Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Marius Wolf – Nie wieder oder auf Jahre Hertha?

Dynamik, Flexibilität und Mentalität – das waren die Stichworte, mit denen Hertha-Manager Michael Preetz im vergangenen Sommer am Deadline-Day Neuzugang Marius Wolf präsentierte. Der Neuzugang, für ein Jahr von Borussia Dortmund ausgeliehen, sollte auf der rechten Außenbahn bei Hertha anheizen und dem damaligen Trainer Covic zusätzliche taktische Möglichkeiten eröffnen.

„Hertha ist der Hauptstadtclub und hat großes Potenzial.“ Nein, dieser Satz stammt nicht etwa von Jürgen Klinsmann oder Lars Windhorst. Mit diesen Worten wurde vielmehr Marius Wolf auf der Hertha-Homepage zitiert, als er im vergangenen Spätsommer auf Leihbasis nach Berlin wechselte. 24 Pflichtspiele unter drei verschiedenen Trainern und sechs Scorerpunkte später muss Hertha sich nun entscheiden, ob man sich weiter um Dienste des gebürtigen Coburgers bemühen möchte – oder auf dem Markt nach Alternativen sucht.

Ein Transfer, der drei Trainer zurückliegt

Die finanziellen Bedingungen, unter denen Michael Preetz den polyvalenten Wolf vom BVB loseiste, sahen neben einer Leihgebühr von zwei Millionen Euro die Übernahme des Gehalts vor, sodass die Kosten für die einjährige Leihe auf insgesamt 4,5 Millionen Euro taxiert waren – ein Deal, den es vor dem Einstieg Windhorsts wohl kaum gegeben hätte.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Nach Saisonende hätte man Wolf für 20 Millionen Euro fest verpflichten können – ein Preis, der (unabhängig von Corona) deutlich zu hoch angesetzt ist. Seitens des BVB dürfte aber durchaus Verhandlungsbereitschaft über eine niedrigere Ablöse bestehen, Dortmund möchte den Schienenspieler von der Gehaltsliste haben.

Gleichzeitig sucht man in Berlin wohl auch noch nach Verstärkung auf der rechten Abwehrseite und auf den offensiven Flügel-Positionen. Mit seiner Polyvalenz könnte Wolf eine oder gleich beide Lücken schließen, in der abgelaufenen Spielzeit kam er sowohl als rechter Verteidiger als auch im rechten Mittelfeld bzw. als Rechtsaußen zum Zuge. Ein weiteres Argument für Wolf: Der Ex-Frankfurter kennt die Mannschaft gut und hat mehrmals öffentlich deutlich gemacht, sich in Berlin sehr wohl zu fühlen und einem festen Verbleib offen gegenüberzustehen.

Auf seiner vermeintlich besten Position – als rechter Schienenspieler in einem 3-5-2- oder 3-4-3-System – wird Wolf bei Hertha aber in der kommenden Saison wohl kaum gebraucht werden. Neu-Trainer Bruno Labbadia hat sich zwar keinesfalls auf ein Spielsystem festgelegt, bisher spielte Hertha unter ihm im 4-3-3, 4-2-3-1 oder 4-Raute-2. Viererkette statt Dreierkette, wie zuvor unter Ante Covic oder Jürgen Klinsmann – Wolfs „Lieblingsposition“ wird es unter Labbadia wohl nur selten geben. Dass der Flügelspieler noch ein Transfer vergangener Kaderpläne gewesen ist, ist nicht von der Hand zu weisen.

Wolf oder Zeefuik?

Eine andere Position, die der 25-Jährige aber auch spielen kann, ist zufälligerweise eine, auf der sich Hertha unbedingt verstärken möchte: Peter Pekarik wird nicht jünger, Lukas Klünter scheint den neuen Ansprüchen nicht zu genügen – ein neuer Rechtsverteidiger wird also dringend gesucht. In einer Viererkette hat Wolf diese Position bereits beim BVB im Saisonendspurt 2018/2019 ausgefüllt.

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Eine Zweikampfquote von gerade einmal 45% müsste der Dortmunder allerdings deutlich steigern, um zu einer echten Option auf dieser Position zu werden. Zum Vergleich: Peter Pekarik kommt in seinen Einsätzen 2019/2020 auf eine Quote von 55%, ein deutlicher Unterschied. Des Weiteren sind bei Wolfs Einsätzen als Rechtsverteidiger defensivtaktische Mängel und kleinere Patzer zu erkennen gewesen. Ob Wolf, der bei seiner ersten Profi-Station bei 1860 München auch gerne als Mittelstürmer eingesetzt wurde, wirklich die nötigen defensiven Stärken für die Außenverteidiger-Position mitbringt, darf durchaus bezweifelt werden.

Mit Deyovaisio Zeefuik wurde in den vergangenen Wochen immer wieder ein anderer Name mit Hertha in Verbindung gebracht, wenn es um die Lücke hinten rechts geht. Angeblich sei man sich mit dem Spieler einig, einzig die Ablösesumme sei der Haken. Im Gegensatz zu Wolf ist Zeefuik ein ausgebildeter Rechtsverteidiger (aus der Ajax-Akademie), knapp drei Jahre jünger – und wird wohl maximal sechs Millionen Euro kosten. Es wird allerdings nicht auszuschließen sein, dass wenn Hertha sich nicht mit dem FC Groningen bezüglich der Ablösesumme einigen kann, Wolf wieder auf den Plan tritt.

