Legendäre Derbys der Vergangenheit

Legendäre Derbys der Vergangenheit

Am Samstagabend ist es endlich so weit: Das sechste Berliner Stadtderby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin. Die beiden Hauptstadtvereine haben sich in der Vergangenheit bereits spektakuläre Duelle geboten – wir blicken auf ein paar der besonderen Derbys zurück.

08. Juli 2009: 1. FC Union Berlin vs. Hertha BSC 3:5

Ein Freundschaftsspiel, welches einer gewissen Zeitenwende glich. Union Berlin, die in der Saison zuvor ihre Heimspiele im verhassten und von Teilen der Fanszene sogar boykottierten Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin Prenzlauer Berg ausgetragen hatten und aus der neu errichteten 3. Liga in die 2. Bundesliga aufgestiegen waren, eröffneten in der Sommerpause endlich ihr umgebautes Stadion.

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(Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Und zur Wiedereröffnung sollte selbstverständlich niemand geringeres vorbeischauen als der große Rivale aus dem Berliner Westen. Um ehrlich zu sein, war damals dieses Duell alles andere als ein Spiel zwischen Rivalen. Über viele Jahre trennten die Vereine ganze Ligen. Fans und Ultras arbeiteten an gemeinsamen Projekten, die Vereine unterstützten sich. Doch 20 Jahre nach dem Mauerfall war die Verbindung loser und der Hype, der insbesondere durch ehemalige DDR-Bürger entstand, flaute zunehmend ab. Auch medial schien sich etwas zu verändern. Die Köpenicker wurden plötzlich ein relevanter Verein in Berlin. Hertha BSC verlor sein Alleinstellungsmerkmal, als einziger Berliner Profifußballclub. Union Berlin baute sich sein Image als kleiner, gallischer Underdog auf und es entwickelte sich eine immer größere Rivalität.

Am jenen Juli-Abend 2009 trafen sich zwei Mannschaften, die in der Saison zuvor für großes Aufsehen sorgten. Union, die endlich im Profigeschäft angekommen waren, trafen auf Herthaner, die zuvor in der Bundesliga lange um die Meisterschaft mitgespielt hatten und ein neues Selbstverständnis erlangt hatten.

Das Spiel entwickelte sich zu einer munteren Partie. Die Stimmung im Stadion an der Alten Försterei war prächtig. Ein alter und gleichzeitig neuer Mann traf doppelt für die Hertha. Es war wohl das beste Spiel von Arthur Wichniarek im Hertha-Dress. Am Ende wurden den Fans acht Tore präsentiert. Ansonsten war dieses muntere Scheibenschießen ein schönes und spannendes Erlebnis für die Zuschauer*Innen, große taktische Feinheiten sollten damals auch gar nicht von großer Relevanz sein. Auch auf der Tribüne änderte sich etwas. Die ersten Schmähgesänge der Fangruppierungen waren zu hören und auch im fußball-gesellschaftlichen Kontext hörte man von nun an immer mehr die Frage „Hertha oder Union?“. Im Juli 2009 hatte allerdings wohl niemand gedacht, dass man sich schon im folgenden Jahr zum ersten Mal in einem Ligaspiel sehen würde.

03. September 2012: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:2

Die Hertha, die nach 2010 zum zweiten Mal in die 2. Bundesliga abgestiegen war, hatte zwar ein Team, welches mit großen Namen gespickt war, allerdings startete die Mannschaft denkbar schlecht in die neue Saison und drohte die Spielzeit und den Aufstieg auf Grund von Starallüren herzuschenken. Doch nach einem lautstarken Wachrütteln von Trainer Jos Luhukay fand die Hertha langsam in die Saison. Union Berlin, deren Ansprüche damals noch deutlich geringer waren, fand sich zu Saisonbeginn ebenfalls in den unteren Tabellenregionen.

Doch wie es üblich ist in einem Derby, sind Tabellenplatzierungen komplett Nebensache. Es geht um Einsatz, es geht um Willen, es geht um Kampf, Kratzen und Beißen. Und die Spieler beider Mannschaften nahmen genau diese Situation an. Herthas Maik Franz, der in seiner Paraderolle als „Ironmaik“ verbal und körperlich extrem austeilte und das Team wo es nur ging pushte war dabei ein Aushängeschild der blau-weißen. Es war eines der besten Spiele Sandro Wagners für Hertha. Nach einer halben Stunde erzielte er die Führung. Den Ausgleich in der 69. Minute egalisierte Herthas damaliger Torjäger Ronny mit einem wuchtigen Schuss. Er trug sich damit in die nette Liste der Freistoßtorschützen in Berliner Derbys ein. Thorsten Mattuschka, der 2010 noch für die Unioner das Derby entschied, sollte in den folgenden Jahren vor allem durch Ronny ergänzt werden.

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(Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP/GettyImages)

Die Brisanz dieses Duells in diesen Jahren zeigte auch das Interview des Unioner Torschützen Christopher Quiring nach dem Spiel, als er sich darüber aufregte, dass „Die Wessis“ nun in ihrem Stadion jubeln würden und man das erst einmal verdauen müsse. Nach einem Remis und einer Niederlage aus der Zweitliga-Saison 2010/2011 war es der erste Derbysieg für Hertha BSC in einem Pflichtspiel.

11. Februar 2013: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:2

Das Rückspiel am 21. Spieltag sollte die nächsten brisanten Geschichten schreiben. Die Hertha, die sich vor allem mit Eintracht Braunschweig um die Tabellenspitze stritt und Union, die auf Platz vier weilten und überraschend Außenseiterchancen im Aufstiegskampf hatten, trafen in einem mit über 74.000 Zuschauer restlos ausverkauften Olympiastadion aufeinander.

Es war ein bitterkalter Winterabend. In Berlin lag zum Teil Schnee, doch das Spiel war heißer denn je und die Fans sorgten für eine brachiale Stimmung. Neben vielen Rauchtöpfen durch Pyrotechnik sorgte vor allem die „Spreeathene“-Choreo der Hertha-Ultraszene für riesiges Aufsehen. In einem offenen Spiel gingen die Unioner kurz nach Beginn der 2. Halbzeit mit 2:0 in Führung. Die Herthaner, die zwar mit Kreativität und Spielwitz für Druck und Chancen sorgten, waren an dem Tag vor dem Tor aber einfach glücklos.

Es brauchte zwei Standardsituationen, die das Spiel drehen sollten. Adrian Ramos nickte nach 73 Minuten das Spielgerät wuchtig in die Maschen. Der Vorlagengeber Ronny sollte kurz vor dem Spielende seine Qualitäten zeigen. Der ruhende Ball, der in dieser Saison des Brasilianers bester Freund war, lag einige Meter halbrechts vorm Strafraum entfernt. Sein wuchtiger Schuss, der knapp über die Unioner Mauer flog, landete im unteren rechten Eck. Ein traumhafter Freistoß, der das Berliner Olympiastadion kurz vor Spielende nochmal richtig zum Beben brachte.

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Ronny selbst machte in den Sekunden darauf beim Jubeln Bekanntschaft mit den Tücken des Berliner Winters und dessen Schnee, als er ausrutschte und sich sogar ein wenig verletzte. Aber sei es drum. Hertha spielte in diesem Jahr die beste Saison, die eine Mannschaft jemals in der 2. Bundesliga absolvierte, stieg am Ende völlig verdient wieder auf und Ronny war einer der gefährlichsten Freistoßschützen Deutschlands und es war für eine lange Zeit das letzte Derby auf Wettkampfniveau.

22. Mai 2020: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 4:0

Nachdem das Hinspiel im Stadion an der Alten Försterei noch in einem Hexenkessel stattfand und am Ende die Köpenicker mit einem knappen 1:0-Sieg vom Platz gingen, stand das Rückspiel ganz im Zeichen der Pandemie. Der zweite Spieltag nach dem Wiederbeginn. Unter Trainer Bruno Labbadia kam die Mannschaft hervorragend aus der Zwangspause. Nach einem 3:0-Sieg in Sinsheim gegen Hoffenheim, folgte ein furioser 4:0-Sieg im Derby, in dem Hertha BSC einen erfrischenden Offensivfußball zelebrierte.

