Herthaner im Fokus: Hertha verspielt den zweiten Matchball

Herthaner im Fokus: Hertha verspielt den zweiten Matchball

Ein fast ausverkauftes Olympiastadion. Prächtige Sonnenuntergangsatmosphäre, ein Spiel und Ziel wie gemalt für einen großen Abend, der Fans, Spieler und Stadt miteinander hätte verschmelzen lassen können. Es sollte nicht dazu kommen. Gegen den 1. FSV Mainz 05 verliert Hertha BSC letztendlich verdient mit 1:2. Ein Spiel, welches fast schon wieder ein Spiegelbild der gesamten Saison war.

Hertha wieder im 4-2-3-1, aber ungewöhnlich besetzt

Im üblichen 4-2-3-1 stellte Felix Magath das Team zum wiederholten Male auf. Aufgrund des Ausfalls des nicht mehr für die Partie rechtzeitig fit gewordenen Marvin Plattenhardts, stellte Felix Magath Marton Dardai als Linksverteidiger auf. Ein zunächst undefinierbarer Faktor, schließlich hatte das Innenverteidigertalent bisher nicht auf dieser Position gespielt und war wie so viele im Hertha-Team positionsfremd. Weshalb Maximilian Mittelstädt zum wiederholten Male nicht starten durfte, muss hinterfragt werden.

Im Tor stand wieder einmal Marcel Lotka, ansonsten sollte auch der Rest der Verteidigung bestehen bleiben. Auf rechts Peter Pekarik, in der Innenverteidigung Kapitän Dedryck Boyata und Marc Oliver Kempf. Vor der Verteidigung agierten auf der Doppelsechs Santiago Ascacibar und Lucas Tousart. Kevin-Prince Boateng war wie in den letzten Partien im offensiven Mittelfeld zu finden, im Sturm Davie Selke. Auf der rechten Seite des Mittelfelds musste der erkältete Marco Richter ersetzt werden. Vladimir Darida sollte dies tun. Der Tscheche wurde also wie Suat Serdar wie so häufig positionsfremd eingesetzt.

In unserer heutigen Analyse schauen wie auf die verschiedenen positionsfremden Spieler, die hervorragend die katastrophale Kaderplanung dokumentieren. Auf einen kämpfenden Innenverteidiger, die Stürmer und eine schwer zu greifende Art von Hoffnung auf den Klassenerhalt.

Marton Dardai, Vladimir Darida, Suat Serdar: Verschenkt auf ihren Positionen

Alle drei Spieler sind auf ihren heimischen Positionen hervorragende Fußballer, die jedes Team bereichern können. Marton Dardai war als Linksverteidiger allerdings ein weiteres interessantes Positionsexperiment, welches sich ein Hertha-Trainer in dieser Saison wagte. Weil Marvin Plattenhardt aufgrund seiner muskulären Probleme nicht rechtzeitig fit wurde, sollte Dardai in die Bresche springen. Wieder einmal verzichtete Magath auf Mittelstädt als Linksverteidiger, den er erst nach über einer Stunde für Suat Serdar als linken Mittelfeldspieler einwechselte.

Bevor Marton Dardai angeschlagen ausgewechselt werden musste, spielte das Hertha-Talent immerhin 78 Minuten. Und er machte seine Arbeit in ungewohnter Rolle auch gar nicht schlecht. In der Defensive half er mit drei geklärten Aktionen, wagte vier Tacklings, fing zwei weitere Bälle gegen die Mainzer ab. Sechs seiner acht Zweikämpfe gewann er. 75 Prozent sind für einen Außenverteidiger eine sehr gute Quote. 64 Prozent, also 14 von 22 Pässen kamen beim Mitspieler an. Beim Gegentreffer zum 0:1 in der 25. Minute war er zu offensiv ausgerichtet, konnte keinen Druck mehr auf Silvan Widmer ausüben, dessen Hereingabe zum Schuss wurde und den schwer patzenden Marcel Lotka bezwang. Er zeigt sobald er spielt sein Talent, doch seine Qualität kann Dardai vor allem in der zentralen Defensive ausschöpfen. Aufgrund seiner Stärken am Ball wäre er sogar eine Option für das defensive Mittelfeld, aber auf den Außen ist der Mann einfach verschenkt.

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(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Selbiges gilt für Vladimir Darida und Suat Serdar, die seit Beginn der Saison unter allen Trainern in vielen Spielen positionsfremd agieren mussten. Mit Peter Pekarik stand letztendlich ein einziger gelernter Flügelspieler auf dem Feld. Noch dazu ein alternder, der kaum Dynamik ins Spiel bringen kann. Ein kapitaler Fehler Fredi Bobics in der Kaderplanung.

Beide bemühten sich wie immer um gute Einflüsse ins Spiel der Hertha. Darida verteilte viele Bälle, immerhin kamen 27 seiner 35 Pässe an. Allerdings ist seine Zweikampfquote von 44 Prozent ausbaufähig. Offensivpower konnte er praktisch keine aufbauen. Er war an keiner Torchance beteiligt. Konter über ihn verpufften aufgrund seines geringen Tempos und fehlenden Technik.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Ähnliches muss man über Suat Serdar sagen, der ehe er in der 67. Minute Maximilian Mittelstädt weichen musste, ziemlich blass blieb. Auch er gewann nur 40 Prozent seiner Zweikämpfe. Immerhin kamen neun seiner zwölf Pässe an, doch auch ihm gelang es kaum Szenen in der Offensive zu kreieren, daran änderte auch sein Schlenzer in der 30. Minute nichts.

Marc Oliver Kempf: Der Kampf und die Leidenschaft sind da – aber reicht das?

Marc Oliver Kempf durfte wieder über die vollen 90 Minuten spielen, ehe er kaputt und leer auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions zusammensackte. Es liegt natürlich vor allem an seinem körperbetonten und extrem risikoreichen Spiel, aber oftmals wirkt er wie der einzige Spieler auf dem Platz, der sich wirklich mit der kompletten Härte und Leidenschaft gegen eine Niederlage zu stemmen scheint.

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(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Auch seine Zahlen sprechen zum Teil für ihn. Er konnte sechs Aktionen der Mainzer klären, fing weitere sechs Bälle ab. Achtmal ging er als Sieger aus Zweikämpfen. Damit gewann er 80 Prozent dieser, was für einen Innenverteidiger eine starke Quote ist. 22 seiner 31 Pässe fanden den Mitspieler. Doch trotz seiner 71 Prozent Passquote musste er auch zwölf Ballverluste hinnehmen, die sich gegen die Mainzer glücklicherweise nicht rächten.

Er scheint einer der wenigen zu sein, die mit freiem Kopf spielen. Die Frage ist, ob das im nächsten Spiel gegen eine wesentlich stärkere Dortmunder Offensive reicht?

Davie Selke, Ishak Belfodil, Luca Wollschläger: Zu viel Arbeit für das bisschen Ertrag

Herthas Offensivbemühungen gegen die 05er waren über Strecken sicherlich vorhanden, aber alles andere als wirklich torgefährlich. Wie schon über die gesamte Saison muss der Zufall beim Kreieren von Chancen ordentlich mithelfen. Und möglicherweise würden die Torchancen von eiskalten Stürmern auch ausgenutzt.

Doch die 5. Spielminute sprach Bände. Nachdem Davie Selke in aussichtsreicher Position vor dem Strafraum den Ball von Kevin-Prince Boateng bekam, hätte er sich durchaus noch ein paar Meter vorspielen können. Doch sein vollkommen überhasteter und letztendlich auch qualitativ schwach geschossener Ball rauschte deutlich am Tor vorbei. Es hätte die Eröffnung eines großartigen Fußballspiels werden können. Natürlich, das was Selke gut kann, kann man ihm nicht absprechen. Er reibt sich auf, ackert, nervt Gegenspieler und Schiedsrichter. Ihm gelang es zumindest Ansatzweise für Torgefahr zu sorgen, doch genau das ist die Aufgabe eines Stürmers und es sollte nicht zu Staunen führen. Doch leider tut es das in diesem Jahr bei Hertha BSC.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Er gewann 41 Prozent seiner Zweikämpfe, zog sechs Fouls, verlor zusätzlich elf Mal den Ball. Auch ein Davie Selke hatte schon für bessere Zahlen gesorgt. Immerhin konnte er sein Torekonto auf vier erhöhen. Den Elfmeter zum Ausgleich in der letzten Sekunde der ersten Halbzeit verwandelte er eiskalt. Doch auch dieses Tor konnten die Berliner nicht für eine Initialzündung oder einen Weckruf für die 2. Halbzeit nutzen. Selke ist sicherlich nicht schuld an dieser Saison, er hängt sich rein wo es nur geht, aber er ist eben auch ein Symptom dieser schwachen Mannschaft. Es ist im Endeffekt bezeichnend für Selke, dass sein Tor in der 89. Minute wegen eines unnötigen Stoßes gegen Aaron aberkannt wurde. Eine extrem harte, aber wahrscheinlich richtige Entscheidung.

