Herthaner im Fokus: Am Boden

Herthaner im Fokus: Am Boden

Hertha verliert ein Bundesligaspiel. Soweit so gut, soweit bekannt und soweit mittlerweile die Regelmäßigkeit. Doch die Niederlage gegen den 1.FC Union Berlin bedeutet etwas anderes. Es ist eine Zäsur, deren Auswirkung nicht nur eine schwere Niederlage und ein weiterer Rückschlag im Abstiegskampf ist, es ist viel mehr. Es ist eine Frage von Charakter, Qualität und Interesse, sich mit einer Situation zu befassen und wie man sich nach Außen hin präsentiert. Und es ist in gewisser Weise eine Frage des Respekts vor zehntausenden Fans, die das erste Mal nach zwei Jahren Pandemie wieder im Stadion waren. Die hier gewohnte Analyse muss einem emotionalen Kommentar weichen.

Kein gewöhnlicher Text

Ich bin schon lange Fan von Hertha BSC, doch selten war ich den Tränen aus reiner Wut so nahe wie während ich diese Zeilen hier verfasse. Das hier wird kein gewöhnlicher „Herthaner im Fokus“-Text. Ich weiß nicht wie groß das Interesse ist, nach diesem Spiel die Zweikampfwerte von Dedryck Boyata zu lesen und eingeordnet zu bekommen. Übrigens gewann er gerade mal 25 Prozent dieser.

Trotzdem werden auch heute wieder Herthaner im Fokus sein. Es geht um die sensationelle Kulisse, die die Fans im Olympiastadion boten. Es geht darum wie sich Felix Magath und Fredi Bobic präsentieren. Und es geht um den Charakter einer Mannschaft, die wieder einmal vollkommen in sich zusammengefallen ist. Es geht außerdem um das aktuell wohl einzig Positive bei Hertha BSC: Die Jugendarbeit.

Die Hertha-Fans: Ein Fußballfest wird zum Fiasko

Es war angerichtet. Das erste Derby im Berliner Olympiastadion vor vollem Haus nach neun Jahren. Durch die Pandemie war es wirklich Jahre her, dass das Stadion der Hertha restlos ausverkauft war. Und Berlin hatte sich dieses Derby redlich verdient. Wir hatten in den letzten Wochen bereits Derby-Szenen aus Köln oder Bremen gesehen und fieberten seit Wochen auf das in Berlin stattfindende Event hin.

Und die Bilder, die entstanden, sind aller Ehren wert und versprachen genau das, was wir uns erhofften. Ein Fanmarsch durch die Stadt mit zehntausenden Fans, die ihre Rückkehr ins Stadion kaum erwarten konnten. Das sich immer mehr füllende Stadion, diese Lust, dieses kribbeln im ganzen Körper. Beide Fangruppierungen präsentierten ihre Choreographien, zündeten in großen Mengen Pyrotechnik und sorgten für geschichtsträchtige Bilder. Die Herthaner, die die Ostkurve in ein blau-weißes Meer verwandelten hüpften, sangen, feierten und feuerten die Mannschaft an.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Doch genauso brodelte es. Die Mannschaft, die diese Atmosphäre nicht ein einziges Mal wirklich auf ihr Spiel übertragen lassen konnte, wirkte gehemmt, verängstigt, überfordert und einfach qualitativ zu schwach, um irgendetwas dem Stadtrivalen entgegenzusetzen. Der herben 1:4-Klatsche folgte der Rapport bei den Ultras in der Ostkurve. Einige Spieler stellten sich den wütenden Fans und gaben ihre Trikots ab. Diese symbolische Aktion soll jeder für sich selbst bewerten. Ob das aber ein Motivationsschub für die nächsten Spiele ist, darf bezweifelt werden.

Felix Magath: Was war der spielerische Plan?

Aktuell wirkt Felix Magath noch nicht wie der große Heilsbringer. Seine größten Leistungen sind bisher eher schelmische Interviews zu geben, viel in Rätseln zu sprechen und vor allem die Gegner und auch leider seine eigene Mannschaft vor eben jene zu stellen. Beim Blick auf die Startelf musste man sich vor Verwunderung direkt wieder die Augen reiben.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Magath stellte das Team erneut in einem 4-1-4-1 auf, welches im zweiten Durchgang zu einem 5-3-2 wurde. Und dabei wurde wieder einmal kräftig durchgemischt. Die größte Überraschung war auf der Position des Linksverteidigers. Marvin Plattenhardts Ausfall wurde durch den 18-jährigen Juniorenspieler Julian Eitschberger kompensiert, der zu seinem Profidebüt kam. Weshalb Maximilian Mittelstädt zunächst auf der Bank platznehmen musste, wurde nicht ersichtlich. Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata stellten die Innenverteidigung, Peter Pekarik war wieder auf der rechten Seite zu finden. Das Mittelfeld, bestehend aus Linus Gechter, Vladimir Darida, Santiago Ascacibar und Lucas Tousart sollte für eine stabile Zentrale sorgen, aber versprach genauso wenig Tempo wie zuvor in Leverkusen. Im Sturm waren überraschend Myziane Maolida und Stevan Jovetic Teil der Startelf.

