Danke für Nichts, Jürgen

Danke für Nichts, Jürgen

Vor genau einer Woche erreichte mich die Whatsapp-Nachricht eines mir bekannten Berliner Sportjournalisten. Er könne mir ein paar Anekdoten zu dem „Blender“ Jürgen Klinsmann erzählen, mit dem es laut ihm kein gutes Ende nehmen würde. Damals war die Hertha-Welt noch eine andere und auch wenn ich weiterhin gewisse Zweifel an der Arbeit Klinsmanns hatte, so verwunderten mich diese Aussagen in ihrer Schärfe dann doch. „Naja, wie schlimm können die Geschichten schon sein“, fragte ich mich. Das war am 4. Februar. Sieben Tage später brennt der Verein, nachdem Klinsmann völlig überraschend seinen Rücktritt als Cheftrainer Herthas verkündet hat und mittlerweile muss ich der Nachricht meines Kollegen Recht geben. Ein Versuch der Einordnung.

Der morgendliche Gang auf Twitter gehört mittlerweile zur Alltagsroutine dazu. Ein bisschen über das Tagesgeschehen informieren, über die aktuelle Politik schimpfen – das Übliche halt. Dass am Dienstagmorgen jedoch eine mediale Bombe platzen sollte, mitten im Epizentrum meines Vereins, hätte ich nicht gedacht. Immer mehr Menschen teilten einen Facebook-Link von Jürgen Klinsmanns Account. „Na, welche größenwahnsinnige Zukunftsfantasie hat sich Jürgen dieses Mal ausgedacht, die alle zum Lachen bringt“, hatte ich mir gedacht, doch beim Lesen seines Posts fiel mir die Kinnlade herunter. Klinsmann verkündete, nicht länger Cheftrainer von Hertha BSC zu sein. „(…) Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel – den Klassenverbleib – schaffen wird. (…) Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“, schreibt „Klinsi“.

Schlechter Stil Klinsmanns

Rumms! Das Aus nach zehn Wochen, nach genau genommen 76 Tagen. Twitter überschlug sich: Panik hier, Häme da, verzweifelte Versuche einer ersten Einordnung dort. Sicherlich lief es zuletzt sportlich nicht mehr so erfolgreich wie im Hinrunden-Endspurt unter Klinsmann: in den letzten fünf Spielen vor Jahresende holte die Mannschaft unter ihm sehr solide acht Punkte, doch in den vier Partien in 2020 nur vier Zähler, zusätzlich das Pokal-Aus auf Schalke. Und klar, die 1:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 war enttäuschend. Doch all das konnte doch nicht diesen plötzlichen Rücktritt erklären, oder? Schließlich präsentierte sich Klinsmann in den Tagen nach der Pleite noch gewohnt positiv gestimmt und beteuerte in seinem Facebook-Live vom Montag die gute Entwicklung der Mannschaft. „Die nächsten Spiele werden nicht einfach, aber wir sind insgesamt auf dem richtigen Weg und guter Dinge, dass wir noch mehr Punkte einfahren werden“, so seine Prognose. Wie üblich schien Klinsmann alles locker zu nehmen und gute Stimmung zu verbreiten. Zu dem Zeitpunkt, als er in seinen Laptop grinste, stand seine Entscheidung, zurückzutreten, aber schon fest. „Aaand the Oscars goooeees tooo …“

Doch auch der Verein selbst wurde ob dieser Entscheidung lange im Dunkeln gelassen. Klinsmann verkündete sein Ende als Cheftrainer eigenmächtig auf Facebook und ließ den Hertha-Verantwortlichen gar keine Chance, die Sache einigermaßen souverän über die Bühne zu bringen. „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen“, erklärte Geschäftsführer Sport Michael Preetz ein paar Stunden nach dem Facebook-Beitrag Klinsmanns. Bis dahin ist Klinsmann also schlechter Stil und dem Verein größeres Chaos zu attestieren. Besonders, wenn man erfährt, dass Investor Lars Windhorst bereits Montagabend von Klinsmann über dessen Entscheidung informiert wurde und dieser es obendrein nicht für nötig hielt, mal selbst den Hörer in Hand zu nehmen und die Berliner Verantwortlichen zu informieren. Doch sollte das alles fast nur die Spitze Eisbergs sein, auf den die „alte Dame“ zusteuert. Denn wie mittlerweile klar ist: das Klinsmann-Aus resultierte aus einem scharfen Machtkampf.

Klinsmann ging es nicht um Hertha

Wie mehrere Medien berichten und Klinsmann mittlerweile in einem fragwürdigen Bild-Interview bestätigt, soll er für die kommende Saison geplant haben, zum in England bereits etablierten Job des „Teammanagers“ aufzusteigen, sprich weiterhin Cheftrainer Herthas zu sein, aber auch deutlich mehr Kompetenzen im Gestalten der Hertha-Zukunft zu erhalten und somit auch deutlich in den Aufgabenbereich von Michael Preetz einzugreifen. „Nach meinen Verständnis sollte ein Trainer die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers.“ Hinzu sollte eine Gehaltvorstellung kommen, die jeglichen Realitätssinn vermissen ließ. An diesem Punkt wurde es den alten Hertha-Kräften um Preetz und Präsident Werner Gegenbauer zu bunt. Sie verwiesen darauf, dass zunächst einmal der Klassenerhalt gesichert werden müsste, um die sportliche Situation neu zu bewerten und die zukünftige Ausrichtung zu planen. Dieses Machtwort veranlasste Klinsmann, unverzüglich hinzuschmeißen und den Verein – so deutlich muss man es sagen – im Stich zu lassen. „Die Anhänger, die Spieler und die Mitarbeiter sind mir in dieser Zeit natürlich ans Herz gewachsen und deshalb werde ich weiter mit der Hertha fiebern“, heißt es in seiner Rücktrittserklärung. Nein, Jürgen, hier ging es dir nur um dich. Sei ehrlich, du hast dich daran berauscht, doch noch einmal Trainer eines Bundesligisten sein zu dürfen, nachdem dein Ruf durch das Bayern-Intermezzo so gelitten hatte. Du hattest die große Bühne vermisst, wolltest deinen Namen über dem „spannendsten Projekt Europas“ hängen haben und als großer Macher glänzen, der den schlafenden Riesen aus Berlin emporsteigen lässt. Hertha war Mittel zum Zweck, um deinen Namen im deutschen Fußball reinzuwaschen, doch als man dir zum ersten Mal „nein“ sagte, bist du gegangen.

