Hertha verliert ein Bundesligaspiel. Soweit so gut, soweit bekannt und soweit mittlerweile die Regelmäßigkeit. Doch die Niederlage gegen den 1.FC Union Berlin bedeutet etwas anderes. Es ist eine Zäsur, deren Auswirkung nicht nur eine schwere Niederlage und ein weiterer Rückschlag im Abstiegskampf ist, es ist viel mehr. Es ist eine Frage von Charakter, Qualität und Interesse, sich mit einer Situation zu befassen und wie man sich nach Außen hin präsentiert. Und es ist in gewisser Weise eine Frage des Respekts vor zehntausenden Fans, die das erste Mal nach zwei Jahren Pandemie wieder im Stadion waren. Die hier gewohnte Analyse muss einem emotionalen Kommentar weichen.
Kein gewöhnlicher Text
Ich bin schon lange Fan von Hertha BSC, doch selten war ich den Tränen aus reiner Wut so nahe wie während ich diese Zeilen hier verfasse. Das hier wird kein gewöhnlicher „Herthaner im Fokus“-Text. Ich weiß nicht wie groß das Interesse ist, nach diesem Spiel die Zweikampfwerte von Dedryck Boyata zu lesen und eingeordnet zu bekommen. Übrigens gewann er gerade mal 25 Prozent dieser.
Trotzdem werden auch heute wieder Herthaner im Fokus sein. Es geht um die sensationelle Kulisse, die die Fans im Olympiastadion boten. Es geht darum wie sich Felix Magath und Fredi Bobic präsentieren. Und es geht um den Charakter einer Mannschaft, die wieder einmal vollkommen in sich zusammengefallen ist. Es geht außerdem um das aktuell wohl einzig Positive bei Hertha BSC: Die Jugendarbeit.
Die Hertha-Fans: Ein Fußballfest wird zum Fiasko
Es war angerichtet. Das erste Derby im Berliner Olympiastadion vor vollem Haus nach neun Jahren. Durch die Pandemie war es wirklich Jahre her, dass das Stadion der Hertha restlos ausverkauft war. Und Berlin hatte sich dieses Derby redlich verdient. Wir hatten in den letzten Wochen bereits Derby-Szenen aus Köln oder Bremen gesehen und fieberten seit Wochen auf das in Berlin stattfindende Event hin.
Und die Bilder, die entstanden, sind aller Ehren wert und versprachen genau das, was wir uns erhofften. Ein Fanmarsch durch die Stadt mit zehntausenden Fans, die ihre Rückkehr ins Stadion kaum erwarten konnten. Das sich immer mehr füllende Stadion, diese Lust, dieses kribbeln im ganzen Körper. Beide Fangruppierungen präsentierten ihre Choreographien, zündeten in großen Mengen Pyrotechnik und sorgten für geschichtsträchtige Bilder. Die Herthaner, die die Ostkurve in ein blau-weißes Meer verwandelten hüpften, sangen, feierten und feuerten die Mannschaft an.
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Doch genauso brodelte es. Die Mannschaft, die diese Atmosphäre nicht ein einziges Mal wirklich auf ihr Spiel übertragen lassen konnte, wirkte gehemmt, verängstigt, überfordert und einfach qualitativ zu schwach, um irgendetwas dem Stadtrivalen entgegenzusetzen. Der herben 1:4-Klatsche folgte der Rapport bei den Ultras in der Ostkurve. Einige Spieler stellten sich den wütenden Fans und gaben ihre Trikots ab. Diese symbolische Aktion soll jeder für sich selbst bewerten. Ob das aber ein Motivationsschub für die nächsten Spiele ist, darf bezweifelt werden.
Felix Magath: Was war der spielerische Plan?
Aktuell wirkt Felix Magath noch nicht wie der große Heilsbringer. Seine größten Leistungen sind bisher eher schelmische Interviews zu geben, viel in Rätseln zu sprechen und vor allem die Gegner und auch leider seine eigene Mannschaft vor eben jene zu stellen. Beim Blick auf die Startelf musste man sich vor Verwunderung direkt wieder die Augen reiben.
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Magath stellte das Team erneut in einem 4-1-4-1 auf, welches im zweiten Durchgang zu einem 5-3-2 wurde. Und dabei wurde wieder einmal kräftig durchgemischt. Die größte Überraschung war auf der Position des Linksverteidigers. Marvin Plattenhardts Ausfall wurde durch den 18-jährigen Juniorenspieler Julian Eitschberger kompensiert, der zu seinem Profidebüt kam. Weshalb Maximilian Mittelstädt zunächst auf der Bank platznehmen musste, wurde nicht ersichtlich. Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata stellten die Innenverteidigung, Peter Pekarik war wieder auf der rechten Seite zu finden. Das Mittelfeld, bestehend aus Linus Gechter, Vladimir Darida, Santiago Ascacibar und Lucas Tousart sollte für eine stabile Zentrale sorgen, aber versprach genauso wenig Tempo wie zuvor in Leverkusen. Im Sturm waren überraschend Myziane Maolida und Stevan Jovetic Teil der Startelf.
Doch stutzig machte vor allem, wer alles auf der Bank saß. Aufgrund der verletzt fehlenden Niklas Stark und Kevin-Prince Boateng konnten generell schon zwei Lautsprecher und Leistungsträger nicht am Spiel teilnehmen. Belfodil, der zwar glücklos in Leverkusen agierte, aber trotzdem für Spielwitz sorgen kann, fehlte, genauso wie die Power von Marco Richter, Suat Serdar oder Jurgen Ekkelenkamp. Die Aufstellung war schon früh eine Absage an kreatives Offensivspiel. Es bestand kein Plan, der zu Toren hätte führen können. Mehr als halbgare Konter waren nicht drin, ein sinnvoll aufgebauter Angriff war ebenso wenig vorhanden.
