Sonnenuntergang über den Alpen, tolle Stimmung im Innsbrucker Tivoli-Stadion, Hertha gegen Liverpool. Das gestrige Testspiel gegen das Star-besetzte Team von Jürgen Klopp war nicht nur wegen der Kulisse und des Gegners besonders, sondern auch wegen der auffällig guten Leistung unserer Hertha. Und auch aus persönlichen Gründen war der gestrige Abend ein rundum tolles Fußballerlebnis.
Drei Fan-Generationen im Stadion
Bayern-, Dortmund- oder Bremen-Papas haben es leichter ihren Kindern ihre Zuneigung zu ihrem Fußballverein zu erklären. Das Triple mit Jupp Heynckes, der Champions League-Sieg gegen Juventus Turin 1997 oder die Meisterschaft 2004 – alles identitätsbildende Ereignisse, Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, die dabei helfen auch mal schwere Zeiten mit schlechten Leistungen zu überstehen. Hertha-Papas haben es da schon etwas schwerer. Keine großen Titel, wenig Glanz, viel Überlebenskampf. Auch mir geht es so. Gerade durch die Corona-Krise hat mein 7-jähriger Sohn zuletzt keinen wirklichen Zugang zu „meiner“ Hertha bekommen. Fußball nur im Fernsehen, ohne Zuschauer – sehr steril, wenig Nähe, wenig Emotionen.
Dass ein einziger Fußballabend vieles von dem Verpassten nachholen und das wirklich Schöne am Fußball innerhalb von zwei Stunden wie auf einem Silbertablett servieren kann, hat das gestrige Testspiel gegen Liverpool bewiesen. Zwei Wochen bereitete ich meinen Sohn während unserer Italienreise auf dieses Spiel vor. Hertha gegen die Stars vom Liverpool FC auf dem Weg nach Hause in Innsbruck. Opa kommt auch hin, auch er auf der Rückreise nach Berlin. Drei Generationen Hertha. Endlich wieder Menschen im Stadion, Fußball hautnah. Und es sollte sogar noch besser kommen.
Denn die Kulisse des Tivoli-Stadions im Sonnenuntergang ist atemberaubend. Hinter den Tribünen zeigen sich die Spitzen der 2000-Meter-Berge, die Zuschauerränge des kleinen, gemütlichen Stadions beginnen nur anderthalb Meter hinter der Auslinie. Selke, Dardai, Schwolow und die Liverpoool-Stars beim Aufwärmen quasi in greifbarer Nähe. Fußballstimmung pur.
„Papa, ich glaube, der schießt gleich“
Das Spiel beginnt. Vor uns zwei Berliner Jungs. Extra für eine Nacht angereist – in bester Meckerlaune. Berliner halt. Hinter uns zwei Tiroler LFC-Supporter. Leicht alkoholisiert. Wortgefechte bis zu den ersten fußballerischen Highlights. „Bald spielt ihr gegen den HSV und Schalke“, „Wart ihr überhaupt schon einmal in Liverpool?“. Dann die 20. Minute, Freistoß Platte auf der rechten Seite. Auf einmal ist der Ball im Netz und Santi Ascacibar liegt im Tor. Zweifeln im Stadion. War der Ball drin? Santi taumelt – geht es ihm gut? Santi steht, Tor zählt. Freude pur.
Es folgt eine Dauer-Press-Phase der Fußballstars. Mané und Salah zaubern gemeinsam, aber Schwolow zaubert auch und hält Herthas Führung. Die 31. Spielminute. Herthas Neuzugang Suat Serdar, der viele schöne, öffnende Pässe spielt, ist ziemlich frei im Strafraum, der Winkel zum Tor für einen Schuss aber fast unmachbar, denke ich noch. „Papa, ich glaube, der schießt gleich“, kündigt mein Sohn an. Serdar schießt wirklich. Tor. Komplette Ekstase. Im besten Tiroler Akzent werden wir aus der hinteren Reihe darauf hingewiesen: „Alles nur Glückhhh!“
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War es aber nicht. Auch wenn Hertha in den folgenden Minuten nicht mehr ganz so viele Offensivaktionen hat, steht die Elf von Pal Dardai bis auf wenige Abstimmungsfehler kompakt und sicher. Kurz vor der Halbzeit werden die LFC-Angriffe dann aber intensiver, wunderschöne Doppelpässe in der Liverpool-Offensive. Mit einem tollen 2:2 gehen wir in die Halbzeit. Vier schöne Tore, tolle Stimmung im Stadion. Drei Generationen Hertha sind begeistert. Zeit für ein Halbzeitfoto.
