Vorstellung von Sandro Schwarz – Aufbruchstimmung

Vorstellung von Sandro Schwarz – Aufbruchstimmung

Neue Saison, neuer Trainer, neues Glück. Nach dem Tanz auf der Rasierklinge und spät gelungenen Klassenerhalt in der vergangenen Saison soll in der kommenden Spielzeit alles anders werden. Auf seiner Antritts-Pressekonferenz hat sich der künftige Cheftrainer von Hertha BSC, Sandro Schwarz, gemeinsam mit Geschäftsführer Fredi Bobic den Medien gestellt. Und dabei einen guten ersten Eindruck hinterlassen.

Unser Artikel zum Startschuss der Sommervorbereitung.

Eine bewegte jüngere Vergangenheit – auf beiden Seiten

Wenn man die Erlebnisse der letzten Wochen und Monate von Sandro Schwarz und Hertha BSC mit einem gemeinsamen Wort beschreiben müsste, wäre „intensiv“ vermutlich eine ziemlich gute Wahl. Während der Hauptstadtklub in den letzten drei Jahren von einer Chaossaison in die andere taumelte, erlebte Schwarz ein ganz persönliches Abenteuer mit Höhen und Tiefen. Im Herbst 2020 hat er mitten zur Corona-Hochzeit in Russland bei Dinamo Moskau angeheuert und dort eine Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld der Liga zu einem Spitzenteam geformt. Mit Start des unsäglichen Angriffskrieges in der Ukraine begann eine emotional schwierige Zeit für Schwarz, er entschied sich jedoch bis Saisonende bei seiner Mannschaft zu bleiben.

Seit Anfang Juni war dann klar, dass Sandro Schwarz neuer Cheftrainer bei Hertha wird. Zu Beginn kritisch beäugt, kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass er womöglich genau der Trainer sein kann, den die krisengebeutelten Blau-Weißen gebrauchen können. „Ich freue mich jetzt hier zu sein und bin seit Samstag in Berlin“, stellte sich der neue Übungsleiter lächelnd und dennoch fokussiert vor. Urlaub habe er kaum gehabt, in den letzten zwei Wochen hätte es viele Gespräche mit Mitarbeitenden gegeben. Auch eine Besichtigung der Trainingsplätze und Infrastruktur auf dem Gelände rund um den Schenckendorffplatz stand schon auf dem Plan. Schwarz wirkt trotz fehlender Pause ziemlich ausgeruht, strahlt von Beginn an Zuversicht und eine gewisse Vorfreude aus.

Wunschlösung auf dem Trainerstuhl

Dass es einen Neustart auf der Trainerposition benötigt, stand schon seit längerer Zeit fest. Bereits im letzten Sommer galt Pal Dardai keinesfalls als Wunschlösung von Fredi Bobic. Dies zeigte sich in der Kommunikation von Trainer und Manager auch recht schnell öffentlich. Die anschließenden Lösungen mit Tayfun Korkut und Felix Magath waren jeweils von vornherein bis Saisonende begrenzt. Bobic bestätigte dies auf der Pressekonferenz auch noch einmal selbst: „Für mich war frühzeitig klar, dass wir nach einem neuen Trainer suchen werden.“

Bobic

Photo by Martin Rose/Getty Images

Und auch wenn es mehrere Kandidaten gegeben hätte, wäre die Entwicklung wohl sehr deutlich in Richtung Schwarz gegangen. Aufgrund der Arbeit des gebürtigen Mainzers in Moskau ist Bobic sicher: „Ja, genau jetzt für diesen Zeitpunkt, für diese Situation bei Hertha BSC ist er der richtige Mann.“ Und führt weiter aus: „Ich brauche jemanden der 100 Prozent Überzeugung hat, diese nicht einfache Aufgabe hier bei der Hertha zu übernehmen.“ Zumindest überzeugt scheint Schwarz tatsächlich zu sein, laut eigener Aussage wäre er auch im Falle eines Abstiegs in die zweite Liga zum Hauptstadtklub gekommen.

Endlich ein klares Konzept

Das von Sandro Schwarz ausgerufene Saisonziel sieht auf den ersten Blick erst einmal recht ungewöhnlich aus: „Wenn unsere Zuschauer und Fans unabhängig vom Trikot sehen, dass es eine Hertha-Mannschaft ist, dann ist es eine erfolgreiche Saison.“ Bei genauerem Hinsehen ist dies jedoch genau das Ziel, welches Hertha BSC braucht. Im Vordergrund soll die sportliche Entwicklung stehen und nicht der Tabellenplatz. Realistisch betrachtet darf Europa eh keineswegs der Anspruch sein, dass man nicht absteigen darf, ergibt sich logischerweise von selbst.

Doch wie genau soll der sportliche Weg denn aussehen? Woran soll man die Mannschaft der „Alten Dame“ erkennen? „Es ist mir wichtig, dass wir sehr aktiv sind, dass wir eine sehr gute Struktur in der Arbeit gegen den Ball haben und dort auch mutig sind in unserer Verteidigung sind“, erläutert Schwarz. Nach vorne solle dann sehr zielstrebig gespielt werden. Und auch abseits des Spielerischen verfolgt der ehemalige Mainzer Coach eine klare Philosophie: „Wir wollen auch außerhalb des Platzes sehr geschlossen als Mannschaft auftreten“. Nachdem bei Hertha seit 2019 sieben verschiedene Trainer mit teils unterschiedlichen oder auch überhaupt nicht vorhandenen Konzepten tätig waren, könnte Schwarz die Grundlage für eine bessere Zukunft legen. Der konsequente Plan und die erkennbare Idee des neuen Übungsleiters sind ein elementarer Bestandteil dessen, wofür Hertha in Zukunft stehen soll.

Die Arbeitsweise von Sandro Schwarz

Um diesen Weg bestreiten zu können, wartet viel Arbeit auf den Chefcoach. Und auch dafür verfolgt er einen klaren Prozess: „Unser Anspruch ist es, vom ersten Tag sehr intensiv und fleißig zu sein. Nicht groß zu reden, sondern wirklich mit einer hohen Leistungsbereitschaft zu arbeiten.“ Zu Beginn der Sommervorbereitung stehen dabei klassischerweise die athletischen Grundlagen im Vordergrund, ehe es anschließend nach und nach an die taktischen Feinheiten geht.

hertha

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Grundsätzlich verfolgt Sandro Schwarz in seiner Arbeit einen sehr strukturierten Ansatz: „Ich bin ein sehr ordnungsliebender Mensch und ich bin der Überzeugung, dass eine gewisse Struktur Energie und Vertrauen gibt.“ Dies gelte sowohl fußballerisch als auch abseits des Feldes. Im Training sei vor allem eine hohe Wiederholungsrate der einzelnen Abläufe geplant. Dennoch will Schwarz seinen Schützlingen fußballerische Kreativität lassen und stellt klar: „Wir müssen den Jungs die Gewissheit geben wie das Spiel zu funktionieren hat, wie wir spielen wollen und dann aber auch es laufen zu lassen und die Freiheit zu geben“

Unterstützt wird er in seiner Arbeit dabei von Daniel Fischer, Volkan Bulut und Tamas Bodog, mit denen er zum Teil schon in Moskau zusammengearbeitet hat. Andres Menger und Vedad Ibisevic, über den Schwarz lobende Wort fand, sowie die bisherigen Athletiktrainer rund um Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben Hertha BSC erhalten.

