Am kommenden Samstag steht in Köpenick das neunte Pflichtspiel-Derby zwischen Union und Hertha an. Doch Berliner Derbys haben eine viel längere Geschichte: Insbesondere in den 80er- und 90er-Jahren gab es in beiden Stadtteilen spannende Duelle. Wir haben uns ein paar Highlights aus den vergangenen 43 Jahren herausgesucht.
22. Mai 1968, Union Berlin vs. Vorwärts Berlin (2:1)
Den 1. FC Union gibt es in seiner jetzigen Form erst seit 1966. Zuvor hatte es in Oberschöneweide mehrere Fusionen, Zusammenschlüsse aber auch Trennungen von Vereinen gegeben, die heute als Vorgänger-Klubs von Union gelten. Leicht hatte es der Verein in der DDR nicht, denn das Regime unterstützte mit aller Kraft Vorwärts Berlin. Die meisten begabten Spieler endeten in der Kaderschmiede von Vorwärts. Ohnehin mischte sich der Staat regelmäßig in den Profifußball ein – so wurden die protegierten Klubs einige Male einfach in eine andere Stadt verlegt. Vorwärts startete beispielsweise in Leipzig, wurde dann nach Berlin verlegt und später nach Frankfurt (Oder). Der heutige BFC Dynamo geht aus einem Ableger von Dynamo Dresden hervor.
Union hingegen galt in der DDR von vorn herein als Verein des Volkes, als Anti-Establishment. Allerdings etablierten sich die Köpenicker schnell in der DDR-Oberliga und nur zwei Jahre nach der Klubgründung kam es zu einem der größten Erfolge der Vereinsgeschichte – dem Gewinn des DDR-Pokalwettbewerbs (FDGB-Pokal). Im Finale besiegte man den amtierenden DDR-Meister Carl-Zeiss-Jena. Zu einem Berlin-Derby kam es aber schon im Halbfinale, als Union gegen den Staatsklub Vorwärts im Halbfinale 2:1 gewann. Bis heute feiern die Köpenicker ihre Pokalhelden.
In den folgenden Jahrzehnten kam es in der DDR-Oberliga zu zahlreichen Derbys zwischen Union, dem BFC Dynamo sowie Vorwärts. Die meisten der Spiele wurden jedoch von Dynamo dominiert. Insbesondere in den 1970er und 1980er-Jahren profitierte Dynamo von der Unterstützung des Regimes und wurde quasi zum Serien-Meister der DDR. Union gelang es dagegen nie, die DDR-Oberliga zu gewinnen.
16. November 1974, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (0:3)
Auf westberliner Seite wurde Hertha in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg zur stärksten Berliner Mannschaft. In 1970er-Jahren kam es dann allerdings zum einzigen Berliner Derby auf Bundesliga-Ebene bis zum Unioner Aufstieg vor ein paar Jahren. In der Saison 1973/1974 hatte Tennis Borussia damals noch über die zweitklassige Regionalliga den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams sollte zum Spektakel werden: Eigentlich hätte TeBe ein Heimspiel gehabt, doch das Interesse in der Bevölkerung an dem Match war riesig – und so wurde die Partie ins Olympiastadion verlegt und fand vor 75.000 Zuschauern statt.
Gegen die in der Saison 1974/1975 extrem stark aufspielende Hertha hatte der Aufsteiger jedoch keine Chance – Hertha gewann 3:0, „Ete“ (Erich) Beer erzielte zwei der Treffer. Hertha hatte damals einen schlagkräftigen Kader zusammen: Neben Beer gehörten dem Team auch Spieler wie Wolfgang Sidka oder Uwe Kliemann an. Die Mannschaft wurde in dieser Saison sogar Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach. TeBe stieg als Vorletzter ab. Allerdings verbrachte die Mannschaft nur ein Jahr in der damals neu gegründeten 2. Bundesliga: Die Saison 1975/76 schloss TeBe als Tabellenführer ab, und so kam es 1976 und 1977 zu zwei weiteren Bundesliga-Derbys zwischen Hertha und Tennis Borussia – eines davon (16. April 1977) konnte Tennis Borussia sogar für sich entscheiden. Aber auch nach dieser Saison reichte es für TeBe nicht für den Klassenerhalt.
18. Februar 1984, SC Charlottenburg vs. Hertha BSC (1:0)
Nach der Saison 1982/1983 stieg auch Hertha aus der Bundesliga ab. Die kommenden Zweitliga-Jahre wurden für Westberliner Fußball-Fans ein reines Derby-Festival. Denn nicht nur Hertha und Tennis Borussia trafen mehrfach aufeinander. Vielmehr sorgte in den 80er-Jahren auch Blau-Weiß 90 für Aufsehen. Und – wer hätte es gedacht? – auch der SC Charlottenburg verbrachte ein Jahr in der 2. Bundesliga.
Gegen die frisch abgestiegenen Herthaner kam es im August 1983 zum ersten Derby der beiden Charlottenburger Teams, das 1:1 unentschieden endete. Im ausverkauften Mommsenstadion gab es in der Rückrunde dann die riesige Überraschung: Der SCC besiegte Hertha mit 1:0. Übrigens: Im Tor des SCC stand damals ein gewisser Andreas Köpke, der nach dem direkten Abstieg der Charlottenburger zu Hertha wechselte.
