Glaubt man Leo Tolstoi, so steht fest, dass alle glücklichen Familien einander ähnlich sind, jede unglückliche Familie aber auf ihre Weise unglücklich sei. Als leidenserprobter Hertha-Fan fragt man sich an dieser Stelle vielleicht, wann man denn überhaupt das letzte Mal so wirklich glücklich war, also diejenige Emotion verspürt hat, die die Fans erfolgreicher Vereine wie dem FC Bayern Saison für Saison monopolisieren dürfen. Unserem Hertha-Base Stimmungsbarometer zu Folge war der relative Moment höchsten Glücks am 14.9.2024 erreicht: 7.66/10 nach drei Siegen in Folge. Nur konsequent, dass wir danach 0:2 gegen Düsseldorf verloren haben und sich die Stimmung wieder auf die bekannte Talfahrt begeben hat.
„Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“
Eine Reise in die Tiefen der Leidensfähigkeit, die immer wieder vom Schlucklauf der Hoffnung unterbrochen wurde. Da mal wieder ein Sieg, hier eine Vertragsverlängerung. Momente des Innehaltens, an denen man sich dem intrusiven Gedanken, dass doch noch alles gut wird, ausgesetzt sieht. Doch bevor sich Hertha-Fans wirklich mit dem Ungewohnten, wohligen Empfindungen in der Bauchgegend auseinandersetzen müssen, werden sie von den opioiden Dämpfen, erfolgreicher Mittelmäßigkeit wieder ins Reich der Träume gezogen: Die Mannschaft tut gerade so viel, um ihren Anhänger die psychologische Beugehaft als wochenendliche Erholungsreise in Aussicht zu stellen, versagt im Unterhaltungsprogramm aber derart, dass uns alleine die Retraumatisierungsangst davon abhält, das erlebte Elend als wertvolle Lektion für die Zukunft zu nutzen.
„Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“ – Würde dieser Spruch die olympischen Ringe am Eingang des Stadions ersetzen, wir wüssten wenigstens, was uns erwartet. Den Blick nach unten gerichtet, die Hände tief in den Taschen vergaben, würden wir uns so immer tiefer in den dunklen Wald unseres Fan-Seins hineinbegeben. Ein Umgang mit den Schlechtleistungen von Hertha BSC, der uns selbst noch die Freude des ungläubigen Erfolgs zu nehmen wüsste. Ein Weg direkt in die vermeintlich glückliche Gewissheit, dass alles genauso scheiße gekommen ist, wie man immer gesagt hat.
Allerdings ist es gerade die Möglichkeit des Irrtums, die das Gefühl individueller Genugtuung gegen die Erfahrung positiver Fassungslosigkeit austauschen kann. Was ist schon das Glück, immer recht zu behalten gegen das Unglück, die eigene Welt von einem spielentscheidenden Steckpass aus den Angeln heben zu lassen? Was ist die Bequemlichkeit der vorhersagbaren Langeweile gegen 90 Minuten Chaos pur? Was die Gewissheit, dass keiner der elf Spieler auf dem Platz einem Freude machen wird gegen das Spiel zwischen Genie und Wahnsinn, dem Verhandeln strahlender Zukunft gegen vergeudetes Talent. Was bringt uns das Glück der anderen, wenn es uns unseren Glauben kostet.
Wo Fans zwischen Beton nicht mehr träumen, ist der Fußball tot
Dumm ist der dummes tut. Das trifft vielleicht auf den ein oder anderen Verteidiger der letzen Jahre zu, aber nicht auf diejenigen, die es vermögen, sich die eigene Naivität zu bewahren. Man weiß ja nie, wann man sie wieder braucht. Wir täten alle deshalb gut daran, die Botschaft, dass Alles gut wird, nicht nur zu hören, sondern auch Glauben zu schenken. Nicht, weil unsere Hoffnung zwangsläufig irgendetwas am Ausgang des Spiels ändern würde, sondern weil das Verlieren in fauler Teilnahmslosigkeit der direkte Weg in die Wolfsburgisierung des Fußballs ist: Wo Fans zwischen Beton nicht mehr träumen, ist der Fußball tot und sie haben ihn getötet.