Konkurrent für Lukébakio?

Nach den Abgängen von Alexander Esswein und Salomon Kalou sowie dem wahrscheinlich bevorstehenden Abschied von Mathew Leckie wird sich Hertha im Sommer vielleicht auch um eine neue Option für den rechten offensiven Flügel bemühen – je nachdem, wo man mit Matheus Cunha plant. Als nomineller Rechtsaußen steht aktuell nur Dodi Lukébakio zur Verfügung, aber auch Cunha und Jessic Ngankam haben diese Position in der Vergangenheit bekleidet.

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Erst gegen Ende der Saison hatte Labbadia in Lukébakio den nominell stärksten Rechtsaußen für dessen Defensivarbeit gerügt. Nach dem 1:4 gegen Frankfurt hatte Herthas Trainer über die Verteidigungskünste des Belgiers gesagt, „das ist halt (…) nicht seine Stärke“. Lukébakios teils mangelhafter Einsatz in der Rückwärtsbewegung könnte auch durch den fehlenden Konkurrenzkampf begründet sein – ein Problem, bei dem Wolf mit Sicherheit Abhilfe schaffen könnte.

Bereits in Frankfurt und Dortmund machte sich Wolf durch seinen Willen und seine Arbeitsbereitschaft einen Namen, nicht umsonst wurde seine Mentalität bei der Hertha-Vorstellung vor der Saison von Michael Preetz als elementare Qualität benannt. Wolf ist einer, der sich nie hängen lässt, ein Kampfschwein, das Lukébakio im Training Druck machen könnte. Der intensive und lauffreudige Spielstil Wolfs kommt den Vorstellungen Labbdias jedenfalls sehr entgegen.

Wenn man allerdings einen Blick auf das offensive Output wirft, trifft schnell eine gewisse Ernüchterung ein: Den vier Bundesliga-Scorern von Wolf stehen deren 14 für Lukébakio zu Buche. Pro 90 Minuten legt der Belgier deutlich mehr Torschüsse (1.56 zu 1.21) und auch deutlich aussichtsreichere Abschlüsse (0.23 zu 0.14 xA90) als sein Konkurrent auf. Auch die 7 Saisontore Lukébakios überragen den einzigen Treffer von Marius Wolf mit Abstand.

Frankfurter Hochform und das durchwachsene Danach

Aber was machte Marius Wolf eigentlich interessant für Borussia Dortmund? Der BVB zog im Sommer 2018 die Ausstiegsklausel des variablen Flügelspielers und löste ihn für gerade einmal fünf Millionen Euro von Eintracht Frankfurt los. Zuvor hatte Wolf mit der Eintracht den DFB-Pokal gewonnen und unter Niko Kovac eine hervorragende Saison gespielt. In wettbewerbsübergreifend 34 Spielen gelangen ihm sechs Tore und elf Vorlagen.

Grund genug, Wolf zum BVB zu holen, wo dieser es allerdings schon in seiner ersten Saison nicht leicht hatte. Gerade einmal 15 Startelfeinsätze in drei Wettbewerben sammelte der 25-Jährige in Schwarz-Gelb, zumeist auf den Außenstürmer-Positionen oder als rechter Verteidiger eingesetzt. Nur ein Tor in der gesamten Saison – das ist für einen Dortmunder Offensivspieler ein schwacher Wert. Als Dortmund im letzten Sommer noch Thorgan Hazard verpflichtete, schien die Lage für Wolf zunächst aussichstlos und er wurde nach Berlin verliehen.

In diesem Sommer verlässt zwar Hakimi den BVB, dafür konnte der Verein aber Thomas Meunier als Ersatz verpflichten. Und auch Matheus Morey hat sich auf der rechten Seite zu einer echten Alternative entwickelt. Dortmund wird wohl versuchen, Wolf im Sommer loszuwerden, um dessen üppiges Gehalt von 2,5 Millionen Euro jährlich einzusparen.

Wolf droht (auch) bei Hertha die Bank

Ob Hertha Wolf fest verpflichtet, wird am Ende von vielen Dingen abhängen. Eine Rolle dürfte die Ablösesumme spielen – viel mehr als fünf Millionen Euro wird die alte Dame auf keinen Fall zahlen wollen. Dass der BVB den Bedürfnissen von abwanderungswilligen Spielern, die keinerlei Perspektive mehr in Dortmund haben, entgegenkommt, zeigt das Beispiel von André Schürrle. Der ehemalige deutsche Nationalspieler stand eigentlich noch bis Sommer 2021 bei den Schwarz-Gelben unter Vertrag, doch aufgrund seines üppigen Gehalts und den nicht vorhandenen Einsatzchancen wurde sein Vertrag nun aufgelöst. Auf selbiges wird man bei Hertha nicht hoffen können, ein deutliches Entgegenkommen in der Ablöse wäre jedoch zu erwarten.

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Zudem müsste Wolf vermutlich gegenüber seinem Dortmunder Vertrag deutliche Gehaltseinbußen hinnehmen. Auch die Einschätzung von Trainer Bruno Labbadia wird bei der Entscheidung über eine mögliche Verpflichtung eine Rolle spielen. Labbadia konnte den Spieler zwar nicht in einem Pflichtspiel beobachten, vor dem Derby gegen Union bezeichnete er dessen Fehlen allerdings als „sehr schade“. Aus Medienberichten ist hervorgegangen, dass Herthas neuer Trainer gerne auf Wolf gesetzt hätte, aufgrund dessen Verletzung dann aber auf Pekarik hat zurückgreifen müssen.