Doch bizarre Zeiten erfordern bizarre Maßnahmen und ermöglichen noch viel bizarrere Diskussionen. In einem komplett leeren Stadion fand das Spiel statt, so richtig hatte sich noch niemand an die Situation gewöhnt. Der größte Aufreger dieser Tage war die Art und Weise wie die Spieler der Hertha gegen Hoffenheim noch ihre Tore bejubelt hatten. Gegen Union Berlin zeigte vor allem Kapitän Vedad Ibisevic wie Jubeln mit Abstand geht, als er allein vor seinen Mitspielern sein Tor bejubelte und die anderen Herthaner mit einem Lachen vor ihm standen.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Es war die nächste Show des Matheus Cunhas. Der werdende Vater schoss ein Tor, widmete das seiner Frau und seinem in diesen Minuten auf die Welt kommenden Kind und verschwand nur wenige Minuten später Richtung Krankenhaus. Eine Zeit in der bei Hertha noch der Traum von einem baldigen Einzug nach Europa gelebt wurde und man als Nummer eins in der Stadt galt.

04. April 2021: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:1

Das erste Derby unter Pal Dardai entwickelte sich zu dem spielerisch wohl schwächsten Spiel dieser Aufeinandertreffen. Die Vorzeichen hatten sich mittlerweile komplett geändert. Union Berlin spielte um den Einzug ins internationale Geschäft, während Hertha BSC gegen den Abstieg kämpfte und mit ganz anderen Sorgen, als mit einer Stadtrivalität, umzugehen hatte.

Auch wenn spielerisch nur wenig zu holen war, konnte man sich unter Pal Dardai selbstverständlich trotzdem auf gewisse Tugenden verlassen. Einsatzwille und Mentalität waren vorhanden. Insbesondere Santiago Ascacibar zeigte jene Attribute. Eine Szene, die für Derby stand, war seine rustikale Grätsche gegen Nico Schlotterbeck und die unflätige Ansage, die er seinem Gegenspieler daraufhin machte.

Photo by Clemens Bilan – Pool/Getty Images)

Ansonsten entwickelte sich Robert Andrich immer mehr zum Angstgegner der Hertha. Der ehemalige Junioren-Herthaner und mittlerweile für Leverkusen spielende Mittelfeldakteur traf mit einem sehenswerten Distanzschuss schon früh in der Partie. Dodi Lukebakio traf per Elfmeter zum Ausgleich.

Wie erwähnt hatte das Derby spielerisch nur wenig zu bieten. Die immer noch ausgesperrten Fans machten aber auf sich aufmerksam. Insbesondere einige Fans von Union Berlin, die sich einen Zugang zum Stadiongelände ermöglichten und mit Pyrotechnik ihren eigenen Imbissstand in Brand setzten. Themen, die auf Grund gelangweilter Fans vor dem Stadion in dieser Zeit leider keine Seltenheit waren.

19. Januar 2022: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:3

Das wohl brisanteste Duell fand am Anfang dieses Jahres statt. Es war das erste Aufeinandertreffen unter K.O.-Bedingungen. Im DFB-Pokal-Achtelfinale kam es zu der Begegnung, auf die viele Fans seit Jahren hin fieberten. Doch die Kräfteverhältnisse hatten sich in Berlin mittlerweile komplett gedreht. Union Berlin ging als Favorit in das Spiel gegen die von Tayfun Korkut trainierten Herthaner.

3.000 Fans durften das Spiel im Stadion verfolgen. Die wenigen Leute versuchten trotz der mauen Bedingungen für Stimmung zu sorgen. Doch zumindest auf das Spiel der Hertha sollte der Funken nicht überspringen. Union war deutlich stärker und besser eingespielt, als die Heimmannschaft. Andreas Voglsammer per Traumtor, ein Eigentor von Niklas Stark und eine katastrophale Zuordnung bei Standardsituationen sorgten für drei vollkommen verdiente Unioner Tore.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Auf Seiten der Hertha konnte einzig Suat Serdar zählbares rausholen, der Rani Khedira zum Eigentor zwang und selbst in der Nachspielzeit noch das 2:3 erzielen konnte. Das letzte Aufeinandertreffen bestätigte die aktuellen Verhältnisse in Berlin, die nur mit einem Sieg in der Bundesliga wieder verrückt werden könnten.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]

Podcast #187 Willkommen in Berlin, Felix

Podcast #187 Willkommen in Berlin, Felix

Nachdem Lukas das Coronavirus erfolgreich überstanden hat, hat er die nächste Scheiße am Fuß und ist mehr oder weniger unfreiwillig in Köln gelandet. Aber wir sind ja flexibel und wollten euch trotz dieser Umstände mit einer neuen Folge zum Spiel gegen Leverkusen versorgen. Wir sprechen auch mal wieder über den Kader, verschiedene Abgänge im Sommer und wagen natürlich einen Ausblick aufs Derby.

Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns über eure Kommentare.

Teilt den Podcast gerne mit euren Freund*innen, der Familie oder Bekannten. Wir freuen uns über alle Hörer*innen.

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(Photo by UWE KRAFT/AFP via Getty Images)

Herthaner im Fokus: Eine Frage der Qualität

Herthaner im Fokus: Eine Frage der Qualität

Am 28. Spieltag mussten die Herthaner mal wieder mit null Punkten nach Hause fahren. Auch wenn gegenüber vielen Spielen und Niederlagen unter Ex-Trainer Tayfun Korkut eine klare Verbesserung im Rheinland zu sehen war, bleibt nach der 1:2-Niederlage bei Bayer Leverkusen zunächst die Ernüchterung.

Wieder im 4-1-4-1, aber dieses Mal ohne Spielglück

Felix Magath, der nach seinem Corona-bedingten Fehlen gegen Hoffenheim, in Leverkusen endlich an der Seitenlinie stand, stellte die Mannschaft wie zuletzt unter Co-Trainer Mark Fotheringham in einem 4-1-4-1 auf. Personell ersetze Vladimir Darida auf der linken Seite Marco Richter. Außerdem musste sich kurz vor Spielbeginn der noch gegen Hoffenheim als Matchwinner und mit drei Vorlagen zu überzeugen wissende Marvin Plattenhardt angeschlagen abmelden. Maximilian Mittelstädt ersetze ihn.

Wieder stellte Niklas Stark als alleiniger Sechser das Bindeglied zwischen Mittelfeld und Verteidigung dar. Marc Oliver Kempf, Dedryck Boyata und Peter Pekarik komplettierten diese. Santi Ascacibar und Lucas Tousart stellten das zentrale Mittelfeld. Mit Suat Serdar, war wie Vladimir Darida auf der linken, auch auf der rechten Seite ein ungelernter Spieler auf dem Flügel. Vorne im Sturm sollte Ishak Belfodil für Gefahr sorgen.

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(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Die Mannschaft spielte die meiste Zeit über eine engagierte Partie, zeigte, dass man sich im Abstiegskampf nicht aufgeben wird, war in jeder Hinsicht motiviert, aber schlussendlich mangelt es einfach an Qualität. Und leider Gottes gab es auch in diesem Spiel wieder jenen Auflösungsmoment, der sich schon durch die gesamte Saison zieht. Positiv dabei: Man schaffte es die Situation nach einigen Minuten wieder unter Kontrolle zu kriegen. Zusätzlich muss man durchaus erwähnen, dass es sich beim Gegner Bayer 04 Leverkusen um einen Kandidaten für die Champions-League-Qualifikation handelt, bei dem keinesfalls Wunderdinge erwartet wurden.

Wir schauen heute auf eine wackelige Verteidigung, das Verletzungspech, was Hertha weiterhin verfolgt, die fehlende Durchschlagskraft im Sturm und was es interessantes am Trainergespann zu beobachten gab.

Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata: Viel Harakiri, selten Ruhe und Stabilität

Die beiden Innenverteidiger spielten über 90 Minuten und konnten leider wieder einmal nur wenig für die nötige Stabilität sorgen. Marc Oliver Kempf, der an beiden Gegentoren entscheidend beteiligt war, hatte aller Hand zu tun. Zwar gelangen ihm auch mit fünf Klärungsaktionen die ein oder andere glückliche Aktion. Doch nur drei von sieben gewonnener Zweikämpfe sprechen eine klare Sprache. Neunmal verlor er im Aufbauspiel den Ball und konnte kaum einen Beitrag für das Aufbauspiel leisten. 42 Mal war er am Ball, 19 seiner 27 Pässe fanden den Mitspieler, meistens waren jene Sicherheitsbälle über wenige Meter. Lange Bälle führten in vier von sechs Versuchen lediglich zu Ballverlusten.

Bei den Leverkusener Gegentoren war sein Zweikampfverhalten in der 35. Minute gegen Lucas Alario mangelhaft, sein stümperhaftes Verhalten fünf Minuten später sorgte für den zweiten Gegentreffer durch Karim Bellarabi. Es war wieder einmal ein Spiel voller plumper Aktionen und viel Überforderung von Marc Oliver Kempf. Mit ihm ist die Verteidigung dieser Tage leider ein einziges Risiko.

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(Photo by UWE KRAFT/AFP via Getty Images)

Ein Risiko, welches der Kapitän Dedryck Boyata nur bedingt auszugleichen wusste. Auch er hatte mit dem Angriffsspiel der Leverkusener einiges zu tun, konnte vier Bälle klären, aber traute sich kaum entscheidend in Zweikämpfe zu gehen. Immerhin gewann er seine beiden, die er zu absolvieren hatte. Doch seine Grätsche und sein passives Mitlaufen beim 0:2 war praktisch eine Kopie so vieler Gegentore in dieser Saison. Viel zu oft zeigte sich Dedryck Boyata lediglich als passiver und unglücklicher Teil bei gegnerischen Angriffen in diesem Spieljahr.

Immerhin kamen 19 seiner 22 Pässe bei seinen Mitspielern an. Keiner seiner langen Bälle sollte in der Offensive beim Empfänger ankommen, somit hatte er genauso wenig wie Kempf seinen Vorderleuten helfen können. Insgesamt wirkte er etwas stabiler und solider als sein Abwehrpartner. Doch von einem Kapitän muss mehr kommen als das „Mitschwimmen“, welches Boyata lediglich anbietet. Bisher fehlen Motivation und das Anreißen eines Spiels vollkommen. Dinge, die ein Kapitän in solchen Situationen verkörpern muss.

Vladimir Darida und Lucas Tousart: Torgefährlich und mit Verantwortung, aber zu wenig Durchsetzungskraft

Das zentrale Mittelfeld der Hertha war mal wieder voll von Laufwundern. Vladimir Darida, der seit vielen Jahren diese Rolle verkörpert, war dieses Mal sogar nur auf dem dritten Platz im Team der Hertha. Während der Tscheche auf sehenswerte 12,83 km Laufleistung kamen, konnten ihn seine in diesem Spiel wesentlich zentraleren agierenden Mitspieler Santi Ascacibar und Lucas Tousart ausnahmsweise überflügeln. Während der Argentinier auf 12,99 km kam, schaffte der Franzose sogar 13,07 km. Absolut starke und sehenswerte Leistungen, die das Engagement betonen und auch zeigen, dass in Sachen Fitness in Berlin kaum Probleme bestehen.

Lucas Tousart bemühte sich, wie schon seit Wochen, aber auch ihm fehlte es ab einem gewissen Punkt komplett an Durchsetzungskraft. 36 Aktionen hatte er am Ball, viel anfangen konnte er damit nur leider selten. Nur 55 Prozent, also elf seiner 20 Pässe kamen an. Nur einen seiner fünf Zweikämpfe gewann er. Seine Durchsetzungskraft gegen die Leverkusener ließ stark zu wünschen übrig. Zusätzlich leistete er sich zwölf Ballverluste. Sein einziges Ausrufezeichen setzte er in der Nachspielzeit in der ersten Halbzeit, als er Leverkusens Torhüter Hradecky mit einem wuchtigen Fernschuss prüfte. Seine Einstellung stimmt, der Ertrag fehlte allerdings komplett. Ohne kreatives Element im Mittelfeld wird Tousart zu Aufgaben gezwungen, die ihm nachweislich nicht liegen.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Vladimir Darida musste positionsfremd auf der linken Seite agieren. Bezeichnend war, dass der Mittelfeldroutinier der torgefährlichste Spieler der Hertha war. Schon nach zwei Minuten leitete er mit einem beherzten Angriff die erste Torchance durch Maximilian Mittelstädt ein. In der 42. Minute machten die beiden Akteure es besser. Mittelstädt gelang im zweiten Versuch eine wunderbare Flanke auf den Tschechen, der im Strafraum aus halbrechter Position wuchtig per Volley abschloss und den Anschlusstreffer besorgte. In der 90. Minute hätte er für den Ausgleich sorgen können, ja vielleicht sogar müssen. Doch nach einer Flanke war er letztendlich nicht der Lage die nötige Wucht in seinen Schuss zu bringen, um Hradecky ein weiteres Mal zu bezwingen.

Insgesamt brachte es Darida auf vier Torschüsse und war an 34 Ballaktionen beteiligt. Doch auch er tat sich oft schwer, verlor zwölf Bälle und brachte nur elf seiner achtzehn Pässe an den Mann. Letztendlich ist er zusammen mit Stevan Jovetic Herthas Topscorer. Zwei Tore und fünf Torvorlagen nach 28 Spieltagen zeigt, wie dramatisch es um die Offensive der Hertha steht.

Ishak Belfodil und Davie Selke: Zu wenig Offensivpower

Weder Ishak Belfodil, noch Davie Selke könnten auch nur einen Hauch Torgefahr ausstrahlen. Belfodil, der 75 Minuten agierte, zeigte ein schwaches und vollkommen unauffälliges Spiel. Um überhaupt an den Ball zu kommen, musste er sich wieder einmal oft tief fallen lassen. Immerhin verteilte er Bälle, 13 seiner 22 Pässe fanden den Mitspieler, aber auch damit gelang es ihm nicht irgendetwas zu kreieren. 13 Ballverluste zeigen zusätzlich, dass er gegen die Leverkusener Abwehr kaum Licht sah.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Auch Davie Selke konnte in den letzten 15 Minuten praktisch nichts beitragen. Letztendlich war auch er nur noch vier Mal am Ball, gewann keinen Zweikampf und kreierte nicht eine einzige Chance.

Im Endeffekt waren sie Opfer des gesamten harmlosen Teams. Doch es ist tragisch zu sehen, wie schwach und verloren der Hertha-Sturm ist, wenn die Bindeglieder nicht existieren und die Qualität nichts Weiteres hergibt.

Alexander Schwolow und Niklas Stark: Verletzungen zu Unzeit

Es ist nicht die Saison des Alexander Schwolows. Um ehrlich zu sein steht seine gesamte Zeit bei Hertha BSC bisher unter keinem guten Stern. Nachdem ihm gegen die TSG vor zwei Wochen endlich mal wieder ein Spiel zu Null gelang, sollte er auch gegen Bayer Leverkusen zu null spielen. Allerdings auch nur für 16 Minuten. Wenn er außer Form war, leistete er sich in feiner Regelmäßigkeit brutale individuelle Fehler, hat er die Chance in Form zu kommen, passiert ihm irgendetwas Tragisches und unvorhergesehenes. Ob es eine Corona-Infektion, ein Trainer-Degradierung oder nun ein Muskelfaserriss im Oberschenkel ist, es hilft keinem weiter. Nicht der Hertha, die sich im Abstiegskampf eigentlich dringend auf einen erfahrenen Keeper verlassen wollen würde, noch Alexander Schwolow selbst, der damit auch weiterhin in Berlin auf keinen grünen Zweig kommt. In diesem Sinne, gute Besserung.

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Nach sieben Jahren bei Hertha BSC wird Niklas Stark weiterziehen. Der zwischenzeitliche Nationalspieler und der Verein konnten sich auf keine Vertragsverlängerung einigen. Das wurde unter der Woche bekanntgegeben. Stark zählte über einige Jahre in Berlin zunächst als Talent, welches wuchs und mittlerweile als klarer Führungsspieler gilt. Nur leider verkörpert er wie Boyata nur selten die Anforderungen eines jenen Spielers. Seine eigenen Leistungen lassen immer wieder zu wünschen übrig, doch nichtsdestotrotz gilt er als wichtiger Baustein der Defensive.