16. März 1985, Blau-Weiß 90 vs. Hertha BSC (0:2)
In der Saison 1984/1985 deutete sich dann erstmals die zwischenzeitliche Wachablösung im westberliner Fußball an. Das Mariendorfer Team Blau-Weiß 90 war zuvor in die 2. Liga aufgestiegen. Hertha war im zweiten Zweitliga-Jahr immer noch eines der finanzstärksten Teams der Liga und hatte mit Spielern wie beispielsweise Andy Köpke und Horst Ehrmanntraut auch einen absolut bundesligatauglichen Kader zusammen. Doch die Charlottenburger setzten sich während der Saison im Tabellenmittelfeld fest.
In der Rückrunde kam es dann im schlecht besuchten Olympiastadion zu einem der letzten Siege der Herthaner dieser Saison, als Blau-Weiß mit 2:0 besiegt wurde. Für die Mariendorfer ging es anschließend bergauf, für Hertha bergab. Auf Platz 14 konnte man den Abstieg nur knapp vermeiden, Blau-Weiß wurde Siebter. In der darauffolgenden Saison sollte aber alles noch viel schlimmer kommen für Hertha.
8. Mai 1986, Blau-Weiß 90 vs. Tennis Borussia (1:2)
Drei Berliner Mannschaften in einer Profiliga – das hat es bislang nur in der Saison 1985/1986 gegeben. Tennis Borussia war zuvor gerade wieder aus der Regionalliga aufgestiegen, Hertha und Blau-Weiß 90 waren schon vorher in der 2. Liga. Blau-Weiß-90 war inzwischen aus der Mariendorfer „Rathausritze“ ins Olympiastadion gezogen, das man sich im 2-Wochen-Takt mit Hertha teilte. Tennis Borussia spielte im Mommsenstadion, wobei auch einige Derbys mit TeBe-Beteiligung ins Olympiastadion verlegt wurden.
Was sich in der Vorsaison bereits angedeutet hatte, wurde in dieser Saison bitte Wahrheit. Hertha spielte eine schlechte Runde, obwohl man kein einziges Derby verlor. Blau-Weiß hingegen wurde im Saisonverlauf immer stärker und hatte am letzten Spieltag gegen Tennis Borussia die Chance, den direkten Aufstieg in die Bundesliga zu sichern. Das Spiel gegen das schon abgestiegene Team von TeBe verlor man zwar 1:2 – weil aber Fortuna Köln gegen den Karslruher SC nicht über ein Unentschieden hinauskam, stieg Blau-Weiß 90 direkt auf. Hertha hingegen kämpfte mit Freiburg im Fernduell um den Klassenerhalt. Da das eigene Spiel in Aachen allerdings mit 0:2 verloren ging, brachten alle Rechenbeispiele nichts mehr – Hertha war fortan drittklassig.
Allerdings: Auch für Blau-Weiß 90 sollte das Abenteuer Bundesliga schnell wieder zu einem bitteren Ende kommen. Mit einer miserablen Punktebilanz von 18:50 wurde man Letzter. Für viele Jahre musste die Bundesliga in der Folge wieder ohne Berliner Teams auskommen. Hertha jedenfalls blieb zwei Saisons lang drittklassig. Erst im Juni 1988 folgte der Wiederaufstieg in Liga 2, wo es erneut zu einigen Duellen mit Blau-Weiß 90 kam. Das folgende Youtube-Video gibt die Fußball-Stimmung im damaligen Westberlin ganz gut wieder:
27. Januar 1990, Hertha BSC vs. Union Berlin (2:1)
Eigentlich haben wir uns hier bislang nur Pflichtspielen gewidmet. Es gibt allerdings ein Derby, das sowohl aufgrund seiner Geschichtsträchtigkeit als auch wegen der aktuellen Rivalität zwischen Hertha und Union erwähnt werden muss. Ende Januar 1990, nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, trafen sich Hertha und Union zu einem symbolischen Freundschaftsspiel im Olympiastadion vor rund 52.000 Zuschauern. Schon in den letzten Jahren vor der Wende hatte sich zwischen Hertha und Union über die Grenze hinweg eine tiefe Fan-Freundschaft entwickelt. Das Unioner Fanlager leibäugelte wohl nicht zuletzt wegen seiner Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime mit dem West-Klub. Als Hertha Ende der 1970er-Jahre Europapokal-Spiele in Osteuropa bestritt, reisten teilweise sogar Unioner an, um die Blau-Weißen zu unterstützen.
Das Spiel am 27. Januar geriet somit zur Nebensache. Fans beider Lager lagen sich in den Armen und feierten die Zusammenführung Berlins.
8. Juni 1991, Union Berlin vs. FC Berlin (1:0)
Union hatte es schwer in den Jahren vor und nach der Wende. Aus der aufgelösten DDR-Oberliga gingen nur zwei Teams in die Bundesliga, die meisten Ost-Teams aus der Oberliga und der DDR-Liga (2. Liga) mussten in einer Qualifikationsrunde um insgesamt sechs Plätze in der 2. Bundesliga kämpfen. Union belegte in der letzten DDR-Liga-Saison den ersten Platz und sicherte sich somit die Beteiligung an der Relegation zur 2. Bundesliga. Im Juni 1991 folgten dann die Relegationsspiele, unter anderem trat Union gegen den FC Berlin an, die Nachfolger-Mannschaft des BFC Dynamo. Das erste Spiel gewann Union zwar knapp mit 1:0, im Rückspiel verloren die Köpenicker allerdings. Aufsteigen konnte keines der beiden Berliner Teams, vielmehr belegte Stahl Brandenburg Platz 1 der Relegationsgruppe.
