Trainer Nummer vier in der aktuell noch ruhenden Saison: Bruno Labbadia ist neuer Hertha-Chefcoach. Am Montag ist der 54-Jährige bei der Pressekonferenz in Berlin offiziell vorgestellt worden. Für zunächst zwei Jahre soll er die Profi-Mannschaft von Hertha BSC leiten. Eine große Überraschung ist die Nachricht nicht völlig: der Name „Labbadia“ geisterte bereits bei der Entlassung von Ante Covic im vergangenen Winter, und sogar als die Amtszeit von Pal Dardai zu Ende war, durch die Medien.Traineralternativen, die Arbeit des Managers oder den Zeitpunkt der Verpflichtung soll zunächst kein großes Thema sein: an diesem Ostersonntag wollen wir uns darauf konzentrieren, was für ein Trainer Bruno Labbadia überhaupt ist. Was er bisher geleistet, in seinen letzten Clubs für Spuren hinterlassen hat und wie seine Ausgangslage bei der „alten Dame“ aussehen wird.
Zur Seite standen uns dazu Sven als HSV- und Dennis als VfL Wolfsburg-Experte. Sven (auf Twitter @SvenGZ) ist HSV-Blogger und -Podcaster beim „HSV-Talk”, wo er auch über Bruno Labbadia in einer kurzen Podcastfolge sprach. Dennis (auf Twitter @WobTikal) half uns bereits im letzten Vorbericht gegen den VfL, die Wolfsburger besser einzuschätzen.
Vorgezogene Sommerpause als Wechsel-Gelegenheit
Labbadia kommt also zu Hertha BSC, zusammen mit seinem Staff bestehend aus Eddy Sözer, Günter Kern und Olaf Janßen. Und das nicht erst im Sommer, sondern bereits in der Corona-bedingten Ruhephase der Saison, die Michael Preetz als „vorgezogene Sommerpause“ bezeichnet. Der neue Coach soll also auch in der kommenden Saison Hertha trainieren. Dass Interimstrainer Alexander Nouri nur noch die „Lame Duck“ war, war kein Geheimnis. Von der Klubführung wurde bereits deutlich gemacht, dass im Sommer ein anderer Fußballlehrer die Mannschaft leiten würde.
Zum Teil lassen sich auch aus Spielerinterviews Zeichen herauslesen, dass der Nouri nicht mehr zu hundert Prozent bei der Sache war. Beispielsweise behauptete Maximilian Mittelstädt, sein Trainer hätte ihn während dessen Quarantäne nicht einmal kontaktiert. Jetzt herrscht wieder Klarheit und die Trennung mit Jürgen Klinsmanns Team ist endgültig vollzogen – bis auf Arne Friedrich ist kein Mitarbeiter mehr bei Hertha beschäftigt, der zusammen mit Klinsmann kam. Torwarttrainer Zsolt Petry, die Athletiktrainer Henrik Kuchno und Hendrik Vieth bleiben dem Hertha-Stab erhalten. Labbadia bei seiner ersten Pressekonferenz bei Hertha: “Hertha war mein Wunschverein im Sommer, jetzt auch. Ich sehe in der Mannschaft und im Verein Potenzial. In meiner Situation ist mir wichtig, mit welchen Menschen ich arbeite. Ich muss nicht mehr alles machen. Die Gespräche mit Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer haben mir richtig gut gefallen. Auch die Menschen, die ich bisher hier getroffen habe.”
Noch lange bevor die Zusammenarbeit offiziell wurde – kurz nach dem Abgang von Jürgen Klinsmann – wurde der Manager auf der danach stattfinden Pressekonferenz befragt, ob nun einer der in der Bundesliga üblichen Verdächtigen nun übernehmen würde, wie beispielsweise ein Labbadia. Preetz’ etwas genervte Antwort lautete damals: „Entschuldigung, aber wir sprechen über einen Kollegen, der in den letzten Jahren in der Bundesliga sehr, sehr gute Arbeit geleistet hat.“ Ein Schelm, wer hier eine Verbindung erkennen will. Die Aussage vom Hertha-Manager wollen wir aber überprüfen: Wie ist Labbadias Arbeit in den letzten Jahren zu bewerten? Hier wechseln wir unsere Hamburger und Wolfsburger Experten ein.
Eine Dino-Rettung in zwei Akten
Beim HSV hatte Bruno Labbadia sogar zwei Amtszeiten. Sven fasst diese für uns zusammen: „In der ersten Amtszeit (2009/10) spielte der HSV zu Anfang einen wunderbaren, vielleicht sogar seinen besten Fußball der 2000er Jahre. Top motiviert und auch taktisch gut aufgestellt. Im Frühjahr 2010 verlor die Mannschaft jedoch das Vertrauen in Bruno, der mit Rückschlägen schlecht umgehen konnte und so wurde er entlassen, obwohl man im Halbfinale der Europa League, deren Finalort in diesem Jahr Hamburg war, stand. Ehrlich gesagt blutet mir bei dem Gedanken daran immer noch das Herz.“
Einige Jahre später kehrte der gebürtige Darmstädter nach Hamburg zurück: dieses Mal in einer ganz anderen Rolle. Er habe seine Geschichte beim HSV als „unvollendet“ gesehen und versuchte sich dieses Mal als Feuerwehrmann. „In der zweiten Amtszeit (April 2015 bis September 2016) schaffte Labbadia ein kleines Wunder. Sechs Spieltage vor dem Saisonende war der HSV quasi abgestiegen, die Mannschaft tot und die Lage hoffnungslos. Bruno hauchte dem Team den Glauben an sich selbst ein und man schaffte noch die Relegation gegen Karlsruhe und schlussendlich den Klassenerhalt.“
Und trotz dieses Erfolgs genoss Labbadia kein allzu großes Vertrauen beim ehemaligen Bundesliga-Dino. „Eine Mannschaft zu stabilisieren, spielerisch und taktisch zu formen war nicht sein Ding und auch wenn die Saison 2015/16 auf Platz 10 (41 Punkte) abgeschlossen wurde, mehrten sich die Zweifel an seinem Wirken und so wurde er nach einem Fehlstart in die Saison 2016/17 (1 Punkt aus 5 Spielen) beurlaubt“, erinnert sich Sven.
Stärken und Schwächen in Hamburg
Dennoch hat Labbadia damals seine Stärken aufzeigen können, zu denen Sven folgende zählt: „Motivation und Zusammenhalt erzeugen! 2015 hat er binnen kürzester Zeit aus den Spielern eine Einheit geformt, hat ihnen positives Denken eingeimpft und so den Klassenerhalt ermöglicht. Übrigens sehen das die Spieler auch so (…). Die Veränderung war also weniger taktischer, denn moralischer Natur.“
Die damaligen Defizite des Ex-Trainers hingegen schätzt Sven folgendermaßen ein: „Vielleicht kann man herauslesen, wie sehr mir diese Rettung 2015 in Erinnerung geblieben ist, allerdings kann sie auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Labbadia es nicht geschafft hat, das Team nachhaltig zu stabilisieren, oder gar weiterzuentwickeln.“ Allerdings ordnet Sven seine Aussage auch im chaotischen HSV-Kontext ein und führt aus: „Wie weit dies zu dieser Zeit in Hamburg überhaupt möglich war, ist allerdings mehr als fraglich, da sich am HSV seit Jahr und Tag die Trainer die Zähne ausbeißen.“
Die Eindrücke unseres HSV-Experten bestätigen zunächst das, was allgemein über Labbadia gesagt wird. Er sei ein Arbeiter, Motivator und Feuerwehrmann, der seine Stärken vor allem im Aufbau einer soliden Mannschaft hat, seine Grenzen jedoch in der spielerischen Weiterentwicklung seiner Mannschaft findet. Ob sich das auch in Wolfsburg bewahrheitet hat, besprechen wir mit unserem VfL-Experten Dennis. Auch er beschreibt die Zeit beim VfL unter Bruno Labbadia:
„Wir steigen ab, wir kommen nie wieder…“
„Bruno kam zu uns, nachdem Martin Schmidt für Außenstehende sehr überraschend nach einem knappen 1:2 gegen die Bayern zurückgetreten ist”, erinnert sich Dennis an den Februar 2018, “Er hatte früh in der Saison von Andries Joncker übernommen, man war vorsichtig optimistisch, umso erschreckender war der Rücktritt. Und dann holt man Bruno Labbadia. Es wirkte wie eine reine Verzweiflungstat, roch nach purer Panik.“
„Die Abstiegsränge kamen immer näher und die Stimmung wurde nicht besser, dauerte es doch sechs Spiele, bis der erste Sieg eingefahren werden konnte. Das größte Problem bekam er auch erstmal nicht in den Griff: Die Lethargie, die diese Mannschaft ausstrahlte, war erschreckend. So kam es auch zum Bruch mit den Fans (“wir steigen ab und kommen nie wieder, denn wir ham Bruno Labbadia”). Es folgten noch einige Niederlagen, teilweise schlimme Spiele, bis dann am letzten Spieltag gegen die mausetoten Kölner der “rettende” Sieg geholt wurde. Relegation. Schon wieder.”
“Die wurde dann, den Umständen entsprechend, ganz okay überstanden und es ging in die neue Saison. Einen völlig unausgereiften Kader reorganisieren, neu motivieren, vorantreiben”, beschreibt Dennis die damalige Aufgabe Labbadias. Wie also verlief die Wandlung von der knappen Rettung in der Relegation zu einer offensivstarken Mannschaft mit europäischen Ambitionen?
Von der Relegation zur Europa League
Auch das erklärt uns Dennis: „Das erste war: Fitness. Gemeinsam mit Eddy Sözer wurde die Mannschaft getrimmt, eine Sache, die ihr ganz schön abging. Der Kader wurde analysiert, einige Spieler aussortiert oder, wie im Falle von Divock Origi, gehen gelassen und so wurde viel am Zusammenhalt geschraubt. Das hat toll funktioniert. Die Mannschaft funktionierte ganz anders, fightete, war erfolgreich.“ Einmal mehr hatte es Labbadia also geschafft, eine Mannschaft zu einer Einheit zu formen, welche die wichtigsten Tugenden des Fußballs lebte.
„Die Spielweise selbst war gar nicht so anders, als sie es unter Schmidt war. Aber mit Weghorst war ein anderer Stürmer involviert, der durch seine Laufstärke und Nervigkeit zum Spiel passte. Das war erfolgreich, man kam in einen positiven Lauf und plötzlich klappte fast alles. Auch unter Labbadia gab es schlechte Spiele, aber in Summe hat er eine Mannschaft genommen, die am Boden lag und hat sie aufgebaut, Motiviert, zusammengeschweisst und die Spielweise optimiert, ohne sie umzuwerfen. Das hat ein bisschen gedauert, aber es hat geklappt. Es war längst nicht alles Gold, was glänzt – das wird in Anbetracht des 8:1 an seinem letzten Spieltag gerne übersehen. Aber es war positiv.“
Am Saisonende lief der Vertrag von Labbadia aus und wurde nicht verlängert. Auch da hatte es verschiedene Gründe, ein wichtiger Grund war jedoch der längere Konflikt mit dem Geschäftsführer Sport Jörg Schmadtke. Doch was blieb nach seinem Abgang noch übrig?