Erneuter Kaderumbruch

Im Gegensatz zum Trainerteam steht der finale Kader derweil noch lange nicht fest. „Es wird wieder Zeit brauchen, bis der Kader komplett ist“, stellt Fredi Bobic klar. Der Markt sei noch relativ träge, insbesondere die Teams aus Südeuropa würden noch etwas Urlaub machen was die Kaderplanung angeht. Es ist als auch dieses Jahr damit zu rechnen, dass die Mannschaft nach Saisonbeginn im August weiter verändert wird und sich eine gewisse Unruhe dadurch nicht vermeiden lassen wird. Dass dies die Arbeit des Trainers erschwert, ist auch Bobic bewusst: „Es ist immer etwas unfair für das Trainerteam.“

Dennoch konnte der Manager heute etwas Einblick in die kommenden Transfers geben. So wird Santiago Ascacibar den Verein bei einem passenden Angebot verlassen dürfen, er wäre bereits während der Rückrunde auf Bobic zugekommen und hätte seinen Wechselwunsch für den Sommer geäußert. Auch Eduard Löwen ist momentan vom Training freigestellt, da er sich in Verhandlungen mit einem Verein befände. Auf der Torwartposition plane man fest mit Oliver Christensen als Stammspieler: „Da haben wir alle ein sehr gutes Gefühl dabei.“ Rune Jarstein ist Stand jetzt als Ersatztorhüter eingeplant, sollten dessen Fitnesswerte in den nächsten Wochen das nicht möglich machen, würde man sich gegebenenfalls auf dieser Position verstärken.

Bezüglich Kevin Prince Boateng konnte Bobic verkünden, dass dieser wohl bleiben wird, es hinge noch an ein paar vertraglichen Kleinigkeiten. Schwarz ist für einen persönliches Austausch mit Boateng sogar vor ein paar Tagen bereits einmal nach Berlin gekommen. Sein Fazit lautet: „Es war ein sehr gutes Gespräch, offen, klar und ehrlich von beiden Seiten aus und ich finde das ist eine gute Basis um weiter sehr gut zusammen zu arbeiten.“

Schwieriger Saisonstart

Dass gearbeitet werden muss, dürfte unzweifelhaft sein. Mit dem Zweitligisten Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal und anschließenden Bundesligastart gegen den Stadtrivalen Union Berlin hätte das Auftaktprogramm knackiger kaum sein können. Angesprochen auf das Derby reagiert Schwarz mit der Aussage „Geiles Spiel“, bevor die Frage überhaupt zu Ende gestellt ist. Schon vor dem offiziellen Trainingsauftakt lebt er also vor, mit welcher Einstellung und Mentalität in Zukunft in Berlin-Charlottenburg gearbeitet werden soll.

Braunschweig

Photo by Martin Rose/Getty Images

Gleichzeitig macht er im Laufe der Pressekonferenz mehrmals klar, dass mit Braunschweig noch vor Union ein Gegner wartet, der mitnichten ein Selbstläufer ist. Es wird das bereits dritte Duell der beiden Mannschaften während der ersten Runde des DFB-Pokals in fünf Jahren sein. Mit Blick auf die letzte Begegnung im Sommer 2020, Hertha verlor in einer denkwürdigen Partie mit 4:5, sollte jedem klar sein, dass die von Schwarz gebotene Vorsicht mehr als nur eine Plattitüde ist. Der frische Cheftrainer hat noch sechs Wochen, um die Grundlagen seines Stils in eine vom erneuten Umbruch begleitete Mannschaft einzuarbeiten. Die Aufgabe, sie könnte kaum schwerer sein und dennoch gibt es auf dem Olympiagelände zum ersten Mal seit langem so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Saison 2022/23, sie kann kommen.

[Titelbild: THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images]

Eine Hertha – Zwei Meinungen: Das Zwischenzeugnis für Fredi Bobic

Eine Hertha – Zwei Meinungen: Das Zwischenzeugnis für Fredi Bobic

In dieser neuen Rubrik werden wir in Zukunft regelmäßig Themen beleuchten, bei denen es kein Schwarz oder Weiß gibt. Dazu wird immer ein Redakteur die Pro-Seite und ein anderer die Contra-Seite vertreten. Den Anfang machen wir mit einer vorläufigen Analyse von Fredi Bobics Arbeit. Anhand von drei Thesen bewerten wir das bisherige Wirken des neuen starken Mannes bei Hertha, wobei Alex die Rolle des „Anklägers“ und Johannes die des „Verteidigers“ einnimmt.

Anklagepunkt 1: Der Kader wurde im Sommer massiv verschlechtert

Als die Verpflichtung Fredi Bobics bekanntgegeben wurde, war die Hoffnung groß, dass seine internationalen Kontakte zukünftig Spieler des Kalibers Haller, Jovic und Rebic hervorbringen würden. Nach den ersten zwei Transferphasen ist man davon meilenweit entfernt. Statt die Schwachstellen des Kaders auszumerzen, wurden in Matheus Cunha und Jhon Córdoba die beiden mit Abstand gefährlichsten Offensivakteure der Vorsaison veräußert. Die dadurch generierten Einnahmen machen den sportlichen Verlust nicht wett. Dass man darüber hinaus auch noch Javairo Dilrôsun und Dodi Lukebakio per Leihe (also ohne satten Transfererlös) abgab, erschließt sich beim besten Willen nicht.

bobic
(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Klar darf man zu beiden Spielern geteilter Meinung sein, aber hier wurde ohne Not eine Lücke auf den offensiven Flügeln geschaffen, die zu Saisonbeginn dafür sorgte, dass Dennis Jastrzembski, der im Vorjahr noch in der 3. Liga spielte, aushelfen musste. Wo in der Saison 20/21 noch Córdoba knipste, ging man aufgrund der Verletzung Piąteks zunächst mit Davie Selke, dessen Torgefahr vor Jahren auf der Strecke geblieben ist, als Stürmer Nummer eins in die Saison. Zwar wurden die Lücken in Person von Ishak Belfodil und Stevan Jovetić noch geschlossen. Besonders Letzterer kann aber in dieser Saison nur als Teilzeitkraft eingeplant werden – verpasste bereits acht Spiele verletzungsbedingt. Auch das seit Jahren klaffende Qualitätsproblem auf den Außenverteidigerpositionen wurde nicht behoben. Unter dem Strich bleibt damit ein Kader, der im Vergleich zum Vorjahr deutlich an Qualität verloren hat – was fatal ist, wenn man bedenkt, dass man mit ebenjenem Kader beinahe abgestiegen wäre – und der sich nun erneut in einem viel zu großen Umbruch befindet.