Die restlichen 1990er-Jahre waren eine harte Zeit für den FCU – sportlich und auch wirtschaftlich. Mehrfach verpasste man den Aufstieg in die 2. Liga. Trotz einer drohenden Insolvenz konnte sich das Team aber stetig in der Regionalliga halten, wo es in den 1990er Jahren zu mehreren Berlin-Duellen mit dem BFC Dynamo kam, der dann auch wieder seinen alten Namen trug. Erst 2009 stiegen die Köpenicker dann in die 2. Liga auf.
28. Oktober 1998, Tennis Borussia vs. Hertha BSC (4:2)
In Westberlin deutete sich Ende der 1990er-Jahre für kurze Zeit nochmals eine neue, spannende Stadtrivalität auf Augenhöhe an. Tennis Borussia war in der Saison 1997/1998 mit Trainer Hermann („Tiger“) Gerland in die 2. Bundesliga aufgestiegen und spielte dort eine starke Saison. Im Oktober 1998 belegte TeBe zwischenzeitlich Platz 1 der 2. Liga – und genau zu dieser Zeit kam es im Achtelfinale des DFB-Pokals zum Berlin-Derby. Hertha war zu dieser Zeit ebenfalls gut unterwegs in der Bundesliga, am Ende der Saison belegte das Team von Jürgen Röber sogar Platz 3 und qualifizierte sich direkt für die Champions League.
Doch an jenem 28. Oktober 1998 war TeBe schlichtweg zu gut für Hertha. Gerlands Mannschaft (u.a. mit Spielern wie Ilja Aracic und Francisco Copado) führte schon zur Halbzeit 2:1 und brachte den Sieg vor einer begeisterten Kulisse im Olympiastadion und nach einem Feuerwerk zu Beginn des Spiels sicher über die Ziellinie. Hertha musste allerdings nur ein Jahr warten, um sich zu revanchieren: Auch in der darauffolgenden DFB-Pokalsaison traf man auf Tennis Borussia, dieses Match entschied Hertha jedoch nach einer Nachspielzeit 3:2 für sich.
17. September 2010, Union vs. Hertha BSC (1:1)
Weil Hertha nach einer dramatisch schlechten Saison 2009/2010 abstieg, kam es im Herbst 2010 zum ersten Pflichtspiel zwischen Hertha und Union. Nach einer frühen Führung durch ein Kopfballtor von Peter Niemeyer entwickelte sich ein offenes, rassiges Spiel. Kurz vor Schluss erzielte Union dann per Fernschuss doch noch das 1:1. Das Rückspiel ging im Olympiastadion sogar 1:2 verloren. Bis heute kam es in Liga eins und zwei zu insgesamt sieben Derbys zwischen den Köpenickern und Hertha: drei Siege für Hertha, zwei für Union und zwei Unentschieden. Wie und woher sich die heute existierende tiefe Abneigung zwischen den beiden Fanlagern ergeben hat, kann wohl niemand vernünftig erklären.
Schon im ersten Spiel, im Herbst 2010, war von der tiefen Freundschaft, die noch während der Wende-Jahre existierte, keine Spur. Herthas Anhänger zündelten mit Feuerwerkskörpern und nach dem Rückspiel feierte sich Union als „Stadtmeister“, was angesichts der Tabellensituationen der beiden Klubs natürlich eine reine Provokation war. Denn: Hertha stieg direkt in die Bundesliga auf, die Köpenicker mussten noch einige Jahre in der 2. Liga verweilen, bis es dann am 2. November 2019 zum ersten erstklassigen Duell der beiden Vereine kam.
2. November 2019, Union vs. Hertha BSC (1:0)
Tabellenvierzehnter Hertha hatte nur einen Punkt mehr als Union und lag auf Platz elf. Die Stimmung in der Stadt vor diesem Derby war angespannter als bei den Zweitligaspielen. Erstmals hatten wir Herthaner das Gefühl, dass Union leistungsmäßig nicht mehr meilenweit von uns entfernt ist. Der über Jahrzehnte antrainierte Abstand zwischen Hertha und Union war auf einmal nicht mehr da – mit einem Sieg konnten die Köpenicker sogar an Hertha vorbeiziehen. Für miese Stimmung im Vorfeld der Saison hatte zudem auch Unions Präsident Dirk Zingler gesorgt. Nach Herthas Vorschlag, das Berlin-Derby am Tag der Einheit auszurichten, reagierte Zingler mit ablehnend aggressiven Worten – es gehe um „Klassenkampf“ und „Stadtrivalität“, deswegen wolle man das Derby nicht. Eine britische Internet-Dokumentation, die ein paar Monate nach diesem ersten Bundesligaspiel veröffentlicht wurde, beschreibt die Stimmung, die seit damals in der Stadt herrscht, sehr gut.
Das Spiel selbst ist schnell wiedergegeben. Beide Mannschaften leisteten sich ein sehr kampfbetontes, Highlight-armes Match, in dem die Köpenicker kurz vor Schluss einen schmeichelhaften Elfmeter zugesprochen bekamen. Sebastian Polter verwandelte den Strafstoß, Union zog an Hertha vorbei. Die oben beschriebene, explosive Stimmung zeigte sich dann aber auch während des Spiels im Stadion. Erst schossen aus dem Hertha-Block Pyro-Raketen in Richtung Unioner Auswechselbank und später stürmten zahlreiche vermummte Köpenicker den Platz. Das Spiel musste mehrfach unterbrochen werden. Ein sportlich dünnes Derby, das für mehr Skandale als schöne Momente sorgte, endete mit 1:0 für die “Eisernen”.
