Die Welt entzweit sich. Es herrscht ein Klima der politischen Polarisierung. Man gewinnt den Eindruck, als wäre unsere gesellschaftliche Integrität bedroht wie nie zuvor. Ob Corona-Maßnahmen, struktureller Rassismus oder die Frage danach, wie man eine Soße nennen darf. Der Ton der Auseinandersetzung ist definitiv lauter und schriller geworden. Da wäre es doch schön einen gewissen Raum zu haben, in dem man für eine begrenzte Zeit allen Streit hinter sich lassen könnte. Kann Fußball diesen Raum bieten?

Sag mir DFB, wie hast du‘s mit der Politik?

“Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.”

So steht es in den offiziellen DFB-Fußballregeln der Saison 20/21 (Regel 4, Absatz 5.). Weiter heißt es:

„Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

  • jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),
  • jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/Organisation/Vereinigung etc.,
  • jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,
  • jegliche diskriminierende Organisation,
  • jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,
  • jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.
  • Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken.“

Soviel zur Theorie, jetzt zur Praxis.

Politik ja, aber nur das was wir wollen.

Es ist nicht schwer, das Ziel dieser Regel herauszulesen. Der DFB, respektive die FIFA will ihr Produkt kontrollieren. Zwar gibt es offizielle klar politische Aktionen, die müssen jedoch vom Verband abgesegnet werden oder werden direkt von ihnen geplant. Ob vor Spielen vorgelesene Anti-Rassismus-Statements, Schweigeminuten für Covid-19-Opfer oder Binden oder Trikots in Regenbogenflaggen. Fußball ist schon längst zur politischen Bühne geworden. Gleichzeitig werden Anti-rassistische Solidaritätsbekundungen von Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Weston McKennie unter Verweis auf obige Regel „geprüft“. Auch wenn es in diesem letzten Fall keine Sanktionen gab, wird deutlich, dass die Verbände großes Interesse daran haben, dass der Politik im Fußball wohl dosiert geschieht. Das geht dann soweit, dass selbst dann Vorgänge geprüft werden, wenn deren Inhalt eigentlich mit den Zielen vergleichbarer, offizieller Aktionen vereinbar sind.

Das kann und sollte man auch kritisieren. Gleichzeitig begibt man sich in diesem Punkt auf einen gefährlichen Pfad. Denn wenn man den Weg für politische Äußerungen von Spielern auf dem Feld freimacht, geht man das Risiko ein, dass sie sich mit unter so äußern, wie man es eben nicht gerne hätte. Hertha BASE zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit unter dem Motto #wirsindmehr, explizit gegen Rechtsextremismus und Faschismus positioniert. Deshalb ist klar, dass Aktionen, wie die von Sancho, Hakimi und McKennie, von ihrer Richtung her auf unsere Zustimmung treffen. Wären die Spieler dafür sanktioniert worden, hätten wir das vermutlich mit großer Missgunst aufgenommen. Umgekehrt hätten wir es wahrscheinlich begrüßt, wenn Spieler für ein rassistisches Statement sanktioniert worden wäre. Das Unwohlsein hätte sich dann daraus ergeben, wenn das eben nicht passiert wäre.

Die Sache hängt also auch von der eigenen politischen Ausrichtung ab und ohne das reale und das hypothetische Beispiel moralisch auf eine Stufe zu stellen, zeigt das durchaus die Schwierigkeit hier eine generelle Grenze zu finden. Die Verbände haben sich jedoch dazu entschieden, beides auf den ersten Blick erstmal gleich zu behandeln. Das bedeutet, dass nach den Regeln ein SPD-T-Shirt ebenso ein Regelverstoß wäre, wie das der NPD. Der krasse Gegensatz ist deutlich. Aus den oben angeführten Gründen kann man allerdings nachvollziehen, dass der DFB hier eine klare rote Linie zieht und im Zweifel ex post facto entscheidet.