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Es stellen sich Fragen, Herr Magath. Weshalb durften diese drei Spieler schon wieder nicht von Anfang an oder gar nicht spielen? Weshalb wurde ein Maximilian Mittelstädt erst zur 2. Halbzeit eingesetzt und der junge Julian Eitschberger einer vollkommen unnötigen Situation ausgesetzt? Und weshalb wird ein Spieler eingesetzt, dessen Name auch nach dem Spiel dem Trainer vollkommen unbekannt zu sein scheint? Was für peinliche und dramatische Zustände sind das in diesem Klub?
Fredi Bobic: Ist der Ernst der Lage von Hertha bekannt?
Es ist grotesk und macht geradezu aggressiv. Vor allem aber wird man sauer und fühlt sich als Fan von Hertha BSC komplett abgewatscht, bei sämtlichen Äußerungen des Sportvorstands der Hertha. Nach einem 1:6 gegen RB Leipzig die Niederlage schönzureden, war schon ein großes Stück Kunst.
Sich aber nach einer brutalen Derby-Klatsche bockig dem Interview zu stellen, dem Reporter mit schnippigen und süffisanten Antworten entgegenzutreten und die Niederlage praktisch als nichtig zu erklären, weil die Konkurrenz ebenso federn lassen hat, grenzt an einer Realitätsferne, die ihres Gleichen sucht. Fredi Bobic scheint vollkommen überfordert zu sein mit der Situation. Diesen unausgeglichen, ohne Qualität ausgestatteten Kader, der sämtlichen Charakter vermissen lässt, hat leider er zu großen Teilen mit zu verantworten.
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Ob er, wie im Interview behauptet, wirklich nicht sein Trikot den Fans gegeben hätte, darf genauso hinterfragt werden. Auch in diesem Punkt scheint er in keiner Weise nachvollziehen zu können, unter welchem Druck die Mannschaft, die Spieler, ja einzelne Menschen, stehen. Fredi Bobic ist ganz weit weg von der Mannschaft und den Individuen dieses Vereins. Er scheint die Strömungen weder zu begreifen noch einordnen zu können und ist damit momentan nicht im Geringsten eine Hilfe im Abstiegskampf.
In der Niederlage zeigt man sein wahres Gesicht
Wie kann es sein, dass ein 20-jähriger Torhüter, der nur wenige Bundesligaspiele auf dem Buckel hat und im Sommer nach Dortmund wechselt, die emotionalsten Worte verliert? Wo ist der Kapitän, wo sind gestandene Spieler, die sich vor die Mannschaft stellen und den Geist des Teams beschwören oder sich äußern, weshalb es wieder einmal fehlgeschlagen ist?
Wieso muss ein Marcel Lotka, den Tränen nahe und um Argumente ringend im Interview stehen und praktisch darum betteln, dass die Mannschaft nicht absteigt? Wieso verlässt seit Jahren ein Dedryck Boyata als Kapitän Spiel für Spiel, Niederlage für Niederlage, als aller erstes den Platz und hat sich noch nie einem Interview gestellt? Warum äußern sich keine gestandenen Spieler wie Vladimir Darida, Ishak Belfodil oder Stevan Jovetic?
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Bei Hertha BSC gibt es keine Hierarchie, ja nicht einmal nennenswerte Identifikation, das wurde wieder einmal klar. Maximilian Mittelstädt schien das Sprachrohr zwischen Mannschaft und Fans zu sein, doch auch das wollte er im Interview nicht mehr ausführen. Die Verantwortung will keiner haben, sie wird einfach weitergeschoben, wo es nur geht. Im Abstiegskampf muss es genau diese Führungsspieler geben, denn sonst wird es ganz dunkel und vor dieser Dunkelheit steht die Hertha unmittelbar.
Die Identifikation mit dem Verein hat Potential
So oft wie schon von Tiefpunkten in dieser Saison gesprochen wurde, kann es eigentlich kaum sein, dass es noch schlimmer kommt. Aber wie wir sehen, kann das jede Woche tatsächlich der Fall sein. Die brutale Niederlage gegen Union Berlin gilt nicht nur als einer der Tiefpunkte der Saison. Sie gilt als ein Tiefpunkt vieler Jahre. In diesem Derby ist etwas zerbrochen, was zwar schon lange bröckelte, aber nun lauter und härter denn je nur so zerschellte.
Doch so viel wie in den letzten Jahren bei Hertha BSC schieflief, gibt es eine Sache, die in diesem Club besser läuft denn je und was wieder ein Aushängeschild und klarer Weg des Vereins werden muss. Die Jugendarbeit. Im Derby standen mit Marcel Lotka, Julian Eitschberger, Linus Gechter, Marton Dardai und Maximilian Mittelstädt fünf Eigengewächse auf dem Feld. Ihnen ganz besonders merkt man das Engagement und das Leid an. Sie alle sind talentierte Fußballer, die den Verein sehr weit führen könnten, doch es muss verdammt viel in anderen Bereichen passieren, dass das wirklich möglich sein kann.
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Doch sollte das eines Tages auch auf fruchtbaren Boden stoßen, kriegt man auch die aktuell stark leidende Verbindung zu den Fans wieder hin. In dieser Hinsicht zumindest bietet Hertha BSC einiges, was Potential birgt. Doch die zahlreichen Baustellen sind momentan woanders. Und sie gilt es verdammt nochmal schnell zu beenden.