Jovetic spielt sich sogleich in die Fanherzen
Die zweite Halbzeit beginnt wie die erste aufhört – Liverpool drückt, Hertha hält das Unentschieden. Nächster Höhepunkt: die Einwechslung von Herthas Neuzugang Stevan Jovetic für einen spielklugen Prince Boateng. „Wer ist das?“, will mein Sohn wissen. „Der ist erst seit wenigen Tagen bei Hertha, hat schon in allen großen Ligen Europas gespielt“, antworte ich. Wofür Hertha Jovetic verpflichtet hat, beweist der montenegrinische Angreifer nur wenige Minuten später. Grandioses Dribbling von Dodi Lukébakio auf Rechtsaußen, schöne Flanke, Jovetic geht zum Kopfball hoch und setzt den Ball ins Netz. Das 3:2 trotz drückender Überlegenheit der Engländer. Hertha lebt und kämpft. Die ekstatische Pause nutzt Pal Dardai, um seine Mannschaft fast komplett umzubauen – er wechselt sieben neue Spieler ein. Darunter auch Ruwen Werthmüller, der im offensiven Mittelfeld einige schöne Aktionen hat.
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Eine Minute später wird es auf einmal sehr laut im Stadion, obwohl der Ball gar nicht im Spiel ist. Der Grund: die Einwechslung von Virgil van Dijk. Neun Monate nach seiner schweren Verletzung bestreitet der Niederländer gegen Hertha sein erstes Spiel. Alle stehen und applaudieren für einen großartigen Fußballer. Auch van Dijk kann Herthas sehr vorzeigbaren Passtrecken im Mittelfeld allerdings nicht unterbinden. Der 20-jährige Werthmüller spielt Jovetic frei, der auf einmal frei vor dem LFC-Tor auftaucht, van Dijk versucht ihr zu stoppen, Jovetic zaubert. 4:2. Wieder Ekstase. „Näkschtes Johr komm I mit dem Hertha-Trikot her“, kommt jetzt aus der Reihe hinter uns.
Die letzten zehn Minuten gegen Liverpool sind dann noch einmal schwer für Hertha. Die “Reds” wollen sich die Testspiel-Niederlage nicht einfangen und stürmen. Doch das Tor von Oxlade-Chamberlain ist dann der Schlusspunkt dieses begeisternden Fußballabends.
Ein überzeugender Test
„Lasst uns erst einmal die Stadt zurückgewinnen“, hatte Herthas neuer Manager Fredi Bobic kürzlich als Saisonziel ausgegeben. Um das zu erreichen, müssen sicherlich noch einige Pokal- und Ligaspiele gespielt werden. Das Tiroler Tivoli-Stadion hat Hertha am gestrigen Donnerstagabend aber schon ein Stück weit von sich überzeugt. In einem durchaus ernst geführten Testspiel bezwang man die Champions League-Truppe von Jürgen Klopp mit einer kompakten Abwehrleistung und vielen überraschenden Offensiv-Momenten.
Drei Generationen Hertha verlassen glücklich das Stadion. Und vielleicht kommen ja sogar einige Tiroler im nächsten Jahr in blau-weiß zum Testspiel.
Das inzwischen vierte Berliner Erstligaderby verspricht wieder eine heiße Partie zu werden. Die beteiligten Mannschaften werden gerne als totale Gegensätze dargestellt. Dieser Text klärt die Frage, ob Union auch ohne Hertha funktioniert, welchen Herausforderungen sich die Köpenicker in der Zukunft gegenüber sehen und was die beiden Klubs beim gemeinsamen Kaffee-Date bestellen.
Union definiert sich darüber, was man nicht ist
Bestellt man in einer Berliner Kneipe ein „Herrengedeck“, kann es mitunter vorkommen, dass man nicht Bier und Schnaps, sondern Bier und Sekt gereicht bekommt. Die Logik dahinter: Bier für den Mann und der Sekt für seine weibliche Begleitung.
Bestellt man stattdessen ein Berliner Fußballderby, dann bekommt man im Grunde das Gleiche, inklusive der antiquierten Geschlechterrollen. Dennoch sind die Rollen beim kommenden Derby klar zugewiesen. Auf der einen Seite die bodenständigen Köpenicker, stellvertretenden für den authentischen Arbeiter, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen und sich über die Gesamtsituation auskotzen würde. Ihm gegenüber die mondäne „Alte Dame“, die beherzt das Geld ihres reichen Gönners ausgibt und nach dem dritten Glas Sekt ein bisschen zu laut und zu prahlerisch von ihren Bekanntschaften erzählt.
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Beide Vereine, ihre Fans und die Medien haben jeweils mehr oder weniger zu diesem Bild beigetragen, es kultiviert oder auch versucht zu übermalen. Die Koketterie mit dieser augenscheinlichen Gegensatz ist nicht zu übersehen und auch wenn Union sich betont desinteressiert gibt, hat das Ganze dann doch eher den Anschein, als würde man versuchen sich weniger darüber zu definieren, was man ist, sondern, was man nicht ist, nämlich nicht Hertha.
Hertha und Union: Was wollen die Klubs?
Während Union allerdings noch vollends im modernen Event-Fußball, mitsamt seiner Dynamik, ankommen muss, steckt Hertha, siehe Windhorst, schon längst drin. Das bedeutet aber auch, dass Union sich einer wichtigen Frage stellen muss: Wen wollen sie eigentlich als Fans haben? Hertha hat diese Frage schon längst für sich beantwortet. Der Anspruch ist hier ganz Berlin mitzunehmen, also sowohl den ehrlichen Malocher aus Reinickendorf als auch die neureichen Yuppies aus Charlottenburg. Das der Verein hier manchmal übers Ziel hinaus schießt und die Zusammensetzung seiner Fanbasis anders bewertet, als sie eigentlich ist, steht dem Ursprungsgedanken nicht im Weg: Hertha will DER Berliner Klub sein.