In diesem Sinne bleiben nur noch die leicht veränderten Worte von Charles Dickens:
Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens, es war die Saison des Lichts, es war die Saison der Dunkelheit, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung, wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns, wir gingen alle direkt in den Himmel, wir alle machten uns in Richtung Olympiastadion auf …
Die Hoffnung stirbt zuletzt? Aber wer kann es sich bei Hertha BSC überhaupt noch leisten, zu hoffen? Davon handelt dieser Text von Niklas Döbler.
Ein Tag in Berlin
Weil der 6. November 2004 eine dieser typischen regnerisch grauen Berliner Herbsttage ist, möchte mein Vater schnell weg. Er und ich haben uns gerade durch anstrengende neunzig Minuten der Partie Hertha gegen Werder Bremen gekämpft, in der es seit der 81. Minute dank Angelos Charisteas 0:1 für die Gäste steht. Wohl um den enttäuschten Massen aus dem Weg zu gehen, stehen wir schon vor Abpfiff auf und streben der S-Bahn entgegen. So erfahre ich erst, als ein gleichgesinnter Fan mit wehender Fahne am Ostkurveneingang zurück ins Stadion rennt, dass Alexander Madlung in letzter Minute eine Ecke von Marcelinho im Bremer Tor versenkt hat.
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich seit je her nie ein Hertha-Spiel vorzeitig verlassen oder abgeschaltet habe; dass ich immer bis zuletzt an die Mannschaft geglaubt habe. Allerdings habe ich 2019 beim 8:7 n.E Pokal-Fight gegen Dynamo Dresden das Handy mit dem Liveticker gerade dann weggelegt, als Jordan Torunarigha in der 122. Minute zum 3:3 ausglich. Auch beim 3:3 gegen Düsseldorf im Jahr 2020 – das Spiel, in dem Thomas Kraft seine Mitspieler an der Ehre packte – habe ich die Kneipe zur Halbzeit beim Stand von 0:3 verlassen.
Nun lassen sich für jedes dieser Beispiele gefühlt zehn Spiele finden, in denen Hertha sicher geglaubte Punkte leichtfertig aus der Hand gab. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, zu behaupten, dass der Gang ins Olympiastadion dem Abstieg in die dantischen neun Kreise der Hölle gleicht. Auch wenn es sich in letzter Zeit oft anfühlte, als müssten jene, die eintreten, wirklich alle Hoffnung fahren lassen.
Trauma als Fankultur
Ja, ja, der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten – und die Hoffnung stirbt zuletzt. Wer so etwas unironisch sagt, dem ist das Hertha-Fan Sein wohl erspart geblieben. Wurden wir nicht zu oft von der Hoffnung verführt? Auf einen Champions-League-Platz am letzten Spieltag? Auf eine glorreiche Zukunft, versprochen von windigen Charmeuren und Kleinunternehmern? Der Schöne Bruno, der international schnelle Alexander oder der zuletzt der leidenschaftliche “Fiélo” — Kollektives Trauma und Resilienz als Fankultur.
Aber was bleibt uns – denen, die es besser wissen, aber nicht besser können – anderes übrig als zu hoffen? Uns, das sind wir, die zum Schauen verdammt sind. Die die Verbeugungen der Akteure auf dem Feld goutieren müssen und nur gehört werden, wenn wir mit einer Stimme singen. Anfeuern können wir. Und Jubeln. Und Stöhnen. Aber kicken, das müssen die, die es eigentlich können.
Wer darf bei Hertha hoffen?
In diesem Sinne müssen wir als Fans die Hoffnung für uns pachten. Den Spielern und Verantwortlichen darf Sie nicht zugänglich sein. Zu groß ist die Gefahr, die vermeintliche Machtlosigkeit in Passivität zu ertränken. Hoffnung darf kein Aufruf zum Nichts-Tun sein. Kein Appel an lähmenden rheinischen Optimismus. Et hätt beim FC Köln halt nicht noch emmer joot jejange.
