich vor Probleme zu stellen. In der 40. Minute konnte er seine MĂŒhe und seinen Einsatz vergolden. Nach einer Flanke von Richter lieĂ er Neuer per Direktabnahme keine Chance. Das 1:3 weckte Hertha kurz vor der Pause nochmal auf.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Insgesamt war Lukebakio 38 Mal am Ball, spielte 71 Prozent erfolgreiche PĂ€sse, gewann 50 Prozent seiner ZweikĂ€mpfe und vollzog drei von vier Dribblings erfolgreich. Insgesamt wirklich starke Statistiken fĂŒr einen StĂŒrmer. Hinzu kommen drei TorschĂŒsse, er bereitete einen weiteren vor, aber er hatte auch 12 Ballverluste, die man allerdings wohl gegen die Bayern mit einberechnen muss. In der zweiten Halbzeit konnte aber auch er kaum noch nennenswerte Akzente in der Offensive setzen. Dodi Lukebakios Form ist enorm wichtig fĂŒr das Team. Er ist der beste Offensivspieler, ToptorjĂ€ger und der einzige, der regelmĂ€Ăig zĂ€hlbare Leistung liefern kann. In Herthas Situation Gold wert, aber leider zu wenig, wenn seine Mitspieler nicht Ă€hnliches liefern können.
Er war 42 Mal am Ball, spielte 60 Prozent erfolgreiche PĂ€sse und konnte solide 71 Prozent ZweikĂ€mpfe fĂŒr sich entscheiden. In der Verteidigung hatte er gegen die stĂŒrmenden Bayern allerhand zu tun. Sechsmal klĂ€rte er den Ball aus dem Strafraum, blockte zwei SchĂŒsse, lief drei BĂ€lle ab und entschied fĂŒnf Tacklings fĂŒr sich. Stolze Zahlen fĂŒr den Dauerbrenner. Jonjoe Kenny ist sicherlich kein Spieler fĂŒr die Galerie, doch er hat Herthas DienstĂ€ltesten FuĂballer, Peter Pekarik, auf dieser Position endlich ersetzen können. Wahrscheinlich auch weil er dem Slowaken eben manchmal recht Ă€hnlich ist.
Davie Selke: Deutscher Choupo-Moting⊠oder andersrum?
Aus Davie Selke wird in diesem Leben wohl kein eiskalter Vollstrecker vor dem Tor mehr. Zumindest nicht im Hertha-Trikot. Etwas, was man vor wenigen Wochen auch ĂŒber Eric-Maxim Choupo-Moting dachte, bis der auf einmal in die Form seines Lebens kam und mittlerweile beim FC Bayern fĂŒr etliche Tore sorgt. These: WĂŒrden Choupo-Moting und Selke die Teams wechseln, wĂŒrde auch Selke eine Statistik wie der Kameruner vorweisen können. Im Endeffekt liegt es dann doch zu groĂen Teilen an den Mitspielern und am Kopf. Die beiden Tore, die Choupo-Moting Hertha einschenkte, hĂ€tte Selke nicht schöner veredeln können. Luftloch schieĂen und im Fallen mit dem Standbein den Ball ins Tor drĂŒcken â eben eine hohe Kunst besonderer StĂŒrmer âŠ
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Davie Selke war gegen die MĂŒnchner 64 Minuten lang auf dem Platz, eher er Wilfried Kanga Platz machen musste. Und wie immer war er bemĂŒht, umtriebig und war hochmotiviert. Nach elf Minuten hatte er seine erste von drei Möglichkeiten vor dem Tor. Die Hereingabe von Marvin Plattenhardt konnte er aber nicht mit dem nötigen Druck auf Neuers Tor bringen. Keine Gefahr im Endeffekt. 30 Mal war Selke am Ball, spielte elf von siebzehn PĂ€ssen erfolgreich, gewann die HĂ€lfte seiner ZweikĂ€mpfe und holte kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit den Elfmeter raus, als ihm Benjamin Pavard auf den FuĂ stieg. Den Elfmeter verwandelte er selbst sicher. Der Anschlus war hergestellt.
Auch wenn die Statistiken von Selke keinesfalls schlecht sind, so fehlt ihm doch einiges, um ein wirklich entscheidender Faktor im Spiel der Hertha zu sein. Zu oft fehlt ihm das nötige GefĂŒhl in der Ballbehandlung, wie in der 27. Minute, als es ihm nicht gelang den Ball in extrem aussichtsreicher Position zu kontrollieren. Die unfreiwillige Abgabe war immerhin die Vorlage einer guten Chance Marco Richters. GlĂŒck hatte Selke zusĂ€tzlich in der 16. Minute, als sein rĂŒdes Foul gegen Upamecano eigentlich mit gelb hĂ€tte bestraft werden mĂŒssen. Der StĂŒrmer war wie immer bemĂŒht, konnte dank des Elfmeters ZĂ€hlbares produzieren, insgesamt aber zu harmlos.
Marco Richter: Gut begonnen, stark nachgelassen
Marco Richter war wie immer sehr motiviert und glĂŒcklicherweise trotz Schwierigkeiten auf dem Platz nicht so schnell frustriert, wie hĂ€ufiger in manchen Spielen in der Vergangenheit. In der 27. Minute hatte Richter schlichtweg Pech, es mit einem der besten TorhĂŒter der Welt zu tun zu haben. Seinen wirklich sehenswerten Schlenzer aus der Drehung auf das linke, obere Toreck, hielt Manuel Neuer mit einer absoluten Glanzparade. Nicht viele BundesligatorhĂŒter sind in der Lage, solch einen Ball noch aus der Ecke zu fischen. In den meisten Spielen hĂ€tte Hertha hier wohl ein Tor feiern können. In der 40. Minute konnte er sich mit seinem Assist in die Statistiken eintragen. Seine Flanke von der rechten Seite war wohlgetimt, um Lukebakio den perfekten Torabschluss zu ermöglichen.
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Gegen die Bayern war Richter 78 Minuten dabei, ehe er von Myziane Maolida ersetzt wurde. Die Verteidigung machte es ihm durchgehend schwer sich zu entfalten. 28 Mal war er am Ball, spielte acht von vierzehn PĂ€ssen erfolgreich, konnte aber nur drei von zehn ZweikĂ€mpfen fĂŒr sich entscheiden. Zudem kommen zwölf Ballverluste. Insbesondere ab der zweiten Halbzeit konnte er kaum noch Einfluss auf das Offensivspiel der Hertha nehmen. Insgesamt hat Richter aktuell im Zweikampf um den Startelfplatz gegen Chidera Ejuke leicht die Nase vorn.
Die Wechsel verpuffen ohne nennenswerten Einfluss auf das Spiel
Und da sind wir bei einem Problem, was sich seit einigen Spielen bei Hertha durchzieht. Die Einwechslungen bringen aktuell kaum ZĂ€hlbares zustande. Sie ordnen sich nahezu unsichtbar ins Spiel der Berliner ein, ohne Frische ins Team zu bringen oder einen gewissen Einfluss zu haben. Auch ein Grund, weshalb Richter ohne Probleme vor Ejuke in der Hierarchie stehen kann. Der Nigerianer hat natĂŒrlich ein bestechendes Tempo, aber seine Fehler in der Entscheidungsfindung auf dem Platz lassen einfach keine hilfreichen Aktionen zu. PĂ€sse spielt er zu spĂ€t oder gar nicht, mal einen Torschussversuch abgeben, sucht man bei ihm ebenso vergeblich. Ejuke ist seit Wochen auĂer Form und schafft es Richter nicht zu ersetzen.
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Myziane Maolidas Vorstellung gegen Bayern war klĂ€glich. Eingewechselt in der 78. Minute sollte er nochmal Offensivschwung bringen, herausgekommen ist rein gar nichts. Er war sieben Mal am Ball, davon verlor er ihn sechsmal. Keiner seiner drei PĂ€sse kam beim Mitspieler an, nicht einmal aus kĂŒrzester Entfernung. Myziane Maolida fehlt Spielpraxis, ist aber kaum als Teil des Teams zu erkennen und sehr weit von Bundesliganiveau entfernt.
Wilfried Kanga und Kevin-Prince Boateng bemĂŒhten sich, konnten aber auch nichts in der Offensive ausrichten. Kanga wurde von Bayerns Abwehr kaltgestellt, lag in der Luft und brachte keinen Schuss oder auch nur Versuch auf das Tor von Neuer. FĂŒr Boateng ist das Spiel gegen die Bayern schlichtweg zu schnell gewesen, er ist nicht mehr in der Lage auf solch einem hohen Niveau noch mitzuhalten und dann auch noch klare Akzente zu setzen.