Unions Lokalpatriotismus richtet sich zunächst erstmal auf den eigenen Bezirk, im nächsten Schritt auf den Ost-Teil der Stadt. Das ist marketingtechnisch sehr charmant, blendet die Realität aber gewieft aus. Union ist natürlich nicht mehr nur der Köpenicker Club, sondern genauso ein Unternehmen, wie Hertha und als eben dieses daran interessiert gut zu wirtschaften und auch mehr als die 280.000 Einwohner:innen von Treptow-Köpenick anzusprechen.
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Während Union hier zurecht stolz auf das das Engagement der Fans in puncto Stadion und „Bluten für Union“ verweisen kann, stehen bei Hertha der Streit mit dem Senat über ein neues Stadion, ein Millionen-Investment und zweifelhafter sportlicher Erfolg zu buche. Der einzige Lichtblick scheint das außerordentliche Engagement von Herthas-Fanszene zu sein. Das wird von denen, die die Unterschiede zwischen den Clubs herauszustellen suchen, oft gerne bewusst vergessen. Dreht man die Uhr noch weiter zurück, erzählt Union gerne die Geschichte des Anti-Stasi-Clubs, während Hertha sich in den 70ern tief im Bundesliga-Skandal verwickelt sah.
Der Arbeiter als Marketingobjekt
Es sieht also nicht gut aus für die alte Dame. Die Öffentlichkeit hat sich festgelegt: Union steht für das, was Fußball einst war und Hertha für das, was er nie werden sollte. Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist eben dieses „Anders-Sein“, was Union die Fans einbringt, die mit dem ursprünglichen Gedanken wenig bis nichts zu tun haben. Was wir in Köpenick beobachten dürfen, ist ein gewisser positiver Klassismus-Sport-Tourismus. „Komm wir gehen mal zu Union, da sind Wurst und Bier noch zu bezahlen und von den Tribünen wird auch mal ein „Scheiße“ gerufen“. Versteht mich nicht falsch, ich zitiere hier nicht den langjährigen Unioner, sondern diejenigen, die jetzt, nachdem Union es in die erste Liga geschafft hat, ihre plötzliche Liebe zum Fußball entdecken. Das spiegelt sich auch in den Mitgliederzahlen wider. Hatte Union 2006, noch in der Oberliga spielend, 4200 Mitglieder, sind es 2021 und viele wichtige sportliche Erfolge später, knapp 38.000. Man könnte hier den Begriff „Erfolgsfans“ einwerfen und sich an den Reaktionen erfreuen, doch zurück zur Sachlichkeit.
Das Problem ist, dass der Fußball schon längst ein Lifestyle-Produkt geworden ist. Sicherlich gibt es Überbleibsel, die von seinen proletarischen Wurzeln zeugen, aber sowohl Boxing Day als auch „Werkself“ sind heute eigentlich nur noch Marketingfloskeln geworden. Mit diesem Umstand muss sich auch Union auseinandersetzen. Sollen sie ihre Kultigkeit und Authentizität weiter betonen und damit Gefahr laufen, die Menschen anzuziehen, die sich am Arbeitertum zu ergötzen suchen, bevor sie in ihre Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg zurückkehren oder sollen sie heimlich still und leise den Mahlsteinen der Kommerzialisierung hingeben?
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Natürlich muss sich auch Hertha mit diesem Konflikt befassen, dadurch, dass ihre Fan-Strategie jedoch bewusst nicht klientelpolitisch aufgeladen wird, haben sie es zumindest ein wenig einfacher. Hertha und Union ist die spannendste Berliner Sport-Rivalität, die es momentan zu erleben gibt. Natürlich gibt es Animositäten zwischen dem BFC und Union, sportlich ist die Bundesliga jedoch nun mal am interessantesten. Union scheint sich hier als „Anti-Hertha“ durchaus zu gefallen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Doch das funktioniert eben nur solange es Hertha in dieser Form gibt.
Sich gegen Hertha zu stellen, klappt nur, solange Hertha eben auch einen kritikwürdigen Kurs fährt. Windhorst macht es hier jeder Fußballromantiker:in allerdings auch sehr einfach. Die Kritik hier nimmt manchmal auch zynische Züge an, wie wenn, das schon erwähnte, soziale Engagement der Hertha-Fans als Marketingaktion verkannt wird. Was bleibt, ist allerdings, dass die eigene Position umso stärker wird, desto stärker der Kontrast zwischen den beiden Vereinen wahrgenommen wird.
