Zu aller erst: Wir befinden uns in Zeiten, in denen es schwer ist, sich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren. Es fühlt sich nicht richtig an, Fußball zu schauen und die Spiele zu analysieren, während ein paar hundert Kilometer entfernt ein Krieg in Europa wütet, der Menschenleben kostet. Ich denke ich kann für die gesamte Redaktion sagen, dass wir uns mit der Ukraine und den dort lebenden Menschen solidarisch zeigen. Und auch wenn es schwerfällt, wollen wir alle versuchen unser Leben normal zu gestalten und uns wie euch die Freude machen, weiter Texte zu schreiben.
Das Spiel gegen den SC Freiburg stand ganz im Zeichen des Krieges in der Ukraine. Vor dem Spiel gab es, wie in jedem Bundesligastadion, eine Minute, in der an den Schrecken und den Menschen in Osteuropa gedacht wurde.
Hertha: Vieles neu und dann doch das Alte
Sportlich scheint die Talfahrt für die Hertha kein Ende zu nehmen. Auch im Breisgau konnte sich die Mannschaft nicht aus der schweren Krise befreien und verlor letztendlich verdient mit 0:3. Wie schon gegen Leipzig schickte Trainer Tayfun Korkut seine Mannschaft im 4-3-3 aufs Feld. Aufgrund der roten Karte für Marc Oliver Kempf gegen Leipzig war er wieder einmal gezwungen die Innenverteidigung umzustellen. Und um es vorweg zu nehmen, möglicherweise muss er nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Linus Gechter auch im nächsten Spiel auf eine neue Innenverteidigung bauen. Kapitän Dedryck Boyata startete neben dem Youngster. Außerdem begann Suat Serdar an Stelle von Santiago Ascacibar, der sich 90 Minuten lang mit der Bank zufriedenstellen musste.
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Während Hertha wieder einmal nur schleppend in die Gänge kam, viel Energie für normalerweise einfachste Schritte aufbringen musste und auch vom Trainer und den Jokern keinerlei nennenswerten Aufschwung erlangen konnte, musst man sich auch mit kritischen Schiedsrichterentscheidungen auseinandersetzen. Das Spiel war zwölf Minuten alt, als Linus Gechter anscheinend Rolland Sallai zu Fall brachte, entscheidend aufklären konnte man die Situation nicht. Die Entscheidung des Schiris war Elfmeter. Lange war das Spiel offen, doch selbst eine durchschnittliche Freiburger Mannschaft war am Ende der relativ deutliche Sieger, gegen eine einfach qualitativ schwache Berliner Mannschaft.
Aber sei es drum. Wir schauen heute auf ein trotz drei Gegentoren gelungenes Debüt, auf eine überraschend gute Leistung, wer anscheinend zu viel mit Starallüren beschäftigt ist und wie sich die Winter-Neuzugänge im Team einfügen konnten. Und ab wann darf man eigentlich die Trainerfrage stellen?
Marcel Lotka: Die gesuchte Nummer eins für Hertha?
Der 5. Torhüter in der Hierarchie im Verein ist 20 Jahre alt und spielt sonst in der 2. Mannschaft von Hertha BSC. Wie in der gesamten Mannschaft ist die Torhüter-Situation extrem prekär. Doch möglicherweise war diese Notsituation ein zukünftiges Glück für Hertha. Nachdem Alexander Schwolow sich mit Corona abgemeldet hatte und Rune Jarstein sowieso seit Monaten nicht einsatzfähig ist und seit letzter Woche auch Oliver Christensen mit muskulären Problemen ausfällt, sollte nun eigentlich die Zeit von Eigengewächs Nils-Jonathan Körber schlagen. Doch es scheint so, als würde er weiter auf sein Bundesliga-Debüt warten müssen, denn auch für dieses Spiel wurde er nicht rechtzeitig fit und musste wieder einmal nur auf der Bank sitzen.
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Also stand recht überraschend mit Marcel Lotka ein noch jüngerer Mann zwischen den Pfosten und wurde praktisch ins kalte Wasser geworfen. Und er machte es gut. Sogar sehr gut. Auch wenn er drei Tore kassierte, an denen er herzlich wenig ausrichten konnte, wurde er zu zwei Weltklasse-Paraden gezwungen. Den Freistoß von Vincenzo Grifo in der 6. Minute lenkte er mit den Fingerspitzen über die Latte, in der 34. Minute parierte er spektakulär nach einem wuchtigen Abschluss von Maximilian Eggestein. Zusätzlich kam er auf 77 Prozent Passquote, konnte viele Bälle verteilen und hatte eine starke Ausstrahlung. Er pushte seine Mitspieler, kommandierte, motivierte, war emotional. In der 49. Minute unterlief ihm ein Fehlpass, bei einem Ausflug aus dem Strafraum raus, der glücklicherweise unbestraft blieb. Es war sein größter Fehler im Spiel.
Möglicherweise haben wir Herthaner hier einen Torhüterwechsel auf längere Zeit mit ansehen können. Verdient hätte es sich Lotka allemal, wo doch Schwolow seit Wochen im Formtief steckt.
Lucas Tousart: Einer der wenigen Ausreißer nach oben
Der Franzose hatte gegen die Freiburger tatsächlich einen guten Tag. Ein Ausreißer, den man nur selten von ihm bekommt. Zu oft wurde er positionsfremd eingesetzt oder konnte dem Team nicht die gewünschte Stabilität geben. Und auch wenn er ein gutes Spiel zeigte, befinden wir uns immernoch auf einem recht mäßigen Niveau.