Niklas Stark konnte sich trotz seines Potentials in seinen sieben Jahren kaum in die Herzen der Fans spielen. Auch wenn er neben Marvin Plattenhardt der einzige Herthaner war, der in den letzten Jahren sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft feiern durfte und bei einer weiteren Verlängerung gute Chancen auf einen Legendenstatus in Berlin gehabt hätte, wird ihn so richtig niemand vermissen. Was auch recht kalten und distanzierten Interviews geschuldet ist.

Doch gerade in den letzten Wochen seiner Berliner Zeit und im Abstiegskampf wäre ein gestandener und fitter Niklas Stark immens wichtig, um die defensive Stabilität zu erhalten und einen Lautsprecher auf dem Platz zu haben. Seine beiden Einsätze gegen Hoffenheim und Leverkusen auf der Sechs lassen aufhorchen. Bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung in der 69. Minute, konnte er immerhin elf seiner 13 Pässe an den Mann bringen, aber auch ihm gelang wie vielen seiner Mitspieler zu wenig. Vier Ballverluste, nur ein gewonnener Zweikampf, bedeuten, dass auch Starks Spiel an seiner unterdurchschnittlichen Durchsetzungskraft litt.

Mark Fotheringham, Felix Magath und Vedad Ibisevic: Ein flexibles Trainergespann

Das Trainergespann, welches gegen Leverkusen erstmals komplett war, wechselte sich in feiner Regelmäßigkeit mit taktischen Anweisungen und Motivationsansagen ab. Unter der Woche wurde das bereits kommuniziert. Ähnliches konnte man zuletzt bei Pal Dardai und Zecke beobachten. Trainer wie Bruno Labbadia oder Tayfun Korkut waren eher die Alleinunterhalter.

Während gegen Hoffenheim Mark Fotheringham als Cheftrainer agierte, war Offensivtrainer Vedad Ibisevic sein direkter Ansprechpartner auf der Reservebank. Der ehemalige Hertha-Kapitän und Goalgetter scheint aber gerade in die Rolle eines weiteren vollwertigen Co-Trainers zu rutschen. Regelmäßig instruierte er gegen Leverkusen Spieler vor ihrer Einwechslung und besprach mit ihnen ihre Aufgabe auf dem Platz. Er herzte, er lächelte, er kumpelte, er strahlte Wärme aus. Selbiges kam von Fotheringham, der regelmäßig eine breite Brust forderte und die Spieler versuchte zu motivieren.

(Photo by UWE KRAFT/AFP via Getty Images)

Felix Magath verkörpert weiterhin eine große Aura, scheint einen absolut kühlen Kopf zu bewahren und wirkt auf Grund seiner immensen Erfahrung kaum beeindruckt von dem Geschehen auf dem Rasen. Zusätzlich brachte er sich mit taktischen Anweisungen ein. Spieler wie Marcel Lotka betonten nach dem Spiel seine Ausstrahlung und dass die Arbeit mit ihm etwas Besonderes sei.

Die Spiele werden weniger, die Qualität nicht mehr

Die Wochen der Wahrheit haben begonnen. Hertha BSC steht knietief im Abstiegskampf und es zählen nur noch Punkte, Punkte, Punkte und es helfen nur noch Siege. Noch kann man sich aus eigener Kraft retten. Spiele gegen direkte Konkurrenten wie Augsburg, Stuttgart und Bielefeld müssen dafür ohne Kompromisse gewonnen werden. Ein Sieg im Derby am nächsten Spieltag würde einen immensen Motivationsschub ermöglichen. Dafür müssen die Köpfe frei sein.  Die geistige Frische scheint die Mannschaft nach dem Trainerwechsel zu haben.

Fraglich ist die spielerische Qualität. Die Verletzungen von Lautsprechern wie Schwolow und Stark kommen zur Unzeit, Offensivkräfte wie Stevan Jovetic und Marco Richter haben ebenfalls mit ihrem Körper bzw. der eigenen Form zu kämpfen. Genauso wie Suat Serdar. Spieler von denen das Spiel der gesamten Mannschaft abhängig ist. Am Ende wird viel über den Kampf kommen. Am besten beginnt das Kämpfen und Punkten direkt gegen Union Berlin.

[Titelbild: UWE KRAFT/AFP via Getty Images]

Drei Thesen zu Bayer Leverkusen – Hertha BSC

Drei Thesen zu Bayer Leverkusen – Hertha BSC

Die letzte Länderspielpause der Saison hat ein Ende gefunden und die Bundesliga geht endlich weiter. Für Hertha geht es im Saisonendspurt um alles. Ob man absteigt oder am Ende (erneut) den Klassenerhalt feiert, könnte den Verein sportlich, finanziell und vom Ansehen her auf die nächsten Jahre beeinflussen. Doch genug Pathos für diese Einleitung, los geht’s in die letzten Spiele dieser Saison. Den Anfang macht das Rückspiel gegen Bayer Leverkusen. Mit dabei sind ein begeisternder Co-Trainer, ein geschwächtes Top-Team und ein wieder stark aufspielender Sommerzugang.

These 1: Fotheringham wird trotz Magath-Premiere im Rampenlicht stehen

Der eine oder die andere mag es vielleicht bis heute noch immer nicht hundertprozentig glauben können, dass ausgerechnet Felix Magath unsere Hertha trainiert. Und wenn er am Samstag nach überstandener Corona-Infektion endlich das erste Mal an der Seitenlinie der „Alten Dame“ steht, werden viele Kameras auf ihn gerichtet sein.

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(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Es ist allerdings davon auszugehen, dass der ehemalige Meistermacher genau wie im Training eher stiller Beobachter am Rand sein wird. Doch ruhig wird es in der Coaching-Area trotzdem nicht sein. Co-Trainer Mark Fotheringham wird die Mannschaft wie bereits gegen Hoffenheim ständig anpeitschen, ermahnen und motivieren. Und Magath damit während der 90 Minuten fast schon wieder vergessen machen.

These 2: Ersatzgeschwächtes Leverkusen wird keine drei Punkte zu Hause behalten können

Leverkusen spielt auch dieses Jahr um die Champions League mit. Dafür verantwortlich ist vor allem die furiose Offensive rund im Moussa Diaby und Co. Doch die Werkself wird gegen Hertha auf einige Stammspieler verzichten müssen: Strippenzieher Florian Wirtz fällt mit Kreuzbandriss aus, Patrik Schick ist nach seinem Muskelfaserriss noch nicht wieder vollständig einsatzbereit. Mit Amine Adli fällt aufgrund seines Sehnenrisses ein weiterer offensiver Gefahrenherd aus.

(Photo by UWE KRAFT/AFP via Getty Images)

Und auch defensiv fehlt für Leverkusen wichtiges Personal: Abräumer Kerem Demirbay (Gelbsperre) sowie die beiden etatmäßigen Rechtsverteidiger Jeremy Frimpong (Syndesmosebandriss) und Timothy Fosu-Mensah (Oberschenkelverletzung) stehen alle nicht zur Verfügung. Da Hertha im Gegensatz fast aus dem Vollen schöpfen kann, werden wir mindestens einen Punkt mit nach Berlin nehmen.

Thema 3: Suat Serdar dreht auf

Er scheint unter Felix Magath wieder richtig aufzublühen: Sommerneuzugang Suat Serdar. Der 24-jährige ist laut Medienberichten im Training absolut motiviert und macht klar, warum man ihn geholt hat.

In der Sommervorbereitung zeigte er, warum er der Mannschaft helfen kann. Mit Balleroberungen, Dribblings in die gegnerische Hälfte und immer wieder gefährlichen Torabschlüssen sollte er Herthas lahmen Mittelfeld ein spielerisches Herz geben.

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(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Während er zu Beginn der Saison noch glänzte, fiel er mit zunehmender Spielanzahl immer weiter ab. Gegen Leverkusen findet er zu alter Stärke zurück und wird mindestens einen Scorer liefern.