Doch stutzig machte vor allem, wer alles auf der Bank saß. Aufgrund der verletzt fehlenden Niklas Stark und Kevin-Prince Boateng konnten generell schon zwei Lautsprecher und Leistungsträger nicht am Spiel teilnehmen. Belfodil, der zwar glücklos in Leverkusen agierte, aber trotzdem für Spielwitz sorgen kann, fehlte, genauso wie die Power von Marco Richter, Suat Serdar oder Jurgen Ekkelenkamp. Die Aufstellung war schon früh eine Absage an kreatives Offensivspiel. Es bestand kein Plan, der zu Toren hätte führen können. Mehr als halbgare Konter waren nicht drin, ein sinnvoll aufgebauter Angriff war ebenso wenig vorhanden.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Es stellen sich Fragen, Herr Magath. Weshalb durften diese drei Spieler schon wieder nicht von Anfang an oder gar nicht spielen? Weshalb wurde ein Maximilian Mittelstädt erst zur 2. Halbzeit eingesetzt und der junge Julian Eitschberger einer vollkommen unnötigen Situation ausgesetzt? Und weshalb wird ein Spieler eingesetzt, dessen Name auch nach dem Spiel dem Trainer vollkommen unbekannt zu sein scheint? Was für peinliche und dramatische Zustände sind das in diesem Klub?

Fredi Bobic: Ist der Ernst der Lage von Hertha bekannt?

Es ist grotesk und macht geradezu aggressiv. Vor allem aber wird man sauer und fühlt sich als Fan von Hertha BSC komplett abgewatscht, bei sämtlichen Äußerungen des Sportvorstands der Hertha. Nach einem 1:6 gegen RB Leipzig die Niederlage schönzureden, war schon ein großes Stück Kunst.

Sich aber nach einer brutalen Derby-Klatsche bockig dem Interview zu stellen, dem Reporter mit schnippigen und süffisanten Antworten entgegenzutreten und die Niederlage praktisch als nichtig zu erklären, weil die Konkurrenz ebenso federn lassen hat, grenzt an einer Realitätsferne, die ihres Gleichen sucht. Fredi Bobic scheint vollkommen überfordert zu sein mit der Situation. Diesen unausgeglichen, ohne Qualität ausgestatteten Kader, der sämtlichen Charakter vermissen lässt, hat leider er zu großen Teilen mit zu verantworten.

hertha
(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Ob er, wie im Interview behauptet, wirklich nicht sein Trikot den Fans gegeben hätte, darf genauso hinterfragt werden. Auch in diesem Punkt scheint er in keiner Weise nachvollziehen zu können, unter welchem Druck die Mannschaft, die Spieler, ja einzelne Menschen, stehen. Fredi Bobic ist ganz weit weg von der Mannschaft und den Individuen dieses Vereins. Er scheint die Strömungen weder zu begreifen noch einordnen zu können und ist damit momentan nicht im Geringsten eine Hilfe im Abstiegskampf.

In der Niederlage zeigt man sein wahres Gesicht

Wie kann es sein, dass ein 20-jähriger Torhüter, der nur wenige Bundesligaspiele auf dem Buckel hat und im Sommer nach Dortmund wechselt, die emotionalsten Worte verliert? Wo ist der Kapitän, wo sind gestandene Spieler, die sich vor die Mannschaft stellen und den Geist des Teams beschwören oder sich äußern, weshalb es wieder einmal fehlgeschlagen ist?

Wieso muss ein Marcel Lotka, den Tränen nahe und um Argumente ringend im Interview stehen und praktisch darum betteln, dass die Mannschaft nicht absteigt? Wieso verlässt seit Jahren ein Dedryck Boyata als Kapitän Spiel für Spiel, Niederlage für Niederlage, als aller erstes den Platz und hat sich noch nie einem Interview gestellt? Warum äußern sich keine gestandenen Spieler wie Vladimir Darida, Ishak Belfodil oder Stevan Jovetic?

hertha
(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Bei Hertha BSC gibt es keine Hierarchie, ja nicht einmal nennenswerte Identifikation, das wurde wieder einmal klar. Maximilian Mittelstädt schien das Sprachrohr zwischen Mannschaft und Fans zu sein, doch auch das wollte er im Interview nicht mehr ausführen. Die Verantwortung will keiner haben, sie wird einfach weitergeschoben, wo es nur geht. Im Abstiegskampf muss es genau diese Führungsspieler geben, denn sonst wird es ganz dunkel und vor dieser Dunkelheit steht die Hertha unmittelbar.

Die Identifikation mit dem Verein hat Potential

So oft wie schon von Tiefpunkten in dieser Saison gesprochen wurde, kann es eigentlich kaum sein, dass es noch schlimmer kommt. Aber wie wir sehen, kann das jede Woche tatsächlich der Fall sein. Die brutale Niederlage gegen Union Berlin gilt nicht nur als einer der Tiefpunkte der Saison. Sie gilt als ein Tiefpunkt vieler Jahre. In diesem Derby ist etwas zerbrochen, was zwar schon lange bröckelte, aber nun lauter und härter denn je nur so zerschellte.

Doch so viel wie in den letzten Jahren bei Hertha BSC schieflief, gibt es eine Sache, die in diesem Club besser läuft denn je und was wieder ein Aushängeschild und klarer Weg des Vereins werden muss. Die Jugendarbeit. Im Derby standen mit Marcel Lotka, Julian Eitschberger, Linus Gechter, Marton Dardai und Maximilian Mittelstädt fünf Eigengewächse auf dem Feld. Ihnen ganz besonders merkt man das Engagement und das Leid an. Sie alle sind talentierte Fußballer, die den Verein sehr weit führen könnten, doch es muss verdammt viel in anderen Bereichen passieren, dass das wirklich möglich sein kann.

hertha
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Doch sollte das eines Tages auch auf fruchtbaren Boden stoßen, kriegt man auch die aktuell stark leidende Verbindung zu den Fans wieder hin. In dieser Hinsicht zumindest bietet Hertha BSC einiges, was Potential birgt. Doch die zahlreichen Baustellen sind momentan woanders. Und sie gilt es verdammt nochmal schnell zu beenden.