Aber er bemühte sich. Mit zwei Torschüssen und einer Torschussvorlage konnte er sich zum Teil ins Offensivspiel einbinden, verteilte dazu 44 Bälle, von denen immerhin 84 Prozent den Mitspieler fanden. Mit acht langen Bällen versuchte er von hinten Druck aufzubauen, sieben davon kamen an. Und auch hinten konnte er ein ums andere Mal aushelfen, klärte vier Situationen und fing dreimal den Ball von seinen Gegenspielern ab.
(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)
Seine Passsicherheit verhalf dem Team lange zu Stabilität und Sicherheit, doch auch er konnte in den Schlussminuten nur noch wenig Gegenwehr leisten, als die Mannschaft aufmachte und das 0:2 und 0:3 kassierte. Kann Tousart an diese Leistung anknüpfen und sie konstant aufs Feld bringen, wäre er die gewünschte Zentrale des Teams.
Stevan Jovetic: Zu wenig Jovetic, zu viel Cunha
Es ist frustrierend. Stevan Jovetic ist der wohl beste Spieler des Teams und immer für einen genialen Moment gut, noch dazu Herthas bester Torschütze der Saison mit sechs Bundesligatreffern. Gegen Freiburg erarbeitete er sich vier Torschüsse, bereitete drei Torschüsse zusätzlich vor. Insbesondere sein traumhafter Pass auf Peter Pekarik in der 38. Minute zeigte wieder einmal seine Genialität, Übersicht und Technik am Ball. Der Rechtverteidiger scheiterte am herausstürmenden Keeper Mark Flekken. Ein Tor hätte der Mannschaft zu dem Zeitpunkt sicherlich gutgetan.
Doch Jovetics Genialität hat auch ihre Kehrseiten. Der Montenegriner wirkt seit Wochen schwer frustriert, lamentiert, diskutiert, wirkt zu oft demotiviert und nicht wie ein Teil des Teams. In der 24. Minute sah er schon von Schiri Jablonski die gelbe Karte, wollte die Entscheidung nicht wahrhaben, diskutierte und stand oft nahe einer weiteren Karte, die einen Platzverweis bedeutet hätte.
(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)
In der 80. Minute verlor er in der eigenen Hälfte nach einem schwachen Zweikampfverhalten den Ball, ermöglichte den Freiburgern so eine riesige Torchance. Er selbst setzte nicht nach, sondern blieb bis Ende der Aktion einfach frustriert auf dem Rasen sitzen.
Seine Verhalten hat viel von dem, was in der letzten Saison über weite Strecken das Dilemma mit Matheus Cunha war, der ebenfalls der Star der Mannschaft war. Mental schien der dem Abstiegskampf nicht gewachsen, die Mannschaft war nur leider zu abhängig von seinem spielerischen Talent. Ähnlich wie aktuell mit Jovetic.
Fredrik-André Björkan und Donjun Lee: Noch kein Bundesliganiveau
Die beiden Winter-Neuzugänge sind sicherlich interessante Spieler und haben Talent. Doch sie sind, so muss man nach einigen Wochen feststellen, keine direkte Hilfe. Sie haben das Potential mit viel Training und Integration zur nächsten Saison eine wichtige Rolle im Team einzunehmen, doch aktuell fehlen die Spieler, die sie ersetzen sollen, extrem.
Björkan spielte über die gesamte Spielzeit als Linksverteidiger. Stammkraft Maxi Mittelstädt stand nach überstandener Corona-Infektion wieder im Kader, war aber wohl noch nicht bereit für einen Einsatz. Björkan versuchte seinen kompakten Körper so gut es ging einzusetzen, gewann zwei Tacklings, klärte zwei Aktionen der Freiburger und hatte mit 88 Prozent Passquote ein durchaus hohen Anteil am Aufbauspiel. Allerdings gewann er nur sechs seiner zehn Zweikämpfe, hatte sieben Ballverluste und musste drei Fouls ziehen. Er schien häufig überfordert und zeigte sowohl beim 0:2 als auch beim 0:3 ein schwaches Zweikampfverhalten.
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Dong-Jun Lee wurde in der 70. Spielminute für Vladimir Darida eingewechselt. Beim Stand von 0:1 war es seine Aufgabe von den Außen für Gefahr zu sorgen. Doch seine Schnelligkeit ist zwar oftmals hoffnungsvoll und nett anzusehen, sonderlich viel Einfluss hatte er am Spiel nicht. Immerhin hatte der Südkoreaner neun Ballkontakte und lange versucht mit seinen Mitspielern das Ruder rumzureißen, doch viel ausrichten konnte er nicht. Seine beste Chance hatte er im Abseits stehend, als er aus wenigen Metern aus spitzen Winkel am Tor vorbeischoss. Er scheint noch nicht in der Bundesliga angekommen zu sein und wird sicherlich noch eine ganze Weile dafür brauchen. Aktuell scheint er nicht die erhoffte Hilfe im Abstiegskampf zu sein.
Tayfun Korkut und Fredi Bobic: Bitte in der Realität ankommen!
Man sucht nach Argumenten für die aktuelle Situation, wo man nur kann. Und man hat sie auch. Corona, Verletzungen, der Umbruch im Umbruch, sechs Trainer seit 2019. Aber zwei Punkte und 19 Gegentore aus den bisher sieben Rückrundenspielen, mit 54 Gegentoren die zweitschwächste Verteidigung der gesamten Saison und tief im Abstiegskampf steckend ist schwer besorgniserregend.