4. Dezember 2020, Hertha BSC vs. Union (3:1)
Nach dieser ersten Niederlage hat Hertha in der Bundesliga nicht mehr gegen Union verloren. Im Rückspiel der Saison 2019/2020 gewann Hertha fulminant durch ein 4:0. Im Dezember 2020 stand dann ein Derby an, das wegen der Coronavirus-Pandemie im Olympiastadion leider ohne Zuschauer stattfinden musste. Die Clubführung hatte es sich zum Ziel gesetzt, das Derby näher heranzurücken an die Fans und startete wenige Tage vor dem Spiel eine Berlin-weite PR-Kampagne. Über Nacht wurden an fast allen Hauptverkehrsstraßen in Berlin blau-weiße Fahnen am Straßenrand aufgestellt. Außerdem wurde ein neuer Hertha-Somg veröffentlicht („Wo die Fahnen blau-weiß wehen“).
Das Spiel hatte es in sich. Union ging recht früh in Führung. Nur wenige Minuten später flog allerdings Robert Andrich vom Platz, weil er Lucas Tousart per Karatekick attackierte. Widerlich ist übrigens, dass sich die Union-Fans für diesen Kick und die rote Karte im Anschluss des Spiels feierten. Schön wiederum ist, dass Hertha die Überzahl nutzte. Insbesondere Krzysztof Piatek trumpfte auf und verwandelte zwei Vorlagen, sodass Hertha das Spiel mit 3:1 gewann. Für ein besondere Highlight hatte aber schon zuvor Petr Pekarik gesorgt, der mit seinem 1:0 quasi das Bundesliga-Logo nachstellte.
Als kleine Unterhaltung während der Derbyvorbereitungen, wollen wir uns bei euch mal ordentlich vorstellen. Viele von Hertha BASE haben sich die Mühe gemacht und erzählen über sich, vergangene Momente mit Hertha BSC und wie sie zu Hertha BASE gekommen sind.
Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns über eure Kommentare.
Teilt den Podcast gerne mit euren Freund*innen, der Familie oder Bekannten. Wir freuen uns über alle Hörer*innen.
Knapp vier Jahre ist es her, dass Genki Haraguchi Hertha BSC den Rücken kehrte. Zunächst zog es ihn zu Fortuna Düsseldorf, dann zu Hannover 96. In diesem Sommer kehrte Haraguchi zurück in die Hauptstadt und hat das Blau-Weiße Trikot gegen ein Rot-Weißes eingetauscht. Beim 1. FC Union ist er inzwischen Stammspieler, auch weil er eine neue Qualität entdeckt hat.
Haraguchis durchwachsene Zeit bei Hertha
Dreieinhalb Jahre spielte Genki Haraguchi bei Hertha BSC und lieferte 16 Scorer in 106 Pflichtspielen. Bei der alten Dame wurde er zumeist als Links- oder Rechtsaußen eingesetzt. War Haraguchi in seiner zweiten Saison, der Spielzeit 2015/16, noch uneingeschränkter Stammspieler, wurden mit fehlenden Leistungen auch die Einsatzzeiten in der Saison 2016/17 kürzer. Nur drei Torbeteteiligungen gelangen ihm in dieser Spielzeit, alle in den Spielen gegen den späteren Absteiger FC Ingolstadt. Über die Jokerrolle kam er in der Folgesaison nicht mehr hinaus.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images for Deutsche Bahn)
Unter dem damaligen wie heutigen Coach Pal Dardai war Haraguchi nur noch sporadisch gefragt, weshalb er in der Winterpause der Saison 2017/18 eine Leihe nach Düsseldorf anstrebte. Weil sein Vertrag im Sommer auslief, aber er die Spielpraxis für die anstehende WM benötigte, verlängerte Haraguchi seinen Vertrag in Berlin, ehe er in Düsseldorf aufschlug. „Wir haben eine sehr gute Lösung gefunden. Genki bekommt bei einem Aufstiegsaspiranten Spielpraxis und wir haben durch die Vertragsverlängerung im Sommer nach der Weltmeisterschaft alle Optionen“, kommentierte Geschäftsführer Michael Preetz den Wechsel damals. Doch so weit sollte es nicht kommen.
Neue Kapitel in Düsseldorf und Hannover
Haraguchi, der bei Düsseldorf in zwölf von 13 möglichen Spielen in der Startelf stand und fünf Torbeteiligungen zum Aufstieg in die erste Liga beisteuerte, entschied sich noch vor der WM, die Hauptstadt endgültig zu verlassen. Statt sich in ein mögliches Schaufenster zu stellen, unterschrieb Haraguchi bei Hannover 96. „Es ist bemerkenswert, dass sich Genki schon vor der WM für uns entschieden hat. Das ist ein tolles Zeichen von ihm, sich bereits vor einem großen Turnier für Hannover 96 zu bekennen“, freute sich der damalige Manager Horst Heldt.
Seine Zeit in Hannover begann unglücklich. Zwar war er von Beginn an gesetzt, wie zu Hertha-Zeiten in der Regel auf dem Flügel, doch Hannover erlebte eine Saison zum Vergessen. Der folgerichtige Abstieg war für Haraguchi kein Grund die Zelte abzubrechen. Die zweite Liga kannte er bereits aus Düsseldorf. Und auch bei Hannover sollte er in der zweiten Liga glänzen. Dass er fortan überwiegend im Zentrum eingesetzt wurde, tat seinem Spiel gut. Elf Torbeteiligungen leistete er in seiner zweiten Spielzeit bei Hannover 96. In seiner dritten und letzten Saison wurde er zum Kopf der Mannschaft, stand in allen 34 Spielen in der Startelf und lieferte 16 Scorer.