[Titelbild: Boris Streubel/Getty Images]

Update: Wie schlagen sich Herthas Leihspieler?

Update: Wie schlagen sich Herthas Leihspieler?

Im ersten Teil unseres Leihspielerupdates geht es um einen der ersten Transfers der Windhorst-Ära sowie zwei Hertha-Eigengewächse. Neben dem bisherigen Verlauf der Leihgeschäfte rücken wir auch die Chancen auf eine Hertha-Rückkehr der Spieler in den Fokus. Zudem befassen wir uns mit vier Spielern, die wir aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr im Trikot der Hertha sehen werden.

Daishawn Redan: Spieler und Verein im Aufschwung

Daishawn Redan wurde im vergangenen Sommer erst in letzter Minute von Hertha in die Niederlande nach Zwolle verliehen. Zur Stammelf von Zwolle zählte Redan sofort nach seiner Ankunft – trotzdem lief es im ersten halben Jahr der Leihe alles andere als rund. In der Hinrunde konnte Zwolle nur ein einziges Spiel gewinnen, in 17 Spielen erzielte die Mannschaft gerade einmal neun Tore. Wenig überraschend tat sich Redan als Offensivspieler in dieser Phase eher schwer.

Unter Trainer Art Langeler spielte Zwolle zumeist in einem 4-3-3. Zu Beginn der Saison wurde Redan einige Male auf den Flügeln eingesetzt, bevor der Trainer die Hertha-Leihgabe darauffolgend häufig als alleinigen Mittelstürmer aufbot. Immerhin zwei Tore konnte Redan bis Anfang November erzielen.

Nach einer 1:2-Niederlage gegen den vermeintlichen Mitabstiegskandidaten SC Cambuur tauschte Zwolle dann den Trainer: Für Art Langeler übernahm Dick Schreuder, von den verbleibenden sechs Spielen bis zur Winterpause verpasste Redan allerdings fünf verletzungsbedingt.

Mit dem Jahreswechsel starteten Zwolle und auch Redan richtig durch: In den sieben Eredivisie-Spielen in 2022 erzielte die Mannschaft mehr Tore als in der gesamten Hinrunde, holte vierzehn Punkte und reduzierte somit den Abstand auf das rettende Ufer auf nun mehr zwei Punkte. Genau wie Hertha BSC steht Zwolle in der Eredivisie aktuell auf dem Relegationsplatz.

Anteil daran hat auch Daishawn Redan, der in den letzten fünf Spielen zwei Tore erzielen und drei weitere auflegen konnte. Dabei profitiert der niederländische U21-Nationalspieler insbesondere von der mit dem Trainerwechsel einhergegangen Systemumstellung, statt im 4-3-3 spielt Zwolle mittlerweile in einem 3-5-2. Durch die Hinzunahme eines zweiten Mittelstürmers hat Redan so in Zwolles insgesamt immer noch defensiven Grundausrichtung immer eine direkte Anspielmöglichkeit.

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(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Gerade das Festmachen von langen Bällen gehört, bei einer Körpergröße von 1,76 wenig verwunderlich, nicht zu Redans Paradedisziplinen. Durch die Umstellung auf zwei Sturmspitzen kann Zwolle sich im Abstiegskampf mittlerweile aber trotzdem auf das Stil-Mittel „langer Hafer“ verlassen.

Im Winter wurde mit dem Algerier Oussama Darfalou aber der ideale Spieler dafür geholt. Redan und er ergänzen sich zu einem für Zwolle sehr wertvollen Doppelsturm – passend dazu konnte Redan Darfalou bereits zwei Tore auflegen, und auch anders herum konnte der Hertha-Leihgabe bereits einmal assistiert werden.

Ebenjener Darfalou musste in Zwolles vorletztem Spiel gegen Feyenoord allerdings verletzt ausgewechselt werden, auch das darauffolgende Spiel verpasste er. In beiden Spielen gelang es Zwolle nicht zu punkten, somit rutschte man wieder auf den letzten Tabellenplatz ab.

Zuletzt wurde Redan zum Johan-Cruyff-Talent des Monats in der Eredivisie gekürt und in die Elf des Monats berufen – trotzdem ist es zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass es für Redan im Sommer bei Hertha weitergeht. Laut Kicker-Informationen soll Hertha an einem Verkauf des jungen Niederländers interessiert sein, Zwolle besitzt allerdings keine Kaufoption.

Jordan Torunarigha: Stammspieler und Pokalfinalist

Nachdem sich die Konkurrenzsituation in der Winterpause durch die Verpflichtung von Marc Oliver Kempf weiter verschärft hatte, wechselte Jordan Torunarigha kurz vor Schluss des Transferfensters leihweise für ein halbes Jahr zur KAA Gent nach Belgien.

Seit Torunarighas Debüt im Ligaspiel gegen Club Brügge Anfang Februar hat Gent in den nationalen Wettbewerben acht Pflichtspiele in Folge gewonnen. Mit sieben Siegen in Serie konnte in der Liga der ein Top-Vier-Platz erobert werden. Zudem machte die Mannschaft von Trainer Hein van Haezebrouck im Rückspiel des Pokalhalbfinales (ebenfalls gegen Club Brügge) ein 0:1 aus dem Hinspiel wieder wett und zog ins Pokalfinale ein, wo Torunarighas Team Mitte April auf den RSC Anderlecht trifft. Etwas bitter lief für Gent dagegen das Achtelfinale in der Europa-Conference-League gegen PAOK: Beide Spiele verloren die Belgier knapp und schieden demzufolge aus.

Torunarigha stand in acht der letzten zehn Pflichtspiele in der Startelf, einmal wurde er zudem in der Halbzeit eingewechselt. In Gents 3-4-1-2 spielt er in der Regel als linker Halbverteidiger in der Dreierkette. Die Defensive der KAA hat tatsächlich auch großen Anteil am aktuellen Erfolg: In den letzten zehn Spielen kassierte die Mannschaft nur fünf Gegentore, über die gesamte Saison betrachtet sind es bisher dagegen im Schnitt 0,93 Gegentore pro Spiel (in der Liga).

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(Photo by BRUNO FAHY/BELGA MAG/AFP via Getty Images)

Im Ligaspiel gegen Zulte Waregem wurde Torunarigha jüngst sogar zum „Man of the match“ gekürt – obwohl er vor dem gegnerischen Tor freistehend per Kopfball vergab, wusste er mit einer abgeklärten Defensivleistung sowie seinen Dribblings überzeugen. Besonders wichtig für Torunarigha wird in den kommenden Wochen mit Sicherheit sein, verletzungsfrei zu bleiben und weitere Spielpraxis zu sammeln.

Wenn Torunarigha verletzungsfrei bleibt und seine ordentlichen Leistungen aus den ersten Spielen für die KAA Gent bestätigen kann, wird er im Sommer mit Sicherheit erstmal zu Hertha BSC zurückkehren. Wie es dann für ihn in Berlin weitergeht, hängt aber auch von Herthas taktischen Planungen ab. Sollte Hertha für die Saison 2022/2023 eher mit einem Spielsystem mit einer Dreierkette planen, wäre Torunarigha mit Sicherheit gut zu gebrauchen und in der Lage, im Kampf um einen Stammplatz mitzumischen.

Sollte man dagegen mit einer Viererkette planen, wäre man in der linken Innenverteidigung mit Kempf, Dárdai und Torunarigha eigentlich überbesetzt. Selbstverständlich könnte Torunarigha aber auch in diesem Szenario aufgrund seiner Anlagen zu ausreichend Spielpraxis kommen. Aktuell schafft er sich jedenfalls eine sehr gute Ausgangslage.

Jessic Ngankam: Endlich wieder auf dem Platz zu finden

Ein weiterer derzeit ausgeliehener Spieler, der am Saisonende voraussichtlich zu Hertha BSC zurückkehren wird, ist Jessic Ngankam. Zu Saisonbeginn nach Fürth verliehen, riss sich das Hertha-Eigengewächs dort bitterer Weise nach nur wenigen Tagen im Training das Kreuzband. Aus der Phase, in der Ngankam eigentlich zum ersten Mal in seiner Karriere regelmäßige Bundesliga-Einsätze sammeln wollte, wurde so eine Phase der Reha.