Zusätzlich kommt eine bedenkliche Entwicklung, die Trainer Tayfun Korkut und Hertha-Sportvorstand Fredi Bobic gerade nehmen. Die Versuche, die brutalen Niederlagen, wie gegen Leipzig und in Freiburg, schönzureden geht nicht nur an der Realität vorbei, als Fan fühlt man sich auch zunehmend veralbert. Wer weiß wie intern über die aktuellen Leistungen gesprochen wird, aber die Außendarstellung lässt vermuten, dass der Ernst der aktuellen Lage nicht erkannt wird.
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Korkut hat kaum noch Argumente auf seiner Seite und scheint taktisch so extrem limitiert zu sein, dass er nicht einmal in der Lage ist, seine Antritts-Aussage – die Taktik nach Stärken der Spieler auszurichten – zu bestätigen. Der Trainerwechsel von Dardai zu Korkut ist im großen Stil gescheitert. Fredi Bobic muss sich die Frage gefallen lassen, die er seit Wochen gestellt bekommt. Weshalb Tayfun Korkut? Was ist der Plan? Denn der wird bei Hertha aktuell händeringend gesucht.
Hertha BSC wartet weiterhin auf den ersten Sieg im Jahr 2022. Am Samstag geht es dafür im achten Versuch nach Baden-Württemberg zur Mannschaft des SC Freiburg, die diese Saison wieder einmal eindrucksvoll beweist, dass man auch mit kleinem Geld, aber guter und konstanter Arbeit, durchaus um Europa mitspielen kann. Kann Hertha an die zwischenzeitlich guten Minuten gegen Leipzig anknüpfen oder wird man auch hier mit leeren Händen nach Hause fahren?
Erneut dünne Personaldecke, Kapitän aber zurück an Bord
Zuerst die guten Nachrichten: Maxi Mittelstädt (24) und Jurgen Ekkelenkamp (21) konnten sich nach dem positiven Coronabefund in der vergangenen Woche freitesten und stehen damit im kommenden Spiel theoretisch wieder zu Verfügung. Und auch Suat Serdar (24) kehrte wieder in die Mannschaft zurück. Ob die ebenfalls mit Corona infizierten Kevin-Prince Boateng (34), Dong-jun Lee (25), Lukas Klünter (25), Marvin Plattenhardt (30) und Niklas Stark (26) die Isolation noch rechtzeitig verlassen und spielen können, ist momentan noch offen.
Zudem gab Hertha am Donnerstag bekannt, dass auch Stammtorwart Alexander Schwolow (29) positiv auf das Coronavirus getestet wurde, ein Einsatz scheidet daher definitiv aus. Kelian Nsona (19), Marton Dardai (20), Oliver Christensen (22) und Rune Jarstein (37) befinden sich nach jeweils überstandener Verletzung im Aufbautraining und werden für das Spiel am Wochenende daher auch nicht zur Verfügung stehen.
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Nachdem Marc Oliver Kempf (27) aufgrund der berechtigten roten Karte gegen Leipzig für ein Spiel gesperrt ist, hat sich unser Kapitän Dedryck Boyata (31) gerade rechtzeitig für das Duell mit den Breisgauern zurückgemeldet und konnte die gesamte Trainingswoche voll absolvieren. Trainer Korkut (47) zeigte sich bezüglich eines Einsatzes von Boyata optimistisch: „Er hat sehr konzentriert trainiert, von daher ist er mit Sicherheit eine Option. Er ist ein sehr erfahrener Spieler, ich bin guter Dinge, dass er bereit sein wird.“ Schlussendlich wird dem Übungsleiter auch keine andere Wahl bleiben, befindet sich neben Boyata mit Linus Gechter (17) nur noch ein weiterer etatmäßiger Innenverteidiger im Spieltagskader.
Wer hütet das Hertha-Tor in Freiburg?
Wie bereits erwähnt, fällt Schwolow aufgrund seiner Coronainfektion aus. Auch die Torhüter Nummer zwei und drei stehen mit Christensen und Jarstein noch nicht zur Verfügung. Nils Körber (25) trainiert nach wochenlanger Pause erst seit wenigen Tagen wieder voll mit. Es spricht also vieles dafür, dass der zwanzigjährige Nachwuchstorhüter Marcel Lotka sein Profi- und Bundesligadebut feiern dürfte. Der Deutsch-Pole gilt als durchaus talentiert, doch Bundesliganiveau wird er mit Sicherheit noch nicht besitzen. Umso mehr wird er brennen, sich zu beweisen und ein gutes Debüt abzuliefern.
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Korkut wollte sich derweil noch nicht in die Karten schauen lassen: „Wir haben natürlich Gedankengänge wie wir es machen können, aber abschließend entschieden haben wir noch nicht.“ Zuversichtlich ist er dennoch: „Für was ist die Nummer drei da, für was ist die Nummer vier da? Die machen hier nicht Urlaub. Ich kann Ihnen sagen, die sind heiß.“ Man darf also gespannt sein, wer am Samstag im Tor steht und wie sich derjenige präsentiert.