Einer Mannschaft, der zuvor bereits eine Achse gefehlt hat, um die elementaren Leistungsträger zu berauben, in der Hoffnung, dies mit „Mentalität“ wettmachen zu können, zeugt von Naivität. In Frankfurt wurde er zwar mit einem Team, das gespickt war von diesem Typus, Pokalsieger. Allerdings war ein Kevin Prince-Boateng zu diesem Zeitpunkt auch noch schlappe vier Jahre jünger und in der Blüte seines Schaffens, während er aktuell – nun ja…

Entlastungsargument: Bobic hat den Kader mit Bedacht verändert und auf Langfristigkeit ausgerichtet

Als Fredi Bobic bei Hertha BSC unterschrieben hat, war ihm die finanzielle Lage des Vereins nicht bekannt. So viel wissen wir mittlerweile. Es wäre durchaus möglich gewesen, bei stabileren Finanzen Spieler größeren Kalibers zu verpflichten. Somit war Fredi Bobic gezwungen, Gelder einzunehmen und musste zusätzlich den Kader nach der Mentalität ordnen. Es ergab absolut Sinn, sich von Spielern wie Matheus Cunha und Jhon Córdoba zu trennen, deren Qualität weit über dem Durchschnitt des Kaders lag und deren Ziele andere waren, als die der Hertha, weshalb man sich gerade im persönlichen Bereich bereits auseinandergelebt hatte. Ebenfalls mangelte es Dodi Lukabakio erheblich an Motivation und Javairo Dilrôsun konnte sein Talent nur selten und niemals konstant für Hertha abrufen.

Mit Cunha und Córdoba verließen Hertha im Sommer die zwei Top-Scorer der Vorsaison. (SOEREN STACHE/POOL/AFP via Getty Images)

Jessic Ngankam brauchte Spielpraxis, welche er bei Fürth ohne seinen Kreuzbandriss ohne Zweifel bekommen hätte. Auch in Hinblick auf die Konkurrenz im Sturm bei Hertha, wo im Sommer mit Stevan Jovetic, Ishak Belfodil, Krzystof Piątek und Davie Selke vier Stürmer in der Hierarchie über ihm standen, ergab die Leihe nur Sinn. Der Corona-bedingt schwierige Markt, die vielen personellen Umstellungen im Verein und das generelle Gewitter um den Verein, welches seit 2019 anhält, machen es keiner agierenden Person leicht. Fredi Bobic hat ohne zu meckern seine Arbeit versucht zu erledigen.

Mit Kevin-Prince Boateng wurde ein Lautsprecher fürs Team geholt, Marco Richter ist mit Stevan Jovetic und Ishak Belfodil eine weitere torgefährliche Komponente im Sturm. Suat Serdar ist einer der besten Spieler der Bundesliga im zentralen Mittelfeld und hat das Potential, in der Nationalmannschaft zu spielen. Jurgen Ekkelenkamp, Oliver Christensen, Frederik-André Björkan und Dong-Jun Lee, sowie Kevin Nsona und zahlreiche Jugendspieler, die in den letzten Wochen Profiverträge unterschrieben haben, zeigen in welche Richtung der Kader für die Zukunft verändert werden soll.

Anklagepunkt 2: Die Entlassung von Pál Dárdai war ohne Not – und ohne Alternativplan

Bobics undurchdachte Trainerentscheidungen waren schon zu seiner Zeit in Stuttgart ein großer Kritikpunkt an seiner Arbeit. Jetzt droht sich dieses Muster zu wiederholen. An Spieltag 13, obwohl man nicht auf einem Abstiegsplatz stand, Pál Dárdai zu entlassen, war eine Kurzschlusshandlung, die viel zu früh erfolgte. Eine Trainerentlassung sollte immer die letzte Maßnahme sein, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das Spiel gegen Augsburg, nachdem Dárdai seinen Hut nehmen musste, war eines der besseren der Hinrunde. Statt darauf aufzubauen, hat man nun ohne Not den Mann freigestellt, der schon mehrfach bewiesen hat, dass er Abstiegskampf kann.

bobic
(Photo by Matthias Kern/Getty Images)

Eine derart gravierende Entscheidung darf nur getroffen werden, wenn man ein Ass im Ärmel hat. Ist die Nachbesetzung jedoch ein Trainer ist, der zuvor drei Jahre lang ohne Anstellung blieb und auch bei seinen vorherigen Stationen nicht zu überzeugen wusste, dann ist dies schlichtweg unverantwortlich. Wenn Bobics so gut gefülltes Telefonbuch am Ende zu solch einem Ergebnis führt, kann man nur hoffen, dass er sich bis zum Sommer eine neue Kontaktliste anlegt.

Entlastungsargument: Die Entlassung von Pál Dárdai war der richtige Schritt – Tayfun Korkut die Notlösung

Unter Dárdai gab es keinerlei Entwicklung des Teams. Es fehlte gänzlich der Spielplan und die Idee, wie man ein Spiel gewinnen sollte. Das einzige, was ihn gehalten hatte, war der Name und sein Legendenstatus. Hätte Fredi Bobic die Chance gehabt, hätte er sich bereits im Sommer von ihm trennen wollen und Hertha mit einem gestandenen Trainer ausstatten können. Doch der Klassenerhalt in der letzten Saison ermöglichte dem Trainerteam eine Vertragsverlängerung, weshalb in dieser Hinsicht Bobic die Hände gebunden waren.

Der Trainerwechsel hin zu Korkut brachte bislang nicht den erwünschten Effekt. (Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Die Trennung hätte vermutlich sogar noch früher erfolgen können, was aber aufgrund fehlenden Interesses verschiedener Trainer nicht möglich war umzusetzen. Tayfun Korkut war die Notlösung. Dieser hatte durch seine letzte Station beim VfB Stuttgart durchaus Argumente auf seiner Seite, ein Team aus einer Krise zu führen. Dass der Trainerwechsel letztendlich nicht gefruchtet hat, ist nicht der Fehler Fredi Bobics. Noch hat er eine weitere Patrone, um einen Trainer-Wechsel zu ermöglichen.

Anklagepunkt 3: Bobic fehlt das Korrektiv – und sein wichtigster Mann

Der Rekordspieler entlassen, Zecke Neuendorf im Gleichschritt und Arne Friedrich räumt auf eigenen Wunsch ab Sommer sein Büro in der Hanns-Braun-Straße. Hinzu kommen die Abgänge vom ehemaligen Leiter der Fußballakademie Benjamin Weber und dem langjährigen Nachwuchstrainer und einstigem Hertha-Spieler Michael Hartmann. Bobic darf nicht den Fehler machen, dass der Verein auf Schlüsselpositionen zu beliebig wird und die Identifikation verloren geht. Es braucht Leute, die Hertha BSC und seine Interessen kennen und hochhalten.

