von Benedict Puls | Juli 14, 2022 | Bundesliga, Hertha BSC, Spieler, Transfers, U23-Mannschaft, Um den Verein
Viele haben nicht schlecht gestaunt, als Hertha BSC am 03. Juni 2022 Nader El-Jindaoui offiziell für die U23 verpflichtet hat. Schon alleine, dass dies einen eigenen Artikel auf der vereinseigenen Website wert ist, zeigt die mögliche Trag- und Reichweite dieses Transfers. Anders als bei den sonstigen Spielern der zweiten Mannschaft von Hertha ohne Profivertrag, kann von El-Jindaoui sogar ein beflocktes Trikot im Fanshop gekauft werden, was zum Release direkt einen Zusammenbruch des Online-Shops zur Folge hatte. Doch wer ist Nader El-Jindaoui überhaupt und warum hat Hertha ihn verpflichtet?
Ein zweigleisiges Leben
Nader El-Jindaoui ist Influencer und hat über 1,2 Millionen Abonnenten auf Youtube und 1,6 Millionen Follower bei Instagram. Zahlen, von denen man bei Hertha nur träumen dürfte. Der Fußballbundesligist und Hauptstadtverein besitzt mit nicht mal 73.000 Youtube-Abonnenten und 244.000 Instagram Followern nur einen Bruchteil der Social-Media-Reichweite des 25-Jährigen. El-Jindaoui betreibt den eigenen Youtube-Kanal zusammen mit seiner Frau Louisa. Das Ehepaar hat ein Kind und lässt die Follower in Form von Videotagebüchern (sog. Vlogs) am Leben der Familie teilhaben. Die wöchentlich erscheinenden Videos haben Aufrufzahlen von ein bis zwei Millionen. Auch hier zum Vergleich: Herthas Youtube-Videos erreichen im Normalfall zwischen 10.000 und 50.000 Aufrufen.
Doch Nader El-Jindaoui ist gleichzeitig Fußballspieler. Einer, der seit Jahren probiert, von den höchsten Amateurligen in den Profisport zu gelangen. Sein Körper hat ihm ein ums andere Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch dazu später mehr. Ähnlich wie man das Leben des gebürtigen Berliners von außen unter zwei sehr verschiedenen Ansätzen verfolgen kann, wird auch dieser Artikel ebenjene zwei Aspekte thematisieren: Die des Influencers, der von Social Media leben kann und die des (Profi-)fußballers, der fast alles dafür gibt, seinen seit Jahren verfolgten Traum leben zu können.
Die Bedeutung von Social Media für Fußballvereine
Mit der Verpflichtung wird bei Hertha BSC die Hoffnung verbunden sein, dass ein Teil der Reichweite von El-Jindaoui auf den Verein abfärbt. Und zumindest bei den Videos mit und über Jindaoui funktioniert das auch. Sein Vorstellungsvideo sowie der Trainingsauftakt der U23 wurde von einer mittleren sechsstelligen Zuschaueranzahl geklickt (also zehnmal so viel wie „normale“ Videos). Auch rein finanziell dürfte sich der Neuzugang für Hertha lohnen. Wie bereits erwähnt brach die Website des Fanshops nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung von El-Jindaouis Trikotnummer und offizieller Beflockung zusammen. Wie hoch die Verkaufszahlen von seinem Trikot am Ende tatsächlich sein werden, wird nur Hertha sagen können. Dass viel Geld eingenommen wird, ist aber sehr wahrscheinlich.
Doch wie viel bringt das mögliche Social-Media-Wachstum am Ende des Tages? Der „traditionelle“ Weg um Fußballfan zu werden ist die Mitnahme ins Stadion durch den Vater, meist im Kindesalter. Natürlich gab und gibt es Ausnahmen, aber auf den überwiegenden Teil der Fans dürfte das zutreffen. Wie wahrscheinlich ist es also, dass durch El-Jindaoui Menschen Fan von Hertha BSC werden, die sonst nichts mit dem Verein zu tun haben? Und bei denen, die Fan werden: wie lange bleibt das der Fall, sobald Jindaoui nicht mehr bei Hertha ist? Die Chance, dass durch seine Verpflichtung neue Fans mit Herz und Seele gewonnen werden, ist tendenziell gering einzuschätzen.
Und trotzdem besteht zumindest die Chance. Social Media wird gerade von Jugendlichen viel genutzt und eventuell gewinnt man so den einen oder anderen Fan, der als Kind oder Jugendlicher sonst niemals mit Hertha in Kontakt gekommen wäre. Je größer und präsenter Hertha in den gängigen sozialen Medien vertreten ist, desto höher ist die Chance, dass sich neue Fans gewinnen lassen. Für den Ausbau ebenjener Aktivitäten könnte die Verpflichtung von Jindaoui ein echter Coup sein.
Ausbildungshelfer bei Hertha II
Dennoch darf die Social-Media-Reichweite von und durch El-Jindaoui kein Selbstzweck sein. Sie darf ebenso wenig der einzige Grund für seine Verpflichtung sein. Am Ende des Tages ist die U23 Herthas zweithöchste Profimannschaft, sie dient der Aus- und Weiterbildung junger Talente sowie deren Heranführung an den Profikader. Die Plätze sind begrenzt und sollten von Spielern gefüllt werden, die sportlichen (Achtung, Klinsmann lässt grüßen) Mehrwert bieten. Ein paar Spieler nehmen jedoch eine etwas andere Rolle ein. Cimo Röcker, Tony Fuchs und Maurice Covic sind alle über 23 und ihre Aufgabe ist es, als sogenannte Ausbildungshelfer den Nachwuchsspielern die nötige Unterstützung für deren sportlichen Werdegang zu geben.

Foto: Tobias Schmidt/Hertha BSC
Auch Nader El-Jindaoui ist bereits 25, somit kein Talent im eigentlichen Sinne mehr. Auch Jugendabteilungsleiter Pablo Thiam sieht in ihm eher einen Spieler, der als Mentor fungieren soll: „Er wird unserer jungen Mannschaft mit seiner Erfahrung extrem guttun.“ Diese Rolle nimmt der im Wedding aufgewachsene Fußballer voll an: „Ich will vorangehen bei den Jungs und ihnen was beibringen.“ Und trotzdem will er sehen, ob nicht doch noch mehr drin ist. In seinem eigenen Video rund um die Vertragsunterschrift sagt er: „Natürlich habe ich den Traum Profi zu werden, und am liebsten würde ich gern Profi in Berlin werden.“ Aber bevor soweit sei, müsse er seine Arbeit machen, gut spielen und dann werde man sehen, für was es am Ende reicht. Aber wie kommt es, dass ein mittlerweile 25-jähriger noch immer vom Profifußball träumt? Dazu ist ein Blick in die sportliche Vergangenheit von Nader El-Jindaoui nötig. Dieser Blick ist einer, der sich lohnt und der das Potential für ein modernes Fußballmärchen bietet. Doch der Reihe nach.
Wenn gesundheitliche Probleme eine Karriere stagnieren lassen
Laut eigener Aussage hat der im Kreuzberg geborene und früh nach Wedding gezogene El-Jindoaui erst mit zwölf Jahren begonnen Fußball zu spielen. Das ist vergleichsweise spät, ein Jessic Ngankam beispielsweise hatte zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre in der Akademie von Hertha BSC verbracht. Seine ersten Vereine waren die Reinickendorfer Füchse und Tennis Borussia. Bereits im Alter von 14 wurde Energie Cottbus auf ihn aufmerksam, die mit ihrer Profimannschaft zu diesem Zeitpunkt noch in der 2. Bundesliga vertreten waren. Mit 17 Jahren erlitt El-Jindaoui jedoch einen Epilepsie- Anfall, der ihn aufgrund falscher Medikation in der Behandlung länger ausfallen ließ. Sein Vertrag in Cottbus wurde nicht verlängert, es folgte ein Intermezzo in Chemnitz, bevor er vereinslos wurde. Seine ständigen Verletzungen machten es dem Linksaußen unmöglich, über längere Zeiträume konstant zu trainieren und zu spielen.
Erst als ein Arzt ihn auf große Zahnprobleme aufmerksam machte und El-Jindaoui diese ziehen ließ, verbesserte sich sein körperlicher Zustand. Dennoch fand er als damals 19-Jähriger keinen Verein, der ihn aufnehmen wollte. Die durchziehende Verletzungsproblematik in der noch jungen Karriere schreckte viele Interessenten ab. Dennoch schaffte es sein Berater Volker Diergardt, dem El-Jindaoui viel zu verdanken hat, ein zweiwöchiges Probetraining beim SV Babelsberg 03 zu organisieren. Die 1. Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits voll, für El-Jindaoui eigentlich kein Platz mehr. Während des Probetrainings überzeugte er allerdings so sehr, dass ihm dennoch ein Vertrag angeboten wurde. Bereits am nächsten Tag stand El-Jindaoui gegen den BFC Dynamo in der Startelf.
Kurz davor und trotzdem nicht am Ziel
Nach anderthalb Jahren wechselte der wendige und schnelle Flügelspieler von Babelsberg in die zweite Mannschaft von Greuter Fürth. Er sammelte dort seine eigenen Spielszenen, um sich damit in der ersten Mannschaft zu bewerben. Die Verantwortlichen in Fürth waren überzeugt genug, um El-Jindaoui mit ins Trainingslager der Profimannschaft zu nehmen. Während des Trainingslagers verletzte er sich schon am zweiten Tag und musste nach Deutschland zurückkehren. Ein Arzt erklärte ihm, dass es erneut Problem mit seinem Kiefer geben würde. Zum zweiten Mal in seinem Leben stand Nader El-Jindaoui davor, dass seine Fußballkarriere aufgrund gesundheitlicher Probleme endete, bevor sie richtig begonnen hatte.
Es folgte eine kostspielige Operation, die sein Berater ihm finanzierte. El-Jindaoui kämpfte sich erneut zurück und bewarb sich mit seinen Spielszenen beim damaligen Bundesligisten Fortuna Düsseldorf, zunächst wie in Fürth für die zweite Mannschaft. Doch so richtig glücklich wurde er in Düsseldorf nicht, sodass er den Weg zurück nach Berlin antrat. Er entschied sich nach seiner eigenen Darstellung im dritten Anlauf für die Liebe und gegen den Fußball, heiratete seine jetzige Frau und war glücklich wie seit Langem nicht mehr. Der Traum vom Profifußball schien zu bleiben, was er war: Ein Traum.
Endlich glücklich
Es kam jedoch anders. Der Berliner AK meldet sich bei El-Jindaoui und bot ihm einen Vertrag an. Und der mittlerweile auf Youtube bekannte Influencer nahm das Angebot an. Es war zwar kein Profifußball, doch El-Jindaoui war froh, wieder regelmäßig Fußball spielen zu können, ohne Druck, einfach nur aus Freude am Fußball. Und als ob der Fußballgott es nach Jahren des Leidens gut mit ihm meinte, schien er jetzt angekommen zu sein. Rein statistisch lieferte der Flügelflitzer die beiden besten Saisons seiner Karriere ab, erzielte in 55 Spielen 20 Tore und bereitete 18 weitere vor. Die innere Ruhe und Gelassenheit schienen ihn endlich befreit aufspielen zu lassen, er erlitt keine einzige nennenswerte Verletzung.
Mit Ablauf der vergangenen Saison folgt nun der Schritt zu Hertha BSC. El-Jindaoui will es noch einmal wissen. Er will wissen, ob er das Zeug zum Bundesligaspieler hat oder nicht. Doch gleichzeitig ist er nicht mehr verbissen danach, es unbedingt schaffen zu müssen. Mit seinem Social-Media-Auftritt verdient er mehr als genug Geld zum Leben. Die zweite Mannschaft von Hertha bietet ihm eine Plattform, sich zu beweisen. Er kann dort befreit und ohne Druck aufspielen. Qualitativ ist er gut genug, um in der Regionalliga mithalten zu können, das hat er beim BAK ausreichend bewiesen. Parallel bietet er als im Wedding aufgewachsener Straßenkicker Identifikation für die Fans und das Potential zum Führungsspieler in der U23. Und sollte sich herausstellen, dass El-Jindaoui eine ernsthafte Alternative für den Profikader ist, wird er auch dort seine Chance bekommen. Mit seinen Fähigkeiten als offensiver Außenspieler könnte er in eine Lücke stoßen, die bei Hertha seit Jahren besteht.
El-Jindaoui bei Hertha: Die entscheidende Frage
Ist Nader El-Jindaoui nun ein Marketing-Transfer oder tatsächlich eine sportlich sinnvolle Verstärkung? Diese Frage lässt sich recht eindeutig beantworten: sowohl als auch. Die Social-Media-Reichweite und Aufmerksamkeit des millionenfach geklickten Influencers könnte Herthas Auftritt in den Sozialen Medien mehr als guttun. Auch wenn sich damit nicht unmittelbar neue und langfristige Fans gewinnen lassen werden, steigert sich dennoch die Chance, dass Hertha in Zukunft durch die neuen Möglichkeiten von YouTube, Instagram & Co. profitieren wird. Und sei es „nur“ durch bessere Sponsoringmöglichkeiten.