Maximilian MittelstĂ€dt kam schon nach 65 Minuten fĂŒr Marvin Plattenhardt. Auch wenn er keinen groĂen Einfluss auf das Spiel hatte, wurde in diesen Minuten schnell wieder deutlich, dass er einfach der bessere Linksverteidiger im Kader ist. Plattenhardt sah blass aus, allerdings konnten auch nicht Marc-Oliver Kempf und vor allem nicht Agustin Rogel ĂŒberzeugen. Gerade Rogel hatte unglĂŒckliche Aktionen bei den Gegentoren.
Viel Lob bringt keine Punkte
Ja, eine Niederlage gegen die Bayern ist okay. Gegen den Rekordmeister zu punkten kann man nicht verlangen und schon gar nicht einplanen. Und Hertha gelang es wie gegen Leipzig nach einem deutlichen RĂŒckstand das Spiel nochmal spannend zu machen, eine QualitĂ€t der Mannschaft. Aber am Ende sind nicht die Punkte, die man gegen Leipzig oder Bayern abgeben musste, das Problem. Da werden fehlende Punkte gegen Bremen, Hoffenheim oder Mainz zu einem Problem. Hertha steht nach 13 Spieltagen mit elf Punkten auf Platz 15. Zwei Siegen, stehen fĂŒnf Remis und sechs Niederlagen gegenĂŒber. Das ist zu wenig, um von einer guten Bundesligasaison zu sprechen. Es hilft nichts, sich an immer den gleichen Lobeshymnen festzuhalten. Gute Spiele bedeuten nicht gleich Punkte und da ist letztendlich auch jede xGoals-Statistik unwichtig. Die Restsaison wird unglaublich hart, wenn man nicht gegen Stuttgart oder Köln einen Sieg, eigentlich zwei Siege, einfĂ€hrt. In einer Woche wissen wir mehr.
Beim dramatischen Pokal-Aus in Braunschweig hat es aus Hertha-Sicht viel Licht und Schatten gegeben. Wir analysieren die Partie und einzelne Leistungen.
Ein besonderer FuĂballabend
GekĂ€mpft, gebissen, unfassbare Leidenschaft gezeigt, dem Heimteam ĂŒber 120 Minuten Paroli geboten, am Ende unglĂŒcklich verloren und trotzdem die Herzen etlicher FuĂballfans in ganz Deutschland gewonnen. Dem findigen FuĂballfan ist wohl schnell aufgefallen, dass es bei dieser Beschreibung wohl eher um die Deutsche FuĂballnationalmannschaft der Frauen geht, die am Sonntag zur selben Zeit wie Hertha BSC spielte. Und dass es fĂŒr mich vor den beiden Spielen nicht einfach war, eine Entscheidung zu treffen, welches Spiel ich denn wohl eher verfolgen möchte, sagt viel ĂŒber das Nationalteam aus, was in den letzten Wochen fĂŒr eine Begeisterung sorgen konnte, die viele FuĂballfans fĂŒr eine Nationalmannschaft seit Jahren nicht mehr aufbringen konnten. GlĂŒckwunsch auch von uns zum hochverdienten zweiten Platz bei der Europameisterschaft!
Letztendlich hab ich mich fĂŒr beide Spiele parallel entschieden, dank der heutigen technischen Möglichkeiten stellt das ja bekanntlich keine Probleme dar. WĂ€hrend auf meinem Second-Stream die Frauen um den Titel kĂ€mpften, zeigten Hertha BSC und Eintracht Braunschweig in der ersten Runde des DFB-Pokals einen offenen Schlagabtausch und rĂŒttelten die Fans nach der fĂŒr alle Seiten hochverdienten und auch bitter nötigen Sommerpause ordentlich wach. In einem furiosen und torreichen Spiel konnte die Hertha zunĂ€chst eine 2:0-FĂŒhrung nach einer der besten Halbzeiten in den letzten Jahren nicht ĂŒber die Zeit bringen und sich auch nach einem groĂen Kampf in der VerlĂ€ngerung nicht mehr belohnen. SpĂ€t kassierte die Schwarz-Elf das 4:4. Das ElfmeterschieĂen entschied letztendlich den glĂŒcklicheren Sieger.
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Die Startelf von Hertha: Viel Neues, aber auch AltbewÀhrtes
In Braunschweig kam es fĂŒr einige Herthaner zum ersten Pflichtspieleinsatz fĂŒr den Verein. Mit Sandro Schwarz stand zum Saisonstart auch ein neuer Trainer an der Seitenlinie. In einem 4-3-3 stellte er das Team auf. Im Tor stand Oliver Christensen, der seinen Stammplatz in der Vorbereitung gegen Rune Jarstein verteidigen konnte. Als Linksverteidiger startete der neue KapitĂ€n Marvin Plattenhardt, das Innenverteidiger-Duo der Schlussphase der letzten Saison, Marc-Oliver Kempf und Ex-KapitĂ€n Dedryck Boyata, wurde auch im ersten Saisonspiel mit dieser Aufgabe betraut. Auf der rechten Seite sollte der britische Neuzugang Jonjoe Kenny agieren.
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Einen weiteren Neuzugang bekamen die Fans von Hertha BSC im defensiven Mittelfeld zu sehen. Der Kroate Ivan Sunjic, vor einigen Wochen aus Birmingham gekommen, sollte als AbrĂ€umer fungieren und seinen zentralen Partnern Suat Serdar und Kevin-Prince Boateng den RĂŒcken freihalten. Auf den FlĂŒgeln sollten der in der Vorbereitung ĂŒberzeugende Myziane Maolida auf links und der aus Wolfsburg zurĂŒckgekehrte Dodi Lukebakio auf rechts wirbeln und fĂŒr Tempo sorgen. Im Sturmzentrum setzte Schwarz auf Davie Selke.
Wir schauen in unserer Analyse heute auf destabilisierende Spieler, die das auf keinen Fall sein sollten und die Einseitigkeit unseres KapitÀns. Aber auch auf Spieler, die Lust auf mehr machen und die Lösung eines schier endlosen Problems.
Marc-Oliver Kempf und Dedryck Boyata: Fehlende Abstimmung und Ăberforderung
Marc-Oliver Kempf und Dedryck Boyata waren zum Ende der letzten Saison unter Felix Magath gesetzt und wichtige Garanten im Kampf um den Klassenerhalt. In der Vorbereitung konnten sie ihre Startelfambitionen unterstreichen und den Kampf gegen die Konkurrenz fĂŒr sich entscheiden. Dedryck Boyata musste allerdings das Amt des KapitĂ€ns einbĂŒĂen. Wie er damit zukĂŒnftig umgehen wird, soll die Zeit zeigen. Gegen Braunschweig zeigte er aber immerhin, dass er versucht, viel mit seinen Mannschaftskollegen zu kommunizieren. Doch bei vier Gegentreffern gegen einen Zweitligisten muss ein kritischer Blick auf das Innenverteidiger-Duo geworfen werden.
Beide agierten ĂŒber die kompletten 120 Minuten (plus Nachspielzeiten) und konnten â und  damit beginnen wir mit den positiven Punkten â zumindest aktiv am Ball PrĂ€senz zeigen und sich anbieten. Kempf hatte 102 Aktionen, Boyata gar 112. Doch der im letzten Winter aus Stuttgart nach Berlin gewechselte Kempf, der immerhin noch neun BĂ€lle klĂ€ren konnte, gewann nur sieben seiner 15 ZweikĂ€mpfe. Und dabei war vor allem interessant und bitter welche ZweikĂ€mpfe er eben nicht gewann. Beim zwischenzeitlichen 2:3 durch Braunschweigs Immanuel Pherai in der VerlĂ€ngerung lĂ€sst er sich auf haarstrĂ€ubende Art und Weise von Lion Lauberbach abkochen, der fĂŒr seinen offensiven Kollegen nur noch vorlegen musste. Bereits beim 2:2 in der 66. Minute sah Kempfs Stellungsspiel alles andere als glĂŒcklich aus. Die Vorlage von Marx verpasste er, wirklich angreifen tat er den Vorlagengeber ebenso wenig. Den unrĂŒhmlichen Tiefpunkt beim ElfmeterschieĂen will man ihm zunĂ€chst gar nicht vorwerfen, denn mit einem Fehlschuss muss jederzeit gerechnet werden. Er passte lediglich zum extrem gebrauchten Tag von Marc-Oliver Kempf, der ursprĂŒnglich gar nicht zum Elfmeter antreten wollte. Ein Spieler seiner Klasse und seines Standings muss allerdings einem gewissen Druck standhalten. Bleibt zu hoffen, dass seine verschiedenen Aussetzer einer schlechten Tagesform verschuldet waren.