In Frankfurt hat dieses Gespann um starke Personen wie Axel Hellmann und Bruno Hübner dafür gesorgt, dass Bobic Korrektive hatte, die im Ernstfall auch mal Widerrede leisten konnten. Ob ein Dirk Dufner, der ähnlich wie Tayfun Korkut ohne das Zutun von Bobic wohl nicht mehr an eine derart verantwortungsvolle Position bei einem Bundesligisten gekommen wäre, diese Person sein kann, darf zumindest angezweifelt werden. Welche Auswirkungen es haben kann, wenn ein einzelner Mann zu viel Verantwortung trägt, ohne dass ihm jemand über die Schulter schaut, sollten zwölf Jahre Michael Preetz gelehrt haben.

Entlastungsargument: Bobic musste mit schwierigen Witterungsbedingungen umgehen

Die Zeit in Berlin ist seit seinem Amtsantritt noch stark vom Chaos begleitet. Aber ob das wirklich an ihm liegt, darf bezweifelt werden. Pablo Thiam, der für den Nachwuchs zuständig ist, hat sich mittlerweile als eloquenter Zeitgenosse, mit viel Fachwissen gezeigt und durch Einstellungen verschiedener Personen auf zum Teil neu geschaffene Posten, bricht Bobic alte Strukturen auf. Etwas, was es seit zwölf Jahren bei Hertha nicht mehr gegeben hatte und deshalb Zeit braucht. Möglicherweise ist die Strategie des Vereins, das auch intern zu halten.

In Frankfurt stand Bobic auch für unangenehme Entscheidungen – die in der Regel jedoch in Erfolg resultierten. (Frederic Scheidemann/Getty Images)

Zusätzlich ist mit Carsten Schmidt ein extrem wichtiges Glied aus der Vorstandsriege aus privaten Gründen zurückgetreten. Die Aufgaben seines Bereichs werden seitdem von Bobic aufgefangen, was einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeit einnimmt.

Fredi Bobic steht für unpopuläre Entscheidungen und wurde dafür schon in Frankfurt kritisiert. Der langfristige Erfolg gab ihm schlussendlich aber recht. Die Frankfurter Eintracht stieg im ersten Jahr beinahe ab, konnte damals noch durch den letztendlich maximal erfolgreichen Niko Kovac gerettet werden. In Frankfurt wurde der Vertrag der Eintracht-Legende Alexander Meier nicht mehr verlängert, mit Adi Hütter holte er einen in Deutschland unbekannten Trainer. Zusätzlich war seine Zeit in Frankfurt zunächst vor der Corona-Pandemie und ließ mehr Flexibilität zu. Einen Erfolg, den er in Frankfurt hatte, konnte er außerdem bereits bei der Hertha verzeichnen. Ähnlich wie Filip Kostic, verpflichtete er mit Ishak Belfodil einen Spieler, der als gescheitert galt und mittlerweile zu den unverzichtbaren Leistungsspielern gehört.

Titelbild: Maja Hitij/Getty Images

Von Dardai zu Korkut: Der nächste Versuch, ein normaler Bundesligist zu werden

Von Dardai zu Korkut: Der nächste Versuch, ein normaler Bundesligist zu werden

Am heutigen Morgen schlug das Thema ein wie eine Bombe. Pal Dardai ist nicht mehr länger Trainer von Hertha BSC. Mit einer Meldung auf der Homepage kamen die Berliner mit dieser Nachricht um die Ecke. Im selben Atemzug wird Tayfun Korkut als Nachfolger präsentiert. Ein Mann, der das letzte Mal 2018 einen Job im Fußball-Business hatte. Es stellen sich viele Fragen, ob Antworten gefunden werden, muss die Zukunft sagen.

Hertha BSC und der Berliner Winter: Zu viele Gemeinsamkeiten

Die Zeiten sind grau, kalt und es wirkt wie eine schier unendliche Periode, die nicht enden mag. Die Berliner Millionenstadt wird zunehmend stiller und ungemütlicher, am Wochenende gesellte sich zu den eisigen Temperaturen auch noch der erste Schneefall dazu.

Als jemand, der in Berlin lebt, hat man hier aktuell nicht viel zu lachen. Irgendwie wirkt alles etwas betäubter und dunkler als sonst. Als Fan von Hertha BSC prasseln diese Gefühle praktisch doppelt ein. Der Klub macht seit mittlerweile zwei Jahren einen nicht wirklich zielführenden Eindruck. Um den Verein herrscht eine dunkle Stimmung, die niemand so wirklich im Stande zu sein scheint, aufzuhellen.

(Photo by Thomas Eisenhuth/Getty Images)

Am heutigen Morgen erlangte all das ein neuen unrühmlichen Höhepunkt. Hertha BSC trennte sich mit sofortiger Wirkung von Trainer Pal Dardai und seinen Co-Trainern Andreas „Zecke“ Neuendorf und Admir Hamzagic. Haben der Alten Dame zuvor bereits Kopf und Gesicht gefehlt, wurde nun das Herz entfernt.

Fredi Bobic: Mehr Business als Feingefühl

Am frühen Morgen teilte Geschäftsführer Sport Fredi Bobic Pal Dardai und dem Trainerteam mit, dass sie mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben freigestellt sein würden. Die Nachfolge war schnell, dem Vernehmen nach schon vor der Entlassung, gefunden. Mit Tayfun Korkut und dem ehemaligen Herthaner Ilija Aracic (von 1999 – 2000 25 Bundesligaspiele für Hertha BSC) als Co-Trainer präsentierte Fredi Bobic ein Team, welches streitbar ist und zunächst mit immens kritischen Augen von der Fanbase und der Medienwelt gesehen wird.

Fredi Bobic zeigte auf der Vorstellungspressekonferenz ein gefasstes und überzeugtes Gesicht. Er bedankte sich beim scheidenden Trainerteam und sprühte vor Optimismus und war bemüht Tayfun Korkut als neuen starken Mann zu präsentieren.

dardai korkut
(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Es zeigt, wie sehr sich der Wind in der Hauptstadt gedreht hat. Während noch vor einem Jahr Michael Preetz als emotionaler Mann die Geschicke leitete, sich zunehmend emotional in Pressekonferenzen gab und seine Liebe zur Hertha nicht leugnete, vermittelt sein Nachfolger einen Eindruck als fokussierter, aber eiskalter Manager.

Nach einer denkwürdigen Transferphase im Sommer ist es die nächste Situation, in der Fredi Bobic im Mittelpunkt steht und nicht gerade mit Sympathiepunkten überhäuft wird. Doch das scheint ihm egal zu sein. Seine Überzeugung steht über dem Bedürfnis, beliebt bei den Fans zu sein.