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images

Wer nach zehn Wochen hinschmeißt, weil der Verein sich nicht seinen Allmachtsfantasien hingeben will, dem geht es nicht um die Sache. Nein, hier erkennt man den fehlenden Respekt vor dem Verein Hertha BSC. Anstatt seinen Stolz runterzuschlucken und den Klub, wie versprochen, vor dem Abstieg zu bewahren, bockt Klinsmann lieber rum und stellt sich über diesen. „Wenn ich etwas übernehme, mache ich das nicht halb“, posaunte er bei seinem Amtsantritt im November noch herum. Soviel dazu. Ohnehin entpuppen sich die vielen Aussagen des Sommermärchen-Machers mit dieser Aktion als heiße Luft und Wichtigtuerei. Nein, was hatte Klinsmann mit Hertha nicht alles vor. Dieses Jahr Klassenerhalt, ab nächstem Jahr Europa und irgendwann die Weltherrschaft. Natürlich schreckte man auch als Hertha-Fan bei diesen Aussagen auf, doch irgendetwas in einem freute sich über diese Ambitionen. Lange genug hatte man das Dasein als „graue Maus“ der Liga gefristet, lange genug wurde man für eben jenes kritisiert. Mit Klinsmann schien ein neues Zeitalter angebrochen zu sein, er schien den Verein, der schon viel zu lange in seiner eigenen Suppe schwamm, aufzuwecken. Da störten seine regelmäßigen Ausbrüche des Größenwahns kaum, denn endlich passierte etwas in dem Verein. Alte Strukturen wurden aufgebrochen, neues Personal eingestellt und angefangen, eine neue Mentalität zu etablieren. All das kann man auch machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist und eben nicht nach zehn Wochen wieder geht. Mein Gott, habe ich mir bei allen Zweifeln einfach nur gewünscht, dass das alles klappt und man das Gegenbeispiel zu einem Hamburger SV, 1860 München oder Hannover 96 werden könnte. Wie blöd ich mir jetzt vorkomme, Klinsmann und seine Rhetorik so lange verteidigt zu haben. „Lasst ihn doch erstmal machen“, „Ist doch gut, dass jetzt mal Schwung reinkommt und neue Wege gegangen werden“ – ich fühle mich peinlich berührt. Weil ich ihm auf den Leim gegangen bin, wie so viele andere auch. Der Sommermärchen-Macher weiß nun einmal um sein Charisma.

Der Machtkampf mit Windhorst

Stattdessen fühlt es sich so an, als wenn einem mehrere Teller mit Spaghetti Bolognese, auf die man sich riesig gefreut hatte, runtergefallen und man versteinert auf seinen Küchenboden voller Scherben und verteiltem Essen blickt, weil man nicht weiß, wo man überhaupt anfangen soll. Denn was bleibt? Klinsmann hat in seiner Zeit als Cheftrainer etliche (verdiente) Spieler wie Salomon Kalou und Ondrej Duda vom Hof gejagt, weil sie angeblich nicht sein Konzept (was auch immer das beinhaltet) gepasst haben sollen. Ganze Räumlichkeiten des Vereinsgeländes wurden nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Zudem wurden 75 (!) Millionen Euro im Winter für Neuzugänge ausgegeben, die allesamt angegeben haben, auch wegen des Namens Klinsmann nach Berlin gewechselt zu sein. Insgesamt vier Spieler hat man hinzugeholt und sieben abgegeben – alles auf Klinsmanns Wunsch hin. All das, damit er nach fünf Spielen im Jahr 2020 hinschmeißt und damit seinem Egoismus freien Lauf lässt. Klinsmann hat einen absoluten Scherbenhaufen hinterlassen.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images