Grundsätzlich wird Marius Wolf den BVB aber wahrscheinlich nur verlassen, wenn ihm bei seinem neuen Verein deutlich mehr Spielzeit garantiert wird. Als Flügelspieler müsste sich der technisch teilweise limitierte Wolf wohl zunächst hinter Javairo Dilrosun, Matheus Cunha und Dodi Lukébakio einsortieren, könnte aber insbesonders gegen starke Gegner mit seiner Defensivarbeit und Akribie zu Einsätzen kommen.

Als Rechtsverteidiger wäre die Lage vermutlich umgekehrt: Als gelernter Offensivspieler könnte Wolf besonders gegen tiefstehende Gegner offensive Akzente setzen. In jedem Fall ist aber äußerst fraglich, ob Wolf sich für die Rolle als Kaderspieler in Berlin begeistern kann. Gerade in einer ähnlichen Form wie in der Saison 2017/2018 wäre er für Hertha aber zweifelsohne eine Bereicherung.

Lucas Tousart – Wieso, weshalb, warum?

Lucas Tousart – Wieso, weshalb, warum?

Die Verpflichtung von Lucas Tousart bringt viele Fragen mit sich, die ohne interne Informationen nur schwer für Fans zu beantworten sind. Ist er die hohe Ablösesumme wert? Wieso kommt der Franzose erst im Sommer zu Hertha? Warum wollten ihn zahlreiche Fans in Lyon nicht mehr? Welche Rolle kann er bei Hertha einnehmen?

Wir widmen uns im nachfolgenden Text zunächst der Vorgeschichte von Lucas Tousart, bevor wir versuchen, einige dieser Fragen bestmöglich zu beantworten. Dafür haben wir uns bei “Coeur de Gone“, einem der größten Fanblogs rund um den Olympique Lyonnais, Verstärkung geholt. Idèr, der sein Club schon sehr lange intensiv verfolgt, gab uns viele nützliche Informationen rund um Lucas Tousart und dessen Laufbahn in Lyon. Seine Antworten gab er uns auf Französisch. Die Zitate sind also frei von unserem Redakteur Chris übersetzt.

Von der Reserve zum Stammspieler

Bevor wir uns den Fragen widmen, wollen wir uns die Laufbahn des neuen Rekordtransfers von Hertha BSC genauer anschauen. Wie er sehr jung zu „OL“ (Olympique Lyonnais) kam, seine Chance nutze in die Profi-Startelf zu kommen und sich zum Stammspieler etablierte. Das alles erzählt uns Idèr: „Als er 2015 bei uns angekommen ist, war er zuerst lange bei der Reserve (U23). Danach hat er in der Saison 2016/2017 angefangen stark aufzuspielen. Maxime Gonalons, damals der Stammspieler auf seiner Position, bekam eine rote Karte und vier Spiele Sperre im Spiel gegen Bordeaux. Tousart wurde daraufhin regelmäßig eingesetzt, konnte sehr gute Leistungen zeigen. Er brachte genau die Frische und Energie, die Gonalons zuletzt fehlte.”

“So stark war die Leistung von Tousart in dieser Zeit, dass ihn sein Trainer Genesio nicht mehr aus der Startelf nahm, auch nicht als Gonalons zurückkehrte. Dieser war als Kapitän nicht wegzudenken, sodass beide Spieler nunmehr als „Doppel-Sechs“ sehr erfolgreich agierten. Später wechselte Gonalons und Tousart wurde zum unumstrittenen Stammspieler. Zunächst mit viel Erfolg, dann jedoch leidete seine Entwicklung unter der fehlenden Konkurrenz.“

Tousart wurde als Kapitän von Frankreichs U19 Europameister (Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images)

Während er sich in der Ligue 1 hocharbeitete, glänzte Herthas Neuzugang schon im frühen Alter in der Junioren-Nationalmannschaft Frankreichs. Er gewann 2016 als Kapitän der U19 zusammen mit Spielern wie Kylian Mbappé, Markus Thuram und Amine Harit die Europameisterschaft. Er ist auch aktuell der meistberufene Spieler der U19 Frankreichs, mit 21 Spielen. Im Sommer 2019 trug er erneut die Kapitänsbinde, dieses Mal bei der U21-EM, und führte seine Mannschaft bis ins Halbfinale, wo man sich allerdings gegen Spanien geschlagen geben musste.

Schwierige Saison für OL und Tousart

Dann kam die Saison 2019/20. Eine Saison, die für Lyon alles andere als gut begann. Man verpflichtete die Clublegende Juninho als Sportdirektor und wechselte den Trainer. Bruno Génésio musste gehen und wurde von Sylvinho ersetzt.