Ishak Belfodil und Luca Wollschläger durften ab der 67. Minute bzw 88. Minute ebenfalls noch mitwirken. Während dem Algerier rein gar nichts Zählbares gelingen sollte, konnte der Jungspund in der 89. Minute mit einem Pfostenschuss aufhorchen lassen. Nachdem er sich in Bielefeld nicht traute zu schießen, tat er es gegen die Mainzer. Es war die richtige Entscheidung, Robin Zentner im Tor hätte keine Chance gehabt, doch bekanntlich ist das Glück des Tüchtigen. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Versuch.

Die Hoffnung war wieder da und ist es immer noch – Zurecht?

Hertha BSC galt für viele Fans nach der Entlassung von Tayfun Korkut als sicherer Absteiger. Zu schwach, zu tief im Schlamassel, zu wenig Team. Die Hoffnung auf eine Rettung war sehr gering. Und spätestens nach dem schrecklichen Debakel im Derby wollte man sich von allen Hoffnungen auf den Klassenverbleib verabschieden. Doch Felix Magath und Mark Fotheringham haben dem Team Leben eingehaucht. Sie haben die Mannschaft auf ihre geringsten Stärken reduziert, die mit einfachem Fußball Punkt um Punkt sammeln sollte.

Seit dem Derby konnten sieben von neun möglichen Punkten gegen direkte Abstiegskonkurrenten gesammelt werden. Hertha gelang es die Schlüsselspiele fast einwandfrei zu bestreiten. Den Fans wurde lange nicht mehr so große Hoffnung gemacht. In Bielefeld wurde in den letzten Minuten der Sieg aus den Händen gegeben, gegen Mainz schaffte man über die volle Spielzeit nicht einmal in die Nähe des Siegtreffers zu kommen. Auch auf die Schützenhilfe des eigentlich übermächtigen FC Bayern Münchens kann man sich dieser Tage nicht mehr verlassen. Die starke Punkteausbeute aus den letzten Spielen täuscht im Endeffekt nur darüber hinweg, was für eine schwache Saison die Berliner spielen, was die Tabellensituation aber hervorragend zeigt.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Das Spiel gegen Mainz war eigentlich perfekt dafür angerichtet, mit einem einzigen Punkt die Klasse zu halten. Ein fast ausverkauftes Olympiastadion. Dass es auch durch Freikarten dazu kam, geschenkt. Es hätte ein großer Abend werden können, an dem auch Leute, die eben wegen Freikarten ins Stadion gekommen waren, zu echten Fans hätten werden und zukünftig regelmäßig die Mannschaft unterstützen können. So schaffte es die Hertha den Druck nicht stand zu halten und lag nach einer schwachen, nicht bundesligatauglichen Leistung auf dem Rasen.

Auch wenn nach der Niederlage gegen den 1. FSV Mainz 05 Ernüchterung herrscht, hat Hertha BSC alles in der eigenen Hand. Gegen Borussia Dortmund am letzten Spieltag würde ein Punkt für die definitive Rettung reichen. Der VfB Stuttgart muss gegen den 1. FC Köln gewinnen um noch die Chance zu wahren, vom Relegationsplatz zu springen. Felix Magath hatte unter der Woche und auch nach dem Spiel gegen Mainz gesagt, dass er seit Wochen mit einem Relegations-Duell gegen den HSV plane und sich diesbezüglich jetzt sogar darauf vorbereiten würde. Sollte es zu dieser Konstellation kommen, müsste man sich als Herthaner wohl dankbar zeigen, dass man die Chance hat, über zwei weitere Spiele den Abstieg zu verhindern.

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Ein Derby zum Vergessen

Herthaner im Fokus: Ein Derby zum Vergessen

Das erste von drei Berliner Derbys in dieser Saison ist gespielt. In einer fragwürdiger Weise ausverkauftem Alten Försterei erlebte Hertha (mal wieder) ein uninspiriertes Duell gegen den Rivalen aus Köpenick. Wir wollen dennoch den Blick auf einige Herthaner und die wirklich wenigen Lichtblicke dieses Spiels werfen.

Peter Pekarik: Noch einer der besten

Dass hier der Name von Pekarik auftaucht ist symptomatisch für Hertha. Dass der Slowake auch mit 35 Jahren Stammspieler ist und dabei mit die besten Leistungen zeigt, lässt tief in die Kaderzusammenstellung der letzten Jahre blicken. Auch gegen Union war der dienstälteste Herthaner einer der auffälligsten Spieler der Blau-Weißen, hielt die rechte Seite dicht, wagte gelegentliche Vorstöße bis tief in die gegnerische Hälfte und flankte drei Mal.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Mit 29 von 33 angekommenen Pässen (88%) strahlte er zudem etwas Sicherheit aus. Krönung seiner Leistung war das aufgrund von Piateks Abseitsstellungen ein paar Spielsituationen vorher aberkannte Tor, welches den Spielverlauf potential hätte stark verändern können. Acht Ballverluste und nur 50% gewonnene Zweikämpfe (2 von 4) zeigen allerdings auch, dass Pekarik kein rundum gelungenes Spiel ablieferte.

Im Vergleich zu seinen Kollegen stach er dennoch in seinem Gesamteindruck positiv hervor. In der 70. Minute musste er aufgrund einer Systemumstellung den Platz für Jastrzembski machen.

Suat Serdar: Ohne ihn geht nichts

Und täglich grüßt das Serdar-Tier. Wie so oft war Suat Serdar der mit Abstand auffälligste Herthaner und wenn überhaupt etwas in der Offensive passierte, hatte Serdar seine Füße im Spiel.

Er gab zwei von acht Torschüssen ab, spielte zwei Schlüsselpässe und kurbelte das Spiel aus der Mitte heraus an. Er war es auch, der Pekarik in der 37. Minute in Szene setzte und dieser die bis dahin beste Chance im Spiel hatte (was ebenfalls noch einmal die gute Leistung von Pekarik hervorhebt). Mit nur vier von 15 gewonnen Duellen (27%) und einer Passquote von 59% (13 von 22) zeigte aber auch Serdar nicht sein bestes Spiel im Hertha-Dress.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Es bleibt dennoch festzuhalten, dass ohne ihn das im Koma liegende Offensivspiel der „Alten Dame“ ohne Zweifel endgültig tot wäre und der ehemalige Nationalspieler eines der ganz wenigen belebenden Elemente und absoluter Schlüsselspieler in dieser Saison ist. Er tut einem beinahe schon leid.

Santiago Ascacibar: So geht Derby

Es gibt kaum einen Spieler in Herthas Kader, der für ein Derby so sehr wie gemacht zu sein scheint, wie Santi Ascacibar. Und das zeigte sich einmal mehr in seinen überragenden Statistiken.

Mit 86 Pässen spielt er die zweitmeisten (nur Dardai hatte vier mehr), von denen 57 angekommen sind (84%). Auch von seinen langen Pässen landeten vier bei seinen Mitspielern Zudem hat der Argentinier trotz seine geringen Körpergröße fünf von sieben Kopfduellen gewonnen, im Gegenzug jedoch nur vier von neun Bodenduellen. Ein geklärter Ball, fünf abgefangene Bälle und ein Tackle unterstreichen seine ansonsten solide Defensivleistung allerdings, die bei nur ein Foul zudem äußerst fair stattfand.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Wenn der 24-Jährige weiterhin solche Leistungen abruft, wird es für Lucas Tousart zunehmend schwerer, seinen Stammplatz auf der Sechs zurückzuerobern, solange Dardai nicht wie heute mit einer Doppelsechs spielt.