Dass man sich ihm zunächst so ausgeliefert hatte, kann der Vereinsführung sicherlich negativ ausgelegt werden und erhält durch die Windhorst-Komponente noch eine weitere Dimension. Der Investor, der im zurückliegenden Sommer für 225 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile der Hertha BSC KGaA erworben hatte, hatte Klinsmann als seinen engen Vertrauten bei Hertha installiert – erst als Aufsichtsratsmitglied, dann als Cheftrainer. Die beiden befanden sich stets im engen Austausch – so verwundert es auch nicht, dass Windhorst vor den Hertha-Verantwortlichen vom Klinsmann-Aus wusste. Auch wenn Preetz immer wieder betonte, wie lange er und Klinsmann sich bereits kennen und über etwaige Möglichkeiten der Zusammenarbeit diskutierten, so ist festzuhalten, dass Klinsmann ein Windhorst-Mann ist. Wie Klinsmann mit dem Klub in nur zehn Wochen umspringen durfte und dass er nahezu keinen Stein auf dem anderen ließ, ist somit der feste Beweis für den bereits riesigen Einfluss Windhorts. All das, vor dem man im Vorfeld bei solch einem Investor gewarnt wird, scheint sich bewahrheiten. Schritt für Schritt wird versucht, Einfluss auf die sportlichen Geschicke des Vereins zu nehmen und seine eigenen Leute in das Projekt einzubauen. „Wir sind nicht Spielball, sondern Treiber dieser Entwicklung“, beteuerte Präsident Gegenbauer auf der Mitgliederversammlung im November letzten Jahres. Durch die Ereignisse der letzten Monate lässt sich diese Aussage mehr als nur anzweifeln. Womöglich ist den Verantwortlichen durch den nimmersatten Machthunger Klinsmanns endlich klar geworden, dass Lars Windhorst alles andere als ein stiller Teilhaber ohne eigene Vorstellungen ist. Aktuell zeichnet sich ein deutlicher Machtkampf zwischen dem „alten“ Hertha-Lager und den neuen Mächten ab. Öffentlich wird zumindest das Bild vermittelt, momentan eher gegen- als miteinander zu arbeiten.

Auch Preetz gibt ein schlechtes Bild ab

Natürlich muss auch die Personalie Michael Preetz noch kritisch aufgegriffen werden. Sieht man die einstige Entscheidung, Jürgen Klinsmann als Übungsleiter zu installieren, als reine Trainerwahl an, hat Herthas Geschäftsführer einmal mehr aufs falsche Pferd gesetzt – in der laufenden Saison nach Ante Covic sogar zum zweiten Mal. Funkel, Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay, Covic und Klinsmann – bis auf Pal Dardai sind sämtliche Trainer unter Preetz gefloppt oder haben sich nicht nachhaltig halten können. Einzig die ungarische Vereinsikone hat eine Ära prägen können und auch hier ließ sich nicht von der Weitsicht Preetz‘ reden, da dieser Dardai zunächst als reinen Feuerwehrmann installierte und es sich als überraschender Glücksfall hinausstellte, dass er viereinhalb Jahre lang insgesamt erfolgreich arbeitete. Dardai war einst die letzte Patrone von Preetz, der sich nach der vergangenen Saison entschied, dass die Entwicklung unter Dardai nicht steil genug voranschritt. Dafür gab es sicherlich stichhaltige Argumente und auch ich selbst glaube nach wie vor, dass Dardai seinen Zenit bei Hertha erreicht hatte. Entscheidet man sich aber bewusst dafür, den eigenen Trainer „ohne große Not“ vor die Tür zu setzen, um nun den nächsten Entwicklungsschritt einzuläuten, dann muss man auch liefern – sprich eine große Lösung mit Signalwirkung präsentieren.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Letztendlich wurde es Ante Covic, den man aufgrund seines Stallgeruches als Wunschlösung präsentierte. Schnell wurde jedoch klar, dass die große Bundesliga-Bühne mit all ihren Aufgabenbereichen eine Nummer zu groß für den einstigen U23-Trainer Herthas war. Nach nur vier Monaten und zwölf Ligaspielen trennte man sich von Covic, der offensichtlich überfordert war. Es ist einer der wichtigsten Aufgaben des Managers, den richtigen Trainer auszuwählen, doch einmal mehr hatte Preetz in dieser Hinsicht versagt. Es sollte zu seinen Kompetenzen gehören, so etwas wie den Fall Covic vorauszuahnen und sich dementsprechend von Anfang an für einen anderen Trainer zu entscheiden. Stattdessen war die Berliner Schnauze einmal mehr größer als die Realität, denn Preetz lief mit der Entscheidung für Covic mit Ansage in die Kreissäge und hatte den Verein somit einmal mehr in den Abstiegskampf geführt – der Moment, in dem man sich verzweifelt an Klinsmann wandte und erneut einen Schritt näher an den Abgrund trat. Die ganze Causa Klinsmann hätte mit einer vernünftigen Trainerwahl im vorangegangenen Sommer verhindert werden können, so ist man aber Opfer seiner eigenen Taten geworden. Einmal mehr hat Preetz alle Warnsignale ignoriert und mangelndes taktisches Geschick bewiesen.

Es gibt zwei Lesarten des Machtwortes der Hertha-Verantwortlichen. Entweder hat Michael Preetz dem Größenwahn Klinsmanns Einhalt geboten und noch schlimmeres verhindert, oder aber er hat nur seine eigene Haut gerettet. Preetz ist schließlich schon öfter nachgesagt worden, sich krampfhaft an seinen Posten zu klammern und nichts zuzulassen, dass ihn in seiner Bedeutung für den Verein schwächen könnte. So wird es kein Zufalle gewesen sein, dass “Performance-Manager” Arne Friedrich erst mit dem Amtsantritt Klinsmann im Verein untergebracht wurde. Friedrich ist eine Identifikationsfigur des Vereins, die man viel früher hätte binden können, doch besteht die Möglichkeit, dass Preetz dies aktiv geblockt hat. Das mag Kaffeesatzleserei sein, aber ein anderes Bild wird von Preetz nicht vermittelt. Am Donnerstag (11.30 Uhr) wird es eine Pressekonferenz mit Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst geben, die eventuell noch mehr Aufschluss gibt. Präsentiert man sich als Einheit oder gibt man einmal mehr ein katastrophales Gesamtbild ab?

Was bleibt?