Einen großen Teil des Weges zurück hat Ngankam mittlerweile hinter sich – seit Mitte Februar steht er bei Fürth wieder im Mannschaftstraining, in den Spieltagskader hat er es bisher allerdings noch nicht geschafft. In Fürths 4-Raute-2 würde Ngankam wohl auf einer der beiden Stürmer-Positionen eingesetzt werden – in den vergangenen Wochen spielten dort stets Branimir Hrgota und Jamie Leweling, insbesondere Hrgota wusste mit vier Toren in den letzten sechs Spielen zu überzeugen.

In der aktuellen Bundesliga-Saison verbleiben nunmehr nur noch acht Spiele. Jessic Ngankam wäre es definitiv zu wünschen, dass er nach seiner langwierigen Verletzung zumindest noch ein paar dieser Spiele bestreiten kann. Den Anfang machte er in dieser Länderspielpause, im Testspiel gegen Regensburg konnte er immerhin in der Schlussviertelstunde mitwirken.

(Photo Friedemann Vogel – Pool/Getty Images)

Wie es für ihn ab kommendem Sommer weitergeht, steht aktuell in den Sternen. Fürth besitzt eine Kaufoption für Ngankam. Ob diese gezogen wird, darf aber durchaus angezweifelt werden, nachdem er den Großteil der Saison verletzt verpasst hat.

Desweiteren berichtet der Kicker, dass Ngankam ähnlich wie bereits im letzten Sommer Interesse aus Belgien auf sich gezogen haben soll. Als möglicher Abnehmer wird der Erstligist KV Kortrijk genannt.

Krzystof Piatek: In Italien wieder zu alter Stärke gefunden

Der Pole spielt seit dem Wintertransferfenster wieder in Italien, wo er seine bisher erfolgreichste Zeit hatte.

Ein kleiner Rückblick: Im Transferwinter 2020 kam Krzystof Piatek für ca. 24 Millionen Euro vom AC Mailand. Dort kam er in 41 Spielen auf 16 Tore und zwei Assists, was schon eine deutlich schwächere Statistik darstellte, als bei seinem Engagement zuvor in Genua. Die damaligen handelnden Personen, allen voran Michael Preetz und Jürgen Klinsmann statteten den Stürmer mit einem lukrativen Vertrag in Berlin aus und setzten voll auf die Leistungen des neuen Starstürmers in der Hauptstadt.

Zwei Jahre nach dem Transfer muss man konstatieren, dass das Investment eher in die Hose gegangen ist. Zwar konnte Piatek immer wieder seine Klasse aufblitzen lassen, allerdings nie nennenswert Konstanz zeigen. In den zwei Jahren kam er insgesamt auf 58 Spiele für die „Alte Dame“, traf dabei 13 Mal ins Schwarze und konnte vier Assists beisteuern. Etwa alle 3,5 Spiel hatte der damit eine Torbeteiligung. Okay für einen Stürmer bei Hertha, allerdings zu wenig für das, was man sich von einem Spieler seiner Klasse vorgestellt hatte. In den letzten Wochen seiner Zeit in Berlin war er hinter Ishak Belfodil, Stevan Jovetic und Davie Selke lediglich Stürmer Nummer vier.

Sein Wechsel nach Florenz lässt sich bisher sehen. Für die Fiorentina kam er elf Mal zum Einsatz und konnte bereits sechs Tore beitragen. Gerade bei seinem Debüt im Pokal wusste er zu überzeugen. Mittlerweile ist es ihm gelungen, sich in die Startelf zu spielen und dort festzubeißen. Er kann an seine alten Leistungen aus früheren Zeiten in Italien anknüpfen. In Florenz ist er seit dem Abgang von Dusan Vlahovic zu Juventus Turin Stürmer Nummer eins. Er passt zusätzlich noch wunderbar ins System, wo er von seinen kreativen Mitspielern mit Bällen und Vorlagen gefüttert wird.

(Photo by Emilio Andreoli/Getty Images)

Bleibt er von dem Verletzungspech verschont, welches ihn zwischenzeitlich in Berlin heimsuchte, stehen die Chancen gut, dass er seine Statistik noch deutlich ausbauen wird. Aktuell scheint nichts gegen eine feste Verpflichtung zu sprechen. Die Kaufoption von 15 Millionen Euro ist auch in Anbetracht der hohen Ablöse, die die Italiener für Vlahovic einnehmen konnten, finanzierbar.

Omar Alderete: Bestens integriert und mit guten Leistungen in Valencia

Für vier Millionen Euro kam Omar Alderete am letzten Tag der Transferperiode im Sommer 2020 vom FC Basel. Als Ersatz für Karim Rekik sollte er schnell die Lücke in der Innenverteidigung stopfen. Der Paraguayer schien aber nie richtig in Berlin anzukommen. Es wirkte auch alles wie ein Nottransfer, der nicht großartig durchgeplant zu sein schien.

Insgesamt kam er auf 17 Einsätze, 13 davon über die volle Distanz. Dabei kassierte er zwei gelbe Karten und konnte keinen Beitrag in der Offensive leisten. Meistens wirkte er übermotiviert und überfordert und nicht wie ein Teil der Mannschaft. Auch sprachlich schien es Barrieren zu geben.

Seine Leihe zum FC Valencia zahlte sich bisher extrem aus. 23 Spiele absolvierte er in La Liga, er gehört zu den Leistungsträgern und konnte 14 Spiele über 90 Minuten absolvieren. Dabei gelangen ihm sogar zwei Tore. Elf gelbe Karten zeigen, dass er auch in Spanien eher rustikal zu Werke geht. Mit dem FC Valencia feierte er nach einen Sieg gegen Bilbao den Einzug ins Pokalfinale.

(Photo by MIGUEL RIOPA/AFP via Getty Images)

In der Copa-Del Rey kam er in vier von sechs Spielen zu Einsatz und steht jetzt vor einem Titel. Kleinere Verletzungen und mittlerweile zwei Corona-Infektionen sorgten zwischenzeitlich für Ausfälle, die ihm aber nicht nachhaltig schadeten.

Auch hier kann man davon ausgehen, dass der FC Valencia die Kaufoption von acht Millionen Euro schon bald ziehen wird.

Eduard Löwen: Überall glücklich, nur nicht bei Hertha

Möglicherweise handelt es sich bei Eduard Löwen einfach um einen Menschen, der mit dem hauptstädtischen Flair in Berlin nicht warm wird. Zwei Anläufe startete er, beide endeten unglücklich. Im Sommer 2019 kam er als Wunschtransfer von Ante Covic aus Nürnberg für sieben Millionen Euro. Der zentrale Mittelfeldspieler kam damals mit einer Empfehlung von drei Toren und drei Assists aus 22 Spielen. Eine gute Quote für einen Spieler, der mit seinem Team sang- und klanglos im jenen Jahr abgestiegen ist.

(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Doch für Hertha konnte er in seinem ersten halben Jahr nur sieben Mal sein Können zeigen, ganze zwei Spiele davon nur über 90 Minuten. Sein Wechsel zum FC Augsburg, wo er immerhin 16 Mal zum Einsatz kam und sogar zwei Tore erzielte, war ein Hoffnungsschimmer seiner stagnierenden Karriere. Die Rückkehr zu Hertha unter Bruno Labbadia verlief ähnlich enttäuschend, wie seine erste Zeit in Berlin.

Seit Beginn der Saison 2021/2022 ist er gesetzter Stammspieler in Bochum, kam wettbewerbsübergreifend auf 22 Einsätze und war an sechs Treffern beteiligt. Zusätzlich ist er ein gefährlicher Freistoß- und Standardschütze. Der VfL Bochum würde ihn gerne halten und die Leihe um ein Jahr verlängern. Da sollte vermutlich auch aus Berliner Sicht nichts dagegen sprechen.