„Ich finde, der Zusammenhalt im Team ist deutlich gewachsen. Das Gefühl, ein mündiges Team zu haben, das hält heute noch an. Als Glasners Taktik einfach nicht mehr richtig funktionieren wollte, stand die Mannschaft auf und diskutierte mit dem Trainer – der Schritt zurück zum erfolgreichen 4-3-3 aus der Vorsaison funktionierte prima. Ich glaube nicht, dass es das vorher so gegeben hätte. Er nahm einen Kader, der offensichtlich nicht funktionierte, zu viele Eigenbrödler (Origi, Didavi…) besaß und formte gemeinsam mit Schmadtke daraus ein Team. Er erreichte die Mannschaft immer und hatte oft gute Lösungen für den Gegner.“
Über 4-3-3 und Offensivfußball
Unsere Experten haben also unterschiedliche Situationen mit demselben Trainer erlebt. Die knappe Rettung beider Klubs als einzigen Erfolg zu sehen, würde allerdings zu greifen. Auch Labbadia zeigte mehr Qualitäten, als nur die eines „Feuerwehrmannes“. Doch was für ein Fußball wird er in Berlin wohl spielen lassen?
Wie bereits von Dennis angesprochen, lässt Labbadia am liebsten im 4-3-3 spielen. Dieses System versuchte er mit überdurchschnittlich viel Ballbesitz und einer offensiven Grundausrichtung zu leiten. Gerade beim VfL Wolfsburg funktionierte es phasenweise sehr gut und es ist davon auszugehen, dass er eine ähnliche Spielweise auch bei der „alten Dame“ einbringen wird. Da Hertha eigentlich schon seit den Zeiten unter Jos Luhukay bereits an ein 4-3-3/4-2-3-1 gewöhnt ist, sollte die Ausrichtung Labbadias gut nach Berlin passen.
An dieser Stelle empfehlen wir die Folge des “Immerhertha”-Podcast zu Bruno Labbadia. Dort sprechen die Journalisten unter anderem auch über die Qualitäten von Bruno Labbadia als “Offensivtrainer”.
„Mein Team und ich freuen uns total auf diese Aufgabe“, sagte Labbadia, nachdem seine Verpflichtung offiziell wurde, und ergänzte: „Es liegt viel Arbeit vor uns“. Arbeit ist ein gutes Stichwort, denn gerade als Arbeiter ist der gebürtige Darmstädter bekannt. Auch die Spieler bei Hertha BSC sollten gewarnt sein. Gerade auf fleißige, hart arbeitenden Mentalitätsspieler legt der 54-Jährige viel Wert.
Für Statistiken- und Zahlen-Liebhaber lohnt sich natürlich ein Blick auf die historische Punkteausbeute des neuen Hertha-Coaches. In seinen zwei kompletten Spielzeiten in der Bundesliga holte er 2015/2016 mit dem HSV im Durchschnitt 1,21 Punkte pro Spiel, 2018/2019 mit dem VfL dafür 1,62 Punkte pro Spiel.
Im Vergleich dazu bietet sich in den letzten Jahren die Bilanz von Pal Dardai an: 2015/2016 holte er 1,47 Punkte pro Spiel, 2016/2017 noch 1,44. 2017/18 und 2018/2019 waren es nur noch 1,26. Die letzten drei Hertha-Trainer diese Saison holten nicht mehr als 1,25 Punkte pro Spiel (Alexander Nouri in vier Partien).
Mit Labbadia eine Wiederauferstehung für Hertha?
Gerade die Kritik, Hertha könne die notwendigen Schritte für seine Ambitionen nicht einfach mit Millionen-Beträgen von Lars Windhorst und großen Sprüchen überspringen, war zuletzt oft zu lesen und zu hören. Eine kaputte, verunsicherte und womöglich auch schlecht zusammengestellte Mannschaft wieder aufzubauen ist der Schritt, den Hertha BSC jetzt braucht. Gerade ein solcher Schritt dauert bekanntlich länger als eine Saison. Die zwei Jahre Vertrag, die Bruno Labbadia zunächst als Cheftrainer bei Hertha BSC bekommt, könnten allerdings genau dieser „kleinere“, wichtige Schritt sein, die der Haupstadtklub beschreiten muss, um nach höheren Sphären zu greifen.
Der gebürtige Darmstädter scheint für so etwas genau der Richtige zu sein. Gerade in Wolfsburg hat er bewiesen, dass genau das seine Stärke ist. Auch seine Vorliebe für Offensivspiel könnte die Sehnsucht der „alten Dame“ nach attraktiverem Fußball befriedigen. Die große Frage bleibt: wird man ihm in Berlin die Zeit lassen? Gerade die Wunschvorstellung von Investor Lars Windhorst, mit Hertha bereits in den nächsten Jahren europäisch vertreten zu sein, könnte problematisch werden. Fehlende Geduld der Vereinsführung hatte bereits in Hamburg und Wolfsburg zu Spannungen mit dem Trainer geführt, und auch in Berlin wäre ordentlich Konfliktpotenzial vorhanden.
Doch zunächst kann an der Spree ein Stück weit Vertrauen zurückkehren: der neue Cheftrainer von Hertha BSC bringt alles mit, um die Mannschaft aufzurichten, sie als Team zu besserem Fußball zu führen und vor dem Abstieg zu bewahren. Quasi eine Wiederauferstehung des Berliner Klubs also. Sollte ihm das gelingen, wäre das bereits ein großer Erfolg. Mit Labbadia ist der Realismus nach Berlin zurückgekehrt, ein Schritt nach dem anderen gehen zu müssen und nicht bereits vom fünften zu reden, während man beim dritten noch droht zu stolpern.
Labbadia will’s wissen
Und während Hertha gewillt ist, aus seinen Fehlern der Vergangenheit zu lernen, scheint Labbadia das bereits getan zu haben. Der 54-Jährige soll bei seinen ersten Stationen menschlich noch als recht schwierig gegolten haben, hinzu kamen seine taktischen Defizite. Labbadia ist allerdingsein immer größerer Teamplayer geworden (immerhin haben Schmadtke und er die Saison trotz ihrer Differenzen noch gemeinsam zu Ende gebracht) und hat auch fußballerisch dazugelernt. In den Zeiten, in denen er ohne Traineramt war, hat er sich bei anderen Vereinen weitergebildet und so ließ er bei Wolfsburg schon einen deutlich besseren Fußball spielen als noch bei seinen vorherigen Stationen. Bei Hertha will Labbadia nun endgültig den Imagwechsel vollziehen – weg vom Feuerwehrmann, hin zum Entwickler.
Wenn man es so formulieren will, vereint Labbadia das beste aus den letzten Hertha-Trainern in sich: er bringt die Akribie und lange Bundesliga-Erfahrung eines Pal Dardai mit sich, zusätzlich den fußballerischen Anspruch eines Ante Covic und schlussendlich die Gelassenheit eines Jürgen Klinsmann, der bereits alles im Fußball gesehen hat und daher eine gewisse Gelassenheit ausstrahlt. Labbadia ist zwar “schon” 54 Jahre alt, was bei den Nagelsmännern und Kohfeldts dieser Liga bereits rüstig daherkommen könnte, aber der Mann hat noch nicht fertig – im Gegenteil, Labbadia will es allen beweisen, dass er mehr kann, als nur zu retten. “Unser Spiel bedarf vieler Sprints und Tempoläufe. Wir werden in allen Bereichen arbeiten: Athletik, Organisation, Taktik. Das findet nicht nur auf dem Platz statt. Das wird sehr intensiv. Einige sagen, es ist zu intensiv. Aber das ist unser Spiel. Für mich ist es ein geiles Spiel. Ich habe Bock auf Fußball. Ich lasse mir die Freude am Fußball nicht mehr nehmen. Ich will das leben”, gab sich Labbadia bei seiner Antritts-PK hoch motiviert.
Dieses Feuer kann Hertha sehr gut nutzen, auch weil der neue Trainer durch seine Ambitionen sicherlich nicht als Ja-Sager auftreten und somit Michael Preetz Paroli bieten wird. Schaffen es Geschäftsführer und Trainer, diese potenziellen Reibungen konstruktiv zu nutzen, kann etwas entstehen. Hier sind beide Seiten gefordert. “Ich habe Michael Preetz sofort zu dieser sehr guten Lösung gratuliert”, berichtete Frankfurts Sportvorstand und Ex-Hertha-Profi Fredi Bobic der BamS, “Bruno ist menschlich eine Eins mit Sternchen, ein total gerader Typ, extrem motiviert. Er gehört sicher zu den Top-3-Lösungen, die der Markt gerade zu bieten hat.” Auch Bobic kann bezeugen, dass Labbadia an sich gearbeitet hat: “Er will immer den totalen Erfolg, das treibt ihn an. Er ist sehr erfahren, aber nicht mehr ganz so verbissen wie früher.“ Von einem abgehalftertem Verwalter kann bei Herthas neuem Übungsleiter also keinesfalls die Rede sein.
„Bittersüße“ Abschiedsgrüße
Gerade bei Fußballtrainern zählt auch die Art und Weise des Abschieds eine Rolle. Genauso wichtig, wie die reinen sportlichen Zahlen, ist der Eindruck, den Trainer in alter Wirkungsstätte hinterlassen. Deshalb haben wir unsere Experten gefragt, was sie Ihrem Ex-Trainer heute noch sagen würden.
Sven würde folgendes loswerden: „Ich würde Bruno darauf hinweisen, dass er es bei seinem ersten Versuch nicht geschafft hat mit einer guten Mannschaft (Vereins-) Geschichte zu schreiben, ihm dies fünf Jahre später jedoch gelungen ist. Dafür würde ich ihm danken und ihm das Versprechen abnehmen, es nicht noch einmal zu versuchen!“
Auch die Abschiedsbotschaft von Dennis an Labbadia ist eher in der Kategorie „Bittersüß“ einzuordnen: „”Danke.” Und auch – da werden einige VfL-Fans aber lautstark einer anderen Meinung sein: “Ist besser so gewesen, für alle”. Denn wenn Bruno Labbadia in seiner Karriere was gezeigt hat, dann, dass er Mannschaften retten kann, zusammenraufen, das Beste herausholen. Woran er häufig scheiterte, war der nächste Schritt, weg vom Optimieren, hin zum Entwickeln. Und ich hatte gegen Ende seiner Zeit hier und da schon das Gefühl, dass es knirschte, die Zusammenarbeit mit Schmadtke war offenkundig kein großes Vergnügen für ihn, deswegen: Vielen Dank Bruno. Alles Gute.”
Bei beiden Experten ist trotz der Trennung auffällig, dass eine gewisse Dankbarkeit bleibt, was nicht selbstverständlich und eher ein gutes Zeichen ist. Die meisten Hertha-Fans würden beispielsweise bei Jürgen Klinsmann gar keine Worte mehr brauchen. Eine simple Handgeste wäre sicher ausreichend.