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Dedryck Boyatas wohl gröĂtes Manko ist sein Tempodefizit. Zwar zeigte er nach bereits fĂŒnf Minuten seine Klasse, als er den bereits geschlagenen Oliver Christensen unterstĂŒtzte und nach Pherais Schuss zur Ecke klĂ€ren konnte, doch wie sein Partner Kempf war seine Rolle beim 2:2 und 2:3 mehr als unglĂŒcklich. In beiden FĂ€llen stand er zu offensiv â praktisch schon im Mittelfeld â wurde ĂŒberlaufen und konnte nicht mehr rechtzeitig eingreifen. Doch Boyata musste schon zuvor feststellen, dass sein Tag nicht gut enden wĂŒrde, als er nach 63 Minuten fĂŒr einen Elfmeter der Braunschweiger sorgte. Immanuel Pherai machte der gesamten Hertha-Defensive das Leben schwer und nahm das ausgestreckte Bein des Belgiers dankend an. Es war unnötig und seiner gewĂŒnschten QualitĂ€t nicht wĂŒrdig. Boyatas AusfĂ€lle wirkten schwer auf das Ergebnis des Spiels, doch auch er hatte seine guten und zu beachtenden Szenen. Sechsmal klĂ€rte er die BĂ€lle und verteilte 95 PĂ€sse, von denen immerhin 83 den Adressaten fanden. In der 60. Minute scheiterte er denkbar knapp nach feiner Vorarbeit von Marvin Plattenhardt an Braunschweigs TorhĂŒter Jasmin Fejzic. Es wĂ€re das 3:0 gewesen und damit wahrscheinlich die Vorentscheidung.
Es war das erste Spiel von Boyata seit zwei Jahren, welches er fĂŒr Hertha nicht als KapitĂ€n bestritt. In der Saisonvorbereitung wurde er diesbezĂŒglich von Marvin Plattenhardt abgelöst. Ihm selbst scheint es nicht geschadet zu haben. Auch wenn er sportlich nicht zu ĂŒberzeugen wusste, bemĂŒhte er sich durchgehend mit seinen Mitspielern zu kommunizieren und taktische Anweisungen zu geben. Das Standing im Team scheint er weiterhin zu haben.
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Oliver Christensen: Noch kein sicherer RĂŒckhalt
Der DĂ€ne, der seit den SommerabgĂ€ngen von Alexander Schwolow und Marcel Lotka die Nummer eins im Tor der Hertha ist, spielte ein Spiel, welches noch nicht so einfach einzuordnen ist. ZunĂ€chst einmal war Oliver Christensen machtlos bei den Gegentoren, in diesem Fall trifft dem blonden RĂŒckhalt keine Schuld. Doch Christensen strahlte nicht wie zuletzt in der Relegation seine Sicherheit und Coolness aus. Er wirkte oft fahrig, unsicher und musste sich das ein oder andere Mal auf sein GlĂŒck verlassen. Bereits nach fĂŒnf Minuten musste er sich bei Boyata bedanken, der aufmerksam genug war um das leere Tor zu verteidigen. In der 54. Minute half ihn der Pfosten als er bei Pherais Schuss erschreckend passiv wirkte. Der 23-JĂ€hrige tat sich mit den regnerischen Bedingungen schwer und wirkte alles andere als souverĂ€n.
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Immerhin konnte er im ElfmeterschieĂen einen Elfmeter parieren. Etwas, was ihm in der regulĂ€ren Spielzeit nicht gelingen sollte. Auch bei Oliver Christensen muss man mit Formschwankungen rechnen. Es wĂ€re auch zu viel verlangt, durchgehend den unbekĂŒmmerten und vor Motivation strotzenden Christensen aus der Relegation spielen zu sehen, zumal es ihm die wackelige Viererkette auch nicht leicht machte.
Marvin Plattenhardt: Zu einseitig, aber erstmal gesetzt
Es war die erste richtige PrĂŒfung als KapitĂ€n. Marvin Plattenhardt, der dieses Amt seit wenigen Wochen inne hat, wurde gegen die Braunschweiger auf neue Faktoren getestet und gefordert. Er gewann wĂ€hrend des Spiels keinen Zweikampf und musste 14 Ballverluste einstecken. Defensiv konnte der WM-2018-Teilnehmer also nicht viel aushelfen. Die QualitĂ€ten des Marvin Plattenhardts sind der FuĂballwelt hinlĂ€nglich bekannt. Sein linker FuĂ gilt als einer der besten Deutschlands, regelmĂ€Ăig konnte er das schon unter Beweis stellen.
Und auch gegen Braunschweig sollte ihm das in der 10. Minute gelingen. Seine feine Flanke wusste Davie Selke mit dem Kopf zu verwerten. FrĂŒh im Spiel hatte Hertha die Möglichkeit, die Weichen auf Sieg zu stellen. Immer wieder versuchte er sich an Flanken und PĂ€ssen. Starke 95 Prozent seiner PĂ€sse, also 58 von 61 Versuchen, kamen bei den Mitspielern an. Doch auch Plattenhardt hat noch viel mit seiner Fitness zu tun, was vor allem bei seinem allgemeinen Tempodefizit nicht förderlich war. Der Linksverteidiger hatte viel mit sich selbst zu tun. Ein echter KapitĂ€n ist er noch nicht, in dieser Rolle muss er noch hineinwachsen. Als Linksverteidiger ist er in vielen Situationen ĂŒberfordert.
Die drei FlĂŒgelspieler sind fĂŒr die Hertha alle auf ihre Art NeuzugĂ€nge. Chidera Ejuke, der erst vor kurzer Zeit aus Moskau nach Berlin gewechselt ist, konnte nach 72 Minuten Myziane Maolida ablösen und zunĂ€chst ansatzweise zeigen, warum Hertha BSC ihn fĂŒr diese Saison verpflichtet hat. Er versuchte mit Tempo ĂŒber die AuĂenpositionen fĂŒr Torgefahr zu sorgen und bemĂŒhte sich, in der Offensive seinen Beitrag zu leisten. Dabei gelangen dem 24-JĂ€hrigen gleich mehrere gute Momente, die sein Talent allemal unterstreichen. Sein Auftritt machte Lust auf mehr.
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Myziane Maolida durfte bis zur Einwechslung Ejukes wirbeln und fĂŒr Torgefahr sorgen. Der Franzose, der bereits seit einem Jahr bei Hertha spielt und in seiner DebĂŒtsaison praktisch durchgehend enttĂ€uschte, spielte gegen Braunschweig sein wohl bestes Spiel im Dress der Hertha. Und das lag nicht nur an seinem Tor, welches er in der 42. Minute nach Lukebakios Versuch per Abstauber erzielen konnte. Maolida wirkt seit Wochen wie ausgewechselt, zeigt ein gröĂeres taktisches VerstĂ€ndnis und auch groĂe Disziplin, diese umzusetzen. Insbesondere sein Zusammenspiel mit Dodi Lukebakio sorgte fĂŒr groĂe Gefahr in der Offensive. Neben seinem Tor konnte er sich Chancen erarbeiten, die durchaus das Potential hatten, ebenso fĂŒr Tore zu sorgen. Die wohl gröĂte in der 37. Minute, als er eine flache Hereingabe von Lukebakio wuchtig per Flachschuss aufs Tor beförderte. Braunschweigs Fejzic konnte die Situation aber vereiteln. Maolida setzte zu fĂŒnf Dribblings an, spielte 37 PĂ€sse, von denen 31 ankamen. Der 23-JĂ€hrige hat die groĂe Chance in dieser Saison sein schwaches erstes Jahr gutzumachen. Dazu braucht es groĂe Disziplin und mentale StĂ€rke. In einem System und Mitspielern, die ihm guttun, kann da einiges möglich sein und er wie ein Neuzugang wirken.