Arne Maier: Das ewige Talent wird außerhalb Berlins zum gestandenen Profi

Gerade bei Arne Maier wäre es schön gewesen, ihn noch eine Weile in Berlin zu sehen. Doch seit dem Wintertransferfenster 2020 kokettierte er mit einem Wechsel. Wäre Maier nicht so oft wegen langer Verletzungspausen ausgefallen, wären sicherlich noch deutlich mehr Spiele für Hertha drin gewesen. Wettbewerbsübergreifend kam er von der Saison 2016/2017 bis zum Sommer 2020 auf 66 Einsätze für Hertha. Doch das vielbesprochene Talent konnte nie den gewünschten Mehrwert erspielen. Doch sein Talent ist weiterhin unumstritten.

Aufgrund persönlicher Geschichten war es ihm wichtig für eine Weile Berlin zu verlassen. Eine erste Station war Arminia Bielefeld 2020/2021, wo er vor allem unter Trainer Frank Kramer zum Leistungsträger avancierte. Damals kam er in elf der zwölf Spiele zum Ende der Saison zum Einsatz. Am Ende stand der erfolgreiche Klassenerhalt der Bielefelder und für Teile der Saisonvorbereitung kam er zurück nach Berlin. Als U21-Europameister wollte er zu den olympischen Spielen nach Tokio, was ihm vom zähneknirschenden Pal Dardai damals genehmigt wurde. Auch da hatte er sich vermutlich schon wieder von Hertha BSC distanziert.

(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Es kam zu einer weiteren Leihe, dieses Mal nach Augsburg, wo er sich als Stammspieler festspielen konnte. Bei den Schwaben kommt er auf 22 Einsätze, einer davon im DFB-Pokal. Der zentrale Mittelfeldspieler, der meistens mit seinem Kumpel und Kollegen aus U-Nationalmannschafts-Tagen, Niklas Dorsch, zusammenspielt, konnte in dieser Zeit sechs Assists beitragen.

Am 20. Spieltag konnte er nach langer Wartezeit bei der deutlichen 1:5-Niederlage in Leverkusen immerhin sein erstes Karrieretor im Profibereich feiern. Noch steht der FC Augsburg im Abstiegskampf. Sollte die Mannschaft sich am Ende der Saison retten können, ist die feste Verpflichtung für fünf Millionen Euro wohl nur noch Formsache.

Ein Artikel von Simon und Johannes Boldt.

[Titelbild: Gabriele Maltinti/Getty Images]

Das Problem mit Profiverträgen für Jugendspieler

Das Problem mit Profiverträgen für Jugendspieler

In der vergangenen Woche unterzeichnete Youngster Linus Gechter seinen ersten Profivertrag bei Hertha BSC. Der 18-jährige Innenverteidiger ist wahrscheinlich DIE Entdeckung bei der „Alten Dame“ in diesem Jahr. Nachdem mit Lazar Samardzic (2020 zu RaBa Leipzig) und Luca Netz (2021 zu Mönchengladbach) die letzten beiden Eigengewächse sehr früh wechselten, war die Befürchtung groß, dass auch der nächste Nachwuchsstar den Verein für eine vergleichsweise kleine Ablöse verlässt. Doch warum musste Hertha Spieler wie Samardzic und Netz eigentlich trotz bestehendem Vertrag so einfach ziehen lassen, obwohl man sie gerne behalten hätte?

Disclaimer: Wir haben keinen Einblick in die Interna oder Verträge der Spieler. Es kann natürlich sein, dass die genaue Rechts- und Vertragslage anders aussah, als wir sie hier beschreiben. Dieser Artikel stützt sich auf die allgemeinen (verbands-)gesetzlichen Regelungen zum Thema von Verträgen bei Jugendspielern.

Toptalente bei Hertha – der Sprung zu den Profis klappt oftmals nicht

Hertha BSC bildet schon seit Jahren regelmäßig gute und sehr gute Jugendspieler aus. Vor allem die „Goldene Generation“ des Jahrgangs 1999, die im Jahr 2018 den ersten deutschen Meistertitel der A-Junioren für Hertha gewonnen hat, sorgte für viel Aufsehen. In der Bundesliga oder einer anderen Top-Liga konnte sich von ihnen jedoch keiner von ihnen nachhaltig durchsetzen. Der bis heute prominenteste Spieler ist wahrscheinlich Arne Maier, der in diesem Jahr nach Augsburg verliehen ist und noch immer auf den wirklich großen Durchbruch wartet. Auch Jessic Ngankam (momentan an Fürth verliehen) und Dennis Schmarsch (spielt beim FC St. Pauli) konnten bisher nur bedingt Spuren hinterlassen. Andere gepriesene Talente wie Muhammed Kiprit und Palko Dardai spielen im Ausland oder unterklassigen Ligen.

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(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

Groß war daher die Freude bei den Fans, als man mit Lazar Samardzic (Fritz-Walter-Medaille in Bronze 2019) und Luca Netz (Fritz-Walter-Medaille in Bronze 2020) in den Folgejahren erneut einige der Toptalente Deutschlands im eigenen Verein hatte. Vielleicht würde es ja diesmal anders laufen als mit der „Goldenen Generation“ und der Sprung der Youngster zu den Profis endlich mal klappen. Doch die Chance dazu sollte sich nicht einmal ergeben: Beide wechselten in zwei aufeinanderfolgenden Sommern zu größeren Vereinen, bevor sie versuchten sich bei Hertha endgültig durchzusetzen.

Trotz bestehender Verträge bei den Blau-Weißen lag es nicht in der Macht der Verantwortlichen, Netz und Samardzic zu halten und man musste beide für vergleichsweise geringe Ablösesummen ziehen lassen. Dass man es in diesem Jahr geschafft hat, Rohdiamant Gechter langfristig zu binden, dürfte die Fans von Hertha BSC daher sehr glücklich stimmen.

Die Gesetzeslage in Deutschland bezüglich der Verträge Minderjähriger

Doch warum genau konnten Netz und Samardzic so einfach wechseln? Durften sie als minderjährige Nachwuchsspieler keine langfristigen Profiverträge unterschreiben, die Hertha im Falle eines Wechselwunsches eine stärkere Position gegeben hätten? Gemäß §106 des BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) ist ein Minderjähriger ab dem 7. Geburtstag sogenannt „beschränkt geschäftsfähig“. Er darf daher mit Hilfe von Sonderregeln Geschäfte tätigen und dementsprechend auch Verträge abschließen.

Eine dieser Sonderregeln findet sich in §107 BGB: So bedarf es für den Abschluss eines Vertrages grundsätzlich der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters. Dies sind im Normalfall die Eltern des Minderjährigen. Sobald diese einem Vertragsschluss zustimmen bzw. genehmigen, steht der Wirksamkeit dieses Vertrages quasi nichts im Weg. Die Art des Vertrages und der wirtschaftliche Umfang spielen dabei keine Rolle. Eine minderjährige Person dürfte mit der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters theoretisch ein Haus kaufen, eine Megajacht mieten oder ein Arbeitsverhältnis abschließen.

Und da Profiverträge zwischen Spielern und Vereinen im Grunde genommen auch nur Arbeitsverträge darstellen, dürfte auch ein minderjähriger Spieler ein langfristiges Arbeitspapier bei einem Fußballklub abschließen, solange die Eltern oder ein entsprechender anderer gesetzlicher Vertreter dem Ganzen zustimmt. Die Gesetzeslage ließe ein solches Vorgehen in Deutschland also zu.

Verbandsregeln von DFB und FIFA im Verhältnis zu den staatlichen Gesetzen

Das genaue Verhältnis vom Verbandsrecht des DFB und der FIFA zum allgemeinen vom Staat gesetzten Recht und dem Europarecht ist äußerst komplex. Im Rahmen dieses Beitrags wird daher nur auf die folgenden, stark vereinfachten Grundsätze eingegangen: Die vom Gesetzgeber erlassen Regelungen stellen meist nur den „äußersten Rahmen“ der Regeln unseres Zusammenlebens dar. Private Akteure (egal ob natürliche oder juristische Personen) sind vielfach in der Lage, strengere Normen als die vom Gesetz geforderten aufzustellen.