Die Messlatte wurde also durch Klinsmann so dermaßen tief gesetzt, dass dem neuen Hertha-Trainer etwas Druck abgenommen wird. Als neuer Trainer wird Labbadia zum Start trotz vieler Vorurteile ein gewisses Grundvertrauen von Fans und Umfeld erhalten – vielleicht auch, weil dieser Artikel aufzeigt hat, dass die Ressentiments einiger Anhänger gegenüber Labbadia unbegründet sind. Zumindest so lange, wie er nicht plötzlich anfängt Facebook-Live Sitzungen zu organisieren und sich mit „Hahohe, euer Bruno“ zu verabschieden.
Vor genau einer Woche erreichte mich die Whatsapp-Nachricht eines mir bekannten Berliner Sportjournalisten. Er könne mir ein paar Anekdoten zu dem „Blender“ Jürgen Klinsmann erzählen, mit dem es laut ihm kein gutes Ende nehmen würde. Damals war die Hertha-Welt noch eine andere und auch wenn ich weiterhin gewisse Zweifel an der Arbeit Klinsmanns hatte, so verwunderten mich diese Aussagen in ihrer Schärfe dann doch. „Naja, wie schlimm können die Geschichten schon sein“, fragte ich mich. Das war am 4. Februar. Sieben Tage später brennt der Verein, nachdem Klinsmann völlig überraschend seinen Rücktritt als Cheftrainer Herthas verkündet hat und mittlerweile muss ich der Nachricht meines Kollegen Recht geben. Ein Versuch der Einordnung.
Der morgendliche Gang auf Twitter gehört mittlerweile zur Alltagsroutine dazu. Ein bisschen über das Tagesgeschehen informieren, über die aktuelle Politik schimpfen – das Übliche halt. Dass am Dienstagmorgen jedoch eine mediale Bombe platzen sollte, mitten im Epizentrum meines Vereins, hätte ich nicht gedacht. Immer mehr Menschen teilten einen Facebook-Link von Jürgen Klinsmanns Account. „Na, welche größenwahnsinnige Zukunftsfantasie hat sich Jürgen dieses Mal ausgedacht, die alle zum Lachen bringt“, hatte ich mir gedacht, doch beim Lesen seines Posts fiel mir die Kinnlade herunter. Klinsmann verkündete, nicht länger Cheftrainer von Hertha BSC zu sein. „(…) Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel – den Klassenverbleib – schaffen wird. (…) Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“, schreibt „Klinsi“.
Schlechter Stil Klinsmanns
Rumms! Das Aus nach zehn Wochen, nach genau genommen 76 Tagen. Twitter überschlug sich: Panik hier, Häme da, verzweifelte Versuche einer ersten Einordnung dort. Sicherlich lief es zuletzt sportlich nicht mehr so erfolgreich wie im Hinrunden-Endspurt unter Klinsmann: in den letzten fünf Spielen vor Jahresende holte die Mannschaft unter ihm sehr solide acht Punkte, doch in den vier Partien in 2020 nur vier Zähler, zusätzlich das Pokal-Aus auf Schalke. Und klar, die 1:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 war enttäuschend. Doch all das konnte doch nicht diesen plötzlichen Rücktritt erklären, oder? Schließlich präsentierte sich Klinsmann in den Tagen nach der Pleite noch gewohnt positiv gestimmt und beteuerte in seinem Facebook-Live vom Montag die gute Entwicklung der Mannschaft. „Die nächsten Spiele werden nicht einfach, aber wir sind insgesamt auf dem richtigen Weg und guter Dinge, dass wir noch mehr Punkte einfahren werden“, so seine Prognose. Wie üblich schien Klinsmann alles locker zu nehmen und gute Stimmung zu verbreiten. Zu dem Zeitpunkt, als er in seinen Laptop grinste, stand seine Entscheidung, zurückzutreten, aber schon fest. „Aaand the Oscars goooeees tooo …“
Doch auch der Verein selbst wurde ob dieser Entscheidung lange im Dunkeln gelassen. Klinsmann verkündete sein Ende als Cheftrainer eigenmächtig auf Facebook und ließ den Hertha-Verantwortlichen gar keine Chance, die Sache einigermaßen souverän über die Bühne zu bringen. „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen“, erklärte Geschäftsführer Sport Michael Preetz ein paar Stunden nach dem Facebook-Beitrag Klinsmanns. Bis dahin ist Klinsmann also schlechter Stil und dem Verein größeres Chaos zu attestieren. Besonders, wenn man erfährt, dass Investor Lars Windhorst bereits Montagabend von Klinsmann über dessen Entscheidung informiert wurde und dieser es obendrein nicht für nötig hielt, mal selbst den Hörer in Hand zu nehmen und die Berliner Verantwortlichen zu informieren. Doch sollte das alles fast nur die Spitze Eisbergs sein, auf den die „alte Dame“ zusteuert. Denn wie mittlerweile klar ist: das Klinsmann-Aus resultierte aus einem scharfen Machtkampf.
Klinsmann ging es nicht um Hertha
Wie mehrere Medien berichten und Klinsmann mittlerweile in einem fragwürdigen Bild-Interview bestätigt, soll er für die kommende Saison geplant haben, zum in England bereits etablierten Job des „Teammanagers“ aufzusteigen, sprich weiterhin Cheftrainer Herthas zu sein, aber auch deutlich mehr Kompetenzen im Gestalten der Hertha-Zukunft zu erhalten und somit auch deutlich in den Aufgabenbereich von Michael Preetz einzugreifen. „Nach meinen Verständnis sollte ein Trainer die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers.“ Hinzu sollte eine Gehaltvorstellung kommen, die jeglichen Realitätssinn vermissen ließ. An diesem Punkt wurde es den alten Hertha-Kräften um Preetz und Präsident Werner Gegenbauer zu bunt. Sie verwiesen darauf, dass zunächst einmal der Klassenerhalt gesichert werden müsste, um die sportliche Situation neu zu bewerten und die zukünftige Ausrichtung zu planen. Dieses Machtwort veranlasste Klinsmann, unverzüglich hinzuschmeißen und den Verein – so deutlich muss man es sagen – im Stich zu lassen. „Die Anhänger, die Spieler und die Mitarbeiter sind mir in dieser Zeit natürlich ans Herz gewachsen und deshalb werde ich weiter mit der Hertha fiebern“, heißt es in seiner Rücktrittserklärung. Nein, Jürgen, hier ging es dir nur um dich. Sei ehrlich, du hast dich daran berauscht, doch noch einmal Trainer eines Bundesligisten sein zu dürfen, nachdem dein Ruf durch das Bayern-Intermezzo so gelitten hatte. Du hattest die große Bühne vermisst, wolltest deinen Namen über dem „spannendsten Projekt Europas“ hängen haben und als großer Macher glänzen, der den schlafenden Riesen aus Berlin emporsteigen lässt. Hertha war Mittel zum Zweck, um deinen Namen im deutschen Fußball reinzuwaschen, doch als man dir zum ersten Mal „nein“ sagte, bist du gegangen.
Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images
Wer nach zehn Wochen hinschmeißt, weil der Verein sich nicht seinen Allmachtsfantasien hingeben will, dem geht es nicht um die Sache. Nein, hier erkennt man den fehlenden Respekt vor dem Verein Hertha BSC. Anstatt seinen Stolz runterzuschlucken und den Klub, wie versprochen, vor dem Abstieg zu bewahren, bockt Klinsmann lieber rum und stellt sich über diesen. „Wenn ich etwas übernehme, mache ich das nicht halb“, posaunte er bei seinem Amtsantritt im November noch herum. Soviel dazu. Ohnehin entpuppen sich die vielen Aussagen des Sommermärchen-Machers mit dieser Aktion als heiße Luft und Wichtigtuerei. Nein, was hatte Klinsmann mit Hertha nicht alles vor. Dieses Jahr Klassenerhalt, ab nächstem Jahr Europa und irgendwann die Weltherrschaft. Natürlich schreckte man auch als Hertha-Fan bei diesen Aussagen auf, doch irgendetwas in einem freute sich über diese Ambitionen. Lange genug hatte man das Dasein als „graue Maus“ der Liga gefristet, lange genug wurde man für eben jenes kritisiert. Mit Klinsmann schien ein neues Zeitalter angebrochen zu sein, er schien den Verein, der schon viel zu lange in seiner eigenen Suppe schwamm, aufzuwecken. Da störten seine regelmäßigen Ausbrüche des Größenwahns kaum, denn endlich passierte etwas in dem Verein. Alte Strukturen wurden aufgebrochen, neues Personal eingestellt und angefangen, eine neue Mentalität zu etablieren. All das kann man auch machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist und eben nicht nach zehn Wochen wieder geht. Mein Gott, habe ich mir bei allen Zweifeln einfach nur gewünscht, dass das alles klappt und man das Gegenbeispiel zu einem Hamburger SV, 1860 München oder Hannover 96 werden könnte. Wie blöd ich mir jetzt vorkomme, Klinsmann und seine Rhetorik so lange verteidigt zu haben. „Lasst ihn doch erstmal machen“, „Ist doch gut, dass jetzt mal Schwung reinkommt und neue Wege gegangen werden“ – ich fühle mich peinlich berührt. Weil ich ihm auf den Leim gegangen bin, wie so viele andere auch. Der Sommermärchen-Macher weiß nun einmal um sein Charisma.
Der Machtkampf mit Windhorst
Stattdessen fühlt es sich so an, als wenn einem mehrere Teller mit Spaghetti Bolognese, auf die man sich riesig gefreut hatte, runtergefallen und man versteinert auf seinen Küchenboden voller Scherben und verteiltem Essen blickt, weil man nicht weiß, wo man überhaupt anfangen soll. Denn was bleibt? Klinsmann hat in seiner Zeit als Cheftrainer etliche (verdiente) Spieler wie Salomon Kalou und Ondrej Duda vom Hof gejagt, weil sie angeblich nicht sein Konzept (was auch immer das beinhaltet) gepasst haben sollen. Ganze Räumlichkeiten des Vereinsgeländes wurden nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Zudem wurden 75 (!) Millionen Euro im Winter für Neuzugänge ausgegeben, die allesamt angegeben haben, auch wegen des Namens Klinsmann nach Berlin gewechselt zu sein. Insgesamt vier Spieler hat man hinzugeholt und sieben abgegeben – alles auf Klinsmanns Wunsch hin. All das, damit er nach fünf Spielen im Jahr 2020 hinschmeißt und damit seinem Egoismus freien Lauf lässt. Klinsmann hat einen absoluten Scherbenhaufen hinterlassen.
Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images
Dass man sich ihm zunächst so ausgeliefert hatte, kann der Vereinsführung sicherlich negativ ausgelegt werden und erhält durch die Windhorst-Komponente noch eine weitere Dimension. Der Investor, der im zurückliegenden Sommer für 225 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile der Hertha BSC KGaA erworben hatte, hatte Klinsmann als seinen engen Vertrauten bei Hertha installiert – erst als Aufsichtsratsmitglied, dann als Cheftrainer. Die beiden befanden sich stets im engen Austausch – so verwundert es auch nicht, dass Windhorst vor den Hertha-Verantwortlichen vom Klinsmann-Aus wusste. Auch wenn Preetz immer wieder betonte, wie lange er und Klinsmann sich bereits kennen und über etwaige Möglichkeiten der Zusammenarbeit diskutierten, so ist festzuhalten, dass Klinsmann ein Windhorst-Mann ist. Wie Klinsmann mit dem Klub in nur zehn Wochen umspringen durfte und dass er nahezu keinen Stein auf dem anderen ließ, ist somit der feste Beweis für den bereits riesigen Einfluss Windhorts. All das, vor dem man im Vorfeld bei solch einem Investor gewarnt wird, scheint sich bewahrheiten. Schritt für Schritt wird versucht, Einfluss auf die sportlichen Geschicke des Vereins zu nehmen und seine eigenen Leute in das Projekt einzubauen. „Wir sind nicht Spielball, sondern Treiber dieser Entwicklung“, beteuerte Präsident Gegenbauer auf der Mitgliederversammlung im November letzten Jahres. Durch die Ereignisse der letzten Monate lässt sich diese Aussage mehr als nur anzweifeln. Womöglich ist den Verantwortlichen durch den nimmersatten Machthunger Klinsmanns endlich klar geworden, dass Lars Windhorst alles andere als ein stiller Teilhaber ohne eigene Vorstellungen ist. Aktuell zeichnet sich ein deutlicher Machtkampf zwischen dem „alten“ Hertha-Lager und den neuen Mächten ab. Öffentlich wird zumindest das Bild vermittelt, momentan eher gegen- als miteinander zu arbeiten.
Auch Preetz gibt ein schlechtes Bild ab
Natürlich muss auch die Personalie Michael Preetz noch kritisch aufgegriffen werden. Sieht man die einstige Entscheidung, Jürgen Klinsmann als Übungsleiter zu installieren, als reine Trainerwahl an, hat Herthas Geschäftsführer einmal mehr aufs falsche Pferd gesetzt – in der laufenden Saison nach Ante Covic sogar zum zweiten Mal. Funkel, Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay, Covic und Klinsmann – bis auf Pal Dardai sind sämtliche Trainer unter Preetz gefloppt oder haben sich nicht nachhaltig halten können. Einzig die ungarische Vereinsikone hat eine Ära prägen können und auch hier ließ sich nicht von der Weitsicht Preetz‘ reden, da dieser Dardai zunächst als reinen Feuerwehrmann installierte und es sich als überraschender Glücksfall hinausstellte, dass er viereinhalb Jahre lang insgesamt erfolgreich arbeitete. Dardai war einst die letzte Patrone von Preetz, der sich nach der vergangenen Saison entschied, dass die Entwicklung unter Dardai nicht steil genug voranschritt. Dafür gab es sicherlich stichhaltige Argumente und auch ich selbst glaube nach wie vor, dass Dardai seinen Zenit bei Hertha erreicht hatte. Entscheidet man sich aber bewusst dafür, den eigenen Trainer „ohne große Not“ vor die Tür zu setzen, um nun den nächsten Entwicklungsschritt einzuläuten, dann muss man auch liefern – sprich eine große Lösung mit Signalwirkung präsentieren.
Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images
Letztendlich wurde es Ante Covic, den man aufgrund seines Stallgeruches als Wunschlösung präsentierte. Schnell wurde jedoch klar, dass die große Bundesliga-Bühne mit all ihren Aufgabenbereichen eine Nummer zu groß für den einstigen U23-Trainer Herthas war. Nach nur vier Monaten und zwölf Ligaspielen trennte man sich von Covic, der offensichtlich überfordert war. Es ist einer der wichtigsten Aufgaben des Managers, den richtigen Trainer auszuwählen, doch einmal mehr hatte Preetz in dieser Hinsicht versagt. Es sollte zu seinen Kompetenzen gehören, so etwas wie den Fall Covic vorauszuahnen und sich dementsprechend von Anfang an für einen anderen Trainer zu entscheiden. Stattdessen war die Berliner Schnauze einmal mehr größer als die Realität, denn Preetz lief mit der Entscheidung für Covic mit Ansage in die Kreissäge und hatte den Verein somit einmal mehr in den Abstiegskampf geführt – der Moment, in dem man sich verzweifelt an Klinsmann wandte und erneut einen Schritt näher an den Abgrund trat. Die ganze Causa Klinsmann hätte mit einer vernünftigen Trainerwahl im vorangegangenen Sommer verhindert werden können, so ist man aber Opfer seiner eigenen Taten geworden. Einmal mehr hat Preetz alle Warnsignale ignoriert und mangelndes taktisches Geschick bewiesen.
Es gibt zwei Lesarten des Machtwortes der Hertha-Verantwortlichen. Entweder hat Michael Preetz dem Größenwahn Klinsmanns Einhalt geboten und noch schlimmeres verhindert, oder aber er hat nur seine eigene Haut gerettet. Preetz ist schließlich schon öfter nachgesagt worden, sich krampfhaft an seinen Posten zu klammern und nichts zuzulassen, dass ihn in seiner Bedeutung für den Verein schwächen könnte. So wird es kein Zufalle gewesen sein, dass “Performance-Manager” Arne Friedrich erst mit dem Amtsantritt Klinsmann im Verein untergebracht wurde. Friedrich ist eine Identifikationsfigur des Vereins, die man viel früher hätte binden können, doch besteht die Möglichkeit, dass Preetz dies aktiv geblockt hat. Das mag Kaffeesatzleserei sein, aber ein anderes Bild wird von Preetz nicht vermittelt. Am Donnerstag (11.30 Uhr) wird es eine Pressekonferenz mit Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst geben, die eventuell noch mehr Aufschluss gibt. Präsentiert man sich als Einheit oder gibt man einmal mehr ein katastrophales Gesamtbild ab?
Was bleibt?
Jürgen Klinsmann, der sein Engagement im nachhinein als „Himmelfahrtskommando“ bezeichnet hat, soll sich übrigens bereits auf dem Weg in die kalifornische Wahlheimat befinden. Der Enkeltrick bei der Berliner „alten Dame“ hat nicht geklappt. Was bleibt, ist ein teurer und nach seinen Wünschen zusammengewürfelter Kader mit einigen unzufriedenen weil unfair behandelten Spielern, ein kompletter Betreuerstab ohne genaue Zukunft und eine taktisch heruntergewirtschaftete Mannschaft, die außer solidem Verteidigen nichts neues dazugelernt hat. Also nichts. Oder eigentlich sogar weniger als nichts. Hinzukommt nämlich noch ein massiger Imageschaden für Hertha (also eigentlich beide Seiten), der es dem Verein immens schwermachen wird, in Zukunft Verhandlungen mit Spielern und Trainern zu führen. Also danke für nichts, Jürgen. Das „HaHoHe“ am Ende deines Facebook-Posts hättest du dir sparen können, denn ein Herthaner warst du nie und wirst du auch nie sein. Es ist nämlich absolut unvorstellbar, dass er wie angekündigt noch einmal als Aufsichtsratsmitglied fungieren wird. Nach dieser Aktion ist keine weitere Zusammenarbeit denkbar. Das blau-weiße Tischtuch ist zerschnitten. Um es noch einmal zusammenzufassen: Klinsmann kam, erhielt ohnehin schon mehr Kompetenzen als andere Bundesliga-Trainer, durfte im Winter mehr Geld als jeder (!) andere Verein der Welt ausgeben, schmeißt dann nach fünf Spielen in 2020 hin, weil er verrückterweise nicht die Vereinsführung übernehmen durfte, verkündet unabgesprochen sein Ende per Facebook und erdreistet sich dann auch noch, nicht einmal einen Tag später per Interview nachzutreten. Das ist so schäbig, da fehlen einem die Worte.
Und Hertha? Der Verein hat sich in den letzten Monaten so oft der Lächerlichkeit preisgegeben, dass ich schon gar nicht mehr mitzählen kann. Es ist seit längerem einfach nur beschämend, Fan dieses Vereins zu sein und so langsam verliere ich auch die Lust daran. Früher war man den anderen zumindest egal, nun ist man die Lachnummer der Liga. Alles, was man sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat, scheint man sich innerhalb von wenigen Monaten mit Arsch eingerissen zu haben. Die nächsten Entscheidungen müssen sitzen, sonst wird dieser Klub unter dem Druck des eigenen Anspruches kollabieren. In der Windhorst-Spirale kann es nur nach oben oder unten gingen, aber Mittelmaß ist keine Möglichkeit mehr.
Das emotionale Weiterkommen im DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden kann dem Verein einen unschätzbaren Auftrieb geben. Und auch wenn nicht, wird dieser intensive Abend in den Gedächtnissen bleiben. Ein Kommentar.
Wenn wir uns auf diesem Blog nach Spielen melden, dann meist mit einer Einzelkritik. Dazu werden Statistiken gebolzt, individuelle und mannschaftstaktische Aspekte analysiert und versucht, in den Kontext des Spiels einzubinden. Doch nicht nach diesem Mittwochabend, nicht nach solch einem unfassbaren Stück Fußball.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images
So könnte man sicherlich kritisch hinterfragen, warum es Hertha mit 63% Ballbesitz, 55% gewonnen Zweikämpfen und 28 zu 13 Schüssen (zwölf zu drei aufs Tor) nicht geschafft hat, den Tabellenvorletzten der zweiten Liga zu Hause souverän zu schlagen und wieso es stattdessen drei Gegentore, zwei Rückstände, 120 Minuten und ein Elfmeterschießen gebraucht hat, um die Sachsen niederzuringen. Auch könnten Einzelaktionen wie Starks Einsteigen vor dem Elfmeter zum 2:2 oder Krafts misslungenem Abwehrversuch des Tores zum 2:3 nun zerpflückt werden. Dass Hertha am Mittwochabend nicht alles richtig gemacht und es einmal mehr an der miesen Chancenverwertung und mangelhaften Abwehrarbeit gekrankt hat, ist wohl unstrittig.
So hat sich die Partie im ersten Durchgang wie eine Kopie des letzten Ligaspiels gegen Hoffenheim angefühlt, in welchem sich Hertha ebenfalls nicht für eine starke Anfangsphase mit Toren belohnt und anschließend den Faden verloren hatte. Ruhephasen wären grundsätzlich in Ordnung, würden sie, wie aktuell bei den Blau-Weißen, nicht mit Sicherheit in Gegentoren münden. So auch gegen Dresden geschehen.