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Dodi Lukebakio könnte einer dieser Mitspieler sein. Der Belgier, der nach einem enttĂ€uschenden Jahr in Wolfsburg wieder zurĂŒck in Berlin ist, scheint vor Motivation zu strotzen. Gemeinsam mit Maolida konnte er eine Position bespielen, die bei der Hertha fast schon Jahre lang vakant war: die FlĂŒgelpositionen. Mit seiner Schnelligkeit stellte er die Gegner auf zahlreiche Proben. Selbst im Spiel ohne Ball zeigte sich Lukebakio verĂ€ndert, ging in ZweikĂ€mpfe, half in der 52. Minute sogar beherzt in der Defensive aus. Insgesamt gewann der StĂŒrmer elf seiner 16 ZweikĂ€mpfe. FĂŒr einen Offensivspieler eine beachtliche Statistik. 92 Prozent, also 32 von 36 PĂ€ssen kamen an. Auch eine Statistik, die fĂŒr einen Offensivspieler eher selten ist. Immer wieder setzte Lukebakio zu Sprints und Dribblings an. Sechs seiner acht Dribblings gestaltete er dabei sogar erfolgreich. Seiner möglicherweise auch unfreiwilligen Vorlage auf Maolidas Tor, setzt er in der VerlĂ€ngerung, in der 106. Minute, seinen Höhepunkt auf, als er sich auf der rechten Seite durchtankte und den Ball per sehenswerten Lupfer im Tor unterbrachte. Doch auch ihm gelang nicht alles. In der 91. Minute wĂ€re es seine Aufgabe gewesen den spĂ€teren TorschĂŒtzen Pherai vom Ball zu trennen. Auch per Foul wĂ€re es in dem Moment okay gewesen, die gelb-rote Karte wĂ€re angesichts der verbliebenden Spielzeit zu verkraften gewesen. Lukebakio zeigte sich hochmotiviert, spritzig und kraftvoll. Auch er könnte ein Gewinner des Systems von Schwarz werden. Doch es bleibt abzuwarten, wie gut er diese Form bestĂ€tigen kann.
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Was sonst noch war
Gegen Braunschweig gab es einen offenen Schlagabtausch, einige weitere Spieler wussten zu ĂŒberzeugen, wieder andere hatten Schwierigkeiten. Herthas neuer Rechtsverteidiger Jonjoe Kenny reihte sich nahtlos in die ĂŒberforderte Verteidigung ein, war insbesondere beim 2:2 viel zu passiv und verlor ganze 16 Mal den Ball. Defensiv war er keine groĂe Hilfe. Er wird auf einen stabilen Abwehrverbund angewiesen sein.
Lucas Tousart erzielte eines der Tore, die wir verstĂ€rkt von der Mannschaft sehen wollen. Auch mal einen Schuss aus der zweiten Reihe wagen. Allgemein wirkt er weiterhin wie ein Antreiber, der ein Spiel an sich reiĂen möchte. Weniger mit KreativitĂ€t, vor allem mit Kampf und Leidenschaft. Er hat das Potential, FĂŒhrungsspieler zu werden, Verantwortung im ElfmeterschieĂen anzunehmen, wĂ€re der nĂ€chste groĂe Schritt gewesen.
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Ivan Sunjic wirkte in seinem ersten Spiel wie ein echter Stabilisator, der nicht nur seinen Mitspielern den RĂŒcken freihielt, sondern zusĂ€tzlich viele BĂ€lle forderte, intelligente SpielzĂŒge einleitete und allgemein recht gut im Team angekommen zu sein scheint. Wie gut er diese Leistung bei den kommenden und schwereren Gegnern bestĂ€tigen kann, wird sich zeigen.
Stevan Jovetic macht SpaĂ. Gegen Braunschweig zeigte er wieder einmal seine Klasse am Ball und seine Spielintelligenz. Wenn er fit ist kann er dem Spiel der Hertha extrem guttun. Schön anzusehen war dabei seine Vorlage zum 4:3 auf Dodi Lukebakio.
Trotz Ă€hnlicher Vorzeichen: Das war nicht âTypisch Herthaâ
Nach drei Jahren Achterbahnfahrt sind die Nerven der Fans vollkommen verstĂ€ndlich maximal strapaziert. Doch man muss dem Team Zeit geben, sich zu finden und die Automatismen einzustudieren. Diese Niederlage ist nicht âTypisch Herthaâ. Das Spiel verlief unglĂŒcklich, offenbarte eiskalt die SchwĂ€chen, die diese unfertige Mannschaft noch hat, doch lieĂ insbesondere in der Offensive aufblitzen, was möglich sein könnte. Mit Wilfried Kanga kommt nun ein Neuzugang fĂŒr den Sturm dazu. Möglicherweise ein weiteres Puzzleteil, welches fĂŒr die nötige StabilitĂ€t sorgen kann. Die vielen Einzelteile mĂŒssen greifen, Marvin Plattenhardt in seine Rolle wachsen. Marco Richter wird bald zurĂŒck im Training sein und kann eine wichtige Option fĂŒr die Offensive werden.
Eine Ausscheiden aus dem Pokal in der 1. Runde ist Ă€rgerlich, schade und ein deutlicher Stimmungskiller, doch man sollte es abhaken, analysieren, draus lernen und sich nun mit voller Konzentration der Bundesliga widmen. Die spielen zu dĂŒrfen, sollte nach dem Relegationsdrama Motivation genug sein. Die Ohrfeige von Eintracht Braunschweig kommt wahrscheinlich zum besten Zeitpunkt. Die Sinne sind geschĂ€rft, die Karten neu gemischt und die Bundesliga beginnt mit dem Kracher in Köpenick. Lasst uns mit Freude und dem Glauben an einen Sieg in dieses Spiel gehen. Auch Union konnte sich beim Pokalspiel in Chemnitz nicht mit Ruhm bekleckern und scheint noch einige Baustellen zu haben. Freuen wir uns auf das erste der zwei wichtigsten Spiele der Saison.
Es stimmt: Im modernen FuĂball sind feste Positionen auf dem Spielfeld nicht mehr so wichtig wie frĂŒher. Alles verlĂ€uft âflieĂendâ, Spieler verschieben je nach Spielsituation ohnehin stĂ€ndig, vielseitige Spieler werden wichtiger. Trotzdem muss man bei Hertha BSC feststellen: die offensive FlĂŒgelspieler-Position ist eine Dauerbaustelle. GefĂŒhlt eine Ewigkeit ist es her, dass die âalte Dameâ auf der linken und rechten AuĂenbahn keinerlei Probleme hatte. Wie die aktuelle Lage ist und welche Hoffnungen man sich fĂŒr die nĂ€chste Saison machen kann, wollen wir uns genauer anschauen.
Altbekannte Problematik â kaum Lösungen
Doch wann hatte Hertha BSC zuletzt eine wirklich gut besetzte offensive AuĂenbahn? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten: die meisten wĂŒrden Namen wie Salomon Kalou und Valentino Lazaro nennen. Andere wĂŒrden sogar noch weiter zurĂŒck in die Vergangenheit blicken und Bart Goor und Sebastian Deisler nennen.
Cunha links und Dodi rechts waren zumindest von ihrer QualitÀt sehr krass.
Ansonsten wĂŒrd ich fĂŒr Kalou und Lazaro argumentieren, so 2016 đ
Worauf sich alle einigen können: die Problematik der offensiven FlĂŒgelspieler schleppt die âalte Dameâ bereits seit einigen Jahren mit sich. Insbesondere die Anzahl der gelernten offensiven AuĂenbahnspielern im Kader nahm mit den Spielzeiten zuletzt immer weiter ab. In der Saison 2019/2020 hatte Hertha u.a. mit Kalou, Dilrosun oder Lukebakio immerhin sechs solcher Spieler im Kader. 2020/2021 waren es zu Saisonende nur noch vier, in der Hinrunde 2021/2022 sogar nur noch drei (Maolida, Richter und Jastrzembski).
(Foto: Michael Sohn/POOL/AFP via Getty Images)
Die negativen Auswirkungen dieser komplizierten Kadersituation spĂŒrte man spĂ€testens in der Saison 2020/21. âNotlösungenâ waren Alltag: Matheus Cunha, der eigentlich zentraler agiert, wurde immer wieder als AuĂenspieler eingesetzt. Auch der eigentlich bereits abgeschriebene Matthew Leckie bekam wieder Einsatzminuten, weil der eigentlich gesetzte Dodi Lukebakio zu oft unmotiviert ĂŒber den Platz spazierte. Nemanja Radonjic kam als Leihspieler im Winter und konnte gegen Saisonende immerhin einige Scorerpunkte sammeln, wurde jedoch im Sommer nicht fest verpflichtet.
Hertha-Transfers in 21/22
So wurde die Saison 2021/2022 in Sachen QualitĂ€t auf den AuĂenbahnen zum neuen Tiefpunkt. Mit Radonjic, Leckie und Cunha verlieĂen drei Optionen fĂŒr die offensive AuĂenbahn den Verein. Fredi Bobic gab zusĂ€tzlich noch die enttĂ€uschenden Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio ab, holte dafĂŒr lediglich Marco Richter und Myziane Maolida. Die Knappheit auf diesen Positionen verstĂ€rkte sich also nochmal.