Foto: Tobias Schmidt/Hertha BSC
Gleichzeitig schlummert in El-Jindaoui unter Umständen tatsächlich das Potential zum Bundesligaspieler. Er bringt einen unmittelbaren sportlichen Mehrwert für die zweite Mannschaft von Hertha BSC, kann als Führungsspieler und Mentor vorgehen. Sollte das Niveau reichen, stellt er unter Umständen sogar eine ernstzunehmende Option für die Profimannschaft dar. Und wer weiß, vielleicht blickt man in ein paar Jahren auf diese Neuverpflichtung zurück, schaut anschließend auf den Rasen des Olympiastadions, auf dem El-Jindaoui gerade das Siegtor geschossen hat und denkt sich: „Es gibt sie noch, die modernen Fußballmärchen.“
Titelbild: Tobias Schmidt/Hertha BSC
von Johannes Boldt | Juni 22, 2022 | Hertha BSC, Um den Verein
Bei Hertha BSC ist wieder vieles neu. Die Mannschaft wird erneut kräftig umgebaut, der Wahlkampf um das Amt des Präsidenten läuft auf Hochtouren und mit Sandro Schwarz wurde vor kurzem auch der neue Trainer vorgestellt.
Wir schauen heute auf den bisherigen Weg des Trainers und gehen auf seine Stationen in Mainz und Moskau ein und wollen euch den neuen Übungsleiter etwas genauer vorstellen.
Drei Jahre Achterbahnfahrt
Die Ausgangslage von Hertha BSC ist allseits bekannt. Nach drei Jahren wilder Achterbahnfahrt, soll endlich Ruhe im Verein einkehren. Zur Saison 2022/2023 wird also der achte Trainer seit 2019 vorgestellt. Und es soll wieder neue Einflüsse und Ideen geben. Ideen und eine Philosophie, die es so in den letzten Jahren nicht gegeben hatte. Weg vom blinden Offensivfußball des jungen und im Profifußball unerfahrenen Ante Covic, weg vom Zerstörerfußball eines Pal Dardais, weg vom einfachen auf Standardsituationen ausgelegten Abstiegskampf-Fußball von Felix Magath.
Sandro Schwarz kommt mit einem Plan, der eine gewisse Form des Klopp’schen Gegenpressing-Fußballs verkörpert und bekanntlich in den letzten Jahren zu vielen Titeln führte. Dass Hertha BSC von nun an nicht um Titel mitspielt sollte klar sein, darum geht’s auch nicht. Aber um dem Stil ein Bild zu geben, passt der Vergleich ganz gut.
Die Verbindung zwischen Fredi Bobic und Sandro Schwarz besteht seit einer Weile. Gerüchten zu Folge wollte Bobic Schwarz bereits 2018 nach Frankfurt holen, doch dieser blieb seinen Mainzern zum damaligen Zeitpunkt treu. Schwarz löste ein Jahr zuvor Martin Schmidt in Mainz ab und hatte ein schweres Jahr hinter sich. Seine Mannschaft rettete sich erst spät vor dem Abstieg. Da stellt sich natürlich schnell die Frage, weshalb der Sportdirektor des amtierenden DFB-Pokal-Siegers und in der kommenden Saison in der Europa League teilnehmenden Eintracht Frankfurts Interesse an einen Trainer hatte, dessen Team mit Ach und Krach den 14. Platz belegte?
Ganz einfach, Sandro Schwarz hatte in Mainz an alte Zeiten angeknüpft und Tugenden von Jürgen Klopp wieder aufleben lassen. Also Gegenpressing, unbändiger Wille, Kampf und Leidenschaft. Eine Philosophie und ein System, welches zwischenzeitlich in Mainz verloren gegangen war. Nun konnte Fredi Bobic seinen Wunschtrainer nach zwei doch recht erfolgreichen Jahren aus Moskau nach Berlin lotsen. In der russischen Hauptstadt leistete Schwarz bei Dynamo Moskau gute Arbeit und konnte auch dort einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

(Photo by Daniel ROLAND / AFP) / DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO (Photo by DANIEL ROLAND/AFP via Getty Images)
Um die Mainzer Zeit von Sandro Schwarz einordnen zu können, haben wir mit Jan Budde vom Mainzer Blog „Hinterhofsänger“ gesprochen, selbiges taten wir mit Artjom Zavodnyk von Transfermarkt.de, der sich bestens mit dem osteuropäischen und vor allem russischen Fußball auskennt.
Auch wenn bei Hertha BSC gerne vieles anders ist, kann man sich wohl auf eines freuen. Auf Ruhe in der Mannschaft und damit im Optimalfall auch im Verein. Schwarz hat in der Vergangenheit stets ein gutes Verhältnis zu seinen Mannschaften und vor allem auch Vorgesetzten gehabt. Ob es ein Rouven Schröder in Mainz war, oder Zeljko Buvac in Moskau. Letzterer ist der Allgemeinheit eher als ehemaliger Co-Trainer von Jürgen Klopp bekannt.
Nachhaltige Arbeit in Mainz – Die Saat für Svensson
„Mit Sandro Schwarz hat Hertha einen der bestmöglichen Trainer Deutschlands bekommen!“. Mit dieser klaren und sehr positiven Aussage startete Jan das Gespräch mit uns. Wieder entstehen direkt die ersten Fragen. Mainz 05 war schließlich unter Schwarz lediglich 14. und 12. in der Bundesliga geworden, kämpfte lange Zeit gegen den Abstieg und musste zum Ende seiner Amtszeit in Leipzig eine heftige 0:8-Klatsche einstecken. Nach elf Spieltagen und auf dem Relegationsplatz stehend musste Schwarz damals Mitte November 2019 den Platz räumen. Doch als Außenstehender fehlt einem gerne mal der Blick für das tiefgründige. Sandro Schwarz, der 1978 in Mainz zur Welt kam, über hundert Spiele für die 05er absolvierte und bereits als Jugendtrainer im Verein mitwirkte, war tief verwurzelt mit Verein und Stadt. Die viel besprochene Vereins-DNA verkörperte er perfekt.
Durch seine väterliche und mitreißende Art wusste er jeden Spieler anzupacken. Ihm sei es zu verdanken gewesen, dass sich zahlreiche Spieler ebenfalls mit dem Verein und der Region identifizierten. Sportdirektor Rouven Schröder und er harmonierten perfekt und verstärkten finanziell clever die Mannschaft Stück für Stück. Neuzugänge wie Pierre-Malong Kunde, Jean-Philippe Mateta, Moussa Niakathe, Jean-Paul Boetius oder Aaron Martin sollten ab 2018 die Mannschaft unterstützen und nachhaltig verändern. Und das bis heute. Der Abgang von Innenverteidiger Abdou Diallo, der bereits ein Jahr zuvor für fünf Millionen Euro aus Monaco kam und nach einem Jahr für stolze 30 Millionen Euro nach Dortmund verkauft wurde, ermöglichte die Finanzierung. Zusätzlich debütierten Mainzer Eigengewächse, wie Jonathan Burkhart, Ridle Baku und Leandro Barreiro. Ein ebenfalls immens wichtiger Spieler in dieser Zeit war Jean-Phillipe Gbamin, dessen für 25 Millionen Euro ebenfalls extrem kostspieliger Abgang 2019 nicht ersetzt werden konnte. Zusätzlich kennen sich Suat Serdar und Sandro Schwarz seit den Jugendmannschaften. Dieser war im ersten Trainerjahr ein wichtiger Baustein im System von Schwarz, ehe er 2018 zum FC Schalke 04 wechselte. Die Wiedervereinigung findet nun also in Berlin statt. Jean-Paul Boetius steht weiterhin auf dem Zettel der Hertha.
Sandro Schwarz, der in Mainz lange an seinem 4-4-2 mit Raute festhielt, lernte dazu und wusste mit Niederlagen mit der Zeit umzugehen. Wie es üblich für jüngere Trainer ist, versuchte auch er seinen begeisternden Spielstil durchzudrücken, auch wenn der zählbare Erfolg ausblieb. „Sandro Schwarz war bereit, seinen Spielstil zu verändern“, erzählte uns Jan. Und in der Tat. Nachdem Mainz 05 mit 0:8 gegen Leipzig unterging und auch das folgende Spiel gegen Union Berlin mit 2:3 verloren ging, baute der folgende Coach Achim Beierlorzer auf das sowieso geplante 3-4-1-2 um und konnte direkt einen 5:1-Sieg in Hoffenheim feiern. Den damaligen Sieg schrieb er zu großen Teilen Sandro Schwarz zu.

(Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)
Der Rausschmiss war damals in keiner Weise im Sinne der Mannschaft und der sportlichen Führung, was ein Vertragsverhältnis bis 2022 bestätigt. Schwarz genoss das Vertrauen von Schröder und der Spieler. Die Gründe für die Entlassung waren viel mehr strukturelle Veränderungen innerhalb des Vereins. Mit Detlef Höhne wurde 2017 der Chef der Mainzer Stadtwerke Aufsichtsratsvorsitzender. Der „König von Mainz“, wie er gerne genannt wird, sei zwar ein Machtmensch, aber in keiner Weise jemand, der über das nötige Fußballwissen verfüge. Höhne wollte erfolgreichen Fußball sehen. Der Verein konnte die Situation nicht moderieren und musste schließlich handeln.
Dass das Team intakt war, zeigen die Reaktionen der Spieler. In der Kabine seien Tränen geflossen und der Kontakt zum ehemaligen Förderer wurde stets gehalten. Das Verhältnis zum neuen Trainer Beierlorzer litt schnell, er schaffte es nicht, das Team menschlich hinter sich zu bringen. In dieser Identitätskrise soll es sogar Spieler gegeben haben, die sich via SMS über Beierlorzer bei Schwarz beschwerten.
In den letzten Jahren steigerte sich Mainz stetig. Nachdem man 2021 den 12. Platz erreichte, feierten die Mainzer am Ende der letzten Saison einen starken 8. Platz. „Jan-Moritz Lichte, der als Co-Trainer von Schwarz ebenfalls nah an der Mannschaft war und nach der Entlassung von Beierlorzer das Ruder übernahm, baute das System der Mainzer soweit um, dass er die Früchte säte, die Bo Svensson erntete“, erklärt uns Jan. Wer mehr über die Verbindung zwischen Mainz 05 und Sandro Schwarz wissen möchte, ist herzlich eingeladen sich den Text von Jan Budde auf dem Mainzer Blog „Hinterhofsänger“ durchzulesen.
Sandro Schwarz in Moskau: Die Fortführung des eigenen Wegs
Dem Ruf seines alten Mainzer Förderers und Co-Trainers von Jürgen Klopp Zeljko Buvac folgend, heuerte Sandro Schwarz nach einer einjährigen Auszeit beim Traditionsverein Dynamo Moskau an. Der Bosnier ist seit Februar 2020 Sportdirektor in Moskau. Nach zum Teil schwachen Jahren und Kämpfen gegen den Abstieg formte Schwarz ein Team, welches unter ihm noch auf den siebten Platz in seiner ersten Saison kam. Nur knapp wurde die Qualifikation für die Europa League verpasst. Auch in Moskau wusste Schwarz eine gesunde Mischung zwischen alten und jungen Spielern in einem 4-3-3-System zu finden.
Im Tor setzte er auf die 35-jährige Vereinslegende Anton Shunin, der seit 2005 das Tor für den Verein hütet. Die Verteidigung wurde vom Abwehrchef Ivan Ordets zusammengehalten. Ein Spieler, der später noch einmal wichtig werden wird. Schwarz traute sich zahlreiche Talente einzusetzen. Aleksandr Kutitskiy kam in der Innenverteidigung zu seinen ersten Spielen, der 19-jährige zentrale Mittelfeldspieler Arsen Zakharyan gilt als eines der großen Talente in Europa. Mit Konstantin Tyukavin und Yaroslav Gladyshev unterstützten zwei 19-jährige Talente den Routinier Fedor Smolov im Sturm. Der offensive Mittelfeldspieler Sebastian Szymanski wusste ebenfalls zu überzeugen. Laut Gerüchten scheint der Pole auch ein Thema in Berlin zu sein.

