Vorschau: Herthas theoretische Chance auf den Auswärtssieg in München

Vorschau: Herthas theoretische Chance auf den Auswärtssieg in München

Am Sonntagabend reist Hertha BSC nach München in die Allianz Arena, um dem FC Bayern weitere Punkte im Kampf um die neunte Meisterschaft in Folge zu klauen. Wir gehen unseren Vorbericht zu diesem Spiel mal anders an und überlassen Justin Kraft, Autor beim FC-Bayern-Blog Miasanrot.de, die Bühne. Er analysiert, wie der alten Dame ein Auswärtssieg in München gelingen kann.

Jahrelang galt die Reise nach München bei vielen Hertha-Fans als Sonderurlaub. Mal eben den einen oder anderen Biergarten mitnehmen und Teile der Stadt ansehen, anschließend eine Packung in der Allianz Arena abholen und wieder die lange Reise zurück in die Hauptstadt antreten. Zehn Heimspiele in Folge gewann der FC Bayern, teils sogar sehr deutlich. Der letzte Bundesliga-Sieg in München gelang Hertha im Jahr 1977 – einer von insgesamt zwei Erfolgen dort.

In der Allianz Arena gab es also noch keinen Sieg. Aber, und das macht die Reise diesmal vielleicht sogar lohnenswerter, in den letzten Jahren holte Hertha zumindest zwei Unentschieden aus drei Gastauftritten. 0:0, 0:1 und 2:2 lautet die Bilanz aus Sicht der Berliner. Nicht so schlecht, wenngleich gerade beim letzten Aufeinandertreffen auch einiges an Glück nötig war.

Die Vorzeichen auf einen weiteren Achtungserfolg stehen womöglich gar nicht mal so schlecht. Hertha wird nicht auf die übermächtigen Bayern treffen, die nach der Niederlage gegen Gladbach im Dezember 2019 nahezu jeden Gegner kurz und klein schossen. Sie treffen auf ein Team, das zuletzt etwas ins Straucheln geriet – wenn auch auf sehr hohem Niveau.

Der Rückblick zeigt: Bayern ist nicht unverwundbar

Schon gegen Sevilla deutete sich im UEFA-Supercup an, dass die Pause zwischen Champions-League-Finale und Saisonstart wahrscheinlich zu kurz gewesen ist. Kein Wunder also, dass die Münchner sich sehr darum bemühten, den eigentlichen Auftakt im Pokal gegen den 1. FC Düren zu verschieben. Eine Woche mehr, so wohl die Idee, würde die Köpfe nochmal frei machen. Das beeindruckende 8:0 gegen völlig desolate Schalker schien diesen Gedanken zu bestätigen: Die Angst vor einem weiteren Durchmarsch der Bayern wurde für viele zur Gewissheit. Wer soll diese Mannschaft denn überhaupt aufhalten?

Foto: IMAGO

Sevilla war nah dran, schaffte es aber ebenfalls nicht. Was für die Bundesliga aber blieb, war der aggressive, kompakte und zugleich spielerisch überzeugende Ansatz der Spanier, der die Bayern nicht nur vor Probleme stellte, sondern ihnen innerhalb der 120 Minuten alles abverlangte. Sevilla verteidigte in einem sehr engen 4-3-3, das die bayerische Schaltzentrale um Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller aus dem Spiel nehmen sollte. Die Außenverteidiger der Bayern ließ die Mannschaft von Julen Lopetegui bewusst etwas offen, um bei einer Spieleröffnung auf sie sofort zupacken zu können. Gerade Benjamin Pavard konnte so zu einigen Fehlern gezwungen werden.

Nach rund 20 Minuten und Rückstand gelang es den Bayern aber zunehmend, die Kontrolle an sich zu reißen. Das Mittelfeld kam nun mit dem Pressing des Gegners zurecht, insbesondere der nun tiefer agierende Müller und Kimmich lösten zunehmend Situationen auf, wodurch Bayern auch zu Chancen kam, die größtenteils ungenutzt blieben.

Bayerns Spieleröffnung gilt es zu stören

Sevilla kam nur noch selten vor das Tor der Bayern, kurz vor Schluss durch eine Unaufmerksamkeit der Bayern aber fast entscheidend. Diese Unaufmerksamkeiten sollten sich wenige Stunden später dann gegen Hoffenheim häufen. Mit den 120 intensiven Minuten gegen Sevilla in den Beinen, vor allem aber der extremen Belastung im Kopf, gelang es den Münchnern nicht, die notwendige Präzision auf den Platz zu bekommen. Hoffenheim nutzte das gnadenlos aus. Hoeneß stellte seine Mannschaft optimal auf den Serienmeister ein: In einem 5-3-2 verschlossen die Hoffenheimer ebenso wie Sevilla das Zentrum und erzwangen Spieleröffnungen auf die Außenverteidiger, die dann durch ein kompaktes Herausschieben der gesamten Mannschaft angegriffen wurden. Wieder zeigte sich Pavard als Schwachstelle, aber auch Davies ließ sich zu Ballverlusten hinreißen.