Ein neues Selbstbewusstsein
Doch ein Fußballspiel ist manchmal auch einfach nur das, was man daraus nach dem Schlusspfiff macht. Und so dient dieser Kommentar nicht dazu, einmal mehr auf den offensichtlichen Defiziten der Mannschaft herumzuhacken, sondern dazu, die positiven Eigenschaften von Spielern und Trainer ins Flutlicht zu rücken. Oder um es ruppig zu formulieren: nach so einem Fußballfest ist es doch scheißegal, was genau weshalb nicht gepasst hat. Dinge können auch tot-analysiert werden, doch auch für einen Taktikliebhaber wie mir, der oft zur nüchternden Bewertung greift und Sachverhalte faktisch aufarbeiten will, fühlt sich das in dem Kontext dieser Pokalnacht unangebracht an.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images
Nein, lasst uns das Positive herausarbeiten, und das ist mit dem Wort “Mut” wohl durchaus passend getroffen. Das hatte bereits mit der Aufstellung begonnen, mit der Ante Covic eine klare Richtung vorgegeben hatte. Mit Dilrosun, Lukebakio, Kalou, Duda, Darida und Wolf hatte Herthas Trainer nahezu alles aufs Feld gestellt, das als “technisch beschlagen” eingestuft werden kann. Covic wollte gegen Dresden Fußball spielen lassen, die individuelle Überlegenheit seiner Mannschaft selbstbewusst präsentieren. Während ein Pal Dardai vor solch einem Spiel noch einen Abnutzungskampf ausgerufen und dem Gegner dann dadurch den Zahn gezogen hätte, dass man eben noch mehr kratzt und beißt, will Nachfolger Covic ganz bewusst das Spielerische in den Fokus rücken und einen individuell schwächeren Gegner lieber dominieren, als sich auf sein Niveau “herunterzulassen”.
Das ist eine erkennbare Entwicklung in der Haltung des Vereins. In den letzten Jahren ein Verfechter des Understatements, präsentiert sich Hertha nun mit breiter Brust. Wenn man Waffen wie Duda und co. hat, wieso diese dann nicht auch benutzen? Hört sich selbstverständlich an, wurde in den vergangenen Jahren jedoch deutlich konservativer gehandhabt.
Diese neue Mentalität, die wir bereits Mitte Oktober unter die Lupe genommen haben, hatte sich auch im Spiel gezeigt. “Das war ein unglaubliches Spiel. Ich denke, dass wir die Fans nicht nur verwöhnt haben, aber am Ende sind wir weitergekommen – das zählt. Wir haben nach den Rückschlägen weiter an uns geglaubt und uns immer wieder Torchancen erspielt”, sagte Marko Grujic nach dem Spiel. Und tatsächlich war es beeindruckend zu sehen, wie die Mannschaft trotz des so bescheidenen Spielverlaufs immer wieder zurückkam und sich nicht von der Hoffnung verabschiedete, den Platz noch als Sieger zu verlassen.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images
“Wir wissen, was wir nach Rückstand tun müssen, um ein Spiel noch umzubiegen. Auch nach dem 2:3 haben wir den Glauben nicht verloren. Ich bin unheimlich stolz auf die Truppe, auch wenn die Art und Weise des Weiterkommens nicht gut für die Nerven war”, erklärte Covic. Acht Rückstände in elf Pflichtspielen sind zwar eine miserable Bilanz, sorgen in solchen Momenten wohl allerdings für eine gewisse Ruhe. Und so spielte Hertha trotz fortlaufender Rückschläge weiter Fußball, lief unermüdlich an, ließ nie den Kopf hängen – es sollte sich lohnen.
Es war schlichtweg imponierend, welch großes blau-weißes Herz die Mannschaft am Mittwochabend zeigte, mit welch unbedingtem Kampfes- und Siegeswillen sie die widrigen Umstände der Partie einfach nicht akzeptieren wollte. Sinnbildlich dafür stand Jordan Torunarigha, der nach einem Zweikampf aufgrund von Schmerzen zwischendurch kaum noch laufen konnte, jedoch auf dem Platz blieb und den Ball in der 120. Minute zum 3:3 in die Maschen drosch. Es hätte an diesem Abend genügend Gelegenheiten gegeben, den Kopf in den Sand zu stecken, doch anders als in den vergangenen Jahren kapitulierte man nicht. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen”, schrieb ich im noch im November 2018 – davon war am Mittwoch nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat man eine Mannschaft gesehen, die alles für den Sieg geopfert, nie den Glauben verloren und es einfach erzwungen hat.
Im Ernst: Wie unglaublich wichtig war das gestern?! So sehr ich während des Spiels gehadert habe, so sehr wir dringend eine bessere Balance ins Spiel kriegen müssen: Im Fußball brauchst du halt auch solche Momente,um in einen Flow zu kommen. Jetzt vollen Fokus auf Samstag!#hahohe
Und so steht Hertha BSC im Achtelfinale des DFB-Pokals, nachdem man sich gegen einen Zweitligisten durchgesetzt hat. Ganz nüchtern betrachtet klingt dies nach keinem Grund, frenetisch zu jubeln, doch ist dieses Weiterkommen potenziell so viel mehr wert.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images
Zum einen, weil Hertha es endlich einmal geschafft hat, den großen Rahmen eines Spiels mit fußballerischem Leben zu füllen und der allgemeinen Wahrnehmung als “graue Maus” nun wirklich nicht gerecht zu werden. Olympiastadion, 70.000 Zuschauer (darunter 35.000 Dresdner, die der Partie eine noch dichtere Atmosphäre schenkten), Flutlicht, K.O.-Spiel – alles stand für einen großen Abend bereit. Und Hertha wusste diese Rahmenbedingungen zu nutzen, indem es einen der spektakulärsten Pokalspiel der letzten Jahre ablieferte. “Die Kulisse war der Wahnsinn – ich glaube, ich habe noch nie vor so vielen Fans gespielt. Das gibt einem unglaublich viel Motivation”, zeigte sich Dodi Lukebakio begeistert.
Es gibt so Spiele, die bleiben einfach in Erinnerung. Diese “Weißt du noch damals, als …?”-Spiele. Hertha produzierte in den vergangenen Jahren nicht allzu viele von diesen Erinnerungen, zumindest nicht in positiver Hinsicht. Doch Partien wie die am Mittwochabend bleiben. Sie werden zu Geschichten, zu Legenden, zu Gründen, die man aufzählt, warum man Anhänger dieses Vereins ist. Fußball ist Theater, Fußball ist Storytelling, und Hertha hat mit dem 8:7 n.E. gegen Dynamo Dresden ein dramaturgisches Meisterwerk auf die Bühne gebracht. Das soll keine unkritische Schönmalerei sein, Hertha hätte das Spiel auch souveräner hinter sich bringen oder sogar verlieren können, doch ein Fußballspiel ist manchmal eben auch einfach nur das, was man nach dem Schlusspfiff daraus macht. Und in Jahren wird man sich nicht an die zahlreichen liegengelassenen Torchancen oder Krafts Patzer erinnern, sondern an Torunarighas Last-Minute-Tor, den Elfmeterkiller und wie laut das Olympiastadion denn tatsächlich werden konnte. Diese Erinnerungen bleiben, alles andere verblasst.
Erfolgreiche Generalprobe fürs Derby
Ein anderer Aspekt ist das bevorstehende Spiel für die “alte Dame”. Das lang ersehnte und medial bereits aufgebauschte Stadtderby mit Union Berlin wirft bereits seit einigen Tagen seinen Schatten voraus und drohte den Fokus aufs Pokalspiel sogar leicht zu verrücken. Doch anstatt sich von der Partie in Köpenick verrückt machen zu lassen, nutzte Hertha die Begegnung mit Dresden dazu, sich für eben jenes Derby einzustimmen.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images
Denn das Pokalspiel konnte durchaus als Generalprobe für den kommenden Samstag angesehen werden: ein individuell schwächerer Gegner, der vor allem über die Leidenschaft ins Spiel findet und von seinen lautstarken Fans angepeitscht wird – das trifft sowohl auf Dresden, als auch auf die “Eisernen” zu. Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte meine Zweifel, ob Hertha im Derby an das vermeintliche Feuer der Unioner herankommen wird. Rennen sich ein Dilrosun oder Duda genauso die Seele aus dem Leib wie ein Parensen oder Polter? Gibt Hertha ebenso 110%? Ich bin mir nicht sicher gewesen und da das Derby vermutlich durch Attribute wie Kampf, Wille und Hingabe entschieden wird, sehe ich diese Fragen als entscheidend an.
Am Mittwoch hat mir das Team allerdings eindrucksvoll bewiesen, dass sie diese Attribute auch am Samstag auf den Platz bringen und Union keinen Meter schenken wird. “Das gibt uns so viel, vor allem im Hinblick auf das Derby. Wir haben das Spiel gewonnen, sind im Pokal weiter dabei und freuen uns jetzt auf Union. Das wird ein geiles Spiel, in dem wir Derby-Mentalität zeigen müssen”, sagte Davie Selke nach dem Pokal-Weiterkommen. Diese “Derby-Mentalität” haben die Jungs in blau-weiß auf ganzer Linie bewiesen und somit äußerst gute Voraussetzungen für das Spiel in der Alten Försterei geschaffen. “In zwei Tagen werden wir wieder so fit sein, dass wir bei Union alles geben können, so ein Sieg kann auch beflügeln. Auf das Derby ist jeder heiß. Solche Spiele kitzeln aus einem nochmal ein paar Prozente raus”, so Marius Wolf. Ich habe ebenfalls nicht die Sorge, dass Hertha aufgrund der 120 Minuten in den Beinen zwangsläufig einen spürbaren Nachteil haben muss – stattdessen hoffe ich, dass der Eintracht-Frankfurt-Effekt einsetzt. Bei den Hessen sind seit längerer Zeit trotz immens vieler Spiele kaum Ermüdungserscheinungen zu erkennen, da die Europa-Nächte sie eher beflügeln als belasten. Diesen Antrieb erhoffe ich mir von dem Sieg über Dresden, sodass auch der Abend gegen Union einer ist, der bleibt.
Die Saisonvorbereitung neigt sich ihrem Ende zu und langsam zeichnet sich ab, mit welchen Spielern Hertha BSC in die Saison starten wird. Doch nicht nur die Transferperiode verändert sich die Kadersituation – auch Fitness und Verletzungen haben einen großen Einfluss darauf, wer am Ende auf dem Platz steht. Wir haben uns angeschaut, wie es um die Fitness-Situation im Berliner Kader aktuell bestellt ist.
Wer musste letzte Saison mit dem eigenen Körper kämpfen? Wer war immer fit? Wie verletzungsanfällig sind unsere Neuzugänge? Wie sehr entscheidet der Körper über die Karriere eines Profis?
Der Körper als Karriere-Kompass
Verletzungen sind Teil des Fußballs: jeder Verein rechnet hinsichtlich seiner Kaderplanung mit Ausfallzeiten seiner Profis. Im Laufe der Saison beschweren sich jedoch immer wieder Vereine, wie viele verletzte Spieler sie doch im Kader hätten und wie sehr es die sportlichen Leistungen negativ beeinflusse. Für den einzelnen Profi ist die körperliche Fitness mit das wichtigste und kann darüber entscheiden, welche Sphären ein Spieler in seiner Karriere erreicht. Umso wichtiger ist es also bereits zu Beginn der Profi-Laufbahn die Grundbausteine für eine guten körperlichen Zustand zu legen.
Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images
Bei jungen Spielern ist die Gefahr nämlich groß, dass diese aus Übereifer und fehlender Erfahrung den eigenen Körper zu früh wieder voller Belastung aussetzen und ihre Verletzungen dadurch nicht komplett auskurieren. Bestes Beispiel dafür, wie man sich durch dieses Verhalten eine Saison kaputt machen kann, ist der Fall von Eigengewächs Jordan Torunarigha.