(Photo by Cathrin Mueller/Getty Images)
Nur noch vereinzelt auf der Außenbahn spielend, empfahl sich Haraguchi, dessen Vertrag bei Hannover im Sommer auslief, wieder für die erste Liga. Er entschied sich zum zweiten Mal in seiner Karriere für Berlin und unterschrieb beim 1. FC Union, wo er schnell zum Stammspieler reifte. Den Segen von seinem alten Coach Dardai holte er sich dafür nicht extra: „Darüber habe ich auch nicht nachgedacht. Es wäre schwierig gewesen, wenn ich direkt zu Union gewechselt wäre. Aber ich war zwischenzeitlich in Hannover und Düsseldorf. Meiner Meinung nach ist es kein Problem“, so Haraguchi.
Haraguchi erfand sein Spiel neu
Es ist nicht allein die aus Hannover bekannte spielerische Klasse, wegen der sich Haraguchi schnell in der Stammelf der Köpenicker festsetzte, wenngleich sich herausragende Aktionen häufen. Etwa die technisch anspruchsvolle Vorarbeit für Stürmer Awoniyi zum 1:0 am 8. Spieltag gegen Wolfsburg. Viel mehr hat er es in kurzer Zeit geschafft, die Defensivstruktur Unions zu verstehen und mustergültig umzusetzen. Warf man Haraguchi in der niedersächsischen Landeshauptstadt hin und wieder fehlende Präsenz im Defensivverhalten bis hin zur Lustlosigkeit vor, zeichnet ihn die Arbeit gegen den Ball in dieser Saison mit aus.
Im Dreier-Mittelfeld an der Seite von Prömel und Khedira muss er viel Arbeit verrichten, die wenig spektakulär ist und auch nicht immer Spaß macht, aber die essenziell für das Union-Spiel ist. Das System basiert auf Stabilität. Die zentralen Mittelfeldspieler spulen ein hohes Laufpensum ab, um die Räume bei gegnerischen Angriffen immer eng zu halten. Besonders der Abgang von Robert Andrich drohte hier eine Lücke zu reiße. Die insgesamt zehn externen Neuzugänge Unions ließen einen spielerischen und taktischen Umbruch vermuten, den man nicht vollziehen musste, weil sich auch ein Haraguchi so gut und schnell anpassen und den Abgang Andrichs auffangen konnte.
“Ich bin kein Blauer mehr, jetzt bin ich ein Roter”
Dass er dabei schon auf vier Torvorlagen kommt, unterstreicht seine offensive Qualität. Sonderlob erhielt er nach dem letzten Heimspiel gegen Bayern München auch von Trainer Urs Fischer: „Nach ein bisschen Anfangsschwierigkeiten ist er jetzt richtig drin. Er hat eine Klarheit im Spiel, kann immer wieder Situationen kreieren, wo wir Linien überspielen.“
(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)
Mit inzwischen 30 Jahren und den letzten beiden Saisons im deutschen Unterhaus schien der Wechsel zum 1. FC Union wie eine letzte Chance, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Eine Chance, die er dem Eindruck der ersten elf Spiele nach genutzt hat. Haraguchi ist im zweiten Anlauf nicht nur angekommen, sondern auch von wichtiger Rolle in Berlin. Er wurde in dieser Saison zum ersten Spieler überhaupt, der für Hertha und Union im deutschen Oberhaus spielte. Nun steht Haraguchi vor seinem ersten Stadtderby.
Dass er für die alten Kollegen keine Geschenke zu verteilen hat, sondern inzwischen ein Eiserner ist, daran ließ Haraguchi schon vor der Saison keine Zweifel aufkommen: „Ich war Herthaner, aber jetzt bin ich Unioner. Ich bin kein Blauer mehr, jetzt bin ich ein Roter.“
Wenn Hertha am kommenden Wochenende in Köpenick aufläuft, wird natürlich nicht unser Stadionsong „Nur nach Hause“ von Frank Zander gespielt. Trotzdem bieten Derbys immer die Gelegenheit, sich mit den Identifikationsfaktoren seines Vereins auseinanderzusetzen. Ein solcher Faktor ist die Vereinshymne, die Tausende gemeinsam singen, wenn das Team den Platz betritt. In Herthas Fall hat diese Hymne eine durchaus interessante Historie vorzuweisen, in der der Klub selbst nicht immer die beste Rolle spielte.
Nur nach Hause – so simpel wie emotional
Fragt man Herthafans nach ihren emotionalsten Stadion-Momenten, geht es oft gar nicht um das Spiel selbst, sondern das Auflaufen der Mannschaften auf den Rasen des Olympiastadions. Denn in diesem Moment singt das Stadion traditionell gemeinsam „Nur nach Hause“ von Frank Zander. Objektiv betrachtet hat der Song wenig Originelles: Schließlich ist es eine Cover-Melodie, die sich Zander bei Rod Stewart („We are Sailing“) abgeschaut hat. Und auch der Textinhalt ist nicht allzu komplex. Aber das Lied berührt uns Herthaner. Es spricht auf sehr emotionaler Ebene das an, was uns Herthaner zusammenhält. Dass man auch nach Niederlagen und sportlichen Krisen doch wieder zusammenkommt und noch ein gemeinsames Bier trinkt, bevor man irgendwann nach Hause geht.