Kaffee und Fußball
Teil des Pakets „Union“ ist eben nicht nur, das was Union ist, sondern auch das, was es eben nicht ist und das was es nicht ist, wird hier stark in den Fokus gerückt. Um solche Beziehungen der Negation zu verdeutlichen greift der slowenische Philosoph Slavoj Žižek gerne auf einen Witz aus dem Film „Ninotschka“ vom großen Berliner Ernst Lubitsch zurück : „Ein Mann bestellt in einem Restaurant einen Kaffee ohne Sahne. Der Kellner kommt nach fünf Minuten zurück und sagt: „Tut mir leid, mein Herr, aber wir haben keine Sahne mehr, kann es auch ohne Milch sein?“ Obwohl das faktische Ergebnis in beiden Fällen das Gleiche ist, spielt das, was im Kaffee nicht drin ist eine ontologische Rolle. In anderen Worten: In beiden Fällen bekommt man einen Berliner Fußball Klub (schwarzer Kaffee), doch einmal ist dieser bewusst nicht Hertha (ohne Milch) und im anderen Fall nicht Union (ohne Sahne). Beides kann seinen Status jedoch nur behaupten, solange es eine Alternative gibt.
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Vor diesem Hintergrund schickt sich vielleicht eine andere Anekdote an. Tommi Schmitt, seines Zeichens, Gladbach-Fan, Co-Host von „Gemischtes Hack“ und Union-Sympathisant: „Union ist ein schöner bunter Fleck in dieser Liga. [..] Eigentlich genau das, was Hertha immer sein wollte.“ Er erzählte jüngst in einer Folge „Gemischtes Hack“, wie er versuchte in einem hippen Berlin-Mitte Café einen Kaffee mit Milch zu bekommen. Der klischeehaft stark tätowierte, Man Bun tragende Barista verwehrte ihm diesen Wunsch jedoch unter dem Verweis auf das Konzept des Cafés. Man schenke einfach keinen Kaffee mit Milch aus, das würde die Aromen kaputt machen.
Was das im Bezug auf das Derby und den vermeintlichen Clash zwischen „echt“ und „fake“ heißt, kann sich jeder selbst zusammenreimen.
Es ist passiert. Hertha hat den DeLorean rausgeholt und ist direkt ins Jahr 2015 zurückgekehrt. Doch statt Biff und einem spießigen Marty McFly wartet der Sportalmanach mit einem anderen bekannten Gesicht auf: Pál Dárdai ist wieder Cheftrainer der alten Damen und versucht sie in einer Sonderausgabe von Extreme Makeover wieder auf Spur zu bringen. Ein Kommentar.
Dárdai Ante Portas
Spätestens nach dem 1:4 gegen Bremen war klar, dass Michael Preetz nicht mehr zu halten sein würde. Mit ihm musste Cheftrainer Bruno Labbadia seinen Posten räumen. Zu wenig Punkte, ein unhomogenes Team samt enttäuschender Transferphase und geringe Chancen auf Besserungen ließen das Damoklesschwert schließlich auf die maßgeblich Verantwortlichen niederfallen. Schnell wurden gewichtige Namen kolportiert. Von Ralf Rangnick bis Peter Neururer schien jeder freie Trainer mit Hertha in Verbindung gebracht zu werden.
Medienberichte legten sich jedoch schnell fest: noch bevor CEO Carsten Schmidt Vollzug meldete, waren sich BILD, Kicker und sogar die Tagesschau einig: Hertha-Ikone und Milchreis-Sommelier Pál Dárdai sollte die krisengebeutelte alte Dame übernehmen. Die Personalie Arne Friedrich als handelnder Geschäftsführer Sport füllte bereits am Tag zuvor das Loch, was durch die Entlassung von 25 langen Hertha-Jahren hinterlassen wurde. Auf 227 Spiele mit 93 Toren folgen 231 Partien mit 14 Treffern.
Not the hero we deserved, but the hero we needed
Komplettiert wurde der Schultheiß-feuchte Traum durch „Zecke“ Neuendorf, der fortan das Vergnügen haben wird, an der Seite von Dárdai Cunha, Piatek und Co. das deutsche Wort „malochen“ beizubringen.
Während der Trainervorstellung wurde eines jedoch schnell klar: Hertha hat Pál Dárdai nicht verdient. In einer Welt in der Milliardenerträge nur durch vermeintlichen Kult aufgewogen werden können, in der sich jedes Wochenende 22 Millionäre zum Kicken treffen und die der Moloch auch in einer weltweiten Pandemie weitergefüttert werden muss, sind nur Torbeteiligungen von Artur Wichniarek seltener als echte Vereinstreue.
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Im Sommer 2019 noch als wenig zukunftsträchtig geschasst, kehrt Dárdai nun an die Seitenlinie zurück. Viel hat sich geändert, doch wer die Trainervorstellung gesehen hat, kann sich sicher sein: Dárdai bleibt gleich. Ein Mann, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt, keinen Groll hegt, dem Geld egal ist und den Verein stets über seine eigenen Befindlichkeiten stellt. Wenn es jemanden gibt, von dem diese Werte auf die Individualisten-Truppe aus Westend abfärben kann, dann ist es Dárdai.
Ein Trainer sie alle zu binden
Der lang ersehnte Kulturwandel, er liegt in erreichbarer Ferne: Friedrich und Neuendorf stehen für eine neue Generation Hertha und auch wenn manch einer in der Verpflichtung Dárdais eine Zirkulärbewegung zu erkennen meint, kann dieser Schritt zurück, zwei nach vorne bedeuten.