Zudem konnten beide NeuzugĂ€nge nicht voll ĂŒberzeugen. Marco Richter zeigte immerhin phasenweise starke EinsĂ€tze, mit Höhepunkten wie zum Beispiel sein Doppelpack im Heimsieg gegen Borussia Dortmund. Er erzielte fĂŒnf Tore, allerdings ausschlieĂlich in der Hinrunde. In der RĂŒckrunde hatte er deutlich gröĂere Schwierigkeiten, litt sicherlich auch unter der allgemein sehr schwachen Mannschaftsperformance. In dieser Phase konnte er sich zu selten durchsetzen, verlor viele BĂ€lle und war kein entscheidender Faktor mehr.
(Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)
Maolida hingegen hatte bis auf seinen Treffer im ersten Einsatz in Bochum kaum gute Momente und war nicht die erhoffte VerstĂ€rkung. Auch der im Winter hinzugeholte Dong-Jun Lee konnte nicht helfen. Der SĂŒdkoreaner wurde zwar von Cheftrainer Tayfun Korkut im allerersten Spiel noch reingeworfen, zeigte sich aber sichtlich ĂŒberfordert mit dem Niveau in der Bundesliga, verletzte sich auch recht frĂŒh und spielte insgesamt nur 116 Minuten.
Keine FlexibilitĂ€t â Herthas Taktik begrenzt
Dazu kamen Covid-19 Erkrankungen, Verletzungen und Sperren. So gab es einige Spiele, in denen Herthas Trainerteam auf den AuĂen besonders kreativ aufstellen musste. Im Heimsieg gegen den VfB Stuttgart am 31. Spieltag war lediglich der Jugendspieler Anton Kade, ansonsten kein einziger gelernter offensiver AuĂenbahnspieler im Kader.
Herthas Cheftrainer setzten immer wieder Spieler wie Serdar als AuĂenbahnspieler ein, stellten zentrale Mittelfeldspieler wie Vladimir Darida oder Lucas Tousart auf die rechte AuĂenbahn. Am Ende konnte jedoch keine Variante besonders ĂŒberzeugen. Diese SchwĂ€che konnte also im Laufe der Saison nie behoben werden. Dadurch war die âalte Dameâ in ihrer Taktik stark eingeschrĂ€nkt. Sowohl im Spielsystem als auch in der Umsetzung des Spielplans war das Team kaum flexibel, weil die AuĂenbahnen nur suboptimal besetzt werden konnten.
Ob sich die Blau-WeiĂen fĂŒr die nĂ€chste Saison nun besser aufstellen können, ist fraglich. Aktuell hat man mit den LeihrĂŒckkehrern und Kaderspielern fĂŒr die offensive AuĂenbahn sechs Spieler. Auf Marco Richter kann Hertha sicherlich setzen. Er besitzt genug QualitĂ€t und Erfahrung fĂŒr die Bundesliga, konnte sich vergangene Saison einspielen und da bereits einige Treffer erzielen.
Kann Hertha auf die RĂŒckkehrer setzen?
Myziane Maolida hingegen wird sich wesentlich steigern mĂŒssen, um eine gute Option fĂŒr die Startelf zu werden. Es bleibt die Hoffnung, dass er nach einer schwierigen ersten Saison, Ă€hnlich wie sein Landsmann Lucas Tousart doch noch zu der erhofften VerstĂ€rkung wird. Ăhnliches gilt bei Dong-Jun Lee, den man nicht zu frĂŒh abschreiben sollte.
(Foto: Romain Perrocheau/AFP via Getty Images)
Der nur 24-jĂ€hrige Javairo Dilrosun erlebte eine schlimme Saison bei Absteiger Bordeaux, konnte aber in der Schlussphase der Saison nochmal aufdrehen. Ob er aber eine wirkliche Option fĂŒr das Team von Sandro Schwarz wird, ist fraglich. Dodi Lukebakio hingegen wird höchstwahrscheinlich abgegeben werden: der Belgier hat nicht nur in seiner Leihe beim VfL Wolfsburg enttĂ€uscht, sein Gehalt wird Hertha wohl nicht eine weitere Saison stemmen wollen, beziehungsweise können.
Die Kadersituation (ĂŒber die wir auch ausfĂŒhrlich in unserer letzten Podcast-Folge sprechen!) wird sich in den nĂ€chsten Wochen und Monaten noch signifikant verĂ€ndern. Zwar hat Hertha aktuell auf dem Papier genug offensive AuĂenspieler. Diese bringen jedoch so viele Fragezeichen und Unsicherheiten mit, dass es erneut keine klare Lösung des Problems auf dieser Position darstellt. Auf dem Transfermarkt wird Hertha aber nur begrenzte Möglichkeiten haben. Die finanzielle Lage ist bekannt, man wird auf ablösefreie Spieler oder auf LeihgeschĂ€fte hoffen mĂŒssen.
Eines ist klar: eine Saison wie die letzte, mit einer so groĂen LĂŒcke im System, sollte sich Hertha nicht erlauben. Am Ende könnte aber wie auch bei anderen Baustellen im Kader die Antwort sein: man muss sie als Mannschaft lösen. Sollten Sandro Schwarz und sein Trainerteam es schaffen, aus diesen Spielern ein echtes Team zu bilden, wird die AuĂenbahnproblematik nicht mehr so schwer wiegen. Wenn dann sogar der eine oder andere Spieler zu seiner Form findet und ĂŒber mehrere Spiele hinweg ĂŒberzeugt, könnte sich das Blatt auch endlich wieder wenden. Es wĂ€re nĂ€mlich auch langsam Zeit fĂŒr neue Helden.
Mit einem 2:2 gegen den VfB Stuttgart startete Tayfun Korkut in seinen neuen Job bei der Hertha. Das DebĂŒt gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber zeigte mal wieder ĂŒbliche SchwĂ€chen des Teams und trotzdem die ersten Entwicklungsschritte seit dem Trainerwechsel. Wir schauen auf eine immer stĂ€rker werdende Offensive und die Sorgenkinder der Mannschaft.
Stevan Jovetic: Fit und in Topform eine brutale Waffe
Stevan Jovetics Körper, der in dieser Saison oft fĂŒr Probleme sorgte und keine Konstanz ermöglichte, scheint aktuell auf einem hohen Level, vielleicht sogar auf seinem höchsten Level zu sein. Und so ist es mehr als erfreulich, den StĂŒrmer endlich in Top-Verfassung zu sehen.
Das Spiel gegen den VfB Stuttgart war ein Spiegelbild der bisherigen Saison. Im von Trainer Korkut neu gebauten 4-4-2-System musste sich die Offensive finden. Zwischen Stevan Jovetic, Ishak Belfodil, Marco Richter und Myziane Maolida schien es zunĂ€chst nicht zu harmonieren. Die Laufwege wirkten zu statisch, die Durchsetzungskraft war ausbaufĂ€hig und die PĂ€sse landeten oft beim Gegner. Die ersten AngriffsbemĂŒhungen waren eher individuelle MaĂnahmen. Im Verlauf der Partie gelang es den Spielern aber, diese MĂ€ngel immer mehr abzustellen.
(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Und trotzdem benötigte es wieder einmal eine Einzelleistung, um auch Tore-technisch anzukommen. Als sich Jovetic in der 40. Minute von Torunarigha den Ball im Mittelfeld abholte, machte es ihm die Abwehr der Schwaben auch alles andere als schwer. Ein Solo und ein Schlenzer in das rechte obere Eck eröffneten Herthas Comeback. Mit 37 PÀssen konnte er seinen Wert unterstreichen. Ihm gelang es, Chancen zu kreieren, Mitspieler in Szene zu setzen und auch sich selbst als stÀndigen Unruheherd zu inszenieren.
In der 73. Minute zeigte Jovetic mit einem FreistoĂ zusĂ€tzlich seine immense Schusskraft. Eine herausragende Aktion von TorhĂŒter MĂŒller verhinderte nur knapp ein Traumtor. Das Zusammenspiel der Offensive gipfelte in der 76. Minute in dem wohl am schönsten herausgespielten Tor der Herthaner in dieser Saison. Nach Plattenhardts Flanke gelang das Zusammenspiel mit Ishak Belfodil auf engstem Raum, um den Ausgleich zu erzielen.
Mit vier Toren aus acht Bundesligaspielen hat Jovetic eine akzeptable Quote und ist Herthas ToptorjĂ€ger. Seine Leistungskurve und Form steigen klar an. Der Wert fĂŒr die Mannschaft ist kaum in Worte zu fassen, insbesondere wenn es ihm weiterhin gelingt das Offensivspiel auch als Vorlagengeber anzukurbeln.
Ishak Belfodil: Weiterhin in Topform und mit entscheidenden Zahlen
Ishak Belfodil knĂŒpfte gegen den VfB Stuttgart direkt an seiner Leistung gegen den FC Augsburg an und konnte diese endlich auch in spielendscheidenden Zahlen umwandeln. Bereits nach vier Minuten kam der Algerier aus spitzen Winkel zum Schuss. Wie Stevan Jovetic gelang es ihm, sowohl Ballverteiler, als auch Anspielstation zu sein.