Jetzt unsere Podcast-Folge mit Hertha-Präsident Werner Gegenbauer hören, in der wir u.a. über die bislang mangelhafte Kommunikation zwischen Verein und Investor sprechen!

Tayfun Korkut: Ungewöhnliche Wahl, aber möglicherweise unterschätzt

Die unpopuläre Entscheidung, Tayfun Korkut zum neuen Cheftrainer zu machen, sorgt im kurzlebigen Fußballgeschäft zunächst für Häme und Spott. Doch das interessiert Fredi Bobic nicht, der seit mehreren Wochen seine Entscheidung Pal Dardai zu entlassen, getroffen zu haben scheint.

Und wie schon in der Transferphase sorgen seine Entscheidungen keinesfalls für Luftsprünge und Aufbruchsstimmung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das überhaupt nötig ist. Auch laut Fredi Bobic sei die Mannschaft in Takt, brauche lediglich nur Orientierung. Entscheidend ist also, dass die neue Lösung viel mehr nach innen, als nach außen wirkt. Tayfun Korkut hat sich über die Jahre in Fußball-Deutschland einen Namen gemacht. Leider keinen guten. Stationen bei Hannover und Kaiserslautern waren praktisch zum Scheitern verurteilt, bei Leverkusen gelangen ihm in elf Bundesligaspielen lediglich zwei Siege.

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Hoffnung bietet allerdings seine letzte Station in der Bundesliga. Nämlich beim VfB Stuttgart. 2018 übernahm Korkut den VfB nach 20 Spieltagen auf Platz 14 und im tiefen Abstiegskampf. Mit 31 Punkten aus 14 Spielen starteten er und die Mannschaft eine furiose Aufholjagd, die am Ende beinahe mit der Qualifikation zur Europa League endete. Wobei auch hier viele VfB-Fans einordnend behaupten, dass wenig Plan und viel Glück von großer Bedeutung waren.

Fazit: Eine Patrone, die ein Risiko birgt und sitzen muss

Fredi Bobic geht ein enormes Risiko. Die Mannschaft, die auch nach seinen eigenen Worten intakt ist, muss sich in einer brenzligen Situation auf etwas neues einstellen. Versteckte Energien könnten freigesetzt werden. Genauso besteht allerdings das Risiko, dass die Verkrampfung im Hertha-Spiel vertieft und eine Weiterentwicklung blockiert.

Außerdem stellt sich die Frage, ob die Zeit in Stuttgart nur eine Nebelkerze war oder sich Korkut in seiner Karriere weiterentwickelt hat und nun die Chance nutzen kann, endgültig aus der Schublade des chronisch erfolglosen Trainers zu steigen. Sollte das klappen, haben Hertha-Fans im Berliner Winter eine Sorge weniger.

Titelbild: [Christian Kaspar-Bartke/Getty Images]

Fredi Bobic: Der neue starke Mann an der Spree

Fredi Bobic: Der neue starke Mann an der Spree

Rund zwei Wochen ist es nun her, dass eine Meldung offiziell verkündet wurde, die auf der einen Seite erwartbar und auf der anderen Seite gleichzeitig doch komplett überraschend kam. Fredi Bobic wird ab der kommenden Saison Geschäftsführer Sport bei Hertha BSC. Dass diese Nachricht die Fußballwelt nicht in ihren Grundfesten erschüttert hat, liegt daran, dass sie, seitdem Bobic Anfang März bekanntgab, Eintracht Frankfurt, wo er noch bis zum 31. Mai als Vorstand Sport angestellt ist, verlassen zu wollen, allerseits längst prognostiziert wurde. Zu eng waren die Verbindungen zu dem Verein, bei dem er seit 2005 Mitglied ist, zu spannend die Herausforderung und zu verlockend die Möglichkeit, endlich wieder bei der in Berlin wohnhaften Familie zu sein. Der Überraschungsfaktor rührt daher, dass der einstige deutsche Nationalspieler auf den ersten Blick mindestens einen Schritt zurück geht. Von einem Champions League-Aspiranten hin zu einem Verein, dessen Ligazugehörigkeit Stand jetzt noch nicht einmal geklärt ist. Doch die Tinte ist trocken, unabhängig von Ober-oder Unterhaus, wie Bobic selbst bestätigte.

Und somit ist es höchste Zeit, einen Blick auf den baldigen Nachfolger von Michael Preetz zu werfen und zu beleuchten, worauf sich Hertha-Fans einerseits freuen dürfen, wo aber gegebenenfalls auch Reibungspotenziale bestehen.

Um Bobics bisherige Karriere als Sportfunktionär unter die Lupe zu nehmen, haben wir im Vorfeld mit Experten von Bobics zwei Manager-Stationen in Deutschland – Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart – gesprochen. Für den VfB hat uns Martin, unter anderem bekannt durch den Podcast BrustringTalk Rede und Antwort gestanden. Auf Frankfurter Seite haben wir mit Marvin vom HR und Fußball 2000 gesprochen.

Kapitel 1: Die ersten Schritte in der Ferne

Dass Fredi Bobic heute zu einem der angesagtesten Fußballmanager des Landes zählt, war zu Beginn seiner Funktionärskarriere nicht unbedingt zu erwarten. Seine Reise begann im März 2009 im bulgarischen Burgas. Dort sollte er als Geschäftsführer in den Bereichen Sport und Marketing den von seinem ehemaligen Sturmpartner Krassimir Balakov – Stichwort magisches Dreieck – trainierten Klub unter der Mithilfe eines investitionsfreudigen Präsidenten zu höheren Sphären führen und dem Verein vor allem Strukturen geben. Der sportliche Erfolg bewegte sich im Rahmen. Nachdem man die Saison 08/09 auf Platz sechs beendete, stand im Folgejahr – dem ersten unter Bobics kompletter Verantwortung – Rang fünf zu Buche.

Fredi Bobic während seines ersten Managerjobs in Bulgarien. (Imago images via Getty Images)

Doch insbesondere neben dem Platz gelang es Bobic, den Verein zu verändern. So wurden die Strukturen in der Kommunikations- und Merchandising-Abteilung auf professionelle Beine gestellt. Zudem initiierte er den Bau eines neuen Trainingszentrums inklusive Campus und trug die Vision des schwerreichen Eigentümers Mitko Sabev mit, aus dem Stadion – überspitzt gesagt – eine Einkaufshalle mit Fußballplatz zu machen.

So äußerte sich Bobic im Juni 2010 bei Spox zu dem Projekt: „Ein unheimlich faszinierendes Projekt, weil sie solche gigantischen Ausmaße hat. Unser jetziges Stadion mit Business-Bereich und anderen in Bulgarien ungewöhnlichen Annehmlichkeiten ist zwar bereits das modernste des Landes, aber die neue Arena soll in dem geplanten Mega-Komplex mit einer Sporthalle, Einkaufs-Mall und Bürogebäuden das absolute Highlight sein.“ Mit Fußballromantik hat diese Idee von Stadionerlebnis freilich wenig zu tun. Ein Aspekt, der sich auch durch spätere Äußerungen und Entscheidungen von Bobic durchziehen soll. Aber dazu später mehr.