Tennor Investment, Klinsmann-Posse und Chaoten-Saison haben Spuren bei den Fans hinterlassen. Der deutliche Protest gegen Preetz zeugt davon. Eine UN-Friedensmission war deshalb mindestens genauso nötig, wie die tabellarische Stabilisierung. Carsten Schmidt und Arne Friedrich haben beide zu viel Erfahrung, um das zu ignorieren. Beide wissen: ziehen die Fans nicht mit, spielt es auch keine Rolle, wer der Übungsleiter sein wird. Die Marke „Hertha BSC“ lässt sich nicht einfach aushöhlen und sportlicher Erfolg wird nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kurve entschieden.
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Dárdai ist daher die logische Wahl. Um Hertha zu helfen, verordnet sich Hertha eine Kur Hertha. Darüber hinaus hat der Gulasch liebende Ungar gezeigt, dass er es durchaus vermag sportlichen Erfolg zu verzeichnen. Seine Qualität liegt hier weniger in der taktischen Finesse, sondern in Fähigkeit durch Druck und Charme eine Mannschaft zu formen. Ist die individuelle Klasse unbestreitbar im aktuellen Kader zu finden, ist es genau diese Komponente, die fehlt.
Man kann an dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment anstellen: nehmen wir an, dass Dárdai die Fähigkeiten eines Kaders durch Zusammenschweißung potenzieren kann. Je höher das individuelle Niveau der Spieler, desto größer dann auch das Potential eines so geformten Teams. Nun stellen wir die rhetorische Frage: welches Potential wird letztendlich höher sein? Das der Mannschaft mit Hegeler, Allagui, Kauter und Konsorten oder das der um Cunha, Boyata und Tousart?
Aus der Not eine Tugend machen
Inwieweit die neue Troika das Fan-Herz nicht nur mit Nostalgie-Pflastern, sondern auch mit Erfolgsrausch zu heilen vermag, steht noch aus. Das Ergebnis dieser Frage bestimmt auch das Schicksal eben jenes Dreigespanns. Sollten sich gute Ergebnisse einstellen, gibt es eigentlich keinen Grund nicht Hand in Hand in die neue Spielzeit zu gehen. Hält man die Klasse jedoch nur mit Ach und Krach, ist jeder Vertrag das Papier nicht wert, auf dem er besiegelt wurde.
Sollte Pál Dárdai Hertha tatsächlich in eine rosig-blau-weiße Zukunft führen, dann ist nur die Genugtuung allen Kritiker:innen gegenüber schöner, als das Gefühl sich endlich wieder auf den Spieltag freuen zu können. Hertha würde so zum Paradebeispiel werden, wie man das Geschäft Fußball mit Tradition in Einklang bringen kann. Sollte Dárdai allerdings scheitern und entlassen werden, stellt sich die Frage, ob er je wieder antworten wird, wenn Hertha erneut um Hilfe ruft. Die Spielschau soll beginnen.
Der Zustand von Hertha BSC ist erschreckend. Eine Glosse.
Es läuft nicht in der Hanns-Braun-Straße. Der Lutter & Wegner Sekt, Mampe und der Kaviar aus dem KaDeWe – nach dem Einstieg Tennors noch in rauen Mengen geordert – sind längst aufgebraucht. Die neue Lieferung, die eigentlich für die Herbstmeisterschaftsfeier ankommen sollte, wurde heimlich still und leise abbestellt. 16 Punkte aus 15 Spielen. Nur die Bilanz von WireCard ist weiter von Anspruch und Wirklichkeit entfernt, als die der alten Dame aus Berlin.
Dass es so weit kommen konnte, ist auch der Verdienst des Michael P. Während seiner 11-Jährigen Amtszeit sind seine Haare grauer geworden. Sinnbildlich für die Entwicklung des Vereins, für den er als Geschäftsführer Sport die Verantwortung trägt. Nun kann man Haare färben, Punkte aber nicht. Seit einiger Zeit bewegt sich die technisch limitierten, aber im Strafraum hocheffektiven Stürmer-Ikone immer weiter ins Abseits. Das Berlins begabtester Shopping-King dort steht, ist auch selbstverschuldet. Mit Bruno L. und Arne F. wurden zwei kompetente Gehilfen geholt, die dem GFS nicht nur in Sachen Ausstrahlung und PK-Präsenz den Rang ablaufen, sondern ihn auch, wenn es darum geht, den attraktivsten Hertha-Funktionär zu identifizieren, auf die hinteren Plätze verweisen. Als Hertha-Fan betet man nach jedem verkorksten Spieltag und der Corona-konformen, einsam durchzechten Frustsaufnacht, zum Fußballgott, auf dass der neue starke Mann Carsten S. den erlösenden Abseitspfiff endlich ertönen lasse mögen.