Betrachten wir die Situation in den Stadien, dann gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb die Funktionäre politisches auf ein Minimum reduzieren wollen. Was bleibt ist jedoch der fade Beigeschmack, dass Spieler zu bloßen Statisten degradiert werden. Vor dem CL-Finale ein Statement vorlesen? Ja bitte. Ein T-Shirt mit „Meine Kraft liegt in Jesus“ während des Spiels zeigen? Nein. Doch auch hier scheint es Spielraum zu geben. DFB-Präsident Keller äußerte sich nach der nicht-Sanktionierung im Fall Sancho, Hakimi und McKennie: “Wer die auch in der DFB-Satzung verankerten Werte des Fußballs proklamiert, darf nicht bestraft werden. Wir wünschen uns mündige Spielerinnen und Spieler, die mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen von unseren Werten überzeugen. Das muss möglich sein”. Es ist und bleibt jedoch eine schwierige Debatte. Jedes Mal, wenn man glaubt eine Lösung gefunden zu haben, flutscht einem ein anderes Beispiel durch die Finger. Im Konkreten Beispiel hängt viel am Selbstbild des DFB. Er ist die moralische Instanz, die darüber entscheidet, welche Äußerungen in Ordnung sind und welche nicht.

Fußball als politisches Vakuum?

Doch während man Politik vielleicht aus dem konkreten Stadion unter Strafandrohung erfolgreich fernhalten kann, ist das außerhalb so gut wie unmöglich. Auch wenn Ralf Rangnick 2018 noch folgender Meinung war „Der Fußball kann grundsätzlich viel zusammenbringen, auch Themen einen, die sonst schwierig zu vereinen sind. Dazu muss Fußball aber versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen.” Anzunehmen, dass Fußball in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet, ist erschreckend naiv. Die Vermarktungsstrategie versucht das krampfhaft zu umgehen. Spiele und Saisons werden uns als singuläre Ereignisse verkauft, die mit der Außenwelt nicht viel zu tun haben und einen diese für 90 Minuten vergessen lassen. Der Erfolg spricht Bände. Fußball hat diese Wirkung, doch das bedeutet nicht, dass er gänzlich unpolitisch wäre.

Unter einer gewissen Perspektive besteht Fußball nur aus einem Ball, 22 Spieler:innen und zwei Toren. Dieser rückwärtsgewandte Blick vernachlässigt allerdings alles, was nach der Entstehung des Fußballs passiert. Denn ein Ball, 22 Spieler:innen und zwei Tore reichen nicht aus, um ein globales Massenphänomen zu erklären, es sind eben nicht nur „ 22 Typen, die einem Ball hinterherrennen“. Nicht vergessen werden darf nämlich die dynamische Entwicklung, resultierend aus der Vermarktung des Fußballs als unpolitisches Produkt. Auch wenn der moderne Fußball als politisch neutrales Produkt vermarktet wird, müssen Intention und Realität nicht unbedingt beieinander liegen. Das Ganze ist ein emergentes Phänomen, sprich mehr als die Summe seiner Teile.

Sport war, ist und bleibt ein Politikum

Um die Rolle des Fußballs und des Sports vollständig zu begreifen, müssen wir das Phänomen sowohl historisch als auch zeitgenössisch untersuchen. Gleichzeitig müssen wir das vollbesetzte Stadion als einzelnes Teil in einem dynamischen System voller unterschiedlicher Akteure begreifen. Fangen wir also ganz von vorne an und ich meine wirklich ganz von vorne.