Kapitel 2: Der Wurf ins kalte Wasser

Obwohl er laut eigener Aussage geplant hatte, den Verein erst zu verlassen, bis man ihn wie geplant zur Saison 2013/14 hin in der nationalen Spitze etabliert hatte, nahm er im Sommer 2010, weniger als eineinhalb Jahre nach Vertragsantritt in Bulgarien, das Angebot aus Stuttgart an. Hier, wo Bobic seine erfolgreichste Zeit als Spieler feierte, trat er das Erbe von Horst Heldt als Spotdirektor an. Der geringen Berufserfahrung zum Trotz setzten die Schwaben vor allem auf dessen Identifikation und die hohe Beliebtheit beim eigenen Anhang, wie Martin ausführt: „Mit Horst Heldt hatte den VfB der “Meistermanager” verlassen, daher sollte die Position natürlich entsprechend klangvoll besetzt werden, mit Sicherheit auch ein bisschen, um die Fans zu besänftigen. […] Dazu genoss Bobic zu dem Zeitpunkt fast Legendenstatus bei den VfB Fans, als Bestandteil des magischen Dreiecks und Pokalsieger zusammen mit Balakov und Elber unvergessen. […] Wir alle kennen Fußballfans, das ist dann ein Bonus und Vertrauensvorschuss, welchen dann auch Bobic eben erhielt – trotz seiner nur im geringen Maße vorhandenen Erfahrung.“

Aus seiner Zeit beim VfB bleiben vor allem unglückliche Trainerentscheidungen in Erinnerung. (Imago images via Getty Images)

Ebenjener Vertrauensvorschuss wurde dann allerdings schnell auf eine harte Probe gestellt. Bereits am siebten Spieltag der Saison 2010/11 sah Fredi Bobic sich gezwungen, mit der Freistellung von Christian Gross seinen ersten Trainerwechsel vorzunehmen. Es folgte eine schier endlose Fehde an zweifelhaften Personalentscheidungen. In seinen etwas mehr als vier Jahren bei den Schwaben sah Bobic sechs Trainer kommen und gehen.

Kaum eine Entscheidung zeugte dabei von einem übergeordneten Plan, wie man Fußball spielen wolle oder welche Qualitäten ein Trainer mitbringen müsse. Es war eine Zeit, in der sich gefühlt jeder übliche Verdächtige vom Bundesliga-Trainerkarussel mal beim VfB ausprobieren durfte. „Eigentlich kann man sagen, dass es bei der Trainerauswahl nur einen Treffer gab – Bruno Labbadia. Aber auch hier muss man Fredi ein bisschen in Schutz nehmen, das Geld war knapp und Lösungen aus dem Verein, wie Keller oder Schneider natürlich bestimmt in den Gremien beim VfB ganz gerne gesehen.“, fasst Martin zusammen.

An diesem Punkt und auch bei weiteren Fehleinschätzungen während seiner Zeit in Stuttgart kann man bereits ablesen, wie wichtig ein funktionierendes Umfeld für Fredi Bobics Wirken ist. Beim VfB fand er dieses, anders als heute, nicht vor. So standen die Schwaben finanziell auf sehr wackeligen Beinen, wie Martin erklärt: “Heldt hatte viele gut ausgestattete Verträge hinterlassen und es musste gespart werden. So gab es einen Transfersommer mit einer Leihe von Tim Hoogland und der Verpflichtung von Tunay Torun. Als Einordnung, mit wie viel Geld Bobic arbeiten konnte.“

Bobic beim VfB: Zu viele Fehler

Gerade aufgrund dieser finanziellen Engpässe wäre es wichtig gewesen, die so hochtalentierten Spieler der VfB-Jugend verstärkt zu fördern. Doch auch hier bewies Bobic kein glückliches Händchen: „Das Scouting war nicht sonderlich gut ausgeprägt beim VfB und so war viel auf die Einschätzung von Fredi angewiesen – dazu gehörte auch die Leihe von Leno zu Leverkusen, den er besser als Sven Ullreich einschätze oder die Leihe von Joshua Kimmich zu Leipzig. Unverzeihlich bis heute. Die nicht ganz erfolglose VfB-Jugend wurde auch umgebaut. Leider so, dass wir die sehr erfolgreichen und langjährigen Verantwortlichen nach Leipzig verloren. Dazu gab es generell wenig Wertschätzung für die Eigengewächse und der VfB benötigte viele Jahre, hier die Schäden von Bobic wieder zu korrigieren.“ Auch an dieser Stelle fehlte es also wieder an einem Sparringpartner und weiterer sportlicher Kompetenz neben Fredi Bobic. Welche langfristigen Schäden dann entstehen können, wenn die gesamte sportliche Verantwortung in die Hände eines Einzelnen gelegt wird, wissen Hertha-Fans nur zu gut.

Doch kann man Fredi Bobic auch hier nicht von aller Schuld freisprechen. So war er zu Beginn seiner Managerkarriere nicht gerade der geborene Teamplayer. „Sein Temperament, welches viele noch vom Fußballfeld kennen, war wohl auch vereinsintern vorhanden, Widerworte, so sagt man, habe er ungern ertragen. Vor allem gegenüber von Leuten, die nicht selbst auf seinem Level Fußball spielten. Wenn jemand nach seiner Einschätzung also keine Ahnung hatte, dann war ein konstruktiver Austausch nicht wirklich möglich. Dazu kam eine fehlende Streitkultur oder allein Widerworte gab
es selten, da viele Stellen durch alte Weggefährten von Bobic besetzt waren. Auch hier, Jochen Schneider war kein guter sportlicher Partner auf Augenhöhe und ließ Bobic walten“, sagt Martin.

Nach vier Jahren und zahlreichen Fehlern musste Bobic in Stuttgart seinen Hut nehmen. (Imago images via Getty Images)

So kam die Trennung im September 2019 letzten Endes wenig überraschend. Zu zahlreich waren seine Fehler, denn auch im Bereich der Spielerverpflichtungen ließ er fernab des Transfers von Vedad Ibisevic sämtliches Geschick vermissen („Abdellaoue, Haggui und Rausch in einer Saison von Hannover 96 zu verpflichten, fasst seine Transfertätigkeit beim VfB eigentlich ganz gut zusammen“).

Während man ihm bei seiner Station in Bulgarien immerhin noch zugutehalten konnte, strukturell einiges vorangebracht zu haben, entfällt dieser Punkt in Bezug auf Stuttgart komplett. Im Gegenteil hat er, wie Martin erzählte, gerade im Bereich der Jugendarbeit durch seine Veränderungen gar nachhaltig Schaden angerichtet. Der eine rote Faden, der sich dabei durch Bobics vier Jahre im Ländle zieht, ist die fehlende Zusammenarbeit im Team. Zum einen selbstverschuldet, da Bobic anfangs oft zu beratungsresistent agierte. Zum anderen aber auch, weil die Strukturen ihm keinen meinungsstarken und durchsetzungsfähigen Akteur an die Seite stellten. Das sollte sich bei seiner nächsten Station ändern.