Im Gegenzug zu vielen seiner Teamkollegen wirkte „Santi“ wie einer der wenigen, der erkannt hat welch eminent wichtiges Spiel heute stattfand und agierte bissig und kämpferisch, konnte sich alleine aber auch nicht mehr gegen die Niederlage stemmen.

Und dann waren da noch …

Marton Dardai: Nachdem Dardai schon am letzten Spieltag durch ein Foul in der Nachspielzeit den Leverkusener Ausgleich (mit-)verursachte, läutete er die gestrige Niederlage durch einen haarsträubenden Fehler in der 9. Minute ein. Der 19-Jährige ist vergleichsweise neu in der Bundesliga, „Wachstumsschmerzen“ sind daher zu erwarten und gehören ein Stück weit dazu. Hinzukommt, dass Dardai zuletzt immer wieder körperlich bedingt ausfiel – in der Länderspielpause musste er mit Erkältung von der U21 abreisen – und dadurch wenig Rhythmus hat.

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(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Maxi Mittelstädt: Zeigt auf der offensiven linken Außenbahn weiterhin seine gute Form, schlug drei Flanken und hatte eine Passquote von 74%. Wenn in der 1. Halbzeit offensiv etwas passierte, so war es meist über Mittelstädt. Warum er in der 60. Minute weichen musste, erschließt sich von Außen nicht. Vermutlich, weil auch seine offensiven Ideen zu nichts führten.

Alexander Schwolow: Obwohl Schwolow auch in dieser Saison noch nicht 100% in Berlin angekommen zu sein scheint, lieferte er heute ein solides Spiel ab. Für die zwei Gegentore trug er keine Verantwortung. Gegen Kruse hielt er zwei Mal sehr stark und durch ein gut antizipiertes Herauslaufen in der 70. Minute konnte er ein 1 gegen 1 in einer Unioner Kontersituation präventiv verhindern.

[Titelbild: Martin Rose/Getty Images]

Kaderanalyse 2020/21 – Herthas Innenverteidigung

Kaderanalyse 2020/21 – Herthas Innenverteidigung

Endlich ist die Alptraum-Saison 2020/2021 vorbei. Nach einer hochemotionalen Schlussphase gab es doch noch ein „Happy End“ für Hertha BSC. Diese verrückte Spielzeit haben wir sehr ausführlich in unserer Saisonrückblick-Podcastfolge besprochen. Doch jetzt wollen wir uns der Kaderanalyse widmen. Dabei gehen wir nicht nur auf die abgelaufene Saison ein, sondern werfen auch einen Blick nach vorne. Welche Kaderstellen müssen Bobic, Dufner, Friedrich und co. noch dringend bearbeiten? Wo hat man Bedarf, welche Spieler werden wohl den Verein verlassen?

Begonnen hatten wir mit der Torhüter-Position. Nun widmen wir uns der blau-weißen Innenverteidigung. Auf dieser Position hat es in der abgelaufenen Saison zahlreiche Änderungen und vielleicht sogar schon einen Generationswechsel gegeben.

Jordan Torunarigha – (wieder) viel Verletzungspech

Wie für den gesamten Verein Hertha BSC lief die Saison 2020/2021 auch für Jordan Torunarigha insgesamt enttäuschend. Als klarer Stammspieler war „Air Jordan“ in die Spielzeit gestartet, schien alles vorbereitet für den Schritt zum Hertha-Leistungsträger.

Als Nebenmann von Dedryck Boyata hatte Torunarigha gegen Ende der Vorsaison nicht nur defensiv stabile und fehlerlose Leistungen abgeliefert, sondern insbesondere mit seinem Spielaufbau für Aufsehen gesorgt. Neben vielen guten Verlagerungen und Laserpässen hatte Torunarigha mit seinen Dribblings bis tief in die gegnerische Hälfte häufig dafür gesorgt, dass Herthas manchmal arg statisches und einfallsloses Aufbauspiel an Dynamik gewann.

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Foto: IMAGO

Zu Saisonbeginn schien Karim Rekik zunächst Torunarighas einziger Konkurrent im Kampf um den Platz in der linken Innenverteidigung zu sein. Mit einer enttäuschenden Leistung beim Erstrundenaus im DFB-Pokal untermauerte dieser allerdings eher den Status von Herthas Nummer 25. Nachdem er im DFB-Pokal noch seine lächerliche Sperre hatte absitzen müssen, konnte Torunarigha somit erst am ersten Bundesliga-Spieltag in Bremen in die neue Saison starten. Bei Herthas 4:1-Auswärtssieg fiel er nicht groß auf – für einen Innenverteidiger eher Kompliment als Kritik.

Bereits das zweite Spiel gegen Eintracht Frankfurt war für Torunarigha im Rückblick der „Kipp-Punkt“ der Saison. Im Spiel gegen Frankfurt verletzte sich der 23-Jährige am Syndesmoseband. Besonders schmerzte der Ausfall, weil sich Torunarigha gegen die Eintracht extrem stark präsentierte. Hertha verlor das Spiel zwar, mit seinem Aufbauspiel war der Innenverteidiger aber einmalmehr eine der Lichtblicke bei Hertha. An diesem Abend schaltete er sich auch immer wieder in der höchsten Angriffszone ein, das einzige Tor für Hertha fiel nach einer seiner Hereingaben. Mit dieser Sicherheit und spielerischen Klasse sollte man Torunarigha bis zum Saisonende nicht mehr erleben.

Leichte Formverbesserung Torunarighas unter Dardai

Kurz vor seiner Rückkehr nach dem Syndesmoseband-Anriss gab es für Torunarigha dann schon den nächsten Rückschlag in Form einer Corona-Infektion. Nicht nur sein Comeback verzögerte sich nochmals, auch seine Auftritte litten zunächst unter dieser verlängerten Pause. Zwar kehrte er im Dezember in die Hertha-Startelf zurück, allerdings war ihm sowohl die Stabilität als auch sein Spielwitz abhandengekommen – der Verteidiger wirkte blass und unsicher. In Torunarighas Abwesenheit war mit Omar Alderete ein neuer Konkurrent zu Herthas Kader gestoßen und hatte Karim Rekik ersetzt. Nach mehreren wackligen Auftritten entschloss sich der damalige Trainer Bruno Labbadia deshalb, Torunarigha wieder durch Alderete zu ersetzen.

Nach der Rückkehr von Pál Dárdai, unter dem Torunarigha einst seinen Durchbruch bei den Profis gefeiert hatte, rotierte er dann zunächst zurück in die Startelf. Zum Rückrundenbeginn lieferte er gegen Frankfurt und Bayern zumindest solide Spiele ab. Aber es kam, wie es kommen musste – Torunarigha verletzte sich erneut, dieses Mal an der Hüfte. Erst im Saisonendspurt kehrte er wieder zurück, da sich aber inzwischen mit Márton Dárdai die Überraschung der Saison auf seiner etatmäßigen Position festgespielt hatte, blieb Herthas Nummer 25 fortan nicht mehr als die Rolle als Rotationsspieler und Joker. Nur gegen Freiburg konnte Torunarigha sein volles Potenzial auf ungewohnter Position als Linksverteidiger nochmal aufblitzen lassen.

Foto: nordphotox/xEngler/IMAGO

Dass die Saison für Torunarigha absolut mies lief, illustrieren auch seine Statistiken. Seine Zweikampfquote fiel von 53 auf 34 Prozent, bei den Kopfballduellen liegen 54 Prozent deutlich unter den 74 der Vorsaison. Spielte Torunarigha 2019/2020 noch 4.3 lange Bälle pro Spiel (mit einer Erfolgsquote von 60 Prozent), waren es 2020/2021 nur noch 2.2 – und nicht mal jeder zweite Versuch kam an. Klar ist: Mit Torunarigha brach Hertha bereits am zweiten Spieltag eine wichtige Stütze aus der Defensiv-Achse weg. Mit Sicherheit war dies weder der erste, noch der einzige Grund für Herthas enttäuschende Saison. Trotzdem fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass 2020/2021 mit einem durchgehend fitten Torunarigha in Top-Form wohl anders gelaufen wäre.