[Titelbild:TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images]

Drei Thesen zu Hertha BSC – 1. FC Union Berlin

Drei Thesen zu Hertha BSC – 1. FC Union Berlin

Es ist einer der Tage, die man sich als Fußballfan und heute insbesondere als Berliner Fußballfan nur wünschen kann. Ein volles Olympiastadion, eine Fußballparty und 90 Minuten Leidenschaft mit viel Rivalität. Und trotzdem muss es Hertha in der aktuellen Situation wie ein gewöhnliches Bundesligaspiel sehen. Wir haben drei Thesen zum Stadtderby.

Das Trainergespann kann Derby

Ein starkes und emotionales Spiel mit 3:0 Toren gegen Hoffenheim, eine knappe 1:2 Niederlage in Leverkusen.  Das ist der bisherige Arbeitsnachweis unter Felix Magath und Mark Fotheringham. Gegen die Hoffenheimer schafften es die Fans und Spieler miteinander zu harmonieren und den Funken überspringen zu lassen. Lange nicht mehr gab es so eine gute Stimmung im Olympiastadion. Und das lag nicht zuletzt auch an dem Mentalitätsmonster Mark Fotheringham. Ihm und dem gefühlten Co-Trainer Vedad Ibisevic wird es gelingen die Galligkeit und den Spirit, den es für ein Derby brauch, bei den Spielern zu entfachen. Felix Magath, als Gegenpol, der schon viele Derbyschlachten geschlagen hat, wird mit Ruhe für Ausgleich sorgen und Übermotivation zu verhindern wissen.

Spielerisch kein Leckerbissen

Weder Union Berlin noch Hertha BSC haben diese Saison die Sterne vom Himmel gespielt. Den Köpenickern ist das herzlich egal, sie haben trotzdem wieder beste Chancen nach Europa zu kommen. Trotzdem schwächelt Union in dieser Saison insbesondere gegen Mannschaften, die nur minimal individuell besser aufgestellt sind, als sie selbst. Es wird lange ein ausgeglichenes Duell sein, was nicht mit spielerischen Leckerbissen, traumhaften Kombinationen oder feinen Okocha-Tricks besticht. Den entscheidenden Treffer werden wir nach einer Standardsituation und bzw. oder einem individuellen Fehler sehen.

Berlin bekommt sein verdientes Fußballfest

Über zwei Jahre Pandemie, kaum Fans im Stadion. Nach neun Jahren wird sich das Stadion wieder für ein Stadtderby füllen. Seit dem Unioner Aufstieg fanden die Spiele im Olympiastadion vor gar keinen oder lediglich ein paar wenigen Fans statt. Viele Vereine bekamen bereits ihre Spiele vor vollem Haus und ihre Derbys, die sie zu Fußballfesten machten. Nun ist Berlin an der Reihe. Choreographien, Pyrotechnik, lautstarkes Anfeuern und große Emotionen werden heute für einen weiteren Eintrag in die Geschichtsbücher des Berliner Derbys sorgen.

AFP PHOTO / ODD ANDERSEN

Hertha BSC – Union Berlin: Mit der Unterstützung der Fans zum Klassenerhalt

Hertha BSC – Union Berlin: Mit der Unterstützung der Fans zum Klassenerhalt

812 Tage, so lange wird es beim Derby am Samstag her sein, dass das Olympiastadion zum letzten Mal ausverkauft war. Und wer Zahlenspiele oder Schnapszahlen mag: Das sind exakt zwei Jahre, zwei Monate und 22 Tage. Das ein oder andere Zahlenspiel dürften die Fans von Hertha in der letzten Zeit auch durchgegangen sein, denn jeder Punkt ist im Abstiegskampf bitter nötig. Gegen den Stadtrivalen sollen im dritten und letzten Duell dieser Saison daher unbedingt drei Punkte her, um die Hoffnung auf eine weitere Bundesligaspielzeit mit packenden Aufeinandertreffen innerhalb Berlins zu erhalten.

Unser Artikel zur Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Union Berlin.

Endlich wieder ein volles Olympiastadion

Nachdem am gestrigen Tag ein kleiner Durchbruch in der Stadionfrage erfolgte (auch an dieser Stelle nochmal ein Riesendankeschön an die Leute von der Aktion Blau-Weißes Stadion!) ist es wahrscheinlich, dass Hertha nicht mehr auf ewig im Olympiastadion bleiben muss. Eine beeindruckende Kulisse, wenn es denn ausverkauft ist, bietet es unbestritten dennoch. Der Verein hat heute bekannt gegeben, dass genau dies nach der durch Corona bedingten über zweijährigen Zwangspause erstmalig wieder der Fall sein wird. „Endlich mal wieder volle Hütte, endlich mal wieder richtige Fußballatmosphäre“, zeigt sich auch Cheftrainer Felix Magath begeistert, „auf so ein Spiel kann man sich nur freuen.“

hertha
(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Auch Manager Fredi Bobic kann es kaum erwarten: „Das wird morgen einmalig sein, es ist gefühlt eine Ewigkeit her.“ Es werde farbenprächtig und stimmungsvoll, darauf freue man sich, führt er aus. Der Großteil der Mannschaft, Trainer und Manager haben immerhin allesamt noch kein volles Olympiastadion während ihrer aktiven Zeit bei Hertha erlebt, vergangene Spieler und Trainer der letzten Jahre hatten diese Möglichkeit teilweise sogar nie.