Es ist einer der Tage, die man sich als Fußballfan und heute insbesondere als Berliner Fußballfan nur wünschen kann. Ein volles Olympiastadion, eine Fußballparty und 90 Minuten Leidenschaft mit viel Rivalität. Und trotzdem muss es Hertha in der aktuellen Situation wie ein gewöhnliches Bundesligaspiel sehen. Wir haben drei Thesen zum Stadtderby.
Das Trainergespann kann Derby
Ein starkes und emotionales Spiel mit 3:0 Toren gegen Hoffenheim, eine knappe 1:2 Niederlage in Leverkusen. Das ist der bisherige Arbeitsnachweis unter Felix Magath und Mark Fotheringham. Gegen die Hoffenheimer schafften es die Fans und Spieler miteinander zu harmonieren und den Funken überspringen zu lassen. Lange nicht mehr gab es so eine gute Stimmung im Olympiastadion. Und das lag nicht zuletzt auch an dem Mentalitätsmonster Mark Fotheringham. Ihm und dem gefühlten Co-Trainer Vedad Ibisevic wird es gelingen die Galligkeit und den Spirit, den es für ein Derby brauch, bei den Spielern zu entfachen. Felix Magath, als Gegenpol, der schon viele Derbyschlachten geschlagen hat, wird mit Ruhe für Ausgleich sorgen und Übermotivation zu verhindern wissen.
Spielerisch kein Leckerbissen
Weder Union Berlin noch Hertha BSC haben diese Saison die Sterne vom Himmel gespielt. Den Köpenickern ist das herzlich egal, sie haben trotzdem wieder beste Chancen nach Europa zu kommen. Trotzdem schwächelt Union in dieser Saison insbesondere gegen Mannschaften, die nur minimal individuell besser aufgestellt sind, als sie selbst. Es wird lange ein ausgeglichenes Duell sein, was nicht mit spielerischen Leckerbissen, traumhaften Kombinationen oder feinen Okocha-Tricks besticht. Den entscheidenden Treffer werden wir nach einer Standardsituation und bzw. oder einem individuellen Fehler sehen.
Berlin bekommt sein verdientes Fußballfest
Über zwei Jahre Pandemie, kaum Fans im Stadion. Nach neun Jahren wird sich das Stadion wieder für ein Stadtderby füllen. Seit dem Unioner Aufstieg fanden die Spiele im Olympiastadion vor gar keinen oder lediglich ein paar wenigen Fans statt. Viele Vereine bekamen bereits ihre Spiele vor vollem Haus und ihre Derbys, die sie zu Fußballfesten machten. Nun ist Berlin an der Reihe. Choreographien, Pyrotechnik, lautstarkes Anfeuern und große Emotionen werden heute für einen weiteren Eintrag in die Geschichtsbücher des Berliner Derbys sorgen.
Am Samstagabend ist es endlich so weit: Das sechste Berliner Stadtderby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin. Die beiden Hauptstadtvereine haben sich in der Vergangenheit bereits spektakuläre Duelle geboten – wir blicken auf ein paar der besonderen Derbys zurück.
08. Juli 2009: 1. FC Union Berlin vs. Hertha BSC 3:5
Ein Freundschaftsspiel, welches einer gewissen Zeitenwende glich. Union Berlin, die in der Saison zuvor ihre Heimspiele im verhassten und von Teilen der Fanszene sogar boykottierten Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin Prenzlauer Berg ausgetragen hatten und aus der neu errichteten 3. Liga in die 2. Bundesliga aufgestiegen waren, eröffneten in der Sommerpause endlich ihr umgebautes Stadion.
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Und zur Wiedereröffnung sollte selbstverständlich niemand geringeres vorbeischauen als der große Rivale aus dem Berliner Westen. Um ehrlich zu sein, war damals dieses Duell alles andere als ein Spiel zwischen Rivalen. Über viele Jahre trennten die Vereine ganze Ligen. Fans und Ultras arbeiteten an gemeinsamen Projekten, die Vereine unterstützten sich. Doch 20 Jahre nach dem Mauerfall war die Verbindung loser und der Hype, der insbesondere durch ehemalige DDR-Bürger entstand, flaute zunehmend ab. Auch medial schien sich etwas zu verändern. Die Köpenicker wurden plötzlich ein relevanter Verein in Berlin. Hertha BSC verlor sein Alleinstellungsmerkmal, als einziger Berliner Profifußballclub. Union Berlin baute sich sein Image als kleiner, gallischer Underdog auf und es entwickelte sich eine immer größere Rivalität.
Am jenen Juli-Abend 2009 trafen sich zwei Mannschaften, die in der Saison zuvor für großes Aufsehen sorgten. Union, die endlich im Profigeschäft angekommen waren, trafen auf Herthaner, die zuvor in der Bundesliga lange um die Meisterschaft mitgespielt hatten und ein neues Selbstverständnis erlangt hatten.
Das Spiel entwickelte sich zu einer munteren Partie. Die Stimmung im Stadion an der Alten Försterei war prächtig. Ein alter und gleichzeitig neuer Mann traf doppelt für die Hertha. Es war wohl das beste Spiel von Arthur Wichniarek im Hertha-Dress. Am Ende wurden den Fans acht Tore präsentiert. Ansonsten war dieses muntere Scheibenschießen ein schönes und spannendes Erlebnis für die Zuschauer*Innen, große taktische Feinheiten sollten damals auch gar nicht von großer Relevanz sein. Auch auf der Tribüne änderte sich etwas. Die ersten Schmähgesänge der Fangruppierungen waren zu hören und auch im fußball-gesellschaftlichen Kontext hörte man von nun an immer mehr die Frage „Hertha oder Union?“. Im Juli 2009 hatte allerdings wohl niemand gedacht, dass man sich schon im folgenden Jahr zum ersten Mal in einem Ligaspiel sehen würde.
