Lucky Number 7?

Lucky Number 7?

Neues Geld, alter Alptraum? Durch das 777-Partners Investment ist Herthas Zukunft gesichert. Aber zu welchem Preis? Beginnt jetzt der Ausverkauf der Bundesliga. Nein. Der ist nämlich schon längst abgeschlossen

New money, old problems

Es ist vollbracht. Die Ära Windhorst ist beendet. Doch zu welchem Preis? Auch, wenn der „Big City Club“ inzwischen offiziell zu Grabe getragen wurde: Der Einstieg von 777 Partners vermag es nicht die Zeit zurück zu drehen. Mit dem Verkauf von weiteren Anteilen, einer kräftigen Finanzspritze, und der Einbettung in ein internationales Vereinsnetzwerk, scheint Hertha Pest gegen Cholera getauscht zu haben. Lauert auf der anderen Seite des Atlantiks die finale Transformation zum viel geschimpften Investoren-Club?

Tweets wie der von Netzwerk-Partner Genoa CFC, lassen nichts Gutes erahnen.

Hinzukommt, dass 777 Partners — so wird kolportiert — bereits aktiv Einfluss auf Herthas Transferpolitik genommen haben soll, indem Sie dem FC Augsburg einen netzwerkinternen Ersatz für Florian Niederlechner zugeschustert haben, und so den Weg für Herthas Winterneuzugang bereitet haben. Vereine, die sich durch Vermittlung von Geldgebern Spieler hin und herschieben. Auch ohne maliziöse Absichten, liegt die Assoziation mit dem RedBull-Konglomerat nahe.

Die Turbulenzen um Hertha und Lars Windhorst scheinen wie eine Entblößung der dysfunktionalen Maschinerie des kommerziellen Profifußballs. Es zeigt sich einmal mehr, dass Geld keine Tore schießt. Nur Tradition und Nachhaltigkeit bringen Erfolg. Der Sport hat gesiegt; das Kapital verloren. Durch das frische Geld von 777 Partners droht allerdings das Rematch.

Wie so oft lohnt sich eine differenzierte Betrachtungsweise. Zunächst die Fakten: Hertha hat trotz Millioneninvestment keinen sportlichen Erfolg. Das Geld wurde ohne Strategie verpulvert. Aus diesem Blickwinkel haben die Kritiker:innen recht. Man darf aber nicht den Fehler begehen, das fehlgeschlagene Investment als Beweis einer Fußballromantik zu sehen, die nur Bier, Bratwurst, und keine Montagsspiele kennt. Das fehlgeschlagene Hertha-Investment wurde von vielen Seiten mit Häme und Genugtuung aufgenommen. Das vom Himmel herabfallende Geld hatte das Potential, disruptiv zu sein, die Wettbewerbsfairness zu attackieren und das Fundament des Sports ins Wanken zu bringen. Alles wahr. Wenn es nicht schon längst so wäre.

Objektiv subjektiv gesehen

Der Standpunkt, von dem aus Herthas Scheitern goutiert wird, steht nicht außerhalb des Kommerzes. Im Gegenteil. Er liegt mittendrin. Ist sogar auf ihn angewiesen. Dabei scheint es doch so einfach! Auf der einen Seite der größenwahnsinnige alte Dame, die sich einen monetär potenten, aber sportlich impotenten Investor angelacht hat. Dem gegenüber steht die unschuldige Bundesliga, die Tradition des Vereins und des Sports, das sich von den Arbeitervierteln Englands in die ganze Welt ausgebreitet hat.

Auch wenn die Tennor-Millionen einen Einblick in die kommerziellen Abgründe des modernen Fußballs gewährt haben: Diese Abgründe taten sich nicht einfach so vor Hertha auf. Stattdessen steht der Fußball seit Jahrzehnten auf einer allzu dünnen und bunt bemalten Spanholzplatte, die Marketingprofis und Funktionäre sorgsam über das ausgehöhlte Fundament des schönen Spiels gelegt haben.

(Photo by Cathrin Mueller/Getty Images)

Das sich die Kapitalinteressen an Hertha die Zähne ausgebissen haben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die gleichen Interessen sind, die ein vermeintlich homogenes Feld konstituiert haben, aus dessen Perspektive heraus das Scheitern des Kommerzes, aber nicht der Kommerz selbst empörend ist. Einfach gesagt: Eine Verwirbelung der Wasseroberfläche wird nur dann als störend erlebt, wenn es Kräfte gibt, die das Wasser ruhig und an Ort und Stelle halten.