Kapitel 3: Der sukzessive Aufstieg

Etwas mehr als eineinhalb Jahre dauerte es, bis Fredi Bobic nach seiner Entlassung in Stuttgart wieder auf der Bildfläche auftauchte. Als Nachfolger des schier ewigen Heribert Bruchhagen unterschrieb Bobic zum 1. Juni 2016 einen Vertrag als Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt, nachdem diese einige Wochen zuvor erst haarscharf in der Relegation dem Gang in die zweite Liga entgangen waren. Eintracht-Experte Marvin fasst die verhaltene Begeisterung auf die Bekanntgabe folgendermaßen zusammen: „Die Reaktionen damals waren bestenfalls „gemischt“, aber im Grunde waren die meisten Fans gegen Bobic. Von ihnen wurde die Arbeit von Bobic in Stuttgart negativ bewertet. Zudem hatte Bobic zuvor keinerlei Berührungspunkte mit der Eintracht, was in dieser Kombination vielen nicht zusagte.“ Anders als beim VfB flogen ihm in der Mainmetropole also von Tag eins an keine Herzen entgegen, ganz im Gegenteil. Auch, als es insbesondere in der Hinrunde von Bobics erster Saison sehr gut lief (die Eintracht stand nach 17 Spieltagen auf Rang Sechs), blieb die Skepsis bestehen, inwieweit man diese Erfolge Bobic zuschreiben konnte.

Unter seiner Ägide entwickelte sich Frankfurt vom Abstiegskandidaten zum Champions League-Anwärter. (Imago images via Getty Images)

Doch mit zunehmender Zeit wurde deutlich, dass Bobic aus den vergangenen Fehlern die richtigen Schlüsse gezogen hat. Ebenso wie in Stuttgart musste er auch in Frankfurt zunächst mit geringem Budget hantieren. Doch dieses Mal gelang es ihm, die begrenzten Mittel klug einzusetzen. So verstärkte er den Kader vor allem durch Leihen und scheute dabei auch nicht, Verhandlungen mit den ganz Großen der Branche aufzunehmen.

So kamen von Real Madrid Jesús Vallejo, der eine überragende Saison spielte und Omar Mascarell, den man für die bescheidene Summe von einer Million Euro sogar fest verpflichten konnte. Ebenso wurde Marius Wolf von Hannover 96 ausgeliehen, später fest verpflichtet und sollte in den zwei Jahren am Main in einer Verfassung aufspielen, von der man als Hertha-Fan einige Jahre später nur träumen konnte. Und ganz nebenbei war dann auch noch ein gewisser Ante Rebic unter der Riege derer, die man zunächst auf Leihbasis holte. Dessen Rolle bei der Eintracht in den Folgejahren dürfte bekannt sein.

Bobics erfolgreicher Kampf gegen Widerstände

Auch in den darauffolgenden Saisons ließ Bobics Händchen für kluge Entscheidungen nicht nach. In den nunmehr fünf Jahren am Main lotste er unter anderem Spieler wie Kevin-Prince Boateng, Sebastien Haller, Luka Jovic, Kevin Trapp, Filip Kostic und André Silva zur SGE. Immer wieder profitierte er hierbei von seinem starken Netzwerk. So sagt Marvin: „Bobic verfügt über herausragende Kontakte, hat ein großes Telefonbuch.“ Dazu zählt neben den guten Verbindungen zu Top-Klubs wie Real Madrid oder AC Mailand, mit denen er mehrere Deals abschloss auch ein gutes Auge für den kroatischen und serbischen Markt, wo Bobic einige Geschäfte, unter anderem die Verpflichtung von Luka Jovic, über die Agentur LIAN Sports Group abschloss, wie Marvin erläutert. Dass Bobic aufgrund der Wurzeln seiner Eltern serbokroatisch spricht, dürfte hierbei auch nicht von Nachteil gewesen sein.

Durch solche Verpflichtungen gelang es Bobic, die Eintracht auf ein neues Niveau zu heben. War man zu Beginn seiner Amtszeit noch auf Leihgeschäfte und Transfers im niedrigen einstelligen Bereich angewiesen, schaffte es Bobic aufgrund hoher Summen durch Weiterverkäufe (allein für Luka Jovic kassierte man rund 70 Millionen Euro), den Verein auf finanziell sehr gesunde Beine zu stellen und somit auch auf dem Transfermarkt in ganz anderen Sphären fischen zu können. Dabei bewies er immer wieder, dass er sich auch von wideren Umständen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Nach dem Pokalsieg 2018 sahen viele Expert:innen die SGE als einen der heißesten Anwärter auf den Abstieg in der Folgesaison.

Bobics bislang größter Erfolg: Der DFB-Pokalsieg 2018 in Berlin. (Imago images via Getty Images)

Nicht nur Trainer Niko Kovac verließ den Verein. Auch entscheidende Leistungsträger wie Boateng, Wolf und Mascarell kehrten Frankfurt den Rücken. Doch Bobic behielt die Ruhe, holte mit Adi Hütter genau den richtigen Trainer und schaffte es unter anderem, Kevin Trapp, Martin Hinteregger, Filip Kostic und Ante Rebic (war zuvor ausgeliehen) unter Vertrag zu nehmen. Was folgte, war eine Spielzeit, in der die SGE bis zum Schluss um die Champions League-Plätze mitspielte und sagenhaft bis ins Halbfinale der Europa League einzog.

Dabei begann die Saison alles andere als verheißungsvoll. Nach einer 0:5-Klatsche im Super-Cup gegen Bayern folgte das Pokalaus in der ersten Runde beim SSV Ulm. Der im Kontrast zu Niko Kovac ohnehin nicht allzu nahbare Adi Hütter drohte schnell, schon bevor die Saison richtig begonnen hatte, zu scheitern. Doch in dieser Phase zeigte sich eine weitere Qualität Bobics. „Er bleibt auch in schwierigeren Situationen ruhig“, wie Marvin erklärt. Anders als in Stuttgart, wo er gleich in der ersten schwierigen Phase Christian Gross „überstürzt“ entlassen hat, wie es Martin sagt, ließ er sich hier nicht zu vorschnellen Handlungen treiben. Der Erfolg gab ihm Recht.