Wir als Fans dürfen Hoffen, weil wir nicht anders wollen und können. Weil bei der jetzigen Performance der Mannschaft und ohne Hoffnung ein Hertha-Spiel nur 20 Minuten dauern würde. Wir müssen fluchen, verzweifeln und ungläubig die Hände über den Kopf schlagen. Wir dürfen den Fans nicht vorwerfen, die verzerrte Vereinsbrille zu tragen, die Dinge schön zu reden. Ohne diese Fähigkeit wäre Hertha-Fan zu sein, wahrlich kein Vergnügen (wohl aber immer noch Ehre). Doch die da unten, die müssen an ihrer Hoffnung arbeiten. „Zuversicht ist die Arbeit an der Hoffnung“, ließ Kanzlerkandidat A.D. Robert Habeck die Zuschauer im TV-Wahlkampf wissen. Nun ist es an Leistner, Ernst, Reese, Schuler und Co. Zuversicht zu zeigen, damit sich die Fans wieder der Hoffnung hingeben können, dass 2025 für Hertha besser ausgeht als für die Grünen.
Es ist in Ordnung zu zweifeln und die Hoffnung, fahren zu lassen. Das geht aber nur, weil wir Wissen, dass wir sie beim nächsten Spiel im Direktzug von Westkreuz zum Olympiastadion wiederfinden. Dort, neben uns in der Kurve, ist zuhause und zu gleichen Teilen bereit, uns einige der vermeintlich besten und schlimmsten Erlebnisse unseres Lebens beizufügen. In welche Richtung die Waagschale kippt, liegt letzten Endes aber nicht auf den Betontreppen des Stadions, sondern auf dem Rasen darunter. Lassen wir es drauf ankommen!
Neues Geld, alter Alptraum? Durch das 777-Partners Investment ist Herthas Zukunft gesichert. Aber zu welchem Preis? Beginnt jetzt der Ausverkauf der Bundesliga. Nein. Der ist nämlich schon längst abgeschlossen
New money, old problems
Es ist vollbracht. Die Ära Windhorst ist beendet. Doch zu welchem Preis? Auch, wenn der „Big City Club“ inzwischen offiziell zu Grabe getragen wurde: Der Einstieg von 777 Partners vermag es nicht die Zeit zurück zu drehen. Mit dem Verkauf von weiteren Anteilen, einer kräftigen Finanzspritze, und der Einbettung in ein internationales Vereinsnetzwerk, scheint Hertha Pest gegen Cholera getauscht zu haben. Lauert auf der anderen Seite des Atlantiks die finale Transformation zum viel geschimpften Investoren-Club?
Tweets wie der von Netzwerk-Partner Genoa CFC, lassen nichts Gutes erahnen.
Die Turbulenzen um Hertha und Lars Windhorst scheinen wie eine Entblößung der dysfunktionalen Maschinerie des kommerziellen Profifußballs. Es zeigt sich einmal mehr, dass Geld keine Tore schießt. Nur Tradition und Nachhaltigkeit bringen Erfolg. Der Sport hat gesiegt; das Kapital verloren. Durch das frische Geld von 777 Partners droht allerdings das Rematch.
Wie so oft lohnt sich eine differenzierte Betrachtungsweise. Zunächst die Fakten: Hertha hat trotz Millioneninvestment keinen sportlichen Erfolg. Das Geld wurde ohne Strategie verpulvert. Aus diesem Blickwinkel haben die Kritiker:innen recht. Man darf aber nicht den Fehler begehen, das fehlgeschlagene Investment als Beweis einer Fußballromantik zu sehen, die nur Bier, Bratwurst, und keine Montagsspiele kennt. Das fehlgeschlagene Hertha-Investment wurde von vielen Seiten mit Häme und Genugtuung aufgenommen. Das vom Himmel herabfallende Geld hatte das Potential, disruptiv zu sein, die Wettbewerbsfairness zu attackieren und das Fundament des Sports ins Wanken zu bringen. Alles wahr. Wenn es nicht schon längst so wäre.