Diese Gedanken gehen zurück auf die Ausführungen des Philosophen Slavoj Žižek zum Thema Gewalt:

„Subjektive Gewalt wird als solche vor dem Hintergrund einer Nullebene erfahren, auf der es keine Gewalt gibt; als Störung der »normalen«, friedvollen Ordnung der Dinge. Objektive Gewalt wiederum ist unsichtbar, da sie gerade diese Nullebene aufrechterhält, vor der wir etwas als subjektiv gewalttätig erfahren. Demzufolge verhält es sich mit der systemischen Gewalt wie mit der berüchtigten »Dunklen Materien in der Physik. Sie ist das Gegenstück zur nur allzu sichtbaren subjektiven Gewalt. Sie mag zwar unsichtbar sein, muss aber trotzdem berücksichtigt werden, will man verstehen, was sonst nur als »irrationaler« Ausbruch subjektiver Gewalt erschiene.“ – (Žižek, 2011, S. 10)

Tradition hat ihren Preis

Weil es Gefahr läuft, sich an der Tradition des Fußballs zu versündigen, ist das Tennor/777-Investment, durchaus als ein „subjektiver“ Gewaltausbruch zu werten. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese krass zu Tage tretenden finanziellen Interessen vor dem Hintergrund der systemischen und „objektiven“ Gewalt bewertet werden müssen. Es ist eben genau diese strukturelle Ebene, die aus dem Fußball und seiner Tradition ein gewaltiges Hochglanzprodukt erschaffen haben.

Sponsoren, Rechtevermarktung, Fremdkapital, und Marketing. Das sind die Faktoren, die den modernen Fußball mit Schmiermittel versehen, sodass das Produkt wohlgeölt und geräuschlos an die Fans verkauft werden kann. Was das Geschehen um Hertha also offen legt, ist nichts Besonderes, sondern die Regel. Außergewöhnlich ist lediglich die Konzentriertheit und die öffentliche Friktion mit dem das Kapital fließt.

Die traurige Wahrheit ist, dass sich der große sportliche Erfolg an die Tradition nur dann hängen kann, wenn der Weg durch objektive finanzielle Gewalt bereitet wurde. Vereine wie Dortmund, Liverpool oder Bayern sind über jeden Zweifel erhaben Traditionsvereine zu sein. Selbige Vereine machten aber 2021/22 zwischen 350 und 700 Millionen Euro Umsatz. Konkurrenzfähigkeit hat ihren Preis.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Hinzukommt, dass selbst Vereine, die sich bewusst anti-kommerziell geben, diese Gegenpositionierung geschickt zu Marketingzwecken einsetzen. Das soll keine moralische Äquivalenz herstellen, verdeutlicht aber, dass die Idee eines urtümlichen und “echten” Fußballs vor allem dann kommerziellen Erfolg hat, wenn sie als Gegenthese zu den aktuellen Ereignissen gespielt wird. Das es sich ab einer gewissen Spielklasse eigentlich nur um zwei Seiten der gleichen Medaille handelt, wird gerne vergessen. So wirkt Hertha einerseits als mahnendes Beispiel, aber eben auch Bestätigung der eigenen Strategie.

Würden engagierte Fans die Seilschaften der finanziellen Abhängigkeiten nicht stets aufs neue thematisieren, das Geld würde nicht weiter auffallen. Es liegt in der Ironie der Sache, dass die perfekte Illusion, in der Geld in anonymen Konferenzräumen per Handschlag verteilt wird, gewaltvoll die Gestalt konstituiert, deren gewaltvolle Störung negativ aufgenommen wird. Anders gesagt: Die gewaltvolle Aneignung des Sports, immunisiert sich gegen sich selbst, indem sie eine Harmonie erschafft, die es auf gar keinen Fall zu stören gilt.