Doch auch für die Fans wird es eine Premiere sein: Es ist das erste Derby zwischen Hertha und Union in der Bundesliga, welches vor ausverkauftem Haus in Berlin-Westend stattfindet. Bisher kam lediglich Union in zwei von drei Begegnungen in diesen Genuss.

Wie reagiert die Mannschaft?

Wie die Mannschaft von Hertha BSC mit der „neuen“ Stimmung im Stadion umgehen wird, lässt sich bisher kaum abschätzen. In der Vergangenheit schien eine volle Hütte eher Hindernis als Ansporn zu sein. Magath nimmt daher wie bereits zu seinem Amtsantritt auch die Anhänger in die Pflicht: „Es geht um den Verein. Und wir können nur zusammen diese schwierige Situation meistern und natürlich bitte ich die Fans um möglichst viel Unterstützung. Dann wird es für die Spieler auch leichter werden eine gute Leistung abzuliefern.“ Bobic ist ebenfalls von einer Leistungssteigerung durch das volle Stadion überzeugt: „Ich glaube das Stimmung einer Mannschaft immer guttut, egal ob sie für oder auch gegen dich ist.“ Und schiebt hinterher: „Wer da Angst hat, hat den Beruf verfehlt.“

hertha
(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Nur mittelbar beeinflusst werden definitiv Alexander Schwolow (Oberschenkel) und Kelian Nsona (Aufbautraining), beide stehen für die Partie nicht zur Verfügung. Umso erfreulicher, dass der unter der Woche verletzte Peter Pekarik definitiv spielen kann, bei Niklas Stark bestehen noch ein paar Fragezeichen. Hinsichtlich der Startaufstellung wollte sich Magath trotzdem nicht in die Karten schauen lassen, er wolle zunächst noch das Abschlusstraining abwarten, eine Vorstellung wer von Beginn an spielen wird habe er allerdings.

Der gefestigte Nachbar aus Köpenick

„Es ist wirklich so, dass die Spieler wollen, aber im Grunde genommen im Moment nicht können, weil sie noch zu durcheinander sind, keine Sicherheit haben“, beteuert der Cheftrainer. Dieser Eindruck dürfte sich mit der Meinung der meisten Fans decken, mangelte es diese Saison selten an der Mentalität, sondern vielmehr an der Qualität.

Ein Problem, dass der Rivale aus dem Südosten der Stadt momentan nicht hat. Mentalität und auch Umsetzung stimmen dort schon seit Jahren, sind ein Grund für den aktuellen Höhenflug. Magath begibt sich dementsprechend demonstrativ in die Rolle des Underdogs: „Natürlich ist Union der Favorit, keine Frage“.

hertha
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Kampflos aufgeben will er glücklicherweise aber nicht: „Ich glaube, dass wir Chancen haben das Spiel zu gewinnen.“ Dass die Verantwortlichen bei Union ausgerechnet in dieser Woche zum ersten Mal der Vereinsgeschichte das Erreichen von Europa öffentlich als Ziel ausgemacht haben, dürfte derweil ein klares Zeichen und eine kleine Spitze gegen Hertha sein.

Als Grund für den Erfolg der Rot-Weißen sieht Magath vor allem zwei Dinge. Einerseits hätten sie in den letzten Jahren eine klare Linie gehabt und diese auch durchgezogen. Andererseits wäre mit Urs Fischer auch der richtige Trainer zur richtigen Zeit verpflichtet worden. Beide Punkte sind bei Hertha schon seit langer Zeit nicht gegeben und damit sicher ein Teil der aktuellen sportlichen Liga.

Ein Spiel mit hoher Bedeutung für den Rest der Saison

Diese gestaltet sich nämlich derart, dass man seit Jahren im dauerhaften Abstiegskampf steckt. Dass ausgerechnet das kommende Derby besonders richtungsweisend sein könnte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. „Klar würde ein Sieg vieles ausmachen, im Stimmungsumfeld würde es vieles bewirken und Energie geben“, erwartet auch Bobic.

(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Und genau diese Energie wird in den drei Spielen nach dem Derby dringend benötigt. Mit Augsburg, Stuttgart und Bielefeld warten die drei direkten Konkurrenten, Siege oder Niederlagen in diese Begegnungen entscheiden höchstwahrscheinlich über Abstieg oder Klassenerhalt.

Es liegt jetzt also an allen Beteiligten, den Spielern, den Verantwortlichen und nicht zuletzt (erneut) an den Fans: morgen muss alles gegeben werden, ein Sieg könnte der entscheidende Schlüssel zu einem erfolgreichen Saisonendspurt werden. Jetzt gilt es: AUF GEHT’S HERTHA, KÄMPFEN UND SIEGEN!!!

[Titelbild: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images]

Legendäre Derbys der Vergangenheit

Legendäre Derbys der Vergangenheit

Am Samstagabend ist es endlich so weit: Das sechste Berliner Stadtderby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin. Die beiden Hauptstadtvereine haben sich in der Vergangenheit bereits spektakuläre Duelle geboten – wir blicken auf ein paar der besonderen Derbys zurück.