(Photo by KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP via Getty Images)
Die zweite Saison bei Dynamo verlief mehr als zufriedenstellend. Lange Zeit spielte das Team um den Titel mit, den sich letztendlich Zenit St. Petersburg sicherte. Doch wie für ganz Europa war auch für das Team der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eine schwere Zäsur. Der ukrainische Co-Trainer Andriy Voronin verließ unter Tränen das Land, genauso wie der 29-jährige, ukrainische Abwehrchef Ivan Ordets. Der Verein wurde durch die Abgänge schwer erschüttert. „Zu Kriegsbeginn gab es einen deutlichen Bruch im Spiel“, erläutert uns Artjom. Die Folge war, dass Dynamo im Meisterschaftskampf Federn ließ und am Ende auf den dritten Platz abrutschte. Im Pokal schaffte es das Team bis ins Finale, welches man allerdings mit 1:2 gegen den Lokalrivalen Spartak Moskau verlor.
Der Verbleib in Russland: “So etwas habe ich noch nie erlebt”
Das größte Fragezeichen bei der Person Sandro Schwarz entstand bei seinem Verbleib in Moskau nach Beginn des Kriegs in der Ukraine. Doch er lieferte Antworten und wurde dabei vielseitig unterstützt. Wie schon in Mainz genoss er ein immens hohes Ansehen bei Spielern und Fans. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, seien die Worte von Arsen Zakharyan an Artjom gewesen, als er ihn über die Zeit mit Schwarz befragte. Es soll ein sehr besonderes Verhältnis zwischen Trainer und Spielern gegeben haben. Er wollte sein Team nicht in Stich lassen und die Mannschaft dankte es ihm. Insbesondere als Schwarz schwer in der Kritik stand und aus Deutschland die Forderungen lauter wurden, dass er zurückzukommen habe, spielte das Team für den Trainer. „Jedes Tor wurde gemeinsam mit dem Trainerteam gefeiert“, betont Artjom.
Während Schwarz sein Team nicht verlassen wollte, taten zwei weitere Trainer in Russland gegenteiliges. Gladbachs neuer Trainer Daniel Farke verließ nach nur wenigen Wochen den FK Krasnodar wieder. Der Vertrag wurde im Einvernehmen mit der Vereinsführung aufgelöst. Er hatte noch kein einziges Spiel an der Seitenlinie gecoacht, lediglich die Wintervorbereitung leitete er. Markus Gisdol dagegen machte sich in Russland keine Freunde, nachdem er ohne Absprache Lokomotive Moskau und das Land verließ. Er sprach seinen Abgang weder mit dem Team noch mit weiteren Funktionären des Vereins ab. Ex-Hoffenheimer und Spielanalyst Marvin Compper, der ebenfalls nicht informiert wurde, leitete daraufhin das Team. Markus Gisdol ließ über einen Anwalt seinen Vertrag auflösen.
Die Anschuldigung, dass Dynamo Moskau dem Kreml und Vladimir Putin nahesteht, weist Artjom klar zurück. „Dynamo Moskau war früher zwar ein Polizeiverein, die Zeiten haben sich aber geändert“, betont er. Außerdem sei Dynamo Moskau neben ZSKA Moskau und FK Krasnodar ein Verein gewesen, der sich gegen den Krieg ausgesprochen habe. Während Vereine wie Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau komplett vom Staat abhängig seien, ist das einzige, was bei Dynamo Moskau mit dem Staat zu tun hat, der Hauptsponsor btb. Eine Bank, die zu 35 Prozent dem Staat gehört. Zur Regierung oder Vladimir Putin persönlich gab es nie Kontakt: „Der interessiert sich nicht für Fußball. Eher für Eishockey“, sagt Artjom.
Eine spannende Persönlichkeit sorgt für Aufbruchsstimmung
Mit Sandro Schwarz hat Hertha BSC eine extrem spannende Persönlichkeit verpflichtet. Es ist der erste richtige Wunschtransfer Fredi Bobics, der nicht aus einer Panikaktion resultiert. Schwarz scheint hochmotiviert zu sein, auf seiner Antrittspressekonferenz betonte er seine Freude auf den Saisonstart. In seiner Karriere hat er Loyalität bewiesen, menschliches Gespür und die Fähigkeit jeden Spieler zu verbessern. Insbesondere jüngere Spieler werden bei ihm viel Beachtung genießen.
Im Verein herrscht eine Jahre lang vermisste Aufbruchsstimmung, die es unbedingt zu nutzen gilt. Womöglich hat man einen Trainer verpflichtet, der zu Unrecht in Deutschland ein etwas zu negatives Image aushalten muss und noch etwas unterschätzt wird. Vielleicht erschien er deshalb noch nicht auf den Radaren der verschiedenen Vereine. Hertha hat zugeschlagen und muss nun die Chance nutzen, ein sorgenfreies Jahr zu haben. Sandro Schwarz scheint aktuell die ideale Person dafür zu sein.
[Titelbild: Jörg Schüler/Getty Images]
von Niklas Döbler | Juni 21, 2022 | Drei Thesen, Hertha BSC, Kolumne, Um den Verein
Am Sonntag wählt Hertha BSC einen neuen Präsidenten. Es scheint auf einen Showdown zwischen zwei Kandidaten hinauszulaufen. Namen sind nicht bedeutend. Was zählt, ist der Inhalt und ob der neue Präsident Hertha das geben kann, was die in Jahre gekommene Dame braucht.
Zu allererst ein Disclaimer: Ich bin am Sonntag nicht stimmberechtigt. Trotzdem beobachte ich die Situation von Hertha seit Jahren und mit zunehmender Sorge.
Hertha steht erneut an einem Scheideweg. Werner Gegenbauers Rücktritt nach 14 Jahren an der Spitze des Vereins hat ein Machtvakuum hinterlassen, in das verschiedene Kräfte hineinzuströmen versuchen. Die Nerven liegen blank. Die Kandidaten rechtfertigen sich öffentlich oder schlagen gleich wild um sich. Solch ein Verhalten steht dem, was Hertha jetzt braucht, diametral gegenüber. Am Sonntag sollte es nicht um reine Namen und Geschichten, sondern um Inhalte gehen. Darum, welcher der Kandidaten Hertha befrieden und dem Verein helfen kann.
Hertha braucht … einen Plan
Durchwurschteln ist nicht mehr. Hertha muss planvoll und zukunftsorientiert agieren. Aktionismus muss gegen Strategie getauscht werden. Der neue Präsident muss eine klare Agenda vorlegen, die Mitglieder, Fans, Mitarbeiter:innen und Spieler berücksichtigt. Die nächste Präsidentschaftswahl ist bereits 2024. Bis dahin muss der Verein so ausgerichtet sein, dass finanzieller und sportlicher Erfolg nicht mehr von einzelnen Namen abhängig sind. Dazu muss ein solides Fundament gegossen und nachhaltig darauf gebaut werden. Das nunmehr versandete Projekt „Goldelse“ sollte das in der Profi-Abteilung leisten, hing aber leider zu sehr an der Personalie Carsten Schmidt. Ein neuer Präsident muss darauf hinwirken, dass der Verein sich eigenständig und aus innen heraus stabilisieren und tragen kann.
Ein „Weiter-so“ hat den Verein fast ruiniert. Hertha braucht einen planvollen Wandel.
Hertha braucht … Identifikation
Das Tischtuch zwischen Mannschaft und Fans, es ist gerade so notdürftig geflickt, dass es zum Klassenerhalt gereicht hat. Alle Bestandteile von Hertha müssen miteinander versöhnt werden. Grabenkämpfe, Klüngeleien und Ränkespielchen schaden dem Verein. Der neue Präsident muss das verkörpern, wofür Hertha steht. Er muss Herthaner durch und durch sein. Gleichzeitig muss er klar machen, dass Hertha mehr ist als ein Sportverein. Erfolgreiche Aktionen, wie „Spendet Becher, rettet Leben“, „1892 hilft“ oder „Aktion Hertha Kneipe“ spiegeln die blau-weiße Seele des Vereins wieder. Sie müssen kommunikativ in den Vordergrund gerückt werden. Nicht aus PR-Gründen, sondern um den engagierten Fans die Ehre teil werden zu lassen, die ihnen gebührt. Hertha ist kein Klub von Investors Gnaden, die Fans sind die Stars.
Hertha ist mehr als (Blinden)Fußball, Kegeln, Tischtennis, Boxen oder E-Sports. Hertha braucht jemanden, der das Wesen des Vereins verkörpert.
Hertha braucht … Erfahrung
Mühe allein genügt nicht. Leidenschaft ist das eine, Kompetenz ist das andere. Ein neues Stadion will gebaut werden. Der neue Präsident muss im Gewirr der Berliner Lokalpolitik Herthas Interessen vertreten. Hertha kann es sich nicht leisten wertvolle Zeit zu verlieren. Die Herausforderungen, denen sich der Verein gegenüber steht, müssen sofort angegangen werden. Klar ist aber auch, dass das nur im Team geht. Alle Gremien und Organe müssen an einem Strang ziehen. Ein neuer Präsident muss hier moderieren, darf sich aber nicht von externen Akteuren zu abhängig machen. Ein Auge muss dabei auf dem Geschäft, das andere auf den Mitgliedern und Fans ruhen. Wer eines der beiden nicht versteht, wird keinen Erfolg haben.
Hertha muss schnell geholfen werden. Hertha braucht einen erfahrenden Versöhner.
Eure Wahl
Allen Emotionen zum Trotz, eins sollte klar sein: Am Sonntag entscheiden weder Geld noch Vereinsgremien. Die Fans haben das sagen. Ich bin mir sicher, dass sie im Sinne des Vereins abstimmen werden.
[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]
von Benedict Puls | Juni 20, 2022 | Bundesliga, Hertha BSC, Pressekonferenz, Transfers, Um den Verein
Neue Saison, neuer Trainer, neues Glück. Nach dem Tanz auf der Rasierklinge und spät gelungenen Klassenerhalt in der vergangenen Saison soll in der kommenden Spielzeit alles anders werden. Auf seiner Antritts-Pressekonferenz hat sich der künftige Cheftrainer von Hertha BSC, Sandro Schwarz, gemeinsam mit Geschäftsführer Fredi Bobic den Medien gestellt. Und dabei einen guten ersten Eindruck hinterlassen.
Unser Artikel zum Startschuss der Sommervorbereitung.
Eine bewegte jüngere Vergangenheit – auf beiden Seiten
Wenn man die Erlebnisse der letzten Wochen und Monate von Sandro Schwarz und Hertha BSC mit einem gemeinsamen Wort beschreiben müsste, wäre „intensiv“ vermutlich eine ziemlich gute Wahl. Während der Hauptstadtklub in den letzten drei Jahren von einer Chaossaison in die andere taumelte, erlebte Schwarz ein ganz persönliches Abenteuer mit Höhen und Tiefen. Im Herbst 2020 hat er mitten zur Corona-Hochzeit in Russland bei Dinamo Moskau angeheuert und dort eine Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld der Liga zu einem Spitzenteam geformt. Mit Start des unsäglichen Angriffskrieges in der Ukraine begann eine emotional schwierige Zeit für Schwarz, er entschied sich jedoch bis Saisonende bei seiner Mannschaft zu bleiben.
Seit Anfang Juni war dann klar, dass Sandro Schwarz neuer Cheftrainer bei Hertha wird. Zu Beginn kritisch beäugt, kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass er womöglich genau der Trainer sein kann, den die krisengebeutelten Blau-Weißen gebrauchen können. „Ich freue mich jetzt hier zu sein und bin seit Samstag in Berlin“, stellte sich der neue Übungsleiter lächelnd und dennoch fokussiert vor. Urlaub habe er kaum gehabt, in den letzten zwei Wochen hätte es viele Gespräche mit Mitarbeitenden gegeben. Auch eine Besichtigung der Trainingsplätze und Infrastruktur auf dem Gelände rund um den Schenckendorffplatz stand schon auf dem Plan. Schwarz wirkt trotz fehlender Pause ziemlich ausgeruht, strahlt von Beginn an Zuversicht und eine gewisse Vorfreude aus.
Wunschlösung auf dem Trainerstuhl
Dass es einen Neustart auf der Trainerposition benötigt, stand schon seit längerer Zeit fest. Bereits im letzten Sommer galt Pal Dardai keinesfalls als Wunschlösung von Fredi Bobic. Dies zeigte sich in der Kommunikation von Trainer und Manager auch recht schnell öffentlich. Die anschließenden Lösungen mit Tayfun Korkut und Felix Magath waren jeweils von vornherein bis Saisonende begrenzt. Bobic bestätigte dies auf der Pressekonferenz auch noch einmal selbst: „Für mich war frühzeitig klar, dass wir nach einem neuen Trainer suchen werden.“