Jürgen Klinsmann, der sein Engagement im nachhinein als „Himmelfahrtskommando“ bezeichnet hat, soll sich übrigens bereits auf dem Weg in die kalifornische Wahlheimat befinden. Der Enkeltrick bei der Berliner „alten Dame“ hat nicht geklappt. Was bleibt, ist ein teurer und nach seinen Wünschen zusammengewürfelter Kader mit einigen unzufriedenen weil unfair behandelten Spielern, ein kompletter Betreuerstab ohne genaue Zukunft und eine taktisch heruntergewirtschaftete Mannschaft, die außer solidem Verteidigen nichts neues dazugelernt hat. Also nichts. Oder eigentlich sogar weniger als nichts. Hinzukommt nämlich noch ein massiger Imageschaden für Hertha (also eigentlich beide Seiten), der es dem Verein immens schwermachen wird, in Zukunft Verhandlungen mit Spielern und Trainern zu führen. Also danke für nichts, Jürgen. Das „HaHoHe“ am Ende deines Facebook-Posts hättest du dir sparen können, denn ein Herthaner warst du nie und wirst du auch nie sein. Es ist nämlich absolut unvorstellbar, dass er wie angekündigt noch einmal als Aufsichtsratsmitglied fungieren wird. Nach dieser Aktion ist keine weitere Zusammenarbeit denkbar. Das blau-weiße Tischtuch ist zerschnitten. Um es noch einmal zusammenzufassen: Klinsmann kam, erhielt ohnehin schon mehr Kompetenzen als andere Bundesliga-Trainer, durfte im Winter mehr Geld als jeder (!) andere Verein der Welt ausgeben, schmeißt dann nach fünf Spielen in 2020 hin, weil er verrückterweise nicht die Vereinsführung übernehmen durfte, verkündet unabgesprochen sein Ende per Facebook und erdreistet sich dann auch noch, nicht einmal einen Tag später per Interview nachzutreten. Das ist so schäbig, da fehlen einem die Worte.

Und Hertha? Der Verein hat sich in den letzten Monaten so oft der Lächerlichkeit preisgegeben, dass ich schon gar nicht mehr mitzählen kann. Es ist seit längerem einfach nur beschämend, Fan dieses Vereins zu sein und so langsam verliere ich auch die Lust daran. Früher war man den anderen zumindest egal, nun ist man die Lachnummer der Liga. Alles, was man sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat, scheint man sich innerhalb von wenigen Monaten mit Arsch eingerissen zu haben. Die nächsten Entscheidungen müssen sitzen, sonst wird dieser Klub unter dem Druck des eigenen Anspruches kollabieren. In der Windhorst-Spirale kann es nur nach oben oder unten gingen, aber Mittelmaß ist keine Möglichkeit mehr.

(T)ante Covic und die alte Dame

(T)ante Covic und die alte Dame

Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen. Michael Preetz musste ja etwas schaffen, was völlig unmöglich war. Er sollten einen Lucien Klopp mit Berliner Schnauze finden. Einen Trainer, der nicht nur taktisch europäische Spitzenklasse ist, sondern auch ein Menschenfänger wie der Coach des FC Liverpool und dann eben auch einen, der beim Kieztraining nicht erstmal nachfragen muss, was gemeint ist, wenn die Frage kommt: “Kann ick mal n Foto schießen?!”

Alle suchten “The Next Nagelsmann”

Nein, Preetz war um seine Aufgabe nicht zu beneiden, zumal ja gefühlt die halbe Bundesliga “The Next Nagelsmann” suchte. Dass sich der Lange selbst in diese Situation hineinmanövriert hatte, geschenkt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ein echter Aufschrei durch die Fanbase ging, als das Ende der Trainer-Ära von Pal Dardai verkündet wurde. Ein bisschen Traurigkeit, ja. Aber nur, weil Dardai dieser manchmal sehr eigentümliche Kauz mit dem ungarischen Herzen auf der Zunge ist. Und nicht, weil er mit seinem begeisternden Fußball alle überzeugt hatte.

Dardais Aufgabe war ja von Beginn klar definiert: Hertha stabilisieren. Dafür bekommt er auf seinem Abschlusszeugnis eine 1+ mit Sternchen. Mehr Stabilität geht nicht, als die, die Dardai diesem Klub in seinen viereinhalb Jahren eingeimpft hat. Es hätte schon einen feuerspeienden Drachen gebraucht, um Dardais Team von seinem sicheren Bergfried zu stoßen. Seine Punkte hat er immer frühzeitig gesammelt und dass sich die Fans (mich eingeschlossen) über schwache Rückrunden echauffierten, liegt natürlich allein daran, dass Fußballfans nach wie vor schnell vergessen. So eine Rückrunde wie Dardais erste, als Hertha erst am letzten Spieltag mit einer Niederlage in Hoffenheim und nur aufgrund eines (!) mehr erzielten Tores in der Liga blieb, will sicherlich niemand eintauschen gegen das, was Dardai danach ohne die großen finanziellen Mittel aufs Parkett zauberte.

Champions-League-Trainer ohne Champions-League-Mannschaft

Jetzt darf der nächste ran. Und, das muss man Preetz lassen, er hat mit der Hochstufung des ehemaligen U15-, U19- und U23-Trainers Ante Covic, mehrere Baustellen auf einmal geschlossen, dass man schon unken könnte, dass er bald in Schönefeld vorstellig wird.