08. Juli 2009: 1. FC Union Berlin vs. Hertha BSC 3:5

Ein Freundschaftsspiel, welches einer gewissen Zeitenwende glich. Union Berlin, die in der Saison zuvor ihre Heimspiele im verhassten und von Teilen der Fanszene sogar boykottierten Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin Prenzlauer Berg ausgetragen hatten und aus der neu errichteten 3. Liga in die 2. Bundesliga aufgestiegen waren, eröffneten in der Sommerpause endlich ihr umgebautes Stadion.

derbys
(Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Und zur Wiedereröffnung sollte selbstverständlich niemand geringeres vorbeischauen als der große Rivale aus dem Berliner Westen. Um ehrlich zu sein, war damals dieses Duell alles andere als ein Spiel zwischen Rivalen. Über viele Jahre trennten die Vereine ganze Ligen. Fans und Ultras arbeiteten an gemeinsamen Projekten, die Vereine unterstützten sich. Doch 20 Jahre nach dem Mauerfall war die Verbindung loser und der Hype, der insbesondere durch ehemalige DDR-Bürger entstand, flaute zunehmend ab. Auch medial schien sich etwas zu verändern. Die Köpenicker wurden plötzlich ein relevanter Verein in Berlin. Hertha BSC verlor sein Alleinstellungsmerkmal, als einziger Berliner Profifußballclub. Union Berlin baute sich sein Image als kleiner, gallischer Underdog auf und es entwickelte sich eine immer größere Rivalität.

Am jenen Juli-Abend 2009 trafen sich zwei Mannschaften, die in der Saison zuvor für großes Aufsehen sorgten. Union, die endlich im Profigeschäft angekommen waren, trafen auf Herthaner, die zuvor in der Bundesliga lange um die Meisterschaft mitgespielt hatten und ein neues Selbstverständnis erlangt hatten.

Das Spiel entwickelte sich zu einer munteren Partie. Die Stimmung im Stadion an der Alten Försterei war prächtig. Ein alter und gleichzeitig neuer Mann traf doppelt für die Hertha. Es war wohl das beste Spiel von Arthur Wichniarek im Hertha-Dress. Am Ende wurden den Fans acht Tore präsentiert. Ansonsten war dieses muntere Scheibenschießen ein schönes und spannendes Erlebnis für die Zuschauer*Innen, große taktische Feinheiten sollten damals auch gar nicht von großer Relevanz sein. Auch auf der Tribüne änderte sich etwas. Die ersten Schmähgesänge der Fangruppierungen waren zu hören und auch im fußball-gesellschaftlichen Kontext hörte man von nun an immer mehr die Frage „Hertha oder Union?“. Im Juli 2009 hatte allerdings wohl niemand gedacht, dass man sich schon im folgenden Jahr zum ersten Mal in einem Ligaspiel sehen würde.

03. September 2012: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:2

Die Hertha, die nach 2010 zum zweiten Mal in die 2. Bundesliga abgestiegen war, hatte zwar ein Team, welches mit großen Namen gespickt war, allerdings startete die Mannschaft denkbar schlecht in die neue Saison und drohte die Spielzeit und den Aufstieg auf Grund von Starallüren herzuschenken. Doch nach einem lautstarken Wachrütteln von Trainer Jos Luhukay fand die Hertha langsam in die Saison. Union Berlin, deren Ansprüche damals noch deutlich geringer waren, fand sich zu Saisonbeginn ebenfalls in den unteren Tabellenregionen.

Doch wie es üblich ist in einem Derby, sind Tabellenplatzierungen komplett Nebensache. Es geht um Einsatz, es geht um Willen, es geht um Kampf, Kratzen und Beißen. Und die Spieler beider Mannschaften nahmen genau diese Situation an. Herthas Maik Franz, der in seiner Paraderolle als „Ironmaik“ verbal und körperlich extrem austeilte und das Team wo es nur ging pushte war dabei ein Aushängeschild der blau-weißen. Es war eines der besten Spiele Sandro Wagners für Hertha. Nach einer halben Stunde erzielte er die Führung. Den Ausgleich in der 69. Minute egalisierte Herthas damaliger Torjäger Ronny mit einem wuchtigen Schuss. Er trug sich damit in die nette Liste der Freistoßtorschützen in Berliner Derbys ein. Thorsten Mattuschka, der 2010 noch für die Unioner das Derby entschied, sollte in den folgenden Jahren vor allem durch Ronny ergänzt werden.

derbys
(Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP/GettyImages)

Die Brisanz dieses Duells in diesen Jahren zeigte auch das Interview des Unioner Torschützen Christopher Quiring nach dem Spiel, als er sich darüber aufregte, dass „Die Wessis“ nun in ihrem Stadion jubeln würden und man das erst einmal verdauen müsse. Nach einem Remis und einer Niederlage aus der Zweitliga-Saison 2010/2011 war es der erste Derbysieg für Hertha BSC in einem Pflichtspiel.

11. Februar 2013: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:2

Das Rückspiel am 21. Spieltag sollte die nächsten brisanten Geschichten schreiben. Die Hertha, die sich vor allem mit Eintracht Braunschweig um die Tabellenspitze stritt und Union, die auf Platz vier weilten und überraschend Außenseiterchancen im Aufstiegskampf hatten, trafen in einem mit über 74.000 Zuschauer restlos ausverkauften Olympiastadion aufeinander.

Es war ein bitterkalter Winterabend. In Berlin lag zum Teil Schnee, doch das Spiel war heißer denn je und die Fans sorgten für eine brachiale Stimmung. Neben vielen Rauchtöpfen durch Pyrotechnik sorgte vor allem die „Spreeathene“-Choreo der Hertha-Ultraszene für riesiges Aufsehen. In einem offenen Spiel gingen die Unioner kurz nach Beginn der 2. Halbzeit mit 2:0 in Führung. Die Herthaner, die zwar mit Kreativität und Spielwitz für Druck und Chancen sorgten, waren an dem Tag vor dem Tor aber einfach glücklos.