Für fast 1300 Jahre waren die Olympischen Spiele der Antike ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis. Bedingung ihrer Möglichkeit war der sogenannte „Olympische Frieden“, ein Abkommen unter den mächtigsten griechischen Stämmen um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auch wenn diese Vereinbarung wiederholt gebrochen wurde, man erkennt hier schon in der Realisierung dieses Sportereignisses eine politische Komponente. Der sportliche Ruhm wurde dabei als politisches Mittel erkannt. Der römische Kaiser Nero trat 67 n.Chr. bei sechs Disziplinen an, die er allesamt – wohl durch Bestechung – gewann. Auch das Ende der Spiele war politisch. Sie wurden im 4 Jhd. n Chr. als heidnisches Fest verboten. Verantwortlich war der römischen Kaiser Theodosius I., der das Christentum de facto zur Staatsreligion machte und deshalb Feste zu Ehren der alten Götter nicht gebrauchen konnte. Von ihrer Entstehung, über ihre Entwicklung bis hin zum Ende der Spiele waren sie nicht nur politisch bedingt, sondern wurden auch im gleichen Maße genutzt. 

Das zeigt sich auch in ihrem Neuauflage und wahrscheinlich nirgends so gut, wie im Berliner Olympiastadion. Dieser Monumentalbau des Nationalsozialismus verkörpert wie kein anderer das Ziel dieser Spiele: die Überlegenheit und falsche Legitimität der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialistischen Deutschlands zu demonstrieren.

Das Berliner Olympiastadion als Kulisse für die Olympischen Spiele 1936. (Foto: IMAGO)

Über diesen historischen Umweg schlagen wir den Bogen zurück zum Fußball. 1954, Bern, Stadion Wankdorf, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Das Narrativ dieses Fußballwunders ist eng verbunden mit den politischen Geschehnissen in der BRD. Eine wirtschaftlich widererstarkte Nation, die sich ihr Ansehen durch Tatendrang und Fleiß auch auf dem Sportplatz zurückgewinnt. Besonders in Deutschland war der Fußball immer politisch aufgeladen. 1974 im Spiel gegen die DDR, l 1990 im Geiste der Wiedervereinigung, sowie der zur Schau getragene Fahnenpatriotismus während des Sommermärchens 2006. Angela Merkel ließ sich 2010 noch mit Mesut Özil ablichten, nicht wissend, dass ach Jahre später ein anderes Foto mit einem anderen Regierungschef den gleichen Spieler verfolgen würde.

Mitsingen der Hymne als Zeichen der Integration?

An dieser Stelle wären eine Million anderer Beispiele möglich. Das aktuell vielleicht wichtigste ist die Auseinandersetzung in den vereinigten Staaten um das Niederknien während der Nationalhymne. Dabei wird der paradoxe Anspruch an die Spieler wieder einmal deutlich: Sie sollen gefälligst ruhig sein und sich nicht politisch äußern, gleichzeitig wird das Stehen während der Nationalhymne selbst im Kontrast zum Verhalten anderer Spieler selbst zur politische Äußerung, die in diesem Kontext erwartet wird.

Das kann man wunderbar auf die Debatte zur deutschen Nationalmannschaft übertragen. Singt dort ein Spieler mit Migrationshintergrund nicht mit, wird das zum Beispiel vermeintlich gescheiterter Integration. Im gegenteiligen Szenario wird der gleiche Spieler als erfolgreicher Fall gefeiert. So oder so, die Spieler verkommen, genau wie das Produkt an sich zum Spielball politischer Interessen.

Auf die Spitze getrieben wird das natürlich nur noch durch das scheinheilige Auftreten der FIFA. Doch über die WM-Vergabe nach Katar wurde schon viel geschrieben. Was bleibt ist, dass die Romantisierung des Fußballs als ein unpolitisches Phänomen, in dem es um den Sport alleine geht steht im krassen Gegensatz zur Realität steht. Sport wurde schon immer politisch instrumentalisiert. Dabei ist die Verbannung von expliziten politischen Äußerungen im Stadion nur Effekthascherei. In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise tritt die politische Dimension des Sports nämlich auch dann zu Tage, wenn man sich anguckt, in welchem Rahmen er stattfindet. Allein, die Bundesliga in einer akuten Pandemie stattfinden zu lassen, ist eine politische Entscheidung.