„Der Sportdirektor Juninho erklärte zum Saisonstart, dass er auf der Position von Tousart Neuverpflichtungen holen wolle. Dieser aber zauberte im August förmlich, insbesondere gegen Monaco (0:3 Sieg der Lyonnais, wo Lucas Tousart sogar ein Tor erzielte). Letzten Endes wurde Thiago Mendes rekrutiert (für 22 Millionen Euro), der aber keine Leistung brachte. Der Stammplatz von Tousart war also weiterhin nicht in Gefahr.“

Der Saisonstart verlief noch gut für Tousart und OL. (Foto: Valery Hache/AFP/Getty Images)

So spielte Tousart also auch fast jede Partie, konnte aber nicht die Negativserie seines Vereins verhindern. Lyon spielte monatelang schwach und im Oktober war nach weniger als sechs Monaten für Neutrainer Sylvinho Schluss. Rudi Garcia übernahm die Verantwortung und setzte ebenfalls auf Tousart. Aktuell läuft es deutlich besser für Lyon, die Negativserie hat aber viel Zeit und Punkte gekostet. Ganze fünf Punkte trennen die Lyonnais noch von Platz drei in der Ligue 1.

„Warum wollen ihn so viele OL-Fans wechseln sehen?”

Wie also festgestellt, setzte sich Lucas Tousart recht zügig als Stammspieler durch, war in den Junioren-Nationalmannschaften einer der wichtigsten Spieler Frankreichs und ließ sich auch nicht im Konkurrenzkampf hängen. Warum also wird Herthas Neuzugang dann von so vielen Lyon-Anhänger verspottet und zum Teil sogar in sozialen Netzwerken als Witzfigur betrachtet? Wir haben diese Frage auch Idèr gestellt:

„ (Tousart) ist jung, aber mit einer Entwicklung, die seit etwa zwei Jahren stockt. Technisch ist er nicht sehr stark. Er hat auch Schwierigkeiten im Spiel nach vorne, sucht oft auf den Seiten und hinter ihm Anspielstationen.“

„In den Spielen, wo OL den Ball hat und das Spiel machen muss, hat er Schwierigkeiten, das Offensivspiel zu organisieren, obwohl er auf einer Position ist, in der er ein Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft sein müsste. Man hört oft, dass seine Abwesenheit im Ligaspiel gegen Marseille (1:2 Niederlage) ein Zeichen dafür ist, dass er unumstritten sein sollte. Ich bin nicht ganz einverstanden. Außerdem: wenn er gegen Marseille gefehlt hat, dann nicht aufgrund einer Verletzung, sondern weil er wegen zu vielen gelben Karten gesperrt war: ein Sinnbild dafür, wie viele Fouls er begeht.“

Kritikpunkt: Tousart sieht viele Karten. (Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images)

Hauptkritikpunkt der Fans ist jedoch das, was im Fußball immer zuerst auffällt: technische Defizite. „Seine Schwächen im technischen Bereich hindern ihn daran, sich vom gegnerischen Pressing zu lösen und nach vorne zu gehen.“ Sein Rolle ist zwar eher in der Stabilität und Kompaktheit im zentralen Mittelfeld, doch viele Lyon-Fans waren insbesondere in den schlechten Phasen ihrer Mannschaft auf der Suche nach einem Sündenbock.

Dass Tousart in einer schlecht funktionierenden und verunsicherten Mannschaft Schwierigkeiten hatte, nach vorne zu arbeiten, ist eine Sache, die man kritisieren kann. Sich nur darauf zu fokussieren, wäre aber auch zu engstirnig. Gerade auf der defensiven Position im zentralen Mittelfeld sind die meisten Aspekte des Spiels unsichtbar. Ob das Positionsspiel, das Spiel gegen den Ball und die physische Präsenz: diese Aspekte sind schwieriger für Fans zu erkennen als eine schlechte Ballannahme oder misslungene Dribblings.

Auch Idèr gibt zu: „Alles ist nicht so schlecht, wie teilweise dargestellt. (…) Er könnte sich woanders zeigen, aber ich glaube er hat in Lyon eine Art „Plateau“ erreicht, da der theoretische Spielstil des Vereins nicht unbedingt zu seinen primären Stärken passt.“

„25 Millionen Euro? Ist er die hohe Ablöse wert?“

Wer sich über hohe Ablösesummen im aktuellen Fußball ärgert, wird viele Nerven verlieren. Tatsächlich steigen diese Summen immer weiter, und auch Hertha BSC ist da nicht isoliert zu betrachten. Betrachtet man den Marktwert von Lucas Tousart auf transfermarkt.de, kommt man auf rund 20 Millionen Euro.

Tousart beim Tor gegen den FC Barcelona (Foto: Josep Lago/AFP/Getty Images)

Für einen 22-jährigen zentralen Mittelfeldspieler, der bereits jetzt viele Jahre Profifußball-Erfahrung hat, ist dies nicht unüblich. Insgesamt weist der junge Mittelfeldspieler 108 Spiele in der Ligue 1 (drei Tore, drei Vorlagen), 16 in der Europa League (Ein Treffer, eine Vorlage) und sogar 14 in der Champions League (Ein Treffer, eine Vorlage) auf. Um einen Vergleich bei Hertha BSC zu machen: Arne Maiers Marktwert auf transfermarkt.de beträgt ebenfalls 20 Millionen Euro. Seine Bilanz beträgt 44 Bundesligaspiele (keine Tore, eine Vorlage) und drei Internationale Partien (in der Europa League). Maier ist aber mit seinen 21 Jahren noch ein dreiviertel Jahr jünger.

Der genaue Kaufpreis ist beim Transfer von Tousart zu Hertha BSC nicht bekannt. Er soll aber um die 25 Millionen Euro betragen. Dass ein junger Spieler mit viel Potenzial über Marktwert verkauft wird, ist leider insbesondere im Wintertransfermarkt üblich. Als Hertha-Fan kann man sich darüber ärgern, als Lyon-Fan darüber freuen. Doch unverhältnismäßig hoch ist die Summe nicht, man kann sie mit einem Wort beschreiben: Marktüblich.