Der gebürtige Chemnitzer verpasste aufgrund mehrerer Verletzungen in der vergangenen Saison einige Spiele, kam am Ende auf nur 16 Pflichtspieleinsätze. Auch weil er nach seiner Achillessehnenverletzung zu früh wieder einstieg und sich erneut verletzte, konnte er nicht die Saison spielen, die er sich gewünscht hätte. Ex-Trainer Pal Dardai fand für seinen Schützling im Frühjahr 2019 harte Worte: „Er muss sich auch etwas umstellen. Ein Sportler braucht auch einen Körper.“
Ob Champions League oder zweite Liga, da entscheidet am Ende der Körper mit. „Nur wer fit ist, spielt auch“, weiß jeder Fußball-Fan. Torunarigha selbst zeigte sich dazu im Morgenpost-Interview einsichtig: „Ich muss lernen, besser auf meinen Körper zu hören. Auch wenn sich ein Problem nur leicht anfühlt, dem Trainer sagen: Ich mache lieber noch eine Woche länger Pause, anstatt dann für ein oder zwei Monate auszufallen.“ Damit das klappt, hat der 21-Jährige im Sommer mit anderen Hertha-Profis einen privaten Fitness Trainer eingestellt, um in der Vorbereitung bereits mit einer guter Basis zu starten. Eine wichtige Erkenntnis also für den jungen Berliner Profi, denn letztlich wird seine Fitness und sein Umgang mit dem eigenen Körper entscheidend dafür sein, wo seine Karriere hingeht.
Erfahrung hilft bei der Vermeidung von Verletzungen
Pal Dardai sagte im Frühjahr bereits in Bezug auf Torunarighas Verletzungsanfälligkeit: „Wenn seine Zweikampfführung erfahrener wird, dann wird er auch besser und geht nicht mehr in unnötige Zweikämpfe rein.“ Dass Erfahrung dazu beiträgt, unnötige Verletzungen zu vermeiden, zeigt sich unter anderem auch bei den erfahrenen Spielern in der Hauptstadt: Salomon Kalou und Vedad Ibisevic. Betrachtet man die letzten drei Spielzeiten, konnten beide Spieler schwere Verletzungen gänzlich vermeiden und mussten nur wenige Spiele durch kleinere Unfälle wie z.B. Nasenbeinbruch (Ibisevic) oder Reisswunden (Kalou) aussetzen. Dadurch konnte der Trainer stets mit diesen Spielern planen, sodass beide das Spiel der „alten Dame“ langfristig prägten.
Verletzungen, fehlende Fitness, Trainingsunfälle – damit hat jeder Spieler zu kämpfen. Das Glückselement ist auch mit einzuberechnen, sowie auch die genetische Vorbestimmung. Jeder Körper ist in Bezug auf die Verletzungsanfälligkeit anders. Trotzdem hilft die Erfahrung und der richtige Umgang mit dem eigenen Körper, um zumindest alle Chancen auf seiner Seite zu haben.
Leckie und die Fitness, Pekarik mit Seuchensaison
Foto: Francois Nel/Getty Images
Alle Chancen auf seiner Seite hatte Mathew Leckie in den letzten Spielzeiten eher nicht. Der Australier fehlten durch die langen Flüge zur australischen Nationalmannschaft öfter die Frische, sodass er immer wieder von muskulären Problemen ausgebremst wurde.
Der 28-Jährige konnte bislang keine Saison komplett durchspielen, absolvierte immer nur etwa die Hälfte der Pflichtspiele (in der Saison 2018/19: 18 Bundesliga-Spiele). So kommt eine Karriere natürlich nur schwer in Schwung. Unter Ante Covic soll Leckie jetzt als Backup von Lukas Klünter in der rechten Verteidigung spielen. Ob er diese Rolle zuverlässig übernehmen kann, ist zweifelhaft, auch aufgrund seiner Fitness. Es ist wieder zu erwarten, dass Leckie einige Spiele verpassen wird.
Eine weitere Option für die rechte Verteidiger-Position ist Peter Pekarik. Dieser scheint momentan jedoch noch weit weg von einer Rückkehr zu sein. Der Slowake wurde 2017/18 noch 17 Mal in der Bundesliga eingesetzt, vergangene Saison stand er allerdings nur drei Mal auf dem Platz. Auch ihn warfen langwierige Verletzungen zurück. In dieser Vorbereitung hätte Pekarik nach dem Abgang von Valentino Lazaro und unter neuen Bedingungen mit Cheftrainer Ante Covic wieder angreifen können. Erneut stand ihm aber der eigene Körper im Weg. Aktuell laboriert der 32-Jährige noch an Muskelproblemen in der Wade und verpasste dadurch die wichtige Vorbereitungszeit im Trainingslager in Österreich. Wann der ehemalige deutsche Meister wieder fit ist und ob er diese Saison eine wichtige Rolle spielen kann, ist unklar. Wie wichtig eine sorgenfreie Vorbereitung dafür sein kann, hat sich jedoch oft genug schon gezeigt.
Positives Beispiel Duda, Darida meldet sich zurück
Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images
Das beste Beispiel dafür, wie man aus einer solchen Situation herauskommen kann, zeigte vergangene Saison Ondrej Duda. Der Slowake blieb, anders als in seinen ersten zwei Jahren in Berlin, gesund und konnte in Phasen, in denen er körperlich besonders fit war, zeigen, welches Potenzial wirklich in ihm steckt. Eine komplette Vorbereitung und eine große Disziplin im Laufe der Saison, in Bezug auf sein Körper und seine mentale Stärke, bewirkte einiges. Eine ähnliche Entwicklung könnte ein anderer Hertha-Spieler einnehmen, der in den letzten Jahren komplett abgetaucht ist.
Vladimir Darida musste eine absolute Seuchensaison 2018/19 durchstehen. Aufgrund mehrerer Verletzungen konnte er nie wirklich seine Chance ergreifen, wurde nur in elf Pflichtspielen eingesetzt, davon nur zwei über 90 Minuten. In der laufenden Vorbereitung meldete er sich allerdings beeindruckend zurück und scheint wider Erwarten die Startelf-Positionen angreifen zu können. Auch bei dem 28-Jährigen ist bekannt, welch große Rolle die Physis im Laufe einer Saison spielt. Der, der früher „Die Lunge der Liga“ genannt wurde, hat wohl die geringsten Probleme damit, lange und viel zu laufen. Doch gerade für den Tschechen ist es auch wichtig, die nötige Frische zu besitzen, um gerade solche Laufleistungen abrufen zu können.
Das Fehlen von Vladimir Darida war vergangene Spielzeit auch in der Statistik spürbar: die Berliner waren eine der laufschwächsten Mannschaften der Bundesliga. Auch das soll sich unter Neu-Coach Ante Covic ändern. Doch gerade im zentralen Mittelfeld ist für Darida die Konkurrenzsituation mit Ondrej Duda, Arne Maier, Marko Grujic, Per Skjelbred, Sidney Friede und Neuzugang Eduard Löwen geradezu gnadenlos. Wohl gerade deshalb hat Darida die Vorbereitung mit aller Kraft angenommen und für sich genutzt. Auch er trainierte noch vor Beginn der Vorbereitung individuell. Cheftrainer Ante Covic sagt in Bezug auf die Motivation von Darida: „Vladi ist voller Freude dabei, er hat permanent ein Lächeln auf dem Gesicht und möchte dem Trainer schlaflose Nächte bereiten.“ Für uns Fans und Beobachter des Vereins wird es hochspannend sein zu sehen, wer bei Saisonstart im Mittelfeld die Nase vorn hat.
Lukebakio mit kurzer Verletzungshistorie, Boyata mit Fragezeichen
Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images
Auch im Hinblick auf Neuverpflichtungen lohnt sich ein Blick auf die Verletzungshistorie. Der neue Rekordneuzugang von Hertha, Dodi Lukebakio, hat die letzte Saison in Düsseldorf verletzungsfrei überstanden und startet somit top-fit. Die Saison seines neuen Mitspielers Eduard Löwen verlief nicht komplett sorglos. Der Ex-Nürnberger konnte beim Club „nur“ 23 Pflichtspiele in der Saison 2018/19 absolvieren. Er verpasste Ende 2018 aufgrund einer Muskelverletzung einen Großteil der Hinrunde. In der Saison 2017/18 blieb der zentrale Mittelfeldspieler jedoch so gut wie verletzungsfrei. Eine besondere Verletzungsanfälligkeit ist also auch bei Löwen nicht zu erkennen.
Ganz anders ist es leider bei Dedryck Boyata. Der Belgier, der im Sommer von Celtic Glasgow nach Berlin kam, verpasste in den letzten drei Jahren einige Spiele aufgrund von Verletzungen. Inbesondere Oberschenkel- und Knie-Probleme warfen ihn immer wieder zurück. Vergangene Saison blieb der Innenverteidiger auch nicht verletzungsfrei, verpasste laut Transfermarkt.de etwa 20 Pflichtspiele. Bei seiner Ankunft an der Spree war er noch angeschlagen, trainierte anfangs nur individuell.
Im Trainingslager in Österreich meldeten sich seine Oberschenkel-Probleme einmal mehr. Zuletzt musste er erneut individuell trainieren. Ein Einsatz im DFB-Pokal am 11. August wird wohl zu früh kommen, ob es dann zum Bundesliga-Start reicht, ist auch unklar. „Wir müssen von Tag zu Tag schauen. Boyata kommt aus einer langen Verletzung. Wir brauchen Geduld.“, sagte Ante Covic. Boyata bleibt also zunächst einmal ein Fragezeichen, es wird sich zeigen, ob er im Laufe des Jahres noch zu 100-Prozentiger Fitness findet. Der Neuzugang ist ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie wichtig die körperliche Verfassung für das Aufnehmen des internen Konkurrenzkampfes ist. Da Boyata momentan nicht Angreifen kann, wird sich Covic zunächst eine Innenverteidigung aus Karim Rekik. Niklas Stark und Jordan Torunarigha formen, sodass er sich von vornherein hinten anstellen muss.
Hiermit wurden zahlreiche Beispiele genannt, die aufzeigen, welch große Rolle die Fitness bei einem Fußballer neben Kriterien wie Talent spielt. Sie ist mit entscheidend für den individuellen Erfolg eines Spielers wie für den einer gesamten Mannschaft. Es bleibt zu hoffen, dass Hertha BSC in der kommenden Spielzeit nicht so häufig vom Verletzungspech verfolgt wird, wie es in der vergangenen Saison der Fall war. Damals hat neben anderen Faktoren auch der ständige Ausfall von Leistungsträgern zu einer erneut trostlosen Rückrunde geführt.
Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen. Michael Preetz musste ja etwas schaffen, was völlig unmöglich war. Er sollten einen Lucien Klopp mit Berliner Schnauze finden. Einen Trainer, der nicht nur taktisch europäische Spitzenklasse ist, sondern auch ein Menschenfänger wie der Coach des FC Liverpool und dann eben auch einen, der beim Kieztraining nicht erstmal nachfragen muss, was gemeint ist, wenn die Frage kommt: “Kann ick mal n Foto schießen?!”