Da ist zum einen die in der aktuellen Saison stark gestiegene Erwartungshaltung, die mit der Verpflichtung eines Trainers wie André Villas-Boas in Sphären gestiegen wäre, die die der Fans von Game of Thrones bezüglich der letzten Staffel noch übertrifft. Der Portugiese wäre zudem vor allem eine Verpflichtung für die Außendarstellung des Klubs gewesen: Seht her, wir haben einen Champions-League-Trainer geholt. Hertha hätte in den Schlagzeilen gestanden, wäre mal wieder international beachtet und vielleicht auch mal kurz wieder bewundert worden. Doch da Champions-League-Trainer Villas-Boas keine Champions-League-Mannschaft vorgefunden hätte, war es schon gut so, dass er am Ende wohl zu teuer war. Ante Covic dagegen ist im Vergleich dazu eine Lösung, die im Rest der Welt nur eine Randnotiz unten links auf der Zeitungsseite war. Ante wer? Ach, ein zweiter Dardai. Alles klar. Hertha bleibt sich treu. Und an dieser Stelle sollten alle Hertha-Fans mal kurz darüber nachdenken, ob das nicht das Beste an der ganzen Nummer ist.

Foto: Holde Schneider/Bongarts/Getty Images

David Wagner wäre nämlich auch so einer gewesen, dem man schon qua seiner Vita keine Fehler verziehen hätte. Der war doch mal bei Schalke. Und der mit dem Wunder von Huddersfield im Gepäck – also der Geschichte, dass er mit einer völlig unterdurchschnittlichen Mannschaft in die Premier League aufgestiegen ist und sich dort sensationell gehalten hat – gestartet wäre. Das hätte ebenfalls für eine Erwartungshaltung gesorgt, die er einfach nicht hätte erfüllen können. Ante Covic dagegen ist erstmal ein unbeschriebenes Blatt. So leer wie das Olympiastadion ab 2025 – also bestimmt. Erwartungen an ihn? Die werden sich erst im Laufe der Saison entwickeln. Er hat schließlich noch keine Wunder vollbracht, soll mit der U23 lediglich guten Fußball gespielt haben. Er findet allerdings womöglich eine Profi-Mannschaft vor, die von Wundern so weit entfernt ist, wie Hertha von einer Einigung mit der Baugenossenschaft.

Investitionen müssen sitzen

Denn das ist ja die dritte Wahrheit der Verpflichtung von Ante Covic: Hertha ist nach wie vor – und erst recht nach dem Rückkauf der Anteile von KKR – kein Klub, der mit Geld um sich werfen kann, sondern einer, dessen Investitionen weiterhin sitzen müssen, um Erfolg zu haben. Und wenn Michael Preetz von einer Investition nicht überzeugt ist, dann lässt er sie lieber liegen und gibt einem eine Chance, der bislang noch keine hatte. Das kann man öde finden oder bodenständig. In jedem Fall ist es angesichts der Finanzsituation richtig.

Hinzukommt, dass Covic eine echte Verbesserung zu allem ist, was Preetz vorher so geholt hat. Oder will ernsthaft jemand nochmal einen Typ Markus Babbel? Michael Skibbe? Friedhelm Funkel? Otto Rehhagel?

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Ich habe jetzt ein paar Tage Zeit gehabt, um über den Trainer Ante Covic nachzudenken. Ich habe alle Texte gelesen, mir alte und neue Videos angeschaut. Ich habe versucht, mich in die Mannschaft hineinzuversetzen: Wie nimmt sie seine Verpflichtung auf? Kann er, der doch eigentlich noch nichts erreicht hat, mit diesen zum Teil sehr abgezockten Jungs umgehen (ich schaue da vor allem dich an, Vedad Ibisevic!)? Wird er Erfolg haben, obwohl er möglicherweise einen schwächeren Kader vorfindet, als Dardai momentan? Und was wäre dann ein Erfolg? Nochmal Platz 10? Europa? Oder einfach eine attraktivere Spielweise?

Kommunikation ist alles

Vieles wird wegen dieser vielen Unwägbarkeiten darauf ankommen, wie er kommuniziert. Intern wie extern. Ersteres kann ich nicht beurteilen, letzteres Dank der vielen Videos im Netz schon. Und da scheint Covic durchaus zu wissen, welche Knöpfe er drücken muss, um beim Publikum anzukommen. Seine Pressekonferenzen nach den Spielen der U23 sind durchaus witzig, er findet oft die richtigen Worte, spricht aber auch klar an, wenn ihm etwas nicht gepasst hat. Allerdings ist die Fallhöhe auf diesem Niveau natürlich deutlich geringer. Wenn er in der Bundesliga einen Schiedsrichter so angehen würde, wie hier nach dem 1:3 gegen Chemnitz, wäre er sicher schnell ein Wochengehalt los.

Eine Unbekannte ist für mich noch der neue Co-Trainer Mirko Dickhaut. Diese Position war unter Dardai ja eine sehr wichtige, Rainer Widmayer hat – so kam es jedenfalls stets rüber – einen sehr besonderen Zugang zur Mannschaft gehabt, gefühlt durchaus auch als Gegenpol zum manchmal knurrigen Chef. Von Dickhaut, der mit Covic zusammen die Trainerlizenz gemacht hat, habe ich bis auf ein Video wenig Aktuelles gefunden, was ja erstmal normal ist, wenn man 2017 zuletzt in Führt aktiv an der Linie stand. Sich daraus ein Urteil zu bilden, ist allerdings schwierig. Außerdem sucht Hertha ja noch nach einem weiteren Zuarbeiter für Covic.