Dass sich der Gegner gut präsentieren wird, steht indes so gut wie fest. Durch eine sehr ordentliche Hinrunde stehen die Breisgauer trotz eines leichten Einbruchs in den vergangenen Wochen mit 37 Punkten auf Tabellenplatz sechs und würden sich damit Stand jetzt für die Europa League qualifizieren. Manager Fredi Bobic zeigt offen seine Anerkennung: „Die machen das wirklich hervorragend und mit einer sympathischen Art, meine Wertschätzung ist groß.“ Und er macht auch die Faktoren für die guten Leistungen des Konkurrenten treffend aus: „Die haben sich eine gute Mannschaft in den letzten Jahren zusammengebaut und es ist eine gute Kontinuität da, auch auf den Positionen der Entscheider.“
Eines der Kernmerkmale der Freiburger ist dabei vor allem die Weiterentwicklung junger Spieler, welche dann mit hohem Gewinn weiterverkauft werden können. So gehen im Südwesten der Republik sportlicher und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand. Ein Szenario, welches man sich auch in Berlin bei Hertha BSC gut vorstellen kann.
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Tayfun Korkut hat auch schon ausgemacht durch welche Art und Weise der kommende Gegner so gut dasteht: „Wir treffen auf eine Mannschaft, die die einfachen Dinge außerordentlich gut macht und die als Mannschaft unglaublich gut funktioniert.“
Während es die 25.000 zugelassenen Zuschauer im neuen Europa-Park Stadion des SC Freiburg so schwer wie möglich machen werden, liegt es an Korkut und seiner Mannschaft, es den Breisgauern nachzueifern, die einfachen Dinge außerordentlich gut zu machen und so endlich die ersten drei Punkte in diesem Jahr einzufahren.
Das Spiel ist am Samstag um 15:30 live auf Sky zu sehen.
Ein erwartbares 1:6 muss besprochen werden. Hertha macht es 60 Minuten sehr gut, zerfällt dann aber wieder komplett. Wir versuchen das Spiel für euch aufzuarbeiten und einzuordnen, sprechen darüber hinaus aber auch noch über die Aussagen von Lars Windhorst, den möglichen Abgang von Michael Hartmann und Underground of Berlin Staffel 2.
Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns über eure Kommentare. Wir lassen uns die Laune nicht verderben!
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Nachdem am Samstag bereits Herthas Zweite (1:2 bei Chemie Leipzig) und Herthas U17 (1:1 gegen RaBas U17) gegen Leipziger Teams Federn lassen mussten, kamen Herthas Bundesligakicker zum Abschluss des Leipzig-Wochenendes ordentlich unter die Räder.Trotz acht coronabedingter Ausfälle wollte man die 0:6-Hinspielniederlage, höchste Pleite in Herthas Bundesliga-Historie, sowie die Schlechtleistung und Nullnummer gegen den Tabellenletzten Fürth in der letzten Woche nun vor 10.000 Zuschauer:innen im heimischen Olympiastadion vergessen machen.Das klappte dann aber eher mäßig.
Wir blicken auf einige Herthaner bei dieser 1:6-Heimpleite.
Innenverteidigung – 8 x 2 = 6 ?
Nachdem Marc Oliver Kempf nach überstandener Corona-Infektion ins Mannschaftstraining zurückkehren konnte, fiel neben sieben anderen Corona-Fällen auch Herthas Vize-Kapitän Niklas Stark mit einem positiven Test aus, sodass der Winterneuzugang Kempf gemeinsam mit Youngster Linus Gechter bereits das achte Innenverteidiger-Duo der Saison bildete. Dennoch funktionierte das Zusammenspiel der beiden zunächst ordentlich. Blieben sie im Aufbau eher glanzlos und unauffällig, zeigte sich das neuformierte Pärchen defensiv aufmerksam, klärte einige Hereingaben von den Seiten und zeigte eine ordentliche Zweikampfführung.
So eigentlich auch in der 20. Minute, als Gechter RaBa-Stürmer Yussuf Poulsen den Ball im Strafraum zunächst noch wegspitzelte, Vladimir Darida aber nicht in den folgenden Zweikampf kam und Poulsen so auf der rechten Berliner Abwehrseite den freien Benjamin Henrichs bediente. Dessen scharfer zweiter Versuch nach Parade von Alexander Schwolow fälschte Gechter so unglücklich ab, dass der Ball ins eigene Tor gelenkt wurde. Dem 17-Jährigen ist dabei kein Vorwurf zu machen, nichtsdestotrotz ist die Situation bezeichnend für den Herthaner Abstiegskampf. Neben Unvermögen kommt auch noch Pech dazu.
In der Folge stabilisierte sich Hertha zusehends, zu Beginn der zweiten Hälfte folgte eine Druckphase, in der Hertha zum Ausgleich kam und auch defensiv überzeugte. Und dann kam die 62. Spielminute. Einen Moment unaufmerksam ließ Kempf den antrittstarken Christopher Nkunku an sich vorbeidrehen, hängte sich im wahrsten Sinne des Wortes an ihn und brachte ihn schließlich im Strafraum zu Fall – klare Sache: Elfmeter und rote Karte.
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Mit dem erneuten Rückstand und der Unterzahl waren die Berliner gebrochen. Auf den vakanten Platz in der Innenverteidigung rückte Lucas Tousart, der bis dahin ein eher unauffälliges Spiel gezeigt hatte und in der Folge mächtig Probleme mit der Leipziger Offensive hatte. Beim 1:4 klärte er hart angegangen den Ball direkt in den Fuß eines Leipzigers, hob dann noch mit den Folgen des Zweikampfes beschäftigt das Abseits auf und kam nicht hinterher, als der Ball zu seinem Gegenspieler kam. Auch abseits dieser Szene wirkte Tousart im Abwehrzentrum völlig verloren, was sicherlich auch an generellen Auflösungserscheinungen im Berliner Mittelfeld lag. Jedenfalls bewarb sich der Franzose nicht für den freigewordenen Platz in der Innenverteidigung für nächste Woche.