Es brauchte zwei Standardsituationen, die das Spiel drehen sollten. Adrian Ramos nickte nach 73 Minuten das Spielgerät wuchtig in die Maschen. Der Vorlagengeber Ronny sollte kurz vor dem Spielende seine Qualitäten zeigen. Der ruhende Ball, der in dieser Saison des Brasilianers bester Freund war, lag einige Meter halbrechts vorm Strafraum entfernt. Sein wuchtiger Schuss, der knapp über die Unioner Mauer flog, landete im unteren rechten Eck. Ein traumhafter Freistoß, der das Berliner Olympiastadion kurz vor Spielende nochmal richtig zum Beben brachte.

(Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Ronny selbst machte in den Sekunden darauf beim Jubeln Bekanntschaft mit den Tücken des Berliner Winters und dessen Schnee, als er ausrutschte und sich sogar ein wenig verletzte. Aber sei es drum. Hertha spielte in diesem Jahr die beste Saison, die eine Mannschaft jemals in der 2. Bundesliga absolvierte, stieg am Ende völlig verdient wieder auf und Ronny war einer der gefährlichsten Freistoßschützen Deutschlands und es war für eine lange Zeit das letzte Derby auf Wettkampfniveau.

22. Mai 2020: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 4:0

Nachdem das Hinspiel im Stadion an der Alten Försterei noch in einem Hexenkessel stattfand und am Ende die Köpenicker mit einem knappen 1:0-Sieg vom Platz gingen, stand das Rückspiel ganz im Zeichen der Pandemie. Der zweite Spieltag nach dem Wiederbeginn. Unter Trainer Bruno Labbadia kam die Mannschaft hervorragend aus der Zwangspause. Nach einem 3:0-Sieg in Sinsheim gegen Hoffenheim, folgte ein furioser 4:0-Sieg im Derby, in dem Hertha BSC einen erfrischenden Offensivfußball zelebrierte.

Doch bizarre Zeiten erfordern bizarre Maßnahmen und ermöglichen noch viel bizarrere Diskussionen. In einem komplett leeren Stadion fand das Spiel statt, so richtig hatte sich noch niemand an die Situation gewöhnt. Der größte Aufreger dieser Tage war die Art und Weise wie die Spieler der Hertha gegen Hoffenheim noch ihre Tore bejubelt hatten. Gegen Union Berlin zeigte vor allem Kapitän Vedad Ibisevic wie Jubeln mit Abstand geht, als er allein vor seinen Mitspielern sein Tor bejubelte und die anderen Herthaner mit einem Lachen vor ihm standen.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Es war die nächste Show des Matheus Cunhas. Der werdende Vater schoss ein Tor, widmete das seiner Frau und seinem in diesen Minuten auf die Welt kommenden Kind und verschwand nur wenige Minuten später Richtung Krankenhaus. Eine Zeit in der bei Hertha noch der Traum von einem baldigen Einzug nach Europa gelebt wurde und man als Nummer eins in der Stadt galt.

04. April 2021: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:1

Das erste Derby unter Pal Dardai entwickelte sich zu dem spielerisch wohl schwächsten Spiel dieser Aufeinandertreffen. Die Vorzeichen hatten sich mittlerweile komplett geändert. Union Berlin spielte um den Einzug ins internationale Geschäft, während Hertha BSC gegen den Abstieg kämpfte und mit ganz anderen Sorgen, als mit einer Stadtrivalität, umzugehen hatte.

Auch wenn spielerisch nur wenig zu holen war, konnte man sich unter Pal Dardai selbstverständlich trotzdem auf gewisse Tugenden verlassen. Einsatzwille und Mentalität waren vorhanden. Insbesondere Santiago Ascacibar zeigte jene Attribute. Eine Szene, die für Derby stand, war seine rustikale Grätsche gegen Nico Schlotterbeck und die unflätige Ansage, die er seinem Gegenspieler daraufhin machte.

Photo by Clemens Bilan – Pool/Getty Images)

Ansonsten entwickelte sich Robert Andrich immer mehr zum Angstgegner der Hertha. Der ehemalige Junioren-Herthaner und mittlerweile für Leverkusen spielende Mittelfeldakteur traf mit einem sehenswerten Distanzschuss schon früh in der Partie. Dodi Lukebakio traf per Elfmeter zum Ausgleich.

Wie erwähnt hatte das Derby spielerisch nur wenig zu bieten. Die immer noch ausgesperrten Fans machten aber auf sich aufmerksam. Insbesondere einige Fans von Union Berlin, die sich einen Zugang zum Stadiongelände ermöglichten und mit Pyrotechnik ihren eigenen Imbissstand in Brand setzten. Themen, die auf Grund gelangweilter Fans vor dem Stadion in dieser Zeit leider keine Seltenheit waren.

19. Januar 2022: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:3

Das wohl brisanteste Duell fand am Anfang dieses Jahres statt. Es war das erste Aufeinandertreffen unter K.O.-Bedingungen. Im DFB-Pokal-Achtelfinale kam es zu der Begegnung, auf die viele Fans seit Jahren hin fieberten. Doch die Kräfteverhältnisse hatten sich in Berlin mittlerweile komplett gedreht. Union Berlin ging als Favorit in das Spiel gegen die von Tayfun Korkut trainierten Herthaner.