Belfodils persönlicher Höhepunkt gegen den VfB hÀtte in der 23. Minute sein sollen, als er einen sehenswerten Schlenzer vom linken Strafraumeck im Tor unterbrachte. Doch nach VAR-Eingriff wurde der Treffer wegen einer streitbaren Abseitsstellung Vladimir Daridas kassiert.
(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)
WĂ€hrend des Spiels lieĂ Belfodil sich oft ins offensive Mittelfeld fallen, zog zwischendurch auf die AuĂen und ermöglichte der Offensive durch seine Laufwege und Aktionen viel FlexibilitĂ€t. 35 Aktionen und 76 Prozent Passquote beweisen sein Auge fĂŒr die Mannschaft. In seinen 85 Minuten Spielzeit bereitete Belfodil zwei TorschĂŒsse vor, den entscheidenden in der 76. Minute fĂŒr Jovetic.
Die Doppelspitze scheint eine echte Alternative und Variante fĂŒr das Spiel unter Tayfun Korkut zu werden. Jovetic und Belfodil liefern momentan genug Argumente, dass sie als Doppelspitze in die nĂ€chsten Spiele gehen. Die Einbindung der AuĂenspieler muss bei Festigung der Spitze allerdings dringend Thema im Training werden. Die Automatismen sind noch nicht komplett vorhanden, doch mit der Zeit scheint es möglich zu sein.
Myziane Maolida: Wer bist du und was hast du mit Dodi Lukebakio gemacht?
Unter der Woche wurde bereits viel vermutet und gemunkelt. Bei Pal Dardai war der französische Neuzugang zuletzt komplett auĂen vor. Neben schwachen Leistungen und Verletzungen, stand er wegen mangelnder Disziplin in der Kritik. Tayfun Korkut setzte ein Zeichen und stellte den 22-JĂ€hrigen auf die linke AuĂenbahn. Dieser versuchte, das Vertrauen zu rechtfertigen – es gelang ihm zum Teil. Mit 40 Ballkontakten war er zwar hĂ€ufig am Ball, doch Tempo aufnehmen und Chancen kreieren konnte er dabei nur selten. Seine FlexibilitĂ€t in der Offensive fiel im Vergleich zu seinen offensiven Mannschaftskollegen deutlich ab.
Zu Gute kann man ihm aber halten, dass er mit einer Zweikampfquote von 60 Prozent der StĂ€rkste in der Offensive war. Und auch er hatte die Möglichkeit, seiner Leistung einen zĂ€hlbaren Stempel aufzudrĂŒcken. In der 56. Minuten fehlte es ihm allerdings an Spielintelligenz und Entscheidungsfindung, was wahrscheinlich seiner geringen Spielpraxis verschuldet war. Nachdem er von Marco Richter auf der linken Seite mit einem gechippten Ball in Szene gesetzt wurde, konnte er mit einer Mischung aus Pass und Torschuss Florian MĂŒller aber vor keine ernsthafte Herausforderung stellen.
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Neben seinem Potential in der Offensive litt allerdings sein Einsatz in der Defensive. UnterstĂŒtzung bot er seinen Mitspielern kaum. UnrĂŒhmlicher Höhepunkt war sein unmotiviertes ZurĂŒcktraben – welches er am Ende sogar abbrach – in der 19. Minute als Philipp Förster komplett unbedrĂ€ngt das 2:0 fĂŒr den VfB Stuttgart erzielen konnte. Anzumerken ist aber, dass auch weder Vladimir Darida noch Santiago Ascacibar in dieser Situation ĂŒberzeugende Gegenwehr leisteten.
Myziane Maolidas Auftritt lieĂ zum Teil Erinnerungen an den im Sommer an den VfL Wolfsburg verliehenen Dodi Lukebakio aufleben. Offensiv zwar bemĂŒht, aber mit wenig zĂ€hlbaren und an Defensivarbeit nicht interessiert, scheint Maolida noch keine Hilfe zu sein. Vielleicht kann er sich ĂŒber regelmĂ€Ăige EinsĂ€tze empfehlen, ansonsten ist er leider kein Upgrade zum ebenfalls in der Kritik stehenden Lukebakio.
Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha: Solides Duo mit fehlendem Tempo
KapitĂ€n Dedryck Boyata bekam von Tayfun Korkut das Vertrauen in der Startelf zu stehen. Nachdem der Belgier drei Spiele gesperrt gefehlt hatte, sollte er als Abwehrchef die Defensive zusammenhalten. Seine Leistung war nicht restlos ĂŒberzeugend. Zehn BĂ€lle konnte er klĂ€ren, zwei SchĂŒsse blockte er und mit 93 Prozent Passquote integrierte er sich durchgehend im Aufbauspiel.
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WĂ€hrend Boyata allerdings mit nur 38 Prozent gewonnener ZweikĂ€mpfe kein bedingungsloser Sicherheitsposten in der Defensive war, konnte sein Innenverteidiger-Partner, Jordan Torunarigha, 62 Prozent seiner ZweikĂ€mpfe gewinnen und dadurch MĂ€ngel seines KapitĂ€ns ausgleichen. Auch Torunarigha war mit 52 Ballaktionen wichtiger Bestandteil im Aufbauspiel. 73 Prozent seiner PĂ€sse fanden den Mitspieler und die Vorlage fĂŒr Jovetics Tor zum 1:2 geht auf seine Kappe. Mit der Zeit wirkte Torunarigha jedoch immer unsicherer, mehrere KlĂ€rungsversuche gerieten zu kurz und FehlpĂ€sse reihten sich aneinander. In der 72. Minute wechselte Tayfun Korkut den 24-JĂ€hrigen aus, weil die StabilitĂ€t in der Abwehr verloren gegangen war.
Das Innenverteidiger-Duo war auch an beiden Gegentoren beteiligt. In der 15. Minute gelang es ihnen nicht annÀhernd mit dem Tempo Omar Marmoushs mitzuhalten und mussten auf Grund schwachen Stellungspiels das 0:1 durch einen Konter hinnehmen. Nur wenige Minuten spÀter kassierte Hertha BSC das 0:2 und auch in dieser Aktion glÀnzten beide mehr durch PassivitÀt, als mit aktiven Zweikampfverhalten.
(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha wirken körperlich aktuell fit. Gelingt es ihnen in den nĂ€chsten Spielen, ihre Tempodefizite mit intelligentem Stellungspiel auszugleichen und mit Spielpraxis zur alten Routine zurĂŒckzufinden, hat Hertha gute Chancen, alternativ zu Niklas Stark eine sichere Verteidigung auf dem Platz zu haben.
Fazit: StÀrken vertieft und SchwÀchen eindrucksvoll bekÀmpft
Es ist sicherlich nicht alles besser. Doch bei diesem Remis konnte man erste Fortschritte im Team der Hertha erkennen. Im Vergleich zu vergangenen Spielen in dieser Saison gelang ein entscheidender Fortschritt. Zwar lagen die Berliner durch altbekannte SchwĂ€chen nach einem Doppelschlag schon frĂŒh 0:2 zurĂŒck. Doch dieses Mal gelang es den freien Fall zu verhindern und sogar ein Comeback.
Unter Pal Dardai folgte nach frĂŒhen Gegentoren oft eine komplette Verkrampfung. Es ereigneten sich Klatschen wie gegen den FC Bayern und RB Leipzig. Oder uninspirierte Auftritte wie in Hoffenheim und bei Union Berlin. Inwiefern der Trainerwechsel mit diesem Punkt zu tun hat, ist rein spekulativ, doch das Comeback gegen den VfB Stuttgart lĂ€sst Hoffnung auf sehenswerte Auftritte in den nĂ€chsten Wochen zu.
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Momentan wirken Angriff, Mittelfeld und Verteidigung noch nicht wie eine verschmolzene Einheit. Das LeistungsgefĂ€lle ist noch recht hoch. Auf Tayfun Korkut kommen viele Aufgaben zu. Das Gute ist, dass klar ist, an welchen Schrauben er drehen muss. Zu hoffen ist auĂerdem, dass Suat Serdar nur eine leichte ErkĂ€ltung hat und schnell wieder ins Geschehen eingreifen kann. Seine individuelle StĂ€rke hĂ€tte dem Team gutgetan.