Der Professionalisierer

Die aufgezeigten Leistungen machen deutlich, wieso man in Frankfurt, trotz des anfänglichen Fremdelns, alles andere als glücklich über den Abgang Bobics ist. Grund, deswegen in Panik zu verfallen, gibt es allerdings keineswegs. Dafür hat Bobic selbst gesorgt. Denn neben den Erfolgen der Mannschaft hat sich Bobic von Beginn an auch neben dem Platz vieles vorgenommen, das er vorantreiben wollte. Anders als beim VfB ist ihm dies in Frankfurt auf ganzer Linie gelungen: „Der Sprung unter seiner Regentschaft ist immens gewesen, auch weil er den Support des restlichen Vorstands hatte und die Aufgaben mit Hellmann, Frankenbach und auch Steubing gut verteilte. Immense Professionalisierung erfuhr die Eintracht insbesondere im Scouting, aber auch im mannschaftsnahen Staff, sei es Athletiktrainer, Videoanalysten etc. Man kann völlig berechtigt behaupten, dass er die Eintracht auf Jahre hin auf wesentlich stabilere Beine gestellt hat – und sie zudem gut durch die enorm schwierige Corona-Phase manövrierte“, fasst Marvin zusammen.

Im Verbund mit u.a. Bruno Hübner hat Bobic Eintracht Frankfurt in diversen Bereichen weiterentwickelt. (Getty Images)

Neben der Lernfähigkeit von Bobic selbst hat das auch ganz stark mit dem Umfeld zu tun, das er in Frankfurt vorfand. Mit Bruno Hübner hatte er jemanden an seiner Seite, der seit inzwischen zehn Jahren als Sportdirektor im Verein ist. Auch die weiteren Mitglieder des Vorstands sind um klare Worte und zielführende, konstruktive Diskussionen nicht verlegen. Gleichzeitig scheute sich Bobic aber auch in dieser Konstellation nicht, unbequeme Entscheidungen zu treffen.

So installierte er den bei den Fans äußerst unbeliebten Andreas Möller als Chef des Nachwuchsleistungszentrums. Unabhängig von dieser einen Personalie gelang es ihm in dem Bereich ebenso, die Eintracht im Wesentlichen voranzubringen. Die letzten fünf Jahre zeigen also: Selbst unter schwierigen Umständen, die er in Frankfurt nach dem Fast-Abstieg 2016 zunächst hatte, ist Bobic mit dem richtigen Umfeld zweifelsohne in der Lage, einen Verein nicht nur eine Stufe und nicht nur in einem Bereich nach oben zu hieven.

Kapitel 4: Frankfurt reloaded?

Stellt sich nun also die Frage, worauf man sich als Hertha-Fan freuen kann. Was den rein sportlichen Bereich, sprich die Kaderplanung angeht, steht außer Frage, dass Fredi Bobic zu den wohl am besten vernetzten Managern der Bundesliga gehört. Die klangvollen Namen wie Jovic, Silva und Haller beweisen das eindrucksvoll. Allein dafür dürfte sich die Verpflichtung schon bezahlt machen. Zudem braucht es nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Bobic auch fernab des Platzes keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Das Projekt Goldelse, mit dem Geschäftsführer Carsten Schmidt die neue Strategie vorstellen und Verbesserungspotenziale identifizieren will, dürfte Bobic genau in die Karten spielen. Was dies im Einzelnen für die Personalien im sportlichen Bereich (Arne Friedrich und Pal Dardai u.a.) bedeutet, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Nur so viel: Wenn sich Bobic entscheidet, mit Dardai und Friedrich weiterzuarbeiten, dann mit Sicherheit nicht, weil er dies für die populäre Entscheidung hält, sondern weil er davon überzeugt ist. Dass er auch unpopuläre Maßnahmen ergreift, wenn er davon überzeugt ist, hat der gerade geschilderte Fall Möller bewiesen.

Ob man dieses Bild in Zukunft öfter sieht, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. (Imago images via Getty Images)

Bislang ist lediglich bekannt, dass Bobic aus Frankfurt wohl seinen Chefanalysten Sebastian Zelichowski mitnehmen will. Mit ihm hatte er auch vor der gemeinsamen Zeit in Frankfurt schon beim VfB zusammengearbeitet. Bei den Hessen stellte dieser den kompletten Bereich des Scoutings und der Spielvorbereitung inklusive Gegner-Analyse auf digitale Beine und hat damit einen entscheidenden Anteil daran, dass die Eintracht hier inzwischen als Vorreiter gilt. Ben Manga, den Chef der Scouting-Abteilung Frankfurts, der ebenfalls auch schon in Stuttgart mit Bobic gearbeitet hat, wird es nicht nach Berlin ziehen. Dieser wird anstelle des ausscheidenden Bruno Hübner neuer Sportdirektor bei den Adlerträgern.

Es bleibt daher abzuwarten, wie sich der Verein in der sportlichen Führungsriege neben Fredi Bobic aufstellen will. Ob Arne Friedrich bei Hertha der starke Mann sein kann, der Bobic notfalls auch mal Contra gibt – genau so jemand hat ihm in Stuttgart gefehlt – wird auch von Friedrichs Vorstellungen in Bezug auf seine Zukunft abhängen. Als Bindeglied, um die Interessen der Fans mit denen des Vereins zu verbinden, könnte er definitiv von Nutzen sein. Denn bei all dem gerechtfertigten Lob für Bobic darf eines nicht unter den Teppich gekehrt werden: Als Freund der 50+1-Regel ist Bobic nicht bekannt. Auch seine Zeit in Bulgarien, in der er unter einem milliardenschweren Oligarchen gearbeitet hat, deuten darauf hin, dass er tendenziell eher dem Windhorst-Weg als der „alten Schule“ à la Dardai zugewandt ist. Wie sich das im tatsächlichen Geschäft auswirkt, wird die Zeit zeigen.

Was Stand jetzt festgehalten werden kann, ist, dass die Voraussetzungen unter der Prämisse, dass Hertha die Klasse hält, um ein Vielfaches besser sind als bei Frankfurt im Jahr 2016. Der Kader bietet trotz der nicht wegzudiskutierenden Unausgewogenheit einige Potenziale, finanziell ist Hertha bekanntermaßen potent und Bobic kann dank des langen Vorlaufs bereits jetzt im Hintergrund die ersten Planungen vorantreiben. Wie schnell sich der Erfolg einstellt, wird einmal mehr von Bobics Lernfähigkeit abhängen. Denn trotz seiner beinah endlosen Liste an erfolgreichen Transfers gibt Marvin zu bedenken: „Die Frage ist nun: Wie gut kann er mit einem vollen Geldbeutel umgehen? Nach den Verkäufen von Haller und Jovic war es da bei der Eintracht schwierig, es folgten einige Fehltransfers.“ Doch angesichts dessen, dass Bobic, vergleicht man seine Amtszeiten beim VfB und der Eintracht, keinen Fehler zweimal zu begehen scheint, muss man als Hertha-Fan auch in diesem Gesichtspunkt keine schlaflosen Nächte haben. In der aktuellen Konstellation könnte Bobic für Hertha tatsächlich das lang ersehnte ganz große Los werden.

Titelbild: Imago images via Getty Images