Und dann wird wieder gepuzzelt, denn das Personal ist knapp. Rotsünder Kempf wird dank des verwandelten Elfmeters nur ein Spiel fehlen. Kapitän Dedryck Boyata und Márton Dárdai fallen noch länger aus, Lukas Klünter ist frisch positiv getestet und in der Viererkette ohnehin nicht als Innenverteidiger vorgesehen. Die Hoffnungen liegen also darauf, dass sich Niklas Stark rechtzeitig freitesten kann. Ansonsten könnte Trainer Tayfun Korkut tatsächlich auf Tousart zurückgreifen müssen oder einem der beiden kaderauffüllenden Amateurspieler Cimo Röcker oder Christalino Atemona zum Bundesliga-Debüt verhelfen.
Die Konstante in dieser Rechnung heißt Linus Gechter. In wenigen Einsätzen hat sich der junge Berliner mit unaufgeregten soliden Leistungen zu einem Stabilitätsfaktor entwickelt. Seine Entwicklung erinnert an jene von Márton Dárdai in der letzten Saison. Nichtsdestotrotz sollte man einem 17-Jährigen nicht die Hoffnung im Abstiegskampf aufbürden, zumal auch er sich in der Vergangenheit verletzungsanfällig gezeigt hat und man das große Talent weder körperlich noch mental verheizen darf.
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Immerhin dürften Stark und Kempf nach dem nächsten Spiel wieder zur Verfügung stehen, sodass sich die Personallage dann leicht entspannt. Aber bis dahin muss noch das wichtige Spiel in Freiburg überstanden werden…
Fredrik André Bjørkan – Eine Nummer zu groß
Der norwegische Winterneuzugang gab nach den coronabedingten Ausfällen des formstarken Maxi Mittelstädt sowie Marvin Plattenhardt sein Startelfdebüt als Linksverteidiger in Herthas Viererkette.
Gegen spielstarke Leipziger wirkte er dabei aber von Beginn an überfordert. So rückte er häufig etwas zu zentrumsorientiert in die Mitte ein und ließ auf außen Platz für den hoch aufrückenden Nordi Mukiele, der so in der 9. Minute bereits zu einer Großchance kam. Auch in der Folge kamen immer wieder gefährliche Angriffe über Bjørkans Seite, der dabei kaum Flanken oder Hereingaben zu verhindern wusste und auch im Dribbling das ein oder andere Mal zu einfach ausgespielt wurde. So verlor er beim 1:3 Vorlagengeber Dani Olmo aus den Augen und leitete auch das 1:5 in der 81. Minute mit einer unzureichenden Klärungsaktion ein.
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Offensiv konnte Bjørkan keine nennenswerten Aktionen initiieren, er brachte ab und an den Ball aus der Defensivreihe zu Ishak Belfodil oder Stevan Jovetić, startete selbst aber kaum einmal eigene Offensivläufe, was im Spiel gegen den bis dato Rückrunden-Zweiten mit einem Fokus auf die Defensive allerdings verständlich ist.
Kein gutes Spiel des Norwegers, aber auch kein katastrophales. Bjørkan braucht noch Zeit, um in der Bundesliga und bei Hertha anzukommen. RaBa war da eine Nummer zu groß für den Anfang. Sofern Mittelstädt sich bis zum nächsten Wochenende noch nicht freitesten kann, wird Bjørkan eine weitere Bewährungschance erhalten und sich gegen Freiburg beweisen können. Auch mit Mittelstädt wäre ein Einsatz nicht ausgeschlossen, dann vermutlich hinter dem Berliner Eigengewächs, das Bjørkan defensiv mehr Unterstützung bieten dürfte als er im 4-3-3 gegen Leipzig erhielt.
Tayfun Korkut – Wo bleiben die Lösungen?
Herthas Trainer stellte nach den wenig überzeugenden Auftritten zuletzt und den zahlreichen coronabedingten Ausfällen rückte er von seiner üblichen 4-2-2-2–Formation ab und stellte diesmal in einem 4-3-3 auf. Der Plan schien, die Leipziger Dreierkette im Aufbau unter Druck zu setzen und diese durch die drei Offensivspieler gemeinsam anzulaufen.
Was bei Erfolg als guter „Matchplan“ hätte gelten können, ging allerdings nicht wirklich auf, weil sich die Leipziger insgesamt ziemlich problemlos aus dem gelegentlichen Pressing lösen konnten und bei überspielen der ersten Pressingreihe kein Konzept der restlichen Mannschaft für diese Situation ersichtlich war und sich dort große Räume insbesondere zwischen Dreiermittelfeld und Abwehrkette ergaben.
Und so war es kein Zufall, dass genau aus einer solchen Situation das erste Tor fiel. Nachdem die Pressinglinie überspielt war, bekam Hertha im Mittelfeld keinen Zugriff und der Ball konnte in gefährlicher Position in den Strafraum gespielt werden, wo Gechter zunächst noch aufmerksam den Ball wegspitzeln konnte, das Kunstleder dann aber über Umwege doch noch im Tor landete. Nachdem Hertha dann etwas mehr vom Ball sah, plätscherte das Spiel bis zur Pause etwas vor sich hin. Korkuts Halbzeitansprache fruchtete dann offenbar, kurz vor Betreten des Platzes holte er die Mannschaft sogar noch einmal für eine kurze Ansprache zusammen.