Photo by Martin Rose/Getty Images
Und auch wenn es mehrere Kandidaten gegeben hätte, wäre die Entwicklung wohl sehr deutlich in Richtung Schwarz gegangen. Aufgrund der Arbeit des gebürtigen Mainzers in Moskau ist Bobic sicher: „Ja, genau jetzt für diesen Zeitpunkt, für diese Situation bei Hertha BSC ist er der richtige Mann.“ Und führt weiter aus: „Ich brauche jemanden der 100 Prozent Überzeugung hat, diese nicht einfache Aufgabe hier bei der Hertha zu übernehmen.“ Zumindest überzeugt scheint Schwarz tatsächlich zu sein, laut eigener Aussage wäre er auch im Falle eines Abstiegs in die zweite Liga zum Hauptstadtklub gekommen.
Endlich ein klares Konzept
Das von Sandro Schwarz ausgerufene Saisonziel sieht auf den ersten Blick erst einmal recht ungewöhnlich aus: „Wenn unsere Zuschauer und Fans unabhängig vom Trikot sehen, dass es eine Hertha-Mannschaft ist, dann ist es eine erfolgreiche Saison.“ Bei genauerem Hinsehen ist dies jedoch genau das Ziel, welches Hertha BSC braucht. Im Vordergrund soll die sportliche Entwicklung stehen und nicht der Tabellenplatz. Realistisch betrachtet darf Europa eh keineswegs der Anspruch sein, dass man nicht absteigen darf, ergibt sich logischerweise von selbst.
Doch wie genau soll der sportliche Weg denn aussehen? Woran soll man die Mannschaft der „Alten Dame“ erkennen? „Es ist mir wichtig, dass wir sehr aktiv sind, dass wir eine sehr gute Struktur in der Arbeit gegen den Ball haben und dort auch mutig sind in unserer Verteidigung sind“, erläutert Schwarz. Nach vorne solle dann sehr zielstrebig gespielt werden. Und auch abseits des Spielerischen verfolgt der ehemalige Mainzer Coach eine klare Philosophie: „Wir wollen auch außerhalb des Platzes sehr geschlossen als Mannschaft auftreten“. Nachdem bei Hertha seit 2019 sieben verschiedene Trainer mit teils unterschiedlichen oder auch überhaupt nicht vorhandenen Konzepten tätig waren, könnte Schwarz die Grundlage für eine bessere Zukunft legen. Der konsequente Plan und die erkennbare Idee des neuen Übungsleiters sind ein elementarer Bestandteil dessen, wofür Hertha in Zukunft stehen soll.
Die Arbeitsweise von Sandro Schwarz
Um diesen Weg bestreiten zu können, wartet viel Arbeit auf den Chefcoach. Und auch dafür verfolgt er einen klaren Prozess: „Unser Anspruch ist es, vom ersten Tag sehr intensiv und fleißig zu sein. Nicht groß zu reden, sondern wirklich mit einer hohen Leistungsbereitschaft zu arbeiten.“ Zu Beginn der Sommervorbereitung stehen dabei klassischerweise die athletischen Grundlagen im Vordergrund, ehe es anschließend nach und nach an die taktischen Feinheiten geht.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Grundsätzlich verfolgt Sandro Schwarz in seiner Arbeit einen sehr strukturierten Ansatz: „Ich bin ein sehr ordnungsliebender Mensch und ich bin der Überzeugung, dass eine gewisse Struktur Energie und Vertrauen gibt.“ Dies gelte sowohl fußballerisch als auch abseits des Feldes. Im Training sei vor allem eine hohe Wiederholungsrate der einzelnen Abläufe geplant. Dennoch will Schwarz seinen Schützlingen fußballerische Kreativität lassen und stellt klar: „Wir müssen den Jungs die Gewissheit geben wie das Spiel zu funktionieren hat, wie wir spielen wollen und dann aber auch es laufen zu lassen und die Freiheit zu geben“
Unterstützt wird er in seiner Arbeit dabei von Daniel Fischer, Volkan Bulut und Tamas Bodog, mit denen er zum Teil schon in Moskau zusammengearbeitet hat. Andres Menger und Vedad Ibisevic, über den Schwarz lobende Wort fand, sowie die bisherigen Athletiktrainer rund um Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben Hertha BSC erhalten.
Erneuter Kaderumbruch
Im Gegensatz zum Trainerteam steht der finale Kader derweil noch lange nicht fest. „Es wird wieder Zeit brauchen, bis der Kader komplett ist“, stellt Fredi Bobic klar. Der Markt sei noch relativ träge, insbesondere die Teams aus Südeuropa würden noch etwas Urlaub machen was die Kaderplanung angeht. Es ist als auch dieses Jahr damit zu rechnen, dass die Mannschaft nach Saisonbeginn im August weiter verändert wird und sich eine gewisse Unruhe dadurch nicht vermeiden lassen wird. Dass dies die Arbeit des Trainers erschwert, ist auch Bobic bewusst: „Es ist immer etwas unfair für das Trainerteam.“
Dennoch konnte der Manager heute etwas Einblick in die kommenden Transfers geben. So wird Santiago Ascacibar den Verein bei einem passenden Angebot verlassen dürfen, er wäre bereits während der Rückrunde auf Bobic zugekommen und hätte seinen Wechselwunsch für den Sommer geäußert. Auch Eduard Löwen ist momentan vom Training freigestellt, da er sich in Verhandlungen mit einem Verein befände. Auf der Torwartposition plane man fest mit Oliver Christensen als Stammspieler: „Da haben wir alle ein sehr gutes Gefühl dabei.“ Rune Jarstein ist Stand jetzt als Ersatztorhüter eingeplant, sollten dessen Fitnesswerte in den nächsten Wochen das nicht möglich machen, würde man sich gegebenenfalls auf dieser Position verstärken.
Bezüglich Kevin Prince Boateng konnte Bobic verkünden, dass dieser wohl bleiben wird, es hinge noch an ein paar vertraglichen Kleinigkeiten. Schwarz ist für einen persönliches Austausch mit Boateng sogar vor ein paar Tagen bereits einmal nach Berlin gekommen. Sein Fazit lautet: „Es war ein sehr gutes Gespräch, offen, klar und ehrlich von beiden Seiten aus und ich finde das ist eine gute Basis um weiter sehr gut zusammen zu arbeiten.“
Schwieriger Saisonstart
Dass gearbeitet werden muss, dürfte unzweifelhaft sein. Mit dem Zweitligisten Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal und anschließenden Bundesligastart gegen den Stadtrivalen Union Berlin hätte das Auftaktprogramm knackiger kaum sein können. Angesprochen auf das Derby reagiert Schwarz mit der Aussage „Geiles Spiel“, bevor die Frage überhaupt zu Ende gestellt ist. Schon vor dem offiziellen Trainingsauftakt lebt er also vor, mit welcher Einstellung und Mentalität in Zukunft in Berlin-Charlottenburg gearbeitet werden soll.

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Gleichzeitig macht er im Laufe der Pressekonferenz mehrmals klar, dass mit Braunschweig noch vor Union ein Gegner wartet, der mitnichten ein Selbstläufer ist. Es wird das bereits dritte Duell der beiden Mannschaften während der ersten Runde des DFB-Pokals in fünf Jahren sein. Mit Blick auf die letzte Begegnung im Sommer 2020, Hertha verlor in einer denkwürdigen Partie mit 4:5, sollte jedem klar sein, dass die von Schwarz gebotene Vorsicht mehr als nur eine Plattitüde ist. Der frische Cheftrainer hat noch sechs Wochen, um die Grundlagen seines Stils in eine vom erneuten Umbruch begleitete Mannschaft einzuarbeiten. Die Aufgabe, sie könnte kaum schwerer sein und dennoch gibt es auf dem Olympiagelände zum ersten Mal seit langem so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Saison 2022/23, sie kann kommen.
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von Benedict Puls | Juni 4, 2022 | Bundesliga, Hertha BSC, Rückblick, Um den Verein
Die Saison ist vorbei, die Mannschaft von Hertha BSC hat mit einem ungeahnten Kraftakt gegen den HSV über die Relegation die Klasse gehalten. Bereits unmittelbar nach Abpfiff des Rückspiels kündigte Trainer Felix Magath an, dass er bei Hertha nicht weiter machen wolle, das Projekt sei mit Ende des Spiels abgeschlossen. Auch der Nachfolger steht schon fest, Sandro Schwarz wird die Blau-Weißen in der nächsten Saison an der Seitenlinie betreuen. Grund genug, einen Rückblick auf Magath und dessen Zeit in der Hauptstadt zu werfen.
Als ich vor einigen Wochen beschlossen hatte, einen Rückblick über Magath schreiben zu wollen, ahnte ich noch nicht, welchen Rattenschwanz das nach sich ziehen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hertha gerade mit 2:0 gegen den VfB Stuttgart gewonnen und ich ging ziemlich sicher davon aus, dass wir mit Ende des 34. Spieltags über dem Strich stehen würden. Bekanntermaßen kam alles anders, Hertha musste zwei weitere Spiele im Kampf um den Platz in der Bundesliga absolvieren. Ausgerechnet gegen DEN Herzensklub von Magath, dem HSV. Ein Szenario, mit dem dieser seit Amtsantritt gerechnet hatte, wie er nach dem 1:1 bei Arminia Bielefeld zugab. Es würde ihn nicht überraschen, wenn es zu dieser Konstellation käme, sagte er. Und er sollte Recht behalten, wie so oft.
Eine überraschende Verkündung
Doch fangen wir vorne an. Also gut, ehrlich gesagt müsste man sehr weit vorne anfangen um zu verstehen, wieso Sportgeschäftsführer Fredi Bobic überhaupt in die Situation kam, Felix Magath an die Seitenlinie der Alten Dame holen zu müssen. Um es kurz zu machen: die bereits zweite Trainerlösung der Saison, Tayfun Korkut, scheiterte krachend, ein Verbleib des deutsch-türkischen Übungsleiters war nach der bis dato sieglosen Rückrunde acht Spieltage vor Schluss untragbar. Etliche Namen kursierten und die Fans stellten sich die berechtigte Frage, welcher Trainer sich die Gemengelage von sportlichem Misserfolg, schiefem Kader und ständigen externen Störgeräuschen freiwillig antun würde.