03. September 2012: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:2
Die Hertha, die nach 2010 zum zweiten Mal in die 2. Bundesliga abgestiegen war, hatte zwar ein Team, welches mit großen Namen gespickt war, allerdings startete die Mannschaft denkbar schlecht in die neue Saison und drohte die Spielzeit und den Aufstieg auf Grund von Starallüren herzuschenken. Doch nach einem lautstarken Wachrütteln von Trainer Jos Luhukay fand die Hertha langsam in die Saison. Union Berlin, deren Ansprüche damals noch deutlich geringer waren, fand sich zu Saisonbeginn ebenfalls in den unteren Tabellenregionen.
Doch wie es üblich ist in einem Derby, sind Tabellenplatzierungen komplett Nebensache. Es geht um Einsatz, es geht um Willen, es geht um Kampf, Kratzen und Beißen. Und die Spieler beider Mannschaften nahmen genau diese Situation an. Herthas Maik Franz, der in seiner Paraderolle als „Ironmaik“ verbal und körperlich extrem austeilte und das Team wo es nur ging pushte war dabei ein Aushängeschild der blau-weißen. Es war eines der besten Spiele Sandro Wagners für Hertha. Nach einer halben Stunde erzielte er die Führung. Den Ausgleich in der 69. Minute egalisierte Herthas damaliger Torjäger Ronny mit einem wuchtigen Schuss. Er trug sich damit in die nette Liste der Freistoßtorschützen in Berliner Derbys ein. Thorsten Mattuschka, der 2010 noch für die Unioner das Derby entschied, sollte in den folgenden Jahren vor allem durch Ronny ergänzt werden.
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Die Brisanz dieses Duells in diesen Jahren zeigte auch das Interview des Unioner Torschützen Christopher Quiring nach dem Spiel, als er sich darüber aufregte, dass „Die Wessis“ nun in ihrem Stadion jubeln würden und man das erst einmal verdauen müsse. Nach einem Remis und einer Niederlage aus der Zweitliga-Saison 2010/2011 war es der erste Derbysieg für Hertha BSC in einem Pflichtspiel.
11. Februar 2013: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:2
Das Rückspiel am 21. Spieltag sollte die nächsten brisanten Geschichten schreiben. Die Hertha, die sich vor allem mit Eintracht Braunschweig um die Tabellenspitze stritt und Union, die auf Platz vier weilten und überraschend Außenseiterchancen im Aufstiegskampf hatten, trafen in einem mit über 74.000 Zuschauer restlos ausverkauften Olympiastadion aufeinander.
Es war ein bitterkalter Winterabend. In Berlin lag zum Teil Schnee, doch das Spiel war heißer denn je und die Fans sorgten für eine brachiale Stimmung. Neben vielen Rauchtöpfen durch Pyrotechnik sorgte vor allem die „Spreeathene“-Choreo der Hertha-Ultraszene für riesiges Aufsehen. In einem offenen Spiel gingen die Unioner kurz nach Beginn der 2. Halbzeit mit 2:0 in Führung. Die Herthaner, die zwar mit Kreativität und Spielwitz für Druck und Chancen sorgten, waren an dem Tag vor dem Tor aber einfach glücklos.
Es brauchte zwei Standardsituationen, die das Spiel drehen sollten. Adrian Ramos nickte nach 73 Minuten das Spielgerät wuchtig in die Maschen. Der Vorlagengeber Ronny sollte kurz vor dem Spielende seine Qualitäten zeigen. Der ruhende Ball, der in dieser Saison des Brasilianers bester Freund war, lag einige Meter halbrechts vorm Strafraum entfernt. Sein wuchtiger Schuss, der knapp über die Unioner Mauer flog, landete im unteren rechten Eck. Ein traumhafter Freistoß, der das Berliner Olympiastadion kurz vor Spielende nochmal richtig zum Beben brachte.
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Ronny selbst machte in den Sekunden darauf beim Jubeln Bekanntschaft mit den Tücken des Berliner Winters und dessen Schnee, als er ausrutschte und sich sogar ein wenig verletzte. Aber sei es drum. Hertha spielte in diesem Jahr die beste Saison, die eine Mannschaft jemals in der 2. Bundesliga absolvierte, stieg am Ende völlig verdient wieder auf und Ronny war einer der gefährlichsten Freistoßschützen Deutschlands und es war für eine lange Zeit das letzte Derby auf Wettkampfniveau.
22. Mai 2020: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 4:0
Nachdem das Hinspiel im Stadion an der Alten Försterei noch in einem Hexenkessel stattfand und am Ende die Köpenicker mit einem knappen 1:0-Sieg vom Platz gingen, stand das Rückspiel ganz im Zeichen der Pandemie. Der zweite Spieltag nach dem Wiederbeginn. Unter Trainer Bruno Labbadia kam die Mannschaft hervorragend aus der Zwangspause. Nach einem 3:0-Sieg in Sinsheim gegen Hoffenheim, folgte ein furioser 4:0-Sieg im Derby, in dem Hertha BSC einen erfrischenden Offensivfußball zelebrierte.
Doch bizarre Zeiten erfordern bizarre Maßnahmen und ermöglichen noch viel bizarrere Diskussionen. In einem komplett leeren Stadion fand das Spiel statt, so richtig hatte sich noch niemand an die Situation gewöhnt. Der größte Aufreger dieser Tage war die Art und Weise wie die Spieler der Hertha gegen Hoffenheim noch ihre Tore bejubelt hatten. Gegen Union Berlin zeigte vor allem Kapitän Vedad Ibisevic wie Jubeln mit Abstand geht, als er allein vor seinen Mitspielern sein Tor bejubelte und die anderen Herthaner mit einem Lachen vor ihm standen.