Jean-Michel Aulas, der Präsident von „OL“, ist dafür bekannt, seine jungen Spieler für sehr hohe Ablösesummen zu verkaufen. Er hat einen Ruf, besonders hartnäckig in Transferverhandlungen zu sein. Im letzten Sommer beispielsweise wechselte Tanguy Ndombélé von „OL“ zu Tottenham Hotspurs. Die Ablösesumme ging sogar bis etwa 60 Millionen Euro.

„Warum erst im Sommer? Hertha braucht ihn jetzt!“

Viele waren darüber überrascht, dass Lucas Tousart zwar bereits bei Hertha BSC unter Vertrag steht, allerdings erst im Sommer in der Hauptstadt zur Verfügung stehen wird. Für den Rest der Saison wird er weiter in Lyon als Leihspieler spielen. Dies hat zwei Gründe:

Der erste Grund ist, dass wie bereits angesprochen Jean-Michel Aulas gut verhandeln kann und Lyon Lucas Tousart für den Rest der Saison noch braucht. Seine Konkurrenz konnte bisher nicht überzeugen und auch der junge Maxence Caqueret weist mit seinen 19 Jahren noch nicht die gleiche Sicherheit auf. „OL“ wollte sich also nicht schon im Winter von Tousart trennen. Es ist also davon auszugehen, dass Hertha Tousart gar nicht erst bekommen hätte, hätte man der anschließenden Leihe für die Rückrunde nicht zugestimmt. Ein saurer Apfel, in den Preetz und co. wohl beißen mussten.

Doch auch für Hertha ergibt der Deal Sinn. Aktuell ist der Kader der Berliner sehr groß und die Unzufriedenheit mancher Spieler kommt immer mehr zum Vorschein. In dieser komplizierten Lage noch einen weiteren Spieler mit Stammelfansprüchen zu holen, würde noch mehr Unruhe schaffen. Im Sommer werden allerdings einige Spieler gehen, allen voran Marko Grujic, dessen Leihe bei Hertha BSC endet. Auch Per Skjelbred wird wohl den Haupstadtclub verlassen, sodass gleich zwei zentrale Mittelfeldspieler weniger im Kader stünden. Manager Michael Preetz sagte zum Deal: „Diese Verpflichtung ist ein Vorgriff auf den Sommer und ein Investment in die Zukunft von Hertha BSC“.

„Kommt Tousart als Ersatz für Arne Maier?“

Gerade als die Verpflichtung von Lucas Tousart offiziell wurde, äußerte sich Arne Maier in den Medien und forderte einen Wechsel. Ob es sich da tatsächlich um eine tiefe Unzufriedenheit handelt, eine Flucht vor Konkurrenzkampf oder um Gehaltsverhandlungen geht, ist den meisten Fans unklar.

Michael Preetz jedoch äußerte sich diese Woche deutlich dazu, dass die Verpflichtung von Lucas Tousart keineswegs regelmäßige Einsätze von Arne Maier gefährde. Im Gegenteil: der Franzose sei als Ersatz für den Abgang von Marko Grujic gedacht. Preetz bestätigte außerdem auch, dass Tousart und Maier unterschiedliche Spielertypen sind und nicht dieselbe Position auf dem Platz haben.

Tatsächlich hat Lucas Tousart eher eine defensive Rolle und Arne Maier eher eine strategische, offensivere Aufgabe. Der 22-Jährige Franzose kommt also gerade nicht als Ersatz für Arne Maier, sondern könnte ein gutes Pendant sein.

„Wie stark ist er überhaupt? Warum will ihn Hertha unbedingt?“

Unser Lyon-Experte Idès sagt zu den Stärken von Tousart: „Er ist ein körperlich starker Spieler, gut in den Zweikämpfen und mit einer guten Mentalität. (…) In den schwierigen Spielen, besonders auswärts, sind seine Power und seine Durchsetzungskraft unheimlich wertvoll.“

Herthas Neuzugang glänz mit Zweikampfstärke und Robustheit. (Foto: Carlos Costa/AFP/Getty Images)

Auf seiner Position im defensiven Mittelfeld bringt Tousart also genau das mit, was überaus wichtig ist. Robustheit, Handlungsschnelligkeit und Spielintelligenz zeichnen ihn aus. Er ist ein Spieler, der eine Sache wie kaum einer in Lyon beherrscht: das Kämpfen. Auch wenn es nicht seine primäre Stärke ist, weiß er auch wo das Tor steht, trifft gerne auch aus der Distanz oder gibt Vorlagen. Sogar im Camp Nou gegen den FC Barcelona gelang ihm ein Treffer.

Dazu kommt seine Erfahrung. Wie bereits festgestellt, bringt der Franzose trotz seines jungen Alters große Routine mit. Durch diese vielen absolvierten Spiele wird er im Mittelfeld von Hertha BSC in einer jungen Mannschaft die nötige Ruhe und Gelassenheit einbringen. Auch seine Erfahrung in der Junioren-Nationalmannschaft könnte sehr wertvoll werden. Das langjährige Tragen der Kapitänsbinde zeigt, dass Verantwortung übernehmen kann und ein wahrer Charakter-Spieler ist. Bei den Blau-Weißen gibt es nicht allzu viele Führungsspieler und mit Skjelbred und Ibisevic könnten weiterer dieser Sorte im Sommer gehen. Tousart könnte diese Lücke füllen.