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Und so zauberte Bobic einen Namen aus dem Hut, mit dem niemand ernsthaft gerechnet hätte: Felix Magath. Der Aschaffenburger war zuletzt vor fast zehn Jahren in der Bundesliga tätig. Anschließend folgten eher abenteuerliche Jobs wie die des Global Sports Directors bei den Würzburgers Kickers und Admira Wacker sowie zweifelhafte Auftritte als Cheftrainer in China und bei Fulham. Wie sollte dieser aus der Zeit gefallene Trainer im modernen Fußball bestehen oder gar Hertha BSC vor dem Abstieg retten? Deutschlandweit prasselte Häme, Spott und große Skepsis auf Hertha ein. Und auch die Fans des Charlottenburger Traditionsvereins zeigten sich zu großen Teilen mittelschwer entsetzt, nach Korkut schien dies nun die Krönung der schlechten Leistung von Bobic in dieser Saison zu sein.
Gutes Händchen bei der Staff-Auswahl
Doch schon auf der Antrittspressekonferenz zeigte Magath, dass er keineswegs der senile Rentner ist, den man aus dem Ruhestand zurück ins Rampenlicht der Bundesliga gezerrt hat. Er wirkte sortiert, unaufgeregt und gut vorbereitet. „Ich kann nicht anders. Ich bin Fußballer, ich will Fußball, ich liebe Fußball“, waren eine seiner ersten Worte. Man merkte schnell, dass dieser Mann die Möglichkeit genießt, sich noch einmal beweisen zu können. Auch wenn er das nach seiner spektakulären Meistersaison 2009 und den zahlreichen Rettungsaktionen bei anderen Bundesligisten eigentlich gar nicht mehr nötig hatte. Man spürte, Magath nahm diesen Job aus Überzeugung an und nicht, weil er musste. Die fürstliche Entlohnung von angeblich zwei Millionen Euro bei geglücktem Klassenerhalt spielte sicher auch eine Rolle, war aber wahrscheinlich nicht der Hauptgrund für die Zusage des neuen Übungsleiters.
Der 68-jährige Cheftrainer kam jedoch nicht alleine, sondern brachte Werner Leuthard als Athletiktrainer und Mark Fotheringham als seinen Co mit. Fotheringham und Magath kannten sich aus gemeinsamen Zeiten bei FC Fulham, wo der Schotte damals noch als Spieler tätig war. Und es kam wie es kommen musste: in Berlin angekommen infizierte sich der neue Coach direkt mit Corona, durfte das erste Spiel unter seiner Amtszeit lediglich aus dem Hotel verfolgen. Die Verantwortung im Spiel gegen Hoffenheim kam vor Ort damit dem noch sehr unerfahrenen Mark Fotheringham zu.
Der Mann im Hintergrund
Was anschließend folgte, hätte märchenhafter nicht ablaufen können. Hertha gewann überraschend gegen die TSG mit 3:0, alle drei Tore folgten aus Freistößen von Marvin Plattenhardt. Jenem Plattenhardt, der die letzten Monate und Jahre über immer unsichtbarer wurde. Die vergangenen Glanzzeiten, welche ihm einen Platz bei der WM 2018 beschert hatten, waren längst vergessen. An der Seitenlinie pushte das Duo aus Fotheringham und Offensivtrainer Ibisevic die Mannschaft unermüdlich nach vorne, an Magath dachte während des Spiels niemand. Im Anschluss wurde sein Einfluss jedoch klar, er hatte vor dem Spiel und während der Halbzeit per Video zur Mannschaft gesprochen, war zudem das gesamte Spiel über Funk mit dem Trainerstab von Hertha verbunden.

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Felix Magath hatte damit geschafft, was seinem Vorgänger Korkut in neun Partien davor nicht gelungen war, nämlich einen Sieg in der Rückrunde zu holen. In Berlin war damit zumindest der Glaube an einen möglichen Klassenerhalt wieder da, auch wenn Hertha vor dem Spiel auf dem 17. Tabellenplatz stand. Magath hatte seine erste Duftmarke gesetzt.
Derbydebakel
Ein paar Tage später ging es für die Profis von Hertha in ein Kurztrainingslager. Der Spitzname „Quälix“ kommt schließlich nicht von ungefähr. In Harsewinkel sollten die konditionellen Grundlagen für den Abstiegskampf im Rest der Saison gelegt werden. Das anschließende Spiel in Leverkusen ging knapp, aber verdient verloren. Hertha zeigte sich zwar engagiert, allerdings fehlte schlussendlich die Qualität, um sich gegen einen Champions-League-Aspiranten ernsthaft wehren zu können.
Spätestens nach dem verlorenen Derby gegen Union war von der positiven Stimmung seit Magaths Amtsantritt jeglicher Hauch verflogen. Auch der dritte Trainer der Saison schaffte es nicht, die Mannschaft in Derbystimmung zu versetzen. Die Kulisse im erstmals seit über zwei Jahren wieder ausverkauften Olympiastadion hätte besser nicht sein können, doch die Herthaner enttäuschten auf ganzer Linie. Mit 1:4 ging man regelrecht unter, bei Magath offenbarte sich erstmals eine Schwäche, die bis zum Hinspiel der Relegation immer wieder vortreten sollte: Fragwürdige Personalentscheidungen. Trotz eines fitten Maxi Mittelstädts brachte Felix Magath den 18-jährigen Julian Eitschberger von Anfang an. Der Youngster feiert somit ausgerechnet in einem der mit Abstand wichtigsten Spiele sein Profidebüt. Und wenn das alleine schon nicht reichen würde, geschah dies noch dazu auf einer Position, auf der Eitschberger als nomineller Rechtsverteidiger normalerweise gar nicht spielt.

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Magath hatte sich eindeutig verzockt, war er vielleicht doch nicht der richtige Mann in dieser Situation? Spätestens jetzt war klar, dass der Sieg gegen Hoffenheim nur bedingt mit dem neuen Cheftrainer zu tun hatte. Zu sehr zeigten sich altbekannte Probleme des Teams wie beispielsweise fehlende offensive Kreativität und defensive Instabilität. Ein Wunderheiler war Felix M. definitiv nicht, doch wirklich verübeln konnte man es ihm persönlich auch nicht. Kein Trainer der Welt ist in der Lage, einen komplett schief zusammengestellten Kader mitten in der Saison zum Funktionieren zu bringen, die Probleme lagen dafür viel zu tief. In der allgemeinen Katerstimmung inklusive der kritikwürdigen Trikotaktion einiger Fans verblieb lediglich der Funken Hoffnung, dass jede weitere Woche mehr Zeit bringt, damit Magath wenigstens kleine Stellschrauben verändern kann.
Erkennbare Fortschritte gegen die direkten Konkurrenten
Und er veränderte sie. In den richtungsweisenden Partien gegen die direkten Konkurrenten FC Augsburg, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld präsentierte sich das Team von Hertha BSC wie ausgewechselt. Kampf, Leidenschaft und Wille waren auf einmal erkennbar. Auch wenn die fußballerische Idee weiterhin sehr simpel war. Man verteidigte kompakt, legte den Fokus stark auf die Defensive. Durch gezielte Konter und Flanken auf Davie Selke sollte Nadelstiche nach vorne gesetzt werden. Auch Standardsituationen stellten ein Mittel zum Erzielen von Toren dar. Dabei half natürlich, dass die Qualität der Gegner sich näher an Hertha orientierte, als es in den Spielen gegen Leverkusen und Union der Fall war. Auch die Spielverläufe lagen Hertha teilweise zu Gunsten. In Augsburg half ein einziger genialer Moment von Richter und Serdar direkt nach der Pause, gegen Stuttgart ging Hertha bereits in der vierten Minute durch Selke in Führung. Das sehr späte 2:0 ändert nur noch die Höhe des Siegs. Beim Auswärtsspiel auf der Alm in Bielefeld schoss Hertha das Führungstor nach einem Standard durch den vorhin bereits erwähnten Marvin Plattenhardt.
Doch was hatte Magath damit zu tun? Welche Veränderungen halfen der stark verunsicherten Mannschaft? Auffällig sind vor allem drei Dinge: Die Konstanz der gewählten Startaufstellung, das Hauptaugenmerk auf defensive Stabilität und Kevin-Prince Boateng.
Die beiden ersten Punkte bedingen sich dabei ein Stück gegenseitig. Wenn die Spieler wissen, wer neben ihnen steht, fällt die Abstimmung und damit auch das gemeinsame Verteidigen leichter. Die fehlende Konstanz, vor allem in der Innenverteidigung, führte oft zu großen Unsicherheiten und individuellen Fehlern. Magath setzte durchgängig auf die beiden erfahrenen Spieler Marc-Oliver Kempf und Kapitän Dedryck Boyata. Beide zeigten sich von Spiel zu Spiel sicherer. Hinzu kam die Doppelsechs bestehend aus Santiago Ascacibar und Lucas Tousart. Hertha hielt das Zentrum in der Folge oftmals und stand somit deutlich stabiler als im gesamten bisherigen Saisonverlauf. Man hatte endlich den Eindruck, dass die Spieler wüssten, welche Rolle und Aufgaben sie auf dem Feld einzunehmen hatten. Ein Verdienst, der maßgeblich auf Magath zurückgehen dürfte.
Wie der Phoenix aus der Asche
Mit der Defensive alleine gewinnt man jedoch keine Partien. Und hier kommt Prince Boateng ins Spiel. Jener Prince, der in den 29 Spieltagen vor dem Augsburg-Spiel insgesamt lediglich 422 Minuten auf dem Feld stand. Im Saisonendspurt folgten hingegen 361 weitere Minuten. Boateng brachte viele Eigenschaften mit, die Hertha während der gesamten Saison fehlten: Ballsicherheit, Spielkontrolle, offensive Kreativität und Leidenschaft. Von Magath als einziger wirklicher Führungsspieler im Kader identifiziert, zeigte dieser, warum man ihn vor der Saison geholt hat. Von außen betrachtet muss sich die Frage aufdrängen, ob Dardai und Korkut zu zögerlich waren, um Boateng reinzuwerfen oder ob dieser tatsächlich erst zum Saisonende wirklich fit wurde. Es ist schwer diese Frage ohne Einblicke ins Training und die exakte Belastungssteuerung zu beantworten – auffällig ist dennoch, dass von allen Trainern in dieser Saison erst Felix Magath den Mut besaß, voll auf Boateng zu setzen. Und der Prince zahlte dieses Vertrauen zurück.