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Es war die nächste Show des Matheus Cunhas. Der werdende Vater schoss ein Tor, widmete das seiner Frau und seinem in diesen Minuten auf die Welt kommenden Kind und verschwand nur wenige Minuten später Richtung Krankenhaus. Eine Zeit in der bei Hertha noch der Traum von einem baldigen Einzug nach Europa gelebt wurde und man als Nummer eins in der Stadt galt.
04. April 2021: 1. FC Union Berlin – Hertha BSC 1:1
Das erste Derby unter Pal Dardai entwickelte sich zu dem spielerisch wohl schwächsten Spiel dieser Aufeinandertreffen. Die Vorzeichen hatten sich mittlerweile komplett geändert. Union Berlin spielte um den Einzug ins internationale Geschäft, während Hertha BSC gegen den Abstieg kämpfte und mit ganz anderen Sorgen, als mit einer Stadtrivalität, umzugehen hatte.
Auch wenn spielerisch nur wenig zu holen war, konnte man sich unter Pal Dardai selbstverständlich trotzdem auf gewisse Tugenden verlassen. Einsatzwille und Mentalität waren vorhanden. Insbesondere Santiago Ascacibar zeigte jene Attribute. Eine Szene, die für Derby stand, war seine rustikale Grätsche gegen Nico Schlotterbeck und die unflätige Ansage, die er seinem Gegenspieler daraufhin machte.
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Ansonsten entwickelte sich Robert Andrich immer mehr zum Angstgegner der Hertha. Der ehemalige Junioren-Herthaner und mittlerweile für Leverkusen spielende Mittelfeldakteur traf mit einem sehenswerten Distanzschuss schon früh in der Partie. Dodi Lukebakio traf per Elfmeter zum Ausgleich.
Wie erwähnt hatte das Derby spielerisch nur wenig zu bieten. Die immer noch ausgesperrten Fans machten aber auf sich aufmerksam. Insbesondere einige Fans von Union Berlin, die sich einen Zugang zum Stadiongelände ermöglichten und mit Pyrotechnik ihren eigenen Imbissstand in Brand setzten. Themen, die auf Grund gelangweilter Fans vor dem Stadion in dieser Zeit leider keine Seltenheit waren.
19. Januar 2022: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin 2:3
Das wohl brisanteste Duell fand am Anfang dieses Jahres statt. Es war das erste Aufeinandertreffen unter K.O.-Bedingungen. Im DFB-Pokal-Achtelfinale kam es zu der Begegnung, auf die viele Fans seit Jahren hin fieberten. Doch die Kräfteverhältnisse hatten sich in Berlin mittlerweile komplett gedreht. Union Berlin ging als Favorit in das Spiel gegen die von Tayfun Korkut trainierten Herthaner.
3.000 Fans durften das Spiel im Stadion verfolgen. Die wenigen Leute versuchten trotz der mauen Bedingungen für Stimmung zu sorgen. Doch zumindest auf das Spiel der Hertha sollte der Funken nicht überspringen. Union war deutlich stärker und besser eingespielt, als die Heimmannschaft. Andreas Voglsammer per Traumtor, ein Eigentor von Niklas Stark und eine katastrophale Zuordnung bei Standardsituationen sorgten für drei vollkommen verdiente Unioner Tore.
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Auf Seiten der Hertha konnte einzig Suat Serdar zählbares rausholen, der Rani Khedira zum Eigentor zwang und selbst in der Nachspielzeit noch das 2:3 erzielen konnte. Das letzte Aufeinandertreffen bestätigte die aktuellen Verhältnisse in Berlin, die nur mit einem Sieg in der Bundesliga wieder verrückt werden könnten.
Am 28. Spieltag mussten die Herthaner mal wieder mit null Punkten nach Hause fahren. Auch wenn gegenüber vielen Spielen und Niederlagen unter Ex-Trainer Tayfun Korkut eine klare Verbesserung im Rheinland zu sehen war, bleibt nach der 1:2-Niederlage bei Bayer Leverkusen zunächst die Ernüchterung.
Wieder im 4-1-4-1, aber dieses Mal ohne Spielglück
Felix Magath, der nach seinem Corona-bedingten Fehlen gegen Hoffenheim, in Leverkusen endlich an der Seitenlinie stand, stellte die Mannschaft wie zuletzt unter Co-Trainer Mark Fotheringham in einem 4-1-4-1 auf. Personell ersetze Vladimir Darida auf der linken Seite Marco Richter. Außerdem musste sich kurz vor Spielbeginn der noch gegen Hoffenheim als Matchwinner und mit drei Vorlagen zu überzeugen wissende Marvin Plattenhardt angeschlagen abmelden. Maximilian Mittelstädt ersetze ihn.
Wieder stellte Niklas Stark als alleiniger Sechser das Bindeglied zwischen Mittelfeld und Verteidigung dar. Marc Oliver Kempf, Dedryck Boyata und Peter Pekarik komplettierten diese. Santi Ascacibar und Lucas Tousart stellten das zentrale Mittelfeld. Mit Suat Serdar, war wie Vladimir Darida auf der linken, auch auf der rechten Seite ein ungelernter Spieler auf dem Flügel. Vorne im Sturm sollte Ishak Belfodil für Gefahr sorgen.