Objektiv subjektiv gesehen
Der Standpunkt, von dem aus Herthas Scheitern goutiert wird, steht nicht außerhalb des Kommerzes. Im Gegenteil. Er liegt mittendrin. Ist sogar auf ihn angewiesen. Dabei scheint es doch so einfach! Auf der einen Seite der größenwahnsinnige alte Dame, die sich einen monetär potenten, aber sportlich impotenten Investor angelacht hat. Dem gegenüber steht die unschuldige Bundesliga, die Tradition des Vereins und des Sports, das sich von den Arbeitervierteln Englands in die ganze Welt ausgebreitet hat.
Auch wenn die Tennor-Millionen einen Einblick in die kommerziellen Abgründe des modernen Fußballs gewährt haben: Diese Abgründe taten sich nicht einfach so vor Hertha auf. Stattdessen steht der Fußball seit Jahrzehnten auf einer allzu dünnen und bunt bemalten Spanholzplatte, die Marketingprofis und Funktionäre sorgsam über das ausgehöhlte Fundament des schönen Spiels gelegt haben.
(Photo by Cathrin Mueller/Getty Images)
Das sich die Kapitalinteressen an Hertha die Zähne ausgebissen haben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die gleichen Interessen sind, die ein vermeintlich homogenes Feld konstituiert haben, aus dessen Perspektive heraus das Scheitern des Kommerzes, aber nicht der Kommerz selbst empörend ist. Einfach gesagt: Eine Verwirbelung der Wasseroberfläche wird nur dann als störend erlebt, wenn es Kräfte gibt, die das Wasser ruhig und an Ort und Stelle halten.
Diese Gedanken gehen zurück auf die Ausführungen des Philosophen Slavoj Žižek zum Thema Gewalt:
„Subjektive Gewalt wird als solche vor dem Hintergrund einer Nullebene erfahren, auf der es keine Gewalt gibt; als Störung der »normalen«, friedvollen Ordnung der Dinge. Objektive Gewalt wiederum ist unsichtbar, da sie gerade diese Nullebene aufrechterhält, vor der wir etwas als subjektiv gewalttätig erfahren. Demzufolge verhält es sich mit der systemischen Gewalt wie mit der berüchtigten »Dunklen Materien in der Physik. Sie ist das Gegenstück zur nur allzu sichtbaren subjektiven Gewalt. Sie mag zwar unsichtbar sein, muss aber trotzdem berücksichtigt werden, will man verstehen, was sonst nur als »irrationaler« Ausbruch subjektiver Gewalt erschiene.“ – (Žižek, 2011, S. 10)
Tradition hat ihren Preis
Weil es Gefahr läuft, sich an der Tradition des Fußballs zu versündigen, ist das Tennor/777-Investment, durchaus als ein „subjektiver“ Gewaltausbruch zu werten. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese krass zu Tage tretenden finanziellen Interessen vor dem Hintergrund der systemischen und „objektiven“ Gewalt bewertet werden müssen. Es ist eben genau diese strukturelle Ebene, die aus dem Fußball und seiner Tradition ein gewaltiges Hochglanzprodukt erschaffen haben.
Sponsoren, Rechtevermarktung, Fremdkapital, und Marketing. Das sind die Faktoren, die den modernen Fußball mit Schmiermittel versehen, sodass das Produkt wohlgeölt und geräuschlos an die Fans verkauft werden kann. Was das Geschehen um Hertha also offen legt, ist nichts Besonderes, sondern die Regel. Außergewöhnlich ist lediglich die Konzentriertheit und die öffentliche Friktion mit dem das Kapital fließt.
Die traurige Wahrheit ist, dass sich der große sportliche Erfolg an die Tradition nur dann hängen kann, wenn der Weg durch objektive finanzielle Gewalt bereitet wurde. Vereine wie Dortmund, Liverpool oder Bayern sind über jeden Zweifel erhaben Traditionsvereine zu sein. Selbige Vereine machten aber 2021/22 zwischen 350 und 700 Millionen Euro Umsatz. Konkurrenzfähigkeit hat ihren Preis.