Elf Jahre ohne nennenswerte Fortschritte. Findige ÖRR-Kabarettisten würden an dieser Stelle launige Vergleiche mit dem BER anstellen. Die müden Rentner in den ersten drei Reihen hätten gelacht und ihren Freunden beim Zoom-Canasta-Abend vom „Klasse Auftritt“ erzählt, den sie letztens erlebt haben. Wie schön wäre es, dieses Prädikat auch mal wieder und vor allem regelmäßig bezüglich Hertha anbringen zu dürfen. Deuteten die Vorzeichen vor neuen Saison noch auf ein Live-Spektakel à la Superbowl-Show hin, fanden sich Mannschaft und Fans schnell in einem Zustand wieder, der eher an den Auftritt von Helene Fischer beim DFB-Pokal 2017 erinnerte.
Apropos Pokal. Wunder sind möglich. Doch als Hertha-Fan klagt man den Fußball-Gott auch diese Saison wie schon so oft an, warum er einen den verlassen hat. Will man keine Affäre mit der kultigen, aber ein bisschen zu sehr nach 2,50€ Brautwurst und Berliner Pilsner riechenden, Dame von „Drüben“ anfangen, bleibt dem krisenerfahrenen Verehrer der Charlottenburger Möchtegern-GILF nur die andere Wange hinzuhalten oder der Rückzug in den Stoizismus. Vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
O Zeiten, O Sitten. Die Fans bemerken es, doch der Präsident schweigt und genießt. Wie lange unsere Geduld noch missbraucht werden soll, weiß nur er selbst. Doch eins ist sicher: Offiziell ist‘s, wenn der Lange nicht mehr twittert.
Basierend auf einem Gedanken unseres Co-Gründers Marc Schwitzky, beleuchten wir in diesem Text die gute alte Zeit und wieso gerade die alte Dame dort Probleme hat.
Ein Tag im Herbst
Es ist der 30. September 2000, 15:30. 37714 Zuschauer:innen genießen, im damals noch nicht umgebauten Olympiastadion, bei wolkenlosen 17 Grad bestes Fußballwetter als Edgar Steinborn den 7. Spieltag der noch jungen Saison 2000/2001 anpfeift. Die Hertha um Trainer Jürgen Röber, Michael Preetz, Marko Rehmer, Dick van Burik und Supertalent Sebastian Deisler trifft auf den 1. FC Köln.
Das Spiel läuft nicht wirklich gut. Innerhalb von 5. Minuten schenkt der Effzeh der alten Dame zwei Tore ein, sodass es nach einer halben Stunde schon 0:2 steht. Die Fans im halb gefüllten Olympiastadion stellen sich auf eine erneute Niederlage ein (am Spieltag zuvor hatte man 2:5 gegen Unterhaching verloren). Doch dann kommt es anders. Alex Alves, der 15 Millionen Mark Königstransfer aus Brasilien, legt sich den Ball nach dem Anstoß zurecht und verwandelt aus 52 Metern zum 1:2. Hertha dreht das das Spiel und gewinnt mit 4:2 durch einen Treffer von Preetz und einem Doppelpack von Daruisz Wosz.
(Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images)
Einer der Zuschauer, die dieses Kunstwerk eines Tores miterleben durfte, war gerade einmal fünf Jahre alt und saß mit seinem Vater und seiner Schwester von der Ostkurve aus gesehen links im Oberring. Es war mein erstes Hertha-Spiel.
Legen-, wait for it, -dary
Wo wart ihr, an diesem Tag im Herbst? Mit wem habt ihr das WM-Finale 2014 geguckt und erinnert ihr euch noch, als wir vor Jahren die Bayern 2:0 zuhause geschlagen haben? Das immer wieder Erzählen der Vergangenheit gehört zum Sport einfach dazu. Viele Vereine kultivieren Heldengeschichten von Vereinsikonen und vergangene Erfolgen sorgsam. Die Erinnerungen bilden eine narrative Basis, die die Fanszene vereint. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob man selbst dabei gewesen ist.
Ich denke, dass mir fast jeder zustimmen wird, wenn ich Ete Beer und Hanne Sobek als Hertha-Legenden bezeichnen würde. Aber hat die einer von euch spielen gesehen? Was kennen wir von Ihnen, außer romantische, immer wieder am Tresen erzählte Geschichten und alte Statistiken? Doch es sind diese Geschichten, die die Bindung nicht nur zwischen Fans und Verein, sondern auch innerhalb der Fanszene ermöglichen. Das kann viele Formen annehmen. Zum Beispiel Rituale, Fangesänge, Vereinshymnen und historische Spielorte. All das erzeugt Verbundenheit, auch wenn man eigentlich überhaupt keine Ahnung hat, warum gerade ein alter Schlager von Frank Zander es vermag bei einem Gänsehaut zu erzeugen.
Nostalginho
Kollektive Erinnerungen sind das eine. Nostalgie hingegen das andere. Auch wenn beides zusammenhängen kann, Nostalgie beschreibt die Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst erlebt hat. Man kann zwar auch nostalgisch bezogen auf Zeiten sein, die man nur aus Erzählungen kennt, das Gefühl, was uns aber allen am bekanntesten sein dürfte, ist auf Zeiten bezogen, mit denen man Erfahrungen aus erster Hand verbinden kann.