(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)
Die Mannschaft spielte die meiste Zeit über eine engagierte Partie, zeigte, dass man sich im Abstiegskampf nicht aufgeben wird, war in jeder Hinsicht motiviert, aber schlussendlich mangelt es einfach an Qualität. Und leider Gottes gab es auch in diesem Spiel wieder jenen Auflösungsmoment, der sich schon durch die gesamte Saison zieht. Positiv dabei: Man schaffte es die Situation nach einigen Minuten wieder unter Kontrolle zu kriegen. Zusätzlich muss man durchaus erwähnen, dass es sich beim Gegner Bayer 04 Leverkusen um einen Kandidaten für die Champions-League-Qualifikation handelt, bei dem keinesfalls Wunderdinge erwartet wurden.
Wir schauen heute auf eine wackelige Verteidigung, das Verletzungspech, was Hertha weiterhin verfolgt, die fehlende Durchschlagskraft im Sturm und was es interessantes am Trainergespann zu beobachten gab.
Marc Oliver Kempf und Dedryck Boyata: Viel Harakiri, selten Ruhe und Stabilität
Die beiden Innenverteidiger spielten über 90 Minuten und konnten leider wieder einmal nur wenig für die nötige Stabilität sorgen. Marc Oliver Kempf, der an beiden Gegentoren entscheidend beteiligt war, hatte aller Hand zu tun. Zwar gelangen ihm auch mit fünf Klärungsaktionen die ein oder andere glückliche Aktion. Doch nur drei von sieben gewonnener Zweikämpfe sprechen eine klare Sprache. Neunmal verlor er im Aufbauspiel den Ball und konnte kaum einen Beitrag für das Aufbauspiel leisten. 42 Mal war er am Ball, 19 seiner 27 Pässe fanden den Mitspieler, meistens waren jene Sicherheitsbälle über wenige Meter. Lange Bälle führten in vier von sechs Versuchen lediglich zu Ballverlusten.
Bei den Leverkusener Gegentoren war sein Zweikampfverhalten in der 35. Minute gegen Lucas Alario mangelhaft, sein stümperhaftes Verhalten fünf Minuten später sorgte für den zweiten Gegentreffer durch Karim Bellarabi. Es war wieder einmal ein Spiel voller plumper Aktionen und viel Überforderung von Marc Oliver Kempf. Mit ihm ist die Verteidigung dieser Tage leider ein einziges Risiko.
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Ein Risiko, welches der Kapitän Dedryck Boyata nur bedingt auszugleichen wusste. Auch er hatte mit dem Angriffsspiel der Leverkusener einiges zu tun, konnte vier Bälle klären, aber traute sich kaum entscheidend in Zweikämpfe zu gehen. Immerhin gewann er seine beiden, die er zu absolvieren hatte. Doch seine Grätsche und sein passives Mitlaufen beim 0:2 war praktisch eine Kopie so vieler Gegentore in dieser Saison. Viel zu oft zeigte sich Dedryck Boyata lediglich als passiver und unglücklicher Teil bei gegnerischen Angriffen in diesem Spieljahr.
Immerhin kamen 19 seiner 22 Pässe bei seinen Mitspielern an. Keiner seiner langen Bälle sollte in der Offensive beim Empfänger ankommen, somit hatte er genauso wenig wie Kempf seinen Vorderleuten helfen können. Insgesamt wirkte er etwas stabiler und solider als sein Abwehrpartner. Doch von einem Kapitän muss mehr kommen als das „Mitschwimmen“, welches Boyata lediglich anbietet. Bisher fehlen Motivation und das Anreißen eines Spiels vollkommen. Dinge, die ein Kapitän in solchen Situationen verkörpern muss.
Vladimir Darida und Lucas Tousart: Torgefährlich und mit Verantwortung, aber zu wenig Durchsetzungskraft
Das zentrale Mittelfeld der Hertha war mal wieder voll von Laufwundern. Vladimir Darida, der seit vielen Jahren diese Rolle verkörpert, war dieses Mal sogar nur auf dem dritten Platz im Team der Hertha. Während der Tscheche auf sehenswerte 12,83 km Laufleistung kamen, konnten ihn seine in diesem Spiel wesentlich zentraleren agierenden Mitspieler Santi Ascacibar und Lucas Tousart ausnahmsweise überflügeln. Während der Argentinier auf 12,99 km kam, schaffte der Franzose sogar 13,07 km. Absolut starke und sehenswerte Leistungen, die das Engagement betonen und auch zeigen, dass in Sachen Fitness in Berlin kaum Probleme bestehen.
Lucas Tousart bemühte sich, wie schon seit Wochen, aber auch ihm fehlte es ab einem gewissen Punkt komplett an Durchsetzungskraft. 36 Aktionen hatte er am Ball, viel anfangen konnte er damit nur leider selten. Nur 55 Prozent, also elf seiner 20 Pässe kamen an. Nur einen seiner fünf Zweikämpfe gewann er. Seine Durchsetzungskraft gegen die Leverkusener ließ stark zu wünschen übrig. Zusätzlich leistete er sich zwölf Ballverluste. Sein einziges Ausrufezeichen setzte er in der Nachspielzeit in der ersten Halbzeit, als er Leverkusens Torhüter Hradecky mit einem wuchtigen Fernschuss prüfte. Seine Einstellung stimmt, der Ertrag fehlte allerdings komplett. Ohne kreatives Element im Mittelfeld wird Tousart zu Aufgaben gezwungen, die ihm nachweislich nicht liegen.
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Vladimir Darida musste positionsfremd auf der linken Seite agieren. Bezeichnend war, dass der Mittelfeldroutinier der torgefährlichste Spieler der Hertha war. Schon nach zwei Minuten leitete er mit einem beherzten Angriff die erste Torchance durch Maximilian Mittelstädt ein. In der 42. Minute machten die beiden Akteure es besser. Mittelstädt gelang im zweiten Versuch eine wunderbare Flanke auf den Tschechen, der im Strafraum aus halbrechter Position wuchtig per Volley abschloss und den Anschlusstreffer besorgte. In der 90. Minute hätte er für den Ausgleich sorgen können, ja vielleicht sogar müssen. Doch nach einer Flanke war er letztendlich nicht der Lage die nötige Wucht in seinen Schuss zu bringen, um Hradecky ein weiteres Mal zu bezwingen.