Omar Alderete – eine durchwachsene Debütsaison für Hertha

Erst am spätesten Deadline-Day der jüngeren Bundesliga-Geschichte, dem 15. Oktober, stieß Omar Alderete zu Herthas Mannschaft. Der Paraguayer kam für ungefähr sechs Millionen Euro aus Basel – und wurde direkt gebraucht. Durch die Verletzung von Jordan Torunarigha und den Abgang von Karim Rekik wurde Alderete nach nur kurzer Eingewöhnungszeit schon eine knappe Woche später ins kalte Wasser geschmissen.

In den folgenden Wochen konnte man bei Alderete ein Phänomen beobachten, dass bei vielen Last-Minute-Neuzugängen auftritt: Der Neuzugang startete mit überzeugenden Auftritten im Hertha-Trikot, obwohl er Abläufe und Mannschaft zu diesem Zeitpunkt kaum kannte. Auch in seinen ersten Spielen machte der Paraguayer zwar bei weitem nicht alles richtig, trotzdem lieferte er zunächst solide ab. Beim 2:5 gegen Borussia Dortmund machte er wie auch Herthas andere Abwehrspieler ein schwaches Spiel. Tendenziell hatte man zu diesem Zeitpunkt der Saison das Gefühl, dass Alderete nach gutem Start bald in das für Neuzugänge nicht ganz unübliche Leistungsloch fallen würde.

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Exakt zu Torunarighas Rückkehr Anfang Dezember fiel Alderete dann allerdings erstmal aus – und rückte erst in den letzten Spielen unter der Regie von Bruno Labbadia wieder in die Startelf, der ihn nach seiner Genesung wieder Jordan Torunarigha vorzog. „Jordany“ war zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit in schwacher Form. Trotzdem zeigte Alderetes Comeback, welch hohes Standing er bei Labbadia genoss.

Alderete: Zwischen Genie und Wahnsinn

Unter Pál Dárdai hatte Alderete allerdings schnell einen schweren Stand. Gegen den VfB Stuttgart durfte er zwar von Beginn an spielen, wurde im Nachgang des Spiels allerdings öffentlich von seinem Trainer angezählt. Der Grund: Alderete hatte das Spiel entgegen von Dárdais Wunsch immer wieder durch die Mitte eröffnet und sich damit nicht an die taktischen Vorgaben gehalten. Dárdai Senior beförderte als Konsequenz Dárdai Junior in die Startelf, an ihm kam Alderete bis Saisonende nicht mehr vorbei. Einzig in den finalen englischen Wochen im Abstiegskampf kam der 24-Jährige wieder zum Einsatz. Mit seinen Leistungen gegen Freiburg, Schalke und Köln stellte er unter Beweis, dass er für Hertha allemal ein guter Back-Up ist.

Seinen Ruf, dass er besonders zweikampf- und kopfballstark sei, konnte Alderete in seiner Debütsaison in Blau-Weiß noch nicht rechtfertigen. Mit 51 Prozent Zweikampfquote liegt er unter Herthas Innenverteidigern auf Platz 3. Ebenfalls 51 Prozent gewonnene Luftduelle sind gleichbedeutend mit Platz drei – vor seinen Konkurrenten Torunarigha und Dárdai. In diesem Bereich hätte der 24-Jährige mit Sicherheit besser abgeschnitten, wenn nicht auch Unkonzentriertheit und Schlampigkeit Teil seines Spiels wären. Sein Passspiel und Spielaufbau sind sehr risikofreudig. Vielen Hertha-Fans sind wohl noch einige Szenen aus der vergangenen Spielzeit in Erinnerung, in denen seine flachen Pässe durchs Zentrum fast eine Katastrophe ausgelöst hätten. Mit 80 Prozent hat Alderete passenderweise auch die schwächste Passquote unter Herthas Innenverteidigern.

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Foto: Christopher Neundorf/Kirchner-Media/pool/IMAGO

In der finalen Bewertung von Alderetes zugegebenermaßen nicht optimal gelaufener ersten Hertha-Saison darf man allerdings auch nicht vergessen, wie die äußeren Begleitumstände für den Paraguayer aussahen: Erst eine Saison hatte er zuvor in Europa gespielt, in der im Vergleich eher schwächeren Schweizer Super League. Erst am letzten Tag der Transferperiode stieß er zu einem Team, in dem zu diesem Zeitpunkt keine Hierarchie vorhanden war. Dazu die Corona-Pandemie – für Alderete war die erste Saison in Deutschland mit Sicherheit keine einfache. Sollte der Paraguayer also auch über den Sommer bei Hertha bleiben, kann man sich durchaus Hoffnung machen, dass er in der Zukunft noch bessere Leistungen als 2020/2021 zeigt.

Márton Dárdai – die Hertha-Neuentdeckung

Auf Instagram wurde er zu Herthas Spieler der Saison gewählt, kurz vor Saisonende verlängerte er seinen Vertrag. Die Rede ist, na klar, von Márton Dárdai. Seit Saisonbeginn befand sich der mittlere der Dárdai-Söhne im Dunstkreis des Hertha-Kaders, kam in der Hinrunde unter Bruno Labbadia zu zwei Kurzeinsätzen.

Die Leistungsexplosion, mit der deutsche U19-Nationalspieler im letzten Saisondrittel entscheidenden Anteil an einer erstarkten Hertha-Defensive hatte, kam für die meisten Fans eher überraschend. Nachdem Pál Dárdai ihn quasi aus dem Nichts gegen RB Leipzig in die Startelf beordert hatte, verpasste Dárdai Junior nur noch drei Spiele, zwei davon verletzungsbedingt. Von seiner ersten Startelfminute an machte Dárdai den Eindruck, keinerlei Anpassungsprobleme ans Profi-Level zu haben. Defensiv machte er stets einen souveränen und abgeklärten Eindruck, der größte Zugewinn für Hertha waren trotzdem seine Qualitäten im Spielaufbau. Auch wenn er eine andere Stilistik mitbringt als ein Jordan Torunarigha in Topform, half er Hertha mit seinen präzisen langen Bällen und Verlagerungen sehr weiter.

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Dabei strahlte er zudem eine Ruhe aus, die für sein Alter zumindest ungewöhnlich scheint. Nie hatte man den Eindruck, da stünde ein Spieler mit weniger als einem Dutzend Bundesliga-Partien auf dem Platz. Dárdai vollbrachte keine Wunderdinge und sorgte auch nicht mit Dribblings tief in die gegnerische Hälfte für Furore. Aber er war mit gerade mal 19 Jahren eine feste Konstante in einem Team, das mitten im Abstiegskampf steckte. Noch dazu mit der Schwierigkeit, als Trainersohn besonders kritisch beäugt zu werden – Dárdais Leistungen kann man kaum hoch genug einschätzen.

Dardai muss sein Niveau langfristig bestätigen und an Schwächen arbeiten

Als der 19-Jährige gegen RB Leipzig zum ersten Mal die Hertha-Standards trat, dürfte der eine oder andere Fan doof aus der Wäsche geschaut haben. Ein Ecken tretender Innenverteidiger? Wo gibts denn sowas? Bei Hertha, und hoffentlich noch lange. Denn in den finalen Spielen hatte man immer mehr den Eindruck, dass Dárdais Standards für Gefahr sorgten. So bereitete er zum Beispiel das wichtige Tor von Lucas Tousart in Mainz vor.

Eine der kleinen Schwächen, die Dárdai hat, ist allerdings sein Kopfballspiel. Mit nur knapp 29 Prozent gewonnener Duelle liegt er in dieser Kategorie deutlich hinter Herthas anderen Innenverteidigern zurück. Ein weiteres Argument dafür, dass er auch in Zukunft die Freistöße und Ecken schießen darf? In anderen Rubriken wie Pass- oder Zweikampf-Quote (82 bzw. 51 Prozent) liegt Dárdai im Vergleich mit seinen Konkurrenten im Mittelfeld. Bei den langen Bällen ragt er dafür heraus: Mit fünf erfolgreichen langen Pässen pro Spiel liegt er deutlich vor den anderen Innenverteidigern bei Hertha. Der Wert ist mehr als das Doppelte vor dem Jordan Torunarighas. Auch seine Quote kann sich mit 58 Prozent hier sehen lassen.

Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO

Trotz einer tollen Durchbruchs-Saison tut man als Hertha-Fan aber gut daran, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. In der Vorbereitung wird es für Dárdai zunächst einmal darum gehen, seinen Stammplatz gegen die starke Konkurrenz zu behaupten – das wird schwer genug. Bei seinem noch extrem jungen Alter ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass Dárdai irgendwann in der kommenden Saison ein kleineres oder größeres Leistungsloch haben wird. Mit Pál Dárdai steht aber der perfekte Förderer bereit, der die Eigengewächse in Herthas Kader nicht fallen lassen wird – sein Sohn Márton gehört aktuell zu den vielversprechendsten.

Niklas Stark – Saisonstart auf ungewohnter Position

“Es wäre legitim, Niklas Stark als Gesicht der vergangenen Saison heranzuziehen: Mit ordentlich Potenzial unter der Haube hoffnungsvoll in die Spielzeit gestartet, brutal aufs Gesicht gefallen, Verletzungsprobleme, mehr Enttäuschungen als alles andere, letztendlich aber ein versöhnliches Ende, das Hoffnung für die kommende Saison macht”, lautete die Einleitung in der Vorjahres-Kaderanalyse zu Niklas Stark. Man hätte diese Worte für die abgelaufene Saison wohl nahezu kopieren können und es wäre kaum jemanden aufgefallen.

Denn erneut hatten sich Hertha und Stark für diese Spielzeit viel vorgenommen. Hertha wollte die europäischen Plätze angreifen, Stark den nächsten Schritt in seiner Karriere machen und sich weiter in der deutschen Nationalmannschaft etablieren – schließlich würde eine Europameisterschaft im Sommer 2021 anstehen. Doch wie schon 2019/20 kam alles anders bzw. schlechter. In der Vorsaison hatte sich Stark in ein Formloch Marke Mariannengraben gespielt. Der Vizekapitän wurde zu solch einem Unsicherheitsfaktor, dass er den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung gegen Torunarigha und Boyata verlor. Herthas damaliger Trainer Bruno Labbadia entschied sich daraufhin, Stark im Saisonendspurt stattdessen im defensiven Mittelfeld auflaufen zu lassen. Auf dieser Position sollte der zweifache Nationalspieler dann auch in die abgelaufene Spielzeit gehen.

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Foto: IMAGO

In seinem Amt als Vizekapitän bestätigt, wurde Stark von Labbadia beinahe die gesamte erste Halbserie auf der “Sechs” eingesetzt. Elf der 13 ersten Bundesliga-Partien bestritt der gelernte Innenverteidiger vor und nicht in der Abwehr. Labbadia schätzte die defensive Stabilität, die Stark mit sich brachte. Zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison war Herthas größtes Manko die fehlende Balance im Spiel. Spielten die Blau-Weißen offensiv, ging dies sehr zu Lasten der Defensivkompaktheit. Hier leistete Stark Abhilfe. Er nahm die klassische (und mittlerweile eher veraltete) Rolle des Abräumers ein. Stark sollte sich vor allem um Defensivaufgaben kümmern, Konter abfangen, Luftduelle gewinnen und zur Not mit in die Abwehr rücken. Im Ballbesitz hielt sich Stark dafür sehr zurück (Mittellinie ist Lava), der Ball wurde meist sehr schnell und uninspiriert weitergeleitet.

Stark findet unter Dardai zu alter Stärke

Es war alles andere als spektakulär, Stark bei seiner Arbeit im defensiven Mittelfeld zuzuschauen. Der 26-Jährige arbeitete eben mehr als er spielte. Gegen den Ball konnten ihm kaum Vorwürfe gemacht werden, er stabilisierte das so wackelige Gebilde sichtlich. Das Spiel mit dem Ball aber ging Stark vollkommen ab, sodass wenig Kreativität aus dem Mittelfeldzentrum heraus zu erwarten war. Endlos viele lange Bälle chippte Stark in der ersten Saisonphase zum Gegner. Stark auf der Sechs spielen zu lassen, hatte allerdings den positiven Nebeneffekt, dass er nach seiner grausigen Vorsaison vorsichtig wieder an das Spiel gewöhnt wurde. Als Mittelfeldspieler konnte er all die Defensivaufgaben eines Innenverteidigers mimen, ohne aber das Risiko des “letzten Mannes”. Stark wuchs auf der Sechs wieder in seine angestammte Rolle des Innenverteidigers hinein.

Davon profitierte Pal Dardai nach dem Trainerwechsel. Stark hatte schon in den letzten Spielen Labbadias wieder als Teil der Abwehrreihe fungiert – Dardai machte keine Anstalten, daran etwas zu ändern. Der Ungar kennt Stark exzellent und vertraute ihm bedenkenlos, als er ihn zum festen Bestandteil der neuen Achse machte. Dardai setzte ab dessen viertem Spiel gegen RB Leipzig auf eine Dreierkette mit überraschender Besetzung: Stark, Dardai und Lukas Klünter. Die drei Defensivspieler ergänzten sich hervorragend. Dardai war vor allem für die Spieleröffnung zuständig, der so schnelle Klünter für die Laufduelle, sodass sich Stark voll und ganz auf seine Kerngebiete konzentrieren konnte. Als eine Art Schlachtturm war Stark vor allem für direkte Zweikämpfe, Luftduelle und Blocks verantwortlich. Er sollte immer einen Fuß oder Kopf in den Offensivaktionen des Gegners haben, stets nahe am Gegenmann sein.

Foto: xMatthiasxKochx/IMAGO

In diese Rolle wuchs Stark mit jedem Spiel besser hinein. Es war bemerkenswerte Entwicklung bei ihm zu beobachten. Vor nicht allzu langer Zeit schlotterten Hertha-Fans noch die Knie, wenn es darum ging, dass Stark im entscheidenden Moment da sein musste. Zu viele individuelle Fehler waren ihm über mehr als ein Jahr unterlaufen. Nun aber konnte man sich sicher sein, dass Stark die Situation unter Kontrolle bekommen wird. Der 26-Jährige war im letzten Saisondrittel endlich wieder der Rückhalt, den man so lange vermisst hatte. Darüber hinaus war auch eine menschliche Weiterentwicklung zu erkennen. Früher oftmals im Chaos mit untergegangen, agierte Stark unter Dardai tatsächlich als klarer Führungsspieler. Er wurde seinem Amt als Kapitän vollends gerecht, indem er auf dem Feld dirigierte, Mitspieler wachrüttelte, motivierte und empathische Interviews gab. Er wurde eine echte Persönlichkeit auf dem Platz. Stark schien sich nun endlich wieder voll und ganz mit Hertha zu identifizieren.

Diese enorme Leistungssteigerung und das Hineinwachsen in die Führungsrolle lassen darauf hoffen, dass Stark nun einen wichtigen Entwicklungsschritt seiner Karriere vollbracht hat – etwas, von dem er selbst und Hertha profitieren. Es scheint gut möglich, dass Stark in der kommenden Saison nicht nur Vize- sondern alleiniger Kapitän wird und damit ein nicht wegzudenkender Teil der neuen Hertha-Achse.

Dedryck Boyata – Kein geeigneter Hertha-Kapitän?

“Auch wenn zwei der vier Profi-Innenverteidiger bei Hertha eine Saison zum Vergessen hinter sich haben, ist hier keine Baustelle aufzumachen”, schrieben wir noch im vergangenen Sommer. Mit Torunarigha und Boyata schien sich nach Bundesliga-Restart ein solch starkes Innenverteidiger-Duo gefunden zu haben, dass auch in der kommenden Saison kein Weg an ihnen vorbeiführen sollte. Wie bereits bei Torunarigha angerissen, hatte das Verletzungspech einen anderen Plan und machte auch Boyata keinen Halt.

Dabei begann die Saison für den Belgier so vielversprechend. Erst vor einem Jahr wurde Boyata von Glasgow nach Berlin gewechselt, doch aufgrund seiner konstant starken Leistungen aus der Vorsaison wurde der 30-Jährige zum neuen Hertha-Kapitän gewählt. Damals erschien der Abwehrmann als logische Wahl. Schließlich ging er mit Leistung voran, zudem spricht er gleich mehrere Sprachen. Mit all seiner (internationalen) Erfahrung sollte er neu zusammengewürfelte Mannschaft anführen.