Vorfreude steigt

Aber je mehr ich mir von Ante Covic und über Ante Covic anschaute, desto mehr stieg die Vorfreude auf ein erstes Trainerjahr mit diesem Typen, der wirklich Herthaner ist, der nicht auf die Idee kommen wird, beim ersten echten Gegenwind sofort hinzuschmeißen (ich schaue dich an, Lucien F.!) oder bei dem man das Gefühl hat, dass er eigentlich gar nicht da sein möchte (stimmt, Markus B.?).

Vielmehr ist da eine gewisse Hoffnung, dass es vielleicht wieder klappen könnte mit einem Eigengewächs. Dass das das neue Ding von Hertha werden könnte und wir hinterher alle drüber lachen können, dass wir ernsthaft daran gezweifelt haben, ob (T)ante Covic unsere Alte Dame gut behandeln würde.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

[Eine Kolumne von Daniel Otto]

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Hertha BSC erlebt derzeit turbulente Zeiten – nicht nur wegen den Querelen, ob und wo das neue Stadion hinkommen soll. Auch bei der sportlichen Leitung stehen Umbrüche an, denn Co-Trainer Widmayer wird gehen. Auch diese Herausforderung muss Michael Preetz bewältigen.

Bereits länger offiziell: Co-Trainer Rainer Widmayer wird Hertha BSC zum Saisonende verlassen und zu seinem Heimatverein VfB Stuttgart wechseln. Sicherlich ist der Abgang von Widmayer mit seinen Fähigkeiten im taktischen Bereich ein Verlust. Er kann jedoch auch eine Chance für die Berliner sein. Hier muss Manager Michael Preetz einen geeigneten Nachfolger finden, der dem Trainerteam und damit der Mannschaft neue Impulse gibt und so die Entwicklung vorantreibt. Doch kann Michael Preetz Co-Trainer aussuchen?

Die derzeitige sportliche Situation ist enttäuschend

Nach der 5:0 Klatsche gegen Leipzig herrscht bei Hertha BSC große Ernüchterung. Das (heimliche) Ziel Europa ist in fast unerreichbare Weite gerückt und auch der aktuelle Trend (nur ein Sieg aus den letzten fünf Spielen) enttäuscht. Das Saisonziel “einstelliger Tabellenplatz” ist nur noch mit viel Mühe und Anstrengung zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Berliner einstellig abschließen, liegt zusammengerechnet bei 13%.

Tabelle von Goalimpact

In Reaktion auf die desaströse Niederlage gegen Leipzig hat Manager Michael Preetz an der Mannschaft Kritik geübt, aber auch gegenüber Pal Dardai die Zügel angezogen. Gegenüber dem Kicker sagte er:

Den vom Coach gern geäußerten Verweis auf die Zukunft (“Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, kann etwas entstehen.”) kontert Preetz: “Im Moment ist die Mannschaft zusammen. Da darf gern jetzt mehr kommen.” 

Bereits in der Winterpause – in Reaktion auf eine desolate Leistung in Leverkusen (1:3) – hat Preetz Dardai angezählt und ein besseres Abschneiden in der Rückrunde als in den vergangenen Jahren gefordert:

Den Namen Pal Dardai nannte der Manager nicht. Aber der Trainer sollte sich ebenfalls angesprochen fühlen. Für Einstellung und Fokussierung zu sorgen, ist elementarer Teil des Trainer-Handwerks. Das Verletzungspech, das Hertha zweifellos geplagt hat, lässt Preetz nur zum Teil gelten. […] Dann nimmt Preetz sowohl den Trainer als auch die Mannschaft in die Pflicht: „Wir sollten auch mal den Beweis antreten, dass wir in der Lage sind, eine bessere Rückrunde als Hinrunde zu spielen.“ Hintergrund: Hertha hat unter Pal Dardai in allen drei ­Saisons auf eine gute Hin- eine ­schwächere Rückserie ­folgen lassen.

Nicht nur neuer Co- sonder auch neuer Cheftrainer?

Bislang konnte der Trainer und die Mannschaft in der Rückrunde nicht vollends überzeugen. Es ist auch mehr als fraglich, ob in den verbleibenden Spielen, in denen es für die Herthaner um nichts mehr geht, noch die große Trendwende geschafft wird. So ist überaus wahrscheinlich, dass Hertha BSC sportlich enttäuscht die Saison 2018/19 abschließen wird.

Der Super-GAU wäre jedoch, wenn die Mannschaft die verbleibenden sieben Spiele komplett abschenken würde. Sicherlich bieten sich die restlichen Partien dafür an, jungen Spielern Einsatzzeiten zu geben, aber darunter darf nicht der sportliche Erfolg leiden. Unter anderem geht es noch gegen Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Augsburg – Gegner bei denen Hertha BSC den Anspruch haben muss, zu gewinnen. Schafft es Dardai nicht, die Saison ordentlich und gesichtswahrend zu Ende zu bringen, könnte auch er – trotz Vertragsverlängerung im Dezember 2019 – in Frage gestellt werden.

In der Bundesliga kann immer alles passieren

Es gibt also die (aktuell sehr unwahrscheinliche) Möglichkeit, dass Michael Preetz am Ende der Saison nicht nur einen neuen Co-Trainer, sondern unter Umständen auch einen neuen Cheftrainer suchen muss. Das in der Bundesliga die komischsten Sachen passieren können, sieht man derzeit sehr gut bei Borussia Mönchengladbach, wo Dieter Hecking zum Saisonende gehen muss. Bevor aber voreilig ein Trainerwechsel auch bei Hertha BSC gefordert wird, sollte man sich anschauen, wie gut Michael Preetz überhaupt im Bereich “Trainerauswahl” ist.