Dieser Umstand begrenzt den Personenkreis, die Nostalgie erleben können auf die, die zu dieser Zeit am Leben waren. Probiert es selbst aus. Denkt an die beiden Deutschen Meisterschaften 1930 und 1931 zurück. Wer wäre nicht gerne bei den beiden Endspielen gegen Holstein Kiel und TSV 1860 München dabei gewesen? Aber sehnt ihr euch in diese Zeit zurück? Wahrscheinlich nicht, außer ihr habt es selbst miterlebt und seid damit mindestens 95 Jahre alt.
Die persönliche Lebenszeit bestimmt also die Ereignisse, zu denen man eine nostalgische Bindung aufbauen kann. Ein weiterer Faktor ist das diese Zeit als positiv erlebt werden muss. Gemeinsame Erinnerungen hin oder her, man denkt sicher nicht gerne an das verlorene Derby letzte Saison oder die 0:4 Klatsche gegen den KSC am letzten Spieltag der Spielzeit 2008/09 zurück.
(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)
In diesem Punkt hat Hertha allerdings ein Problem. Es gibt kaum Erfolge. Der letzte „Titel“ ist der Intertoto Cup 2006, ein Wettbewerb, von dem ich bis zu diesem Text noch nie gehört habe. Ohne wirkliche Erfolge fehlt den Fans ein historischer Anker. Klar kann man stundenlang über Marcelinho und Pantelic schwärmen, aber diese großen Spieler sind nicht wirklich mit dem Gewinn eines Titels zu vergleichen. Auch Erfolge wie die Bundesliga-Aufstiege 2011 und 2013 sind nur bedingt geeignet. Das Selbstverständnis des Vereins war damals, dass der Erstklassigkeit und so gesehen, war das schon gut, aber eben auch nicht überraschend (der erstmalige Aufstieg von Union ist zum Beispiel was ganz anderes, dort war man eher an die zweite Liga gewöhnt).
Wie viel ist Erfolg wert?
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Vergleich mit anderen Vereinen. Fast alle von Ihnen konnten in den letzten Jahren relative Erfolge feiern. Ob der Pokalsieg von Frankfurt, Nürnberg oder die Meisterschaften von Stuttgart, Bremen, Wolfsburg oder Dortmund. Letztere habe mit Jürgen Klopp sogar einen Namen, der synonym für die „gute alte Zeit“ steht.
Ein Wort am Rande zu RB Leipzig. Auch wenn ich persönlich dem Investoren-Fußball nicht ganz so kritisch gegenüberstehe, solange er nicht an den Fans vorbei und nachhaltig gestaltet wird, zeigen die hier aufgeführten Schlüsse doch, dass sich eine auf der gemeinsamen Geschichte aufbauende Fanidentität bei den Leipzigern, wenn überhaupt, erst sehr langsam und spät aufbauen kann. Der Zeitpunkt, ab dem man über die Bezeichnung „Traditionsclub“ nachdenken könnte, fällt wahrscheinlich mit meinem Renteneintritt zusammen. Momentan ist der historische Kern dieses Clubs so leer, wie die Dosen seines Hauptsponsors nach einer feuchtfröhlichen Wodka-E-Dorfdisco-Nacht.
Dabei funktioniert der Erfolg über Kontrast. Kaiserslautern schaffte es vom Aufsteiger zum deutschen Meister und auch wenn es bei den Bayern ein bisschen schwer ist in der jüngsten Zeit ein Leistungstief zu finden, der Champions League Titel 2013 hätte wahrscheinlich weniger süß geschmeckt, wenn man nicht im Jahr zuvor so tragisch verloren hätte. Auch hier werden die Probleme bei RB deutlich. Wenn Erfolg vorprogrammiert ist, dann ist er eben auch weniger wert.
Erfolge schaffen Fans
Jetzt spielt uns unser Verstand allerdings einen Streich. Wir idealisieren die Vergangenheit. Wir erinnern sie positiver, als wir sie damals erlebt haben und wir sind oft nur auf das Ergebnis bedacht. Klar war es geil, als Hans Meyer uns 2003/2004 vor dem Abstieg gerettet hat. Aber fanden wir das damals berauschend, die ganze Saison nicht über den 12. Tabellenplatz hinaus zu kommen? Wir erinnern uns fast nur an die Erleichterung am Ende, nicht die Agonie davor.
Was Hertha also braucht sind richtige Erfolge. Versteht mich nicht falsch. Ich habe keine Angst, dass uns die Fans abhandenkommen. Ich bewundere die Fanszene für ihr beispielhaftes Verhalten und Leidensfähigkeit. Doch seien wir mal ehrlich, jedes Heimspiel im ausverkauften Olympiastadion zu erleben, wäre schon geil. Doch dazu müssen die Leute Hertha erstmal lieben lernen – wenn man nicht gerade von jemanden inauguriert wird, der schon Fan ist, funktioniert das am besten über die schon angesprochenen Erfolge. Sie bilden nicht nur eine potentielle nostalgische Basis, sondern wecken auch Interesse. Denn: eine weitere Eigenart des Menschen ist es, gerne auf der Gewinnerseite stehen zu wollen. Wer jetzt hinsichtlich der „Erfolgsfans“ pikiert die Nase rümpft, der möge sich klar werden, dass aus diesem anfänglich auf Erfolg beruhendem Interesse durchaus eine tiefe Bindung entstehen kann.