Insgesamt brachte es Darida auf vier Torschüsse und war an 34 Ballaktionen beteiligt. Doch auch er tat sich oft schwer, verlor zwölf Bälle und brachte nur elf seiner achtzehn Pässe an den Mann. Letztendlich ist er zusammen mit Stevan Jovetic Herthas Topscorer. Zwei Tore und fünf Torvorlagen nach 28 Spieltagen zeigt, wie dramatisch es um die Offensive der Hertha steht.
Ishak Belfodil und Davie Selke: Zu wenig Offensivpower
Weder Ishak Belfodil, noch Davie Selke könnten auch nur einen Hauch Torgefahr ausstrahlen. Belfodil, der 75 Minuten agierte, zeigte ein schwaches und vollkommen unauffälliges Spiel. Um überhaupt an den Ball zu kommen, musste er sich wieder einmal oft tief fallen lassen. Immerhin verteilte er Bälle, 13 seiner 22 Pässe fanden den Mitspieler, aber auch damit gelang es ihm nicht irgendetwas zu kreieren. 13 Ballverluste zeigen zusätzlich, dass er gegen die Leverkusener Abwehr kaum Licht sah.
(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)
Auch Davie Selke konnte in den letzten 15 Minuten praktisch nichts beitragen. Letztendlich war auch er nur noch vier Mal am Ball, gewann keinen Zweikampf und kreierte nicht eine einzige Chance.
Im Endeffekt waren sie Opfer des gesamten harmlosen Teams. Doch es ist tragisch zu sehen, wie schwach und verloren der Hertha-Sturm ist, wenn die Bindeglieder nicht existieren und die Qualität nichts Weiteres hergibt.
Alexander Schwolow und Niklas Stark: Verletzungen zu Unzeit
Es ist nicht die Saison des Alexander Schwolows. Um ehrlich zu sein steht seine gesamte Zeit bei Hertha BSC bisher unter keinem guten Stern. Nachdem ihm gegen die TSG vor zwei Wochen endlich mal wieder ein Spiel zu Null gelang, sollte er auch gegen Bayer Leverkusen zu null spielen. Allerdings auch nur für 16 Minuten. Wenn er außer Form war, leistete er sich in feiner Regelmäßigkeit brutale individuelle Fehler, hat er die Chance in Form zu kommen, passiert ihm irgendetwas Tragisches und unvorhergesehenes. Ob es eine Corona-Infektion, ein Trainer-Degradierung oder nun ein Muskelfaserriss im Oberschenkel ist, es hilft keinem weiter. Nicht der Hertha, die sich im Abstiegskampf eigentlich dringend auf einen erfahrenen Keeper verlassen wollen würde, noch Alexander Schwolow selbst, der damit auch weiterhin in Berlin auf keinen grünen Zweig kommt. In diesem Sinne, gute Besserung.
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Nach sieben Jahren bei Hertha BSC wird Niklas Stark weiterziehen. Der zwischenzeitliche Nationalspieler und der Verein konnten sich auf keine Vertragsverlängerung einigen. Das wurde unter der Woche bekanntgegeben. Stark zählte über einige Jahre in Berlin zunächst als Talent, welches wuchs und mittlerweile als klarer Führungsspieler gilt. Nur leider verkörpert er wie Boyata nur selten die Anforderungen eines jenen Spielers. Seine eigenen Leistungen lassen immer wieder zu wünschen übrig, doch nichtsdestotrotz gilt er als wichtiger Baustein der Defensive.
Niklas Stark konnte sich trotz seines Potentials in seinen sieben Jahren kaum in die Herzen der Fans spielen. Auch wenn er neben Marvin Plattenhardt der einzige Herthaner war, der in den letzten Jahren sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft feiern durfte und bei einer weiteren Verlängerung gute Chancen auf einen Legendenstatus in Berlin gehabt hätte, wird ihn so richtig niemand vermissen. Was auch recht kalten und distanzierten Interviews geschuldet ist.
Doch gerade in den letzten Wochen seiner Berliner Zeit und im Abstiegskampf wäre ein gestandener und fitter Niklas Stark immens wichtig, um die defensive Stabilität zu erhalten und einen Lautsprecher auf dem Platz zu haben. Seine beiden Einsätze gegen Hoffenheim und Leverkusen auf der Sechs lassen aufhorchen. Bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung in der 69. Minute, konnte er immerhin elf seiner 13 Pässe an den Mann bringen, aber auch ihm gelang wie vielen seiner Mitspieler zu wenig. Vier Ballverluste, nur ein gewonnener Zweikampf, bedeuten, dass auch Starks Spiel an seiner unterdurchschnittlichen Durchsetzungskraft litt.
Mark Fotheringham, Felix Magath und Vedad Ibisevic: Ein flexibles Trainergespann
Das Trainergespann, welches gegen Leverkusen erstmals komplett war, wechselte sich in feiner Regelmäßigkeit mit taktischen Anweisungen und Motivationsansagen ab. Unter der Woche wurde das bereits kommuniziert. Ähnliches konnte man zuletzt bei Pal Dardai und Zecke beobachten. Trainer wie Bruno Labbadia oder Tayfun Korkut waren eher die Alleinunterhalter.