So ist beispielsweise der Verkauf von starkem Alkohol grundlegend erst an volljährige Personen (sprich ab dem 18. Geburtstag) gestattet. Ein Kioskbesitzer könnte theoretisch dennoch beschließen, dass er seine alkoholischen Produkte erst an Personen ab dem 21. Lebensjahr verkauft. Ob dies auf seinen Umsatz bezogen eine gute Idee von ihm ist, mag dahinstehen und ist schlussendlich seine Entscheidung. Er kann allerdings von niemandem gezwungen werden, seine alkoholischen Produkte an einen 19-jährigen zu veräußern. Daher kann der DFB als Verein strengere Vorschriften als die allgemeinen Regeln des BGB aufstellen.

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Des Weiteren ist der DFB aufgrund des Grundrechts der Vereinigungsfreiheit gem. Art. 9 des Grundgesetztes im Rahmen der sog. „Verbandsautonomie“ berechtigt, innerhalb des Verbands Sonderregeln aufzustellen. Die DFL (und damit Hertha BSC) wiederum hat sich im Rahmen diverser Vereinbarungen, unter anderem des „Grundlagenvertrag zwischen DFB und DEL e.V.“ den Regelungen des DFB unterworfen.

Aufgrund dieser Verbandsautonomie ist es dem DFB beispielsweise gestattet, die Teilnahme an seinen Wettbewerben an gewissen Regeln wie dem Lizensierungsverfahren der Profiklubs zu knüpfen. Er kann seine Mitglieder zu bestimmten Verhaltensweisen, wie zum Beispiel einem sportlichen Verhalten auf dem Spielfeld, anweisen und das Nichtbefolgen unter Strafen stellen. Gleichzeitig muss der DFB sich als Mitglied der FIFA den Regeln ebenjener unterordnen. Aus diesem Grund müssen die Mitgliedsvereine der DFL Regeln wie die Abstellungspflicht für Länderspiele akzeptieren und dürfen Nationalspieler die Reise zu den entsprechenden Spielen nicht verwehren.

Das „3+2“-Modell der Profivereine

Einige mögen sich jetzt fragen, was die ganze Thematik denn mit Profiverträgen für Jugendspieler zu tun hat. Die Antwort ist sehr simpel: Der DFB hat in §22 Nr. 7.1 seiner Spielordnung (der sich die Vereine wie oben bereits beschrieben unterordnen müssen) geregelt, dass mit minderjährigen Spielern lediglich Förderverträge abgeschlossen werden dürfen. Aufgrund von §22 Nr. 1 der Spielordnung ist die Laufzeit eines Vertrags mit einem Spieler unter 18 Jahren zusätzlich auf maximal drei Jahre beschränkt. Für alle volljährigen Spieler beträgt die maximale Laufzeit hingegen fünf Jahre.

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Herthas frischester Profi: U19-Kapitän Mesut Kesik, der im Sommer zu den Profis stoßen wird. (Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Die gängige Praxis der deutschen Profivereine ist daher, das sogenannte „3+2“-Modell zu nutzen. Dies bedeutet, dass mit dem Spieler ein dreijähriger Fördervertrag mit der Option auf einen zweijährigen Anschlussvertrag ab Eintritt in die Volljährigkeit geschlossen wird. Mit Blick auf die Regeln des BGB zum Minderjährigenschutz (siehe oben) ist dieses Vorgehen wie bereits auch dargestellt auch zulässig, solange der gesetzliche Vertreter diesem Vertrag zustimmt.Es ist stark zu vermuten, dass sich Hertha BSC ebenfalls dieses Modelles bedient. Mit den Spielern der Akademie wird also mit Eintritt in die U15 bzw. U16 ein solcher Fördervertrag inkl. Anschlussvertrag unterschrieben, der sie im Regelfall bis zum Saisonende der Saison, in der sie 20 Jahre alt werden an den Verein bindet.

Damit wäre jedoch noch immer nicht geklärt, warum Hertha Spieler wie Netz und Samardzic bereits kurz nach ihrem 18. Geburtstag ziehen lassen musste. Bei zwei Jahren verbleibender Vertragszeit haben Verein üblicherweise die Karten in der eigenen Hand und können eine deutlich höhere Ablösesumme verlangen, als dies bei einer einjährigen Restlaufzeit der Fall wäre.

Der Bruch des DFB mit den FIFA-Regeln

Hier kommt jedoch das Reglement der FIFA ins Spiel, welches im Falle einer Kollision mit den Verbandsregeln des DFB den Vorzug erhalten würde. Das bedeutet konkret: Die FIFA stellt in Artikel 18.2 ihres Regelwerkes eindeutig klar: „Für Spieler unter 18 Jahren beträgt die maximale Laufzeit eines Vertrags drei Jahre. Klauseln mit längerer Laufzeit werden nicht anerkannt.“

Dies hat zur Folge, dass das „3+2“-Modell streng genommen einen Rechtsbruch gegenüber den Regeln der FIFA darstellt, da der zweijährige Anschlussvertrag als eine “Klausel mit längerer Laufzeit“ zu interpretieren ist. Dies ist dem DFB, der DFL und den Vereinen natürlich bewusst. Die Nachwuchskicker haben demzufolge ein starkes Instrument an der Hand, um einen Wechsel kurz nach Eintritt in die Volljährigkeit zu forcieren.

Sollte ein Verein auf Erfüllung des zweijährigen Anschlussvertrages bestehen, könnte ein Jugendspieler diesen vermutlich mit großer Erfolgsaussicht im Rahmen eines Rechtsstreits beseitigen können. Um ein solches Szenario und die Erschaffung eines Präzedenzfalls zu vermeiden, nehmen die Vereine in diesem Fall lieber Abstand von diesem fragwürdigen Vertragskonstrukt und lassen die Spieler für eine vergleichsweise geringe Ablöse ziehen.

Perspektive bieten statt angreifbare Verträge abschließen

Der Grund für Erzwingung der Wechsel von Spieler wie Samardzic und Netz findet sich also recht klar im Reglement des Fußballweltverbandes. Die Vereine haben dadurch rechtlich eher wenig Macht über den Verbleib ihrer ausgebildeten Talente. Im Sinne des Schutzes der minderjährigen und von allen Seiten leicht beeinflussbaren Jugendspieler vermutlich eine sinnvolle Regelung, um einer Übervorteilung durch die Vereine entgegen zu wirken. Dass dadurch andere Vereine oder von finanziellen Interessen getriebene Eltern und Berater in eine starke Verhandlungsposition rücken, ist leider die Kehrseite der Medaille.

Den Ausbildungsvereinen wie Hertha bleibt jedoch ein anderes Mittel, die Spieler zu halten: Durch das Aufzeigen einer klaren Perspektive und einer aktiven Einbindung in den Profikader. Sofern der Spieler die Aussicht auf eine sportlich zielführende Weiterbildung im Ausbildungsvereine sieht, gibt es für ihn deutlich weniger Gründe zu wechseln, als wenn er die Befürchtung hat nicht auf die Einsatzzeiten zu kommen, die gerade für einen jungen Spieler so eminent wichtig sind. Und nach den Entwicklungen der Talente rund um die „Goldene Generation“ kann es durchaus nachvollziehbar sein, dass Samardzic und Netz ungeachtet der finanziellen Gründe auch einen sportlichen Anreiz hatten, Hertha BSC zu verlassen.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Es liegt damit in der Verantwortung der sportlichen Leitung, des Managements und auch der Trainer, Talente an den Verein zu binden und eine Perspektive aufzuzeigen. Bei Linus Gechter und auch Spielern wie Marton Dardai war dieses Vorgehen anscheinend mit Erfolg gekrönt. Es bleibt zu hoffen, dass der Staff rund um Fredi Bobic und Pablo Thiam (Leiter der Akademie) diesen Weg weiter ebnet und ausbaut. Denn nur in diesem Fall werden sich die kommenden Toptalente für ein langfristiges Engagement auch über den 18. Geburtstag hinaus bei Hertha BSC begeistern können.

Wer sich für viele weiteren Themen der rechtlichen Grundlagen rund um die Bundesliga bzw. Profifußball generell interessieret, dem kann ich übrigens diesen Beitrag auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung wärmstens empfehlen.

[Titelbild: Frederic Scheidemann/Getty Images]