Mehr Fans bedeutet mehr Unterstützung, mehr Unterstützung bedeutet mehr Geld, bessere Stimmung und auch mehr Siege. Es ist eine simple Rechnung und bei aller Fußballromantik: 2:0 gegen Bayern ist besser als 1:6 gegen Dortmund.
Windhorstsche Zeiten
Bei all dem Trubel um den Investoreneinstieg, ist ein allgemeines Gefühl der Nostalgie nicht verwunderlich. Unser Co-Gründer Marc (dem ich die Inspiration zu diesem Artikel verdanke) hat eigens dazu zusammen mit Louis Richter den Twitter-Account Es war ein mal ein Pal aufgemacht. Manch einer wünscht sich die gute alte Zeit unter Pal Dardai zurück, als die brennenden Fragen noch die Qualität des Hoffenheimer Milchreis oder „richtig gute Kalbsschnitzel“ betrafen. Als alles noch einfacher schien und das größte Problem des Vereins die “Hintenrumscheiße” war.
(Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)
Das ist deshalb verständlich, als dass Nostalgie besonders dann wirkt, wenn ein Teil der aktuellen Identität bedroht ist. Man sucht also Anhaltspunkte aus der Vergangenheit, um die Bedrohung der Gegenwart zu bekämpfen. Konkret zeichnet sich diese Bedrohung durch den erwähnten Einstieg des Investors ab. Hertha läuft Gefahr in einem Atemzug mit RB Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg genannt zu werden. Man wäre nicht mehr Fan eines Traditions-, sondern Kommerzklubs. Um diese Dystopie abzuwenden, sehnt sich manch einer in die Zeit zurück, als man zwar nicht gut, aber wenigstens ehrlich gekickt hat und Ingo Schiller wahrscheinlich persönlich das übrig gebliebene Becherpfand eingesammelt und für die Tilgung der Schulden verwendet hat.
Ihr merkt den zeitlichen Bezugsrahmen der Nostalgie. Die Ära Dardai ist nicht allzu lange her und damit die am weitesten verbreitete kollektive Erinnerung. Wenn man sich über sieben Kindl in der Herthakneipe verliert, dann hört man sicher auch die Geschichten über den Wiederaufstieg 1997. An Dardai erinnern sich aber einfach mehr Fans und daher ist diese Zeit einfach geeigneter. Dazu kommt der angesprochene Kontrast. Der Berliner Rekordspieler, die Altstars Kalou und Ibisevic und der im Hintergrund lauernde goldene 99er Jahrgang schreiben das schönere Fußballmärchen als ein Rekordtransferwinter à la Klinsmann.
Der Blick nach Vorne
„Mehr als die Vergangenheit, interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, sollt Albert Einstein mal gesagt haben. Und auch wenn man dem Nobelpreisträger vorsichtig hinsichtlich der Bedeutung der Vergangenheit widersprechen darf, trifft er einen wahren Kern. Der idealisierte Blick zurück, mag einem die wärmende Illusion der guten alten Zeit versprechen, doch je länger diese Zeit zurück liegt, desto schwächer, ungeeigneter und verklärter wird sie. Die nächsten Fangenerationen werden Pal Dardai nur noch aus Statistiken und von alten Arcor Trikots kennen.
Es ist einerseits wichtig, diese Ikonen nicht sterben zu lassen, aber auch, dass die Herthaner:innen der Zukunft ihre eigenen positiven Erfahrungen machen können. Das kann ein Titel sein. Vielleicht ist es auch der Wiederaufstieg nach Jahre langer Zweitklassigkeit oder einfach ein Sieg auswärts in München. Unabhängig dessen, freue ich mich über jeden Sieg, den ich mit anderen Herthaner:innen feiern kann. Diese Erlebnisse bauen das Fundament, auf dem der Verein und seine Geschichte weiterbesteht. Und wenn mich meine Kinder mal fragen, warum ich diesen Verein so liebe, dann erzähle ich ihnen nostalgisch die Geschichte von Alex Alves und hoffe, dass sie eine ähnliche erleben dürfen.
[Titelbild: Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images]
Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?
Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?
“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”
So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:
„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:
jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
jegliche diskriminierende Organisation,
jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“
Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.
Politik ja, aber nur das was wir wollen.
Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.
American Weston McKennie is wearing a “Justice for George” armband during Schalke’s match vs. Werder Bremen. pic.twitter.com/CB9hib6eha
Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.
Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.
Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.
Fußball als politisches Vakuum?
Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.
Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.
Sport war, ist und bleibt ein Politikum
Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.
Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt.
Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.
Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)
Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.
Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?
An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.
Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.
Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.
Auch Hertha geht wählen
Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.
Foto: IMAGO
Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.
Welchen Umgang wollen wir finden?
Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.
Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.
Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.
Fußball nicht nur Rückzugsort
Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?
Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.
Foto: IMAGO
Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.
Das Private ist politisch
Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.
Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.
Poldolski hatte Recht
„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.
(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)
Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.
Worauf es ankommt
Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.
Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.
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