(Photo by Thomas Eisenhuth/Getty Images)
Aber wie lange singen die Herthafans dieses Lied eigentlich schon? Wie ist es entstanden? Und welche Fan-relevanten Lieder gab es vorher und währenddessen? Klar ist, dass Herthas Hymnen-Historie vor „Nur nach Hause“ recht schnell erzählt ist. Denn: Nach 1961 gab es schlichtweg nur einen einzigen Song, der vor Hertha-Spielen im Olympiastadion ertönte, und zwar „Blau-weiße Hertha“ von den „Drei Travellers“.
Die „Travellers“ waren ein Berliner Trio, das in den Nachkriegsjahren entstand und sich bis tief in die 1970er-Jahre hinein als deutschlandweit bekannte Gesangs- und Kabarettgruppe einen Namen machte – insbesondere in den 1950er-Jahren fielen die drei Berliner durch zeitkritische, pazifistische Texte auf, weil sie sich beispielsweise in ihren Liedern gegen die Remilitarisierung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg aussprachen. Warum sich das Trio 1961 dann daran machte einen Song für Hertha zu komponieren, ist nicht bekannt. Aus Geschichtsbüchern geht aber hervor, dass dem Verein das Lied so gut gefiel, dass man „Blau-weiße Hertha“ noch im selben Jahr zur offiziellen Vereinshymne machte. Und obwohl in dem Lied noch von der Weddinger „Plumpe“, dem alten Hertha-Stadion gesungen wird, wird es heute noch im Olympiastadion gespielt.
„Eine Hymne entsteht, so etwas kann man nicht vorhersehen“
Doch dann kam das Jahr 1993 und der unglaubliche Auftritt der „Hertha-Bubis“ im DFB-Pokal. Während Herthas Profimannschaft im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Bayer Leverkusen ausschied, setzten sich die Amateure Runde für Runde durch, unter anderem gegen Bundesligisten wie den 1. FC Nürnberg, um dann im Halbfinale im Heimspiel gegen den Chemnitzer FC antreten zu müssen.
Vor diesem Spiel kontaktiere die damalige Klubführung den gebürtigen West-Berliner Frank Zander und bat ihn, vor dem Spiel vor der Ostkurve ein paar Lieder anzustimmen. Zander ist bekennender Herthafan und war Anfang der 1990er-Jahre durch seinen Song „Hier kommt Kurt“ bekanntgeworden. In Interviews beschreibt Zander, dass er „Nur nach Hause“ schon einige Jahre zuvor coverte und auch einen neuen Text für das Lied schrieb – allerdings noch ohne Hertha-Bezug.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images For European Athletics)
Erst in der Nacht vor dem Halbfinale texte er den Song dann nochmals um und dichtete die Zeilen, die wir alle bis heute im Stadion singen. Und Zander traf damit sofort die blau-weiße Seele: Noch während der Erstaufführung des Songs im Stadion streckten die Fans ihre Schals in die Höhe und sangen den Refrain mit.
„Eine Hymne entsteht, so etwas kann man nicht vorhersehen“, sagte Zander vor einigen Jahren in einem „Welt“-Interview. In diesem Moment im März 1993 ist im Berliner Olympiastadion genau das passiert. Der Rest ist Geschichte: Der Song wurde professionell aufgenommen und wird seitdem beim Einlaufen der Teams gesungen.
Eine andere Hymne Seeed eben nicht
Dass „Nur nach Hause“ auch heute noch der Fansong Nummer eins ist, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Denn komischerweise war es schon zweimal die Klubführung selbst, die den Song verbannen bzw. an den Rand stellen wollte. 2006 war es Herthas damaliger Manager Dieter Hoeneß, der in Interviews mit der Idee kokettierte, der Berliner Szene-Band Seeed den Auftrag zu erteilen, eine neue Fanhymne zu schreiben.
Schon damals beschwerte sich die Fanszene massiv – auch Zander zeigte sich enttäuscht, und so wurde der Plan wieder eingestellt. 2018 folgte dann ein erneuter Anlauf des Vereins, den Zander-Song zu entwerten. Herthas Marketing-Experte Paul Keuter kokettierte nicht nur mit einer Hymne von Seeed, sondern schaffte gleich Fakten. Vor dem ersten Heimspiel der Saison 2018/2019 teilte Hertha via Mail seinen Mitgliedern mit, dass man „Nur nach Hause“ ins Vorporgramm der Spiele lege, um „Dickes B“ während des Einlaufens zu spielen. In der Fanszene resultierte das in purer Entrüstung. Schon vor dem Spiel hissten die Ostkurven-Fans ein Banner mit der Aufschrift: „Nur nach Hause – Jetzt!“. Hertha musste reagieren und stellte das Programm wieder um – seitdem gab es keine Änderungen mehr.
“Hey, was geht ab?! Wir feiern die Meisterschaft!”
Nur ein einziges Mal in den vergangenen knapp 30 Jahren hätte es ein Lied fast geschafft, diesen von Frank Zander beschriebenen, magischen Moment zu knacken, um zur neuen Fanhymne zu werden. Frühjahr 2009: Hertha stand unter Lucien Favre etwa zehn Spieltage vor Saisonschluss auf Platz eins der Tabelle und hatte wirklich gute Aussichten auf die Meisterschaft.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Die Berliner Band „Die Atzen“ hatten kurz zuvor den Partyhit „Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht“ herausgebracht. Die Ostkurve dichtete den Song um und sang Spiel für Spiel „Hey, das geht ab! Wir holen die Meisterschaft!“. Die Situation eskalierte im April 2019, als die Atzen dann selbst IN die Ostkurve kamen, sich das Mikro schnappten und das Lied gemeinsam mit den Fans sangen. Pure Ekstase.