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Dass die Entscheidung, Boyata zum Kapitän zu ernennen, allerdings nicht mit vollster Überzeugung getroffen wurde, legt allein der Zeitpunkt schon offen. Am ersten Spieltag gegen Werder Bremen war es noch der letztjährige Vize-Kapitän Stark, der die Binde trug. Trainer und Mannschaft hatten sich bis dahin immer noch nicht auf einen Spielführer einigen können. Die Saison sollte in der Retrospektive zeigen, weshalb Boyata damals als die wohl einzige, im nachhinein aber falsche Option für dieses Amt gewesen ist.

Boyata konnte seine starke Debütsaison nicht bestätigen

Diese Einschätzung ist zum einen in Boyatas Leistungskurve begründet. Eines der großen Argumente für das Kapitänsamt wird gewesen sein, dass man in dem belgischen Nationalspieler einen herausragenden Rückhalt hat. “Mit einer überragenden Konstanz und allen nötigen Werkzeugen eines Innenverteidigers hat Boyata sich seinen Stammplatz in der Innenverteidigung redlich verdient”, hieß es in unserer letztjährigen Analyse. “In einer mehr als turbulenten Saison mit teils vogelwilden Auftritten und sich immer wieder verändernden Aufstellungen war auf den 29-Jährigen stets Verlass.” Diese Bewertung lässt sich jedoch nicht auf die abgelaufene Spielzeit übertragen.

Boyata kam nämlich, wie die gesamte Mannschaft, nicht gut in die Saison. Zwar wurde das Auftaktspiel gewonnen, doch danach folgten zunächst fünf Spiele ohne einen weiteren Sieg. Dies lag auch an den schwachen Defensivleistungen der Berliner. Elf (!) Gegentore kassierte Hertha in den genannten Partien. Die Abwehr schwamm gewaltig, sie war vielmehr ein ständiger Gefahrenherd als sicherer Rückhalt. Boyata gelang es keineswegs, seiner Abwehrreihe zu stabilisieren, der Neu-Kapitän ging eher mit im Chaos unter. So verursachte er beispielsweise gegen Eintracht Frankfurt (1:3) einen Elfmeter, der zur SGE-Führung führte. In dieser Saisonphase ließ Boyata all die Eigenschaften vermissen, die ihn in der Vorsaison so stark gemacht hatten.

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Das belegen allein die Zahlen schon eindrucksvoll, denn Boyata hat sich in sämtlichen Defensivdisziplinen – im Vergleich zur Vorsaison – verschlechtert. Von durchschnittlich 2,2 abgefangenen Bällen ging es runter auf 1,4 pro Spiel. Tackles brachte er nur noch 0,7 statt 0,9 pro Partie durch. Die Klärungen sanken sogar von 5,6 auf 3,5. Sicherlich muss auch bei Boyata das Verletzungspech berücksichtigt werden. Der Verteidiger fehlte Hertha vom 14. bis zum 28. Spieltag der vergangenen Saison. Ein Ermüdungsbruch setzte ihn für knapp drei Monate außer Gefecht. Wer weiß, wie lange Boyata schon vor dieser Diagnose mit körperlichen Problemen, die seine Leistung beeinträchtigt haben könnten, zu kämpfen hatte. Doch wie Boyata mit dieser Verletzung umgegangen ist, ist das zweite gewichtige Argument dafür, dass er seiner Kapitänsrolle nicht gerecht geworden ist.

Verlässt Boyata Hertha nach nur zwei Jahren?

Anstatt alles daran zu setzen, die Verletzung vernünftig auszukurieren und dem in Abstiegsnot befindenden Team schnellstmöglich wieder zu helfen, entschied sich Boyata dafür, voreilig zur Nationalmannschaft zu reisen. Dort kam der Routinier auch zum Einsatz, um sich dadurch aber einen Muskelfaserriss zuzuziehen. Der Körper war noch nicht bereit. Ein Umstand, der Trainer Dardai maßlos verärgerte. Man hätte Boyata bei Hertha wohl deutlich dringender gebraucht als bei Belgien. So verpasste der Abwehrspieler drei weitere Trainingswochen und zwei zusätzliche Spiele.

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Man kann Boyata allerdings zugute halten, dass er nach seiner Rückkehr noch einmal wichtig für Hertha wurde. In dem engen Spielrhythmus nach der Quarantäne griff Dardai auch auf den etatmäßigen Kapitän zurück, der Anfangs zwar noch ziemlich wackelte, mit jedem Spiel aber sicherer wurde. Mit seinem Tor gegen Schalke trug Boyata sogar sehr aktiv zum Klassenerhalt bei. Unvergessen ist der Moment, als Boyata nach Abpfiff völlig ausgelaugt zusammensank – er hatte alles gegeben und war seiner Führungsrolle wirklich gerecht geworden.

Doch wie geht es nun mit Boyata bei Hertha weiter? Medienberichten zufolge könnte er Berlin verlassen, der Verein soll bei einem passenden Angebot gesprächsbereit sein – sein Vertrag läuft 2022 aus. Der Zweikampf mit Stark scheint verloren, auch wenn die Karten in der Sommervorbereitung stets neu gemischt werden und Dinge wie Verletzungen immer passieren können. Dennoch scheint es nicht unwahrscheinlich, dass sich Boyata bei der EM für neue Aufgaben empfiehlt und Hertha den Generationswechsel in der Innenverteidigung weiter vorantreibt. Wie so oft muss man abwarten. Die vergangene Saison lässt einen zumindest mit gemischten Gefühlen zurück.

Lukas Klünter – Comeback auf überraschender Position

Jemanden, den man bei der Kaderanalyse zuvor nicht für die Innenverteidigung vorgesehen hatte, ist Lukas Klünter. Einst wurde der Ex-Kölner für die Rechtsverteidiger-Position verpflichtet, doch dort scheint der 25-Jährige immer weniger Licht zu sehen. Deyovaisio Zeefuik ist offensiv vielseitiger, Peter Pekarik taktisch disziplinierter. Die Aussichten, in der Saison auf Einsatzminuten zu kamen, sahen also düster aus.

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Dies bestätigte sich unter Bruno Labbadia auch zunächst. Bis zum 19. Spieltag – als Dardai übernahm – stand Klünter nicht eine einzige Minute auf dem Feld. “Klünti” stand sogar nur fünfmal überhaupt im Kader. Bis dahin spielte der so schnelle Abwehrspieler keinerlei sportliche Rolle für Hertha. Mit dem Trainerwechsel veränderte sich jedoch alles. Gleich im ersten Spiel unter Dardai stand Klünter in der Startelf – erstmals seit März 2020, also fast einem Jahr. Im Spiel gegen die Eintracht wurde er allerdings noch als Rechtsverteidiger eingesetzt. Sobald Dardai aber auf Dreierkette umgestellt hatte, fand sich Klünter in der Innenverteidigung wieder.

Die Aufgabenverteilung war klar: Klünter sollte Schienenspieler Zeefuik Rückendeckung für dessen Offensivläufe geben. Mit seiner herausragenden Schnelligkeit war er exzellent darin, gegnerische Konter im Laufduell abzufangen. So schenkte Klünter Herthas Defensive eine neue Stabilität, da diese deutlich seltener überspielt werden konnte. Dabei agierte Klünter wenig spektakulär, teilweise fiel in einem Spiel kaum auf (was nichts schlechtes ist). Dardai wusste, dass Klünter weniger im direkten Zweikampf und vielmehr in Laufduellen seine Stärke hat, weshalb er vor allem Stark ersteres übernehmen ließ. Klünter sollte vor allem auf sein Positionsspiel achten und Lücken in der Abwehr zulaufen. Diesen “einfachen” Auftrag erledigte er überaus diszipliniert.

Wo liegt die Zukunft von Klünter?

Nun stellt sich auch bei Klünter die Frage nach der Aussicht für die kommende Spielzeit. Auf der Rechtsverteidiger-Position wird er erneut kaum eine Perspektive haben. Zeefuik hat sich zwar noch nicht vollends etabliert, wird aber vorgezogen werden. Dazu wird Pekarik seinen Vertrag wohl noch einmal um ein Jahr verlängern. Darüber hinaus ist nicht klar, ob sich Hertha auf dieser Position nicht noch einmal verstärken will.

