Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – Eintracht Frankfurt

Nach dem erfolgreichen Auftakt gegen enttäuschende Bremer eröffnete unsere Hertha am Freitagabend zuhause gegen Eintracht Frankfurt den zweiten Spieltag der Bundesliga-Saison. In Sondertrikots  „für Pauline“ als Aufruf zur Stammzellenspender-Registrierung bei der DKMS stand das erste Flutlichtspiel vor 4.000 Fans im Olympiastadion und für beide Teams die Aussicht auf eine Nacht an der Tabellenspitze an. Die Frankfurter behielten nach einer erschreckend harm- und ideenlosen ersten Berliner Hälfte schlussendlich mit 1:3 die Oberhand.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei dieser Pleite zum Heimauftakt.

Maxi Mittelstädt – Kategorie Uff

Nach dem doch recht erfolgreichen Auftritt gegen Werder Bremen inklusive einer Torvorlage wähnte man sich mit Maxi Mittelstädt auf der Linksverteidiger-Position gegen Frankfurt gut aufgestellt, zumal auf Frankfurter Seite mit Almamy Touré ein eher defensiv orientierter Konterpart die Außenbahn beackerte.

So schaltete sich Mittelstädt schon früh in die Offensive ein und konnte in der 16. Minute mit einem harmlosen Fernschuss-Versuch den ersten Torschuss der Partie verbuchen. Aber schon direkt im Gegenzug offenbarten sich defensive Schwächen, als Mittelstädt im Duell mit André Silva unter einem langen Ball hindurchsegelte und Silva dabei derart aus den Augen verlor, dass Jordan Torunarigha helfend einschreiten musste. Auch in der Folge war Mittelstädt immer mehr in der Defensive gefordert, konnte dabei aber in schöner Regelmäßigkeit dem eher limitierten Dribbler Almamy Touré kaum etwas entgegensetzen und fiel größtenteils durch fragwürdiges Stellungsspiel und unglückliche Zweikampfführung auf. Insgesamt mag es da auch noch etwas an der Abstimmung mit Lucas Tousart gefehlt haben, Mittelstädt war aber keineswegs gegen einen übermächtigen Gegner auf sich alleingestellt. So war es dann auch folgerichtig, dass sowohl der Angriff, der zum Elfmeter vor dem 0:1 führte, als auch der Freistoß zum 0:2 über die rechte Frankfurter Angriffsseite und somit in Mittelstädts Wirkungsbereich entstanden.

Foto: IMAGO

Zwar konnte sich das Berliner Eigengewächs in der Offensive hin und wieder präsentieren und so beispielsweise mit einem Pass in den Rückraum der Frankfurter Abwehrreihe die große Chance zum Ausgleich von Dodi Lukébakio in der 32. Minute vorbereiten, er blieb aber in der Defensive insbesondere in Halbzeit eins derart überfordert, dass man glücklich sein konnte, Filip Kostic bis zu dessen Verletzung auf der anderen Seite des Feldes zu wissen.

In der zweiten Halbzeit konnte der 23-Jährige nach der Hereinnahme von Arne Maier und den sich zurückziehenden Frankfurtern defensiv etwas verschnaufen und sich wieder etwas gestaltend ins Offensivspiel einschalten, wo er bei Ballbesitz nun plötzlich regelmäßig Lucas Tousart in Linksaußen-Position vor sich fand. Die beiden kombinierten sich einige Male bis auf Strafraumhöhe an der Auslinie, wirklich gefährlich wurde es dabei dann aber auch nicht.

In der 67. Minute musste Maier verletzungsbedingt das Feld wieder verlassen und Maxi Mittelstädt rückte für ihn auf die Position im rechten zentralen Mittelfeld, während der eingewechselte Marvin Plattenhardt als Linksverteidiger auf den Platz kam. Mit Maiers Auswechslung ging der gewonnene Spielwitz etwas verloren und auch Mittelstädts bescheidene Leistung setzte sich auf der neuen Position fort. Teils unerklärliche Fehlpässe konnten von wenigen offensiv nennenswerten Aktionen wie der Flanke von halbrechts auf Niklas Stark in der 88. Minute nicht ausgeglichen werden.

In der Defensive war Hertha in Halbzeit zwei kaum noch gefordert, umso bitterer, dass Sebastian Rode in der 71. Minute mit dem ersten Frankfurter Angriff seit dem Seitenwechsel das 0:3 erzielte. Nach einer kurzen Klärungsaktion von Jordan Torunarigha hatten sich die Berliner zu siebt im Strafraum verschanzt, ohne den an der Sechzehnerkante lauernden Sebastian Rode auf dem Schirm zu haben. Mittelstädt traf dabei noch am wenigsten Schuld, die Szene stand dennoch sinnbildlich für die fehlende Absprache und Abstimmung im just neu formierten Mittelfeld aus Niklas Stark, Lucas Tousart und ihm.