Jovetić ließ sich etwas tiefer fallen und holte sich die Kugel häufig auf der Zehnerposition ab, um ihn dann ins Angriffsdrittel zu treiben, wo sich Belfodil als Anspielstation in vorderster Linie anbot. Aus einer solchen Situation fiel auch der glückliche Ausgleich. Und plötzlich war Hertha wie verwandelt. Während die Leipziger leichte Unsicherheiten zeigten, spiele Hertha mit Selbstbewusstsein und Selbstverständnis und wusste den Platz im Zentrum endlich zu nutzen. Über gut vorgetragene Angriffe kam man so plötzlich zu zwei ordentlichen Chancen auf den Führungstreffer durch Jovetić, die aber nicht verwertet werden konnten.
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Und so kam es wie es kommen musste, die individuelle Qualität der Leipziger schlug gepaart mit Kempfs Unaufmerksamkeit zu. Nach einem Ballgewinn war Gechter mit über die Mittellinie gegangen, die Hertha-Abwehr daraufhin schlecht formiert und unsicher, Kempf unaufmerksam und das Unheil nahm seinen Lauf. Nach dem Spiel zeigte sich Korkut wie auch Fredi Bobic im Interview mit der Leistung bis zur Elfmeterszene um Kempf zufrieden. Doch auch in der ersten Hälfte war Hertha lange sehr passiv und wartete im Grunde nur auf das Gegentor. Sicherlich ist eine Niederlage gegen Leipzig kein Beinbruch, nichtsdestotrotz ist ein Beschönigen der Leistung Augenwischerei. Zehn ordentliche Minuten nach der Pause reichen in der Bundesliga einfach nicht.
Dass man dann in Unterzahl einbricht, ist nachvollziehbar, aber auch der taktischen Herangehensweise geschuldet. Natürlich hatte Korkut nur unerfahrene defensive Alternativen auf der Bank, dennoch entschloss er sich aktiv dafür, ausschließlich in der Dreier-Sturmreihe zu wechseln und diese auch nicht aufzulösen oder deutlich defensiver zu formieren, sodass das Zentrum in Herthas 4-2-3 zur Spielwiese der Leipziger Ballkünstler wurde und man sich die Tordifferenz weiter verhagelte und auch mental nochmal einen ordentlichen Knacks mitnahm. Die Punkte müssen in anderen Spielen geholt werden, aber die Analyse der gestrigen Partie lässt nicht hoffen, dass der Ernst der Lage erkannt ist und man Lösungsansätze für die kommenden Partien hat.
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Gut sah man unter Korkut fast nur gegen stärkere Gegner aus, wenn Herthas individuell starke Offensivspieler phasenweise gefährliche Konter fahren konnten. Diese Herangehensweise wird aber nur selten zu Punktgewinnen reichen. Gegen direkte Konkurrenten oder Mannschaften, die vermeintlich auf Augenhöhe mit Hertha sind, reicht es bisher nicht – eine fatale Mischung im Abstiegskampf. Bei aller spielerischen Limitation des Kaders muss Korkut schnell Ergebnisse liefern. Sonst wird es nicht nur für ihn, sondern insbesondere für Hertha ganz eng.
Und dann war da noch:
Jovedil, die ein weiteres Mal zeigten, dass sie Herthas beste Fußballer sind. Die beiden ballsicheren und dribbelstarken Aktivposten konnten über Einzelaktionen in Herthas guten zehn Minuten nach der Pause mehrmals Gefahr für das Leipziger Tor erzeugen. Nach Jovetićs Tor in der 48. Minute verpasste der Montenegriner nach schönen Kombinationen in den Folgeminuten gleich zwei Mal den Führungstreffer.
Anton Kade, der in der 76. Minute zu seinem Bundesliga-Debüt kam. Der 18-jährige Bruder von Julius Kade, der mit Hertha 2019 Deutscher A-Jugend-Meister wurde, hatte in der 83. Minute noch die große Chance auf ein Erfolgserlebnis zum Debüt, scheiterte mit seinem zu zentralen Schuss aber am Leipziger Schlussmann. Gerade mit Blick auf die dünne Personallage auf den Außenbahnen dürfte er schon in dieser Saison zu weiteren Minuten kommen.
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Marco Richter, der in der 25. Minute bei seiner Grätsche gegen den Leipziger Kapitän mit Gelb noch gut bedient war und sonst wie immer viel unterwegs war, diesmal aber wenig Zählbares erreichte. In der 34. Minute tauchte er nach schöner Ballstafette und Pass von Darida beinahe gefährlich vor dem Leipziger Tor auf und konnte nur durch ein Foul von Joško Gvardiol gebremst werden.
Die Vorzeichen dieses Spiels könnten nicht eindeutiger sein. Während unsere Hertha 2022 noch auf den ersten Sieg wartet und tief im Abstiegskampf steckt, konnten die Leipziger sich in den letzten Wochen nach großen anfänglichen Schwierigkeiten klammheimlich wieder in die Champions-League-Ränge spielen. Zusätzlich spricht die schwarze Statistik von mindestens zwei Gegentoren pro Spiel gegen die Sachsen, seit deren Bundesliga-Aufstieg, Bände. In der Hinrunde musste die „Alte Dame“ in Leipzig ihre bisher höchste Niederlage der Saison einstecken. Beim 0:6 brach die Mannschaft in ihre Einzelteile und hatte nicht den Hauch einer Chance.