Auch Hertha geht wählen

Neben Kampagnen für mehr Vielfalt, zeigt auch die „Alte Dame“, dass sie sich nicht zu schade ist, politisch Stellung zu beziehen. Das wirkt manchmal erzwungen und unauthentisch, wie die als Solidaritätsbekundung getarnte Marketingaktion eines Kniefalls á la USA im Jahr 2017, aber kommt auch mal harmlos daher, wie die Aktion zum 30-jährigen Mauerfall Jubiläum. Das Fußballer einen nachhaltigen Effekt auf das tagespolitische Geschehen haben können, zeigte sich schmerzhaft durch die Affäre Kalou.

Foto: IMAGO

Die Debatte um den Stadionneubau ist ein weiteres hervorragendes Beispiel. Vom Kleinkrieg mit Innensenator Geisel mal abgesehen, beinhalten die Pläne von Hertha unter anderem die Idee, ein neues Stadion außerhalb Berlins und damit außerhalb der Jurisdiktion des Landes zu errichten. Ein innenpolitscher Affront, der auch von den Fans nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen werden dürfte. Die Schwierigkeiten in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, zeigt eben, dass Sport und Politik weitaus tiefer miteinander verwoben sind, als man auf den ersten Blick zu ahnen glaubt.

Welchen Umgang wollen wir finden?

Das alles mag vielleicht nicht neu erscheinen und ist eigentlich nur die logische Entwicklung eines Spiels, was schon längst zum Wirtschaftsfaktor und damit zum Produkt geworden ist. Wir müssen uns dennoch fragen, welche Stellung und Qualität wir der Politik diesem Produkt einräumen wollen. Wir können nicht einerseits erwarten, dass uns die modernen Gladiatoren unterhalten, die das aber bitte voller Dankbarkeit und in stiller Demut tun. Gleichzeitig sind Fußballspieler:innen Athleten und keine Politiker:innen oder Intellektuelle. Nachhaltige, geistreiche Debattenbeiträge darf man hier also auch nicht erwarten. Wer also versucht, durch das Verbannen von expliziter Politik aus den Stadien den Sport zu entpolitarisieren, lebt an der Realität vorbei.

Wo Menschen sind, da sind Interessen, wo Interessen sind, da ist Politik, auch wenn dieses Interesse darin besteht, in einer globalen Krise für 90 Minuten abzuschalten. Deshalb ist eine gänzliche Elimination jedweder Politik vollkommen unmöglich. Es ist ein Ringen um die Kompromisse und Ausgleich. Unterhaltung ja, aber auch gesellschaftliche Verantwortung. Die Balance hier zu finden, ist wichtig. Zuviel von dem Einen wird der Reichweite des Spiels nicht gerecht, zu viel von dem anderen schmälert die Illusion als vermeintlichen Rückzugsort. Letzteres können wir nicht von der Hand weisen. Fußball funktioniert auch deshalb so gut, weil diese Illusion so unfassbar gut vermarktet wird, bzw. dem Spiel inhärent ist.

Lasst uns den Fußball nicht als politische Leerstelle sehen, sondern als soziale Institution in einer pluralistischen Demokratie. Wir beschränken unsere Sicht auf Deutschland, da das die Umstände sind, die wir am ehesten beeinflussen können. Was bedeutet diese Sichtweise? Es heißt, dieses Spiel als Systemkomponente anzusehen, die, genau wie die anderen Variablen, ständigen Interaktionen ausgesetzt ist. Wir können den Sport nicht losgelöst von den Bedingungen, die ihn ermöglichen sehen. Gleichzeitig ist er mehr als diese Bedingungen. Er ist nicht isoliert und jeder Versuch ihn zu isolieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Fußball ist nur erfolgreich, weil er auf Interesse der Bevölkerung stößt. Ist dieses Interesse nicht mehr vorhanden, weil das Spektakel unsere Interessen nicht mehr ausreichend vertritt, dann ist er auch nicht mehr erfolgreich.