Insgesamt ein sehr unglücklicher Auftritt von Maxi Mittelstädt, der in der ersten Hälfte einige Male zu spät kam und viele gefährliche Frankfurter Angriffe über seine Seite rollen ließ. Auch im zentralen Mittelfeld konnte er bei der anvisierten Aufholjagd nicht mehr viel bewirken, was sich insbesondere im Kontrast zum dynamischen und spielfreudigen Arne Maier zeigte.

Mittelstädt ist natürlich keine Rolle in schaltender und waltender Funktion in der Zentrale zugedacht, auf der Linksverteidiger-Position ist sein gerade gewonnener Stammplatz aber schon wieder in Gefahr. Wenn Bruno Labbadia eher auf defensive Stabilität setzt – und davon ist nach neun Gegentoren in den letzten drei Spielen in Anbetracht der kommenden Gegner auszugehen – kann sich Mittelstädt schnell auf der Bank wiederfinden und dem defensiv solideren, offensiv etwas unagileren Marvin Plattenhardt beim Flanken zusehen.

Lucas Tousart – Un nouvel espoir

Auch Lucas Tousart durfte in der unveränderten Startelf wieder auf der Position im linken zentralen Mittelfeld im neuen 4-3-1-2-System der Hertha ran.

Tousart kam neben dem defensiv orientierten Abräumer Niklas Stark dabei im Aufbau eine Toni Kroos-Rolle zu, indem er sich hinter den aufgerückten Maxi Mittelstädt auf die Linksverteidiger-Position fallen ließ und von da den Ball nach vorne bringen sollte. Nach wenigen gelungenen Anspielen in die Spitze zu Beginn, ließen die Offensivbemühungen immer mehr nach und Tousart sah sich mit Defensivaufgaben konfrontiert. Dabei war er in einer zweikampfschwachen und zögerlichen Hertha-Mannschaft der auffälligste Zweikämpfer, der keinem Duell aus dem Weg ging und den Großteil dieser für sich entscheiden konnte. Neben der Zweikampfstärke und dem generellen kämpferischen Einsatz konnte Tousart nach dem 0:1 im direkten Gegenzug den gefährlichen Angriff über Vladimir Darida einleiten, der nach dem weiten Seitenwechsel des Franzosen rechts im Strafraum den Ball auf Matheus Cunha zurücklegen wollte, wo der Brasilianer dann aber nicht mehr zum Abschluss kommen konnte.

In der 37. Minute ging Tousart etwas unaufmerksam mit dem Fuß zu einem halbhohen Ball, in den sich der Frankfurter Rode bereits in bekannter Manier mit allem, was er hat, reingeworfen hatte, sodass Herthas Mittelfeldspieler ihn mit dem Fuß am Kopf erwischte. Keine schmerzhafte Sache, die gelbe Karte war eventuell etwas zu hart, der Freistoß aber sicherlich richtig. Aus der Freistoßflanke von Daichi Kamada fiel dann in der Mitte das 0:2 durch Bas Dost. In der 45. Minute langte der Mittelfeldmann tief in der Frankfurter Hälfte ordentlich gegen André Silva zu und hatte etwas Glück, nicht verfrüht den Gang in die Duschen antreten zu müssen.

Foto: IMAGO

In der zweiten Hälfte hatte Tousart dann wohl Wiedergutmachung geschworen und war deutlich höher auf dem Feld zu finden. Das lag zum einen an den tiefer stehenden Frankfurtern, zum anderen auch an Spielmacher Maier, der zur Pause für Darida eingewechselt wurde und größtenteils den Spielaufbau übernahm, sodass Tousart offensivere Räume besetzen und dort Gegenspieler binden konnte. So war der französische Neuzugang teilweise vor Maxi Mittelstädt vorne an der linken Außenbahn anzufinden.

Auch sonst zeigte Tousart etwas Zug zum Tor, zwang Kevin Trapp nach einem Offensivausflug von Torunarigha in der 53. Minute mit seinem Nachschuss zu einer Parade. In der 81. Minute brachte er eine Flanke von Dodi Lukébakio volley aufs Tor, der Ball war aber etwas zu unplatziert und schwach, um Trapp ernsthafte Probleme zu bereiten.

Beim dritten Gegentor in der 71. Minute schob Tousart nach der Klärungsaktion von Torunarigha mit zur linken Seite heraus, schuf so eine Überzahl auf der Seite und hatte dadurch aber dem freien Rode am Sechzehner Raum verschafft. Hier hätte in Absprache entweder Lucas Tousart oder Niklas Stark den Rückraum abdecken müssen. So waren beide in anderen Räumen mit Mitspielern in der Überzahl – hilft nur nichts, wenn dann der freie Mann den Ball bekommt.