(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Hinzukommt, dass selbst Vereine, die sich bewusst anti-kommerziell geben, diese Gegenpositionierung geschickt zu Marketingzwecken einsetzen. Das soll keine moralische Äquivalenz herstellen, verdeutlicht aber, dass die Idee eines urtümlichen und “echten” Fußballs vor allem dann kommerziellen Erfolg hat, wenn sie als Gegenthese zu den aktuellen Ereignissen gespielt wird. Das es sich ab einer gewissen Spielklasse eigentlich nur um zwei Seiten der gleichen Medaille handelt, wird gerne vergessen. So wirkt Hertha einerseits als mahnendes Beispiel, aber eben auch Bestätigung der eigenen Strategie.
Würden engagierte Fans die Seilschaften der finanziellen Abhängigkeiten nicht stets aufs neue thematisieren, das Geld würde nicht weiter auffallen. Es liegt in der Ironie der Sache, dass die perfekte Illusion, in der Geld in anonymen Konferenzräumen per Handschlag verteilt wird, gewaltvoll die Gestalt konstituiert, deren gewaltvolle Störung negativ aufgenommen wird. Anders gesagt: Die gewaltvolle Aneignung des Sports, immunisiert sich gegen sich selbst, indem sie eine Harmonie erschafft, die es auf gar keinen Fall zu stören gilt.
Nur Bernstein kann nach China gehen
Sollten wir also alle Hoffnung fahren lassen, uns angewidert abwenden oder blind ins Vergnügen stürzen? Natürlich nicht. Vielmehr müssen wir uns unserer Widerstandsmöglichkeiten und ihre kontextuelle Einbettung gewahr werden. Dass der 777-Deal zu diesem Zeitpunkt kommt, kann aus zweierlei Hinsicht als Glücksfall gesehen werden. Zum einen sichert das frische Geld die Spiellizenz. Das führt Hertha zwar in die bereits erwähnte Paradoxie, dass nur harte Kapitalinteressen die Tradition weiter bewahren kann, dem steht allerdings ein entscheidendes Hindernis entgegen: Kay Bernstein.
(Photo by Maja Hitij/Getty Images)
Das bezieht sich weniger auf die Person des aktuellen Präsidenten, sondern auf ihn als historische Figur. Wem glaubt man es eher, 50+1 verteidigen zu können? Einem windigen Politiker aus dem Berliner Klüngel, oder jemandem, der wie kein zweiter das Selbstverständnis und die Außenwirkung des Vereins beeinflusst hat? Vor diesem Hintergrund ist das 777-Geld notwendig, damit Tradition weiterbestehen kann, Kay Bernstein ist es aber auch, da er eben die individuelle und greifbare Verkörperung dieser Tradition ist.
Das bedeutet nicht, dass Herthas Fangemeinschaft keine Tradition leben würde. Es geht vielmehr darum, einen Fokuspunkt zu schaffen, jemanden der für das alles und damit zwar an der Spitze, aber auch hinter dem Verein steht. Somit ist Kay Bernstein einerseits Bremser, andererseits fällt ihm aber auch die Rolle des Möglichmachers zu. Denn ohne die Funktion des Moderierens und Abwägens, müsste der 777Partners-Deal entschieden zurückgewiesen werden.
Wer könnte da schon Nein sagen?
Dort wo die Dialektik aus Person und Geld gerade nicht zur Synthese kommt, zeigt sich das Establishment des modernen Event-Fußballs. Ist die Wahl Bernsteins nicht genau die Erfüllung des Wunsches nach einem authentischen Fußball, der den Fans gehört? Wer könnte also dagegen sein? Vielleicht eben jene Funktionäre und Meinungsmacher, denen es nur darum geht, ein bestimmtes Bild des Fußballs zu erhalten. Nämlich das, was für den Höchstpreis die Besitzer wechselt. Die tendenziöse Berichterstattung der BILD über die Vorgänge um Bobic-Günstling Axel Kruse zeigen, dass es der Fraktion, die Sonntags im Doppelpass laut nach den „echten Typen“ schreit, gerade nicht um Authentizität geht.