Für Idèr glänzt der U19-Europameister vor allem dann, wenn er gefordert wird: „Ich denke vor allem, dass er ein guter Spieler ist wenn er in einer Konkurrenzsituation gestellt wird. Sobald er in seiner Komfortzone ist, wie seit etwa zwei Jahren in Lyon, steigert er sich weniger.“ Komfortzonen gibt es in neuen Klubs nicht, egal wie teuer die Ablöse war. Tousart wird sich zwischen starken zentralen Mittelfeldspielern wiederfinden und sich seinen Platz erkämpfen müssen. Die Ausgangslage erscheint also perfekt, damit sich der Franzose auch spielerisch weiterentwickelt.

Was für den 22-Jährigen auch spricht, ist, dass er bisher jeden seiner Trainer überzeugen konnte. In den letzten Jahren musste er unter drei verschiedenen Trainern agieren, dazu die Übungsleiter in den Jugend-Nationalmannschaften und bekam immer seine Einsätze. Es ist eine Sache, wenn Fans und Beobachter von außerhalb über Spieler urteilen, eine ganz Andere wenn es seine Trainer sind, die deutlich näher dran stehen und die Qualitäten am besten beurteilen können.

Insgesamt können sich Hertha-Fans über einen kampfstarken und durchsetzungsfähigen Spieler freuen, der gerade im Konkurrenzkampf aufblüht, sich nicht aufgibt und mit seinen 22 Jahren noch viel Entwicklungspotenzial hat.

Wo wird er im Spielsystem von Hertha BSC spielen?

Foto: Loic Venance/AFP/Getty Images

Mit seinen angesprochenen Schwächen und Qualitäten wird er vor allem eine Option im defensiveren Mittelfeld sein, bestenfalls als Sechser, notfalls auch als Achter. Der Franzose kann im System mit zwei Sechsern spielen, oder die Rolle als alleiniger defensiven Mittelfeldspieler übernehmen. Hertha spielte zuletzt immer wieder mit drei zentralen Spielern im Mittelfeld. Zwei mit einer eher defensiveren Rolle, einer eher offensiv. Genau dieses System kennt der U19-Europameister auswendig und würde sich da perfekt einordnen können. Als Schalter zwischen den sehr defensiven Santiago Ascacibar und einen offensiveren Arne Maier oder Vladimir Darida wäre er ähnlich wie Grujic sehr wertvoll.

Idèr sagt zum Mittelfeldmann weiter: „Er ist keineswegs ein schlechter Spieler, aber er würde sich sicherlich wohler und wichtiger in einer weniger dominanten Mannschaft fühlen. In der Liga muss „OL“ gegen 90 Prozent der Mannschaften das Spiel machen. Das ist nicht seine Stärke. Seine Power und seine Zweikampfstärke würden ihn aber in einer weniger spielerischen Mannschaft zum sehr guten Spieler machen.”

So sehr sich Hertha BSC ein attraktives Offensivspiel wünscht: um die spielerische Entwicklung voranzutreiben, braucht es die nötige Stabilität. Ansonsten ist die Gefahr groß, komplett zusammenzufallen, wie zu Beginn der Saison unter Ante Covic. Ohne das Fundament lässt sich kein Haus bauen. Genau dafür wird Lucas Tousart unglaublich wertvoll werden. Und auch darauf können sich die Hertha-Fans im Sommer bereits freuen.

Leihgabe Wolf: eine gesunde Portion Wucht

Leihgabe Wolf: eine gesunde Portion Wucht

In den vergangenen Jahren war es bei Hertha BSC am “Deadline Day”, also dem letzten Tag des Sommer-Transferfensters, stets ruhig geblieben. Während der Rest Europas und der Bundesliga noch hektisch überprüfte, ob denn das Stromkabel des Fax-Gerätes auch wirklich eingesteckt ist, damit nichts mehr schiefgehen kann, war es an der Hanns-Braun-Straße ein Tag wie jeder andere.

In diesem Jahr hat aber auch die “Alte Dame” die Möglichkeit gesehen und genutzt, ihren Kader noch zu verstärken. Mit Marius Wolf haben die Berliner einen flexiblen Flügelspieler von Borussia Dortmund an die Spree gelockt. Der 24-Jährige wird ein Jahr auf Leihbasis in blau-weiß spielen, anschließend besitzt Hertha eine Kaufoption, die laut Bild bei 20 Millionen Euro liegen soll. Die Leihgebühr soll zwei Millionen Euro betragen, hinzu kommt das Übernehmen von Wolfs Gehalt, welches laut Bild bei 4,5 Millionen, doch laut kicker bei 2,5 Millionen Euro liegen soll. Kein billiger Deal also, doch das der finanziell nicht allzu schlecht aufgestellte BVB einen Spieler am letzten Tag der Transferperiode nicht verschenkt, ist auch zu erwarten.

Es stellen sich nun die Fragen zu der Qualität und den Einsatzmöglichkeiten Wolfs, wie auch, ob er potenziell 20 Millionen Euro wert sein könnte. Um diese Dinge herauszufinden, haben wir mit BeobachterInnen seiner Ex-Vereine, Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund, geredet.