Leider nur war es dann die Mannschaft, die verhinderte, dass sich der Song etablierte. Denn wie wir alle wissen, verlor Hertha dien letzten Saisonspiele, rutschte Platz für Platz ab und verpasste am letzten Spieltag bei bereits abgestiegenen Karlsruhern sogar den Champions-League-Einzug. In der folgenden Saison spielte das Team dann ab Spieltag eins gegen den Abstieg – der auf die Meisterschaft bezogene Songtext ergab vor diesem Hintergrund keinen Sinn mehr. Nur in der Rückrunde der ersten Abstiegssaison gab es noch Versuche, den Song als “Hey, das(was) gebt ab, die Hertha steigt niemals ab!” weiterzutragen. Sollte Hertha doch nochmal in diese Tabellenregionen vorstoßen, kann es aber gut sein, dass genau dieses Lied ein Revival erfährt.
Wir besprechen das Unentschieden gegen Leverkusen. Aber eigentlich ist es eine Hertha News Folge. Es gab sehr viele Themen, die wir für euch in dieser Woche aufarbeiten.
Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns über eure Kommentare.
Teilt den Podcast gerne mit euren Freund*innen, der Familie oder Bekannten. Wir freuen uns über alle Hörer*innen.
Hertha BSC lieferte Bayer Leverkusen über 90 Minuten auf einem abgenutzten Rasen einen guten Kampf und war über weite Phasen auch die bessere Mannschaft. Man ging in Führung, verpasste es dann aber nachzulegen. So erzielte Leverkusen in der 90. Spielminute per Standardsituation noch den bitteren Ausgleich.
Wir blicken auf die individuellen Leistungen einiger Herthaner bei der ersten Punkteteilung der Saison.
Stefan Jovetic – Stürmerproblem gelöst?
Davie Selke war bisher zwar sehr engagiert, aber sonst eher erfolglos. Ähnliches gilt für Krzysztof Piatek, der in einigen Spielen kaum zu sehen war, und Ishak Belfodil. Bleibt noch Stefan Jovetic, der sich nun gegen Leverkusen beweisen durfte und sich als Spielertyp von seinen Konkurrenten unterscheidet.
Die Ausgangssituation für die Stürmer bei Hertha im aktuellen Spielsystem ist nicht gerade einfach. Häufig besteht aufgrund der defensiven Positionierung eine große Entfernung zum gegnerischen Tor, es wird viel Wert auf die Arbeit gegen den Ball gelegt und insgesamt bekommen die Stürmer nur wenige Ballkontakte in Strafraumnähe (ligaweit die wenigsten).
Stefan Jovetic konnte trotz dieser schwierigen Ausgangslage mit einer guten Leistung überzeugen. Gleich die erste Torannäherung in der siebten Minute initiierte er mit einem Weitschuss. In der sonst recht chancenarmen ersten Hälfte konnte er sich aber auch ohne direkte Torgefahr auszustrahlen, immer wieder am Spiel beteiligen. Häufig ließ er sich etwas fallen und bot eine weitere Anspielstation im Spielaufbau, nahm am Kombinationsspiel teil oder ermöglichte mit seiner guten Technik Steil-Klatsch-Kombinationen. Elemente, mit denen seine Konkurrenten im Sturm nicht unbedingt punkten können.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Den größten Eindruck konnte er aber mit seinem Tor hinterlassen. In der 42. Minuten verarbeitete er einen Ball an der Strafraumgrenze gut, schloss dann herausragend aus der Drehung ab und erzielte ein Traumtor. Der Ball schlug im Toreck ein und Pal Dardais Matchplan schien vorerst aufzugehen. Die Fans im Olympiastadion jubelten und man schoss, wie so häufig in dieser Saison, ein Tor nach einer tollen Einzelleistung.
Einziger Kritikpunkt ist die Entscheidungsfindung in einigen Umschaltmomenten. Teilweise entschied sich Jovetic gegen den Pass zum Mitspieler und versuchte sich lieber an einem Weitschuss. Auch die Laufwege ohne Ball waren noch ausbaufähig. Darüber hinaus hätte er in der 55. Minute mit mehr Ruhe am Ball auch das 2:0 nachlegen können.
Insgesamt lieferte Jovetic aber eine gute Leistung ab und erzielte mit nur insgesamt drei Ballberührungen im gegnerischen Strafraum über das ganze Spiel seinen zweiten Saisontreffer in der Bundesliga und hat nun mit rund 0,6 Toren pro 90 Minuten den besten Torschnitt unter den Stürmern bei Hertha.
Die linke Seite – Früher Konkurrenz, heute gute Teamarbeit
Über Jahre lauteten die Optionen für die Linksverteidigerposition Marvin Plattenhardt oder Maximilian Mittelstädt. Abwechselnd hatte mal der eine, dann der andere die Nase vorn. Keiner konnte sich aber dauerhaft durchsetzen. Nun spielen in dieser Saison regelmäßig beide gemeinsam auf der linken Seite. Mittelstädt auf der offensiveren Position auf der Außenbahn, Plattenhardt dahinter.