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Psychospielchen und vergebene Chancen
Nach dem so späten wie unnötigen Ausgleichstreffer in Bielefeld verblieben Hertha noch zwei Matchbälle um den Klassenerhalt aus eigener Kraft festzumachen. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gab es vor allem zwei erwähnenswerte Äußerungen von Herthas Cheftrainer. Zum einen offenbarte er, dass er bereits mit Amtsantritt mit einer Relegation gegen den HSV rechnete. Ein Szenario, welches sich zwei Wochen später bewahrheiten sollte. Zum anderen stichelte Magath in Richtung seines ehemaligen Vereins Bayern München. Der feststehende Meister zeigte sich jedoch bis auf verbale Erwiderungen nicht wirklich beeindruckt, die Leistung gegen Stuttgart war weit von einer meisterwürdigen Form entfernt.
Da Hertha auf der anderen Seite bereits vor dem Spiel der Stuttgarter in der Allianz Arena selbst gegen Mainz verlor und auch das entscheidende Duell gegen den BVB am letzten Spieltag nicht für sich entscheiden konnte, musste der Weg in die Relegation gegangen werden. Dass der VfB Stuttgart sich selbst erst in der Nachspielzeit rettete, hinterlässt vor allem für Hertha-Fans einen faden Beigeschmack. Allerdings muss festgehalten werden, dass Hertha es über mehrere Spieltage selbst in der Hand hatte die Klasse zu halten. In den letzten drei Begegnungen am Stück kassierte man jeweils das entscheidende Gegentor in den letzten zehn Minuten. Ein Konzentrationsabfall, der nicht zum ersten Mal in dieser Spielzeit auftauchte, man erinnere sich an die Spiele gegen Wolfsburg, Leverkusen und Augsburg in der Hinrunde. Auch Magath zeigte sich in dieser Hinsicht recht machtlos. Er schaffte es nicht, der Mannschaft klar zu machen, dass ein Spiel 90 Minuten plus Nachspielzeit läuft. Ein Kritikpunkt, den sich der Coach gefallen lassen muss, dafür trat das Problem im Saisonschluss zu häufig auf.
Arbeitsverweigerung gegen den HSV
Und so ging es wie von Magath prophezeit gegen den Hamburger SV in die Relegation. Die Norddeutschen hatten ihre Hoffnung auf den Aufstieg eigentlich schon begraben, ehe sie mit fünf Siegen aus den letzten fünf Spielen überraschend noch auf den dritten Platz schafften. Die Mannschaft von Tim Walter stellt in gewisser Hinsicht das Gegenstück zu Hertha dar. Während die Berliner durch ihre defensive Spielweise auffielen, zeigte sich Hamburg während der Saison äußerst spielfreudig, kombinationsstark und offensiv ausgerichtet. Mit 64 Toren waren sie die drittgefährlichste Mannschaft im deutschen Unterhaus, gleichzeitig waren sie mit gerade einmal 35 Gegentoren das defensivstärkste Team.

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Im Hinspiel präsentierte sich Hertha vor ausverkauftem Olympiastadion äußerst ungefährlich und ambitionslos. Hamburg hatte mehr Aktionen, ohne dabei selbst jedoch wirklich zwingend zu werden. Durch eine missglückte Flanke erzielte Ludovit Reis eher zufällig das Siegtor für die Hanseaten. Magath schien es versäumt zu haben, der Mannschaft von Hertha klar zu machen, WIE wichtig die Relegationsspiele waren. Mit Wollschläger brachte Magath erneut wie schon gegen Union einen Nachwuchsspieler in einer Situation von Beginn an, die für ein solches Startelfdebüt gänzlich ungeeignet ist. Nachdem Wollschläger bereits in Bielefeld den Vorzug vor Belfodil erhalten hatte und maßgeblich am verpassten 2:0 beteiligt war, sollte er im ersten von zwei Endspielen um den Klassenerhalt die Sturmhoffnung darstellen. Man kann Wollschläger dafür keinen Vorwurf machen, genauso wenig wie für seine Einwechslung auf der Alm. Doch Magath steht für diese Entscheidungen zu 100 Prozent in der Verantwortung. Es entstand erneut der Eindruck, dass sich der Übungsleiter verschätzt hatte. In einer Situation in der ein solcher Fehler nicht zu tolerieren ist, noch dazu von jemanden, der die Erfahrung mehrerer Jahrzehnte als Spieler und Trainer vorzuweisen hat.
Am Ende reicht es
Doch im Rückspiel zeigte Magath dann, dass genau diese Erfahrung schlussendlich doch einer der entscheidende Faktoren zum Klassenerhalt war. Direkt nach Schlusspfiff gab er in einem Interview recht unumwunden zu, dass der von ihm so geschätzte Boateng zum Großteil für die Mannschaftsaufstellung verantwortlich war. Es erfordert eine gewisse Art der Größe seinen Spielern dermaßen zu vertrauen und eine der Kernaufgaben des Trainers, die Auswahl der Startelf, aus der Hand zu geben. Außerdem schien er vor dem Spiel die richtigen Worte gefunden zu haben, es war in vielen Belangen der vielleicht beste Auftritt der Hertha in dieser Saison. Plattenhardts Freistoß für die Ewigkeit steht symbolisch für das, was Magath in seinen zehn Wochen bei Hertha geschafft hat. Er hat den Spielern den Glauben an sich selbst zurück gegeben und diese zahlten es ihm mit den besten Leistungen der Spielzeit zurück. Boyata, Boateng, Selke, Tousart und ebenjener Plattenhardt stehen etwas symbolisch dafür, dass in diesem Team durchaus fähige Spieler vorhanden sind, es oftmals aber zusammen einfach nicht funktioniert hat. Diese über die letzten Monate im Großen und Ganzen gegangene Entwicklung, sowohl auf individueller als auch gesamtmannschaftlicher Ebene ist Magath hoch anzurechnen. Es lief nicht alles rund, auch die Trainerlegende konnte nicht alle Probleme des Kaders beheben. Doch dies ist auch nicht der Maßstab, an dem er zu messen ist. In Anbetracht der sportlichen Situation bei Magaths Amtsantritt und dem geschafften Klassenerhalt Ende Mai ist festzuhalten, dass Magath genug richtig gemacht hat, damit die Blau-Weißen auch im nächsten in der Bundesliga spielen dürfen.

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Keine Liebesgeschichte
Mit Schlusspfiff im Volksparkstadion war das Projekt Magaths beendet, dies bestätigte er vor den Mikrophonen selbst. Das sportliche Ende war jedoch noch nicht der endgültige Abschluss des gemeinsamen Kapitels. Wenige Tage später erschien beim Kicker ein Interview, in dem der Übungsleiter vergleichsweise offen über seine Zeit bei Hertha und die vielen tieferliegenden Probleme bei Hertha sprach. Er bemängelte die fehlende Hilfe im Verein, den schief zusammen gestellten Kader, welcher etliche Problemstellen aufweise und dass bei Hertha jeder zum größten Teil an sich selbst denken würde. Einen Eindruck, den vermutlich auch viele Fans von außen vorher schon hatten. Magath hat Hertha einmal mehr aufgezeigt, dass der geschaffte Verbleib in Deutschlands höchster Spielklasse lediglich den Anfang eines Prozesses darstellt. Ein Prozess den Hertha BSC dringend bedarf, um endlich langfristig besser aufgestellt zu sein. Das betrifft sowohl die Führungsebene als auch im Kader.
Magath scheint auch nach diesen zusammenschweißenden Wochen eine Distanz zum Charlottenburger Verein bewahrt zu haben. Am Ende war die Einstellung Magaths die richtige Entscheidung von Fredi Bobic, doch es scheint nicht als ob Magath langfristig viel positives mit diesem Intermezzo verbinden wird. Und so war es am Ende vor allem eins: eine Zweckgemeinschaft. Magath konnte es noch einmal allen beweisen, Hertha konnte in der Bundesliga bleiben. Eine Zusammenarbeit von der beide Seiten profitierten, doch nach nur drei Monaten gehen beide auch wieder getrennte Wege. Was sehr wahrscheinlich die richtige Entscheidung für jeden Beteiligten ist. Magath war bei Weitem nicht perfekt, aber er hat seine Aufgabe erfüllt und daher muss man vor allem eins sagen: DANKE Felix Magath.
[Titelbild: Joern Pollex/Getty Images]
von Johannes Boldt | Mai 24, 2022 | Bundesliga, Hertha BSC, Kolumne, Um den Verein
Die Stimme weg, Tränen in den Augen und vollkommen am Ende mit den eigenen Kräften. Am Montagabend um 22:25 Uhr traf das wohl auf den größten Teil aller Hertha-Fans zu. Das Team der Berliner hatte soeben mit einem Riesenspiel in der Relegation in Hamburg den Klassenerhalt gesichert. Ein Kraftakt einer Mannschaft, deren Charaktere zum Teil die Spiele ihrer Karriere absolvierten.