Fußball nicht nur Rückzugsort

Man könnte jetzt die dunklen Machenschaften korrupter Funktionäre anführen, die ein süchtig machendes Produkt erfunden haben, dem wir alle willenlos ausgeliefert sind. Fußball ist aber keine Droge. Er verkauft zwar eine Illusion, die ist aber verdammt gut. Wichtig dabei ist, dass wir uns entscheiden, uns dieser Illusion hinzugeben. Aber handeln wir damit nicht genauso verwerflich, wie diejenigen, die unseren Willen für ihre Zwecke missbrauchen?

Ja und nein. Sicherlich hätte ein Boykott große Auswirkungen auf das die Industrie. Doch wenn wir Fußball von heut auf Morgen abschaffen würden, dann hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Fußball ist deshalb so prädestiniert für politische Instrumentalisierung, weil er so viele Menschen anzieht. Würden genauso viele Menschen Curling verfolgen, dann wäre die World Curling Federation ein Synonym für Korruption. Fußball ist Teil des Systems und wenn wir etwas am Fußball ändern wollen, dann müssen wir sowohl in der Institution, als auch am System ansetzen. Beides ist miteinander verbunden. Korruption kann nur durch Staaten unterbunden werden. Bei rassistischen Äußerungen im Stadion kann ich zwar die Polizei rufen, aber wahrscheinlich ist es effektiver, wenn ich selbst von meiner Verantwortung und meinem Kapital gebrauch mache. Es ist wie schon erwähnt ein ständiges Ringen um Verantwortung.

Foto: IMAGO

Sport ist gesellschaftlich gesehen zu wichtig, als dass wir ihn einfach eliminieren könnten. In der Illusion des Fußballs können wir wirklich alle vereint gebannt dem Spiel folgen – unabhängig von politischer Anschauung, Geschlecht oder Ethnie. Wir können nicht tagtäglich das Leid der Welt auf unsere Schultern nehmen. Wir brauchen Rückzugsorte. Das entbindet aber nicht von der gesellschaftlichen Verantwortung. Wer sich vollends zurückzieht, wird dieser eben nicht gerecht. Das gilt sowohl für die Zuschauer:innen, die Spieler, als auch die Institution Fußball selbst.

Das Private ist politisch

Auch wenn es auf dem Platz nur um das Spiel geht, bedeutet das nicht, dass neben dem Platz nichts existiert. Wir können das Produkt konsumieren, uns aber gleichzeitig dafür einsetzten, dass es nachhaltiger und ethisch gestaltet wird. Das ist der Vorteil, wenn wir selbst Teil des Systems sind. Das Spiel funktioniert einzig und allein über die Fans. Wir sind den bösen Machenschaften der FIFA nicht ausgeliefert. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir König Fußball in eine Demokratie verwandeln. Dazu braucht es aber einerseits Problembewusstsein, aber auch Zeit und Augenmaß.

Das Ganze ist pluralistisch-romantisch als Wettstreit der Ideen zu verstehen, der mit den besseren Argumenten wird schließlich die Anderen überzeugen. Wir können nicht von allen Konsumenten von heut auf morgen erwarten, dass sie sich bedingungslos für die Reformation des Spiels einsetzen und die nächste WM geschlossen boykottieren. Das müssen wir auch nicht. Es reichen einzelne Akteure, die wiederholt auf Missstände hinweisen, um Veränderungen und Debatten anzustoßen. Das ist unfassbar frustrierend weil langsam, zeigt aber Wirkung. Die Aktionen von Sancho, Hakimi und McKennie, oder die Geschehnisse in den USA zeigen, dass sich Sportler:innen ihrer Bedeutung bewusst werden und sie gezielt einsetzten. Die so entstehende Debatte ist wichtig. Denn um andere zu überzeugen, müssen wir mit ihnen reden und das bedarf eines gesellschaftlichen Diskurses, der aber auch prominenter Fürsprecher:innen bedarf.