Beiden Spielern scheint sowohl ihre Rolle als auch das System entgegenzukommen. So zeigte bei beiden die Leistungskurve zuletzt wieder nach oben. Auch gegen Leverkusen lieferte das Duo eine gute Leistung ab. Vor dem Spiel konnte man sich die Frage stellen, wie man das Tempo der Leverkusener Flügelspieler Moussa Diaby und Jeremie Frimpong in den Griff bekommen möchte. Rückblickend war Diaby nahezu unsichtbar, was auch an der guten Defensivleistung von Plattenhardt und Mittelstädt lag. Beide verteidigten diszipliniert und doppelten stets die Leverkusener Spieler. So konnte Diaby kein einziges seiner Dribblings erfolgreich gestalten, während Mittelstädt und Plattenhardt jeweils die Mehrheit ihrer Zweikämpfe für sich entscheiden konnten.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Besonders Mittelstädt lieferte eine gute Leistung und gewann insgesamt die meisten Zweikämpfe auf dem Feld (18). In der Luft verlor er kein einziges seiner sieben Duelle. Mit genau so einem gewonnenen Luftzweikampf bereitete er auch das Tor von Jovetic vor. Zusätzlich legte er noch zwei weitere Schüsse auf und beteiligte sich intensiv am Mittelfeldpressing. Die gute Arbeit gegen den Ball wird auch der Grund gewesen sein, warum Mittelstädt an Stelle seines Konkurrenten Myziane Maolida aufgestellt wurde. Mit Ball muss Mittelstädt besonders im letzten Drittel noch entschlossener und abgeklärter werden. Auch muss er den Zug zum Tor erhöhen, selbst wenn er bei seinen letzten fünf Einsätzen nun bereits schon drei Vorlagen beisteuern konnte.
Insgesamt hat sich Herthas linke Seite in dieser Konstellation, passend zur aktuellen Entwicklung, sehr stabilisiert, ohne spielerisch zu glänzen – sehr passend zum Dardai-Stil.
Niklas Stark – Abwehrchef auf Abruf
Gegen Hoffenheim wurde der Kapitän Dedryck Boyata für ein unglückliches Foul mit Rot bestraft und für drei Spiele gesperrt. So musste sich die Abwehr der Hertha für das Spiel gegen Leverkusen erneut neu formieren. Stark blieb, nahm jedoch die Rolle des zuletzt stabilen Boyata ein. Seine gute Leistung gegen Leverkusen war einer der Gründe für den Fortbestand der defensiven Stabilität.
Im Spiel gegen den Ball lieferte Niklas Stark über 90 Minuten eine fehlerfreie Leistung ab und konnte teilweise sogar mit einigen wirklich starken Szenen überzeugen. In der 68. Minute vereitelte er zum Beispiel mit einer starken Grätsche eine Chance, bei der der Leverkusener sonst frei vor Schwolow zum Abschluss gekommen wäre. Das gute Stellungsspiel und höchste Konzentration im Abwehrverhalten (zwölf Ballsicherungen und sechs klärenden Aktionen von Niklas Stark) waren die Grundlage für eine gute Defensivleistung. So kam Leverkusen über das gesamte Spiel nur zu acht Abschlüssen.
(Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Ebenfalls beeindruckend war die Leistung von Stark im Spiel gegen den Ball. Dazu ein paar Zahlen aus dem Statistikbereich: 58/69 Pässe angekommen, 20/25 lange Bälle angekommen, nur ein Fehlpass in der zweiten Halbzeit, vier progressive Pässe, zwei schusserzeugende Aktionen und ein angekommener „throughball“ – ein Pass, der alle Gegenspieler überspielt, sodass der angespielte Mitspieler allein vor dem Torwart steht.
Das sind Zahlen, die sonst nur Marton Dardai, der mit Niklas Stark ein gegen Leverkusen ein spielstarkes Innenverteidigerduo bildete, bei Hertha erreicht. Spielerisch eine wirklich gute Leistung, die man von Niklas Stark nicht unbedingt immer so gewohnt ist. Besonders der angesprochene Pass zu Beginn der zweiten Hälfte, als Stark aus dem Stand einen punktgenauen Pass hinter die Leverkusener Kette spielte, stach heraus. Hätte Stefan Jovetic etwas weniger überhastet abgeschlossen, wäre dies eine Großchance auf das 2:0 gewesen.
Insgesamt sorgte Niklas Stark zusammen mit Marton Dardai dafür, dass man deutlich weniger Probleme mit dem Gegnerdruck im Spielaufbau hatte und selbst besser spielerisch in die gegnerische Hälfte kam. Möchte man die spielerische Entwicklung weitertreiben, könnte das auch künftig das favorisierte Duo in der Innenverteidigung sein.
Fazit
Trotz des bitteren und äußerst unnötigen Ausgleiches von Leverkusen in der 90. Minute kann man durchaus positiv auf das Spiel blicken. Nach der eher schwächeren Leistung gegen Hoffenheim konnte man sich die Frage stellen, ob die kurze Phase der Stabilität schon wieder vorbei ist. Nach diesem Spiel muss man dies definitiv verneinen. Defensiv stimmen die Automatismen und auch die Einstellung passt. Gegen den Ball kommt man über das Kollektiv, mit Ball ist man weiterhin von Einzelspielern abhängig. Verbessert man sich weiter im Umschaltspiel und findet mehr Lösungen für den eigenen Ballbesitz, kann das Ziel einer „Saison der Stabilität“ erfüllt werden.
Neueste Kommentare