Nachholbedarf auf rechts

“Wir haben immer betont, dass wir den Markt beobachten und noch aktiv werden, sollte sich eine gute und sinnvolle Option ergeben. Mit Marius Wolf bekommen wir einen Spieler, der mit seiner nachgewiesenen Dynamik, Flexibilität und Mentalität unsere Möglichkeiten noch erhöhen wird”, kommentierte Manager Michael Preetz den Transfer Wolfs. Medial wurde in den vergangenen Wochen immer wieder davon berichtet, dass sich Hertha nach Möglichkeit noch auf der rechten Außenbahn verstärken wollen würde.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Der Verlust von Valentino Lazaro wiegt schwer und wurde bislang nur offensiv durch die Verpflichtung von Dodi Lukebakio kompensiert. Defensiv haben Michael Preetz und Trainer Ante Covic dem letztjährigen Lazaro-Backup Lukas Klünter das Vertrauen geschenkt, doch sowohl für den 23-Jährigen als auch Lukebakio fehlte es noch an Alternativen bzw. einem gesunden Konkurrenzkampf. Rechts offensiv ist der Hauptstadtverein mit Mathew Leckie, der auch als Verteidiger aushelfen sollte, und Alexander Esswein als Reserve zu dünn besetzt gewesen. Palko Dardai und Maurice Covic scheinen fürs erste auch keine ernstzunehmenden Alternativen zu sein. Der verletzungsanfällige und in die Jahre gekommene Peter Pekarik stellt ebenfalls keine allzu große Konkurrenz für Klünter dar.

Es herrschte somit noch Bedarf, der nun mit Wolf gedeckt wurde. Für den beim 1. FC Nürnberg und 1860 München ausgebildeten Flügelspieler spricht u.a. seine große Polyvalenz. In seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund wurde Wolf als Rechtsverteidiger, Rechtsaußen und Schienenspieler einer Dreier/Fünferkette eingesetzt. “Ich würde ihm taktisch auf jeden Fall Freiheiten nach vorne lassen. Gerne auch mit einem Rechtsverteidiger im Rücken, sprich Viererkette und ihn dann als Rechtsaußen davor einsetzen. Er kann gute Impulse setzen und ist mir persönlich eher als Offensivkraft im Kopf geblieben (was ja auch seine Hauptposition ist), als als defensiver Fixpunkt. Praktisch ist aber natürlich, dass er auch als Verteidiger eingesetzt werden kann, da es auch taktisch gewisse Freiheiten lässt”, erklärte uns Frankfurt-Bloggerin Patricia. 2017 wechselte der gebürtige Coburger ebenfalls leihweise von Hannover 96 zu den Hessen, ehe die Eintracht ihn 2018 für die irrwitzige Summe von 500.000 Euro fest verpflichtete. In 38 Partien für die SGE gelangen Wolf sechs Tore und elf Vorlagen.

Athletisch, aber technisch limitiert

Nur wenige Tage nach dem festen Wechsel zur Eintracht zog es Wolf sofort weiter zu Borussia Dortmund – Ablösesumme: fünf Millionen Euro. Dort wurde der 1,87m große Außenbahnspieler jedoch nicht glücklich – nur 23 Einsätze, 15 von Anfang verbuchte der Franke. “Ich denke, dass man einfach eine günstige Gelegenheit sah, einen deutschen Kaderspieler zu holen, dessen Talent man vielleicht etwas falsch (zu hoch) eingeschätzt hat. Schließlich war er in der Anschaffung sehr günstig. Man musste früh einsehen, dass er als Winger nicht geeignet ist, weil die technischen Fähigkeiten zu sehr fehlen, um bei einem Team wie Dortmund zu spielen. Als sehr athletischer Flügelverteidiger hätte er sicher Platz gefunden, wenn man da nicht mit Piszczek, Hakimi und Morey sehr gut besetzt wäre”, resümierte Journalist und Dortmund-Experte Lars Pollmann die Zeit von Wolf beim BVB. “Seine Schwächen sind ganz klar die technischen Fähigkeiten in allen Bereichen: Ballan- und -mitnahme, Pass-Repertoire. Ich weiß auch nicht, ob er sonderlich spielintelligent ist. Wenn er bei Hertha einen recht simplen Auftrag bekommt, über die rechte Seite Alarm zu machen, wird er das sicher gut hinbekommen”, erklärte uns Pollmann.

Foto: Joe Robbins/Getty Images

“Er ist ein sehr agiler, schneller Spieler, der perfekt für die Außenbahn ist. Bringt Frische ins Spiel und war bei uns vor allem offensiv wichtig. Er dribbelt sich da gerne seinen Weg durch. Sein Kumpel Prince (Boateng) erzählte auch, dass er sich vor Spielen gerne Videos von seinem Idol Cristiano Ronaldo anschaut. Ich finde, das merkt man seinem Spielstil an, wenn auch selbstverständlich auf deutlich niedrigerem Niveau”, bescheinigt ihm auch Patricia athletische Stärken, jedoch auch eine nicht allzu ausgeprägte Technik, “Aber dass er sich in Sachen Dribblings und Zug nach vorne gerne was von ihm abschaut, merkt man. Dass das dann nicht immer so gut klappt, da er technisch auch limitiert ist, ist die Kehrseite. Trotzdem ist er immer wieder für die ein oder andere Torvorlage gut.” Für sie stehen die Schnelligkeit, Beweglichkeit und der Zug zum Tor bei Wolf im Vordergrund. “Als Schwäche sehe ich seinen Körper, denn er ist nicht so robust und keiner, an dem die Gegenspieler jetzt unbedingt abprallen. Wolf ist groß, aber eben auch relativ schmal gebaut. Zudem leider auch anfällig für muskuläre Probleme.”