So bliebe eigentlich nur ein Platz in der Innenverteidigung. Doch auch dort wird es Klünter nicht leicht haben. Dardai, Torunarigha und Stark werden ihm vorgezogen werden, womöglich bleibt Boyata auch oder jemand neues kommt noch hinzu. Allerdings ist die Bewertung Klünters eine andere. Der 25-Jährige wird womöglich gar nicht an den Anspruch haben, absoluter Stammspieler zu sein – auch solche Profis braucht man im Kader.

Wenn die vergangene Saison eins gezeigt hat, dann: Jeder im Kader wird gebraucht und auf Klünter ist im Zweifelsfall Verlass. Das wird Dardai sehr an ihm schätzen, sodass Klünter wohl wieder öfter auf der Bank sitzen, aber auch auf seine Minuten kommen wird. Eigenschaften wie Teamgeist, Einsatzwille und Professionalität werden von ihm vorgelebt und genau das braucht eine Mannschaft.

Text von: Marc Schwitzky & Simon

[Titelbild: xMatthiasxKochx/IMAGO]

Marton Dardai – Wertvoller Durchschnitt

Marton Dardai – Wertvoller Durchschnitt

Trainersohn, Wunderknabe, oder einfach Marton Dardai. Der zweitälteste Sohn des Cheftrainers wurde schon mit vielen Namen versehen. Wir werfen einen Blick in die Daten um zu entscheiden, welchen er verdient hat und vor Allem, was er Hertha im Moment geben kann.

Marton Dardai: Plötzlich Bundesliga-Spieler

So mancher Fan rieb sich beim 1:2 gegen RB Leipzig verwundert die Augen, doch es lag nicht am Schultheiss-Bier, dass man plötzlich zwei Dardais von Anfang an auf dem Platz sah. Marton Dardai, zweitältester Sohn von Cheftrainer Pál, feierte tatsächlich sein Startelfdebüt.

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Seit dem 22. Spieltag gehört der 19-jährige Linksfuß zum Stammpersonal in der Innenverteidigung. In der aktuell gespielten Dreierkette nimmt er hier die Position des linken Halbverteidigers ein und macht so den für selbstverständlich gehaltenen Jordan Torunarigha und Omar Alderete gehörig Druck.  Während Pál Dardai die Frage, ob Marton aufgrund offensichtlicher Verwandtschaftsverhältnisse eine Sonderbehandlung bekäme, regelmäßig zur Weißglut treibt, entbehrt die Situation nicht einer gewissen Seltsamkeit. Mitten im Abstiegskampf stellt der Cheftrainer das System so um, dass sein 19-jähriger Sohn, der zuvor grade mal 16 Bundesligaminuten sammeln konnte, direkter Profiteur ist? Dazu noch in der Innenverteidigung, wo es besonders auf Erfahrung und Körperlichkeit ankommt, zwei Aspekte, in denen man als junger, gerade aus der U23 hochgezogener Spieler, einfach den Kürzeren ziehen muss?

Grund genug mal einen Blick auf die Performance des Youngstars Dardai zu werfen. Doch anstatt mit des mit Tränen vernebelten Blicks, den der Abstiegskampf so mit sich bringt, lassen wir objektive Daten sprechen.

Datenset: Wie wir das Niveau von Dardai ermitteln

Alle Daten, die jetzt besprochen werden, stammen von fbref.com und spiegeln den Stand nach dem 26. Spieltag wieder. Das Datenset ist mit 450+ Spielern und 150+  Variablen enorm umfangreich. Deshalb habe ich mich auf die Daten konzentriert, die erstens eine Einschätzung von Dardais Verteidigungs- und Spielaufbau-Qualitäten, und zweitens eine gewisse Vergleichbarkeit ermöglichen.

Dem letzen Aspekt ist es geschuldet, dass ich so gut wie keinen direkten Zahlen ausgewählt habe. So gibt es zum Beispiel einen Wert, der anzeigt, wie viele Bälle ein Spieler abgefangen und durch Tacklings gewonnen hat. Dieser Wert ist klar davon abhängig, wie viel ein Spieler spielt. Jemand der 20 Spiele gemacht hat, hat mehr Gelegenheiten Bälle abzufangen, als jemand, wie Marton, der bisher nur in sieben Spielen zum Einsatz kam. Deshalb arbeite ich an dieser Stelle viel mit Prozentangaben.

Foto: nordphotoxGmbHx/xEngler/IMAGO

Darüber hinaus besteht das Vergleichsdatenset nur aus denjenigen Spielern, die laut fbref.com als Hauptposition Verteidiger sind. Das führt zum unschönen Nebeneffekt, dass auch Außenverteidiger in den Daten enthalten sind, die ja ein anderes Aufgabenprofil als Innenverteidiger haben, diese bittere Pille muss man allerdings anhand der Qualität der Daten und auch angesichts der Fluidität moderner Fußballsysteme schlucken.

Die von mir ausgewählten Daten sind:

Tacklingquote gegen Dribblings: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle ein Tackling gegen einen dribbelnden Spieler zur Balleroberung geführt hat.

Tacklingquote allgemein: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle ein Tackling des Spielers zur Balleroberung geführt hat.

Schusskreierende Aktionen pro 90 Minuten (SCA/90): Gibt an, wie oft pro 90 Minuten Aktionen des Spielers zu einem Schuss geführt haben. In absoluten Zahlen, nicht in Prozent.

Pressingquote: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle eine Pressingaktion des Spielers in höchstens 5 Sekunden zum Ballgewinn geführt hat.

Kurzpassquote: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe zwischen 4.5 und 13.7 Meter des Spielers angekommen sind. Originalangaben sind in Yard, deshalb die komischen Werte.

Passquote mittlere Pässe: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe zwischen 13.7 und 27.4 Meter des Spielers angekommen sind.

Passquote lange Pässe: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe von mindestens 27.4 Meter des Spielers angekommen sind.

Passquote allgemein: Gibt an, in wie viel Prozent der Pässe des Spielers angekommen sind.

Gewonnene Luftduelle: Gibt an, wieviel Prozent aller Luftduelle der Spieler für sich entscheiden konnte.

Anteil progressive Läufe mit Ball: Gibt an, in wie viel Prozent der Fälle der Spieler, wenn er den Ball am Fuß hatte, mindestens 4.5 Meter in Richtung gegnerisches Tor gelaufen ist. Läufe aus den letzten 40% des Spielfeldes zählen dabei nicht. Also z.B. wenn man von der eigenen Eckfahne in Richtung gegnerisches Tor läuft.

Anteil Pässe ins letzte Drittel: Gibt an, wie viel Prozent der angekommenen Pässe ins letzte Drittel vor dem gegnerischen Tor gelandet sind.

Marton Dardai gegen die Liga

Wir gucken uns zunächst an, wie Dardai gegen alle Verteidiger der Liga abschneidet. Ich habe dazu den Durchschnitt der Variablen gebildet und ihn mit Martons Werten verglichen.

In allen Grafiken ist Dardai immer der blaue Punkt.

Es fällt auf, dass Dardai ein ziemlich durchschnittlicher Spieler ist. Bei den allgemeinen Tacklings und den mittleren Pässen sogar überdurchschnittlich. Lediglich im Vorwärtsdrang und Kopfbällen muss er sich verbessern.

Das mag vielleicht auf den ersten Blick ernüchternd wirken, doch wir dürfen nicht vergessen, dass Hertha momentan eine unterdurchschnittliche Mannschaft ist. Das bedeutet wiederrum, dass ein bisschen Durchschnittlichkeit eine klare Verbesserung darstellt.

Aber wie sieht es denn mit Martons direkten Konkurrenten aus? Ist er hier besser, weil Durchschnitt?

Marton Dardai gegen seine direkten Konkurrenten

Ich vergleiche Dardai jeweils mit Omar Alderete und Jordan Torunarigha. Beides die nominellen linken Innenverteidiger.

Dardai ist wieder der blaue Punkt. Im Vergleich zu Jordan Torunarigha zeigt sich, dass Marton der wesentlich bessere Tackler zu sein scheint. Auch im Pressing ist er erfolgreicher. In Puncto Aufbauspiel fällt er jedoch hinter Jordan zurück und auch hier zeigt sich die Schwäche des jungen Dardais, wenn es um Kopfbälle geht.

Das fast gleiche Muster lässt sich auch im Vergleich mit Omar Alderete erkennen.