Der große Vorteil im Vergleich zu Sevillas Ausrichtung lag aber in der Breitenverteidigung. Bayerns Seitenverlagerungen blieben oft nutzlos, weil die Fünferkette schnell genug am Gegenspieler war. Entscheidend dafür war aber auch die Dreierreihe im Mittelfeld. Mit sehr viel Laufarbeit, hoher Intensität und taktisch kluger Positionierung gelang es ihnen, einerseits die ballnahen Räume zu schließen, gleichzeitig aber auch schnell in ballferne Räume zu verschieben, wenn der Ball verlagert wurde.

Flick gab nach der Partie anerkennend zu, dass Hoffenheim schlicht exakt die Räume verteidigt hat, die sein Team bespielen wollte. Welche Räume sind das aber vor allem? Im Spielaufbau muss es dem Gegner gelingen, vor allem Kimmich einzuschränken – einerseits durch hohen Druck, andererseits durch die Verteidigung seiner direkten Anschlussoptionen. Rückpass, Balleroberung oder Fehlpass sind die einzigen Optionen, die dem Gegner hier helfen. Kann Kimmich aufdrehen oder gar andribbeln, ist es schon zu spät.

Einfach wird es trotz der Blaupause Hoffenheim nicht

Ist das Zentrum zu dicht, bleiben die beiden Außenverteidiger als kurze Option. Hier hat sich gerade Hoffenheim sehr klug verhalten, indem sie leicht diagonal angelaufen sind. Dadurch fehlte es Pavard und Davies jeweils an Optionen im Halbraum oder in der Spielfeldmitte. Normalerweise sind beide auf ihre Art sehr pressingresistent. Pavard löst Situationen gern über kurze Dribblings oder sein gutes Passspiel und Davies ist vor allem über seine langen Dribblings und mit Doppelpässen gefährlich. Spielt Hernández links, ist er quasi eine Mischung aus beiden. Auch er kann dribbeln, ist zusätzlich aber auch gut darin, mit Pässen den Druck aufzulösen.

Foto: IMAGO

Diese Souveränität ging den Bayern zuletzt ab, weil einerseits der Druck der Gegner hoch war, andererseits aber auch die Form insbesondere bei Pavard, aber auch bei Davies nicht optimal zu sein scheint. Hertha kann das mit klugen Pressingbewegungen durchaus für sich nutzen, muss dann aber beim Herausschieben darauf achten, die Balance aus höherem Druck und einer gut organisierten Abwehrreihe zu halten. Schiebt die Abwehr nicht gut genug mit, öffnen sich zwischen den Linien Räume, die Bayern nahezu perfekt bespielen kann. Die Offensivspieler sind unglaublich laufintelligent, wissen exakt zu jedem Zeitpunkt, welche Zonen sie wie öffnen und erlaufen können.

Auch hier kann Hertha von Hoffenheim lernen: Die Hoeneß-Elf stand selbst bei höherem Pressing sehr kompakt. Alle Verteidiger schoben gut mit raus, achteten zugleich aber auf die gefährlichen langen Bälle der Münchner. Schalke beispielsweise lief teilweise komplett ins offene Messer, öffnete den schnellen Angreifern nicht nur die Türen und Fenster, sondern gleich alle Wände. Hoffenheim hingegen agierte hellwach und klug. Dieser Ansatz bedarf einer hohen Intensität bei gleichzeitig hoher Konzentration und Aufmerksamkeit – einfach geht anders, aber es ist eben ein Spiel gegen den Champions-League-Sieger.

Gelingt Hertha der ganz große Wurf?

Zusammenfassend muss Hertha also im Aufbauspiel sowohl Zentrum als auch Außenverteidiger unter Druck setzen, gleichzeitig die individuelle Klasse der Spieler sowie gefährliche Pässe zwischen die Linien verteidigen und auf hohe Bälle hinter die eigene Kette achten. Dann haben sie zumindest eine gute Chance auf Ballgewinne.

Doch so aussichtslos es scheint, dass eine Mannschaft all das schafft, so sehr dürfte es Hoffnung machen, dass die Bayern ihren Gegnern zuletzt nicht selten in die Karten spielten und sie bei diesem Vorhaben unterstützten. Kommt also etwas Glück hinzu, kann Hertha wohl auf den einen oder anderen guten Ballgewinn hoffen. Die Frage wird dann sein, ob sie es wie Hoffenheim schaffen, mit wenigen Kontakten zwei, drei Spieler ins Laufen zu bekommen. Hier dürfte die ganz große Hoffnung wahrscheinlich auf Matheus Cunha liegen, der mit seinen technischen Fähigkeiten dafür prädestiniert ist, der Schlüssel gegen Bayerns intensives Pressing zu sein.

Die Chance für Hertha ist an einen hohen theoretischen Anteil geknüpft. Wenn Hertha über sich hinauswächst, wenn Bayern ihnen etwas unter die Arme greift, weil sie zuletzt eine zu hohe Belastung auf mentaler und physischer Ebene hatten und wenn dann noch das Spielglück passt, dann ist ein Unentschieden, vielleicht sogar der große Wurf zum dritten Bundesliga-Erfolg in München möglich. Der einzige Wermutstropfen wäre dann, dass es diesmal keinen Sonderurlaub für Hertha-Fans in München gibt, bei dem man zumindest ernsthaft darauf hoffen darf, dass man erneut ein bisschen mehr mit in die Hauptstadt nehmen kann als Erfahrung.

[Titelbild: IMAGO]