Bislang hat Preetz neun Trainer eingestellt. Davon waren drei (Karsten Heine, Rainer Widmayer und René Tretschok) nur interimsweise eingesetzt. Sechs Cheftrainer hat Preetz bislang berufen und seine Erfolgsquote dabei kann durchaus als durchwachsen bezeichnet werden.

Funkel – unangefochten in den Abstieg

Nachdem Lucien Favre im September 2009 überraschend sich selbst entließ, holte Preetz Friedhelm Funkel, um die arg abstiegsgefährdeten Berliner zu retten. Funkel war insgesamt 270 Tage im Amt, hat die Berliner 33 Spielen (Liga und Europa League) betreut und dabei in der Bundesliga im Schnitt 0,94 Punkte pro Spiel geholt. Trotz sportlicher Talfahrt konnte Preetz sich nicht zu einem erneuten Trainerwechsel durchringen und hielt an Funkel fest. Konsequenz war dann der Abstieg als Tabellenletzter.

Funkel konnte den Abstieg nicht verhindern (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Babbel – sportlich erfolgreich, privat fraglich

Um einen Neustart in der 2. Bundesliga zu garantieren, wurde dann zur neuen Saison Markus Babbel geholt. Der damals noch junge Trainer war zuvor nur beim VfB Stuttgart als Co- und dann Cheftrainer tätig. Preetz ist mit dieser Personalie durchaus ins Risiko gegangen. Dies hatte sich jedoch gelohnt, da Babbel Aufbruchstimmung verbreitete und mit der Mannschaft den sofortigen Wiederaufstieg schaffte. Die Zusammenarbeit endete jedoch abrupt im Dezember 2011, kurz vor einer eigentlich schon sicheren Vertragsverlängerung. In Reaktion auf den Vorwurf der Lüge entließt Preetz den Trainer kurzerhand. Trotz eines wohl bewegten Privatlebens war Babbel mit den Berlinern sportlich durchaus erfolgreich. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung stand Hertha BSC als Aufsteiger auf einem soliden 11. Tabellenplatz mit vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. Insgesamt erzielte Babbel in seiner Amtszeit einen Punkteschnitt von 1,87.

Schaffte den direkten Wiederaufstieg: Markus Babbel (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Skibbe – kurz und schmerzvoll

Als Nachfolger von Babbel holte Preetz dann in der Winterpause “im Alleingang” Michael Skibbe. Preetz zahlte für Skibbe sogar eine Ablöse in Höhe von 250 000 Euro an den türkischen Klub Eskisehirspor. Der Gelsenkirchener konnte bis dahin eine solide Trainerkarriere ohne große Erfolge (Vize-Weltmeister 2002 als Co-Trainer und Türkischer Supercupsieger 2008 mit Galatasaray Istanbul) vorweisen. Als Vereinstrainer war er unter anderem bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt tätig, wurde dort jedoch jeweils entlassen.

Michael Skibbe war bereits nach sechs Woche nicht mehr Trainer bei Hertha BSC (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Die Zeit bei Hertha BSC endete für Michael Skibbe bereits im Februar nach nur fünf Spielen. In vier Liga- und einem Pokalspiel kassierten die Berliner unter Skibbe nur Niederlagen. Preetz hatte hier aus der Abstiegssaison 2009/10 und dem zu langem Festhalten an Friedhelm Funkel gelernt und im Winter 2012 umso früher die Reißleine gezogen. Doch obwohl Preetz schnell handelte, kam damals Kritik am Manager auf. Ihm wurde vorgeworfen, dass er weder “Kenntnis der Branche noch [eine] stringente Strategie” habe.

Rehhagel – betreutes Absteigen

Um die Saison zu retten und das Minimal Klassenerhalt zu erreichen, wurde Trainer-Legende Otto Rehhagel (damals 73 Jahre alt) reaktiviert. Zu diesem Zeitpunkt war “König Otto” bereits zwei Jahre im Ruhestand und hatte seit zwölf Jahren keine Vereinsmannschaft mehr trainiert. Von 2001 bis 2010 hatte er die griechische Nationalmannschaft trainiert und dabei im Jahr 2004 wohl eines der größten Fußballwunder vollbracht: den Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland.

War in Berlin kein König mehr: Otto Rehagel (Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/GettyImages)

Mit Hertha BSC gelang Rehhagel – unterstützt vom Co-Trainergespann René Tretschok und Ante Covic – jedoch kein erneutes Fußballwunder. Die Saison endete im größten Schockerlebnis der jüngeren Hertha-Geschichte: der Abstieg in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf. Rehhagel holte in 14 Spielen nur drei Siege, drei Unentschieden und kassierte 8 Niederlagen (Punkteschnitt 0,86).

Luhukay – sicher und einfach

Nach dem Abstieg brauchte Hertha BSC dann wieder einen neuen Trainer. Diesen fand Preetz in Person von Jos Luhukay. Der Niederländer hatte zuvor in Augsburg seinen Vertrag gekündigt. Mit Luhukay konnte Preetz die lang ersehnte Kontinuität auf der Trainerposition herstellen – insgesamt 949 Tage war er bei Hertha BSC im Traineramt. Jos Luhukay hatte zuvor bereits mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg den Aufstieg in Liga 1 geschafft. Dies gelang ihm auch in Berlin.