Nach einer chancenlosen Partie gegen Bayern MĂŒnchen und einem ernĂŒchternden Deadline Day galt es fĂŒr Hertha BSC, die LĂ€nderspielpause zu nutzen und gegen den VfL Bochum die ersten Punkte dieser Saison einzufahren, um einen Katastrophenstart zu vermeiden.Das gelang immerhin. Spielerisch bot Hertha aber ĂŒber die gesamten 90 Minuten magere Kost. Es wird wohl eine lange Saison…
Wir blicken auf einige Herthaner bei diesem wichtigen 3:1-AuswÀrtssieg.
Dennis Jastrzembski â DJ der leisen Töne
Der 21-jĂ€hrige LeihrĂŒckkehrer war sicherlich die groĂe Ăberraschung in der Hertha-Startelf gegen Bochum. Auf der linken Seite der FĂŒnferkette erhielt er den Vorzug vor dem formschwachen Maxi MittelstĂ€dt; Marvin Plattenhardt fehlte verletzt. Jastrzembski ist als gelernter AuĂenstĂŒrmer dabei sicherlich auch die offensivstĂ€rkere Option. Aber eben auch eine defensiv wackligere und so ĂŒberraschte es kaum, dass die ersten Angriffsversuche der Bochumer ĂŒber seine linke Seite kamen und direkt in einem gelbwĂŒrdigen Foul nach nicht einmal zwei Minuten mĂŒndeten.
Foto: IMAGO
In der Folge bekam Jastrzembski hĂ€ufiger UnterstĂŒtzung in der Defensivarbeit von Lucas Tousart, der dafĂŒr in der Mitte etwas mehr Platz anbieten musste. Auch Marco Richter half, der in potenziellen Umschaltmomenten dann ab und an selbst vorne fehlte.
Offensiv prÀsentierte sich Jastrzembski etwas beweglicher als die beiden Linksverteidiger-Alternativen Maxi MittelstÀdt oder Marvin Plattenhardt. Er blieb aber trotz einiger zaghafter AnlÀufe insgesamt ohne Durchschlagskraft und entscheidende Ideen. Mit einem seiner weiten Einwurf leitete er immerhin das 2:0 durch Suat Serdar ein.
“Jatze” weder fatal, noch berauschend
Zur Halbzeit wurde Jastrzembski gegen Maxi MittelstĂ€dt ausgetauscht, um defensiv mehr Sicherheit zu bewirken und die bis dato eher unverdiente 2:0-FĂŒhrung ĂŒber die Zeit zu bringen.
Alles in allem ein okayer Auftritt vom jungen AuĂenstĂŒrmer auf ungewohnter Position. Die defensiven Problemen waren erwartbar, werden in der Bundesliga von spielstĂ€rkeren Mannschaften aber auch deutlich hĂ€rter bestraft.
Ob PĂĄl DĂĄrdai am Freitag im Olympiastadion gegen FĂŒrth Jasztrembski wieder das Vertrauen schenkt und gegen den vermeintlich schwĂ€chsten Gegner auf mehr Offensivpower setzt, bleibt abzuwarten. Sein Auftritt war weder besonders berauschend, noch besonders fatal. Kontrahent MittelstĂ€dt hat sich allerdings in HĂ€lfte Zwei auch nicht aufdrĂ€ngen können. Und da Plattenhardt nach wie vor verletzt ist, könnte diese ungewöhnliche Besetzung der linken AuĂenposition gegen FĂŒrth seine Fortsetzung finden.
Suat Serdar â Der Goal-aus-dem-Nichts-Getter
Wie schon gegen Köln begann Suat Serdar fĂŒr Hertha in Bochum als rechter Part eines Dreiersturms. Wie schon gegen Köln funktionierte das ĂŒberhaupt nicht. Serdar bekam keine BĂ€lle, weil Hertha das anfĂ€ngliche Pressing der Bochumer kaum auflösen konnte. DarĂŒber hinaus kamen Lucas Tousart und Vladimir Darida im Zentrum nicht wirklich ins Spiel. In der Folge hing eigentlich die gesamte Offensive in der Luft.
Dem Herthaner Mittelfeld fehlte ein Ballverteiler, ein Box-To-Box-Spieler, der das Spiel aufzieht und den Ball auch mal nach vorn treibt â also ein Spieler wie Serdar, der eigentlich auch fĂŒr genau diese Aufgaben geholt worden war. Das sah wohl auch PĂĄl DĂĄrdai so und stellt Hertha Mitte der ersten HĂ€lfte auf ein 3-5-2 um. Serdar bot er so zentraler auf einer Achterposition auf, um genau dieses Defizit zu beheben.
Folgerichtig, dass Serdar dann in Minute 37 nach einem schönen Ballgewinn von Niklas Stark mit seiner ersten Aktion des Spiels von der Achterposition aus den Ball aufnahm, Richtung Tor zog, schlieĂlich mit einem Haken drei Bochumer Verteidiger stehen lieĂ und mit einem schönen Abschluss von der 16er-Linie ins lange Eck auf 1:0 stellte.
Foto: IMAGO
Die Bochumer waren angesichts des bisherigen Spielverlaufs zurecht konsterniert. Und ihr UnglĂŒck steigerte sich noch, als sich die Bochumer Hintermannschaft in der 43. Minute nach einem Einwurf Jastrzembskis derart dilettantisch anstellte, dass der Ball plötzlich unbegleitet im FĂŒnfer frei vor Serdar lag und dieser nur noch einzuschieben brauchte.
So stand der 24-JÀhrige plötzlich unverhofft mit einem Doppelpack da, der sich nach Herthas Offensivvortrag in HÀlfte eins eigentlich so gar nicht angedeutet hatte.
Schluss mit den Serdar-Experimenten
In der zweiten HĂ€lfte konzentrierte sich Hertha gegen Bochum auf das Verteidigen dieses Vorsprungs. So tauchte auch Serdar wie die meisten seiner Kollegen weitestgehend ab und verrichtete vorrangig seine defensiven Aufgaben. Hertha konnte dadurch allerdings kaum einmal fĂŒr Entlastung sorgen und der Bochumer Druck erhöhte sich umso mehr, als Simon Zoller in der 59. Minute zum Anschluss traf. Schlussendlich rettete eine weitere Einzelaktion von Myziane Maolida die glanzlosen, so wichtigen drei Punkte.
Nachdem das Experiment Serdar auf RechtsauĂen bereits zum zweiten Mal so gar keine FrĂŒchte trug, dĂŒrfte sich der ehemalige Gelsenkirchener gegen Greuther FĂŒrth hoffentlich auf seiner angestammten Position im zentralen Mittelfeld wiederfinden. Die FĂŒrther dĂŒrften als Tabellenletzter im AuswĂ€rtsspiel in Berlin wohl gröĂtenteils auf eine stabile Defensive und Herthas fehlende KreativitĂ€t setzen, um Punkte aus der Hauptstadt zu entfĂŒhren.
Entsprechend könnte Serdar die wichtige Rolle als Taktgeber und Ballverteiler zukommen. DarĂŒber hinaus darf er gern auch in Einzelaktionen seine Torgefahr wieder aufblitzen lassen. Denn das sich Hertha gegen die FĂŒrther Defensive reihenweise schön durchkombiniert, ist nach den letzten Spielen nicht zu erwarten.
Myziane Maolida â Ein Ballkontakt reicht
Der französische Neuzugang kam zwei Wochen nach seinem Deadline Day-Transfer erwartungsgemÀà noch nicht von Beginn an zum Einsatz. In der 57. Minute war es dann aber soweit, PĂĄl DĂĄrdai erhoffte sich von dem Wechsel offensive Entlastung und brachte Myziane Maolida gegen Bochum so zu seinem Hertha-DebĂŒt.
Zu einem denkbar undankbaren Zeitpunkt, denn Hertha hatte sich in HĂ€lfte zwei immer weiter zurĂŒckgezogen, das Offensivspiel mehr oder weniger eingestellt und sah sich zunehmendem Bochumer Druck ausgesetzt.. Und so hing Maolida neben Belfodil erst einmal in der Luft und schaute seinen Teamkollegen beim unzureichenden KlĂ€ren von Hereingaben zu.
Als endlich einmal ein Ball seinen Weg in die Bochumer HĂ€lfte fand, nahm Maolida mit seinem gefĂŒhlt (und möglicherweise tatsĂ€chlich) ersten Ballkontakt in der 78. Minute Tempo auf, zog dribbelnd von rechts ins Zentrum Richtung Tor, schĂŒttelte den offensichtlich angeschlagenen Armel Bella-Kotchap ab und wurde auch von den ĂŒbrigen Bochumer Abwehrspielern nicht attackiert. Diese Chance lieĂ sich Maolida nicht nehmen und schloss aus zentraler Position 16 Meter vor dem Tor mit seinem schwachen linken FuĂ ins rechte untere Eck ab.