Beide Dardais, Vater und Sohn, bringen also eine gewisse Stabilität in die Defensive. Dafür gibt es im Aufbauspiel etwas bessere Alternativen. Es ist also wie immer eine Abwägungssache, was dem eigenen Spiel momentan gut tut.

Wunderknaben unter sich: Dardai vs Schlotterbeck

Einen letzten Vergleich, der sich vielleicht auch am Derby-Sonntag live ereignen könnte, kann man zwischen Dardai und Nico Schlotterbeck anstellen. Der junge Unioner ist auch Linksfuß und wird deshalb auch meist als linker Halbverteidiger in einer Dreierkette eingesetzt. In der folgenden Grafik ist sein Punkt Rot.

Schlotterbeck übertrumpft Dardai in fast allen Bereichen. Das könnte einerseits daran liegen, dass Union momentan besser da steht als Hertha, aber auch an der größeren Erfahrung des 21-jährigen Köpenickers. Insbesondere seine Tacklingquote gegen Dribblings ist beeindruckend.

Fazit: Dardai ist mit 19 Jahren beeindruckend reif

Marton Dardai ist ein durchschnittlicher Spieler. Doch das ist genau das, was Hertha momentan im Abstiegskampf braucht. Ruhe und Konstanz. Ein hohe Leistungsvolatilität kann fatale Fehler nach sich ziehen, die wertvolle Punkte kosten könnten. Wenn sich Dardai jetzt noch im Kopfballspiel verbessert, kann er auch dauerhaft eine große Bereicherung für das Team sein und Feuer im Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung machen.

Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Dardai gerade einmal 19 Jahre alt ist. In so einem Alter in den Abstiegskampf geworfen zu werden, wissend, dass das Attribut Trainersohn wie ein blaues D auf der Brust prangt, ist wahrlich nicht einfach wegzustecken. Das Marton trotzdem so gut performt, lässt die Brust eines jeden Hertha-Fans in freudiger Erwartung einer zweiten Vereinslegende mit dem Namen Dardai höherschlagen.

[Titelbild: xMatthiasxKochx/IMAGO]

Marton Dardai – Zwischen Bundesligadebüt und Regionalligaunterbrechung

Marton Dardai – Zwischen Bundesligadebüt und Regionalligaunterbrechung

Beim Auswärtsspiel gegen Augsburg dürfte Marton Dardai erstmals in das Rampenlicht der Bundesliga treten und sein Profidebüt feiern. Zwar kam er erst in den letzten Minuten des Spiels auf den Platz, ein besonderer Moment in seiner Fußballerkarriere wird es aber trotzdem gewesen sein. Wir werfen einen genaueren Blick auf die letzten Monate, den Spielstil und die aktuelle Situation des 18-jährigen Sohns von Ex-Trainer Pal Dardai.

Ein turbulentes Jahr

Auch für Marton Dardai wird das Jahr 2020 turbulent gewesen sein. Das vermutlich nicht nur weil er, wie viele andere mit den Umständen der Corona-Pandemie konfrontiert wurde, sondern auch weil sportlich für ihn Einiges passierte. Zu Jahresbeginn durfte Dardai zum ersten Mal für die U23 in der Regionalliga auflaufen. Zuvor hatte er anderthalb Jahre sehr erfolgreich bei der U19 gespielt. Dort führte er das Team teilweise als Kapitän auf den Platz und löste sein Ticket für die Teilnahme an der U17-Europameisterschaft mit der deutschen Jugendnationalmannschaft.

In den Jugendwettbewerben wurde im Frühjahr der Spielbetrieb eingestellt und bei Herthas Bundesliga-Mannschaft übernahm Bruno Labbadia im April den Trainerposten. Als der Trainingsbetrieb langsam wieder in Kleingruppen aufgenommen wurde, bildete das Team rund um Labbadia auch eine Gruppe mit acht Jugendspielern, die sich das Trainerteam mal genauer anschauen wollte. Darunter auch Marton Dardai.

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In den letzten neun Bundesligapartien der Saison saß Dardai dann sechsmal auf der Bank und gehörte nun zum erweiterten Kader der Profis. Er scheint also einen positiven Eindruck bei Labbadia hinterlassen zu haben, denn dieser ermöglichte ihm den rasanten Aufstieg von der U19 (über die U23) zu den Profis in nur wenigen Monaten. Die Sommervorbereitung machte Dardai dann ebenfalls bei der ersten Mannschaft mit und trainierte auch in den letzten Monaten bei nahezu jeder Einheit unter Labbadia mit. Spielpraxis sammelt er hingegen bei der zweiten Mannschaft. Dort steht er regelmäßig mit seinem älteren Bruder Palko auf dem Platz. Marton Dardai zeigte gute Trainingsleistungen und hat sich laut Labbadia in einigen Bereichen zuletzt auch noch individuell verbessert. So kam es nun am siebten Spieltag zu seinem Debüt, das der Cheftrainer als „eine logische Folge“ (kicker) sieht.

Ruhig und Spielstark

Marton Dardai spielt am liebsten auf der linken Innenverteidigerposition und lief dort auch die meiste Zeit in den Jugendmannschaften auf. Auf dem Spielfeld ist er sehr weit für sein Alter (18 Jahre) und im Jugendbereich dürfte er auch immer wieder die Rolle des Kapitäns einnehmen. Er kann ein Team anführen und scheut sich nicht davor, es mit lauten Kommandos anzuleiten. Auch mit seiner Spielweise zeigt er sich sehr reif. Gegen den Ball löst er Situationen zumeist sehr souverän und glänzt mit gutem Stellungsspiel. Sein Zweikampfverhalten war in den U-Mannschaften nicht allzu auffällig, aber über die letzten Monate hat er vor allem körperlich nochmal zugelegt. Er wirkt zudem selten nervös, sondern strahlt in den meisten Situationen eine große Ruhe aus und hat ein gutes Kopfballspiel.

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Seine größte Stärke ist aber sein Spielaufbau mit seinem überdurchschnittlich guten linken Fuß. Der zweitjüngste Dardai-Sohn zeigt stets eine gute Übersicht und findet seine Mitspieler fast überall auf dem Feld. Er kann gute linienbrechende Schnittstellenpässe, aber auch lange Bälle hinter die letzte Kette spielen. Genauso liegen ihm Verlagerungen und schnelle Pässe in den Lauf. Sein Passspiel kann den Spielaufbau einer Mannschaft enorm beleben. Typisch für ihn ist außerdem, dass er gegen tiefstehende Jugendmannschaften auch gerne mal etwas weiter vorne auftauchte und aus der zweiten Reihe abzog.

Insgesamt lässt sich Marton Dardai als ein sehr ruhiger und spielstarker Innenverteidiger beschreiben.

Es ist kompliziert

Auch wenn das Bundesliga-Debüt anderes vermuten lässt, ist die Situation für Marton Dardai bei den Profis nicht leicht. Auf seiner Position hat er mit Omar Alderete und Jordan Torunarigha zwei Spieler vor sich, die zuletzt zu überzeugen wussten und wohl den Platz in der linken Innenverteidigung zunächst unter sich ausmachen werden. Ob er in naher Zukunft zu weiteren, eventuell auch längeren Einsätzen kommen wird, hängt dabei also unter anderem von der Verletzungssituation und Faktoren, die er selbst nicht beeinflussen kann ab. Das weiß auch Bruno Labbadia und meint: „Sein Bundesliga-Debüt war jetzt nur der kleine Anfang. Der weitere Weg wird noch ein Stück dauern.“

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Erschwerend kommt für Dardai und die anderen Talente nun noch hinzu, dass die Saison in der Regionalliga unterbrochen wurde. Die für Talente und ihre Entwicklung so wichtige Spielzeit wird für den 18-Jährigen also vorerst wegfallen. Insgesamt also keine einfachen Umstände für den jungen Innenverteidiger. Der erste Einsatz unter Labbadia lässt sich so auch als eine Art Motivationsanschub für die schwierigen nächsten Wochen und Monate sehen. Für Dardai gilt also weiterhin: geduldig sein und hart arbeiten. Sollte die Profimannschaft in den nächsten Monaten konstanter gute Ergebnisse einfahren, wird es Bruno Labbadia sicherlich auch leichter fallen, den jungen Spielern mehr Spielzeit zu geben.

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