Vor Dardai war Jos Luhukay der Trainer mit der längsten Amtszeit unter Preetz (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Auch in seiner ersten Bundesligasaison konnte Luhukay überzeugen. Er führte die Berliner mit einfachen taktischen Mitteln und einem Punkteschnitt von 1,21 pro Spiel auf einen soliden 11. Tabellenplatz am Ende der Saison. In seiner dritten Saison mit Hertha ging es sportlich allerdings bergab. Luhukays erfolgreicher Ansatz war mittlerweile von den Ligakonkurrenten entschlüsselt. Er konnte der Mannschaft auch im Wintertrainingslager 2015 keine neuen Impulse mehr geben. Luhukay holte in dieser Saison nur noch 0,95 Punkte pro Spiel. Es wurde schließlich am 19. Spieltag von Preetz entlassen, als Hertha auf einen direkten Abstiegsplatz abgerutscht war und in den ersten beiden Rückrundenspielen keinerlei spielerische Entwicklung deutlich wurde.

Dardai – von der Interims- zur Dauerlösung

Als kurzfristigen Ersatz nahm Michael Preetz dann den damaligen U15-Nachwuchstrainer Pal Dardai in die Pflicht. Dardai sollte die verunsicherte Mannschaft übernehmen und stabilisieren. Die Wahl von Vereinslegende und Rekordspieler Dardai war für Preetz durchaus riskant. Der junge Trainer hatte noch nicht einmal sein Trainerdiplom, weswegen ihm der erfahrene Rainer Widmayer an die Seite gestellt wurde. Ebenso war der Ungar auch noch nebenbei als Nationaltrainer seines Heimatlandes beschäftigt. Doch Dardai lieferte ab und verhinderte hauchdünn den Abstieg. Insgesamt schaffte er es, den schlingernden Verein in der Bundesliga fest zu verankern und mit geringen finanziellen Mitteln eine junge Mannschaft mit vielen Talenten und Eigengewächsen zu formen. Dardai baute kontinuierlich den Kader um, indem er Spielern, die er nicht mehr brauchte, rigoros den Abschied nahe legte. Seit Amtsantritt kommt Dardai in der Liga auf einen Schnitt von 1,39 Punkte pro Spiel. Nach Helmut Kronsbein und Jürgen Röber ist Dardai der Trainer mit der drittlängsten Amtszeit.

Seit 2015 sagt Dardai bei Hertha BSC wo es lang geht (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Dardai war für Preetz ein Glücksfall, denn der Erfolg des Duos Dardai/Widmayer war nicht vorhersehbar. Mit dem Ungarn herrscht seit vier Jahren Kontinuität auf der Trainerposition. Dabei ist der Trainer Dardai nicht mehr der gleiche wie 2015. Er hat es immer wieder durch seine Lern- und Wandlungsfähigkeit geschafft, sich weiterzuentwickeln. Dadurch konnte er auch immer wieder dem Team neue Impulse geben. So spielt Hertha BSC seit dieser Saison öfters mit Dreierkette und zeigt sich taktisch variabler, als in den vergangenen Spielzeiten. Sollte Dardai irgendwann an das Ende seiner Entwicklung als Trainer gelangen und deswegen dem Team keine neuen Impulse mehr geben können, droht der Stillstand. Und Stillstand ist im umkämpften Geschäft der Bundesliga quasi mit Rückschritt und Misserfolg gleichzusetzen.

Die Trainerbilanz von Preetz ist ausbaufähig

Sollte Preetz zu der Einschätzung kommen, dass Dardai am Ende seiner Entwicklung ist oder die aktuelle Saison in einem Desaster enden oder Dardai von selbst das Traineramt aufgeben, dann müsste ein neues Trainergespann gefunden werden. Die Suche wäre vornehmlich die Aufgabe von Preetz. Der Manager hat in solchen Situationen bislang ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Dabei ist seine Erfolgsbilanz eher gemischt. Zwei Mal konnte Preetz mit seinen Trainerentscheidungen nicht den Abstieg verhindern. Dafür hat er den direkten Wiederaufstieg mit zwei klugen (und teilweise mutigen) Besetzungen gesichert.

Preetz musste – oder durfte – bislang noch nie einen Trainer verpflichten, der in der ersten Liga den nächsten Entwicklungsschritt in einer weitgehend gefestigten Mannschaft vollziehen soll. Bislang hat er nur in Krisensituationen Trainer verpflichtet oder wenn es um den Neustart in der zweiten Bundesliga ging.

Kein gutes Auge für Trainer? (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Bei den Trainer-Entscheidungen gab es immer wieder Kritik, dass es Preetz an “Kenntnis der Branche [und einer] stringenten Strategie” mangelt. Inwieweit dies 2019 immer noch zutrifft, ist fraglich. Allen Trainerentscheidungen ist jedoch gemein, dass sie nicht im Lichte einer von der sportlichen Führung vorgegebenen Ausrichtung oder Spielidee getragen wurden. Alle Trainer konnte ihre eigenen Vorstellungen einbringen und bekamen auch die jeweils gewünschten Spieler. Dies wurde insbesondere unter Babbel, Luhukay und Dardai deutlich.

Vor der (Co-)Trainerfrage sollten andere Fragen beantwortet werden

Bevor also die Fragen diskutiert werden, ob Pal Dardai noch der richtige Trainer ist und wer als Nachfolger von Co-Trainer Rainer Widmayer am besten geeignet wäre, müssten zunächst auf der strategischen Ebene einige Fragen diskutiert und beantwortet werden. Welche Art von Fußball will Hertha BSC spielen? Darf es pragmatisch sein oder soll das Team offensiv-mitreißend spielen? Was ist die Anspruchshaltung des Vereins? Möchte Berlin nur Ausbildungsverein und Sprungbrett für potentielle Nationalspieler sein oder zukünftig auch mal Leistungsträger langfristig halten?