Es ist ein Offenbarungseid, dass Bernstein als Bedrohung für den Sport und den Verein dargestellt wird. Anstatt zu fragen, ob jemand, dessen Fansein und –engagement nicht zur Debatte steht, eine Bedrohung für den Fußball sein kann, muss man der Fragen nachgehen, welcher Fußball denn gemeint ist. Der partizipative, ehrliche, vollends im Sinne der Fans gestaltete kann es schon mal nicht sein. Welche Version bleibt noch übrig außer die, die im Verkaufsprospekt beworben wird?
Geld und Bauchschmerzen
Wie tief Tradition, Ideologie, und Kapital miteinander verwoben werden können, sieht man beim FC Bayern. Jahrelang von ehemaligen Spielern professionell und erfolgreich geführt, könnte man an der Säbener Straße die größten aller Fußballromantiker vermuten. Doch in der Hochglanz Amazon-Dokumentation spiegeln sich nur Rolex, Gas-Geld und Artikel 1 des Grundgesetzes.
München sollte deshalb eine Warnung für (ganz) Berlin sein. Der Grad zwischen Tradition durch Geld und Geld durch Tradition ist schmal und verlangt sorgsame Navigation. Bauchscherzen wegen des 777 Investments sind nachvollziehbar und gerechtfertigt. Herthas Fangemeinschaft hat in der Vergangenheit durch klare Bekenntnisse gegen Lars Windhorst gezeigt, dass sie sich nicht so einfach kaufen lässt. Fans von anderen Vereinen sollten aber vorsichtig sein, in Herthas Situation die Ausgeburt des modernen Fußballs zu sehen. Unzweifelhaft treten die negativen Seiten in Berlin gerade sehr deutlich hervor. Diese Deutlichkeit setzt aber Entwicklungen voraus, die über Jahre auf fruchtbaren Boden gewachsen sind.
Und dieser Boden wird nicht nur Olympiastadion, sondern in ganz Deutschland erfolgreich und meist geräuschlos bewirtschaftet.
Der Investor hat einen Abnehmer für seine Anteile gefunden. Ist das das Ende von Herthas Flirt mit dem großen Geld und eine Chance für eine Rückbesinnung? Durchaus, nur dass das schon längst stattgefunden hat; Dank des Investors.
Trauma
Es besteht keine Notwendigkeit das Chaos, dass Hertha seit dem Einstieg des Investors erlebt hat, en detail Revue passieren zu lassen. Wer sich trotzdem dafür interessiert, sei auf den Twitter-Thread unseres Chefredakteurs Marc Schwitzky verwiesen.
Windhorst-Einstieg, Big City Club, Covic beerbt Dardai, Covic kurz danach weg, Klinsmann übernimmt, bringt Friedrich & Köpke mit, spannendstes Projekt Europas, Rekordtransferwinter, Facebook-Aus, Tagebücher, Nouri-Intermezzo, Kalou-Stream, Lehmann kommt, Labbadia, Neuanfang, 1/3
Weniger das Dazwischen als der Anfang und das vermeintliche Ende, der unrühmlichen Causa Blei-Else soll Gegenstand dieses Textes sein. Nachdem der Investor zuletzt verkündet hat, einen Käufer für seine Anteile gefunden zu haben (Es ist wahr), scheint es, dass sich die letzten drei Jahre endlich in die Gesellschaft der Erinnerung an die Relegation von 2012 oder des 0:4 gegen den KSC von 2009 begeben könnte; Als albtraumhaftes Engramm des „Was-Wäre-Wenn“.
Das Ende?