Alle suchten “The Next Nagelsmann”
Nein, Preetz war um seine Aufgabe nicht zu beneiden, zumal ja gefühlt die halbe Bundesliga “The Next Nagelsmann” suchte. Dass sich der Lange selbst in diese Situation hineinmanövriert hatte, geschenkt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ein echter Aufschrei durch die Fanbase ging, als das Ende der Trainer-Ära von Pal Dardai verkündet wurde. Ein bisschen Traurigkeit, ja. Aber nur, weil Dardai dieser manchmal sehr eigentümliche Kauz mit dem ungarischen Herzen auf der Zunge ist. Und nicht, weil er mit seinem begeisternden Fußball alle überzeugt hatte.
Dardais Aufgabe war ja von Beginn klar definiert: Hertha stabilisieren. Dafür bekommt er auf seinem Abschlusszeugnis eine 1+ mit Sternchen. Mehr Stabilität geht nicht, als die, die Dardai diesem Klub in seinen viereinhalb Jahren eingeimpft hat. Es hätte schon einen feuerspeienden Drachen gebraucht, um Dardais Team von seinem sicheren Bergfried zu stoßen. Seine Punkte hat er immer frühzeitig gesammelt und dass sich die Fans (mich eingeschlossen) über schwache Rückrunden echauffierten, liegt natürlich allein daran, dass Fußballfans nach wie vor schnell vergessen. So eine Rückrunde wie Dardais erste, als Hertha erst am letzten Spieltag mit einer Niederlage in Hoffenheim und nur aufgrund eines (!) mehr erzielten Tores in der Liga blieb, will sicherlich niemand eintauschen gegen das, was Dardai danach ohne die großen finanziellen Mittel aufs Parkett zauberte.
Champions-League-Trainer ohne Champions-League-Mannschaft
Jetzt darf der nächste ran. Und, das muss man Preetz lassen, er hat mit der Hochstufung des ehemaligen U15-, U19- und U23-Trainers Ante Covic, mehrere Baustellen auf einmal geschlossen, dass man schon unken könnte, dass er bald in Schönefeld vorstellig wird.
Da ist zum einen die in der aktuellen Saison stark gestiegene Erwartungshaltung, die mit der Verpflichtung eines Trainers wie André Villas-Boas in Sphären gestiegen wäre, die die der Fans von Game of Thrones bezüglich der letzten Staffel noch übertrifft. Der Portugiese wäre zudem vor allem eine Verpflichtung für die Außendarstellung des Klubs gewesen: Seht her, wir haben einen Champions-League-Trainer geholt. Hertha hätte in den Schlagzeilen gestanden, wäre mal wieder international beachtet und vielleicht auch mal kurz wieder bewundert worden. Doch da Champions-League-Trainer Villas-Boas keine Champions-League-Mannschaft vorgefunden hätte, war es schon gut so, dass er am Ende wohl zu teuer war. Ante Covic dagegen ist im Vergleich dazu eine Lösung, die im Rest der Welt nur eine Randnotiz unten links auf der Zeitungsseite war. Ante wer? Ach, ein zweiter Dardai. Alles klar. Hertha bleibt sich treu. Und an dieser Stelle sollten alle Hertha-Fans mal kurz darüber nachdenken, ob das nicht das Beste an der ganzen Nummer ist.
Foto: Holde Schneider/Bongarts/Getty Images
David Wagner wäre nämlich auch so einer gewesen, dem man schon qua seiner Vita keine Fehler verziehen hätte. Der war doch mal bei Schalke. Und der mit dem Wunder von Huddersfield im Gepäck – also der Geschichte, dass er mit einer völlig unterdurchschnittlichen Mannschaft in die Premier League aufgestiegen ist und sich dort sensationell gehalten hat – gestartet wäre. Das hätte ebenfalls für eine Erwartungshaltung gesorgt, die er einfach nicht hätte erfüllen können. Ante Covic dagegen ist erstmal ein unbeschriebenes Blatt. So leer wie das Olympiastadion ab 2025 – also bestimmt. Erwartungen an ihn? Die werden sich erst im Laufe der Saison entwickeln. Er hat schließlich noch keine Wunder vollbracht, soll mit der U23 lediglich guten Fußball gespielt haben. Er findet allerdings womöglich eine Profi-Mannschaft vor, die von Wundern so weit entfernt ist, wie Hertha von einer Einigung mit der Baugenossenschaft.
Investitionen müssen sitzen
Denn das ist ja die dritte Wahrheit der Verpflichtung von Ante Covic: Hertha ist nach wie vor – und erst recht nach dem Rückkauf der Anteile von KKR – kein Klub, der mit Geld um sich werfen kann, sondern einer, dessen Investitionen weiterhin sitzen müssen, um Erfolg zu haben. Und wenn Michael Preetz von einer Investition nicht überzeugt ist, dann lässt er sie lieber liegen und gibt einem eine Chance, der bislang noch keine hatte. Das kann man öde finden oder bodenständig. In jedem Fall ist es angesichts der Finanzsituation richtig.
Hinzukommt, dass Covic eine echte Verbesserung zu allem ist, was Preetz vorher so geholt hat. Oder will ernsthaft jemand nochmal einen Typ Markus Babbel? Michael Skibbe? Friedhelm Funkel? Otto Rehhagel?
Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images
Ich habe jetzt ein paar Tage Zeit gehabt, um über den Trainer Ante Covic nachzudenken. Ich habe alle Texte gelesen, mir alte und neue Videos angeschaut. Ich habe versucht, mich in die Mannschaft hineinzuversetzen: Wie nimmt sie seine Verpflichtung auf? Kann er, der doch eigentlich noch nichts erreicht hat, mit diesen zum Teil sehr abgezockten Jungs umgehen (ich schaue da vor allem dich an, Vedad Ibisevic!)? Wird er Erfolg haben, obwohl er möglicherweise einen schwächeren Kader vorfindet, als Dardai momentan? Und was wäre dann ein Erfolg? Nochmal Platz 10? Europa? Oder einfach eine attraktivere Spielweise?
Kommunikation ist alles
Vieles wird wegen dieser vielen Unwägbarkeiten darauf ankommen, wie er kommuniziert. Intern wie extern. Ersteres kann ich nicht beurteilen, letzteres Dank der vielen Videos im Netz schon. Und da scheint Covic durchaus zu wissen, welche Knöpfe er drücken muss, um beim Publikum anzukommen. Seine Pressekonferenzen nach den Spielen der U23 sind durchaus witzig, er findet oft die richtigen Worte, spricht aber auch klar an, wenn ihm etwas nicht gepasst hat. Allerdings ist die Fallhöhe auf diesem Niveau natürlich deutlich geringer. Wenn er in der Bundesliga einen Schiedsrichter so angehen würde, wie hier nach dem 1:3 gegen Chemnitz, wäre er sicher schnell ein Wochengehalt los.
Eine Unbekannte ist für mich noch der neue Co-Trainer Mirko Dickhaut. Diese Position war unter Dardai ja eine sehr wichtige, Rainer Widmayer hat – so kam es jedenfalls stets rüber – einen sehr besonderen Zugang zur Mannschaft gehabt, gefühlt durchaus auch als Gegenpol zum manchmal knurrigen Chef. Von Dickhaut, der mit Covic zusammen die Trainerlizenz gemacht hat, habe ich bis auf ein Video wenig Aktuelles gefunden, was ja erstmal normal ist, wenn man 2017 zuletzt in Führt aktiv an der Linie stand. Sich daraus ein Urteil zu bilden, ist allerdings schwierig. Außerdem sucht Hertha ja noch nach einem weiteren Zuarbeiter für Covic.
Vorfreude steigt
Aber je mehr ich mir von Ante Covic und über Ante Covic anschaute, desto mehr stieg die Vorfreude auf ein erstes Trainerjahr mit diesem Typen, der wirklich Herthaner ist, der nicht auf die Idee kommen wird, beim ersten echten Gegenwind sofort hinzuschmeißen (ich schaue dich an, Lucien F.!) oder bei dem man das Gefühl hat, dass er eigentlich gar nicht da sein möchte (stimmt, Markus B.?).
Vielmehr ist da eine gewisse Hoffnung, dass es vielleicht wieder klappen könnte mit einem Eigengewächs. Dass das das neue Ding von Hertha werden könnte und wir hinterher alle drüber lachen können, dass wir ernsthaft daran gezweifelt haben, ob (T)ante Covic unsere Alte Dame gut behandeln würde.
Noch nie geriet die Herthaner Gefühlswelt in der Amtszeit von Pal Dardai so ins Wanken wie in den vergangenen Wochen. Noch nie waren die Zweifel an dem Ungar so groß, die Fragen so zahlreich, die Tristesse so bleiern – es folgt die Kolumne eines Redakteurs, der an einem für ihn neuen Punkt der “Ära Dardai” steht.
Für mich ist es zur Routine geworden, am Tag nach einem Hertha-Spiel auf den Blog von Marxelinho, einer Galionsfigur seines Faches, zu wandern und mir seine klugen und wohl formulierten Gedanken zu dem beobachteten Spiel durchzulesen. Nach dem vergangenen gegen Fortuna Düsseldorf konnte ich das nicht. Der Link zur PK nach dem Spiel und die Worte “Pal Dardai kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Dann bleibt eigentlich nur der, dass er sie betreut. Michael Hartmann sollte für die letzten sechs Spiele in dieser Saison diese Aufgabe übernehmen” waren sein ganzer Blog-Eintrag zu dem enttäuschenden 1:2. Ernüchterung, Frustration, Leere und weitere Adjektive beschreiben seine Gefühlswelt und die vieler weiterer Herthaner Anhänger.
Auch wenn ich es nicht so drastisch wie mein geschätzter Kollege formulieren würde, macht sich auch in mir eine Lustlosigkeit breit, die ich in dieser Form seit wohl fünf Jahren nicht mehr gespürt habe. Bereits nach der herben 0:5-Klatsche gegen RB Leipzig umgab mich eine massive Ratlosigkeit, die dazu führte, dass ich nicht wie gewohnt eine Einzelkritik zu diesem Spiel schrieb. Dieses Format betreibe ich nun schon seit vielen Jahren, fasziniert davon, in wie vielen Blickwinkeln man auf ein Spiel schauen kann und welche Nuancen bei jedem Akteur auf dem Feld zu erkennen sind, die den Unterschied machen können. Seit einigen Wochen geht es bei Hertha aber nicht mehr um Nuancen, sondern um grundsätzliche Aspekte. Einen Artikel zu schreiben, der mich einen halben halben Tag kosten und letztendlich keinem Leser Spaß bereiten würde, erschien mir sinnlos. Da hat niemand etwas von und glücklicherweise handelt es sich bei Hertha BASE weiterhin um einen Blog, auf dem nur Dinge passieren, wozu die Redaktion Lust hat.
Ich wollte diesen Text bereits am Sonntag anfangen zu schreiben, verbrachte den Tag aber lieber spontan mit Freunden im Treptower Park. Ein herrlicher Frühlingstag, der die ganze Schönheit Berlins offenbart und zur Aktivität eingeladen hat. Vier oder fünf Stunden verbrachte ich mit meinen Freunden – essend, spielend, lachend und nicht an Hertha denkend. Es tat gut, sich nicht mit seinem Verein zu befassen, regelrecht gedrückt habe ich mich davor und das kann sowohl als Fan als auch als Blogger kein gutes Zeichen sein.