Während gegen Hoffenheim Mark Fotheringham als Cheftrainer agierte, war Offensivtrainer Vedad Ibisevic sein direkter Ansprechpartner auf der Reservebank. Der ehemalige Hertha-Kapitän und Goalgetter scheint aber gerade in die Rolle eines weiteren vollwertigen Co-Trainers zu rutschen. Regelmäßig instruierte er gegen Leverkusen Spieler vor ihrer Einwechslung und besprach mit ihnen ihre Aufgabe auf dem Platz. Er herzte, er lächelte, er kumpelte, er strahlte Wärme aus. Selbiges kam von Fotheringham, der regelmäßig eine breite Brust forderte und die Spieler versuchte zu motivieren.
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Felix Magath verkörpert weiterhin eine große Aura, scheint einen absolut kühlen Kopf zu bewahren und wirkt auf Grund seiner immensen Erfahrung kaum beeindruckt von dem Geschehen auf dem Rasen. Zusätzlich brachte er sich mit taktischen Anweisungen ein. Spieler wie Marcel Lotka betonten nach dem Spiel seine Ausstrahlung und dass die Arbeit mit ihm etwas Besonderes sei.
Die Spiele werden weniger, die Qualität nicht mehr
Die Wochen der Wahrheit haben begonnen. Hertha BSC steht knietief im Abstiegskampf und es zählen nur noch Punkte, Punkte, Punkte und es helfen nur noch Siege. Noch kann man sich aus eigener Kraft retten. Spiele gegen direkte Konkurrenten wie Augsburg, Stuttgart und Bielefeld müssen dafür ohne Kompromisse gewonnen werden. Ein Sieg im Derby am nächsten Spieltag würde einen immensen Motivationsschub ermöglichen. Dafür müssen die Köpfe frei sein. Die geistige Frische scheint die Mannschaft nach dem Trainerwechsel zu haben.
Fraglich ist die spielerische Qualität. Die Verletzungen von Lautsprechern wie Schwolow und Stark kommen zur Unzeit, Offensivkräfte wie Stevan Jovetic und Marco Richter haben ebenfalls mit ihrem Körper bzw. der eigenen Form zu kämpfen. Genauso wie Suat Serdar. Spieler von denen das Spiel der gesamten Mannschaft abhängig ist. Am Ende wird viel über den Kampf kommen. Am besten beginnt das Kämpfen und Punkten direkt gegen Union Berlin.
Natürlich, mal wieder gibt’s was neues bei unserer Hertha und das mit einem lauten Knall. Felix Magath ist der neue Cheftrainer, kann auf Grund einer Corona-Infektion allerdings nicht persönlich am Seitenrand stehen. Das wird der von einer gewissen Boulevard-Zeitung getaufte „Schotten-Dardai“ sein. Mark Fotheringham, schottischer Ex-Fußballer, kam mit Magath in die Hauptstadt und wird als Co-Trainer und in Sinsheim sogar an der Seitenlinie, die Geschicke leiten. In der ersten Woche unter dem neuen Trainergespann wurden die Sinne geschärft, die Trainingsintensität enorm gesteigert und die Karten für die Aufstellung gegen Hoffenheim neu gemischt. Wir stellen drei Thesen für das Spiel auf.
These 1: Die Leistung individueller Spieler explodiert
Die Mannschaft enttäuscht seit Wochen auf ganzer Linie. Was auch am fehlenden Respekt gegenüber dem ehemaligen Trainer Tayfun Korkut lag. Die Köpfe sind frei und mit Magath und Fotheringham und zu guter Letzt dem Athletiktrainer Werner Leuthard sind drei zu respektierende Persönlichkeiten an der Spitze des Teams, die strenge Forderungen haben. Gerade Spieler wie Suat Serdar und Marco Richter werden das Vertrauen bekommen und zum Einsatz kommen. Ihre Leistung wird explodieren. Doch es wird an Fotheringham liegen, ob er es hinkriegt, die beiden so einzustellen, dass sie motiviert, aber nicht übermotiviert sind und nicht nach kurzer Zeit schon wieder in Frustration übergehen. Der Teamgedanke muss auch bei diesen beiden Spielern wieder entscheidend in den Fokus
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These 2: Mark Fotheringham wird zur Vaterfigur
Der Schotte leitet den Großteil des Trainings, ist nah am Team dran, spricht die Spieler seit der ersten Trainingseinheit bei ihren persönlichen Kosenamen an und schafft es mit viel Ruhe und Geduld dem Team seine Vorstellung näherzubringen. Felix Magath schaut derweil mit strengem Blick zu und macht sich auf seine Weise ein Bild vom Team. Fotheringham weiß wie er die Spieler anzupacken hat, wird eine geeignete Mischung aus väterlicher Zuneigung und strengen Anweisungen finden und praktisch der Ansprechpartner des Teams sein. Gegen Hoffenheim steht er direkt an der Seitenlinie. Ob das Team ohne die Anwesenheit von Magath befreit aufspielt oder der Schlendrian einkehrt, wird sich in den ersten Minuten zeigen. Aus unserer Sicht…
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These 3: …gibt es ohne Felix Magath eine Niederlage
Die Mannschaft hat zwar eine intensive Trainingswoche hinter sich und jeder einzelne Spieler hatte die Chance sich neu zu präsentieren, doch gegen Hoffenheim wird der Befreiungsschlag auf sich warten müssen. Die TSG ist in dieser Saison eine für Hertha zu starke Mannschaft, extrem gefestigt und mit guten Chancen nächstes Jahr international zu spielen. Ohne Felix Magath kann es im Spiel der Hertha außerdem zu Konzentrationsschwierigkeiten kommen. Am Ende steht eine Niederlage, wenn auch knapp. Trotz allem haben sie spätestens jetzt begonnen – die Wochen der Wahrheit.
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