(Photo by Joern Pollex/Getty Images)
Es war das passiert, was sich ein jeder im blau-weißen Trikot gewünscht hatte – Hertha produzierte Szenen für die Ewigkeit. Eine Initialzündung für die nächste Saison ist möglich. Die Fans und der Verein haben die einmalige Chance, aus einem schier endlos laufenden Albtraum zu erwachen. Eine Einordnung, was dieser Klassenerhalt bedeutet.
Drei Jahre Albtraum – die Chance zu erwachen
Ich vermute, dass viele Menschen einen Albtraum haben, der sich in irgendeiner Form gerne in schlechten Nächten in den Schlaf schleicht und einen das Leben erschwert. Bei mir zum Beispiel gibt es das sich gerne wiederholende Szenario, dass mir Menschen, die mir lieb sind, sagen, dass sämtliche Prüfungen aus Schul – und Unizeiten nachträglich als ungültig erklärt wurden und mir dementsprechend auch die Abschlüsse wieder entzogen wurden. Was mir diese Träume sagen sollen, weiß ich nicht, darum geht es jetzt glücklicherweise aber auch nicht. Als Hertha-Fan erwacht man gerade zum dritten Mal aus einem Albtraum, der sich seit drei Jahren in feiner Regelmäßigkeit wiederholt. Die Sommerpause ist wieder einmal des Herthaners bester Freund.
In den letzten drei Jahren ist so viel rund um Hertha BSC passiert, dass ein Buch nötig wäre, um all das aufzuzählen und einzuordnen. Wieder einmal gelingt der Klassenerhalt und wieder einmal in einer hochdramatischen Art und Weise. Während man 2020 unter Bruno Labbadia fast schon unspektakulär über dem Strich blieb und sich letztendlich im Tabellenmittelfeld stehend in die Sommerpause verabschiedete, war das Szenario 2021 von der Spannung und Dramatik her kaum zu toppen. Die Corona-bedingte Pause, sechs Spiele in wenigen Wochen und am Ende ein feierndes Team um Pal Dardai. Doch was dieses Jahr passieren sollte, ist definitiv unvergleichbar und hätte knapper kaum sein können. Wieder einmal kann die Hertha im buchstäblich letzten Moment dem Tod von der Klinge springen.

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Doch was in den jeweiligen Momenten Freude und Erleichterung bringt und eine Form von Glückseligkeit, die sich nicht einmal der aktuelle DFB-Pokalsieger erkaufen kann, freisetzt, folgt erst auf eine dramatische und nervenaufreibende Leidenszeit. Da sind wir wieder beim Albtraum. Die Zeit, in der man nachts wach wird bzw in der das Team in der Sommerpause ist, scheint die genießbarste Zeit auf Erden zu sein. Sobald man die Augen schließt und die Mannschaft in die Saison startet, geht der Schrecken von vorne los. Doch das Potential und die Chance sind da, dass man dieses Mal keine Angst vor einem Albtraum haben braucht.
Hertha BSC braucht Ruhe und Führung
Um das möglich zu machen, braucht Hertha BSC vor allem Ruhe. Sämtliche Nebenkriegsschauplätze müssen geklärt werden. Aktuell wird der Verein in seinen Grundfesten erschüttert und treibt relativ führungslos daher. Nach dem Spiel gegen den HSV wurde bekanntgegeben, dass Finanzvorstand Ingo Schiller seine Koffer packen würde. Damit zieht der zweite große Chef nach Carsten Schmidt zum Ende dieser Saison die Reißleine. Die Tage von Präsident Werner Gegenbauer sind gezählt, sein Rücktritt scheint ebenfalls beschlossene Sache. Auch das Präsidium steht auf der Kippe. Zusätzlich wird ein neuer Trainer gesucht und viele Vertragssituationen von Personalien im sportlichen Bereich, wie Marcel Lotka, Kevin-Prince Boateng und vielen weiteren Akteuren sind bisher ungeklärt. Weiterhin ist der starke Mann Sportvorstand Fredi Bobic, dem ein Gegenspieler oder zumindest eine ernsthafte Kontrollinstanz im Verein fehlt.

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Vereinslegenden wie Pal Dardai, Zecke, Michael Hartmann und zuletzt Arne Friedrich wurden unwürdig aus dem Verein entlassen bzw. getrieben. Auch das Verhältnis zur Ultraszene ist nach den vielen Auseinandersetzungen in dieser Saison nicht komplett geklärt. Ebenso muss eingehend besprochen werden, wie man sich zukünftig gegenüber dem Investor Lars Windhorst und seiner Tennor-Holding verhalten möchte. Die Mitgliederversammlung am Sonntag wird richtungsweisend sein, was die Führung des Vereins betrifft. Ein riesen großer Scherbenhaufen muss aufgefegt werden. Und eigentlich nicht nur den dieser Saison. Sondern den der letzten drei Jahre. Denn Transfer-Altlasten wie Dodi Lukebakio, Eduard Löwen oder Deyovaisio Zeefuik gilt es ebenso zu klären.
Man muss sich in gewisser Weise eingestehen, dass die legendären Tagebücher von Jürgen Klinsmann Einblicke gewehrt haben, die anscheinend wirklich zutreffend waren. Mittlerweile wurde zu großen Teilen in die damals geforderte Richtung gehandelt. Weiterhin befindet sich der Verein in einem Umbruch. Ebenso der Kader. Am Ende werden nur wenige Spieler den dritten Umbruch im Verein überlebt haben. Auf die handelnden Personen und insbesondere Fredi Bobic kommt ein Berg an Arbeit zu. Doch nun ist Sommerpause und sie haben die Zeit, all die Baustellen anzugehen. Was das alles für Hertha BSC bedeutet, wird in den nächsten Tagen und Wochen eingeordnet werden.
Ein Genuss legendärer Erlebnisse – Und die Jahre der Mahnung
In der Retrospektive wird man in einigen Wochen, Monaten und Jahren auf die Zeit schauen und wieder einmal unvergessliche Szenen und Erlebnisse ausgraben und besprechen. Es werden schlechte dabei sein, das ist klar. Drei Derbys zu verlieren, nagt am Selbstverständnis eines Jeden, der es mit der Hertha hält. Die schwarze Zeit mit Tayfun Korkut als Trainer. Die Geschichten um Pal Dardai und Arne Friedrich wirken bis heute unfair und machen betroffen. Doch beide sind dank ihrer Vergangenheit mit Hertha positiv verbunden. Dardai war vor wenigen Wochen im Amateurstadion zu Besuch um seinen Sohn Bence im U17-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart spielen zu sehen. Arne Friedrich kommentierte den Klassenerhalt auf Twitter mit blau-weißen Herzen.
Der Saisonendspurt hat sich in die Köpfe eingebrannt. Ob es der Befreiungsschlag gegen Hoffenheim war, der frenetische Jubel im Olympiastadion nach dem 2:0 gegen den VfB Stuttgart, die drei verpassten Matchbälle oder junge Spieler, wie Marcel Lotka, Oliver Christensen oder Linus Gechter, die sich für die Hertha begeistern konnten und einen riesigen Beitrag zum Klassenerhalt leisteten. Die Leistungsexplosion längst aufgegebener Leistungsträger, wie Kevin-Prince Boateng und Marvin Plattenhardt, die das Rückspiel gegen den HSV auf phänomenale Art und Weise an sich rissen und ein Tor für die Ewigkeit schossen.

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Der Abschied vom langjährigen Herthaner Niklas Stark, der nicht wie verdient gewesen im Olympiastadion stattfand, sondern in abgespeckter, aber nicht minder emotionaler Art und Weise vor den mitgereisten Fans in Hamburg. Die Geschichten wurde geschrieben und nun gilt es sie in irgendeiner Form einzuordnen und zu verstehen.
Es darf selbstverständlich kein „Weiter so“ geben. Das wird es auch nicht, das zeigen die vielen personellen Konsequenzen in den letzten Stunden. Die letzten drei Jahre müssen ein Mahnmal sein. Nicht nur für Hertha, sondern für den gesamten deutschen Fußball. Erfolg lässt sich nicht einfach so kaufen. Mit keinem Geld der Welt. Es gehören gut arbeitende Menschen dazu, die auch mit den vielen Millionen etwas sinnvolles anstellen und daran ist der Verein seit dem Einstieg von Lars Windhorst krachend gescheitert. Beinahe so deutlich, dass der Abstieg kaum noch abzuwenden gewesen wäre. Nach 34 Spieltagen hätte sich kein Mensch beschweren können, wenn es dazu gekommen wäre. Es gilt mit Bedacht und klaren und freien Köpfen zu handeln. Keiner fordert Wunderdinge. Schon gar nicht, dass nächste Saison das Ziel Europa ausgerufen wird. Wenn man sich in den sozialen Medien so umschaut, reicht eigentlich schon eine entspannte, ja fast schon langweilige Mittelfeld-Saison. Und daran sollte man sich orientieren. Es geht nicht um den Wunsch und das Image eines windigen Investors, der von dem Geschäft rein gar keine Ahnung hat. Es geht um die vielen, zehntausenden Fans, die mit dem Verein durch jedes noch so übel lodernde Feuer gehen und ihm die Treue bis in alle Ewigkeiten schwören. Ein Verein und die Fans müssen gemeinsam wachsen, die Ansprüche ebenso. Und das braucht Zeit. Die Sinnkrise und Selbstfindungsphase des Vereins ist noch lange nicht vorbei, doch mit dem Klassenerhalt konnte ein großer Schritt in die richtige Richtung gegangen werden, um diese Phase irgendwann zu beenden.
Aufwachen und die Chancen nutzen
Die Chancen für einen Neuanfang sind da, nie waren sie größer und sie dürfen dieses Mal nicht vergeben werden. Die Reaktionen der Spieler nach dem Spiel zeigen, was solche Abstiegsschlachten psychisch mit Menschen machen. Ein weiteres Jahr in diesen Tabellengefilden wäre schwerer denn je. Fredi Bobic und co. müssen nun einen schlagkräftigen Kader zusammenbauen um Hertha nächste Saison ein ruhiges Jahr zu schenken und einen gesicherten Weg in die Zukunft zu ebnen.
Nur dann gelingt es endgültig aus einem jahrelangen Albtraum zu erwachen.
[Titelbild: RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images]
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