Nein, Hertha nervt aktuell. Mehr als sonst.
Blau-weiße Tristesse
Bereits vor dem Spiel gegen Düsseldorf herrschte bei mir und meinem Umfeld große Ernüchterung. Das 0:5 in Leipzig stand wie ein großes hässliches Symbol stellvertretend für Herthas anhaltenden „Rückrunden-Fluch“, für das Gemüt erschwerend kam der geplatzte Stadionplan der Vereinsführung für das Olympiagelände hinzu. Auf einmal war Hertha nicht mehr der aufstrebende Verein, dem die Zukunft gehört, sondern dem zunächst einmal die Gegenwart gehörig um die Ohren fliegt.
Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images
Einmal mehr schafft es die Mannschaft nicht, eine Saison konstant gestalten. Einmal mehr bricht Hertha in der Rückrunde auseinander und lässt die Spielzeit mit einem mehr als faden Beigeschmack ausfasern. Hierbei geht es keinesfalls im Partien wie gegen Werder Bremen (1:1) oder Bayern München (0:1), die unglücklich ausgingen, in denen aber der Wille zu spüren war. Nein, erschreckend waren die Partien gegen den SC Freiburg (1:2), RB Leipzig (0:5) und Fortuna Düsseldorf (1:2). Auch der Sieg gegen Mainz 05 (2:1) fußte keinesfalls auf einer starken Vorstellung des Teams, sondern wurde von seinem Ausgang beschönigt.
Und so wabert die “alte Dame” einmal mehr irritierend motivationslos durch die Rückserie einer eigentlich vielversprechenden Spielzeit. Kein Feuer, kein Wille, kein Kampf, kein Aufbäumen, kein Stemmen gegen Hindernisse – das Ergebnis ist aktuell Platz elf, jenseits von gut und böse, das Niemandsland der Tabelle. Platz neun, also das formulierte Minimalziel (“einstelliger Tabellenplatz” beinhaltet nun einmal noch acht weitere Plätze) des Vereins ist mit sieben Punkten Abstand nicht mehr zu erreichen, Platz 14 mit neun Punkten Differenz ebenso wenig in Reichweite.
Dardais Krisenmanagement in der Krise
Ebenso irritierend wie die jüngsten Vorstellungen der Mannschaft ist das aktuelle öffentliche Auftreten von Pal Dardai. Der Berliner Trainer wirkt angeknockt, verrennt sich in Kleinkriege mit Medien oder Spielern und scheint die Wahrheit beinahe zu leugnen.
“Wenn ich die Statistik sehe, kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Zweikampfwerte, Ballbesitz, Torschüsse – das ist Hertha BSC”, sagte Dardai auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Zuvor beantwortete der Ungar im sky-Interview die Frage nach den Gründen für diese erneut miese Rückrunde mit “Das muss man den lieben Gott fragen”. Wer nach solch einem enttäuschenden Auftritt wie dem gegen Düsseldorf wirklich sagen kann, er habe ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen und dass es keine objektiven Gründe für das erneute Einbrechen der Mannschaft gibt, dem muss man eine gewisse Ratlosigkeit attestieren. Nein, Pal, das war kein gutes Spiel, nicht einmal ein mittelmäßiges. Und nein, Pal, da geht die Frage nicht an Gott, sondern an den Trainer selbst.
Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images
Aber laut dem Trainer gilt: “Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC.” Wenn vier Niederlagen infolge, elf Punkte aus den bisherigen Rückruckenspielen und damit das Verpassen des erklärten Saisonziels Hertha BSC sind, dann muss die Frage nach der Anspruchshaltung von Dardai gestellt werden. Realismus ist eine wichtige Eigenschaft im Fußballgeschäft, da er einen vor einem tiefen Fall bewahren kann, doch scheint der 43-Jährige momentan weniger realistisch, als vielmehr unverbesserlich zu sein.
Anstatt eine inhaltliche Debatte über die derzeitige sportliche Lage zu führen, reagiert Dardai bei leisester Kritik ungewöhnlich gereizt. Ohnehin sei das Umfeld daran Schuld, wenn die Mannschaft nun den Ansprüchen nicht gerecht werden würde. “Wir dürfen die Erwartungen nicht hochschrauben, das habt ihr gemacht“, sagte Dardai am Sonntag zu den Journalisten. Der europäische Wettbewerb: “Das war nie realistisch, das kommt von außen.” Wer das nicht einsehe, der lüge. “Das ist wahrscheinlich so genannter geplanter Mord”, griff Dardai sogar zu sehr martialischer Sprache, denn die Medien würden Hertha bewusst in den Himmel heben, um den Verein dann wieder grillen zu können. “Ab und zu habe ich das Gefühl, ihr lebt von der Schadenfreude. Das ist nicht gut. Wahrscheinlich war euch langweilig”, beendete Dardai seine Medienkritik – unsachlich, gereizt, fast schon verschwörerisch und dem ansonsten so konstruktiv argumentierenden Trainer überhaupt nicht ähnlich. So hat man Dardai noch nicht erlebt und das spricht zusätzlich dafür, in welch prekärer Lage er sich befindet.
Es wird nicht am gleichen Strang gezogen
Prekär deshalb, weil Dardai in seiner Argumentationslinie auch im Verein alleine zu sein scheint. Sowohl einzelne Spieler als auch Geschäftsführer Sport Michael Preetz üben deutlich mehr Kritik, sodass öffentlich keine Einheit zu erkennen ist.
“Ich habe die Schnauze voll davon. (…) Es gibt keine Ausreden. Es ist einfach irgendwas drin in der Mannschaft, dass sich Leute denken, es geht vielleicht um nichts mehr. Diese letzten paar Prozente, sich reinzubeißen, keine Ahnung, vielleicht will sich keiner verletzen. Wie gesagt, wir sind alle Angestellte des Vereins, wir sollen uns bis zur letzten Sekunde der Saison den Arsch aufreißen”, positionierte sich Valentino Lazaro im kicker deutlich und somit gänzlich anders als sein Trainer. Der Österreicher war einer der vielen Spieler, die vor und während der Saison öffentlich von ihrem Traum, mit Hertha den europäischen Wettbewerb zu erreichen, erzählten. Der Wunsch, großes in dieser Saison zu erreichen, wurde also von den Spielern in die Mannschaft hineingetragen, nicht von den Medien, wie Dardai es behauptet hatte.
Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images
Während Dardai von einem “sehr guten” Spiel seiner Mannschaft gegen Fortuna Düsseldorf sprach, konstatierte Michael Preetz: “Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das zu wenig ist. Da ist jeder angesprochen – in erster Linie die, die auf dem Platz stehen” – deutliche Kritik also von Preetz, der nicht auf einer Linie mit seinem Trainer zu sein scheint. “Das ist nicht einfach so hinzunehmen, dass wir immer in der Rückrunde einbrechen”, betonte der 51-Jährige. “Es gibt da auch keinen logischen Zusammenhang. Es sind jetzt noch sechs Spiele, wo es genug Punkte gibt. Da will ich jetzt eine Reaktion sehen.” Es ist nicht das erste Mal in der laufenden Saison, dass die Vorstellungen von Dardai und Preetz auseinanderdriften. Immer wieder ließ sich erkennen, dass die beiden Vereinsverantwortlichen verschiedene Anspruchshaltungen und Visionen für die Zukunft haben, wobei Dardai meist auf die Bremse tritt und Preetz hoch hinaus will. Intern soll es auch gerne zu Reibungen kommen, ein Diskurs ist immer wichtig, doch nach außen sollte der Verein als Einheit auftreten und das ist aktuell sowohl im Verhältnis von Trainer zur Mannschaft wie auch zum Manager nicht der Fall. So wirkt es, als würde Dardai langsam die Souveränität entgleiten.
Die Gretchenfrage
Doch was heißt das alles nun? Ist Pal Dardai nicht mehr der richtige Trainer für Hertha BSC und dessen Zukunft? Hat er sich aufgebraucht?
Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images
Die klare Antwort darauf: Ich weiß es nicht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie so große Zweifel daran hatte, wie jetzt. Schaut man stumpf auf Herthas Tabellenpositionierung der letzten Jahre (sechs, zehn, ?), wird sich der Hauptstadtverein im zweiten Jahr infolge verschlechtern. Das kann keinesfalls der Anspruch sein, nicht mit diesem ambitioniert zusammengestellten Kader. Man kann 0:5 in Leipzig verlieren, solch ein Katastrophenspiel passiert jeder Mannschaft (ich schiele leicht Richtung Dortmund), doch wichtig ist dann die Reaktion darauf und dann die Reaktion auf diese Reaktion. In beiden Fällen ist es wohl zum Wort-Case-Szenario gekommen. Die Mannschaft konnte sich gegen Düsseldorf nicht aufraffen und Dardai wütete daraufhin wie ein provozierte Bulle durch die Medien. Es könnte der Anfang vom Ende gewesen sein. Dardai wirkt ausgelaugt und es stellt sich die Frage, ob er sich aufgebracht hat, oder ob ein neuer Co-Trainer an seiner Seite und gewisse Neuverpflichtungen zum Ausgleich der personellen Unwucht (zu junger Kader, kein Mittelblau von 25-28-Jährigen, die Hertha als ihren Zenit ansehen) nicht den entscheidenden Unterschied machen können.
Da, wo der Verein jahrelang in ein Loch gefallen und nur mit größter Mühe wieder herausgekraxelt ist, hat Pal Dardai ein erstaunlich solides Fundament gebaut. Das wird bleiben, ob er jetzt geht oder in ein paar Jahren, es wird ihn womöglich zum Vater etwaiger kommender Erfolge machen. Doch Hertha BSC will nicht nur ein Fundament haben, sondern in die Höhe bauen, um ein Wolkenkratzer zu werden, welcher der Stadt Berlin gerecht wird. Es muss analysiert werden, ob Dardai noch der richtige Architekt für dieses Großbauprojekt ist oder nicht. Dabei darf nicht zu kurzfristig gedacht werden. “Stürzt man sich Hals über Kopf in attraktive Affären, kostet die Höhenflüge in vollen Zügen aus und nimmt nach dem anschließenden Kater wieder Abstand? Oder wünscht man sich eher eine langlebige Ehe, erträgt die unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen und geht gemeinsam auch durch schlechte Zeiten, so wie etwa der SC Freiburg mit Trainer Christian Streich?”, formulierte es Morgenpost-Redakteur Jörn Lange sehr passend. Ich habe die Antwort auf diese Frage nicht – wie auch? Ich verlange nur, dass Dardai keine Nibelungentreue genießt und kritisch hinterfragt wird, dass die Angst vor etwas neuem und ungewissen nicht lähmt. Kommen die Verantwortlichen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass der ewige Herthaner Dardai auch weiterhin die Zukunft der Mannschaft gestalten soll, dann trage ich diese Entscheidung mit, denn so viel Kredit hat man sich über die letzten Jahre definitiv erarbeitet.
Neueste Kommentare