Der benötigte “Drecksack”?

“Die Kombination aus seinen sportlichen Fähigkeiten und seiner hervorragenden Mentalität macht ihn zu einem perfekten Spieler für Borussia Dortmund“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc bei Wolfs Vorstellung vor etwas mehr als einem Jahr. Immer wird von mehreren Stellen betont, welch zielstrebiger und kampflustiger Spieler Wolf sei. “Ich bin ein hungriger Spieler, der sich immer voll in den Dienst der Mannschaft stellt und in jeder Situation 100 Prozent gibt”, stimmte Wolf in seine Charakterisierung mit ein.

Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

So sehen auch nicht alle Seiten den Abgang des 24-Jährigen aus Dortmunder Sicht für positiv an, da mit diesem ein dringend benötigter Kämpfer den Verein verlassen würde. So heißt es in einem Artikel von 90.min.de: “Wenn du nur Starköche in der Küche rumstehen hast, aber keinen, der die Kartoffeln schält oder das Huhn rupft, kann aus dem geplanten Sterne-Menü nichts werden – Wolf wäre eben einer aus der Kartoffelschäler-Kategorie. Da müssen sich auch die Bosse um Watzke, Zorc und Co. hinterfragen.” Auch Frankfurt-Experte Christopher Michel attestiert Wolf “Mentalität und Fleiß”.

Hertha scheint also einen eher geradlinigen Spieler zu bekommen, der sich durch seine Athletik, Vielseitigkeit und Mentalität auszeichnet, jedoch technische Mängel aufweist – also ein ähnliches Profil wie Lukas Klünter hat, jedoch offensiver und spielerisch etwas stärker. Taktisch schafft Wolf durch die vielen Positionen, die er bekleiden kann, neue Möglichkeiten für Trainer Ante Covic, der nun beispielsweise Dodi Lukebakio auf die linke Außenbahn oder ins Sturmzentrum stellen kann. Auch eine Dreierkette mit Klünter, der diese Rolle in München bravourös ausfüllte, in der Innenverteidigung ist nun eine Option, da Neuzugang Wolf als rechter Außenspieler fungieren könnte.

Es ist aber vor allem die Art Wolfs, die Hertha gut tun könnte. Zwar bekommt der Hauptstadtverein keinen so technisch beschlagenen Spieler wie es Lazaro ist, jedoch einen mit echtem Kämpferherz. Wolf zerreißt sich auf dem Feld, gibt sich nicht zufrieden und will auch mal mit dem Kopf durch die Wand, ähnlich wie ein Davie Selke. Diese Mentalität hat in den vergangenen zwei Liga-Partien bei Hertha gefehlt, als sich die Mannschaft nach Rückständen aufzugeben schien und nicht mehr den unbedingten Willen zeigte, den Spielverlauf zu ihren Gunsten zu drehen. “Den kriegst du nicht tot”, sagte Frankfurts Vorstandschef Fredi Bobic einst über Wolf, der für seine Attribute als ständiger Antreiber und großer Teamplayer geschätzt wird. Einen gesenkten Kopf wird man bei der neuen Nummer 30 nicht so schnell erleben. “Ich denke, er kommt überall dort gut zurecht, wo er seine “Buddies” hat. Bei uns war das z.B. vor allem Kevin Prince Boateng. Die beiden haben sich hervorragend verstanden”, beschreibt Patricia die damalige Integration Wolfs in Frankfurt, “Er hängt sich gern an die “coolen Kids”. Alles in allem hat er sich aber schnell gut eingefunden, Kontakte geknüpft und als Teamplayer auch mit allen anderen an einem Strang gezogen.” Bereits in seinem ersten Interview für Hertha ließ der DFB-Pokalsieger von 2018 seine Einstellung durchklingen: “Ich möchte der Mannschaft so schnell wie möglich helfen – auf welcher Position, entscheidet der Trainer. Nach Mainz werden wir fahren, um dort zu kämpfen und unser Ding durchzuziehen. Unabhängig von der Tabellensituation: Als Fußballer willst du ohnehin jedes Spiel gewinnen!”

Wie bei jedem Transfer muss auch bei Wolf abgewartet werden, wie schnell er sich integrieren kann, doch aufgrund seiner starken Vorbereitung beim BVB, seiner Vertrautheit mit der Bundesliga und bereits bekannten Gesichtern wie Kumpel Pascal Köpke und Niklas Stark sollte die Eingewöhnung recht fix gehen. Aufgrund seiner Athletik und Mentalität könnte der Flügelspieler ein wichtiges Puzzleteil für die laufende Spielzeit sein. Kein Schönspieler, aber jemand mit einer gesunden Portion Wucht, um das eigene Spiel durchzudrücken. “Hertha bekommt einen deutschen potenziellen Stammspieler, der ja bei Eintracht gezeigt hat, dass er bei einer Mannschaft, die aus dem Mittelfeld den Schritt nach vorn machen will, funktionieren kann. Dortmund spart sich eine Menge Gehalt und erzielt womöglich ein saftiges Transferplus 2020”, skizziert Pollmann einen möglichen positiven Verlauf dieses Leihgeschäfts.