Über die gesamte Spielzeit war Tousart körperlich sehr präsent, giftig und konsequent in den Zweikämpfen. Er konnte viele starke Ballgewinne verbuchen und mit seiner Körpersprache vorangehen. Trotzdem war er in der ersten Hälfte wie seine Mittelfeldkollegen im Aufbau überfordert und konnte das Spiel offensiv nicht in die richtigen Bahnen lenken.

In Hälfte zwei sah man dann im Zusammenspiel mit Arne Maier, wie sich Bruno Labbadia den Spielaufbau und das Offensivspiel seiner Mannschaft vorgestellt hatte. Nur musste der verletzungsanfällige Maier schon nach 21 Minuten mit bandagiertem Knie wieder vom Platz und so zeigt sich, warum Hertha noch immer auf der Suche nach einem zentralen Mittelfeldspieler mit Offensivdrang ist. Ein solcher ist Tousart nämlich eben nicht. Dafür defensiv sehr stark, offensiv brauchbar und mit seiner Körpersprache und dem Einsatzwillen nach einer gewissen Eingewöhnungszeit auch sicher ein so dringend gesuchter und benötigter Leader für das junge Hertha-Team.

Dedryck Boyata & Jordan Torunarigha – Kapitän Dedo über Bord, Jordan übernimmt das Steuer

Die Labbadia-Erfolgs-Innenverteidigung um Neu-Kapitän Dedryck Boyata und seinen kongenialen Partner Jordan Torunarigha durfte wie auch schon gegen Bremen von Beginn an ran. Und die beiden kompromisslosen Zweikämpfer waren von Beginn an gefordert.

Schon in der neunten Minute konnte André Silva über die rechte Abwehrseite an Niklas Stark vorbei durch Boyata hindurch in den Berliner Strafraum eindringen, wo Jordan Torunarigha wie so oft in höchster Not klären konnte. Dabei verletzte sich sein Gegenspieler Filip Kostic unglücklich am Knie und musste in der Folge ausgewechselt werden. Auch in der 16. Minute war Torunarigha zur Stelle, als Mittelstädt einen hohen Ball im Duell gegen Silva unterschätzt hatte.

Der nächste Ball in die Spitze auf den portugiesischen Stürmer der Eintracht führte in der 28. Spielminute zum Laufduell in welchem der Frankfurter nur auf die Bewegung Boyatas wartete, um geistesgegenwärtig den Ball vorbeizuspitzeln und sich vom Belgier abräumen zu lassen. Ein sehr plumpes Einsteigen des Berliner Kapitäns, was man leider auch in der vergangenen Saison schon das ein oder andere Mal beobachten konnte. Den fälligen Strafstoß verwandelte Silva in der 30. Minute zur Frankfurter Führung.

Auch beim 0:2 sah die Herthaner Innenverteidigung nicht besonders glänzend aus. Beim Freistoß noch Boyata zugeteilt, konnte sich Dost durch einen leichten Schieber von diesem absetzen und zum Kopfball hochsteigen. Torunarigha versuchte noch zu retten, was nicht mehr zu retten war, sah gegen den niederländischen Riesen aber auch kein Land und konnte im Luftduell eigentlich nur noch zusehen, wie der Ball links im Tor einschlug.

Hatten die beiden Abwehrspieler in Hälfte eins noch dem glücklosen Mittelfeld den Spielaufbau überlassen, nahm sich Torunarigha von der linken Innenverteidiger-Position in der zweiten Halbzeit in altbekannter Manier immer häufiger selbst dessen an. Gemeinsam mit Maier auf halbrechts hatten die Berliner plötzlich zwei zuvor ungenutzte Waffen auf dem Weg nach vorne.

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So kam nach dem ersten Lúcio-esken Ausflug von Herthas Nummer 25 in Minute 52 der Ball per Flanke beinahe zu ihm zurück und nach Trapps notwendiger Faustabwehr zu Tousart, der den Frankfurter Schlussmann zu einer Parade zwang. Auch in der Folge konnte Torunarigha mit einigen klugen vertikalen Pässen die Frankfurter Reihen durchbrechen und gefährliche Aktionen einleiten.

Als auch das nicht mehr half, wurde es dem Berliner Urgestein zu bunt und er begab sich in Minute 77 einmal mehr selbst nach vorne, überlief die gesamte Frankfurter Defensivabteilung bis in den Strafraum, legte von der Grundlinie zurück und ließ Hinteregger keine andere Chance als den Ball vor Jhon Córdoba ins eigene Netz zu setzen.

