Genki Haraguchi – Im zweiten Anlauf in Berlin angekommen

by | Nov 17, 2021 | Bundesliga, Hertha BSC, Spieler | 0 comments

Knapp vier Jahre ist es her, dass Genki Haraguchi Hertha BSC den Rücken kehrte. Zunächst zog es ihn zu Fortuna Düsseldorf, dann zu Hannover 96. In diesem Sommer kehrte Haraguchi zurück in die Hauptstadt und hat das Blau-Weiße Trikot gegen ein Rot-Weißes eingetauscht. Beim 1. FC Union ist er inzwischen Stammspieler, auch weil er eine neue Qualität entdeckt hat.

Haraguchis durchwachsene Zeit bei Hertha

Dreieinhalb Jahre spielte Genki Haraguchi bei Hertha BSC und lieferte 16 Scorer in 106 Pflichtspielen. Bei der alten Dame wurde er zumeist als Links- oder Rechtsaußen eingesetzt. War Haraguchi in seiner zweiten Saison, der Spielzeit 2015/16, noch uneingeschränkter Stammspieler, wurden mit fehlenden Leistungen auch die Einsatzzeiten in der Saison 2016/17 kürzer. Nur drei Torbeteteiligungen gelangen ihm in dieser Spielzeit, alle in den Spielen gegen den späteren Absteiger FC Ingolstadt. Über die Jokerrolle kam er in der Folgesaison nicht mehr hinaus.

hertha haraguchi
(Photo by Boris Streubel/Getty Images for Deutsche Bahn)

Unter dem damaligen wie heutigen Coach Pal Dardai war Haraguchi nur noch sporadisch gefragt, weshalb er in der Winterpause der Saison 2017/18 eine Leihe nach Düsseldorf anstrebte. Weil sein Vertrag im Sommer auslief, aber er die Spielpraxis für die anstehende WM benötigte, verlängerte Haraguchi seinen Vertrag in Berlin, ehe er in Düsseldorf aufschlug. „Wir haben eine sehr gute Lösung gefunden. Genki bekommt bei einem Aufstiegsaspiranten Spielpraxis und wir haben durch die Vertragsverlängerung im Sommer nach der Weltmeisterschaft alle Optionen“, kommentierte Geschäftsführer Michael Preetz den Wechsel damals. Doch so weit sollte es nicht kommen.

Neue Kapitel in Düsseldorf und Hannover

Haraguchi, der bei Düsseldorf in zwölf von 13 möglichen Spielen in der Startelf stand und fünf Torbeteiligungen zum Aufstieg in die erste Liga beisteuerte, entschied sich noch vor der WM, die Hauptstadt endgültig zu verlassen. Statt sich in ein mögliches Schaufenster zu stellen, unterschrieb Haraguchi bei Hannover 96. „Es ist bemerkenswert, dass sich Genki schon vor der WM für uns entschieden hat. Das ist ein tolles Zeichen von ihm, sich bereits vor einem großen Turnier für Hannover 96 zu bekennen“, freute sich der damalige Manager Horst Heldt.

Seine Zeit in Hannover begann unglücklich. Zwar war er von Beginn an gesetzt, wie zu Hertha-Zeiten in der Regel auf dem Flügel, doch Hannover erlebte eine Saison zum Vergessen. Der folgerichtige Abstieg war für Haraguchi kein Grund die Zelte abzubrechen. Die zweite Liga kannte er bereits aus Düsseldorf. Und auch bei Hannover sollte er in der zweiten Liga glänzen. Dass er fortan überwiegend im Zentrum eingesetzt wurde, tat seinem Spiel gut. Elf Torbeteiligungen leistete er in seiner zweiten Spielzeit bei Hannover 96. In seiner dritten und letzten Saison wurde er zum Kopf der Mannschaft, stand in allen 34 Spielen in der Startelf und lieferte 16 Scorer.

hertha haraguchi
(Photo by Cathrin Mueller/Getty Images)

Nur noch vereinzelt auf der Außenbahn spielend, empfahl sich Haraguchi, dessen Vertrag bei Hannover im Sommer auslief, wieder für die erste Liga. Er entschied sich zum zweiten Mal in seiner Karriere für Berlin und unterschrieb beim 1. FC Union, wo er schnell zum Stammspieler reifte. Den Segen von seinem alten Coach Dardai holte er sich dafür nicht extra: „Darüber habe ich auch nicht nachgedacht. Es wäre schwierig gewesen, wenn ich direkt zu Union gewechselt wäre. Aber ich war zwischenzeitlich in Hannover und Düsseldorf. Meiner Meinung nach ist es kein Problem“, so Haraguchi.

Haraguchi erfand sein Spiel neu

Es ist nicht allein die aus Hannover bekannte spielerische Klasse, wegen der sich Haraguchi schnell in der Stammelf der Köpenicker festsetzte, wenngleich sich herausragende Aktionen häufen. Etwa die technisch anspruchsvolle Vorarbeit für Stürmer Awoniyi zum 1:0 am 8. Spieltag gegen Wolfsburg. Viel mehr hat er es in kurzer Zeit geschafft, die Defensivstruktur Unions zu verstehen und mustergültig umzusetzen. Warf man Haraguchi in der niedersächsischen Landeshauptstadt hin und wieder fehlende Präsenz im Defensivverhalten bis hin zur Lustlosigkeit vor, zeichnet ihn die Arbeit gegen den Ball in dieser Saison mit aus.

Im Dreier-Mittelfeld an der Seite von Prömel und Khedira muss er viel Arbeit verrichten, die wenig spektakulär ist und auch nicht immer Spaß macht, aber die essenziell für das Union-Spiel ist. Das System basiert auf Stabilität. Die zentralen Mittelfeldspieler spulen ein hohes Laufpensum ab, um die Räume bei gegnerischen Angriffen immer eng zu halten. Besonders der Abgang von Robert Andrich drohte hier eine Lücke zu reiße. Die insgesamt zehn externen Neuzugänge Unions ließen einen spielerischen und taktischen Umbruch vermuten, den man nicht vollziehen musste, weil sich auch ein Haraguchi so gut und schnell anpassen und den Abgang Andrichs auffangen konnte.

“Ich bin kein Blauer mehr, jetzt bin ich ein Roter”

Dass er dabei schon auf vier Torvorlagen kommt, unterstreicht seine offensive Qualität. Sonderlob erhielt er nach dem letzten Heimspiel gegen Bayern München auch von Trainer Urs Fischer: „Nach ein bisschen Anfangsschwierigkeiten ist er jetzt richtig drin. Er hat eine Klarheit im Spiel, kann immer wieder Situationen kreieren, wo wir Linien überspielen.“

(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

Mit inzwischen 30 Jahren und den letzten beiden Saisons im deutschen Unterhaus schien der Wechsel zum 1. FC Union wie eine letzte Chance, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Eine Chance, die er dem Eindruck der ersten elf Spiele nach genutzt hat. Haraguchi ist im zweiten Anlauf nicht nur angekommen, sondern auch von wichtiger Rolle in Berlin. Er wurde in dieser Saison zum ersten Spieler überhaupt, der für Hertha und Union im deutschen Oberhaus spielte. Nun steht Haraguchi vor seinem ersten Stadtderby.

Dass er für die alten Kollegen keine Geschenke zu verteilen hat, sondern inzwischen ein Eiserner ist, daran ließ Haraguchi schon vor der Saison keine Zweifel aufkommen: „Ich war Herthaner, aber jetzt bin ich Unioner. Ich bin kein Blauer mehr, jetzt bin ich ein Roter.“

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]

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Bruno Sellschopp

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