3.000 Fans durften das Spiel im Stadion verfolgen. Die wenigen Leute versuchten trotz der mauen Bedingungen für Stimmung zu sorgen. Doch zumindest auf das Spiel der Hertha sollte der Funken nicht überspringen. Union war deutlich stärker und besser eingespielt, als die Heimmannschaft. Andreas Voglsammer per Traumtor, ein Eigentor von Niklas Stark und eine katastrophale Zuordnung bei Standardsituationen sorgten für drei vollkommen verdiente Unioner Tore.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Auf Seiten der Hertha konnte einzig Suat Serdar zählbares rausholen, der Rani Khedira zum Eigentor zwang und selbst in der Nachspielzeit noch das 2:3 erzielen konnte. Das letzte Aufeinandertreffen bestätigte die aktuellen Verhältnisse in Berlin, die nur mit einem Sieg in der Bundesliga wieder verrückt werden könnten.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]

Herthaner im Fokus: Zu grün hinter den Ohren

Herthaner im Fokus: Zu grün hinter den Ohren

Es läuft die 85. Minute im Berliner Stadtderby und Hertha-Jungprofi Linus Gechter fällt nach einem unglücklichen Zusammenprall ungünstig zu Boden. Nach kurzer Behandlungspause geht es für ihn zwar weiter, doch diese Szene und der Auftritt Gechters zeigen gut, was das komplette Spiel der alten Dame beschreibt. Gegen Union Berlin zeigte man sich mit zu viel Respekt vor dem Gegner, über weite Strecken agil, aber glücklos. Und am Ende lag man leider am Boden.

Personelle Veränderungen, aber weiter 4-4-2

Trainer Tayfun Korkut musste verletzungsbedingt kurzfristig auf Jordan Torunarigha verzichten und kehrte somit zur altbewährten Innenverteidigung mit Niklas Stark und Dedryck Boyata zurück. Myziane Maolida und Jurgen Ekkelenkamp machten außerdem Platz für den nach seiner Gelbsperre zurückgekehrten Suat Serdar und den im zentralen Mittelfeld agierenden Lucas Tousart.

In einem 4-4-2 stellte Korkut seine Mannschaft auf und wollte damit für eine stabile Zentrale sorgen und mit Ishak Belfodil und Marco Richter im Sturm offensive Gefahr kreieren. Im Derby gelang es der Hertha nach komplett verschlafener Anfangsphase irgendwann am Spielgeschehen teilzunehmen. Die Mannschaft zeigte aber über das gesamte Spiel deutliche Defizite in der Spielidee, im Spielaufbau und in der geschlossenen Verteidigung.

Wer die sowohl positiven als auch negativen Ausreißer in diesem ernüchternden Spiel waren und wer zumindest Leidenschaft zeigte, wollen wir hier nennen.

Suat Serdar: Der beste Herthaner

Wieder einmal war er der stärkste Spieler der Hertha. Auch wenn er wie seine Mitspieler wenig zu Beginn der Partie beizutragen hatte, war er es, dem es nach etwa einer halben Stunde gelang, das Zepter in die Hand zu nehmen und für die ersten offensiven Akzente zu setzen.

Im Verlauf des Spiels bereitete er zwei Torschüsse vor und scheiterte mit seinem Kopfball ans Außennetz in der 36. Minute relativ knapp. Er war 54 mal am Ball und brachte 73 Prozent seiner Pässe an den Mitspieler. Eine ordentliche Quote. Oft wirkte es allerdings, als wäre Serdar der einzige Spieler der Hertha, der in irgendeiner Form im Stande war Mittelfeld und Angriff miteinander zu verbinden. Sechsmal versuchte es Serdar mit einem Dribbling. Manchmal allerdings mit dem Kopf voraus durch die Wand. Immerhin konnte er vier davon erfolgreich abschließen, nur blieb die positive Wirkung für die Offensive zu oft aus.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Doch sein Verdienst war es, dass Hertha zumindest kurz Hoffnung schöpfen konnte, als er im Zusammenspiel mit Ishak Belfodil im Strafraum das Eigentor von Rani Khedira erzwang. Das 2:3, welches er und die Mannschaft erzwingen konnten, ging ebenfalls auf seine Kappe, war allerdings in Anbetracht der gespielten Zeit viel zu spät.

Suat Serdar zeigte unheimlich großes Engagement, konnte das aber vor allem wegen der fehlenden Stärke seiner Mitspieler zu selten ausnutzen. In der 16. Spielminute kassierte er nach einer Grätsche gegen Baumgartl die einzige gelbe Karte der Hertha in diesem Spiel. Auch ein Zeichen, mit welcher Intensität ein Derby geführt werden kann oder eben nicht.

Maximilian Mittelstädt: Bemüht aber glücklos

Auf seiner linken Seite hatte Mittelstädt relativ viel Spielraum. Mit 110 Aktionen war er nach Dedryck Boyata der jenige, der die meisten Ballkontakte im Spiel hatte. Anmerken muss man allerdings, dass gerade die beiden sich den Spiel oft ideenlos zuspielten, ohne einen Angriff kreieren zu können.

hertha
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Im Gegenteil, das Unioner Pressing sorgte oft dafür, dass die Verteidigung mit langen Bällen schlimmeres verhindern musste, nachdem sie zu langsam hintenrum gespielt hatte. Ihm fehlte oft die Unterstützung auf der linken Seite, wie bei Öztunalis Angriff in der 50. Minute, als er unbedrängt in den Strafraum laufen und flanken konnte und so das Eigentor von Niklas Stark zum 0:2 erzwang. Mittelstädt selbst war bei dem Angriff viele Meter hinter dem Geschehen und konnte nach seinem offensiven Aufrücken nicht mehr ins Spiel eingreifen.

Auch beim 1:3 war er viel zu weit vom einschussbereiten Robin Knoche entfernt. Trotz allem ist die Passquote von Mittelstädt akzeptabel. 82 Prozent seiner Bälle kamen an den Mann. Sein Torschuss in der 87. Minute war schön anzusehen, ging aber leider knapp am Tor vorbei. Maximilian Mittelstädt ist bekanntlich kein Lautsprecher auf dem Platz, doch mit seinen Bemühungen gelang ihm es zumindest temporär das Team immer wieder mitzuziehen.