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Damit war der Deckel drauf. Die Partie verflachte in der Folge. Maolida durfte sich noch einige Male in Laufduelle stĂŒrzen und in der letzten Minute beinahe ein spektakulĂ€res Distanztor von Lucas Tousart bestaunen. VfL-Keeper Manuel Riemann konnte seinen Annahme-Patzer aber auf der Linie noch ausbĂŒgeln.
Wie macht sich Maolida gegen tiefstehende Gegner?
Aus Maolidas Sicht ist ihm sein DebĂŒt dank des Treffers gelungen. Abseits des Treffers war ehrlicherweise aber noch nicht so viel zu sehen, was insbesondere an dem Mangel an Zuspielen lag. In den knapp 30 Minuten auf dem Platz bekam er aber kaum einen Ball und war in der Offensive spĂ€testens seit der Auswechslung Belfodils völlig allein auf weiter Flur.
Und so wird es spannend, wie er sich prĂ€sentieren kann, wenn Hertha nicht auf Konter setzt, sondern gegen einen kompakt verteidigenden Gegner das Spiel machen muss. DribblingstĂ€rke, offensives Kombinationsspiel und AbschlussstĂ€rke kann er vermutlich schon beim Heimspiel gegen den neuen Tabellenletzten Greuther FĂŒrth am Freitagabend unter Beweis stellen. Sollte es nicht fĂŒr die Startelf reichen, wird er wohl wieder als Joker zum Zug kommen. Und so hoffentlich an den ordentlichen ersten Eindruck aus dem Bochum-Spiel anknĂŒpfen.
System â Aufstellung, wechsel dich
Hertha begann in einem 3-4-3 mit Suat Serdar auf dem rechten FlĂŒgel und Dennis Jastrzembski auf der linken Schiene.
Anders als vom DAZN-Kommentator vehement behauptet, ist das grundsĂ€tzlich erstmal eine eher offensivere Aufstellung als das alternative 3-5-2, in dem sich ein zentraler Mitelfeldspieler mehr um defensive Absicherung kĂŒmmern kann. Dazu hatte mit DJ auf der linken Schiene ein gelernter AuĂenstĂŒrmer auch Defensivaufgaben zu verrichten.
Trotzdem lahmte Herthas Offensivspiel total. Das lag in erster Linie daran, dass die laufstarken Sechser Lucas Tousart und Vladimir Darida zwar viel unterwegs waren, aber nicht die richtigen RĂ€ume bespielten. So kam der Ball ĂŒberhaupt nicht ins Angriffsdrittel. Hertha konnte sich hĂ€ufig schon nicht in der Dreierkette nicht aus dem Bochumer Pressing befreien. Man versuchte sich in langen BĂ€llen, die regelmĂ€Ăig bei einem Bochumer Spieler landeten.
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So stellte DĂĄrdai zur Mitte der ersten HĂ€lfte auf ein 3-5-2 um und zog Suat Serdar auf die Achterposition zurĂŒck. Zwar dominierte Hertha das Spiel auch jetzt nicht und tat sich in offensiven Kombinationen noch immer sehr schwer, fand aber immerhin statt. Und kam so zwar insgesamt unverdient, aber vielleicht auch nicht ganz zufĂ€llig zu den zwei Treffern durch Serdar.
Bis auf drei Punkte kann Hertha wenig aus Bochum mitnehmen
Zur Halbzeit musste DĂĄrdai auf den verletzungsbedingten Ausfall von Jordan Torunarigha reagieren. Er brachte den erst 17-jĂ€hrigen Linus Gechter zu seinem Bundesliga-DebĂŒt. Vielleicht auch deswegen wechselte Herthas Coach zusĂ€tzlich noch den defensiv anfĂ€lligeren Jastrzembski aus und brachte dafĂŒr den erfahreneren Maxi MittelstĂ€dt. Das Team war in der Folge sehr darauf bedacht, das Ergebnis zu sichern und stellte die OffensivbemĂŒhungen praktisch ein. Die Bochumer fĂŒhlten sich mit dem Ballbesitz zunehmend wohler und so kam es in der 59. Minute, wie es kommen musste und der Anschlusstreffer fiel.
In der Folge wirkte Hertha stark verunsichert und der Ausgleich schien nur noch eine Frage der Zeit. DĂĄrdai reagierte in der 73. Minute, indem er Ishak Belfodil vom Platz nahm und dafĂŒr Kevin-Prince Boateng brachte und so auf ein 5-4-1 umstellte. Das wohl defensivstmögliche System brachte nach vorne schlieĂlich ĂŒberhaupt keine Entlastung mehr. Bis Maolida das Spiel mit seiner Einzelaktion entschied und die Partie vor sich hinplĂ€tschernd auf das Ende zuging.
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DĂĄrdai sagte nach dem Spiel im Fernsehinterview, dass das Team in den letzten zwei Wochen mit vielen neuen Systemen und Anweisungen konfrontiert war und er dafĂŒr eigentlich zufrieden sei. Der Erfolg mag ihm recht geben, es kann allerdings nicht der Anspruch von Hertha BSC sein, sich mit Einzelaktionen und individuellen Fehlern des Gegners in Bochum zu einem AuswĂ€rtssieg zu zittern. Entsprechend muss sich Hertha gegen Greuther FĂŒrth anders prĂ€sentieren.
Denn FĂŒrth dĂŒrfte in fremdem Stadion deutlich passiver auftreten und Hertha das ToreschieĂen schwer machen. Anders als die Bochumer wird FĂŒrth wohl auch kaum den Ball ĂŒbernehmen und sich etwas locken lassen. Es heiĂt dann fĂŒr Hertha, spielerische Lösungen zu finden. Woher die innerhalb einer Woche kommen sollen, bleibt eher fraglich. Myziane Maolida zeigte AnsĂ€tze, auch HoffnungstrĂ€ger Jurgen Ekkelenkamp dĂŒrfte wenigstens als Einwechselspieler zu seinem DebĂŒt kommen. Ob das gegen bisher zugegeben ebenfalls sehr schwache FĂŒrther reicht?
Und dann war da noch:
Marco Richter, der viel unterwegs war, offensiv wie seine Teamkollegen aber in der Luft hing. Mangels Anspielen und zur UnterstĂŒtzung von DJ war Richter auch öfters defensiv zu finden, fehlte bei Ballgewinnen dann fĂŒr den Umschaltmoment wieder in der Offensive. Nach einer etwas auffĂ€lligeren Anfangsphase wurde er immer unsichtbarer, umso mehr Bochum den Ball kontrollierte. Der Wille war deutlich zu erkennen, Laufbereitschaft und Elan stimmen. Sofern Herthas Offensivspiel demnĂ€chst etwas Fahrt aufnimmt, könnten auch seine spielerischen QualitĂ€ten zum tragen kommen.
Ishak Belfodil, der im Sturmzentrum kaum BĂ€lle erhielt und mit den wenigen, die ankamen, nicht viel anfangen konnte. Der Algerier wĂŒhlte vor dem 2:0 beim Einwurf im gegnerischen Sechzehner (Bochum-Trainer Thomas Reis sah ein âklares Foulâ â nein) und wurde in der 73. Minute der taktischen MaĂgabe völliger Defensive geopfert und ausgewechselt. Gegen FĂŒrth dĂŒrfte er mangels Alternativen wieder ein Startelfkandidat sein.
Linus Gechter, der 17-jĂ€hrige Innenverteidiger, der nach der Pause fĂŒr den verletzten Jordan Torunarigha ins Spiel kam und sein Bundesliga-DebĂŒt feierte. Schon in der Vorbereitung war Gechter in allen Testspielen bis auf das abschlieĂende gegen Gaziantep eingesetzt worden. Die NervositĂ€t war ihm dennoch anzumerken, beim Gegentreffer sah auch er nicht gut aus. Nichtsdestotrotz ein Meilenstein und ein weiterer vielversprechender Spieler aus der Akademie. GlĂŒckwunsch und wir freuen uns auf mehr, Linus!
Foto: xSebastianxRĂ€ppold/MatthiasxKochx/IMAGO
Eduard Löwen, der von Hertha an Bochum verliehene âStandardspezialistâ, der alle ruhenden BĂ€lle bei den Bochumern zu verantworten hatte. Doch keinen einzigen davon konnte er halbwegs gefĂ€hrlich an den eigenen Mann oder aufs Tor bringen. In einer Szene köpfte Maxi MittelstĂ€dt nach FreistoĂhereingabe des Leih-Herthaners beinahe ein Eigentor â bezeichnend. Ansonsten lieferte Löwen ein ordentliches Spiel im zentralen Mittelfeld ab. An den Standards muss er aber dringend wieder etwas feilen.
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