Poldolski hatte Recht

„Ich bin immer da, ich war noch nie weg.“ Was für Prinz Poldi gilt, gilt auch für die Politik in den Stadien. Die Diskussion darüber, ob der Sport politisch ist, ist deshalb eine Scheindebatte. Sie lenkt vom wirklichen Thema ab, nämlich welche Rolle der Sport in der Politik spielen soll und darf und umgekehrt. Diese Debatte kann maßgeblich durch die Fans entschieden werden. Alles der bösen FIFA in die Schuhe zu schieben, ist kurzsichtig. Die Fans alleine für die WM in Katar verantwortlich zu machen aber auch. Was allerdings Weitsicht beweist, ist sich der Rolle aller Akteure bewusst zu werden und nicht zu versuchen dem Phantom des unpolitischen Sports hinterher zu jagen.

(Photo by MARTIN MEISSNER/POOL/AFP via Getty Images)

Bei aller berechtigten Kritik am DFB, das Resultat im Fall Sancho & Co. offenbart die demokratische Macht der Fans. In einem anderen Szenario wäre das anders ausgegangen. In einem anderen Szenario wäre es aber vielleicht auch gar nicht zu diesen Aktionen gekommen. Der DFB darf deshalb nicht dem Irrglaube unterliegen, dass er die moralische Instanz in dieser Sache wäre. Die sind und bleiben die Fans. Sie bestimmten was geht und was nicht. Im Wettstreit um die besten Ideen sind sie gleichermaßen Medium, als auch Generator. Die Fans von Schalke 04 sind zurecht empört über die Verstrickungen des Vereins in die Machenschaften von Clemens Tönnies. Hier den Kopf in den Sand zu stecken, löst aber keine Probleme. Nur Fan-Initiativen können den Wandel vorantreiben, auch wenn dieser nur quälend langsam vorangeht.

Worauf es ankommt

Kommen wir abschließend nochmal zurück zu Hertha. Wir spielen im Moment in einem Stadion, was mit einer klaren politischen Intention erbaut wurde. Doch Intention und Realität müssen wie schon erwähnt nicht immer zusammenliegen. Das verdeutlichte nicht zuletzt Jesse Owens, der den rassistischen Irrglauben der Nazis sportlich in die Schranken wies. 74 Jahre später ist da Stadion Heimat eines Vereins, der sich offen für Vielfalt und Integration einsetzt und dessen Botschaft von den Fans mitgetragen wird. Das Stadion als Symbol wurde umgedeutet, jedoch ohne die historische Bedeutung zu vernachlässigen. Verein, Fans, als auch Spieler solidarisierten sich mit Jordan Torunarigha, während der DFB eher unglücklich dabei aussah.

Alle Fußballfans haben, jeder für sich, Verantwortung, als auch Kapital, die Institution, die ihnen so viel bedeutet, zu verändern. Andere von seiner Idee zu überzeugen, gehört ebenso dazu, wie bereit dafür zu sein, sich überzeugen zu lassen. Führt also jemand an, dass Politik in den Stadien einen Dammbruch bedeuten würde und das Spiel fortan zum Politikum avancierte, ist die Antwort nicht nur, dass es das schon längst ist, sondern auch, dass es an den Fans ist, zu entscheiden, welches Spiel sie haben wollen. Das Grundverständnis der Mehrheit in Deutschland als tolerantes und demokratisches Land treibt Vereine und Verbänden vor sich her, wenn auch mit schmerzvollen Ausnahmen. Genau diese Ausnahmen machen ein Engagement von Fan- aber auch Spielerseite aus weiterhin nötig. Dazu gehört das Einstehen für die Werte, die einem wichtig sind, aber auch das Sanktionieren gegenüber denjenigen, die die demokratischen Werte mit Füßen treten. Auf und neben dem Platz.

[Titelbild: IMAGO]