Hoffen wir also, dass die Rückkehr einer Menge Fans und die munteren Trainingseinheiten unter der Woche für einen kleinen Ruck Sorgen. Hier kommen die drei Thesen zum Spiel:
Linus Gechter und Marc Oliver Kempf empfehlen sich für mehr
Wer noch nicht in der Abwehr von Hertha stand werfe den ersten Stein. So langsam muss man schauen, welches mögliche Abwehrduo oder -trio noch nicht für die Mannschaft diese Saison auflief. Corona und Verletzungssorgen machen eine eingespielte Abwehr nahezu zur Unmöglichkeit. Gegen Leipzig wird es also auch ein Innenverteidiger-Debüt der Kombi Gechter/Kempf geben. Und sie werden es ordentlich machen.
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Während Gechter sich als unerschrockene Nachwuchshoffnung gegen Greuther Fürth ein Stück näher der Stammelf gespielt hat und aktuell nur wenig Fehler macht, kommt Kempf nach seiner Corona-Infektion wieder zurück ins Team und will an seiner Leistung bei seinem Hertha-Debüt gegen den VfL Bochum anknüpfen. Die beiden werden einiges zu tun bekommen, mit Nkunku, Silva und Co schnelle und wuchtige Gegenspieler haben und sich das ein oder andere Mal auszeichnen können. Es wird nicht viele Gründe geben dieses Duo wieder auseinander zu reißen.
Vielleicht entfacht die Situation ja einen heißen Konkurrenzkampf mit Kapitän Dedryck Boyata und Vize Niklas Stark.
Marco Richter war in den letzten Wochen schwer in der Kritik von Trainer Tayfun Korkut. Seinen Platz in der Startelf hatte er verloren und er musste sich mit Kurzeinsätzen begnügen. Gegen Greuther Fürth gestalteten er und Stevan Jovetic in der zweiten Halbzeit zwar zu sehr großen Teilen die Offensive und erarbeiteten viele Torchancen, doch mehr als Gewalt-Abschlüsse und frustrierte, überhastete Aktionen gab es nicht. Unter der Woche wurde er zusätzlich von Korkut im Training medienwirksam ermahnt.
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Diese Situation war der Tiefpunkt. Von nun an geht es bergauf. Marco Richter wird mit Trotz auf die Kritik reagieren und sich Torhungrig und mannschaftsdienlich zeigen. Seine Kreativität wird der Mannschaft helfen. Und ihm wird mindestens eine Torbeteiligung gelingen. Stellt sich nur die Frage, wie groß das Ego Korkuts ist und ob er Richter genug Spielzeit ermöglichen wird oder ihm erst wieder eine Chance gibt, wenn das Spiel gegen Leipzig schon längst verloren ist.
Fans und Mannschaft harmonieren
Gegen Leipzig werden dank der gelockerten Corona-Regeln bis zu 10.000 Zuschauer zugelassen sein. In den nächsten Wochen und Monaten werden weitere dazukommen. Die Ultras werden noch nicht dabei sein, aber dafür umso mehr Familien, Kinder und andere lautstarke Fans, die ihre Unterstützung zeigen. Die Bindung zu den Fans, die durch die Pandemie stark gelitten hat, kann so wieder gefestigt werden.
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Die Mannschaft spürt das, nimmt die Situation im Abstiegskampf und die Mission Klassenerhalt an und beginnt zu kämpfen. Die anwesenden Fans wissen das zu würdigen und feuern das Team bedingungslos an. Gegen Leipzig ist das Ergebnis zweitrangig, es wären Bonuspunkte, die guttun würden, mit denen aber aktuell niemand rechnet. Die Mannschaft darf sich einzig und allein nicht abschießen lassen und muss mit erhobenen Kopf den Platz verlassen können.
Wenn in den nächsten Wochen unbedingter Wille, Leistung und die Unterstützung der Fans stimmen, werden auch schon bald die Punkte folgen.
Nach den enttäuschenden Resultaten aus den Spielen gegen Bochum und Fürth steht Hertha am Sonntagabend mit Vizemeister RB Leipzig ein harter Brocken bevor. Welchen Leipziger Herthas Hintermannschaft besonders im Blick haben muss, welcher Herthaner mit einer guten Leistung für einen Ruck durch das gesamte Team sorgen kann und auf welchen Positionen Tayfun Korkut ein glückliches Händchen beweisen muss, lest ihr hier.
Christopher Nkunku: Leipzigs Allzweckwaffe
In der NBA gibt es die Auszeichnung des Most Improved Player (MIP), die jedes Jahr an denjenigen Spieler geht, der im Vergleich zur Vorsaison die größte Entwicklung genommen hat. Gäbe es diese oder eine vergleichbare Auszeichnung auch in der Bundesliga, wäre Leipzigs Offensivspieler Christopher Nkunku wohl heißester Anwärter.
Zwar ließ der 24-jährige Franzose schon in seinen ersten beiden Bundesliga-Jahren seine Klasse aufblitzen, doch sein Spiel in dieser Saison ist effizienter und reifer. So ist er für die Leipziger unverzichtbar. In der Bundesliga kommt Nkunku schon auf elf Tore und neun Vorlagen, in der Gruppenphase der Champions League lieferte er überzeugende sieben Tore und zwei Assists – in einer Gruppe mit Paris Saint Germain und Manchester City. Dass er dabei mit dem Kopf, mit dem Fuß, oder auch wie zuletzt gegen den 1. FC Köln per direktem Freistoß erfolgreich ist, zeigt, wie vielseitig das Spiel Nkunkus ist.
Nkunkus größter Trumpf ist seine Polyvalenz. In der Offensive kann er jede Position bekleiden, wird derzeit als zweiter, spielstarker Stürmer neben André Silva eingesetzt. Neben seiner angesprochenen Torgefahr macht ihn so gefährlich, dass er seine Mitspieler gut in Szene setzen kann. 4,44 schusskreierende Aktionen liefert er durchschnittlich pro 90 Minuten, dazu 0,93 torkreierende.