Der angeblich bevorstehende Verkauf der Anteile stellt aber mitnichten das Ende da. Er ist lediglich der Epilog. Eine Fußnote einer Geschichte, die bereits am 26. Juni 2022 ihren Abschluss fand. Am Tag als die Mitglieder Kay Bernstein zum Präsidenten von Hertha BSC wählten.
Nun müssen wir uns doch in das Trauma des Dazwischen wagen. Nachdem der Investor eine Summe in Hertha investiert hat, die in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Mikronesien entspricht, wurde die Alte Dame von den jüngeren Mitgliedern der Bundesliga kritisch beäugt. Sollte sich hier ein Traditionsklub etwa mit der entrückten Welt des Event-Fußballs gemein machen? Als dann noch die sportlichen Erfolge ausblieben, war der Ruf vollends ruiniert, was dazu führte, dass die Verantwortlichen ihre Fehde ungeniert in der Öffentlichkeit auslebten.
(Photo by Cathrin Mueller/Getty Images)
Der investorisch-fußballerische Komplex schien schließlich mit dem Rücktritt von Alt-Präsidenten Werner Gegenbauer in sich zusammenzufallen. Das schrille Kandidaten(!)feld löste sich schnell auf. Ein Zweikampf zeichnete sich ab. Dort der Politiker, von Geruch des West-Berliner Filzes umwoben, und im dringenden Verdacht stehend ein Kandidat von Investors Gnaden zu sein. Ihm gegenüber ein Ex-Ultra. Einer, der Pyrotechnik im Stadion erlauben will. Ein Chaot. Einer, der nicht mal studiert hat und bei dem man sich nicht entscheiden kann, was die größte Leistung war: Als Jugendlicher im Osten der Stadt nicht zum Union-Fan geworden zu sein oder als Verantwortlicher Eventplaner tausende Jugendliche zu einem überschätzten Musikfestival an den Wannsee gelockt zu haben. Geld gegen Tradition. Beziehungen gegen Basis. Das Leben schreibt eben nur die schönsten Geschichten, weil der Fußball außer Konkurrenz antritt.
Ein verwundeter und gepeinigter Verein entschied sich für den Verein. Für jemanden, der die Fußballkultur Herthas nachhaltig geprägt hat. Jemanden, der von seiner Vergangenheit eingeholt wurde. Für den sie sogar zur historischen Notwendigkeit wurde. Was führte zu dieser Wahl. Es war der Investor. Es war das Scheitern des Projekts „Big City Club“. Im Ursprung des Chaos, fand sich die Lösung.
Nur eine Waffe taugt
„Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“ sing Parsifal in der gleichnamigen Oper von Richard Wagner.
Ohne den Umweg und Wandeln am Rande des Investorentums, wäre die Wahl eines Ex-Ultras in das höchste Amt des Vereins undenkbar gewesen. Es ist das altbekannte Muster: Um Hertha zu heilen, verschreibt sich Hertha eine Dosis Hertha. Ein Vorgang, der nur möglich wurde, weil das vergiftete Geschenk des Investments eine tiefe Wunde im Verein hinterlassen hat. Es war aber eben auch jenes Geld, das einen Vorgang in Gang gesetzt hat, der dazu führte, dass nun jemand an der Spitze des Vereins sitzt, dem eines sicher nicht vorwerfen kann: Das es ihm nicht um Hertha ginge.
Prä-Investor noch als graue Maus verschrien, ist Hertha zwar nicht sportlich erfolgreicher, aber in Sachen Fußballkultur Vorreiterin. Aus diesem Grund ist alles, was nach der Wahl Bernsteins folgte, lediglich Makulatur. Ja, dass die vermeintlichen konspirativen Machenschaften des Investors sogleich ans Licht kamen, war nicht einmal überraschend. Der finale Ausstieg? Die logische Konsequenz.