Gestoppt werden konnte Torunarigha schließlich nur durch ein Foul von Kamada in der 84. Minute, nach welchem er nur noch humpelnd in beschränktem Aktionsradius unterwegs war.

Ganz im Gegensatz zu dieser Energieleistung des Berliner Eigengewächses präsentierte sich Dedryck Boyata ungewohnt ungenau und unkonzentriert. Nach den zwei unglücklichen Aktionen zu den Gegentoren in der ersten Hälfte verlor er in der 88. Minute als letzter Mann den Ball an Aymen Barkok, der glücklicherweise alleine vor Schwolow knapp rechts vorbei zirkelte.

Auch sonst ist Boyata nicht der Schlüsselspieler für den Spielaufbau, dafür aber umso wichtiger in der Zweikampfführung und körperlichen Präsenz in der Defensive. Gegen die starken und großen Frankfurter Stürmer sah er gestern ein ums andere Mal etwas ungelenk und zögerlich aus.

Abhaken. Solche Tage gibt es. Boyata und Torunarigha haben oft genug bewiesen, wie stark sie als Abwehrduo speziell im Zweikampf sind. An einem normalen Tag sollte man sich diesbezüglich keine Sorgen machen müssen. Und wenn sich Torunarigha ein Herz fasst, den riskanten Pass spielt oder direkt das Tempo anzieht und in die gegnerische Hälfte vorstößt, hat die Hertha eine offensive Option mehr im Spielaufbau. Sofern sich daneben noch ein kreativer Ballträger in die Spitze findet, der selbst auch etwas Torgefahr ausstrahlen kann, sollte auch die zuletzt so gelobte Offensive wieder Zugang zum Spiel finden.

Und dann war da noch:

Alexander Schwolow, der bei den Gegentoren chancenlos war und sich im Spiel kein Mal wirklich auszeichnen konnte, dafür nach dem Spiel im Interview deutliche Worte für die schwache erste Halbzeit fand und zurecht die fehlende Körperlichkeit der Herthaner „Schülermannschaft“ anprangerte.

Matheus Cunha, der sich in den ersten fünf Minuten zwei Mal kurz zeigte, dann völlig abtauchte, um in der starken Herthaner Phase zu Beginn der zweiten Hälfte wieder einige gefährliche Angriffe auf das Frankfurter Gehäuse zu fahren. Der Neu-Nationalspieler Brasiliens hätte in der 72. Minute im Anschluss an das 0:3 nach einem Frustfoul gegen Martin Hintereggers Schienbein eher Rot statt Gelb sehen müssen.

Krzysztof Piątek, der mal wieder kaum Anspiele bekam und völlig in der Luft hing. Die wenigen halbwegs brauchbaren hohen Bälle konnte er nicht verarbeiten und zog im Zweikampf mit den Hünen in der Frankfurter Innenverteidigung stets den Kürzeren. Der Pole musste zur Halbzeit raus und wurde von Jhon Córdoba ersetzt, der seinerseits von den zielstrebigeren Angriffen Herthas zu Beginn der zweiten Hälfte profitieren konnte, sich das ein oder andere Mal erfolgreich als Wandspieler einsetzte. So kam er in der 62. und 65. Spielminute auch gefährlich vors Frankfurter Tor und ließ in der 77. Minute nach starkem Sololauf von Torunarigha einschussbereit Martin Hinteregger den Vortritt zum 1:3-Endstand.

Deyovaisio Zeefuik, der zur Halbzeit für den offensiv unauffälligen aber defensiv soliden Peter Pekarik kam und mehr Druck nach vorne entwickeln sollte. Der niederländische U21-Nationalspieler zeigte sich dann auch ab und an in der Frankfurter Hälfte, ohne dabei besonders gefährlich zu werden, blieb defensiv trotz teils unkonventioneller Zweikampfführung fehlerlos, konnte dem Spiel aber insgesamt keine neue Wendung mehr geben.

Arne Maier, der nach neuerlich öffentlich geäußerten Wechselabsichten in der zweiten Hälfte für Vladimir Darida ins Spiel kam, um als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff zu fungieren und den Ball auch mal zu den Stürmern gelangen zu lassen. Er führte sich direkt dynamisch ein und ließ in seiner ersten Aktion zwei pressende Frankfurter in der Berliner Hälfte verdutzt stehen. Maier initiierte einige vielversprechende Angriffe und zeigte exakt auf, was der Hertha in der ersten Hälfte noch abging, musste aber tragischerweise schon 21 Minuten nach seiner Einwechslung verletzt vom Platz.

[Titelbild: IMAGO]