(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Dazu ist er Leipzigs erste Anlaufstelle im Offensivspiel: 11,48 progressive Pässe (Pässe, die den Ball maßgeblich näher zum gegnerischen Tor bringen) erreichen ihn durchschnittlich pro Spiel – in der Bundesliga ein Top-3%-Wert. Immerhin noch 3,81 progressive Pässe spielt er dabei selber.
Einen Spieler seiner Qualität kann man über 90 Minuten kaum ausschalten. Doch Arminia Bielefeld lieferte am 17. Spieltag beim Gastspiel in Leipzig (2:0-Sieg für die Arminen) den Beweis, dass die Sachsen sich an diszipliniert und stabil verteidigenden Gegnern auch mal die Zähne ausbeißen.
Schafft Hertha es, Nkunku weitgehend aus dem Spiel zu nehmen, nimmt man dem Leipzig-Angriff seine größte Waffe. Eine Aufgabe, die die Herthaner Defensive nur im Verbund lösen kann.
Dabei war noch eine Woche zuvor mit Neuzugang Marc Oliver Kempf ein Innenverteidiger Hoffnungsträger. Der Neuzugang aus Stuttgart stand gegen Bochum in der Startelf und zeigte gute Ansätze. Dann bremste ihn Corona aus. Gegen Leipzig dürfte er wieder gesetzt sein. Ein gutes Spiel von ihm wäre nicht nur sportlich wichtig, sondern auch ein Signal an die ganze Mannschaft. Schafft Kempf es im Verbund mit der restlichen Abwehr, die gefährliche Leipziger Offensive zu bändigen, dürfte im gesamten Team der Glaube an eine stabilere Rückrunde reifen.
Dabei muss Kempf vor allem an die erste Halbzeit aus dem Bochum-Spiel anknüpfen. Hier zeigte er im Verbund mit Niklas Stark (fehlt am Sonntag coronabedingt) eine souveräne Leistung. Er muss aber auch einfache Fehler vermeiden. Das Gegentor gegen Bochum etwa resultierte aus einem Freistoß von Kempf, den er etwas unmotiviert in den Strafraum brachte, wo außer Keeper Riemann niemand den Ball erwartete. Der leitete den Gegenangriff ein, in dem sich Kempf und Stark im Zwei-gegen-zwei gegen Jürgen Locadia und Sebastian Polter etwas naiv anstellten. Gerade gegen Leipzig, deren Spiel stark darauf basiert, gegnerische Fehler zu bestrafen, muss Hertha noch etwas aufmerksamer bleiben.
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Gegen Leipzig wird es Kempf aller Voraussicht nach neben Nkunku mit Stürmer Silva zu tun haben. Der ist anders als der spielstarke Nkunku ein echter Strafraumstürmer, hat im Schnitt 7,18 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum pro 90 Minuten. Durchschnittlich schließt Silva aus 11,6 Metern ab. In der Box darf man ihm quasi keinen Raum geben, auf immerhin schon neun Saisontore kommt Silva nach anfänglichen Schwierigkeiten.
Leipzigs weitere Option im Sturm ist Yussuf Poulsen, ein physisch starker Stürmer, der über eine gute Ballkontrolle verfügt und durchaus mannschaftsdienlich spielt. Für einen Mittelstürmer spielt er mit 3,79 überdurchschnittlich viele progressive Pässe. Dazu kommen 3,08 schusskreierende Aktionen.
Keine leichten Aufgaben, die auf Kempf und seine Nebenleute warten. Doch ein gutes und konzentriertes Spiel könnte eine weitreichende Signalwirkung mit sich bringen.
Hertha-Flügel: Gegen Leipzig gefragt
Spielen Suat Serdar und Marco Richter auf den Außen oder im Zentrum besser? Reicht Jurgen Ekkelenkamps Physis aus, um über 90 Minuten in der Bundesliga zu bestehen? Macht Myziane Maolida bald den nächsten Schritt und wird schneller in der Entscheidungsfindung? Sind die Neuzugänge Dong-Jun Lee und Fredrik Andre Björkan schon bereit für die Startelf? Viele Fragen stellen sich die Hertha Fans und sicher auch Trainer Tayfun Korkut, wenn es um die Besetzung der offensiven Außenpositionen geht.
(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Dabei können die gegen Leipzig entscheidend sein. In den jüngsten Spielen kassierte das Team von Domenico Tedesco immer wieder Gegentore über die Flügel. Linksverteidiger Angelino ist offensiv eine Waffe, doch defensiv kommt er da nicht ran. Nur 1,44 Tackles liefert er durchschnittlich in 90 Minuten, nur 3,99 Mal übt er erfolgbringend Druck aus. Auf 1,33 abgefangene Bälle kommt er und nur 2,02 klärende Aktionen. Alles Statistiken die verdeutlichen, warum Leipzig über die Seite so anfällig ist. Auf der rechten Seite hat Leipzig mit Benjamin Henrichs und Lukas Klostermann immerhin noch eine Auswahl. Wirklich herausragend sind die Defensivleistungen beider jedoch nicht.
Ausgehend von den Trainingsleistungen in dieser Woche wird Korkut Antworten auf die eingangs gestellten Fragen finden müssen und Außenspieler aufstellen, die in der Lage sind, die Leipziger Anfälligkeit auszunutzen.
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