Hertha ist wieder arm, aber endlich wieder sexy. Gerade in Zeiten, in denen die Faust des Kommerzes erbarmungslos auf das entstellte, aber immer noch schöne Spiel eindrischt, bis es brach in der Wüstensonne liegt, tut das gut. Obschon sportlicher Erfolg immer noch in weiter Ferne zu liegen scheint, das Kapitel Investor hat sein notwendiges Ende gefunden. Ruhige Zeiten voraus? Nein. Hertha wäre nicht Hertha, wenn sie sich nicht auch in Zukunft selbst ein Bein stellen würde. Aber Hertha wäre eben auch nicht Hertha, wenn nicht echte Herthaner das Sagen hätten. Ob von den Rängen des hoffentlich baldigen neuen Stadions oder den Räumlichkeiten der Hanns-Braun-Straße 2.
Nach einem beeindruckenden 2:2 gegen Bayer 04 Leverkusen, dass nur durch einen klaren, aber nicht gegebenen Handelfmeter getrübt wurde, steht für Hertha BSC am Freitag die nächste Bewährungsprobe an. Gegen den Tabellensechsten Mainz 05 kann und sollte gepunktet werden. Drei Thesen zum Spiel.
These 1: Eingelöste Versprechen
Während Sommerzugang Chidera Ejuke im letzten Spiel seinen ersten Scorerpunkt sammelte, können Teamkollegen Wilfried Kanga und Ex-Mainzer Jean-Paul Boëtius noch nichts Zählbares vorweisen. An Talent und Einsatz mangelt es beiden sicher nicht. Auch die Formkurve zeigt eher nach oben, als nach unten. Der Konkurrenzdruck ist dieses Jahr bei Hertha aber durchaus hoch, sodass die beiden neuen Hoffnungsträger ordentlich ranklotzen müssen.
(Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)
Boëtius und Kanga, die nach den Ausfällen von Suat Serdar und Davie Selke gute Chancen auf einen Startelfeinsatz haben, werden dieses Spiel aber nicht ungenutzt lassen und ihrer ersten Tore beziehungsweise Vorlagen sammeln.
These 2: Hertha hat Flügelspieler! Wirklich!
Es klingt fast unglaublich, aber bei Hertha gibt es endlich wieder fähige Flügelspieler. Der schon erwähnte Chidera Ejuke spielt sich langsam warm, Marco Richter konnte seine überstandene Krebserkrankung mit gleich zwei Toren feiern und auch das ewige Sorgenkind Dodi Lukebakio schafft es immer konsistenter seine Leistungen abzurufen. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, äußerte sich der Belgier in einem jüngsten Sport BILD Interview selbstkritisch, aber auch positiv über die Zeit bei Hertha. Die Beziehung zu Trainer Sandro Schwarz sei gut, er spüre das Vertrauen. Ein 1A Defensivspieler wird aus Dodi sicher nicht mehr, trotzdem wird er uns auch am Freitag zusammen mit Ejuke Freude bereiten und vielleicht das ein oder andere Tor für Kanga auflegen.
These 3: Nochmal alles geben für die Länderspielpause
Für viele Spieler ist es das Größte, einmal ihr Land in einem Fußballspiel repräsentieren zu dürfen. Da ändern auch die hochgezogenen Augenbrauen mancher Fans, die sich oft fragen, ob es wirklich so klug war, dass der angeschlagene Spieler für ein Freundschaftsspiel einmal um die halbe Welt jettet, nichts. Das man sich bei Hertha durchaus ins Schaufenster spielen kann, bezeugen Marvin Plattenhardt und teilweise jetzt-Bremer Niklas Stark. Auch Javairo Dilrosun, inzwischen bei Feyenoord Rotterdam, spielte sich in seiner Debütsaison für Hertha einst schnell zu einer Nationalmannschaftsnominierung.
(Photo credit should read YURI CORTEZ/AFP via Getty Images)
Bei Herthas Torwart Oliver Christensen hat es bereits geklappt: Er wurde erneut in die dänische Nationalmannschaft berufen. Gut möglich, dass andere Spieler ermutigt werden, am Freitag nochmal eine Schippe drauf zu legen um sich für ihre Länderauswahl zu empfehlen. Wenn nicht bei Hertha, dann mit dem eigenen Land!
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