Ishak Belfodil: Der geniale Partner fehlt

Er ist Stürmer Nummer eins und kann jederzeit etwas bewirken. Doch sein oft so trauriges und verzerrtes Gesicht spricht Bände. Mit viel Einsatz und guter Technik konnte Belfodil mal wieder für Gefahr sorgen. Zehn seiner siebzehn Zweikämpfe gewann er, was für einen Offensivspieler okay ist. 74 Prozent seiner Pässe kamen an und mit 55 Aktionen war er einer der aktivsten Spieler in der Offensive. drei Schlüsselpässe gelangen ihm.

Er versuchte seine Mitspieler in Szene zu setzen, selbst für Gefahr zu sorgen, aber ein nennenswerter Abschluss sollte ihm nicht gelingen. fünf von sechs Dribblings waren erfolgreich. Seine Vorlage für Serdar, der nach 54 Minuten das 1:2 erzwang, gehört sicherlich zu einem seiner Highlights.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Doch was nützt das größte Engagement, wenn die Mitspieler die Bälle nicht nutzen können? Wie in der 47. Minute, als sich Belfodil fein durch die Unioner Verteidigung dribbelte und zurück auf den freistehenden Vladimir Darida legte. Doch dieser bekam nur wenige Meter vor dem Tor freistehend, nicht annähernd den Ball auf das Gehäuse und schoss deutlich drüber. Eine Situation die recht bezeichnend für den Auftritt war.

Es fehlen neben Suat Serdar weitere Anspielpartner in der Offensive, die was mit dem Spielgerät anfangen können. Einer davon, ein gewisser montenegrinischer Stürmer, kann hoffentlich schon bald diese Lücke wieder ausfüllen.

Linus Gechter: Junge Unerschrockenheit

Zugegeben, das 17-jährige Abwehr-Talent hatte nicht so viel zu tun. Die Unioner, die ihr Angriffsspiel in der 2. Halbzeit nach dem 1:3 praktisch einstellten, stellten Gechter nur noch selten vor Herausforderungen. Er kam nach 58 Minuten für den angeschlagenen Niklas Stark in die Partie. Aber – und das ist für einen 17-Jährigen durchaus erwähnenswert – alles was in seine Richtung kam, konnte er recht souverän verteidigen.

Er warf sich in die Bälle, lief fleißig mit und blieb weitgehend fehlerfrei. 79 Prozent seiner Pässe kamen an den Mann und er versuchte mit sechs langen Bällen für Gefahr im gegnerischen Strafraum zu sorgen. – davon kamen allerdings lediglich zwei an. Doch auch er selbst hatte Möglichkeiten. In der 61. Minute verlängerte er Daridas Ecke von der linken Seite. Suat Serdar verpasste freistehend am langen Pfosten den Ball. Erfolgreicher lief es in der Nachspielzeit, als Gechter mit seinem wuchtigen Kopfball nur knapp am auf der Linie klärenden Kevin Behrens scheiterte. Den Nachschuss brachte Suat Serdar zum 2:3 ins Tor. Allerdings kam dieses Tor viel zu spät.

hertha
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Linus Gechter zeigte, was möglich ist, wenn man ihm Vertrauen schenkt. Er ist engagiert und geht – wie in der 85. Minute – dahin, wo es wehtut. Er ist durchaus in der Lage, einem Spiel den Stempel aufzudrücken. Trotz allem muss man aber auch zugeben, dass ihm Union das Leben nicht mehr wirklich schwer gemacht hatte. Er wäre eine Alternative, vor allem wenn Niklas Stark und Dedryck Boyata so spielen wie im Derby.

Beide hatten nicht die gewohnte Sicherheit und verschliefen oft – wie in der Anfangsphase bei Max Kruses Schuss nach wenigen Sekunden – das Spielgeschehen. Beide sahen bei keinem der drei Gegentore sonderlich gut aus und müssen zum Teil mit ihrem sehr schwachen Stellungsspiel die Tore auf ihre Kappe nehmen.

Fazit: Zu viel Respekt und Naivität bevor Hertha anfing Fußball zu spielen

Zwei von drei Derbys sind gespielt. Und auf dem Zettel stehen zwei Niederlagen. Das ist mehr als ernüchternd. Es tut weh in diesen Tagen Fan der Alten Dame zu sein.

Qualitativ war dieses Spiel sicherlich eine deutliche Leistungssteigerung zum Derby vor ein paar Wochen im Stadion an der Alten Försterei oder auch gegenüber den letzten beiden Bundesliga-Spielen in Wolfsburg und gegen Köln. Doch wie man die erste halbe Stunde verschlief, ist bedenklich. Es war Unions schwacher Chancenverwertung zu verdanken, dass man noch so lange im Spiel blieb.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Schön zu sehen war, wie man sich zurück ins Spiel malochte, doch sobald bei Hertha zwei, drei oder mehr Spieler nicht ihre Topform erreichen, ist nur wenig zu holen. Zwei engagierte Serdars und Belfodils reichen nun einmal nicht, um Union Berlin in ihrer aktuellen Form zu stoppen. Und das schon gar nicht in einem Spiel, das kopftechnisch nochmal eine andere Bedeutung hat. Ohne einen sinnvollen Spielplan des Trainers kann es auch nur höchstens über individuelle Momente gehen.

Alles Punkte, an den Fredi Bobic dringend arbeiten muss. Das Transferfenster ist noch ein paar Tage geöffnet und die nächsten Gegner sind Bayern, Bochum und Fürth. Es muss etwas geschehen, wenn man nicht im tiefen Abstiegskampf versinken möchte.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)