Nur Bernstein kann nach China gehen

Sollten wir also alle Hoffnung fahren lassen, uns angewidert abwenden oder blind ins Vergnügen stürzen? Natürlich nicht. Vielmehr müssen wir uns unserer Widerstandsmöglichkeiten und ihre kontextuelle Einbettung gewahr werden. Dass der 777-Deal zu diesem Zeitpunkt kommt, kann aus zweierlei Hinsicht als Glücksfall gesehen werden. Zum einen sichert das frische Geld die Spiellizenz. Das führt Hertha zwar in die bereits erwähnte Paradoxie, dass nur harte Kapitalinteressen die Tradition weiter bewahren kann, dem steht allerdings ein entscheidendes Hindernis entgegen: Kay Bernstein.

hertha

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Das bezieht sich weniger auf die Person des aktuellen Präsidenten, sondern auf ihn als historische Figur. Wem glaubt man es eher, 50+1 verteidigen zu können? Einem windigen Politiker aus dem Berliner Klüngel, oder jemandem, der wie kein zweiter das Selbstverständnis und die Außenwirkung des Vereins beeinflusst hat? Vor diesem Hintergrund ist das 777-Geld notwendig, damit Tradition weiterbestehen kann, Kay Bernstein ist es aber auch, da er eben die individuelle und greifbare Verkörperung dieser Tradition ist.

Das bedeutet nicht, dass Herthas Fangemeinschaft keine Tradition leben würde. Es geht vielmehr darum, einen Fokuspunkt zu schaffen, jemanden der für das alles und damit zwar an der Spitze, aber auch hinter dem Verein steht. Somit ist Kay Bernstein einerseits Bremser, andererseits fällt ihm aber auch die Rolle des Möglichmachers zu. Denn ohne die Funktion des Moderierens und Abwägens, müsste der 777Partners-Deal entschieden zurückgewiesen werden.

Wer könnte da schon Nein sagen?

Dort wo die Dialektik aus Person und Geld gerade nicht zur Synthese kommt, zeigt sich das Establishment des modernen Event-Fußballs. Ist die Wahl Bernsteins nicht genau die Erfüllung des Wunsches nach einem authentischen Fußball, der den Fans gehört? Wer könnte also dagegen sein? Vielleicht eben jene Funktionäre und Meinungsmacher, denen es nur darum geht, ein bestimmtes Bild des Fußballs zu erhalten. Nämlich das, was für den Höchstpreis die Besitzer wechselt. Die tendenziöse Berichterstattung der BILD über die Vorgänge um Bobic-Günstling Axel Kruse zeigen, dass es der Fraktion, die Sonntags im Doppelpass laut nach den „echten Typen“ schreit, gerade nicht um Authentizität geht.

Es ist ein Offenbarungseid, dass Bernstein als Bedrohung für den Sport und den Verein dargestellt wird. Anstatt zu fragen, ob jemand, dessen Fansein und –engagement nicht zur Debatte steht, eine Bedrohung für den Fußball sein kann, muss man der Fragen nachgehen, welcher Fußball denn gemeint ist. Der partizipative, ehrliche, vollends im Sinne der Fans gestaltete kann es schon mal nicht sein. Welche Version bleibt noch übrig außer die, die im Verkaufsprospekt beworben wird?

Geld und Bauchschmerzen

Wie tief Tradition, Ideologie, und Kapital miteinander verwoben werden können, sieht man beim FC Bayern. Jahrelang von ehemaligen Spielern professionell und erfolgreich geführt, könnte man an der Säbener Straße die größten aller Fußballromantiker vermuten. Doch in der Hochglanz Amazon-Dokumentation spiegeln sich nur Rolex, Gas-Geld und Artikel 1 des Grundgesetzes.

München sollte deshalb eine Warnung für (ganz) Berlin sein. Der Grad zwischen Tradition durch Geld und Geld durch Tradition ist schmal und verlangt sorgsame Navigation. Bauchscherzen wegen des 777 Investments sind nachvollziehbar und gerechtfertigt. Herthas Fangemeinschaft hat in der Vergangenheit durch klare Bekenntnisse gegen Lars Windhorst gezeigt, dass sie sich nicht so einfach kaufen lässt. Fans von anderen Vereinen sollten aber vorsichtig sein, in Herthas Situation die Ausgeburt des modernen Fußballs zu sehen. Unzweifelhaft treten die negativen Seiten in Berlin gerade sehr deutlich hervor. Diese Deutlichkeit setzt aber Entwicklungen voraus, die über Jahre auf fruchtbaren Boden gewachsen sind.

Und dieser Boden wird nicht nur Olympiastadion, sondern in ganz Deutschland erfolgreich und meist geräuschlos bewirtschaftet.